Jedes Lebewesen stirbt für sich allein

August 31, 2009

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Ein Abschied.

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Dies dachte er sich und legte sich hin. Vor nichts hatte er mehr Angst, als alleine zu sterben. Nur vielleicht noch, für immer allein zu sein. Überstürzt hatte er gehofft, dass dies nicht mehr so sein müsse. Doch nun war es zu spät.
Ob sie noch an ihn dachte? Und wenn ja, auf welche Weise? Verachtend? Hassend? Voller Verzweiflung? Voller Angst? Oder verdrängte sie alles?
Doch es sollte ihm bald egal sein. Er hatte sich diesen Ort nun zum sterben ausgesucht. Die Schmerzen des ständigen Wechsels zwischen Glück und Unglück waren zu viel für ihn. Er wusste, dass viele ihn dafür verachten würden, vielleicht sogar aus ihrer Angst heraus, ihn zu verlieren. Doch alleine würde er es nicht mehr schaffen. Und nun war sie auch nicht mehr da. Er hatte schreckliche Angst. Wovor mehr? Zu sterben? Alleine zu sein? Sie zu verlieren?
Sie wollte ihm zeigen, wie schön das Leben sein könne. Das hatte sie zwar geschafft, doch ohne sie reichte es nicht mehr.
Die Blätter der Bäume um ihn herum raschelten im Wind.
So gerne hätte er ihr geholfen, doch wie sollte er dies tun? Immer bei sich selber sein, sich selber genügen, so hatte man ihm gesagt. Doch das reichte ihm nicht. Er musste für jemand anderen da sein, um sich vollständig zu fühlen.
Langsam spürte er sein Leben entschwinden. In Gedanken war er nur bei ihr. Für immer nur bei ihr.


Anna Schulz

August 23, 2009

Wieder einmal sich für einen Auftrag vorbereitend, eilte Anna durch ihr Haus, auf der Suche nach ihren Sachen. Sie sollte dies einmal weit reisen, fern ihrer Heimat und noch ferner ihres neuen Wohnortes. Die Zeitung schickte sie weit ins östliche Asien, der Zeitpunkt ihres Abfluges war nah und sie schon viel zu spät dran. Der Taxifahrer stand bereits ungeduldig vor der Tür und sie hatte ihre Kamera immer noch nicht gefunden.
Minuten später war die Kamera zwar da aber natürlich fehlte ein passender Film. Sie beschloss, einen auf dem Weg zum Flughafen zu besorgen. Es war bereits 21:20 Uhr und der Flug war für 21:45 Uhr angesetzt, als sie ins Taxi stieg. Aber ihr wurde erst unterwegs klar, dass die Geschäfte schon längst geschlossen hatten. Also verschob sie den Kauf auf ihren Ankunftsort.
Um 21:40 waren sie da, Anna hatte nur noch wenig Zeit. Sie schleuderte dem Fahrer das Geld entgegen, nicht groß nachzählend, und hastete los. Glücklicherweise kannte sie sich hier auf dem Flughafen bereits gut aus, sonst hätte sie das Flugzeug nie gefunden. Vermutlich wollten die Fluggesellschaften durch das versteckte Hinstellen ihrer Maschinen verhindern, dass es in ihnen zu voll wird, dachte Anna und grübelte im Laufen bereits über einem diesem Thema gewidmetem Artikel nach.
Um 21:44 schließlich war sie fast da, als man sie aufhielt. Die Kontrollen über sich ergehen lassend kam sie erst eine Stunde später wieder raus. Flug verpasst! Befürchtete sie schon aber scheinbar hatte ihre Maschine nur sehnsüchtig auf sie gewartet, der Flug war um eine Stunde aufgrund technischer Störungen verlegt worden.
Sie kam also doch noch hinein, fand einen Sitzplatz in der 2. Klasse – mehr zu zahlen waren ihre Auftraggeber nicht bereit – und die Maschine hob letztendlich sogar ab. Der weitere Flug verlief recht ereignislos, wenn es auch bei der Zwischenlandung in Frankfurt a.M. fast zu einer Katastrophe kam, als der Pilot völlig betrunken vor den Konsolen einschlief und der Co-Pilot sich mit einer Stewardess im hinteren Teil des Flugzeuges vergnügte.
Gerade noch gerettet wurden die Passagiere durch einen besonnenen Mitreisenden welcher schon mal geflogen war und alle vor dem Tode rettete als er das Steuer übernahm und das Flugzeug landete.
Die beiden Flugführer verloren ihren Job noch am selben Tage und wurden sogar ins Gefängnis gesteckt, der Pilot-in-der-Not bekam eine Belohnung und wurde Held des Tages, die deutsche Presse berichtete den ganzen Tag von nichts anderem mehr…. Nur Anna merkte nichts davon, sie verschlief sämtliche Ereignisse. Zwei neue Flugführer kamen und so konnte die Reise fortgesetzt werden.
Nach ewiger Reisezeit, wie es den meisten vorkam, um 8:33 Uhr, mit fast zwei Stunden Verspätung, setzte das Flugzeug in Singapur auf und Anna stieg aus. Ihre Sorge galt nun einen Film zu ergattern und dann ihr Hotel zu erreichen. Am Nachmittag bereits sollte sie sich doch mit einem Journalistenteam aus der Stadt treffen und dann Fotos von der Stadt machen, für ihren Bericht.
Später, in einem Laden für technische Geräte, wo sie einen passenden Film fand und kaufte, sah sie die örtlichen Nachrichten im Fernsehen laufen. Vor kurzem erst war ein Flugzeug abgestürzt auf dem Weg von Singapur nach New York, laut dem Nachrichtensprecher war die Katastrophe wohl ausgelöst wurden durch einen technischen Defekt im Autopiloten. Die Piloten konnten nichts mehr tun, als auch noch die Triebwerke aussetzten.
„Sieht ja fast aus wie das mit dem ich hergekommen bin“, dachte Anna beim Anblick des Wracks, welches im Indischen Ozean nun trieb.
Sie zuckte mit den Schultern, lächelte dem netten Verkäufer zu und verließ das Geschäft. Draußen kramte sie einen Kaugummi aus der Tasche, hatte sie doch erst kürzlich das Rauchen aufgegeben, und steckte ihn sich in den Mund. Dummerweise achtete sie nicht darauf, welche örtlichen Gesetze es gab, denn schon Kaugummibesitz war verboten im sauberen Singapur, noch dummerweise stand an der anderen Straßenseite eine Polizeistreife.
Und so landete sie denn in deren Gewahrsam. Den Termin mit ihren Kollegen verpasste sie, dafür aber konnte sie einen Bericht anfangen über die Sauberkeit eines Gefängnisses in Singapur und deren Regeln und Vorschriften, denn mit denen konnte sie sich eine Zeitlang intensiv beschäftigen. Zwar stand auf Kaugummibesitz nur eine Geldstrafe, jedoch hatte man ihr dies unterwegs heimlich abgenommen…


Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit

Juli 28, 2009

„Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit“, sprach er.
Der Wasser des Flusses floss weiter, als hätte es ihn nicht gehört.
„Würden sie gerne wissen, wann sie zu sterben haben?“ fragte der Reporter.
95% antworteten mit Nein.
Warum nur wollten sie es nicht wissen, fragte er sich.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, sprach er zu sich selber in Gedanken und schmiss Steine in den Fluss.
Wäre das Leben nicht viel schöner, wenn man weiß, wann man zu sterben hat? Man müsste nicht mehr von einem Tag zum nächsten leben, immer darauf bedacht auf sich und seine Gesundheit zu achten. Man könne machen was man will, das Leben endlich genießen, denn man wusste ja, wann man zu gehen hat.
Sicher, spätestens in den letzten Tagen würde die Angst entstehen, Angst vor dem Ende, Angst vor dem, was noch kommen würde, Angst vor Schmerzen. Aber dazu gibt es doch Pillen, diese Angst zu nehmen.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit. Dann müsste ich nicht mehr hoffen, durch ein Unglück zu sterben, müsste nicht mehr auf das Ende warten, denn es würde bald kommen. Die Versuche sich selbst zu schaden, sich selbst das Leben zu nehmen wären endlich überflüssig. Man könnte leben und das Leben genießen, denn endlich hat man eine Zeitvorgabe.
Und ohne Zeitvorgabe, so wusste er, trieb er nur dahin und vollbrachte gar nichts.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit. Vielleicht sollte ich mir ein Gift zu führen? Vielleicht das Fleisch essen, das gestern als krankhaft bezeichnet wurde? Vielleicht einfach machen was ich will, ohne auf die Sauberkeit zu achten?
Er wollte endlich diese Zeitvorgabe. Endlich Gewissheit. Endlich die Angst vor dem Leben los werden.
„Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit“, sprach er, und ergriff die Hand des Mannes.
„Dann kommen sie mit, wir helfen ihnen!“ erwiderte dieser, und sie gingen in sein Büro.
Doch diese Art Wunsch wie er sie hatte, durften auch diese heir ihm nicht erfüllen. Diese Firma durfte ihm nur mitteilen, wie lange er noch auf natürliche Art zu leben hätte.
„42 Jahre! Sie sind kerngesund!“ war die erschreckende Auskunft.
Enttäuscht trottete er zurück zum Fluss.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, doch wie komme ich daran?
Das nächste Neonschild lockte ihn von selber an. Eine andere Firma, eine andere Auskunft. Diese setzten so genannte Wahrsager ein, die in die Zukunft blickten. Nicht nur natürliche, auch unnatürliche Tode konnten sie so erblicken.
„Ihnen wird nie ein Unglück geschehen!“ erklärten sie ihm.
Was für ein Schwindel. Litt er denn nicht schon genug?
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, aber das Schicksal meint es nicht gut mit mir.
So lange leben? Wozu?
Nun, vielleicht kann man doch etwas mit der Zeit anfangen. Ich könnte sofort beginnen.
Mit neuem Mut und neuen Ideen eilte er von dannen, wenigstens diese 42 Jahre könnte er ja nutzen.
Doch er sah das Auto nicht, dass dort die selbe Straße nutzte, welche er überqueren wollte.
Er hatte keine Familie, und keiner kannte ihn. So endete er im ewigen Trauma bei den Lebensforschern.
42 Jahre hatte er nun, im Halbleben nachzudenken.


Gesucht

Juli 5, 2009

Interessierte Mitwirkende für ein PulpMag.
(= (Kurz)Geschichten: Fantasy, Horror, Phantastik, Mystery.)

Per Lulu oder ähnlich kostenlosem OnDemand. Es sollten außer dem Kaufpreis keine Kosten für irgendwen entstehen.

Magazin wäre jederzeit löschbar=begrenzt herausgebbar=keine Probleme wenn man die Geschichte(n) nochmal woanders veröffentlichen will.

Gesucht: Mitschreibende, Mitlesende, Mitkorrigierende, Mitherausgebende, Mitwerbende, Mitschaffende.

mehr Infos: http://kaltric.twoday.net/stories/5822686/


Willkommen Daheim!

Juli 4, 2009

Gegen Morgen kamen sie an ihrem neuen Haus an. – Ein ganzes Haus für sie allein! – ganz allein! – hier am Rande der Stadt. Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Ein so günstiges Haus in so einer schönen Lage, trotz der Verwilderung. Alle anderen, die dieses Angebot ausgeschlagen hatten, mussten Narren sein. Nun aber gehörte es ihnen und nie wieder würden sie es hergeben. Sie besaßen nicht viel – ein Karren reichte für das Gepäck – und sie hatten fast ihr gesamtes Geld für das Haus ausgegeben, doch es sollte sich lohnen – und sie wollten Gemüse im großen Garten anbauen, um es zu verkaufen. Zunächst aber kam der Einzug – glücklicherweise waren wenigstens Möbel bereits vorhanden. Kaum, dass sie alles hineingebracht und den Fahrer des Karrens verabschiedet hatten, zog Joam aus, sich das Anwesen noch einmal anzusehen, derweil Aci das Gleiche mit dem Haus tat.
Der Garten war alt und verwildert, doch groß genug, dass man sich verlaufen könnte. Hier wollten sie also etwas anbauen? Es würde sicher Ewigkeiten dauern, sich durch das Unkraut zu hacken. Manchmal fragte sich Joam, warum er sich von Aci hatte überreden lassen. Liebte er sie etwa doch noch so sehr? Oder waren es ihre weiblichen Überzeugungskräfte? – Und all diese Vögel und Echsen, die überall herumschwirrten – man müsste sie vertreiben, alles säubern. Nach einer Weile, die er den Garten erkundend verbrachte, geschah etwas – seltsames. Aus den Augenwinkeln heraus glaubte er eine Bewegung – ein Huschen zu sehen, zu spüren. Ein Vogel? – Nein, es wirkte zu groß. Ob es hier noch andere Tier gab? Größere, gefährlichere? Ihm schauderte bei dem Gedanken – stets hatte er eine tiefe Abneigung gegen große Tiere gehabt. Sie alle waren zu… gefährlich. – Da! – Wieder eine Bewegung, diesmal auf der anderen Seite. Was war das bloß? Angst und Neugier rangen in ihm. Als letztere die Oberhand gewann, wagte er sich tiefer in den Garten. Wie weit dieser wohl reichen würde? Doch stellte er dies schnell fest, als er an eine Mauer gelangte. Alles hier war so zugewuchert, dass man sie aus der Ferne nicht erkennen konnte – ebensowenig das Loch, in welches Joam plötzlich fiel. Nur noch kurz nahm er eine Bewegung im Garten wahr.
Drinnen erkundete Aci das Haus. Natürlich hatte man es ihnen bereits einmal gezeigt, so wusste sie wenigstens grob, wo was lag. Alles an diesem Haus zog sie in ihren Bann. Es war zwar für sie gesäubert worden, doch merkte man ihm weiter sein Alter an. Und Aci liebte das. Es war ihr Gefühl des Zuhauseseins gewesen, dass sie überzeugte dieses Haus zu wollen – auch wenn sie dazu erst Joam überreden musste. Doch jetzt waren sie da und würden es auch bleiben, da war sie sich sicher. Um sich noch einmal das Schlafzimmer anzusehen, folgte sie der Treppe in den ersten Stock. Oben wollte sie den Weg gen links gehen, doch – hatte sich da rechts nicht etwas bewegt? Sofort sah sie in diese Richtung, in der sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung gesehen zu haben glaubte – aber dort war nichts. Bloß der Gang und die Türen zu zwei Zimmern sowie dem Dachboden. Trotzdem kam es ihr verdächtig vor. Nacheinander ging sie zu beiden Zimmern, sich dabei unbewusst leise verhaltend. Der erste Raum war dunkel und leer. Auch der zweite, das Badezimmer, war schwarz – aber dort stand jemand! Erschrocken erstarrte Aci. Eine schwarze Gestalt – ein düsterer Schatten – bewegte sich über eine Anrichte und vollführte Bewegungen, als würde sie sich schminken. Gerade als Aci kam, hörte sie damit auf, drehte sich um und wanderte zu dem großen Wasserbecken. Als die Gestalt den Bereich des aus dem Flur einfallenden Lichtes durchschritt, erkannte Aci, dass es ein schwarzer wabbernder Nebel in Menschengestalt war – und dort im Wasserbecken sah sie noch eines, klein wie ein Kind. Endlich gewann die Angst gegenüber dem Schrecken. Panisch schloss Aci die Tür und eilte hinab in den Eingangsraum des Hauses. Wo war bloß ihr Mann?

Stöhnend richtete sich Joam auf. Wo befand er sich? Um sich herum sah er nur Unrat und Düsternis. Über sich erkannte er lockere Erde und Wurzeln – ein Loch, durch das kaum etwas von der schwachen Nachmittagssonne hereinschien. Das half ihm also auch nicht. Immerhin erkannte er, dass er auf einem Schutthaufen lag und nun voller Erde und Staub war. Wie herrlich für einen Einzug – er musste hier raus und ein Bad nehmen. Doch durch das Loch würde er nicht wieder kommen. Vorsichtig richtete er sich auf – und zuckte zusammen, als er den Schmerz in seinen Beinen spürte. Humpelnd gelangte er schließlich tiefer in den Raum, in dem er sich befand. Ein Kellergewölbe? Wie groß es wohl war – die Finsternis kam ihm unendlich vor. Verwundert bahnte er sich seinen Weg in die Richtung, in welcher er das Haus vermutete. Alles war pechschwarz – er erkannte kaum etwas. Das Wenige schien sich aber auch nicht zu lohnen. Nach einer Weile warf er einen Blick zurück um zu sehen, wie weit er gekommen war – und erblickte eine Gestalt an der Stelle stehend, an der er hinabgestürzt war. Schwarz wie es war erkannte er keine Züge, doch sie schien gerade auf ihn zuzukommen. Erschrocken wandte er sich wieder um – wer es auch war, begegnen wollte er niemandem. Panik kroch in seine Glieder und so schnell es ging humpelte er durch die Dunkelheit weiter. Dann und wann stolperte er über Geröll, hin und wieder drehte er sich um – die Gestalt folgte ihm. Er wollte nur noch raus aus diesem Gewölbe – doch gäbe es überhaupt einen Ausgang? Was, wenn dies seit Urzeiten verschüttete, unbekannte Gewölbe waren? Was würde geschehen, wenn er keinen Ausgang fände? – Und endlich, als er sich einem noch schwärzeren Bereich näherte, den er für eine Mauer hielt, sah er die Treppe, die hoch ins Haus führen musste, zurück in die Sicherheit – doch da hörte er schwere Fußtritte.
Bei ihrer Suche nach Joam geriet Aci bald in die Küche. Immer noch hauste der Schrecken in ihren Knochen und sie hatte die Befürchtung, dass ihr etwas folgen könnte. In die Küche geriet sie eher zufällig; andere Räume hatte sie schon abgesucht gehabt – doch stets nur, wenn die Tür bereits offen stand und sie hineinsehen konnte. Freiwillig rührte sie keine Tür mehr an, bevor nicht Joam da wäre. – Wo steckte der bloß? – Endlich kam ihr die Idee, sich einen Tee zur Beruhigung zu kochen. Mit diesem setzte sie sich an den kleinen Küchentisch – der große Tisch stand im Esszimmer am Kamin – und versuchte ruhiger zu werden; zu überlegen. Was sie da oben gesehen hatte – es musste Einbildung gewesen sein. Ja – Einbildung. Welch andere Erklärung gäbe es? Es konnte einfach nichts anderes sein. – Doch dann kam eine dieser schattenhaften Gestalten zu ihr in die Küche. Erneut erstarrte Aci. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. – Das Wesen beachtete sie nicht. Ruhig ging – schwebte? – es auf der anderen Seite des Raumes von der Eingangstür hinüber zur Kochstelle – und tat dort, als würde es kochen. – Oder kochte es womöglich wirklich? Vielleicht mussten auch diese Nebelwesen sich Nahrung zubereiten? – Ein Teil von Acis Bewusstsein wunderte sich, wie ein anderer Teil so ruhig solch abwegige Gedanken verfolgen konnte, während ihr Körper vor Angst wie gelähmt schien – und beschloss, dies zu ändern. Mit einem plötzlichen Ruck handelte das verborgene Tier in ihr… und sie rannte davon, hinaus in Richtung Eingang.

Kaum hatte er die Fußtritte vernommen, da warf sich Joam mit einem halben Sprung zwischen Treppe und einem Müllhaufen, wo er verborgen sein würde. Kaum war dies geschafft, da wagte er schon einen Blick hinaus – und sah Aci die Treppe herabkommen. Er wäre fast schon erleichtert aufgestanden, da bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Dies war nicht Aci – Aci war nicht durchsichtig. Doch wer – oder was – war es dann? Und was wollte es, was hatte es vor? Aus seinem Versteck heraus beobachtete er, dem Drang zu fliehen widerstehend. Die Aci-Gestalt blieb am Ende der Treppe stehen, ihr Gesicht – oh wie tot und ausdruckslos! – wandte sie dem Punkte zu, von dem Joam gekommen war. Von dort kam nun die andere Gestalt angeschlendert – angeschwebt? – die ihn verfolgt hatte. Bald geriet sie in den schwachen Schein, der die Treppe herab schien – und oh welch Schrecken! – die Gestalt trug seine Züge! Es konnte nicht sein – was ging hier vor? Erschrocken entfuhr ihm ein Laut der Angst – und die Wesen wandten sich ihm zu. In Furcht um sein Leben sprang er auf und lief davon, immer tiefer in die Dunkelheit hinein, seine Schmerzen nicht beachtend. Bald konnte er nicht mehr weiter – und fiel in tiefe – tiefe – Finsternis.
An der Haustür angelangt bemerkte Aci zu ihrer Verzweiflung, dass diese verschlossen war. So sehr sie auch rüttelte; die Tür rührte sich nicht. – Sie war eingesperrt. Kaum, dass dies in ihr Bewusstsein vordrang, da drehte sie sich auch schon um. Es gab noch eine Hintertür – doch die befand sich in der Küche, aus welcher jetzt das Wesen kam. Das Kerzenlicht des Raumes wurde durch die nebelhafte Form der Gestalt nur abgeschwächt. Aci schauderte es – und noch mehr, als sie sah, wie das Wesen eine Tasse vor sich hertrug. Nichts würde Aci noch in diesem Haus halten können – irgendeinen Weg hinaus musste es geben. Aber die Gestalt versperrte bereits den Weg zu den Räumen im Erdgeschoss – blieb nur noch die Treppe hoch in den ersten Stock. Obwohl der Schatten sich nur langsam und lautlos näherte, rannte sie überhastet die Treppe hoch, stolperte dabei und fiel sie mehrmals fast wieder herab. Oben angekommen wusste sie dann nicht, wohin. – Eines der Fenster nutzen um in den Garten zu springen? – Hinter sich sah sie den Schatten die Stufen hochschweben – und links kam ein zweiter aus der Richtung zum Schlafzimmer. Panisch wandte sie sich nach rechts, hin zum Badezimmer. Als sie dessen Tür öffnete, kam ihr ein weiterer Schatten entgegen. Erschrocken aufschreiend wich sie zurück. – Zum Dachboden? Das wäre eine Falle – doch was blieb? An der Tür zu diesem angekommen erwartete sie jedoch lediglich ein vierter Nebel. Unter Verzweiflung brach etwas in ihr zusammen. Weinend setzte sie sich an Ort und Stelle auf den Boden, lehnte sich an die Wand, alles erwartend. – Doch nach einer Weile fiel ihr auf, dass nichts weiter geschah. Die Gestalten waren allesamt an ihren Plätzen erstarrt. Eine stand links von ihr im Durchgang zum Dachboden, eine andere versperrte den Weg zur Treppe, eine weitere das Badezimmer. Doch keine bewegte sich. Und da sah Aci die offene Tür in das andere Zimmer auf diesem Flur. Vorsichtig erhob sie sich. Zu diesem Zimmer gehend beobachtete sie die Wesen, die sich weiterhin nicht rührten. War dies nun die wahre Falle? – Trotz ihrer Bedenken ging sie darauf ein – welch andere Wahl hatte sie schon?
Es erwartete sie ein dunkler Raum – dessen Kerzen sich bei ihrem Eintritt entfachten, was sie aber kaum noch überraschen konnte. Das Zimmer, welches sie sich scheinbar noch nie angesehen hatte, schien einst ein Kinderzimmer gewesen zu sein – selbst eine Krippe fand sich noch. Doch ihre Aufmerksamkeit erheischte die Tafel, die dort an eine Wand genagelt war: Eine frisch aussehende Schrift hatte jemand darauf geschrieben. Und während sie es las, wurde ihr vieles klar und an manches erinnerte sie sich wieder.
Nachdem Aci sie gelesen hatte, wandte sie sich um und dankte ihrer Familie, die sich jetzt um sie herum versammelt hatte, sowohl für die herzliche Begrüßung als auch für die Auffrischung ihrer Erinnerungen. Viele Jahre war es her, dass dies ihr Zimmer gewesen war, doch nun war sie wieder daheim. Weiterhin dankte sie für die Warnung, die ihre Eltern und Großeltern ihr gaben. Joam könnte ihr und ihrem ungeborenen Kind nicht mehr schaden; dafür hatten sie gesorgt. Aci war frei und wieder bei ihrer Familie – endlich war sie daheim.

ENDE

Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte wurde 3910 von dem zardischen Schriftsteller Zaroan Xasioarin für seinen Herren, den Andoan Orann Fenkayzar geschrieben. Fenkayzar war für seine Vorliebe für Grausamkeiten und Düsteres bekannt. Kurz nach seinem Gönner wurde später übrigens auch Xasioarin vom aufgebrachten Volk getötet.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 12.06.3995


Der Bauer und der Zauberer

Juni 6, 2009

I.
Hoch im Norden, auf der anderen Seite des weiten blauen Meeres, liegt die Stadt Dumbaß. Diese ist die Hauptstadt eines zwar nur kleinen, doch dafür umso reicheren Landes gleichen Namens. Die Herren von Dumbaß sind seit langem bekannt für ihre seltsamen Verhaltensweisen, Einfälle und Späße. Ihre Gesetze, Bauten und Unternehmungen können die Einwohner des Landes kaum noch überraschen; für Ausländer dagegen muten sie teils umso sonderbarer an. Vor etwa einhundert Jahren nun hatte ein Herrscher sich einen neuen Palast erbauen lassen. Dieser Palast liegt am Rande der Stadt; seine Ausmaße sind gewaltig. Im Gegensatz zu den Palästen anderer Städte oder Reiche bietet dieser seinen Bewohnern auch einen unmittelbaren Zugang zum Land. Von der Mitte des höchsten Stockwerks des Gebäudes aus kommt man dorthin: über zahlreiche große Treppen mit breiten Stufen, die auch Reittieren genug Platz bieten, gelangt man zunächst sowohl immer tiefer in den Palast als auch zu dessen Rande hin. Nach zahlreichen hunderten schön geschmückten Stufen erreicht man dann die Außenwelt. Eine gewaltige Öffnung begrüßt den Reisenden, den Blick auf den Himmel offenbarend. Natürlich wäre dies eine zu große Einladung für Angreifer und Diebe, weshalb ein großes Tor den Eingang verschließt. Vor allem aber erheischt man nach diesem Tor einen Blick auf einen mit Bäumen und Blumen umgrenzten Weg, der sich um und über Hügel immer weiter gen Osten schlängelt. Auf dem Großteil seiner Länge ist diese Mischung aus Park und Straße ummauert. Die Mauern flankieren es für eine mehrstündige Reisezeit gen Osten, damit nicht Pack und Gesindel ständig an das Tor klopfen können. Zu Beginn sind diese Mauern zahlreiche gestapelte Männer hoch, doch stetig werden sie niedriger, bis sie schließlich ganz zu Ende sind. Zu diesem Zeitpunkt jedoch ist man auch schon auf dem offenen Land und fern von Stadt und Palast. Das Betreten und Bereisen des Weges ist übrigens niemandem verboten, doch die wenigsten wählen diese lange Strecke, wollen sie den Herrscher besuchen; die meisten nutzen lieber das Haupttor des Palastes, welches über einen Innenhof zum Thronsaal führt. Es entstanden jedoch andere Zwecke für die Straße: Kinder nutzen sie für Mutproben, Liebende schlendern an den Parkanlagen vorbei und zweimal im Jahr werden Rennen auf dem Weg abgehalten. Einmal jedoch, da wollte der Zauberer Gasstes diesen Weg für seine Zwecke schändlich missbrauchen.

II.
Östlich der Stadt Dumbaß, fern dessen herrschaftlichen Weges, lebte der Bauer Mazti. Dieser besaß nur einen kleinen Hof mit zwei Hühnern, einer Ziege sowie drei kleinen Feldern. Man könnte also feststellen: er war arm. Und doch – auf seinem Grundstück, so hatte man Gasstes erzählt, befand sich eine für dessen Zwecke dienliche Erzader, weshalb er es besitzen wollte. Gasstes kam aus dem Osten und Mazti hatte nie zuvor von ihm gehört, wenngleich er in seiner Heimat als schlimmer Hochstapler galt, der sich als Zauberer ausgab um Leute mit weniger Verstand ausnehmen zu können. Sein Ziel diesmal war also Mazti. An einem schönen sonnigen Tag erreichte Gasstes den Hof; Mazti molk gerade seine Ziege vor seinem Haus. Gasstes begrüßte ihn und stellte sich artig vor: Gasstes, der Zauberer – d e r Gasstes – als wäre er weltberühmt. Mazti – der einfältige, gutgläubige Bauer – zeigte sich davon äußerst beeindruckt, zumal Gasstes ihm zur Unterstreichung seiner Worte Kunststücke aus seinem Hut vorführte, doch wunderte sich immerhin auch, was ein solcher Mann nun ausgerechnet bei ihm suchte. Gasstes beschloss, nicht weiter drumherum zu reden und offenbarte Mazit: Er würde ihm seinen Hof abkaufen wollen und bot ihm dafür eine gewaltige – traumhafte – Summe, sollte er einwilligen. Doch Mazti musste ablehnen, hing er doch mehr an seinem Leben auf dem Hof denn am schnöden Gelde – und was sollte e r sich denn schon kaufen? Da kam Gasstes die Idee, es mit einer anderen List zu versuchen. Er sah, dass Mazti nur das Leben als Bauer und alles Dazugehörige interessierte, doch dass der Ertrag seiner Felder mehr als kärglich schien. In seinen Taschen fand er einige Samen einer Blume, die von seinem letzten Mahl übriggeblieben waren. Diese versuchte er dem armen Mazti als Zaubersamen zu erklären – Samen mehrerer Gemüsearten, die in jedem Boden gedeihen würden. An dem staunenden Blick seines Gegenübers sah er seinen Sieg nahen. Doch sogleich erläuterte der Bauer, dass er seinen Hof auch dafür nicht verkaufen würde – ohne dabei zu bemerken, dass sie ihm ohne Hof sowieso nichts brächten. Aber Gasstes erwiderte schnell: das wollte er auch gar nicht. Vielmehr sei es sein Anliegen, einem dermaßen harten Geschäftspartner – und weil er von Natur aus ein Spieler sei – die Gelegenheit zu geben, diese Samen im Wettstreit zu gewinnen. Dazu müsse er nur in einem Rennen gegen ihn gewinnen – einem Rennen vom beginn des ummauerten Weges bis hin zum Palast. Da Mazti ihn zweifelnd ansah ergänzte er noch, er würde ihm dabei eine Stunde Vorsprung gewähren. – Gegen einen Zauberer könnte er doch nie gewinnen, sprach da Mazti. – Dass er nicht durch Zauberei betrügen könne, würden Zuschauer überwachen, versprach Gasstes. Nachdem sie sich dann noch ein wenig besprachen, verabschiedeten sie sich – Mazti hatte eingewilligt. Eine Woche später würden sie sich an der Mauer treffen; bis dahin wollten sie es allen verkünden, um möglichst viele Zuschauer zu haben. Doch natürlich hatte Gasstes trotzdem vor zu betrügen.

III.
Eine Woche später trafen sich die beiden Wettstreitenden am Ende des ummauerten Weges. Mazti hatte sich herausgeputzt – Gasstes war ein Geck wie immer. Beide hatten zahlreich Volk aus aus Nord und Süd sowie der Stadt heraufbeschworen, die sich an diesem Tage nun an der gesamten Länge des Weges sammelten, um zu gaffen. Viele lachten Gasstes aus, als sie hörten, er würde dem Bauer Vorsprung gewähren; viel mehr noch hatten sie Mitleid mit Mazti, denn dieser hatte nun seinen Hof als Einsatz in seiner Gutgläubigkeit gesetzt und sie trauten Gasstes mehr den Betrug durch Zauberei denn Ehrlichkeit zu. Und selbst das Herrscherpaar hatte von dem Wettstreit gehört und kam auf einen Balkon des Palastes hinaus, wo sie verkündeten, den Zauberer hinrichten zu lassen, sollte er dennoch betrügen. Zunächst aber geschah alles wie abgesprochen. Der Zauberer gewährte dem Bauern den versprochenen Vorsprung. Während Mazti vorwärts preschte, setzte sich Gasstes für eine Stunde reglos auf ein Ende der Mauer, beobachtet von Dutzenden von Zuschauern, die auf jeden Trick gefasst waren. – Doch nichts geschah. Eine Stunde lang verharrte Gasstes ruhig wie ein Bildnis. Bald fragte man sich, ob er sich nicht tatsächlich gegen eines eingetauscht hätte, doch viele sahen ihn atmen. Sodann ging ein Raunen durch die Menge und alle fragten sich, was dieser Zauberer nun vorhatte. Aus der Richtung zum Palast hin kamen immer wieder Meldungen, dass Mazti gut vorankam: Er rannte, als ginge es um sein Leben. Doch allmählich schienen ihn die Kräfte zu verlassen: Er wurde immer langsamer. Dies hörte auch Gasstes und ein zufriedener Ausdruck schlich sich in sein Gesicht.
Nachdem die Stunde dann abgelaufen war, musste ihm niemand die Zeit ansagen; ganz von alleine fing er an zu laufen und fiel sofort in einen ruhigen Trab. Die Menge blickte ihm staunend hinterher und nach und nach setzten auch sie sich in Bewegung; ihm zu folgen oder heim zu gehen. Gut vier Stunden dauerte es, da kam vor Gasstes der sich langsam vorkämpfende Mazti in Sicht. Seine Kleidung war durchgeschwitzt, sein Lauf schleppend und lahm, der Atem weithin hörbar keuchend. Wenig später dann überholte der Zauberer den Bauern und winkte ihm sogar noch fröhlich zu, was dieser aber kaum bemerkte; sein Blick war verschleiert von Schweiß. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis Gasstes den Palast vor Mazti erreichte und sich feiern ließ – oder besser gesagt: sich feiern lassen wollte, für seinen rechtmäßigen doch listigen Sieg. Denn aufgestachelt von einzelnen, buhte ihn bald die ganze Masse aus, hatte er doch den armen Bauern dank dessen Dummheit hereingelegt. Als dieser schließlich fast angekrochen kam und sich erschöpft in den Staub warf, verlangte Gasstes sogleich dessen Hof von ihm. Doch Mazti konnte nicht antworten; er war bewusstlos. Gasstes kramte stattdessen in seinen Taschen nach dem Schlüssel zum Hof – da unterbrach die Trompete eines herrschaftlichen Dieners das Getöse und brachte jedes Raunen zum Schweigen.
Was folgte, sei kurz erzählt: Das Herrscherpaar hatte zu dieser Zeit gerade Besuch aus dem Osten. Zusammen genossen sie das Schauspiel unterhalb des Palastes, doch kaum da Gasstes ihn erreicht hatte, sprang der Besuch aufgeregt von seinem Stuhle auf. Eilig erklärte er dem Herrscherpaar, dass er das Gesicht dieses Mannes bereits von Steckbriefen aus seiner Heimat kannte. Gasstes der Zauberer wurde daraufhin eilig von den Wachen des Palastes verhaftet, abgeführt und in den Kerker gesperrt, damit er den Besuch begleitend in dessen Heimat zu seiner Hinrichtung gebracht werden könne. Auf diese Art schaffte der Bauer Mazti es, seinen Hof behalten zu können – er hatte mehr Glück als Verstand besessen. Bis zu seinem Lebensende konnte er seine öden Felder bestellen. Gasstes jedoch wurde ohne Gewinn in den Osten überführt – doch verschwand unterwegs plötzlich; nur seine leeren Bein- und Handschellen blieben von ihm. In keinem der beiden Länder sollte man je wieder von ihm hören. Nun war man allerdings doch noch davon überzeugt, dass Gasstes ein wahrer Zauberer gewesen sei.

ENDE


Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte aus dem hohen Norden ist ein dort allseits beliebtes Märchen, wie es davon viele gibt. In anderen Ausführungen der Geschichte gewinnt Gasstes zum Beispiel durch einen Zwillingsbruder und raubt indessen Maztis Hof aus, in anderen wird er doch noch hingerichtet. Oft werden die Figuren auch gänzlich anders benannt. Doch Dumbaß und diese Straße gibt es wirklich.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 03.06.3995


Die Wandlung

April 30, 2009

Eines Tages nahm sie mich bei der Hand und führte mich hinaus zum Wald. Immer weiter mit sich fortzerrend, brachte sie mich bald an den kleinen See in seiner Mitte.

„Was wollen wir hier eigentlich?“ fragte ich sie.

Ungeduldig werdend blickte ich zurück zum Dorf, zurück nach Eskoych und sah dort meinen Vater vor mir, wie er auf mich wartete und enttäuscht sein würde.

„Ich will dir etwas zeigen!“ sagte sie in einem nachdrücklichen Tonfall und zog mich weiter. „Es ist nicht mehr weit“, versuchte sie mich zu beruhigen.

Bald kamen wir zu der alten verfallenen Ruine des Hauses, das dort auf einem hohen schroffen Felsen den See überragte; wie die ausgeweidete Leiche eines gestrandeten Meeresungeheuers da stand, ihre düsteren, verbrannten Balken in den Himmel streckend.

„Du willst dort doch wohl nicht hinauf?“ entfuhr es mir, als böse Vorahnungen mich durchzuckten.

Auch ich kannte schließlich die Geschichten, auch ich hatte von alten Flüchen, bösen Geistern und grässlichen Monstren gehört. Was wäre nun, wenn diese Geschichten wahr sein sollten?

„Seit wann bist du denn so ängstlich?“ versuchte sie mich zu necken und zum Vorwärtsgehen zu bewegen.

„Du weißt genau, dass es verboten ist das Haus zu betreten!“ entgegnete ich ungehalten, mehr Angst verspürend als ich mir jemals eingestanden hätte.

„Ich weiß“, antwortete sie in einem beruhigenden Tonfall, „doch dort will ich auch gar nicht hin. Ich möchte dir etwas zeigen. Es ist dort hinten.“

Mit dem Arm deutete sie nun in die Richtung, wo der Felsen zum See hin abfiel. Ich konnte außer dem Schatten der Bäume kaum etwas erkennen, doch bildete ich mir ein, kleine graue Gestalten über den Felsen huschen zu sehen. Schließlich musste ich ihr zwangsweise folgen, da sie bereits voraus geeilt war, während ich noch mit meinen Ängsten rang. Sie stand am Felsen und als ich bei ihr ankam, sah ich, was sie wohl gemeint hatte: Eine dunkle Höhlenöffnung offenbarte sich meinem Blick, ihren Schlund aufreißend wie ein hungriges Monster.

„Los, komm schon!“ sprach sie aufgeregt und schnell atmend; schnell war sie verschwunden.

Ihr heller Ruf nach mir ertönte bald aus der Dunkelheit, lockte mich, forderte mich. So begann ich den Abstieg. Die Höhle stellte sich in Wahrheit als Gang heraus, der vermutlich tief unter den See führte. Beklemmung stieg in mir auf, als ich mich im Halbdunkel langsam vorwärts tastete. Gänsehaut befiel mich, als ich meinen Weg hinab unter die schweren Wasser suchte. Angst packte mich im Genick, als selbst das Tageslicht der Außenwelt verschwand und mir keinen Weg mehr zeigte.

„Wo bist du?“ rief ich verzweifelt, doch außer meinem hohlen Echo antwortete mir niemand.

Unwillig ging ich weiter. Unter meinen suchenden Fingern spürte ich rauen Felsen, Erde und hie und da auch Spinnweben. Einmal strich ich über etwas Glitschiges, das sich schnell von mir fortbewegte. Abscheu stieg in mir auf. Was, wenn dies bereits Teil des Fluchs war, der über dem Haus lag, und ich nun verdammt wäre für ewig in dieser klammen Finsternis vorwärts zu waten? Panik erfüllte alle Winkel meines Körpers.

„Madhou!“ rief ich verzweifelt.

Dann plötzlich wurde es heller. Ich erkannte, dass ein Feuer entfacht worden war; wohl in einem Raum am Ende des Ganges. Und wieder hörte ich sie auch nach mir rufen. Ich fand sie in einer größeren Höhle. Sie war gerade damit beschäftigt, eine zweite Fackel zu entzünden und sie in eine Wandhalterung gegenüber der ersten zu stecken. Nur schwach erleuchteten diese Feuer den Raum. Dieser war nicht natürlichen Ursprungs, er musste aus dem Fels gehauen worden sein. Seine Form glich einer flachen Scheibe: die Decke niedrig, der Durchmesser weit. Von der Mitte der Decke hing eine Felssäule, die sich zum Boden hinab verjüngte, doch bereits kurz vor der Oberfläche eines runden Steintisches aufhörte. Sowohl auf diesem, als auch auf dem Boden der Höhle fand sich ein seltsames Spiralen-Muster. Es begann unter meinen Füßen und endete in der Mitte der Tischoberfläche, wo sich eine Vertiefung befand. Dies alles, Raum und Tisch, musste aus einem einzigen Stück gemeißelt worden sein.

„Wo sind wir hier?“ waren meine ersten erstaunten Worte.

„Unter dem See!“ antwortete sie, und die Freude in ihrer Stimme stand im Gegensatz zu meinem Schaudern.

Madhou war gerade mit ihrem Tun fertig geworden und wandte sich nun diesem steinernen Tisch zu, da fiel mir etwas ein.

„Mach das bloß nie wieder!“ entfuhr es mir, mehr ängstlich denn wütend.

„Was denn?“ fragte sie unschuldig.

„Mich in dieser fürchterlichen Dunkelheit allein zu lassen!“

Ihr Lächeln kann ich bis heute nicht deuten, doch fühlte ich mich schon damals nicht wohl dabei.

„Stell dich nicht so an“, raunte sie leise, kniete sich dabei neben dem Tisch nieder und ließ ihre Finger über seine Kanten gleiten.

Jetzt erst bemerkte ich die Figuren, die man einmal rings um den Rand der Steintafel eingemeißelt hatte. Sie zeigten unheimliche Gestalten und Begebenheiten, furchteinflößende Ungeheuer, die sich kein vernünftiger Geist hätte ausmalen können, und Menschen, die vor ihnen knieten, in Anbetung, Opferung und Tod. Wieder schauderte es mir, während die kalte Höhle begann, Verderben und Verdammung auszustrahlen.

„Ich will hier weg“, sprach ich und bemerkte das Zittern in meiner Stimme.

„Du bleibst hier!“ antwortete sie hart, während sie ihr Gesicht endgültig dem Tisch zuwandte. „Ich entdeckte diese Höhle vor wenigen Wochen und ich möchte sie mir dir teilen. Komm her zu mir und genieße sie zusammen mit mir.“

Langsam erhob sie sich bei dieser Ansprache und strich nun mit der Hand über die Oberfläche des Steines, fuhr mit den Fingern hinab zu der Vertiefung in der Platte. Dann schrie sie überrascht auf. Ich sah einzelne Blutstropfen von ihrem Finger fallen; sie musste sich geschnitten haben. Ein merkwürdiges Gefühl des Unheils durchzuckte mich.

„Es reicht; ich gehe. Ich werde dich im Dorf erwarten“, sprach ich und musste die Laute förmlich aus mir herauspressen.

Ich wollte nur noch weg von diesem Ort. Ohne auf Madhou oder eine Antwort von ihr zu warten, drehte ich mich um. Wieder musste ich durch diesen schrecklichen Tunnel, der trotz der Fackeln aus der Höhle nur teilweise erleuchtet werden konnte. Diesmal jedoch war ich schneller, denn ich fühlte mich verfolgt, wagte es aber nicht, mich umzudrehen. Wie ein Messer bohrte der Eindruck der Verfolgung sich in meinen Rücken, bis ich den Schmerz tatsächlich deutlich spüren konnte. Hastig eilte ich voran, stolperte immer wieder, musste die letzten Schritte sogar kriechend zurücklegen, während Käfer und Spinnen über meine Hände huschten. Schmutzig und keuchend erreichte ich endlich wieder Tageslicht. Erschrocken drehte ich mich dort um, doch konnte ich in der Finsternis nichts erkennen; nichts hatte mich verfolgt. Nicht einmal den Schein von Madhous Fackeln sah ich noch. Kurz fragte ich mich, ob ich nicht auf sie warten sollte, doch sie schien mir nicht zu folgen. Dann überlegte ich, dass ich sie dort herausholen müsste, vor allem beschützen, was dort an Schrecklichem auf sie lauern könnte, doch meine Angst besiegte mich; ich konnte es nicht. Bald kehrte ich dem Wald den Rücken und ging zurück nach Eskoych. Es erwarteten mich zahlreiche Fragen und besorgte Blicke.

Madhou kam nicht mehr heim. Ich machte mir schreckliche Vorwürfe deswegen: Ich hätte bei ihr bleiben sollen, hätte sie zurückholen sollen. Doch etwas in mir sagte mir, dass auch ich dann niemals mehr zurückgekommen wäre. Zu diesen Tagen begann der Wald seine Wandlung. Immer waren die Damodh-Hügel und mit ihnen Eskoych, ihre Wiesen und der Wald die schönste Gegend der mir bekannten Welt gewesen. Nun aber wirkte der Wald anders; das bemerkte nicht nur ich. Jeder, ob Einheimischer oder nicht, sah den Wandel. Grün tragende Bäume wurden braun und verloren ihre Blätter, Tiere verließen und mieden den Wald und Förster weigerten sich bald, ihn zu betreten.

Doch immer noch wurde Madhou in seinem Inneren vermutet und schließlich entschied man sich, den Wald nach ihr abzusuchen. Dutzende von Freiwilligen fanden sich, trotz der unheimlichen Wandlung des Waldes. Ich muss gestehen, vielleicht zu meiner Schande, dass ich nicht an der Suche teilnahm. Man mag mir jegliche Feigheit dieser Welt vorwerfen, doch rückblickend betrachtet konnte man nur froh sein, nicht gegangen zu sein. Das, was ich von der Suche hörte, sollte mir genug Schrecken sein.

Wenige Tage nach Madhous Verschwinden, noch zu den Anfängen der Wandlung, machten sie sich auf den Weg. Mein Vater war auch dabei. Es war gerade Mittag, da erreichten sie den See. Sie fanden den Felsen mit dem Haus vor, wie ich ihn beschrieben hatte, doch vermochten sie keine Tunnel zu entdecken, die unter den See geführt hätten. Nur eine kleine Höhle in dem Felsen war vorhanden. Dort war es auch, dass sie die Kette fanden, die Madhou von ihrer Mutter bekommen hatte und auf die sie so schrecklich stolz war. Dies war den Männern Grund genug, die Suche noch nicht zu beenden, denn vermutlich war sie noch in diesem Wald. Bis zum Sonnenuntergang durchsuchten sie den ganzen bedrohlichen Forst. Alles dort soll verändert gewesen sein; nicht nur der Wald hatte sich gewandelt. Über dem einst klaren und stillen See hing den ganzen Tag eine dichte, niedrige Nebeldecke und hin und wieder stiegen Blasen an die Oberfläche, die zerplatzten und deren ausströmende Gase den Männern schlecht werden ließ. Tiere erblickten sie nicht eines, doch fand die Gruppe vereinzelte Knochen, die stets fein säuberlich abgenagt schienen. Hinter jedem Busch fanden die Männer tödliche Gruben, giftige Pilze oder dornenbewehrte Sträucher. Der einst so friedliche, einst so schöne Wald schien sich in einzige Todesfalle verwandelt zu haben; in einen Ort des Bösen – Nein, in das Böse selbst. Denn schließlich kam der Abend und mit ihm der Tod.

Die Gruppe wollte die Suche letztlich doch aufgeben und nach Eskoych zurückkehren, da es immer später wurde. Doch tatsächlich wurde es nur für sie zu spät. Lediglich zwei der Männer verließen den Wald lebend, doch ihre Geschichten wirkten viel zu abenteuerlich, als dass sie jemand geglaubt hätte, auch wenn sie übereinstimmten. Beide starben kurz nach ihrer Verhörung; seitdem wagt sich niemand mehr in den Wald. Ich war bei dieser Anhörung zugegen, hoffte ich doch etwas über meinen Vater und Madhou zu erfahren. Nun wache ich manchmal nachts schweißgebadet auf und wage nicht mehr, wieder einzuschlafen.

Die Männer berichteten von einem lebendigen, doch dunklen Wald; von Ranken, die nach ihnen griffen und sie in die Gruben und Sträucher zerrten; von Bäumen, die sich einzelne Männer einverleibten als seien sie Wasser; von Nebel, der sie alle zu ersticken drohte; von Büschen, denen Beine wuchsen auf welchen sie die Suchenden verfolgten; und von dem Haus, das in lodernden Flammen stand und doch zusammen mit diesem Feuer ein Ganzes zu bilden schien. Und am schrecklichsten von allem war die Erzählung, dass Madhou gesehen wurde oder etwas, das noch entfernt an sie erinnerte, doch mittlerweile mehr Teil des Waldes zu sein schien und über das Leiden der Sterbenden lachte.

Dutzende starben in dieser Nacht, an dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Dies alles war Grund genug für mich, Eskoych zu verlassen und in die Stadt, nach Barhsrom zu gehen. Ich schwor mir, nie wieder zurückzukehren in diesen verwandelten Wald, doch immer höre ich Madhou mich in meinen Träumen rufen. Meine schöne Madhou erscheint mir wie früher in ihnen. Ich hatte einen Einfall, wie ich diese Verwandlung umkehren kann, wie ich wieder meine Madhou von damals zurückbekomme.

Wünscht mir Glück und Erfolg.

ENDE


Kommentar des Herausgebers

Eskoych ist ein kleines Dorf nördlich von Barhsrom in Dhranor. Früher war es bekannt für seine lieblichen Auen. Heutzutage erzählt man sich Geschichten über den sogenannten Mordwald bei Eskoych, wo vor gut zweihundert Jahren zahlreiche Männer den Tod fanden. Der Mordwald wird selbst von der Armee gemieden. Niemand betritt ihn freiwillig; nur Wahnsinnige gehen hinein, doch kehren nie zurück.

Diese Geschichte ist das letzte, was man von einem jungen Mann aus Barhsrom fand. Nie wieder hörte man von ihm oder Madhou.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 16.03.3995