Jedes Lebewesen stirbt für sich allein

August 31, 2009

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Ein Abschied.

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Dies dachte er sich und legte sich hin. Vor nichts hatte er mehr Angst, als alleine zu sterben. Nur vielleicht noch, für immer allein zu sein. Überstürzt hatte er gehofft, dass dies nicht mehr so sein müsse. Doch nun war es zu spät.
Ob sie noch an ihn dachte? Und wenn ja, auf welche Weise? Verachtend? Hassend? Voller Verzweiflung? Voller Angst? Oder verdrängte sie alles?
Doch es sollte ihm bald egal sein. Er hatte sich diesen Ort nun zum sterben ausgesucht. Die Schmerzen des ständigen Wechsels zwischen Glück und Unglück waren zu viel für ihn. Er wusste, dass viele ihn dafür verachten würden, vielleicht sogar aus ihrer Angst heraus, ihn zu verlieren. Doch alleine würde er es nicht mehr schaffen. Und nun war sie auch nicht mehr da. Er hatte schreckliche Angst. Wovor mehr? Zu sterben? Alleine zu sein? Sie zu verlieren?
Sie wollte ihm zeigen, wie schön das Leben sein könne. Das hatte sie zwar geschafft, doch ohne sie reichte es nicht mehr.
Die Blätter der Bäume um ihn herum raschelten im Wind.
So gerne hätte er ihr geholfen, doch wie sollte er dies tun? Immer bei sich selber sein, sich selber genügen, so hatte man ihm gesagt. Doch das reichte ihm nicht. Er musste für jemand anderen da sein, um sich vollständig zu fühlen.
Langsam spürte er sein Leben entschwinden. In Gedanken war er nur bei ihr. Für immer nur bei ihr.


Der kleine blaue Fisch

August 15, 2009

Der kleine blaue Fisch – er sah so mächtig merkwürdig aus, dass ich ihn hier lieber nicht beschreib – schwamm fröhlich durch seinen Teich, mit seinen spitzen Zähnen noch kleinere Fische aufschreckend, und freute sich seines Lebens. Dann jedoch, eines Tages, verdüsterte sich die Wasseroberfläche über ihm. Sein wässriges Reich geriet plötzlich in Bewegung, durch etwas aufgewühlt. Es packte und zerrte ihn aus seiner Heimat. Er zappelte wild um sich, schaffte es jedoch nicht durch die feinen Maschen des Netzes zu schlüpfen. Um sein Leben fürchtend schrie er, seinen Mund wild bewegend, um Hilfe, doch niemand erhörte ihn. Durch das neue Element – die Luft – schwebend, ließ man ihn bald in die Tiefe fallen. Er spürte noch das Wasser und versuchte zu atmen, bevor die Welt dunkel wurd‘ um ihn.
Als er wieder aufwachte war dagegen alles weiß. Das Wasser in dem er sich befand, endete an einer Stelle auf einmal, dahinter sah er eine weiße weite Ebene durch die sich weiße große Gestalten bewegten.
Er blickte sich um und entdeckte in der Nähe drei weitere Fische – einen gelben, einen roten und einen grünen. Sie sahen ihm von der Form – wenn man das Form nennen darf – her ähnlich, doch konnte er sich mit ihnen nicht verständigen.
Die Weißen brachten etwas neben die unsichtbare Wassergrenze – soviel konnte er noch erkennen – und hoben dann einen Fisch nach dem anderen rücksichtslos aus dem Nass. Wieder packte ihn Panik, doch war der Flug diesmal kürzer. Er fühlte bald wieder die beruhigende Kühle des Wassers, wenn auch nicht dasselbe wie zuvor. Etwas entfernt schwammen die anderen Fische, dann kam plötzlich ein fünfter hinzu – ein gewaltiges Tier mit riesigem Rachen und tödlichen Zähnen. Die vier kleineren flohen durch ein nahes Labyrinth aus unsichtbaren Wänden. Wie durch ein Wunder schafften es alle vier in einen geschützten Bereich in den der große Räuber nicht passte. Sie wurden wieder zu dem Platz gebracht, an dem der kleine blaue Fisch aufgewacht war. Dort durften sie eine Weile ruhen und wurden gefüttert, bevor es zu einem weiteren grausamen Experiment kam. Danach hatten sie Ruhe für den Rest des Tages.
Am nächsten Morgen – der blaue Fisch glaubte zumindest das es Morgen war, denn die Sonne konnte er nicht sehen, es war einfach hell geworden mit dem Auftauchen der Weißen, ohne das er wusste, warum – war der grüne Fisch verschwunden. Er war tags davor der Langsamste und Schwächste gewesen, nun war er weg. Die Verbliebenen – Blau, Gelb und Rot – wurden zum dritten Mal umgesiedelt. Diesmal in einen noch wesentlich kleineren Teich. Dort, wo der Sand früher sein Revier abgegrenzt hätte, waren hier nur steile, glatte Klippen, unter ihm verengte sich der Tümpel – nein, die Pfütze – zu einem langen, dunklen Tunnel. Unten trieben grüne und rote Bällchen, der rote Fisch schwamm mutig und versuchsweise auf einen zu und verschluckte ihn. Er schmeckte scheinbar lecker und der Fisch hatte Hunger, also schnappte er sich noch mehr. Die anderen beiden machten es ihm nach, bis außerhalb des Tunnels irgendwann plötzlich ein lautes Geräusch ertönte. Die weißen Gestalten fischten den Roten heraus und ließen die anderen beiden im Tümpel, dann berührte eine der Gestalten etwas an dessen Rand. Der gelbe Fisch, welcher die wenigsten roten Bällchen vertilgt hatte, wurde sofort in die Tiefe gezogen. Der Blaue kämpfte dagegen um sein Leben.
Als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, stellten die weißen Lichtgestalten erstaunt fest, dass der kleine Fisch noch immer da und am Leben war. Also holten sie auch ihn raus und brachten Rot und Blau zurück in ihr Quartier. Plötzlich jedoch fing dort der Rote an heftig zu zappeln und zu schlucken. Die Weißen nahmen ihn und stocherten ihm mit einem Metalldingens im Maul herum. Zwar holten sie das Bällchen, an dem er sich verschluckt hatte heraus, doch starb er auch bei diesem Eingriff. So wurde der kleine blaue Fisch zum Sieger gekürt.

ENDE


Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit

Juli 28, 2009

„Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit“, sprach er.
Der Wasser des Flusses floss weiter, als hätte es ihn nicht gehört.
„Würden sie gerne wissen, wann sie zu sterben haben?“ fragte der Reporter.
95% antworteten mit Nein.
Warum nur wollten sie es nicht wissen, fragte er sich.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, sprach er zu sich selber in Gedanken und schmiss Steine in den Fluss.
Wäre das Leben nicht viel schöner, wenn man weiß, wann man zu sterben hat? Man müsste nicht mehr von einem Tag zum nächsten leben, immer darauf bedacht auf sich und seine Gesundheit zu achten. Man könne machen was man will, das Leben endlich genießen, denn man wusste ja, wann man zu gehen hat.
Sicher, spätestens in den letzten Tagen würde die Angst entstehen, Angst vor dem Ende, Angst vor dem, was noch kommen würde, Angst vor Schmerzen. Aber dazu gibt es doch Pillen, diese Angst zu nehmen.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit. Dann müsste ich nicht mehr hoffen, durch ein Unglück zu sterben, müsste nicht mehr auf das Ende warten, denn es würde bald kommen. Die Versuche sich selbst zu schaden, sich selbst das Leben zu nehmen wären endlich überflüssig. Man könnte leben und das Leben genießen, denn endlich hat man eine Zeitvorgabe.
Und ohne Zeitvorgabe, so wusste er, trieb er nur dahin und vollbrachte gar nichts.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit. Vielleicht sollte ich mir ein Gift zu führen? Vielleicht das Fleisch essen, das gestern als krankhaft bezeichnet wurde? Vielleicht einfach machen was ich will, ohne auf die Sauberkeit zu achten?
Er wollte endlich diese Zeitvorgabe. Endlich Gewissheit. Endlich die Angst vor dem Leben los werden.
„Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit“, sprach er, und ergriff die Hand des Mannes.
„Dann kommen sie mit, wir helfen ihnen!“ erwiderte dieser, und sie gingen in sein Büro.
Doch diese Art Wunsch wie er sie hatte, durften auch diese heir ihm nicht erfüllen. Diese Firma durfte ihm nur mitteilen, wie lange er noch auf natürliche Art zu leben hätte.
„42 Jahre! Sie sind kerngesund!“ war die erschreckende Auskunft.
Enttäuscht trottete er zurück zum Fluss.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, doch wie komme ich daran?
Das nächste Neonschild lockte ihn von selber an. Eine andere Firma, eine andere Auskunft. Diese setzten so genannte Wahrsager ein, die in die Zukunft blickten. Nicht nur natürliche, auch unnatürliche Tode konnten sie so erblicken.
„Ihnen wird nie ein Unglück geschehen!“ erklärten sie ihm.
Was für ein Schwindel. Litt er denn nicht schon genug?
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, aber das Schicksal meint es nicht gut mit mir.
So lange leben? Wozu?
Nun, vielleicht kann man doch etwas mit der Zeit anfangen. Ich könnte sofort beginnen.
Mit neuem Mut und neuen Ideen eilte er von dannen, wenigstens diese 42 Jahre könnte er ja nutzen.
Doch er sah das Auto nicht, dass dort die selbe Straße nutzte, welche er überqueren wollte.
Er hatte keine Familie, und keiner kannte ihn. So endete er im ewigen Trauma bei den Lebensforschern.
42 Jahre hatte er nun, im Halbleben nachzudenken.


Die Auswirkungen der Entartung

Juli 14, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Amís Cállate: A-miis Caal-la-tä
Gusta Marénis: Gus-ta Ma-ree-nis
Rées: Ree-äs
Fasia: Fa-zi-ja
Omijern: O-mi-dschärn

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„Sie haben den Palast gestürmt!“
Amís Cállate richtete sich von seiner Liege auf. Böse funkelte er den Boten an.
„Warum störst du uns? Und was erzählst du da für einen Unsinn? Wir sind hier doch im Palast und ich höre keine Kämpfe!“
Der Bote warf sich vor ihm auf die Knie, den Blick zum Boden.
„Herr, der Palast in Rées, eurer Hauptstadt!“
Doch weiter kam er nicht, denn wieder schnitt ihm Cállate das Wort ab.
„Das ist unmöglich! Wer sollte ihn schon stürmen?“ fragte er und sah sich in der Runde der hier im Garten des Palastes von Fasia versammelten Adligen um, die lachten und ihren Wein tranken.
„Außerdem ist doch euer Vetter Gusta Marénis dort und sorgt schon für Ruhe,“ ergänzte einer der Adligen.
„Aber Herr,“ wagte der Bote noch einmal das Wort zu ergreifen, „Marénis ist es doch, der die Macht dort an sich gerissen und sich zum Herrn von ganz Omijern ernannt hat!“
Da wurde Cállate bleich. Ein Verrat? Im mächtigen Omijern, seinem Reich?
Zwei Diener mussten ihn auffangen.

„Niemals werden wir euch gehorchen!“ sprach einer der Statthalter, die Gusta Marénis in Rées hatte zusammenkommen lassen.
„Seid ihr euch da sicher?“ fragte Marénis, der es sich auf dem Thron von Omijern gemütlich gemacht hatte.
Und die versammelten Statthalter nickten. Sie waren sich einig gewesen, dem Reich die Treue zu halten.
„Los, schlagt ihm den Kopf ab“, sprach Marénis wie beiläufig zu einem Hauptmann der Soldaten und den Statthalter überkam Angst.
„Was? Das könnt ihr nicht tun!“
Als die Soldaten ihn packten, sah er sich Hilfe suchend um, doch waren die anderen Statthalter vernünftiger als er.
„Lasst seinen Kopf als eine Warnung auf den Mauern aufspießen“, befahl Marénis.
Während die Soldaten den Anweisungen nachkamen, fragte er die Versammelten erneut: „Sind wir uns nun einig?“
Und die Männer nickten eifrig und riefen im Gleichklang: „Heil König Gusta!“

„Lachhaft. Damit will er uns angreifen? Er hat nur Fasia, doch ich den Rest von Omijern!“
Gusta Marénis stand mit seinen Generälen auf einer Anhöhe, von der man den Pass nach Fasia überblicken konnte.
„Herr, wir haben Nachricht, dass sich ihm Teile des Nordens angeschlossen haben. Teile des Ostens sind auf keiner unserer Seiten erschienen!“
Marénis fluchte ob dieser Nachricht.
„Aber das ändert gar nichts. In Fasia gibt es nur verweichlichte Adlige. Wir aber haben eine Armee hinter uns!“
In diesem Augenblick kam ein Bote den steilen Hang zu ihnen heraufgeeilt. Schwer atmend blieb er vor den Männern stehen, sank auf die Knie und beugte den Kopf.
„Was gibt es?“ verlangte Marénis zu erfahren.
Ohne seine Haltung zu ändern antwortete der Mann: „Herr, der Osten hat den Süden angegriffen! Der Süden hält zu euch, doch kann er hier nicht erscheinen.“
Und bevor Marénis antworten konnte, trafen unten im Pass die Armeen von Marénis und Calláte, von Rées und Fasia aufeinander.

„Siegen wir?“ fragte Amís Cállate unsicher seinen General.
Eine Leibwache von zwanzig Mann stand um sie herum auf diesem Hügel fern der Schlacht.
„Ich vermag es von hier aus nicht zu beurteilen“, sprach sein General, „doch wartet – dort kommt ein Bote! – Heda, Bote! Wie steht es?“
Der Bote hielt nicht an, sondern lief weiter, rannte an ihnen vorbei.
„Rettet euch! Wir sind verloren!“ rief er ihnen noch zu.
„Aber – was meint er damit?“ wandte sich Cállate unverständig an seinen General.
„Ich weiß es nicht…“
„Wir können doch nicht verlieren. Oder?“
Cállate war sich nicht sicher. Seit Jahrzehnten hatte Omijern keine Kriege mehr erlebt. Doch der General antwortete nicht, sein Blick ruhte starr auf dem fernen Pass.
„Jetzt sprecht schon, Mann! Ihr seid hier, mich zu beschützen!“ herrschte Cállate ihn an.
„Herr, vielleicht wäre es besser…“, begann der General, bevor ihn ein Pfeil in der Brust davon abhielt.
Und da stürmten auch schon die Söldnertruppen Marénis‘ heran. Cállates Leibwache war ihnen unterlegen.
„Nein, tötet mich nicht!“ jammerte Cállate, derweil er im Dreck kroch, seine Robe beschmutzend.
„Hallo Vetter, lange nicht gesehen“, begrüßte Marénis Cállate gehässig, nachdem die Söldner ihm diesen wie ein Vieh gebracht hatten.
„Gusta! Ich verlange eine Erklärung! Zieh deine Armee zurück, vielleicht begnadige ich dich dann!“ wagte Cállate zu sprechen.
„Tut mir leid, dieses Land gehört nun mir“, antwortete Marénis, während dem Wehrlosen sein Schwert in den Bauch drang.

Dies war das Ende von Omijern. Marénis gelang es nicht, Fasia zu erobern. Der junge Cállate, Sohn des Amís, konnte ihn mit Hilfe des Nordens abwehren. Nach und nach brachen die Statthalter Omijerns ihr an Marénis gegebenes Versprechen, doch nicht, um wieder zu der Entartung Fasias zurückzukehren. Marénis erlebte nur noch den Bürgerkrieg und Fasia Jahrzehnte später einen Wandel zum Besseren.

ENDE

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Kommentar des Herausgebers

Diese Geschichte stammt von einem unbekannten fasischen Schriftsteller des 32. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Fasia seine Unabhängigkeit fand, indem es als Teil von Rardisonán aufging.
Der Inhalt hat wahre Hintergründe, doch die genauen Wortlaute können nicht bestätigt werden. Auch mag niemand von uns zu urteilen, ob Marénis wahrhaft ein schlechter und Cállate wahrhaft ein verweichlichter Herrscher war, doch erzählt sich das Volk es zumindest so.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 14.01.3995


Willkommen Daheim!

Juli 4, 2009

Gegen Morgen kamen sie an ihrem neuen Haus an. – Ein ganzes Haus für sie allein! – ganz allein! – hier am Rande der Stadt. Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Ein so günstiges Haus in so einer schönen Lage, trotz der Verwilderung. Alle anderen, die dieses Angebot ausgeschlagen hatten, mussten Narren sein. Nun aber gehörte es ihnen und nie wieder würden sie es hergeben. Sie besaßen nicht viel – ein Karren reichte für das Gepäck – und sie hatten fast ihr gesamtes Geld für das Haus ausgegeben, doch es sollte sich lohnen – und sie wollten Gemüse im großen Garten anbauen, um es zu verkaufen. Zunächst aber kam der Einzug – glücklicherweise waren wenigstens Möbel bereits vorhanden. Kaum, dass sie alles hineingebracht und den Fahrer des Karrens verabschiedet hatten, zog Joam aus, sich das Anwesen noch einmal anzusehen, derweil Aci das Gleiche mit dem Haus tat.
Der Garten war alt und verwildert, doch groß genug, dass man sich verlaufen könnte. Hier wollten sie also etwas anbauen? Es würde sicher Ewigkeiten dauern, sich durch das Unkraut zu hacken. Manchmal fragte sich Joam, warum er sich von Aci hatte überreden lassen. Liebte er sie etwa doch noch so sehr? Oder waren es ihre weiblichen Überzeugungskräfte? – Und all diese Vögel und Echsen, die überall herumschwirrten – man müsste sie vertreiben, alles säubern. Nach einer Weile, die er den Garten erkundend verbrachte, geschah etwas – seltsames. Aus den Augenwinkeln heraus glaubte er eine Bewegung – ein Huschen zu sehen, zu spüren. Ein Vogel? – Nein, es wirkte zu groß. Ob es hier noch andere Tier gab? Größere, gefährlichere? Ihm schauderte bei dem Gedanken – stets hatte er eine tiefe Abneigung gegen große Tiere gehabt. Sie alle waren zu… gefährlich. – Da! – Wieder eine Bewegung, diesmal auf der anderen Seite. Was war das bloß? Angst und Neugier rangen in ihm. Als letztere die Oberhand gewann, wagte er sich tiefer in den Garten. Wie weit dieser wohl reichen würde? Doch stellte er dies schnell fest, als er an eine Mauer gelangte. Alles hier war so zugewuchert, dass man sie aus der Ferne nicht erkennen konnte – ebensowenig das Loch, in welches Joam plötzlich fiel. Nur noch kurz nahm er eine Bewegung im Garten wahr.
Drinnen erkundete Aci das Haus. Natürlich hatte man es ihnen bereits einmal gezeigt, so wusste sie wenigstens grob, wo was lag. Alles an diesem Haus zog sie in ihren Bann. Es war zwar für sie gesäubert worden, doch merkte man ihm weiter sein Alter an. Und Aci liebte das. Es war ihr Gefühl des Zuhauseseins gewesen, dass sie überzeugte dieses Haus zu wollen – auch wenn sie dazu erst Joam überreden musste. Doch jetzt waren sie da und würden es auch bleiben, da war sie sich sicher. Um sich noch einmal das Schlafzimmer anzusehen, folgte sie der Treppe in den ersten Stock. Oben wollte sie den Weg gen links gehen, doch – hatte sich da rechts nicht etwas bewegt? Sofort sah sie in diese Richtung, in der sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung gesehen zu haben glaubte – aber dort war nichts. Bloß der Gang und die Türen zu zwei Zimmern sowie dem Dachboden. Trotzdem kam es ihr verdächtig vor. Nacheinander ging sie zu beiden Zimmern, sich dabei unbewusst leise verhaltend. Der erste Raum war dunkel und leer. Auch der zweite, das Badezimmer, war schwarz – aber dort stand jemand! Erschrocken erstarrte Aci. Eine schwarze Gestalt – ein düsterer Schatten – bewegte sich über eine Anrichte und vollführte Bewegungen, als würde sie sich schminken. Gerade als Aci kam, hörte sie damit auf, drehte sich um und wanderte zu dem großen Wasserbecken. Als die Gestalt den Bereich des aus dem Flur einfallenden Lichtes durchschritt, erkannte Aci, dass es ein schwarzer wabbernder Nebel in Menschengestalt war – und dort im Wasserbecken sah sie noch eines, klein wie ein Kind. Endlich gewann die Angst gegenüber dem Schrecken. Panisch schloss Aci die Tür und eilte hinab in den Eingangsraum des Hauses. Wo war bloß ihr Mann?

Stöhnend richtete sich Joam auf. Wo befand er sich? Um sich herum sah er nur Unrat und Düsternis. Über sich erkannte er lockere Erde und Wurzeln – ein Loch, durch das kaum etwas von der schwachen Nachmittagssonne hereinschien. Das half ihm also auch nicht. Immerhin erkannte er, dass er auf einem Schutthaufen lag und nun voller Erde und Staub war. Wie herrlich für einen Einzug – er musste hier raus und ein Bad nehmen. Doch durch das Loch würde er nicht wieder kommen. Vorsichtig richtete er sich auf – und zuckte zusammen, als er den Schmerz in seinen Beinen spürte. Humpelnd gelangte er schließlich tiefer in den Raum, in dem er sich befand. Ein Kellergewölbe? Wie groß es wohl war – die Finsternis kam ihm unendlich vor. Verwundert bahnte er sich seinen Weg in die Richtung, in welcher er das Haus vermutete. Alles war pechschwarz – er erkannte kaum etwas. Das Wenige schien sich aber auch nicht zu lohnen. Nach einer Weile warf er einen Blick zurück um zu sehen, wie weit er gekommen war – und erblickte eine Gestalt an der Stelle stehend, an der er hinabgestürzt war. Schwarz wie es war erkannte er keine Züge, doch sie schien gerade auf ihn zuzukommen. Erschrocken wandte er sich wieder um – wer es auch war, begegnen wollte er niemandem. Panik kroch in seine Glieder und so schnell es ging humpelte er durch die Dunkelheit weiter. Dann und wann stolperte er über Geröll, hin und wieder drehte er sich um – die Gestalt folgte ihm. Er wollte nur noch raus aus diesem Gewölbe – doch gäbe es überhaupt einen Ausgang? Was, wenn dies seit Urzeiten verschüttete, unbekannte Gewölbe waren? Was würde geschehen, wenn er keinen Ausgang fände? – Und endlich, als er sich einem noch schwärzeren Bereich näherte, den er für eine Mauer hielt, sah er die Treppe, die hoch ins Haus führen musste, zurück in die Sicherheit – doch da hörte er schwere Fußtritte.
Bei ihrer Suche nach Joam geriet Aci bald in die Küche. Immer noch hauste der Schrecken in ihren Knochen und sie hatte die Befürchtung, dass ihr etwas folgen könnte. In die Küche geriet sie eher zufällig; andere Räume hatte sie schon abgesucht gehabt – doch stets nur, wenn die Tür bereits offen stand und sie hineinsehen konnte. Freiwillig rührte sie keine Tür mehr an, bevor nicht Joam da wäre. – Wo steckte der bloß? – Endlich kam ihr die Idee, sich einen Tee zur Beruhigung zu kochen. Mit diesem setzte sie sich an den kleinen Küchentisch – der große Tisch stand im Esszimmer am Kamin – und versuchte ruhiger zu werden; zu überlegen. Was sie da oben gesehen hatte – es musste Einbildung gewesen sein. Ja – Einbildung. Welch andere Erklärung gäbe es? Es konnte einfach nichts anderes sein. – Doch dann kam eine dieser schattenhaften Gestalten zu ihr in die Küche. Erneut erstarrte Aci. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. – Das Wesen beachtete sie nicht. Ruhig ging – schwebte? – es auf der anderen Seite des Raumes von der Eingangstür hinüber zur Kochstelle – und tat dort, als würde es kochen. – Oder kochte es womöglich wirklich? Vielleicht mussten auch diese Nebelwesen sich Nahrung zubereiten? – Ein Teil von Acis Bewusstsein wunderte sich, wie ein anderer Teil so ruhig solch abwegige Gedanken verfolgen konnte, während ihr Körper vor Angst wie gelähmt schien – und beschloss, dies zu ändern. Mit einem plötzlichen Ruck handelte das verborgene Tier in ihr… und sie rannte davon, hinaus in Richtung Eingang.

Kaum hatte er die Fußtritte vernommen, da warf sich Joam mit einem halben Sprung zwischen Treppe und einem Müllhaufen, wo er verborgen sein würde. Kaum war dies geschafft, da wagte er schon einen Blick hinaus – und sah Aci die Treppe herabkommen. Er wäre fast schon erleichtert aufgestanden, da bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Dies war nicht Aci – Aci war nicht durchsichtig. Doch wer – oder was – war es dann? Und was wollte es, was hatte es vor? Aus seinem Versteck heraus beobachtete er, dem Drang zu fliehen widerstehend. Die Aci-Gestalt blieb am Ende der Treppe stehen, ihr Gesicht – oh wie tot und ausdruckslos! – wandte sie dem Punkte zu, von dem Joam gekommen war. Von dort kam nun die andere Gestalt angeschlendert – angeschwebt? – die ihn verfolgt hatte. Bald geriet sie in den schwachen Schein, der die Treppe herab schien – und oh welch Schrecken! – die Gestalt trug seine Züge! Es konnte nicht sein – was ging hier vor? Erschrocken entfuhr ihm ein Laut der Angst – und die Wesen wandten sich ihm zu. In Furcht um sein Leben sprang er auf und lief davon, immer tiefer in die Dunkelheit hinein, seine Schmerzen nicht beachtend. Bald konnte er nicht mehr weiter – und fiel in tiefe – tiefe – Finsternis.
An der Haustür angelangt bemerkte Aci zu ihrer Verzweiflung, dass diese verschlossen war. So sehr sie auch rüttelte; die Tür rührte sich nicht. – Sie war eingesperrt. Kaum, dass dies in ihr Bewusstsein vordrang, da drehte sie sich auch schon um. Es gab noch eine Hintertür – doch die befand sich in der Küche, aus welcher jetzt das Wesen kam. Das Kerzenlicht des Raumes wurde durch die nebelhafte Form der Gestalt nur abgeschwächt. Aci schauderte es – und noch mehr, als sie sah, wie das Wesen eine Tasse vor sich hertrug. Nichts würde Aci noch in diesem Haus halten können – irgendeinen Weg hinaus musste es geben. Aber die Gestalt versperrte bereits den Weg zu den Räumen im Erdgeschoss – blieb nur noch die Treppe hoch in den ersten Stock. Obwohl der Schatten sich nur langsam und lautlos näherte, rannte sie überhastet die Treppe hoch, stolperte dabei und fiel sie mehrmals fast wieder herab. Oben angekommen wusste sie dann nicht, wohin. – Eines der Fenster nutzen um in den Garten zu springen? – Hinter sich sah sie den Schatten die Stufen hochschweben – und links kam ein zweiter aus der Richtung zum Schlafzimmer. Panisch wandte sie sich nach rechts, hin zum Badezimmer. Als sie dessen Tür öffnete, kam ihr ein weiterer Schatten entgegen. Erschrocken aufschreiend wich sie zurück. – Zum Dachboden? Das wäre eine Falle – doch was blieb? An der Tür zu diesem angekommen erwartete sie jedoch lediglich ein vierter Nebel. Unter Verzweiflung brach etwas in ihr zusammen. Weinend setzte sie sich an Ort und Stelle auf den Boden, lehnte sich an die Wand, alles erwartend. – Doch nach einer Weile fiel ihr auf, dass nichts weiter geschah. Die Gestalten waren allesamt an ihren Plätzen erstarrt. Eine stand links von ihr im Durchgang zum Dachboden, eine andere versperrte den Weg zur Treppe, eine weitere das Badezimmer. Doch keine bewegte sich. Und da sah Aci die offene Tür in das andere Zimmer auf diesem Flur. Vorsichtig erhob sie sich. Zu diesem Zimmer gehend beobachtete sie die Wesen, die sich weiterhin nicht rührten. War dies nun die wahre Falle? – Trotz ihrer Bedenken ging sie darauf ein – welch andere Wahl hatte sie schon?
Es erwartete sie ein dunkler Raum – dessen Kerzen sich bei ihrem Eintritt entfachten, was sie aber kaum noch überraschen konnte. Das Zimmer, welches sie sich scheinbar noch nie angesehen hatte, schien einst ein Kinderzimmer gewesen zu sein – selbst eine Krippe fand sich noch. Doch ihre Aufmerksamkeit erheischte die Tafel, die dort an eine Wand genagelt war: Eine frisch aussehende Schrift hatte jemand darauf geschrieben. Und während sie es las, wurde ihr vieles klar und an manches erinnerte sie sich wieder.
Nachdem Aci sie gelesen hatte, wandte sie sich um und dankte ihrer Familie, die sich jetzt um sie herum versammelt hatte, sowohl für die herzliche Begrüßung als auch für die Auffrischung ihrer Erinnerungen. Viele Jahre war es her, dass dies ihr Zimmer gewesen war, doch nun war sie wieder daheim. Weiterhin dankte sie für die Warnung, die ihre Eltern und Großeltern ihr gaben. Joam könnte ihr und ihrem ungeborenen Kind nicht mehr schaden; dafür hatten sie gesorgt. Aci war frei und wieder bei ihrer Familie – endlich war sie daheim.

ENDE

Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte wurde 3910 von dem zardischen Schriftsteller Zaroan Xasioarin für seinen Herren, den Andoan Orann Fenkayzar geschrieben. Fenkayzar war für seine Vorliebe für Grausamkeiten und Düsteres bekannt. Kurz nach seinem Gönner wurde später übrigens auch Xasioarin vom aufgebrachten Volk getötet.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 12.06.3995


Die Träumerin – Im Anderen Land

Juni 12, 2009

Etwas warmes weckte sie – etwas feuchtes. Verschlafen öffnete sie die Augen. Braune Knöpfe schwebten wie aufgegangene Sterne über ihr. Eine große Nase schnupperte, dann öffnete sich ein pelziges Maul. Plötzlich leckte ihr eine raue warme Zunge feucht über das Gesicht. Jetzt etwas wacher, schob sie den Bernhardiner ein Stück weit von sich, um seiner Zunge zu entkommen. Schwerfällig folgte er ihrem Wunsch, doch hechelte er freudig weiter. In schläfriger Verwirrung blickte sie sich um. Ringsherum sah sie grünbelaubte Bäume. Ihr Körper ruhte sanft auf dem Gras einer Lichtung, an moosbewachsene Felsen gelehnt. Die Sonne wärmte sie; Vöglein zwitscherten. Wo bin ich? Fragte sie sich in Gedanken. Als sofort eine Antwort ihren Geist erfüllte, blickte sie erschrocken den Bernhardiner an. Hatte er zu ihr gedacht? Nein – das konnte nicht sein. Und doch – kaum hatte sie dies wiederum gedacht, blickte der Hund sie starr an und ein Gefühl der Wärme durchströmte sie.
Dies war das Andere Land, das Land ihrer Träume – Träume? – und nicht ohne Grund war sie hier. Der Bernhardiner hatte einen Freund, einen großen Abenteurer – den Pudel. Dieser war seit einer Weile aber ausgezogen, neue Abenteuer zu suchen. Seinen Sohn ließ er für diese Zeit in der Obhut seines Freundes – des Bernhardiners. Nun war der Kleine aber wenigstens so heißblütig wie sein Vater und seinem Aufpasser eines Tages entschlüpft. Dabei dauerte es nicht lange, bis er sich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Dem Bernhardiner wurden diese Neuigkeiten zwar zugetragen, doch kein Bewohner des Anderen Landes könnte den Kleinen dort erreichen, wo er jetzt war. Dafür also hatte der Bernhardiner sie aus ihren Träumen in dieses Land beschworen. Sie, der alles wie die Wirklichkeit erschien, verlor sich in dem Gedanken, dass es nur ein Traum sei. Jetzt war es wesentlich leichter für sie nicht zu wissen, wie sie hergekommen war und gedanklich mit einem großen pelzigen Bernhardiner zu sprechen. Ihre nächsten Gedanken betrafen das ‚Was‘ und ‚Wie‘, doch der Hund gab ihr bloß zu denken, dass sie folgen und dann schon verstehen würde.
Es ging über Stock und Stein und tief in den Wald hinein. Staunend achtete sie mehr auf die Tiere des Waldes denn auf den Weg, welchen sie zurücklegten. Sie sah Schokohörnchen, welche von Baum zu Baum huschten und die überall wachsenden Schokoblumen sammelten; sie sah Gummischweinchen, die grunzend vergnügt gegeneinander stießen; sie sah Puddingfliegen, die bei jedem Flügelschlag einen Teil ihrer Selbst verloren. Und dann plötzlich stießen sie auf die Klippe. Erschrocken blickte sie in den tiefen Abgrund hinab zu einem orangefarbenen Strom, dessen Gift sie laut dem Bernhardiner sofort töten würde. Während ihr noch schwindlig war ob der Höhe vernahm sie die Gedanken, dass sie an der Klippe hinab klettern müsse zu einer Höhle, in welcher man den kleinen Pudel gefangen hielt. Er wies ihr noch den Weg zu einem Seil, das man ihr zur Hilfe bereits um einen Baum geknüpft hatte. Zeit für weitere Fragen oder Einwände blieb nicht – bevor sie sich versah war sie bereits am Klettern und der Bernhardiner verschwunden.
Mit großen Mühen erreichte sie schließlich endlich den Vorsprung, der aus der Klippe hinausragte. Sie kam nicht dazu groß über die gähnende Tiefe unter ihr ängstlich nachzudenken, sprang ihr doch sofort die Tür aus Nussbaumholz ins Auge. Kein Griff oder Knauf zierte ihre Oberfläche, doch waren dafür beide Flügel dieses seltsamenen kleinen Tors mit großen Schnitzereien von Kaninchen verziert. Verwundert und entzückt zugleich strich ihre Hand über die kunstvollen Umrisse der Tiere. Da öffnete sich plötzlich dieses Tor. Ein gähnend schwarzer Gang erwartete sie, der in die Tiefen der Erde führte. Da dieser Weg selbst für den Bernhardiner zu groß gewesen wäre, musste sie auf allen Vieren voran kriechen. Die Dunkelheit bedrückte sie, doch währte dies nicht lange, denn ohne Vorwarnung erleuchteten zahlreiche blaue Punkte den Gang, als hätten sich Glühwürmchen in den Wurzeln der Tunnelwände versteckt. Und endlich dann erreichte sie das Ende dieses Tunnels.
Es war ein Bau, in den sie da geraten war. Eine Art Höhle, etwa dreimal so groß wie sie selber kniend, von der zahlreiche Nebengänge abgingen. Wo sollte sie da bloß anfangen zu suchen? Verzweiflung machte sich breit, als sie ihren Kopf in jeden Tunnel steckte doch nie etwas sah. – Dann – ein Jaulen! Das Jaulen eines verängstigten Hundewelpen! Rasch schickte sie sich an in Richtung dieser Töne zu krabbeln. Das blaue Licht folgte ihr hierbei; als verkündete es den richtigen Pfad. Und letztlich fand sie ihn. Der kleine Pudel war dort unten alleine in der Dunkelheit, mit einem Geflecht aus Wurzeln an die Wand geleint. Herzerweichend jaulte er, verloren im Schattenreich, Doch kaum, da das blaue Licht auch ihn erreichte, hörte er auf und winselte nur noch, während er ihr Näherkommen ängstlich verfolgte. Hoffend, dass das Gespräch durch Gedanken auch bei ihm klappen würde versuchte sie ihn zu beruhigen. Als dies nichts brachte, streichelte sie ihn sanft und spürte seinen zitternden Körper. Dann machte sie sich schnell an seine Befreiung. Kaum war sie fertig, da kamen die Kaninchen.
Wild hoppelnd kamen sie heran, immer wieder kurz haltend um zu schnuppern oder an Wurzeln zu knabbern. Für die Träumerin sahen die Kaninchen gewöhnlich und harmlos aus, doch der Pudel zitterte, als fürchte er um sein Leben. Dies steckte auch sie an. Hastig krabbelte sie durch dunkle Gänge, den Kleinen mit einem Arme an sich drückend, während es hinter ihnen raschelte und kratzte, als ihnen die Kaninchen folgten. Fast war sie daran zu verzweifeln, als sich kein Weg an die Oberfläche zeigte, da bewegte sich plötzlich die Erde vor ihr und ein großer Maulwurf steckte seinen Kopf in den Gang. Seine Gedanken sprachen ihr Ruhe zu und baten sie ihm zu folgen. Während er vorankroch, war sie mit dem Kleinen im Arm dicht auf, weiter verfolgt von den Kaninchen, welche den Kleinen gefangen gehalten hatten. Nicht auf den Schmutz achtend kam ihr die Flucht wie eine Ewigkeit vor, doch schließlich erreichten sie die Oberfläche. Die Lichtung lag im frohen Sonnenschein und der Bernhardiner erwartete sie bereits. Die Flüchtigen retteten sich zu den Steinen, wo die Träumerin erwacht war. Aus der Ferne sahen sie dort wie die Kaninchen ihre Köpfe schnuppernd aus dem Loch steckten. Doch kaum schien die pralle Sonne auf ihre kleinen Häupter, da verkrochen sie sich auch erschrocken sofort wieder.
Nun endlich ließ sie den Kleinen los, der fröhlich kläffend zu seinem Oheim lief, welcher wiederum ihr überschwänglich dankte und sie zur Wiedersehensfeier des alten Pudel einlud. Gerade wollte sie zusagen, da stolperte sie und fiel hin. Ihr wurde schwarz vor Augen…
Lautes Klappern und Schaben weckte sie. Verwirrt sah sie auf und erblickte im Dunkel ihres Zimmers ihre Kaninchen am Fuße des Bettes, wie sie an ihrem kleinen Stoffhund nagten. Schnell sprang sie auf und nahm ihn ihnen weg.
„Was habt ihr denn nun wieder angestellt?“ fragte sie und streichelte den kleinen Hund, der ihr zuzulächeln schien.


Der Bauer und der Zauberer

Juni 6, 2009

I.
Hoch im Norden, auf der anderen Seite des weiten blauen Meeres, liegt die Stadt Dumbaß. Diese ist die Hauptstadt eines zwar nur kleinen, doch dafür umso reicheren Landes gleichen Namens. Die Herren von Dumbaß sind seit langem bekannt für ihre seltsamen Verhaltensweisen, Einfälle und Späße. Ihre Gesetze, Bauten und Unternehmungen können die Einwohner des Landes kaum noch überraschen; für Ausländer dagegen muten sie teils umso sonderbarer an. Vor etwa einhundert Jahren nun hatte ein Herrscher sich einen neuen Palast erbauen lassen. Dieser Palast liegt am Rande der Stadt; seine Ausmaße sind gewaltig. Im Gegensatz zu den Palästen anderer Städte oder Reiche bietet dieser seinen Bewohnern auch einen unmittelbaren Zugang zum Land. Von der Mitte des höchsten Stockwerks des Gebäudes aus kommt man dorthin: über zahlreiche große Treppen mit breiten Stufen, die auch Reittieren genug Platz bieten, gelangt man zunächst sowohl immer tiefer in den Palast als auch zu dessen Rande hin. Nach zahlreichen hunderten schön geschmückten Stufen erreicht man dann die Außenwelt. Eine gewaltige Öffnung begrüßt den Reisenden, den Blick auf den Himmel offenbarend. Natürlich wäre dies eine zu große Einladung für Angreifer und Diebe, weshalb ein großes Tor den Eingang verschließt. Vor allem aber erheischt man nach diesem Tor einen Blick auf einen mit Bäumen und Blumen umgrenzten Weg, der sich um und über Hügel immer weiter gen Osten schlängelt. Auf dem Großteil seiner Länge ist diese Mischung aus Park und Straße ummauert. Die Mauern flankieren es für eine mehrstündige Reisezeit gen Osten, damit nicht Pack und Gesindel ständig an das Tor klopfen können. Zu Beginn sind diese Mauern zahlreiche gestapelte Männer hoch, doch stetig werden sie niedriger, bis sie schließlich ganz zu Ende sind. Zu diesem Zeitpunkt jedoch ist man auch schon auf dem offenen Land und fern von Stadt und Palast. Das Betreten und Bereisen des Weges ist übrigens niemandem verboten, doch die wenigsten wählen diese lange Strecke, wollen sie den Herrscher besuchen; die meisten nutzen lieber das Haupttor des Palastes, welches über einen Innenhof zum Thronsaal führt. Es entstanden jedoch andere Zwecke für die Straße: Kinder nutzen sie für Mutproben, Liebende schlendern an den Parkanlagen vorbei und zweimal im Jahr werden Rennen auf dem Weg abgehalten. Einmal jedoch, da wollte der Zauberer Gasstes diesen Weg für seine Zwecke schändlich missbrauchen.

II.
Östlich der Stadt Dumbaß, fern dessen herrschaftlichen Weges, lebte der Bauer Mazti. Dieser besaß nur einen kleinen Hof mit zwei Hühnern, einer Ziege sowie drei kleinen Feldern. Man könnte also feststellen: er war arm. Und doch – auf seinem Grundstück, so hatte man Gasstes erzählt, befand sich eine für dessen Zwecke dienliche Erzader, weshalb er es besitzen wollte. Gasstes kam aus dem Osten und Mazti hatte nie zuvor von ihm gehört, wenngleich er in seiner Heimat als schlimmer Hochstapler galt, der sich als Zauberer ausgab um Leute mit weniger Verstand ausnehmen zu können. Sein Ziel diesmal war also Mazti. An einem schönen sonnigen Tag erreichte Gasstes den Hof; Mazti molk gerade seine Ziege vor seinem Haus. Gasstes begrüßte ihn und stellte sich artig vor: Gasstes, der Zauberer – d e r Gasstes – als wäre er weltberühmt. Mazti – der einfältige, gutgläubige Bauer – zeigte sich davon äußerst beeindruckt, zumal Gasstes ihm zur Unterstreichung seiner Worte Kunststücke aus seinem Hut vorführte, doch wunderte sich immerhin auch, was ein solcher Mann nun ausgerechnet bei ihm suchte. Gasstes beschloss, nicht weiter drumherum zu reden und offenbarte Mazit: Er würde ihm seinen Hof abkaufen wollen und bot ihm dafür eine gewaltige – traumhafte – Summe, sollte er einwilligen. Doch Mazti musste ablehnen, hing er doch mehr an seinem Leben auf dem Hof denn am schnöden Gelde – und was sollte e r sich denn schon kaufen? Da kam Gasstes die Idee, es mit einer anderen List zu versuchen. Er sah, dass Mazti nur das Leben als Bauer und alles Dazugehörige interessierte, doch dass der Ertrag seiner Felder mehr als kärglich schien. In seinen Taschen fand er einige Samen einer Blume, die von seinem letzten Mahl übriggeblieben waren. Diese versuchte er dem armen Mazti als Zaubersamen zu erklären – Samen mehrerer Gemüsearten, die in jedem Boden gedeihen würden. An dem staunenden Blick seines Gegenübers sah er seinen Sieg nahen. Doch sogleich erläuterte der Bauer, dass er seinen Hof auch dafür nicht verkaufen würde – ohne dabei zu bemerken, dass sie ihm ohne Hof sowieso nichts brächten. Aber Gasstes erwiderte schnell: das wollte er auch gar nicht. Vielmehr sei es sein Anliegen, einem dermaßen harten Geschäftspartner – und weil er von Natur aus ein Spieler sei – die Gelegenheit zu geben, diese Samen im Wettstreit zu gewinnen. Dazu müsse er nur in einem Rennen gegen ihn gewinnen – einem Rennen vom beginn des ummauerten Weges bis hin zum Palast. Da Mazti ihn zweifelnd ansah ergänzte er noch, er würde ihm dabei eine Stunde Vorsprung gewähren. – Gegen einen Zauberer könnte er doch nie gewinnen, sprach da Mazti. – Dass er nicht durch Zauberei betrügen könne, würden Zuschauer überwachen, versprach Gasstes. Nachdem sie sich dann noch ein wenig besprachen, verabschiedeten sie sich – Mazti hatte eingewilligt. Eine Woche später würden sie sich an der Mauer treffen; bis dahin wollten sie es allen verkünden, um möglichst viele Zuschauer zu haben. Doch natürlich hatte Gasstes trotzdem vor zu betrügen.

III.
Eine Woche später trafen sich die beiden Wettstreitenden am Ende des ummauerten Weges. Mazti hatte sich herausgeputzt – Gasstes war ein Geck wie immer. Beide hatten zahlreich Volk aus aus Nord und Süd sowie der Stadt heraufbeschworen, die sich an diesem Tage nun an der gesamten Länge des Weges sammelten, um zu gaffen. Viele lachten Gasstes aus, als sie hörten, er würde dem Bauer Vorsprung gewähren; viel mehr noch hatten sie Mitleid mit Mazti, denn dieser hatte nun seinen Hof als Einsatz in seiner Gutgläubigkeit gesetzt und sie trauten Gasstes mehr den Betrug durch Zauberei denn Ehrlichkeit zu. Und selbst das Herrscherpaar hatte von dem Wettstreit gehört und kam auf einen Balkon des Palastes hinaus, wo sie verkündeten, den Zauberer hinrichten zu lassen, sollte er dennoch betrügen. Zunächst aber geschah alles wie abgesprochen. Der Zauberer gewährte dem Bauern den versprochenen Vorsprung. Während Mazti vorwärts preschte, setzte sich Gasstes für eine Stunde reglos auf ein Ende der Mauer, beobachtet von Dutzenden von Zuschauern, die auf jeden Trick gefasst waren. – Doch nichts geschah. Eine Stunde lang verharrte Gasstes ruhig wie ein Bildnis. Bald fragte man sich, ob er sich nicht tatsächlich gegen eines eingetauscht hätte, doch viele sahen ihn atmen. Sodann ging ein Raunen durch die Menge und alle fragten sich, was dieser Zauberer nun vorhatte. Aus der Richtung zum Palast hin kamen immer wieder Meldungen, dass Mazti gut vorankam: Er rannte, als ginge es um sein Leben. Doch allmählich schienen ihn die Kräfte zu verlassen: Er wurde immer langsamer. Dies hörte auch Gasstes und ein zufriedener Ausdruck schlich sich in sein Gesicht.
Nachdem die Stunde dann abgelaufen war, musste ihm niemand die Zeit ansagen; ganz von alleine fing er an zu laufen und fiel sofort in einen ruhigen Trab. Die Menge blickte ihm staunend hinterher und nach und nach setzten auch sie sich in Bewegung; ihm zu folgen oder heim zu gehen. Gut vier Stunden dauerte es, da kam vor Gasstes der sich langsam vorkämpfende Mazti in Sicht. Seine Kleidung war durchgeschwitzt, sein Lauf schleppend und lahm, der Atem weithin hörbar keuchend. Wenig später dann überholte der Zauberer den Bauern und winkte ihm sogar noch fröhlich zu, was dieser aber kaum bemerkte; sein Blick war verschleiert von Schweiß. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis Gasstes den Palast vor Mazti erreichte und sich feiern ließ – oder besser gesagt: sich feiern lassen wollte, für seinen rechtmäßigen doch listigen Sieg. Denn aufgestachelt von einzelnen, buhte ihn bald die ganze Masse aus, hatte er doch den armen Bauern dank dessen Dummheit hereingelegt. Als dieser schließlich fast angekrochen kam und sich erschöpft in den Staub warf, verlangte Gasstes sogleich dessen Hof von ihm. Doch Mazti konnte nicht antworten; er war bewusstlos. Gasstes kramte stattdessen in seinen Taschen nach dem Schlüssel zum Hof – da unterbrach die Trompete eines herrschaftlichen Dieners das Getöse und brachte jedes Raunen zum Schweigen.
Was folgte, sei kurz erzählt: Das Herrscherpaar hatte zu dieser Zeit gerade Besuch aus dem Osten. Zusammen genossen sie das Schauspiel unterhalb des Palastes, doch kaum da Gasstes ihn erreicht hatte, sprang der Besuch aufgeregt von seinem Stuhle auf. Eilig erklärte er dem Herrscherpaar, dass er das Gesicht dieses Mannes bereits von Steckbriefen aus seiner Heimat kannte. Gasstes der Zauberer wurde daraufhin eilig von den Wachen des Palastes verhaftet, abgeführt und in den Kerker gesperrt, damit er den Besuch begleitend in dessen Heimat zu seiner Hinrichtung gebracht werden könne. Auf diese Art schaffte der Bauer Mazti es, seinen Hof behalten zu können – er hatte mehr Glück als Verstand besessen. Bis zu seinem Lebensende konnte er seine öden Felder bestellen. Gasstes jedoch wurde ohne Gewinn in den Osten überführt – doch verschwand unterwegs plötzlich; nur seine leeren Bein- und Handschellen blieben von ihm. In keinem der beiden Länder sollte man je wieder von ihm hören. Nun war man allerdings doch noch davon überzeugt, dass Gasstes ein wahrer Zauberer gewesen sei.

ENDE


Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte aus dem hohen Norden ist ein dort allseits beliebtes Märchen, wie es davon viele gibt. In anderen Ausführungen der Geschichte gewinnt Gasstes zum Beispiel durch einen Zwillingsbruder und raubt indessen Maztis Hof aus, in anderen wird er doch noch hingerichtet. Oft werden die Figuren auch gänzlich anders benannt. Doch Dumbaß und diese Straße gibt es wirklich.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 03.06.3995