GaT06 Tod in sieben Minuten

Oktober 3, 2013

Blut spritzte – Knochen barsten. Ihren toten Schädel zog er an ihren Haaren hoch, sah ihr kurz höhnisch in die Augen und warf ihn sogleich weg – auf den Müll, wohin er gehörte.

„Dort ist er!“ hörte er eine Stimme schreien.

Und er lief – lief, lief, lief – lief in tiefe schwarze Dunkelheit, tiefe weite Ewigkeit. Doch die Umgebung wandelte sich – Schwarzer Nebel ward bald rot durchzogen. Am Rande des Bewusstseins – ein Objekt – eine Gitarre? – ihre Gitarre! – Doch bald nur mehr Feuerholz. Klimper? – Klimper? – Nimmermehr! Lodernd rotes Feuer – wärmend Geist und Körper – verzehrend Zeichen seiner Tat. Sieben Minuten; mehr brauchte es nicht. – Doch da! Renn! -. Flieh! – Zu spät. Denn der Tod macht nicht halt – macht selbst nicht halt vor seinen Helfern. – Doch alle sind seine Helfer! Sieben Minuten; mehr brauchte es für niemanden.


GaAL11 Die Hexe und die Katzen

August 11, 2013

„Keine Sorge, wir bekommen dich wieder hin!“

Immer wieder sprach sie beruhigend auf das kleine Bündel in ihren Armen ein. Dieses schien nur bedingt auf sie zu achten; zappelte und strampelte lieber. Dann und wann ließ sie ihre Hand durch das Bündel gleiten, berührte den kleinen seidenen Kopf um zunächst zu erschrecken, dann ihn zu streicheln. All ihre Bemühungen schienen aber ohne Erfolg, ohne freudige Annahme. Und als sie die Gasse verließ, wollte sie nur noch verzweifeln.

Warum hatte ihr niemand erzählt, dass ausgerechnet heute, an diesem so schon schrecklichen Tag, auch noch ein Weihnachtsmarkt sei? Jetzt blieb ihr aber keine andere Wahl; der einzige Weg führte über diesen Platz, der von Baum, Menschen und Verkaufshütten verstopft war. Immer wieder anstoßend, immer wieder ausweichend, immer wieder fluchend kämpfte sie sich durch die Massen, erfuhr mehr Nähe als ihr lieb war und musste stets um den Halt ihres Bündels kämpfen, das nicht verloren gehen durfte; dafür liebte sie es zu sehr. Die Menschen aber, die hier immer wieder ihren Weg versperrten liebte sie nicht und mehr als einmal war sie kurz davor sie alle zu verfluchen, zu verwünschen, zu – verhexen. Doch würde sie sich nun zeigen, wäre alles verloren, alles umsonst gewesen. Und so wie es aussah, waren die meisten auch bereits verhext; gingen im Einkaufsdurcheinander des Marktes unter.

Es dauerte eine ganze Weile, sich dort hindurchzudrängen. Einmal stieß sie gegen einen verkleideten Weihnachtsmann, der ihr ein „Ho! Ho!“ hinterherschickte, ein andern Mal gegen einen Stand und warf dabei fast bemalte Glaskugeln herab. Mitten auf dem Platz aber, genau unter dem Baum, rempelte sie jemand so stark an, dass sie ihr Bündel fallen ließ. Die darin eingewickelte schwarze Katze fiel jedoch sanft und wartete bis sie wieder eingesammelt worden war; ängstlich miauend ob der drohenden Massen.

„Ach mein Liebling, sobald wir dich zurückverwandelt haben, kehren wir zurück in das Andere Land und diesen unruhigen Gesellen den Rücken!“

Ein zustimmendes Miauen antwortete ihr. Die Katze wieder einpackend, setzte sie ihren Weg fort.

Dabei bemerkte sie nicht, wie ihr in einigem Abstand eine zweite Katze folgte, die genauso aussah wie die in ihren Armen. Doch auch wenn sie bemerkt worden wäre, hätte diese sich nicht mit ihr verständigen, hätte ihr nicht von dem Irrtum erzählen können, der sie die falsche Katze mitnehmen ließ. Und während so die kleine Hexe – seine kleine Hexe – durch die Dunkelheit eilte und die fremde Katze streichelte, schlich sich ein Schmerz in sein Herz, den er nicht zu vertreiben vermochte.

„Gleich sind wir da; der Doktor wird dir sicher helfen können!“

Das Bündel in ihren Armen schien sie nicht zu verstehen.

Doch tatsächlich waren sie sogleich da, nur noch über den Platz, an Weihnachtssängern vorbei, die Treppen ins Haus hinein und an seiner Tür geklopft. – Doch oh weh, was war das?

‚Über die Feiertage geschlossen.‘

Verzweifelt hämmerte sie an die Tür; irgendjemand musste doch da sein. Doch niemand öffnete. Gut fünf Minuten fuhr sie heftig mit ihrer Tat fort, da schwang eine Tür ein Stockwerk höher auf und ein älterer Mann kam halb die Treppe herab.

„Es ist geschlossen – sehen sie das nicht?“

„Ich muss dringend den Doktor sehen – es ist ein Notfall – ein Zauberspruch wirkte verkehrt!“

Wenig später saßen sie zu Dritt in einer Kammer, die Teil einer größeren Wohnung war: Der Doktor, die kleine Hexe sowie die falsche Katze. Letztere versagte ihnen die Genugtuung ruhig sitzen zu bleiben, strollte lieber hierhin und dorthin, drauf und drüber.

Und von draußen, durch das Fenster, beobachtete die richtige Katze die versammelte Gesellschaft.

Die Kammer war spärlich eingerichtet; außer Tisch und Stühlen noch ein kleiner Ofen; doch selbst dieser Raum barg am Fenster etwas Weihnachtsschmuck. Der Doktor hielt sich jedoch nicht mit Weihnachtsansprachen auf, sondern kam schnell erneut zu der Frage, warum die anderen gekommen waren. Und nun musste die Hexe alles offenbaren. Tatsächlich ließ der Doktor sich davon überzeugen und erkannte den Ernst der Lage. Seine beiden Besucher in sein geheimes Labor führend erklärte er ihnen, was nun zu tun sei. An sich müsste sie ja bloß den Spruch, den sie verwendet hatte, umgekehrt erneut aufsagen, doch reichte das noch nicht völlig – zusätzlich müsste die Katze einen Mistelzweig verspeisen und der Doktor eine seltsame Maschine anwenden, deren Gebrauch er aber nicht genau erklärte. Rein zufällig – denn was zu besitzen wäre zu Weihnachten schon abwegiger? – hatte er sogar einen Zweig auf Vorrat – der Versuch konnte also sogleich starten.

Die Katze zum Fressen zu bringen erwies sich aber als äußerst schwierig. Sie versuchten es mit Vernunft, doch die Katze schien nicht zu verstehen – schon immer war er ein Sturkopf gewesen, so die Hexe –; sie versuchten es mit Gewalt, doch die Katze wehrte sich mit aller Kraft und Krallen; und sie versuchten es mit List. Und endlich, eingewickelt in ein Stück Fleisch, war das Tier bereit den Köder zu schlucken. Ohne zu zögern sperrte der Doktor es sogleich in den Käfig seiner Maschine und warf diese an, derweil die Hexe begann den Spruch rückwärts aufzusagen. – Nichts geschah. Die Katze zeterte und fauchte, da seltsame Funken über ihr Fell glitten, doch blieb sie ganz die Alte.

Und draußen beobachtete die zweite Katze alles durchs Fenster. Nun endlich schien die Zeit gekommen sich zu offenbaren und diesen Thronräuber zu verjagen. Eilig sprang er von seinem Posten, verscheuchte die Gedanken wie die kleine Hexe – seine kleine Hexe – dieses fremde Wesen streichelte, erkletterte eilig die Treppen und kratzte Einlass fordernd an der Tür des Doktors. Als dieser endlich kam zu sehen wer da war, doch verwundert in seiner Augenhöhe niemanden bemerkte, schritt die Katze mit stolzgeschwellter Brust an ihm vorbei und hinein in das Labor. Dort erwartete ihn eine verwirrt dreinblickende Hexe, die ihn zu seinem Ärger immer noch nicht erkannte. Doch immerhin hatte sie bereits den Hochstapler aus seinem Käfig entlassen – hielt ihn streichelnd im Arm! – und ihm damit den Weg geebnet.

Schnell schluckte er ein Stück widerlicher Mistel hinunter und sprang selber in den Käfig, sich dort wie eine Maus fühlend. Als einziger schien immerhin der Doktor, welcher nun ins Zimmer getraten kam, die Lage zu verstehen. Eiligst schloss er das Gerät, warf es an und befahl der Hexe ihren Spruch zu sagen. Kaum hatte sie dies getan, wurde der Katze im Inneren der Maschine plötzlich sehr beengt zumute, denn endlich war sie wieder ein Mann. Als der Doktor ihn herausließ, fiel der erschrockenen Hexe die falsche Katze herab. Schnell wandelte sich Überraschung in Freude.

„Liebster! – endlich bist du wieder du selbst! – verzeih – ich werde nie wieder unbekannte Sprüche versuchen!“

Ihr Mann war ihr darüber aber kaum böse, immerhin zeigte sie doch Reue und er hatte etwas neues erleben können, doch ließ er sie schwören, nie wieder einen fremden Kater zu berühren; auch wenn die Hexe nicht ganz verstand, warum. Der Doktor schien glücklich damit, endlich wieder seine Ruhe bekommen zu können; forderte nur später ein kleines Geschenk aus dem Anderen Land, mit dem er schon immer gute Geschäfte gemacht hatte. Dorthin denn entschwanden die Hexe und ihr geliebter Mann auch bald, wollten sie doch endlich wieder heim – denn sie waren zum Weihnachtsessen geladen.

 

 


GaAL10 Der eifersüchtige Willy

August 4, 2013

„Da meine Süße, dein Essen!“ Er stellte den Teller vor der kleinen buntgefleckten Katze ab. Die gesamte Zeit, während diese nun fraß, saß er daneben und streichelte das kleine Geschöpf. Auf dem Teller befanden sich handgeschnittene Fleischbrocken und andere Leckereien.

Willy knurrte der Magen, als er dies beobachtete. Wie lange war es her, dass er das letzte Mal so etwas bekommen hatte; so verwöhnt worden war? Starke Eifersucht kroch in seinen Magen und verursachte ihm Bauchschmerzen – oder war es der Hunger? Vor vier Tagen hatte Herr Veronika dieses Kätzchen gefunden und behandelte es seitdem wie ein zerbrechliches Püppchen. Und was war mit Willy? Nur weil er kein süßes kleines Kind mehr war, wurde er ins Abseits geschoben? Einst hatte Herr Veronika geschworen sich um ihn zu kümmern, ihm wie ein Vater zu sein. Jetzt schien das alles vergessen. Wie gern würde er sich über die Behandlung beschweren – doch er konnte ja nicht sprechen.

Als Herr Veronika endlich auch einmal zu ihm kam und ihm ohne ein Wort einen Teller Püree vorsetzte, verging ihm der Appetit. War dies nicht deutlich genug um zu sehen, wie wenig er ihm bedeutete? Enttäuscht schlich er sich aus der Küche; aus dem Haus. Er suchte seine Lieblingsstelle im Garten auf und legte sich dort unter den alten Baum. Sich sonnend grübelte er über Herrn Veronika und das Kätzchen nach und fand sich kurz davor trotz seines Ärgers einzuschlafen.

Da fiel ihm etwas auf die Nase und hielt ihn davon ab: eine schwarze Feder. Verwundert blickte Willy auf – und sah eine dicke fette Krähe davonflattern. Angewidert schüttelte er sich – Krähen konnte er nicht ausstehen – um dann zu sehen, wie zwei Gänse über den Rasen des Gartens angewatschelt kamen. – Gänse? Seit wann gab es hier denn Gänse? Überrascht beobachtete er die beiden, doch sie schienen sich nicht verirrt zu haben; hielten vielmehr genau auf ihn zu.

Wenige Fuß von ihm entfernt hielten sie und streckten die Hälse hierhin und dorthin, als würden sie ihn mustern. Wer seid ihr denn? wollte Willy fragen, doch konnte er ja nicht. Umso erstaunter war er, als sich eine Antwort in seinen Geist schlich. Es musste von den Gänsen kommen, soviel war sicher. Sie nannten ihm ihre Namen – Gänselieschen und Schnatterinchen – und fragten freundlich nach seinem. Willy war eine Weile zu verblüfft um zu antworten, da sah er die Gänse sich bereits beraten, ob er überhaupt denken könne – was er auch tat. Erfreut doch noch eine Antwort zu bekommen beschnatterten die Gänse ihn kurz aufgeregt und forderten ihn sodenn auf, ihnen zu folgen. Willy versuchte noch zu fragen warum und wohin, doch antworteten sie nicht mehr. Zwar hatte er Gänsen noch nie getraut, doch wusste er nichts anderes zu tun denn zu folgen – und obendrein war er sehr neugierig.

Also erhob er sich und stapfte den watschelnden Vögeln hinterher – und sollte noch viel staunen. Zunächst fiel ihm auf, dass er nicht bemerkt hatte, wie das Haus verschwunden war. Nun erschien es ihm aber doch merkwürdig. Das Grundstück lag auf einem Hügel am Rande des Dorfes, dessen Spitze der Baum krönte, unter welchem Willy gelegen hatte. Da er sich auf der dem Haus abgewandten Seite befunden hatte, war ihm das Verschwinden nicht weiter aufgefallen. Als sie sich jetzt den Hügel hinab begaben, wirkte dieser aber seltsam leer. Wo waren die Zäune, Blumen, Wege? Da wunderte es ihn kaum, am Fuß des Hügels auch keine Straße anzutreffen. All die Autos, die täglich lärmend das Haus passierten – sie würde er nicht missen; etwas gutes hatte die Sache also schonmal.

Dann kamen sie auf die Wiesen und noch immer gab es keine Anzeichen von Menschen. Was war geschehen? – und – Wohin gingen sie? Mehrmals versuchte Willy die Gänse zu befragen, doch antworteten sie nie. Es schien aber, als führten sie ihn ins Dorf – wenngleich er sich nicht sonderlich überrascht zeigte, dieses nicht vorzufinden. Doch immer noch waren dort der Fluss und dessen Insel. Offenbar ging es darauf zu. Sie war hoch mit Gräsern bewachsen, weshalb Willy nichts auf ihr erkennen konnte. Überhaupt war das ganze Land wesentlich stärker bewachsen als sonst; es wirkte so – natürlich. Es war schwer für ihn sich zu entscheiden, ob er dies begrüßte, denn gäbe es keine Menschen mehr – wie sollte er dann an Unterkunft und Nahrung kommen? Er war noch nie ohne Fürsorge gewesen.

Und dann kam das Wasser. Natürlich war die Brücke verschwunden, doch müssten sie wirklich durch den Fluss waten? Willy, der nicht schwimmen konnte, war Wasser noch nie geheuer gewesen. Da die Gänse aber weder mit sich reden ließen noch ihn überhaupt beachteten, musste er wohl oder übel auch hinein. Wie feucht und kalt es doch war! Aber zumindest ertrank er nicht wie befürchtet, reichte das Wasser doch selbst den Gänsen nur bis an den Bürzel. Auf der Insel angelangt durchtraten sie die Reihen von Schilfrohr und Gräsern – an deren Rande Willy erstaunt stehenblieb.

Die Gänse watschelten gemütlich weiter als gäbe es nichts besonderes und schlossen sich dem bereits wartenden Kreis der Tiere an, die nun wiederum alle Willy anstarrten. Alles mögliche war dort in einem Kreis auf der Insel versammelt: Hunde, Katzen, Gänse, Enten, Kühe, Mäuse, Schafe, Schweine, Pferde und zahlreiche andere Tiere von Hof und Land. Willy fühlte sich unter ihren Blicken plötzlich sehr klein.

Und dann fingen auch noch die Gänse an zu schnattern. Sie stellten Willy vor und erklärten, er würde in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollen – wollte er das? – Ja, das wollte er, sprachen die Gänse. Da antwortete eine große Kuh, er müsse zunächst beweisen der Gemeinschaft wertvoll sein zu können. – Aber er wollte doch gar nicht… – Willy kam nicht zu Wort. Einige der Tiere plapperten ob dieser überraschenden Umstände wild durcheinander. So kam es, dass niemand die Annäherung der dicken fetten Krähe bemerkte. Unerwartet schoss sie aus dem Nichts und stürzte sich zielgerichtet auf etwas im Kreis der Tiere. Als diese sie endlich bemerkten, war sie auch schon wieder auf dem Rückflug – und hielt etwas in den Krallen.

Es ertönte Gekreische, Gebell, Geblöke und vieles anderes zwischen den Versammelten, als ihnen gewahr wurde, dass ihr jüngstes Mitglied, ein kleines Kätzchen, entführt worden war. Es dauerte noch eine Weile, bis ein großer Hund mit Hilfe einiger anderer die Aufregung mindern konnte. Willy erfuhr schnell, dass bekannt war, wo diese Krähe leben würde und dass einer der ihren dem Kätzchen zu Hilfe kommen müsste. Die Wahl fiel hierbei schnell auf Willy, stand doch noch seine Probe aus. Nun also wäre seine Gelegenheit gekommen, sich der Gemeinschaft als würdig zu beweisen. – Aber – Doch wieder konnte Willy keinen Widerspruch einlegen; schon war er zusammen mit einem Eichhörnchen auf dem Weg.

Warum ihn gerade ein Eichhörnchen begleiten sollte, vermochte er nicht zu verstehen. Das Tier konnte kaum eine Sekunde stillhalten und flutete Willys Gedanken mit ununterbrochenem Geplapper. Bald wusste dieser mehr über Bausuche, Futterplanung und Gefahren für Eichhörnchen als ihm lieb war. Doch dann und wann ließ das Wesen auch nützliche Bemerkungen fallen. So war das Kätzchen ein Sohn des großen Katers, dessen Stimme im Rat der Tiere so wichtig war. Dieser Rat kümmerte sich gemeinsam um diese Region des Anderen Landes, in dem Willy sich nun befand. Scheinbar gab es viele solcher Regionen und nicht alle waren wie diese, doch alle waren frei von Menschen, sofern diese sich nicht in den Welten verirrt hatten. Willy kam das alles sonderlich verwirrend vor und gerne hätte er nicht zugehört, hätten die Gedanken nicht seine eigenen durchdrungen. So bemerkte er nicht, dass sie bereits ihr Ziel erreicht hatten, während er noch versuchte seine Eindrücke zu ordnen.

Auf einem hohen, dicht bewachsenen Baum sollte das Nest der Krähe liegen. Nun zeigte sich auch der Grund zur Wahl eines Eichhörnchens als Wegbegleiter – gewandt und unerkannt huschte das kleine Tiere den Baum hinauf die Lage zu erkunden – die Krähe war fort, doch das Kätzchen saß ängstlich in deren Nest – und das Eichhörnchen war nicht stark genug es herunterzubringen. Willys Aufgabe war also klar: Er sollte in den Baum klettern um das Kleine zu retten. – Willy hasste Klettern wirklich sehr. Doch mittlerweile schien es ihn keine andere Möglichkeit mehr zu geben als mitzuspielen – nirgends gab es mehr Menschen, also wer außer den Tieren sollte ihm nun noch helfen können? Wagemutig erklettert er die große Pflanze. Nachdem ihm einige Male schwindlig geworden war, schaffte er es letztlich, sich das miauende Etwas zu schnappen und sogar wieder heil hinab auf den Erdbogen zu gelangen. Und da begannen die Probleme.

Kaum, dass sie sich auf den Heimweg machten, erschien ein schwarzes Ding am Himmel: die Krähe. Schnell hatte sie die Lage erkannt und stürzte such auf die Flüchtenden, immer wieder nach Willy pickend. Da sprang plötzlich das Eichhörnchen die Krähe an, biss und rupfte ihr Federn aus.Krächzend verschwand das Biest daraufhin.

Zurück bei den Tieren wurde Willy – aber auch das Eichhörnchen – wie ein Held gefeiert. Seiner Aufnahme in ihren Kreis stand damit nichts mehr im Weg. Doch als Willy nun endlich frei sprechen durfte, wünschte er nur den Heimweg zu erfahren; Herr Veronika würde ihn sicherlich bereits brauchen. Die Tiere waren enttäuscht, aber willigten schließlich ein. Da kam das gerettete Kätzchen auf ihn zu…

…und stupste ihn an. Verschlafen öffnete er die Augen. Was war geschehen? Freudig erkannte er, dass er wieder daheim war und konnte nicht einmal dem Kleinen vor sich mehr böse sein. Kurz darauf kam auch Herr Veronika an.

„Ach, Willy, da bist du ja! Böser Kater – ich hab‘ mir schon Sorgen gemacht! – Es ist doch Kuschelzeit für mich und meine Lieblingsschmusekatze!“

Willy miaute zur Antwort nur erleichtert und fing an zu schnurren. Vielleicht war alles doch nicht so schlimm…


GaAl09 Ulrichs Wünsche

Juli 28, 2013

Ulrich starrte in die Nacht. Hunderte glühender Augen starrten zurück. Seit fast einer Woche lagerten die Bauern bereits dort unten am Fuß des Hügels. Es schien, als wollten sie auf ewig verbleiben, wie die Ratten in den Straßen einer Stadt. Würzburg drüben am anderen Ufer gehörte bereits so gut wie ihnen, doch solange die Burg noch aushielt, gab es keinen Sieg für die Bauern. Ulrich hielt tapfer Nachtwache, während die Gedanken an eine Schlacht ihm Angst machten. Es war nicht lange her, dass er sein Dorf verlassen hatte um sich dem Markgrafen Friedrich anzuschließen, der nun diese Burg hielt. Kampf und Ruhm lockten Ulrich, doch jetzt schien es ihm, dass er gegen seine eigene Familie kämpfen müsste, und so ging es nicht wenigen auf der Burg. Ob dort unten, bei den Bauern, beim Schwarzen Haufen und dem Fränkischen Heer, wohl auch deren Anführer, Götz von Berlichingen sowie Florian Geyer, waren? – Gab es hier auf der Burg nicht auch einen Ritter der Familie Geyer? – Ging es diesem wohl ebenso wie Ulrich? Nachdenklich blickte dieser auf den Main herab. Eigentlich wollte er nur noch heim, eigentlich nur – für die Bauern kämpfen; ein Teil von ihm träumte gar zu fliehen und sich Thomas Müntzer anzuschließen. Aber er war, wo er war und der letzte Wagen zur Flucht war vor Tagen abgefahren – und lange könnten sie es dort nicht mehr aushalten.

Seine Gedanken stiegen auf – auf und davon.

Es war der Mai des Jahres 1525 und Ulrich wünschte sich an einen anderen Ort, in eine andere Zeit.

Beim Mittagessen am nächsten Tag hing Ulrich bloß düster seinen Träumen nach, während seine Kameraden überlegten, ob Bischof Konrad kommen und sie alle retten würde. Irgendwann jedoch fiel Ulrichs bedrückte Stimmung auf. Es war sein Freund Dietrich, der ihn darauf ansprach. Beide hatten gänzlich andere Ansichten über den Krieg. Um nicht in einen Streit zu verfallen, musste Ulrich seine wahren Gefühle verbergen. Er schob stattdessen alles auf den Druck der Belagerung. Sie wussten nicht, wie lange Nahrung und Wasser noch reichen würden, doch waren sie immerhin ziemlich sicher, dass die Bauern die Mauern nie erklimmen könnten, trotz jeglicher Gerüchte, dass Florian Geyer nach Rothenburg abgereist war um Kanonen zu besorgen.

Letztlich geriet Ulrich aber doch noch in Streit mit Dietrich, als sie auf den inneren Mauern waren. Es ging um den niedersten Grund, den es hätte geben können: Die Frage nach der nächsten Wachreihenfolge. Dietrich versuchte Ulrich zu überreden, dass dieser doch noch einmal für ihn die Wache übernehmen möge, saß Ulrich doch eh lieber allein grübelnd im Dunkeln, während Dietrich meinte wegen einer Erkältung ruhen zu müssen. Ulrich jedoch fühlte sich beleidigt und sah seinen Freund als schlimmsten Vortäuscher falscher Tatsachen, weshalb er verneinte. Es kam zum Gerangel, wie er unsinniger unter erwachsenen Männern nicht sein könnte; hoch oben auf der Mauer der Burg, ein tiefer Abgrund neben ihnen. Letztlich verlor Ulrich den Halt und fiel mit den Armen rudernd hinab in das Gras am Fuße der Mauer. Auch in seinem Geist tat sich ein Abgrund auf.

Als er erwachte, wusste er nicht, wo er sich befand – oder wer er war. Ersteres hätte er aber auch so nicht gewusst; alles sah so völlig unvertraut aus: Ein weiter dichter Wald erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen. Verwundert über den Schmerz in seinem Hinterkopf stand er vorsichtig auf. Zwar wusste er nicht, dass er an diesem Ort nicht sein sollte, doch beschlich ihn trotzdem ein Gefühl der Fremdartigkeit. Nachdem er festgestellt hatte, dass er stehen konnte – warum war da bloß dieses Gefühl eine Rüstung tragen zu müssen? – ging er langsam voran. Irgendwas musste er ja tun, und vielleicht fände sich eine Ansiedlung, in der man ihm helfen könnte zu sich zu finden.

Nach wenigen Schritten durch diesen unheimlichen Wald, in dem ihn hunderte Augen aus dem Dickicht zu beobachten schienen, kam er an einen Fluss. Breit und bedrohlich floss dieser mitten durch seinen Weg. Nirgends sah er auch nur die Spur einer Brücke, doch am anderen Ende erblickte er etwas, das eine Ansiedlung sein konnte. Während auf dem Fluss Enten angeschwommen kamen um ihn zu beobachten, suchte er das Ufer nach einer Möglichkeit der Überquerung ab.

Fahr doch einfach auf dem Blatt, kam es ihm da in den Sinn.

Blatt? Welches Blatt? Wie kam er denn auf diesen Gedanken? – Und da sah er es: Ein Blatt im Wasser, groß und kräftig genug ihn zu tragen, was er auch sogleich probierte. Tatsächlich. Und nun? Wie sollte er rudern? – Da löste sich das Blatt mit einem sanften Ruck vom Ufer und trieb hinaus auf den Fluss. Ulrich verspürte keine Angst, er wunderte sich bloß. Doch schon hatte er die Seltsamkeiten als nicht weiter ungewöhnlich angenommen, da trieb es ihn weiter auf das andere Ufer zu – und nicht wie vielleicht erwartet flussab. Auch die Enten gesellten sich zu ihm und begleiteten ihn wie eine Schar Ritter.

Als er so langsam weiter auf die Siedlung zukam, erkannte er mehr von ihr. Sie hatte keine Stadtmauern, sondern nur niedrige Hecken, obwohl sie groß wie eine Stadt war. In der Mitte entdeckte er ein hohes spitzes Gebäude, das eine Kirche sein musste; die anderen Häuser waren ein- bis zweistöckig. Sobald er noch näher war, erkannte er staunend, warum die Siedlung ihm so weiß vorkam: Sie war mit reinstem weißen Schnee bedeckt. Doch nur die Stadt war weiß; die Ufer hinter sowie vor Ulrich samt dem Land links und rechts der Siedlung waren frühlingsgrün. Mittlerweile war er noch näher gekommen, erkannte zahlreiche weiße Punkte auf dem Fluss vor der Siedlung und dass die Häuser allesamt bunt geschmückt waren, als gäbe es etwas großes zu feiern. Viele Menschen schlenderten durch den Ort und tummelten sich auf einem großen Platz, der vom Fluss bis zur Kirche reichte und auf welchem ein gewaltiger Tannenbaum stand, über und über festlichst geschmückt. Nur noch wenige Fuß vom Ufer entfernt erkannte er in den weißen Punkten auf dem Fluss Papierschiffchen, die so wie er ans Ufer getrieben wurden. Immer wenn eines von ihnen Land berührte, kam ein Bürger der Stadt, belud es mit Spielzeug, Geld oder Süßem und schickte es wieder auf die Reise.

Kurz vor Erreichen der Siedlung flogen die Enten plötzlich hoch – auf und davon.

Kaum hatte Ulrich schließlich selber Land erreicht, verließ er sein seltsames Gefährt und versuchte einen der Bürger zu fragen, wo er hier sei. Sie alle aber taten so, als verständen sie ihn nicht. Zwar begrüßten sie ihn freundlich, hängten ihm Blumen um, gaben ihm zu Essen und zu Trinken, doch sprachen sie kein Wort mit ihm. Etwas verzweifelt erkundete er auf eigene Faust den Ort und kam bald zu dem geschmückten Baum, an dessen Fuße Tauben eifrig nach Brotkrumen pickten. Als er sich fragte, was er nun tun sollte, durchzuckte ihn ein Gedanke.

Gehe in die Kirche!

Ja, warum war er nicht eher darauf gekommen? Dort würde man ihm helfen. Schnell trottete er in diese Richtung, während die Tauben ihm scheinbar neugierig wie graue Begleiter folgten. An den Toren des mächtigen und ebenso schön geschmücktem Gebäude angekommen, klopfte Ulrich brav. Lautlos öffneten sich ihm sofort die gewaltigen Torflügel. Etwas eingeschüchtert betrat er die Kirche und erschrak, als von allen Seiten Lieder ertönten. Sänger begrüßten ihn auf ihre Art. Und am Ende des Schiffes erkannte er eine Gestalt.

Draußen blieben die Tauben kurz stehen, um dann wegzufliegen – auf und davon.

Vorsichtig hielt Ulrich auf die Gestalt zu. Ein großer Mann mittleren Alters mit dünnem Schnurrbart im Bischofsmantel saß dort auf einem Stuhl vor dem Altar, als wäre es sein Schreibtisch. Brav stellte Ulrich sich vor und brachte sein Anliegen vor. Der Mann erklärte sich als der heilige Sankt Nikolaus; er hatte Ulrich bereits erwartet. Er klärte ihn über seine Vergangenheit auf und bot ihm feierlich an, entweder bei ihm im Weihnachtsland fern all des Elends bleiben zu dürfen – oder heimzukehren. Die Entscheidung fiel Ulrich nicht leicht, doch sein Ehrgefühl war zu groß – seine Familie könnte er nicht alleine lassen.

Kaum war seine Entscheidung getroffen, da wurde ihm schwarz vor Augen – doch ein Teil fühlte sich, als flöge er auf und davon.

 

Als Ulrich erwachte, lag er auf seinem Lager in der Burg. Dietrich hatte bei ihm gewacht und entschuldigte sich nun tausendfach bei ihm für sein Verhalten. Ulrich sprach ihm zu, dass alles nicht so schlimm sei. Er wusste nun, dass sie alle gerettet werden würden.

Es dauerte nicht mehr lange, dann wagten die Bauern einen Angriff. Doch zu dieser Zeit tauchte plötzlich ein anderes Heer auf, fiel ihnen in den Rücken und schlug sie vernichtend. Als der Anführer dieser Männer in die Burg einritt, erkannte Ulrich ihn sofort. Zwar stellte er sich als Bischof Konrad vor, doch für Ulrich blieb er auf ewig der Nikolaus.


GaAL08 Mauern und Murmeln

Juli 21, 2013

Traurig sah Johannes aus dem Fenster. Unten im Hof spielten die anderen Kinder – seine Freunde. Wie gerne wäre er nun dort hinuntergelaufen um mitzuspielen – doch er durfte nicht; sollte hier bleiben, während seine Familie alles plante, vorbereitete. Morgen ginge es in den Westen, so ihre ewigen Wiederholungen. Alles sprach nur noch von Wiedervereinigung und Mauerfall. Und er – was ging ihn das alles an? Er lebte hier in Treptow, solange sein kleines Gedächtnis sich erinnern konnte; er wollte überhaupt nicht irgendwo anders hin. Sein zartes Herz sehnte sich nach nichts weiterem. Aber die anderen, die ‚Großen‘, beachteten seine Wünsche nicht.

Im Türrahmen zur Küche stehend überlegte er zu fragen, ob er nicht doch hinuntergehen dürfe. Doch kaum, dass sie ihn bemerkte, unterbrach seine Mutter ihre packenden Fähigkeiten und sah ihn bloß verwirrt an. Schnell kam sie auf ihn zu, ihn mit den Armen verscheuchend, wie man Tiere fortjagen würde, und rief ihm eindringlich hinterher, er solle endlich sein Zimmer aufräumen. – Was brachte ein aufgeräumtes Zimmer, wenn sie morgen doch wegfahren wollten? Er versuchte es noch bei seinem Vater, der mit Freunden vor der flimmernden Kiste saß und heiß über das mit ihnen sprach, was der Bildschirm ihnen gerade zeigte: Eine Mauer, die abgetragen wurde. Als Johannes sich Gehör zu verschaffen suchte, winkte ihn der Vater bloß fort; sah ihn nicht einmal an.

Dem Jungen war offensichtlich, dass sie ihn nicht bräuchten. Doch wenn sie so beschäftigt waren, würden sie sein Verschwinden doch sicherlich auch nicht bemerken. Schnell schnappte er sich aus seinem Zimmer sein Lieblingsspielzeug für den Hof – seine Murmeln – und schlich in den Flur. Vorsichtig versuchte er außerhalb der Blickwinkel seiner Eltern zu bleiben, nahm sich Jacke samt Schuhe und verließ die Wohnung. Erst draußen im Hausflur zog er sich an.

Als er schließlich aber im Hof ankam, musste er feststellten, dass all seine Freunde plötzlich verschwunden waren. Verwundert machte er sich auf die Suche, doch fand sie nirgendwo. An keinem ihrer üblichen Treffpunkte oder Verstecke war auch nur eine Menschenseele. Wo waren sie wohl alle hin? Etwa schon nach hause? Das taten sie doch so früh an so schönen Tagen nie. Mussten sie etwa auch heim, da ihre Eltern mit ihnen in den Westen fahren wollten? Doch eine Möglichkeit gab es noch, wo er Freunde von sich anzutreffen vermutete: der Park.

Doch vorher suchte er noch kurz seinen Onkel auf. Dieser war der einzige Erwachsene, den er kannte, der sich stets den Launen der anderen entgegenstellte, seinen eigenen Weg ging, eher zu den Kindern hielt. Unten an der Tür des Hauses angelangt versuchte Johannes bereits von Außen zu sehen, ob jemand zu Hause sei, doch waren die Fenster wie immer von Gardinen verhangen – dies brachte ihm also keine Einsicht. Natürlich klingelte er schließlich und nutzte dabei das alte Klingelzeichen, welches sie beide vereinbart hatten. – Und es folgte keine Antwort. War er etwa auch verschwunden, wie all die anderen feiern? Aber das würde doch gar nicht zu ihm passen. Enttäuscht trottete Johannes wieder von dannen.

Während er seinen Weg zum Park suchte, sah er immer wieder Menschen in die Straßen kommen: feiernde Menschen und sich freuende Gesichter. Einmal waren sie sogar vor einem Teilstück der Mauer versammelt, als sei es ein Treffpunkt. Dort hinten, wo die Kinder so oft Verstecken gespielt hatten. Doch Johannes störten diese Behinderungen seines Weges jetzt nur; stets hatte er die Alten zu umgehen. Öfters versuchten sie ihn zwar mit in ihre Feiern zu verwickeln, doch immer verschwand er wieder, sobald es ging. Zumindest aber fragte ihn niemand, was er so alleine auf der Straße zu suchen hatte; das schien heute für alle nichts Ungewöhnliches.

Und dann erreichte er sein Ziel. Der Park lag friedlich am Fluss, wie eh und je – oder? – Nein. Mehr Menschen als sonst erblickten seine Augen dort in den Flussauen. Wie sollte er da denn seine Freunde finden? Wie sollten sie da denn auf der Wiese oder unten am Fluss spielen? Letzteres erübrigte sich aber, als er flussauf, flussab bloß Familien und Pärchen vorfand, teilweise feiernd, teilweise entspannend, doch keine Spur seiner Freunde, an keinem ihrer üblichen Orte. Da begegnete er dem Eichhörnchen. Drüben auf der Insel, unfern der Brücke, da sah er es. Schon immer hatte er diese Tiere gemocht und zunächst verwunderte ihn an diesem nur, dass es hier auf der Insel und nicht im eigentlichen Park war. Aber schon gingen seine kindlichen Triebe mit ihm durch und er versuchte es zu fangen. Einmal rund um einen Baum herum folgte er ihm und letztlich auch auf diesen hinauf, so weit es ihm möglich war, und schwebte dort gefährlich nah über dem Wasser. Schon vermeinte er seinen festen Griff zu verlieren – da hatte er keine Lust mehr.

Als er wieder herabkletterte, hatte sich etwas verändert. Er bemerkte es nicht sofort, doch – die Farben waren anders. Das Wasser schien ihm bräunlicher, die Pflanzen gelblicher zu sein. Und das war nicht alles. Das Gras auf dem er ging, bewegte sich weicher, die Blätter der Bäume raschelten sanfter. – Da fiel es ihm auf: Das Gras bestand aus Weingummi! – Und Blätter an den Bäumen im Spätherbst! Staunend beugte er sich nieder, um von dem Gras zu kosten – und es gefiel. Neugierig ging er auch zum Wasser und nahm sich eine Handvoll – Cola erwartete ihn. Irgendwie gefiel ihm dies, auch wenn es sonderbar war. – Sonderbar? Aber warum denn? Plötzlich war ihm entfallen, was er gerade tun wollte. Bevor er jedoch zuviel Zeit zum Wundern hatte, tauchte das Eichhörnchen wieder auf – oder ein Freund ebendieses.

Kühn und herausfordernd saß es da und blickte ihn stumm an. – Blickte schlauer als alle anderen Eichhörnchen, die Johannes je gesehen hatte. Zunächst verhielt es sich ruhig, ihn bloß beobachtend. Dann plötzlich ruckte es, ließ sich mit einem Mal auf alle Viere nieder – wendete – und lief davon, über die Brücke hin zum Festland. Nach kurzem Zögern folgte Johannes, dabei weiter die Umgebung bewundernd. Die Brücke war aus kunstvoll verziertem Lebkuchen, als wollte sie für ein Märchen posieren. Auf der anderen Seite angelangt kamen ihm Enten entgegen – und begrüßten ihn. Höflich grüßte er zurück, mittlerweile sich kaum noch wundernd. Mäuse aus Schokolade, Ameisen mit Zuckerguss und bunte Vögel – was auch immer dort in diesem Park kräuchte und fläuchte, hieß ihn fröhlich willkommen, um daraufhin seine Tätigkeit gleich wieder aufzunehmen. Jeder hier schien bloß das Leben zu genießen.

Auf der Festlandsseite war das Gras nicht Weingummi, sondern federweich und schmiegsam. Seufzend ließ er sich darauf nieder und sah zum Himmel hinauf. Auf einem freundlichen blauen See trieben dort weiße Schäfchen und eine gelbe Sonne lächelte ihm zu, versuchte ihn zu kitzeln. – Ach nein, das war der bauschige Schwanz des Eichhörnchens neben ihm. Was wollte es denn? Verschlafen doch glücklich lächelnd wandte Johannes ihm sein Gesicht zu. Da stand das kleine Wesen auf seinen Hinterbeinen und beobachtete ihn. Doch kaum, dass er ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte, deutete es schon auf eine Stelle weiter hinten auf der Wiese. Seinen Blick dorthin wendend bemerkte Johannes weitere Hörnchen, die fröhlich tollten und sich Nüsse wie Murmeln zurollten. Das heftige Deuten seines kleinen Besuchers konnte wohl nur heißen, dass er mitspielen solle.

Langsam erhob er sich also – dieses Bett würde er missen wie keines je zuvor – und trollte sich hinüber zu den Spielenden. Schnell war er in ihre Runde aufgenommen. Regeln zu erklären gab es kaum welche, schien es doch dasselbe Spiel zu sein, dass Johannes schon immer gespielt hatte. Doch als er dann die Murmeln aus seinem Beutel nahm, erwartete ihn tiefstes Erstaunen seitens seiner Mitspieler – solche Murmeln schienen sie noch nie gesehen zu haben. Sie betatschten und besahen sich die kleinen gläsernen Kugeln, als seien sie seltsame Schätze.

Als das Spiel dann startete, behandelten sie die Murmeln weiterhin mit großer Rücksichtsnahme und Vorsicht. Die Übervorsichtig führte dazu, dass ein besonders kleines und junges Eichhörnchen bei seinem Wurf gegen eine seiner eigenen Nüsse nicht nur daneben traf, sondern sogar eine von Johannes‘ Kugeln anstieß. Mit überraschender Geschwindigkeit rollte sie über die Wiese – und das Eichhörnchen rannte ihr hinterher. Die Murmel verließ bald das Grün, überquerte den Weg und drohte zum Fluss zu kommen. Eng hintendran war das kleine Hörnchen, schnappte immer wieder mit seinen Pfötchen, doch stets daneben – und dann waren sie beide zu nah ans Wasser gekommen. Im hohen Bogen flog die Murmel über den Kai ins Wasser. – Das Hörnchen versuchte sie noch zu packen, doch verlor dabei das Gleichgewicht und fiel. – Platsch!

Erschrocken sah Johannes zu. Die Eichhörnchen um ihm herum sprangen ängstlich auf und ab, doch keines konnte etwas tun – sie alle konnten nicht schwimmen. Und so war es an Johannes, während im Wasser das kleine Tier ums Überleben rang, mutig hinterherzueilen und in das klebrige Nass zu springen. Doch – er konnte ja selber nicht schwimmen! – Gemeinsam kämpften sie und mit knapper Not bekam bekam Johannes Kai und Tier zu fassen. Keuchend zog er sie beide an Land, rollte sich erschöpft auf den Rücken und schloss die Augen. Ihm wurde schwarz.

Als er seine Augen wieder öffnete, standen zahlreiche Menschen um ihn herum und gafften, als sei er etwas Besonders, während ein Mann in Weiß fragte, wie es ihm ging. – Ein Arzt? – Johannes wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht, nachdem er zuviel Wasser geschluckt hatte. Seine Eltern kamen ihn abholen, machten ihm Vorwürfe – doch letztlich siegte ihre Sorge. Die Fahrt in den Westen wurde erstmal verschoben und sie versprachen, sich mehr um ihn zu kümmern.

Johannes selbst aber war dies alles erst einmal egal. Während er mit seinen Eltern heimfuhr, blickte er aus dem Fenster und beobachtete die Eichhörnchen im Park, wie sie Murmeln spielten.

Diese Zeit der Wende – seine Zeit – würde er niemals vergessen.


Am Ende aller Tage

Oktober 26, 2012

Am Ende aller Tage
verkündet man die Frage
voll Ach und Leid und Klage
der ganzen Menschenplage
was sie geleistet hat auf Erden,
was sie verbrochen hat auf Erden,
was sie vernichtet hat auf Erden
und alle falsch getan auf Erden.

Doch Menschheit ist Dümmlichkeit
und niemals diese Menschenheit
erkennet ihre Fehlbarkeit,
verbleiben alter Narrenheit,
erkennen nicht was sie getötet,
erkennen nicht was sie zerstöret,
für immer in der Welt vernichtet,
ersetzt durch Künstlichkeit und Leere


Die Flut

September 14, 2012

Flüsse schwillen an, treten über Ufer und Dämme.
Am heutigen Tage geht der Regenschirm baden.


Aphorismus 99: Märchen und Wahrheit

Januar 13, 2012

Der Unterschied zwischen Märchen und Wahrheit liegt vor allem darin, dass das Gute selten gewinnt.


Neue Publikation: Anna Schulz in „Fernweh“

September 16, 2010

Die Geschichte Anna Schulz erschien nun in Band II der Bücher „Fernweh“ des Wendepunkt Verlages.

Hier kann man die Originalgeschichte lesen.

Hier kann man das Buch bestellen.


Jedes Lebewesen stirbt für sich allein

August 31, 2009

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Ein Abschied.

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Dies dachte er sich und legte sich hin. Vor nichts hatte er mehr Angst, als alleine zu sterben. Nur vielleicht noch, für immer allein zu sein. Überstürzt hatte er gehofft, dass dies nicht mehr so sein müsse. Doch nun war es zu spät.
Ob sie noch an ihn dachte? Und wenn ja, auf welche Weise? Verachtend? Hassend? Voller Verzweiflung? Voller Angst? Oder verdrängte sie alles?
Doch es sollte ihm bald egal sein. Er hatte sich diesen Ort nun zum sterben ausgesucht. Die Schmerzen des ständigen Wechsels zwischen Glück und Unglück waren zu viel für ihn. Er wusste, dass viele ihn dafür verachten würden, vielleicht sogar aus ihrer Angst heraus, ihn zu verlieren. Doch alleine würde er es nicht mehr schaffen. Und nun war sie auch nicht mehr da. Er hatte schreckliche Angst. Wovor mehr? Zu sterben? Alleine zu sein? Sie zu verlieren?
Sie wollte ihm zeigen, wie schön das Leben sein könne. Das hatte sie zwar geschafft, doch ohne sie reichte es nicht mehr.
Die Blätter der Bäume um ihn herum raschelten im Wind.
So gerne hätte er ihr geholfen, doch wie sollte er dies tun? Immer bei sich selber sein, sich selber genügen, so hatte man ihm gesagt. Doch das reichte ihm nicht. Er musste für jemand anderen da sein, um sich vollständig zu fühlen.
Langsam spürte er sein Leben entschwinden. In Gedanken war er nur bei ihr. Für immer nur bei ihr.