GaaW XI: Thanoris Hirs

Januar 29, 2020

Thanoris Hirs

Sterben für die Freiheit.

Geschichten aus aller Welt, Teil XI

Mein Name ist Thanori; ich hinterlasse euch diese Geschichte. Ich bin nun hier allein. Bin ich gescheitert? Ich weiß es nicht, denn ich sterbe in Freiheit. Erzählt dereinst von mir, von uns, soweit ihr dies finden werdet. Doch zunächst einmal – wer sind wir und wie kamen wir hierher, an diesen Ort, von dem doch nie jemand etwas gehört hat?

Mein Name ist Thanori. Geboren wurde ich in Djandir, was in diesen Landen unbekannt sein wird. Meine Familie bestand aus Unterhaltern, so war ich meine Kindheit über stets von einem Ort zum nächsten unterwegs, meist per Schiff. Als ich etwa vierzehn war, überfielen uns die Schwarzseepiraten. War ich zuvor noch unruhige lebendige Freiheit gewohnt, so sollte ich diese nun für viele Jahre nicht mehr kosten können. Ach süßer Duft der Freiheit, nichts ist kostbarer. Wie schwarz diese Jahre doch heute scheinen. Bald verkaufte man mich an einen reichen Herrn im Reich Iotor, der sich über eine neue Dienerin nur freuen konnte. Ich war ein Tier für ihn; wie erniedrigend dies doch war. Zwar behandelte er mich gut, doch letztlich stets nur wie eine Dienerin, eine Arbeiterin, einen Gegenstand. Viele Aufgaben hatte ich zu bewältigen, die ich sonst nie aus freien Stücken getan hätte.

Sein Anwesen lag an den nördlichen Klippen des Landes und wann immer ich hinaus in den Garten treten konnte, verfolgte mein Blick sehnsüchtig das Meer, roch meine Nase die lockende Freiheit. Dem Drang mich ihr hinzugeben konnte ich nie nachkommen. So fand ich mich letztlich gar in Versuchung, hinab in das Meer zu springen, meinen leblosen Körper wenigstens frei im Meer treiben zu lassen. Die Mauern des Anwesens aber verhinderten auch das.

Mein Körper befand sich also in Gefangenschaft für lange Jahre, doch mein Geist wanderte noch frei umher, besegelte die Meere und kehrte heim nach Djandir jenseits der Fluten und auch an alle anderen Orte dieser Küsten. Letztlich aber sollte es noch etwas Gutes haben, dass ich in diesen Haushalt gekommen war: Ich lernte Algros kennen. Er war lange nach mir angekommen, als Leibwächter des Mannes, der über unsere Leiber entschied. Er kam aus südlichen Ländern, die als wilder und natürlicher gelten, deren Bewohnern man Rohheit und Dummheit nachsagt. An Algros jedoch war nichts dumm oder roh, doch seine wahrhaft wilde Natürlichkeit war es, die mich Kind der Freiheit von Beginn an in ihren Bann zog. Da unser Herr oft unterwegs war, sah ich Algros jedoch nur selten. Diese Momente aber genügten, dass wir uns alsbald näher kamen und er die Nächte, die er nicht vor der Tür unseres Besitzers ausharren musste, stattdessen in mein Lager schlich. Beziehungen unter seinen Dienern, seinen Leibeigenen, seinem Besitz, sah unser Beherrscher nicht gerne. Kaum hatte er von uns erfahren, drohte er uns zu trennen. Zu diesem Zeitpunkt aber hatten wir bereits geplant unsere Leben zukünftig gemeinsam zu verbringen und das sicherlich nicht in solch einer Gefangenschaft. Wir wollten eine Flucht versuchen. Zwei der anderen Diener, die uns besonders nahe standen, namentlich der nur als solcher bekannte Koch sowie einer der Torwächter, Chamon, verpflichteten sich uns zu helfen und zu begleiten. Chamon wollte uns das Tor öffnen und Algros kannte einen der Stallburschen, der ihm Reittiere versprach. Einmal aus dem Anwesen entkommen, wollten wir über Land ein Stück weit entfliehen um dann in einer anderen Stadt auf irgendeinem Schiff anzuheuern und frei zu sein. Doch alles kam anders.

An dem Abend, den wir uns erkoren hatten als Beginn unserer Freiheit, war unser Besitzer natürlich anwesend. Neben Algros hatte er zu dieser Zeit keinen anderen Leibwächter, so dass diesem die Aufgabe zufiel seine Tür zu bewachen. Kaum war unser Meister entschlummert, da kam Algros zu uns anderen, die wir bereits im Stall warteten. Zusammen mit dem Stallburschen hatten wir bereits alles vorbereitet. Doch kaum hatte Algros den Stall betreten, da folgten ihm unser Käufer sowie die gewöhnlichen Wachen des Hofs. Der Stallbursche aber verschwand schnell hinter ihnen. Wir waren also verraten worden. Sie forderten uns auf uns zu ergeben, unseren Plan aufzugeben, und man hätte uns bloß an andere verkauft, so versprach uns der uns Knechtende. Wir aber waren schon zu weit gegangen um nun aufzugeben. Auf meinen Ruf hin eilten wir uns die Tiere zu besteigen und preschten sodenn mitten durch unsere Feinde hindurch. Einige konnten sich schnell genug aus dem Weg retten, über andere galoppierten wir dagegen hinweg ohne uns um ihr Schicksal zu kümmern. Zumindest das Außentor des Hofes fanden wir zum Glück noch geöffnet vor.

Erst nach einer Weile kam uns der Gedanke, was wir da eigentlich getan hatten. Nun waren wir armen Seelen Verbrecher, Vogelfreie, Flüchtlinge. Sobald man die Nachricht erst einmal verbreitet hätte, würde man Jagd auf uns machen. Algros und ich boten den anderen an, dass wir uns trennen könnten, um sie nicht weiter in unangenehme Umstände hineinzuziehen. Unser Ziel war die wilde treibende Freiheit, wir konnten ihnen unsere Absichten nicht aufdrängen. Doch sie lehnten ab, sprachen, dass sie keine Familien mehr hätten, keine Ziele, außer uns weiter zu folgen, denn wir seien ihre Freunde. Die Freiheit der Entscheidung ließ sie bei uns bleiben. Es war eine merkwürdige Stimmung an unserem ersten Abend in Freiheit, versteckt in einem Wäldchen, voller Furcht aber auch Gerührtheit. Wir waren nun eine Familie. Wie aber sollte es mit dieser Familie weitergehen? Wir schlugen uns durch die Wildnis, hatten kaum Vorräte mit uns genommen. Wir wollten ein Schiff, das war klar, doch woher sollten wir eines nehmen? Da man uns so schnell entdeckt hatte schied die nächste Stadt aus. Wir schlichen stattdessen weiter durch das Unterholz, durch Marsche, durch Dickichte, immer den Atem unserer Verfolger im Nacken spürend, ohne jedoch jemals Anzeichen einer Verfolgung zu entdecken. Wie sollte man da gleichzeitig nach Schiffen Ausschau halten? Und so kam es, dass wir Vier immer weiter vom Norden, meiner warmen Heimat, abkamen und es uns stattdessen gen Osten zog, die Küste entlang. Immer wieder ergänzten wir die kläglichen Vorräte unserer Taschen durch Beeren, Wurzeln und Sträucher, doch wirklich glücklich machte das keinen von uns. Gehöfte umgingen wir, trauten wir ihnen doch zu, uns nur als neue Diener einzufangen. Auch hatten Algros und ich keine ruhige Gelegenheit mehr gehabt allein zu sein, was uns sehr belastete. Doch bald sollte das vorbei sein.

Eines Tages plötzlich, kurz bevor sich unsere letzte Nahrung in Wohlgefallen aufgelöst hätte, entschied sich das Schicksal, uns die kürzlich gewonnene süße, doch stets gefährlich gewesene Freiheit auch wieder zu nehmen, wie um uns zu retten, als wären wir Kinder, dieser Macht nicht fähig. Mitten in der Nacht hatten uns Räuber überfallen und in ihr Lager verschleppt. Wie sich dort herausstellte waren es nicht bloß Räuber, sondern vielmehr Piraten. Ach welch Hohn das Schicksal uns doch da bereithielt! Erneut wurden wir Sklaven, wenngleich diesmal mit täglichem Blick auf das, wonach sich unsere Herzen sehnten: der Freiheit über dem Meer. Fast zwei Monde dauerte es, bis sich uns neue Möglichkeiten boten. Wir hatten allmählich das Vertrauen dieser rauen Gesellen gewonnen und galten ihnen beinahe als Gleiche. Ohne diese Voraussetzung hätten sie uns nicht mit an Bord ihrer Schiffe genommen, als die Armee des Landes ankam, ihr Lager niederzubrennen. Die Piraten mussten fliehen und uns nahmen sie gnädigerweise mit. Dies war unser Glück, wären wir doch sonst sicherlich getötet worden. Man segelte mit uns nach Osten, dann gen Süden, von dem es doch hieß, das dort Recht und Gesetz ihren Griff lockerer hielten als anderswo.

Diese Piraten verhielten sich besser als alle, die je meinten über meine Freiheit entscheiden zu können: Djandir, die Piraten und Händler der Schwarzsee sowie der Herr in Iotor. Sie hatten nichts dagegen, dass wir zusammenblieben, ließen uns die Freiheit unsere Gesellschaft zu wählen, sogar unsere Stimmen zu erheben. Sie verboten nicht, dass Algros und ich das Lager teilten und machten auch keine Anstalten, sich dort hineinzudrängen. Denn diese Leute waren nicht die herzlosen Schurken der Märchen. Viele Männer hatten ihre Frauen dabei, etliche gar ihre Kinder; und aus beiden Gruppen waren zahlreiche auch selbst tüchtige Seefahrer oder Krieger. Jeder achtete auf jeden, alle waren gleich, niemand herrschte über den anderen – lediglich alle zusammen als Ganzes herrschten über uns. Doch behandelte man uns anfangs eher wie Haustiere oder kleine Kinder, als könnten wir noch nicht für uns selber handeln, und nicht als Diener. Doch da man uns weiterhin frei sprechen ließ konnten wir zetern, uns beschweren, jammern, nörgeln, Wünsche äußern und gar betteln. Nach einer Weile schließlich schien man Vertrauen in uns gefasst zu haben. Immer häufiger sprachen sie mit uns wie mit vernunftbegabten Wesen, die wir ja auch waren. Endlich erkannte dies also jemand. Langsam wurden wir Teil des Ganzen. Immer häufiger hörten sie uns zu, fragten uns nach unserer Meinung. Bald waren wir keine Haustiere mehr sondern gehörten zu ihnen. Der Koch hatte schon längst eine passende Anstellung, Chamon war Ausguck geworden, Algros und ich gehörten natürlich zu den Kriegern und Seefahrern.

Schließlich war es soweit, dass wir den mittleren Süden erreichten, Gegenden, wo entfernte Verwandte der Iotorer noch lebten und Algros‘ Heimat nicht weit entfernt war. Die Piraten wollten sich dort ein neues Leben aufbauen, ihrer Art von Freiheit folgend, die sie für die einzig wahre hielten. Algros und ich aber hatten bereits wieder beschlossen diesen Reichen den Rücken zu kehren. Immer wieder hatten wir unterwegs von Händlern Gerüchte vernommen, dass es weit im Osten unbekannte, unentdeckte Länder geben sollte, in denen ihre Einwohner noch frei und ungezwungen durch Ebenen und Wälder zogen. Um diese Länder zu erreichen sollte man bloß den Inseln im tiefen Süden immer weiter gen Osten folgen. Keiner konnte uns Beweise liefern, dass es diese goldenen Länder der Freiheit wirklich gab, doch entbrannte in uns ein schmerzhaftes Feuer tiefster Sehnsucht. Wir mussten diese Länder finden oder bei dem Versuch sterben; kein anderer Sinn zeigte sich uns mehr. Dort hinzukommen bedurften wir eines Schiffes, und immer noch befanden wir uns auf solchen. Wir erzählten unsere Gedanken also den anderen und schneller als man es erwartet hätte, teilten genug Piraten unseren Traum, ein ganzes Schiff zu füllen. Schwer wurden die Verhandlungen mit den anderen, die nach einigen Monden dort im Süden für uns eine neue Familie und wir längst frei wurden. Doch letztlich kam die Gemeinschaft darin überein, uns alle, die wir es gemeinsam wollten, gehen zu lassen.

Wir ließen uns einen Mond zur Vorbereitung, in dem wir sowohl Schiff als auch uns auf das Unbekannte rüsteten. Es war ein großes Schiff, mit dem Koch unter Deck, Algros als Kapitän und mir am Steuer. Chamon jedoch hatte seine Liebe gefunden und wollte mit ihr zusammen zurückbleiben. Mag er glücklich geworden sein. Uns dagegen begleiteten genug Frauen und Männer, meist jüngeren Alters. Das Schiff wurde mit allem ausgestattet, was für solch eine Fahrt und Ankunft von Nutzen sein könnte, darunter auch Werkzeuge, Baustoffe und natürlich Vorräte. Schließlich verließen wir die gesetzlosen Landen, um der aufgehenden Sonne entgegen in die Freiheit zu segeln. Unser Kurs führte uns aber schnell nach Süden bis Salire und von dort aus weiter den Inseln folgend nach Osten. Als diese schließlich hinter uns zurückblieben, hatten wir nur noch die Sonne und die Sterne und weiten freien Himmel über uns. Glücklicher als zu dieser Zeit konnte ich wohl kaum jemals zuvor gewesen sein. Algros an meiner Seite, die Freiheit überall um uns herum; der Schrecken der Vergangenheit verschwand im Dunkel und ein Traumreich der Freiheit erwartete uns. Die Freude währte jedoch nicht allzu lange. Bald schien sich die Reise in eine Ewigkeit auszudehnen, ohne dass wir noch einmal Land zu sehen bekamen. Keine Insel entzückte mehr unser Herz und auch die Winde schienen zu erkalten. Wir mussten zu weit gen Süden gekommen sein. Zu allem Überfluss reichten unsere Vorräte nicht für die Ewigkeit, weshalb sich Unruhe an Bord breit machte; die Freiheit zur Rede wurde von allen immer wieder genutzt. Wir waren kurz vor dem Punkt, an dem eine Rückkehr nicht mehr möglich gewesen wär, so musste eine Lösung her. Und während wir tagtäglich die anderen beruhigten, fand sich diese auf einmal.

Irgendwann, nach einer unbekannten Reiselänge, entdeckten wir ein großes Festland im Norden und hielten sofort darauf zu. Die Winde hatten sich weiter abgekühlt gehabt, was uns schlussfolgern ließ, dass wir nun an der Südküste dieses noch unbekannten Landes der unbegrenzten Freiheiten sein mussten. Das Land, welches wir fanden, war aber rau und felsig; gar nicht wie die Ebenen und Wälder, von denen man uns erzählt und die wir erwartet hatten. Trotzdem legten wir an und beschlossen, es zu erkunden. Wir landeten in einer ruhigen Bucht, im Westen und auch Norden zeigte sich ein beeindruckendes Gebirge. Dagegen fanden wir aber kaum Bewuchs vor außer etwas Gestrüpp und auch nur wenige Tiere. Am Fuß dieser Berge, zwischen ihnen und der Bucht, errichteten wir schließlich unser Lager.

Einen Mond später waren wir bereits wieder in einer neuen misslichen Lage. In Gruppen waren wir ausgewandert, das Land zu erkunden, vor allem um vielleicht Anzeichen des goldenen Reiches zu erheischen, das uns versprochen ward und letztlich natürlich auch um Nahrung zu finden. In allen Punkten wurden wir kläglich enttäuscht. Nach Westen hin kamen wir nicht weit, da dort das Gebirge sich im Wege befand und es für uns zu beschwerlich gewesen wäre, doch erreichten einige von uns Höhen, von denen man einen besseren Ausblick auf das umgebende Land hatte. Sie erkannten gen West weiter das sich ausdehnende Meer; dies schien also kein Weg für uns zu sein. Sie mussten zurückkehren, als in den Höhen plötzlich ein Schneefall einsetzte. Nach Norden hin dagegen entdeckten wir, dass man über Land zwischen den Bergen und der Küste reisen konnte. Dorthin war es also, wohin wir letztlich flüchteten. Denn nicht nur in den Bergen begann der Schnee zu fallen, auch an der Bucht wurde es schnell immer kühler. Einigen von uns fiel endlich auf, dass wir bei unserer Reise ja immer weiter in den kalten Süden geraten waren, was auch bedeutete, weiter in Richtung der kalten Gebiete; dorthin, wo der Winter früher und strenger kam. Gleichzeitig bemerkten sie, dass wir unsere Reise damals im Sommer begannen und es langsam Herbst wurde. Man sollte sagen: Es wurde erst Herbst, doch trotzdem fiel schon der Schnee! Etwas, das ich in Djandir selbst im tiefsten Winter nicht und Algros aus seiner Heimat immerhin nur im Winter kannte, begann hier bereits zum Sommerende! Dies war nicht das Reich der goldenen Freiheit unserer Träume, es war das Reich der endgültig winterlichen Freiheit, des weißen Todes!

Wir beschlossen schnell, die Gegend zu verlassen um weiter gen Norden zu segeln. Kaum aber wollten wir das Schiff bemannen, da bemerkten wir das schwimmende Glas im Meer, welches Algros Eis nannte. Diese sogenannten Eisschollen umgaben unser Schiff bereits wie Quallen auf der Jagd, stets bereit zuzustechen und zerkratzen seine Hülle. Es zeigte sich bald, dass mit dem Schiff so kein Entkommen mehr möglich war, hätte dieses kalte Glas es doch erbarmungslos aufgeschlitzt und zermalmt. So blieb uns als letzte Wahl die Reise über Land gen Norden; der verzweifelten Hoffnung folgend, doch noch in wärmere Gefilde zu gelangen. Wir beraubten das Schiff seiner letzten Schätze und machten uns eilig auf den Weg. Unterwegs zeigten sich jedoch immer weitere Probleme für uns. Zunächst einmal war kaum jemand von uns Kälte gewohnt und unsere Kleidung hielt auch nur kühle Abende ab, doch dieser Wind fing an scharf wie eine Klinge zu werden. Zweitens konnten wir unsere bereits kläglichen Vorräte nur noch behelfsmäßig aufstocken: Unsere Verpflegung wurde sehr mager, auch wenn es zumindest an Wasser nicht im geringsten mangelte, fiel es doch in Form von Schnee bald auch am Fuße der Berge, in unsere Gesichter und Münder. Drittens aber wusste eigentlich niemand von uns wohin wir gingen oder gehen müssten und schnell machten sich Verzweiflung und Argwohn breit. Oft hieß es, dass Algros und ich Schuld seien, wenn alle dort in der kalten Einöde würden sterben müssen. Dies bereitete mir gleich zweifach Schmerzen, denn ich machte mir schon selber Vorwürfe und sah meine Familie in Gefahr. Schlimmer noch aber ist, dass diese Stimmen fast schon Recht behielten. Nur der wärmende Körper von Algros und seine beruhigenden Worte gaben mir Kraft.

Wir schienen eine Ewigkeit unterwegs zu sein, ohne dass sich die Lage je noch einmal besserte. Es wurde Tag für Tag kälter, immer wieder schneite es, das Meer an den Küsten schien hart wie Stein zu werden – und vor allem hatten wir immer weniger zu Essen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten aus ihrem Schlaf in der Kälte nicht mehr erwachten, sondern für immer in wärmenden Träumen verblieben. Ob sie nun erfroren oder verhungert waren, sollten wir nie erfahren, doch macht es auch keinen wirklichen Unterschied. Die Überlebenden eigneten sich die Kleidung der Toten an und doch blieb es auch darunter kalt. Nahrung fanden wir unter dem Schnee natürlich auch keine; nur selten hoppelte oder lief uns ein schneeweißes, fremdaussehendes Tier über den Weg. Dass sie aber nicht alle friedlich waren, bemerkten wir zu spät. Während unsere halberfrorenen Füße durch festgefrorenen Schnee stapften, konnten wir manchmal kaum etwas des Weges vor uns erkennen. Da wir aber unmöglich draußen schlafen konnten und wollten, suchten wir immer wieder die Nähe der Berge und zwischen ihren steinernen Zehen höhlenhafte Unterschlüpfe. Eines Abends, als draußen ein schneidiger Wind uns den harten Schnee entgegen peitschte, hofften wir besonders verzweifelt auf Unterkunft. Als wir endlich eine kleine Höhle ausmachen konnten, stürmten wir alle erleichtert dort hinein. Doch die ersten Ankömmlinge bemerkten das haarige Etwas, das sich in eine Ecke der Finsternis gedrängt hatte, viel zu spät. Bis wir anderen ihnen endlich zu Hilfe kommen konnten, hatte die Bestie bereits zwei von ihnen zerfleischt. So konnten wir nur noch ihre Überreste retten und das Monstrum töten. Dieses stellte sich als eine Art großen Bärs hinaus, so dachten wir jedenfalls zunächst. Doch welcher Bär hat schon echsenhafte Schuppen unter seinem weißen Pelz und ein Gesicht, das mehr aus Maul und Zähnen als sonst etwas zu bestehen schien? Kurzerhand nannten wir das Wesen Jafreš, also Echsenbär.

Der Unmut zwischen unseren Begleitern wich allmählich bloßer Verzweiflung, als seien auch ihre einst vor Schmerz lodernden Herzen langsam erfroren. Die meisten wollten nur noch heim, ans andere Ende der Welt, wo sie sicher seien und die Welt dort kannten. Andere befragten ihre Götter, womit sie diesen plötzlichen eisigen Tod verdient hätten. Auch ich wunderte mich sehr über das Wetter, das von bloßer Kühle in so wenigen Wochen zu solcher Eiseskälte hatte umschlagen können. Es schien mir manchmal fast, als wären wir hier in eine Falle gestolpert, doch tat ich das ab als dumme Gedanken, beeinflusst von dem Gejammer der Göttergläubigen. Wir waren einfach zu weit vom Kurs abgekommen und zu einem unglücklichen Zeitpunkt an das falsche Ufer getrieben worden. Gut eine weitere Woche konnten wir nach Norden wandern, ohne dass erneut jemand von uns starb oder sich das Wetter noch weiter verschlechterte. Mittlerweile jedoch war die gesamte Küste von Eis eingefasst, eine frostig tödliche Schönheit. Manchmal stellte ich mir vor, wie wohl nun unser Schiff aussehen würde. Einige Male hatten wir Flüsse zu überqueren, was wir aber oft nur bemerkten, wenn jemand zufällig auf das Eis unter dem Schnee stieß. Es war stets hart und stark und trug uns bis an die anderen Ufer, auch wenn Algros einige Male uns anwies vorsichtig zu sein, da solches Eis auch einbrechen könnte. An anderen Stellen fanden wir endlich kleine Wäldchen: Raue starke Bäume, welche die Witterungsbedingungen gut auszuhalten schienen in ihrem ewigen Schlaf. Unser Ziel aber blieb es, uns soweit nach Norden zu retten, dass es endlich warm werden würde, nötigenfalls auch ein anderes schützendes Plätzchen irgendwo zu finden.

Zunächst aber war für uns die ruhige Zeit vorbei. Die letzten Spuren des Duftes von Freiheit in der Luft wichen dem Gestank von warmen Blut in kaltem Schnee. Ich weiß nicht mehr, wann genau sie angriffen, doch war es furchtbar. Nachdem die Tage immer schneller immer kürzer geworden waren, wurde auch uns nur immer kälter. Gelähmt wie wir voran stapften, bemerkten wir erst zu spät das Unheil. Vielleicht ein halbes Dutzend von ihnen kam lautlos aus den Bergen an uns heran geschlichen. Und dann plötzlich stürmten sich diese Jafreš, wie wir sie nannten, erbarmungslos und unter furchtbarem Geheul auf uns. Einige aus unserer Familie versuchten sich nicht einmal zu wehren; Verzweiflung und Kälte hatten sie gelähmt. Andere ließen sich zwar nicht widerstandslos angreifen, doch wurden sie trotzdem gnadenlos niedergemacht. Auch den Koch, unseren alten Freund, sah ich dort sterben. Einige wenige um Algros und mich erkannten, dass das Heil bloß in der Flucht lag. Natürlich machten wir uns später Vorwürfe, unsere Familie derart im Stich gelassen zu haben, doch war uns allen klar, dass nichts anderes uns gerettet hätte. Nach einer heillosen, kopflosen Flucht fanden wir uns allesamt irgendwo in den Bergen wieder. Wir hätten kaum noch sagen können, wie wir dorthin gelangt waren. Unser Versteck war eine kleine Höhle, diesmal eindeutig frei von allen Jafreš. Niemand kam uns zu verfolgen; warum, vermochten wir jedoch nicht festzustellen. Wir überblickten das, was uns noch blieb, die kläglichen Reste. Etwa ein Dutzend verzweifelter Überlebender zählte unser kläglicher Haufen. Das einzig noch lebende Kind unserer Familie hatte sich in den Armen seiner Mutter verkrochen und beide beweinten den Verlust von Vater und Ehemann. Überhaupt war kaum jemand unter uns, der nicht weinte. Selbst mir war nur noch danach, mich bei Algros zu verkriechen und meinen Tränen ihren Fluss zu lassen, doch durfte ich das nicht zeigen. So versuchte ich stattdessen zusammen mit Algros und einer tapferen Frau die anderen zu beruhigen.

Erst nach schätzungsweise fast einer Stunde fiel einem Krieger auf, was allen anderen bisher entgangen war: in dieser Höhle war es wesentlich wärmer als in allen anderen, die wir bisher besucht hatten. Wir, die wir unsere tiefste Natur nicht verleugnen konnten, waren mehr misstrauisch denn froh über diesen unerwarteten Zustand. Warum war es dort wärmer und warum kamen die Jafreš oder andere Tiere nicht hierher? So ging unsere mögliche Freude unter in der tatsächlichen tiefen See des Misstrauens. Während Algros und ein anderer Krieger die Höhle durchsuchten, konnte nur das kleine Kind die neuen Umstände nutzen und schlief friedlich ein. Nach etwa einer weiteren halben Stunde hatten die beiden Männer einen warmen Luftzog ausgemacht, der aus dem hinteren Bereich der Höhle aus einem Durchgang kam, der sich bisher hinter Felsbrocken hatte versteckt halten können.Nun zeigte sich das zweite angeborene Laster unserer Seelen, als wir neugierig wie wir waren die Felsen beiseite räumten, um den Umständen auf den Grund zu gehen. Wir waren zu viert, die wir auf neugierig-misstrauische Kundschaft gingen: Algros, der Krieger, die tapfere Frau sowie ich. Ein dunkler Tunnel erwartete uns, dem wir mit erleuchteten Fackeln folgten. Er verlief in einigen Biegungen und führte uns vollends in die Irre. Durch die Fackeln bemerkten wir erst spät den Lichtschein, auf den wir zugingen. Als wir ihn endlich sahen, löschten wir diese schnell, wussten wir doch nicht welcher Art die Quelle des Lichtes war; vor allem aber, ob sie gut oder schlecht für uns war. Langsam und vorsichtig krochen wir vorwärts und kamen zu etwas, dass ich ebensowenig in meinem bisherigen Leben gesehen, doch von dem ich immerhin gehört hatte. Unser Tunnel öffnete sich hin auf eine Art Klippe, die eine riesige runde Höhle einmal umlief. In der Mitte befand sich ein gewaltiger Abgrund, dessen Boden gefüllt war mit flüssigem Feuer. Zur Decke hin bot sich zum Anblick ein Loch in ebendieser, welches uns den grauen Himmel offenbarte. Jeglicher Schnee, der dort hereingefallen kam, schmolz sogleich über der Hitze dieses Abgrundes. Es war ein Feuerberg! Nichts hätte uns zur Wärmung und Erhaltung unseres Lebens willkommener sein können als dieser riesige Ofen. Doch die Freude durfte nur kurz währen. Staunend wagten wir einige Schritte auf die Klippe hinaus und kamen dabei in Richtung des rechten Ausganges.

Neben unserem Eingang sahen wir noch zwei weitere Tunnel aus diesem Kessel herausführen. Und aus dem linkerhand preschten plötzlich ohne Vorwarnung einige heulend wütende Jafreš in unsere Richtung. Unser Entsetzen war groß, die Angst um unsere Leben noch viel größer. Blind vor Panik geworden rannte der Krieger nun zum rechten Ausgang, als auch aus unserem Eingang dieses Heulen ertönte, gemischt mit den Schreien der von uns Zurückgelassenen. Uns anderen blieb nur dem Krieger zu folgen, waren die Jafreš doch schon fast bei diesem Eingang. Wir jagten durch weitere Tunnel, verspürten das drohende Heulen hinter uns und endeten schließlich in einer Sackgasse. Schnell mussten wir umkehren, zurücklaufen, bis zu einer Abzweigung, bei der es noch einen weiteren Stollen gegeben hatte. Wir waren schon kurz davor, da glaubte ich die Schreckensschreie unserer restlichen Familie zu hören, wie sie nun von den Jafreš zerfleischt werden würde. Kaum waren wir genau vor dem rettenden Gang, da vernahmen wir erneut das Heulen der Bestien und sahen sie vor uns durch den Gang auf uns zu hetzen. Panisch rannten wir in den anderen; Algros voraus, ich folgend, danach der Krieger und die Frau als letztes. Sie schaffte es nicht schnell genug, ihr markerschütternder Schrei in unserem Rücken spornte uns an. Letztlich erreichten wir einen Ausgang, der wieder aus dem Berg hinaus an einen Hang führte. Algros und ich suchten sofort eine Möglichkeit zum Abstieg, doch der Krieger blieb zunächst verwirrt stehen und blickte sich um. Dies war sein Fehler, denn zwei Jafreš sprangen ihn an und rissen ihn in die Tiefe und den harten Tod. Da waren Algros und ich auch schon dabei, selber den Hang vorsichtiger hinabzuklettern. Von oben vernahmen wir noch das Heulen der anderen Jafreš, das nun Enttäuschung verkündete, als sie uns nicht folgen konnten.

Wochenlang marschierten Algros und ich nach all diesen Vorfällen alleine weiter, stets gen Norden, wie wir alle es vorgehabt hatten, durch Schnee, Eis und Dunkelheit. Nicht einmal sprachen wir über den Verlust und Schmerz, sprachen überhaupt nur noch wenig miteinander, solange es nicht um Nahrungs- oder Schutzsuche ging. War nun etwa auch unsere Liebe erfroren? Wir hatten, was wir wollten: wir beide allein in der freien Welt. Und doch war es nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. Mittlerweile wurde es immerhin nicht mehr weiter kühler und nach einer Weile kam es mir sogar so vor, als sei die Kälte ertragbar geworden. Meine Hoffnung wuchs, dass dies mit unserem Gang nach Norden zu tun hätte. Letztlich aber wurde sie mit einem Schlag zerstört. Irgendwann waren wir an einen Punkt gelangt, da schien die Küste nicht weiter gen Norden verlaufen zu wollen. Wir folgten ihr stattdessen nach Westen, doch nie bog sie wieder in Richtung der warmen Lande ab. Schließlich lautete unsere Entscheidung, die nahen Berge bis zu ihren Gipfeln zu besteigen, um einen besseren Ausblick auf das Land haben zu können. Da die Schneestürme auch seit einigen Wochen verschwunden waren, rechneten wir uns eine gute Möglichkeit dazu aus. Doch wie wurden wir enttäuscht; nie kamen wir dort zusammen an. In weiter luftiger Höhe, dessen Grenzenlosigkeit ich einst die geliebte Freiheit genannt hätte, die nun aber nur Sinnlosigkeit ausstrahlte, mussten wir immer wieder glitschige Felsen, Spalten und Abgründe überwinden. Bei einem von diesen war es, dass Algros seinen Halt verlor. Oh grausame Welt, wie schmerzhaft machtest du mir doch klar, dass ich ihn immer noch liebte! Nun aber war es vollends zu spät, ihm dies selber zu sagen. Alleine musste ich weiter, hätte ich mich doch aber am liebsten ebenso auf seine Reise begeben. So versperrten mir Tränen bei meinem letzten Aufstieg stärker die Sicht, als es der Schnee vermocht hätte, und selbst die Freiheit konnte mir keinen Lebenswillen mehr liefern. Es dürfte einem Wunder gleichen, dass ich heil oben ankam, waren meine Gedanken und Träume bei jedem Schritt, jedem Griff doch nur bei Algros, und wie wir uns diese Freiheit vorgestellt hatten. Aber was hätten uns die Träume noch genutzt; der mich erwartende Ausblick war schreckenserregend.

Oben auf einem Gipfel angelangt hatte ich eine Sicht, die man nur als wunderschön hätte beschreiben können, wäre man nicht wie ich in Trostlosigkeit versunken. Wohin mein Blick sich auch wendete, ob gen Nord, West oder Ost, bemerkte er nur Küsten, die zurück nach Süden führten, zurück in die erbarmungsloseste aller Kälten. Der furchtbare Gedanke, der sich mir nun aufdrängte, war: hatte es uns hier auf eine Insel verschlagen? War es also bedeutungslos gewesen, wohin man ginge, denn man würde immer wieder an die gleichen Orte kommen, stets nur im Kreise gehen? Waren wir tatsächlich in einem eisigen Grausen gefangen worden? All die Toten, all die Verzweiflung, all dies nur aus der Hoffnung auf eine Freiheit, die es nie geben konnte, nie geben würde – und alles umsonst? Hatten sie Recht behalten; war ich Schuld an all den Toden, da ich sie überredet hatte? Nie könnte ich das weinende Gesicht des kleinen Kindes vergessen, nie den Sturz meines geliebten Algros.

Es kommt mir vor, als hätte ich tagelang dort auf diesem Gipfel gehockt und nichts getan, nur gestarrt und mir Vorwürfe gemacht. Algros, die anderen – all diese Hoffnungen und Träume. Nun aber habe ich einen Entschluss gefasst. Mir blieben nur meine Kleidung, meine Gedanken sowie der Rucksack mit meiner Ausrüstung, darunter auch diese Blätter, welche ich nun so sinnlos bekritzel, denn nie wird jemand diese Worte finden; nie sollte jemand dies finden. Und doch werde ich sie hinterlassen, versteckt unter einem Steinhügel. Eigentlich weiß ich nicht, warum ich das tun will. Dafür weiß ich jedoch, was noch zu tun ist. Ich werde meine Ausrüstung hier zurücklassen und gehen. Damit wird mein Bericht nun enden. Ich habe nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt; ich habe der Welt selbst nichts mehr zu geben. Ich lebte für meine Freiheit, ich gab alles für meine Freiheit, ich bekam mehr Freiheit, als ich wollte – nun werde ich mich wahrhaftig der Freiheit übergeben, auf dass diese über mich entscheiden mag. Oh Algros, was haben wir falsch gemacht, das zu verdienen?

ENDE

 

Anmerkung des Herausgebers

Thanoris Hirs ist die größte bekannte Insel der bekannten Welt. Sie könnte auf ihrer Oberfläche so manches kleines Land fassen, würde sie nicht fast völlig aus Gestein und Eis bestehen und daher kaum bewohnbar sein. Erst vor etwa 500 Jahren gelangten Nirzen auf die Insel; das einzige Volk, welches Kälte mehr liebt als Wärme und deshalb auf ihrer Suche nach kühlen Gegenden zum Leben dorthin gelangte. Gut 100 Jahre später fand ein Trupp der Nirzen zufällig die Aufzeichnungen der Thanori, welche nicht in dem Stil geschrieben waren wie hier wiedergegeben. Dafür sorgte der tolumische Schriftsteller Qarchis, nach dessen Veröffentlichung Thanori in der tolumischen Religion entdeckt und zur Heiligen ernannt wurde. Da das Original heute verloren und um den Leser nicht zuviel zuzumuten, gaben wir hier seine Umschreibung, die erste dieser Art, an. Im Laufe der Jahrhunderte fanden sich noch zahlreiche Geschichten, in denen Thanori und Algros als Helden vorkamen. Nach letzterem ist übrigens das gewaltige Gebirge auf der Thanoris Hirs benannt.

Trotzdem gibt es noch einige Fragen, die diese Geschichte hinterlässt. Dass die Nirzen nie über Wesen berichteten, die denen der Erzählung Thanoris gleichen, mag nicht zu sehr wundern. Interessanter ist dafür schon, dass Thanori und ihre Getreuen es zu einer Zeit schafften, diese Insel zu erreichen, in der es noch keine wirklich hochseetauglichen Schiffe gab. Dass es ihnen mit diesem nicht gelang, aus dem Eis zu fliehen, leuchtet dafür schon eher ein. Merkwürdig ist aber, dass damals, als die Welt noch viel kälter gewesen sein musste, die Insel der Beschreibung kaum kälter klingt als das, was man auch heute dort findet. Wenn dies auf Qarchis Neudichtung beruht, muss man sich dennoch fragen, wie es ihnen damals gelang dort zu überleben. Es bleibt nur zu hoffen, dass noch einmal das Original sowie geschichtliche Quellen über Thanori und ihre Getreuen gefunden werden, um diesen Fall besser zu erforschen.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 08.05.3995


Der A’Lhumakrieg – II: Ungewöhnliche Absichten erfordern ungewöhnliche Mittel

April 18, 2016

II: Ungewöhnliche Absichten erfordern ungewöhnliche Mittel.

„Und ich sage dir – er hat ihn damals umgebracht!“

Crear Ataurass Elorm war wütend – so wütend, wie ich ihn seit Jahren nicht gesehen hatte. Immer wieder ging er von einem Ende des Raumes zum anderen, sein Gewand dabei ehrfurchtgebietend hinter sich herziehend.

„Das sind harte Worte – was macht dich da so sicher?“

Ich saß an meinem Tisch, vor mir mein Humpen, daneben seiner. Eigentlich hatten wir uns nur unterhalten wollen – nun das.

„Du weißt es doch selber! – du warst doch dabei!“ Er hielt an und sah mich eindrücklich an. „Zunächst einmal – du weißt, wie sie immer stritten. Du weißt, dass sie sich am liebsten die Kehlen aufgeschnitten hätten!“

„Das ist aber doch kein Beweis…“

„Nein, natürlich nicht – aber an diesem Tag – damals vor so vielen Jahren – als Shaen meinen Vater überzeugte, auf das Meer hinauszufahren – obwohl er wusste, dass ein Sturm kommen würde – das ist bis heute seine Entschuldigung – zu behaupten, das Wetter wäre es gewesen – Schicksal – Eingriff der Götter -“

„Ja! – Ja! – Ich verstehe ja, was du meinst; du meinst also, er hätte sich selbst in Lebensgefahr gebracht, um seinen eigenen Sohn zu töten? – Welchen Sinn soll das denn bitte machen?“ Und zu mir selber sagte ich: So verrückt kann selbst diese Familie nicht sein.

Nun kannte ich Crear bereits seit Jahren, doch verstand ihn trotzdem noch nicht. Meist führte ich es auf die anstrengenden Jahre der Mannwerdung sowie seinen Zorn auf Shaen und den ewig quälenden Verlust des Vaters zurück, doch manchmal schien dies nicht zu reichen. Es machte mir schon allein Sorgen, dass oftmals sein ganzes Leben, Streben und Handeln nur von Hass getrieben schien. Und dann, an anderen Tagen, seinem Großvater gegenüber, verhielt er sich plötzlich wieder gewöhnlich, wie der kleine Enkel von einst.

„Ich weiß – für dich und Asmyllis mag es keinen Sinn ergeben – doch ich weiß, es war so.“

„Und du weißt, dass bloße Anschuldigungen dir nicht viel bringen? Selbst mit Beweisen wäre es schwer – inmerhin ist er der Sohn des Gurass – der nächste Tereanv. Und was bist du? Du kommst nirgends in der Nachfolgereihe dran – also – beruhig‘ dich. Du kannst nichts tun.“

Meine Worte schienen ihn zum Überkochen zu bringen. Mit einem kräftigen Schlag seiner Faust traf er den Schild, welchen ich an die Wand gehängt hatte – und verbeulte ihn.

„Ah – was machst du da? Bringt dir das Befriedigung?“

Mit einem seltsamen Feuer in den Augen sah er mich an. „Ja – das tut es.“ Sodenn setzte er sich wieder mir gegenüber und sah mich auf einmal gelassen an. „Du wolltest mir von Asmyllis erzählen – wann kommt sie wieder?“

„Ah, Crear, wohin gehst du?“

Der Angesprochene blickte Shaen erschrocken an.

„Äh – Großvater – ich… – ich bin gerade auf dem Weg zu Großvater Gurass…“ Crear war es sichtlich unangenehm, seinem Verwandten hier in den Gängen der Burg zu begegnen.

„Ach ja, Vater – schon so alt und trotzdem versucht er noch das Geschick der Familie zu lenken. – Sag, was gefällt dir so bei ihm?“

Crear sah kurz düster zu Boden, dann hinüber zu mir, der ich selber unangenehm überrascht auf dem Balkon des Ganges saß, unfreiwilliger Zeuge dieser Begegnung werdend.

„Nun – er ist ehrlich.“ Sein Blick wurde durchdringend, als er Shaen in die Augen sah. „Er hat nie jemanden ermordet, der mir wichtig war.“

Shaen schien den vorhandenen Seitenhieb nicht zu bemerken; blieb erstaunlich ruhig – wirkte gar nachdenklich.

„Weißt du, als ich in deinem Alter war, hatte ich auch noch einen Großvater, der damals Tereanv war: Noroash. Hat dir dein Großvater je erzählt, wie er meinen Großvater die große Treppe des Eingangssaales hat hinab stolpern lassen? – Natürlich war es für alle bloß ein Unfall…“

Er verfiel in Schweigen, doch Crears Lippen zitterten. Ich kannte diese Art – und plötzlich war Crear verschwunden, seinen eigenen Weg verfolgend.

Nachdem Shaen kurz regungslos verharrt war, wurde er meiner gewahr. „Ah, Kammerherr – wie geht es euch?“ Humpelnd – wie er seit dem Unglück damals immer war – kam er zu mir.

„Herr – danke – gut.“

Und zu allem Überfluss setzte er sich dann auch noch neben mich.

„Ich habe ein paar Dinge mit euch zu bereden. – Mein Vater ist alt und wird nicht mehr lange leben – das wisst ihr. Es wäre klug, bereits für die Zeit danach zu sorgen, wenn ich der neue Tereanv bin. – Was meint ihr?“

Ich fühlte mich unter seinem ruhigen, doch herrischen Blick klein und machtlos. Hatte ich eine andere Wahl als ihm zu gehorchen?

Vielleicht ein Jahr später gab es ein folgenschweres Treffen. All die Zeit über war Crear bemüht gewesen, seinem Großvater aus dem Weg zu gehen. Wann immer er ihm begegnete, versuchte er sich zu beherrschen. Meist hatte er zuviel Angst um aufzubegehren, doch manchmal schimmerte sein Hass in seinen Reden oder Augen hindurch. Auch Shaen konnte das unmöglich entgangen sein. Dieser war stark damit beschäftigt, seine Macht auszubauen. Als ältester Sohn des Gurass stand ihm sowieso der Titel des Tereanv zu, sollte dieser sterben, doch hätte ihn noch der Ehrgeiz seines Bruders Chauss oder eines dessen Söhne in den Weg kommen können. Als die Familie Chauss jedoch von einem Ausflug in den Osten nicht wieder zurückkam, da Banditen sie überfallen hatten, war dieses Problem gelöst. Nun – ich will damit ganz sicher nicht behaupten, dass Shaen dafür verantwortlich war – ganz gewiss nicht, immerhin gab es keine Beweise in der Richtung – doch kam ihm dies gut gelegen. Was ich damals aber immer noch nicht verstand war, wie ihm der Tod des Ataurass hätte helfen können.

Zunächst aber zu besagtem Treffen: Sobald sie von dem Unglück Chauss betreffend erfahren hatte, verfiel die ganze Familie Elorm für eine Woche in Trauer. Bereits nach drei Tagen aber sollte es sich ereignen, dass Shaen seinen Sohn Maereth sowie seinen Enkel Crear einlud, mit ihm am Feuer des kleinen Ostsaales zu trinken und beisammen zu sein. Ich war natürlich nicht eingeladen, sollte aber als Crears Mundschenk werken – und ehrlich gesagt lauschte ich sooft es ging, was dort besprochen wurde. Nachdem sie bereits für eine Stunde über Belanglosigkeiten – Wetter, andere Adlige, Klatsch, Gerüchte, das Verhalten von Shaens Frau, Stadtgeschehen, das Geschehen am Hofe in Barga und so weiter – gesprochen hatten, wagte Maereth endlich die wichtige Frage.

„Jetzt sag schon, Vater – warum wolltest du dich wirklich mit uns treffen?“

Ich sah die Beteiligten zwar nicht, doch hörte ich Shaen seinen Becher abstellen – immer noch klang seine Stimme klar, derweil Maereth etwas lallte. „Ich will mit euch die Dinge besprechen, die da kommen, wenn ich Tereanv bin – Gurass liegt im Sterben. – Jetzt guck nicht so Crear, du weißt das doch ebenso gut wie ich. – Die Kräuterfrauen und Heilmänner sagen, dass sie nichts mehr tun können. Der natürliche Lauf der Welt geht seinen Weg und nimmt ihn mit sich.“

Maereth schien besorgt – aber nicht um Gurass. „Was – hast du dann vor mit uns zu tun?“

Shaens Stimme schwang um in Zorn. „Dummkopf! Ich werde dir schon nichts antun – sonst hätte ich das längst getan! – Nein, du törichter Junge! – Ich brauche euch. Ihr seid die Fähigsten aus der Familie, wenn auch nicht die Schlauesten. – Nein, sagt nichts, hört einfach zu! – Lange genug hat diese Familie, die Familie Elorm, am Rande des Reiches vor sich hingedümpelt. Es ist Zeit, uns endlich zu vergrößern; und zu nehmen, was uns gehören sollte.“

Maereth schien überrascht – wir anderen wussten schon lange um Shaens Ehrgeiz. „Was hast du vor?“

„Uns Land erkämpfen, das andere Familien uns wegschnappten – was sonst?“

Endlich mischte auch Crear sich ein. „Und wir sollen für dich dabei was sein? Feldherren oder Statthalter?“

„Ich werde euch für beides brauchen, meine Kleinen.“

Plötzlich musste ich erschrocken von meinem Horchposten auffahren.

„Was tust du? Lauscht du etwa?“

Lange hatte ich mich nicht mehr so ertappt und peinlich berührt gefühlt.

„Du weißt doch – das tut man nicht.“ Mit einem seltsam belustigt belehrenden Blick sah Caeryss mich an, während sie gleichzeitig einen halben Laib Brot aus dem Brotkorb nahm.

„Essen stehlen gehört sich aber ebensowenig – hab ich zumindest gehört. Und warum sollte eine Köchin das tun?“

Nun grinste sie. „Ich habe nichts gesehen – oder du etwa?“

Was blieb mir anderes übrig als den Kopf zu schütteln?

„Na also – aber sag mal, was gibt es denn so tolles zu belauschen?“ Neugierig schob sie eine Strähne braunen Haares beiseite und machte Anstalten ebenso zu lauschen.

„Das geht dich eigentlich nichts an. – Shaen betrinkt sich mit Maereth und Crear.“

Diese Neuigkeit schien sie zu enttäuschen. „Ah? – naja – sicher interessant – für dich. Nun – weißt du schon, dass Gurass es nicht mehr lange machen wird? – Und auch, dass behauptet wird, unsere Frau Asmyllis sei nach Tarle gegangen, weil sie meint, ihren Bruder dort zu finden? – Hm – nagut, ich seh‘ schon, mit dir macht das heute keinen Spaß – vielleicht geh ich lieber mal zur alten Gouma.“

Sobald sie endlich fort war, konnte ich mich wieder der Aufgabe des Lauschens widmen. Doch kaum wie ich mitbekommen hatte, dass sie sich bereits wieder über anderes unterhielten, da öffnete sich plötzlich die Tür zum Saal und Shaen kam zu mir in die Kammer. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig aufrichten.

„Heda – Kämmerer – wie war der Name? – Ach ja: Doubal. Also – Doubal. Ich werde jetzt in meine Gemächer gehen – sorge doch bitte dafür, dass da drinnen aufgeräumt wird, wenn die beiden fertig sind – und lass mir morgen zeitig genug mein Frühstück bringen, ich werde ausreiten wollen.“

„Ähm – natürlich, Herr.“

Ich hatte kaum Zeit mich zu verbeugen, da war er auch bereits ins Treppenhaus entschwunden. Nun letztlich doch zurück an meinem Horchposten, glaubte ich meinen Ohren nicht mehr trauen zu können.

„Du willst ihn umbringen? – Wieso?“ Crear klang ebenso ungläubig wie ich geklungen hätte.

„Wie er selber sagte, wird er bald Tereanv sein – würde er sein, wenn er weiter lebt. Und ich wäre dann sein Nachfolger. – Aber ich will nicht warten, bis ich alt und schrumplig bin sondern jetzt schon seine Nachfolge antreten! – Und du – du wirst mir helfen!“

Crear war mittlerweile kühler, überlegter geworden. „Warum sollte ich das tun?“

„Du weißt genau, dass ich keine Kinder bekommen kann. Nach mir würde der Titel dann an irgendwen anders aus der Familie fallen. Wenn du mir aber hilfst, mache ich dich zu meinem Sohn -“

„Aber er ist dein Vater – du willst deinen Vater ermorden?“

„Lass das meine Sorge sein – du hasst ihn doch auch – wir alle hassen ihn. Es wäre besser, würde Ataurass noch leben, aber so -“

Er ließ seinen Satz ausklingen, ohne dass ich verstand, worauf er anspielte. Crear dagegen schwieg, bis Maereth fortfuhr. Seine Stimme klang plötzlich dunkel und traurig.

„Weißt du, Crear – ich würde dich auch so zu meinen Nachfolger ernennen. Wen sonst gibt es denn in dieser Familie schon? Gasmys bringt nur Bastarde und Schwachköpfige zur Welt und Asmyllis könnte man sich niemals unzüchtig genug vorstellen. Da bleibst nur du. – Und, mein Lieber – du bist gefährlich. Zu schlau und zu unberechenbar. Bis heute konnte ich nicht feststellen, was du eigentlich anstrebst – außer meinen Vater zu töten. Also wirst du mir helfen.“

Ich hörte auf einmal einen Stuhl über den Boden schaben und dann Crears wütende Worte. „Aus dir spricht bloß der Wein! – Du bist ebenso erbärmlich wie dein Vater!“

Hastige Fußtritte entfernten sich gen anderes Ende der Halle, gefolgt von einem weiteren scharrenden Stuhl und anderen Schritten.

„Crear – warte doch!“

Und damit ward alles ruhig.

Da ich niemanden mehr fand, den ich mit Shaens Frühstück an meiner statt beauftragen konnte, musste ich mich am nächsten Morgen wirklich selber darum kümmern und trug es sogar noch eigenhändig hinauf in seine Gemächer. Ich richtete alles im Esszimmer her wie es sich gehörte, doch fehlte noch der Herr des Hauses. Auf mein Klopfen hin antwortete niemand, so streckte ich vorsichtig meinen Kopf in sein Schlafzimmer – doch Shaen war nicht da. Verwundert ging ich hinab zur Küche, doch wurde von Caeryss aufgehalten.

„Da bist du ja! – Schnell! – Man braucht dich – Gurass ist tot!“

Einen Moment lang war ich zu erschrocken, dann eilte ich zu den Gemächern des alten Tereanv, um dort bereits alle sich zur Zeit in der Burg befindlichen Familienangehörigen vorzufinden. Gurass war tot – tatsächlich tot – nach all diesen Jahren – und die versammelte Familie trauerte – oder tat zumindest so.

Am selben Tag noch wurde Shaen Gurass Elorm zum neuen Tereanv von Lurut ernannt und in der folgenden Nacht Gurass verbrannt, als hätte man Angst, er könne wieder auferstehen. Etwa eine Woche lang ging dann alles seinen gewohnten Gang. Shaen versuchte sich in allen Amtsgeschäften durchzusetzen. Maereth wurde sein vorbestimmter Nachfolger, derweil Crear den Titel eines Heerführers bekam. Gasmys Shaen, der jüngere Sohn, bekam die Grenzmark zugesprochen, die unter Gurass noch Shaen inne hatte. Das lockte natürlich Gerüchte hervor, was er wohl mit Maereth vorhätte.

Und eines Abends, als ich durch die dunklen Gänge der Burg striff, vernahm ich – wieder einmal unwillig – ein Gespräch. Ich holte gerade ein verstaubtes altes Banner für Shaen aus einer Abstellkammer, da kamen im Gang draußen Gestalten an der Tür vorbei. Klar und deutlich vernahm ich da für einen kurzen Augenblick die Stimme der alten Teule, Frau des Shaen und heimliche Herrscherin der Burg.

„… musst es endlich tun, Maereth! Sei kein Feigling!“

Zunächst dachte ich mir nichts dabei, doch am folgenden Tage bekamen diese Worte eine seltsame Schwere, denn am Morgen war die gesamte Burg erneut in Aufruhr: Shaen war tot! Der Mann, der erst seit wenigen Tagen Tereanv gewesen war – war nun selber nicht mehr.

„Was – was ist geschehen?“ Ich war fassungslos, als ich davon hörte.

Caeryss ging es kaum besser. „Ich weiß es nicht – ich fand ihn heute morgen – tot in seinem Bett – er atmete nicht mehr…“

Sie schien den Tränen nahe, warum auch immer, also drang ich nicht weiter in sie. Andere schienen nicht mehr zu wissen, doch trafen mich als Kämmerer einige drohende Aufgaben, so ging ich zu Teule.

„Mein Mann ist tot und du erwartest von mir Gründe für deine Aufgaben zu erfahren? – Ha! – Du bist ein wirklich guter Kämmerer. Ich weiß nicht, woran er gestorben ist – Schwaches Herz? Falsches Essen? Nicht genug Opfer dargebracht? – aber ich will, dass alles vorbereitet wird. Du weißt, dass Maereth nun neuer Tereanv ist, auch wenn sein Vater es nicht lange war, also bereite die Feierlichkeiten vor. Und heute Abend wird mein Gatte verbrannt, wie es Sitte ist – bis dahin haben die Kräuterfrauen und Heiler Zeit genug zu versuchen herauszufinden, woran er starb.“

Nach dem ‚Gespräch‘ mit Teule fühlte ich mich schlecht. Ich hatte den starken Verdacht, dass sie und Maereth am Tode Shaens zumindest mitverantwortlich waren. Dass Maereth später bei seiner Thronbesteigung Crear zu seinem Nachfolger ernannte, machte die Sache für mich kaum besser. Crear, den ich als unschuldigen Jungen gekannt hatte, gehörte nun ebenso zu den Ränkespielen dieser Familie wie alle anderen. Unter den wenigen noch anwesenden Familienmitgliedern entstand schnell misstrauisches Geraune.

„Der kleine Crear einst Tereanv? Na das wird Frau Asmyllis gefallen, sollte sie je wieder heimkehren.“ Caeryss, die neben mir stand, warf mir nach ihren Worten einen bedeutungsvoll spöttischen Blick zu und machte sich von dannen.

Mich beschlichen ungute Gefühle, wenn ich an die Zukunft dieser Stadt – dieser Familie – dachte. Und es schauderte mich, als ich Teule neben ihrem Sohn stehend lächelnd auf die Versammelten blicken sah.


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Der A’Lhumakrieg – I: Die verlorene Tugend der Kindheit.

April 11, 2016

1. Buch

I: Die verlorene Tugend der Kindheit.

An einem schönen Frühjahrstag traf sich ein Teil der Familie Elorm südlich der Stadt Lurut am Telénemeer. Es ist heute nicht mehr bekannt, wer den Vorschlag dazu machte, doch nahm ein ganzer Zweig der Familie daran teil.

Shaen Gurass Elorm war ältester noch lebender Sohn von Gurass Noroash Elorm, dem Herrn von Lurut. Als die Familie im Wald jagen war, zeigte er stolz allen seine Beute.

„Seht was ich hier erlegt habe und versucht mich zu überbieten!“

Ataurass Shaen Elorm, sein jüngster Sohn, hatte den Ehrgeiz seines Vaters nie leiden können.

„Nur weil dir das fetteste und lahmste Tier vor den Pfeil lief bedeutet das nicht, dass du besser bist als wir. Zu siegen ist nicht alles.“

„Oh doch mein Sohn! Sieg, Macht und Kraft sind alles! – Aber das hast du noch nie begriffen.“

Asmyllis Teule Elorm, Tochter des Shaen und Schwester des Ataurass, hatte in der Familie schon immer zwischen den beiden gestanden.

„Das reicht! Es sollte ein schöner Ausflug werden!“

Tatsächlich gehorchten die beiden Männer ihr auch und schwiegen.

Der kleine Crear Ataurass Elorm, Sohn des Ataurass, gab zu dieser Zeit noch wenig auf die Reden aller Beteiligten, war er doch kaum größer denn das von Shaen erlegte Tier. Bezeichnenderweise nahm jedoch kaum jemand in seinen Worten Rücksicht auf den Kleinen, waren sie doch zu sehr mit sich und ihren Gegnern beschäftigt. Crears Amme, genannt Mütterchen Gouma, hielt ihm zu solchen Zeiten oft die Ohren zu, waren solche Reden doch nichts für sein kleines Gemüt.

Auch ich, Eilzen Doubal, war damals mit in diesem Wald an der Küste des Meeres. Meine Aufgabe war es, ein Lasttier zu führen, welches den Karren mit Vorräten zog. Drei solcher Karren und drei solcher Zugführer wie mich gab es; außerdem folgten noch die Knappen des Shaen und Ataurass sowie zwei Adlige aus der Stadt und ein Koch. Die Stimmung zwischen den beiden Streithähnen war bereits seit Tagen gespannt und vermutlich sollte dieser Ausflug sie alle auflockern, ablenken und wieder versöhnen. Doch es kam alles ganz anders und natürlich viel schlimmer.

„Wie lange willst du noch durch diesen Wald schleichen und wehrlose Tiere schlachten?“

Wenn es um seinen Vater ging, hatte Ataurass noch nie gewusst sich milde zu verhalten.

„Wenn es dir hier nicht gefällt, oh Sohn, dann lass uns an das Meer gehen. Wir haben genug erlegt uns ein gutes Mahl zu bereiten.“

Shaen kannte den listigen Weg schon immer besser.

Und auch wenn sich Vater und Sohn nicht immer einig waren, so konnten sie es doch heute: Die ganze Gesellschaft wanderte hinab an die Küste, die dort sandig und trocken war, um endlich etwas zu essen. Aber natürlich sollte es noch Stunden dauern bis alles so weit wäre, weshalb man sich zunächst mit dem mitgebrachten Brot begnügen musste.

„Wie lange hast du eigentlich vor hier zu bleiben? Ich hörte, das Wetter könnte heute schlecht werden.“

Asmyllis mochte zwar die Natur, doch nicht Ausflüge, die nur dem Töten, Fressen und Streiten dienen sollten. Laut wagte sie dies ihrem Vater gegenüber aber nicht zu äußern.

„Ach, das Wetter wird schon halten. – Und wenn nicht; was macht etwas Regen schon? Lasst uns doch endlich feiern! Wir sind hier als Familie und nicht als Vorbild für Lurut!“

Überschwänglich erhob Shaen sich von seinem Platz an der kurzen Tafel, doch so recht wollte niemand seinen Anweisungen folgen. Lediglich der kleine Crear nutzte die Gelegenheit, um durch den Sand zu strollen und nach Muscheln zu suchen. Mütterchen Gouma hielt ein wachsames Auge über ihn, doch sah er nicht aus, als wollte er etwas schlimmes anstellen.

„Wie geht es eigentlich Großvater? Seit meiner Rückkehr habe ich ihn noch nicht wieder gesehen.“

Sechs Monde war Ataurass im Land unterwegs gewesen um mit anderen Adligen zu sprechen und alte Bündnisse zu wahren.

„Ach – viel zu gut.“

Es war bekannt, dass Shaen seinen Vater, den damals fast schon greisen Gurass, ebenso wenig mochte wie sein eigener Sohn ihn. Manche Zungen wagten gar zu munkeln, dass Gurass dem Ehrgeiz des Sohnes zu stark im Wege stände.

„Du kennst ihn doch – Er wird niemals aufhören zu arbeiten. – Übrigens meinte er, dich bald sprechen zu wollen.“

Asmyllis versuchte oft mit Worten und einem schnellen Lächeln die Äußerungen ihres Vaters zu überspielen.

„Trauert er immer noch um Großmutter?“

Das bedrückte Schweigen, welches Ataurass selbst aus Richtung seines Vaters antwortete, schien keine weiteren Fragen oder Antworten zu verlangen. Kurz darauf versuchte dieser auch schon weiterzumachen wie zuvor.

„Asmyllis – deine Mutter braucht Hilfe. – Sie sagt es zwar nicht, aber sieh einmal nach ihr.“

Während das Gespräch so fortging, wurde ich dazu beordert Feuerholz zu sammeln. Es erwies sich nicht als sonderlich schwer, war der Wald doch nah, aber als ich zurückkehrte hatte sich alles verändert. Shaen hatte sich wieder einmal von seinem Stuhl erhoben, diesmal aber um hitzig mit seinem Sohn zu sprechen. Dieser schien kaum weniger aufgebracht, doch hatte sich besser im Griff. Verwirrt fragte ich Gouma, was denn nun schon wieder geschehen war.

„Mmh! – du kennst die beiden doch. Nehmen jeden noch so kleinen Anlass sich zu streiten. – Ich weiß schon gar nicht mehr… worum es diesmal ging. – Eines Tages werden sie sich noch umbringen. – Mmh!“

Am Tisch schienen Vater und Sohn sich bereits wieder beruhigt zu haben – zumindest waren sie leiser und saßen beide wieder. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich sodann eine Bewegung – und schon kam der kleine Crear zum Tisch gelaufen. Den Streit schien er – wie sooft – nicht bemerkt zu haben. Freudig erregt stand er da mitten zwischen Vater und Großvater und zeigte ersterem stolz etwas. Ich konnte nicht erkennen was es war, doch schon erhob Shaen auch wieder seine Stimme.

„Heda! – Koch! – Wie lange wird es wohl noch dauern?“

Dieser war erschrocken angesprochen zu werden und dementsprechend ungenau war seine Schätzung, als sein Hirn sich in die dunkelsten Ecken verkroch.

„Vielleicht… – Etwa zwei Stunden!“

Shaen grunzte seltsam zufrieden, um sich dann an die gesamte Tischgesellschaft zu wenden.

„Dieses Kind hier -“ Er deutete auf Crear. „- hat mich auf eine großartige Idee gebracht. Um die Zeit zu vertreiben – und um unser Mahl ansprechend zu bereichern – fordere ich dich -“ Er deutete auf Ataurass. „- meinen Sohn, heraus. Wer von uns beiden wird wohl die meisten frischen Muscheln aus dem Meer sammeln können?“

Der Angesprochene zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen, doch die Adligen schienen begeistert. Unter diesem Druck gab es nur eine Antwort für Ataurass.

„Du bist alt und wirst verlieren. – Ich nehme an!“

Während die Adligen ihm freudig zu prosteten, sah Asmyllis eher besorgt zwischen Bruder und Vater hin und her. Shaen aber stand da wie ein zu allem bereiter Wettkämpfer. Zurückblickend vermag ich nicht zu sagen, ob er dieses Stück geplant und geübt hatte – oder nicht. Auch Crear sah abwechselnd seine beiden männlichen Vorbilder an. Er schien nicht zu verstehen, was kommen sollte, doch steckte die gespannte Stimmung auch ihn an und wandelte sich – in Vorfreude.

Shaen, Ataurass, Asmyllis, die Adligen sowie zwei Knechte machten sich auf den Weg, hinab ans Meer. Ich verblieb mit Crear, Gouma und dem Koch beim Essen, doch sah ich immerhin noch, was geschah. Das Telénemeer war A’Lhumas einzige große Wasserfläche und Lurut nicht weit entfernt. Viele Schiffe und Boote hatten wir auf dem Blau bereits erblickt, doch waren nun plötzlich alle langsam wieder verschwunden. Ein kleines Fischerboot aber befand sich in Rufweite. Ich sah Shaen ihm zurufen; es herbei ordern. Als es am Strand angelegt hatte, wechselten der Fischer und Shaen ein paar Worte, woraufhin Asmyllis nachdrücklich aufbegehrte – doch ihr Bruder hielt sie ab; stieg mit seinem Vater und einem der Adligen in das Boot und ließ sich von dem Fischer hinaus auf das Meer fahren, wo wir sie bald aus den Augen verloren.

Und wenige Zeit darauf zog der Sturm auf.

„Schnell! – In den Wald!“

Der Koch wusste plötzlich Befehle zu geben, doch hatte er auch Recht. In nicht einmal einer Stunde war aus zuvor bloßen Wolken ein tosender, grollender Sturm geworden. Über dem Meer zuckten Blitze und die Wellen erhoben sich um krachend gegen den Strand zu branden. Uns an Land wurde heftiger Regen um die Ohren gepeitscht; innerhalb weniger Augenblicke waren wir nass. Mütterchen Gouma hatte nicht erst den Befehl des Kochs abgewartet, sondern versteckte bereits Crear unter ihrem Mantel um sogleich in den Wald zu flüchten.

„Aber Vater und Ataurass – !“

Asmyllis schien den Regen kaum zu bemerken; immer wieder blickte sie wild suchend auf das Meer hinaus, doch dort etwas zu finden war unmöglich.

„Frau – kommt mit uns; schnell! – Wir können jetzt nichts tun!“

Doch erst als ich sie am Arm packte und hinter mir herzuzerren versuchte, kam sie freiwillig.

Alles war in wilder Aufregung. Die Tiere waren vernünftigerweise bereits ohne uns durchgebrannt und hatten ihre Karren zurückgelassen; derweil wir alle eiligst dem Koch und Mütterchen Gouma folgten.

Der Wald schaffte es das Tosen abzuschwächen, doch trotzdem hatten wir einige grauenvolle Augenblicke vor uns, in denen ein jeder um sein Leben fürchtete. Die Natur erwies sich an diesem Tag stärker als wir, die wir nichts ausrichten konnten. Crear hielt uns bald mit seinem Heulen ebenso beschäftigt wie der Sturm, derweil Asmyllis dies alles kaum zu bemerken schien; immer wieder sah sie besorgt hinaus auf die See. Jene war finster und wütend und ich vermochte keine Hoffnung für die beiden Ausgefahrenen zu verspüren.

Nach einer unbekannten Weile, die mir wie eine Ewigkeit erschien, doch wesentlich kürzer hatte sein müssen, hörte der Sturm so plötzlich auf, wie er gekommen war. Und als die Sonne die Wolken durchbrach konnten wir hinter uns einen Regenbogen ausmachen. Nach kurzer Zeit schon wirkte auch das Meer friedlich wie zuvor, doch von Schiffen war nirgendwo eine Spur. Immerhin war es ruhiger geworden; auch Crear weinte nicht mehr.

Endlich erwachte auch Asmyllis aus ihrer Starre.

„Los, kommt! – Vater! – Ataurass!“

Nachdem sie losgerannt war, sollte ich der erste sein, der ihr folgte, doch bald darauf kam die gesamte Gesellschaft. Die Tische an der Küste standen erstaunlicherweise noch; die Stühle hatte es umgeweht, das Feuer war ertrunken und Tücher und Nahrung feucht. Von unseren Lasttieren gab es keine Spur mehr, lediglich das erlegte Wild fand sich noch. Am Strand zappelten Fische, die es an Land gespült hatte und alles dort war voll von Wasserpflanzen, doch von dem Boot und seiner Besatzung fehlte jede Spur.

Als endlich alle angekommen waren, wandte sich Asmyllis an sie, ihr Gesicht gezeichnet von getriebener Besorgnis.

„Worauf wartet ihr? Sucht den Strand ab – schnell!“

Sie selber schien ins Wasser waten zu wollen, doch Gouma hielt sie ab.

„Frau – bleibt bei uns; jemand muss auf Crear aufpassen.“

Wir suchten in zwei Gruppen den Strand ab: Ich ging mit dem Koch gen Norden, auf die Stadt zu, derweil der verbliebene Adlige samt den Knechten sich den südlichen Strand vornahmen. Fast eine Stunde verbrachten wir mit der Suche, achteten auf Strand und See. Mehr als einmal meinten wir Holzstücke oder Körper zu entdecken, doch stets entpuppte es sich als etwas anderes. Nach zahllosen Steinen, treibenden Algen, Fischen und Ästen schienen wir weit genug gegangen zu sein und kehrten um; vielleicht hätten die anderen mehr Glück gehabt.

Zurück beim Festplatz erfuhren wir von Mütterchen Gouma, dass die anderen tatsächlich etwas gefunden hatten.

„Oh, es ist so schrecklich – schrecklich! – die armen Herren.“

Wenig später kehrte die andere Gruppe zurück. Sie hatten Asmyllis und einen Karren nach ihrer ersten Rückkehr mitgenommen und erschienen nun wie ein Trauerzug. Die Knechte zogen und schoben den Karren, derweil die anderen düster blickend nebenher schritten. Auf dem Karren gebettet lag ein bewusstloser Shaen. Die Stiefel fehlten ihm, Hose und Hemd waren halb zerfetzt und in Haar und Bart hatten sich Seefarne verfangen. Er wirkte wie eine Gestalt aus einem Märchen – oder wie ein Schiffbrüchiger.

Wir betteten ihn auf feuchten Tüchern neben dem erloschenen Feuer, das zu entzünden uns aber nicht mehr möglich war, in der Hoffnung, er möge dennoch rasch erwachen und uns mehr über den Verbleib der anderen mitteilen. Doch dem war nicht so.

Als es drohte dunkel zu werden, mussten wir abbrechen und wenigstens ihn heimbringen, bevor er vor Kälte erkranken könnte.

„Oh Ataurass – wo bist du?

Mit Tränen in den Augen starrte Asmyllis hinaus auf die See. Es war mir unangenehm, sie unterbrechen zu müssen.

„Frau – ihr könnt hier nichts tun; ihr erkältet euch nur. Lasst uns in die Stadt zurückkehren – und sofort Reiter und Schiffe entsenden, die nach ihm suchen.“

„Hm – vielleicht hast du Recht.“

Offensichtlich schweren Herzens entschloss sie sich, meinem Vorschlag zu folgen.

Vor Lurut angelangt, waren die Haupttore bereits verschlossen, doch ließ man uns natürlich durch die kleinen Tore ein. Asmyllis befahl den Wachen sofort, Reiter und Erkundungsboote aussenden zu lassen – doch musste zunächst ein Hauptmann gefunden werden, der diese Befehle auch ausführen durfte.

In der Burg wurde Shaen in seine Gemächer gebracht, eingewickelt in frische Tücher und umhegt von Kräuterfrauen. Mehr sollte ich nicht mehr sehen, war mir der Zutritt in diese Gemächer doch verboten.

Am nächsten Tag kam Asmyllis hinunter in die Ställe, wo ich Dienst hatte. Als sie gerade eines ihrer Tiere satteln ließ, wagte ich sie anzusprechen.

„Frau Asmyllis – wie geht es eurem Vater?“

Es schien eine Weile zu dauern, bis sie mich erkannte.

„Eilzen – mm – wie es ihm geht… – recht gut – er muss sich nur ausruhen.“

„Das freut mich. – Und gibt es Neues von.. eurem Bruder?“

Ihr Blick versteinerte sich, als hätte sie keine Kraft für Gefühle mehr.

„Es ist noch keiner der Sucher zurückgekommen. Deshalb werd‘ ich jetzt selber los.“

„Ich mache mir vor allem um Crear Sorgen -“

„Eilzen – bitte passe auf Vater auf. Seine Schwäche könnte von seinen Gegnern genutzt werden, vor allem von Chauss. Dort kannst du auch gleich nach Crear sehen.“

Ohne meine Antwort abzuwarten, machte sie sich auf den Weg. Nun war ich also Teil der Ränkepläne dieser Familie, was mir gar nicht recht gefallen mochte. Doch kam ich meiner Verpflichtung gegenüber Asmyllis nach und begab mich bald zu Shaen. Endlich war er wieder zu sich gekommen; saß bereits aufrecht im Bett und aß seine erste Mahlzeit seit einem Tag. Leider aber war er nicht alleine: Chauss Gurass, sein jüngerer Bruder, sowie Maereth Shaen, sein ältester Sohn, waren bereits zugegen.

„Was willst du, Diener?“

Chauss, so vermutete ich, war nicht gut gelaunt. Da sein Bruder immer noch am Leben war, hatte sich keine bessere Möglichkeit für ihn ergeben den Thron zu erreichen, sollte Gurass einst sterben.

„Herren – die Frau Asmyllis schickt mich – zu sehen, ob es dem Herrn Shaen gut geht – und ihm zu Diensten zu sein, sollte er Wünsche haben. – Herr.!“

Eiligst und mich sehr unwohl fühlend verbeugte ich mich vor Shaens Bett. Dessen Stimme war bereits wieder die alte: stark und streng.

„Diener – wie heißt du?“

„Eilzen Doubal, mein Herr.“

„Eilzen – hat meine Tochter die Torheit begangen nach ihrem Bruder zu suchen? – sprich!“

„Äh – Herr… – kurz bevor ich hier zu euch kam ritt sie los, die Küste abzusuchen.“

„Welch törichtes Mädchen – sie wird keinen Erfolg haben – Ataurass wurde über Bord gespült – das Boot traf ihn am Kopf – niemals wird er das überlebt haben.“

„Das ist – schrecklich…“

Später saß ich mit Mütterchen Gouma und Crear in dessen Zimmer, wo er spielen sollte doch sich weigerte. Stattdessen kam er zu mir, als ich am Ort eintraf.

„Wo ist mein Vater?“

Ich war sprachlos.

Gouma hatte ich es zu verdanken, dass ich es ihm zumindest irgendwie erklären konnte. Mit Fünfzehn hatte ich noch keine große Erfahrung, Todesnachrichten zu überbringen. Dies sollte sich in den folgenden Jahren aber noch grundlegend ändern. Doch zunächst lernte ich was es hieß, ein verletztes, weinendes Kind beruhigen zu müssen. Und es sollte alles nur noch schlimmer kommen.


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Der A’Lhumakrieg – Prolog

Dezember 1, 2015

Prolog

Crear Ataurass Elorm ist tot. Für die einen war es ein Segen – für wenige ein Unglück. Bis heute ist es schwer zu entscheiden, zu welcher Gruppe man sich rechnen sollte.

Mein Name ist Eilzen Doubal. Ich war sein Diener, engster Vertrauter und – Freund. Jahre schon ist es her, dass Crear Elorm verstarb, und bisher hüllte ich mich stets in Schweigen. Nun, da alle ihn nur noch als das Böse betrachten, ist es Zeit für mich, alles zu erzählen, wie es wirklich war – wie ich es aus nächster Nähe erlebte. Dieses Buch soll alle Geschichten, alle Legenden, ins rechte Licht rücken oder ergänzen. Deshalb ist es nicht nur für das Volk von A’Lhuma, sondern für die ganze Welt gedacht. Und bei einer solchen Aufgabe muss man daran denken, dass nicht alle die Geschichte von A’Lhuma kennen werden, ja einige vielleicht nie von uns hörten. Darum lasst mich zunächst einige Worte zu unserem Reich verlieren.

Vor etwa 5000 Jahren erschienen unsere Vorfahren in diesem Teil der Welt um sich hier niederzulassen. Das Reich von Harite wurde groß und mächtig, doch die Streitigkeiten mit seinen südlichen Nachbarn Darite wirkten sich aus bis in unsere Zeit. Später stand es – mit Ausnahme von Barga, seiner Hauptstadt – unter völliger Herrschaft durch Luvaun. Dieses war für seine meisterlichen Bauwerke berühmt, was auch uns zugute kam; noch heute werden die Kanäle benutzt. Als Luvauns Gegner aber, das Reich von Lurruken, Barga in seinem Freiheitskampf unterstütze, waren die goldenen Zeiten bald vorbei und das Reich Haret entstand.

Padrun, die heutige Hauptstadt unseres Nachbarn Panmein, war damals die Hauptstadt. Da in Barga aber ein Großteil des alten Adels verblieb, befand sich das Reich bald nach einem gewaltigen Bürgerkrieg in Trümmern. Für viele Jahrhunderte blieben rund um den großen Strom des Haregez bloß kleine Reichem, die sich gerne bekämpften. Im Norden setzte sich schließlich Padrun durch und formte sein Panmein; im Süden kam die Familie Sacaeran in Barga an die Macht und Sacaluma ward geboren. Diese Familie war es einst auch, die unser Lurut gründeten. Lange Zeit blieben diese beiden Reiche – Panmein und Sacaluma – Gegner. – Bis Crear kam. Doch lange zuvor schon wurde dem Reich Sacaluma geweissagt, dass es dereinst einen wichtigen Teil eines großen Krieges spielen würde. Ob dieser nun stattgefunden hat oder noch kommen wird, werde ich wohl nicht mehr erleben.

A’Lhuma heute – oder auch bis vor wenigen Jahren Sacaluma – ist ein Gemisch verschiedenster Völkerschaften, so sollte es nicht wundern, dass es eines Tages größeren Streit zwischen diesen gab. 3940, vor 40 Jahren, herrschte über Sacaluma noch die Familie Sacaeran in Barga. Es war das Jahr, in dem in Lurut ein ganz besonderer Junge geboren wurde. Lurut liegt im Westen des Landes und ist Sitz der Familie Elorm. Dieses Kind war Crear Ataurass Elorm.

Ich weiß nicht, wann genau mein Freund Crear den Verstand verloren hat. Als Kind wirkte er so unschuldig, so anständig, so – gewöhnlich. Doch ist sicher, dass der Tod des Vaters ihn hart traf.


Falerte, Teil 77: Hinweise des Herausgebers.

Oktober 17, 2014

Hinweise des Herausgebers.

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ach diesem letzten Brief begann Falerte Khantoë seinen wirklichen Kampf gegen die Hochfesten, den seine Begleiter nun versuchen weiterzuführen. Viele Länder sind erobert, viele Krieger sind gefallen. Wir hörten von der Zerstörung von Lergis und wie die Hochfesten Ijenreich, Dalchon und Werzan in die Heimländer einfielen. Stets kämpften eroberte Völker für sie, weshalb viele von Khantoës Beschreibungen anderer Wesen und Opferungen noch nicht bestätigt werden konnten. Wir in Rardisonán und Omérian sind noch nicht bedroht, doch hört man auch schon von Kämpfen und Nardújarnán und dem Osten. Wie es um Pervon der die nördlichen Länder bestellt ist, vermag niemand zu sagen.

Khantoë gab sein Leben im Kampf, die unseren zu erhalten. Glaubte ihm anfangs niemand, so glauben nun alle und wir versuchen zu retten, was zu retten ist. Couccinne Carizzo half bei der Zusammenstellung dieses Bandes und ergänzte, wo Khantoës Erinnerung nicht richtig zu sein schien. Lasst uns hoffen, dass dieses eilig zusammengestellte Werk nicht unser letztes verbleibt. Lasst uns hoffen, dass zumindest die Legenden stimmen und Tól und Omé wiederkehren werden, um uns vor dem Ende zu bewahren.

 

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 09.10.3999

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Falerte, Teil 76: Letzter Brief des Falerte Khantoë

Oktober 15, 2014

Epilog

LXXV: Letzter Brief des Falerte Khantoë

 

09. 05. 3998, Solutetor.

Couccinne, lieber Freund, wie geht es dir?

Seit meinem letzten Brief sind gut zwei Jahre vergangen, seit deinem letzten über eines. Hast du neues herausgefunden? Ich weiß, deine Arbeit hält dich sehr beansprucht, doch bin ich dir auch unendlich dankbar für deine Hilfe. Du warst immer der einzige, der mir glaubte und mich nie im Stich ließ. Und nun lass mich dir von meinen letzten Erkenntnissen berichten, und du wirst sehen, dass dein Glaube an mich nie umsonst gewesen ist.

Während meiner ersten Wanderschaft damals habe ich stets Ausschau gehalten und mich umgehört nach etwas, das mir sagen würde, ich wäre in Nardújarnán doch nicht verrückt gewesen. Nur eines ist mir untergekommen, dass mir zu dem Zeitpunkt aber noch unbedeutend erschien, jetzt aber Sinn ergibt. Es hat mit Ijenreich zu tun, doch dazu komme ich noch. In Ciprylla dagegen war die Welt für mich tot, alle Erinnerungen vergessen und nur noch das Leben zählte. Wäre nicht das ewige Gefühl gewesen, dass mehr sein muss, ich wäre nie wieder auf Wanderschaft gegangen, sondern würde auf immer im Reichtum schwelgen und könnte dir nie berichten.

An viele Orte trieb es mich, doch ausschlaggebend für mein restliches Leben sollte ausgerechnet Taevolon sein, das du vielleicht auch unter anderen Namen kennst. Dort lebt der Kalte König, Herr von Akalt, und wacht über seine Untertanen. Damals war und derzeit ist es Tecÿnoal Krautfaust, ein Bär von einem Mann, doch auch weise und gütig. Ich hatte nur vorgehabt für einige Tage in dem Ort zu bleiben, um dann in den Wald und die Schmelzöfen vorzustoßen, doch Krautfaust schien von mir gehört zu haben und rief mich an seinen Hof.

In der Nacht zuvor war es aber, da hatte ich einen schrecklichen Alptraum. Meine Unterkunft hatte ich in einem Gasthaus am Rande der Stadt bezogen. Es war bereits dunkel und ich wollte nur noch schlafen, da klopfte es an der Tür zu meinem Zimmer. Es beunruhigte mich sofort, erwartete ich doch niemanden. Während ich fragte, wer da sei, erhob ich mich gleichzeitig und griff nach meinem Schwert, das neben meinem Bett lag. Mir antwortete niemand, doch klopfte es erneut, weshalb ich, nun für den Notfall kampfbereit, den Besuch zu mir hereinrief.

Schnell sollte ich mir wünschen, es nicht getan zu haben. Knarrend öffnete sich die Tür langsam und sofort lag der Geruch von Hasenblumen in der Luft, die bei euch, doch nicht in Akalt wachsen. Der Flur des Gasthauses war seltsam pechschwarz und aus ihr heraus sowie in mein Zimmer hinein trat eines der Wesen aus Nardújarnán, ein Fahach. Es war unbekleidet und sofort erkannte ich dieses an seiner Narbe quer über der Brust sowie dem seltsamen Bart, der seinem Gesicht entwuchs, doch nicht zu diesem sonst haarlosem Wesen zu passen schien.

Ich fragte ihn, was er begehrte; eine Antwort folgte nicht. Mein Herz raste, war ich doch seit Monden, seit Jahren von ihm verschont worden. Er aber blieb nur in dem Raum stehen, während sich die Tür ohne Hilfe leise hinter ihm schloss. Der Geruch wandelte sich schlagartig um in den verbrannter Asche, als er die Arme weit ausladend hob. Feuer floss von seiner Stirn über Schultern zu den Händen sowie ebenfalls hinunter zu den Füßen. Unsere Umgebung wandelte sich gleichfalls. Wo eben noch das Bett zwischen uns stand, erhob sich plötzlich die ausladende Kette der Schmelzöfen, der Berge, die ich von Karten kannte. Wir schienen über dieser Erscheinung zu schweben. Ein blauschwarzgeschuppter Finger, der in eine gebogene Kralle auslief, deutete auf einen der größten Feuerberge. Ich wusste auf einmal, dass ich dorthin gehen sollte. Dann war alles vorbei, verschwunden, und ich erwachte erst wieder morgens in meinem Bett, ausgezogen und bewaffnet.

Später an diesem Tag sollte ich bei dem Kalten König vorsprechen. Er empfing mich herzlich und freundschaftlich in einem kleinen Nebenzimmer, wo ich ihm von meinen Reisen erzählen sollte. Wir tranken und freundeten uns schnell an, kann man einen solchen Mann doch auch nur lieben. Er wiederum erzählte mir von seinem Land, dessen Geschichte sowie seiner eigenen Vergangenheit. Damit schlug das Gespräch dann plötzlich um, und der König sprach von erschreckenden Dingen. Couccinne, mein Freund, alles was ich je erfuhr ist für ihn auch Wahrheit! Tatsächlich ist die Welt bedroht und die Gefahr geht von diesen Feuern aus, die wir sahen. Krautfaust erzählte mir, wie er und einige seiner Freunde diese Dinge, diese Wesen und ihre Verbündeten seit langer Zeit beobachten und versuchen würden, die Welt auf ihre Bedrohung vorzubereiten! Ganz ist ihm jedoch das alles noch nicht klar, vieles noch ungeklärt. Wer sind sie genau, woher kommen sie und warum wollen sie die Welt erobern? Krautfaust erzählte mir bloß von seiner Vermutung, dass Tól und Omé etwas damit zu tun hätten. Zumindest scheint klar, dass sich die Welt in den nächsten Jahren großen Bedrohungen ausgesetzt sehen wird, die wir versuchen müssen zu verhindern.

Auch ich berichtete ihm von unseren Erlebnissen, die ihm ein wenig neuen Aufschluss, doch auch Rätsel gaben. So konnte er mit meinen Erscheinungen nur wenig anfangen, ein Puidor war ihm unbekannt, auch ihre Art der Opferungen. Letztlich kannte er auch die Fahach oder Ašckhir nicht, doch schien ihn das zu beunruhigen. Genau genommen waren es sogar meine alten Erscheinungen und Erzählungen, die ihn dazu bewogen mich zu rufen und einzuweihen. Der Kalte König überzeugte mich, meine Reise in die Schmelzöfen aufzugeben und stattdessen zu einem seiner Freunde zu reisen, dem Anführer des sogenannten Netzwerkes, welcher damals in Ruken lebte. Einige Wochen verbrachte ich mit diesem Mann, Temperian Braulkir, der mir mehr erzählte. Vielleicht bist du ja unterrichtet, dass das Reich Ijen, wie oben schon erwähnt, in den letzten Jahren etliche kleine Länder  um sich herum unterwarf, so auch Ruken. Braulkir zeigte mir, dass Ijenreich auch ein Teil des Bösen sei. Ich erkannte diesen Namen nun auch endlich aus meinem alten Wachtraum, den ich in Abajez hatte und erzählte ihm davon, nannte ihm auch die anderen dort erwähnten Namen. Auch er konnte mir nicht sagen, weshalb geschieht was geschieht und was meine Erscheinungen zu sagen haben, kannte auch nur Hinweise, die auf Tól und Omé deuten, noch überliefert von Tamirús, dem letzten Herrscher von Lurruken. Diese alten Hinweise ließen mich schaudern, kann ich mir die gewaltige Zeitspanne doch kaum ausmalen, in der die Menschheit nun schon aus dem Dunkel bedroht sein muss.

Als wir beide nicht mehr weiter wussten, kam eine Botschaft aus Solutetor, einer Burg in Aleca, welche die Festung Dalchon stets für Braulkir im Auge behielt. Da Dalchon sich anfing zu rühren, reiste ich sofort nach Solutetor ab und hier bin ich nun. Erst die Gespräche mit dem Herrn der Burg gaben mir die Erinnerung zurück, dass dein Orden, deine Arbeit sich stets am meisten mit Omé befassten. Ich sende dir hiermit ausführlichere Berichte über alles, was wir wissen, die dich aufklären sollen, und bitte dich, uns deine eigenen Erkenntnisse mitzuteilen. Ich weiß, dass dich ebenso die Geschehnisse in Nardújarnán, Ašckhir und Ladóra nie zur Ruhe kommen ließen. Erzähle dem Herrn von Solutetor alles, was du weißt, er wird es weiterleiten an die anderen. Ich kann hier nicht mehr bleiben.

Gestern kam eine seltsame kleine Reisegruppe hier an und mich befiel die starke Vermutung, dass sie uns weiterhelfen könnten. Vor allem diese Elinna Sternstrahl scheint weiteres über die Schmelzöfen zu wissen. Heute Abend findet ein Essen statt, bei dem ich sie weiter ausfragen werde. Gleichzeitig sandten uns Kundschafter die Botschaft, dass Dalchon sich Richtung Teûnbund aufmache. Ich sehe schwarze Zeiten auf uns zukommen, mein Freund. Bald brechen wir auf, um nach Dalchon zu reisen. Wünsche mir und allen freien Lebewesen mit mir Glück!

Leider muss ich nun Schluss machen, die Pflicht ruft.

Dein Freund Falerte.

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Falerte, Teil 75: Brief an die Schwester

Oktober 15, 2014

LXXIV: Brief an die Schwester

 

03. 03. 3990, Ciprylla.

Geliebte Schwester,

Wieviele Jahre ist es nun wohl her, seitdem ich dir das letzte Mal schrieb? Ich hoffe sehr, du hasst mich für mein Schweigen nicht, doch gab es gute Gründe. Lies dir durch, was ich zu sagen habe und ich will dir über die letzten Jahre berichten. Viele Dinge habe ich gesehen und noch viel mehr getan; immer auf der Jagd nach dem Glück und einer Antwort, welches mein Sinn im Leben ist. Anfangs ging ich zu Couccinne und war eine Zeitlang mit in dessen Orden. Während es ihm aber zu gefallen schien, verspürte ich nur den Drang nach mehr, hatte den Gedanken, dass etwas fehlt. Ich sprach oft mit ihm darüber, da es ihm einst wie mir dort gegangen war, doch meinte er nun sein Glück an diesem Ort gefunden zu haben. Es fiel mir schwer, doch musste ich ihn verlassen, etwas zog mich hinfort.

Ich brauchte Zeit für mich allein, fern der alten Bekannten, fern von Vorwürfen unserer Mutter, deshalb schrieb ich dir eine Weile auch nicht mehr. Später kamen meine Briefe ungeöffnet zurück und ich dachte, du seist sauer auf mich, doch lag es nur an eurem Umzug, wie ich jetzt endlich erfuhr. Damals aber war ich enttäuscht und teils verzweifelt, bist du mir doch stets eines der wichtigsten Wesen der Welt gewesen. Aus den verschiedenen Enttäuschungen und der Unruhe heraus entschloss ich mich, auf Wanderschaft zu gehen, die Welt zu sehen. Vor allem aber versuchte ich Miruil zu finden.

Auf meinem Weg vernahm ich die unterschiedlichsten Gerüchte über ihn. In Tarle sagten sie, er hätte eine Prinzessin geheiratet und wäre König geworden, doch das gehörte in die Welt der Märchen. Andere Leute erzählten mir in Dhranor, er wäre bei der Suche nach Schätzen ums Leben gekommen, doch fand ich dafür nie einen Beweis. Letztlich hörte ich in Aleca, er sei nach Ciprylla gegangen, der großen Stadt der Abenteurer. Und da war ich dann, so nah an meinem Beginn und doch so weit gereist. Fast fühlte ich mich wie in Rardisonan, als ich das erste Mal alleine in einer fremden Stadt war. Ich wusste nicht wohin und auch nicht, was ich tun könne. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich dann Miruil fand.

Vielleicht hätte es mir lieber nie gelingen sollen, vielleicht hätte ich lieber auf ewig von der Vergangenheit träumen sollen. Miruil hatte sich sehr verändert und mir gefiel dies nicht. Ich werde dich nicht mit allen Einzelheiten langweilen, doch es war schwer für mich. Miruil erkannte mich zwar, zeigte aber keine Freude mich zu sehen. Die Verwandlung, die er in Nardújarnán begonnen hatte, schien nun abgeschlossen. Er war Spieler bei den Spielen von Ciprylla und nichts anderes war ihm mehr wichtig, es ging nur noch um Ruhm, den Jubel der Massen und den Reichtum. Bei fast allen wichtigen Spielen der Stadt war er stets der Gewinner, das hatte ihn größenwahnsinnig werden lassen.

Es war im Streit, da forderte ich ihn heraus beim Großen Spiel gegen mich anzutreten. Du weißt, bei diesem wird entschieden, wer Fürst der Stadt werden soll und es war das einzige Spiel, an dem Miruil noch nicht teilgenommen hatte. Ich kitzelte seine Angst, verhöhnte ihn, und bald standen wir vor dem Eingang zu den Höhlen des Großen Spiels, zusammen mit einem Dutzend anderer. Wir alle waren da Feinde, denn nur einer soll es lebend bis zum Ende schaffen. Es war grauenvoll. Zwar ließ mich der Nervenkitzel lebendig fühlen, doch es war schrecklich den Tod von Miruil fordern zu müssen. Die letzte Höhle wäre auch sein Ende gewesen, hätten wir uns nicht endlich wieder zusammengerissen und gemeinsam das Spiel besiegt.

So etwas war nicht oft in der Geschichte der Stadt vorgekomm und eigentlich auch verboten, doch hatte man letztlich keine Wahl, als die Zuschauer uns beiden zujubelten, als ich erklärte, dass Miruil gewonnen hätte. So wurde Miruil Enfásiz Fürst von Ciprylla. Und ich? Ich wurde zu dem, was Miruil gewesen ist. Jetzt jubeln sie mir bei den Spielen zu und die Angebote werden immer ungeheuerlicher, mit denen man mich zu kaufen versucht.

Doch ich will das alles nicht. Es behagt mir nicht, Liebling der Stadt zu sein, nur weil ich ihre dämlichen Spiele spiele, gewinne und für ihre Unterhaltung zuständig bin. Miruil habe ich kaum noch je gesehen und man muss wohl sagen, unsere Freundschaft ist gestorben. Auch von Couccinne habe ich kaum noch etwas gehört, auch wenn wir manchmal Briefe tauschen. Mittlerweile scheint er Hohepriester des Ordens zu sein, eine Rolle, in der ich ihn mir kaum vorstellen kann.

Jedenfalls habe ich erneut beschlossen, fortzugehen. Ich werde ziellos in der Welt herumwandern, mich treiben lassen und sehen, was das Schicksal für mich geplant hält. Vielleicht schreibe ich wieder Tagebücher, die ich dir zusenden werde. Auf jeden Fall aber schicke ich euch den Großteil meines Vermögens mit, ihr dürftet dafür bessere Verwendung finden. Wünscht mir Glück.

Ich liebe dich,

Falerte

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