AWG97 Der schlimmste Tag

Februar 29, 2020

Der schlimmste Tag

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© 2012 – 2016 by Andre Schuchardt

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Inhalt

Buch 1: Der Morgen 4

I 5

II 17

III 31

Buch 2: Der Mittag 46

IV 47

V 57

VI 64

Buch 3: Der Nachmittag 73

VII 74

VIII 84

IX 97

Buch 4: Der Abend 106

X 107

XI 117

XII 128

Der nächste Tag 140

XIII 141

Buch 1: Der Morgen

I

Gong!

Und plötzlich war er wach, oder zumindest nicht mehr im Traum. Ach – der Traum! Wie wohlig schön. – Und langsam dämmerte er wieder davon und träumte weiter von Ruhe, Frieden und Glück.

Gong!

Ach – nicht doch – nur noch einen Augenblick lang dieses Gefühl genießen. Aber – war da nicht etwas – gab es da nicht etwas – zu tun? Was war es noch?

Gong!

Und dann fiel es ihm ein: Dass es läutete, konnte nur bedeuten, dass es Morgen war; dass er schnell aufzustehen hatte, wollte er nicht zu spät sein.

Gong!

Niemals durfte er zu spät sein. – Wann war er gestern aufgestanden? Ach ja – beim vorletzten Schlag. Wie jeden Tag.

Gong!

Mühsam raffte er sich auf. Durch sein Fenster fiel das Morgenlicht in den kahlen kleinen Raum, der zu dieser Jahreszeit morgens noch angenehm kühl war.

Gong!

Damit war die Nacht für ihn beendet und ein neuer Tag lag vor ihm. Wie jeden Morgen schlüpfte er als erstes in seine Sandalen, zuerst links, dann rechts. Gähnend erhob er sich, entledigte sich seines Nachthemdes und legte dieses gefaltet auf seine Schlafstatt, nachdem er diese gemacht hatte. Als nächstes käme die Morgenwäsche dran. Den linken Fuß auf das Bodenbrett mit der Flammenzeichnung, den rechten auf dessen Nachbarn. Acht Bretter waren es bis zur Waschschüssel. Schlaftrunken klatschte er sich etwas Wasser ins Gesicht, um wach zu werden. – Doch bringen tat dies wenig.

Ein wichtiger Einfluss im täglichen Ablauf des Lebens, den man selber nicht willentlich beeinflussen könne, so brachte man ihm bei, war der eigene Stoffwechsel. Um diesen in Schwung zu bringen sollte man Abends ein Kräutergemisch zu sich nehmen, um jeden Morgen zur selben Zeit bereit zu sein. Jetzt hätte es eigentlich soweit sein müssen, doch irgendwie – fühlte er sich nicht danach. War heute etwas anders? – Nein, das durfte nicht sein! Der plötzliche Schub von Angst ließ ihn doch noch wach werden. Was nun? Was konnte er jetzt machen? Der Ablauf durfte – konnte – nicht verändert werden. Bis Morgen warten?

In seiner Verzweiflung fiel ihm nur ein, beim nächsten Punkt seines Tagesablaufs weiter zu machen, doch – Halt. Etwas anderes wäre noch zuvor gekommen. Hätte er das vergessen können? Die drei Bretter zu seinem Kleiderschrank überquerend öffnete er den linken, dann den rechten Flügel und nahm sich seine heutige Kleidung, welche dieselbe war, wie an jedem Tag. Erleichtert über diese Vertrautheit ging er zurück zum Waschbecken.

Zwar gehörte er leider zu der Sorte, die Morgens nur langsam wach wurde, doch war es Gebot, sich sofort rasieren zu müssen – sofern man es überhaupt tat. Später würde er dafür keine Zeit haben. Im Halbschlaf vor dem Becken stehend rasierte es sich für ihn aber schlecht, weshalb er sich für die Lösung entschieden hatte, es nur schwach zu tun, statt sich jedem Morgen einer neuen Wunde auszusetzen. An diesem Tag aber verfiel er bei seiner Tätigkeit erneut ins Träumen und – schnitt zu tief. Es war nur ein feiner Schnitt, doch stürzte damit für ihn fast eine Welt in sich zusammen. Welch Unglück dies wohl nach ziehen würde, fürchtete er zu fragen.

Schließlich konnte er aber nicht anders, als weiter zu machen wie zuvor, denn jeder weitere Bruch mit der Gewohnheit würde mehr Unglück herbei beschwören. Heute war der Tag des sich alle dreißig Tage wiederholenden Mondfestes und damit der längste Tag dieser Zeit. – Mehr als genug davon also für sehr viel Unglück.

Nachdem er mit Aufstehen, Waschen, Anziehen und Rasur fertig war, galt es, hinaus in die Welt zu treten und sich auf den Weg zu machen. Sein Zimmer lag am Südende des Wohnbereichs, derweil sich Küchen und Speisesäle im Osten des Klosters befanden. Zuvor galt es aber, nach Westen, in die Gebetshallen zu gelangen. Immerhin war es früher Morgen und wie an einem jedem solchen galt es zuerst, der Predigt des Ältesten zu lauschen, auch wenn dieser nur immerzu dasselbe verkündete. Aber diesem Gedanken war noch nie jemand in der langen Geschichte des Klosters auf die Spur gekommen.

Andächtig – oder schläfrig – öffnete er seine Tür und wagte einen ersten Blick hinaus.

„Morgen, Fahach!“ Wie immer gut gelaunt – wie war das zu dieser Zeit nur jeden Morgen möglich? – ging da einer seiner Brüder an ihm vorbei, kaum auf die zu betretenden Bretter achtend, eilend gen heutiger Predigt.

Jeden Morgen dasselbe. – Warum hatte Fahach sein Zimmer ausgerechnet auf dem Weg des einzigen Morgens gut gelaunten Bruder nehmen müssen?

„Morgen“, murmelte er, als der Bruder schon halb wieder verschwunden war, und machte den ersten Schritt auf den Gang.

In seiner Schläfrigkeit hatte er wesentlich stärker auf seine Taten zu achten, als seine Brüder. Diese huschten teilweise an ihm vorbei, während er noch abzählte, auf welches Brett er als nächstes zu steigen hatte, um kein Unglück auf sich zu ziehen. Gang um Gang legte er so zurück, musste selten andere Ganggänger grüßen und noch seltener jemanden vorbeilassen oder gar auf ihn warten. Doch dann geschah etwas, das sowohl seine vollkommene Gewohnheit als auch seine nach dem unglücklichen Aufstehen wiedergewonnene Selbstsicherheit zerstörte.

„Sie können hier nicht lang gehen.“

Was? Wer hatte da gesprochen? Langsam erst verstand er, dass dort jemand vor ihm auf dem Boden kniete und er deshalb hatte halten müssen. Danach dauerte es noch weitere, quälend lange Augenblicke, bis er wirklich verstand, was das bedeuten würde.

„Wie? Das kann nicht sein. – Ich gehe immer hier lang auf dem Weg zum Morgengebet -“

„Möglich, aber heute geht das nicht. Ich muss den Stein hier neu verlegen.“

Erstaunt erkannte Fahach, dass die Platte, über die er täglich hinweg ging, nicht mehr an ihrem Ort lag, während ein schmutziges Loch im Boden klaffte. – Doch, dort lehnte sie, neben dem unverschämten jungen Kerl. Der musste aus der Stadt sein. – Schon öfter hatte Fahach bemerken müssen, dass es manchen Städtern an Umgangsformen mangelte.

„Junge, du verstehst nicht – ich gehe hier jeden Morgen lang – jedenimmer -“

„Na dann gehen sie doch einfach um mich ‚rum; hier ist viel Platz.“

„Das geht nicht -!“

„Warum? – Ach!“ Endlich schien der Kerl zu verstehen, wo er sich befand und begann dümmlich zu grinsen. „Ich verstehe. Sie müssen also jeden Tag zu dieser Zeit über genau diese Platte gehen.“ – Na endlich, dachte Fahach. – Doch dann verschwand das Grinsen wieder. „Aber heute nicht; ich habe den Auftrag, die Platte hier zu erneuern. Sehen sie? Sie ist gesplittert und könnte jederzeit brechen.“

„Ja können sie das denn nicht machen, nachdem ich weg bin?!“

Fahach befand sich nah des Verzweifelns. Wenn er nicht bald weitergehen könne, würde er viel zu spät zum Gebet kommen. Falschen Weg nehmen oder zu spät kommen? Die Wahl fiel nicht leicht.

„Tut mir leid, aber sie sehen doch, dass ich schon angefangen habe. Ihre Platte liegt hier sowieso nicht mehr. Aber sie können warten, in vielleicht einer Stunde dürfte ich fertig sein.

Seine Unverschämtheit war zu viel für Fahach. Wer hatte bloß diesen Kerl eingestellt? Doch mittlerweile herrschte vor allem die Angst in ihm. Was er auch tat, es wäre schädlich für ihn. Entweder warten und das Gebet verpassen oder seinen Weg ändern. Welches von beidem wog schwerer? Es bereitete fast körperliche und viele geistige Schmerzen, seinen Fuß in eine andere Richtung zu bewegen. Wenn er doch – aber nein, es ging einfach nicht. Kurzzeitig war er knapp davor, einfach weinend auf den Steinen zusammenzubrechen.

In all der Zeit, die er da verzweifelt stand, hatte er den Kerl vergessen. Erst als er einen Schlag in den Rücken bekam, erinnerte er sich seiner. Da war er aber bereits ein paar Schritte vor gestolpert, hinweg über die kleine Baustelle und auf eine der anderen Platten seines Weges.

„Jetzt gehen sie endlich, damit ich weiter machen kann“, sprach der Kerl und wandte sich seiner Arbeit zu, derweil Fahach ihn nur ungläubig begaffen konnte.

Hatte er es gewagt – ? Der Kerl beachtete ihn aber nicht weiter, doch Fahach benötigt noch eine Weile, bis er wirklich verstand, was ihm geschehen war und welche Auswirkungen das haben würde. Er stand nun tatsächlich wieder auf seinem eigenen Pfad und könnte den Weg also fortsetzen. Zwar hatte dieser eine ungewöhnliche Unterbrechung gehabt und er musste dabei einen neuartigen Umweg auf sich nehmen – doch war dies nicht seine Schuld, denn der Kerl hatte es verursacht und auch beseitigt. Das Gefühl der Angst ließ langsam nach. Es blieb ein milder Zorn auf den Kerl und seine kleine Baustelle. Dafür wuchs der Gedanke, dass die Messe nicht auf ihn warten würde, er sich also sputen müsse.

Hastig wandte er sich also um und folgte seinem restlichen, täglichen Gang, mal links, mal rechts abbiegend und selten im Kreis gehen, bis er endlich auf den westlichen Innenhof hinaus kam. Hier war es eine besondere Herausforderung, einen gleichbleibenden Pfad im Sand einzuhalten. Denn obwohl er es immer versuchte, vernichteten die Anwärter stets sein Werk, indem sie einmal am Tag ihrer Verpflichtung nachkamen, den Hof zu fegen. Hierfür galt aber noch die besondere Regelung, dass der genaue Weg für ihn unwichtig war, solange Beginn und Ziel stimmten und er sich immerhin grob an den Pfad halten konnte.

Für gewöhnlich hatte man vor der Gebetshalle zu warten. Die Ersten würden bereits hineingehen, derweil sich die Nächsten die Füße abtraten und der Rest hinter ihnen zusah oder seinen jeweiligen morgendlichen Halbschlaf-Träumen nachhing. Fahach gehörte – aufgrund seiner zeitraubenden Aufstehgewohnheiten – immerhin schon zu denen, die als letztes kamen und sich am längsten die Füße in den Bauch stehen durften. Doch heute kam er gerade noch rechtzeitig, den Platz hinter den sonst zuletzt stehenden einzunehmen.

„Du kommst spät“, sprach Man, als er hinter ihm stand.

Zum Glück gehörte ein morgendlicher kurzer Plausch mit zum Tagesablauf.

„Ein Kerl aus der Stadt – ein Handwerker oder so – hat mich aufgehalten.“

„Na, wenn es weiter nichts ist. Die Morgenandacht wird uns aufheitern.“

Damit war Man an der Reihe, sich vor dem Tor zu verbeugen, dem All zu danken, sich die Füße abzutreten und schließlich auch einzutreten, um zu seinem Platz in der Halle zu gehen. Fahach sah ihm dabei nur zu, fand langsam zu seiner alten Ruhe zurück und wartete nur darauf, folgen zu können. Als es soweit war, verbeugte auch er sich vor dem Tor und bat in seinem Geist inbrünstig darum, heute vor weiteren Unglücken geschützt zu werden, ohne daran zu denken, im Ausgleich dafür selber etwas zu versprechen. Danach säuberte er seine Sandalen auf der Matte vor dem Eingang, bevor er die Türschwelle übertrat.

Die Gebetshalle war einer der größten Räume des Klosters und konnte ohne Probleme alle hier Wohnenden fassen, ob Bruder oder Anwärter. Letztere mussten in der ersten Reihe knien, während jeder andere sich nach seiner Aufnahme einen freien Platz hatte suchen dürfen. Sein eigener befand sich links hinten in der Ecke. Schon immer war dieser Platz von Vorteil gewesen, da er als Letzter so nicht an allen zuvor Gekommenen vorbeigehen musste, auch wenn es durch das kaputte Fenster in seinem Rücken stets etwas zog.

An seinem Platz angelangt, kniete er sich auf den harten Steinboden und beobachtete wie immer das Treiben in der Halle. Alle Brüder – in Gelb – und Anwärter – in Weiß – waren anwesend, so wie auch die zwölf Oberen – in Rot. Diese nahmen als einzige ihre Holzstühle, gepolstert mit Kissen, droben auf der Bühne, schräg stehend und so zugleich zu Anwesenden und Bühnenmitte blickend, ein. Auf den Tischen vor ihnen standen Krüge dampfender Getränke, doch blickten sie noch ernst. In der Mitte ihrer Aufmerksamkeit stand ein einzelner, brusthoher kleiner Tisch.

Und in genau dem Augenblick, in dem Fahachs Augen diesen erblickten, fiel das Sonnenlicht durch die Ostfenster auf ihn und der Älteste trat ein. Seine Farbe war das Gold, was dazu führte, dass er in der Morgensonne blendend erstrahlte, wie der Sohn der Sonne selbst. An seinem Tisch angelangt, verharrte er, sich mit den Händen darauf abstützend, und sah sich die Versammelten musternd an. Scheinbar zufrieden fing er an.

„Heute ist der einhundert und elfte Tag des Jahres. Nachdem ihr jetzt alle wach seid, kann er beginnen. Die Sonne ist uns heute besonders wohlgesonnen und alles, was ihr heute richtig tut, wird euch doppelt gut getan; doch alles falsche erfährt doppeltes Unglück. Also lasst sie uns preisen.“ – Damit neigten alle kurz ihr Haupt. – „Aber unabhängig davon, ob unsere Herrin heute weiter auf uns herab strahlt oder nicht, werden wir unser Tagwerk verrichten. Mag die restliche Welt auch dem Irrsinn verfallen; wir bleiben eisern. Nun aber zur Verteilung der heutigen Aufgaben.“

Bisher hatte er fast dasselbe wie jeden Tag gesagt, nur verändert in den Anmerkungen. Auch die Aufgabenverteilung bot keine Überraschungen, unterlagen sie doch ebenso den Regelmäßigkeiten der Gewohnheit. Nacheinander ging er die Namen und Aufgaben der Anwesenden durch, während Fahach sich trotz schmerzender Knie kurz vorm Eindösen fand.

„Fahach“, sprach da der Älteste, „wird nach dem Frühstück die mit der Gartenarbeit beauftragten Anwärter einweisen. Danach wird er in die Stadt gehen. Die Einkaufsliste kannst du dir vorher bei mir abholen. Nachmittags kümmerst du dich weiter um die Anwärter.“

Nichts davon mochte Fahach. Die Anwärter bedeuteten immer wieder Probleme, da sie die Regeln noch nicht völlig verinnerlicht hatten, und die Stadt – oder eher ihre Bewohner – machten ihm Angst. Den Ältesten interessierte so etwas aber nicht.

„Lasst uns jetzt einen Augenblick des Schweigens einlegen und im Lichte unserer Herrin, der Sonne, baden.“ Nachdem dies geschehen war, fuhr er fort. „Heute gedenken wir auch der Tochter der Sonne, unserem weißen Mond. Wie immer wird das heute Abend auf der Hangwiese als Fest veranstaltet. Wir treffen uns dazu wie immer gemeinsam am Haupttor, wenn die Sonne schlafen geht, und werden alle mit uns feiernden Städter begrüßen.“

Diesen Teil mochte Fahach am wenigsten, bedeutete es doch mehr Zeit mit den Städtern, als ihm lieb war. Doch war es so Sitte und daher Vorschrift.

„Und nun werden wir noch einmal die Strahlen der Sonne genießen und uns erfreuen, dass sie uns alle heute hier behütet.“ Ein weiterer Augenblick der Andacht folgte. „Weiterhin wollte ich euch noch weniger erfreuliche Nachrichten mitteilen. Es betrifft die Angestellten und Helfer, die kein Teil unserer Gemeinschaft sind, jedoch von uns leben. Immer wieder vernehme ich Klagen, dass sie kein Verständnis für unser Leben, unsere Art und die Gebote der Herrin zeigen, obwohl die Stadt uns seit Urzeiten kennt. Solche Gestalten, um es einmal zu zeigen, gehören nicht hierher. Wenn ihr dem jedoch begegnet, sagt es mir oder den anderen,“ er machte eine kurze ausholende Bewegung, die Oberen umfassend, „sobald es an euch ist, mit uns zu sprechen. Denn mag es auch draußen in der Welt Sitte sein, in Unordnung, Ehrfurchtslosigkeit und kriegerischen Absichten zu leben, so sind wir ein Hort der Regelmäßigkeit. Zwar müssen wir mit ihnen leben und uns teils ihren Umständen anpassen, doch gilt das ebenso für sie, wenn sie unser Heim betreten. Drum meidet alle, die dies nicht verstehen können. Und nun – lasst uns baden in den Strahlen, welche die Herrin Sonne uns heute sendet.“ Ein letztes Mal wurde Andacht eingelegt, bevor es schließlich zu Ende ging. „Ihr seid jetzt entlassen. Und gedenkt allzeit der Sonne.“

Damit verließ der Älteste seinen Platz, um die Halle durch seinen eigenen Ausgang wieder zu verlassen. Auch die Oberen erhoben sich und strömten durch verschiedene Türen. Sie alle würden wohl in ihre Kammern oder an andere Orte einkehren, zur Arbeit oder zum Essen. Derweil strollten auch die restlichen Anwesenden davon, doch diese alle durch den Haupteingang. Zuerst die Brüder, danach die Anwärter. Sie alle hatten aber das selbe Ziel, welches bereits von etlichen knurrenden Mägen verlangt wurde: den Speisesaal.

 

 

II

„Wie fandest du die Ansprache?“ fragte Man, während er wie jeden Morgen neben Fahach ging.

„Es gefiel mir. Meinetwegen könnten wir diese Fremdlinge gerne alle raus werfen“

„Aber wer würde dann für uns arbeiten?“

„Machen wir nicht auch so schon alle wichtigen Arbeiten?“

„Nein, eigentlich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, hier schon mal gekocht, den Abort gereinigt, Fliesen verlegt, Kleidung gewaschen und genäht oder den Ältesten bedient zu haben.“

„Ach – wir arbeiten doch auch im Garten und fegen den Hof. So schwer kann der Rest nun auch nicht sein.“

„Das sagst du jetzt…“

Während ihres Gespräches hatten sie den Innenhof gen Ost durchquert. Sie gingen durch den Tunnel, der durch das Kloster vom Westhof zum Haupthof führte. Zu Beginn ihrer Anwärterschaft vor vielen Jahren hatten sie sich beide für diesen Weg entschieden und mussten ihn seitdem jeden Tag zurücklegen. Damals, an diesem ersten Tag, war es sonnig und warm gewesen, gleich so wie heute. Doch an Tagen, die weniger gemütlich, gar stürmisch waren, bereuten sie ihre Entscheidung immer wieder – doch auch das gehörte dazu. Zum Glück aber würde das Kloster nicht da stehen, wo es stand, wäre es nicht ein meist sonniger Platz. Man war erst Jahre später als Fahach an diesen Ort gekommen, und doch hatten sie sich für den selben Pfad entschieden. Das hatte sie auch dazu verpflichtet, sich besser kennen zu lernen. Der gemeinsame Weg sollte sie bis zum Speisesaal führen.

Auf dem Haupthof beobachten sie kurz das schon beginnende Treiben. Aus der Stadt kamen die Lieferungen, zum Beispiel für das spätere Mittagessen. Jeden Morgen hatte ein anderer Bruder diese zu empfangen. – Heute waren Fahach und Man es zum Glück nicht. Einige der Waren wurden offenbar für das abendliche Fest benötigt. – Jedenfalls war es mehr als sonst. Zweimal bisher hatte Fahach eine solche Lieferung annehmen müssen. – Sein Rücken schmerzte bis heute bei dem Gedanken daran.

Nachdem sie genug gegafft hatten, überquerten sie den breiten Hof, der von Gehwegen aus Kies durchzogen und mit Grasflächen und Bäumen gesäumt waren. Dazu hatten sie sich einst nicht den geraden Weg auserkoren. Es galt, zunächst nach Rechts, gen Süd, zu drehen und auf das Hauptgebäude zuzugehen. Nach drei Schritten gab es da eine Abzweigung des Weges gen schräg links, durch zwei Grünflächen hindurch. Zunächst kamen sie so auf einen kleinen Zwischenplatz hinaus. Dieser war von einem kleinen Teich gekrönt, den sie einmal halb umrundeten und den Fischen zusahen. Auf der anderen Seite ging es wieder, die Abbiegung sehr scharf nehmend, in Richtung Südost. Am Ende dieses Weges mussten sie wieder einmal nach Links abbiegen und gen Nord zurück zum Haupttor gehen. Nach dem einhundertsten Schritt waren sie endlich am Tunnel zum Ostflügel angelangt, welcher nur etwa vierzig Schritt gegenüber des Westtunnels lag. Fahachs Magen beschwerte sich hier bereits knurrend.

Der Tunnel führte sie auf den Osthof. – Wäre da ein Hof gewesen. Tatsächlich aber nahm den Großteil dieses Hofes der Garten ein. Wenngleich Fahach erst nach dem Essen sich um ihn kümmern müsste, konnte er doch der Verlockung nicht widerstehen, nun schon einmal einen Blick darauf zu werfen. Aber noch war der Garten ruhig und leer. Sehr schön. In seiner Zufriedenheit vergaß er aber, auf den Weg zu achten. Man machte ihn darauf aufmerksam.

„Du hast deinen Schritt falsch gesetzt.“ Mit einem undeutbaren Ausdruck sah er ihn an, derweil sie beide wie immer weiter gingen. „Geht es dir gut? Wenn du krank bist, wäre das kein Bruch der Gewohnheiten…“

Fahach fiel nur ein Ausweg ein, derweil er sich plötzlich schweißgebadet fühlte. „Du musst dich irren. – Sieh! Ich gehe wie immer.“

„Ja, jetzt -“

„Nein, schon die ganze Zeit. Du hast dich versehen.“

Wenn du meinst.“ Aber Man schien durch die Erklärung nicht befriedigt, vielmehr wirkte er düster ernster.

Ob er wohl daran dachte, es einem Obersten zu berichten? Er musste sich schnell etwas einfallen lassen. Ihn mit der Sonne ablenken? Zu auffällig. Ihn nach dem heutigen Speiseplan fragen? Das hatte er noch nie gemacht. Verzweifelt dachte er nach, derweil sie den Garten bereits umrundet hatten und den südöstlichen Flügel betraten, um den Gang gen Speisesaal zu nehmen. – Ach, Man würde es sicherlich wieder vergessen, sagte er sich. Kurz warf er einen verstohlenen Seitenblick auf seinen Begleiter, doch der war damit beschäftigt, auf seine eigenen Fußtritte zu achten, um immer die richtigen Fliesen zu erwischen. Auch Fahach selber musste das machen, wollte er sich nicht aus versehen einen Fehltritt leisten. Immerhin hatte sein Körper sich in all den Jahren gut darauf eingestellt, stets demselben Pfad zu folgen, stets dieselben Dinge zu tun – stets dasselbe zu erwarten.

Auch im Speisesaal waren sie die letzten. Schon in seinem Leben, dass er vor dem Kloster geführt hatte, gewöhnte Fahach es sich an, Orte einzunehmen, an denen er weniger auffiel, Plätze zu wählen, der fern der Aufmerksamkeit waren – und ein gutes Mittel, dies zu erreichen, war, als letzter aufzutauchen. Das hatte auch den Vorteil, dass er nie lange bis zum Beginn warten musste. Hier im Speisesaal bedeutete es, dass die Schlange der sich Anstellenden sich schon fast aufgelöst hatte, ähnlich wie beim Frühgebet. Und da immer reichlich Angebot an Frühstück bereitgestellt wurde, brauchte man auch keinen Mangel zu fürchten.

Jeder in diesem Raum hatte seinen eigenen Plan, nach dem er entweder jeden Tag dasselbe nahm, nur an bestimmten Wochentagen etwas oder gar noch seltener. Da Fahach vieles auf dieser Tafel früher, beim Eintreffen im Kloster, nicht geschmeckt hatte, wechselte er nur jeden Tag zwischen einer von zwei Möglichkeiten. Heute wären dies Brot, Käse, eine kleine Schüssel Haferbrei, etwas Sonnenfrucht und Milch gewesen. Wie immer kam aber Man vor ihm dran und wie immer beobachtete er ihn bei seiner Wahl. Als er selber an der Reihe war, ergriff er einen großen Teller, nahm seine übliche Anzahl vorgeschnittener Brotscheiben, dazu ein größeres Stück Käse. Für den Haferbrei nahm er sich zunächst, mit der freien linken Hand, eine Schüssel, welche er vor den großen Topf mit Brei stellte. Drei Kellen voll davon – nicht mehr, nicht weniger. Die Schüssel vorwärts schubsen, noch eine Frucht auf den Teller legen. – Halt, wo waren die Früchte? Neben dem Breitopf stand, wie erwartet, die große flache Schale, in der sich immer die Fruchtauswahl befand. Aber – wo war das Obst selber? Hatte jemand anders sich bereits zu viele genommen? Aber dem könnte nicht sein; noch nie hatte Mangel geherrscht; zumindest, so lange kein Winter war. Möglich, dass es bloß noch nie dazu gekommen war, dass ausgerechnet heute auch alle anderen eine Frucht genommen hatten? – Für Fahach am wahrscheinlichsten aber war, dass einer der Städter, die hier in der Küche arbeiteten, grässlich geschlampt hatte.

Wo war seine Frucht? Einen Augenblick war er kurz vor einem Zornesanfall, dann aber erinnerten ihn Schweiß auf der Stirn und feuchte Hände daran, mit welcher Angst ihn der Umstand doch erfüllte. Was sollte er jetzt machen? Sich beschweren gehen kam nicht in Frage. Schon in diesem Augenblick bewegte sich Man auf das Ende des Essensangebotes zu und noch nie war Fahach mit dem Holen länger beschäftigt gewesen als er. Immer unruhiger wurden seine Gedanken, bis er sie kaum noch im Griff behielt. Sollte er etwas anderes statt der Frucht nehmen? Das wäre ein schwerer Bruch mit den Regeln, somit nicht machbar. Mehr aus Ahnung, denn aus Vernunft, ging er schließlich weiter, dachte aber noch an die Milch. Vollgepackt folgte er Man an ihren gewöhnlichen Platz an einem der Tische, zusammen mit vier anderen Brüdern, die bereits beim Essen waren.

„Wo ist deine Frucht?“ Man war es aufgefallen. „Müsstest du nicht heute eine nehmen?“

„Sprich es bitte nicht an.“ Kaum hatte Man gefragt, wollte er eigentlich nur noch flüchten und das Ganze vergessen.

Man besaß nicht genug Feingefühl. „Das bringt Unglück, wenn – „

Unbewusst bemerkte Fahach da eine Möglichkeit, seinen Zorn ein wenig zu entladen, ohne flüchten oder gänzlich ausrasten zu müssen. „Es bringt auch Unglück, wenn du jetzt nicht die Klappe hältst und wie gewohnt anfängst zu essen.“ Sofort aber tat ihm sein Ausbruch leid, vor allem beim Anblick von Mans Ausdruck und den leichten Seitenblicken ihrer Sitznachbarn. „Tut mir leid.“

Schweigend begannen sie zu essen. Mit dem Messer, dass er immer bei sich trug, regelmäßig geschärft und in der Stadt ersetzt, schnitt er das Brot in Scheiben; ebenso den Käse. Die Käsescheiben, alle auf dieselbe Dicke geschnitten, legte er nach und nach sauber angeordnet auf die Scheiben, jeweils bevor er anfing, sie zu essen. Den Brei löffelte er ebenso, immer, wenn er eine Pause mit den Scheiben einlegte, also alle vier Bisse. Die Milch dagegen nahm er nur zu sich, sobald er Interesse an einem Getränk verspürte.

Keiner im Saal sprach beim Essen, daher waren ihre Worte zu Beginn etwas höchst Ungewöhnliches gewesen. Fahach aber hatte Zeit, über all das mögliche Unglück nachzudenken, das sich bereits aus diesen wenigen Fehlern heute ergeben könnten. Nur selten waren ihm schon ähnliche Fehler oder Missgeschicke unterlaufen; nie hatten sie gute Folgen gehabt. Und ebenfalls noch nie waren es so viele Vorfälle auf einmal gewesen, wie an diesem einen Morgen bereits. Und der Tag lag noch vor ihm.

Draußen hörte er acht Glockenschläge.

Nach dem Essen geschah – zunächst – nichts Besonders mehr. Während Fahach während des Mahls aufgrund seiner Sorgen störende Kopfschmerzen entwickelte, machte sich danach eine gewisse Erschöpfung breit. Diese körperlichen Anfälligkeiten und Besonderheiten waren das Einzige, das nicht in Form einer Regel festgeschrieben war und daher trotz seiner Schrecklichkeit nicht – schlimm war. Unvorhergesehene Taten seiner Umwelt dagegen waren steuerbar, denn hier im Kloster sollten sie nicht vorkommen und in der Stadt kannte man sich mit den Brüdern aus. Warum es also immer wieder zu Fehlern der anderen, der Angeheuerten, der Kerle und Tagelöhner kam, war ihm ein Rätsel. Schon lange forderte er für jeden Städter eine Schulpflicht, in deren Rahmen die Lehren des Klosters Einfluss finden würden. Doch gesagt hatte er dies noch niemandem – eine Verwirklichung würde auch die Gewohnheiten stören.

Nach dem Essen gingen Fahach und Man getrennte Wege. Ersterer nahm denselben Pfad zurück, den sie gekommen waren, doch nur bis in den Garten, welcher den Osthof belegte. Die Anwärter warteten bereits auf ihn und seinen Unterricht vor dem östlichen Tor der Gartenumfriedung, aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Er glaubte alle Gesichter schon mal gesehen zu haben, doch erinnerte sich nur an zwei der Namen; hier im Kloster hatte man sie für die Zeit ihrer Anwärterschaft mit den Namen Butterlöffel und Unfug versehen. Ersterer bekam seinen Namen aufgrund des ihm nicht auszutreibenden übertriebenen Naschens, zweiterer aufgrund der Art, seine liebsten Tätigkeiten auszuführen. Mit beiden hatte Fahach schon genug zu tun gehabt und es schien ihm zweifelhaft, dass Unfug je zu etwas Brauchbaren würde. Sollte er es dennoch jemals schaffen, seinen Unsinn in Gewohnheit zu verwandeln, würde Fahach lieber das Kloster verlassen. Nie könnte er mit dem Unsinn in wiederkehrender Form klar kommen.

Während er dies dachte, machte er seinen fünfzigsten Schritt und stand am Gartentor. Noch boten ihm Gebüsche teilweisen Schutz vor den Blicken der Jungen, doch mit der nächsten Fußbewegung musste er ganz in ihr Blickfeld treten. Das hasste er am meisten. Er mochte es nicht – nicht einmal annähernd – der Mittelpunkt des Geschehens zu sein, und doch gehörte es dazu. Nun gut, hier waren es nur die Knaben, welche weit unter ihm standen, doch wenn es galt, vor viele Gleichgestellte oder schlimmer gar – Höhergestellte zu treten -. Schon jetzt konnte er das Gefühl nicht leugnen, den nächsten Abtritt besuchen zu wollen. Die Gewohnheiten waren aber stärker als seine Angst – und der nächste Schritt gehörte dazu.

Zehn weitere Schritte, und er stand an seinem gewohnten Platz, vor zwei niedrigen Gemüsebüscheln. Er mochte die Arbeit mit den Anwärtern nicht und das nicht nur, weil er dafür im Mittelpunkt stehen musste. Er hasste es, wenn das Leben nicht den Gewohnheiten entsprechend verlief und doch war es sozusagen Regel, bei der Arbeit mit den Anwärtern gegen die Gewohnheiten zu verstoßen. Der Grund dafür war einfach: Die Anwärter hatten sich selbst noch nicht so klare Verhaltensmuster erworben wie die vollwertigen Brüder, so war es klar, dass ihnen immer wieder Fehler unterliefen, mit denen sie auch ihre Umgebung durcheinander bringen konnten. Allen voran galt das natürlich für Unfug. Als jemand, der Regelmäßigkeit in seinem Leben liebte, fand Fahach dies hassenswert. Zum Glück ging es heute nur um Gartenarbeit. – Schlimm genug.

„Preiset die Sonne“, grüßte er seine Schüler, auch wenn er nicht begeistert aussah.

Die Schüler blinzelten, um ihn im grellen Schein der Sonne zu erkennen. „Preiset den Lehrer“, grüßten sie zurück.

Doch Halt. – War da nicht noch etwas anderes gewesen?

„Unterlass das, Unfug!“ Doch dieser sah nur scheinheilig drein. „Heute soll ich euch Fünf etwas über Gartenarbeit beibringen. Wie ihr wisst, stellt der Garten einen wichtigen Beitrag zu unserer Ernährung, also muss jeder von uns diese Arbeit beherrschen.“

„Ja, das wissen wir“, kam es eintönig, hörten sie diese Ansprache doch immer wieder, wenngleich sich die Lehrer in der Wortwahl unterschieden.

„Da die Zeit des Säens bereits hinter uns liegt, widmen wir uns heute völlig der Entfernung von Unkraut und Stutzung des Grases. Habt ihr alle eure Sicheln dabei?“

Die Anwärter klopften kurz zur Bestätigung auf die kleinen Werkzeuge an ihren Hüften.

„Ja, haben wir“, sprach Unfug und legte ein seltsames Grinsen auf, was nicht zum gewohnten Ablauf gehörte und Fahach damit verunsicherte.

Angst brauchte er diesmal aber keine haben. – Er war es ja sehr wohl gewohnt, wie sehr diese Bälger den Ablauf durcheinander bringen können. „Halt dich an die Regeln, Unfug.“

„Tue ich doch. – Und sie?“

„Was? – Unfug -“

Doch bevor Fahach meckern konnte, klopfte Unfug nochmal mit einem nachdrücklichen Blick auf seine Sichel. Fahachs Verärgerung konnte nur noch steigen, doch kam ihm ein Geistesblitz: Schnell guckte er auf seine eigene Hüfte. – Verdammt! Fünf Schritte vor – unplanmäßig – dann stand er vor Unfug.

„Gib mir deine Sichel.“

„Was?“ Sein Grinsen erstarb.

„Wichtigste Regel der Anwärter – Widersprich nicht den Lehrern. Und jetzt gib mir deine Sichel. Oder willst du die nächsten Wochen über die Aborte reinigen?“

„Und wie soll ich dann -?“

Fahach konnte sich kaum noch halten. „Das ist dein Problem. – Sei still.“

Tatsächlich hielt Unfug den Mund, so dass Fahach auf seinen Platz zurückkehren konnte. – Mit Unfugs Sichel.

„Also. – Wo waren wir. – Ihr habt alle eure Sicheln -“ Ein wenig musste er überlegen, wo er stehengeblieben war. Wieder etwas, das nicht in den Plan passte. – Wenngleich man beim Umgang mit Anwärtern auf Unregelmäßigkeiten vorbereitet sein musste. – Er hasste die Arbeit nicht umsonst; noch nie hatte er sich gut darauf vorbereiten können. „Ach ja: Ihr alle wurdet über die hier angebauten Pflanzen sowie Schädlinge unterrichtet? Und ihr alle wurdet bereits im Einsatz der Sicheln unterrichtet? Dass ihr euch nicht schneidet und nicht den guten Pflanzen schadet?“ Mehrmals wurde ihm bejahend geantwortet. Kurz kam ihm die Frage in den Sinn, was er dann eigentlich mit dem nutzlosen Pack anfangen sollte. „Gut. – Dann bleibt uns nur übrig, das Unkraut zu entfernen.“ Da niemand etwas sagte, fuhr er fort. „Ihr zwei arbeitet dort hinten, ihr zwei auf der anderen Seite. Unfug, du kommst mit mir, auf dich muss ich aufpassen. Wenn ihr anderen Fragen habt, kommt ihr zu mir.“

Während alle ihren zugewiesenen Aufgaben nachgingen, folgte Unfug ihm. Die Stelle, welche Fahach ihnen beiden ausgesucht hatte, lag in der Nordostecke des Gartens. Niedrige Büschel von Kohlpflanzen wuchsen dort, in Nachbarschaft der Gewürze. Doch auch unerwünschte Pflanzen wollten Teil haben an der Fülle von Nährstoffen, welche geboten wurden. Das aber konnte man nicht erlauben.

„Entferne das Unkraut dort zwischen dem Kohl – ich sehe zu, ob du alles richtig machst.“

„Und wie soll ich das machen, ohne Sichel?“

„Hat man euch noch nicht beigebracht, dass ihr das mit der Sichel eh nicht machen könnt? Geh auf die Knie und reiße die Pflanzen mitsamt der Wurzeln aus. – Und achte auf die Kohlpflanzen.“

Unfug sah das Unkraut eine Weile nachdenklich an. „Muss man diese Blumen wirklich ausreißen? Seht doch, wie hübsch sie sind.“

Fahach spürte den Zorn. „Wir haben sie nicht angepflanzt und wollen sie nicht. Also reiß sie aus.“

„Und wenn ich sie sammle und beim Pfad zum Kloster anpflanze? Sie würden den Weg verschönern. Zum Beispiel heute zum Fest.“

„Was?“

Fahach konnte den Sinn des Vorschlags nicht ganz verstehen. Noch nie hatte der Pfad den Hügel hinauf anders ausgesehen. Das würde den Tagesablauf von wirklich jedem hier überraschend verändern. „Unmöglich!“

„Warum?

„Fragst du das jetzt wirklich? Dann, befürchte ich, wirst du noch für Jahre einfacher Anwärter bleiben. Du kannst nicht einfach so alles hier verändern. Das würde niemand von uns verkraften. – Auch du nicht, wenn es… einmal so weit ist. – Und wenn nicht, bist du hier falsch.“

Es sah aus, als wollte Unfug noch etwas sagen, doch schwieg er. Schließlich folgte er sogar den Anweisungen. Inmitten des Kohlfeldes kniete er sich auf die Erde und fing an, die gewachsenen Gräser aus dem Boden zu reißen.

„Du arbeitest nicht nach Plan. Fang hier an der Ecke an, folge der Reihe, wechsle zur nächsten und so weiter.“

Unfug ließ sich seinen Unmut anmerken. „Bald werde ich gar nicht mehr zum Arbeiten kommen. – Und ihr auch nicht.

„Ich werde schon mitmachen, sobald du es endlich verstanden hast.“

Der Anwärter schien zwar mit den Augen zu rollen, doch machte er weiter, sobald er die Ecke erreicht hatte. Etwas unvorsichtig zwar, doch er arbeitete.

„Wenn du dir diese Art aussuchst, wirst du bei deinen zukünftigen Gartenarbeiten genauso anstrengend weiter machen müssen.“

Plötzlich traf Fahach ein heraus gerupftes Unkraut. Unfugs Grinsen verschwand zwar schnell wieder, doch war es da gewesen.

„Wenn du dich nicht endlich zu benehmen und beherrschen lernst, werde ich es dem Herrn der Anwärter melden müssen, und dann schicken sie dich bald wieder Heim.“ Er musste zugeben, dieser Gedanke bereitete ihm Freude, denn es würde Ruhe und Sicherheit bringen.

„Das geht nicht; ich habe kein Zuhause.“

Fahach stutzte, doch wollte nicht noch mehr wissen. „Mach weiter; ich habe heute noch viel zu tun.“

Tatsächlich blieb Unfug dann ruhig. Er riss ein Unkraut nach dem anderen aus und warf sie achtlos zur Seite. Die richtige Beseitigung sollte ihm jemand anders beibringen müssen. Fahach selber suchte sich eins der Gewürzfelder aus und ging, nachdem er damit fertig war, zum nächsten. Plötzlich hörte er neun Gongschläge.

Neun? Das bedeutete – schnell erhob er sich, während er schon Man sich nähern sah. Er hatte tatsächlich die Zeit vergessen; zu diesem Augenblick wollte er bereits unterwegs zum Ältesten sein. Was war heute nur los mit ihm? Schnell machte er sich auf den Weg, seinen alten Pfad benutzend, aber bei doppelter Geschwindigkeit. Nur kurz grüßte er Man.

„Übernimm du!“

Die Anwärter dagegen vergaß er in seiner Eile.

 

 

III

Die Räume des Ältesten befanden sich neben der Gebetshalle; man konnte sie über zwei Wege erreichen: Durch die Wohnräume der Brüder sowie die Räume der Oberen – aber auch durch die Halle. Und obwohl er damit an der Hintertür klopfen musste, war Fahach der Weg durch die Halle bei seinem ersten Besuch beim Ältesten am liebsten gewesen. Tatsächlich hatte er damals aber einfach nur gesehen, wie der Älteste aus der Halle durch seine eigene Tür verschwunden war und dachte, das sei der einzige Weg. Der Älteste war zum Glück nicht erzürnt gewesen und sobald Fahach Bruder war, musste er diesen Weg in seinen Plan übernehmen. Der nächste Älteste hatte zu seinem Antritt sogar schon Kenntnis davon, war er doch zuvor selbst Oberster gewesen. Zwar hatte er Fahach nie darauf angesprochen, doch als er die neue Regel einführte, alle zukünftigen Anwärter über den genauen Weg in seine Räumlichkeiten aufzuklären, hatte Fahach fortan immer ein schlechtes Gefühl, wenn er seinen Vorgesetzten besuchen musste. Mittlerweile hoffte er sogar immer, überhaupt nicht hin zu müssen und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nach Ausweichmöglichkeiten und Ausreden zu suchen, warum er nicht zu ihm gehen müsse. Heute aber hatte der Älteste selber seinen Besuch angeordnet, weshalb er dem auch Folge leisten musste.

Sein Weg führte ihn aus dem Garten heraus, zurück durch dessen Osttor, dann nach Norden, Westen und Süden einmal um den Garten herum. Wie es seine Gewohnheit war, musste er während dieses Umganges den Garten beobachten,; wie dort alles am Wachsen war. Doch bei doppelter Geschwindigkeit, war das schwer, also bemerkte er kaum Einzelheiten. Schließlich gelangte er in den Osttunnel und durchquerte ihn. Auf dem Haupthof galt es diesmal, nach rechts abzubiegen, beim Haupttor dann nach links und letztlich nochmal nach links.

Doch was machte dieser Wagen dort in seinem Weg, mitten im Haupttor stehend? Noch hatte dieser ein paar Augenblicke Zeit, während Fahach sich ihm näherte. Er bemerkte die beiden daneben stehenden erst, als diese laut wurden.

„Ich bin mir sicher, ich sollte es heute bringen!“

„Wir haben aber keinen Platz!“

„Und was soll ich nun damit machen?“

Der Torwächter war ein Anwärter, der kaum Ahnung zu haben schien, während der Wagen einem Städter gehörte. Zum Glück bemerkte ersterer den sich nähernden Fahach und schien sogar zu wissen, was das bedeutete und was er zu tun hatte. Mit einem aufgeregten Blick sah er zwischen dem Bruder und dem Kerl hin und her, bevor er sich dann entschied.

„Bringen sie es in Lager Zwei, dort haben wir noch Platz für Notfälle. Kommen sie für die Bezahlung aber erst morgen wieder, wenn sie auch erwartet werden.“

Der Kerl grummelte zwar etwas vor sich hin, doch fuhr er seinen Wagen vor, gerade in dem Augenblick, in dem Fahach dessen vorher eingenommen Platz erreichte. Dem Anwärter warf er keinen Blick zu, doch in seinem Inneren machte sich ein starkes Gefühl der Dankbarkeit breit, das fast in Liebe umschwang. Wie gern hätte er doch den Knaben umarmt und ihm gedankt, doch das ging nicht. Also wünschte er ihm in Gedanken nur alles Gute, während er sein Torhäuschen kreuzte und Richtung Westtunnel ging.

Und da versperrte der Wagen den Tunnel. Sein Gefühl der Dankbarkeit schwang in Hass um, als er fürchten musste, dass der Tunnel für ihn nicht mehr begehbar sein würde. Gedanklich verfluchte er den Torwächter, welcher ein einfaches Hindernis in ein Unmögliches verwandelt hatte, und flehte dann voll Verzweiflung die Sonne an. Der Wagen aber, nachdem er kurz damit beschäftigt war, in den Tunnel zu passen, verschwand hindurch. Sofort erkannte Fahach seinen Fehler und bat in Gedanken den Anwärter um Vergebung für seine Flüche. Mit Scham und Erleichterung zugleich erfüllt, folgte er dem Wagen durch den Tunnel. Schließlich kam er über den Hof in die Kapelle und suchte dort die Tür zu den Räumen des Ältesten auf.

Die Tür war bereits schmucklos gewesen, der Gang dahinter wirkte kaum anders, als die in den restlichen Wohnbereichen. Dafür standen dem Ältesten aber mehr Räume zur Verfügung, allesamt vom restlichen Kloster, auch den Räumen der Obersten, abgegrenzt. Er hatte seinen eigenen kleinen Bücherraum, einen Arbeits- und einen Schlafraum sowie ein Lager. Noch nie aber hatte Fahach ihn außerhalb seines Arbeitsraumes angetroffen. Dies musste der Älteste natürlich auch wissen und da er es war, der ihn herbestellt hatte, würde es großes Unglück für sie beide bedeuten, wenn diese Gewohnheit geändert würde. Nun war Fahach aber etwas später dran, als er geplant hatte. – Doch andererseits – hatte er eine genaue Zeit genannt bekommen, zu der er sich melden sollte? – Aber wiederum – er ging doch immer, wenn die Aufgabe hatte, zu dieser Zeit.

Er fand den Ältesten im Arbeitszimmer vor, über ein Buch gebeugt. Die Tür war offen gewesen, sonst hätte Fahach geklopft. So aber blieb er auf der Türschwelle stehen und wartete, wie er es immer tat. Trotz seiner Jahre, die er im Kloster verbracht hatte, war er gegenüber Vorgesetzten immer noch nicht so frei, wie es viele andere waren. Um seine Angst zu vergessen warf er einen Blick durch den Raum, wie so oft zuvor, und betrachtete die Bücher in den Regalen, die schmucklosen Schränke, den feinen Teppich mit der aufgestickten Sonne, das schmale Schreibpult und das ebenso schmale Lesepult.

„Ah, da bist du ja. Ich werde es wohl nie lernen. – Irgendwann wirst du mich noch zu Tode erschrecken. Vermutlich kamen so meine Vorgänger ums Leben. In meinem nächsten werde ich mich daran erinnern, auf dich besser zu warten. – Naja, wie auch immer. Du bist ja nicht ohne Grund hier. Um es nicht zu sehr hinauszuzögern – hier hast du die Einkaufsliste. – Vergiss dort unten aber nicht, dass unsere Gewohnheiten außerhalb der Klostermauern nur teilweise Bestand haben. Und immer daran denken in die Sonne zu sehen!“

Die Besprechungen mit dem Ältesten waren schon immer so kurz gewesen. Wenn es mehr zu besprechen gab, musste Fahach auch öfter erscheinen.

Für den Rückweg musste Fahach den langen Weg durch die Bereiche der Obersten sowie der Wohnräume nehmen. Während er unbewusst darauf achtete, welche Fließen und Bretter er dabei betreten musste, hatte er Zeit zum Nachdenken und Durchlesen des Einkaufszettels. Der Einkaufsgang war dazu gedacht, kleinere Einzeldinge aus der Stadt zu besorgen, die nicht mit den großen Lieferungen gekommen waren. Gründe dafür gab es mehrere. Besorgungen, die man nicht rechtzeitig auf die großen Listen setzte, Dinge, die geheim bleiben sollten, einzelne Wünsche, frische Waren und ähnliches. Diesmal standen lauter Kleinigkeiten auf der Liste, die er selber aber noch aus der Stadt hoch tragen konnte, Dazu gehörten ein Hammer – warum auch immer der einzeln zu kaufen war -, ein bestimmtes Buch aus dem Buchladen, mehrere Kräuter aus dem Osten, eine einzelne mittelgroße Glasflasche vom Glasbläser, und – besonders seltsam – einen der bekannten Fischkuchen vom Bäcker am Hafen

Auf seinem Weg begegnete ihm kaum ein Bruder, die alle woanders Aufgaben zu haben schienen. Die wenigen, die ihm über den Weg liefen, beachtete er nicht. Grüße waren ihm teilweise bekannt, da sinnlos, wenn man sich sowieso andauernd sah. Teils war es für ihn überraschend, wenn er an einer bestimmten Stelle des Klosterganges einen Bruder erblickte, den er da noch nie zuvor gesehen hatte. Wann immer dies geschah, erschrak er kurz und sah dies auch beim Bruder; so grüßten sie sich. Danach tat man so, als hätte man niemanden erblickt und ging weiter. Auf diese Weise kam er durch die Wohnräume und genehmigte sich noch kurz einen ruhigen Augenblick. Danach konnte er den geraden Weg hinaus wählen.

Da er damals, als er das erste Mal in die Stadt musste, es einigermaßen eilig gehabt hatte, konnte er auch heute ohne Umwege zum Tor gehen, warf nur noch einen kurzen Blick auf den Brunnen. Von dort ging es gerade bis zum Tor. Hier galt es, ohne Ausnahme, den Torwächter zu grüßen, denn so war es Sitte beim Verlassen und Betreten des Klosters, auch wenn er vorhin den Anwärter nicht beachtet hatte. Wäre es eine weitere seiner Gewohnheiten, so hätte er ihm jetzt gerne zugelächelt, als Dank für seine Rettung. Doch so nickte er nur im Vorbeigehen, ohne wirklich hinzusehen, und merkte sich aus dem Augenwinkel das Gesicht des Knaben, um ihm später mal gute Behandlung zuteil werden zu lassen.

Dann aber kam der große Augenblick, der ihm immer wieder Angst einjagte und ihn wünschen ließ, sich im eigenen Bett verkriechen zu können: Der Gang hinaus in die Welt. Dabei setzte er doch bloß einen Fuß hinaus vom Klosterhof auf den Zugangsweg; etwas schreckliches gab es dort noch nicht. Aber am Ende des Weges, welcher im Bogen den Hang des Hügels hinunter führte, lauerte die Stadt, mit all ihren Einwohnern, die ihm nahe kommen, die nur teilweise auf seine Gewohnheiten achten, die seine Ängste nicht verstehen würden. Und dann stand er wirklich mitten in ihr und ihre Gebäude ragten rechts und links in die Höhe, säumten schmutzige Straßen und Tier wie höheres Lebewesen schnüffelte und eilte durch die Gassen.

Wie immer blieb er kurz stehen, während seine Angst ihn kaum atmen ließ. Die schiere Masse an fremden Wesen war ihm zu viel und ließ ihn gewahr werden, weshalb er damals überhaupt ins Kloster gewechselt war. Die Leute drängten sich immer wieder aneinander vorbei, nur teilweise unter Rücksicht, und auch er, kaum, dass er den Ort des Wuselns betreten hatte, musste schon Schritte zurück und zur Seite machen, konnte nicht ruhig da stehen und nachdenken. Letztlich schaffte er es dennoch, sich den Plan zu machen, in Richtung des am weitesten entfernten Geschäftes zu gehen, um dessen Besorgung als erstes zu erledigen. Danach würde er zurück in Richtung Kloster eilen und alles dort am Wegesrand liegende mitnehmen. Der fernste Laden war aber ausgerechnet der Bäcker am Hafen, bei dem es die feinen Fischkuchen gab. Also würde er die ganze Zeit auf diesen aufpassen müssen.

Er hatte den halben Weg zurückgelegt und gerade den Markt umgangen, über den er schon auf dem Rückweg sich quetschen müsse, da näherte sich ihm jemand aus einer der Seitengassen.

„Habt Mitleid mit einem alten Kämpfer“, sprach es da zerlumpt und einbeinig.

Ja wusste der denn nicht, dass man die Brüder nicht um Almosen anbettelte? Sich aus Versehen in den Weg stellen war für einen Städter ja noch möglich, doch diesen Kerl solle die Sonne verbrennen, wenn seine Worte absichtlich gesprochen waren. Also achtete Fahach nicht auf ihn, ging weiter und ließ seine Rückansicht sprechen. Doch der alte Lump ließ nicht locker.

„Heda! Das ist aber nicht fein! Möge euch der Blitz treffen!“

Fahach schauderte es und sein Schritt beschleunigte sich, während er nur auf helle Kopfsteinpflaster trat. Was der Alte tat, sah er nicht mehr.

Schritt für Schritt bewegte er sich vorwärts, vorbei an beschäftigten Geschäften und geschäftigen Beschäftigten, Mann und Maus. Immer wieder kamen ihm Leute, Tiere und Wagen in den Weg. Es war erlaubt, in diesen Fällen stehen zu bleiben oder sogar einen groben Umweg zu wählen. Oft erkannten die Städter sogar, was und wer er war, und gingen ihm von selbst aus dem Weg. Doch irgendwie schien dieses Wissen vor allem den Älteren gegeben zu sein, derweil die Jungen am meisten Unsinn trieben; einmal sogar wäre ein Knabe fast gegen ihn gestoßen. Doch letztlich schaffte er es, unbeschadet bis zum Hafen zu gelangen, wo er am Ende einer der alten Straßen auf ein unscheinbar aussehendes Haus zusteuerte, um dort den Fischkuchen zu kaufen.

Vermutlich konnte ein Bäcker am Hafen gelegen gar nicht auf eine andere Idee kommen. Der Laden war um diese Tageszeit recht ruhig; die meisten waren wohl schon früher einkaufen gewesen. Die Tür stand aber offen und lud ihn geradezu ein. Wie es seine Gewohnheit war, ging er aber erst einmal nur daran vorbei und warf einen verstohlenen Blick durchs Schaufenster, bevor er sicher war, dass er hineingehen konnte. Drinnen stellte er sich sofort, ohne sich weiter umzusehen, vor die Theke.

„Hallo. Was darf es sein?“ begrüßte ihn der Verkäufer und ließ sich nicht anmerken, ob er in Fahach den Bruder erkannte, der er war.

Dieser war aber zufrieden. „Einen Fischkuchen; einen ganzen.“

„’Nen Kuchen, gerne doch“, sprach der Mann und kurze Zeit überreicht er einen solchen an Fahach.

Bis hierhin war doch alles bestens gegangen. Nachdem er gezahlt hatte und das Geschäft wieder verließ um gen Markt zu gehen, diesmal eine andere Straße nehmend – kam ihm wieder der alte Goldbettler entgegen. Wie aus dem Nichts war er aus einer Seitenstraße aufgetaucht.

„Ihr da! Habt ihr nicht eine Münze? Oder etwas zu essen? Ich habe auch für euch im Krieg gekämpft!“

Hatte der Alte es immer noch nicht verstanden? Verfolgte er ihn etwa? Fahach versuchte nicht auf ihn zu achten, beschleunigte seinen Schritt und trat auf die nächsten hellen Pflaster.

„Habt ihr denn überhaupt kein Herz, Mann!“

Fahach überkamen Ahnungen von in den Rücken stechenden Messern und dergleichen mehr, weshalb er kaum noch auf die Pflaster achten konnte; nur noch fliehen wollte. Zum Glück setzte der Alte nicht weiter nach, und als Fahach nach mehreren Straßen endlich anhielt und sich umsah, war er verschwunden. Sein Herz raste, sein Körper fühlte sich schwach, sein Hirn war eigentlich nicht mehr anwesend. Immer dasselbe, wenn er in die Stadt musste. Er war kurz davor, den Ältesten zu verfluchen, doch galt es noch, Einkäufe zu erledigen.

Sein hastiger Gang hatte ihn sogar vor den nächsten Laden gebracht. Er befand sich in einer schmalen Seitengasse, die trotzdem gut belebt war, was ihm natürlich gar nicht gefiel. Grund für die Lebhaftigkeit war der hohe Anteil von Zugereisten, denen dieser Stadtteil als Umschlagplatz diente. Hier befand sich auch der Laden, in dem man allerlei Kräuter aus aller Welt bekam, von ganzen Pflanzen bis zu getrocknetem und gemahlenem Pulver. Erst zweimal war Fahach dort gewesen und jedes Mal hatte er es gehasst. Beliebt, wie das Geschäft war, drängten sich die Massen hinein, beschubsten einen, wenn man selber noch kurz überlegte und rückten sogar noch an der Kasse näher auf, als es jedem lieb sein könne. Und genau dort musste er hinein.

Alle seine Befürchtungen hießen sofort Wahrheit, war es an diesem Wochentag und zu dieser Uhrzeit doch besonders voll. Vorsichtig versuchte er zu dem gewünschten Regal zu kommen, ohne jemanden berühren zu müssen oder gar selber berührt zu werden. Nur wenige der Einkäufer wussten um die Brüder und ihre Bedeutung, weshalb er manch Unbill in Kauf nehmen musste. Letztlich warf er allen, die ihn ansahen, bloß noch giftige Blicke zu, wünschte sich, dass sie woanders hinsähen, ihn in Ruhe ließen. Der Fluchtgedanke war groß, doch blieb er mit dem gefundenen Beutelchen Pulver in der Kassenschlange, derweil sein Körper sich seiner Feuchtigkeit entledigen wollte.

Endlich wieder im Freien dann, suchte er sich ein verstecktes Plätzchen, um sich zu beruhigen und überlegte, wo er weiter machen müsse. Den Glasbläser und den Gemischtwarenladen fand man am alten Marktplatz, während sich der alte Buchhändler unweit des Aufstiegs zum Klosterhügel versteckt hielt. Sein nächstes Ziel würde also der Markt werden. Dies behagte ihm nicht, so überlegte er nach einer Möglichkeit, den stets überlaufenden Markt zu umgehen.

Die Tasche, in der er seine bisherigen Errungenschaften trug, fest an sich klammernd, näherte er sich dem Markt durch eine Seitengasse. Die Sonne, seine Herrin, stand mittlerweile schon hoch am wolkenlosen Himmel. Wie immer hatte er sich zu stark gekleidet. Obwohl ihn das für gewöhnlich wenig kümmerte, ließ es ihn doch zusammen mit der Angst stärker schwitzen, als es ihm lieb war. Und warum war ihm so, als würde sie gar Pfeile aussenden, ihn zu preisen? Wollte sie ihn strafen für seine Langsamkeit? Wollte sie ihn anspornen und Glück verheißen? – Warum eigentlich zweifelte er an ihr, seiner Herrin? – Oh Sonne, verzeih!

Der Markt war voll, wie erwartet, doch hatte er es auch schon schlimmer erlebt. Der Gemischtwarenladen lag nur zwei Häuser gen Links. Trotzdem musste er immer wieder anderen Einkäufern und Herumstrollenden ausweichen. Diesmal aber achtete einer nicht gut genug auf ihn und streifte seinen Arm. Ohne Entschuldigung ging derjenige weiter, derweil Fahach sich so erschrak, dass er auf das falsche Pflaster trat.

Sofort erstarrte er und sah hinab auf seinen Fuß und den Fehltritt. Wie konnte das nur geschehen? Und warum war es geschehen? Wollte die Sonne ihn strafen? Würde sie ihn denn strafen ob des Fehlers? Oh welch Unglück musste es doch bringen! Der wievielte Fehler war das schon an diesem Tag? – Doch halt, er war in der Stadt und ungewöhnliche Ereignisse waren dort an der Tagesordnung. – Und doch hätte er es verhindern müssen.

„Geht es ihnen gut?“ fragte plötzlich eine Frau, die ihn wohl schon länger beobachtet hatte.

Wie lange stand er dort schon so gebannt? Als sie sprach, erwachte er aus seiner Starre und sein Gemüt wechselte von dumpfer Niedergeschlagenheit zu sprunghaft aufweckendem Erschrecken.

„Äh – ja“, war alles, war er murmelte, bevor er schnell und ungeschickt seinen Weg fortsetzte, als würde ihn ein wildes Tier verfolgen, und in dem Gemischtwarenladen verschwand.

Ein Hammer dort immerhin schnell gekauft; seltsamerweise war kaum Kundschaft anwesend und der Verkäufer stellte auch keine Fragen. Wäre er weniger abweisend gewesen, hätte sich Fahach sogar zum Bleiben verleiten lassen. Zurück auf dem Markt nahm er sich nicht die Zeit, noch einmal nach der Frau zu sehen, sondern wählte die nächste Seitengasse, um die Gebäude des Marktes von hinten zu umgehen, bis er in der Nähe des Glasbläsers war. Dort einzukaufen brachte sogar überhaupt keine Schwierigkeiten mit sich, so dass er sich letztlich in Richtung des Klosters und des Buchladens aufmachen konnte. Doch als er durch eine weniger belebte kleine Straße ging und lediglich hin und wieder warten musste, bis ein Fußgänger das von ihm angewählte Pflaster verließ, kam wieder der alte Bettler vorbei.

„He – du da – dich kenn‘ ich doch!“ Wieder einmal musste Fahach seinen Schritt beschleunigen, während er sich schon wie in Schweiß gebadet fühlte.

„Jetzt bleib doch mal stehen!“ Und da stolperte Fahach. In der Zeit, die dieser sich zum Erholen benötigte, war der Alte bei ihm. „Ich weiß, du willst mir nichts geben, aber du hast das hier verloren!“ Damit gab er ihm den Hammer, den Fahach kurz zuvor erst erstanden hatte, und trottete wieder davon.

Fahach aber fühlte sich, als wäre er dem Tod entronnen – und gleichzeitig schämte er sich ein wenig. Diesmal hätte er einfach nur anhalten müssen, vielleicht lächeln, sich bedanken, sich entschuldigen für die frühere Unfreundlichkeit – doch der Mann hätte wissen müssen, dass man sie, die Brüder aus dem Kloster, in der Stadt nicht anspricht – aber Fahach hätte etwas sagen können, und wenn es nur ein Danke gewesen wäre. – Immer wieder gingen ihm die letzten Worte des Alten durch den Kopf und Möglichkeiten, wie er hätte antworten können. Spät erst fiel ihm wieder ein, dass er mitten auf der Straße stand, dort nicht stehen bleiben könne und noch etwas zu erledigen hatte. Etwas, nach dem er endlich heim und zum Mittagessen gehen könne. Wenig später war er im Buchladen angelangt.

„Ah, willkommen. Euch habe ich ja schon lange nicht mehr hier gesehen. Die Sonne zum Gruße!“

Ebenso wie der Mann, verbeugte auch Fahach sich kurz. „Die Sonne zum Gruße. Ja, ich hatte lange nicht mehr den Auftrag. Ihr kennt uns ja.“

Der Mann wusste um die Gebräuche, sowohl auf die Brüder im Allgemeinen als auch auf Fahach im Besonderen bezogen. Er konnte immer die richtigen Antworten geben und wusste, was man wollte, bevor man es selber sagte. Gleichzeitig vermittelte er noch eine Freundlichkeit, die nicht vorgetäuscht sein konnte, und die einem sich sofort wohl fühlen ließ. Fahach hielt sich immer gern im Laden auf, jedenfalls, wenn es keinen anderen Kunden gab, was fast immer zu traf. Manche der Brüder hatten gar versucht, den Mann zu überzeugen, selber ins Kloster zu gehen und sei es nur für einige Tage. Fahach aber war dagegen. Erstens würde er dann seinen Hafen der Ruhe in der Stadt verlieren, zweitens fand er alle, die er zu oft sehen musste, sehr schnell störend.

Eine Weile verbrachte er im Buchladen, durchstöberte die Regale, sprach dann und wann mit dem Händler und kaufte letztlich das Buch, wegen dem er gekommen war. Und manchmal vergaß er sogar kurz die eine oder andere Regel und Gewohnheit und bemerkte das nicht einmal. Aber schließlich musste er heim, durch eine kleine Menge in der Straße und achtete wieder genau darauf, wo er hin trat und dass er niemandem zu nahe kam.

In der Ferne hörte er bereits elf Glockenschläge.

 

 

Buch 2: Der Mittag

IV

Das Klostertor stand weit offen, doch der Fußgängereingang war geschlossen. Dem war nicht immer so, und trotzdem war Fahach es gewohnt. Langsam klopfte er dreimal an der Pforte. Kurz danach wurde sie ihm geöffnet und der Torwächter bot Eintritt. Fahach setzte erst den rechten Fuß über die Schwelle in den Hof, dann zog er den linken nach. Doch – was noch nie zuvor geschehen war – er blieb hängen und stolperte. Den Tormann an sich beachtete er nicht, doch wusste er um seine Nähe und fühlte sich plötzlich sehr beobachtete. Hastig ging er weiter, als wäre nichts geschehen, ohne Umwege zum Osttunnel, wo er sich wieder normaler fühlte, und über den Osthof, an dem nun leeren Garten vorbei.

Als er am Speisesaal vorbeikam, sah er bereits viele dort versammelt, doch ging er noch in einen Waschraum. Es waren jede Menge verpackte Seifenstücke vorrätig, so nahm er sich eine Packung, entkleidete sie und wusch sich. Die benutzte Seife entsorgend, ging auch er in den Saal. Man saß bereits an ihrem Stammtisch und grüßte ihn. Fahach nickte nur kurz, stellte seine Besorgungen des Morgens am Tisch ab und ging, um sich Nahrung zu verschaffen.

An diesem Tag war Fischtag, was für ihn die Befürchtung erhärtete, dass es ein Unglückstag war, denn er mochte Fisch nicht. Dass er schon die ganze Zeit über welchen mit sich rumschleppen musste, war eine schwere Beleidigung für seine Nase. An Fischtagen konnte er immer nur die Beilagen essen, da es keinen Ersatz im Angebot gab. Auch andere im Kloster betraf das, da viele mal das eine oder andere nicht mochten. So war es Gewohnheit, dass immer wieder jemand einen Fastentag hatte. Einige betrachteten das als Unglück, andere als gute Gelegenheit. Erstere hatten es sich mittlerweile teilweise zur Gewohnheit gemacht, sich über die Umstände zu beschweren, doch den alten Klosterregeln folgend, änderte sich daran nichts. Fahach hielt sich grundsätzlich lieber aus Ärgerreien raus und musste sich daher an Fischtagen weiter mit den Beilagen begnügen. Heute waren es eine Getreideart, Soße und etwas Gemüse. Mit seiner mageren Beute begab er sich zurück zu Man an den Tisch.

„Fischtag heute“, stellte dieser fest und Fahach verzog das Gesicht.

„Wann die Leute es wohl mal verstehen werden, dass Fisch nicht zum Essen gedacht ist.“

„Wie war es in der Stadt?“ wechselte Man nach einem Bissen plötzlich die Richtung.

„Ach – du weißt schon – ich bin froh, da raus zu sein. Aber nach dem Essen muss ich gleich meine Einkäufe abliefern. Danach kann ich mich endlich mal erholen.“

„Wie immer also“

„Ja, wie immer. Und wie war es bei den Büchern?“

„Mmh! Ach ja! Ich wollte dir etwas erzählen. Ich habe einen Band über die Geschichte des Klosters entdeckt. Dafür interessierst du dich doch. Warte, ich beschreib‘ dir den Weg da hin…“

Während Man das machte, versuchte Fahach sich an seinem Essen. Es war annehmbar, doch fehlte so etwas wie eine Hauptzutat. Trotzdem mampfte er vor sich hin, wie es seine Gewohnheit war, ohne groß darauf zu achten, was er gerade aß. Und plötzlich biss er auf etwas hartes. Ein Stück Gemüse? Kurz hörte er mit dem Essen auf. Sein Gefühl verlangte, das Stück herauszuholen, doch müsste er es dann auf den Teller vor sich legen und diesen hatte er noch nie so abgegeben, dass er nicht völlig leer war. Blieb die Möglichkeit, das Stück unter den Tisch fallen zu lassen, doch erstens wusste jeder, dass er immer an dieser Stelle saß und zweitens könnte ihn auch noch jemand bei der Tat beobachten. Kurz überkam ihn ein Würgereiz, welchem nachzugeben am schlimmsten gewesen wäre – so schluckte er einfach, ohne groß nachzudenken, seinen Mundinhalt hinunter.

Man, der immer noch fleißig erzählte, bemerkte nichts, selbst, als Fahach kurz aussah, als müsse er sich wirklich übergeben, er erbleichte und Schweißperlen auf seine Stirn traten. Kurz darauf hatte Fahach sich gefasst, wobei es besonders geholfen hatte, etwas zu trinken. Danach verspürte er zwar eigentlich keinen Hunger mehr, musste aber dennoch weiter essen. Widerwillig schob er sich einen Bissen nach dem anderen in den Mund, während Man weiter munter von Dingen erzählte, die er erlebt oder über die er nachgedacht hatte. Sobald er endlich mit Essen fertig war, musste Fahach noch kurz warten, bis auch Man sein Mahl beendete.

Danach verabschiedeten sie sich voneinander; Man wollte seine jetzige Freizeit bei einem Spaziergang verbringen, während Fahach mit den Einkäufen ins Lager musste. Wer auch immer die einzelnen Gegenstände bestellt hatte, würde sie sich dann dort abholen. Dieses eine besondere Lager war aber nicht das große im Westflügel, sondern ein kleines auf der genau gegenüber liegenden Seite im Ostflügel. Bei seinem ersten Gang dorthin hatte es geregnet, weshalb er es sich als Weg angewöhnt hatte, durch den Bereich der Küchen, Krankenzimmer, Wintergärten und dergleichen zu gehen, also einmal durch den ganzen Ostteil des Ostflügels. Immer, wenn es regnete, freute er sich über diese ursprüngliche Entscheidung bei diesem Gang – und verfluchte sich zum Beispiel morgens zwischen Gebetshalle und Speisesaal, denn er hatte es nie geschafft, sich für Regen andere Gewohnheiten zuzulegen.

In den Gängen begegnete er herumwandernden Brüdern, denen aus dem Weg zu gehen er nicht schwer fand, da alle es sich angewöhnt hatte, auf der ihren rechten Seite zu gehen, so dass Entgegenkommende links waren. Schwieriger dagegen war es, wenn man den zu benutzenden Gang durch einen zu langsam Vorausgehenden versperrt vorfand. Hierfür hatte sich jeder der Brüder einen Ausweg einfallen lassen müssen. Da Fahach sowieso nur auf Fliesen und Brettern mit bestimmten Größen, Farben und Abständen zueinander ging, konnte er solche Fälle einfach überholen, doch durfte dann natürlich niemand entgegen kommen. Seltsam dagegen fand er, dass immer noch Städter damit beschäftigt waren, Fußböden und Wände zu reinigen und abzustauben. War er so lange schon nicht mehr in diese Gegend gekommen, dass er dies nicht wusste? Oder nur noch nie zu diesem einen Zeitpunkt an diesem einen Wochentag? Eigentlich war es ja egal, dachte er, bis er plötzlich mit einer Frau zusammenstieße, die den Boden wischend aus einem Seitengang kam und nicht auf ihn achtete. Überrascht stolperte er zurück und wusste nicht, was er machen sollte.Doch die Frau übernahm.

„Verzeiht mir, Herr!“ sprach sie, blickte unterwürfig und wehleidig zugleich.

Das milderte seinen Zorn. „Was – was macht ihr hier? Warum achtet ihr nicht auf euren Weg? Wisst ihr überhaupt, wo ihr seid?“

Die Frau wich ein wenig von ihm fort. „Verzeiht mir – es ist mein erster Tag hier.“

„Ihr müsst doch wissen, auf was ihr hier im Kloster zu achten habt. – Ich werde euch melden.“

Jetzt schlich Entsetzen in der Frau Gesicht. „Nein. – Bitte. – Meine Kinder! -“

Doch Fahach hörte nicht, denn etwas anderes kam ihm in den Sinn. „Oh nein – wisst ihr, was für Unglück ihr hier verursacht? Das Lager – ich muss – ich komme zu spät!“

Damit presste er sich an ihr vorbei. Sie wich immerhin zurück, doch stolperte er und wäre fast auf die falsche Fliese getreten. Er fing sich noch, wenn auch seine Haltung lächerlich wirkte. Danach beschleunigte er seinen Schritt, um noch in seinem Zeitplan zu bleiben. Der weitere Weg zum Lager blieb ohne Probleme, und wie er dort hörte, wurde der Fischkuchen bereits sehnsüchtig erwartet. Das Buch aber sollte er selber in die Bücherei bringen, denn da er dort noch hingehen wollte, bot er sich dafür an.

„Ich werde es aber erst später hinbringen können, weil gleich meine Mittagsruhe beginnt und -“

„Schon in Ordnung“ sagte der das Lager überwachende Bruder bloß, ohne groß auf ihn zu achten.

Fahach wanderte zurück in Richtung seines eigenen Zimmers, um endlich Ruhe genießen zu können. Als er diesen Weg das erste Mal gegangen war, war er leider in Spazierganglaune gewesen. So kam es, dass er weiter dem großen Hauptgang folgen musste, der einmal rund um den Ostflügel führte. Die Brüder des Klosters hatten zwei verschiedene Wohnbereiche zur Verfügung; einmal den nördlichen sowie den südlichen. Man konnte sich sein Zimmer beim Einzug aussuchen, je nachdem, ob man tagsüber Sonne haben mochte oder nicht. Fahach wollte keine haben, ebenso, wie ihn die Klippe unter den Fenstern der Südzimmer stets schwindeln ließ, doch hatte er das Pech gehabt, dass zu dieser Zeit die Nordräume alle belegt gewesen waren. Jetzt war es zu spät für ihn, sich noch einmal umzuentscheiden, denn das würde sein ganzes Leben durcheinander bringen. Auf seinem Weg kam er jetzt aber an den nördlichen Zimmern vorbei, durchschritt die kühlen schattigen Hallen und musste, wie jedes mal, alle Anwohner beneiden.

Im nächsten Bereich, dem zwischen den nördlichen Zimmern der Brüder und den südlichen Zimmern der Anwärter lag, beherbergte Abstellkammern, Studierzimmer, Werkstätten und ähnlichen Kram, für den man im Laufe der Jahre Platz benötigt hatte, aber keinen anderen fand. Wie es in der Natur der Sache lag, unterbrach diesen Weg natürlich irgendwann der Osttunnel. Auf diesem ersten Gang damals hier entlang war Fahach faul gewesen und nahm nicht den Umweg, die Treppe hoch in den ersten Stock und auf der anderen Seite wieder hinab, sondern ging einfach durch die Tür, hinaus in den Tunnel und auf der anderen Seite wieder hinein. Dort ging es weiter an wahllos benutzten Räumen vorbei, bevor er in den Bereich der Anwärter kam. Er begegnete nur wenigen, und die zeugten stets die ihm gebürtige Ehrfurcht und räumten erforderlich den Weg. An einer Tür aber bemerkte er den dicken Butterlöffel, wie er davor stand, dagegen klopfte und Dinge rief.

„Heda! – Was machst du da?“ wollte er wissen, im Rahmen seines heutigen Lehrerdaseins für diesen Knaben.

Butterlöffel sah ihn erschrocken an, grüßte und erklärte: „Unfug lässt mich nicht in mein Zimmer; er hat abgeschlossen.“

„Unfug!“ rief Fahach, „wenn du nicht öffnest, werde ich dem Ältesten von dir berichten!“

Doch es kam keine Antwort, drum wandte er sich an Butterlöffel: „Geh zum Hausmeister und lass dir das Schloss öffnen; der Kerl hier bekommt später genug Ärger.“

Denn länger konnte Fahach nicht bleiben; er war bereits wieder fast zu spät für sein eigenes Zimmer. Als er dieses endlich erreichte, machte er sich nicht viel Mühe. Er ging die fünf Schritte von der Tür zum Waschbecken, wusch sich und nahm dann die acht Bretter zum Bett, wo er sich die Sandalen auszog und sich rücklings aufs Bett sinken ließ. Trotz seiner ihn immer beherrschenden Mattigkeit hatte er es noch nie geschafft, zu dieser Zeit auch wirklich einzuschlafen, doch wollte er sich einfach ausruhen, wie er es immer tat, bis der nächste Gongschlag käme. Er hatte nur wenig freie Zeit für sich zur Verfügung, doch die wollte er auskosten.

Als er so da lag, lauschte er den Geräuschen der Natur außerhalb seines Fensters und dachte über den bisher vergangenen Tag nach. Vor allem über alles, was dabei schief gelaufen war, wie den Kerl vom frühen Morgen, aber auch das, was ihm selber schrecklich peinlich war, wie der Begegnung mit dem Alten in der Stadt. Dagegen fiel ihm überhaupt nichts Gutes des Tages ein, was ihn ein wenig traurig werden ließ.

Plötzlich hörte er ein Geräusch. War es – ? – Tatsächlich, es klang, als würde sich seine Tür öffnen. Erschrocken richtete er sich auf, bis er kerzengrade saß und mitansehen musste, wie die Tür in sein Zimmer geöffnet wurde. Ein älterer Mann trat, mit einem Besen bewaffnet, ein. Es dauerte nicht lange, bis er Fahach bemerkte.

„Oh – ich wusste nicht – ich -“

„Was machst du hier?“

„Ich putze die Zimmer, wie ich es jeden Tag mache.“

„Und ich erhole mich hier, ebenfalls, wie ich es jeden Tag mache. Aber du bist hier noch niemals vorher aufgetaucht!“

„Oh – womöglich liegt es daran, dass ich ein wenig zu spät bin – für gewöhnlich putze ich morgens -“

„Und dir ist noch nie erklärt worden, dass du unsere Gewohnheiten nicht so einfach unterbrechen oder behindern darfst?“

„Oh – doch – aber – „

„Weißt du eigentlich, wie viel Unglück du mir damit bringst?“

„Verzeiht – ich wollte doch nur -“

„Jetzt verschwinde hier endlich, bevor ich dich noch dem Ältesten melden muss.“

Daraufhin sagte der Mann nichts mehr, sondern trat nur eilig den Rückweg an.

„Und wage es nicht, mich nochmal zu stören!“ rief Fahach ihm nach, als der Kerl die Tür schloss.

Sich entspannen war daraufhin eigentlich unmöglich, und doch versuchte er es noch einmal. Nach einer Weile vernahm er aber Gezwitscher und als er die Augen öffnete, saß da ein kleiner Vogel an seinem Fenster. So etwas war noch nie geschehen, weshalb er auf Anhieb nicht wusste, wie er damit umzugehen hatte. Zunächst versuchte er es mit fortgesetzter Entspannung, doch das ebenso fortgesetzte Gezwitscher hielt ihn davon ab. Letztlich entschied er sich dazu, aufzustehen und den Vogel aus der Nähe zu beobachten. Welch strenger Bruch mit den Gewohnheiten das darstellte, fiel ihm erst später ein.

Denn bevor er sich Sorgen machen konnte, ertönten dreizehn Glockenschläge.

 

 

V

Nachdem sein Erholungsversuch misslungen war, nahm Fahach den nächsten Punkt seines Planes in Angriff. Diese Zeit des Tages – wenngleich es auch nur eine Stunde war – verbrachte er immer mit dem Lesen. Dafür musste er aber erst mal zu den Büchern kommen. Es gab im Kloster mehrere Räume und gar Hallen mit von solchen gefüllten Regale. Wann immer er eines durchgelesen hatte, wechselte er in einen der anderen Räume um dort ein neues anzufangen. Einen Tag zuvor erst hatte er ein Werk über die Schifffahrt zu Ende gebracht, weshalb er nun in Richtung der größten Halle ging, in welcher sich laut Man dieses eine besonders interessante Stück befinden sollte. Das am Morgen besorgte Buch nahm er mit.

Weit war der Weg nicht, da die Halle sich genau zwischen dem südlichen Wohnbereich und den Räumen der Oberen sowie des Ältesten befand. Dabei musste er wieder an der Stelle vorbei, an welcher ihn am Morgen dieser unverschämte Kerl aufgehalten hatte. Die Arbeit schien nicht lange gedauert zu haben, denn das Loch war verschwunden und die neue Steinplatte gut an ihrer helleren Färbung erkennbar. Während er sich ihr näherte, musste er darüber nachdenken, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Im Grunde genommen hatte sich hier immerhin sein Weg verändert. Wäre es weiser, diesen neu anzugehen oder sollte er so tun, als wäre nichts geschehen? Die neue Platte war nicht wie die alten, weshalb er sie kaum benutzen könnte. Doch um über sie hinwegzuspringen besaß er nicht die nötige Tüchtigkeit. Was also sollte er tun? Da er aber auch nicht anhalten und überlegen konnte, entschied sein Körper für ihn. Die neue Platte zu benutzen tat nach allem Widerwillen doch nicht weh und zumindest unmittelbar traf ihn auch kein Blitz. Aber Unglücke kamen selten sofort.

Genau hinter dem Ausgang, der ihn morgens immer auf den Hof und zur Gebetshalle brachte, lag der Eingang zur großen Halle der Bücher. Die beiden Flügel des Tores waren geschlossen, aber nicht abgesperrt. Fahach ergriff die Klinke des rechten und zog ihn auf. Schon beim Eintritt musste man sich durch einen kleinen Irrgarten aus Regalen zurechtfinden, doch diesen kannte er bestens. Rechts, links, links und rechts und schon hatte er den Lesesaal erreicht. Dieser machte die Mitte der Halle aus, welche neben dem Erdgeschoss noch zwei weitere Stockwerke einnahm. Rund um den Lesesaal, sowie allen drei Ebenen, bildeten Regale kleine Irrgärten und umschlossen noch so manche ruhige Ecke, fern des offen einsehbaren und umschlossenen Lesesaals.

Es hatte zwar mal eine eine Ordnung in der Abteilung der Bücher gegeben, doch war diese schon lange zerstört, da viele Leser die Angewohnheit hatten, ihre gelesenen Bände nicht wieder einzusortieren, sondern irgendwo anders unterzubringen oder gar einfach rumliegen zu lassen. So waren die zum Lesen gedachten Tische und Pulte überseht von verlorenen Büchern. Fahach selbst gehörte nicht zu dieser Sorte; er liebte Ordnung und fand sich ohne sie nicht zurecht, so dass es schon Gewohnheit war, statt nur zu Lesen auch viel zu suchen. Nun musste er sogar erst einmal einen Platz für den Band finden, welchen er seit der Stadt mit sich rumschleppte, und der laut Einband „Allerlei Geschichten des Aufbaus und der Heiterkeit“ versprach. Er interessierte sich nicht sonderlich für Erzählungen ohne wahren Hintergrund, doch glaubte er zu wissen, wo sich die entsprechenden Regale befanden.

Hier in der Halle musste er ebenso auf seine Schritte und Handgriffe achten, wie anderswo, auch wenn er auf der Suche war. Er glaubte zwar zu wissen, wo er hin musste, doch sicher war er sich nicht. Sein Suchmuster ließ ihn die Regale der Reihe nach abschreiten. Geschichte, Gedichte, Legenden, Baukunst, Lehranweisungen, Gartenanbau – die Bücher waren kaum sinnvoll in ein Ganzes gepackt, nur jeweils untereinander halbwegs in loser Ordnung. – Doch Halt. Geschichte? Das war doch die Abteilung, in die Man ihn geschickt hatte – wegen dem Buch. Jetzt war er aber schon an dem Regal vorbei. Zurück gehen konnte er nicht, denn das entsprach nicht seiner Gewohnheit. Auch wenn es Gewohnheit gewesen wäre, das gesuchte Buch sofort mitzunehmen. Doch zu spät. Was konnte er also schon anderes tun, als weiter zu gehen, als später wegen dem Buch noch einmal zurück zu kommen?

Sich selber verfluchend machte er weiter, kam vorbei an Regalen mit Anleitungen zur Herstellung geistiger Getränke, der Waffentechnik, Nähkunst, Kochbüchern und vielerlei ähnlichem dergleichen. Und dann stieß er beim Umrunden eines Regales mit dem Zeh gegen die Kante des Holzes – und konnte einen Schmerzensschrei nur knapp unterdrücken. Schlimmer aber wurde es, stehen zu bleiben, nicht hinzufallen oder sich zu setzen, denn das widersprach der Gewohnheit – genauso, wie es sich verletzten tat. Trotzend den Schmerzen versuchte er weiter zu gehen, nahm ein Regal nach dem anderen – doch schlich mehr, als dass er wirklich ging, humpelte und schämte sich. Wie hatte er nur so dumm sein können, so etwas zuzulassen? Warum hatte er nicht besser aufpassen können? Es fiel schwer, noch zu bemerken, an was für Regalen er vorbei ging, so sehr ärgerte er sich.

Was suchte er eigentlich noch mal? Erschrocken blieb er stehen und las den Titel des Einbandes. – ach ja. Es geschah ihm oft, dass er vergaß, was er gerade hatte machen wollen, auch wenn er sich längst abgewöhnen wollte, so dass es trotzdem zu seinen Gewohnheiten gehörte, immer wieder zu überprüfen, was er vergessen hatte oder glaubte vergessen zu haben. Sobald er sich wieder erinnerte und auch der Schmerz seines Zehs nachließ, ging er weiter. An einem Tisch, an dem er vorbeikam, saß ein Bruder beim Lesen, doch sie beachteten sich nicht. Kunstgeschichte, Staatsgeschäfte, Predigten, gut hundert Bücher über Fischfang – doch immer noch nicht das richtige Regal. So langsam zweifelte Fahach, dass es richtig gewesen war, das Buch selber herzubringen, da stand er plötzlich vor einem Regal mit Märchen. Ob das passen würde?

Schnell schlug er das Buch auf, überflog Inhaltsverzeichnis und einzelne Geschichten – so richtig schien es nicht zu stimmen, doch einige der Erzählungen waren wohl auch Märchen. Während er sich immer sicherer wurde, dass die Aufgabe zu übernehmen eine schlechte Entscheidung gewesen war, haderte er gleichzeitig mit sich selbst, ob er das Buch hier lassen sollte. Es passte immerhin ein wenig – und wenn er es nicht täte, würde er wohl ewig suchen und sofern er nichts fand, seine Lesestunde und damit seine Gewohnheiten stören. – Schnell stellte er das Buch ins Regal und versuchte es sofort zu vergessen. – Auf zu dem Geschichtswerk.

Er konnte nicht sofort zu dem Regal zurückgehen, das verbot ihm die Gewohnheit. Zuerst musste er seinen Gang die Reihen entlang fortsetzen, bis er an einer richtigen Wand ankam. Dort hatte man für Brüder wie ihn ein Waschbecken angebracht; daneben stand ein Schrank mit Seifestücken. Vorsichtig nahm er sich ein frisches Stück, entledigte es seiner Schutzkleidung und missbrauchte es mit Wasser über dem Becken. Sobald er sich reinlicher fühlte, entsorgte er die Seife im nahestehenden Behälter.

Für den weiteren Weg gab es einen kleinen Trick, dessen er sich behelfen konnte: weiter an der Wand entlang ging er zurück zum Ausgang und von dort erneut die Regale entlang. Leider hatte er sich nicht genau gemerkt, wo die richtige Abteilung gewesen war, weshalb er erneut alle durchgehen musste. Waffenkunst, Nähkunst – irgendwie kam ihm das bekannt vor. Kunstgeschichte, Staatsgeschäfte, Predigten – so langsam wurde ihm voll Schreck gewahr, dass er alles schon mal gelesen hatte. Er musste die Geschichte übersprungen haben. – Doch wie? War er so in Gedanken versunken gewesen? Sich verfluchend eilte er weiter, ging die Reihen entlang, bis er wieder an der Wand angelangt war. Von dort zurück zum Ausgang und erneut von Vorne anfangen, diesmal aufmerksamer.

Und endlich gelangte er an das als Geschichte bezeichnete Regal. – Doch es war nicht das richtige. Es dauerte natürlich, bis er dies bemerkte. Nachdem er die Titel der Bücher gelesen hatte, glaubte er zuerst, das richtige nur überlesen zu haben. Nachdem er sie zweimal durchgegangen war, zweifelte er an seiner Fähigkeit, das Buch zu bemerken, und befürchtete gleichzeitig bereits das Schlimmste. Beim dritten Mal las er jeden einzelnen Titel gründlich, bis auf das letzte Zeichen. – Und konnte sich sicher sein, dass das Gesuchte nicht darunter war.

Hatte er etwas falsch gemacht? Leider erinnerte er sich nicht mehr allzu gut an Mans Beschreibung. Zwischen einem Buch für allgemeine Geschichte und einem für Frühgeschichte. – Das wusste er noch. Beider Arten von Buch fand er auch. – Aber dazwischen war nichts, nicht einmal eine Lücke. Hatte jemand anders das Buch genommen und die Spuren verwischt? Irgendwie klang das nicht wahrscheinlich. War er hier am völlig falschen Regal und würde umsonst suchen? Immerhin möglich, erinnerte er sich doch nicht mehr an die genaue Wegbeschreibung. Wollte sein Freund Man ihn reinlegen und hatte ihn an eine falsche Stelle gelotst, wo er ewig suchen könnte? Nein, so etwas hatte er noch nie getan. Aber andererseits – konnte er Man überhaupt einen Freund nennen? Er hatte es schon oft erleben müssen, wie wenig man sich auf andere verlassen konnte, wie leicht man sich täuschen konnte und sie einen in gewissen Augenblicken im Stich ließen.

Aber wie dem auch sei, er entschloss sich, der Suche einen zweiten Versuch zu gestatten. Diese weitere Suche führte ihn erneut die Reihen entlang, die er kannte, zurück zum Ausgang. Von dort wollte er die andere Seite der Halle durchgehen, danach in die oberen Stockwerke. Doch sobald er sich dem Ausgang näherte, begegnete ihm ein Bruder.

„Hallo, Fahach!“ sprach dieser nur kurz und verschwand sofort.

Das Erschreckende war nicht er selber, sondern seine Bedeutung. Wenn er jetzt hier war, hieß das – da begannen die vierzehn Glockenschläge. Konnte es – wie lange hatte er mit der Suche verbracht? Wieder einmal musste er sich eilen.

 

 

VI

Diesmal müsste er wenigstens nicht weit gehen. Da er zu Räumen musste, die nur von Innen zu besuchen waren, hatte er sich einst den Weg durch die inneren Gänge gewählt. Im Grunde genommen musste er nur um die Ecke gehen, in den Flügel mit dem Westtunnel. In diesem Teil hatte man sich für ein seltsames Schwarz-Weiß-Muster der Fliesen entschieden. Weiße Steine meidend und auf schwarze tretend gelangte er in den Schulbereich des Klosters. Natürlich gab es nur wenige Unterrichtsräume, da das Kloster auch nur eine begrenzte Zahl von Anwärtern hatte. Doch da die Zahl über die Jahre schwankte, und es derzeit eher wenige gab, standen viele Räume einfach leer. Außerdem gab es noch unterstützende Räume, wie kleine Abstellräume, Aufenthaltsräume für Lehrer und Schüler, Räume mit Unterrichtsbüchern, Räume für Versuche an Tier, Pflanze und Flüssigkeit und was man noch alles benötigt hatte. Das Angebot war wesentlich größer als in jeder Schule, die Fahach in seiner eigenen Kindheit gesehen hatte und allen Anwärtern offen, mit welchen Alter sie auch immer ins Kloster gekommen waren.

Im Gang begegnete er niemanden und seiner Gewohnheit folgend, begab er sich gleich in das Zimmer, in dem er später unterrichten würde. Zuvor ging er in das kleine Waschzimmer, welches sich am Ende des Raumes befand Neben dem Waschbecken stand ein kleines Schränkchen mit verpackten Seifenstücken. Er nahm sich eines, packte es aus, wusch sich damit und entsorgte es. Auch wenn bis zum Unterricht noch gut eine Stunde Zeit war – er bereitete sich halt gerne gründlich vor.

Das Zimmer lag an der Westseite, so dass man aus den Fenstern einen Blick auf Hof und Gebetshalle hatte, doch zu dieser Zeit noch keine Sonne herein schien. Der Raum war dunkel, was ihn immer wieder ärgerte, wenn Unfug zu seinen Schülern gehörte und dieser versteckt in der Ecke schlief, statt ihm zuzuhören. Heute würde es wohl wieder so sein. Die Einrichtung war einfach: Ihm zur Verfügung stand sein eigenes Schreibpult. Jeder Schüler hatte natürlich auch eines, aufgestellt in Reihen zwischen der Südwand und seinem eigenen Pult. Ansonsten war der Raum leer, denn nichts sollte sie ablenken. Welche Bücher jeweils notwendig waren, verkündete der Lehrer am Ende des Unterrichts. Mitzubringen waren sie von den Anwärtern selber aus den benachbarten Räumen. Da öfter einer dies aber vergaß oder das falsche nahm, musste der Lehrer dem häufig nachhelfen. Der heutige Unterricht sah – und irgendwie wirkte es wie ein schmerzhafter Hohn auf ihn – die jüngere Geschichte der Stadt vor. Das meiste würde er die Schüler sich selbst erarbeiten lassen, derweil er lesen könnte.

Nachdem er dies beschlossen hatte, blieben ihm noch gut die Hälfte der Stunde, bevor seine zwei Stunden Unterricht beginnen würden. Zeit, um den Aufenthaltsraum der Lehrer aufzusuchen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alles im Unterrichtsraum in Ordnung war, verließ er ihn mit einem zufriedenen Gefühl und folgte den schwarzen Fliesen einmal schräg auf die andere Seite. Man erwartete ihn bereits.

„Pünktlich wie immer. Hast du das Buch gefunden, dass ich dir empfohlen hatte?“

Sofort sank Fahachs Stimmung. „Ach, erinnre mich bloß nicht an das blöde Ding. – Bist du dir überhaupt sicher, dass es so ein Buch gibt?“

Man schien überrascht. „Natürlich.“

„Dann musst du mir nochmal genau den Weg dorthin erklären. – haarklein – ich habe nämlich nichts gefunden.“

„Das ist merkwürdig.“

„Mag sein.“

„Aber es muss da sein.“

„Aber es war nicht da; egal, was du jetzt behauptest.“

„Glaubst du etwa, ich hätte dich in die Irre führen wollen?“

„Nein, vermutlich hab‘ ich mich nur verirrt.“ Da fiel ihm etwas auf, wie jedes Mal, und ihm wurde unwohl. „Lass uns hineingehen, ja? Ich mag nicht hier im Weg stehen.“

Damit betraten sie den Aufenthaltsraum. Gut die Hälfte der Anwärter des Klosters würden gleichzeitig Unterricht haben, wofür auch eine entsprechende Anzahl Lehrer benötigt wurde. Zwei ihrer Brüder warteten also schon und saßen, vertieft in ein Gespräch, an einem kleinen Tisch in der Ecke. Der Raum war insgesamt recht klein. Die wenigen Fenster gingen nach Osten, auf den Haupthof hinaus. Eine Tür in der Ecke führte in eine Abstellkammer. Vier kleine Tische standen an freien Plätzen, umstellt von zwei bis drei Stühlen. Schließlich befand sich an einer Wand noch ein Regal, in dem Bücher standen. In diesen wurde jeweils festgehalten, wer von wann bis wann mit wem wo was gemacht hatte. Man und Fahach nahmen sich ihre, trugen sie zu einem Tisch und sahen sie durch, die Eintragungen des Tages beginnend.

„Was ist bei dir heute eigentlich dran?“ fragte Man.

„Jüngere Geschichte der Stadt.“

„Oh – da hätte dir das Buch ja geholfen.“

„Ja, das hätte es. – Und bei dir?“

„Ich muss ihnen mal wieder zeigen, welche Pflanzen welche Wirkung haben. So richtig verstehen sie das immer noch nicht. Du hast bestimmt gehört, wie einer von ihnen Schlafwurz für einen Glücklichmacher hielt.“

„Ja – meiner Meinung nach sind die Anwärter eh für nichts zu gebrauchen.“

„Sie sind immerhin unsere Zukunft – ohne sie wird es das Kloster nicht mehr lange geben. – Und wir waren auch mal welche, erinnerst du dich?“

„Oh, das würde ich lieber vergessen. Und Anwärter wie diesen Unfug ebenso. Mit dem werde ich mich heute wieder herumplagen müssen. Als wüsste ich nichts besseres mit meiner Zeit anzufangen.“

Während Man nur grinste, drehte sich einer der anderen Brüder zu ihnen um. „Habe ich richtig gehört? Du musst dich um Unfug kümmern?“

Fahach runzelte die Stirn. Jetzt brachte ihn dieser Unhold sogar schon in Abwesenheit unangenehme Augenblicke.

„Ja, heute bin ich damit dran. – Aber warum?“

„Oh, dann solltest du lieber mal nach deinem Schützling sehen. Ich habe gehört, er soll verschwunden sein.“

Sofort stürzte Fahach in ein tiefes Loch. Was hatte der Kerl denn jetzt wieder angestellt? Aber wichtiger: Wie sollte er damit umgehen? Sollte er nicht darauf achten und im Unterricht weitermachen. Oder seiner Pflicht nachkommen, die da hieß, auf die Schüler aufpassen; also nach dem Jungen sehen und damit den Ablauf des Unterrichts aufs Spiel setzen? War das das Unglück, welches schon den ganzen Tag drohend über ihm schwebte oder nur ein weiterer Schritt in die Richtung dorthin? Unfug hatte schon oft Schwierigkeiten gemacht, doch tatsächlich hatten weder er noch andere Anwärter je den Unterricht geschwänzt oder selbst wegen Krankheit gefehlt. Wenn er diesen heute verpassen würde – nicht auszudenken. Er müsste alles nachholen, doch das wäre nicht möglich, und –

„Fahach?“

„Was?“ Verwirrt sah er sich um: Man stand neben ihm, während die anderen Brüder ihn beobachteten.

„Geht es dir gut? Bist du noch da?“

Die Unsinnigkeit der Frage ließ Fahach zu Sinnen kommen und die Stirn runzeln. „Das siehst du doch. Wo sollte ich denn sonst sein?“ Dann fiel es ihm wieder ein und er blickte den Bruder der Unglücksnachricht an. „Was sagtest du? Was ist mit Unfug?“

„Ich habe nur gehört, dass er verschwunden ist und man schon nach ihm sucht. Du solltest jemanden fragen, der ihm näher kommt.“

Damit wandten sich die beiden wieder ihrem Gespräch zu.

„Und?“ fragte Man, nachdem Fahach wieder eine Zeitlang nichts gesagt hatte.

Dass dieser sich seine Verzweiflung versuchte nicht anmerken zu lassen, machte sie umso deutlicher. Schließlich antwortete er.

„Man, ich hatte noch nie beim Unterricht einen Fehlenden; selbst Unfug war immer da. Was soll ich nur tun?“

Man blickte verstehend. „Hast du den Unterricht denn schon einmal für alle ausfallen lassen?“

„Äh – oh – ja – als ich krank war.“

„Hat es dir damals Unglück gebracht?“

„Oh ja; ziemlich viel Ärger mit dem Obersten; dem Herrn der Anwärter. Er sagte, selbst bei Krankheit -“

„Gut, dann hast du das schon durch. Du bist dem Jungen verpflichtet, also kannst du keinen Ärger bekommen.“

„Du meinst, ich soll den Unterricht ausfallen lassen?“

„Welche andere Wahl hast du?“

„Ich weiß nicht -“

„Komm schon, bevor noch mehr Zeit verloren geht und du wirkliche Probleme bekommst.“

Fahach überlegte noch kurz, dann nickte er. „Ich werde den Anwärtern Bescheid geben und nach Unfug suchen.“

Kurz verharrte er, als warte er auf ein weiteres Wort von Man oder gar dessen Angebot, zu helfen. Doch natürlich nickte dieser nur. So tat auch Fahach, gefolgt von seinem Verlassen des Raumes. Die Glocke hatte noch nicht zur vollen Stunde geschlagen und Fahach fühlte sich unwohl. Noch nie zuvor hatte er den Aufenthaltsraum zu früh verlassen. Entsprechend überrascht sahen auch die Schüler aus, als er plötzlich den Unterrichtsraum betrat. Doch ihn wiederum überraschte es auch, dass die meisten der Schüler schon anwesend waren – und vor allem brav auf ihren Sitzen saßen. Aus seiner eigenen Schulzeit kannte er nur das Herumgealbert und Herum schubsen von Schwächeren, doch war das auch nicht im Kloster gewesen.

Seiner Gewohnheit folgend trat er vor sie an das eigene Pult.

„Hallo“, begann er unsicher.

Doch schien das Eis bei den Schülern gebrochen. „Herr Lehrer – sie sind zu früh – ist etwas passiert?“ fragte einer.

Kurz warf Fahach einen Blick auf Unfugs Platz und vergewisserte sich, dort wirklich niemanden sitzen zu sehen. „Das – das wollte ich euch fragen. – Wann habt ihr Unfug das letzte Mal gesehen?“

Einige Schüler sahen sich kurz an, andere schienen überlegen zu müssen, wen er damit eigentlich meinte.

Endlich dann sprach einer. „Unfug? Der hatte sich vorhin in ein Zimmer eingeschlossen; sprach, er wolle nich‘ mehr, alle würden ihn hassen, und so Unsinn.“

„Wann lernst du nur endlich, ordentlich zu sprechen. – Das mit dem Einschließen wusste ich schon; es war im Zimmer von Butterlöffel und ich hatte ihn zum Hausmeister geschickt, um – ja, wo steckt der eigentlich?“

„Der sucht nach Unfug“, meinte einer.

Unwillkürlich musste sich Fahach ärgern. „Und was genau ist nun mit Unfug?“

Wieder sprach ein anderer. „Nachdem er sich eingeschlossen hatte, holte der Dicke den Hausmeister, Der hat dann die Tür aufgebrochen. – In dem Zimmer kann der Dicke heute nicht schlafen“, erklärte er grinsend, „doch Unfug war verschwunden. Der Hausmeister hat dem Oberen Bescheid gegeben und jetzt suchen ein paar nach ihm.“

Fahach war wirklich zornig. „Warum hat mir niemand Bescheid gesagt?“ Doch mehr als ein Achselzucken konnte er nicht erwarten. „Und welchem Oberen wurde Bescheid gegeben?“ Diesmal sahen sich die Anwärter an, bevor sie mit den Achseln zuckten. „Na gut. Dann hört mal her. Ich habe eine Pflicht, dafür zu sorgen, dass euch nichts geschieht, solange ihr Unterricht bei mir habt. Auch wenn Unfug nicht hier ist, müsste er es sein. Deshalb muss ich nach seinem Wohlbefinden sehen. Und wenn ich nicht hier sein kann, werde ich euch natürlich nicht unterrichten können.“

Wieder sahen sich einige kurz an, als könnten sie ohne Worte miteinander sprachen. Eine Erwartung schien sich anzuspannen.

„Müsstet ihr denn nicht auch auf uns aufpassen?“ fragte ein besonders Wagemutiger.

Doch Fahach hörte nur halb zu. „Ihr werdet alle in eure Zimmer gehen. Der Unterricht fällt für heute aus. Sollte ich Unfug früh genug finden, werde ich euch Bescheid geben, dass wir weitermachen können. Habt ihr verstanden?“

Ein mehrstimmiges „Ja!“ ertönte.

„Gut, dann geht.“

Und während sie das Zimmer verließen, schlug die Glocke.

 

 

Buch 3: Der Nachmittag

VII

Fahach war äußerst unruhig, da seine Gewohnheiten durch den törichten Unfug völlig gestört waren. Er hatte keinen Plan für eine solche Begebenheit; wusste sich nicht zu helfen. Ein Teil von ihm überlegte, was zu tun sei, derweil der andere sich fragte, ob dies das große Unglück sei, oder ob es noch kommen würde – und warum er eigentlich noch am Leben war, denn das Unglück stellte er sich immer auch als sein eigenes Ende vor. Zwar wusste er nicht aus Erfahrung, was im Ganzen zu tun war, doch konnten seine Gewohnheiten im Einzelnen helfen. So war es das erste Mal, dass er diesen einen Weg gehen musste, doch entschied er sich unbewusst für einen ohne Umwege: Einfach geradeaus an den Unterrichtsräumen vorbei, nach rechts, hinauf in den Westtunnel und auf den Haupthof, hinüber zu den Werkstätten. Er hatte sich vorgenommen, den Weg, den die Benachrichtigungen genommen hatten, zu verfolgen. Deshalb ging er als erstes zum Hausmeister, um von diesem zu erfahren, welchen Obersten er benachrichtigt hatte – auch wenn Fahach vermutete, dass es wohl der Herr der Anwärter sein dürfte. Die Wohnung des Hausmeisters war ein Zimmer im Dachstuhl über den Werkstätten.

Doch als Fahach den Westtunnel verließ und gerade einen Fuß auf den Hof gesetzt hatte, wurde er angesprochen. „Bruder Fahach! – Wartet!“

Es war der Anwärter, der heute Torwächter war. Fahachs Verwirrung wuchs, nun in seinem Tun auch noch unterbrochen zu werden, was gewiss nicht zur Gewohnheit gehörte. Auch der Wächter schien verwirrt, denn trotz seines Halterufs winkte er Fahach nur zu sich, statt seinen Posten zu verlassen und selbst zu ihm zu gehen.

„Was ist?“ fragte da Fahach auch noch mit verkniffenem Gesicht, doch der Kerl ließ nicht ab. Vorsichtig bewegte Fahach sich Schritt für Schritt auf ihn zu, mit jedem Fußtritt sich dabei in unbekanntes Land wagend. Erst als er nur noch fünf Fußlängen von dem Torhüter entfernt war, fuhr dieser fort – in mildem Tonfall, schien er doch nicht rufen zu wollen.

„Bruder Fahach – ich störe nur ungern – aber beabsichtigt ihr im Moment zufällig, den Hausmeister aufzusuchen?“

Kurz verdächtigte Fahach ihn in Gedanken der Verfolgung. Woher wusste er das?

„Woher wisst ihr das?“

„Ah – gut“, schien er erleichtert, „er hat mir gesagt, dass ihr ihn wohl suchen werdet. Aber er ist nicht mehr in seinem Zimmer; er musste ausgehen, zu einem Auftrag.“

Nicht das auch noch. „Und?“ fragte Fahach recht ruppig, „hat er auch gesagt, wohin er musste?“

Der Kerl wirkte nicht mal verletzt über den Tonfall, nahm Fahach erst rückblickend war, schien alles hinzunehmen.

„Ja, er muss wohl etwas im Nordostlager machen, ihr wisst, wo das – ?“

Doch mehr hörte Fahach nicht mehr, denn schon war er auf seinem Weg, gerade durch den Osttunnel und nicht hinauf zu den Werkstätten, sondern über den Osthof am Garten vorbei. Erst spät viel ihm ein, dass er dem Wächter nicht gedankt, nicht mal zu Ende hat reden lassen. Wieder beschlich ihn dieses Gefühl der Reue, als er in Gedanken mit sich selber durchspielte, was er hätte sagen, was er hätte richtig machen können. Dann fiel ihm auf, wie er sich selber hassen würde, sollte er so mit sicher selber umgehen. Hasste man ihn etwa? Wie könnte er das gut machen? Dem Wächter Blumen schenken?

Dann stand er vor der Tür zum Lager – und hatte vergessen, den Garten zu beobachten.

„Bruder Fahach?“ fragte der im Lager arbeitende Bruder erstaunt, als dieser eintrat, denn erwartet wurde er nicht.

„Der bin ich“, sprach Fahach und blickte sich um, den Hausmeister suchend.

„Habt ihr etwas vergessen? Kann ich euch helfen? Die gewohnte Arbeitsweise brachte den Bruder durch die Überraschung.

„Hat er euch denn nichts gesagt?“ stutzte Fahach.

Warum sollte der Hausmeister dem Wächter, aber nicht im Lager selbst Bescheid geben?

„Von wem sprecht ihr?“

„Na der Hausmeister – man sagte mir, er wäre hier.“

„Oh, der! – Ja, der war hier.“

Langsam bekam Fahach Lust, dem Bruder Gewalt anzutun. „War? – Und wo ist er nun? Mann, sprich!“

Der Bruder wirkte kurz beleidigt. „Er wurde abgerufen. – Irgendwas in der Küche, soweit ich -“

Fahach war bereits unterwegs, bevor der Mann ausgesprochen hatte. Der Weg vom Lager zur Küche war zum Glück nicht weit. Das Lager befand sich im Nordosten, die Küche dagegen im Südosten. Auf seinem Weg kam er dabei wiederum an den verschiedensten Räumen vorbei, die er teils auch früher am Tag schon gesehen hatte, so den Wohnräumen von im Kloster arbeitenden Städtern, die auch dort schliefen. Zum Glück begegnete er diesen diesmal aber nicht. Stattdessen kam er ohne Probleme in die Küche. Dort wurde abwechselnd am Tag geputzt und gekocht, heute aber vor allem alles für den Festabend vorbereitet.

„He, du da“, sprach ihn da plötzlich jemand an.

Der Sprecher schien ein Bruder zu sein und hier wirklich etwas zu sagen zu haben. – Sehr gut.

„Ah – gut – ich suche den Hausmeister. Er soll sich hier aufhalten.“

„Davon weiß ich nichts“, sprach der Kerl barsch.

„Was? – Ja habt ihr ihn denn nicht wenigstens gesehen?“

„Warum sollte ich ihn gesehen haben?“

„Weil er hierher kommen wollte!“

„Hört mal, wenn ihr euren Ton nicht mäßigt -“

Da kam ein weiter Bruder dazu und unterbrach sie.

„Bruder Fahach! Da bist du ja!“

„Was?“ Der Angesprochene war mittlerweile sehr verwirrt und auch der Küchenbruder starrte sie abwechselnd an.

„Der Hausmeister schickt mich. – Er konnte noch nicht herkommen, meint aber, dass du ihn wohl suchen wirst. Ist dem so?“

„… ja.“

„Gut, dann komm einfach mit mir; ich führe dich zu ihm.“

Fahach antworte nicht, sondern folgte einfach, wie gefordert, derweil der Küchenbruder ihnen nach sah und letztlich schlicht wieder an die Arbeit ging.

Sie sprachen den ganzen Weg über nicht. Von der Küche aus ging es am Speisesaal vorbei und eine schmale Wendeltreppe hinauf. Hier oben gab es kaum Steinplatten als Fußbelag, vielmehr hatte man sich für Holzbretter entschieden. Wie es mit diesen nun einmal so ist, konnten sie nicht übermäßig breit sein, doch hatte man beim Bau des Klosters genug an seine Bewohner gedacht, um sie Fußbreit zu gestalten. Trotzdem verlangsamte sich durch sie die Geschwindigkeit für Fahach, der jeden Schritt auf ein einzelnes neues Brett machte, derweil sein Führer weit ausholen musste, um jedes Mal ein Brett auszulassen. Dann war er auch noch stets in der Verlegenheit, immer wieder auf Fahach warten zu müssen. Glücklicherweise wenigstens sollte ihr Weg nicht weit führen, denn sie gingen bloß bis in den oberen Bereich des Wohnabschnittes, der genau über den südlichen Zimmern lag. Das Zimmer, an dem sie hielten, müsste wohl auch genau über seinem eigenen liegen, wunderte sich Fahach. Das Zimmer sah auch kaum anders als sein eigenes aus – sah kaum anders, als die meisten Zimmer.

„Was wollen wir hier?“ fragte Fahach, als er in das leere fremde Zimmer sah.

„Aber -“ Der Bruder drängelte sich vorbei, um auch etwas sehen zu können. „Vorhin war er doch noch hier – sollte sich um Wasserschäden kümmern.“

„Wasserschäden?“ Lag das Zimmer über seinem eigenen oder nicht?

„Ach, nichts schlimmes, glaube ich. – Wenn er ihn behoben hat. – Aber so schnell dürfte das nicht gehen. – Würd‘ ich es machen, würde es Jahre dauern. – Ich glaube, ich überprüfe das mal. -“

Während der Bruder für Fahach Unverständliches immer wieder plappernd von sich gab, schlich er selber sich von dem Zimmer fort. Eigentlich konnte es doch nicht genau über dem seinem liegen, denn er hatte schließlich nicht genau gegenüber ein Fenster in die Welt – und sogar eine hinaus führende Tür. Eine Tür? Das verwarf den Gedanken, dass man durch die Fenster auf den Hof hinaus gucken könnte. Wann war er bloß das letzte Mal hier oben gewesen? Hatte er denn je auf seine Umgebung geachtet? Dann erkannte er, dass die Tür auf einen Balkon führte. Neugierig öffnete er sie und stieg hinaus. Die Plattform als Balkon zu bezeichnen war aber übertrieben, schien es sich hier doch um eine offene Fläche über die gesamte halbe Breite des Stockwerks zu handeln. Warum nur war ihm das nie aufgefallen, selbst vom Hof gesehen aus nicht? War er so unaufmerksam? Ein wenig fühlte er sich, als wäre er in die falsche Welt geraten. Und dann erreichte er das Geländer der Plattform und sah in den Hof hinab, wo gerade der Hausmeister von Süd gen Osttunnel eilte. – Vielleicht heim?

Sofort und eilig machte sich auch Fahach auf den Weg, wieder ins Gebäude und nach links. Kurz hörte er noch den Bruder, der weiter ohne Zuhörer erzählte. Dann war er auch schon erneut nach links abgebogen. Während er sich, so schnell es ging, vorwärts eilte, ohne dabei auf die falschen Bretter zu treten, überlegte er eifrig, was er machen würde, wenn der Hausmeister nicht in sein Zimmer zurückkehrte. Warum hatte er auch nicht noch kurz warten können, zu sehen, wo genau die Gestalt sich hinbewegte, ob er den Osttunnel auch wirklich betrat? Doch selbst wenn dem so war, könnte er genauso gut auch ins Erdgeschoss gehen, nach Norden oder Süden, oder gar in den Garten. Und warum hatte er auch nicht daran gedacht, dem Hausmeister von der Brüstung aus zuzurufen? Aber vermutlich hätte er sich das auch gar nicht getraut.

Schließlich stand er vor dem Zimmer des zu Erwartenden und war fest entschlossen, nur einige Augenblicke zu verharren. War der Mann bis dahin nicht erschienen, so konnte er nur woanders hin sein. Unruhig ging er auf und ab, klopfte sogar einmal an der Tür, sollte der Mann wie durch ein Wunder schneller als er gewesen sein. Doch sie öffnete nicht, ebenso wenig wie der Mann irgendwo erschien und auf ihn zu kam. War er also doch woanders? Seine Unruhe wuchs in Besorgnis, stand kurz vor dem Schlimmsten. Sollte er warten? Oder doch lieber gehen? Gedulden? Oder seinen Füßen folgen?

Letztlich waren es diese, die gewannen, während er innerlich noch haderte und zank und sich nicht entscheiden konnte. Bevor er’s so recht bemerken konnte, trugen sie ihn bereits weiter voran und eilig die Treppe ins Erdgeschoss hinab. Unten stürmte er in den Osttunnel und sah sich dort verzweifelt um. Links war der Hof, doch erkannte er dort nichts. Gegenüber befand sich nur die Tür in der Wand. Rechts war der Garten, der den Großteil des Blickes versperrte. Doch da – dort hinten – ging doch gerade jemand ins Kloster hinein? Da er selber sich keinen guten Rat mehr wusste, folgte er seinem Gefühl und dieser Spur. Wenn jemand aus dem Osttunnel in den Garten ging, gab es nur drei Möglichkeiten, zu denen er gehen könnte: Die Küche im Süden, der Ostflügel oder in den Nordflügel. – Und genau dort hatte er die Gestalt hingehen sehen. Ob es der Hausmeister war oder nicht – er folgte dieser Spur.

Schreitend in den Osthof, am Garten vorbei – in dem gerade ein anderer Bruder seine Anwärter unterrichtete – und durch die Tür. Dort stand er zwischen dem nördlichen Wohnbereich und dem nordöstlichen Lager und gerade schwang die Tür zu letzterem zu. Sollte es so einfach sein? War der Mann einfach nur zurückgekehrt? Geschwind betrat auch er das Lager – und sah vor sich einen Kerl, wohl Städter, der im Hintergrund des Lagers verschwand. Kein Hausmeister.

„Bruder Fahach?“ Wieder der Lagerbruder – und diesmal hatte er Fahach äußerst erschrocken. „Kann ich euch helfen?“

„Ihr schon wieder – erschreckt ihr immer so eure Besucher?“

„Oh – das tut mir leid. Aber kann ich euch helfen?“

Hatte er wirklich vergessen, weshalb Fahach hier gewesen war? Das war doch noch lange keine Stunde her. Oder waren seine Gedankengänge derart, immer dasselbe zu fragen? – Da hatte Fahach seine Antwort. Manchmal war das Leben im Kloster auch ein Fluch.

„Ich war wegen dem Hausmeister hier. Ich habe ihn jetzt durch das halbe Kloster verfolgt und war immer zu spät und das, obwohl ich jetzt eigentlich Unterricht und damit ganz anderes zu tun hätte und jetzt, wo mich die Spur wieder hierher führte, nachdem ich zuvor nie gesehene Bereiche des Klostergebäudes entdeckte – war da nur dieser Städter und ihr, mit euren stets eintönigen und gleich bleibenden Fragen und – ach!“

„Ihr sucht den Hausmeister?“

Fahach glaubte nicht recht zu hören. Er stand kurz vor einem Aus- oder Zusammenbruch.

Doch dann sagte der Bruder: „Der ist doch gerade angekommen, knapp vor euch. Er wird sich wohl hinten endlich um die kaputte Tür kümmern.“

Zu fassungslos, um sofort loszugehen, starrte Fahach den Bruder an und konnte dessen Äußerung kaum glauben, derweil dieser unverständlich zurück blickte. Endlich, als er sich zusammenreißen konnte, ging Fahach in die ausgewiesene Richtung. Im Hinterteil des Lagers befanden sich kleinere Räume, einer davon schien eine verklemmte Tür zu haben. Der Städter, den er bei seiner Ankunft bemerkt hatte, machte sich gerade mit den Händen daran zu schaffen. Doch das war kein Städter, das war – der Hausmeister. Von oben hatte er nicht wie ein Städter ausgesehen. Kurz wusste Fahach nichts zu sagen, da er den Namen des Mannes nicht kannte, doch dieser bemerkte ihn glücklicherweise.

„Ah, Bruder Fahach! Ich dachte, ihr wärt schon bei dem Obersten. Tut mir leid, dass ich hier von Auftrag zu Auftrag hasten muss, aber ihr kennt das sicher.“ Nein, bisher kannte er das nicht. „Ach, dieser schreckliche Unfug -“

„Ja – äh – wisst ihr, ich hätte jetzt Unterricht und müsste mich daher sehr beeilen. Ich habe einfach keine Zeit für lange Gespräche oder Versteckspiele. Könnt ihr mir bitte einfach den Namen nennen?“ Fahach konnte sich kaum zwischen Ehrerbietung und Zorn entscheiden.

„Oh, ja, natürlich – Also -“

Und während Fahach zuhörte, schlug siebzehn mal die Glocke. – Er war zu spät.

 

 

VIII

Vorsichtig betrat Fahach wieder den Flur. Ihm verblieb nur noch gut eine Stunde, bevor sein Feierabend angefangen hätte, und dann noch ein oder zwei, bis die Sonne unterging und das Fest anfinge. Nicht viel Zeit. Er fühlte sich, als säße ihm etwas im Nacken, dass ihn mit rasender und stetig steigender Geschwindigkeit verfolgte. Wie sollte er all das, was er geplant hatte, noch erledigen? Nie zuvor war es geschehen, dass ihm immer wieder etwas dazwischen kam, dass eine Störung die andere jagte. Dieser ganze Tag war ein einziges Unglück, soviel war klar, und fraglich nur noch, wie es abzuschwächen sei. Nun konnte er aber nicht anders, als so fortzufahren, wie er begonnen hatte.

Der Weg führte ihn nach Rechts, an den nördlichen Wohnzimmern vorbei und schließlich gen Links, in den Bereich der Werkstätten, wo er hin und wieder einen Hammer schlagen oder eine Säge ratschen hörte. Schließlich gelangte er in den Osttunnel hinaus und bog auf den Haupthof ein, da er nicht durch das Wohngebiet der Anwärter gehen wollte.

Gegenüber, auf der anderen Seite des Hofes aber, sah er einige der Fenster, welche zu den Unterrichtsräumen gehörten. Was seine Brüder und – wichtiger noch – Schüler gerade wohl trieben? Ob sie ohne ihn es wohl schaffen konnten, keinen Unsinn anzustellen? Welch schlechtes Vorbild er durch seine Unfähigkeit doch war. Rechts wiederum würde der Wächter am Tor stehen, doch an diesen dachte er nicht, als er sich nach links wandte und an der Mauer entlang gen südlichen Wohnbereich ging. Und tatsächlich, dort droben, über dem Erdgeschoss, erkannte er zum ersten Mal den Balkon. Es war ein merkwürdiges Gefühl, etwas zu sehen, das ihn trotz all seiner Jahre nie zuvor aufgefallen war und das selbst jetzt noch wenig auffällig war, denn konnte es sich gut an das Gesamtbild des Daches angleichen. Darum kümmerte ihn das auch nicht weiter, bis er ihn aus dem Blick verlor und schließlich durch die Haupttür in den südlichen Wohnbereich trat, unweit seines eigenen Zimmers.

Kurz verspürte er den Drang, mal nachzusehen, sicherzugehen, dass alles dort in Ordnung war, dass es keinen Wasserschaden gäbe. Doch hatte er dafür keine Zeit, auch wenn eine schreckliche Lockung es verlangte, ihn förmlich gen Süd zerrte, derweil sein Verstand mit ihm nach Westen ging. Doch sobald er den Wohnbereich hinter sich hatte und an der Halle der Bücher vorbei ging, ließ das Gefühl auch wieder nach. Stattdessen wuchs die Aufregung. Selten nur hatte er viel mit den Oberen zu tun. Für ihn waren sie immer noch die unerreichbaren Ehrgestalten, von denen man raunen, mit denen man aber nicht sprechen konnte; die immer alles besser und – richtig wussten. Er selber war im Vergleich zu ihnen unwichtig, unerfahren, unwissend. Der Gedanke, sie anzusprechen, machte ihn unruhig; fast noch mehr, als beim Ältesten, den er mittlerweile gewissermaßen hatte kennenlernen können.

Nach einer Weile stand er vor der – so weit er wusste – richtigen Tür und klopfte an.

Tatsächlich ertönte es: „Herein!“

Auch sein Herz klopfte, doch schnell und lautlos. Sein Atem war ebenso schnell, doch flach und verschaffte ihm kaum Luft. Er wollte sicher nicht eintreten, doch musste er es tun. Fliehen wollte sein Körper, ausschalten sein Geist – und seine Hand öffnete die Tür. Vorsichtig trat er ein, verneigte sich leicht und schloss die Tür wieder hinter sich.

„Verzeiht – darf ich stören?“

Der Oberste, der an seinem Pult über einem Buch gesessen hatte, kniff kurz die Augen zusammen und musterte ihn, bevor sich sein Blick aufhellte, als er ihn erkannte. „Ah, ihr seit doch Bruder Fahach, oder?“ Unruhig stand er auf und warf einen Blick zum Fenster hinaus, derweil Fahach versuchte, eine Antwort zu Stande zu bekommen.

„Äh – ja – ich -“

„Ihr habt euch ganz schön Zeit gelassen. – Ich habe euch schon vor einer Stunde erwartet.“

„Nun – ja – der Hausmeister -“

„Ich weiß, der Hausmeister schickt euch.“ Dann sah er ihn plötzlich mit leichtem Zorn an. „Was habt ihr euch nur dabei gedacht, so unvorsichtig mit euren Schülern umzugehen? Ihr habt die Verantwortung für sie und dann lasst ihr sie solchen Unsinn machen.“ Seine Miene klärte sich aber wieder. „Aber gut, dieser Knabe – wie nennt ihr ihn? Ach ja – Unfug – wie passend! – ja, dieser Knabe bereitet uns schon seit seiner Aufnahme bei uns Schwierigkeiten. Immer wieder beschweren sich seine Lehrer und immer wieder gibt es Neuigkeiten über ihn. Es scheint so, als wäre er nun fortgelaufen.“ Er setzte sich auf das Fensterbrett und blickte leicht traurig seine Hände an, während sie miteinander spielten. „Jedenfalls hoffe ich das für ihn, denn wenn nicht, droht ihm der Rauswurf. Zumindest, wenn es nach mir geht. Er ging eine schwere Verpflichtung ein, als er ins Kloster kam und scheint diese nicht beherzigen zu wollen. Wenn die Sucher ihn nicht finden, melden wir es den Behörden in der Stadt. Und wenn sie ihn dann finden -“ Endlich schien ihm etwas aufzufallen. „Aber ihr seid sicher nicht hier, um mir zuzuhören. Leider weiß ich auch nicht, wo die Sucher jetzt sind, aber wird es wohl irgendwo hier im Kloster sein. Und jetzt geht – ich habe euch lange genug aufgehalten.“

Fahach war einen Augenblick zu verwirrt, um zu antworten. Da der Obere ihn aber ungeduldig ansah, nicke er, sich leicht verbeugend, öffnete die Tür, verschwand hastig aus dem Zimmer und schloss sie hinter sich wieder. Erst dann beruhigte er sich langsam wieder und ihm fiel etwas auf. Die Sucher finden? Welche Sucher? Hätte er ihm nicht etwas mehr sagen können? Wie wäre es mit Namen – wer suchte denn? Brüder, Anwärter, Kerle aus der Stadt -? Wie sollte er jemanden finden, von dem er nicht mal wusste, wer er war? Da würde es wohl leichter werden, Unfug selbst zu suchen. Seine einzige Möglichkeit wäre es, auf eine Gruppe zu achten, die seltsam unter Steine und in dunkle Ecken spähte und immer wieder nach Unfug rief. Aber wo sollte er anfangen? Und so langsam, da seine Angst verflogen war, die Atmung sich verbesserte und sein Körper keinen Grund mehr sah, fliehen zu wollen, setzte eine unglaubliche Mattigkeit ein, gefolgt von dem ihn ewig verfolgenden Kopfschmerzen. Am liebsten hätte er sich hingelegt, doch war das so nicht möglich. Stattdessen fing er an zu wandern, wusste er doch nichts besseres zu tun.

Sein Weg führte ihn gen West, und bevor er es selber wusste, fing er auch schon an, einem regelrechten Plan zu folgen, der ihm bei der Suche helfen sollte. Er musste einfach nur jeden der beiden Hauptflügel im Kreis umgehen und anschließend nochmal in höhere Stockwerke wechseln. Es war eine unglaubliche Strecke zu bewältigen und schon beschwerten sich seine Füße, doch gab es keinen Weg darum herum. Das Streifen durch den Wohnbereich der Oberen war nicht verboten, aber trotzdem würde man ihn seltsam ansehen, wenn man ihn entdeckte, weshalb ihm unwohl wurde. Zum Glück suchte er nicht nach Unfug, für den allein er wohl in jeden Wandschrank hätte sehen müssen, sondern nach einer Gruppe. So eilte er durch die Gänge, nur die großen nehmend und wann immer er konnte, hielt er sogar kurz inne und lauschte. Oberen begegnete er zum Glück nicht, doch hörte er einmal mehrere Stimmen reden hinter einer Tür und lauschte kurz. Sich wie ein Verbrecher und Verräter fühlend, als er feststellte, dass es nicht die Gesuchten waren, machte er sich wieder davon.

Kurz darauf kam er an den Ausgang, durch welche die Oberen immer die Gebetshalle betraten. Es war ein seltsames Gefühl, diese Tür selbst zu benutzen, doch musste er es tun. Er kam so auf den Hinterbereich der Bühne und war froh, dass kaum jemand in der Halle anwesend war und diese Handvoll mit ihren Gebeten beschäftigt war. – Hier waren die Sucher also auch nicht. Auf der anderen Seite führte eine Tür weiter, diesmal durch schmale Gänge mit kleinen Räumen weiter in das Hauptlager. Dieses zu durchsuchen war schwerer, nahm es doch fast den ganzen nordwestlichen Flügel ein und war zudem unübersichtlich eingerichtet. Das meiste machte dabei aber eine einzige große Halle aus, die wahllos mit Regalen und Kisten vollgestopft war. Eine Handvoll Lagerarbeiter lief ständig etwas suchend durch die Gänge, kletterte Leitern hoch und runter und schrie sich Dinge zu. Das große Tor zum westlichen Hof stand offen und ließ das Sonnenlicht ein, doch der Hof selber war leer. Immer, wenn ein Regalgang nicht einsehbar war, musste Fahach dort kurz nachsehen, auch in die seltsamen kleinen Hallen, die man in die große Halle hinein gebaut hatte. Doch im Lager schienen auch keine Sucher zu sein.

Ungeduldig verließ er es, um durch den Unterrichtsbereich gen Süden zu gehen. Hier hielt er an jeder Tür, um kurz zu lauschen. Hin und wieder vernahm er auch Stimmen, aber meist nur eine einzeln, die den anderen etwas erklärte. In die Räume hinein wollte er lieber nicht sehen, da immer noch Unterricht war und ihm eine Störung schrecklich peinlich gewesen wäre. Wieder im Süden angekommen, warf er noch einen Blick in die Halle der Bücher, doch verhielt sich dort niemand ungewöhnlicher, als er es sonst auch getan hätte. Östlich folgte er südliche Wohnbereich, in dem es keine weiteren Überraschungen gab. Den Drang, in sein Zimmer zu sehen, hatte er zum Glück vergessen.

Am Beginn des Anwärterbereichs aber hatte er kurz zu überlegen, in welche Richtung er gehen solle. Letztlich entschied er sich, zuerst durch Speisesaal, Küchen und Vorratskammern zu stapfen. Dort herrschte zwar reger Betrieb, doch schien niemand etwas zu suchen. Im Wohnbereich der Auswärtigen musste er sich vorsehen, deren Unvorsichtigkeit zu entgehen, doch gab es plötzlich, da sein großer Plan zerstört war, scheinbar keine kleinen Überraschungen und Unfälle mehr. Es hätte ihn gewundert, wären die Sucher im Nordostlager, doch warf er vorsichtshalber auch dort einen Blick hinein.

„Ah – Bruder Fahach – kann ich -“

Schnell verließ er die Tür wieder, als ihm der Lagermeister zu nah kommen wollte.

Der nördliche Wohnbereich schien ausgestorben, was ihn wunderte. Die Werkstätten und Krimskramszimmer hielten ihn wieder auf, da es so viele von ihnen gab und er in viele hineinsehen musste. Manches Mal musste er sich wieder verziehen, als er jemanden beim Arbeiten störte, was ihm schrecklich peinlich wurde. Bald würde er wohl das Gespräch des Tages werden, lautete seine größte Befürchtung.

Im Osttunnel warf er kurze Blicke auf den Ost- und Haupthof. Im Garten glaubte er sie schon fast gefunden zu haben, doch waren es nur ein paar Schüler mit ihrem Lehrer – immer noch dieselben sogar. Zuletzt kamen noch die Zimmer der Anwärter, die er zwar hätte durchsuchen dürfen, doch schien ihm dies nicht nötig. Als er auch dort keiner Gruppe begegnete, wechselte er im südlichen Wohnbereich in das Stockwerk darüber. Dieser Bereich beherbergte allerlei unterstützende Räume, wie Waschküchen, Trockenräume, Kleiderlager, Nähzimmer. Und in der großen Waschküche war es, wo er sie endlich fand.

Als er den Raum betrat, erkannte er zunächst gar nichts. Die Waschbecken wurden durch den Dampf der darunter liegenden Küche angeheizt und jetzt, da das Abendessen vorbereitet wurde, war der große Raum voller Qualm und einige Wäscher bei der Arbeit beschäftigt. Fertige Wäsche hing bereits zum Abtropfen über Abführrinnen an Leinen und bildete teils unübersichtliche Gänge. Verwirrt ob der schlechten Sicht im Raum, in dem er noch nie zuvor gewesen war, irrte Fahach nach seinem Eintritt umher. Nachdem er einige Male fast in nasse Wäsche gelaufen oder einen Bottich gefallen wäre, lief er fast in einen ihm nur wenig bekannten Bruder, doch konnte noch vor seinem Rücken halten. Während er versuchte, sich von dem Schreck zu erholen, gab der Bruder ein Wort von sich.

„Unfug!“ rief er und einige Wäscher starrten ihn verwirrt an.

Doch Fahach war fast außer sich vor Freude. „Ihr sucht Unfug?“

Nun war der Bruder der Überraschte. Schnell drehte er sich um; sein Gesicht wurde freundlich. „Ah, Bruder Fahach – ihr seid’s. Wir fragten uns schon, wann ihr kommt.“

„Ich musste euch im ganzen Kloster suchen, weil niemand wusste, wo ihr steckt.“

„Oh – ja, wir suchen schon eine Weile.“

„Und ihr habt ihn noch immer nicht gefunden?“

Die Frage war unsinnig, und der Bruder schüttelte nur den Kopf.

„Wo sind die anderen?“

„Kommt, ich bringe euch zu ihnen.“

Die Suchergruppe schien wie Fahach selbst immer die Gänge abgeschritten zu sein. An einzelnen Punkten trennten sie sich dann stets, um nahe größere Räume zu überprüfen und kamen danach wieder zusammen. Die Sucher waren fünf Brüder, die Fahach allesamt nur flüchtig kannte. Ein wenig überraschte es ihn aber schon, das sie alle Zeit hatten, nach dem unnützen Anwärter zu suchen.

„Wir übernehmen die Suche in solchen Fällen immer“, erklärte einer. „Soll die anderen Brüder entlasten und vor Verwirrung schützen. Es tut mir leid, dass ihr nichts davon wusstet.“

Wichtiger war für Fahach aber: Warum hatte ihm auch der Oberste nichts gesagt? „Und wie lautet der Plan?“ Langsam wurde er ungeduldig; die letzte Stunde vor dem Abend näherte sich mit riesigen Schritten.

„Naja, wir werden das Stockwerk weiter durchsuchen.“

„Und wenn er gar nicht hier ist? Wir haben nicht ewig Zeit.“

„Ja, das meinte dieser Knabe auch – also das mit dem nicht hier sein.“

„Was – welcher Knabe?“

„Wie heißt der? – der Dicke – der Freund von -“

„Butterlöffel?“

„Genau der – blöder Name -“

„Was ist mit ihm? Er kennt Unfug!“

„Das sagte er auch – und dass der Kerl sich wohl nicht im Kloster verstecken würde -“

„Und warum sucht ihr dann hier?“

„Der Dicke sucht mit zwei anderen Anwärtern den Hügel ab. – Wir überprüfen das Kloster. – Was ist daran falsch?“ Nun schien der Bruder beleidigt.

„Ach – nichts. Aber vermutlich werdet ihr keinen Erfolg haben. Ich werde nach Butterlöffel suchen, ihr macht hier weiter und wenn ihr Unfug dann doch findet, schickt jemanden zu uns.“

Ohne weitere Bestätigungen abzuwarten, machte sich Fahach wieder auf den Weg. Diesmal suchte er nicht nach Umwegen; sein Ziel war klar und der Weg dorthin sollte keine Zeitverschwendung mehr beinhalten. Eilig ging er zurück zur Treppe und stieg hinab ins Erdgeschoss. Die letzte Stufe wollte ihn bei sich behalten und er stolperte voran. Erschrocken blickte er sich um, ob es jemand bemerkt hätte – so etwas war noch nie zuvor geschehen. Langsam machte ihn der Tag vollkommen mürbe; wie lange er das wohl noch ertragen könne? Es war Zeit, dass er endete oder wieder zur Gewöhnung zurückkehrte.

Schnell war er wieder sicher auf den Füßen, ging weiter geradeaus und schließlich durch den Osttunnel auf den Hauptplatz. Hier war sein Augenmerk das Klostertor und die Weite des Hügels dahinter. – Der Torwächter. Hätte der nicht Unfug bemerken müssen? Ausnahmsweise ging er genau auf ihn zu.

„Hallo – wachst du hier schon den ganzen Tag?“

Der Wächter nahm eine ehrfurchtsvolle Haltung an. „Ja, das tue ich.“

„Du hast mich vorhin zum Hausmeister geschickt.“

„Ja, das habe ich.“

„Weißt du, warum du das tun solltest?“

„Nein, tut mir leid.“

„Hast du zufällig in den letzten Stunden einen Anwärter durch dieses Tor gehen sehen?“

„Oh, nicht nur einen.“

„Wen alles?“ Fahach ahnte schlimmes.

„Vor ’ner Weile Unfug; eben Butterlöffel und -“

Seine Befürchtungen hatten sich erfüllt. Warum hatte dieser – aber gut, vielleicht wusste der Wächter auch einfach nichts von dem Problem. Bevor er ihn hätte beleidigen können, ging er lieber, ohne ein Wort zu sagen.

Er fand Butterlöffel am Festplatz, wo er gerade auf Unfug einzureden versuchte. „Jetzt komm wieder mit, du weißt ja nicht, wie viel Aufregung du du verursacht hast. Das wird Ärger geben!“ An der Stelle bemerkte er Fahach und hielt erschrocken ein.

„Hier steckt ihr also!“

Unfug, den schon das Verhalten seines Freundes vorbereitet hatte, drehte sich um.

Es war Butterlöffel, der sprach. „Bruder Fahach! – Oh! – Ihr – wir wollten gerade zu euch kommen.“

„Wisst ihr beiden eigentlich, wie viel ihr durcheinander gebracht habt?“

„Es war nur meine Schuld; der Dicke hier kam grad erst und wollte sogar versuchen mich zu überreden mitzukommen.“

„Trotzdem wart ihr beide nicht beim Unterricht. Und wegen dir ist mein ganzer Tag ein Schutthaufen!“

„Es ist doch nichts ungewöhnliches, dass ihr mit mir unzufrieden seid. Habt ihr euch immer noch nicht daran gewöhnt?“

Kurz war Fahach sprachlos. Er beschloss, diese Aussage nicht zu beachten.

„Ihr seid hier in einem Kloster, in dem es Regeln zu befolgen gibt. Tut ihr das nicht, könnt ihr verstoßen werden. Und so weit ich weiß, hat keiner von euch Familie oder Freunde außerhalb; deshalb seid ihr hierher gekommen und auf uns angewiesen.“

„Meine Gewohnheit ist es, überraschendes zu tun. Warum sollte das ein Regelverstoß sein?“

Wieder war Fahach kurzzeitig zu erstaunt. „Warum – weil du damit die Gewohnheiten von uns allen gefährdest! Darum!“

„Habt ihr jetzt vor, mich zu verstoßen?“ Klang da etwas Furcht mit?

„Also ich würde gerne mal wissen wollen, warum du heute so durchgedreht bist.“

„Ich glaube, weil ich es hier nicht mehr aushalte. Dem Aufbau hier zuzusehen macht mehr Spaß.“

„Gut – wir sollten am besten mal zurückgehen. Ich schätze, ein Oberer wird dich heute noch sehen wollen. Aber vorher sollten wir endlich zum Abendessen gehen.“

Kaum, dass sie das Kloster wieder betreten, läuteten auch schon neunzehn Schläge.

 

 

IX

Diese Glocken läuteten zum Essen und riefen alle herbei in den Speisesaal, was Fahach sich nicht entgehen lassen wollte. Die Jungen wie Gefangene vor sich herlaufen lassend, machte er sich auf den Weg, vom Tor schräg über den Haupthof, durch den Osttunnel zum Gartenhof, daran vorbei und im Süden eintretend. Ab hier konnte jeder die Jungen sehen und sie daher keinen Unsinn mehr anstellen, weshalb er sie alleine in den Speisesaal gehen ließ, während er einen Waschraum aufsuchte. Wasser – neues Seifenstück nehmen – waschen – die Seife wegwerfen.

Zurück im Speisesaal saßen die Knaben tatsächlich an ihrem Tisch. Einige schon anwesende Anwärter bedrängten sie mit Fragen, während von den Brüdern andere lauschten. Auch als Fahach eintrat, drehten sich kurz einige Köpfe zu ihm um. Er, dem das peinlich war, trat schnell ein und ging zur Essensschlange. Erst dort sah er sich nach Man um, der an ihrem Tisch gewartet hatte und jetzt kam, sich vor ihn zu stellen.

„Ich sehe, du hattest Erfolg“, sprach er.

„Wie man’s nimmt. Unfug ist wieder da, bereitet aber Ärger und meinen Unterricht musste ich ausfallen lassen. Jetzt heißt es essen und dann in aller Eile versuchen, wieder zu meinem Ablauf zurückzufinden.“

Dann standen sie auch schon am Essen. Den ganzen Tag hatte er kaum etwas zu sich nehmen können und so wäre er nur zu froh gewesen, hätte sich ihm eine überfüllige Auswahl geboten. Doch trotzdem es warme Suppe, Brotscheiben und Obst gab, fand er nur wenig, dass ihn zufriedenstellen würde. Außerdem sollte ihn Man vermehrt vom Essen abhalten.

„Was wird jetzt mit dem Knaben geschehen?“

„Naja, er will seine Fehler nicht einsehen; nichts besser machen. Habe ich eine andere Wahl, als ihn zu einem Oberen zu bringen? So lauten immerhin die Regeln.“ Vor allem aber wollte Fahach die Aufgabe, sich um den Knaben kümmern zu müssen, möglichst bald wieder abgeben.

„Das gab es lange nicht, dass jemand aus dem Kloster verstoßen werden könnte.“

„Aus irgendeinem Grund scheint er es selber zu wollen.“ Fahach war nicht nach Reden zumute, so ebbte das Gespräch nach und nach ab.

Nach dem Essen nahm er sich die beiden Knaben, die überraschenderweise brav gewartet hatten, und ging mit ihnen zu den Oberen. Ihr Weg war gerade und ohne Umwege, da Fahach diesen noch nie gegangen war, vorbei am Wohnbereich und gleich in den Flügel der Obersten. Als erstes versuchte er sein Glück bei dem, der die Suche nach Unfug angeordnet hatte.

Unruhig klopfte er dort an die Tür und erhielt ein „Herein!“

„Tut mir leid, wenn ich störe – wir haben Unfug gefunden.“

„Sehr gut“, sprach der Mann von seinem Pult aus. „Und wer ist da bei ihm?“

„Das ist Butterlöffel, ein Freund von ihm; er hat ihn gefunden.“

„Ah, sehr gut. – Dann ist jetzt alles wieder in Ordnung, ja?“

„Nun – nicht ganz – Unfug will sich nicht den Regeln beugen, und -“

„Was? Warum das nicht?“

„Er sagt, seine Unberechenbarkeit sei seine Regelmäßigkeit, weshalb er sich dem Kloster nicht beugen müsste.“

Mit dieser Antwort schien der Mann nichts anfangen zu können. „Geh damit lieber mal zum Herrn der Anwärter; ich kann euch da nicht helfen.“

Sollte das bedeuten – schon wieder weiter in der Gegend herumlaufen? Fahach hatte seine eigenen Gewohnheiten, denen er nachkommen wollte: Baden, ausruhen und sich für den Abend fertig machen. Immerhin war heute der schreckliche Tag der Feier, und bis zur Eröffnung war es weniger als eine Stunde. Selbst der Oberste, den er verließ, schien sich bereits vorzubereiten. Immerhin hatten die Oberen zusammen mit dem Ältesten auch die Aufgabe, die Feier zu eröffnen. Die Knaben dagegen schienen sich nur zu langweilen oder unwohl zu fühlen. Aber immer noch folgten sie ihm brav, als er sie zu dem Oberen brachte, der die undankbare Aufgabe hatte, über die Anwärter wachen zu müssen. Dieser hatte seine Tür geöffnet und kam ohne Umwege zur Sache, als er die Drei in seinem Türrahmen erscheinen sah.

„Unfug! – Bruder Fahach, ihr habt ihn gefunden? Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als ich davon hörte -“

Der Obere war jemand, den man sofort mögen musste. Gleichzeitig konnte Fahach ihn nicht wirklich als Vorgesetzten ansehen. So wagte er es, gleich dazwischen zu sprechen, da er bei ihm auch kaum Angst verspürte.

„Werter Oberster – ich habe ein Problem mit diesen Knaben, bei dem ihr mir vielleicht helfen könnt.“

„Oh?“ Der Mann sah sie besorgt an. „Um was handelt es sich denn?“

„Dieser Junge hier versteht es nicht, sich den Regeln zu beugen, da er meint, dieses Verhalten sei für ihn selber oberste Gewohnheit und damit doch zu unseren Regeln passend. Gleichzeitig richtet er aber schreckliches Unheil an, wie ihr auch selbst so trefflich bemerkt haben solltet. Was also soll ich mit diesem Knaben anstellen?

Eine Weile lang hüllte sich der Mann in Schweigen, während er sich das Kinn rieb und abwechselnd Unfug an- und ins Leere starrte. „So ein Fall ist noch nie vorgekommen, glaube ich. Aufsässige Anwärter – ja. Anwärter, die bestraft werden mussten – ja. Selbst dass Anwärter verstoßen werden mussten – ja. Davon hatte ich selber aber erst einmal einen Fall, sieht man mal von denen ab, die es einfach nicht schaffen und freiwillig gehen. Ich befürchte, da muss der Älteste entscheiden.“

„Das bedeutet – wir müssen zu ihm?“

Kurz darauf ging Fahach mit den Knaben zum Ältesten. Vom Zimmer des Oberen aus hätten sie nur ein paar Schritte gen West machen müssen. Aber noch nie war er auf diesem Wege gegangen und trotz des Zeitmangels konnte er sich nicht dazu bringen, jetzt diese Gewohnheit aufzugeben. Die Jungen murrten zwar, doch verstanden sie und folgten, als er ein gutes Stück zurück ging, mit ihnen den immer noch schwach von der Sonne beleuchteten Hof durchquerte und die Halle der Gebete betrat. Hier waren gerade ein paar Brüder mehr als nach dem Frühstück, und gedachten der schwindenden Sonne. Für gewöhnlich fände in Kürze sogar eine Ansprache des Ältesten aus diesem Grunde statt, doch würde sie heute durch die Mondfeierlichkeiten ersetzt werden. Für Fahach selbst war das mehr als gut, stand doch so niemand auf der Bühne, als sie drei diese betraten und auch kaum ein Gesicht wendete sich ihnen zu. An normalen Tagen hätte ihn dagegen alle angestarrt und vor Scham wäre er fast zerflossen. Doch so konnten sie unbehelligt die Tür zum Gang des Ältesten durchqueren.

Dort ließ er die Jungen kurz warten, während er den Ältesten suchte und ihn sofort in seiner Arbeitskammer fand, wo er einzelne Schriftstücke zusammen suchte, wohl in Vorbereitung auf den Abend. Fahach war froh, dass er nicht in einem anderen Raum war, erhielt sich doch so für ihn noch ein Hauch von Gewohnheit. Ängstlich und in Eile zugleich blieb er in der Türschwelle der offenen Tür stehen. Da der Älteste ihm den Rücken zu wandte und er es sich nicht traute, ihn sich erschrecken zu sehen, klopfte er an den Rahmen.

Der Älteste drehte sich neugierig um und sah ihn überrascht an. „Fahach? Was machst du denn hier?“

Hatte er überhaupt schon mal selbst zum Ältesten gesprochen? Hatte dieser das nicht immer selbst gemacht? Jetzt musste er es; musste etwas zu dem Mann sagen.

„Ähm -“, glorreiche erste Worte, „der Oberste – der Herr der Anwärter – schickt mich – äh – vielleicht habt ihr es schon gehört, dass einer der Anwärter, mein Schüler, heute die Gewohnheiten verwirrt hat -“, kurz wartete er auf Antwort, doch erhielt keine, „- nun – ich musste meinen Unterricht ausfallen lassen – das habe ich noch nie gemacht! – und den halben Nachmittag nach ihm suchen. Er wartet jetzt draußen, falls sie ihn sehen wollen. Jedenfalls – er meint, sich unseren Regeln nicht beugen zu müssen. – Wenn er sich selber unberechenbar verhält, so meint er, sei das schon seine Gewohnheit, und – naja, der Herr der Anwärter wusste keinen Rat – was man mit dem Knaben machen soll – er meinte, ich solle euch fragen… – ja….“ Kurz überlegte er noch, ob er mehr sagen sollte, doch sein Kopf schwirrte, sein Herz raste und sein Geist suchte sich angenehmere Orte.

Da begann der Älteste zu sprechen. „Eigentlich habe ich für solche Angelegenheiten keine Zeit. Wie ihr wisst, muss ich gleich das Fest eröffnen. Aber es klingt als wäre es dringend. Am Ende läuft der Junge vielleicht sonst noch ganz weg. Es wäre wohl am besten, wenn ihr ihn mal zu mir bringt, damit ich mich mit ihm kurz unterhalten kann.“

Fahach nickte noch, dann eilte er sich, Unfug zu holen.

„Er will mit dir sprechen“, sagte er nur, bevor er den Knaben vor sich her in das Zimmer des Ältesten schob.

„Gut“, sprach dieser dann, „Fahach, du darfst gehen. Es ist nicht mehr lang bis zum Fest und du musst dich sicher noch fertig machen, wenn du schon den halben Nachmittag mit diesem Jungen verbracht hast.“

„Sehr wohl“, sprach Fahach erleichtert, bevor er sich frohgemuts aus dem Staub machte.

Zusammen mit Butterlöffel verließ er die Räume des Ältesten und ging durch die Gebetshalle hinaus auf den Hof. Dort trennten sich ihre Wege. Während Butterlöffel nach Süden in den Wohnbereich ging, um zu seinem Zimmer zu gehen, bewegte sich Fahach gen Ost, durch den Westtunnel, über den Haupthof und durch den Osttunnel. Dort ging er wieder ins Gebäude hinein und wechselte in das nächste Stockwerk. Erst unterwegs fiel ihm auf, wie wenig Zeit er doch noch hatte und fragte sich kurz, ob das überhaupt zum Baden reichen würde. Seine eigene Antwort lautete nein, denn bis zum Erhitzen und Einfüllen des Wassers, baden, abtrocknen und anziehen könnten mehr als eine halbe Stunde vergehen. Doch wirklich sehen würde er das erst, wenn es so weit war.

Im oberen Stockwerk gab es einen ganzen Flügel allein für Bäder, Schwitzräume, Erholungszimmer und dergleichen, während die Sporträume nicht fern waren. Er selber nahm nie am Sport teil, doch suchte er öfter die Bäder auf. Da er nicht zusammen mit anderen baden wollte, musste er aber auch manchmal darauf warten, dass eine Kammer frei wurde. Dem war auch heute wieder so. Scheinbar hatten viele Brüder das Bedürfnis gehabt, sich vor dem Fest noch einmal sauber machen zu müssen. Alle Kammern waren verschlossen und aus den Gemeinschaftsräumen hörte er Stimmen. Um dem Bedürfnis nach Reinheit doch schon mal nachzukommen und sich gleichzeitig die Zeit zu vertreiben, bewegte er sich an eines der Waschbecken, die allesamt frei waren. Aus dem Beistellschränkchen nahm er sich ein frisches Stück Seife, entkleidete es, wusch sich Hände und Gesicht und warf danach die Seife in den bereitgestellten Eimer.

Kurze Zeit später öffnete sich auch bereits eine der Kabinen und einer der Brüder kam heraus. Fahach tat noch kurz so, als würde er sich weiter waschen, bis der Mann den Raum verlassen hatte. Danach ging er an die Wasserstelle. – Wie vermutet: kalt. Das Wasser aufzuwärmen würde aber zu lange dauern. Er war einfach zu spät erschienen. Was jetzt – kalt baden oder ganz verzichten? Er entschied sich für ersteres und nahm sich einen Eimer voll Wasser. Damit ging er in die Kammer. Der Bruder hatte sie erstaunlich sauber zurückgelassen, trotzdem wollte er sie nicht einfach so benutzen. Nachdem er sich noch ein Stück Seife geholt hatte, wusch Fahach die Wanne mehrfach damit und mit Wasser aus, bevor er es endlich wagte, sie mit Wasser aufzufüllen.

Das Wasser war kalt und kaum wagte er es, auch nur die Hand hineinzustecken, doch gehörte es dazu, sich zu waschen. Also wagte er es, nachdem er sich endlich entkleidet hatte, einen Fuß hineinzustecken. Es war nicht so, dass dieser ihm auf der Stelle abfror, doch musste er trotzdem erschauern. Wollte er sich das wirklich antun? Kurz versuchte er sich mit dem Wasser anzufreunden, sich an die Kühle zu gewöhnen, doch entschied er sich schnell anders und setzte sich einfach ganz rein. Kurzzeitig dachte er, er müsse sterben, wollte aufspringen und weglaufen. – Doch war er damit noch nicht fertig. Also griff er nach der Seife, welche er sich schon neben der Wanne zurecht gelegt hatte, und fing an sich zu waschen. Mit den Füßen anfangend, arbeitete er sich dabei immer weiter hinauf.

Draußen, außerhalb der Kammer, hörte er immer wieder Geräusche, wie andere sich öffnende Kammern sowie die Brüder, sowohl beim Verlassen, als auch beim sich miteinander unterhalten. Auch wenn er selbst an diesem Ort so niemals recht vergessen konnte, dass er keine Möglichkeit allein zu sein hatte, fühlte er sich dennoch irgendwie in Sicherheit. So kam es dann auch, dass er darüber völlig die Zeit vergaß und einmal sogar kurz vorm Einnicken war. Doch bevor es soweit kam, hörte es, weit am Rande seiner Wahrnehmung, die Glocken.

Was? Jetzt schon! – Er hatte viel zu viel Zeit im kalten Wasser vertrödelt. Eilig stand er auf, trocknete sich oberflächlich ab, ließ dabei das Wasser ablaufen und zog sich an. Da er der letzte sein dürfte, könnten sich um die restliche Reinigung der Wanne auch gut die angestellten Städter kümmern. Er selber aber verließ hastig die Bäder und eilte los, um zum Fest zu kommen.

 

 

Buch 4: Der Abend

X

Von den Bädern aus hatte Fahach eigentlich noch einmal in sein Zimmer gehen wollen, doch blieb ihm dafür jetzt keine Zeit mehr. Stattdessen strollte er den Gang entlang und die Treppe hinab, betrat im Erdgeschoss den Osttunnel und wandte sich auf den Haupthof hinaus. Der Wächter am Tor war ein anderer. Schon hatte dieser kaum noch etwas zu tun, da außer Fahach selber nur noch eine Handvoll Nachzügler zum Festplatz eilte. Das Kloster selbst würde den Abend über größtenteils leer stehen; eine gute Gelegenheit für die angestellten Städter, einiges zu säubern. Fahach achtete kaum auf den Wächter oder die anderen Brüder, doch folgte er ihnen. Die Sonne war bereits dabei, sie für diesen Tag zu verlassen, was bedeutete, dass der Älteste in Kürze seine Ansprache beginnen würde.

Kaum, dass Fahach den Klosterhof verlassen hatte, sah er auch schon den Festplatz, der am Hügel auf einer kleinen Hangwiese lag. Am Ostende, dem Westen zugewandt, hatte man eine kleine Bühne errichtet. Diese stellte eine Nachbildung der Bühne des Gebetsraumes dar, sogar mit Stühlen und Pulten. Einige Gestalten saßen bereits da, welches die Oberen sein mussten. Vor der Bühne war eine große Freifläche, auf der bereits Brüder, Städter und Anwärter versammelt standen und sich teils unterhielten. Am Rande dieser Fläche aber hatte man Städtern erlaubt, einige Stände aufzustellen, an denen es später noch geistige Getränke und Nahrung geben würde; kostenfrei für die Brüder, zu überzogenen Preisen für die Städter. Diese schienen sich aber nicht darum zu scheren, denn schon jetzt pilgerten viele zu diesen kleinen Tempeln, wenngleich sie noch abgewiesen wurden mit dem Hinweis auf die Brüder, da es Essen erst nach der Ansprache des Ältesten geben würde.

Die meisten der Städter schienen sich mit den Regeln abzufinden, einige wenige gaben ihren Ärger von sich – doch die schlimmsten, so fand Fahach, waren die, welche die Regeln von Anfang an missachteten und ihr eigenes Essen mitgebracht hatten und jetzt beim Warten in der Menge herumknusperten und -knausten. Schlimm war neben den geradezu ekelhaften Geräuschen vor allem auch all die Duftnoten, die schon von weitem in seine Nase stiegen und seinen Magen zum Knurren anregten. Etliche der Leute quatschten und tratschten miteinander und unterhielten dabei ihre ganze Umwelt, ob diese all dies wissen wollten oder nicht. Aber auch manche der Brüder waren in dieser Hinsicht kaum besser; einige unterhielten sich sogar gut gelaunt mit den Städtern. Fahach selbst hatte dieses Verhalten nie verstehen können; Städter und das Leben im Kloster passten einfach nicht zueinander. Einst hatte er das Leben von Städten wie diese gesucht, später aber hat er sie geflohen und Schutz im Kloster gesucht. Zu Zeiten wie diesen aber kam die Stadt zu ihm, als dickes, fressendes und quatschendes Ungeheuer, das ihn über Jahre verfolgt hatte und alles beherrschen wollte. Wenn er so Brüder und Städter beisammen sah, wirkte es wie eine Niederlage auf ihn.

Man entdeckte er nirgends, weder im Getümmel der Städter, noch bei den wenigen Brüdern, die sich wie Fahach selbst von den anderen abgrenzen wollten. Vermutlich erkannte er ihn aber auch nur nicht, weil von Hinten alle gleich aussahen. Außerdem war es auch egal, da sie außer manchen Wegen und dem Essen eigentlich nur selten zusammen waren, vor allem aber noch nie zusammen eine Ansprache des Ältesten gehört hatten. So war es immerhin mal wieder ein Stück Gewohnheit, als sich Fahach weit außerhalb des Festplatzes hinstellen konnte, mit dem Rücken an einen Baum. Von dort aus war die Bühne nicht greif- und die Oberen kaum erkennbar, doch sprach der Älteste schon immer laut genug, dass er auch so etwas verstehen würde.

Und dann sah er ihn. Der Älteste musste kurz nach Fahach aus dem Kloster gekommen und im großen Bogen um die Menge gegangen sein. Jetzt näherte er sich vom Klosterweg aus der Bühne. Im Anhang, und das wunderte Fahach doch sehr, kam Unfug. Dieser nahm kurz vor der Bühne seinen eigenen Weg und stellte sich zu den anderen Anwärtern, während der Älteste die Bühne betrat. Wie immer zu solchen Anlässen, war er in seine goldene Robe gekleidet, welche die letzten Sonnenstrahlen einfing und zurückwarf. Sein Pult war eine genaue Nachahmung des Tisches aus der Gebetshalle, und auch die Oberen saßen da, wie sie es immer taten, teils mit Getränken vor sich stehend. Am Pult stehend wartete das Oberhaupt des Klosters kurz. Wie auf Befehl verstummten jetzt auch die hartnäckigsten Klatschtreibenden und sahen zu ihm auf. Er machte, wie es seine Art war, noch einmal einen Blick durch die Runde, als würde er sich jeden einzelnen Besucher ansehen. Dann fing er an.

„Heute ist der einhundert und elfte Tag des Jahres und es ist das vierhundert und neunundachtzigste Mal, dass wir dieses Fest begehen wollen. Nachdem ihr nun alle hier seid, können wir beginnen. Die Sonne war uns heute besonders wohl gesonnen. Sie leuchtete uns den gesamten Tag lang, doch muss jetzt zur Ruhe kommen. Seht, wie sie dort im Westen verschwindet, um uns morgen wieder Licht und Leben zu bringen.“ – Damit blickten alle Brüder und viele der Städter gen West und neigten ihr Haupt, während die letzten Strahlen in Gelb und Rot für diesen Tag endgültig verschwanden. Kurz glühte es noch, dann ward es dunkel, doch hoch oben über ihnen leuchtete ein weißer Mond. – „Aber egal, ob unserer Herrin morgen so sehr erstrahlt wie heute oder uns hinter Wolken Schatten gibt, werden wir auch morgen leben und unser Tagwerk verrichten. Mag die restliche Welt auch dem Irrsinn verfallen; wir hier bleiben eisern. – Nun aber zu dem, weshalb wir alle hier an diesem Abend zusammen gekommen sind. Denn heute gedenken wir auch der Tochter der Sonne, dem weißen Mond, welche dort so schön über uns steht und uns Licht noch im Dunkel gibt. So lasst uns auch die Tochter der Sonne preisen.“ – Und wieder sahen die Brüder und mittlerweile fast alle Besucher in die selbe Richtung, hoch zum strahlend weiß und voll leuchtenden Mond. – „Dieser Abend gehört allein dem Mond, welchen wir feiern wollen. Darum sind wir, die Brüder des Klosters der Sonne, wie jedes Jahr seit so vielen vergangenen Jahren hier zusammen gekommen. Doch ihr anderen, die ihr aus der Stadt oder sogar von weiter her gekommen seid, allein um mit uns zu feiern – seid willkommen. Wir freuen uns, dass ihr hier seid. Da dies ein Fest der Freude und nicht nur der Andacht ist, werden, sobald wir endlich hier die Bühne frei machen,“ – ein paar der Zuschauer grinsten und glucksten verstohlen. – „Musiker zu eurer Unterhaltung auftreten.“ – Ein paar der Städter konnten die Regeln der Ruhe hier nicht mehr einhalten und machten ihrem Wohlwollen lautstark Luft. – „Und auch für euer leibliches Wohl soll gesorgt sein. Aber vorher lasst mich noch etwas zur Stadt und zum Kloster sagen. Seit undenkbar langer Zeit schon sind diese beiden zusammen, haben gutes und schlechtes erlebt. Einige von euch arbeiten vielleicht bei uns, andere haben Angehörige oder Freunde hinter den Mauern. Schon immer kauften wir bei euch ein und stellten anderes für euch her. Früher boten wir auch Lehrer und Berater, waren häufiger bei euch. Früher hatte man auch vollstes Verständnis für unsere Art zu leben, heute aber bemerken wir immer häufiger, wie entfremdet man in der Stadt gegenüber unseren Regeln ist. Wir wissen, dass ihr anders lebt als wird, doch ist es für uns wichtig, dass ihr uns versteht. Nach Beratung mit dem Stadtrat wurde daher beschlossen, die Beziehungen wieder zu verstärken. Wir werden sowohl in der Stadt als auch bei uns häufiger Veranstaltungen abhalten, bei denen wir euch von unserem Leben erzählen wollen. Alle, die mehr wissen wollen, sind herzlich eingeladen. Ebenso eingeladen sind alle, die noch eine Arbeit suchen, denn Helfer brauchen wir immer wieder. Deshalb haben wir einen Stand hier drüben errichtet, an dem ihr euch sowohl über unser Leben, als auch über Arbeitsmöglichkeiten bei uns beraten lassen könnt. Jetzt sei aber genug der zahlreichen Worte; lasst uns endlich dem Fest zuwenden.“ – Nachdem die Menge vorerst still gewesen war, als würden sie allesamt selbst öffentlich angeprangert, wagten wenige nun wieder zustimmende Rufe. – „Darum entzündet die Lichter, damit wir sehen können!“ – Sowohl rund um den Festplatz, als auch an Ständen und Bühne wurden daraufhin Fackeln entzündet und in Erde und Halterungen gesteckt. – „Und habt viel Spaß; solange ihr für diesen Abend wollt!“

Diesmal jubelten viele, sowohl Städter als auch Brüder, derweil der Älteste die Bühne zusammen mit den Oberen verließ. Sowohl der Älteste selber als auch viele Obere kehrten wohl jetzt schon heim ins Kloster und überließen die Arbeit des Festes den Brüdern. Die Anwärter dagegen hatten die Aufgabe gehabt, die Pulte von der Bühne zu holen, was sie in fantastisch schneller Zeit erledigten. Da kamen auch schon bunt zusammengewürfelte Musiker, wurden erfreut begrüßt und luden zum Tanze. Während Fahach wieder nichts mit sich anzufangen wusste, entdeckte er endlich Man am Rande der Massen und hielt auf ihn zu. Wie vermutet war dieser in der Menge der Brüder versteckt gewesen. Jetzt aber sah auch er Fahach und kam ihm entgegen. Außerhalb der Festfläche, abseits der Fackeln, begegneten sie sich, während die Menge – hauptsächlich Städter – zwischen den Fackeln zu tanzen und zu feiern begann. Andere, darunter viele Brüder, gingen zu den Ständen, um sich etwas zu essen oder trinken zu besorgen.

„Na -“, begrüßte Man, „wie gefiel dir die Ansprache?“

„Ganz gut, doch gefiel mir der Schlussteil nicht. – Wir haben so schon genug Probleme mit diesen Städtern, da sollte er sie nicht auch noch anlocken.“

„Ah – aber das hatten wir doch schon. – Willst du etwa selber putzen und kochen?“

„Wenn jeder sich um das selber kümmert, was er braucht und verursacht – dann dürfte es nicht so schwer werden.“

„Und wann kommen wir dann noch zu den wirklich wichtigen Aufgaben? Der Sonne dienen, studieren, Werke schreiben, die Anwärter lehren, -“

„Mit solchen Anwärtern wie Unfug kann ich das doch schon jetzt nicht mehr. – Die Auswahl der Anwärter wird immer schlechter. – Aber wir könnten auch die Jungen die Arbeit der Städter übernehmen lassen; sie haben sowieso zu viel Freizeit. – Lass uns mal weiter weg gehen, hier versteh ich mich selber ja kaum noch.“

Und sie gingen, ein wenig ziellos, vom Tanzbereich weg.

„Damit wären wir dann aber auch wieder am Anfang. – Wenn der Älteste nicht für uns wirbt, werden kaum neue Anwärter kommen. Am Ende wird die Bruderschaft immer kleiner und irgendwann wäre sie Geschichte.“

„Gibt es denn keine andere Lösung?“

„Ich fürchte nicht.“

Mittlerweile waren sie unfern des Endes einer Schlange zu einem der Stände angelangt.

„Wie wär’s,“ fragte Man, „wollen wir uns etwas zu essen holen?“

Jetzt fiel auch Fahach auf, wie wenig er an diesem Tag bisher doch gegessen hatte.

Oh – ja – das dürfte nicht schlecht sein.“

Sie stellten sich in der Schlange an. Wie es Fahach gewöhnt war, stellte er den Schlusspunkt der Reihe dar, die nur langsam vorrückte. Doch war er so eine öffentliche nicht gewohnt und sollte es auch sehr schnell bereuen, sich überhaupt erst angestellt zu haben. Nach und Nach kamen weitere Leute, und alle stellten sie sich hinter ihn. Wären es Brüder gewesen, die er zumindest flüchtig kannte, die um Besonderheiten wie der seinen wussten, hätte er damit leben können. Doch es waren fast ausnahmslos Städter. Er wagte es nicht, zurückzublicken und in ihre Gesichter zu sehen, doch wandte er den Kopf so weit, dass es aussah, als würde er etwas in der Gegend beobachten, wobei er aber die Städter aus den Augenwinkeln sah. Gerade hinter ihm waren zwei ältere, untersetzte; ein Pärchen, wie es aussah. Die Frau stand links hinter ihm, der Mann dagegen rechts. Während die Reihe sich fortbewegte, auf den Stand zu, achtete Fahach bereits darauf, Abstand zwischen sich und den Vorderen zu bekommen, um nicht aufzustoßen. Doch schien diese Art der Vorsicht und Rücksichtnahme den Hinteren unbekannt. Das Pärchen ging stets so weit, dass sie immer wieder mit ihm zusammenstießen, dass es fast den Verdacht erweckte, sie wollten ihm so nahe sein. Doch ihm gefiel dies nicht, er wollte Freiraum. Stattdessen hörte er sie hinter sich schniefen, husten und quatschen und roch ihren fauligen Atem. Immer, wenn sie husteten, hielt er den Atem an, in der Hoffnung, nicht zu erkranken. Gleichzeitig spürte er wieder dieses Stechen wie von tausend Nadeln, während sich der Schweiß der Angst seine Bahn suchte. Unruhig sah er sich um, wollte weg aus dieser Schlange, hielt es zwischen all diesen Leibern nicht mehr aus.

„Weißt du schon, was du willst?“ fragte Man plötzlich in seine Angst hinein. „Heute könnten wir uns wirklich mal vollstopfen!“ Er hatte gut reden; hinter und vor ihm standen nur Brüder.

„Oh – äh – könntest du das auch alleine machen? Und ich warte dort hinten auf dich?“

Man, der den Bruder Fahach bereits seit vielen Jahren gut kannte, nickte. „Natürlich – geh nur. Aber dann muss ich halt für dich was aussuchen.“

Fahach verabschiedete sich dankbar und hielt auf den Baum zu, von dem aus er die Ansprache gesehen hatte. Man hatte neben den Ständen auch Tische und Bänke aufgestellt, doch da an diesen kein Platz mehr war, wollte man nicht mit Fremden kuscheln und ihnen beim Schmatzen zuhören, gab es keine andere Wahl. Kurz fühlte er sich albern, schämte sich für seine Angst, doch konnte er nichts dagegen tun. So war er schon immer gewesen und deshalb war auch ins Kloster gegangen. In der einsamen Ruhe am Baum ließ die Angst auch sofort nach, und statt ängstlicher Hitzeanfälle wurde ihm langsam kühl.

Und dann kam auch Man, gerade rechtzeitig zum Schlagen der Einundzwanzig.

 

 

XI

Zusammen setzten Man und Fahach sich auf einen Holzstamm, der bei der Befriedung des Hügels zur besseren Sicht entstanden und immer noch nicht von den zuständigen Städtern weggeräumt worden war. Von dort hatten sie einen guten Überblick, ohne im Mittelpunkt zu sein. Das Essen war ihnen auf hölzernen Tellern gegeben worden, um die es nach der Feier nicht schade sein würde. Selber war das Essen wenig eindrucksvoll, doch genügte es Fahach nach diesem Tag völlig. Kurz saßen sie schweigend nebeneinander und aßen, beobachteten das Treiben und dachten nach, doch vermochte es Man wie so oft nicht, seinen Mund gänzlich zu halten.

„Könnte es sein, dass es mehr Besucher sind als letztes Jahr?“

„Oh. – Ich dachte schon, das liegt an mir.“

„Das wird den Ältesten sicher erfreuen.“

„Warum? Der liegt doch jetzt sicher schon im warmen Bett, hat seine Ruhe und freut sich, nicht bei uns sein zu müssen. Und die hier – die meisten sind doch bloß zum Vergnügen hier und werden uns morgen früh schon wieder vergessen haben.“

„Na, soviel wie die trinken wohl erst Übermorgen. – Genau. – Ich komm gleich wieder.“

Tatsächlich hatte Man schon aufgegessen und machte sich jetzt plötzlich auf, zurück zu den Ständen. Fahach blieb verwundert zurück, doch genoss auch die Ruhe. Als er selber fertig war mit seinem Mahl und den Teller neben sich auf den Boden sinken ließ, kam Man zurück. In den Händen zwei große hölzerne Becher haltend, grinste er kurz und reichte Fahach einen davon. Dieser wusste sofort, um was es sich handelte, grinste seinem Begleiter zurück und bedankte sich.

„Ja, so wird der Abend sicher leichter zu ertragen sein.“

Wieder saßen sie nebeneinander, jetzt aber den geistigen Getränken frönend. Vielleicht sollte er das öfter machen, dachte Fahach bei sich. – Einfach, um die Welt ertragen zu können. Doch irgendwie fand er nie die Verlockung dazu.

„Oh – guck dir das an“, sagte er auf einmal, als er eine Frau auf einer der Bänke entdeckte, und deutete auf sie. „Die Städter lassen sich auch immer mehr gehen. Kein Wunder, dass sie immer unzufriedener werden. Kein Wunder vor allem auch, dass ich so etwas hinter mir lassen wollte.“

„Oh ja, vielen täte ein Ausflug zu uns gut. Aber wenn wir schon bei Frauen sind; mir ist da eine aufgefallen, die immer wieder in deine Richtung sieht.“

Sofort wurde Fahach unruhig und bekam feuchte Hände. Das war ein böser Witz.

„Scherz nicht mit mir; du bildest dir das ein.“

„Das tue ich sicher nicht. Aber sie sieht immer wieder hierher.“

„Dann sieht sie bestimmt dich an.“

„Kann nicht sein. – Sie hatte auch her gesehen, als ich weg war.“

„Wen meinst du?“

„Lieber nicht, sonst drehst du noch völlig durch.“ Als er Fahachs besorgten Blick erkannte, lachte er kurz und schlug ihm so stark auf den Rücken, dass dieser sich fast verschluckte. „Trink mehr, dann wirst du es bald vergessen. Denk lieber daran, was du das nächste Mal mit Unfug anfangen wirst. Es wirkte nämlich nicht so, als müsste er das Kloster verlassen.“

Eine schlechte Nachricht kam wirklich selten allein. „Ja, das dachte ich auch…“

Aber tatsächlich war Fahach in Gedanken mehr bei dieser Frau, von der Man gesprochen hatte, nippte an seinem Getränk und starrte in die Menge, um etwas zu erkennen. Die Besucherreihen waren sehr gemischt. Von Eltern, die mitsamt ihren Kindern da waren, über noch ansehbare Gestalten hin zu solchen, bei denen Fahach aufgrund Alter oder Körperumfang lieber weggesehen hätte. Doch irgendwie musste er auch hinstarren, wie bei einer Krankheit, bei der man nicht wegsehen könne. Teilweise fühlte er sich beobachtet. Gab es diese Frau wirklich? Würde sie seine Bewegungen, seine Handgriffe sehen? – Bloß nicht den Becher fallen lassen.

„Ah, morgen wird wieder ein ganz normaler Tag sein.“

„Das hoffe ich. – Heute ging schon genug schief, dass es für die nächsten Wochen reichen dürfte.“

„Stell dir mal vor, es würde deine Gewohnheit werden, dass jeden Tag etwas fehl läuft. – Wie wäre das?“

„Hör‘ auf damit – das ist grauenvoll. Da hätt‘ ich auch in der Stadt leben können.“

Eine Weile saßen sie noch so da und Fahach versuchte herauszufinden, ob er beobachtet wurde, da sprach Man plötzlich wieder. „Sieh mal, da hinten.“

„Was?“ Verwirrt versuchte Fahach zu verstehen, was gemeint war, doch konnte „Da Hinten“ für so vieles stehen und gerade in dem Moment fing sein Geist auch noch an sich zu drehen. – Ach, vielleicht sollte er wirklich häufiger etwas dieser geistigen Getränke zu sich nehmen.

„Na da hinten.“

Fahach konnte nicht anders, als das kurzzeitig sehr lustig zu finden und kicherte, als wäre er ein kleines Kind. „Ich weiß immer noch nicht, was du meinst.“

„Da hinten, rechts von der Bühne, in den Schatten zwischen den Bäumen. – Siehst du es?“

Hatte Man wirklich geglaubt, dass er das bei einem „Da Hinten“ erkennen würde? Dass er bei einer so ungenauen Aufgabe auch nur annähernd in die richtige Richtung gucken würde?

„Ich weiß nicht so recht – was meinst du denn?“

„Das sind doch Anwärter, oder? Unsere Anwärter!“

„Ja und? – Ich seh‘ ni- oh, doch.“ Da sah er auch die drei Anwärter, die zwischen zwei Bäumen standen und irgendwas in den Händen hielten. – Aber er verstand immer noch nicht. „Und?“

„Siehst du nicht, was die da machen?“

„Nein.“

„Ich wette, die rauchen da.“

„Oh.“ Sollte er entsetzt oder neidisch sein? – Oder sich über die Belanglosigkeit wundern?

„Du weißt genau, dass es verboten ist.“

„Abends müssen wir nicht auf sie aufpassen…“

„Trotzdem – ich gehe jetzt zu ihnen hin. Kommst du mit?“

„Oh – ich weiß nicht – ich glaube, ich müsste mal hier hinter den Baum -“

„Na gut. Dann mache ich das selber. Oder hole zur Not noch den Herrn der Anwärter. – Bis nachher.“ Damit ging er, den das Getränk wohl auch zu Kopf gestiegen war, und ließ Fahach zurück.

Dieser sah ihm kurz nach, bevor er sich entschloss, seinem eigenen Hinweis zu folgen. Viel zu selten hatte er selbst dazu die Gelegenheit. Als er zurückkam, wünschte er sich aber fast, er wäre nicht gegangen, wäre mit Man zu den Anwärtern. Denn nichts hätte schlimmer sein können, als das, was ihn jetzt erwartete.

Plötzlich stand sie da. Eine fremde Frau – gut, für Fahach waren alle Frauen fremd – in einem gemeinen Kleid der Städter, in der Hand einen Becher. Später sollte Fahach sich äußerst deutlich an sie erinnern können. Das Gesicht, so gewöhnlich wirkend, verstrahlte dennoch etwas; die Haare, rotbraun, schulterlang und offen; vor allem die Augen mit dem unruhigen und doch starrenden Blick. Fahach entdeckte sie nicht sofort, war zunächst gedanklich dabei, zu seinem Sitzplatz zurückzukehren. Doch kaum war er da, sah er sie dort, mehrere Schritte weit entfernt und ihn ansehend.

Sofort wurde er unruhig. Was wollte sie? Warum sah sie so zu ihm herüber? Sollte er sich setzen oder nicht? Wenn er stehen bliebe, wie schlecht würde das wirken? Würde er sich setzen, wie könnte er das schaffen, ohne sich lächerlich zu machen? – Er musste sich setzen, es ging nicht anders, alles sonst würde seltsam aussehen. Unbeholfen ging er dem nach, achtete auf jeden Handgriff, jede Bewegung – und doch war eine jede davon ruckhaft und falsch. Als er schließlich saß, war es aufrecht und nicht entspannt, wie er sonst tun würde. Mit den Händen ergriff er den Becher, welchen er auf dem Boden zurückgelassen hatte, drehte und wendete ihn zwischen den Fingern, kannte bald jede einzelne Furche im Holz und versuchte beschäftigt auszusehen. Wurde es wärmer? Nein, wieder einmal spürte er dieses Stechen des sich anbahnenden Angstschweißes und überlegte fieberhaft nach einem Ausweg. Wo war Man? Warum hatte er ihm dies angetan, warum hatte er ihn allein zurückgelassen? Wann würde er endlich zurückkommen? Konnte er etwa seine Gedanken nicht lesen, seine stillen Schreie um Hilfe, um Rettung? Vielleicht sollte er einfach losgehen, weg von hier, an einen anderen Ort. An den Rand der Menge, die mit ihrer Masse Sicherheit bot oder zu Man und den Anwärtern.

Er wollte schon aufstehen, wollte losgehen, sah hoch – und sie an, wie sie vor ihm stand.

„Du bist doch einer von denen aus dem Kloster, oder?“ Ja, einer der Bruderschaft. – Doch der Gedanke ging zu lange in seinem Geist um, als das er ihn hätte aussprechen können. „Darf ich mich setzen? Und wieder überlegte er, was er sagen, wie er antworten, auf welche Art er verschwinden könne – doch da saß sie auch schon. „Warum sitzt du hier so allein?“

„Äh – ein Freund -“

„Ja, den habe ich gesehen. Aber er ist gegangen. – Wie findest du das Fest?“

„Nun -“, seine wirkliche Meinung hätte ihn auszudrücken Stunden gefordert, doch stand er unter dem Druck, schnell antworten zu müssen, „ganz nett.“

„Ah“, sprach sie und nickte, „ich bin das erste Mal hier. Wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Und dass sich hier so nette Leute ‚rumtreiben.“

Sein Verstand raste, als er versuchte, eine Antwort zu finden, etwas zu sagen, einen Ausweg zu finden. Seine Finger spiegelten das wieder und drehten und wendeten den Becher immer schneller.

„Er findet aber jedes Jahr statt.“ Was für eine sinnlose Antwort – doch sie verschaffte Zeit.

„Was macht ihr da oben eigentlich? Da im Kloster?“

Was sollte man darauf erwidern? „Na – wir leben da – forschen, lernen, lehren. – Einige stellen auch Waren für die Stadt her. – Also – wir sind wichtig für die Stadt. -“

Kurz lachte sie, was ihn erschrak. „Keine Sorge, ich soll dich nicht aushorchen und dafür sorgen, dass ihr geschlossen werdet, falls du das fürchtest.“

„Oh – äh – nein – es stimmt halt nur -“

„Ich habe gehört, ihr macht immer nur dasselbe. Stimmt das auch?“

„Naja – wir leben nach festen Gewohnheiten und Regeln.“ Er verspürte nicht wirklich Lust, dies einer Außenstehenden, Unwissenden beizubringen, und seine Angst schwang plötzlich in Abneigung um.

„Verstehe. Wie bist du da gelandet?“

Wieder verspürte er diese Abneigung, die Abweisung, das Gefühl, sie geistig wegzustoßen. „Es war das richtige. – Ich musste es tun.“

„Frauen nehmt ihr wohl nicht auf, wie?“

Auf den Gedanken war Fahach noch nie gekommen. Es würde sicherlich alles durcheinander bringen. – Er sagte nichts.

„Manchmal will ich auch weg aus der Stadt. Da wäre etwas wie das Kloster sicher nett.“

„Kann sein.“

„Du sprichst nicht viel, wie?“ fragte sie mit leichter Freude.

Fahach aber kam das wie ein Angriff auf sein innerstes Selbst, einen Stich in seine Mitte vor. Sofort baute er seine geistige Verteidigung weiter aus, suchte nebenbei nach einer Antwort – und fand keine.

„Naja, ich finde das ganz gut“, sagte sie. „Da, wo ich herkomm‘, müssen alle andauernd sprechen, als würde es sie sonst nicht geben.“ So wie du? Fragte sich Fahach. „Du sitzt hier so schön ruhig, abseits all der Spinner da – manchmal braucht man das. – Was dagegen, wenn ich noch bleibe? Du bist nett.“

Was sollte er da bloß sagen? Geh bitte, du kommst mir zu nah? – Und doch – irgendwie gefiel ihm das. – Der größere Teil von ihm aber wollte fliehen. – Immer noch. „Nein.“

„Schön. – Vielleicht können wir uns ja öfter hier mal sehen, auch nach dem Fest?“

„Vielleicht…“

Sah man ihm seine Angst nicht an? War er nicht bleich oder .- im Gegenteil – rot?

„Gut! – Sag mal – du hast da doch was getrunken. War es das Zeug von dem Stand da hinten?“

Er folgte ihrem Fingerzeig, doch wusste er es nicht. „Keine Ahnung. – Der Bruder, der mit mir hier war, hat es von irgendwo geholt -“ Sein bisher längster Satz in diesem Gespräch.

„He – naja – Lust auf mehr? Ich könnte uns was holen. – Dann könnten wir zusammen was trinken.“

„Ja, warum nicht.“ Vielleicht würden ihm mehr geistige Getränke helfen, seine Angst zu vergessen.

„Und du wirst nicht weglaufen?“

„Was?“

„Du wirst immer noch hier sein, wenn ich zurückkomme?“

„Oh – ja – sicher.“ Klang er zuversichtlich oder nicht?

Ihr schien es zu reichen, denn sie stand auf, nahm ihm den Becher ab – das Berühren ihrer Finger ließ ihn noch einmal aufschrecken – lächelte ihn an und verschwand.

Er aber blieb zurück. – Zurückbleiben? Sollte er wirklich bleiben? Irgendwie war sie nett. – Und doch – sie machte ihm Angst. In der Ferne sah er Man bei den Anwärtern – immer noch – und sie schienen viel zu besprechen zu haben. Gehen oder bleiben? Er überlegte hin und her, fühlte sich innerlich zerrissen. Sie sah er nicht mehr, war verschwunden in der Menge. Sollte er auf sie warten? Schließlich entschied er sich – und stand auf.

Er wagte es aber nicht, ohne Umweg zu Man und den anderen zu gehen. Was, wenn sie ihn auf seinem Wege sehen würde? Er wusste nicht, was er schlimmer finden würde: Wenn sie ihn bei seiner offensichtlichen Flucht sehen würde und enttäuscht wäre, würde ihn dies ebenso treffen, als wenn sie ihm erzürnt nachkäme.Also machte er einen riesigen Bogen, ging zunächst die Anhöhe hinauf gen Kloster. Kurz überlegte er sogar, wirklich schon heim zu gehen, sich in sein Bett zu legen. – Doch noch nie hatte er so etwas vor dem dreiundzwanzigsten Schlag getan.

Der Weg zum Kloster war vom Festplatz aus nicht einsehbar, wenn es auch das Kloster selbst sehr wohl war. So kreuzte er an dieser Stelle den Weg und begab sich auf der anderen Seite in die Senke, welche an der Seite des Weges war. Dort gehend dürfte man ihn ebenso nicht vom Platz aus sehen. Er folgte dem Weg also, bis er über die Anhöhe des Dammes die Bäume ragen sah, hinter denen Man und die Anwärter sein müssten. Vorsichtig erklomm er den Weg, bis er einen Blick auf Platz und Bäume erheischen konnte, zwischen denen er selber gesessen hatte. Der Baumstamm war verlassen, es gab dort kein Zeichen von ihr. Den Platz beobachtete er länger und forschend, doch sah er sie auch da nicht. – Doch, an einem der Stände war sie fast so weit, eine Bestellung aufzugeben.

Sein Herz fing an zu rasen, als sei er bei einem Wettrennen und kurz davor, zu verlieren. Er beschleunigte seinen Schritt und sah vor sich jetzt auch die Knaben: Unfug und zwei andere. – Und daneben Man. Doch nein, er schimpfte nicht, redete auch kaum – sondern lachte.

Da hörte Fahach vom Kloster her die zweiundzwanzig Glockenschläge.

 

 

XII

„Was tut ihr da?“ fragte Fahach, als er bei den anderen angelangt war.

„Ah, Fahach. Ist dir langweilig geworden?“

Von den drei Anwärtern bezeugten zwei dem Ankömmling kurz ihre Ehrerbietung, derweil Unfug nur – guckte.

„Langweilig? – Ich – äh – ich muss mit dir mal in Ruhe sprechen.“

„Na gut – wir haben uns gerade Geschichten erzählt. – Sehr lustig. – Dann mache ich jetzt mal Pause und komme mit dir.“

Die beiden gingen einen weiteren Halbbogen um den Festplatz herum, bis sie auf einer Wiese waren, die sich vom Kloster aus gesehen schräg hinter der Bühne befand. Man hockte sich einfach auf den Boden, doch Fahach wollte seine Kleidung nicht beschmutzen und blieb stehen.

„Was hat eigentlich so lange gedauert?“ fragte er.

„Gedauert? Was meinst du?“

„Na wolltest du nicht gleich zurück kommen?“

„Hatte ich das gesagt?“

„Ich dachte, das wäre‘ selbstverständlich? Ich würde dich auch nicht so einfach und so lange zurücklassen.“

„Du hast dich doch noch nie beschwert, alleine gelassen zu werden.“

„Ich wurde dann ja auch noch nie von einer Frau angesprochen!“

„Oh – so ist das. Wie war es denn?“

„Wie war was?“

„Na – mit der Frau.“

„Sie hat soviel gesagt – wollte so viel wissen – wollte mit mir etwas trinken.“

„Oh. Ist das schlimm?“

„Ist das -?“ Fahach war fassungslos; kannte Man ihn nicht, waren sie nicht Freunde? „Natürlich ist das schlimm! Sie hat – mir Angst gemacht.“

„Und warum bist du nicht zu uns gekommen?“

„Ich konnte nicht – was hätte ich denn sagen sollen?“

„Dass du weg musst. – Probleme mit den Anwärtern.“

Fahach erschien das etwas zu einfach; er suchte nach einer Antwort, warum das nicht möglich gewesen ist, doch fand keine.

„Ah, du wolltest gar nicht weg.“

„Ich wollte – doch – ich – weiß es nicht. Aber darum geht es auch nicht.“

„Worum dann?“

„Dass du nicht zurückgekommen bist.“

„Ich verstehe nicht.“

Da kannten sie sich schon so lange und er verstand nicht? Konnte das wirklich sein?

„Wie könntest du nicht verstehen? – Was würdest du sagen, wenn ich dich in einem solchen Augenblick allein zurück lasse?“

„Hm – ich weiß nicht. – Vermutlich wäre ich selber gegangen. – Aber ja, ich glaube, ich weiß, was du meinst.“

„Na gut.“ Fahach war selber überrascht über seinen plötzlichen Zorn. „Aber was hat denn nun so lange bei den Anwärtern gedauert? Erzähl schon.“

„Naja – als ich zu ihnen bin, habe ich erst mal den strengen Lehrer gespielt. Sie an die Vorschriften erinnert und so. Sie taten auch zumindest reumütig. Dann erinnerte ich Unfug daran, dass besonders er sich gut benehmen müsste, will er nicht doch noch gehen. Da fiel mir erst ein, dass ich ja noch gar nicht wusste, was mit ihm jetzt eigentlich geschehen soll. Also fragte ich ihn. Und er erzählte, dass er eine Unterredung mit dem Ältesten gehabt hatte. Was dabei herauskam – lass dir das am besten von ihm selber erzählen, sonst glaubst du diese Geschichte ja doch nicht. Irgendwie kamen wir dann noch auf Erlebnisse, die wir so hatten. Ich erzählte ihnen, dass ich als Anwärter öfter auch gegen die Regeln verstoßen hätte. Unfug fragte, ob das auch selbst für den Ältesten und dich gelten würde.“

„Was hat er?“

„Ja, der Knabe interessiert sich für dich.“

Fahach gefiel das nicht und das sah man ihm an.

„Jedenfalls sagte ich, dass du schon immer so schlimm warst – nein, das war nicht böse gemeint!“ lachte er, doch Fahach runzelte die Stirn. „Wie das beim Ältesten aber war, wusste ich nicht. Als ich damals hierher kam, war er schon einer der Brüder.“

„Und was dann?“

„Dann?“

„Oder war das schon alles?“

„Nein – wir kamen darauf, wie es für die Anwärter sein musste. Also das Leben im Kloster. Heute, für sie. Die anderen beiden sind noch Neulinge; sie können uns von unserem Leben erzählen, wie wir es selber nie sehen würden. Es war schon aufschlussreich.“

„Hm – sie halten uns sicher für Monster.“

„Nein. – Eigentlich nur dich“, sagte er, mit einem Grinsen.

„Ich finde das nicht lustig“, war Fahachs grimme Antwort.

Man wurde daraufhin selber ernst. „Sie haben nur Angst, es uns nicht recht machen zu können.“

„Außer Unfug.“

„Außer er. – Aber wie gesagt, das soll er dir nochmal selber sagen.“

„Ich glaube, der Tag wurde zu lang für mich. – Ich habe schon seit einer Weile Kopfschmerzen.“ Langsam fiel ihm auch eine starke Erschöpfung auf; geistig wie körperlich.

„Lange müssen wir auch nicht mehr bleiben. – Soweit ich weiß, sind wir nie länger als bis zum dreiundzwanzigsten Schlag bei diesen Feiern geblieben. Und dann wartete noch kurz ein Buch auf mich.

„Ah, vermutlich das, welches ich heut‘ Mittag nicht finden konnte. – Eben, weil du es vor mir versteckt gehalten hast.“

Jetzt kehrte Mans Grinsen zurück, als er diesen Scherz hörte. „Wir sollten nochmal zu den Anwärtern zurück. – Allein, Unfug hat interessantes zu erzählen, das wirst auch du so sehen.“

„Außerdem müssen wir auf diese Unruhestifter Acht geben.“

„So schlimm sind sie nicht.“

Und tatsächlich hatte Man immer noch nicht erzählt, woran er die Knaben überhaupt hatte hindern müssen. – Ob sie wirklich etwas angestellt hatten? Möglicherweise waren sie auch brav gewesen, während Fahach und Man sich versehen hatten. – Und dann hätte auch Man überhaupt nicht erst gehen müssen. – Kurz brodelte wieder Zorn in ihm auf, doch wo Unfug war, konnte es nicht brav zugegangen sein.

Die Drei standen immer noch dort, wo sie zurückgelassen worden waren und sahen wie die Unschuld in Gestalt aus. Sie wirkten nicht, als hätten sie die Abwesenheit der Älteren für Unsinn genutzt und selbst Unfug stand einmal unverdächtig da. Stattdessen hatten sie wohl einiges zu bereden gehabt, wenngleich nichts wichtiges dabei gewesen zu sein schien. Kaum, dass die vollwertigen Brüder wieder erschienen, verstummten sie aber kurz, warfen einen Blick zu ihnen herüber – und fuhren fort. Ihr Gebrabbel drehte sich – um das Essen der Klosterküche – soweit Fahach das verstand.

„Na, was habt ihr angestellt, während wir weg waren?“ fing Man auch passend scherzhaft an.

Die beiden jüngeren grinsten nur verlegen, derweil Unfug der Antwortende war. „Wir planten wie immer die Stürzung der derzeitigen Herrschaft, das wisst ihr doch.“

Obwohl er ansatzweise lächelte, jagte der ernsthafte Tonfall Fahach einen Schauder über den Rücken. „Ist dem so, ja?“ fragte er, und erhielt ein etwas erschreckendes Lachen zur Antwort.

„Nimm ihn nicht so ernst, er heißt immer noch Unfug“, beschwichtige Man. „Aber trotzdem, wir werden nicht mehr lange hier bleiben am heutigen Tage und ich versprach Bruder Fahach, dass du, Unfug, ihm noch einmal erzählst, was du schon mir erzählt hast.“

„Dass ich Daheim bei meinen Eltern immer den Hof ausmisten musste?“

„Nein, das andere – das wichtige.“

„Ach, das meint ihr.“

Da sprach einer der Anwärter dazwischen: „Was meint ihr damit? Ihr geht?“

„Genau das soll es bedeuten.“

Fahach ertappte sich bei dem Gedanken, dass viele der Anwärter doch einfach – dumm seien. Oder zumindest schwer begreifend.

„Heißt das, wir müssen dann auch gehen?“

„Ich würde aber gerne noch bleiben“, sprach auch der andere Knabe.

„Ihr seid doch mit dem Herrn der Anwärter hierher gekommen, oder?“ fragte Man.

„Ja“, meinte einer der Knaben mit verwirrtem Blick.

„Ja hat der euch denn keine Anweisungen gegeben? Bisher war es immer so, dass ihr dann auch mit ihm wieder zurückkehren musstet. Hat er auch dazu nichts gesagt? – Aber das sind alles Regeln, das muss er euch gesagt haben.“

Die beiden Anwärter aber sahen sich nur ratlos an und zuckten dann missmutig mit den Schultern. Die Anwärter von heute waren schon lange nicht mehr das, was sie früher einmal waren, dachte Fahach sich. Oder hatte Man vielleicht Recht gehabt und in Wahrheit waren sie noch genauso, wie sie es selber damals waren? So recht vermochte er das aber nicht zu glauben.

„Vielleicht solltet ihr dann lieber mal zu ihm gehen und ihn fragen. – Was haltet ihr davon?“

„Zum Herrn der Anwärter gehen -?“ Dem Anwärter sah man das Unwohlsein förmlich ins Gesicht geschrieben und auch sein Freund sah nicht gerade begeistert aus. „Könntet ihr das nicht machen?“ wagte er dann noch zu fragen und Fahach spürte erneut eine Woge des Zorns in sich aufsteigen.

Doch Man konnte antworten, bevor er selber etwas gesagt hätte: „Wir sind eure Lehrer und sollen auf euch aufpassen, aber nicht alle eure Aufgaben übernehmen.“

Die Anwärter sahen kurz etwas zerknirscht aus, als hätten sie gerade eine größere Beschimpfung hinter sich. Fahach war erstaunt. – Wenn er das doch nur auch könnte.

„Also, geht lieber selber hin. – Wenn ihr euch nicht traut, den Obersten zu fragen, so fragt doch andere Anwärter. Es können ja nicht alle von euch so unaufmerksam sein, oder?“

Wieder sahen sie etwas getroffen aus, doch diesmal nickten sie reumütig.

„Komm, gehen wir“, sagte der eine zum anderen und schon verschwanden sie in Richtung des Festplatzes, um dort nach anderen Anwärtern zu suchen. – Oder sollten sie vorher schon ihren Mut finden; um nach dem Obersten zu suchen.

„Das habt ihr gut gemacht“, meinte Unfug, doch Man entlohnte ihn mit einem weniger freundlichen Blick.

„Noch stehen wir auch dir vor, also zügel dich lieber.“

Fahach dagegen wurde langsam ungeduldig. Er wollte zurück in sein Zimmer, in die Ruhe, die Behaglichkeit – in sein Bett – und nicht für die restliche Nacht an diesem Ort herumstehen.

„Was ist es denn nun, dass ich hören sollte? Fangt schon endlich an.“

„Seid ihr sicher?“ fragte Unfug noch, doch sah dabei Man an.

„Mach schon“, sagte auch dieser.

Fahach aber wunderte sich, was das alles sollte. Konnte es denn so schlimm sein, dass der Knabe derart zögerte?`Oder war es einfach nur so unsinnig, dass er es sich nicht traute, damit anzufangen? Das Herauszögern störte ihn.

„Na gut“, sprach Unfug, sah erst mal niemanden mehr an, danach hauptsächlich Fahach, doch hin und wieder auch Man. „Dann erzähle ich euch jetzt, was noch geschehen ist, nachdem ihr mich beim Ältesten abgegeben hattet.“ Und schon war Fahach interessiert, denn genau das fragte er sich doch schon seit einer Weile. „Also. – Ich stand dort vor dem alten Mann; ihr wart schon gegangen. Obwohl er mir kurz danach sagte, dass er kaum Zeit haben würde, bevor er zum Fest müsse, stellte er mir noch die üblichen unnützen Fragen. Wie es mir ging, wie der Tag war. Dazu konnte ich aber nicht viel sagen. Plötzlich fragte er mich, wie ich auf die Idee gekommen sei, einfach aus dem Kloster zu verschwinden und den Unterricht zu schwänzen. Ich sagte ihm, dass ich Langeweile gehabt hätte. Er sagte das, was ihr alle mir dauernd gesagt habt, dass ich damit nämlich gegen die Gewohnheiten und Regeln verstoßen würde.“

„Das hast du uns alles vorhin aber nicht erzählt“, unterbrach Man.

„Da war es ja auch noch nicht wichtig. Doch ich glaube, dass Bruder Fahach die ganze Geschichte; alle Einzelheiten hören will.“

„Mach weiter“, bestätigte dieser.

„Natürlich sagte ich ihm dasselbe, wie euch, denn es ist einfach die Wahrheit: Ich handelte so, wie ich gehandelt hatte, weil dies meine Gewohnheit sei. Genauso wie ihr immer dasselbe macht, mache ich immer etwas anders.“

„Das tatest du aber noch nicht, als du zu uns kamst. Außerdem ist es Gesetz, gleich zu bleiben; dein Handeln ist eine Störung, die uns allen schadet.“

„Das sagte der Älteste so ähnlich auch. Erstmal: Natürlich versuchte ich mich anzupassen, als ich damals herkam, denn ich wollte ein Zuhause und nicht zurück geschickt werden. Aber ich kann das einfach nicht mehr; ich kann mich nicht verleugnen.“

„Also störst du, machst deinem Namen alle Ehre.“

„Den Namen habt ihr mir gegeben. Aber wie auch immer, der Älteste hatte schon weiter gedacht. Er schien schon eine Weile über mich und andere wie mir nachgegrübelt zu haben. Seine Erkenntnis lautet, dass wir wirklich stören, aber nicht nur euch, sondern auch uns. So kann es nicht weiter gehen.“

„Also wirst nicht nur du, sondern auch andere verbannt?“ Fahach war etwas verwirrt und überrascht.

„Nein nein, ihr versteht nicht. Dem Ältesten kam eine viel bessere Lösung und obwohl er mich damit überraschte, kann ich nicht verleugnen, dass es mir gefällt.“ Fahach wartete einfach, was noch kommen könnte. „Wir sollen wirklich das Kloster verlassen. Aber nicht aus Verbannung. Wir sollen einen neuen Zweig der Bruderschaft bilden, einen, der wandert und die Lehren des Klosters in der Welt verbreitet.“ Fahach war – milde gesprochen – baff. „Bei der nächsten Ernennung werde auch ich ein Bruder. Ein vollwertiger, wie ihr. Und sollte zukünftig alles gut gehen, werde ich Oberster und Herr der Wandernden.“

Kurz blickte Fahach zu Man, der keine Miene rührte. Er wusste nicht, wie er sich fühlen sollte. Froh, diesen Knaben loszuwerden? Erfreut über diesen unsinnigen Scherz? Oder als würde er sterben, da seine ganze Welt umgekrempelt und verändert wurde. War dies das Unglück, auf das der Tag hingearbeitet hatte, mit all diesen Brüchen in seiner Gewohnheit?

„Das ist aber noch nicht alles“, sprach Man da.

„Wollen wir es ihm wirklich jetzt schon sagen? Es ist eine herrliche Überraschung; sie sollte vielleicht vom Ältesten selber verraten werden.“

„Sag schon; es ist besser so“, beschloss Man.

„Also – da ich selber unterwegs sein werde, kann ich nicht gleichzeitig alle überwachen, von allen Nachrichten sammeln, für alle eine Anlaufstelle sein. Wir werden hier im Kloster jemanden brauchen, der immer mit uns in Verbindung bleibt. Die Aufgabe wird wichtiger werden als die des Herrn der Anwärter! Nach dem Ältesten selber könnte es vielleicht sogar die wichtigste des Klosters sein. Und für den Ältesten kommt da nur einer in Betracht, der die Aufgabe übernehmen könnte; der ihn durch seine Standfestigkeit überzeugt hat. – Ihr werdet einer der wichtigsten Männer hier werden! Stellt euch das mal vor! Und gleichzeitig könnt ihr dabei immer in euren Gewohnheiten verbleiben.“

„Abgesehen davon, dass er wohl erst mal alle wird überarbeiten müssen. Gartenarbeit, Lehren und dergleichen werden wohl kaum noch Momente finden“, gab Man zu bedenken.

Doch Fahach hörte all das nur noch teilweise. Zeit seines Lebens hatte er nie anderes machen wollen, als immer dasselbe, und dabei Ruhe und Abgeschiedenheit verspüren und genießen. Er, der nichts wusste von der Welt da draußen, wollte eigentlich nur völlig allein, vielleicht noch mit einem Buch sein. Er spürte noch, wie sein Geist sich erhob, während er sich vorstellen musste, wie tagein, tagaus Nachrichten ihm zugestellte werden würden, er Entscheidungen zu treffen hätte, seine Gewohnheit immer wieder Störungen zu erleiden hätte und vor allem – wie Unfug ihm gleichgestellt sein würde.

Er wusste später nicht mehr genau, wie er ins Bett gefunden hatte, doch erzählte Man ihm, er hätte ihn leiten müssen.

Als die Glocken dreiundzwanzig mal schlugen, lag er bereits, entgegen seiner Gewohnheit, im Bett und schlummerte ein.

Das Nehmen der Kräuter für ein gutes morgendliches Gefühl hatte er vergessen.

 

 

Der nächste Tag

XIII

Gong!

In Wahrheit lag er schon eine Weile wach. Da er zu früh ins Bett gekommen war, wurde er auch zu früh wach. Trotzdem hielt er an seinem Bett fest. – Die Gewohnheit verlangte es.

Gong!

Kaum, dass er es merkte, doch dämmerte sein Bewusstsein davon, suchte den nächsten Traum – als würde es gerufen werden, als würde man es gar entführen. Doch ein anderer Teil von ihm hielt an etwas fest. – Was war es doch? – Warum sollte er aufstehen? – Oh – ja – deshalb, genau.

Gong!

Die Gewohnheit verlangte es. Würde er dem jetzt nicht nachkommen, so würde es sich nie wieder einpendeln, ein geregeltes Leben wäre dann nicht mehr möglich.

Gong!

Aber er wollte seine Regelmäßigkeit zurück. Seit sicher einer Stunde dachte er über den gestrigen Tag nach und was dort alles schief gelaufen war. Heutige Rückkehr zur Gewohnheit würde sicher wieder alles ins Lot bringen. – Der gestrige Tag? Wann war da aufgestanden? Ach ja, beim vorletzten Schlag.

Gong!

Mühsam raffte er sich auf. Durch sein Fenster fiel das Morgenlicht in den kahlen kleinen Raum, der aussah wie immer.

Gong!

Damit war die Nacht für ihn beendet und ein neuer Tag lag vor ihm. Wie jeden Morgen schlüpfte er als erstes in seine Sandalen, zuerst links, dann rechts. Gähnend erhob er sich, entledigte sich seines Nachthemdes und legte dieses gefaltet auf seine Schlafstatt, nachdem er diese gemacht hatte. Als nächstes käme die Morgenwäsche dran. Den linken Fuß auf das Bodenbrett mit der Flammenzeichnung, den rechten auf dessen Nachbarn. Acht Bretter waren es bis zur Waschschüssel. Schlaftrunken klatschte er sich etwas Wasser ins Gesicht, um wach zu werden. – Doch bringen tat das wenig. Vorgestern hatte er vergessen, seine Kräuter zu nehmen, und war dafür vom Schicksal bestraft worden. Auch gestern hatte er es wieder vergessen. Der plötzliche Schub der Angst ließ ihn wach werden.

Die Drei Bretter zu seinem Kleiderschrank überquerend öffnete er den linken, dann den rechten Flügel und nahm sich seine heutige Kleidung. Erleichtert über die Vertrautheit ging er zurück zum Waschbecken. Im Halbschlaf rasierte er sich, vorsichtiger als sonst, den gestrigen Schnitt sehend, und war nach vollendeter Leistung unendlich stolz auf sich. Nachdem er mit Aufstehen, Waschen, Anziehen und Rasur fertig war, galt es, hinaus in die Welt zu treten und sich auf den Weg zu machen.

Andächtig – oder schläfrig – öffnete er seine Tür und wagte einen ersten Blick hinaus.

„Morgen, Fahach!“ Wie immer gut gelaunt ging da einer seiner Brüder an ihm vorbei, kaum auf die zu betretenden Bretter achtend, eilend gen heutiger Predigt.

„Morgen“, murmelte auch er, als der Bruder schon halb verschwunden war, und machte da erste Schritte auf den Gang.

Die Brüder huschten teils an ihm vorbei, während er auf jedes einzelne Brett achtete, nur hin und wieder es ihm gleich tuende sehend.

Im Gang mit den Steinplatten versuchte er zu erkennen, an welcher Stelle er gestern so aufgehalten worden war, doch schien dies nicht mehr möglich.

Auf dem westlichen Hof angelangt sah er voraus die Schlange vor der Gebetshalle – wie jeden Morgen, außer gestern – und stellte sich an. Vor ihm stand Man. Sie grüßten sich kurz.

„Die Morgenandacht wird dich aufheitern.“

Doch mehr sprachen sie nicht – wie jeden Morgen.

Die ersten Brüder traten bereits ein und die beiden mussten nicht übermäßig lange warten. Als es so weit war, dass Fahach eintreten konnte, verbeugte er sich vor dem Tor und bat in seinem Geist inbrünstig darum, heute vor weiteren Unglücken gefeit zu sein, ohne daran zu denken, im Ausgleich dafür selber etwas zu versprechen. Danach säuberte er seine Sandalen auf der Matte vor dem Eingang, bevor er die Türschwelle übertrat. Die Anwärter knieten innen bereits in der ersten Reihe. Am Rande erkannte er darunter Unfug und ihm wurde mulmig.

An seinem Platz angelangt, kniete er sich auf den harten Steinboden und beobachtete wie immer das Treiben in der Halle. Alle Brüder und Anwärter waren anwesend, so wie auch die zwölf Oberen. Auf den Tischen vor ihnen einige dampfende Getränke, doch blickten sie noch ernst.

Und genau in dem Augenblick, in dem Fahachs Augen den kleinen brusthohen Tisch auf der Bühnenmitte sahen, fiel das Sonnenlicht durch die Ostfenster auf diesen und der Älteste trat ein. In der Morgensonne erstrahlte er, wie der Sohn der Sonne selbst. An seinem Tisch angelangt, verharrte er, sich mit den Händen darauf abstützend, und sah sich die Versammelten musternd an. Scheinbar zufrieden, fing er an.

„Heute ist der hundertste und zwölfte Tag des Jahres. Nachdem ihr jetzt alle wach seid, kann er beginnen. Die Sonne ist uns heute besonders wohlgesonnen und alles, was ihr heute richtig tut, wird euch doppelt gut getan; doch alles falsche erfährt doppeltes Unglück. Also lasst sie uns preisen.“ – Damit neigten alle kurz ihr Haupt. – „Aber unabhängig davon, ob unsere Herrin heute weiter auf uns herab strahlt oder nicht, werden wir unser Tagwerk verrichten. Mag die restliche Welt auch dem Irrsinn verfallen; wir bleiben eisern. Nun aber zur Verteilung der heutigen Aufgaben.“

Die Aufgabenverteilung bot – wie jeden Tag – keine Überraschungen. Nacheinander ging er die Namen und Aufgaben der Anwesenden durch. Fahach war müde, doch hielt ihn die Aufregung wach, die Angst. Würde er heute anderes hören als sonst – oder war alles nur ein Traum gewesen?

„Fahach“, sprach da der Älteste, „wird heute die aus der Stadt kommenden Waren annehmen. Nach dem Frühstück wirst du dich um den Garten kümmern. Nachmittags wirst du wie immer deine Schüler unterrichten.“

Auch wenn Fahach die Warenannahme nicht gefiel, konnte er nicht umhin, als erleichtert zu sein. Vielleicht würde alles noch gut und gewöhnlich werden.

„Lasst uns jetzt einen Augenblick des Schweigens einlegen und im Lichte unserer Herrin, der Sonne, baden.“ – Diesem gingen sie nach. – „Weiterhin wollte ich euch heute noch erfreuliche Nachrichten beibringen. Seit hunderten von Jahren leben wir nun hier, doch war das Kloster nicht immer so, wie wir es heute kennen. Selbst wir können nicht ewiglich den gleichen Gewohnheiten nachgehen, da sich die Welt draußen verändert, so musste es immer wieder Neuheiten geben, bevor wir zu dem wurden, was wir heute sind. Manche von euch mag dies jetzt erschrecken, doch keine Sorge: Für euch wird sich nichts ändern. Doch kamen wir überein, dass wir auch außerhalb des Klosters, außerhalb der Stadt für uns werden müssen, habt ihr doch sicher gehört, wie mein Aufruf gestern Abend nur wenige erreichte. Da wir einige unter uns haben, die mit dem Klosterleben nicht völlig zurecht kommen, aber trotzdem ein Anrecht darauf haben, zu uns zu gehören, gründen wir eine neue Abteilung: Einige Brüder werden zukünftig durch das Land oder sogar die Welt ziehen. Anregung dazu gaben uns einige Anwärter, die ein eigenes Verständnis von Gewohnheit haben. Sobald sie zu Brüdern vereidigt wurden, werden sie ihre Aufgabe aufnehmen, unter Führung des Mannes, den ihr derzeit als den Anwärter Unfug kennt.“ – Wie es sich gehörte, blieben alle ruhig, obwohl einige sichtbar überrascht waren. – „Und damit sie mit dem Kloster eng verbunden bleiben, ernennen wir auch einen neuen, dreizehnten Posten eines Obersten. Diesen wird Bruder Fahach übernehmen, meinen Glückwunsch. Und nun, lasst uns baden in den Strahlen, welche die Herrin Sonne und sendet.“ Es war doch kein Traum gewesen. „Ihr seid jetzt entlassen. Und gedenkt der Sonne.“

Das war also das Unglück gewesen; nur dass es nicht gestern, sondern erst heute kam.

 

 

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AWG96 Der dunkle Begleiter

Februar 22, 2020

Der dunkle Begleiter

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Titelvorschläge: Warum, Der Schwarze

 

I

1. Abend, wo ich noch guter Dinge war

Der Mond war voll und blutrot gewesen und stand an diesem Abend hoch am dunklen Himmel. Ich kam gerade von der Feier eines Freundes und befand mich auf dem Weg gen Hause. Wie immer nahm ich die Abkürzung, die mich durch verwinkelte Seitenstraßen und kleine Gassen an den Stadtgärten vorbei führen würde. Zwar war es mir bekannt, dass es immer wieder zu Überfällen, Morden und anderen Vorfällen kam, wenn sich jemand des Nächtens allein an diesen dunklen Orten aufhielt, doch war ich stets guter Dinge gewesen.

Während der Feier hatte ich etwas zu stark dem Weine zugesprochen, ich gebe es ja zu, und so kam es, dass ich leicht torkelnd in die nur unzureichend von je einer Straßenlampe an jedem Zugang beleuchtete Gasse einbog. Ich durchquerte sie und erreichte den freien Platz, welcher die Gärten umgab. Nichts ahnend begann ich pfeifend von einem Pflasterstein zum nächsten zu hüpfen. Wie leichtsinnig ich doch noch war.

Plötzlich hörte ich mich beunruhigende Geräusche aus dem nahen dunklen Wäldchen der Gärten schallen. Ich unterließ sofort alle meine Tätigkeiten, blieb starr stehen und lauschte.

Da! Schon wieder diese Geräusche, die ich nun als das Wimmern einer jungen Frau erkannte. Ich kämpfte gegen meine Angst an, selbst in irgendetwas hineingezogen zu werden, doch obsiegte letztlich die Neugier. Vorsichtig näherte ich mich den Bäumen. Als knackend ein kleiner Ast unter meinen Füßen blieb, blieb ich sofort starr stehen und presste mich an einen dicken Stamm. Die Geräusche kamen von einer Lichtung unmittelbar vor mir, soviel vermochte ich selbst in meinen angeschlagenen Zustand festzustellen.

Langsam und ohne den Baum, diesen einzigen Beistand den ich hatte, zu verlassen, drehte und reckte ich meinen Kopf so, dass ich einen Blick auf den Ursprung der Laute werfen konnte. Bei dem was ich nun sah blieb mir fast das Herz stehen.

Düster und bedrohlich lag die Lichtung vor mir, die umstehenden Bäume streckten ihre verkrümmten Äste zur Mitte hin aus, als würden sie versuchen in die Geschehnisse, die ich dort beobachtete, einzugreifen. Kein weiteres Lebewesen außer mir und den beiden schattenhaften Gestalten dieses Augenblickes war anwesend, alles andere Lebende schien längst geflohen. Übrig war ein Fleck im Gras, schwarz und verkohlt, als hätte man hier ein Lagerfeuer betrieben und Steine lagen darum verteilt.

Ein angesichts des Schauspiels völlig irrsinniger Gedanke kam mir. Letzten Mondlauf erst hatte ich selbst noch gehört, wie man einen armen Landstreicher zu einer wahrlich harten Strafe verurteilte, da er in der stets verschmutzten Fischersstraße ein offenes Lagerfeuer entzündet und laut Urteil die gesamte Stadt gefährdet hatte. Wusste diese so unschuldig aussehende Frau welche da nunmehr so nah bei mir durch das verkohlte Gras kroch nicht, dass offene Feuer hier in der Stadt verboten waren?

Sie wirkte, als wäre sie noch nicht lange dem Elternhause entwachsen. Das lange flachsblonde Haar hing ihr wirr um die Schultern. Bei jeder Bewegung die sie machte, zog sie es weiter durchs verbrannte Gras und färbte es langsam schwarz. Ihr zierlicher Körper wurde von zerfetzten Kleidern eher notdürftig bedeckt und ängstlich drückte sie ihn an den Boden, Schutz suchend. Die eine Hand krallte sich ins lockere Erdreich, die andere hielt sie abwehrend vor das Gesicht. Gleichzeitig vergrub sie die mir zugewandte Seite im Arm. Man hörte nur ihr verzweifeltes Schluchzen, erfüllt von Furcht und Grauen. Auch mich überkamen diese Gefühle, als ich erkannte, wovor sie so durch das Gras kriechend zu entfliehen versuchte.

Eine Gestalt stand hocherhoben links zwischen ihr und mir im Schatten, so dass ich sie bisher nicht bemerkt hatte und nur ihren Rücken sehen konnte, was wenig aufschlussreich doch umso fürchterlicher war. Sie war etwa so groß wie ich, auch wenn ich stets schlecht im Schätzen war. Eine weit geschnittene nachtschwarze Kutte verhüllte ihre Umrisse, so dass ich nichts wirklich zu erkennen vermochte. War es nun Mann oder Frau? Auch den Kopf bedeckte eine Kapuze, tief ins Gesicht gezogen, und die Hände verschwanden in den weiten Ärmeln der übergroßen Verkleidung. Stumm und bedrohlich stand sie da und wandte ihr Antlitz der Verfolgten zu.

Langsam hob die Gestalt ihren rechten Arm und erst da erkannte ich den Dolch in ihrer Hand. Ruhig und gelassen, mit geradezu fürchterlicher Lautlosigkeit, trat – nein – schwebte sie fast auf das Mädchen zu. Eine schwarzbehandschuhte linke Hand ergriff ihre halb rußgefärbte Mähne und zog den Kopf daran hoch. Die Gepackte verzog schmerzerfüllt das Gesicht, die Augen vor Pein zugekniffen.

Mir fröstelte es, dabei war dieser Herbsttag vergleichsweise warm. Ich wollte ihr helfen, doch war ich wie gelähmt, stand nur da und sah zu. Die Gestalt beugte sich, bis der Rand der Kapuze fast das Gesicht des Mädchens berührte, als wolle sie ihr in die Augen sehen. Diese weiteten sich Schrecken erfüllt als der Dolch sich ihrem Hals näherte. Ein letztes Mal versuchte ich meine Starre zu lösen während der Schwarzgewandete die Dolchspitze ansetzte.

Das Mädchen wirkte wie ein verschrecktes Tier, welches das Unvermeidliche sich nähern sah. Sie schrie nicht einmal, obwohl ich mir das wünschte – vielleicht wäre dann jemand auf der Straße aufmerksam geworden und käme, sie zu retten. So aber musste ich allein alles mitverfolgen, als einziger Zeuge, wie der Dolch die zarte Haut riss, wie der Schwarze sein blutiges Handwerk tat ohne sich zu beschmutzen, wie das Leben aus dem armen Mädchen wich, wie ein Augenblick vor dem letzten Moment ihr Blick den meinigen traf und sie mich traurig ansah, bevor ihre Augen sich trübten und der Schwarze sie losließ.

Während sie leblos zurück fiel, konnte ich mich nur verfluchen, nichts getan zu haben. Ihr Mörder wischte das Blut der Klinge an ihrem Kleid ab und richtete sich wieder auf. – Dann drehte er sich um. Ich weiß nicht ob er mich sah oder nicht, ich erkannte jedenfalls nicht mehr als von hinten.

Endlich konnte ich mich wieder bewegen und versteckte mich hinter dem Baum. Als ich eine Zeitlang nichts hörte, nahm ich mich zusammen und warf einen letzten Blick zurück auf die Lichtung. Die Gestalt war verschwunden. Mir aber wurde schwarz vor Augen, als mich die angestaute Angst überwältigte.

Als ich erwachte lag ich in meinem Bett.

 

 

II

Der nächste Tag, Gedanken und nichts sollte sein wie es war

Die Sonne schien durch das einzige kleine Fenster meiner Wohnung mir mitten ins Gesicht und weckte mich. Es war Morgen. Blinzelnd lag ich da und verfolgte eine Zeitlang die Zeichnungen der Musterung in der Holzdecke. Nur langsam begann ich zu begreifen, wo ich mich befand und was geschehen war.

Ich lag in meinem eigenen Bett in meiner eigenen Wohnung. Doch wie war ich hierher gekommen? Ich erinnerte mich noch gut – viel zu gut – an den vergangenen Abend, zumindest seinen grausamen Höhepunkt – wie könnte ich es vergessen? – doch dann riss es ab. Es verschloss sich mir völlig wie ich es heim geschafft hatte. Warum fand man mich nicht nah der Toten liegend, brachte man mich nicht auf die Wache um mich zu befragen oder gar als Schuldigen zu verurteilen?

Ich drängte die Gedanken an meine seltsame Heimkehr für den Moment zurück und ließ erstmal die Ereignisse erneut vor mein inneres Auge treten, wieder und wieder, bis ich letztlich selbst vor dem kleinsten Schatten in meiner schlecht ausgeleuchteten Wohnung aus lauter Angst und Furcht fliehen mochte, mich fragte, ob ich es diesen Abend zum großen Umzug wagen, und vor allem, ob ich den Vorfall melden sollte. Letztlich entschied ich mich dagegen, man würde höchstvermutlich nur mich als Täter bezichtigen; niemals konnte man sicher sein, ob man an schlechte oder gute Behörden geriet, das hatte ich oft genug gehört, hatte ich selbst mir doch noch nie etwas zuschulde kommen lassen.

An meine Familie konnte ich mich sicher nicht um Hilfe wenden, diese lebte immer noch in dem kleinen Landsitz, wo ich geboren war und wollte ungern etwas mit mir zu tun haben. Ich zog vor drei Jahren fort in die Stadt. Zwar stammte ich aus behüteten Verhältnissen, doch sagte mein Vater immer, unabhängig davon, ob man nun ein ruhiges Leben erwarten durfte, sollte man zunächst erst etwas Anständiges lernen, wie er es ausdrückte. Außerdem würde mein älterer Bruder später sämtlichen Landbesitz erben, mir dagegen fiele nur ein Teil des Vermögens zu. So lernte ich nun das zweifelhafte „Handwerk“ eines Gehilfen in der kleinen Stadtbücherei, eine äußerst öde Tätigkeit. Doch hatte ich immerhin recht viel Freizeit, in der ich mein mickriges Gehalt samt der geringen Unterstützung, welche mir meine Eltern zukommen ließen, verprassen konnte, um ein paar Freunde zu gewinnen und mit ihnen mir die Langeweile zu vertreiben.

Irgendwann kam es dazu, dass ich dies alles so nicht mehr aushielt. Ich schrieb meinen Eltern und bat sie – nein, flehte sie an – mich wieder heimkehren zu lassen, mir dieses unwürdige Dasein abzunehmen. Doch mein Vater blieb hart und von meiner Mutter hatte ich eh keine Unterstützung zu erwarten. Ich versuchte meine schon immer auf sie angestaute Wut zu unterdrücken und lenkte mich ab. Während meiner Arbeit las ich bevorzugt die Bücher, statt meinen Aufgaben nachzugehen, was mir mehr als einmal eine Rüge einbrachte. Abends und oft auch nachts trieb ich mich in der Stadt umher, von einem aufregenden Erlebnis zum nächsten. Ich bekam zuwenig Schlaf und war nun in der Bücherei zusätzlich stets schläfrig und schlaff und wurde einmal gar dabei ertappt, wie ich beim Abstauben einiger dicker Bände eingeschlafen war.

Doch war mir mein zweites, mein nächtliches Leben wichtiger. Ich wurde unter meinesgleichen in dieser kleinen engen Stadt bekannt, doch niemand stand mir wirklich nah, niemand wurde zu einem wahren Freund, niemand war da mit dem man wirklich reden konnte.

Vielleicht hätte ich alles verhindern können. Vielleicht.

Ich kannte das Mädchen nicht, welches da gestern Abend so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, dabei war mir, als würde ich alle Nachtwesen dieses Ortes schon einmal gesehen haben, so groß war er ja nicht. Trotzdem kam sie mir bekannt vor, obwohl sie hier neu sein musste. Vielleicht war sie mir ja schon einmal zufällig über den Weg gelaufen, oder sie sah bloß jemandem ähnlich, den ich kannte.

Ich ließ diese Überlegungen, schob für den Augenblick alle Gedanken beiseite. Vermutlich war ich nur zufällig dort hinein geraten und so etwas würde mir nie wieder geschehen. Dennoch hatte ich das ungute Gefühl, dem Schwarzgewandeten nicht zum letzten Mal begegnet zu sein.

Ich raffte mich nun endlich auf und setzte mich auf die Bettkante. Mein Rücken schmerzte merkwürdigerweise und tastend erfühlte ich ihn. Einen blauer Fleck nach dem anderen schmerzte dort. Ich fragte mich zwar wie ich zu ihnen kam, dachte aber nicht weiter darüber nach. Etwas anderes, über das ich mich noch wundern durfte, war, dass ich mich fast völlig entkleidet in meinem Bett befunden hatte. Scheinbar war ich bei meiner Heimkehr am gestrigen Abend noch genug bei Sinnen gewesen um mich nicht bekleidet schlafen zu legen.

Ich stand auf und ging in meine Waschecke mit ihrer blanken Steinwand, um dort in den verschmutzten Spiegel, einzige Verzierung der Wand, zu starren. Fast sofort schreckte ich zurück vor dem, was ich sah. Mein Gesicht war etwas zerschrammt, getrocknetes Blut klebte überall. Vorsichtig tastete ich es ab und als ich keinen Schmerz verspürte, wusch ich es. Mit dem einzigen Handtuch, welches ich besaß, trocknete ich mich ab und wagte einen erneuten Blick. Die Blutreste waren verschwunden, die Kratzer schienen nicht so schlimm zu sein wie befürchtet.

Ich wusch mich weiter, zog mich an und wollte frühstücken. Da ich aber nichts Essbares fand, bereitete ich mir lediglich einen Tee zu. Während das Wasser kochte, ging ich kurz auf die Straße. Ich wohnte nah des Marktes, so durfte ich eigentlich ständig Leute erwarten, denen man nur zuhören brauchte, um den neuesten Klatsch zu erfahren. Natürlich lauschte ich besonders, ob jemand etwas von einem toten Mädchen zu berichten wusste, zu meinem Erstaunen drehten sich die interessantesten Gespräche aber nur um die neuen Steuern.

Gedankenvoll ging ich zurück ins Haus. Hatte man sie denn noch nicht gefunden? Wie konnte das sein? Solcherlei Nachrichten verbreiteten sich doch stets wie ein Lauffeuer. In den Gärten konnte man sie eigentlich kaum übersehen haben, ständig lustwandelten irgendwelche Leute dort herum und kamen selbst an die merkwürdigsten Orte. Hatte ich mir alles nur eingebildet? Ich sah in den Spiegel um mir selbst in die Augen blicken zu können, um zu erkennen, ob ich vielleicht nicht mehr ganz gesund war. Bei meinem Lebensstil, so sagten meine Freunde, würde dies früher oder später passieren.

Ich bemerkte aber nichts Besonderes und versuchte stattdessen mein Äußeres zu ordnen. Da erkannte ich etwas in den Schatten der Wohnung hinter meiner Schulter: die schwarzgewandete Gestalt griff aus dem Dunkel nach mir. Erstarrt sah ich zu, sah, wie ihr behandschuhter Griff nach mir schnappte.

Der Teekessel pfiff und riss mich aus der Erstarrung, ich wirbelte herum. Die Schatten waren noch da, aber kein Mörder näherte sich mir, ich war allein. Mit den Nerven am Ende vergaß ich den Tee zu trinken, schnappte mir stattdessen schnell meinen Mantel und floh aus dem Haus, floh vor der Angst, dass da doch etwas war. Vielleicht würde mich meine Arbeit ablenken.

 

 

III

Ein Versuch mich abzulenken und weitere Vorfälle

Ich ging durch die geschäftiger werdenden Straßen der Stadt, mich von allen dunkleren und einsamen Plätzen fern haltend. Mein Frühstück verlegte ich in die Bücherei, indem ich mir unterwegs etwas Brot und ein Stück Käse kaufte. Zwar wurde das Essen am Arbeitsplatz nicht geduldet, doch scherte ich mich nicht darum; die Arbeit war mir eigentlich egal. Ich befürchtete nur auf dem Trockenen zu sitzen, sollte ich sie verlieren und mein Vater sich weigern, mir fortan zu helfen. Aber das konnte er eigentlich nicht, solange ich die Arbeit nicht eigenwillig kündigte oder aufgrund nachweisbar schlechten Verhaltens verlor.

Auf meinem Wege kam ich auch an den Gärten vorbei. Es war mir, als würde sich plötzlich die Zeit verlangsamen und der Himmel verdunkeln. Die Bäume warfen kranke Schatten auf das Pflaster, das Gras erschien mir rottend und unrein, dabei war ich noch gar nicht bei dem einen Hain vorbeigekommen. Ich fragte mich, ob sie wohl noch immer dort läge, eine gewisse Neugier drängte mich. Viel quälender war jedoch die Angst, dort nichts zu finden, dass alles nur eine Täuschung und gar nicht passiert war. Obwohl ich das nicht glaubte, denn die Erlebnisse waren bereits viel zu tief in mein Hirn gebrannt.

Langsam kamen die Bäume in Sicht und in meiner Vorstellung wuchs er ins Unendliche, nahm mein ganzes Blickfeld ein und ließ mir übel werden. Ich konnte keinen Schritt mehr weiter gehen und musste mich auf eine Bank setzen um nicht schwindelnd umzufallen. Dort versuchte ich mich zu sammeln und warf einen vorsichtigen Blick zurück zu den Bäumen. Sah ich da nicht ein Stück schwarzen Stoffes zwischen den Stämmen? Zitternd schloss ich die Augen. Da mir sofort schwindlig wurde, öffnete ich sie aber sogleich wieder. Der Schein der Schwärze war verschwunden. Ich konnte einfach nicht an dieser Stelle vorbei gehen, so sehr es mich sondern entschloss mich einen Umweg zu nehmen. Der würde mich zwar gute zwei Straßen mehr kosten und ich käme sicherlich zu spät zur Arbeit, doch konnte ich einfach nicht anders.

Bei der Bücherei erwartete mich bereits mein Herr und Meister und sah mich mit gestrengem Blicke an. Die kleinen harten Augen starrten unter dem schlecht geschnittenen schwarzen Haaren hervor. Das faltenreiche Gesicht blickte über das Pult des Empfangstisches hervor. Die eine knöcherne Hand rückte gerade die eiserne Brille mit den runden Gläsern zurecht, während ich die zweite nicht sehen konnte, da die Vorderwand des Pultes sie verdeckte. Aus Erfahrung konnte ich mir aber sicher sein, dass sie gerade verärgert mit einem Stift auf die blanke Holzplatte des Tisches klopfte. Wenn ich mich anstrengte, vermochte ich sogar ein leises Klopf-Klopf zu hören.

„Sie sind zu spät,“ knarrte der alte Kauz.

Mehr war nicht zu erwarten. Keine Nennung meines Namens, keine ausführliche Vorhaltung meiner Missetaten, war doch schon alles in dieser kurzen Äußerung enthalten. Seine Stimme troff fast vor Verachtung, die tranigen Augen sahen halb durch mich durch.

„Tut mir leid, ich mache mich sofort an die Arbeit,“ versuchte ich mich wie jedes Mal halbherzig herauszureden.

Seinen Blick nicht beachtend und noch leicht zitternd von den Vorfällen vor ein paar Augenblicken, hing ich meinen Mantel auf und ging in die Hinterräume des Hauses, wo ich als Letztes Bücher geordnet hatte und dieses noch fortsetzen musste. Auf dem ganzen Weg spürte ich den bohrenden Blick des Alten in meinem Rücken. Wie sehr ich diesen verknöcherten Hund doch hasste. Aber nein, keine Gefühle an ihn verschwenden, sagte ich mir und versuchte es zu vergessen.

Statt aber zu arbeiten packte ich lieber die mitgebrachten Sachen aus, setzte mich an einen kleinen Tisch in einem der Lagerräume und versuchte nun endlich etwas zu essen. Ich kam aber nicht weit, bis ich plötzlich draußen über den Holzboden sich klackend nähernde Schritte hörte. Aufschreckend packte ich mein Mahl wieder zusammen und ließ es in einer Schublade des Tisches verschwinden. Dann eilte ich an die Regale und tat so, als würde ich arbeiten. Vor allem musste ich erst einmal die störenden Staubschichten entfernen.

Als der Alte eintrat, überraschte er mich völlig mit seiner Frage. „Geht es ihnen nicht gut?“

Dabei ließ er seine eng zusammengekniffenen Augen die Umgebung erforschen.

„Was – wieso fragen sie?“ stotterte ich, hatte er sich doch noch so gut wie nie um mein Leben geschert; ich war es gewöhnt, dass unsere Beziehung auf schlichter Verachtung basierte.

„Sie sehen nicht gut aus. Meinen sie, sie schaffen das heute?“ Damit warf er einen deutlichen Blick auf das Regal hinter mir.

„Ja, danke, ich werde mich schon zusammenreißen,“ sprach ich und fühlte mich wie das Vieh auf der Schlachtbank.

Der Alte nickte nur, drehte sich um und ging zurück zu seinem kleinen Thron, dem Eingang seines Reiches, in dem er alle Macht hatte. Die Tür ließ er dabei offen. Ich trat an sie heran und legte eine Hand auf den Griff, um sie zu schließen. Der Alte war gerade am Ende der ersten Reihe Regale angekommen, welche die Lagerkammer vom Vordereingang trennte.

In dem Moment, in dem meine Hand die Tür berührte, veränderte sich für mich die Welt. Mir wurde leicht schwindlig und es war, als rückte mein Selbst tiefer in mein Bewusstsein und schwebte gleichzeitig leicht über mir; als stände ich neben mir. Ein dunkler Blitz zuckte durch mein Blickfeld und meine Sicht färbte sich sonnenuntergangsrot, als wäre etwas außerhalb des Gebäudes in Brand geraten, jenseits meiner schwammigen, entrückten Sicht.

Gleichzeitig sah ich ihn. Nur undeutlich, doch würde ich ihn sicherlich nicht verwechseln. Als der Alte langsam weiterging huschte die schwarze Gestalt gerade um eine Ecke. Lautlos bewegte er sich hinter den Alten. Dieser ging weiter, als würde er nicht das Geringste bemerken, als würde er nicht ahnen, dass der pure grauenvolle Tod nur Stiftlängen hinter ihm stand. Dieser Tod hob langsam die Hand, der Dolch zielte auf des Alten Rücken. Würde er diese sehnerne Knochenplatte überhaupt durchdringen können?

„Nein!“

Wer war das? Wer hatte da geschrien? Der Ruf brach den auf mir lastenden Bann. Ein zweiter Blitz löste die Starre, mir wurde schlecht und schwindliger denn je. Während ich zurücktaumelte und rücklings auf den Stuhl am Tisch plumpste, bemerkte ich noch, wie der Alte mich misstrauisch musterte. – Der Schwarze aber war verschwunden.

„Was meinen sie?“

Ich bemerkte, dass diese Frage von dem Alten kam, welcher plötzlich vor mir stand und mich ansah wie jemanden, der gerade verkündet hatte, von nun an für immer unter den Tieren leben zu wollen, oder dass ein Dach aus Holzpapier das Innere des Hauses auch im Gewitter trocken hielte. Da ich aber geistig weiterhin gelähmt war, entbehrte dieses Gespräch einer Antwort von mir.

„Ich kann hier niemanden gebrauchen, der mir einfach zusammenklappt,“ begann der Alte eine seiner mir bekannten Vorhaltungen. „Sie sind offensichtlich doch nicht in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen. Also gehen sie jetzt nach Hause und kommen erst wieder zurück, wenn sie meinen, es gehe ihnen wieder besser! Ihr Gehalt bekommen sie für ihre Fehlzeit natürlich nicht ausgezahlt!“

Er begleitete mich noch zum Ausgang, dort entließ er mich ohne jedes weitere Wort. Ich ging wie benebelt heim und erinnerte mich später nicht mehr im Geringsten daran, welchen Weg ich genommen hatte.

Zuhause legte ich mich für wenige Stunden ins Bett. Mein Frühstück hatte ich in der Schublade vergessen.

 

 

IV

Ein Fest am Abend mit unvorhergesehenem Verlauf

Meine Erlebnisse des letzten Tages auf vollkommen schreckliche Art missachtend, rückte die Zeit des großen Umzuges am Abend immer näher und ich war trotz allem nicht im Geringsten geneigt, diesen zu verpassen. Also verließ ich die beklemmende Enge meiner Wohnung am Nachmittag wieder, um den Markt unsicher zu machen, bevor alle Stände geschlossen hätten. Ich kaufte mir dort genug Nahrung zusammen, um endlich meinen Hunger zu stillen und zusätzlich noch eine Maske und einen kunstvollen Umhang, besuchte man den Umzug doch stets verkleidet. Weiterhin erstand ich eine dieser langen weißen Kerzen, die auf noch längeren Holzstangen steckten und welche man später vor sich hertragen würde.

Die Verkäufer, seltsamerweise größtenteils Frauen, waren wie stets geradezu nervig freundlich und einige fragten mich sogar nach meinem Befinden, sah ich ihrer Meinung nach doch bleich und kränklich aus. Mir war aber nicht im Geringsten danach, über meine Probleme mit diesen mir fremden Leuten zu plaudern.

Ich begab mich zur alten Hauptstraße, welche gerade für den Abend geschmückt wurde und beobachtete das Treiben der Leute. Alte Frauen waren damit beschäftigt, im Auftrag der Stadt die allmählich vermehrt von den Bäumen fallenden Blätter zusammenzusuchen und wegzukarren, um wenigstens einen Hauch von Sauberkeit den nur für die Festlichkeit Angereisten und außerhalb Lebenden vorzuspielen. Die alten Männer dagegen waren entweder gerade auf der Arbeit oder saßen irgendwo in den Gärten auf einer Bank vor dem kleinen See und fütterten Enten mit Essensresten, die draußen im Armenviertel noch das eine oder andere Leben gerettet hätten. Woher hatte ich nur plötzlich diese Gedanken? Schließlich schmiss ich selber grundsätzlich meine eigenen Reste aus dem Fenster auf die Straße.

Ein kleiner räudiger Straßenköter lief mir mitten vor die Füße um danach einmal quer über die Straße zu rennen, bevor er kläffend in einer Seitenstraße verschwand, verfolgt von einem lachenden, blonden Kind, an dem ich schon die ersten Anzeichen nahenden kranken Todes bemerkte. Schüttelnd zog ich mir den Mantel enger zusammen, obwohl es heute eigentlich durchaus warm und angenehm war. Aber so fühlte ich mich nicht. Die jüngeren Frauen waren vermutlich meist damit beschäftigt, sich für den Abend fertig zu machen; nur vergleichsweise wenige schienen durch die Straßen zu wuseln, beschäftigt mit Einkäufen und anderen Kram.

Dafür aber entdeckte ich am Eingang eines Ladens ein mir bekanntes Gesicht. Leider hatte ich nicht mehr die geringste Ahnung, wie der dazugehörige Name lautete, hatten wir uns doch bisher nur ein paar Mal flüchtig auf einigen Feierlichkeiten miteinander unterhalten. Aber der Mann, dem dieses Gesicht so passend gehörte, schien sich ebenfalls noch an mich zu erinnern und kam nun geradewegs auf mich zu, ein breites Lächeln im Gesicht und ähnlich wie ich eine leinerne Tasche in der Hand, vermutlich voll mit Einkäufen. Geradezu übertrieben fröhlich begrüßte er mich und warf dazu die Arme in die Luft.

„Mann, wie lange haben wir uns jetzt schon nicht mehr gesehen?“ begann er, ließ mir aber keine Möglichkeit der Antwort, sondern setzte sogleich fort: „Viel zu lange schon ist es her! Sag schon, wie geht es dir?“ Noch so eine Frage. „Sicherlich prächtig, wenn ich dir erzähle, was ich hier habe!“ Damit zog er einen leicht zerfleddert aussehenden Zettel aus seiner Brusttasche und zeigte ihn mir, doch ich sollte nie genau erfahren, was darauf stand, da er ihn sofort wieder einsteckte. „Das ist eine Einladung von unserem alten Freund“, erklärte er immerhin, „du weißt schon.“ – Nein, wusste ich nicht. – „Der, bei dem wir uns damals das erste Mal trafen!“ – Ach so. Ich war wenig begeistert. – „Morgen gibt er eine große Feier. Ich hoffe, du wirst auch kommen!“

Es war keine Frage, eher ein Befehl – eine abweisende Antwort hätte er nie angenommen -, also gab ich schlicht mein Einverständnis, um ihn endlich loszuwerden. Ich entschuldigte mich unter dem Vorwand, ich müsste noch Dinge erledigen.

Der Umzug versprach, wie das Jahr zuvor bereits, beeindruckend zu werden. Es schien, als sei die ganze Stadt auf den Beinen und in den Straßen. Hunderte von verkleideten und maskierten Leuten irrten über die abendlichen Wege und erleuchteten sie mit ihren Stabkerzen. Mitten durch die Menge schritt der Umzug; Schlangen von Gestalten wühlten sich durch die Masse ihrer Mitbürger und hielten kunstvoll gestaltete Figuren an Holzstangen über ihre Köpfe und wichen dabei stets den vielen Kerzen aus.

Ich hoffte, wenigstens hier Ruhe finden zu können, dass ich nicht weiter von meinen Gedanken gequält werden würde, dass die Feierlichkeiten mich vollkommen ablenken könnten. Stände waren rund um die Gärten und den Marktplatz aufgestellt, an denen Essbares und Getränke verscherbelt wurden. Da ich mich nicht zu den Gärten wagte, ließ ich mich die Hauptstraße entlang mitschwemmen und kam so zum Markt zurück, wo ich nur wenige mir bekannte Gesichter sah. Die meisten würden vermutlich woanders feiern, doch drängte es mich nicht gerade, sie zu suchen. Also trank ich einen Becher billigen Weines und genehmigte mir lediglich eine in meiner Erinnerung widerlich schmeckende heiße Wurst. Der Umzug begann mich anzuöden.

Was war nur geschehen? Letztes Jahr hatte ich mich noch köstlich erfreuen können, heute wollte ich nur noch allein sein. Ich suchte mir einen vergleichsweise ruhigen Fleck bei der alten Burg unfern des Platzes und hockte mich auf eine Zinne der niedrigen, den Burghügel umgebenen Mauer, die hauptsächlich rein zur Zierde da war, von der aus man aber einen herrlichen Blick den Hügel hinab bis zum Markt hatte. Von dort beobachtete ich das Treiben, war ihm aber noch nah genug, um schnell in der sicheren Menge verschwinden zu können. Und das sollte ich früher nutzen, als ich gedacht hätte.

Der Zug der Figurenträger sollte zum Höhepunkt des Festes einmal vom nördlichsten Punkt der Stadt ab rund herum über den westlichsten, südlichsten und östlichsten Platz zurück in den Norden führen und auf diese Weise einen Kreis bilden. Gärten und Markt würden dabei auch geschnitten werden. Ich fragte mich, wieviele Träger sie dazu wohl benötigten.

Zum Zeitpunkt, als ich den Markt erreicht hatte, war die Spitze des Zuges gerade knapp hinter mir gewesen. Inzwischen aber war er kaum weiter gelangt, die ganzen Feiernden behinderten ihn gewaltig, auch waren einige Träger wenig hilfreich, indem sie die Reihen verließen; entweder, um auch etwas zu trinken oder essen, um mal in einer Seitenstraße zu verschwinden oder für ganz anderes. So auch die beiden, die sich links unterhalb von mir gerade den Hang hoch kämpften.

Es war ein junges Pärchen, wie mir schien. Zumindest zerrte die vordere verkleidete Gestalt ein etwas zierlichere hinter sich her. Sie stolperte über einen Stein und verlor ihre Maske. Ich erkannte den Mann zwar weiterhin nicht, aber es war offenbar, dass die Frau ihm nicht freiwillig folgte, da sie sich standhaft wehrte. Ihre Versuche blieben aber fruchtlos, so verschwanden sie linkerhand von mir hinter der Mauer, von wo ich bald lautere Geräusche vernahm.

Gleichzeitig kam vom Burgtor her eine schwarzgewandete Gestalt geschlichen und näherte sich den Beiden, ebenso wie mir ein Schauder über den Rücken lief.

 

 

V

Weitere schlimme Ereignisse

Wieder merkte ich, was es hieß, wie erstarrt zu sein. Eine Zeit lang hatte ich das Fortschreiten des Festes beobachtet, bevor das Pärchen aufgetaucht war und mich gestört hatte.

Ich brauchte nicht lang, um den Schwarzen zu bemerken; irgendwie erschien er gerade zwischen den offen stehenden Toren der Burg, als ich kurzzeitig meinen Kopf wendete, um das Gelände hinter mir darauf zu überprüfen, ob sich nicht doch jemand näherte. Als hätte ich es geahnt: Mein Bekannter, der Schwarzgewandete, kam, als hätte er nur auf diesen einen Augenblick gewartet, mich zu quälen. Aber vielleicht bemerkte er mich auch nicht, warum sonst hielt er genau auf die Stelle zu, wo das Pärchen verschwunden war und nicht etwa in meine Richtung, wo ich doch eigentlich gut sichtbar immer noch auf der Zinne saß.

Kalte Schauer liefen mir den Rücken hinab, während ich beobachtete, wie er schnellen gemessenen Schrittes zu dem kleinen Pfad ging, der vom Vorplatz der Burg hinunter führte auf eine wenig gut einsehbare Höhe, die schon manches Mal bekannt geworden war als Treff für die sich Liebenden. Zitternd sah ich diesem meinen Verfolger zu, wie er den Fuß auf die erste Stufe setzte.

Warum trafen wir jetzt ständig zusammen, warum verfolgte er mich? War es vielleicht der bösartige Streich eines Freundes oder Feindes? Und wurde das ermordete Mädchen gestern gar nicht wirklich getötet, sondern spielte all dies nur vor? Aber nein, die Pein in ihrem Blick war so wirklich gewesen – Ich wollte Gewissheit haben.

Gerade verschwand die Kapuze des Schwarzen hinter einer Zinne. Ich hatte schreckliche Angst; kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich handelte auf eine Art, wie es jeder vor überraschter Angst Gebannte tun würde, nachdem er die erste Erstarrung überwunden hatte. Mit schnellen, ruckartigen Bewegungen stieg ich von meinem steinernen Sitz herab und musste mich im ersten Augenblick festhalten, um nicht meine zitternden Knie unter mir wegbrechen zu lassen. Ich festigte meinen Stand und huschte mit verblüffender, von Furcht getriebener Geschwindigkeit über den Kiesplatz. Statt aber gleich auf die Treppe zu springen, hielt ich davor und kniete mich in den Raum zwischen zwei Zinnen.

Der leichte Schmerz, der meine Knie durchzuckte, linderte die Furcht ein wenig, so dass ich halbwegs ruhig überlegen konnte, mich mit den Händen auf den rauen Steinplatten abstützte und mich vorsichtig vorbeugte. Zwar konnte ich nun einen Blick hinab wagen, sah aber nichts. Ich bewegte mich auf die Treppe und geduckt stolperte ich mehr voran, als dass ich ging. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht einfach herab zu springen, während ich mir vorstellen musste: Der Schwarze war doch erst kürzlich hier lang gegangen.

Auf halbem Wege bemerkte ich, dass der Pfad auch nach Norden, an der Burgmauer entlang führte, was ich vorher gar nicht sehen konnte. Alles dort war unbeleuchtet, trotzdem sah ich gerade noch, wie der von mir Verfolgte um die Ecke verschwand. Ich ging ihm weiter in den Schatten nach und duckte mich an die Mauer.

Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich auch endlich den Grund der Geräusche, die ich längst als unterdrücktes Frauengeschrei erkannt hatte. In einer fernen Ecke lag die Frau, ihre Kleidung halb zerfetzt, blutige Striemen am Körper. Der Mann beugte sich gerade über sie und verpasste ihr eine so harte Ohrfeige, dass sie davon ohnmächtig wurde. Sofort ward es still in der näheren Umgebung; nur die Geräusche des Festes wehte der Wind herbei.

Beim Anblick der Ohnmächtigen stiegen die Erinnerungen an den vorigen Abend in mir auf. Es sollte noch einmal so weit kommen, sagte ich mir. Der Schwarze kam meinem Verlangen gleichsam nach, wie er ihm auch zuwiderlief. Der Mann schien gar nicht zu merken, wie er sich ihm näherte, dass der Tod nur wenige Schritte hinter ihm war. Stattdessen machte er weiter mit seiner schmutzigen Tat; die Gier leuchtete aus seinen Augen, dass ich meinte, allein sie würden die Umgebung erhellen und sein nahendes Verhängnis anlocken. Ich versuchte zu rufen, zu warnen, doch konnte ich nicht. Oder wollte ich bloß nicht? Das Messer des lauernden Todes erhob sich über seinem Rücken; die Klinge schien schwarz, wie alles andere von diesem Ort, nicht einmal der Weiße Mond schaffte es Licht zu spenden, die hohen dunklen Mauern der alten Burg mit ihren moosbewachsenen, verrotteten Steine warfen einen zu tiefen Schatten – und plötzlich sauste die Klinge herab, fuhr in den Leib seines Opfers und durchtrennte das Fleisch.

Es wurde kälter; mir fröstelte es unter meinem Zierumhang und selbst dem Mantel. Die Welt wurde kleiner, als ich allein das Geschehene vor mir betrachtete und alles andere ausblendete. Überrascht von dem Angriff sank der Getroffene in sich zusammen, bevor er mit Armen und Beinen strampelnd, sich am Boden windend, auf den Rücken wälzte. Der Schwarze blieb ruhig stehen, wie das Raubtier über der Beute, als wolle er sich erst einmal am Leid seines Opfers ergötzen, obwohl nichts dies vermuten ließ.

Sein Opfer warf zuerst überrascht einen Blick auf die Wunde, presste eine Hand an die Stelle am Rücken und blickte dann wütend seinen Angreifer an, als wolle er wissen, was das sollte, warum sich dieser eingemischt hatte. Dann wurde er der Gestalt seines Angreifers gewahr und musste denken, der leibhaftige Tod würde dort vor ihm stehen, gekommen, ihn zu holen. Mit gequältem Gesichtsausdruck verlor er schließlich das Bewusstsein und brach gänzlich zusammen. Blut breitete sich im Gras unter ihm aus.

Eine Zeit lang blieb der Mörder noch reglos stehen, bevor er sich langsam beugte und den Bewusstlosen oder Toten mit seinen verhüllten Händen packte. Er hob ihn hoch, als wäre er leicht wie eine Feder und trug ihn zu dem mir entgegen gesetzten Ende der Höhe, wo es steil abging zum Fluss, der den großen Felsen umspülte, auf dem die Burg einst erbaut worden war. Trotz meiner Angst war ich noch in der Lage, mich darüber zu wundern, mit welcher Leichtigkeit der Schwarze ihn hoch über den Kopf hob, ausholte und weit in die Tiefe schleuderte. Ein lautes Platschen kündete kurz danach von der Landung des Körpers im Fluss. Der Dunkle hielt sich dabei aber nicht auf, sondern wandte sich um und kam nun auf mich zu.

Mich packte nun endgültig die Angst, als ich die Gestalt so nahen sah. Was hatte ich nur getan, um von ihr verfolgt zu werden? Vor allem die Lautlosigkeit des sich Nähernden schreckte mich, doch unaufhaltsam wie ein vernichtender Sturm kam er vorwärts. Die Angst löste meine Erstarrung und übereilt rannte ich auf die Treppe zu. Ich stolperte und schürfte mir die Handflächen auf, als ich versuchte, meinen Sturz abzufangen. Weiterhin verlor ich dabei meine Maske, aber das bemerkte ich da nicht, ebenso wie die Stabkerze noch auf den Zinnen der äußeren Bergmauer lag. Dies alles war mir aber egal, ich wollte nur noch fort von diesem Ort.

So krabbelte ich mehr die Treppe hoch, als dass ich ging, erreichte den Burgvorplatz, sprang über die besagten Zinnen, stolperte erneut, als ich zu schnell den Hang hinab rannte und rollte schließlich den Großteil gar. Schmutzig und mit zerfleddertem Umhang rannte ich durch die Stadt. Einer gewissen Vernunft folgend nahm ich zwar hauptsächlich Nebenstraßen, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass mich einige Leute sahen.

Irgendwann kam ich letztlich Zuhaus an. Vollkommen erschöpft vom Rennen und der Angst sank ich zusammen, mich jetzt endlich sicher fühlend.

 

 

VI

Die Stadt fängt an zu plappern.

Man begann in der Stadt Fragen zu stellen.

Es war bereits am nächsten Morgen. Ich wagte mich nach tiefem, langen Schlaf irgendwann, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand, hinaus auf den Markt. Vielleicht hätte man diesmal ja Spuren gefunden? Ich begann einfach nur von Stand zu Stand zu wandern und lauschte den Gesprächen, den Neuigkeiten, welche die Verkäufer ihren Kunden oder auch sich gegenseitig anvertrauten. Ich befand mich gerade an einem Obststand, da hörte ich es. Der Verkäufer wedelte in der einen Hand mit einer mir unbekannten Frucht, in der anderen hielt er einen Beutel, während er mit einer kleinen ältlichen Frau schwafelte.

„Wenn ich es ihnen doch sage! Man fand sie heut Morgen bei der alten Burg!“

Damit war meine Neugier geweckt und ich tat so, als würden mich einige Äpfel brennend interessieren. Die Alte aber schien weniger gepackt von der Geschichte.

„Das ist doch bestimmt nur ein Gerücht. Wieviel macht das jetzt?“

„Mein Neffe hat es mir erzählt“, meinte der Verkäufer, als wäre damit alles geklärt und beachtete die Bemühungen der Frau, ihre Einkäufe zu bezahlen, nicht. „Jeden Morgen bringt er mit seinem Wagen meine Waren und meist kommt er dabei auch an der Burg vorbei. Heute sah er dort eine große Menge, sagte er mir, und hielt an. Sie befragten dort grad eine junge Frau, die ein paar Leute dort gefunden hatten. Sie behauptete, ein Mann hätte sie dort vergewaltigen wollen! Sie wäre dabei aber ohnmächtig geworden und als sie dort aufwachte, war er verschwunden und nur ein Blutfleck im Gras – äh – gewesen.“ Nachdem er nach den vielen Dorts wohl durcheinander gekommen war, senkte der Mann seine Stimme im Versuch heimlichtuerisch zu sein und lehnte sich vor, womit er aber nur erreichte, dass ich besser lauschen musste und seine Kundin immer ärgerlicher drein blickte. „Mein Neffe sagte mir,“ wiederholte er, „die Kleider der Frau waren vollkommen zerfetzt gewesen! Man verdächtigt sie zwar, den Vermissten umgebracht und beseitigt zu haben, traut ihr das aber auch nich‘ wirklich zu. Also sucht man jetzt hier einen Mörder in der Stadt!“ Mit einem vielsagenden Blick lehnte er sich wieder zurück und wartete darauf, dass seine Geschichte wirkte.

Die Frau sah ihn aber nur mit einem Ausdruck an, der sagte: „Endlich fertig?“

Ich wandte mich ab. Langsam und mit meinen Gedanken bei ungünstigen Dingen wanderte ich weiter über den Markt. Ich machte mir jetzt größere Sorgen. Was wäre, wenn man herausfand, dass noch jemand am Abend zuvor anwesend war – nämlich ich – und nach mir forschen würde? Ich hatte meine Maske dort verloren – zwar keine besondere, doch verkaufte nur ein Händler eine solche. Und würde dieser sich an mich erinnern –

Den Befürchtungen nachhängend vernahm ich plötzlich etwas in einem nahen kleinen Laden für verzierte Holzgegenstände.

„Man hat eine Leiche gefunden!“ rief da jemand.

Sofort war ich beunruhigt und wandte den Kopf, um den Sprecher zu sehen. Es war ein kleiner Junge, der gerade dabei war, den Laden zu betreten. So jung, und schon so froh, von Toten erzählen zu können.

„Was redest du da für Unsinn?“ fragte eine andere Stimme, während ich mich der Tür näherte.

Es schien der Verkäufer gewesen zu sein, der dort mit zwei oder drei Kunden ins Gespräch vertieft stand, der dem Knaben geantwortet hatte und nun etwas erzürnt dreinblickte.

„Im Fluss!“ rief der Kleine unbeeindruckt, „Ein Mann tief im Fluss! Er hat ein Messer im Körper stecken!“

Meinte er wohl hatte? – Der Verkäufer aber löste sich von seinen Kunden, kam verärgerten Schrittes auf den Jungen zu, packte ihn grob bei den Schultern und drehte ihn unsanft um.

„Jetzt verschwinde hier endlich und nerv‘ nicht, wenn Erwachsene Geschäfte tätigen wollen!“

Der Junge ließ sich in seiner guten Stimmung nicht stören, bemerkte mich bei seinem Abgang nicht, verschwand Richtung Menge des Marktes und rief weiter: „Man hat eine Leiche gefunden!“

Ich aber blieb erschrocken weiter an der Ladentür stehen.

„Wie können sie nur so mit Kindern umgehen!“ hörte ich eine empörte Frauenstimme, und kurz darauf schoben sich zwei der Kunden durch diese Tür.

„Aber meine Damen… !“ rief der Verkäufer, doch es war zu spät.

Auch ich wollte weg von diesem Laden und so strollte ich zunächst sinnlos und gedankenverloren durch die Straßen, völlig ohne Verstand. Nun war also tatsächlich eines der Opfer aus meinen Alpträumen gefunden worden; das hieß, ich hatte es mir – leider! – nicht eingebildet. Warum aber war dies erste Mädchen, dessen Sterben ich mit ansehen musste, noch nicht entdeckt worden? Würde man das überhaupt je? Und diese Frau von gestern, deren Angreifer nun gefunden wurde; was war mit ihr? Sollte sie mich dieses blutigen Abends gesehen haben, so hätte ich ein Problem; also hoffte ich einfach das Gegenteil. Trotzdem fühlte ich mich nur noch schrecklich.

Was würden wohl meine Eltern sagen, wüssten sie, in welch sonderbaren Umständen ich steckte? Mein Vater hätte sicherlich die richtige Bewertung zur Hand: Bei meinem Lebenswandel und den Gestalten, mit denen ich mich umgab, war es wohl ein Wunder, dass ich nicht früher in Gewalttätigkeiten geraten war. Oh nein, ich wollte nicht weiter darüber nachdenken.

Es passte, dass mir in dem Augenblick der Gedanke an meine Arbeit kam. Ah, es war schon so spät geworden! Längst hätte ich meinen Aufgaben nachkommen sollen. Aber hatte der Alte nicht gesagt, ich solle erst nach meiner Genesung wieder erscheinen? – Ja, hatte er – doch auch, dass mir Fehltage nicht bezahlt werden würden. Was also war mir lieber; weiter am Hungertuch nagen, oder meinen Aufgaben nachgehen. Ich haderte und haderte mit mir, und entschied mich letztlich. Da bemerkte ich, wohin mich meine Füße schon längst getrieben hatten – und noch wichtiger, wem ich plötzlich gegenüber stand.

„Ach – Hallo!“ rief sie, als sie mich entdeckte, „Na wir haben uns aber lang‘ nicht gesehen.“

Damit kam sie von ihrer Seite der Straße, auf der sie gerade gegangen war, auf meine herüber und auf mich zu, so dass ich nicht mehr hätte behaupten können, sie nicht bemerkt zu haben.

„Oh – hallo“ antwortete ich und versuchte sie anhand Gesicht und Oberweite zu erkennen, während ich mich gleichzeitig unwohl umsah.

„Na – wie geht es dir?“ fing sie an, verlief sich aber zum Glück in ihrem eigenen Geplapper.“Warum habe ich dich eigentlich schon so lange auf keinem Fest mehr gesehen? Weißt du, das vor zwei Wochen die wohl beste Feier des Jahres gewesen war? Und wo warst du? Na – egal, ich hätt‘ dich vielleicht eh nicht entdeckt.“ Da kicherte sie und ich konnte nicht umhin, das Problem dieser Aussage zu erkennen. „Wie geht es dir eigentlich? Arbeitest du noch immer bei diesem… – in diesem… – na du weißt schon.“ Ich machte den Mund auf, doch es ging noch weiter. „Na – hast du schon von der Feier heut Abend gehört? Ja? Und, kommst du auch? Ja? Schön! Ich freu mich – wir müssen dann was trinken, weißt du… – Oh, warte mal, dort geht eine Freundin von mir. – Ich muss los, wir sehen uns aber doch – ja?“

Und damit war sie fort und mir drehte sich alles, trotzdem mein Körper während des sogenannten „Gespräches“ versucht hatte, sein Hirn abzuschalten und sich auf die körperlichen Vorzüge dieser Frau zu besinnen. Doch gänzlich schien mir dies nicht gelungen zu sein und so wollte ich einmal zu ihr zurück sehen, da erhaschten meine Sinne am Rande meines Blickfeldes eine Gestalt im Schatten einer Nebenstraße unweit dieser Dame auftauchen, gewandet in Schwarz und etwas blitzendes im Ärmel haltend.

Mir wurde schwindlig, meine Hände wurden klamm, meine Sicht versagte für einen Augenblick. Und als er sich wieder geklärt hatte, waren Gestalt wie Dame samt Freundin verschwunden und zurück blieben nur Gefühle der Angst und der wagen Erkenntnis, so etwas schon einmal erlebt zu haben.

 

 

VII

Ein schreckliches Treffen.

Es dauerte nicht lange, da sollte mich eine andere Angst einholen.

Nach dem seltsamen Treffen des Morgens hatte ich mir – erneut auf dem Markt – Nahrung für den Mittag und eine billige Flasche Wein – für den Abend – besorgt und mich damit heim begeben.

Einst wohnte ich draußen auf dem Land, im alten Herrenhaus meiner Eltern. Wir hatten Diener, die uns zu jeder Tageszeit das Essen brachten, warme Betten, Einrichtung im Überfluss, eine schöne Landschaft drumherum und eigenes Wasser. Nicht wie hier, wo all dies fehlte. Und doch hatten meine Eltern mich aus der Glückseligkeit verbannt; wenn auch wohl nur zeitweise, versprach man mir, denn ich könne nach erfolgter Ausbildung einst zurückkehren. Immer und immer wieder kamen mir die Gespräche mit meinem Vater in den Sinn, wie er von mir forderte, einen „anständigen“ Beruf zu erlernen, wie er mir stets das Gefühl gab, all mein Wissen und mein Können seien nutzlos. Und wie sie mich hier leben ließen, nicht einmal besuchten und nie schrieben. – Ah, wie ich das ruhige Leben vermisste. Dort gab es nie Gewalt, keine schwarzen mordenden Gestalten. – Ah, wie sehr ich sie doch hasste!

Ich widmete mich gedankenverloren der Aufgabe, mir Essen zuzubereiten, holte neues Wasser aus dem Hof, befüllte den Kochtopf, feuerte den Ofen an, schnitt Gemüse und Fleisch und mengte alles ins Wasser. Endlich wieder ein richtiges Mahl; lange hatte ich so etwas nicht genießen können.

Da klopfte es an der Tür.

Erschrocken hielt ich inne. Wer könnte das sein? Jetzt, zu dieser Tageszeit, da alle arbeiten mussten. Wer könnte mich kennen, wer könnte jetzt etwas von mir wollen? Behutsam ging ich zur Tür, lauschte kurz daran – dann klopfte es erneut. Besorgt ergriff ich den Türknauf und öffnete langsam.

Und da stand er: Mein Alptraum, die düstre Plage meines Lebens, die mich um Glück und Verstand bringen könnte, die mir stets Schrecken und Furcht einjagte und mir mein Leben verhasst sein und doch auch darum fürchten ließ. Gehüllt in einen dunklen Umhang, die Arme in den Ärmeln verborgen, stand dort der grauenvollste Anblick, der sich mir je hätte bieten können. Und er sprach.

„Ich dachte schon, du würdest nie öffnen.“

Meine Sicht ward unklar, als meinen Körper einige Kräfte verließen. Die feuchte Hand rutschte vom Griff.

„Wie – was machst du hier?“

„Ich habe dich gesucht – aber jetzt lass mich ein.“

Tatsächlich tat ich das nicht wirklich, jedenfalls nicht absichtlich, denn zwar konnte er eintreten, doch nur, weil ich verwirrt und verängstigt zurückwich; einfach nur auf einen Stuhl in der kahlen Ecke plumpste.

„Ja! – ich seh‘ schon – gastfreundlich wie immer – so war’s doch auch früher – nicht, kleiner Bruder?“

Mein Bruder betrat meine bescheidenen Räume, schloss die Tür hinter sich, entledigt sich seines Mantels, faltete diesen über dem Arm, legte ihn in Ermangelung eines besseren Ortes über den anderen Stuhl und – fühlte sich bereits wie Zuhaus, trotz seines abschätzig herablassenden Blickes, den er dem Zimmer zuteil werden ließ. Immer noch schwarze Handschuhe tragend, trat er auf meinen Ofen zu, hob den Deckel des Topfes an und warf einen naserümpfenden Blick hinein.

„Wie ich sehe, hast du immer noch keinen guten Geschmack.“

Trotz der Überraschung, trotz der alten Furcht, vermochte mich das zu verärgern.

„Etwas anderes ließen mir unsere Eltern ja nicht.“

„Jetzt fang nicht wieder damit an“, sprach er mit leichter Verärgerung, „du kannst nicht immer dein eigenes Versagen auf uns zurückführen.“

Ich wollte mich nicht darauf einlassen, nicht auf diese Herausforderung antworten; vor allem aber fühlte ich mich immer ungehaltener ob dieses Eindringens, dieser Beleidigung, dieser Bedrohung.

„Was willst du eigentlich?“ sagte ich, während er es vorzog, sich selbst einen Stuhl – den, mit seinem Mantel – zu nehmen und sich an meinen kleinen Tisch zu setzen. „Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen oder von dir eine Benachrichtigung bekommen zu haben.“

„Oh – das habe ich aber. Kam mein Brief etwa nicht an? Ich bin untröstlich. – Übrigens, ich glaube, dein Essen, wie du es nennst, brennt gleich an.“

Kurzzeitig vergaß ich meine Abneigung ihm gegenüber, hastete zum Ofen, löschte ihn und stellte den Topf beiseite. Zum Essen war nun aber nicht aufgelegt, setzte mich vielmehr zurück auf meinen Stuhl.

„Also – sprich endlich – ich bin krank; ich sollte mich ausruhen.“

Völlig entsprach das nicht der Wahrheit, doch galt ich immerhin bei meiner Arbeitsstelle als krank gemeldet, und tatsächlich fühlte ich mich seit dem Auftauchen meines Bruders etwas übel.

„Schade, ich hätte mich gerne ausführlich mit dir unterhalten. Ich war noch nie in einer so rauen Gegend gewesen. – Wie hast du es nur geschafft, hier einen Platz zu finden? Hättest du bei einem der besseren Ausbilder angefangen, hätte ich dich hier heute nicht besuchen müssen.“ Und immer noch wanderte sein Blick angewidert durchs Zimmer.

„Schicken dich unsere Eltern? – Was wollen sie?“

„Unseren Eltern geht es gut, sie lassen dich grüßen. Sie würden gerne wissen, wie es dir geht, ob du Hilfe brauchst.“

Es war ungewöhnlich, dass er so klar sprach, und eine Weile war ich zu überrascht, um zu antworten.

„Was ist? Antwortest du mir?“ Er wurde ungeduldig.

„Äh – Hilfe? – Was meinen sie damit? Wie kommen sie darauf?“

„Na Hilfe – Geld, Einfluss“, er sah sich in der Wohnung erneut abschätzig um, „- neue Einrichtung -“

„Aha – woher der Sinneswandel? Ich habe sie oft fast schon angefleht. Immer hieß es nur, ich solle selber das Leben und all seine Nachteile erfahren -“ Ich unterbrach mich, als ich merkte, dass ich vertrauter mit meinem Bruder redete, als ich es gewollt hätte.

Dieser verlor sein bisschen Geduld. „Unsere Eltern – und auch ich – hatten wahrlich viel Nachsicht mit dir. Du solltest einfach nur das Leben der Gewöhnlichen erfahren. Zwar wirst du nicht wie ich alles erben, aber trotzdem wirst du immer ein ruhiges und gutes Leben bei uns haben. – Einfach nur das Leben kennenlernen, eine Ausbildung durchmachen. Und was machst du? Seit Wochen kam keine Nachricht und von unseren Vertrauten hier in der Stadt erfuhren wir nur, dass du – berüchtigt – bist. Keine Belobigungen deines – ‚Arbeitgebers‘ -, keine guten Nachrichten unserer Vertrauten über dein Verhalten. – Ganz ehrlich Bruder; es macht keinen Spaß mehr, Vater zetern zu hören, sobald ein neuer Bericht über dich eintrifft.“

Ich war – sprachlos. Verwirrt saß ich da und konnte kaum denken.

„Was wollen sie?“ – Ich hätte mehr sagen können; dass er kaum nur deshalb gekommen war, mich zu warnen oder meinem Leid zuzusehen.

„Es ist eigentlich ganz einfach. Auch wenn ich doch dagegen bin. – Sie wollen, dass du heim kommst. Hier hast du ja versagt.“ In meiner Vorstellung stand ich auf, ergriff ein Messer von der Wand und – „Nun ja – ich glaube, dein Essen ist kalt geworden. Und ich soll hier noch andere Leute treffen, kann also nicht ewig bei dir verbleiben. Morgen werden wir beide heim reisen; deine Arbeit haben wir bereits kündigen lassen.“

Ob er den Hass in meinen Augen sah und deshalb so schnell gehen wollte? Ob er Angst vor meinem Zorn hatte? Ob er wusste, wie gern ich ihn in diesem Augenblick hätte umbringen wollen? Und als ich wieder klar denken konnte – war er verschwunden, und mein Hunger mit ihm.

 

 

VIII

Hoffnung auf Zerstreuung

Ich benötigte den restlichen Nachmittag, mich von dem Treffen mit meinem Bruder zu erholen. Wie hatte er es nur wagen können – sie alle. Ich konnte kaum etwas gegen meine Enttäuschung ob des Geschehenen tun. Ja konnten sie mich denn einfach so zurückrufen? Aber was sollte ich dagegen unternehmen? Mich dagegen auflehnen? Was sollte mir das schon Gutes bringen. –

Kurz überlegte ich zu packen, doch besaß ich nicht viel und zwei Tage waren so noch eine lange Zeit. Spät erst kam mir der Gedanke, mich einfach mit dem Wein für Abends bereits jetzt zu betrinken. Vorher aber widmete ich mich doch noch endlich meinem Mahl.

Dabei kam mir der Gedanke, ob ich bestimmte Kleidung für die Feier brauchen würde. Nach und nach genehmigte ich mir dabei Schlucke aus der Weinflasche, was meine Stimmung etwas besserte, mich aber auch verwirrt sein ließ. Als es dann draußen dunkler wurde, wollte ich mich endlich auf den Weg machen.

Ich bemerkte es erst spät und erschrak trotzdem, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Spiegel sah. Sobald mir dies bewusst wurde, erstarrte ich, doch nicht so stark wie gewöhnlich, denn der Wein machte mich ungewöhnlich – leichtsinnig. Ich drehte und drehte mich, während ich nach dem Ursprung des Schattens suchte, dass mir schlecht wurde und ich halten musste. Als ich wieder aufsah, war das Gefühl, nicht allein zu sein, verschwunden.

Trotzdem war ich noch nicht ganz wieder bei mir, doch war der Wein weiter an meiner Seite und so wagte ich mich letztendlich hinaus. Wage konnte ich mich erinnern, wo es hingehen sollte und versuchte diesem Pfad zu folgen, während langsam um mich herum die Straßen anfingen beleuchtet zu werden. Fast erschien es mir prunkvoller als das Maskenfest und tatsächlich waren auch wiederum viele Menschen auf den Straßen, doch würde sich das nun, nach Einbruch der Dunkelheit, bald ändern.

Einmal noch kam ich, da ich die Gärten am Markt möglichst umgehen wollte, aber in die Gegend dahinter gelangen musste, durch eine verlassene Gasse. Ich fühlte mich nicht im Geringsten wohl und wollte sie nur so schnell es ging durchqueren. Immer wieder blickte ich mich unwohl um, als ich dachte, dass jemand hinter mir wär – und dann doch nur die Lichter in den Pfützen funkeln sah – und sofort wandte ich mich wieder um, als ich ein Geräusch hinter mir vernahm – doch immer noch dort nichts. Dies Spiel spielte ich gleich mehrmals, bis ich kaum noch denken konnte und einfach nur noch die Gasse hinab lief, bis ich endlich wieder auf eine erleuchtete Straße mit den letzten Heimkehrern gelangte. Schnell trank ich den Rest des Weines aus und schleuderte die Flasche zurück in die Gasse, auf dass sie jeden treffen würde, der mir doch folgte. – Und ich hörte nichts – vernahm nicht mal ein Klirren des Glases. Fröstelnd ging ich weiter.

Endlich kam ich auf Pfade, die mich an mein Ziel führen sollten. – Zumindest hoffte ich so, wusste ich doch ob des Umweges immer weniger, wo ich mich eigentlich gerade befand. Nach und nach dünnten sich die Ströme der anderen Fußgänger aus, und ich fühlte mich immer weniger wohl, bekam wieder das Verlangen loszurennen, dem Ort zu entfliehen. Als hinter mir ein leises Geräusch ertönte, hastete ich voran, rannte ohne zu rennen, stolperte um eine Ecke. – Links sah ich die Gärten des Marktes, rechterhand lagen unweit der alten Burggemäuer die Häuser der Noblen.

War der Weg tatsächlich so kurz gewesen? Was hatte ich gemacht, dafür vom Einbruch der Dunkelheit bis zur Nacht soviel Zeit zu benötigen? Ich war verwundert – und vor allem verliehen mir Wein und Erschöpfung einen schrecklichen Schwindel, eine gewisse Übelkeit. Mich kurz an die Hauswand lehnend, besann ich mich und beobachtete, ob ich schon mein Ziel oder andere Besucher ausmachen könnte. Tatsächlich erkannte ich das Haus, in dem ich schon einmal gewesen bin, draußen in der Ferne. Doch da geschah etwas.

„Hallo!“

Ich erschrak fast zu Tode.

„Habe ich dich etwa erschreckt?“ fragte er, als wäre es nicht offenbar.

„Was – ?“ Im Halbdunkel erkannte ich ihn kaum. „Ach du -“

Weiter kam ich nicht, bevor er einfiel. „Was machst du denn hier im Dunkeln? – Ich hätte dich kaum erkannt. – Aber schön, dass du dich entschlossen hast, auch zu kommen. Wollen wir nicht zusammen zur Feier gehen? Es ist ja nicht mehr weit. – Und sieh, was ich hier hab!“

Damit holte er eine Flasche Wein hervor, die er irgendwie in seinem schwarzen Mantel versteckt gehalten hatte. Glücklicherweise war sie bereits offen.

„Hier, nimm einen Schluck und dann lass uns gehen!“

Wie könnte ich da Nein sagen? Zum ersten Mal an diesem Abend fühlte ich mich wieder ein Stück sicher, was nicht zuletzt an der Zuversicht meines neuen Begleiters lag, der sich bewegte, als gebe es nicht den Hauch einer Gefahr auf der Welt. Auch wenn ich nicht gedacht hätte, ihn tatsächlich und vor allem so schnell anzutreffen. Unter seiner Führung gelangten wir letztlich zum Haus der nächtlichen Freuden. Es war eins der größeren der Gegend, und damit gehörte es wohlhabenderen Leuten – und sofort fühlte ich mich schäbig und arm, war doch selbst meine beste Kleidung noch eine einfache, denn ich hatte damals keine bessere mit in die Stadt nehmen können. Da stellte sich mir die Frage, warum jemand wie ich überhaupt auf diese Feier geladen sein sollte.

In der Tat sahen mich die beiden – Türsteher? – etwas seltsam an, doch grüßte mein Begleiter sie nur und schon waren sie zufrieden; hielten mich jedenfalls nicht zurück. Und dann betraten wir die der äußeren Stadt fremde Welt.

Eine große Eingangshalle erwartete uns, nur schwach erleuchtet von Kerzen, so dass alles unwirklich und düster wirkte. An Treppen, Tischen, auf freien Flächen und dergleichen waren bereits allesamt Gestalten, die größtenteils plauderten und zusammen tranken. Einzelheiten erkannte ich aufgrund der Düsternis jedoch nicht.

„He – na da ist doch -“, sprach mein Begleiter und schien sehr aufgeregt, „hast du was dagegen, wenn ich dich jetzt erst einmal hier alleine lasse? Du findest dich sicher zurecht – sieh mal, dort hinten gibt es Essen – und hier, nimm die Flasche.“

Damit verabschiedete er sich, um ins Zwielicht zu verschwinden; sein dunkler Mantel wehte hinter ihm her – warum er ihn nicht ablegte? – und ich blieb zurück, als einziger in dem Haus, der mit einer ganzen Flasche Wein in der Hand allein und vereinsamt da stand. Warum hatte er das getan? Warum hatte er nicht bei mir bleiben können, bis ich mich an die Umgebung gewöhnt hätte? Mir war unwohl zumute; nur der Wein lockerte mich etwas. Also nahm ich einen weiteren großen Schluck und vergaß ebenso meinen Mantel, während ich langsam durch die Schatten zu wandeln begann.

Halb fühlte ich mich wie im Traum. In Nischen, an Geländern, Beistelltischen, Fenstern standen und saßen die düstren Gestalten, tranken, lachten, lallten und plauderten. Kein Gesicht kam mir bekannt vor, dabei lebte ich schon so lange in dieser kleinen Stadt und war auf so vielen dieser und ähnlicher Feiern zugegen gewesen. Und wurde mir nicht gesagt, dass ich auch bei diesem Gastgeber schon einmal zur Feier geladen war?

Gedankenverloren strollte ich durch Gänge, Zimmer, Treppen hoch und runter, auf Balkone und in den Garten. Um mich herum gackerten und plapperten sie, bis ich nur noch Wasserfälle von Lauten vernahm, genug davon hatte und mir einen ruhigen Platz am Rande des Hauptzimmers mit der Feuerstelle nahm. So langsam verließ mich auch der Wein, bis die Flasche leer in einer Ecke vergessen wurde.

Und dann kam sie.

 

 

IX

Die Hoffnung wird zerstört

Es schien mir Stunden zu dauern, bis ich wieder frei und erlöst von einem wahren Strom fremder Worte war. Nachdem sie endlich einen anderen Gesprächspartner gefunden hatte, war ich wieder allein mit mir und dem Getränk, dass mir unterwegs mehrfach erneuernd zugewiesen worden war. Die Welt um mich hatte sich kaum verändert, immer noch war die Feier im Gange, auch wenn es mittlerweile Nacht sein dürfte.

Mich selber beschlich ein gewisses Bedürfnis, so versuchte ich einen Ausgang zu finden, den Gartenbereich zu erreichen. Nachdem ich dort eine dunkle und stille Ecke gefunden hatte, verschaffte ich mir endlich die Erleichterung, die nach so vielen Stunden mehr als drängend war.

Doch dann sah ich, wie er unweit von mir stand, wie er mich aus dem Gebüsch beobachtete, an dessen Rand ich mich befand. Schwarzer weiter Mantel, der alles verbarg – die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, so dass man keines erkennen konnte, nur Finsternis – die Arme versteckt in den Ärmeln, so dass man nicht ansatzweise Haut sah.

Fast schon hüpfte ich zurück, als der Schreck mich packte. Keines meiner Glieder hatte ich noch unter Befehl, so ward mein Rückzug ruck- und krampfhaft, meine Schritte stolpernd. Zweige schlugen nach mir, nachdem ich sie bei dieser Flucht von ihren Plätzen drängte und mehr als einmal trat ich in ein halb verstecktes Erdloch, das mich fast zum Fall gebracht hätte.

Derweil rührte dieser schwarze Tod kein Glied, keinen Muskel, keinen Finger. Stumm und starr stand er dort in seiner eigenen winzigen Lichtung. Das Dunkel seiner Kuttenöffnung blickte mich nach wie vor an, doch wusste ich nicht, wieso. Und dann funkelte etwas im Halblicht, als die Gestalt langsam ein Messer aus dem Ärmel zog.

Ich aber fiel vor Schreck und Angst hinten über, stolperte erneut über ein Erdloch, als mein Fuß sich darin verfing und landete recht unsanft auf meinem Hosenboden. So schloss ich denn auch mit meinem Leben innerlich ab, oder besser – hätte es getan, hätte ich noch denken können. Mein Ende erwartete ich wieder einmal, doch diesmal wandte ich den Blick nicht ab.

Der Dunkle schien nicht hinter mir her zu sein; tatsächlich drehte er sich, nachdem er das Messer hervor gezogen hatte, so dass sein Nichts unter der Kapuze zum Eingang des Hauses deutete. Dort traten gerade meine beiden einzigen Bekannten dieser Feier heraus, vertieft in ein Gespräch. Es erschien mir absonderlich, dass sie ein schnelles und wechselhaftes führen konnten, bei dem beide zum Sprechen kamen, hatte ich das doch nie mit ihnen geschafft. –

Als mir der Dunkle wieder einfiel – war er verschwunden. Dies löste meinen Schrecken, doch flößte mir Furcht ein, er könne wieder kommen. Ich wollte weg und musste feststellen, dass ich mit der Kleidung mich verfangen hatte, und wollte ich den Ort nicht nackt verlassen, musste ich mich beruhigen, um mich langsam aus der Falle zu befreien.

Während ich an mir rumzupfte, waren meine Bekannten bereits in den Garten hinaus getreten; bemerkten weiterhin ihre Umgebung nicht, da sie mit sich beschäftigt waren. Kurz überlegte ich zu rufen, sie vor dem Dunklen zu warnen, tat es dann aber doch nicht, da ich ihn nirgends mehr erblicken konnte und so nicht mehr sicher war, ihn überhaupt gesehen zu haben. – Und dennoch, es muss wahr gewesen sein; er war zu wirklich.

Es dauerte eine Weile, in der ich kaum Fortschritte machte, bis mein Bekannter sich scheinbar entschloss, dasselbe zu tun, was mich hier in den Garten gebracht hatte. Ich wollte ihm sicherlich nicht zusehn, doch tat ich es trotzdem, denn ging er dorthin, wo ich den Dunklen zuletzt erblickt hatte, und immer noch befürchtete.

Wieder überlegte ich, ihn zu rufen, ihn zu warnen, doch wieder tat ich es nicht, wollte keine Aufmerksamkeit auf mich lenken, wollte mein Leben nichts aufs Spiel setzen. Weiter und weiter zurrte ich am Gestrüpp, in dem ich hing und warf einen Blick zu seiner Begleiterin, die ein Stückchen fort in den Garten raus gestrollt war.

Als ich wieder zu meinen Bekannten sah, stand der Dunkle hinter ihm. Das Messer blickte aus dem rechten Ärmel hervor. Er stand einfach still und starr, als würde er ihn bei dem, was er tat, beobachten, als würde er warten, bis er fertig war, um dann erst zuzuschlagen.

Und dann, ohne weitere Vorwarnung, tat er genau das. Die Klinge drang immer und immer wieder in den Körper seines Opfers ein; stach, schnitt und zerfetzte. Dieses Opfer blieb wunderweise aber stehen, bis es erst nach zahllosen weiteren Hieben fiel, in sich zusammensank; ein Häufchen Fleisch war alles, was von meinem Bekannten übrig blieb.

Mir war schlecht, mir war schrecklich zu Mute. Ein Teil von mir wollte bloß noch ohnmächtig werden, ein anderer dagegen fortlaufen und um Hilfe schreien. Ein weiterer bemühte sich immer noch um meine Befreiung, während meine von der klammen Erde schmutzigen Hände kaum noch greifen konnten und eine seltsame kalte Feuchtigkeit mir die Hose herauf kroch. Doch das bemerkte ich kaum, denn nachdem ich kurz weggesehen hatte, war der Schwarze wieder verschwunden.

Dafür näherte sich meine Bekannte jetzt, sich leise nach ihrem Begleiter erkundigend, wo er denn bleiben würde, was er machen würde – ob er Hilfe bräuchte. Scheinbar hatte sie nichts gehört. Und auch nichts gesehen, denn schließlich trennte sie und die Leiche nur noch ein einziger Baum, doch schien sie nichts zu merken, schien die Leiche neben sich weder zu spüren, noch zu riechen. Bevor sie es je hätte erfahren können, war ein Schatten hinter ihr aufgetaucht.

Dieses eine Mal schrie ich doch, versuchte sie zu warnen, versuchte ihr Leben zu erhalten. Aber kamen überhaupt Laute über meine Lippen, konnte sie mich überhaupt hören? Es gab kein Anzeichen, dass dem so gewesen wäre.

Drum geschah, wie es geschehen musste. Kaum vermochte ich noch zuzusehen, zu erfahren, was mit ihr geschehen würde. Und doch konnte ich auch den Blick nicht abwenden, als wäre ich gebannt, als wäre es Teil einer Folter, dass ich dies erleben sollte.

Letztlich aber hatte ich mich dann endlich noch befreit und genug unter Gewalt, dass ich langsam rückwärts fort krabbeln konnte. Als ich schließlich hinter einem Gebüsch verschwunden war, so dass der Dunkle mich nicht mehr hätte sehen können, stand ich auf. Ohne mich noch einmal umzusehen ging – nein, stolperte – ich durch das Dickicht.

Unmöglich könnte ich zurück ins Haus gehen. Meine Kleidung war schmutzig, teilweise zerkratzt. Im Garten lagen zwei Leichen, die ich beide als Lebende gekannt hatte. Mein Schrei schien doch noch jemanden aufgeschreckt zu haben, denn ich hörte Stimmen aus dem Haus kommend. Wie ich den Dunklen jetzt – leider viel zu gut – kannte, wäre er längst verschwunden. Also blieben nur ich, die Toten und jede Menge Fragen, deren Beantwortung mir kaum jemand glauben müsste. Ich wollte es nicht darauf anlegen.

Aber in Wahrheit war ich in dieser Nacht vollkommen kopflos und wollte soweit weg, wie es nur möglich war. Am Ende des Dickichts angelangt, erklomm ich die Mauer des Gartens und verschwand in der Nacht der Stadt.

Als ich endlich wieder zu mir fand, lag ich in meinem Bett.

 

 

X

Fragen und ein unangenehmer Besuch

Wie schon wenige Tage zuvor starrte ich an die Decke.

War alles vielleicht nur ein Traum gewesen? Diese Hoffnung hatte aber auch beim ersten Mal nicht geklappt. Doch – wenn nun wirklich alles der letzten Tage nur ein solcher gewesen war? Aber das schien unwahrscheinlich, denn nie zuvor hatte ich einen so umfangreichen gehabt – der auch jetzt noch, vielleicht eine Stunde nach dem Erwachen, nachwirkte und an dessen sämtliche Einzelheiten ich mich erinnern konnte. – Sah man von dem Umstand ab, dass ich nicht wusste, wie ich heim gekommen war.

Irgendwann kam ich mit mir überein, das Bett zu verlassen, denn ewig könnte ich nicht darin bleiben und tatsächlich wollte ich mich auch meinen Ängsten stellen. Leider fand ich sofort einen Beweis für die Wirklichkeit des letzten Abends, denn über die Rückenlehne eines Stuhls lagen sauber gefaltet meine Kleider, obwohl sie verdreckt und leicht zerrissen waren. – Ein abwesender Teil meiner Selbst fragte sich, ob ich diese je wieder würde anziehen können.

Ich suchte mir also etwas anderes zum ankleiden und überlegte, ob ich Lust hätte, etwas zu essen. Nach den Ereignissen der Nacht war mir aber nicht wirklich danach. Und doch – ich musste überprüfen, was man sich auf der Straße erzählte, ob man mich auf der Feier vermisst hätte, ob sie die Leichen gefunden hatten, ob man mich verdächtigte, –

Ich hatte gerade die Tür geöffnet, da lief ich fast in meinen Bruder hinein. Meine gereizten Sinne ließen mich einen überraschten Satz zurück machen.

„Versuchst du, mein Warten vom letzten Mal wieder gut zu machen, indem du mich diesmal erst gar nicht zum Klopfen kommen lässt?“

Ich setzte mich lieber gleich auf einen Stuhl. „Ich bin gerade erst aufgestanden – was willst du?“

Ohne zu fragen kam er ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. „Hast du vergessen, dass wir heute abreisen wollten? Ich nehme an, du hast immer noch nicht gepackt.“ Und sein Blick wanderte, erzählend, dass er nicht glaubte, dass ich überhaupt etwas zu packen hatte.

Ich war tatsächlich überrascht.

„Was – jetzt schon? – Ich bin gerade erst -“

„Aufgestanden, ich weiß. Und es ist fast schon Mittag. Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, werden wir es heute überhaupt nicht mehr können. Du weißt, wie weit es ist.“

„Kann ich – mich wenigstens fertig machen?“

„Wenn du damit essen meinst; das kannst du unterwegs. Wenn du damit etwas besseres anziehen meinst – ich glaube nicht, dass du etwas besseres hast“, – sein Blick fiel die Augenbraue hochziehend auf meine zerschlissenen Kleider über der Stuhllehne – „und vor allem ist das sowieso unerheblich. Unsere Eltern kennen dich nicht besser.“

Für seine Herablassung hätte ich ihn schlagen können. „Nein, ich meine – du weißt schon – würdest du mich bitte mal kurz allein lassen? – Außerdem will ich schnell etwas einpacken.“

Wieder dieses Hochziehen der Augenbraue. „Packen? – Gut, ich warte draußen. Vielleicht finde ich auch noch etwas für unsere Eltern auf dem Markt.“

Damit ging er endlich, und ich konnte mich um meine Angelegenheiten kümmern. Die zerschlissenen Kleider versteckte ich kurzerhand, sollte doch noch jemand mich mit den Toten in Verbindung bringen und zusätzlich auf die Idee kommen, bei mir zu suchen. Danach packte ich die nötigsten Dinge und schloss hinter mir ab, als ich den Markt betrat. Meinen Bruder fand ich leider sofort.

„Was meinst du, würde das hier unseren Eltern gefallen?“

Er zeigte mir irgendwas, mit dem ich nichts anfangen konnte, weshalb ich nur mit den Schultern zuckte. Stattdessen stellte ich mir vor, jedes Haar einzeln aus seiner Oberlippe auszureißen – doch erhielt ich dazu leider keine Gelegenheit. „Bestimmt irgendwie“, sprach er und bezahlte den Verkäufer.

Ich sah mich derweil um. Nirgends erkannte ich auch nur eine Gestalt, die ein Diener oder Gehilfe meines Bruders hätte sein können. Wie sollten wir also zu unseren Eltern kommen? Etwa alleine zu Fuß, statt mit Fahrer? Nein – nicht nur, dass wir eine Ewigkeit gebraucht hätten, vor allem aber war es nicht seine Art, etwas so unbequemes zu tun.

Jedoch fiel mir einer flüchtiger Gesprächsfetzen zweier Vorübergehender auf.

„- klingt ziemlich eklig.“

„Ja, und sie haben ihn immer noch -“

Plötzlich fröstelte mir.

„Ah, da bist du.“

Ich erschrak, bevor ich begriff, dass mein Bruder mich angesprochen – und ich mich unbemerkt von ihm entfernt hatte. „Äh – ja – Wie kommen wir eigentlich – also – Wo sind der Wagen und so?“

Wieder einmal bekam ich einen dieser Augenbrauen-Blicke ab. „Glaubst du etwa, ich würde mit allem in diese Gegend kommen? – Ha! – Nein, wir gehen jetzt zu unserem Stadthaus. – Weißt du überhaupt, wo es sich befindet? – Ein Wunder eigentlich, dass du nie dort angekrochen kamst. – Ich habe jedenfalls die Bediensteten gefragt.“

Ich achtete aber kaum auf ihn, hörte mehr auf meinen knurrenden Magen.

Er vernahm es. „Keine Sorge, wir können uns aus dem Haus noch etwas zu Essen mitnehmen.“

Wieder beachtete ich ihn nicht. Stattdessen fühlte ich mich von jedem der vorbei kam beobachtet. Kam es mir nur so vor, oder starrten sie mich an? Die da, die zwei da hinten in der Ecke – tuschelten sie über mich? Und der Metzger, dort vor seinem Laden – warum hielt er beim Zerteilen des Fleisches inne uns sah mich so düster an?

„Gibt es eigentlich irgendwelche Neuigkeiten?“

„Neuigkeiten? Was für Neuigkeiten? Von unseren Eltern etwa?“

„Nein; allgemein. Was erzählt man sich so auf der Straße?“

Kurz sah er mich mit einem anderen seiner Blicke an, der fragte, ob ich noch bei Sinnen sei. „Was interessiert es mich, was sie auf den Straßen erzählen? Und was sollte es schon dich interessieren? Bald bist du wieder behütet Daheim, dann brauchst du dich um das einfache Volk nicht mehr kümmern. – Oder hast du etwa jemanden umgebracht und willst es jetzt verheimlichen?“

Und plötzlich fing er laut an zu lachen.

Mein Blick war schlicht entsetzt – doch war ich genug bei Sinnen, um abzulenken. „Lass den Unsinn!“

So langsam erreichten wir das Viertel der Wohlhabenderen – wo sollte das Haus sonst stehen? -, in dem ich gestern Abend schon gewesen war. Tatsächlich hatte ich vollkommen vergessen, dass auch unser Anwesen hier befand.- Genauso wie ich es vergessen hatte, schon einmal in dem Haus der Feier gewesen zu sein. – Scheinbar war ich zu zerstreut in letzter Zeit. – Aber wer könnte mir das verdenken?

Es war keines der besonders großen Häuser, schließlich lebte unsere Familie auch nicht ständig hier. Dennoch kamen uns sogleich zwei Diener entgegen und schienen seltsam aufgeregt.

„Herr, sie haben hier in der Gegend Leichen gefunden!“

 

 

XI

Ein Wiedersehen ohne Freude

Die Fahrt hatte Stunden gedauert, doch zuletzt waren wir fast da. Mittlerweile sehnte ich es mir auch fast schon herbei, konnte ich es doch nicht länger mit meinem Bruder eingesperrt in einem kleinen Kasten aushalten. Immer und immer wieder hatte er mich mit langweiligen oder belanglosem Zeug gestört. Damit, wie es war, sich um die Wirtschaft unseres Besitzes zu kümmern; wie es war, sich auf seine zukünftige Aufgabe als Familienoberhaupt einzurichten; wie es war, Verhandlungen bezüglich einer Ehe zu führen. – Schlimmer noch waren aber seine Erzählungen aus der Freizeit, wie der Jagd. – Und natürlich durften auch seine herablassenden Berichte über Fehler der Diener nicht fehlen. – Die meiste Zeit aber nahmen wohl seine spitzen Bemerkungen darüber ein, was ich in meinem Leben alles falsch gemacht, was ich alles hätte erreichen können. – Ich hasste ihn.

Als die grünen Hügel, zwischen denen unser Anwesen versteckt war, in Sicht kamen, war ich erleichtert, obwohl ich hätte Angst haben müssen. Was könnte ich aber schon von meinen Eltern Schlimmes erwarten? Ich hatte sie enttäuscht, so die Nachricht, also stellte ich mich darauf ein, stundenlange Vorwürfe über mich ergehen zu lassen, vielleicht verbunden mit Strafen. Trotzdem hielt ich es nicht mehr aus, länger mit meinem geschwätzigen Bruder eine Kabine zu teilen.

Mit mich selbst überraschender Spannung beobachtete ich die Hügel und Wiesen, die immer noch grün waren, und erinnerte mich, wie ich als Kind sie durchstreift hatte. Nicht spielend, sondern meist versteckend und verträumt. Stets war ich dort allein gewesen; heute erinnerte ich mich mancher Verstecke und Spielorte. In unserem Haus hatte ich nicht immer bleiben dürfen, da meine Mutter oder die Bediensteten mich oft herausgeschubst hatten.

Und da sah ich ihn. In der Ferne stand ein schwarzer Fleck zwischen den grünen Anhöhen. Sein Mantel bewegte sich nicht, trotz des Windes, der überall Laub aufwehte. Er stand einfach nur da, und starrte uns an, wie wir auf der Straße an ihm vorbei fuhren.

„Siehst du ihn?“ fragte ich aufgeregt und zerrte am Ärmel meines Bruders.

„Was ist?“ Ich hatte ihn in seiner Rede gestört. „Setz dich! Du darfst nicht aufstehen!“

„Jetzt sieh schon! Bitte!“

Tatsächlich beugte er sich dem Wunsch, vielleicht beeindruckt durch den Ton meiner Stimme, und schließlich setzte er sich zurück, zupfte seine Kleidung zurecht und blickte mich missbilligend an.

„Wehe, du versucht noch mehr Späße mit mir.“

Ich aber warf jetzt selber wieder einen Blick zum Fenster hinaus – und erkannte in den grünen Weiten nichts mehr. Wurde ich vielleicht verrückt? Bildete ich mir das alles ein? Oder spielte jemand mit mir und meiner Angst? Hatte mein Bruder das alles eingefädelt, mich in den Wahnsinn treiben wollend? Oder hatte ich mich nur getäuscht? Vielleicht einen Bauer gesehen?

Voraus erkannte ich unser Anwesen, wie es einen Teil des Platzes in unserem schmalen Tal einnahm. Dahinter läge der kleine See, aus dem der Bach über Stufen am Haus vorbei hinaus in die Welt floss und dahinter wiederum die höher werdenden Hügel. Vor dem Haus aber lagen die weiten Gärten, durch die wir nun fuhren, und in denen viele Blumen noch Farbe trugen. Ich erkannte den Gärtner wieder, der zwischen ihnen arbeitete, und dann waren wir auch schon auf dem Hof, durch dessen Tor man das Innengelände betrat. Ein Bediensteter, den ich noch nicht kannte, grüßte unseren Fahrer und ließ uns ein.

Wir hielten schließlich am Haupteingang der Haupthauses.

„So, wir sind da“, stellte mein Bruder überflüssig fest.

Ein Bediensteter öffnete uns die Tür; so stiegen wir aus.

Wir erklommen die Treppen und erreichten die Eingangshalle, derweil unser Gespräch einen anderen Gang nahm.

„Die Herrin erwartet sie im hinteren Garten“, klärte uns der Mann auf.

Da er sich sofort wieder entfernte, ging mein Bruder ohne Umwege zur Gartentür. Ich aber blieb kurz stehen und sah mich um. Wenig hatte sich verändert, seit ich das Haus ursprünglich verlassen hatte. Kaum eine Vase, kein einziger Wandteppich hatte den Platz gewechselt, nichts schien neu zu sein. Meine Eltern waren schon immer Gegner von Veränderungen gewesen, und dies bewies es nur zu gut. Die Treppen führten noch immer ins nächste Stockwerk. Kurz sah ich zu dem Durchgang, der zu meinen alten Zimmern führte. – Stand da nicht jemand, schwarz gewandet?

„Wo bleibst du?“ Mein Bruder schien sichtlich ungeduldig.

Noch einmal sah ich hinauf – und erblickte nichts mehr.

Kaum sichtlich schüttelte ich den Kopf. „Ich komme schon!“

Unsere Mutter saß gemütlich an ihrem Lieblingsplatz. Vor sich auf dem Tisch hatte sie ein paar Bücher gestapelt, daneben befanden sich Körbe mit Essbarem. Ich hatte mich schon immer gefragt, wie sie auch im Sommer am Ufer sitzen konnte, ohne von summenden Tieren erstochen zu werden. Nun war es kälter und sie hatte sich dem angepasst.

Sie sah uns herzlich lächelnd – herzlich falsch? – an, stand aber bei unserem Eintreffen nicht für uns auf.

„Meine Söhne – endlich wieder Daheim! – Wie war die Reise?“

„Lang, wie immer. Ich freue mich schon auf das Bad und Essen.“ Trotzdem nahm sich mein Bruder einen Stuhl und setzte sich ebenfalls. „Dafür ist unser Verlorener wieder da.“

„Warum setzt du dich nicht auch?“ fragte sie mich und deutete auf einen weiteren Stuhl, genau am Ufer, als wüsste sie nicht mehr, dass ich dort schon immer Angst gehabt hatte, hinten über ins Wasser zu fallen.

Also setzte ich mich auf die dem empfohlenen Stuhl gegenüber liegenden. „Es gibt ein Bad und Essen?“ Das klang selbst für mich verlockend; die ganze Zeit über hatten wir nur einmal unterwegs gehalten.

„Könnt ihr nicht mal an ‚was anderes denken? Eure Mutter begrüßen zum Beispiel.“

„Es war eine lange Fahrt – habt ihr es die Woche gut ohne mich ausgehalten?“ Mein Bruder griff sich etwas aus dem Brotkorb.

„Wenn du später keinen Hunger hast, beschwer‘ dich nicht bei mir.“ Zum Glück bemerkte sie nicht meinen angewiderten Blick bei diesen Worten. „Ja, wir hatten keine Probleme. Du darfst ruhig öfter wegfahren.“ Er schien die Spitzfindigkeit nicht zu bemerken und sie wandte sich leider mir zu. „Nun, mein Kleiner. Endlich bist du wieder bei uns. Du musst uns nachher berichten, wie es dir ergangen ist. – Abgesehen natürlich von dem, das wir schon wissen. Du hast deinen Vater leider sehr enttäuscht. – Aber lass uns davon nachher sprechen. Also, wie geht’s dir?“

„Äh – ich habe Hunger und würde mich gerne ausruhen. Es war wirklich eine lange Reise.“ Wäre sie nicht meine Mutter – oder eine Frau -, so hätte ich sie nur zu gerne geschlagen.

„Das beantwortet meine Frage nicht. Bist du gesund? Hast du immer gut auf dich aufgepasst? Ich hoffe, dir hat die große Stadt nichts angetan!“

Als wäre diese ein Ungeheuer. – Meinte sie das wirklich ernst? Was hatte sie bloß für seltsame Vorstellungen?

„Mmh!“ machte mein Bruder während eines großen Bisses, „Sie hat ihn kein Stück schlechter gemacht, als er vorher schon war. Nicht war, Kleiner?“

Ob er das alles absichtlich tat? Wollte er herausfinden, wie weit ich gehen würde?

Meine Mutter sah uns nacheinander an und sprach dann zu mir: „Könntest du mir nachher einen Gefallen tun?“

Ah! – immer dasselbe. Konnte sie nie etwas alleine machen? Oder wollte sie mich ärgern mit ihren sinnlosen Bitten, bis ich vor Zorn überschäumen würde?

Was sie aber wollte, bekam ich gar nicht mit, denn mitten im See schwamm etwas, das nur ein schwarzer Mantel sein konnte. Während ich noch zusah, formte sich aus dem Tuch ein Kopf, ein Körper, –

„Also, was ist?“ Meine Mutter schien ungeduldig.

„Was?“ Verwirrt sah ich sie an – wieder zum Wasser, welches ruhig und unschuldig war – und zu ihr. „Ich glaube, ich muss mich jetzt wirklich ausruhen.“

Sie hörte das nicht gerne, aber ließ mich dann einfach ziehen, während mein Bruder bei ihr blieb. Wo die Bäder und meine alten Gemächer waren, wusste ich ja noch.

 

 

XII

Überkochendes Essen und kalte Speisen

Tatsächlich war ich überraschend müde gewesen und war, nachdem ich von einem alten Diener, den ich noch von früher kannte, ein heißes Bad bekommen hatte, bei der Entspannung eingeschlafen. Leider vergaß ich die Tür abzusperren, so konnte man mich noch rechtzeitig wecken, dass ich mich für das Essen „passend“ anziehen könnte.

Meine Gemächer waren die alten, wenngleich offenbar schien, dass sie immer wieder betreten worden sind, vermutlich sie zu säubern. Oder sollte… – nach schneller Überprüfung, denn viel Zeit war nicht, merkte ich, wie mir wichtige Dinge fehlten. – Mein Bruder! – Wer sonst hätte Gefallen an so etwas finden können.

Innerlich brodelnd durchsuchte ich die Kleiderschränke, in denen ebenfalls das eine oder andere Stück verschwunden war, bis ich mich zufrieden stellend angezogen hatte. Danach prüfte ich nochmals schnell alle der Besitztümer, deren ich damals ledig werden musste, doch fand nichts weiter fehlend.

Das Essen gab es – wie überraschend – im Speisezimmer. Anwesend waren bereits Vater, Mutter und mein Bruder. Scheinbar kam ich, wie es oft der Fall gewesen, zu spät. Ich nahm meinen üblichen Platz meinem Bruder gegenüber ein. – Wie hatte ich diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten doch gehasst.

„Na, bequemst du dich auch endlich?“ fragte mein Bruder. „Ich habe Hunger und ohne dich konnten wir nicht anfangen.“

Ich bemühte mich gar nicht erst einer Antwort. „Hallo, Vater,“ sprach ich der Höflichkeit wegen, doch er nickte nur.

„Und wo bleiben jetzt die Diener?“ Mein Bruder schien wirklich ungeduldig.

„Du wirst dich freuen; zur Feier des Tages haben wir nur die besten Speisen bestellt.“ Ein seltsames Lächeln lag im Blick meiner Mutter, als sie mit mir sprach.

Da kamen dann auch die besagten Bediensteten. Einer stellte die Speisen, welche er von einem Karren nahm, zwischen uns auf den Tisch. Der zweite goss uns je nach Wahl Wasser oder Wein in Karaffen ein. Jeder von uns ließ sich von den Essensplatten auf den Teller laden, was am verlockendsten erschien. Eine Weile aßen wir großteils schweigend, nur Mutter und Bruder tauschten sich immer wieder über ihr Mahl aus und bewerteten es geradezu. Mein Vater dagegen aß langsam und mit sonderbar nachdenklichem Blick.

Während des Wartens auf Nachspeise – nachdem ich bereits mehr als ein Glas Wein gehabt hatte – ergriff mein Vater doch noch das Wort. „Hat dir die Stadt etwas neues beibringen können?“

Keiner von uns wusste so recht, wer gemeint war, denn er hatte niemanden angesehen. Mein Bruder schien es aber zu wissen; er machte mit dem Kinn eine auf mich deutende Bewegung.

Verwirrt und etwas unwohl blickte ich zu ihm herüber. „Meinst du – mich?“

Da sah er mich das erste Mal an diesem Tag wirklich an, doch erkannte ich kein Gefühl in seinem Blick. „Natürlich – hat hier sonst noch jemand über ein Jahr in der Stadt verbracht, ohne je seine Familie zu besuchen?“

Ich wusste nicht, was das sollte; fühlte mich etwas gekränkt. Trotzdem achtete ich nicht darauf.

„Du weißt doch, dass ich dort meine Lehre habe, und -“

„Die Lehre ist vorbei“, – wie ich es doch hasste, unterbrochen zu werden -, „du wirst nicht wieder in die Stadt zurückkehren.“

„Was?“ Ich war fassungslos; mit Beschwerden und Drohungen hatte ich gerechnet, das aber schien zu hart.

„Weil wir so lange nichts von dir selber gehört hatten, fragten wir bei deinem Ausbilder nach. Hätten wir nicht für deine Ausbildung bezahlt, hätte er dich schon längst rausgeworfen.“

„Was habt ihr?“ Jetzt war ich auch noch entsetzt – später zutiefst wütend und enttäuscht.

„Bitte -“, versuchte meine Mutter etwas zu sagen.

„Es wollte dich halt keiner“, stichelte mein Bruder.

„So stimmt das nicht“, unterbrach mein Vater, „nur wollten wir sicher stellen, dass du eine gesicherte Stelle bekommst.“

Warum nur glaubte ich meinem Bruder eher? „Aber ich hatte doch damals selber -“

„Wir wussten natürlich, an wen du schreibst“, erklärte meine Mutter.

„Ihr habt meine Briefe – ?“ begann ich entsetzt.

„Wir sind deine Eltern.“ Meine Mutter schien nichts verwerfliches in der Handlung zu erkennen.

Mein Vater holte tief Luft. „Jedenfalls sagte uns dein Ausbilder, welch schlechte Arbeit du geleistet hast“, kam er zurück zum Anfang, „und damit hast du deine Mutter und mich sehr enttäuscht.“

„Aber -“

„Ja, du bist ein Versager.“ Wenigsten mein Bruder schien das alles zu belustigen.

„Also – Bitte -“ Meine Mutter kam wieder kaum zu Wort.

„Heißt das, ich soll etwas anderes lernen?“ fragte ich.

„Ich sagte schon“, – aber nein, eigentlich hatte mein Vater etwas ganz anderes gesagt und fing daher erneut an -, „du wirst nicht in die Stadt zurück kehren, du wirst keinen Beruf mehr erlernen. Du bleibst hier und hast dein ruhiges Leben und wenn es soweit ist, wirst du Gehilfe deines Bruders.“

Dieser zeigte einen mir Angst machenden Blick.

„Aber – ich – in der Stadt ist mein Leben; meine Freunde; meine Sachen. – Ihr könnte nicht -“

„Natürlich können wir. Wir sind deine Eltern; wir haben für dich bezahlt und nichts dafür zurück bekommen; -“

„Nein – ich werde zurück gehen und wenn es sein muss, mir alleine etwas suchen. Ich brauche euch nicht!“

War es Trotz, der da aus mir sprach? Oder blinder Zorn?

„Junge, bitte -“

„Du bleibst hier“, fuhr mein Vater ihr durchs Wort, „das ist beschlossene Sache und wird nicht geändert. Hier kannst du genau so gut nicht arbeiten.“

„Ja, ich bräuchte noch einen eigenen Diener, -“ fing mein Bruder an, doch beachtete ich ihn nicht.

„Nein, das werde ich nicht, und ihr könnt mich nicht zwingen! Morgen reise ich wieder ab. Ihr habt nie etwas für mich getan, sondern immer nur für euch. Also ist es an der Zeit, dass ich es selber in die Hand nehme!“

Damit stand ich auf. Meine Mutter blickte beunruhigt, mein Vater zornig, nachdem er den Schock überwunden hatte.

„Du bleibst hier! Wir sprechen uns noch! Auf dein Zimmer und aus meinen Augen!“

Doch ich war bereits auf meinem Weg.

 

 

XIII

Und immer noch verfolgt es

Es konnte nicht einmal eine Stunde gewesen sein, die ich mich in meinem Zimmer aufhielt. Ich war abwechselnd wütend und verzweifelt, verbrachte die Zeit damit, auf Kissen und gegen Wände zu schlagen oder sie den Tränen nahe zu umarmen. Irgendwann packte mich jedoch die Neugier und ich wollte wissen, was die Drei wohl besprechen, wie sie über mich sich den Mund zerreissen würden. Letztlich verließ ich das Zimmer vorsichtig, um niemanden aufmerksam zu machen, und schlich den Gang hinab bis zur Treppe. Da ich Stimmen von unten vernahm, die ich meinen Eltern zuordnen konnte, begab ich mich hinunter ins Erdgeschoss.

Nachdem ich den beiden knarrenden Stufen, an die ich mich erinnern konnte, ausgewichen war, musste ich noch herausfinden, wo ich hin sollte. Schließlich ward mit gewahr, dass meine Eltern sich immer noch im Speisesaal aufhielten. Schon als Kind hatte ich ein Versteck unter der Treppe gekannt, von wo aus ich durch Lücken der Wand in den Saal blicken konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Früher nutzte ich es, um unerkannt Geschäftsessen und Feiern meiner Eltern zu beobachten, heute wollte ich bloß wissen, worüber sie sprachen, ohne gesehen zu werden. Und es sollte sich noch als gut heraus stellen, dass ich das getan hatte.

„ – bloß mit ihm machen?“ hörte ich meine Mutter.

„Ich weiß es auch nicht, aber so kann es nicht weiter gehen. Am liebsten würde ich ihn ja in die Armee oder eine dieser Schulen an der Grenze stecken.“ Mein Vater klang eher – entnervt – denn traurig.

„Vielleicht könnte er seinem Bruder aber doch nützlich sein?“

„Auf jeden Fall müssen wir ihm seine Freiheiten einschränken. All dieses Lotterleben muss ein Ende haben. – Natürlich könnten wir ihn auch immer noch verkaufen, ich kenne da jemanden, der -“

Mir wurde ein wenig schlecht. Könnte er sowas wirklich in Betracht ziehen? War das überhaupt Rechtens? Wie könnte ich dagegen angehen? – Eines war klar, bleiben konnte ich nicht.

„Wir hätten ihn niemals erst bekommen sollen; ein Sohn war schon genug.“

„Ja, aber eine Tochter wäre nützlich gewesen -“

Da hörte ich die Stufen über mir knarren und erschrak. Mit schweren Schritten kam jemand die Treppe herab gestiegen. Am Ende angelangt hielt der Unbekannte kurz und ging dann – kaum vernehmbar – in Richtung Speisesaal und meines Verstecks. Kurz feuchte Hände vor Sorge bekommend, dass dieser Jemand zu mir kommen könnte, wurde ich darin doch enttäuscht.

All die Zeit über, die ich den Schritten gelauscht hatte, vergaß ich aber, meinen Eltern beim Gespräch zuzuhören. Und als ich mich wieder dem Saal zuwandte, waren sie verstummt. Verwundert versuchte ich zu erkennen, was jetzt geschah. Die beiden standen immer noch am selben Fleck, starrten nun jedoch in Richtung der Eingangstür. Mein Vater blickte verärgert, meine Mutter dagegen eher verängstigt.

„Liebling? Bist du das?“

Was meinte sie? Mich konnten sie nicht sehen; mich sahen sie nicht an.

„Was soll die dumme Verkleidung?“

Meines Vaters Frage machte mich nur noch neugieriger. Ein Diener würde ihnen wohl kaum einen Streich spielen, also kam nur mein Bruder in Frage.

„Was – was machst du da? Was soll das?“

„Du machst mir Angst -“

Was ging da vor? Was geschah?

Plötzlich ergriff mein Vater den silbernen Kerzenhalter vom Tisch und schleuderte ihn gen Tür. Mit einem stumpfen Geräusch traf er auf etwas und fiel polternd zu Boden. Doch niemand sprach oder beschwerte sich.

„Tu doch was!“ forderte meine Mutter und zerrte an meines Vaters Arm, als hätte er nicht bereits etwas versucht.

„Und was, Weib?“ zeterte er zurück und riss sich los.

Dann zog er das Tischlaken vom jetzt leeren Tisch, holte auch damit aus und schleuderte es, als würde er am See ein Netz auswerfen. Kaum war das geschehen, verschwand er aus meiner Sicht, während meine Mutter nur wie gebannt weiter vor sich starrte.

Plötzlich hastete mein Vater wieder durch mein Blickfeld, mit einem der als Zierde gedachten Schwerter, die immer über dem Kamin gehangen hatten.

Dass dort etwas Unheilvolles vor sich ging, konnte selbst ich mittlerweile sagen. Ich hörte meinen Vater keuchen und ein Gerangel, bevor meine Mutter auf einmal schrill aufschrie. Ich hielt es nicht mehr aus an diesem Ort, wollte nicht tatenlos zusehen müssen, wie meine Eltern überfallen oder schlimmeres worden, doch fühlte meine Beine vor Angst gelähmt.

Erst als meine Mutter ein weiteres Mal schrie und sich langsam rückwärts den Tisch entlang tastete, vermochte auch ich mich wieder zu bewegen. Ich schnappte mir das Erstbeste, das als Waffe in Frage kam und stolperte mit einem Besen bewaffnet aus der Kammer in den Flur, nachdem ich die Tür mehr durch ein Dagegenwerfen als durch Handdruck geöffnet hatte.

Der Flur war leer, doch die Tür zum Speisesaal offen, und was ich da sah, hätte ich lieber nie gesehen. Eine Gestalt im schwarzen Mantel stand dort, mir den Rücken zugewandt, die Kapuze tief im Gesicht. Wieder einmal sah ich die Hände nicht, erkannte aber, dass der Schwarze dort meinen Vater am Hals hochzuhalten schien. Mich dagegen bemerkte er nicht, als ich zur Tür heraus ging. Gerade ließ er von meinem Vater ab und ihn zu Boden sinken. Da erkannte ich die blutige Klinge und dass es für meinen Vater bereits zu spät war. Am anderen Ende des Tisches aber stand noch meine schreiende Mutter und klammerte sich an daran.

Der Dunkle schien nichts von mir zu ahnen, auch meine Mutter sah mich nicht an. Ihr Blick ruhte auf ihrem Gegner verhaftet, der langsam den Tisch umrundete, wie sie es gleichsam tat. Einmal sah ich dem Treiben zu, wie sie sich dort umkreisten, und mir wurde der Witz bewusst, den sie veranstalteten. Dann aber stolperte meine Mutter über den leblosen Körper meines Vaters und fiel rücklings hin. Sie schlug sich den Kopf an einem Stuhl an und lag regungslos. Der Dunkle hielt nicht an, wurde nicht schneller. Immer noch und mit tödlicher Langsamkeit näherte er sich mit dem blutigen Messer.

Während all der Zeit ward ich starr geblieben, doch nun regte sich etwas. Mehrmals hatte ich mit ansehen müssen, wie dieses Etwas dort immer wieder genau vor meiner Nase jemanden umbrachte; nie hatte ich es gewagt, dagegen anzugehen, die Taten zu verhindern, das Unglück abzuwenden. Doch diesmal sollte es anders werden. Auch wenn ich sie hasste; das Leben meiner Familie stand noch auf dem Spiel.

Der Dunkle war gerade bei meiner Mutter angelangt. Langsam beugte er sich nieder, bis er ihre Kleidung ergreifen konnte und sie an dieser hochzog. Während er sein Messer hob, griff ich an. Endlich konnte ich mich wieder bewegen, endlich einmal etwas machen. Also war ich hinter die Gestalt geschlichen und erhob den Besen, den ich immer noch umklammert hielt. Dann schlug ich zu.

Ich weiß nicht, was schief gegangen war, doch als ich wieder zu mir kam, lag ich zwischen den Leichen meiner Eltern. Von dem Mörder war nichts mehr zu sehen. Über meine Benommenheit konnte ich nur noch froh sein, denn andernfalls wäre mir zu schlecht geworden. Das geschah dann aber noch, als ich den Saal verlassen hatte. Im ganzen Haus fand ich keine Seele vor. Es wirkte, als hätten die Bediensteten Urlaub erhalten, als wären sie geflohen. Auch von meinem Bruder fand ich keine Spur.

Ich verbrachte einige Stunden damit, mich hemmungslos zu betrinken.

Aber ich blieb allein.

Letztlich wurde mir noch einmal Schwarz vor Augen.

 

 

XIV

Was war schief gelaufen?

Als ich zu mir kam, lag ich im Bett meiner Wohnung in der Stadt. Verschlafen starrte ich die Decke an und verfolgte die Musterung des Holzes. Erst langsam kam mir in den Sinn, was geschehen war. Nach den Ereignissen im Haus meiner Eltern hatte ich mich solange betrunken, bis ich nicht mehr wusste, wer, was oder wo ich war. Irgendwann schließlich klärte sich mein Geist – und ich befand mich bereits wieder auf dem Rückweg in die Stadt. Ich hatte Angst vor dem Haus, was dort lag und was man mich fragen würde. Zwar war ich nicht der Mörder, doch traute ich den Behörden nicht zu, zwischen dem Richtigen und mir zu unterscheiden. Letztlich könnte es sein, dass der Dunkle immer noch zugegen gewesen wäre. So trieb es meinen Körper wie von selbst zurück in die kleine Wohnung. – Wie ich es aber so schnell geschafft hatte, blieb mir verborgen.

Als ich da lag, kam mir endlich die Frage in den Sinn, was wohl mit meinem Bruder geschehen war. Er und die Dienerschaft waren so plötzlich fort gewesen, dass es mich sehr wundern musste. Waren sie allesamt getötet und verscharrt worden? Oder waren sie beim Anblick des Dunklen verschwunden? Oder vielleicht noch schlimmer: war einer von ihnen der Dunkle?

Nach einer Weile stand ich auf, denn ewig könnte ich nicht liegen bleiben. Genau genommen, so kam mir in den Sinn, könnte ich überhaupt nicht mehr hier bleiben. Sobald die Behörden den Geschehnissen Daheim auf die Spur kämen, würde es nicht mehr lange dauern, bis sie wüssten, wo ich wohne. Und dann war da noch die Sache mit den vergangenen Morden der letzten Tage, die ich zwar nicht begangen hatte, in deren Fällen ich mich aber auch nie unschuldig verhalten verhielt.

Obwohl ich das Gefühl verspürte fliehen zu müssen, ließ ich mir Zeit. Ich wusch und kleidete mich, bevor ich hinaus auf den Markt ging, denn Nahrung hatte ich immer noch nicht Zuhause. Der Markt wirkte wie immer, wenngleich es an diesem Tag nicht sehr geschäftig war. Beim Bäcker in der südlichen Ecke holte ich mir, wie oft zuvor, ein Brot.

„Ich habe sie ja schon lange nicht mehr hier gesehen. – Haben sie etwa einen besseren Bäcker gefunden?“ fragte der Mann mit scheinbar tiefem Ernst.

Ich antwortete darauf mit einem gekünstelten Lächeln. „Nein, sicher nicht. Ich bin in den letzten Tagen nur nicht dazu gekommen, herzufinden.“

„Herzufinden? So schwer ist das doch gar nicht?“ fragte der Mann tumb.

„Ja, das war – naja -“ Ich neigte schon immer dazu, schnell aufzugeben.

Der Mann beäugte mich, als sei ich ein fremdes Gemüse, dann erzählte er von anderem: „Haben sie schon von den ganzen Morden in letzter Zeit gehört?“

Verdächtigte er etwa mich? Oder war ich von jemanden gesehen worden? Angstschweiß brach aus.

„Äh – ja – glaub schon -“

Wieder sah er mich so seltsam an. Hatte ich etwas im Gesicht? Benahm ich mich wie ein Trottel?

„Schreckliche Sache das, oder? Da traut man sich Abends kaum noch vor die Tür. Und ich, ich muss hier ja bereits schon mitten in der Nacht anfangen -“

„Gibt es denn was neues?“ unterbrach ich ihn.

„Neues? Ja, was sollte es denn neues geben?“

„Na weiß man, wer es war? Wann fängt man den Täter?“

„Achso!“ Welches Gemüse war ich wohl für ihn? „Nein, ich glaub‘, den sucht man immer noch. Den? – Vielleicht war es ja auch eine Frau? Naja, nach dem, was dort droben“, – er meinte wohl die Gegend der Wohlhabenderen – „geschehen ist, glaube ich ja, eines der gut betuchten Kinder ist verrückt geworden.“

Betucht? „Hm – kann sein – ich glaube nicht, dass ich da noch lange in der Stadt bleiben werde.“ Warum erzählte ich das gerade ihm, einem plappernden Bäcker?

Ich war sicher, es war eine Gurke. „Ist das nicht etwas übertrieben? Ich werde hier ausharren. Habe nicht umsonst das hier gekauft.“ Damit lüpfte er seinen Mantel, als würde er mir Hehlerware anbieten, und zeigte einen böse aussehenden Dolch.

Nun war es an mir, ihn wie ein Gemüse anzusehen. „Na dann bleib ich lieber dabei, bei ihnen nur Brot zu kaufen.“

Ein letztes Mal in meinem Leben durfte ich diesen Blick sehen, bevor ich endlich gehen konnte. Mit einem neuen Brot in meinem Besitz, machte ich mich auf den Weg zum Käsehändler, um auch einen passenden Belag zu bekommen. Unterwegs kam ich an der dunklen Gasse vorbei, durch die ich schon wenige Tage zuvor hatte gehen müssen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, diese Stelle zu meiden, doch hielt ich an, als ich meinte, etwas zu erblicken. Dort, in der dunklen Ecke zwischen den Müll- und Unrathaufen – was war das? Gebannt blieb ich stehen und versuchte, etwas zu erkennen. War das – ein Mantel – der da so seltsam flatterte? War das Metall, welches da kurz aufblitzte?

„Bruder – ?“ fragte ich in die Dunkelheit.

„Was machst du da?“

Vor Schreck zuckte ich deutlich zusammen und fuhr herum.

„Oh, verzeih, ich wollte dich nicht erschrecken“, sprach sie, eine alte Bekannte, deren Namen mir aber nicht einfallen wollte.

Unfreundlich beachtete ich sie nicht, sondern wandte mich ab, versuchte noch einen Blick auf die Gasse zu erhaschen – doch dort war nichts mehr. Also würdigte ich die Frau doch noch mit meiner Aufmerksamkeit.

„Ich dachte, dort wäre jemand, den ich kenne -“

„Dafür steht jetzt jemand, den du kennst, vor dir“, strahlte sie mich an.

„Das stimmt – was machst du hier? – Ich wollte gerade Käse kaufen gehen“, sprach ich und erhob mein einsames Brot.

„Stör ich dich dabei?“ grinste sie mich an.

„Nein, ich -“

Was näherte sich ihr da von hinten? Für einen Augenblick sah ich nichts, als hätte mich die Sonne geblendet. Dann – ein Schatten, in wallenden schwarzen Gewändern, schwarz wie die Nacht – und ein sanfter Blitz, wie von einer Klinge mit Metall –

„Was ist?“ Nun schaute sie mich an, als sei ich ein ungewöhnliches Gemüse, oder bereits verfault.

„Wie? – äh – nichts – ich dachte, ich sehe jemanden, den ich kenne -“

„Schon wieder? Aber er ist nicht da?“

„Das hoffe ich nicht -“

„Ah, jemand, dem du aus dem Weg gehen willst. Sollen wir uns küssen?“ fragte sie vollkommen ernst.

„Was?“ Sehr entsetzt musste ich wohl ausgesehen haben.

„So schlimm? – Ich dachte nur, in den billigen Heftchen küssen sich immer zwei, wenn einer verfolgt wird – du weißt schon – zur Tarnung. Aber das scheint dir nicht zu gefallen?“ Sie wirkte tatsächlich enttäuscht.

„Tut mir leid – ich glaube, ich fühle mich nicht so gut -“

„Du solltest heim gehen.“ Sie sah immer noch ein wenig traurig aus.

„Kann sein -“ Dann kam ich kurz zu Sinnen. „Vielleicht können wir etwas unternehmen, wenn es mir wieder besser geht?“

„Sicher!“ Doch so glaubwürdig wirkte sie nicht.

„Gut – dann – wir sehen uns.“ Damit machte ich Anstalten, mich vom Fleck zu entfernen.

„Sicher. – Vergess den Käse nicht.“

„Was?“ fragte ich, blieb stehen und blickte zurück.

„Na, du wolltest doch -“ und deutete auf mein Brot.

„Oh – Ja! – Sicher“, sprach ich, verabschiedete mich und ging.

Ich vergaß aber doch noch, zum Käsehändler zu gehen und musste später trocken Brot genießen, da ich in jeder Ecke nur noch schwarze Gestalten sah.

 

 

XV

Eine schreckliche Jagd

„Nein, tut mir leid, ihre Eltern haben mich angewiesen, ihr Gehalt auszusetzen und ihnen den ausstehenden Rest zu senden. Sie selber stehen nicht mehr auf meiner Liste; ich suche bereits einen neuen Gehilfen. – Kennen sie zufällig jemanden?“ Damit äugte er mich schräg an.

„Aber es standen noch zwei Gehälter aus!“ Zornige Verzweiflung sprach da aus mir; ich wollte die Stadt verlassen, hatte aber kein Geld.

Der alte verwitterte Geier starrte mich über das knöcherne Holz seines Schreibtisches hinweg an, als sei ich keine schmackhafte Beute. „Ja, aber in der Angelegenheit können sie sich an ihre Eltern wenden.“

Wenn der wüsste – „Das ist – ich brauche das Geld!“

„Wer tut das nicht?“

In einer der beiden Ecken seines Raumes, hinter seinen stakenden Schultern, war ein tiefer Schatten. Zorn erstieg in mir; alles am Rande des Blickfeldes verschwand. Während ich noch starrte, tauchte aus diesem See der Dunkelheit langsam eine Messerspitze auf, bis sich der ganze Dolch offenbarte.

„Was?“ Der Alte hatte etwas gesagt.

„Jetzt verschwinden sie endlich. Sie waren der lausigste Gehilfe, den ich je hier gehabt hatte und möchte sie nicht noch einmal sehen!“

Auf der Straße stand ich eine Weile verwirrt herum und überlegte, was ich nun tun sollte. Als ich erkannte, dass dies verdächtig wirken könnte, wanderte ich ziellos umher. Schnell geriet ich dabei wieder auf den Markt und an die Gärten. Verwundert blieb ich stehen, mich fragen, warum ich gerade dort gelandet war. Nie hatte ich nach diesem ersten Abend noch einmal nachgesehen, was aus dem Mädchen geworden war, warum man nie etwas von ihr hörte. Ich musste mir ausmalen, wie ihr Körper immer noch dort im Gebüsch verborgen lag, geschändet und leblos, und wie der Dunkle zu ihr zurückkehrte.

Bevor mir schlecht werden könnte, handelte mein Körper, eh mein Geist es merkte. Sobald dieser es wieder tat, befand ich mich auf dem Weg, der in die Gärten hinein führte. Links und Rechts wurde es grüner, als die Büsche wuchsen und zu Bäumen wurden. Nacheinander betrat ich die Wiesen, von denen ich meinte, dass es dort geschehen sein könnte. Zunächst hielt ich gebührenden Abstand zu den dichteren Gebüschen und versuchte nur aus der Ferne zu erkennen, ob möglicherweise etwas dort verborgen läge. Da aber an allen Orten, die gut einsehbar waren, sie schon lange gefunden worden wäre, musste ich mich tiefer ins Dickicht wagen.

Recht bald kam ich auch an die richtige Stelle. Durch enges störrisches Gebüsch schob ich mich und gelangte auf eine kleine Lichtung. Unter mir lagen zerbrochene Äste und nur wenige Bäume boten Deckung. An einem lehnte noch eine leere Weinflasche, die jemand hier zurück gelassen haben muss. Kaum traute ich mich, hinter den Baum zu blicken, doch stolperte ich und hatte so keine andere Wahl, als meine Augen auf den Ort zu richten, wo es geschehen war.

Doch der Platz war leer.

Trotzdem blickte ich voller Entsetzen auf den Fleck, an dem sie gestorben war. Immer noch war deutlich, dass dort jemand gelegen hatte. Blutspuren, Kleidungsfetzen – waren aber nicht zu sehen. Der Wind verwehte einige Blätter; ich konnte nicht anders, als in Erinnerungen zu schwelgen, die mir aber kaum gefielen. Was auch immer mit ihr geschehen war – hier befand sie sich nicht mehr und keiner in der Stadt schien darum zu wissen. Ob die Behörden wohl ein einziges Mal richtig gearbeitet hätten und alles verbergen konnten?

Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinab, als ich den Ort des Verbrechens erkundete. Mir war, als greife eine Hand nach mir, als lege sich eine kalte Klinge an meinen Hals. Das Gefühl der Angst vermochte ich kaum noch zu unterdrücken; ich musste mich wenden, das Gefühl zu widerlegen. Doch voller Schrecken erkannte ich, wie recht es doch gehabt hatte.

Dort, nun vor mir, stand die Gestalt, gehüllt in einen schwarzen Mantel, der ihn völlig verbarg. Selbst die Kapuze war zu tief ins Gesicht gezogen, selbst die Hände schauten nicht aus den Ärmeln. Doch ein glänzendes Stück Metall blickte hervor; ein scharfer Dolch. Und dieser wurde in Richtung meines Bauches gestoßen.

Dieses Mal aber war ich nicht gelähmt, dieses Mal vermochte ich es, zurück zu springen. Die Klinge traf nur Luft, während ich tat, was mein Körper verlangte: Fliehen. Verwundern konnte ich mich später aber darüber, wohin es meinen Körper zog; ebenso froh darüber sein, dass es zu dieser Zeit langsam dunkel wurde. So vermochte niemand zu sehen, wie ich stolpernd rannte, wohin mich meine Füße trieben. Ich achtete kaum auf die Umgebung, durch die ich lief, sah mich nicht um, ob ich noch verfolgt würde. Der Boden unter mir wurde steiler, das Laufen anstrengender, doch bemerkte ich immer noch nicht, wohin ich rannte. Erst als ich Stufen steigen musste und langsam außer Atem geriet, erkannte ich, dass ich die Mauern der Burg erklomm.

Oben angelangt lehnte ich mich an die Zinnen und blickte den Weg zurück, den ich gekommen war. Nirgends war etwas von einem Verfolger zu sehen, doch hätte ich dies auch nicht erwartet. Erschöpft setzte ich mich zwischen auf die Mauer und konnte nur hoffen, an diesem Platz in Ruhe gelassen zu werden. Mein Blick fiel an die Stelle, wo vor wenigen Tagen das Pärchen herauf gekommen waren. Natürlich gab es davon keine Spur mehr zu sehen.

Plötzlich kam mir ein Einfall, den ich in dem Augenblick als klügst möglichen betrachtete, welchen ich je gehabt hatte. Sofort als es mir in den Sinn gekommen war, stand ich auf und suchte den Boden ab, um die Maske zu finden, die ich dort verloren hatte. Auch wenn ich mir sicher war, dass es hier nicht geschah, brachte mich meine Suche auch zu dem Abhang, der hinab zum Fluss führte. Kurz starrte ich in den Abgrund, mir vorstellend, wie es ausgesehen haben muss, als der arme Tropf dort hinein stürzte.

Wieder aber stieg mir dieses Gefühl in den Nacken, beobachtet und bedroht zu werden. Diesmal aber wartete ich nicht, bis es überwältigend wurde; diesmal wandte ich mich nicht um, zu sehen, was dort wäre. Ich machte nur einen Schritt nach Vorne, bis ich fast in den Abgrund stürzte, dann einen weiteren nach Rechts, so dass jeder, der nach mir stoßen würde, in den Tod fiele. Erst dann wagte ich einen Blick nach links.

Der Dunkle war auf meine Falle nicht eingegangen, stattdessen stand er ruhig da. Sein Arm aber sprach der Beschreibung Lügen, da er mit der Schnelligkeit des Blitzes nach mir hieb. Der Dolch verfehlte mich nur knapp, als ich vor Überraschung das Gleichgewicht verlor. Fast fiel ich selber und wäre den Abhang zum Markt hinab gerollt, doch konnte ich das Stolpern noch in einen Sprung abwandeln. Irgendwie schaffte ich es auch noch, mich zu drehen und gleichzeitig zu laufen.

Ohne ein einziges Stolpern gelang es mir, den Hang hinunter zu kommen. Auf dieser Seite der Burg befand ich mich nicht weit der wohlhabenderen Gegenden entfernt. Mein Hirn konnte sich nicht zu schwerer Probleme annehmen, so musste wieder einmal mein Körper die Richtung vorgeben. So schnell ich konnte, rannte ich, und geriet in das Viertel der Reichen. Nach kurzer Zeit blieb ich stehen, einen Blick zurück zu werfen. Zwar bemerkte ich keinerlei Verfolger, doch war mir klar, dass er bald da sein müsste. Verzweifelt blickte ich mich nach einem Versteck um. Jeder, der mich so auf der Straße gesehen hätte, wäre vermutlich selbst Schutz suchend geflüchtet.Warum kam mir nie in den Sinn, mich an eine Behörde zu wenden? War es die unterschwellige Angst, von ihnen ebenfalls gesucht zu werden?

Wie dem auch sei, an diesem Abend fiel mir als erstes das Haus auf, an dem vor so kurzer Zeit solch Schreckliches geschehen war. Heute stand niemand vor der Tür, doch in einem Fenster brannte Licht. Wie man noch in solch einem Haus wohnen konnte, in dessen Garten zwei Morde geschehen waren? Dort wollte ich mich sicher nicht verstecken, hätte der Besitzer wohl kaum Verständnis für mich, sollte man mich wirklich mit den Morden in Zusammenhang bringen.

Mein drittes und letztes Versteck an diesem Abend wurde also ein anderer Ort. Dort zeigten sich keine Diener vor der Tür und seltsamerweise auch keine im Innern. Genau wie das Anwesen auf dem Lande, stand auch das Stadthaus meiner Eltern leer und verlassen, als wären alle vor mir geflohen. – Alle, bis auf einen. Er erwartete mich im großen Saal, der hinter der Eingangshalle lag. Unberührt stand er dort, sein schwarzer Mantel verbarg weiterhin alles von ihm. Nichts zeigte sich von ihm selbst, nicht einmal der Dolch, mit dem er sonst immer gedroht hatte.

Ich fühlte nur noch eine unendliche Erschöpfung, konnte mich nicht mehr wehren, noch flüchten.

„Ich gebe auf“, sprach ich und erwartete den Tod.

Doch nein, der kam nicht, nichts geschah.

„Was – was ist?“ sprach ich ein wenig verwirrt.

Und da erhob er die Arme. Behandschuhte Hände wurde in seinen Ärmeln sichtbar, als er die Kutte ergriff und zurückwarf.

Böse lächelte mich mein Bruder an.

 

 

XVI

Die Wahrheit?

Einen Augenblick war ich zu verblüfft für jegliche Antwort.

„Bist du jetzt überrascht, Bruderherz?“

„Was – du -?“ Ja, ich war überrascht.

„Du konntest auch schonmal besser sprechen“, verhöhnte er mich.

„Wie konntest du -“, dann fiel mir etwas ein, „du hast unsere Eltern umgebracht!“

„Ja, das habe ich wohl“, sprach er und spielte mit dem Dolch in seinen Händen, als wollte er mir etwas zeigen.

„Wieso?“ fiel mir nur ein,

„Beruhige dich. – Nicht mehr lang, dann verstehst du.“ Aber er hörte nicht auf, den Dolch zu drehen.

„Was hast du jetzt vor?“ Endlich fiel mir eine längere, zusammenhängende Aussage ein. „Warum hast du mich den ganzen Abend so verfolgt? Willst du mich jetzt auch umbringen?“

„Hätte ich das nicht so oft schon tun können?“ Langsam begann er, mich im Halbkreis zu umrunden, derweil ich seinen Platz in der Mitte des Saales einnahm, um ihm nicht zu nahe zu kommen, während er, an meinem alten Platz angelangt, die Tür schloss. „Nein, ich wollte, dass du etwas erkennst. Aber da du es immer noch nicht hast, sage ich es dir: Du versuchst mich umzubringen. Und dagegen muss ich mich wehren, findest du nicht?“

„Was? Ich dich umbringen? – Wie kommst du darauf?“ Eigentlich wollte ich nur weiter weglaufen, sah mich sogar nach Ausgängen um, doch alle Türen schienen verschlossen.

„Solange es mich gibt, wirst du nicht frei sein; willst du mich vernichten.“ Nun kam er langsam auf mich zu.

„Was sprichst du da für Unsinn? Du bist sogar älter als ich!“

Er aber achtete nicht auf meine Worte. „Nach einer Weile hattest du dein Ansinnen mich zu vernichten aber vergessen, verdrängt. Trotzdem kämpfte dein Geist weiter gegen mich.“

„Ich verstehe dich nicht -“ Hatte ich denn wirklich keine Waffe dabei?

„Genau das ist der Punkt. – Ich habe es verdient zu leben, nicht du, du Fehltritt der Natur!“

Endlich sprang er auf mich zu, mit dem Dolch nach mir stechend. Von dem einst so kühlen und stillen Mörder, der mich die letzten Tage verfolgt hatte, war nichts mehr zu merken.

Aber ich hatte mich darauf vorbereiten können. Sofort sprang auch ich, doch zur Seite, so dass er ins Leere stieß, und lief zur Tür, durch die ich gekommen war. Verzweifelt rüttelte ich an ihr, doch mein Bruder schien sie verschlossen zu haben. Schon kam er herbei; ich konnte nur erneut ausweichen. Während sein Dolch im Holz stecken blieb und er daran zerrte, lief ich zur nächsten Tür. Doch diese war ebenso verschlossen.

Da fiel mir etwas ein, als ich zurück zu meinem Verfolger sah.

„Wie hast du es angestellt, mir immer wieder nur kurz zu erscheinen und wieder zu verschwinden?“

„Du verstehst es also immer noch nicht“, sprach er zwischen zusammen gebissenen Zähnen, während er am Dolch zerrte. „Aber das wird gleich nicht mehr wichtig sein“, rief er und hatte die Klinge mit einem Ruck befreit.

Sofort ließ ich von der Tür ab und rannte noch eine weiter; ebenso verschlossen wie die davor. So blieb nur noch eine, die mich retten könnte. Nie hätte ich es gedacht, doch sollte sie das wahrlich versuchen. Aus irgend einem Grunde war sie unverschlossen. Sofort stürzte ich hindurch, knallte sie hinter mir ins Schloss und stemmte mich dagegen.

„Du entkommst mir nicht!“ hörte ich meinen Bruder rufen.

Kurz darauf erschrak ich, als im Holz vor mir die Spitze des Dolches erschien. Mein Bruder warf sich immer wieder gegen die Tür, doch ich hielt dagegen. Nach einer Weile schien er aufzugeben.

„Du entkommst mir nicht, kleiner Bruder“, sprach die Stimme in meinem Rücken und ich wirbelte erschrocken herum.

Dort stand er, mein Bruder, im schwarzen Mantel und grinste mich an. Er musste wohl eine der anderen Durchgänge genommen haben.

„Nein, das habe ich nicht“, sprach er, als würde er meine Gedanken lesen können, „sieh dich doch um.“

Und tatsächlich, dort standen wir in einem kleinen Raum, der außer dieser, an der ich stand, keine weitere Tür hatte.

„Wie bist du -“ wollte ich fragen.

Eine Antwort gab er mir erst gar nicht, sondern hieb erneut nach mir. Wieder konnte ich ausweichen und geriet dabei hinter einen kleinen Tisch. Es klingt ein wenig abgedroschen, aber die tönerne Urne, die sich darauf befand, warf ich meinem Bruder an den Kopf. Laut scheppernd zerbarst sie und er war eine Weile damit abgelenkt, sich fluchend um seine Wunde zu kümmern.

„Das wirst du mir büßen!“ rief er, doch tat nichts weiter.

Ich dagegen versuchte mich an dem einzigen Fenster, welches der Raum bieten konnte. Natürlich musste es verschlossen sein, also kehrte ich um und suchte etwas, das schwer genug wäre, das Fenster einzuwerfen. Bis ich aber so weit gewesen wäre, war mein Bruder schon wieder über mir.

Diesmal aber drehte ich den Spieß um.

Als er auf mich zugestürzt kam, hielt er den Arm mit der Klinge ausgestreckt, auf mein Herz oder meine Kehle zielend. Statt wie immer zu handeln tat ich aber etwas, das sowohl für ihn, als auch mich neu war. Ich duckte mich und stellte ihm ein Bein. Kaum, dass er auf dem Boden lag, griff ich mir sein Messer. Die Klinge gegen seinen Hals drückend, setzte ich mich rücklings auf ihn, mit meinen Beinen auf seinen Armen.

„Warum hast du sie alle umgebracht?“ wollte ich endlich wissen.

Er aber fing an zu lachen. „Ich war es doch gar nicht!“

„Was?“ Einen Augenblick war ich so überrascht, dass ich es fast geglaubt hätte. „Jetzt sprich! Warum hast du das Mädchen umgebracht? Den Mann auf der Burg? Meine beiden Freunde? Vor allem: Warum brachtest du unsere Eltern um?“

Doch er lachte noch immer. „Ich war es nicht.“

„Was soll das bedeuten?“

„Du hättest es verhindern können!“

„Was?“ Wenn es seine Absicht war, mich zu verwirren, so hatte er Erfolg.

Diesen nutzte er aus: Es dauerte nicht lange, da war ich es, der auf dem Boden lag, die Klinge am Hals, den Sieger über mir.

Und neben mir – ein Spiegel.

Ich weiß nicht, wie er dort hingekommen oder warum er nicht zerbrochen war, doch er sollte mein Leben ändern. In ihm sah ich mich selber. Es dauerte, bis ich erkannte – doch ich erkannte.

Und über mir spürte ich den Atem meines Bruders.

„Na, wie ist es, zu wissen, dass du gleich stirbst?“

Doch ich beachtete ihn nicht, und ließ ihn zürnen.

„Ich habe all diese Leute von ihrem Leid erlöst, weil sie es nicht verdienten zu leben. Und genau das werde ich auch mit dir machen; ich habe es verdient zu leben, nicht du!“

Doch ich antwortete nicht, und ließ ihn unsicher werden.

„Hast du keine Angst? Du musst doch sterben vor Furcht!“

Doch das tat ich nicht, denn ich wusste, wie ich ihn besiegen könnte.

„Was ist?“ sprach er ein letztes Mal.

Und ich beobachtete nur das Bild im Spiegel, der mir alles zeigte, was da war. Und ich sah nur mich.

 

 

Epilog

Bekenntnis

Es ist grauenvoll, um all diese Taten zu wissen. Schlimmer noch ist es zu wissen, dass ich es hätte verhindern können. Bis heute werfe ich mir vor, dass ich die Zeichen nicht früher erkannte. Zwar hatte ich all dem letztlich ein Ende setzen können, doch wird niemals sicher sein, dass es nicht wieder beginnen könnte. Darum sorge ich mich, und deshalb sorge ich dafür, dass ich nie wieder eines anderen Lebewesens Auge erblicke.

Dies hier ist der letzte Bericht meiner Erlebnisse, doch wird niemand außer mir erfahren, worüber ich hier in Wahrheit schrieb. Zwar ist alles tatsächlich geschehen, doch änderte ich alle Beschreibungen von Beteiligten und Orten, so dass niemand, der dabei gewesen, es wiedererkennt. Ich will nicht, dass mein Name oder der meiner Familie jemals mit solchen Schandtaten in Verbindung gebracht wird.

Mein Leben ist ein neues; niemand mehr soll meinen Namen kennen.

 

Gedrucktes Buch

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AWG93 Der A’Lhumakrieg

Februar 15, 2020

Der A’Lhumakrieg

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Prolog

Crear Ataurass Elorm ist tot. Für die einen war es ein Segen – für wenige ein Unglück. Bis heute ist es schwer zu entscheiden, zu welcher Gruppe man sich rechnen sollte.

Mein Name ist Eilzen Doubal. Ich war sein Diener, engster Vertrauter und – Freund. Jahre schon ist es her, dass Crear Elorm verstarb, und bisher hüllte ich mich stets in Schweigen. Nun, da alle ihn nur noch als das Böse betrachten, ist es Zeit für mich, alles zu erzählen, wie es wirklich war – wie ich es aus nächster Nähe erlebte. Dieses Buch soll alle Geschichten, alle Legenden, ins rechte Licht rücken oder ergänzen. Deshalb ist es nicht nur für das Volk von A’Lhuma, sondern für die ganze Welt gedacht. Und bei einer solchen Aufgabe muss man daran denken, dass nicht alle die Geschichte von A’Lhuma kennen werden, ja einige vielleicht nie von uns hörten. Darum lasst mich zunächst einige Worte zu unserem Reich verlieren.

Vor etwa 5000 Jahren erschienen unsere Vorfahren in diesem Teil der Welt um sich hier niederzulassen. Das Reich von Harite wurde groß und mächtig, doch die Streitigkeiten mit seinen südlichen Nachbarn Darite wirkten sich aus bis in unsere Zeit. Später stand es – mit Ausnahme von Barga, seiner Hauptstadt – unter völliger Herrschaft durch Luvaun. Dieses war für seine meisterlichen Bauwerke berühmt, was auch uns zugute kam; noch heute werden die Kanäle benutzt. Als Luvauns Gegner aber, das Reich von Lurruken, Barga in seinem Freiheitskampf unterstütze, waren die goldenen Zeiten bald vorbei und das Reich Haret entstand.

Padrun, die heutige Hauptstadt unseres Nachbarn Panmein, war damals die Hauptstadt. Da in Barga aber ein Großteil des alten Adels verblieb, befand sich das Reich bald nach einem gewaltigen Bürgerkrieg in Trümmern. Für viele Jahrhunderte blieben rund um den großen Strom des Haregez bloß kleine Reichem, die sich gerne bekämpften. Im Norden setzte sich schließlich Padrun durch und formte sein Panmein; im Süden kam die Familie Sacaeran in Barga an die Macht und Sacaluma ward geboren. Diese Familie war es einst auch, die unser Lurut gründeten. Lange Zeit blieben diese beiden Reiche – Panmein und Sacaluma – Gegner. – Bis Crear kam. Doch lange zuvor schon wurde dem Reich Sacaluma geweissagt, dass es dereinst einen wichtigen Teil eines großen Krieges spielen würde. Ob dieser nun stattgefunden hat oder noch kommen wird, werde ich wohl nicht mehr erleben.

A’Lhuma heute – oder auch bis vor wenigen Jahren Sacaluma – ist ein Gemisch verschiedenster Völkerschaften, so sollte es nicht wundern, dass es eines Tages größeren Streit zwischen diesen gab. 3940, vor 40 Jahren, herrschte über Sacaluma noch die Familie Sacaeran in Barga. Es war das Jahr, in dem in Lurut ein ganz besonderer Junge geboren wurde. Lurut liegt im Westen des Landes und ist Sitz der Familie Elorm. Dieses Kind war Crear Ataurass Elorm.

Ich weiß nicht, wann genau mein Freund Crear den Verstand verloren hat. Als Kind wirkte er so unschuldig, so anständig, so – gewöhnlich. Doch ist sicher, dass der Tod des Vaters ihn hart traf.

 

 

1. Buch

I: Die verlorene Tugend der Kindheit.

An einem schönen Frühjahrstag traf sich ein Teil der Familie Elorm südlich der Stadt Lurut am Telénemeer. Es ist heute nicht mehr bekannt, wer den Vorschlag dazu machte, doch nahm ein ganzer Zweig der Familie daran teil.

Shaen Gurass Elorm war ältester noch lebender Sohn von Gurass Noroash Elorm, dem Herrn von Lurut. Als die Familie im Wald jagen war, zeigte er stolz allen seine Beute.

„Seht was ich hier erlegt habe und versucht mich zu überbieten!“

Ataurass Shaen Elorm, sein jüngster Sohn, hatte den Ehrgeiz seines Vaters nie leiden können.

„Nur weil dir das fetteste und lahmste Tier vor den Pfeil lief bedeutet das nicht, dass du besser bist als wir. Zu siegen ist nicht alles.“

„Oh doch mein Sohn! Sieg, Macht und Kraft sind alles! – Aber das hast du noch nie begriffen.“

Asmyllis Teule Elorm, Tochter des Shaen und Schwester des Ataurass, hatte in der Familie schon immer zwischen den beiden gestanden.

„Das reicht! Es sollte ein schöner Ausflug werden!“

Tatsächlich gehorchten die beiden Männer ihr auch und schwiegen.

Der kleine Crear Ataurass Elorm, Sohn des Ataurass, gab zu dieser Zeit noch wenig auf die Reden aller Beteiligten, war er doch kaum größer denn das von Shaen erlegte Tier. Bezeichnenderweise nahm jedoch kaum jemand in seinen Worten Rücksicht auf den Kleinen, waren sie doch zu sehr mit sich und ihren Gegnern beschäftigt. Crears Amme, genannt Mütterchen Gouma, hielt ihm zu solchen Zeiten oft die Ohren zu, waren solche Reden doch nichts für sein kleines Gemüt.

Auch ich, Eilzen Doubal, war damals mit in diesem Wald an der Küste des Meeres. Meine Aufgabe war es, ein Lasttier zu führen, welches den Karren mit Vorräten zog. Drei solcher Karren und drei solcher Zugführer wie mich gab es; außerdem folgten noch die Knappen des Shaen und Ataurass sowie zwei Adlige aus der Stadt und ein Koch. Die Stimmung zwischen den beiden Streithähnen war bereits seit Tagen gespannt und vermutlich sollte dieser Ausflug sie alle auflockern, ablenken und wieder versöhnen. Doch es kam alles ganz anders und natürlich viel schlimmer.

„Wie lange willst du noch durch diesen Wald schleichen und wehrlose Tiere schlachten?“

Wenn es um seinen Vater ging, hatte Ataurass noch nie gewusst sich milde zu verhalten.

„Wenn es dir hier nicht gefällt, oh Sohn, dann lass uns an das Meer gehen. Wir haben genug erlegt uns ein gutes Mahl zu bereiten.“

Shaen kannte den listigen Weg schon immer besser.

Und auch wenn sich Vater und Sohn nicht immer einig waren, so konnten sie es doch heute: Die ganze Gesellschaft wanderte hinab an die Küste, die dort sandig und trocken war, um endlich etwas zu essen. Aber natürlich sollte es noch Stunden dauern bis alles so weit wäre, weshalb man sich zunächst mit dem mitgebrachten Brot begnügen musste.

„Wie lange hast du eigentlich vor hier zu bleiben? Ich hörte, das Wetter könnte heute schlecht werden.“

Asmyllis mochte zwar die Natur, doch nicht Ausflüge, die nur dem Töten, Fressen und Streiten dienen sollten. Laut wagte sie dies ihrem Vater gegenüber aber nicht zu äußern.

„Ach, das Wetter wird schon halten. – Und wenn nicht; was macht etwas Regen schon? Lasst uns doch endlich feiern! Wir sind hier als Familie und nicht als Vorbild für Lurut!“

Überschwänglich erhob Shaen sich von seinem Platz an der kurzen Tafel, doch so recht wollte niemand seinen Anweisungen folgen. Lediglich der kleine Crear nutzte die Gelegenheit, um durch den Sand zu strollen und nach Muscheln zu suchen. Mütterchen Gouma hielt ein wachsames Auge über ihn, doch sah er nicht aus, als wollte er etwas schlimmes anstellen.

„Wie geht es eigentlich Großvater? Seit meiner Rückkehr habe ich ihn noch nicht wieder gesehen.“

Sechs Monde war Ataurass im Land unterwegs gewesen um mit anderen Adligen zu sprechen und alte Bündnisse zu wahren.

„Ach – viel zu gut.“

Es war bekannt, dass Shaen seinen Vater, den damals fast schon greisen Gurass, ebenso wenig mochte wie sein eigener Sohn ihn. Manche Zungen wagten gar zu munkeln, dass Gurass dem Ehrgeiz des Sohnes zu stark im Wege stände.

„Du kennst ihn doch – Er wird niemals aufhören zu arbeiten. – Übrigens meinte er, dich bald sprechen zu wollen.“

Asmyllis versuchte oft mit Worten und einem schnellen Lächeln die Äußerungen ihres Vaters zu überspielen.

„Trauert er immer noch um Großmutter?“

Das bedrückte Schweigen, welches Ataurass selbst aus Richtung seines Vaters antwortete, schien keine weiteren Fragen oder Antworten zu verlangen. Kurz darauf versuchte dieser auch schon weiterzumachen wie zuvor.

„Asmyllis – deine Mutter braucht Hilfe. – Sie sagt es zwar nicht, aber sieh einmal nach ihr.“

Während das Gespräch so fortging, wurde ich dazu beordert Feuerholz zu sammeln. Es erwies sich nicht als sonderlich schwer, war der Wald doch nah, aber als ich zurückkehrte hatte sich alles verändert. Shaen hatte sich wieder einmal von seinem Stuhl erhoben, diesmal aber um hitzig mit seinem Sohn zu sprechen. Dieser schien kaum weniger aufgebracht, doch hatte sich besser im Griff. Verwirrt fragte ich Gouma, was denn nun schon wieder geschehen war.

„Mmh! – du kennst die beiden doch. Nehmen jeden noch so kleinen Anlass sich zu streiten. – Ich weiß schon gar nicht mehr… worum es diesmal ging. – Eines Tages werden sie sich noch umbringen. – Mmh!“

Am Tisch schienen Vater und Sohn sich bereits wieder beruhigt zu haben – zumindest waren sie leiser und saßen beide wieder. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich sodann eine Bewegung – und schon kam der kleine Crear zum Tisch gelaufen. Den Streit schien er – wie sooft – nicht bemerkt zu haben. Freudig erregt stand er da mitten zwischen Vater und Großvater und zeigte ersterem stolz etwas. Ich konnte nicht erkennen was es war, doch schon erhob Shaen auch wieder seine Stimme.

„Heda! – Koch! – Wie lange wird es wohl noch dauern?“

Dieser war erschrocken angesprochen zu werden und dementsprechend ungenau war seine Schätzung, als sein Hirn sich in die dunkelsten Ecken verkroch.

„Vielleicht… – Etwa zwei Stunden!“

Shaen grunzte seltsam zufrieden, um sich dann an die gesamte Tischgesellschaft zu wenden.

„Dieses Kind hier -“ Er deutete auf Crear. „- hat mich auf eine großartige Idee gebracht. Um die Zeit zu vertreiben – und um unser Mahl ansprechend zu bereichern – fordere ich dich -“ Er deutete auf Ataurass. „- meinen Sohn, heraus. Wer von uns beiden wird wohl die meisten frischen Muscheln aus dem Meer sammeln können?“

Der Angesprochene zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen, doch die Adligen schienen begeistert. Unter diesem Druck gab es nur eine Antwort für Ataurass.

„Du bist alt und wirst verlieren. – Ich nehme an!“

Während die Adligen ihm freudig zu prosteten, sah Asmyllis eher besorgt zwischen Bruder und Vater hin und her. Shaen aber stand da wie ein zu allem bereiter Wettkämpfer. Zurückblickend vermag ich nicht zu sagen, ob er dieses Stück geplant und geübt hatte – oder nicht. Auch Crear sah abwechselnd seine beiden männlichen Vorbilder an. Er schien nicht zu verstehen, was kommen sollte, doch steckte die gespannte Stimmung auch ihn an und wandelte sich – in Vorfreude.

Shaen, Ataurass, Asmyllis, die Adligen sowie zwei Knechte machten sich auf den Weg, hinab ans Meer. Ich verblieb mit Crear, Gouma und dem Koch beim Essen, doch sah ich immerhin noch, was geschah. Das Telénemeer war A’Lhumas einzige große Wasserfläche und Lurut nicht weit entfernt. Viele Schiffe und Boote hatten wir auf dem Blau bereits erblickt, doch waren nun plötzlich alle langsam wieder verschwunden. Ein kleines Fischerboot aber befand sich in Rufweite. Ich sah Shaen ihm zurufen; es herbei ordern. Als es am Strand angelegt hatte, wechselten der Fischer und Shaen ein paar Worte, woraufhin Asmyllis nachdrücklich aufbegehrte – doch ihr Bruder hielt sie ab; stieg mit seinem Vater und einem der Adligen in das Boot und ließ sich von dem Fischer hinaus auf das Meer fahren, wo wir sie bald aus den Augen verloren.

Und wenige Zeit darauf zog der Sturm auf.

„Schnell! – In den Wald!“

Der Koch wusste plötzlich Befehle zu geben, doch hatte er auch Recht. In nicht einmal einer Stunde war aus zuvor bloßen Wolken ein tosender, grollender Sturm geworden. Über dem Meer zuckten Blitze und die Wellen erhoben sich um krachend gegen den Strand zu branden. Uns an Land wurde heftiger Regen um die Ohren gepeitscht; innerhalb weniger Augenblicke waren wir nass. Mütterchen Gouma hatte nicht erst den Befehl des Kochs abgewartet, sondern versteckte bereits Crear unter ihrem Mantel um sogleich in den Wald zu flüchten.

„Aber Vater und Ataurass – !“

Asmyllis schien den Regen kaum zu bemerken; immer wieder blickte sie wild suchend auf das Meer hinaus, doch dort etwas zu finden war unmöglich.

„Frau – kommt mit uns; schnell! – Wir können jetzt nichts tun!“

Doch erst als ich sie am Arm packte und hinter mir herzuzerren versuchte, kam sie freiwillig.

Alles war in wilder Aufregung. Die Tiere waren vernünftigerweise bereits ohne uns durchgebrannt und hatten ihre Karren zurückgelassen; derweil wir alle eiligst dem Koch und Mütterchen Gouma folgten.

Der Wald schaffte es das Tosen abzuschwächen, doch trotzdem hatten wir einige grauenvolle Augenblicke vor uns, in denen ein jeder um sein Leben fürchtete. Die Natur erwies sich an diesem Tag stärker als wir, die wir nichts ausrichten konnten. Crear hielt uns bald mit seinem Heulen ebenso beschäftigt wie der Sturm, derweil Asmyllis dies alles kaum zu bemerken schien; immer wieder sah sie besorgt hinaus auf die See. Jene war finster und wütend und ich vermochte keine Hoffnung für die beiden Ausgefahrenen zu verspüren.

Nach einer unbekannten Weile, die mir wie eine Ewigkeit erschien, doch wesentlich kürzer hatte sein müssen, hörte der Sturm so plötzlich auf, wie er gekommen war. Und als die Sonne die Wolken durchbrach konnten wir hinter uns einen Regenbogen ausmachen. Nach kurzer Zeit schon wirkte auch das Meer friedlich wie zuvor, doch von Schiffen war nirgendwo eine Spur. Immerhin war es ruhiger geworden; auch Crear weinte nicht mehr.

Endlich erwachte auch Asmyllis aus ihrer Starre.

„Los, kommt! – Vater! – Ataurass!“

Nachdem sie losgerannt war, sollte ich der erste sein, der ihr folgte, doch bald darauf kam die gesamte Gesellschaft. Die Tische an der Küste standen erstaunlicherweise noch; die Stühle hatte es umgeweht, das Feuer war ertrunken und Tücher und Nahrung feucht. Von unseren Lasttieren gab es keine Spur mehr, lediglich das erlegte Wild fand sich noch. Am Strand zappelten Fische, die es an Land gespült hatte und alles dort war voll von Wasserpflanzen, doch von dem Boot und seiner Besatzung fehlte jede Spur.

Als endlich alle angekommen waren, wandte sich Asmyllis an sie, ihr Gesicht gezeichnet von getriebener Besorgnis.

„Worauf wartet ihr? Sucht den Strand ab – schnell!“

Sie selber schien ins Wasser waten zu wollen, doch Gouma hielt sie ab.

„Frau – bleibt bei uns; jemand muss auf Crear aufpassen.“

Wir suchten in zwei Gruppen den Strand ab: Ich ging mit dem Koch gen Norden, auf die Stadt zu, derweil der verbliebene Adlige samt den Knechten sich den südlichen Strand vornahmen. Fast eine Stunde verbrachten wir mit der Suche, achteten auf Strand und See. Mehr als einmal meinten wir Holzstücke oder Körper zu entdecken, doch stets entpuppte es sich als etwas anderes. Nach zahllosen Steinen, treibenden Algen, Fischen und Ästen schienen wir weit genug gegangen zu sein und kehrten um; vielleicht hätten die anderen mehr Glück gehabt.

Zurück beim Festplatz erfuhren wir von Mütterchen Gouma, dass die anderen tatsächlich etwas gefunden hatten.

„Oh, es ist so schrecklich – schrecklich! – die armen Herren.“

Wenig später kehrte die andere Gruppe zurück. Sie hatten Asmyllis und einen Karren nach ihrer ersten Rückkehr mitgenommen und erschienen nun wie ein Trauerzug. Die Knechte zogen und schoben den Karren, derweil die anderen düster blickend nebenher schritten. Auf dem Karren gebettet lag ein bewusstloser Shaen. Die Stiefel fehlten ihm, Hose und Hemd waren halb zerfetzt und in Haar und Bart hatten sich Seefarne verfangen. Er wirkte wie eine Gestalt aus einem Märchen – oder wie ein Schiffbrüchiger.

Wir betteten ihn auf feuchten Tüchern neben dem erloschenen Feuer, das zu entzünden uns aber nicht mehr möglich war, in der Hoffnung, er möge dennoch rasch erwachen und uns mehr über den Verbleib der anderen mitteilen. Doch dem war nicht so.

Als es drohte dunkel zu werden, mussten wir abbrechen und wenigstens ihn heimbringen, bevor er vor Kälte erkranken könnte.

„Oh Ataurass – wo bist du?

Mit Tränen in den Augen starrte Asmyllis hinaus auf die See. Es war mir unangenehm, sie unterbrechen zu müssen.

„Frau – ihr könnt hier nichts tun; ihr erkältet euch nur. Lasst uns in die Stadt zurückkehren – und sofort Reiter und Schiffe entsenden, die nach ihm suchen.“

„Hm – vielleicht hast du Recht.“

Offensichtlich schweren Herzens entschloss sie sich, meinem Vorschlag zu folgen.

Vor Lurut angelangt, waren die Haupttore bereits verschlossen, doch ließ man uns natürlich durch die kleinen Tore ein. Asmyllis befahl den Wachen sofort, Reiter und Erkundungsboote aussenden zu lassen – doch musste zunächst ein Hauptmann gefunden werden, der diese Befehle auch ausführen durfte.

In der Burg wurde Shaen in seine Gemächer gebracht, eingewickelt in frische Tücher und umhegt von Kräuterfrauen. Mehr sollte ich nicht mehr sehen, war mir der Zutritt in diese Gemächer doch verboten.

Am nächsten Tag kam Asmyllis hinunter in die Ställe, wo ich Dienst hatte. Als sie gerade eines ihrer Tiere satteln ließ, wagte ich sie anzusprechen.

„Frau Asmyllis – wie geht es eurem Vater?“

Es schien eine Weile zu dauern, bis sie mich erkannte.

„Eilzen – mm – wie es ihm geht… – recht gut – er muss sich nur ausruhen.“

„Das freut mich. – Und gibt es Neues von.. eurem Bruder?“

Ihr Blick versteinerte sich, als hätte sie keine Kraft für Gefühle mehr.

„Es ist noch keiner der Sucher zurückgekommen. Deshalb werd‘ ich jetzt selber los.“

„Ich mache mir vor allem um Crear Sorgen -“

„Eilzen – bitte passe auf Vater auf. Seine Schwäche könnte von seinen Gegnern genutzt werden, vor allem von Chauss. Dort kannst du auch gleich nach Crear sehen.“

Ohne meine Antwort abzuwarten, machte sie sich auf den Weg. Nun war ich also Teil der Ränkepläne dieser Familie, was mir gar nicht recht gefallen mochte. Doch kam ich meiner Verpflichtung gegenüber Asmyllis nach und begab mich bald zu Shaen. Endlich war er wieder zu sich gekommen; saß bereits aufrecht im Bett und aß seine erste Mahlzeit seit einem Tag. Leider aber war er nicht alleine: Chauss Gurass, sein jüngerer Bruder, sowie Maereth Shaen, sein ältester Sohn, waren bereits zugegen.

„Was willst du, Diener?“

Chauss, so vermutete ich, war nicht gut gelaunt. Da sein Bruder immer noch am Leben war, hatte sich keine bessere Möglichkeit für ihn ergeben den Thron zu erreichen, sollte Gurass einst sterben.

„Herren – die Frau Asmyllis schickt mich – zu sehen, ob es dem Herrn Shaen gut geht – und ihm zu Diensten zu sein, sollte er Wünsche haben. – Herr.!“

Eiligst und mich sehr unwohl fühlend verbeugte ich mich vor Shaens Bett. Dessen Stimme war bereits wieder die alte: stark und streng.

„Diener – wie heißt du?“

„Eilzen Doubal, mein Herr.“

„Eilzen – hat meine Tochter die Torheit begangen nach ihrem Bruder zu suchen? – sprich!“

„Äh – Herr… – kurz bevor ich hier zu euch kam ritt sie los, die Küste abzusuchen.“

„Welch törichtes Mädchen – sie wird keinen Erfolg haben – Ataurass wurde über Bord gespült – das Boot traf ihn am Kopf – niemals wird er das überlebt haben.“

„Das ist – schrecklich…“

Später saß ich mit Mütterchen Gouma und Crear in dessen Zimmer, wo er spielen sollte doch sich weigerte. Stattdessen kam er zu mir, als ich am Ort eintraf.

„Wo ist mein Vater?“

Ich war sprachlos.

Gouma hatte ich es zu verdanken, dass ich es ihm zumindest irgendwie erklären konnte. Mit Fünfzehn hatte ich noch keine große Erfahrung, Todesnachrichten zu überbringen. Dies sollte sich in den folgenden Jahren aber noch grundlegend ändern. Doch zunächst lernte ich was es hieß, ein verletztes, weinendes Kind beruhigen zu müssen. Und es sollte alles nur noch schlimmer kommen.

 

 

II: Ungewöhnliche Absichten erfordern ungewöhnliche Mittel.

„Und ich sage dir – er hat ihn damals umgebracht!“

Crear Ataurass Elorm war wütend – so wütend, wie ich ihn seit Jahren nicht gesehen hatte. Immer wieder ging er von einem Ende des Raumes zum anderen, sein Gewand dabei ehrfurchtgebietend hinter sich herziehend.

„Das sind harte Worte – was macht dich da so sicher?“

Ich saß an meinem Tisch, vor mir mein Humpen, daneben seiner. Eigentlich hatten wir uns nur unterhalten wollen – nun das.

„Du weißt es doch selber! – du warst doch dabei!“ Er hielt an und sah mich eindrücklich an. „Zunächst einmal – du weißt, wie sie immer stritten. Du weißt, dass sie sich am liebsten die Kehlen aufgeschnitten hätten!“

„Das ist aber doch kein Beweis…“

„Nein, natürlich nicht – aber an diesem Tag – damals vor so vielen Jahren – als Shaen meinen Vater überzeugte, auf das Meer hinauszufahren – obwohl er wusste, dass ein Sturm kommen würde – das ist bis heute seine Entschuldigung – zu behaupten, das Wetter wäre es gewesen – Schicksal – Eingriff der Götter -“

„Ja! – Ja! – Ich verstehe ja, was du meinst; du meinst also, er hätte sich selbst in Lebensgefahr gebracht, um seinen eigenen Sohn zu töten? – Welchen Sinn soll das denn bitte machen?“ Und zu mir selber sagte ich: So verrückt kann selbst diese Familie nicht sein.

Nun kannte ich Crear bereits seit Jahren, doch verstand ihn trotzdem noch nicht. Meist führte ich es auf die anstrengenden Jahre der Mannwerdung sowie seinen Zorn auf Shaen und den ewig quälenden Verlust des Vaters zurück, doch manchmal schien dies nicht zu reichen. Es machte mir schon allein Sorgen, dass oftmals sein ganzes Leben, Streben und Handeln nur von Hass getrieben schien. Und dann, an anderen Tagen, seinem Großvater gegenüber, verhielt er sich plötzlich wieder gewöhnlich, wie der kleine Enkel von einst.

„Ich weiß – für dich und Asmyllis mag es keinen Sinn ergeben – doch ich weiß, es war so.“

„Und du weißt, dass bloße Anschuldigungen dir nicht viel bringen? Selbst mit Beweisen wäre es schwer – inmerhin ist er der Sohn des Gurass – der nächste Tereanv. Und was bist du? Du kommst nirgends in der Nachfolgereihe dran – also – beruhig‘ dich. Du kannst nichts tun.“

Meine Worte schienen ihn zum Überkochen zu bringen. Mit einem kräftigen Schlag seiner Faust traf er den Schild, welchen ich an die Wand gehängt hatte – und verbeulte ihn.

„Ah – was machst du da? Bringt dir das Befriedigung?“

Mit einem seltsamen Feuer in den Augen sah er mich an. „Ja – das tut es.“ Sodenn setzte er sich wieder mir gegenüber und sah mich auf einmal gelassen an. „Du wolltest mir von Asmyllis erzählen – wann kommt sie wieder?“

„Ah, Crear, wohin gehst du?“

Der Angesprochene blickte Shaen erschrocken an.

„Äh – Großvater – ich… – ich bin gerade auf dem Weg zu Großvater Gurass…“ Crear war es sichtlich unangenehm, seinem Verwandten hier in den Gängen der Burg zu begegnen.

„Ach ja, Vater – schon so alt und trotzdem versucht er noch das Geschick der Familie zu lenken. – Sag, was gefällt dir so bei ihm?“

Crear sah kurz düster zu Boden, dann hinüber zu mir, der ich selber unangenehm überrascht auf dem Balkon des Ganges saß, unfreiwilliger Zeuge dieser Begegnung werdend.

„Nun – er ist ehrlich.“ Sein Blick wurde durchdringend, als er Shaen in die Augen sah. „Er hat nie jemanden ermordet, der mir wichtig war.“

Shaen schien den vorhandenen Seitenhieb nicht zu bemerken; blieb erstaunlich ruhig – wirkte gar nachdenklich.

„Weißt du, als ich in deinem Alter war, hatte ich auch noch einen Großvater, der damals Tereanv war: Noroash. Hat dir dein Großvater je erzählt, wie er meinen Großvater die große Treppe des Eingangssaales hat hinab stolpern lassen? – Natürlich war es für alle bloß ein Unfall…“

Er verfiel in Schweigen, doch Crears Lippen zitterten. Ich kannte diese Art – und plötzlich war Crear verschwunden, seinen eigenen Weg verfolgend.

Nachdem Shaen kurz regungslos verharrt war, wurde er meiner gewahr. „Ah, Kammerherr – wie geht es euch?“ Humpelnd – wie er seit dem Unglück damals immer war – kam er zu mir.

„Herr – danke – gut.“

Und zu allem Überfluss setzte er sich dann auch noch neben mich.

„Ich habe ein paar Dinge mit euch zu bereden. – Mein Vater ist alt und wird nicht mehr lange leben – das wisst ihr. Es wäre klug, bereits für die Zeit danach zu sorgen, wenn ich der neue Tereanv bin. – Was meint ihr?“

Ich fühlte mich unter seinem ruhigen, doch herrischen Blick klein und machtlos. Hatte ich eine andere Wahl als ihm zu gehorchen?

Vielleicht ein Jahr später gab es ein folgenschweres Treffen. All die Zeit über war Crear bemüht gewesen, seinem Großvater aus dem Weg zu gehen. Wann immer er ihm begegnete, versuchte er sich zu beherrschen. Meist hatte er zuviel Angst um aufzubegehren, doch manchmal schimmerte sein Hass in seinen Reden oder Augen hindurch. Auch Shaen konnte das unmöglich entgangen sein. Dieser war stark damit beschäftigt, seine Macht auszubauen. Als ältester Sohn des Gurass stand ihm sowieso der Titel des Tereanv zu, sollte dieser sterben, doch hätte ihn noch der Ehrgeiz seines Bruders Chauss oder eines dessen Söhne in den Weg kommen können. Als die Familie Chauss jedoch von einem Ausflug in den Osten nicht wieder zurückkam, da Banditen sie überfallen hatten, war dieses Problem gelöst. Nun – ich will damit ganz sicher nicht behaupten, dass Shaen dafür verantwortlich war – ganz gewiss nicht, immerhin gab es keine Beweise in der Richtung – doch kam ihm dies gut gelegen. Was ich damals aber immer noch nicht verstand war, wie ihm der Tod des Ataurass hätte helfen können.

Zunächst aber zu besagtem Treffen: Sobald sie von dem Unglück Chauss betreffend erfahren hatte, verfiel die ganze Familie Elorm für eine Woche in Trauer. Bereits nach drei Tagen aber sollte es sich ereignen, dass Shaen seinen Sohn Maereth sowie seinen Enkel Crear einlud, mit ihm am Feuer des kleinen Ostsaales zu trinken und beisammen zu sein. Ich war natürlich nicht eingeladen, sollte aber als Crears Mundschenk werken – und ehrlich gesagt lauschte ich sooft es ging, was dort besprochen wurde. Nachdem sie bereits für eine Stunde über Belanglosigkeiten – Wetter, andere Adlige, Klatsch, Gerüchte, das Verhalten von Shaens Frau, Stadtgeschehen, das Geschehen am Hofe in Barga und so weiter – gesprochen hatten, wagte Maereth endlich die wichtige Frage.

„Jetzt sag schon, Vater – warum wolltest du dich wirklich mit uns treffen?“

Ich sah die Beteiligten zwar nicht, doch hörte ich Shaen seinen Becher abstellen – immer noch klang seine Stimme klar, derweil Maereth etwas lallte. „Ich will mit euch die Dinge besprechen, die da kommen, wenn ich Tereanv bin – Gurass liegt im Sterben. – Jetzt guck nicht so Crear, du weißt das doch ebenso gut wie ich. – Die Kräuterfrauen und Heilmänner sagen, dass sie nichts mehr tun können. Der natürliche Lauf der Welt geht seinen Weg und nimmt ihn mit sich.“

Maereth schien besorgt – aber nicht um Gurass. „Was – hast du dann vor mit uns zu tun?“

Shaens Stimme schwang um in Zorn. „Dummkopf! Ich werde dir schon nichts antun – sonst hätte ich das längst getan! – Nein, du törichter Junge! – Ich brauche euch. Ihr seid die Fähigsten aus der Familie, wenn auch nicht die Schlauesten. – Nein, sagt nichts, hört einfach zu! – Lange genug hat diese Familie, die Familie Elorm, am Rande des Reiches vor sich hingedümpelt. Es ist Zeit, uns endlich zu vergrößern; und zu nehmen, was uns gehören sollte.“

Maereth schien überrascht – wir anderen wussten schon lange um Shaens Ehrgeiz. „Was hast du vor?“

„Uns Land erkämpfen, das andere Familien uns wegschnappten – was sonst?“

Endlich mischte auch Crear sich ein. „Und wir sollen für dich dabei was sein? Feldherren oder Statthalter?“

„Ich werde euch für beides brauchen, meine Kleinen.“

Plötzlich musste ich erschrocken von meinem Horchposten auffahren.

„Was tust du? Lauscht du etwa?“

Lange hatte ich mich nicht mehr so ertappt und peinlich berührt gefühlt.

„Du weißt doch – das tut man nicht.“ Mit einem seltsam belustigt belehrenden Blick sah Caeryss mich an, während sie gleichzeitig einen halben Laib Brot aus dem Brotkorb nahm.

„Essen stehlen gehört sich aber ebensowenig – hab ich zumindest gehört. Und warum sollte eine Köchin das tun?“

Nun grinste sie. „Ich habe nichts gesehen – oder du etwa?“

Was blieb mir anderes übrig als den Kopf zu schütteln?

„Na also – aber sag mal, was gibt es denn so tolles zu belauschen?“ Neugierig schob sie eine Strähne braunen Haares beiseite und machte Anstalten ebenso zu lauschen.

„Das geht dich eigentlich nichts an. – Shaen betrinkt sich mit Maereth und Crear.“

Diese Neuigkeit schien sie zu enttäuschen. „Ah? – naja – sicher interessant – für dich. Nun – weißt du schon, dass Gurass es nicht mehr lange machen wird? – Und auch, dass behauptet wird, unsere Frau Asmyllis sei nach Tarle gegangen, weil sie meint, ihren Bruder dort zu finden? – Hm – nagut, ich seh‘ schon, mit dir macht das heute keinen Spaß – vielleicht geh ich lieber mal zur alten Gouma.“

Sobald sie endlich fort war, konnte ich mich wieder der Aufgabe des Lauschens widmen. Doch kaum wie ich mitbekommen hatte, dass sie sich bereits wieder über anderes unterhielten, da öffnete sich plötzlich die Tür zum Saal und Shaen kam zu mir in die Kammer. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig aufrichten.

„Heda – Kämmerer – wie war der Name? – Ach ja: Doubal. Also – Doubal. Ich werde jetzt in meine Gemächer gehen – sorge doch bitte dafür, dass da drinnen aufgeräumt wird, wenn die beiden fertig sind – und lass mir morgen zeitig genug mein Frühstück bringen, ich werde ausreiten wollen.“

„Ähm – natürlich, Herr.“

Ich hatte kaum Zeit mich zu verbeugen, da war er auch bereits ins Treppenhaus entschwunden. Nun letztlich doch zurück an meinem Horchposten, glaubte ich meinen Ohren nicht mehr trauen zu können.

„Du willst ihn umbringen? – Wieso?“ Crear klang ebenso ungläubig wie ich geklungen hätte.

„Wie er selber sagte, wird er bald Tereanv sein – würde er sein, wenn er weiter lebt. Und ich wäre dann sein Nachfolger. – Aber ich will nicht warten, bis ich alt und schrumplig bin sondern jetzt schon seine Nachfolge antreten! – Und du – du wirst mir helfen!“

Crear war mittlerweile kühler, überlegter geworden. „Warum sollte ich das tun?“

„Du weißt genau, dass ich keine Kinder bekommen kann. Nach mir würde der Titel dann an irgendwen anders aus der Familie fallen. Wenn du mir aber hilfst, mache ich dich zu meinem Sohn -“

„Aber er ist dein Vater – du willst deinen Vater ermorden?“

„Lass das meine Sorge sein – du hasst ihn doch auch – wir alle hassen ihn. Es wäre besser, würde Ataurass noch leben, aber so -“

Er ließ seinen Satz ausklingen, ohne dass ich verstand, worauf er anspielte. Crear dagegen schwieg, bis Maereth fortfuhr. Seine Stimme klang plötzlich dunkel und traurig.

„Weißt du, Crear – ich würde dich auch so zu meinen Nachfolger ernennen. Wen sonst gibt es denn in dieser Familie schon? Gasmys bringt nur Bastarde und Schwachköpfige zur Welt und Asmyllis könnte man sich niemals unzüchtig genug vorstellen. Da bleibst nur du. – Und, mein Lieber – du bist gefährlich. Zu schlau und zu unberechenbar. Bis heute konnte ich nicht feststellen, was du eigentlich anstrebst – außer meinen Vater zu töten. Also wirst du mir helfen.“

Ich hörte auf einmal einen Stuhl über den Boden schaben und dann Crears wütende Worte. „Aus dir spricht bloß der Wein! – Du bist ebenso erbärmlich wie dein Vater!“

Hastige Fußtritte entfernten sich gen anderes Ende der Halle, gefolgt von einem weiteren scharrenden Stuhl und anderen Schritten.

„Crear – warte doch!“

Und damit ward alles ruhig.

Da ich niemanden mehr fand, den ich mit Shaens Frühstück an meiner statt beauftragen konnte, musste ich mich am nächsten Morgen wirklich selber darum kümmern und trug es sogar noch eigenhändig hinauf in seine Gemächer. Ich richtete alles im Esszimmer her wie es sich gehörte, doch fehlte noch der Herr des Hauses. Auf mein Klopfen hin antwortete niemand, so streckte ich vorsichtig meinen Kopf in sein Schlafzimmer – doch Shaen war nicht da. Verwundert ging ich hinab zur Küche, doch wurde von Caeryss aufgehalten.

„Da bist du ja! – Schnell! – Man braucht dich – Gurass ist tot!“

Einen Moment lang war ich zu erschrocken, dann eilte ich zu den Gemächern des alten Tereanv, um dort bereits alle sich zur Zeit in der Burg befindlichen Familienangehörigen vorzufinden. Gurass war tot – tatsächlich tot – nach all diesen Jahren – und die versammelte Familie trauerte – oder tat zumindest so.

Am selben Tag noch wurde Shaen Gurass Elorm zum neuen Tereanv von Lurut ernannt und in der folgenden Nacht Gurass verbrannt, als hätte man Angst, er könne wieder auferstehen. Etwa eine Woche lang ging dann alles seinen gewohnten Gang. Shaen versuchte sich in allen Amtsgeschäften durchzusetzen. Maereth wurde sein vorbestimmter Nachfolger, derweil Crear den Titel eines Heerführers bekam. Gasmys Shaen, der jüngere Sohn, bekam die Grenzmark zugesprochen, die unter Gurass noch Shaen inne hatte. Das lockte natürlich Gerüchte hervor, was er wohl mit Maereth vorhätte.

Und eines Abends, als ich durch die dunklen Gänge der Burg striff, vernahm ich – wieder einmal unwillig – ein Gespräch. Ich holte gerade ein verstaubtes altes Banner für Shaen aus einer Abstellkammer, da kamen im Gang draußen Gestalten an der Tür vorbei. Klar und deutlich vernahm ich da für einen kurzen Augenblick die Stimme der alten Teule, Frau des Shaen und heimliche Herrscherin der Burg.

„… musst es endlich tun, Maereth! Sei kein Feigling!“

Zunächst dachte ich mir nichts dabei, doch am folgenden Tage bekamen diese Worte eine seltsame Schwere, denn am Morgen war die gesamte Burg erneut in Aufruhr: Shaen war tot! Der Mann, der erst seit wenigen Tagen Tereanv gewesen war – war nun selber nicht mehr.

„Was – was ist geschehen?“ Ich war fassungslos, als ich davon hörte.

Caeryss ging es kaum besser. „Ich weiß es nicht – ich fand ihn heute morgen – tot in seinem Bett – er atmete nicht mehr…“

Sie schien den Tränen nahe, warum auch immer, also drang ich nicht weiter in sie. Andere schienen nicht mehr zu wissen, doch trafen mich als Kämmerer einige drohende Aufgaben, so ging ich zu Teule.

„Mein Mann ist tot und du erwartest von mir Gründe für deine Aufgaben zu erfahren? – Ha! – Du bist ein wirklich guter Kämmerer. Ich weiß nicht, woran er gestorben ist – Schwaches Herz? Falsches Essen? Nicht genug Opfer dargebracht? – aber ich will, dass alles vorbereitet wird. Du weißt, dass Maereth nun neuer Tereanv ist, auch wenn sein Vater es nicht lange war, also bereite die Feierlichkeiten vor. Und heute Abend wird mein Gatte verbrannt, wie es Sitte ist – bis dahin haben die Kräuterfrauen und Heiler Zeit genug zu versuchen herauszufinden, woran er starb.“

Nach dem ‚Gespräch‘ mit Teule fühlte ich mich schlecht. Ich hatte den starken Verdacht, dass sie und Maereth am Tode Shaens zumindest mitverantwortlich waren. Dass Maereth später bei seiner Thronbesteigung Crear zu seinem Nachfolger ernannte, machte die Sache für mich kaum besser. Crear, den ich als unschuldigen Jungen gekannt hatte, gehörte nun ebenso zu den Ränkespielen dieser Familie wie alle anderen. Unter den wenigen noch anwesenden Familienmitgliedern entstand schnell misstrauisches Geraune.

„Der kleine Crear einst Tereanv? Na das wird Frau Asmyllis gefallen, sollte sie je wieder heimkehren.“ Caeryss, die neben mir stand, warf mir nach ihren Worten einen bedeutungsvoll spöttischen Blick zu und machte sich von dannen.

Mich beschlichen ungute Gefühle, wenn ich an die Zukunft dieser Stadt – dieser Familie – dachte. Und es schauderte mich, als ich Teule neben ihrem Sohn stehend lächelnd auf die Versammelten blicken sah.

 

 

III: Gefahr macht das Leben erst süß.

Maereth hatte nicht vor, die kriegerischen Pläne seines Vaters fortzuführen. Jedenfalls gab es keine Hinweise, dass er dies gewollt hätte. Anderes beschäftigte ihn mehr, so die Gerüchte, die ob der zwei so schnell hintereinander erfolgten Tode entstanden. Einige raunten von einer Krankheit, welche die Familie angesteckt hätte, andere gar von einem Fluch der Lasterhaften; wenige wagten zu behaupten, dass zumindest Shaen ermordet worden wäre. Maereth selbst schien dies gar nicht zu bemerken; keine seiner Handlungen beantwortete irgendeines der Gerüchte.

„Nun – Neffe – wie gefällt es dir, zweitwichtigster Mann zu sein?“

Es war bemerkenswert, wie ich manchmal Dinge mitbekam, die ich teils gar nicht hören wollte. Aber diesmal war ich zuständig für die Aufsicht im Thronsaal, derweil gerade außer mir noch Maereth, Crear und ein putzender Diener anwesend waren.

„Nun, es könnte besser sein – ich könnte wichtigster Mann sein.“

Crear sprach ohne leichtzunehmenden Unterton, doch Maereth lachte nichtsdestotrotz. „Ich möchte nachher mit dir den Ostturm besteigen.“

Damit war das Gespräch für diesen Tag beendet.

Zwei Tage später war Aufregung ausgebrochen am Haupttor. Als ich nachsehen wollte, was da geschah, erblickte ich das Tor weit offen, was aber am Tage auch nicht verwunderlich war. Maereth stand dort mit zwei Hauptleuten und vier weiteren Wächtern. Er hatte das Gewand des Tereanv angelegt und stand erwartungsvoll da. Ich war gerade am Brunnen Wasser holen gewesen und verharrte nun beim Tor überrascht, als eine zu Fuß gehende Gesandtschaft kam. Ein Mann – der Kleidung nach offensichtlich ein Adliger – mit seinem Gefolge – einigen Kriegern – trat ehrwürdig unter das Tor.

„Ich grüße euch, Maereth Shaen Elorm, Tereanv von Lurut. Ich bin Louvis, Gesandter des Jaster Junoh Sacaeran, König von Lurut.“

Es war merkwürdig, dass der Gesandte weder seinen vollen Namen noch seine Besuchsgründe verriet, doch Maereth ging nur auf letzteres ein. „Seid gegrüßt Louvis. – Was führt euch zu mir?“

„Den König erreichte die Nachricht, dass Gurass, der frühere Tereanv verstorben sei. Hiermit übersendet Jaster Junoh seine Beileidsbekundigungen. Natürlich waren sie an Shaen Gurass gerichtet, doch hörten wir auf dem Weg hierher auch von seinem Ableben. Der König lässt sein Beileid sicherlich auf diesen Fall auch erweitern. Vermutlich hat euch euer Vater noch eingewiesen, doch soll ich prüfen, ob der neue Tereanv von Lurut – der nun hoffentlich für absehbare Zeit ihr bleiben werdet – dem König ein treuer Diener sein wird.“

Man spürte förmlich die Wut, welche Maereth ob dieser Bevormundung beschlich, doch war er schlau genug sie nicht zu zeigen. „Dann heiße ich euch willkommen in meiner Stadt und Burg, so lange ihr es wünscht.“

Ohne eine Verbeugung zu leisten begann Louvis den Aufstieg in die Burg hinein, an Maereth vorbei, ohne diesen noch weiter Ehre zu zeugen; als Gleicher.

Caeryss bediente an diesem Abend, als im Großen Saal dem Gast zu Ehren ein Essen abgehalten wurde, mit sämtlichen anwesenden Höflingen sowie den Begleitern des Neuankömmlings, derweil ich es nur bereiten durfte. Doch durch Caeryss‘ Erzählungen bin ich in der Lage zu berichten, was sie dort – im Groben – besprachen. Das wichtigste hatte Louvis tatsächlich bereits bei seiner Ankunft erzählt: Der König wollte erfahren, wie der neue Tereanv war – auch wenn er Shaen selbst gekannt hatte, galt dies für Maereth nun umso mehr – und so wichtiges wie Steuern und Abgaben besprechen. Louvis plante bis zum nächsten Königstreffen in Barga bei Maereth in Lurut zu verbleiben; also bis zum nächsten Frühjahr. Caeryss erzählte, wie wenig froh über diese Umstände Maereth war und wie deutlich er dieses auch noch zeigte.

Es schien kein guter Start für die neuen Beziehungen zwischen Lurut und Barga, dass man sich gleich am ersten Abend stritt. Maereth wollte weder bemuttert werden noch zuviel zahlen müssen und auch wenn Louvis ihn sofort beschwichtigte schienen die Gemüter der beiden nicht recht zusammenpassen zu wollen. Natürlich gab Maereth ihnen die Zimmer im Nordflügel, die erstens schlecht gewärmt werden und zweitens unter einigen der größten Aborte lagen. Louvis zeigte sich in den folgenden Tagen und Wochen davon aber kaum getroffen.

Am ersten Festmahlsabend nun lernte der Gesandte auch unseren jungen Crear kennen. Caeryss berichtete, wie herablassend Louvis ihn behandelte, als sei er selbst Herr dieser Burg. Crear aber besaß immerhin mehr Verstand als Maereth und entgegnete dessen Spitzfindigkeiten mit passenden Antworten, die, um sie als beleidigend zu empfinden, man erst einmal verstehen musste. Mehr als einmal konnte Caeryss sich ein Lachen nur knapp verkneifen, doch leider ging es anderen Anwesenden da anders; sie verstanden den Unterton seiner Antworten einfach nicht. So zum Beispiel der alte Faulass, der bereits so lang ich in der Burg gewesen ein treuer Diener des Gurass war. Faulass neigte schon immer dazu jede Äußerung für bare Münze zu nehmen und schien sich daher sehr über den jungen Crear zu wundern. Und Gasmys, der Bruder des Maereth, den man im Allgemeinen für dumm hielt, konnte ihn nur ständig staunend ansehen.

Den Großteil seiner Zeit am Tisch nutzte Crear jedoch um mit der ebenso jungen Begleiterin des Louvis, einer Dame namens Euliste, zu plauschen. Crear gab sich ihr gegenüber höflich und nicht ein bisschen unanständig, wie Caeryss mir zu betonen nicht müde wurde, doch erntete er trotzdem misstrauische Blicke von Louvis, während dieser mit Maereth sprach; über Dinge, die Caeryss leider nicht interessierten, weshalb sie bald nicht mehr am Tische zuhörte.

Wie ich aber noch von anderen hörte, wollte Louvis hier in Lurut nicht bloß die Interessen des Königs bewahren, sondern noch einiges mehr. Ursprünglich war Louvis bereits nach dem Tod des Gurass entsandt worden; der Tod des Shaen ereignete sich erst kurz vor seiner Ankunft. Im Folgenden zeigte er aber verdächtig viel Interesse an den Umständen der beiden Unglücksfälle; mehr, als ihm gewöhnlicherweise zustehen würde. Natürlich war es auch für den König wichtig zu erfahren, sollte etwas nicht den natürlichen Läufen entsprechend geschehen sein, doch hatte Louvis etwas an sich, das den Verdacht nahe legte, er handele vor allem für sich selbst.

„Louvis ist ein Aastier, das nur darauf wartet, dass wir einen Fehler machen!“ Crear mochte Louvis wohl noch am wenigsten, auch wenn er dies ihm selbst nur versteckt zeigte.

„Dann erlaube dir lieber keinen Fehler.“ Langsam war es zur Gewohnheit geworden, dass Crear in meine Kammer kam, um zu zetern.

Bei meinen Worten blieb er stehen und sah mich überrascht an. „Ja. – Ja, du hast Recht. – Ich werde keinen Fehler machen! – Danke!“ Jetzt war es an mir verwundert zu blicken, da sprach er bereits weiter. „Aber jetzt muss ich fort – ich möchte noch jemanden treffen.“

Wer dieser jemand war, erfuhr ich später von der alten Gouma, die strickend am Fenster zum Garten gesessen hatte, als Crear sich dort mit dem Fräulein Euliste traf. – Na gut, ich muss ehrlich sein; auch ich befand mich zu besagtem Augenblicke dort; wollte eigentlich nur mit der guten Gouma über alte Tage sprechen.

„Ach, dein Vater war ein wunderbarer Mann – zu schade, dass du deine Eltern nicht mehr kennenlernen konntest.“

Ich saß bei ihr und blickte nachdenklich auf den Garten hinaus. „Ja, das hätte ich nur zu gerne – aber du warst ein guter Ersatz… – warte, seh‘ ich doch jemanden.“

Und tatsächlich hatte ich da gerade unter uns Crear und Euliste sich auf eine Bank setzen gesehen – doch sie schienen uns wiederum nicht zu bemerken. Auch Gouma sah sie nun.

„Es ist schön bei euch – ich hatte es ganz vergessen.“ Nachdenklich strich Euliste über die Blumen in ihrer Nähe.

„Ach – du warst schon einmal hier? Wann? Ich erinnere mich nicht, dich schon einmal gesehen zu haben – und doch war ich schon immer hier.“ Crear schien ernsthaft interessiert an ihr zu sein.

„Das ist schon lange her – ich lebte mit meiner Familie in der Stadt, doch wir mussten gehen…“

„Das tut mir leid – vielleicht hätten wir uns dann schon früher treffen können…“

Plötzlich beugte sich Gouma zu mir herüber um flüstern zu können. „Wir sollten die beiden nicht so belauschen.“

Ich antwortete nicht.

Unten sprach gerade wieder Crear. „Ich fühle mich dir so seltsam verbunden…“ Er versuchte sich aber nicht ihr zu nähern.

„Wir müssen aufpassen, dass Louvis nichts hiervon erfährt.“ Euliste schien wie Crear zu fühlen.

Seine Antwort verstand ich nicht, da Gouma wieder flüsterte. „Also ich werde gehen – wir sehen uns dann nachher.“ Meine Hand kurz drückend erhob sie sich und verschwand in den Gängen.

Ich wusste, ich sollte es nicht tun, doch blieb ich, um den beiden drunten weiter zuzuhören – aber sie waren verschwunden. Ob es wegen uns gewesen war? Bei unseren üblichen Treffen in den nächsten Wochen erwähnte es Crear aber mit keinem Wort.

Etwa eine Woche später war ich gerade auf meinem Weg in die Vorratslager, die zu überprüfen auch meine Aufgabe war, da kreuzte Caeryss meinen Weg; scheinbar mehr absichtlich denn zufällig.

„Kammerherr Doubal! – Eilzen – wohin des Weges?“ Nachdem ich sie sowohl darüber als auch über meine Absichten dort aufgeklärt hatte, bestand sie darauf mitzukommen. „Vielleicht kann ich dir helfen?“

Das war nicht Caeryss wie ich sie kannte, also ließ ich sie gewähren, hauptsächlich um meine eigene Neugier zu befriedigen.

Kaum waren wir also im Mehllager angelangt, da fragte ich sie. „Was willst du wirklich? – Gibt es neuen Klatsch den du jemandem erzählen musst?“

Sie streckte mir die Zunge raus, also schien ich Recht zu haben. „Du wirst nie erraten, was eben geschehen ist!“

„Nun?“

„Eigentlich wollte ich wirklich etwas Mehl von hier holen, doch der Gesandte – Louvis – kam zur Küche. Du musst wissen, er kam schon mehrmals, um sich etwas zu Essen zu holen – und immer hat er dabei mit mir geredet – mir gesagt wie schön doch mein Haar sei und wie gut das Essen schmeckt – naja, eben fragte er, ob ich nicht mitkommen möchte nach Barga.“

Ich hielt mit dem Zählen der Mehlsäcke sofort inne und blickte sie ernst an.

„Ich hoffe du bist vernünftig genug, nicht darauf hineinzufallen – außerdem scheint ihm das Fräulein Euliste versprochen.“

„Ach, du bist so ein Griesgram, lass mir doch auch mal meinen Spaß – außerdem; auch die Frau Teule scheint sich sehr gut mit ihm zu verstehen. Ich habe sie jetzt schon mehrmals Abends miteinander reden hören.“

„Teule stellt sich mit jedem gut, der ihr einen Vorteil bringen könnte. Sie wollte sogar mich schon einmal auf ihre Seite ziehen, doch ich hoffe, wir konnten uns auf einen Waffenstillstand einigen.“

„Vielleicht werden Teule und Louvis ja das neue Traumpaar der Burg, nachdem Crear kaum auf sie zu hören scheint und sie Maereth nun nicht mehr alleine treffen kann.“

Bei dem Gedanken schauderte es mir. „In dem Fall sollten wir aber sehen, dass wir eine andere Burg für uns finden.“

Caeryss lachte bloß. „Aber nun muss ich los – ich soll dem Fräulein Euliste helfen sich nachher heimlich mit Crear zu treffen.“ Sie lächelte erneut ob meines verwirrten Ausdrucks, blinzelte mir zu und verschwand wieder. Ich blieb allein mit Mehl, Käse, eingelagertem Obst und geräuchertem Fleisch zurück.

Bereits zwei Wochen später war das große Unglück geschehen. Ich kam gerade aus den Gemächern unserer Besucher, die sich über fehlendes Wasser beschwert hatten, da eilte Baggris, der oberste Knecht des Maereth, auf mich zu.

„Herr! – Herr Doubal! – kommt schnell zu meinem Herrn – es ist schrecklich!“ Angst, Aufregung und Atemlosigkeit zeichneten den Mann, dass ich Schlimmes befürchtete.

„Was ist geschehen?“

Doch er antwortete nicht. „Kommt schnell! – man braucht euch!“

Und ich ließ mich von ihm zu den Gemächern des Tereanv führen, wobei er mehr lief als auf mich wartete. Dort angelangt sah ich bereits die Versammlung, die mehr als tausend Worte sprach.

Ausgerechnet Teule sah mich als Erste. „Kammerherr – da seit ihr ja endlich – ich glaube ihr kennt eure Aufgaben – bereitet die entsprechenden Abläufe vor.“

Während ich mich noch fragte wie es diese Frau schaffte dem Tod ihres Sohnes so gleichgültig und kalt gegenüber zu stehen, erreichte auch Louvis den Ort.

„Ich habe es gehört – ist er wirklich tot?“ Crear und Faulass nickten ihm zu; ersterer seltsam unberührt guckend, zweiterer mit traurigem Blick. „Dann übermittelt der König hiermit erneut Beileid und seine Grüße dem neuen Tereanv.“ Er nickte Crear zu. „Doch bevor ihr ihn verbrennt, lasst mich bitte Körper und Gemächer prüfen.“

„Wozu? – Ihr kennt die Totenruhe.“

Crear schien dies nicht zu gefallen – da mischte sich Teule ein. „Er hat Recht – lass ihn gewähren, Enkel – Tereanv.“

Und auch der alte Faulass erhob zitternd seine Stimme. „Glaubt ihr etwa – oh…“

Da sah ich mich gezwungen zu unterbrechen – die Gewöhnung hatte mich wieder im Griff. „Ich werde die Festlichkeiten vorbereiten – sagt mir bitte, wann ihr mit ihm fertig seid.“

Crear war nun der neue Tereanv.

Seine ersten Anweisungen ließen nicht lange auf sich warten. „Jetzt geht – ihr alle – trauert. Wir sehen uns heute Abend. – Louvis, ich werde euch helfen.“

Ich wartete nicht lange um von diesem Ort fortzukommen. Gedankenverloren strollte ich in die Küche, um Caeryss und den anderen Anweisungen zu geben.

Erstere hielt die Verhältnisse in der Burg treffend fest. „Diese Familie stirbt schneller als die Fliegen.“

Ich konnte nur hoffen, dass es mit Crear nicht auch so geschah. Doch sollte sich alles ändern, auch Crear.

 

 

IV: Härte, wenn Härte notwendig ist.

Wieder einmal hatte ich alle Hände voll zu tun, die Ernennungsfeierlichkeiten für einen neuen Tereanv vorzubereiten, der diesmal ausgerechnet unser junger Crear Ataurass sein sollte. Dies als erstes zu vollführen stellte zum Glück kein Problem mit der Sitte dar, war Louvis doch noch nicht mit seinen Untersuchungen fertig geworden. Rechtzeitig zu Beginn der Veranstaltung erschienen Crear und Louvis im Thronsaal; ersterer um auf dem Thron Platz zu nehmen, zweiterer um beizuwohnen. Wie immer waren nur einige Adlige und Diener anwesend und seiner Aufgabe als Hofmeister folgend überreichte der alte Pyn dem jungen Crear den Familienstab, was ihn zum Tereanv von Lurut machte.

Danach hielt Crear seine erste Ansprache. „Wie ihr wisst, bekam ich dieses Amt nur durch unglückliche Umstände. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht noch einmal geschehen kann; die Familie Elorm soll gestärkt und nicht geschwächt werden. Also, Louvis – lasst hören, was ihr zu berichten habt.“

Dieser verharrte an seiner Stelle in der kleinen Menge, doch schienen alle einen Schritt von ihm fortzugehen, als die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wurde. „Danke – ja, ich habe Maereth gründlich untersucht und es steht ohne Zweifel fest, dass er – vergiftet wurde.“

Ein entsetztes Raunen ging durch die Versammelten. – Nun tut doch nicht so unschuldig unwissend! Wollte ich ihnen zurufen, doch hielt ich an mich.

Teule fand als erste wieder Worte – kaum überraschend. „Das ist – das ist – empörend! Wie kann es jemand wagen, einen Angehörigen der Familie Elorm – den Tereanv! – zu vergiften? – Wer war es?“

„Nun – das weiß ich nicht – viele könnten es sein – jeder, der einen Groll gegen ihn hegte oder davon einen Vorteil hätte.“ Ob ich der einzige war, der seinen Blick zu Crear verdächtig – verdächtigend – fand?

Crear zumindest schien nicht darauf einzugehen; machte sich bereit seine ersten Befehle zu geben. „Das bedeutet also, wir müssen die Burg durchsuchen. Möglicherweise ist der Mörder einer von uns. – Errist!“

Der Anführer der Burgtruppen trat vor. „Ja, Herr?“

„Durchsuche jedes Gemach – wenn dich jemand hindern will, lasse ihn verhaften.“ Laute Widersprüche gingen durch den Saal. „Ruhe! – Nun bin ich euer Tereanv – lasst uns wieder ein sicheres Leben herstellen!“

Doch Louvis sprach noch einmal. „Wir sollten noch etwas bedenken – wenn Maereth vergiftet wurde, könnte es bei Shaen auch so gewesen sein – aber wer hätte einen Nutzen davon?“

Crear blieb trotz dieser versteckten Anschuldigung erstaunlich ruhig. „Mir fallen da viele ein; schon allein die halbe Familie. Denkt darüber nach – aber nun geht. – Ihr alle! Die Versammlung ist hiermit aufgelöst. In zwei Stunden wird Maereth auf den Hügeln verbrannt. Bezeugt ihm eure Ehre!“

Damit wurden wir also aufgefordert zu gehen und uns bereit zu machen. Die Ehrbekundigungen für den Verstorbenen waren wie üblich ebenfalls kurz und auf das Nötigste beschränkt, doch kam auch Volk aus der Stadt hinzu. Die ganze Zeit über ging es mir aber nicht aus dem Sinn, wie hart und geübt Crear an all dies herangehen konnte. Und die kommende Zeit ließ ihn nur noch schlimmer werden.

Eines Abends rief er mich in seine Gemächer, da wir uns aufgrund seiner neuen Verantwortungen nur noch schlecht bei mir treffen konnten. Sein Gesicht zeigte mir wie immer alles, was er tagsüber unterdrücken musste; nun mehr denn je zuvor. Ich sah den üblichen Zorn, die Unruhe, diesmal aber auch – Schmerz.

„Crear – geht es dir nicht gut?“

Dieser verzog kurz das Gesicht. „Ach! – Es ist soviel – und soviel Unsinn! – Wusstest du, dass ich immer Kopfschmerzen bekomme, wenn jemand wie Louvis oder Teule auf mich einspricht? Und seit kurzem werden sie immer schlimmer – soviele, die auf mich einsprechen, die etwas wollen – manchmal wünschte ich, sie alle loszuwerden.“

Besorgt sah ich zu, wie sich Erschöpfung in seine Züge schlich und er sich auf ein Sofa setzen musste. „Vielleicht tust du zuviel – vielleicht solltest du dir einige Aufgaben abnehmen lassen.“

Sein Ausdruck wurde spöttisch. „Von dir zum Beispiel?“ Mein Blick dagegen musste nun Schreck verraten haben. „Ach, verzeih mir.“ Und damit wechselte er plötzlich die Gesprächsrichtung. „Weißt du, was man von mir in der Stadt erzählt?“

„Ja, ich habe einiges gehört – im Grunde genommen dasselbe, was man sich über Maereth erzählte, als Shaen starb.“

„Das ist richtig – aber scheinbar ist es schlimmer. Errist sagte mir, man munkelt, ich hätte beide ermordet. Was sagst du dazu?“

„Hmm.. – es ist nicht gut, wenn ein Volk so etwas von seinem Herrscher denkt – du solltest etwas deswegen unternehmen.“

„Ah, seit wann kennst du dich mit den Pflichten eines Herrschers aus? – Etwa ein Buch gelesen? – Aber natürlich hast du Recht, ich muss und werde etwas unternehmen. – Wenn mich doch nur nicht immer diese Kopfschmerzen vom Denken abhalten würden…“

„Soll ich dir die Kräuterfrauen schicken?“

Crear zögerte. „Besser nicht – erst, wenn wir den oder die Verantwortlichen gefunden haben – wer weiß, vielleicht würden die Frauen mich ja vergiften wollen?“

„Gibt es sonst etwas, das ich für dich tun kann?“

„Ja – halte mir Teule und Louvis vom Hals – die beiden brüten etwas aus – ich kann es spüren.“

„Das wird schwer – aber ich seh‘, was ich tun kann.“

Am nächsten Tag erblickte ich Teule mit Crear zusammen im Hofgarten. Ich konnte nicht umhin, sie aus dem Schatten des Bogenganges heraus neugierig zu belauschen. Leider verstand ich nicht alles, was sie besprachen, doch schien Crear ihrer Gegenwart nun gar nicht mehr so überdrüssig zu sein wie noch zuvor. Die Brocken ihres Gespräches, die auch ich verstand, verwirrten mich, ergaben sie für sich allein doch keinen Sinn, aber mehrmals hörte ich die Namen Louvis, Maereth und Baggris. Ich hielt meinen Posten noch für eine Weile – doch ohne Erfolg, dann verabschiedeten sie sich – wie Großmutter und Enkel; nicht wie Feinde.

Am nächsten Morgen ließ Crear eine Handvoll Burgvolk, darunter auch mich, zu sich in den Thronsaal rufen. Herrschaftsvoll zu sitzen verstand er bereits gut, doch Louvis ließ sich immer noch nicht von ihm beeindrucken.

„Warum ruft ihr uns bereits so früh zu euch? Besitzt ihr nicht den Anstand, wenigstens bis nach der Morgenreinigung zu warten?“

„Seid still, Louvis; euer Gastgeber hat wichtiges zu verkünden.“ Errist zur rechten der Thronstufen sowie die üblichen Wachen am Saaleingang waren als einzige bewaffnet.

„Danke, Errist – also Louvis, eure Neugierde soll befriedigt werden. Wie ihr alle wisst, wurde die Burg nach Giften und einem Mörder des Maereth abgesucht – und heute Nacht fand sich ersteres und damit dann auch zweiteres.“

Unter den wenigen Anwesenden entstand Gemurmel.

Wieder einmal hielt Teule es nicht aus. „Nun sag schon – wer war es?“

Crear sah sie an als wollte er noch etwas anderes erwidern, doch wandte er sich schließlich an Errist. „Lass ihn hereinbringen.“

Begleitet von dem leichten Raunen der Zuschauer begab sich Errist zu einer Seitentür des Saales, öffnete diese und gab seine Befehle. Kurz darauf nahm das Raunen einen anderen Ton an, als zwei Wächter von Errist einen weiteren Mann hereinführten, der nicht bedroht wurde oder in Ketten lag, doch sichtlich große Angst hatte – Baggris, der Diener des Maereth, wurde beschuldigt, seinen eigenen Herrn ermordet zu haben. Als er mit seinen Begleitern in der Mitte des Saales stand, zwischen den Zeugen und Crear, erhob dieser seine Stimme.

„Du bist Baggris und warst lange Jahre Diener meines Onkels Maereth – stimmt das?“

Als der Angesprochene antwortete, zitterte seine Stimme. „Ja – Herr.“

„Du warst also über Jahre hinweg der Vertraute meines Onkels…“ Baggris nickte. „…sag mir, warum dann hast du ihn ermordet?“

Die Versammelten blickten teils ungläubig, teils verachtend; Baggris dagegen wie ein in die Enge gedrängtes Tier. „Das habe ich nicht!“

„Und wie kommt es dann, dass du in deinem Zimmer einen Wirkstoff – ein tödliches Gift – das selbe Gift, mit dem Maereth ermordet wurde – lagerst?“

Baggris sah sich erfolglos hilfesuchend um. „Er gab es mir ein paar Wochen vor seinem Tod – ich wusste nicht, was es war – ich schwöre es!“

„Warum sollte dir mein Onkel ein Gift geben – Warum sollte er so dumm gewesen sein, dir in die Hände zu spielen? – Ich frage dich ein letztes Mal: Warum hast du ihn ermordet?“

„Das habe ich nicht!“ Baggris schien verzweifelt.

Crear wurde immer härter, dass mir schauderte. „Nun gut, dann sage ich dir, warum du es getan hast: Vor einem Jahr begegnete Maereth einer Schwester von dir. – Sie gefiel ihm; er ihr jedoch nicht. – Er missachtete alle guten Sitten und nahm sie mit Gewalt, dass sie dabei starb. – So etwas haben auch schon andere Tereanv vor ihm getan. – Du aber schworst Rache an Maereth. – Stimmt das so?“

„Ja, er hat sie getötet! – Doch ich würde niemals…!“

„Ich habe genug Zeugen, die gesehen haben, wie sehr deine Liebe zu meinem Onkel in Hass umschwang. Leider war er nie schlau genug gewesen, dich zu entlassen; wollte dich mit seiner Anwesenheit quälen.“

Im Saal gab es zustimmendes, überraschtes und entsetztes Gemurmel.

Da sprach Louvis. „Jetzt hört endlich auf mit diesem Possenspiel und werft ihn in den Kerker!“

Zwei oder drei Stimmen gaben ihr Einverständnis.

Doch Crear war anderer Meinung. „Nein, es sollen alle sehen, dass man einen Tereanv nicht so behandeln kann – heute Mittag gleich wird er in der Stadt gehängt werden.“

Baggris brach sogleich zusammen. Einige Anwesende waren bestürzt, andere stimmten zu. Ich aber wunderte mich, zu was Crear fähig war.

Nachdem Baggris wieder weggebracht und die Versammlung aufgelöst wurde, sah ich Teule zu Crear gehen. „Ich bin überrascht Enkel – du machst dich.“

Crear sah ihr nicht hinterher, als sie ging – doch Louvis folgte ihr sogleich. Ich überlegte kurz das Wort an Crear zu richten, nach einem Blick auf Errist ließ ich es jedoch sein. Stattdessen nahm ich mir den Nachmittag frei um runter in die Stadt zu gehen, wo sich am Markt dann eine kleine Menge eingefunden hatte, der Hinrichtung des Baggris zuzusehen. Niemand der Anwesenden schien ihn zu kennen; sie alle waren bloß glücklich, ihren Hass auf jemanden lenken zu können, denn obwohl Maereth und Shaen kaum Zeit zum Wirken gehabt hatten, waren die Bürger zumindest bis Gurass der Familie Elorm ergeben gewesen, die der Stadt seit Jahrzehnten steigenden Wohlstand brachte – und nun achteten sie auch Crear, wo doch alle Verdächtigungen ihm gegenüber ihren Grund verloren hatten. Niemand sprach für Baggris; niemand nahm Anteil an seinem Schicksal. Als er auf die Erhöhung gebracht und vorgestellt wurde, entschied ich mich dazu wieder zu gehen, wollte ich doch nicht noch mehr sehen.

Die Gerüchte und Gespräche über Crear ließen aber nicht völlig nach. Nachdem das Volk nun zwar einigermaßen beruhigt worden war, begann der Adel immer mehr zu vermuten, Geschichten zu spinnen. Neu war eigentlich keine davon, doch die Kreise in denen sie umgingen umso einflussreicher. Bald ging dies so weit, dass Crear handeln musste und einen der lautesten Schwätzer zu sich in den Thronsaal rief.

„Werter Paush – leider wurdet ihr uns die letzten Tage vor allem aus euren Reden über uns bekannt – leider deshalb, weil diese Reden nicht angenehm waren.“

„Aber – Herr! – nie hätte ich etwas Schlechtes über euch gesagt!“

„Ah – ein Lügner auch noch? – Aber gut – Paush: Eure Familie ist schon lange an diesem Hof – und hat meinen Vorgängern wohl gute Dienste geleistet… – Wisst ihr, die Dinge, die ihr über uns sagtet, sind natürlich nicht wahr – euch wird nichts geschehen. Im Gegenteil – ich plane, euch für eure langen Dienste gut zu entlohnen.“ Während Paush ihn überrascht und irgendwie auch geschmeichelt ansah, fuhr Crear fort. „Wie ihr sicher wisst, gehören zu unseren Ländereien auch viele der Grenzmarken. Nördlich von Lurut, tief im Branntwald, liegt Chaensist. In den letzten Jahren kamen oft Banditen aus Panmein dorthin. Ich ließ euch bereits als neuen Verwalter eintragen – man erwartet eure Ankunft bis zum Ende der nächsten Woche.“

Paush verließ den Saal hochrot und schien kurz vor dem Bersten zu sein. Seine Abreise erfolgte sehr schnell.

In den folgenden Wochen wurde Crear immer sicherer in dem, was er tat. Zunächst setzte er die Herrschaft über Lurut fort wie gewohnt, doch brachte er nach einer Weile die Pläne des Shaen zur Stärkung Luruts wieder hervor. Paush galt hierbei als erster Wegstein zum Ziel, die Grenze zu sichern. Nach und nach kamen auch vermehrt Gesandte aus anderen Regionen des Landes, allen voran die Nachbarn Luruts, die durch die Stärkung der Grenzen aufgeschreckt worden waren. Im Gegensatz zu Shaen sprach Crear aber nicht offen darüber, die anderen anzugreifen, obwohl alle diese Entscheidung für früher oder später erwarteten – hoffnungsvoll oder ängstlich. Für uns in der Dienerschaft ging das Leben in Lurut aber weiter wie gewohnt, sieht man einmal davon ab, dass der Winter sich näherte.

„Was glaubst du – wird die Herrin Asmyllis je wiederkommen?“ Caeryss hörte in ihrer Tätigkeit Teig zu kneten auf und sah mich an, dass auch ich aufhören musste die Vorratslisten durchzugehen.

„Das weiß niemand – aber wie kommst du da jetzt drauf?“ Eigentlich hatte ich Asmyllis schon fast vergessen; wie eine alte Liebe.

„Vielleicht könnte sie hier wieder Ordnung schaffen – den Herrn Crear wieder zur Vernunft bringen – und wieder mehr von der Familie in die Burg schaffen; nun, da auch Gasmys und seine Söhne weg sind.“

Mit einem Mal hatte sie meine Aufmerksamkeit. „Wie meinst du das – weg?“

Sie sah mich überrascht an. „Sie wurden von Crear an die südliche Grenze gesandt – nach Narattet, soweit ich weiß – müsstest du als Kämmerer das nicht wissen?“

„Ja, das müsste ich wohl.“ Mit gemischten Gefühlen stand ich auf. „Ich werde mit Crear sprechen müssen.“ Eilig verließ ich die Küche, einen seltsamen Zorn verspürend; doch war gleichzeitig erleichtert: Nur weggeschickt, nichts schlimmeres. – Ich fand Crear bei Euliste.

 

 

V: Freunde bringen auch Feinde.

Ich hatte noch nie so eine beeindruckende Stadt gesehen. Aber immerhin befand ich mich damals in diesem Frühjahr auch in der Stadt des Königs, welche man sich immer eindrucksvoll vorstellt. Barga war die älteste Stadt des Landes – und auch die größte. Mit jedem Schritt spürte man das Alter, welches die Steine der Stadt verströmten. Die Bewohner schenkten uns bei unserer Ankunft nur wenig Beachtung, schienen sie doch zu sehr in ihre eigenen Geschäfte verwickelt zu sein und waren Besucher wie uns sicherlich bereits gewohnt – und letztlich dürfte man Louvis und seine Leute in der Stadt sicherlich zur Genüge kennen.

Wir erreichten eine Woche zu früh die Stadt, da wir mit widrigeren Reisebedingungen gerechnet hatten, doch waren die Straßen bereits besser bereisbar als gedacht. Der Geburtstag des Königs stand an und wir waren nicht die ersten Gäste, so wurden wir erst einmal auf Unterkünfte in der Stadt verwiesen, da in der Burg kein Platz mehr war, wollte man nicht bloß auf dem Fußbogen schlafen, derweil Louvis und seine Begleitung – darunter auch das Fräulein Euliste – dem König bereits ihre Aufwartung machen durften. Crear dagegen hatte wie alle angereisten Adligen bis zu den Feierlichkeiten zu warten, bevor er dem König vorstellig werden durfte – und ich, der ich nur als Freund des Crear diese Reise mitmachte, hatte tiefstes Mitgefühl mit dem Kämmerer der Burg von Barga, ständen diesem doch anstrengende Tage bevor.

Mit uns kamen einige der Hofadligen, eine Reihe von Knechten und Mägden unter meinem Befehl und natürlich Errist mit einigen Kämpfern als Leibgarde des Tereanv. Daheim in Lurut durfte Hofmeister Pyn die Burg einmal für einen Mond lang nahezu für sich allein haben; was aber natürlich auch bedeutete, dass er auf die verbliebenen Adligen und Mägde achten musste.

Fast eine Woche verbrachten wir in einem Stadthaus des Königs, untergebracht in einem ganzen Stockwerk des Gebäudes, derweil in jeweils einem der zwei anderen der Tereanv von Thyrm und Somm Orichin, Tereanv von Daminro, unterkamen. Beide waren mit ihren Begleitern bereits vor uns angekommen und eifrig uns zu begrüßen und willkommen zu heißen. – Das alte Spiel begann: Beschnuppern; Stärken und Schwächen ausprobieren und herausfinden; sich mit den Starken gut stellen und versuchen die Schwachen zu unterwerfen. Von den beiden anderen Tereanvs war Somm Orichin eindeutig der stärkere und Thyrm ihnen allen unterlegen.

Nach einer Weile trafen Crear und Orichin sich fast jeden Abend wie wahrhaft Gleichrangige. Sie unterhielten sich vor allem über ihre jeweiligen Landesgeschäfte und die angrenzenden Reiche – über Tarle und Panmein. Zwar hatte unser Sacaluma mit beiden lange keine Zwiste gehabt, doch schien dies den Tereanv auch nur wenig zu gefallen – immer wenn ich zufällig etwas aus den Gesprächen aufschnappte, ging es um Schwächen und Stärken der Reiche, welche Landstriche sie hätten, die für Sacaluma interessant wären und um Kriegsgeschichten aus der Vergangenheit – und das, wo Crear kaum Ausbildung an einer Waffe erhalten hatte.

Ich nutzte die freie Zeit meist lieber – allein oder in Begleitung von Knechten oder Kämpfern die ich mochte – um die Stadt zu erkunden. Ja – sie war eine Stadt wie so viele, doch gab es mehr Geheimnisse zu entdecken und man spürte auch, dass die Barger andere Vorfahren hatten denn die Luruten – oder auch die Daminronen und Thyrmen. Es galt eine fast schon neue Welt für mich zu erkunden, und das tat ich dann auch. Hin und wieder sah ich neue Gesandtschaften eintreffen; meist ein Tereanv oder anderen Herrn einer Stadt oder eines Landstriches samt Begleitung, einer mehr herausgeputzt als der andere, als galt es etwas zu gewinnen, seltener auch Stellvertreter, wo jemand nicht selbst erscheinen konnte – und die Barger selber waren eifrig darum bemüht, auch ihre Stadt so schön wie möglich herzurichten, war des Königs Geburtstag doch für alle ein Fest.

Die angekommenen Gesandten aber waren für den betreffenden Tag in die Burg selbst geladen und durften dazu ihre adlige Begleitung sowie ein paar ausgesuchte Diener mitnehmen. – So kam es, dass an diesem Feiertag auch ich in der Burg zugegen war. Mehrere Veranstaltungen waren für diesen kühlen doch sonnigen Tag geplant worden, doch bevor es dazu kommen konnte, sollten sämtliche Gäste gemeinsam den König – ihren König – begrüßen. Hierzu kam der König Jaster Junoh Sacaeran auf einen Balkon hinaus, von dem er den Hof, auf dem sich alle versammelt hatten, überblicken konnte.

Jaster Junoh war, wie man sich einen König vorstellte, in seinen besten Jahren, die sich jedoch auch schon dem Ende zuneigten, vollbärtig und mit halblangen Locken, beides jedoch schon mit grauen Strähnen versehen. Körper und Geist wiesen Festigkeit und Stärke auf – nur auf Zeichen seiner Macht, wie einer Krone, hatte er verzichtet – doch trug er kunstvolle Festgewänder.

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Auch seine Stimme war fest – und herrschaftsgewohnt. „Willkommen auf der Burg Barga! – Es freut mich zu sehen, wieviele den Weg auf sich nahmen allein meines Geburtstages wegen hier zu erscheinen! – Mein Hofmeister, Tereanv Feart, hat viel für uns heute vorbereitet! – Aber zunächst einmal – lasst uns frühstücken!“

Das mussten wir uns nicht mehrmals sagen lassen. Das Frühstück wirkte mehr wie ein großzügiges Mittagsessen, wogegen wir nichts einzuwenden wussten. Danach war eine kurze Zeit dafür angesetzt, sich kennenzulernen, bevor es hinaus vor die Stadt für ein öffentliches Turnier gehen würde – und darauf sollten noch das Mittagsessen, Schauspieler, Musikanten und Spiele folgen, bevor es dann zum Abendessen mit abschließendem Ball kommen könnte.

Louvis nutzte den Moment, um dem König unseren Crear vorzustellen – welcher wiederum auch mich dazu holte.

„Ah! – Ihr seid also der neue Tereanv von Lurut! – Erfreut an eurer Bekanntschaft! – Und wehe ihr kniet vor mir.“

So blieb Crear dabei sich nur etwas zu verbeugen. „Danke Herr – auch mir ist es eine Ehre.“

„Ich hoffe doch – die Reise verlief gut?“

„Wir hatten keine Probleme.“

„Gut – in einigen Gegenden soll es nämlich wieder vermehrt Räuber geben!“ Dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck zu Wehmut. „Ich kannte euren Großvater – Gurass – und auch dessen Sohn, euren Großvater Shaen – um ersteren ist es wirklich schade – ich war tief bestürzt als ich von dem Verlust hörte.“ Wieder ließ er Crear nicht zu Wort kommen, wandelte sich sein Gesichtsausdruck doch sofort wieder in Freude. „Aber reden wir von den schönen Dingen des Lebens! – Ihr kennt sicher meine Kinder noch nicht – darf ich sie euch vorstellen?“ Ohne zu warten gab er ein Zeichen und aus dem Hintergrund traten wie bestellt ein junger Knabe und ein etwa volljähriges Mädchen. „Das sind mein Sohn und Nachfolger Jerris und seine Schwester Emmistat; Verlobte des Tereanv Fouchal Demaun von Gernin.“

Artig verbeugten sich die Kinder. Man kann wohl von Glück sprechen, dass nur ich die Blicke zwischen Crear und Emmistat bemerkte, hätte es doch sonst zu vielen Unannehmlichkeiten führen können. So aber blieb es mein Geheimnis, wie Crear ein neues Interesse fand.

Jaster Junoh redete dagegen bereits weiter. „Leider kann ich euch meinen Jüngsten nicht vorstellen; er muss gerade schlafen und wird von seiner Amme umsorgt.“ Der König lachte, als hätte er einen guten Scherz gemacht. Dann blickte er wieder traurig. „Was seine Mutter ja nicht mehr tun kann.“

Das hörte ich kaum, da ich bereits überlegte, wie ich Crear nun von diesem mitteilsamen Herrscher befreien könnte, doch mischte sich jemand neues ein.

Ein Mann mittleren Alters mit Spitzbart und kurzgehaltenen Locken stellte sich rechts von uns auf. „Herr – verzeiht. – Meine Schönheit…“ Damit ergriff er die Hand der Emmistat um sie zu küssen.

„Ah! – mein zukünftiger Sohn!“ Der Ankömmling verneigte sich leicht vor ihm. „Sagt – habt ihr euch schon vorgestellt?“ Damit meinte er Crear und den Mann, die beide verneinten. „Tereanv Crear Ataurass Elorm von Lurut – darf ich euch Tereanv Fouchal Demaun von Gernin vorstellen? Oder wie er es lieber hat: Geroux. – Verlobter meiner Tochter, zukünftiger Sohn meines Wesens!“

Die beiden Genannten begrüßten sich mit abschätzenden Blicken, dann sprach Demaun. „Es ist mir eine Freude – ihr seid der neue Herr von Lurut? Nach allem was ich hörte hoffe ich für euch, dass ihr es länger bleiben könnt als eure Vorgänger.“ Wieder konnte man nur von Glück reden, dass der König den Unterton dieser Rede nicht mitbekam.

Kurz darauf dann wurden wir auch bereits entlassen, als es für den König galt, noch mit anderen zu sprechen, bevor die Festlichkeiten fortgesetzt werden würden. Später bei den Schaukämpfen und auch den Schauspielen nach dem Mittag bekam jede Gruppe ihre eigenen Plätze. Crear, der mal wieder über Kopfschmerzen klagte, entsandte mich um durch die Ränge zu gehen und zu lauschen, was man sich so erzählte. Erstaunlich viele unterhielten sich auch tatsächlich über ihn – der etliche Pausen und Ausflüchte nutzte sich mit Euliste zu treffen und auf seinem Platz aber meist nur Augen für Emmistat hatte. Einige Adlige meinten andere, die noch nicht davon gehört hatten, über das Schicksal von Crears Vorgängern unterrichten zu müssen. Immer wenn die Angesprochenen dann vermuteten, dass Crear selber vielleicht seine gewandten Finger mit im Spiel gehabt haben könnte, schilderte man dann den Fund des Giftes bei dem armen Baggris, dem Diener des Maereth und seiner schnellen Hinrichtung. Einige konnten für Crears Handeln wirklich nur noch Zustimmung finden, andere wagten zu bezweifeln, dass Baggris wirklich schuldig gewesen wäre.

„Ich glaube ja, der Tereanv Crear brauchte damals nur dringend einen Schuldigen, um von sich selber abzulenken.“ Rückblickend betrachtet komme ich nicht umhin zu behaupten, dass Fouchal Demaun von Gernin sehr wohl wusste, dass Crear ihn hören würde, als er diese Worte während der Vorführung eines Musikstückes im Hofe der Burg zu Somm Orichin von Daminro sprach.

Und Crear, der immer noch an Kopfschmerzen litt, konnte diesmal nicht an sich halten. Den ganzen Tag schon hatte Demaun versucht Gerüchte über ihn zu verbreiten; dies ging nun zu weit.

„Tereanv Fouchal – ich muss euch leider bitten aufzuhören falsche Reden über mich zu verbreiten. – Danke.“

Doch Demaun lächelte ihn nur höhnisch an. „Ich sage doch überhaupt kein falsches Wort.“

„Tereanv – das ist meine letzte Warnung – hört damit auf.“

„Und wenn ich es nicht tue? Was geschieht dann?“

Ich hatte das Gefühl zwei kleinen Kindern zuzuhören; auch wenn der Ton gehobener war.

„Dann, mein Lieber, wird meine Geduld mit euch zuende sein – und wir sollten das nach den alten Bräuchen klären.“

Nun musste Demaun wahrhaftig grinsen. „So gefällt mir das! – Ist euch nach oder vor dem Abendessen lieber?“

„Auch wenn ihr mir das als Feigheit vorwerfen werdet, nenne ich es Vernunft: Lasst es uns auf morgen Früh verschieben; der König sollte es heute lieber nicht erfahren.“

Zum abendlichen Ball war ich nicht mehr geladen, so erfuhr ich davon nur von Crear selbst. Dieser erzählte mir, wie Demaun weiterhin von seinen kleinlichen Sticheleien nicht ablassen konnte und er versuchte es nicht zu beachten, um ihn dafür am Morgen umso mehr zu strafen. Dies hielt ich für sehr weise. Stattdessen nutzte er seine steten Kopfschmerzen als Vorwand, um sich alsbald vom Ball zurückziehen zu können – es war die einzige Möglichkeit für ihn, sich noch einmal in Ruhe mit Euliste zu treffen. Davon aber verriet er mir nicht viel und als er – seinen Worten nach – zum Ball zurückkehrte war dieser bereits dabei sich aufzulösen.

Früh am Morgen dann half ich ihm, seine Fechtausrüstung anzulegen. „Machst du dir keine Sorgen um Demaun?“

„Warum sollte ich? Wenn nicht heute, dann wird ihn sein Schicksal ein anderes Mal ereilen – und mich ebenso.“

Wenig später – immer noch vor dem Frühstück – trafen die beiden sich, begleitet von Freunden und Dienern, auf einem Feld hinter der Stadt.

„Ihr seid bereit.“

„Ja – ihr auch.“

Es wurden wirklich nicht viele Worte gewechselt, da stürmten sie bereits aufeinander ein. Noch vor seiner Ankunft an diesem Ort hatte Crear von Somm Orichin erfahren, dass Demaun ihn öffentlich als Lügner und Mörder bezeichnet hatte. Es folgte Hieb auf Hieb und auf beiden Seiten wurde Blut vergossen, nachdem sich beide als ungeübte Kämpfer herausstellten.

Es dauerte aber nicht lange, da wurden sie unterbrochen – ein Dutzend Kämpfer des Königs selbst waren erschienen. „Halt! – Im Namen des Königs: Ihr seid hiermit beide verhaftet! – Das Kämpfen ist auf dem Grunde Bargas untersagt! – Wir sollen euch beide, meine Herren, zum König bringen.“

Und so geschah es denn. Die Versammlung wurde aufgelöst; wir sollten unseres Weges gehen, derweil unsere Herren beim König vorstellig wurden. Zwar versuchte ich dem Tross unauffällig zu folgen, doch kam ich nur bis zum Tor der Burg; danach musste ich umkehren. Crear und Demaun wurden noch bis zum König selbst gebracht und sahen nun das erste Mal dessen Thronsaal. Er war – milde gesagt – sehr erzürnt, als er von diesem Treffen zum Kampfe erfahren hatte. Nicht nur, dass so etwas in der Stadt an sich schon verboten war, nein, sie als Adlige hatten damit auch noch ein besonders schlechtes Beispiel für das Volk gegeben. Seine Strafe war kurz aber bestimmt: Beide hatten – zusammen mit ihren Begleitern – umgehend Barga zu verlassen. Täten sie das nicht, müsste man sie ächten und vertreiben.

Selten hatte ich Crear so wütend erlebt wie in diesem Moment, als er uns davon berichtete. Er erzählte nur das Notwendigste, wollte mit niemanden reden und ließ uns sofort packen.

Wenig später waren wir auf dem Weg zurück nach Lurut.

Crear blieb lange Zeit grübelnd und planend allein.

 

 

VI: Nicht alles ist kaufbar: Wer für seine Liebe töten würde…

Ein ganzes Jahr sollte nun vergehen, bevor die großen Unglücke begannen. Nach seiner beschämenden Abreise aus Barga war Crear lange Zeit weniger gut gestimmt.

„Wir kann er es wagen, mich – mich! – einfach so aus der Stadt zu werfen? – Er weiß doch, wer und was ich bin!“

„Nun, du hast gegen geltendes Recht verstoßen…“

Wütend schlug Crear gegen den Schild an meiner Wand – lange würde dieser nicht mehr leben. „Geroux hat das! – Er hat mich dazu getrieben!“

Seit unserer Abreise nannte er den Tereanv von Gernin nur noch bei dem alten Namen dessen Stadt: Geroux statt Gernin. Was das zu bedeuten hatte wusste ich mir nicht zu erklären.

„Was hast du vor?“

„Ach, ich weiß es…“ Plötzlich sackte er in sich zusammen, lehnte sich vorher noch mit dem Rücken an die Wand, bevor er an dieser herabrutschte.

Seine Hände hatte er seitlich an seinen Schädel gepresst; die schmerzverzerrt Fratze erschrak mich zutiefst.

„Crear?“ Hastig sprang ich auf, riss die Tür meines Zimmers auf und schrie um Hilfe.

Später rügte er mich für mein Verhalten; es sollte nicht die ganze Burg wissen, unter welchen Schmerzen er manchmal litt. Die Kräuterfrauen wussten mit ihm sowieso kaum etwas anzufangen, doch waren sie Meisterinnen des Tratsches, weshalb auch bald so alle unterrichtet schienen. Natürlich wurden seine Schmerzen davon auch nicht besser, schienen eher immer schlimmer zu werden. Das Burgvolk ging unterschiedlich damit um. Einige begannen ihn zu meiden, andere meinten es ausnützen zu können und fast alle tuschelten heimlich über ihn.

„Wenn ihr mir diese Bemerkung gestattet; der junge Tereanv scheint wahnsinnig zu werden.“ Der alte Faulass sprach dies wie beiläufig, als ich eigentlich mit ihm und zwei anderen Hofadligen die Vorbereitung zu Crears Geburtstagsfeierlichkeiten besprechen wollte.

„Was?“ Die Bemerkung hatte offensichtlich nicht viel mit Wildbret zu tun, weshalb ich zunächst nicht wusste, was er meinte.

„Wie kommt ihr da jetzt drauf?“

„Ich habe schon länger darüber nachgedacht. Ist euch nie dieser Blick aufgefallen, den er manchmal hat? Und gestern hat er die alte Gouma in den Schlamm gestoßen, als sie ihn bei einem seiner Anfälle im Weg stand…“

Da krachte auf einmal etwas. Überrascht wendete ich mich und sah Crear in den Raum mit geschwinden Schritten eilen, in der Hand einen Holzscheit schwingend – nein; ich erkannte: Es handelte sich um ein Stuhlbein; den Rest des Stuhles hatte er an dem Durchgang zum Raum zerschmettert.

„So also sprecht ihr über euren Herrn?“

Schneller als wir handeln konnten hatte er bereits Faulass erreicht und schlug dem Alten mit dem Stuhlbein über den Schädel. Während Faulass blutend in die Knie ging, konnten wir anderen Drei einschreiten. Wir hielten Crear und das Bein mit Mühe davon ab, tödliche Schläge zu verteilen, bis Crear irgendwann plötzlich bewusstlos zusammenbrach.

Später erinnerte er sich an nichts von dem Geschehenen mehr; zu unserem Glück, hatten wir doch immerhin unsere Hände gegen unseren Herrn erhoben. Niemand von uns wagte es ihm zu erzählen, waren wir doch zu tief erschüttert; Faulass verließ eines Tages schweigend die Burg und kehrte auf den Gutsbesitz seiner Familie zurück.

„Warum verlässt uns Faulass denn?“ Crear stand auf dem Balkon über der Eingangshalle und sah der Kutsche des Adligen verwundert nach, wie sie schwer bepackt den Hof verließ.

Mir war es unangenehm zu antworten. „Er meint, eine Zeit draußen auf seinem Anwesen würde ihm gut tun.“

Schweigend nickte Crear, bis er dann das Gespräch auf anderes lenkte. „Wir können sein Zimmer vermutlich auch gut gebrauchen – ich erwarte Gäste aus dem Reich – und du solltest dich fortan auch nicht wundern, wenn Besucher aus anderen Ländern dabei sind. Lurut sollte sich nicht mehr einzeln in Sacaluma verstecken, findest du nicht auch?“

Ehrlich gesagt wusste ich nichts darauf zu antworten: Ich leitete vielleicht eine Burg, aber nicht einen ganzen Landstrich.

„Gut, dann werde ich… Crear?“

Ohne Vorwarnung waren Tränen auf sein Gesicht getreten. „Ich vermisse sie…“

„Was? – Wen?“

„Sie alle… die nicht mehr sind… Euliste, die in Barga bei Louvis ist… meinen Vater, der nicht mehr unter uns ist… meine Mutter, die ich nie gekannt habe… Asmyllis, die schon solange verschwunden ist…“ Seine Stimme verschwand unter Schluchzen.

„Crear…“ Nicht recht wissen, was ich tun soll, legte ich ihm eine Hand auf die Schulter.

Plötzlich warf er sich in meine Arme. „Ich vermisse sie!“

Wen genau er nun meinte vermag ich aber nicht zu sagen, doch auf einmal war er wieder der verängstigte Junge von damals.

Einige Zeit darauf – es war schon wieder Sommer – kamen vermehrt seltsame Gestalten zu Besuch auf die Burg. Männer, die ich nie zuvor gesehen hatte, kamen und gingen, blieben einige Tagen und waren dann wieder verschwunden. Männer aus verrufenen Gegenden waren sie: Luftig gewandete Geschäftsleute aus der Tolum, schmierig düstere Geldsäcke aus Icran und andere, die ich nicht erkannte. Jeder stank förmlich danach, sich für Geld zu verkaufen und keiner hätte je mein Vertrauen erringen können.

„Diese Männer, die da immer zum Tereanv kommen – sie gefallen mir nicht.“ Caeryss sah Gouma an, die bedrückt nickte.

„Einer dieser Kerle hat sogar schon versucht mich in sein Bett zu bekommen – mich alte Vettel! Ha!“

„Du bist nicht alt.“Doch sie schien meinen Einspruch gar nicht zu hören.

„Manchmal frage ich mich wirklich, was aus meinem kleinen Jungen Crear geworden ist.

„Hmpf! -Ja, er verhält sich immer sonderbarer. Mal ist er ganz der Alte; mal ein fieses Monster, das seine Diener schlägt und manchmal auch ein windiger Geschäftsmann, wenn er sich mit diesen Gestalten trifft.“ Caeryss wollte schon fröhlich weiterschnattern, da erschien Hofmeister Pyn am Gartentor.

Er war außer Atem. „Herr Doubal! Endlich finde ich euch! – Bitte kommt doch mit – der Tereanv brach vor einer Stunde zusammen und ist seitdem nicht wieder erwacht – kommt bitte schnell!“

Ich wechselte mit Gouma und Caeryss noch besorgte Blicke, dann folgte ich ihm den langen Weg hinauf zu Crears Gemächern.

Wie sich noch zeigen sollte, blieb dies nicht das einzige Mal, dass Crear unter Schmerzen zusammenbrach. Meist jedoch konnte er die drohende Gefahr zukünftig rechtzeitig erkennen und sich zurückziehen, was natürlich für Geschäfte nicht sehr förderlich war. Die Kräuterfrauen konnten ihm nicht helfen; sie alle wussten sich gegen Crears Leiden nicht recht zu helfen. Sehr zu meinem Missfallen brachte Teule ihm eine Mischung, die gegen seine Schmerzen helfen sollte, sofern er immer ein paar Tropfen nähme. Zwar schienen sie ihm wirklich ein wenig zu helfen, doch vor allem eher schrecklich stark an Teule zu binden, was er dieses Mal nicht bemerkte. Nur ich schien noch auf ihn aufpassen zu wollen, wenngleich ich es nicht wagte, ihm meine Befürchtungen selbst zu sagen – lieber hielt ich mich bedeckt und beobachtete alles aus Verstecken heraus.

So auch an einem Tag, als Teule ihren Großenkel im alten Kartenraum antraf – und ich ‚zufällig‘ draußen vor dem Fenster war. Ich hatte nicht gewusst, was Crear dort suchte, doch war er schon seit etwas mehr als einer Stunde dort drinnen am herumwühlen – und lange hätte ich nicht mehr ausharren können.

„Ah, Crear! Was machst du denn hier?“ Schrecklich süß klang ihre Stimme.

„Dasselbe könnte ich dich fragen – aber wozu schon? Ich suche Karten – von der Burg, der Stadt, dem Land, dem Reich… – ich muss wissen, was wo liegt – und auch, wem was gehört.“

Plötzlich erschien Teules Stimme nah am Fenster; nah bei mir. „Da könnte ich dir doch helfen – lass mal sehen.“ Etwas raschelte. „Du musst wissen, wer dem Reich Lurut etwas schuldig ist – wer ihm treu ist – und wer schon immer unser Feind war.“

„Ich habe es mir bereits mit Gernin und Barga verscherzt – nächste Woche kommt Tereanv Somm Orichin von Daminro zu Besuch – er könnte mein stärkster Verbündeter werden.“

„Mit dem Osten kamen die Herren von Lurut noch nie zurecht – aber Crear, mein Liebling – niemals darfst du dir den König zum Feind machen – es sei denn, du kannst siegen.“

„Um den König mache ich mir zur Zeit weniger Sorgen – um ihn werde ich mich im Frühjahr kümmern.“

„Dann hoffe ich, dass du weißt was du tust – soll ich dir noch einiges über die anderen Adligen und ihre Ländereien erzählen?“

„Natürlich – Danke Großmutter.“

Mir liefen Schauer über den Rücken die beiden so vertraut reden zu hören, doch konnte ich auch nicht aufhören sie zu belauschen, musste stetig weiter zuhören. So erfuhr ich allerlei über Adel und Ländereien, die auf Karten gezeigt wurden welche ich nicht sah und von denen ich teilweise noch nie gehört hatte. Irgendwann wurde ich dem doch noch überdrüssig und verschwand schwirrenden Kopfes von diesem Ort.

Im späten Herbst dann geschah etwas, das uns allein das Fürchten lehrte. Die Früchte auf den Feldern hatten gerade ihre Reife erlangt und waren alle eingesammelt worden. Wie es Sitte war, ging daher der zehnte Teil in die Speicher der Burg, unter meine Obhut. Wir alle hätten uns nur zu gerne in dem Obst gesuhlt doch war es uns verboten uns mehr als den täglichen Anteil zu nehmen, der von Pyn verteilt wurde. Einer seiner helfenden Knechte aber nun wurde eines Abends dabei ertappt, wie er einen ganzen Arm voll mit sich nehmen wollte. Leider war Pyn so unvorsichtig, Crear davon zu erzählen.

„Er hat was getan? – schafft ihn mir sofort herbei!“

Wie befohlen sandte Errist zwei seiner Krieger aus, die bald mit dem Knaben zurückkehrten. Ängstlich stand dieser dann vor Crear, der auf seinem Thron saß.

„Du hast Obst gestohlen – stimmt das?“ Crears Stimme war hart und verlangend, so dass selbst ich Angst bekam.

„Herr – meine Familie -“

„Was schert mich deine Familie? – Hast du oder hast du nicht?“

„Herr – ja, Herr, aber nur um…“

„Errist! – Dieser Knecht wird das nächste Jahr im Kerker bei Wasser und Brot verbringen! – So muss er wenigstens nichts stehlen – Und danach darf er sich sein Obst wieder kaufen, wie alle in der Stadt.“

Wir alle – außer vielleicht Errist – waren bestürzt über dieses Urteil. Auspeitschen wäre noch die schlimmste Strafe gewesen, die man früher dafür verwendet hätte.

Pyn war aber der Einzige, der es wagte darauf hinzuweisen, während die Krieger den nun weinenden Knaben fortschafften. „Herr – meint ihr nicht, dass das zu hart ist?“

„Pyn – wer von uns beiden ist hier der Tereanv? Willst du mich anzweifeln? Auf meinem Thron sitzen?“

Crear hatte ruhig gesprochen, doch Pyn erbleichte. „N-nein – Herr! – Ihr seid der Tereanv!“

„Dann ist gut.“

Pyn verbeugte sich und machte sich eilends daran, den Saal zu verlassen.

Den Winter über waren einige Fremde bei uns ‚zur Überwinterung‘; vielerlei rauflustig wirkende Gestalten, denen die Anständigeren unter uns nur zu gerne aus dem Weg gingen. Ein oder zwei von ihnen waren schon früher dagewesen, so zum Beispiel dieser Tolume namens Chastred mit seiner Gruppe Krieger. Ich war bei weitem nicht der Einzige, der Böses fürchtete .

„Was meinst du, wofür braucht er all diese Krieger?“ Caeryss hatte bereits mehrfach unter ihren Übergriffen leiden müssen; an diesem Tag saß sie mit Gouma und mir zusammen zum Frühstück in der Küche – die anderen Mägde waren gerade aus, den hohen Herren und Damen ihre Anteile zu bringen,

„Das letzte Mal als ich soviele fremde Krieger in der Burg gesehen habe, hatte Tereanv Gurass ein Turnier veranstaltet.“ Gouma schien immer häufiger in Erinnerungen zu schwelgen – oft fragte ich mich, was das wohl zu bedeuten hatte.

„Ich glaube kaum, dass er mit diesen…“ Vorsichtig sah ich mich um, mich zu vergewissern, dass nicht der falsche lauschen würde, und sprach danach trotzdem nur leise. „Ich glaube kaum, dass er mit diesen – Banditen ein Turnier veranstalten will.“

Caeryss sah mich erschrocken an. „Glaubst du wirklich, dass es Banditen sind? Einer von Errists Männern meinte, er glaubt, es seien Söldner.“

Ich konnte nur mit den Augen rollen. „Natürlich sind es Söldner – und Banditen – je nachdem, was ihnen gerade mehr einbringt. Wo ist der Unterschied? – Die Frage ist aber immer noch, was sie hier wollen; und ich befürchte schlimmes.“

„Was könnte jemand mit Söldnern schon wollen?“ Entwickelte sich Gouma plötzlich zur Kriegskennerin?

„Jemanden angreifen?“ Manchmal erschien Caeryss so schrecklich unschuldig, dass es fast schon erfrischend war.

„Aber wen wohl?“ Gemütlich rührte Gouma in ihrem Brei herum.

„Da befürchte ich so einiges. In letzter Zeit hatte Crear oft Besuch von Adligen, die größeren Landbesitz haben – und mit einigen davon verstand er sich nicht – die könnten gute Ziele für ihn sein – oder die Umgebung von Lurut; seinen eigenen Machtbereich vergrößern – und dann ist da noch Barga und alles was darinnen ist.“

„Den König angreifen?“ Es schoss förmlich aus Caeryss hervor, dass sie sich danach erstmal erschrocken umblickte.

Gouma aber interessierte anderes. „Was gibt es dort denn?“

Ihren Blicken nach zu urteilen sprach ich folgendes mit düsterer Miene. „Den König – seinen Gegner Louvis – die Macht des Reiches – seine Ehre – und schon so mancher Mann war bereit für seine Liebe zu töten.“

„Ach, seine Liebe!“ Gouma kichern zu hören erschrak mich fast schon mehr als die Umstände in der Burg.

Den gesamten folgenden Winter waren wir eingepfercht mit fremden Männern, die sich an Lautstärke und Rüpelhaftigkeit allesamt gegenseitig zu überbieten schienen. Und bald käme der Frühling – doch vorher entsandte Crear Boten an den König, dass er sich würde entschuldigen wollen – und wurde so für den nächsten Geburtstag wieder eingeladen.

 

 

2. Buch

 

VII: Die ersten Schritte…

Die nächsten folgenschweren Ereignisse erlebte ich selber nicht mit, hörte von ihnen nur aus der Ferne, daheim in Lurut. Es war Frühjahr geworden und Crear mit seiner Leibgarde um Errist abgereist; die fremden Männer hatten sich bereits früher verabschiedet. Ich fühlte mich zurückgesetzt, da er mich nicht hatte mitnehmen wollen, doch verstand ich später, dass es wohl zu meinem Schutz geschah. Vor einiger Zeit fand ich einen von ihm selbst verfasstem Bericht.

Wir verließen Lurut am Achten des Mondes. Narattet und die Ländereien zahlreicher anderer Besitzer, derer einige uns bald folgten, durchreisten wir. In Meadrish vereinigten wir uns mit Somm Orichin von Daminro und überquerten den Haregez; die Brücke von Meadrish ist wahrlich ein Wunder: Bei ihrer Überschreitung sahen meinereiner in den Fluss hinab und erblickte dort ein Spiegelbild und wie die Fische dessen Kopf umkreisten. Sie bildeten die Königskrone und verhießen uns gut Glück bei unserem Vorhaben.

Auf der anderen Seite des Flusses erwiesen sich die Verbündeten als spärlicher; die Macht von Barga als stärker. Aber das konnten wir ja bereits im vergangen Jahr erfahren und so wunderte es wenig. Die Freunde aus der Tolum, Icran und Saldān unerkannt durch das Land reisen zu erlassen war schwer, doch in Hafrond erwartete mich Nachricht, dass sie es erfolgreich nach Cahmind geschafft hatten – zumindest die Icraner; alle anderen an einem Ort zusammen warten lassen wäre tölpelhaft gewesen, hätten sie doch selbst Mächte an sich reißen können. So aber zerstreuten sie sich an wichtigen Orten des Landes; des Feindes; auf dass sie mir später nützlich sein würden.

Fünf Tage vor Jaster Junohs Geburtstag erreichten wir Barga. Es muss beeindruckend gewesen sein, unseren Trupp Getreue durch die Stadttore eintreffen zu sehen und wir gaben uns auch alle Mühe, als zukünftiger Herr erkannt zu werden. Wieder einmal speiste Jaster Junoh uns mit Zimmern in drittklassigen Herbergen und Stadthäusern ab, doch sollte es damit bald vorbei sein. Ich bestand darauf mit Somm Orichin, meinem größten Diener, im selben Haus untergebracht zu werden; wie schon damals ein Jahr zuvor. Zu meinem großen Verdruss war in diesem Haus aber auch das Lager des unehrenwerten Mannes aus Gernin, der mich einst so schmählich beleidigt hatte. Jaster Junoh – oder sein Gehilfe Tereanv Feart – war weniger dumm als ich vermutet hätte; in jeder Gaststube, jedem Haus, waren jeweils Freund und Feind meinereiner vermischt.

Dies machte es für uns schwer uns später allein zu treffen um die Geschehnisse der nächsten Tage zu planen. Doch letztlich kamen wir überein uns von Jaster Junoh einen Jagdausflug in das nahe Hochland zu erbitten. Die Erlaubnis machte es einfach, für unsereins Ruhe zu haben. Wichtiger aber noch war, dass uns die Boten aus Cahmind und dem Hochland nun besser erreichen konnten. Alles verlief nach Plan, so sahen wir guter Dinge die kommenden Tage der Erleuchtung nahen.

Zu seinem Geburtstag lud Jaster Junoh Sacaeran wieder in seine Burg. Tereanv Feart hatte sich schon das Jahr zuvor nicht gerade hervorgetan mit seiner damaligen Planung des Tages und diesmal wurde es kaum besser. Nach der üblichen Begrüßung gab es das ebenso übliche Frühstück – und endlich sah ich sie wieder. Sie war nicht zusammen mit dem Kerl von Gernin gekommen; schien schon länger bei ihrem Vater zu sein: Emmistat. Oh welch größere Schönheit könnte es in diesen Landen geben, wenn nicht sie und meinereiner? Beide von höchstem Geblüt, würden wir wahre Herrscher zeugen. Doch zunächst müssten die Hindernisse überwinden werden, die sich uns so in den Weg stellten: den Mann von Gernin sowie ihren Vater. Immer wieder war der Blick auf sie gefallen, kaum auf Essen oder das Tischgevolk, welches mit ihrem Geplapper, Geschmatze und Gerülpse schon lange jegliche Geduld überstrapaziert hatte. Als das Fraßgelage endlich vorüber war, gab es freie Zeit für uns zu verbringen.

Da der Tag nur noch wenig jung und es für uns noch viel zu tun gäbe, wollte ich nicht länger warten und bestand darauf, den König sprechen zu dürfen. Jaster Junoh tat herzlich und väterlich, sprach vom letzten Jahr, welch Toren meinereiner und Gernin doch gewesen, dass dies nun aber vorbei und wir wieder vernünftig geworden seien, worüber er mehr als glücklich wäre. Die ganze Zeit über konnte man aber nicht umhin sich zu fragen, wie ein solch dummer, die Wahrheit nicht erkennender König es geschafft hatte, so lange in seinem Amt zu verbleiben; sich so lange auf seinem Thron zu halten, hatte er doch nicht einmal Macht über uns.

Harmlos fing ich an ihm dies vorzuhalten. Zunächst brachte ich das Gespräch auf unsren seligen Vater und fragte Jaster Junoh, warum seine Macht nicht dessen Tod hätte verhindern können; wie er als König es zulassen konnte, dass seine Untertanen sich mordeten. Dies war das Zeichen für den sich in Hörweite befindlichen Demaun von Gernin mit in das Spiel einzusteigen, doch leider verwehrte dieser sich; sah uns bloß misstrauisch an. Jaster Junoh dagegen war zutiefst verblüfft und fragte, was meinereiner mit seinen Äußerungen meine. Man erklärte ihm frei heraus, dass seine Herrschaft und Macht am Ende seien und fragte, was er dagegen zu tun gedachte. Da er immer noch nicht verstand, sprach man von seiner Tochter, lobte ihre Schönheit und Gewandtheit. Er schien zwischen Erstaunen und Geschmeicheltheit zu wechseln, bis festzustellen war, dass eine solche Frau nicht an ein Aas wie den von Gernin zu verschachern sei sondern einem wahren Mann mit Zukunft zugehöre: meinereiner. Endlich schien Jaster Junoh wütend zu werden und auch Gernin versuchte mir Einhalt zu gebieten, doch versagte natürlich wie bei allem. Letztlich sprach man ihn noch auf Tarle an, unseren alten Feind, und warum sich seine Herrschaft dem immer weiter annähere. Bald warf man ihm Verrat und Zusammenarbeit mit dem Feind vor, bis ihm endlich die Geduld ausging.

Wütend verlangte er den Rauswurf – die Verhaftung – doch schon waren die Getreuen Luruts, derer der Saal fast die Hälfte zählte, zur Stelle. Mit Waffengewalt erzwangen wir uns selber einen Weg an die Freiheit, bei dem der Blick aber nicht von der schönen Emmistat gelassen werden konnte – doch dann, was war das, was erblickte man da? Auch Euliste, die kluge Geliebte, war in diesem Saal auf einmal zugegen. Es dauerte lang, bis ihr Blick gedeutet werden konnte.

Mittags waren wir unbehelligt zurück nach Cahmind gelangt. Die waffenschwingenden Kriegshunde der Tolum erwarteten uns bereits; freudig, in die Schlacht ziehen zu dürfen – für Lurut und sein Geld zu sterben. Es waren Söldner; sie nahmen viel Geld für ihre Taten; Trauer um sie wäre verschwendet gewesen. Zwei Ziele hatten wir uns erkoren, die zu erreichen wir nun auszogen. Das zweite war die Vernichtung der Macht Gernins – oder zumindest der Versuch sie an einer Hilfeleistung zu hindern – was die Männer aus Icran zusammen mit dem etwa einen halben Dutzend edler Leute unsrer Gesinnung aus Sacalumas Nordosten erledigen sollten. Als Hauptziel aber galt uns die Vernichtung von Jaster Junoh Sacaeran, seiner Macht und allem was ihn ausmachte.

Die Saldānen, welche östlich von Barga lagerten, hatten sich bereits mit dem Morgengrauen in Bewegung gesetzt; unsere Hauptmacht aus Cahmind folgte nun diesem Beispiel. Leider, so muss man wohl sagen, waren Aufregung und Anstrengung zuviel für meinereiner. An diesem Tag schien die Sonne mit aller Macht, unseren Marsch zu erleuchten, doch stach sie zu stark in die Augen. Die Schmerzen waren das erste Zeichen, dann folgte es: Die Götter gaben Zeichen, dass unser Zug erfolgreich sein würde; ihre Farben legten sich über den zu schreitenden Weg. Sie sprachen und wie immer gab es einen Preis zu zahlen. Die Schmerzen wurden allsbald so stark, dass man sich kaum noch aufrecht halten konnte. All der Lärm – Tritte, Kriegsmaschinen und Geheul – bohrte sich in das Hirn. Errist war diese Anfälle bereits gut gewöhnt und so wusste er, was zu tun sei; wie er den Zustand seines Herrn vor den anderen verschleiern und in seinem Namen handeln konnte.

Als wir Barga erreichten, wie es dort an den Hängen über dem Fluss lag, waren die Saldānen schon vor Ort. Ihr Anführer unterrichtete uns, wie sie etwa eine Stunde nach unserem Aufbruch die Stadt erreicht und angegriffen hatten. Niemals hätte Barga einen so plötzlichen Angriff, schon gar nicht an diesem Tage, erwartet, doch befanden sich genug Krieger von Jaster Junoh und seiner Getreuen in der Stadt, um trotz Überraschung handeln zu können. In verzweifelter Schnelligkeit hatten sie die Tore der Stadt verschlossen, doch die Saldānen, Meister der Kriegsmaschinen, nahmen sie sogleich unter Beschuss.

Unsere Tolumen waren vorwiegend berittene Bogenschützen und unterstützten das allgemeine Feuer wo es nur ging, derweil die Krieger von Lurut bei der Belagerung halfen. Barga war nur eine Stadt; keine Festung wie die Siedlungen in Tarle; niemals hätte sie dem lange standhalten können. Doch war es auch verwunderlich, wieviele Getreue Jaster Junoh in seinem Land noch besaß, die von der Belagerung – und oftmals gleichzeitig auch von ihren eingeschlossenen Herren – erfahren hatten und verzweifelte Angriffe gegen unsere Flanken führten, als gäbe es eine wahrhafte Wahrscheinlichkeit ihres Sieges gegen unsere Stärke. Manch wenige von ihnen erkannten die Aussichtslosigkeit ihrer Lage besser und schlossen sich uns so schon in den ersten Stunden des Krieges an. Andere aber brandeten in unsere Speere und Pfeile und kehrten nie wieder heim.

Nach vier Tagen Belagerung schien das Ende des Feindes näher, doch immer noch gab sich Barga nicht geschlagen. In ihren Mauern und Türmen zeigten sich Risse und Kluften, an einigen Stellen der Stadt war kurzzeitig Feuer ausgebrochen, doch wieder gelöscht worden und die Toten des Schlachtfeldes zu zählen lohnte kaum noch. Wir erwarteten das Zeichen ihrer Aufgabe, ihres Eingeständnisses zur Niederlage – und wir hätten sie verschont. So aber wurde es zuviel; dauerte zu lang – in der Stadt läge dann noch die Burg zur Eroberung vor uns. So traf meinereiner mit den tolumischen Helfern zusammen, welche für solche Fälle besonders fähige Männer anzubieten wussten. Wir lernten diese Männer kennen, die nicht einmal ein Dutzend Kopf zählten, doch lange Erfahrung und vor allem niemals Gewissensbisse aufweisen konnten. Und wir willigten in ihre Benutzung ein.

In der Nacht zum fünften Tage schlüpften sie in ihre dunklen Anzüge. Es war eine der seltenen mondlosen Nächte; wieder waren uns die Götter willfährig. Auf den Stadtmauern versuchten die Wachen das Land zu erleuchten indem sie Fackeln so gut es ging aus ihren Schießscharten vor die Mauern herabließen, doch benachteiligte dies sie mehr als es half: Von dem Schein geblendet konnten ihre Augen niemals das erkennen, was am Rande des Lichtscheins geschah. Wieder einmal wurde offensichtlich, wie das Licht für meinereiner arbeitete und werkelte, wie es mich baden wollte auf dem Weg zum Ruhm. Jenseitigen Wesen gleich vermochten die Tolumen außerhalb der Sicht unserer Gegner zu verbleiben. Mit Wurfankern bewehrt, die man hierzulande kaum kannte, erklommen sie die Mauern der Stadt ohne auch nur einen der ihren in einem Feindfeuer zu verlieren, waren die Wächter doch nicht auf sie vorbereitet und verpassten so ihren Einstieg. Heimlich machten sich die Tolumen auf der Mauer daran zum nächstgelegenen Torhaus zu gelangen.

Wir, die wir gespannt waren wie es voran ging und alles aus der Ferne beobachteten, sahen von ihrem Tun doch nichts. Schon zu diesem Zeitpunkt von dieser guten Ausgabe für die Männer beglückt bereitete meinereiner alsbald über Errist seine Truppen vor. Sobald das Tor offenstand, würde Barga eine Blutnacht erleben.

Auf einmal sahen wir in der Ferne aus Mörderlöchern der Mauern fallend Körper rauschen und lautlos vor der Mauer aufschlagen. In plötzlicher Aufregung vermochten wir nicht zu sagen, wer sie waren, doch war ich zuversichtlich, dass alles gut werden würde. Und tatsächlich gab es keinen Lärm, kein Geschrei, keine Warnrufe auf der Mauer; es konnten also nur Barger gewesen sein. Immer wieder stürzten im Folgenden weitere Körper von den Wehrgängen; die Tolumen kamen gut voran. Es dauerte nicht mehr lange, da hatten sie das große und mächtige Tor an der Westseite der Stadt erreicht. Mehrere von ihnen hatten bis hierhin überleben müssen, würde doch nun alles schnell gehen.

Während eine Handvoll von ihnen sich den Weg in das Torhaus erkämpfte, um dann das Gitter hinauf zu ziehen, musste der Rest hinab auf die Straße, jegliche Gegenwehr dort bereits beseitigen und dann das schwere Tor mit all seinen Beschlägen, Schlössern, Balken und Nieten aufzustemmen und diese Arbeit gleichzeitig gegen nachrückende weitere Verteidiger beschützen. Diese Männer wussten, wie hoch die Möglichkeit ihres Todes war, doch lockte ihnen dafür gutes Geld – und die ewige Dankbarkeit meinerseits.

Derweil diese herausragenden Männer sich am Tor versuchten, mussten wir vor den Mauern zurückgebliebenen bereits ausrücken, um ihnen rechtzeitig zu Hilfe kommen und die Stadt brechen zu können. Alles hing voneinander, von den jeweiligen Erfolgen ab, und wäre auch nur ein Glied dieser Kette gescheitert, hätten spätere Zeiten meine Herrlichkeit bezweifeln müssen.

Aber die Götter waren bei uns – und im Nebel des lockenden dämmernden Tages stürmten wir siegesschreiend und waffenschwingend in die Stadt. Für ihre Treue zum König sollte niemand begnadigt werden.

 

 

VIII: …ins Licht

In die Stadt Barga eingedrungen erwartete uns weiterer Widerstand von königstreuen Truppen, die aus ihrer kleinen Burg unweit des Haupttores auf uns einstürmten; uns, ihren zukünftigen Herrscher, die sie wie einen Feind betrachteten und dafür zahlen mussten. Einer nach dem anderen dieser wilden verzweifelten Männer von Barga fiel aus den Straßen und Gassen über uns her um in die Spieße und Schwerter unsrer Männer zu fallen. Es waren blutige, doch auch kurze Schlachten, die sich dort die verlangsamten Reiter der Tolumen mitsamt der Saldānen gegen die Barger lieferten, und meinereiner dort mitten darinnen, wenngleich Errist und seine Krieger nicht einen der Feinde hindurch ließen.

Es erstaunte meinereiner, wie derart viele der Barger noch Widerstand zu leisten bereit waren, hätten sie sich nach geltendem Recht doch bloß ergeben müssen, um Gnade und Milde zu erhalten. So aber ward es blutig und tödlich für sie, wenngleich sie uns bis zum Abend verzögern konnten auf dem Weg zur Burg. Nach etwa einer Stunde gaben wir Befehl immer wieder ausrufen zu lassen: Wer sich einfach ergäbe würde verschont werden, doch machte nur selten ein Barger von diesem Angebot gebrauch. Auch die Königstreue der einfachen Bürger mochte erstaunen, mischten sich zu den feindlichen Kriegern nach und nach doch auch immer mehr von ihnen, teilweise gar nur bewaffnet mit einfachen Stecken und Recken. Die Angebote zur Gnade lockten mehr von diesem Volk, doch auch hier überraschend wenig. Wie kam es, dass sie alle so leicht ihr Leben wegwarfen?

Nach einer Weile wurden wir diesem Volk von Narren mehr als überdrüssig und entschieden ihrer nicht mehr zu achten. Vor allem die Tolumen waren schon eine ganze Weile darauf erpicht, in die Häuser der Barger vorzudringen, ihr Hab und Gut an sich zu nehmen, die Frauen zu vergewaltigen und alles in Feuer zu setzen. Feuer wäre verfrüht gewesen, doch ließ meinereiner ihnen sonst freie Hand, wo immer sich ihnen jemand widersetzte. Gab einer aber seinen Widerstand auf, so ließ man befehlen diese zu verschonen. Auf die Durchsetzung dessen achteten die Anführer unsrer Truppen gut, weshalb sich immer mehr aus den Kämpfen zurückzogen. Auf Seiten der Truppen der uns hörigen Adligen Sacalumas aber gab es zum Teil wesentlich stärkere Unruhestifter. Dies zu merken und für spätere Zeiten zur Strafe zu bringen setzte sich meinereiner zum Ziel.

Nach Stunden, so schien es, erreichten wir endlich den Fuß der Burg, nachdem einige der Barger bereits über den Fluss geflohen und die Brücke hinter sich zum Einsturz gebracht hatten. Wir mussten einen großen Umweg in Kauf nehmen. In der Burg gab es überraschenderweise kaum noch Wehr, weshalb wir langsam doch bereits feiernd den Berg hinauf zogen. Die wenigen Pfeile vermochten wir gut zu vermeiden, die wenigen verbliebenen Krieger gut zu erschlagen. Und so kam es, dass wir am Abend eine bald leere Burg erreichten, derweil unten in der Stadt so mancher Kämpfer unsren Befehlen nicht mehr gehorchen mochte, ein Feuer legte und dafür von seinem Anführer erstochen worden war. Doch der Feuerschein gab uns Licht und so zogen wir gut erleuchtet ein.

Niemand der Königstreuen dieser Burg, niemand der zum König gehörte, niemand der sein Blut in sich trug sollte überleben, wollte ich jemals Frieden im Lande finden, also ließen wir bei diesem Aufstieg unseren Helfern jegliche freie Hand. Wer immer ihnen vor die Waffen lief wurde gnadenlos erschlagen, wollte er sich nun ergeben oder nicht. Kaum hatten wir das Tor durchschritten und den Außenhof erreicht, da schwärmten unsere Mannen aus wie Raubtiere, um jedes Haus in dieser Vorburg zu erkunden, jeden sich Versteckenden hinaus zu treiben, jede Einrichtung zu zerstören und jedes Gebäude in Brand zu setzen. Nur wer bei der Vergewaltigung ertappt wurde sollte gezüchtigt werden, galt es doch noch die Innenburg zu stürmen. Diese erwies sich als harmlos, nachdem wir einmal in der Vorburg waren, doch brach bei unserem Einzug bereits die Nacht herein.

Kaum hatten wir den Haupthof betreten,da verkündete meinereiner Belohnungen für die, die uns die Köpfe des Königs sowie seiner Familie brächten. Einzig die Frauen sollten verschont und uns vorgeführt werden – und mit allen adligen Feinden wollten wir noch fern der Burg ruhige Gespräche führen. Lediglich die Leibgarde des Königs und seiner Besucher standen uns noch im Weg, doch siegten wir auch über diese. Aus dem kleinen Tempel bargen Errist und seine Männer den Schatz des Königs, der eine solche Bezeichnung aber kaum verdiente; aus der Haupthalle zerrten die Tolumen all die Adligen, die sich dort sicher gefühlt hatten. Zahlreiche von ihnen ließen wir gefangen ins Lager zurückschicken, wo meinereiner später ein Wort mit ihnen zu reden hätte.

Besondere Freude bereitete es, den sich sonst immer so überlegen fühlenden Louvis nun in Ketten zu sehen. Doch wo auch immer man in der Burg suchte, Demaun von Gernin war nicht aufzuspüren. Nachdem nichts mehr übrig blieb konnte nur gesagt werden, dass es ihm gelungen war zu fliehen. Auch von Emmistat, der Schönen, seiner ihm Versprochenen aber uns Zugehörigen, sah niemand etwas. Weder war sie unter den Frauen, noch den Adligen oder den erschlagenen Dienern und Kriegern. Demaun musste sie mit sich genommen haben; ein weiterer Grund ihn zu jagen, zu vernichten. Doch auch wenn es meinereiner nach Emmistat verlangte, musste dies für den Augenblick zurückstehen, musste doch erst ihr Vater vernichtet werden, bevor Gernin vernichtet werden konnte.

Die Gemächer des Königs waren groß und mehrteilig; eine einzelne Tür trennte sie vom Gang. Nachdem dieser nicht mehr verteidigt werden konnte, galt es die Tür zu sprengen. Hinter dieser lauerten die letzten verzweifelten Leibwächter des Königs, die in den Klingen unserer Begleiter starben, doch auch so manchen von ihnen mit sich rissen. Am Ende des Kampfes stand dort der König allein; hastig in Rüstung geworfen mit seinem Schwert, starr vor etwas stehend. Neben ihm wartete der Knabe Jerris Jaster auf sein Schicksal: Gemeinsam mit seinem Vater unterzugehen.

Plötzlich bekamen wir Lust auf ein Spiel: Dort standen zwei einst so mächtige, nun nur noch so schwächliche Männer, bereit zu sterben – und bei uns waren Errist mit seinen Männern und einige Tolumen. Mit Leichtigkeit hätten wir sie jederzeit zerquetschen, niedermachen können, doch lockte das Spiel. Ohne Spiel kein Spaß, so sagte meinereiner, und ließ darum nur je zwei Krieger gegen die Beiden dort anbranden. Zunächst versagten die Tolumen gegen die Krieger von Barga, weshalb ich ihnen bloß Beifall zollen konnte. Die Antworten der Barger wies sie jedoch nicht als gute Verlierer aus; allmählich verloren wir die Lust am Spiel wieder.

Errist sollte mit all seinen verbliebenen Mannen endlich Jaster Junoh und Jerris Jaster für uns töten. Als unsere Krieger aber mehrere lange Augenblicke ohne Fortschritte zu erzielen ihr Glück versucht hatten, beschloss meinereiner das Blatt zu wenden. Mit göttlicher Unterstützung ausgestattet konnten wir die Lücken der feindlichen Verteidigung nutzen und Sohn erstechen, den Vater erschlagen. Nachdem beide auf dem Boden vor uns lagen, ihr Leben aushauchend, schlug meinereiner ihnen die Köpfe ab und ließ diese als Zeichen des Sieges von Errist aufbewahren.

Alle Räume des Gemaches sowie hernach noch einmal die restliche Burg ließen wir durchsuchen, doch fand sich nirgends eine Spur des jüngsten Sacaeran. Wir wüteten, wir zitterten, wir brüllten – doch das Kind war nicht zu finden. Um uns herum knisterte und knackste das Gebälk, als die Flammen über sie hinweg züngelten – länger konnten wir nicht mehr in der Burg verharren. Während wir die Burg verließen, trieben wir die gefangenen Adligen und Frauen wie Tiere vor uns her, derweil hinter uns die Gemäuer endgültig dem Feuer geopfert wurden.

In der Stadt ließen wir jedem der dies wollte freie Hand, mit der Stadt und seinen Bewohnern zu verfahren wie er wünschte. Mit den Gefangenen vor uns bewegten wir uns über die Hauptstraße, derweil all überall um uns herum Krieger zu Tieren wurden: Gegenstände aus Häusern tragen, Frauen vor, in und hinter Häusern vergewaltigen, Männer töten – oder auch vergewaltigen – und alles, egal ob noch bewohnt oder nicht, in Brand setzen. Der Feuerschein beleuchtete die Nacht, beleuchtete unseren Weg, beleuchtete unsere Bewegungen. Wir, von den Göttern entsandt, hatten das mächtige Barga besiegt. Die Stadt, die einst Jahrhunderte allein gegen übermächtige Gegner ausgeharrt hatte, würde bald nur noch aus rauchenden Trümmern bestehen. Niemand leistete mehr Widerstand; alle, die sich nicht bereits früher ergeben hatten konnten nur noch unsere Schwerter fliehen.

Meinereiner aber nahm kaum Anteil an dem tosenden Geschehen um sich herum, beschlichen ihn doch wieder einmal die alten schrecklichen Kopfschmerzen, doch dann – lief da Euliste vor Verzweiflung rufend über die Straße, verfolgt von einer kleinen Bande Krieger, ihrem Rock hinterhergeifernd. Sofort riefen wir Befehle, welche diese Männer nicht zu hören schienen – oder wollten –, weshalb Errists Leute sie kurzerhand erschossen.

Euliste war derweil über ihren eigenen Stoff gestolpert und im Schmutz der Straße gelandet. Errist sollte ihr helfen und sie zu uns bringen. Sie sah meinereiner in seiner blutbespritzten Rüstung, erleuchtet von tausend Flammen, schweigend an. – Und dann brach sie unter Tränen zusammen. Wir nahmen sie mit uns; auf einem Karren, der eigentlich für die Verletzten war. Hinter uns brach die Stadt für immer zusammen.

Zurück im Lager dauerte es lange Euliste zu beruhigen, doch blieb sie bei uns. Ebenso anstrengend sollten die Gespräche mit den Adligen werden, die wir gefangen genommen hatten. Geduld war schon lange nicht mehr vorhanden, unterstützt durch die ständigen Kopfschmerzen, so ließen wir jeden, der sich nicht auf unsre Seite stellte, köpfen und für Lurut mitnehmen. Die meisten schienen dann vernünftig zu werden und schworen Gehorsam, wofür sie zwar enteignet, doch am Leben gelassen wurden. Sogar Louvis wollte nun zu Lurut gehören, doch wussten wir Interessanteres mit ihm anzustellen.

Nachdem wir gesehen hatten, wie Barga zu einem schwarzen Häufchen Schutt wurde, kamen langsam die ersten Berichte herein. Bei der Eroberung von Stadt und Burg hatten wir Verluste, die hinzunehmen wir verkraften konnten. Wieviele Feinde gefallen waren, vermochte niemand mehr zu sagen, doch schien ein Großteil auch einfach geflohen zu sein. Als Richtung blieben diesen nur die Hochlande im Osten – oder die Berge drumherum – so ließ ich die schnellen Tolumen diese Gegenden durchsuchen.

Viele Schätze hatten wir aus Barga geborgen, so vor allem auch die Krone des Königs, die in Lurut aufzusetzen wir gedachten. Dass es nur zwei Sacaeran-Häupter in meinem Gepäck werden sollten war zwar eine Schande, doch leider kaum zu ändern, sollten die Tolumen in den Hochlanden keinen Erfolg haben. Wahrhaftig wütend ließ meinereiner aber die Nachricht werden, dass auch Fouchal Demaun von Gernin sich eindeutig unter den Geflohenen befand – und wohin dieser gehen würde, schien nicht schwer zu erraten.

So verließen am folgenden Tag, nach wenig Schlaf, drei Gruppen das Schlachtfeld: Tolumische Reiter suchten das Hochland nach Flüchtigen ab, eine weitere Gruppe Reiter ging mit den Gefangenen und dem Erbeuteten über sichere Gebiete heim nach Lurut – der Rest zog nach Gernin, wo die Icraner bereits in Kämpfe verwickelt sein müssten. Dort rechtzeitig hinzukommen sollte uns aber vor Mühen stellen. Wir konnten zurück über Cahmind einen großen Bogen um die Berge herum schlagen – oder wir zogen mitten über sie hinweg.

Aus Zeitgründen entschieden wir uns für letzteres und verbrachten daraufhin einige Zeit in den Bergen, die zu dieser Jahreszeit zum Glück schneefrei waren – kaum einer der Flachländler war größere Erhebungen gewöhnt, lediglich einige der Tolumen kannten Berge, aber dafür keinen Schnee. Aber obwohl dies für viele von uns recht neu war, kamen wir gut voran, von der Sonne getrieben. Zweimal schien Demaun Einheiten, wo immer er sie auch herbekommen haben mochte, uns auflauernd in den Pässen zurückgelassen zu haben. Pfeile regneten auf uns herab und Steine wurden nach uns geworfen, doch konnten wir ihrer Herr werden und sie besiegen.

Am anderen Ende des Passes angelangt und auf Gernin zumarschierend wurde der Widerstand stärker, der aus Burgen und Dörfer auf uns einzudringen schien. Immer konnten wir sie leicht abwehren, waren wir doch die Gesandten der Götter, die mit Feuer im Rücken aus den Bergen strömten um die Hauptstadt dieses Landstriches zu vernichten. Vor Gernin erwartete uns eine Schlacht, die gerade zwischen den unterlegenen Icranen und den aus der Stadt stürmenden Gerniern entbrannt war. Rechtzeitig kommend fielen wir dem Feind in Flanke und Rücken und wurden vom Jubel der Icranen begrüßt.

Die Schlacht war hart und brandete hin und her, doch erblickte meinereiner letztlich Fouchal Demaun in der Menge und hielt auf ihn zu. Nach einem gewaltigen Kampf verliehen die Götter mir die Kraft ihn niederzustrecken, woraufhin seine Krieger sich ergaben oder flohen. Erstere ließ ich geschont, letztere ließen wir verfolgen und zogen dann in die Stadt. Nicht alle dort hießen uns willkommen und so wurde Mann, Frau und Kind erschlagen, wo man sich wehrte. Doch schließlich war die Stadt unser.

Es sollte nicht mehr lange dauern, da schwörte ganz Sacaluma mir die Treue – doch Sacaluma gab es nicht mehr. Mit den Köpfen ihrer Häupter im Gepäck zog ich heim nach Lurut – und zusammen mit Emmistat, die in Demauns Palast gewesen war – meine Emmistat.

 

 

IX: Verlorenes erscheint meist unerhofft.

Einst gab es einen kleinen Jungen, der mir fast wie ein Bruder war. Meine Ziehmutter war seine Amme und obwohl ich älter war, waren wir wie Geschwister. Dieser Junge wuchs in einer feindlichen Umgebung – seiner Familie – zum Manne heran und ward bald unser Oberhaupt. Eines Frühlings zog er zum Geburtstag des Königs aus – und kam selber als König zurück. Wenig hatten wir von dem vernommen, was im restlichen Reich geschehen war, wenn auch uns eine erschreckend große Zahl Leibwächter zurückgelassen wurde. So schien es kaum verwunderlich, wie schwer wir bei Crears Heimkehr überrascht waren.

Natürlich hatten uns Boten sein Kommen mitgeteilt und alles war eifrig damit bemüht, für ihn und seine Begleiter die Burg vorzubereiten – doch so recht wussten wir noch nicht, was da auf uns zukam. Crear brachte eine Handvoll Adliger und deren Begleiter, seine eigenen Leibwachen sowie einige Söldner der Tolum, Icran und Saldān mit sich – ein großer und bunter Haufen, den unterzukriegen für uns schwierig wurde. Unsere Befürchtung hatte damit bewahrheitet, dass diese rauen Gesellen wieder unseren Burgfrieden stören könnten.

Doch all das war bald vergessen – oder zumindest verdrängt – als Errist beim Erreichen des Burghofs für Crear ein Heil dem König forderte. Diese Neuigkeit dann verbreitete sich wie ein Lauffeuer, während Errist sich bei Hofmeister Pyn erkundigte, ob der Thronsaal bereit war und keine Störungen zu erwarten seien. Als dieser angab, dass dem so sei, zogen Crear und seine wichtigsten Untertanen sogleich in den Thronsaal, wozu sich auch die verbliebenen Hofadligen und Reste der Familie sowie die höchsten Diener gesellten. Dem Rest aber wurde der Blick auf das Folgende verwehrt.

Auf seinen Thron sitzend blickte Crear auf die Versammelten herab, derweil Errist sein Sprecher wurde.

„Bewohner der Burg Lurut – Adlige des Landes – werte Besucher – huldigt eurem König!“

Die meisten schienen zu verdutzt um sofort zu handeln, doch gelang es nach und nach – und wenn erst durch freundliche Anstubser – alle vor Crear sich verbeugen zu lassen, bis er selber anfing zu sprechen.

„Danke, meine Freunde – ich kann euch verkünden: wir kommen siegreich aus Barga zurück, um die Herrschaft des Landes in diese unsere Stadt zu tragen.“

In diesem Moment kam ein Adliger, der mir als Tereanv Somm Orichin von Daminro beschrieben wurde, die Krone mit beiden Händen haltend, auf den Thron zugeschritten. „Der König von Sacaluma – Jaster Junoh Sacaeran – ist tot. Gleichsam ist es auch seine Familie, bis auf die edle Emmistat. Ohne männlichen Erben der Familie Sacaeran war es an uns Tereanvs von Sacaluma, uns einen neuen König zu erwählen.“ Damit setzte er vorsichtig die Krone auf Crears Haupt, doch sprach er weiter. „Mögest du lange leben, König Crear Ataurass Elorm.“

Nachdem ihm wieder alle gehuldigt hatten, sah Crear nicht etwa selbstzufrieden, sondern schlicht ernst aus. Er blickte einmal in die Runde, um dann wieder zu uns zu sprechen. „Als meine erste Amtshandlung werde ich dieses Land umformen. Die alte Herrschaft der Sacaeran war lange überflüssig und verdorrt. Wir wollen das Land aber wieder zum Blühen bringen! Als ersten Schritt schließen wir mit dem toten Sacaluma ab und leben fortan in unserem Reich Aluma!“

Ein Raunen ging durch die Menge – erstaunt, missmutig, erfreut.

„Die restlichen Änderungen werdet ihr in den nächsten Monden und Jahren verspüren. Morgen werden wir ein Fest geben, dies alles zu feiern – kommt alle!“

Dies erfreute den Großteil der Menge schon mehr. Danach wurde die Versammlung aufgelöst und wir alle gingen unserer Wege, fast immer in Gruppen tuschelnd über alles was kam und noch kommen wollte.

Am nächsten Morgen rief Crear mich früh zu sich, obwohl ich aufgrund des Festes allerhand zu tun hatte. Seine Gemächer immerhin waren noch die alten.

„Du – Herr – ihr wolltet mich sprechen?“

Verärgert sah er mich. „Ich bin und bleibe Crear für dich, hast du das verstanden?“ Als ich verwundert nickte, klärte sich seine Miene – und verdüsterte sich sofort wieder. „Eilzen – du musst mir helfen – ich will Emmistat ehelichen doch weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll.“

Meine Verwunderung schien nicht nachlassen zu dürfen. „Du willst – seit wann? Davon wusste ich nichts -“

„Du wusstest auch nichts von meinen Kriegsplänen – du kannst nicht alles wissen – ich will sie, seitdem ich sie das erste Mal sah. Ihr Verlobter ist nun tot und sie braucht einen neuen… – und das Reich eine Königin, die ihm Kinder schenkt – …wahrhaftig, ich liebte sie von Anfang an – wir sind beide von den Göttern geschaffen…“

„Wenn du Emmistat wolltest – warum brachtest du dann Euliste mit hierher? Was ist mit ihr?“

Kurz verdrehte er verärgert die Augen. „Euliste – ja, ich liebe sie, liebte sie schon immer – doch eigentlich… – wie ein Bruder seine Schwester. – Und hier – ist sie sicherer als überall.“

„Weiß sie davon? Weiß sie, wie du fühlst? Wie fühlt sie?“ Plötzlich war es mit peinlich, so mit einem König, einem erfolgreichen Feldherrn zu sprechen. Mich schämend brach ich ab, doch er schien nichts zu bemerken.

„Nein, ich weiß nicht wie es ihr geht. Ist das denn wichtig? Es muss sein – kann nicht anders sein.“

„Du solltest mit ihr sprechen.“

Nach kurzem Schweigen antwortete er lächelnd. „Ja, das werde ich wohl – doch komm, du hast noch nicht auf meine ursprüngliche Bitte geantwortet.“

„Ja – natürlich – Emmistat – ich werde dir helfen, so gut es geht, doch muss das bis nach dem Fest warten – ich habe zuviel zu tun.“

Einen Moment lang sah er mich so ernst an, dass ich fürchtete für meine Anmaßung geköpft zu werden.

„Gut, du sollst deinen Willen haben – aber das war nicht alles, was ich von dir wollte.“

„Was gibt es denn noch?“

Die nächsten Worte trafen mich unvorbereitet. „Sag – willst du für mich Tereanv von Lurut werden?“

Auf meinem Weg zurück in die Küche, wo ich Caeryss und den anderen Aufgaben zuzuweisen hatte, begegnete mir Gouma. „Ach, da bist du ja, mein Junge! Ich muss mit dir sprechen!“

Innerlich seufzte ich auf. „Muss das jetzt sein? – So gern ich auch mit dir plausche; ich habe soviel zu tun…“

„Ja, bitte – es ist wichtig – du musst mir helfen.“

Bei diesen Worten und ihrem flehenden Blick konnte ich nicht widerstehen; ich ging mit ihr in eine Abstellkammer, wo wir ungestört sein würden.

„Was genau ist denn das Problem?“

„Ach – es ist…! – Du kennst doch Euliste?“

Natürlich kannte ich sie, hatte ich doch gerade erst über sie gesprochen.

„Sie ist schwanger!“

Zwar war ich überrascht, doch sah ich da nicht Schlimmes. „Und? Mit Schwangerschaften kennst du dich doch besser aus als ich.“ Langsam erst bemerkte ich, wie aufgeregt und drängend sie war.

„Es ist vom König – von Crear!“

Nun setzte ich mich lieber auf ein Fass. „Was? – woher willst du das wissen? Sie war Louvis Mädchen.“

„Sie hat es mir gesagt – nie hatte sie einen anderen Mann als Crear.“

Ich war fassungslos. „Was erwartest du nun von mir?“

Traurig setzte sie sich neben mich. „Ich weiß es doch nicht – rede mit Crear – das Kind soll nicht als Bastard zur Welt kommen…“

„Von genau dem komme ich grad – er will, dass ich ihm dabei helfe Emmistat zu ehelichen.“

„Oh weh! – Das arme Kind – Euliste!“

„Du erkennst die Schwierigkeiten? Und du weißt, wie eigen er in dem ist, was er will.“

Gouma schien aber nicht zuzuhören. „Das arme Kind!“

Also versuchte ich es anderes. „Du kümmerst dich um Euliste – ich werde mit Crear reden, sobald es mir möglich ist – aber jetzt muss ich dringend in die Küche, sonst können wir das Fest für heute vergessen.“

Damit verabschiedeten wir uns und ich kam endlich in die Küche, wo mich einige kochende Mägde sowie eine aufgeregte Caeryss erwarteten.

„Eilzen! – endlich! Hast du kurz Zeit für mich?“

Mittlerweile war es kein Seufzen mehr in meinem Innern – es wurde mir zuviel. „Aber nur wenn es schnell geht – ich…“

Doch schon zerrte sie mich mit in die nahe Vorratskammer, von verwunderten Blicken der Mägde verfolgt. Als sie die Tür schloss, standen wir im Halbdunkel, so dass ihre Züge nicht mehr sah.

„Louvis!“

„Wie bitte?“

„Louvis! Ich habe Louvis gesehen!“

„Wie – wo hast du ihn gesehen? Er gehört doch gar nicht zu Crears Gefolge.“

„Na das wär‘ auch was – so, wie sie ihn behandeln! – Oh Eilzen! Er hat mich angefleht!“

„Bitte – der Reihe nach…“

„Ja ja – Ich bin in den Keller gegangen um Knollen zu holen – da sah ich, dass die Tür zum verbotenen Flügel geöffnet war – du weißt schon, das Verließ – und neugierig wie ich bin… – drinnen hörte ich weinen – und dann sah er mich – und ich ihn – oh Eilzen!“

„Was ist mit ihm?“

„Sie haben ihn gefoltert – überall diese Wunden!“

„Was hast du gemacht?“

„Er flehte mich an, ihn zu befreien – aber ich bin nur vor Angst weggelaufen – und jetzt bin ich hier.“

„Hm… es tut mir ja leid für ihn – aber da können wir wohl nichts machen.“

„Ja – aber wie kann er nur so grausam sein?“

„Wer?“

„Na Crear – der König!“

Den Kopf voll seltsamer Gedanken machte ich mich nur noch mit halber Kraft an die Arbeit. Doch das Fest bereitete sich nicht von alleine vor und so hatte ich bis zum Nachmittag alle Hände voll zu tun. Für diesen Zeitpunkt kam alles an Adel und Reichtum in der Burg zusammen, das schnell genug aus Stadt und Umgebung hatte anreisen können. Zur Unterhaltung hatte ich nur einige Gaukler aus der Stadt bekommen können, doch schien dies niemanden zu stören, wenngleich Crear einen Großteil der Vorstellung verpasste, da Teule stetig versuchte ihm etwas zuzuflüstern.

Später dann folgte das große Festessen, bei dem sich alle an den von Caeryss und den anderen Mägden unter großer Anstrengung zubereiteten Speisen erfreuen durfte. Zuletzt folgte ein fröhliches Beisammensein bei Musik und viel Wein. Immer wieder sah ich Teule, wie sie sich einen Weg zu Crear zu bahnen versuchte, doch dieser war immer wieder umringt von Adligen, die mit ihm plauschten oder ihm Glückwünsche zusprachen.

Auch ich kam natürlich nicht dazu mit ihm zu sprechen, war ich doch auch zu sehr damit beschäftigt alles zu überwachen. Ein paar Mal jedoch ertappte ich mich, wie ich über Crears Angebot vom Vormittag nachsann. So recht konnte ich es mir nicht vorstellen Tereanv dieser Burg unter einem König Crear – oder irgendeinem anderen König – zu werden. Immer hatte ich die Ruhe geschätzt, die Burg Lurut möglich gewesen war, und nun schien es für immer aufregender zu werden. Auch die Sache mit Euliste und Emmistat stellte mich vor Probleme, die alleine zu lösen ich mir kaum zutraute. Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte mich zu Gouma gestohlen, doch immer wieder musste ich einen anderen Ablauf der Feierlichkeiten überwachen.

Der Garten der Burg war schön geschmückt und Caeryss und die anderen hatten zahlreiche kleine Häppchen zubereitet. Als ich mir nur eins davon schnappen wollte, sprach mich plötzlich der Tereanv Somm Orichin an; einziger noch wahrer verbliebener Tereanv des Landes, das nun Aluma hieß.

Nach wenig Vorgeplänkel kam er schnell zur Sache. „Glaubt ihr, dass er ein guter König sein wird?“

Ich musterte ihn, um Spuren einer Falle zu suchen. „Ich weiß es nicht – aber er war immer ein guter Junge.“ Zweifel auszusprechen schien nicht die rechte Zeit.

Somm Orichin lachte ob meiner Antwort. „Dann bin ich mal gespannt, wie ihr den nächsten Streich eures – ‚Jungen‘ – findet. – Wartet, da erhebt er sich von seinem Platz um zu sprechen!“

Und tatsächlich, Crear wollte etwas sagen. „Meine Freunde – mein Volk – dank sei euch für euer zahlreiches Erscheinen trotz der widrigen Umstände nur einen Tag zur Anreise gehabt zu haben.“ Deutlich merkte man den Wein in seiner Sprache – so redete er nur unter dessen Einfluss. „Viele Erfolge haben mir – haben wir in den letzten Wochen – Monden – erzielt, doch war dies – war dies nur der Anfang. Wir alle wissen, wie Jaster Junoh Sacaeran dieses Land schwächte, es sich von innen zersetzen ließ – derweil er mit unseren eingeborenen Feinden tändelte. Als ich ihn fragte, was dies zu bedeutet – bedeuten hätte, griff er uns an, doch mit eurer Hilfe gewann das Gute. – Lasst uns dieses nun zum endgültigen Sieg führen, indem wir gegen unseren alten Feind ziehen und ihn endgültig vernichten. Lasst uns aufbrechen, bevor das Land Tarle bei uns einfällt! – Nieder mit Tarle!“

Ein Raunen entstand unter den wenigen, die von diesen Plänen nichts gewusst hatten, derweil der Rest ihm zujubelte und -prostete.

Doch während Crear sich feiern ließ, erschien am Gartentor eine schöne und zugleich das befehlen gewohnte Frau. Während ich sie noch als einziger zu bemerken schien und noch versuchte herauszufinden wer sie war, erhob sie schon ihre, die es schaffte allen Lärm zu übertönen. „Halt!“

Und alle waren still; wandten sich ihr zu.

„Crear! Was ist hier geschehen? Was soll das alles? Ich muss mit dir sprechen!“

Der Angesprochene kam lächelnd und ein wenig schwankend auf sie zu. „Natürlich – ich habe dich erwartet.“ Dann wandte er sich der Festgesellschaft zu. „Darf ich allen, die sie nicht bereits aus früheren Jahren kennen, meine einst verschollene Tante Asmyllis vorstellen?“

 

 

X: Eine Überraschung kommt selten allein.

Die Rückkehr von Asmyllis traf uns alle vollkommen überraschend – alle, bis auf Crear, der wohl von seinen Agenten schon unterrichtet worden war. Ihr Gespräch an diesem einen Abend schien Ewigkeiten zu dauern, so dass ich Somm Orichin die Empfehlung gab, die Festlichkeiten wieder aufleben zu lassen, bevor es zu größeren Tratschereien kommen konnte.

Trotzdem entstanden diese natürlich, wobei ich hauptsächlich über Caeryss und die Mägde mitbekam, was man sich so erzählte. Angeblich kam es hinter verschlossenen Türen zum Streit zwischen Tante und Neffe. Asmyllis soll ihm geradeheraus gesagt haben wie sehr er sich schämen müsse, das Andenken seines Vaters beschmutzt zu haben, indem er nach der Macht griff und dafür auch über Leichen ging. Auch solle ihr die Entwicklung in der Burg nicht gefallen – die Leute, mit denen Crear sich hier umgab – die Veränderungen, die er an der Ausstattung vorgenommen hatte. Fast alle Gerüchte gaben dieses Bild der Tante, die ihren Neffen niedermachte, ungeachtete der Tatsache seines Ranges. Wenige schienen zu glauben, dass nach den langen Jahren der Trennung diese Beiden auch froh sein könnten einander zu sehen.

Wie Crear wohl bei diesem Treffen handelte, darüber waren die Meinungen tiefer gespalten. Dienstmädchen behaupteten ihn im Raum brüllen zu hören, andere sprachen von Lachen. Viele meinten, er hätte Asmyllis auf ihre Rede hin gedroht einzusperren oder hängen zu lassen, einige glaubten an den freundlichen Jungen. Wie auch immer – Tatsache ist, wir werden wohl nie erfahren, was hinter der verschlossenen Tür geschah.

Keiner der beiden sprach später noch einmal darüber, selbst mit ihren engsten Vertrauten nicht – oder ich war kein Vertrauter Crears mehr. Jedoch verhielten sie sich zueinander recht gewöhnlich – nicht wie die große Tante zum kleinen Neffen, aber wie Verwandte. Unter Beobachtung anderer sprachen sie über keine großen Belange, doch behandelten sich mit einer gewissen Ehrfurcht.

Zu ihren anderen alten Freunden war Frau Asmyllis herzlich wie früher. Den ersten Tag verbrachte sie lange in einem Gespräch mit der alten Gouma, die sich wohl am meisten gefreut hatte sie wiederzusehen; auch die Mägde umschwirrten sie häufig. Ich sprach nur wenig mit ihr, hatte ich doch wie früher schon zuviel Furcht etwas falsches zu sagen. Den fremden Adligen begegnete sie teils unverhohlen mit Misstrauen; über die Söldner verlor sie kein Wort, widmete ihnen höchstens abfällige Blicke.

Bereits sehr bald reisten diese aber auch wieder ab – zusammen mit Crear. Sie fuhren über das Meer gen Westen um in den Steinhügeln am Rande der Wüste anzulegen und dort die Feste Kuthaern – Wüstentor – zu belagern. Diese lag abseits des restlichen Tarles und war sehr überrascht angegriffen zu werden, so dass sie niemals lange hätte widerstehen sollen. Trotzdem kam Crear mit einigen Einheiten nach wenigen Tagen Belagerung bereits zurück zu uns, weitere Pläne verfolgend.

In der Zeit seiner Abwesenheit war Frau Asmyllis ihrer Mutter Teule mehr als einmal aus dem weg gegangen; den endgültigen Zusammenstoß durfte ich miterleben, geschah er doch ausgerechnet vor meinem Schreibtisch. Ich war gerade mit Asmyllis im Gespräch, da kam Teule herein, wohl etwas von mir wollend.

„Ach, Tochter – du hier? – na dann hoffe ich mal nicht zu stören! -“

„Ja, ich auch hier – immerhin darf ich handeln wie ich will.“

Teule beachtete sie nicht sondern wandte sich an mich. „Wird es lange dauern? Ich muss mit euch sprechen.“

Asmyllis antwortete für mich. „Keine Sorge – ich wollte gerade los.“

„Wieder für Jahre im Nirgendwo verschwinden?“ Konnte es wirklich sein, dass Teule sich Sorgen gemacht hatte? Oder war sie bloß beleidigt, nicht bestimmen zu können was ihre Tochter tat?

„Keine Angst, so schnell wirst du mich diesmal nicht los – ich werde nicht noch einmal zulassen, dass Lurut derartiges angetan wird.“

Nun endlich schloss auch Teule die Tür hinter sich – noch mehr tratschende Dienstleute konnte ich zu der Zeit sicher nicht gebrauchen. Sie antwortete mit gefährlich freundlich wirkender Miene. „Wovon sprichst du, mein Kind?“

„Lurut war einst ein ruhiger Ort unter Gurass, der nichts weiter wollte als in einem ruhigen Reich leben. Doch wie hat dein Großneffe es nicht verändert! Gefährliche Leute gehen hier ein und aus, in der Stadt werden sogenannte Verräter gehängt, auf den Stadtmauern thronen Schädel erschlagener Gegner und ein Feldzug nach dem anderen soll seine Macht vergrößern! – und ich hörte, du warst ihm die wichtigste Ratgeberin!“

„Du musst dich irren, mein Kind – niemals habe ich ihm etwas Böses geraten – und die meiste Zeit beachtete er mich eh nicht.“

„Vielleicht hat er erkannt, dass du noch schlimmer bist als er!“

Darauf sagte Teule nichts, führte bloß ihren verletzten Ausdruck vor.

Asmyllis wollte aber wohl noch nicht gewonnen haben. „Sein Vater war der Einzige in dieser Familie, der nicht herrsch- und streitsüchtig ist. Mit ihm verschwanden alle Tugenden aus Lurut. – Ich bin von euch enttäuscht, euch allen – nicht nur von Crear und der Familie, vor allem aber auch von dir.“

Als ihre Mutter immer noch nichts sagte, drängte sie sich an dieser vorbei zum Ausgang und verschwand.

„Dieses Kind…“ Teule seufzte und wandte sich mir zu. „Ich muss mit euch über diese Magd sprechen – Caeryss.“

Verwundert horchte ich auf. „Was ist mit ihr?“

Als Crear wieder nach Lurut zurückkehrte erfuhr er zunächst, dass Louvis aus dem Kerker verschwunden war. Die Hauptverdächtige war ausgerechnet Caeryss, die seit diesem Vorfall ebenso vermisst wurde. Crear war nicht gerade guter Laune, als er von diesem Vorfall erfuhr.

„Errist! – bring mir diese Magd, und wenn du die ganze Stadt – nein, das ganze Land! – auf den Kopf stellen musst! Und vor allem aber finde Louvis – und lass ihn nicht noch einmal entkommen!“

Ich sah mich genötigt einzuschreiten. „Herr – Crear! – hör mich bitte an!“

Crear schien kurz vor einem seiner Anfälle zu stehen, doch gewährte er mir diesen Wunsch.

„Ich kenne Caeryss – fast besser als mich selbst – auch wenn sie vielleicht Mitleid mit Louvis hatte, niemals hätte sie dich so verraten!“

Mit einem Aufschrei schlug Crear mitten gegen einen Pfeiler, bevor er plötzlich ruhig wurde. „Und was schlägst du vor?“

„Behandle sie nicht schlecht – bitte! – frage sie, warum sie verschwunden ist – vielleicht nahm Louvis sie gefangen – lass sie sich zuerst erklären – lass mich mit ihr sprechen, sobald sie wieder hier ist!“

Und tatsächlich willigte Crear ein. „Gut – du wirst deinen Willen bekommen – der Freundschaft zuliebe.“

Caeryss wurde nicht rechtzeitig gefunden, um ein wahrhaft schreckliches Ereignis mitzuerleben. Crear traf bereits wieder Vorbereitungen die Stadt zu verlassen, diesmal um Tarle selbst im Süden des Reiches, von Daminro aus, anzugreifen. Somm Orichin war schon vor Wochen heimgekehrt dies vorzubereiten, derweil nun wohl die letzten Söldner bei uns eintrafen. In dieser kurzen Zeit musste ich gleichzeitig mich um Zimmerbelegungen, Essen und so weiter, als auch um die Suche nach Caeryss kümmern.

Zwangsweise vernachlässigte ich andere Freunde und Bekannte und bemerkte so nicht, wie es der alten Gouma immer schlechter ging. Das letzte Mal hatte ich sie einige Tage zuvor gesehen und gesprochen. Nun musste ich plötzlich an sie denken, während ich in der Küche an Caeryss‘ Statt die Mägde überwachte – und kurz darauf kam ein aufgeregter Diener hereingestürzt.

„Herr Eilzen! – kommt schnell zu Frau Gouma!“

Besorgt durch seinen Tonfall eilte ich mich so gut es ging, ihm zu folgen. Vor Goumas Kammer hatten sich bereits Schaulustige versammelt, derweil darinnen drei Kräuterfrauen neben ihrem Bett knieten.

„Verschwindet – an die Arbeit!“ Ich verscheuchte die Gaffenden und drängte mich in die Kammer, die Tür hinter mir schließend.

Klein und kraftlos lag dort Gouma in den Laken – wie auf die Welt gekommen, so sollte sie diese auch verlassen. Eine Frage bildend sah ich eine der Kräuterfrauen an, doch diese schüttelte den Kopf – und ich verstand.

„Lasst uns bitte allein.“

Meinen Wunsch folgend verließen die Frauen das Zimmer und ich blieb mit ihr allein. Ich weiß nicht, wie lange ich so blieb, wie lange ich dort ausharrte. Sie erwachte nicht mehr – zu merken, dass sie nicht mehr atmete, versetzte mir einen Stoß. Noch länger blieb ich dort, kniend und weinend, da klopfte es an der Tür.

Es war Asmyllis, die hiervon gehört hatte und gekommen war zu sehen, wie es uns ging. Als auch sie sah, dass Gouma uns verlassen hatte, kniete sie neben mir. Wir vermochten uns gegenseitig wieder Mut zu geben, dass es Gouma bei den Göttern gut gehen würde, und verließen bald die Kammer. Immer noch standen viele dort herum, nun sogar auch der Hofmeister Pyn, die bei unserem Anblick alle in unsere Trauer einzustimmen vermochten. Die halbe Burg wurde auf diese Weise gelähmt, als alle um ihre teuerste Freundin trauerten.

Als Crear dies endlich bemerkte, kam er zu uns herab gestiegen. „Was ist hier los? – Warum arbeitet ihr nicht?“

Schweigend deutete ich auf Goumas Tür.

Jemand anders sprach. „Unser aller Mutter Gouma ist von uns zu den Göttern gegangen.“

Kurz schlich sich ein unbekannter Ausdruck in Crears Züge, bevor sie hart wie Stein wurden. „Trotzdem muss es weitergehen. – Also – zurück an die Arbeit!“

Auch Errist, der mittlerweile stets an Crears Seite war, mischte sich nun ein. „Ihr habt euren Herrn gehört – los!“

Für das einfache Volk gab es keine Feiern; ihre Körper wurden auch nicht verbrannt. Crear hätte dafür sorgen können, dass Gouma trotzdem diese Ehren zuteil werden würden, doch er verlor kein Wort darüber. Darum stahlen sich einige von uns, darunter auch die Frau Asmyllis, mit Gouma unter uns aus der Burg hinab an den See. Zwar waren einige der Soldaten auf unserer Seite, doch hatte sicherlich jemand Crear davon unterrichtet, dass entgegen herrschenden Gesetzen in der Nacht eine Frau am See verbrannt worden war -. doch verlor er kein Wort darüber, ließ uns nicht verhaften.

Bis heute bin ich schwer enttäuscht, dass er selber nicht zu unserer Trauerfeier erschien und auch sonst kein Wort über dies Geschehen verlor. Doch konnte ich auch nichts daran ändern, jedes Wort über die Feier hätte uns bedroht und Crear war wahrhaftig schwer mit Vorbereitungen beladen. Allerdings gab es noch mehr, dass Crear von der Beschäftigung mit Gouma abhielt, und dies war die Herrin Emmistat. Nach ihrer Ankunft hatte ich ihr ein Gemach nah bei Crear geben sollen und dem gehorchend wies ich ihr das zwei Türen weiter links davon zu. Fortan sollte sie frei auf der Burg leben doch schien sich mehr gefangen zu fühlen: Kaum wagte sie sich vor die Tür und wenn immer eine Magd mit ihr herumgehen wollte, sah sie nie glücklich aus in ihrer Haut.

Erst Frau Asmyllis gelang es so recht, sie vor die Tür zu locken. Fortan war sie meist mit dieser zusammen im Garten zu sehen. Sprachen die beiden Frauen miteinander, sah Emmistat zuweilen tatsächlich glücklich aus; war Asmyllis dann gegangen und Crear schlich herbei ihren Platz einzunehmen, verschlossen sich ihre Züge und allen Anwerbungsversuchen Crears zum Trotz blieb sie abweisend. Einmal nur gelang es mir sie zu fragen, warum sie Crear nicht bei sich haben wollte.

„Mein Vater, meine Brüder, mein Verlobter – sie alle starben durch seine Hand und sein Wort. Er hätte die Macht gehabt sie leben zu lassen. Auch wenn ich meinen Verlobten nicht mochte und mich mit dem Bruder oft stritt, so liebte ich diesen und meinen Vater doch. Bis heute unternahm Crear nichts, aufgrund dessen ich ihm diese taten verzeihen könnte.“

Ich seufzte. „Also werdet ihr ihn niemals lieben oder als Ehegatten nehmen können.“

Da sah sie mich überrascht an. „Warum liegt es euch am Herzen, dass ich ihn liebe?“

Bis zu dem Augenblick hatte ich gar nicht gewusst, dass dem so war, weshalb ich auch überlegen musste. „Crear war nicht immer so. Er – ist mein Freund und war es schon immer; es gibt auch andere Seiten an ihm als die, die ihr nun kennenlerntet. Ja, auf eine gewisse Art – liebe ich ihn immer noch – wie einen Bruder.“

Ich weiß nicht ob ich Emmistat umstimmen konnte, doch schien sie Crear näherzulassen. Dass dies einem anderen Zwecke diente, erfuhr ich erst später.

Crear war gerade wenige Tage nach Süden aufgebrochen, um in Tarle die Feste Gulrunn zu erobern, da tauchte Caeryss wieder auf. Ein mir Vertrauter erstöberte sie in einem Dorf unfern Luruts. Ich brach sofort selber auf mit ihr zu sprechen, bevor etwas Schreckliches geschah. Frau Asmyllis bestand darauf mich zu begleiten, worin ich nichts schlimmes sah.

In dem Dorf angelangt trafen wir Caeryss vor einer Gaststätte. „Du erklärst uns lieber schnell, was dich zu deinem Verschwinden bewog. Alle denken du hättest Louvis befreit, und darauf steht der Tod.“

Caeryss beachtete das nicht. „Kommt schnell mit, Euliste hat gerade ihr Kind bekommen!“

„Euliste? – Aber -“ War sie nicht stets in der Burg gewesen? Und wann war sie schwanger geworden?

Wir folgten ihr und fanden Euliste dort im Kindbett – verstorben.

„Sie schaffte es leider nicht.“ Caeryss blickte trauernd.

Asmyllis aber ließ sich am Bett nieder und nahm eine Hand der Toten. „Oh Base, was ist nur mit euch geschehen?“

Ich war bloß erstaunt, Caeryss gar entsetzt. „Base? – Aber – das ist das Kind von König Crear!“

Und wie zur Antwort fing es an zu schreien.

 

 

3. Buch

 

XI: Wie sich das Gewitter staute.

Mein Name ist Acles Tovan Mhoretoan. Ich schreibe dies in einer Zeit der Ruhe, auf dass ich es später nicht vergessen mag. Ursprünglich kam ich aus dem fernen Zardarrin, doch zog es mich fort. Von meinen jungen Jahren gibt es genug Geschichten, lasst mich nun bloß von dem Krieg zwischen A’Lhuma und Tarle berichten.

Damals nannte ersteres sich Aluma und hieß zuvor Sacaluma, doch hatte gerade ein neuer Herrscher die Macht an sich gerissen, als ich aus dem Westen heimkehrte. Das dortige Volk des Echris Sirenn sowie die Tarler waren bereits meine ewigen Freunde geworden, da wollte ich erfahren, was in meiner Heimat geschehen war. Ich wusste also nicht, was mich erwarten würde, als ich die Lande des Echris Sirenn verließ. In Badros aber hörte ich bereits schlimme Nachrichten.

Die Alumen griffen Tarle an, verkündete man, und ich musste mich zunächst erkundigen, wer denn die Alumen seien. Nachdem dies geschehen war, erfuhr ich weitere Neuigkeiten, die man sich zu erzählen wusste: Das Wüstentor Kuthaern war erobert, Gulrunn und Narrkuva bedrängt. Kämen Begghyrn und Cirmaen – und anschließend Badros – als nächstes? So gut es ging versuchte auch ich das Volk zu beruhigen, denn noch nie war Tarle erobert worden, so uneins die Festen sich auch manchmal sein mochten. Viele glaubten mir, und so zog ich weiter.

An Gulrunn vorbeiziehend sah ich bereits die Fahnen der Alumen über den Zinnen gehisst und wusste hier nichts mehr tun zu können. Das Land um die Feste war verwüstet, Dörfer geplündert und verbrannt und zahlreiches Volk befand sich auf der Flucht. Die Feste selber schien aber größtenteils weiter bestehend. Als ich mir die Stadt ansah erkannte ich, dass ein Großteil der feindlichen Armee wieder abgezogen war – nach Norden, wie mir die Bürger verrieten.

Not und Elend sah ich in der Stadt und wusste, dass ich dem Volk von Tarle helfen musste. Einige kräftige Burschen waren der Stadt verblieben, die gegen die Besatzer kämpfen wollten. Einen von ihnen kannte ich noch von früher und mit seiner Hilfe überzeugte ich auch die anderen, dass es vorschnell wäre das Schwert zu erheben. Stattdessen sollten sie die anderen Festen um Hilfe bitten und in Kampfbereitschaft versetzen, derweil ich mich entschloss in die feindliche Armee einzudringen und ihre Pläne zu erfahren.

Nach Tagen der Verfolgung fand ich den Haufen endlich lagernd vor Badern – einer alumischen Stadt. Badern schien nicht zum ersten Mal in den letzten Monden eine Armee bei sich gesehen zu haben. Volk auf der Straße erzählte von den Ängsten, dass eines Tages diese oder andere Armeen vielleicht gegen ihre Stadt und Dörfer ziehen könnten. Andere sprachen von den Vorteilen, die diese fremden Krieger ihnen bringen würden, doch waren Leute jener Art in der Unterzahl.

Die Armee war mittelgroß; vermutlich waren die größeren Streitkräfte woanders. Sie hatten sich eine Zeltstadt erbaut, die Badern an Fläche gleich kam, und sie mit flachen Erdwällen und dort hineingerammte Pfähle gesichert. Wen sie wohl schreckliches erwarten konnten, den eine solche Verteidigung abschrecken müsse? Die Wachen am Eingang waren zumindest kaum – wachsam. Ein kleiner Strom von Volk ging ein und aus: Krieger, Händler und sogar Bauern. Die letzteren mochten Nahrung und Handelsgüter bringen.

Ich weiß nicht, für was sie mich hielten, doch musterten sie mich nur flüchtig, als ich selbstbewusst das Lager betrat. Vermutlich aber sah ich für sie aus wie viele der Krieger in diesem Lager, stellte die Armee sich doch als bunt zusammengewürfelter Söldnerhaufen heraus, der keine einheitlichen Farben, Ausrüstungen oder Wappen kannte.

Einen Tag und eine Nacht verbrachte ich bei diesem Haufen. Wild und planlos waren sie gepflanzt, diese Zelte und andere Lagerstätten. Mal tummelten sich mehrere, mal nur ein Krieger vor so einem Zelt als es dunkler wurde, um ein Süppchen zu kochen. Einem dieser ahnungslosen Gesellen verdanke ich viele Worte über das Ziel des Heeres sowie sein Zelt als Schlafplatz. Wie ich dies anstellte will ich nun schildern.

In einer dunklen Hintergasse fand ich diesen Krieger wie er über einer kleinen Feuerstelle umgeben von Stoffzelten hockte. Ihn grüßend setzte ich mich zu ihm und fragte ob ich auch etwas bekommen könnte. Mich misstrauisch beäugend willigte er schließlich ein. Wahrheitsgemäß erzählte ich im Lager neu zu sein und fragte nach Neuigkeiten. Es dauerte eine Weile das Eis zu brechen, doch nachdem er mir vertraute, wurde er zum wahren Wasserfall. Von Gulrunns Eroberung sprach er und wieviel es dort zu erbeuten gab.

Der Hauptmann hatte uns verboten zu plündern und zu vergewaltigen, sprach er, doch mal ehrlich; wer könnte da widerstehen? Ich hatte viel Spaß in einem der Häuser dort!

Und dann lachte er ein dreckiges Lachen, dass mir wahrhaftig schlecht werden ließ, doch musste ich gezwungenermaßen in sein Lachen einstimmen.

Es gab also viel zu holen, sagte ich, doch wann könnte ich auch etwas bekommen?

Da tat er geheimnisvoll, doch weihte mich ein, dass das nächste Ziel Cirmaen sein würde, und dass ich dort auf meine Kosten kommen würde. Ehrlich überrascht wunderte ich mich. Cirmaen galt doch als uneinnehmbar, doch der Mann versicherte mir, dass dort angelangt eine Geheimwaffe auf das Heer warten würde. Auf meine drängenden Fragen was dies sei wusste er nichts zu antworten, also bot er mir stattdessen etwas von seinem billigen Wein und wollte auf den Untergang Cirmaens und Reichtum für uns anstoßen. Da ward ich seiner überdrüssig, schlug ihn nieder, fesselte und knebelte und versteckte ihn so gut es ging, dass eine Weile lang ihn keiner finden könnte.

Immer noch wusste ich nicht genug und ging im Lager umher, auch anderen zu lauschen. Die Söldner sprachen über für mich belanglose Dinge wie ihren daheimgebliebenen Familien und Frauen sowie über für mich abstoßende Dinge wie ihre erfolgten Plünderungen, Vergewaltigungen und Tötungen Unschuldiger, dass ich sie am liebsten sofort erschlagen hätte. Doch zügelte ich mich und vernahm auch Nützliches.

Am brauchbarsten war es hierbei eine Gruppe von Hauptleuten aus dem Dunkel heraus zu belauschen, wie sie in einem großen Zelt Besprechung hielten. Am nächsten Morgen wollten sie die Truppen in Bewegung setzen, damit es sich in Daminro mit einem zweiten Heer, in dem auch ein hoher Adliger namens Somm Orichin wäre, vereinigen könnte. Dieses Heer schien der König selbst zu führen und sofort hätte ich meine Hände an ihn gelegt, hätte ich doch nur einen Pfad in sein schwer befestigtes Zelt gefunden. So blieb aber nur den Hauptleuten zu lauschen.

Ab Daminro sollte es weitergehen gen Nordwest zum Meer, wo sie aus einem kleinen Hafen hinaus nach Narrkuva fahren wollten. Narrkuva war schwer zu erreichen, doch leicht zu erobern, so dass sie von dort über die Brücke nach Cirmaen könnten. Derweil blieb in Gulrunn nur eine kleine Besatzung, die aber bald aus dem Osten verstärkt werden würde. So hoffte ich, dass die von mir entsandten Boten die anderen Festen schnell erreichten um Gulrunn zurückzuerobern, bevor diese Verstärkung käme und entschloss mich selber nach Cirmaen zu bringen um es zu warnen.

Da keiner der Hauptleute über eine Geheimwaffe sprach und es spät wurde, legte ich mich bald erschöpft im Zelt des niedergeschlagenen Söldners zur Ruhe. Nach wenigen Stunden Schlaf erwachte ich vor allen anderen, stahl mir von der umzäunten Weide ein Reittier und entschwand gen Narrkuva. Der Weg dorthin war einigermaßen schwierig. Da Krieg herrschte gab es verstärkte Zölle und Straßenwachen, denen ich bis Daminro jedes Mal gut ausweichen konnte. Dort erblickte ich die im Schatten des Waldes lagernde Armee bereits, zigmal größer als das Heer in Badern, doch hielt dafür nicht an.

Im Dorf Maen-am-Meer war es schwer eine Überfahrt nach Narrkuva zu bekommen. Zwar herrschte hier noch kein Krieg, doch niemand wollte es wagen. Allerdings fand ich einen Fischer, der aus dem Dorf fliehen und mir deshalb sein Boot für mein Tier bieten wollte. Zwar war ich kaum das Segeln gewöhnt, doch irgendwie schaffte ich es nach Narrkuva, das sich der Gefahr noch gar nicht recht bewusst zu sein schien.

Lange versuchte ich das Volk zu warnen, doch konnten sie nicht so recht daran glauben. Und selbst wenn sie es getan hätten – Narrkuvas Schutz war das Meer, keine Mauern oder Waffen. Wenn es jemand schaffte es zu erreichen, konnte es sich nur ergeben. Also verließ ich es, eilte die Brücke entlang nach Cirmaen. Diese Feste liegt im Tal der meernahen Berge, seinen einzigen Zugang riegelt eine gewaltige Mauer ab, geschützt von Türmen und dem Meer.

Im Torhaus auf der Brücke vor der Feste tat man wie gewöhnlich seinen Dienst. Zwar war die Feste durch Nachrichten aus Kuthaern verteidigungsbereit, doch erkannten die Wächter mich noch von früher und ließen mich ein. Innen erblickte ich das Volk der Stadt, das kaum Angst aufwies, vertraute es doch auf die Stärke seiner Feste und seinen Galryrm. Diesen Galryrm aber galt zu warnen, doch – wie? Ich kannte ihn nicht, noch die Wächter zu seiner Burg und Einlass für Fremde gab es nicht. Überlegend wanderte ich durch die Stadt, bis ich diesen würfelspielenden bärtigen Hauptmann erblickte.

Als er seinen Gegner besiegt hatte, bot ich an für diesen einzusteigen und stellte mich vor. Mich erkennend freute er sich über diese Herausforderung und nannte sich selber Maraine tin Arath. Das Spiel dauerte nicht lang, hatte ich doch schnell sein Vertrauen gewonnen und ihm von der marschierenden Armee erzählt. Zwar war auch er sicher, dass die Mauern diese abhalten würden, doch stimmte er mir zu, dass der Galryrm davon erfahren müsse. Mich zur Burg bringend befahl er uns Einlass zu geben und nach Rücksprache mit dem Galryrm ließen uns dessen Leibwächter hinein.

Mallan war bereits in Cirmaen geboren und nun seit zwanzig Jahren dessen gewählter Galryrm.

So, ihr seid also Acles Tovan Mhoretoan – Maraine erzählte mir von euch, sprach er, doch ich hörte noch nie zuvor von euch – und Fremden kann man in diesen Tagen nicht trauen.

So war es also – er vertraute mir nicht. Viel Überzeugungsarbeit auf mich zukommen sehend fing ich damit an. Ich fragte nach der Erlaubnis von meinen letzten Erlebnissen berichten zu dürfen und bekam sie. Von der Eroberung Gulrunns hatte er gehört, was für ihn zwar beunruhigend, doch noch nicht fürchterlich war. Von dem Heer in Badern hörte er mit Interesse und lachte gar darüber, dass ein ’so kleines Heer‘ ganz Gulrunn bezwungen hatte. Bei der Schilderung der Armee in Daminro wurde sein Blick aber nachdenklich und als ich erzählte, was mir der Söldner in Badern gesagt hatte, sprach er dazwischen.

Ich glaube noch immer nicht, dass ein König von Sacaluma – Aluma, berichtete ich ihn – so verrückt sein könnte uns hier in Cirmaen angreifen zu wollen, sprach er. Wir haben die dicksten und höchsten Mauern und fähigsten Krieger von ganz Tarle – und stärker als Tarle ist niemand. Trotzdem will ich eure Warnung zumindest überprüfen lassen, also seid mein Gast bis meine Boten aus Narrkuva zurück sind.

Damit entließ er uns und ich musste einige Tage untätig in Cirmaen verbringen, derweil die Feinde immer näher rückten. Wäre es nicht um das mir geliebte Volk von Tarle gegangen, ich mochte mich aus dem Streit herausgehalten haben. So aber stellte mich Maraine den anderen Hauptleuten sowie seinen eigenen Kriegern vor und von allen erhielt ich die Erlaubnis, sie auf einen Angriff vorzubereiten. Der Galryrm hörte zwar davon, doch ließ mich gewähren, da selbst bloße Übungen nie schaden könnten. Viele von ihnen lernte ich in diesen Tagen gut kennen und vor allem Maraine selbst mochte ich bald mein Vertrauen schenken.

Am vierten Tag dann war es soweit, dass die Boten aus Narrkuva zurückkamen. Erschöpft und zerritten sollen sie in der Burg angekommen sein, doch verkündeten sie schon unterwegs in der Stadt lauthals, dass Narrkuva erobert worden war. Zusammen mit Maraine eilte ich mich, zum Galryrm zu gelangen. Dieser sah gram- und sorgenvoll aus.

Acles Tovan Mhoretoan… -, ihr hattet Recht, sprach dieser langsam, der wahnsinnige König will uns angreifen. Narrkuva ist bereits sein und schon schiebt er Kriegsmaschinen über die Brücke. Ich gebe an all meine Hauptleute den Befehl, die Verteidigung vorzubereiten.

Da fragte ich ehrerbietig darum, bei dieser Aufgabe mithelfen zu dürfen.

Sucht euch einen meiner Hauptleute aus, sprach er, ihr könnte euch ihm anschließen.

Und so kam es, dass ich als rechte Hand des Hauptmannes Maraine tin Arath durch Burg, Stadt und Feste eilte, alle für die Verteidigung zusammenrufend. Zwei Tage sollten uns für die letzten Vorbereitungen bleiben, bevor der Feind angriff. Und selbst das Volk der Stadt kramte seine Waffen und Bögen heraus, um im letzten Falle ihre Stadt von den Dächern ihrer Häuser aus zu verteidigen. Doch soweit wollten wir es nicht kommen lassen.

Und dann kam der Tag des Angriffs.

 

 

XII: Blitz und Donner.

Die Mauer von Cirmaen schützt Feste, Stadt und Burgen auf der nördlichen Seite vor allem, das von dort kam. Ihr einziges großes Tor führt auf die Brücke nach Narrkuva, und von dort kam die Armee von Aluma. Zuvorderst kamen auf der Brücke große Schilde, welche die Nachfolgenden schützen sollten. Hunderte von Kriegern warteten bereits in sicherer Reichweite darauf ihnen zu folgen.

Überraschend trafen Schiffe ein, von West und Ost, die auf ihren Decks weitere Kämpfer, vor allem aber Katapulte und gar Belagerungstürme trugen. Die Katapulte begannen bald auf die Türme der Mauern einzuschießen, wo die Ballisten und Schützen von Cirmaen ihr Bestes gaben, die Feinde durch Bolzen und Pfeile fern zu halten.

Und kaum dass die Schilde auf der Brücke dem Tor nahekamen sahen wir, was sie schützten: Riesige feste Rammböcke waren dort in ihren hölzernen Kästen mit Rädern, um auf das Tor niederzugehen, was auch dieses nicht für immer aushalten würde. Doch die Pfeile und Bolzen vermochten gegen diese Schilde und Dächer der Rammböcke nichts auszurichten und Katapulte gab es in Cirmaen nicht.

Während die Schiffe mit den Belagerungstürmen näher kamen und versuchten sich vor der Mauer in den Wellen zu halten, eilte ich mit einigen Kämpfern Maraines zurück in die Stadt um mit Reisigbündel gefüllte Eisenkörbe zu besorgen und sie an die Schützen zu verteilen, die nun in Brand gesetzte Stoffe an ihren Pfeilen in die Schiffe sowie auf die Böcke schießen konnten. Ein erster Erfolg wurde uns zuteil, als ein ganzes Schiff plötzlich in Flammen aufging. Leider jedoch trugen es die Wellen und die Strömung des aus den Bergen hinter uns kommenden Baches wieder aufs Meer hinaus, so dass ein neues seinen Platz einnehmen konnte.

Vom großen Westturm, der auf einer Felsspitze mitten ins Meer hinein ragt, konnte ich die ganzen Ausmaße des Feindes erkennen und es schien hoffnungslos. Rammen, Türme oder Katapulte – eins von diesem musste Cirmaen früher oder später in die Knie zwingen. Doch dann würde noch ganz Cirmaen bis zur letzten Maus kämpfen, bevor es daran dächte sich zu ergeben. So weit durfte es aber niemals kommen, weshalb ich beschloss etwas dagegen zu tun.

Der Udarwald hinter uns war bekannt für seine Tomaren und so fragte ich Maraine, ob auch Cirmaen über diese Tiere verfügen würde. Als er das bejahen konnte, ward ich sofort von Begeisterung gepackt.

Wo befinden sie sich, fragte ich ihn, und wieviele sind es?

Und er antwortete, genug um eine kleine Truppe auszuheben, doch haben wir kaum geübte Reiter für sie.

Ob genügend oder nicht, war damals nicht wichtig und so wies ich ihn, den mir Höhergestellten an, aus den Kämpfen alle Reiter zusammentrommeln zu lassen, derweil ich in der Bevölkerung nach denen suchen wollte, die wahrhaft bereit waren ihre Heimat zu verteidigen.

Volk von Cirmaen, rief ich ihnen zu, jetzt wird es sich zeigen, wer von euch wirklich seine Heimat schützen kann. Unsere größte Möglichkeit sind die Tomaren und wer diese zu reiten vermag und mir in den Kampf folgen will, möge sich nun melden!

Und tatsächlich hatten wir am Ende mehr Freiwillige als Reittiere, die in Höhlen am Hang des Tales lebten. Diesen Überschuss ließen wir die Plätze an der Mauer derer einnehmen, die mit uns gingen. Niemals könnte diese kleine Truppe von Tomarenreitern eine ganze Armee schlagen, da bewies es Maraine Recht haben zu können, doch würden wir die Möglichkeit erhalten, zumindest unheimlich Verwirrung zu stiften.

Zu mehreren Dutzend verließen wir die Höhle und alle folgten sie mir, wenngleich ich das Gefühl behielt der sich bloß am wackligsten halten zu Könnende zu sein. In einem großen Bogen flogen wir nach Westen, die Hänge hinauf und über die Mauer hinweg, hinter dem großen hervorragenden Westturm hervor. Die Überraschung gelang uns wahrhaft großartig; niemand hätte uns erwartet – und selbst einige der Schützen von Cirmaen blickten erstaunt.

Zwar vermag man von einem Tomaren aus nicht allzuviele kämpferische Kniffe anzuwenden, doch hatten einige von uns ihre Armbrüste oder Bögen dabei; wir anderen konnten zumindest uns im Sturzflug auf einzelne Gegner auf der Brücke oder den Schiffen stürzen und diese von ihrem Tun abhalten. Und damit wird auch das größte Ziel unserer wahnsinnigen Tat klar: Den Gegner verwirren und das Feuer von der Mauer ab und auf uns lenken, dass wiederum das Feuer der Mauerschützen sie vernichten konnte, bevor sie diese erreichten oder ihre Katapulte spannen könnten.

Uns allen war vorher mehrfach bewusst gemacht worden, dass die Wahrscheinlichkeit lebend heimzukehren mehr als schwindend gering war, solange wir nicht andauernd in Bewegung bleiben würden. Und so fiel einer der mir Folgsamen nach dem anderen: Mal verzettelte man sich in einem Kampf am Boden und wurde solange aufgehalten bis der tödliche Stoß oder Pfeil kam, mal war man schon in der Luft zu langsam und wurde abgeschossen, mal konnte man sich einfach nicht mehr im Sattel halten und fiel schreiend in die See. Auch mir sollte so ein Schicksal wohl nicht erspart bleiben.

Zunächst lief alles wunderbar: Als Ziel hatte ich mir die Waffenmeister an den Schiffskatapulten auserkoren und einen nach dem anderen zog mein Tier ins Wasser, nachdem wir uns auf ihn gestürzt hatten, bis viele Schiffe ohne Waffenmeister nutzlos im Wasser dümpelten. Doch plötzlich, hoch droben in der Luft, kreischte mein Tier auf dass es einem das Herz zerbrach, und mit einem Knacks fiel es mitten in der Luft leblos in sich zusammen.

Mit rasender Geschwindigkeit stürzten wir auf das Meer zu und eiligst befreite ich mich aus meinem Gürtel, dass ich nicht mit dem Tier auf den Meeresgrund gezogen werden möge. Bevor wir aufprallten, sprang ich so weit es ging von ihm fort und landete hart im Wasser. Als ich die Oberfläche wieder durchstieß und damit rang oben bleiben zu können, handelte ich mehr nach Gefühl denn nach Verstand. Vor mir sah ich in den rauschenden Wellen eines der Schiffe, dass ich so verzweifelt angegriffen hatte. Seile waren über Bord gefallen und hatten sich in der Reling verfangen, als würden sie nur auf mich warten. Ich beschloss ihre Hoffnung nicht zu zerstören und ergriff sie, um mich an Deck hieven zu können. Das Schwerste war damit geschafft.

Kaum war ich neu hinzugekommen zu dieser Deckgesellschaft, da wurde ich auch schon begrüßt. Diesen Mann ins Wasser zu stoßen war nicht schwer und ich bekam wieder eine Waffe. Danach aber war ich plötzlich allein. Scheinbar war ich nicht der einzige geladene Gast und so sah ich andere meiner Flieger, die sich hierher hatten retten können, um ihr Leben kämpfen. Mich vergaßen dabei aber dann plötzlich beide Seiten. Ich weiß nicht, wie es kam, doch sah ich mich auf einmal alleine dastehen. Das Schiff hatte bereits viele Krieger verloren und die verbliebenen beschäftigten sich mit den Angriffen der Flieger auf Deck und aus der Luft.

Mich abseits haltend gelang es mir unerkannt zum Bug vorzudringen, wo das Katapult des Schiffes befestigt war. Seine Waffenmeister waren bereits verschwunden, wohl von unseren Angriffen auf die eine oder andere Art ins Wasser gedrängt worden. Das erste Mal erblickte ich eines dieser Katapulte aus der Nähe und war beeindruckt. Etwas so großes auf ein Schiff zu bekommen musste schwer gewesen sein, da zollte ich den Alumen meine Achtung. Nun lag es aber verwaist und nutzlos dort, immer noch gespannt und auf die Mauer Cirmaens gerichtet.

Ich stand am Bug und erblickte, wie es um die Feste stand: Immer noch versuchten Schiffe mit Türmen die Feste zu erreichen, doch wurden stetig von Feuerpfeilen zurückgedrängt, derer die Verteidiger aber nicht unzählig besaßen und irgendwann deshalb aufgeben müssten. Unten am Tor hatten die Böcke dieses längst erreicht und rammten ihre Schädel gegen das Eisenholz in dem Versuch es zu knacken, was ebenso früher oder später gelingen musste. Die Pfeile von oben staken nutzlos aus ihren Dächern heraus und selbst Brandpfeile blieben nur stecken und brannten kurz, bis sie erloschen. So würden es die Verteidiger also niemals schaffen – und in diesem Augenblick kam eine Idee zu mir.

Das Katapult bot sich mir doch bereits gespannt, wartend auf seine Nutzung – warum also es warten lassen? Auf kreisförmigen Schienen befestigt konnte man es hin und her drehen, sich ein Ziel suchen. Schwer ließ es sich bewegen, doch war ich ja auch allein. Also warf ich mich so gut es ging gegen das Drehholz und schob das Katapult ein Stückchen zur Seite. Ich konnte nicht richtig einschätzen, worauf genau es nun deutete, aber gäbe es sicherlich genügend Angriffsflächen, und so löste ich einfach den Spannhebel und ließ seine Ladung fliegen.

Nicht gerade wenig staunend sah ich die Überreste der feindlichen Böcke auf der Brücke stehend, als mehrere große Steine auf sie niedergeprasselt waren. Auch die Schilde hatte es getroffen, doch sah ich von ihnen außer Kleinholz kaum noch etwas. Die restliche Bande stand nun schutzlos dem Feuer von der Mauer gegenüber und verlor daraufhin ihren Mut. Plötzlich und wie eine Meute Tiere wendeten sie und drängten zurück, dabei etliche der ihren von der Brücke schubsend.

Als ich das sah, wusste ich nicht ob Lachen oder Weinen angebracht war. Doch war es gut für die Feste, die von einem Druck erlöst sich den restlichen Schiffen zuwenden konnte. Nun stand aber auch ich auf einem solchen und meinte bald sich auf mich stürzende Krieger Alumas hören zu müssen, doch blieb alles still um mich herum, während weiter hinten auf Deck man immer noch kämpfte. Der naheste feindliche Krieger, der im Kampf mit einem abgestürzten Flieger sich befand, sah bald meine Klinge auf sich zukommen, die er nur einige Male vermeiden konnte. Zuletzt befand auch er sich im Wasser und ich war bereit mich dem nächsten zu stellen – doch was war das? – Wieder kam nicht einer auf mich zu.

Und erneut blieb ich ruhig und in Deckung, um auch keinen auf mich aufmerksam zu machen, als ich gen Hauptdeck schlich, wo sich die Brücke befand. Hier endlich fand ich Gegner, und deren gleich zwei, die auf mich eindrangen während ich die Treppe hinauf kam. Es ging hin und her, rauf und runter, dann flog der erste von ihnen neben mir ins Nass. Der Zweite rief mir Beleidigungen in seiner Sprache zu, spuckte und fluchte wie ein besessenes Weib, doch brachte dies ihm auch nicht mehr als sein Vorgänger. Endlich dann stand ich oben nah dem Steuerrad, welches der Steuermann gerade verließ, die Hände waffenlos erhoben.

Ich ergebe mich freiwillig! Rief er, doch plötzlich zuckte er herum und sprang mit großem Anlauf hinab ins Meer.

Mich über die seltsamen Alumen wundernd erlangte ich nun das Steuer für mich selbst und fühlte mich für einen kurzen Augenblick wie der König der Meere. Nie zuvor hatte ich ein Schiff steuern können und kannte mich deswegen auch kaum mit der Steuerung aus. Ich hätte gar nicht gewusst, was mit diesem Ungetüm anzufangen ist, hätte nicht eine plötzliche Bö die Segel erfasst und das Schiff vorangetrieben. Kurz vermochte ich mich noch zu wundern, warum das Schiff nicht einfach segellos ruhig vor Anker gelegen hatte, da war ich auch schon stark mit dem Ruder beschäftigt, um aus diesem Umstand noch etwas Nützliches hervorzubringen.

Voraus erblickte ich einen ganzen Haufen alumischer Turmschiffe, dich gedrängt vor der Mauer wartend, dass sich kaum eines bewegen konnte. Halb aus Willen, halb aus Unfähigkeit etwas anderes zu tun steuerte ich unser Schiff mitten dort hinein. Unter mir verharrten die Krieger langsam in ihren Kämpfen, blickten zunächst erstaunt, bevor das Unvermeidliche käme. Dieses stellte sich als großes Krachen und Rumpeln vor, als die Schiffe alle ineinander stießen, wenngleich auch Männer auf ihnen allen schrien und an Rudern ruckten.

Ich aber hatte ebenso nicht recht vor auf diesem treibenden Holz zu bleiben und tat es den anderen Kämpfern gleich, welche ich im Nass begrüßen durfte. Hinter uns aber fingen die Schiffe eines nach dem anderen Feuer, als die Brandpfeile niedergingen und sich keines mehr vor dem anderen retten konnte, selbst wenn es aus dem Zusammenstoß unbeschadet hervorgegangen war.

Nach einer Weile konnte ich mich endlich an den Hängen entlang zu einer Stelle treiben, von der ich das Meer verlassen und wieder Erde betreten konnte. Einige der unsrigen Krieger waren mir bereits zuvorgekommen. Die Tore der Feste hatten sich geöffnet um Kämpfer hinausströmen zu lassen, die nach Narrkuva zogen um die Alumen endgültig zu vertreiben.

Ich aber wurde von einigen Zurückbleibenden erkannt und feierlich in die Feste geleitet, da man bereits über meine – so oft unfreiwilligen – Heldentaten berichtet hatte. Während ich mich erholte und vom Galryrm höchstselbst belobigt wurde, focht Maraine tin Arath die letzten Kämpfe aus und kehrte nach wenigen Tagen aus einem befreiten Narrkuva zurück.

Doch damit hatte alles erst begonnen; es gab noch viel zu tun.

 

 

XIII: Die letzten Regen.

Es fanden große Jubelfeier in Cirmaen statt, als das feindliche Heer geschlagen und auch aus Narrkuva vertrieben worden war. Nachdem diesem abgegolten war, rief der Galryrm Mallan seine getreuesten Gefolgsleute sowie auch mich zu sich, um die nächsten Schritte besprechen zu können. Die Alumen schienen sich auf ihre Seite des Meeres zurückgezogen zu haben, doch hielten sie immer noch Kuthaern und Gulrunn. Zwar waren die Festen von Tarle stets einzelgängerisch gewesen, doch konnte man bisher noch nie zulassen, dass ein anderer Tarler einem feindlichen Ausländer allein gegenüberstand, weshalb sich zahlreiche Stimmen erhoben die eine Befreiung der anderen Festen forderte. Nach einigen lautstarken Gesprächen musste Mallan schließlich diesen Forderungen zustimmen.

Während in Narrkuva alles vorbereitet wurde und die Einheiten Cirmaens sich dort sammelten, erschienen eines Morgens plötzlich Schiffe, die sich schnell als die Hardens und Thalgrens herausstellten. Die anderen Festen hatten einige wenige verfügbare Einheiten abgestellt Cirmaen zu unterstützen, als sie von der Belagerung erfuhren. Sie kamen spät, doch waren wir trotzdem froh sie zu sehen, konnten sie uns doch bei der Befreiung Kuthaerns helfen. Armeen dieser drei Festen zusammen hatte man seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen, doch arbeiteten sie nun zusammen gegen einen gemeinsamen Feind.

Kuthaern war schwach besetzt zurückgelassen worden, hatte es doch auch kaum Zugang von Seiten der Alumen. Innerhalb von nur zwei Tagen hatten wir die Besatzer zum Aufgeben gezwungen, wenngleich sie noch nichts von der Niederlage ihrer Armee erfahren hatten und sich eigentlich in gut zu verteidigender Lage befanden. Von den Alumen aber hörten wir, dass sie froh waren dieses Land zu verlassen, da aus der Wüste und den nördlichen Felsentälern allerlei seltsame Lebewesen angekrochen kämen, gegen die sie sich verteidigen mussten. Maraine bestätigte mir, dass es Kuthaerns Aufgabe war, alles aus diesen Gegenden von einem Eindringen in die östlichen und südlichen Länder zu hindern. Auch mir schauderte es bei diesem Gedanken, doch waren die befreiten Kuthaerner sicher, dieser ihrer Aufgabe wieder nachgehen zu können.

So waren wir frei, dem armen Gulrunn zu helfen. Zurück in Narrkuva waren Nachrichten aus Harden und Thalgren eingetroffen, die uns nun auch in dieser Weise Glück bei unseren Unternehmungen wünschten und die weitere Benutzung ihrer Truppen gestattete, um Gulrunn zu befreien. Nichts hielt uns also auf, dieser letzten Aufgabe nachzugehen, außer – die Alumen. Der einzige Weg von Cirmaen nach Gulrunn führte entweder über gefährliche Pässe durch den Udarwald oder am Rande der Berge entlang ein kurzes Stück durch Aluma westlich an Daminro vorbei.

Wir entschieden uns trotz der Gefahr zusätzlicher Kämpfe für letztere Möglichkeit und schifften die Einheiten gen Osten, um dort an Alumas Küsten anzulegen. Hin und wieder dann stellte sich uns eine kleine Einheit Verteidiger in den Weg, doch ernsthaft kämpfen mochte niemand gegen unsere Übermacht. Daminro selbst vermieden wir so gut es ging, sahen es aber verteidigungsbereit in der Ferne liegen – und dann ging es in die Wälder, wo wir uns auf die Pfade und Straßen verlassen mussten, um uns nicht zu verirren.

Am zweiten Tag unserer Reise durch diesen Wald fiel uns plötzlich und überraschend etwas in den Rücken und Flanke, von dem wir erst später merkten, dass es teils Einheiten aus Daminro, größtenteils aber Holzfäller und Köhler aus den Wäldern waren. Verzweifelt fielen sie uns an, doch konnten sie letztlich niemals gegen uns siegen. Und so plötzlich sie gekommen, waren sie auch wieder verschwunden.

Am dritten Tage überschritten wir die unsichtbare Grenze von Gulrunn und am vierten erreichten wir dessen offenes Land. Nach weiteren Tagen Fußmarsch berichteten unsere Späher, dass wir bereits erwartet wurden: andere tarlische Armeen lagerten unweit westlich der Feste. Am nächsten Tag vermochten wir unseren Augen kaum zu trauen, als wir vor Gulrunn auf unzählige Krieger stießen, welche die Feste bereits belagerten. Aus Begghyrn und Badros waren sie gekommen uns beizustehen und die Alumen aus Gulrunn zu vertreiben.

War bereits die Vereinigung der Festen Cirmaen, Harden und Thalgren bei Kuthaern seit Jahrhunderten ohne Beispiel gewesen, so übertraf dies nun alles bisher dagewesene seit ungezählten Zeiten. Schon oft war Gulrunn in der Vergangenheit Ziel kriegerischer Streitigkeiten aus dem Norden gewesen; wir wollten dies endgültig beenden. Unsere Einheiten so lagern lassend, dass sie zusammen mit denen der anderen Festen einen Halbkreis um Gulrunn herum bildeten, traf Mallan sich mit den anderen Galryrms. Sie berieten sich den Rest des Tages und als er Abends zurückkehrte, hatte er einiges zu berichten.

Zunächst erzählte er von den Besatzern Gulrunns, die jetzt schon Wochen Zeit gehabt hatten, sich festzusetzen. Nach der Niederlage bei Cirmaen hatten sich offenbar die Reste der alumischen Armee dorthin zurückgezogen, um uns zu erwarten und ihre Stellung zu verfestigen. Gulrunn strotzte nun nur so vor alumischen Waffen, die alle auf uns vorbereitet waren. Wir würden ähnliche Belagerungs- und Kriegsmaschinen gegen den Gegner verwenden, wie es dieser vor Cirmaen getan hatte, um zu ihm vorzudringen, dabei in der Hoffnung bleibend, dass sie die Feste freiwillig freiwillig aufgeben würden. Tarler waren nicht bekannt für Grausamkeit und daran sollte sich nichts ändern.

Der Angriff fände bei Morgengrauen statt, also sollten wir alle gut schlafen. Ich würde erneut in Maraines Einheit verbleiben. Uns gehörte die Aufgabe in das Innere vorzudringen nachdem ein Tor offen oder Türme an den Mauern wären. Uns zur Hilfe standen Schützen, Ballisten, Türme, Rammen und sogar einige Tomaren. Nur Katapulte wollte man nicht verwenden, um Gulrunn nicht unnötig zu zerstören.

Statt sofort schlafen zu können sprach ich bei einem Abendessen noch mit Maraine über unsere Befürchtungen und Träume. Maraine, dessen Heimatdorf unweit von Gulrunn lag, hatte seine Verlobte dort in der Feste und damit genug Gründe sich zu sorgen, doch auch viele andere in unserem Lager besaßen Freunde und Verwandte in Gulrunn, die es zu schützen galt. Und alle sahen dem Morgen mit Ungewissheit entgegen. Nach langen Augenblicken tiefster Gedanken fiel ich mitten in der Nacht endlich in meinen Schlaf. Am nächsten Morgen weckten uns die Hörner; es blieb kaum Zeit zum ankleiden.

In den Morgenstunden machten sich die Armeen fünfer Festen auf eine sechste zu befreien. Zuvorderst kamen die Schilde, derweil ihnen Schützen Deckung gaben und die Tomarenreiter für Verwirrung unter den Verteidigern sorgten. Gleichzeitig wurden die Belagerungstürme voran geschoben, in welchen weitere Schützen sowie wir warteten, bis die Mauern erreicht wären. Die Verteidiger besaßen keine Möglichkeit unsere Türme zu zerstören und mussten so unser Nahen hoffnungslos mitansehen, derweil ihre Pfeile nutzlos im Holz der Türme steckenblieben.

Hatten wir endlich die Mauern erreicht, ließ man eine kleine Brücke herab, über die wir kriegsschreiend auf die Mauer strömten, derweil unsere Schützen diese Mauer bespickten. Die erste Reihe von Verteidigern war noch gut kampfeswillig, so dass uns nichts anderes übrigblieb. Seite an Seite mit Maraine focht ich einen Weg über die Mauer hinüber zur zweiten Mauer, nur um festzustellen, dass diese mit Gittern abgesichert war.

Während einige der unsren das Haupttor öffneten um die großen Rammen für das zweite Tor zu holen, suchten wir andere Wege hinüber in den nächsten Hof, doch fanden wir keinen. Die Rammen droschen auf das Tor ein, und die Edlen und Galryrms von Tarle selbst kamen in diesen ersten Hof, um durch das zerborstene Tor ihren Kriegern voran in den nächsten zu strömen und wir hintendrein.

Der nächste Hof aber erwies sich als Falle; es war ein langer schmaler Weg die dritte Mauer entlang. Von oben regnete es Pfeile und wir unten konnten kaum mehr tun als uns mit Schilden zu schützen. Auf ähnliche Weise ging es durch die nächsten Höfe, zwischen denen auch immer wieder Tore zu zerstören waren. Irgendwo hier muss es gewesen sein, dass ein Pfeil den Galryrm Mallan tödlich getroffen von seinem Pferd fallen ließ, doch die Krieger von Cirmaen wussten auch ohne ihren Anführer um ihre Sache weiterzustreiten.

Im fünften Hof fanden sich endlich wieder Wege die Mauer hinauf, von wo aus man endlich die ganze Eingangsburg von Gulrunn erreichte; bald war sie unser. Jetzt hätte es noch die Stadt sowie die zweite Burg gegeben, doch in ersterer hatten die Bürger sich bereits erhoben und zweitere ergab sich dann wie erhofft uns kampflos. Endlich also konnten wir die Befreiung Gulrunns feiern, doch mussten gleichzeitig über unsere Verluste trauern. Maraine dagegen fand seine Versprochene wohlerhalten und war den restlichen Tag nicht mehr aufzutreiben. Die überlebenden Galryrms, sofern anwesend, beschlossen die Alumen frei ziehen zu lassen, wenn sie dieses Land verlassen und nicht zurückkehren würden, wozu deren Anführer gerne zustimmten, schienen sie doch auch des Krieges ihres Königs überdrüssig.

Da der Galryrm von Gulrunn bereits bei der Eroberung durch die Alumen ums Leben gekommen war, hielt am nächsten Tag, mitten in den Aufräumarbeiten, das Volk bereits eine Wahl ab, den neuen Galryrm zu bestimmten. Die Truppen der anderen Festen aber zogen wieder heim, nicht ohne vorher noch auf die Unterstützungspakte und Freundschaft anzustoßen. Auch die Mannen von Cirmaen mussten jetzt heim, doch ward ihr Marsch ein Trauerzug.

Die Alumen hatten uns freie Pfade durch ihr Land zugesichert, und so wurde der tote Galryrm Mallan von dem Zug seiner Krieger begleitet durch Aluma über Narrkuva nach Cirmaen gebracht. Ab Narrkuva bewies ihm jeder Tarler, an dem wir vorbeikamen, die stille ehre und uns laute Siegesfeiern, doch war nicht allen von uns zum Feiern. Maraine tin Arath war jetzt Ranghöchster, weshalb er den Zug anführte, begleitet von anderen Edelmännern sowie mir. Er war es auch gewesen, der mich überhaupt dazu gebracht hatte mit zurück nach Cirmaen zu kommen, wo noch Überraschungen auf mich warten sollten. Dort gestaltete es sich zunächst kaum anders denn bisher, auch die Cirmaenen befeierten zugleich die Siege als auch ihren Verlust, war Mallan doch im Volk beliebt gewesen.

Am Tag nach unserer Rückkehr, nach einer langen Nacht voller Feste, wurde Mallan ebenso feierlich in den Grüften der Edelmänner Cirmaens, weit hinten im Tal, beigesetzt. Die Feste quoll über von Volk, als auch Bauern, Minenarbeiter und Förster aus dem Tal in den Ort kamen, der ihr aller Leben sicherte. Bei Einbruch der Dunkelheit führte ein feierlicher Zug von der Burg aus durch die Stadt, die Hinterburg sowie das Tal Mallan zu den Grüften hinauf; der Pfad gesäumt von unzähligen stillen Fackelträgern.

Einen weiteren Tag darauf fand die Wahl des neuen Galryrm statt. Der Gildenrat traf in seiner Burg zusammen, nachdem ihre Vertreter bereits am Vortag mögliche Anwerber vorgeschlagen hatten. Letztlich hatte auch das Volk noch eine Stimme; wer immer von genügend Einwohnern vorgeschlagen wurde, kam ebenso in die Auswahl des Gildenrates. Dessen Sprecher fragte von einem Balkon der Burg herab das Volk, wen sie vorschlagen würden, und zu meinem Erstaunen vernahm ich aus allen Ecken des Platzes laute Rufe:

Acles Tovan Mhoretoan!

Auch der Sprecher schien erstaunt und fragte das Volk:

Seid ihr sicher? Er ist ein Ausländer; kommt nicht aus Cirmaen, noch aus Tarle!

Doch das ertönende Ja nach seiner ersten Frage erstickte die weiteren Worte. So kam also auch ich mit in den Saal, wo der Rat sich über den nächsten Galryrm beriet, während ich überlegte, ob ich mich überhaupt niederlassen und das Reisen aufgeben wollte. Wir hörten jedes Wort des Rates während der Beratschlagung und überlegten schon selber, wer es werden mochte, doch Maraine war sicher, dass die Wahl auf mich fallen würde und schwor mir so oder so seine ewige Freundschaft und Ehrergiebigkeit.

Letztlich dann erhob sich der Sprecher wieder und stellte seine Frage, obwohl wir bereits alles wussten:

Acles Tovan Mhoretoan, ihr seid nicht aus Tarle, doch das Volk von Cirmaen und ganz Tarle liebt und vertraut euch. Viel habt ihr bereits für uns getan; nun fragen wir euch: Würdet ihr euer Leben den unsrigen verschreiben?

Ich hatte lange Zeit zum Überlegen gehabt und konnte schnell und überzeugt antworten.

Wenig später stellte der Rat dem Volk den neuen Galryrm von Cirmaen vor.

In den folgenden Jahren sah sich die Feste, abgesehen von einem kleinen Zwischenfall, einer Zeit des Friedens und der Ruhe ausgesetzt, was sie gut zu nutzen wusste. Von den Alumen hörten wir kaum noch etwas, bis ihr nächster König wieder um Handel mit uns bat. Der Krieg zwischen Tarle und Aluma, das sich später unter ihrem nächsten König A’Lhuma nannte, war vorbei und wir wollten alles daran setzen, dass nie wieder einer entstände.

Als wichtigsten Berater und rechte Hand erkor ich mir für diese Aufgabe meinen Freund Maraine tin Arath, der seitdem zusammen mit seiner Frau bei mir in der Burg von Cirmaen lebt.

Damit endet die Schilderung, wie ich meine Reisen aufgab und zum Galryrm erwählt wurde.

Epilog

Die letzten Seiten fügte ich meinem Bericht hinzu, da der Galryrm Acles Tovan Mhoretoan mir kürzlich eine Abschrift zukommen ließ und ich dachte, seine Worte könnten den Krieg zwischen unseren Ländern am besten schildern. Es war ein blutiger und böser Krieg, doch Crear erzählte uns stets, es sei notwendig die gefährlichen Tarler aufzuhalten bevor sie zuerst zu uns kämen. Wir in der Burg in Lurut bekamen kaum etwas von den Grausamkeiten dieses Krieges mit, doch erlebten wir Crears seltsame Änderungen, nachdem er mitten zwischen den Feldzügen wieder heimgekehrt war.

Wir hatten Caeryss nicht überzeugen können mit heimzukommen; um ihrer Sicherheit fürchtend verließ sie bald das Land, doch ließ sie das Kind von Euliste, Crears Base, bei uns, als Emmistat versprach sich um es zu kümmern. Crear kehrte heim und fand dieses Kind bei seiner zukünftig angetrauten, die niemals schwanger gewesen war. Beunruhigenderweise schien er sich dessen nicht bewusst; er kannte das Kind sofort als sein eigenes und liebte es wie ein wahrer Vater. Doch seine Anfälle von Schmerzen und Wahnvorstellungen verstärkten sich in den folgenden Jahren bloß noch, bis wir alle fürchteten seine Nähe zu suchen.

Es war eine wahrhafte Erleichterung – so muss man leider sagen – als er an einem dieser Anfälle starb – wenngleich es Gerüchte gab. Das Volk, welches ihn nicht selber gekannt hatte und hasste, sprach von einem Mord und feierte einen unbekannten Helden. Nur wenige hatten ihn wirklich gekannt wie ich und mein Schmerz war groß ihn sterben zu sehen. Niemals hatte ich einen solchen Freund gekannt und sollte es auch niemals wieder tun. Viele nennen ihn wahnsinnig, wenige von den Göttern gesandt wie er es behauptet hatte, doch ich kannte den Kern hinter den vielschichtigen Schalen.

Sein Sohn, den er Orot Crear Elorm genannt hatte, sollte sein Nachfolger werden, doch war er viel zu jung um allein zu handeln. Teule tat vieles daran, die Herrschaft über ihn zu erringen, doch schien sie keinen schädlichen Einfluss zu hinterlassen und es war eine wahrhafte Erleichterung, als sie in hohem Alter sich befindend letztlich doch noch starb.

Heute ist Orot alleiniger König. Stets war er ein braver Junge gewesen, wenngleich auch in ihm die Anlagen seiner Familie zu lauern scheinen, doch kann dies erst die Zukunft sagen. Solange jedenfalls ich Tereanv von Lurut bin, werde ich ihm mit Rat und Tat beistehen. Auch Asmyllis, wenn sie einmal vor Ort ist, versucht guten Einfluss auszuüben, doch meist ist sie auf Reisen und letztlich vor allem in Cirmaen.

Wie man sieht verbesserten sich die Beziehungen zu Tarle letztlich doch noch etwas, wenn auch viel Misstrauen auf beiderlei Seite lauert. Unter Crear kam es noch zu vereinzelten Scharmützeln, seit Orots Herrschaft ist es ruhig an diesen Grenzen.

 

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AWG92 Der Schrecken aus Nardújarnán. Lehrjahre eines Helden.

Februar 9, 2020

Andre Schuchardt

präsentiert

Der Schrecken von Nardújarnán.

Lehrjahre eines Helden.

Titelvorschläge: Schrecken aus dem Dschungel; Gefahr im Norden; Tod in der Wildnis; Der Schrecken von Nardújarnán; Die Hochfestungen von Nardújarnán; Und in Nardújarnán begann es…; Die jungen Jahre des Helden Falerte Khantoë; Die Jugend des Helden; Beginn des Endes, Die ersten Jahre eines Helden; Beginn des Krieges; Propaganda für den Widerstand; Nördliche Schatten; Das Böse; Das Böse im Wald; Das Böse im Dschungel; Lehrjahre eines Helden; Düstere Träume; Traum und Schrecken; Der Tod begann in Nardújarnán; Eine lange Reise; Einer langen Reise Mühen; Einer langen Reise Schrecken; Damals, vor dem Untergang; Todesträume; Die dunklen Seiten; Die dunklen Seiten von Nardújarnán

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Inhalt

Karten 5

Rardisonán, Omérian, Ramit, Machey, Toch-Bas 5

Nardújarnán 6

Vorwort des Herausgebers 7

Prolog 8

I: Brief an den Vater 9

II: Brief an die Schwester 13

III: Nachricht für Puidor 15

IV: Brief an die Schwester 16

V: Bericht über die Ausbildung in der Guigans Rardisonan 19

VI: Brief an die Schwester 20

VII: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“ 21

VIII: Tagebuch des Falerte Khantoë 22

IX: Brief an die Schwester 25

X: Tagebuch des Falerte Khantoë 26

XI: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“ 30

Erstes Buch 32

XII: Tagebuch des Falerte Khantoë 33

XIII: Brief an die Schwester 35

XIV: Brief an Garekh 39

XV: Tagebuch des Falerte Khantoë 41

XVI: Brief an die Schwester 44

XVII: Bericht und Bitte des Außenpostens Médyhúda an Huális. 47

XVIII: Bericht der Obrigkeit von Ejúduira an Atáces 48

XIX: Brief an die Schwester 49

XX: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘ 51

XXI: Tagebuch des Falerte Khantoë 52

XXII: Brief von Garekh an Falerte 53

XXIII: Bericht von der Zusammenkunft der Obrigkeit zu Ejúduira. 55

XXIV: Brief an die Schwester 56

XXV: Tagebuch des Falerte Khantoë 58

XXVI: Bericht von Ejúduira an Atáces 59

XXVII: Tagebuch des Falerte Khantoë 60

XXVIII: Logbuch des Kapitäns Norís 63

XXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë 64

XXX: Logbuch des Kapitäns Norís 67

XXXI: Tagebuch des Falerte Khantoë 68

XXXII: Logbuch des Kapitäns Norís 70

XXXIII: Tagebuch des Falerte Khantoë 71

XXXIV: Bericht des Caris Duimé an Atáces 72

XXXV: Tagebuch des Falerte Khantoë 73

XXXVI: Bericht des Außenpostens Huális an Atáces. 75

XXXVII: Bericht der Obrigkeit von Cabó Canguina 76

XXXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë 77

XL: Bericht des Caris Duimé an Atáces 81

XLI: Tagebuch des Falerte Khantoë 82

XLII: Bericht von Atáces an Ejúduira 88

XLIII: Tagebuch des Falerte Khantoë 89

Zweites Buch 105

XLIV: Bericht des Arztes von Camdis an Aiduido Elazar 106

XLV: Bericht der Obrigkeit von Aiduido Elazar an Ejúduira 109

XLVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 110

XLVII: Bericht von der Verhandlung in Ejúduira 114

XLVIII: Öffentliche Anschläge des ‚Bote von Tadúnjódonn‘ 116

XIL: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 117

L: Brief des Geistwächters Castaris an Geistwächter Mosíz in Elpenó 118

LI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 119

LII: Brief des Geistwächters Mosíz an Geistwächter Castaris in Atáces 121

LIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 122

LIV: Notizen des Geistwächters Castaris 125

LV: Brief an die Schwester. 126

LVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 127

LVII: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘ 133

LVIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 134

LIX: Brief an die Schwester 138

LX: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 139

LXI: Bericht des Außenposten Médyhúda an Atáces 146

LXII: Notizen des Geistwächters Castaris 147

LXIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 148

LXIV: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces 154

LXV: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 158

LXVI: Brief an die Schwester 159

Drittes Buch 161

LXVII: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë 162

LXVIII: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘ 163

LXIX: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë 164

LXX: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘ 166

LXXI: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë 167

LXXII: Brief an Garekh 170

LXXIII: Brief an die Schwester 172

LXXIV: Brief an die Schwester 174

Epilog 177

LXXV: Letzter Brief des Falerte Khantoë 178

Hinweise des Herausgebers. 182

Anhang 183

Anmerkungen zur Zeitrechnung 183

Länder und Provinzen: 184

Städte und andere Orte 190

Sprachliches und Begriffe: 193

Topographie 195

Fauna und Personen 197

Personen: 199

Notizen 200

 

Vorwort des Herausgebers

Dies sind die gesammelten alten Briefe, Berichte und Tagebuchaufzeichnungen des Helden Falerte Khantoë aus Ayumäeh in Ramit, der vor gerade mal einer Woche ruhmreich doch traurigerweise bei der Schlacht von Illort im Kampfe gegen die Hochfestungen sein Leben ließ. Diese Sammlung zeigt, wie früh sich die Hochfestungen bereits rührten und das nicht nur in Lurruken. Zwar wussten viele bereits seit langem von ihnen, doch glaubte ihnen niemand – nun kann man nichts anderes mehr als wissen.

Falerte Khantoë war einer von diesen, die ihr Leben dem Kampfe gegen die Bedrohung verschrieben. Nun ist er gestorben und bereits die halbe Welt verwüstet. Nutzen mag dieses Buch aber noch bringen, da es mehr über die Hochfestungen aufzeigt. Dinge, von denen die Anhänger von Tól und Omé bereits seit Jahrtausenden hätten wissen müssen.

Die Veröffentlichung erfolgt unter Genehmigung von Accilla Scazi, der Mutter Khantoës, welche seine erste Reise bereits einmal veröffentlicht hatte. Natürlich glaubte auch zu diesem Zeitpunkt niemand dem Inhalt sondern sah es als Unterhaltungslektüre.

An alle die dies noch zu lesen vermögen: die Welt ist noch nicht verloren und der Widerstand hält an!

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 09.10.3999

Anmerkung: Einige der Briefe und Tagebucheinträge wurden an Stellen, welche nun wirklich nur die Betroffenen etwas angehen, gekürzt. Andere Stellen, vor allem die Tagebucheinträge, wurden der erleichterten Lesbarkeit zugute umgeschrieben.

 

 

 

Prolog

 

 

I: Brief an den Vater

Sommer 3978, Irgendwo in den Sümpfen von Emadé.

Werter Vater,

Nuref, mein Onkel, euer Bruder, und Mhadal, sein Sohn, euer Neffe, sind tot. So wirklich begreife ich dies erst jetzt. Und trotzdem verstehe ich noch nicht genau, wie es dazu kam. Nun ist das erste Mal, dass ich mich ausruhen und über alles nachdenken kann. Jetzt erst bemerke ich so wirklich ihren Verlust und was geschehen ist. Ich möchte euch schildern, wie es dazu kam, da ich hier noch nicht sobald fort kann. Die Gründe erläutere ich euch sogleich noch.

Anfangs verlief unsere Reise völlig gewöhnlich. Wir waren nach Rees in Machey gefahren um die Geschäfte zu tätigen. Im Sommer, vor wenigen Wochen, verließen wir Rees wieder. Wir nahmen den selben Weg zurück gen Ayumäeh und kamen an den Rand dieser Sümpfe.

Kurz nach Peridé, also knapp vor Beginn der Sümpfe, begegneten wir den Landwächtern. Wir hatten schon öfter Landwächter als Begleitschutz und als Führer angeheuert, doch immer nur in den Städten. Diesmal, auf dem Rückweg, hatte Nuref darauf verzichtet. Der Grund war der Übliche: sein Geldmangel. Auch meinte er, dass uns in Rardisonán schon nichts geschehen würde. Die Landwächter nun, eine Gruppe von vielleicht zwölf Leuten, trafen wir an der großen Kreuzung, an der man sich für den Weg durch die Sümpfe nach Belané oder an ihnen vorbei nach Osten, gen Rardisonan entscheiden musste. Nuref hatte letzteres vor. Doch diese Landwächter! Sie grüßten uns bei unserer Ankunft und Nuref erkundigte sich bei ihnen nach Neuigkeiten. Sie sagten, dass der Weg gen Ost versperrt sei, dass sich dort eine Bande Räuber herumtreibe. Die Landwächter würden gerade auf Verstärkung durch die Einheiten von Peridé warten, um dann gegen sie vorzugehen.

Natürlich erklärte Nuref ihnen etwas von einem wichtigen Auftrage, den er in eurem Namen ausführen müsse und dass wir es eilig hätten, einen Hafen zu erreichen, um von dort nach Ayumäeh heimkehren zu können. Die Landwächter schienen zu überlegen, sich zu beraten. Schließlich erklärten sie uns, dass wir unmöglich gen Osten könnten, aber vielleicht zurück nach Peridé und von dort nach Westen. Aber das lehnte Nuref ab – und genau das hatten sie vermutlich auch erwartet. Nuref sprach, wir müssten dann eben mitten durch die Sümpfe nach Belané; wir würden den Weg schon finden, wir waren ja schon einmal in den Sümpfen gewesen. Die Landwächter schien dies zu entsetzen. Schnell schlugen sie vor, dass die Hälfte von ihnen uns begleiten würde, zumindest durch die gefährlicheren Gebiete. Hier sprach Nuref schließlich, dass wir nicht das nötige Geld hätten, doch sie winkten nur ab und erklärten, unsere Sicherheit sei nun wichtiger.

Und so kam es, dass sechs dieser Landwächter uns durch die Sümpfe gen Belané leiteten. Oder so dachten wir zumindest, denn es kannte sich niemand von uns wirklich in den Sümpfen aus. Nach fünf Schritten hätten wir, die wir uns auf dem Meer stets zurecht finden, uns hier hoffnungslos verirrt. Deshalb fiel auch niemandem auf, dass wir allmählich von dem eigentlichen Pfad abkamen. Zu spät bemerkte Mhadal, dass wir immer weiter gen Osten statt nach Norden gingen. Da kamen sie auch schon von allen Seiten: die falschen Landwächter hatten gut drei Dutzend weiterer Banditen zur Verstärkung und fielen über uns her. Wir hatten kaum Zeit uns zu wehren. Ich schätze, ich war auch einer der Ersten, die es traf.

Es war irgendwann in der Nacht, als ich wieder erwachte. Zunächst wusste ich nicht, wo ich mich befand. Und das war nur gut so, denn es sollte mich noch Grauenvolles erwarten. Vater, könnt ihr euch vorstellen, wie schrecklich es war, als ich mich da blutbefleckt und mit schmerzendem Kopf in einem Loch voll Brackwasser wiederfand und als erstes neben mir die schwimmende Leiche meines Vetters Mhadal erblickte? Ekel, Abscheu, Furcht und gleichzeitig tiefe Trauer und Pein trafen mich. Doch zunächst floh ich einfach nur aus diesem Loch. Danach stieß ich auf die Trümmer unserer Wagen. Einige waren so stark zerstört, dass ich nicht mehr feststellen konnte, welches Teil zu welchem Wagen gehörte. Das galt nicht für unsere Leute, welche überall verstreut lagen, wo auch immer sie gerade erschlagen worden waren.

Als ich Nuref fand, kniete ich neben ihm nieder und versank in Tränen. Es verging eine ganze Weile, bis ich mich genug gefasst hatte, mir das Unglück genauer anzusehen. Bald fiel mir auf, dass einige Wagen ganz fehlten, bei anderen nur der Inhalt. Man musste sie gestohlen haben. Ebenso vermisste ich viele der Toten, vor allem die meisten unserer Frauen. Ich befürchte, man wird sie verschleppt haben. Doch hoffe ich auch, dass einige flüchten konnten und dann schon längst bei euch wären. Wenn dem so ist, dann haben sie euch vermutlich erzählt, ich sei auch tot, denn so muss es für sie ausgesehen haben. Aber so oder so wisst ihr durch diesen meinen Brief nun, dass ich lebe und auch bald zurückkommen werde.

Ich fühlte mich nach diesem unglücklichen Erwachen körperlich und geistig noch nicht sehr wohl, doch nahm ich mir genug Kraft und Zeit, die Toten zu begraben. – Ich weiß, diese Sitte gefällt dir nicht, doch wurde ich immerhin in Omérian erzogen und dort ist dies Brauch. Ich weiß nicht, woher ich all diese Kräfte nahm, doch ich ruhte mich auch nach dieser Tat noch nicht aus. Nuref hatte uns allen mehr als eindringlich geschildert, wie wichtig diese Waren in den Wagen für euch wären und dass sie unter allen Umständen Ayumäeh erreichen müssten. So durchsuchte ich die Trümmer der Wagen und ihre Umgebung – nach den Waren, aber auch nach Nahrung und Verbandszeug für mich. Enttäuscht musste ich aber feststellen, dass sich nichts von alledem finden ließ.

Zu allem Überfluss wurde es nun auch langsam dunkel und ich wusste nicht, wohin. Doch ich musste von diesem Ort fort, schon alleine für den Fall, dass diese falschen Landwächter noch einmal zurückkehren würden. Ich stolperte also eine Weile voran, darauf achtend, die Sonne links von mir zu haben, um nach Norden zu gelangen. So geriet ich allmählich tiefer in den Sumpf. Und als es völlig dunkel wurde, ließ ich mich an einem trockenen Flecken unter einem Baum nieder. Ich muss in dieser Nacht in ein Fieber gefallen sein, zumindest erinnere ich mich nicht mehr an die darauf folgenden Ereignisse.

Als ich endlich wieder erwachte, lag ich bedeckt doch entkleidet auf einer Strohmatratze. Es war eine kleine, selbstgezimmerte Hütte mit größtenteils notdürftiger Einrichtung, soviel konnte ich sehen. Es gab eine kleine Feuerstelle, einen Tisch samt Stuhl, sonst nur Strohlager wie diese Matratze auf der ich lag. Mir selber waren alle Wunden derer ich überraschend zahlreich hatte verbunden worden. Da mir wohl niemand etwas Böses wollen würde, der mich gerettet und verbunden hatte, legte ich mich bald wieder hin und schlief ein.

Ich erwachte das nächste Mal, als mir kaltes Wasser auf die Stirn getupft wurde. Es war hell im Raum; es musste Tag sein. Neben mir kniete eine Gestalt. Bald stellte sich heraus, dass es ein alter Einsiedler war. Der Mann sah aus, wie man sich einen von höheren Lebewesen entfremdetes vorstellt: wildes Haar samt Bart, behelfsmäßige, doch dem Wildnisleben angepasste Kleidung – nun, die genaue Beschreibung wird für euch nicht so notwendig sein. Die ersten Stunden sprach er nicht viel mit mir. Nachdem ich mich gut genug erholt hatte, ihn endlich mit meinen Fragen zu bedrängen, konnte ich nicht viel erfahren. Er nannte sich schlicht Puidor, also Fischer. Einst war er wohl in die Sümpfe gekommen, sich hierher zurückzuziehen, fern der anderen, um allein mit und in der Natur zu leben.

Es war vor zwei Tagen, dass ich hier aufwachte. Seitdem habe ich mit dem ruhigen alten Puidor so manch gutes Gespräch geführt, doch fiel mir letztlich ein, dass ich euch einen Brief schicken sollte, solange ich noch nicht selber abreisen kann. So schrieb ich euch diesen nun in den letzten Stunden und sollte damit auch bald zu einem Ende gelangen. Alle Einzelheiten, die für euch noch wichtig sind, könnt ihr mich dann selber fragen. Ich bin noch nicht weit genug genesen um reisen zu können, so Puidor, doch in ein paar Tagen wird es soweit sein. Er selber aber wird den Brief in die nächste Siedlung bringen, versprach er mir. Und sobald ich kräftig genug bin, gehen wir nach Belané, wo ich ein Schiff nehmen und heimkehren werde. Ich vertraue auf Puidor, auch wenn ich selten jemandem vertraue; in dieser kurzen Zeit ist er mir ein guter Freund geworden. Ich hoffe, ihn überzeugen zu können, mit heimzukehren. Vielleicht werde ich ihn euch dann vorstellen können.

Bis dahin, euer Sohn Falerte

 

 

II: Brief an die Schwester

Frühjahr 3979, Ayumäeh.

Geliebte Schwester,

seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, ist einiges geschehen. Und kaum etwas davon zum Guten. Soweit ich mich entsinne, war unser letztes Treffen im Sommer, kurz nach meiner Heimkehr aus Rardisonán, wo es das Unglück mit Onkel Nuref gab. Damals hattest du nur die oberflächlichen Geschehnisse mitbekommen. Lass mir dir erzählen, was hinter den Kulissen hier noch geschah…

Du warst dabei und wirst dich sicher noch daran erinnern, wie glücklich mein Vater zu sein schien, mich lebend wiederzusehen. Doch das war es auch bereits. Er erwähnte keinen Brief, der ihn erreicht hätte, im Gegenteil: er schalt mich, weil ich ihm nicht geschrieben hätte. Ich hatte dir ja aber erzählt, dass ich dem Einsiedler namens Puidor den Auftrag gegeben hatte. Warum hatte er es nicht getan?

Wie auch immer, bereits einen Tag später, nach deiner Abreise, fing mein Vater wieder damit an, wie froh er doch über mein Wohlbefinden sei, dass das Geschäft durch diesen Umstand weiter fortbestehen könnte. – Ja, das Geschäft! Wie immer galt sein erster Gedanke nur dem Geschäft! Dass ohne mich das Familienunternehmen untergehen würde. Nuref und das Unglück der Sümpfe schien ihm längst vergessen. Ebenso, dass ich nicht den geringsten Hang zum Unternehmertun habe. Aber auf ihn einzureden brachte da nichts, selbst wenn ich sagte, dass ich nicht fähig genug sein würde, das Geschäft erfolgreich fortzuführen. Das schien er nie zu hören. Du weißt ja, wie er ist.

Du weißt auch, dass ich mich schon immer mit anderen Dingen beschäftige und das Einzige, was mich bisher an den Tätigkeiten meines Vaters teilhaben ließ war die Möglichkeit meiner Reisen. Und nun wollte er mir auch genau das noch verbieten: Er sprach tatsächlich davon, dass ich als sein einziger Sohn und Nachfolger auf mich aufpassen müsse, dass er mich fast verloren hätte, dass ich mich – oder vielmehr die Nachfolge und das Geschäft – nicht gefährden dürfe. Er wollte mir schlicht alle Reisen verbieten und mich bald in ein dunkles Kämmerlein irgendwo im Handelshaus einsperren, wo man mich dazu ausbilden solle, das Geschäft später einmal zu führen. Stell dir das vor! Ich, eingesperrt, statt frei in der Welt!

Du kennst mich; du weißt, dass ich mir das nicht gefallen lasse und schon oft wegen Ähnlichem und vielen anderem Zwist mit ihm hatte. Doch das nun ging zu weit. Er sah mich ein paar Tage lang nicht mehr daheim, denn ich trieb mich fortan bei meinen Freunden in der Stadt herum. Ich muss dir kaum erzählen, welch gewaltigen Streit es zwischem meinem Vater und mir gegeben hatte, als ich wiederkam. Er drohte mir mit allem möglichen, vor allem aber damit, mich ein- und wegzusperren. Und anfangs unterwarf ich mich dem, brach jedoch auch schnell damit.

Manchmal glaube ich, du hast das bessere Schicksal von uns erwischt, als du unserer Mutter mitgegeben wurdest und ich das schlechtere, dass ich bei meinem Vater blieb. Wie auch immer, ich halte es nun hier nicht mehr aus! Du weißt, es gibt noch viel mehr Ärger zwischen ihm und mir und ich werde dich nicht mit dem langweilen, was du schon längst weißt. Deshalb will ich dir nun nur noch von meiner endgültigen Entscheidung berichten:

Ich gehe von hier fort. Diesen Brief schreibe ich gerade hier am Abend. Ja, es gab vorhin einen erneuten Streit; und das bloß wegen der zukünftigen Farbe des Zaunes! Vielleicht mag meine Handlung übereilt sein, doch das glaube ich dies nicht; ich habe den letzten Monat viel darüber nachgedacht. Morgen früh bei Sonnenaufgang gehe ich mit meinem spärlichen Gepäck zum Hafen. Diesen Brief sende ich dir zu, damit du weißt, was geschehen ist und handeln kannst, sollte ich dir nicht in einigen Wochen erneut schreiben. Ich selber werde ein Schiff nach Belané nehmen. In den Sümpfen werde ich Puidor suchen und zunächst bei ihm bleiben. Auch will ich von ihm wissen, was mit dem Brief damals geschah.

Was ich danach mache, weiß ich noch nicht, doch ich werde dir davon erzählen. Vielleicht komme ich euch auch mal besuchen. Wir werden sehen. Zunächst möchte ich etwas von der Welt sehen, etwas erleben!

Pass auf dich auf,

dein Falerte

 

 

III: Nachricht für Puidor

Frühling 3979, Irgendwo in den Sümpfen von Emadé.

Werter Puidor.

Mein lieber Freund. In den letzten Monaten schrieb ich viele Briefe an dich, doch sandte ich nicht einen davon ab, da sie dich vermutlich nicht erreicht hätten. Ich werde sie zusammen mit diesem Brief in deiner Hütte belassen. Genau dort sitze ich und hoffe immer noch, dass du erscheinst, während ich ihn schreibe. Die genauen Erklärungen, warum ich wiedergekommen bin, findest du in den anderen Briefen. Ich habe nun bereits eine ganze Woche auf dich gewartet, doch länger kann ich es nicht mehr hinauszögern; meine Vorräte neigen sich dem Ende.

Ich bin vor meinem Vater geflohen, da ich es mit und bei ihm nicht mehr aushielt. Ich hoffte, eine Antwort zu finden, was genau ich nun tun soll. Vielleicht hat diese Wartezeit aber bereits ihre Hinweise gegeben. In Belané hörte ich, dass sie in Rardisonan nach neuen Anwärtern suchen. Sobald ich hiermit fertig bin, werde ich dort hingehen. Ich hoffe sehr, du kommst mich eines Tages besuchen. Wir haben noch viele Gespräche, die wir fortsetzen müssen. Wünsche mir Glück, dass es mir in Rardisonan besser ergeht als in Ayumäeh. Ich werde dir nicht schreiben können aus den oben geschilderten Gründen. Melde dich.

Bis bald,

Falerte

 

 

IV: Brief an die Schwester

Frühjahr 3979, Rardisonan.

Geliebte Schwester.

wie ich dir das letzte Mal schrieb, melde ich mich hiermit wieder. Ich hoffe, es geht dir gut. Mit diesem Brief sende ich dir meine neue Anschrift, dorthin kannst du deine Antworten schicken. Wie du siehst, bin ich nun in Rardisonan. Leider alleine, denn Puidor habe ich nicht antreffen können, obwohl ich gut eine Woche in seiner Hütte auf ihn gewartet hatte. Das war vor einem Monat und obwohl ich ihm Briefe mit meinen Plänen hinterlassen hatte, ist er seitdem nicht hier aufgetaucht. Ich hoffe, er meldet sich noch. Wie du auch siehst, ist meine Anschrift die Guigans, die Blutsteine, die aber lange nicht so blutrünstig sind, wie ihr Name vermuten lässt. Lass mich dir erzählen, wie ich hierher kam:

Bei meiner Ankunft in Belané hörte ich bereits, dass man Anwärter suche. Doch hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht das Verlangen, einer zu werden. Mein einziges schwaches Ziel im Geiste war die Besichtigung fremder Länder – und die Abschüttelung des Jochs meines Vaters. Insofern wusste ich eigentlich auch überhaupt nicht, was ich in Rardisonan nun tun sollte. Ich konnte mich gerade noch so dorthin durchschlagen, doch ab Rardisonan selber stand ich bar aller Mittel da. Ich betrat also die Stadt und hatte die Schwierigkeit, mir Geld oder Nahrung oder Arbeit – oder alles zusammen – zu besorgen. Es war Mittag an dem Tag an dem ich ankam und meine letzten Vorräte hätten nur noch bis zum Abend gereicht. Und Geld hatte ich in meiner maßlosen Dummheit bei meiner Flucht von Daheim nicht genug mitgenommen. Ich verbrachte den ersten Tag mit der Suche nach Arbeit für Geld, Nahrung oder Unterkunft, lernte dabei bereits einen Teil der Gassen und Kanäle der Stadt kennen, vor allem aber die Unfreundlichkeit einiger ihrer Einwohner: teils wurde ich beleidigt, teils trat man gar nach mir. Natürlich machten das nur die wenigsten und vermutlich hatte ich die Falschen gefragt, doch in Ayumäeh wäre mir dies wohl nie geschehen.

Natürlich fand ich den Tag nicht was ich suchte, wie du dir denken kannst, und verbrachte bald die Nacht in einer Scheune, die ich unverschlossen fand – und aus der ich morgens sehr unfreundlich wieder herausgeworfen wurde. Damit begann dieser Tag bereits sehr vielversprechend, doch vor allem sollte es dabei nicht bleiben. Denn mittlerweile stand ich ohne Nahrung da und all meinen Bemühungen zum Trotz sollte ich auch an diesem Tag keinen Erfolg haben.

Du weißt, ich bin verwöhnt, ich gebe es zu. Immer gewohnt etwas zur Verfügung zu haben und nicht viel dafür tun zu müssen, waren diese Umstände sehr schnell sehr unangenehm für mich. Es war gerade erst Nachmittag und schon plagte mich aufs Schlimmste der Hunger. Als ich dann auch noch zufällig auf den Marktplatz gelangte, dort ein unermessliches Gedränge herrschte und sich die Gelegenheit ergab… – nun, ich will es nicht ausschreiben, ich schäme mich zutiefst für diese Tat, dass ein Händler – nein, mehrere Händler – sich zuweilen über den Verbleib ihrer Waren wundern mussten. Ich schwor mir aber schnell, es ihnen wieder gut zu tun und mittlerweile arbeite ich auch bereits daran. Wie auch immer, auf diese unredliche Weise schaffte ich es mich für einige Tage durchzuschlagen. Doch dass dies nicht die Lösung sein konnte, war mir schnell klar.

Da sich nach einer Weile immer noch nichts besseres ergab, nicht einmal die kleinste einfache Arbeit für mich und ich nun schon öfter in die Nähe der Guigans gekommen war, tat ich bald den letzten vernünftigen Schritt: Eines Morgens fragte ich am Haupttor der Guigans, wo und wie ich mich einschreiben könne. Der Torwächter wies mich hinein, wo ich gleich am Eingangshaus in einem kleinen Zimmer dem wachhabenden Hauptmann, einem Jinn, vorstellig wurde, welchen ich nun stetig sehen soll, denn er leitet auch die Ausbildung.

Der Jinn hielt ein längeres Gespräch mit mir. Warum ich mich melden würde, was ich erwarten würde, wie es wirklich sein würde und was es mir bringen könnte. Letztlich unterschrieb ich, mit dem Ziel, nach der Ausbildung meine Zeit in einer Guigans zu verbringen – etwas anderes wurde nicht angeboten. Mittlerweile bin ich gar nicht mehr so sehr ein Gegner der Kampfkunst wie früher noch. Ich erhielt ein Zimmer, meine Ausrüstung, mehrmals täglich Mahlzeiten und so fort. Dafür musste ich noch gleich am selben Tag an der Ausbildung teilnehmen. Unser Kampfausbilder war und ist ein Caris namens Duimé – ein dunkler Mann in seinen besten Jahren mit der für die Armee unverkennbaren Mischung aus halblangem Haar und Kinnbart –, der uns seitdem täglich körperliche Betätigung lehrt. Hierbei nahm er auf mich als Anfänger kaum Rücksicht, doch habe ich es irgendwann geschafft, zu den anderen aufzuschließen. Und ich wage zu sagen, dass ich mittlerweile mit zu den Besten in der Ausbildung gehöre. Zumindest hat der Jinn mir das gesagt, denn der Caris Duimé ist immer nur hart und fordernd zu uns. Vermutlich gehört das halt zu seinen Aufgaben. Ein Krieger namens Miruil, der schon länger hier ist, hilft mir manchmal bei den Übungen. Die anderen sind größtenteils seltsam, so vor allem dieser düstere Mann namens Couccinne.

Nun, ich muss jetzt aufhören, wir haben hier einen täglichen Briefdienst, der bald aufbrechen wird. Ich hoffe auf Antwort von dir. Was ist nun in Bezug zu deiner Vermählung? Vielleicht würde ich es schaffen, zu kommen. Und was gibt es weiterhin Neues? Hat sich Vater schon gemeldet? Lass ihn nicht wissen, wo ich bin!

Dein Falerte

 

 

V: Bericht über die Ausbildung in der Guigans Rardisonan

09. 03. 3979, Rardisonan.

Hiermit wird berichtet über den Fortschritt der Ausbildung in der Guigans Rardisonan. Wie angefordert besonders bezüglich der Einsatztauglichkeit.

In den vergangen Monaten haben sich genug Lehrlinge als für den Einsatz tauglich erwiesen. Hervorheben möchte ich hierbei besonders die Leistungen der Kämpfer Muiril Enfásiz y Calerto, Oljó y Becal, Couccinne Carizzo aus Amacco in Omérian und Jimmo, der seine Herkunft aber nicht klar macht. Einige haben länger gebraucht, andere sind erst seit wenigen Wochen bei uns.

Im Ganzen haben also wir gut zwanzig brauchbare Kämpfer, welche sich auch für Hinterlandeinsätze eignen. Der Großteil davon stammt nicht aus Rardisonán. Viele haben eine zwielichtige Vergangenheit oder verraten sie erst gar nicht. Dies entspricht den gestellten Anforderungen. In Nardújarnán werden sie leichter zu beherrschen sein als im umkämpften Rinuin oder hier in der Heimat, wo sie Unheil anrichten könnten. Sie werden als für die Überfahrt und den anschließenden Einsatz in Nardújarnán tauglich befunden. Dreißig weitere sind nutzbar für den Einsatz auf Schiff oder in einer Guigans. Abschiffbarkeit zum Ende des Monats wird erwartet.

Der Bericht über vertrauenswürdigere Anwärter für Rinuin und die Kolonien in Acalgirí folgt in wenigen Wochen.

Anbei Einschätzungen und weitere Angaben zu den einzelnen Anwärtern, soweit vorhanden und bekannt.

(Siegel der Guigans von Rardisonan)

 

 

VI: Brief an die Schwester

Sommer 3979, Rardisonan.

Geliebte Schwester,

ich schreibe dir in Eile, denn es ist etwas geschehen. Ich weiß nicht warum und man hat auch nicht allzu großartig mit uns darüber gesprochen, doch wir werden nun versetzt. Nicht alle von uns, doch ganze fünfzig immerhin. Darunter auch Männer wie Miruil und Couccinne, von denen ich dir schon das letzte Mal schrieb. Vorgestern trat man an uns heran und sagte uns, was man mit uns vorhätte, und in weiteren zwei Tagen reisen wir dann auch schon ab. Widersprüche waren nicht möglich. Seit unserem Eintritt und der Verpflichtung für zumindest einem Jahr wäre dies Verrat gewesen.

Der Caris Duimé teilte uns die Neuigkeiten beim Frühstück mit. Ich saß neben Miruil und Oljó y Becal, als der Jinn zu uns hinaus in den Hof kam, wo wir zusammen saßen. Duimé tat, als müsste es uns allen eine große Ehre sein, was er uns zu verkünden hatte. Nun, ich will dich nicht weiter mit Spannung foltern: man sendet uns alle ins ferne Nardújarnán. – Ja, richtig, ins nördliche Land der gewaltigen Wälder, Flüsse, Berge und Ebenen, wo angeblich wirklich alles größer ist. Duimé sagte uns schlicht, dass dort am dringendsten noch Nachschub an neuen Kämpfern gebraucht würde und wir deshalb dort benötigt werden. Die nächsten Tage werden wir mit Vorbereitungen verbringen müssen. Uns wurde verboten, in dieser Zeit noch Briefe zu schreiben oder Besuch zu empfangen.

Puidor ist bisher immer noch nicht erschienen und wird es wohl auch nicht mehr. Ich hoffe, es geht ihm zumindest gut. Und ebenso dir. Sobald ich irgendwo angekommen bin, schreibe ich dir. Zu deiner Hochzeit kann ich nun natürlich nicht kommen, doch unser Schiff wird sicherlich an Touron vorbeikommen. Sollten wir anlegen und Ausgang erhalten, könnte es sein, dass ich in ein paar Tagen überraschend vor deiner Tür stehe, also kurz nach Ankunft dieses Briefes. Ich hoffe sehr darauf, dich wiederzusehen, auch wenn ich unserer Mutter lieber aus dem Weg gehen würde. Nun muss ich aufhören, man versucht uns noch in Windeseile alles Nötige beizubringen, was wir über Nardújarnán erfahren müssen. Ich hoffe nur, unsere Vorgesetzten wissen, was sie tun.

Dein Falerte

 

 

VII: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“

11. 05. 3979, An Bord der Sturmwind.

Die ersten Tage der Überfahrt verliefen gut. Der Sommerwind ließ uns schnell vorankommen und wir konnten auf Zwischenhalte verzichten. Kurz nachdem wir an Touron vorbei waren, gerieten wir in starken Seegang. Viele der angeblich seetüchtigen Kämpfer, die unsere Ladung darstellen, hängen seitdem grün über der Reling! Wie soll das erst werden, wenn wir den Sund von Omér durchschiffen müssen?

Immerhin aber scheinen die meisten derer, die nur als für den Landeinsatz tauglich gemustert wurden, sich auf hoher See doch recht gut zu machen. Haben diese Leute da in Rardisonan überhaupt einen Hauch Ahnung von dem, was sie tun und wie sie ihre Aufgaben zu erledigen haben? Sobald wir in Almez ankommen, werde ich mich beschweren. Diesen Bericht schicke ich bei unserem nächsten Halt zurück nach Rardisonan.

Herr, der ihr dies lest, sprecht ein Wort in der Guigans! Im schlimmsten Falle könnte es noch zu Todesfällen an Bord kommen bei solch schlampiger Musterung!

Amerto y Cajál an Bord der „Sturmwind“

 

 

VIII: Tagebuch des Falerte Khantoë

16. 05. 3979, An Bord der Sturmwind.

Ich beginne dieses Tagebuch, meine zukünftigen Erlebnisse festzuhalten. Auch mag es mir als Gedächtnisstütze für spätere Zeiten dienen. Gestern durchfuhren wir den Sund von Omér. Seit unserer Abreise haben wir in keinem Hafen mehr gehalten. Meine Schwester sah ich so leider nicht. Auch hatte ich mir heimlich erhofft, vielleicht Ccillia in Touron zu sehen. Doch das wäre vermutlich nicht gut gewesen. Die Lage an Bord ist schwierig, will ich meinen. Der Oberste Seewächter Amerto, Herr dieses großen Schiffes, zeigt sich mehr als ungehalten über uns. Warum nur? Vielen der Männer, die die See nicht gewohnt sind, ging es eine Weile reichlich schlecht. Amerto gibt die Schuld dafür uns und dem Jinn in Rardisonan. Zugegeben, mehr als einer hier hatte nicht die Wahrheit bei der Musterung gesagt. Amerto belohnt dies mit Strafen. Auch sonst scheint es nicht sehr förderlich zu sein, soviele Menschen auf einen Haufen zu sperren. Fast täglich kommt es zu Zwist und Zank. Braucht der Mensch so sehr seine Freiheit, dass er sie sich erkämpfen muss, sobald er sie bedroht sieht? Amerto scheint uns nicht als würdig anzusehen. Ich habe Gerüchte gehört, dass wir Halkus anlaufen werden, die Hauptstadt Omérians, wo er die ihm Unangenehmen über Bord werfen will. Ich kann nicht einschätzen, wie hoch der Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte ist, doch glaube ich kaum, dass er dies tun wird, denn die Beziehungen zwischen Omérian und Rardisonán sind – soweit ich weiß – bestenfalls gespannt. Auf jeden Fall aber ist es unübersehbar, dass Amerto uns nicht mag. Aber zumindest ich habe es geschafft, mir halbwegs Anerkennung bei ihm zu holen, als ich bei den Aufgaben der Seemänner an Bord helfen konnte. Leider müssen wir wohl zwangsweise mit ihm auskommen: Halkus werden wir sicherlich anlaufen, ist dies doch der letzte Hafen, bevor wir eine lange Weile auf hoher See verbringen müssen. Das bedeutet mehrere Wochen in diesen Umständen leben. Und auch wenn es zweifelhaft ist, dass wir diesen Amerto und seine Seewächter nach dieser Reise jemals wiedersehen werden, stelle zumindest ich mich lieber gut zu ihm und halte auch die anderen an, es mir gleich zu tun.

Am schwersten war dies mit Miruil. Miruil, der kleine Kämpfer aus Calerto, der so stolz auf seine braunen Locken ist und einer etwas wohlhabenderen Familie entstammt, ähnlich wie ich. Miruil allerdings bildet sich etwas mehr auf seine Abkunft ein. Seit seiner Kindheit, so erzählte er, ist er es gewöhnt, andere herumzuscheuchen und nicht, selber herumgescheucht zu werden. Doch er folgt bedingungslos den Anweisungen eines Vorgesetzten, denn diese Befehle vermag er als für sich gültig anzusehen. Dafür sah er es nicht ein, den Anweisungen und Hinweisen eines einfachen Seemannes zu folgen und als genau dies schätzte er die Seewächter ein – höchstens noch als zu ihm gleichberechtigt, nicht aber als vorgesetzt. Und so geschah es eines Tages, dass ein armer Seewächter ihm einen Säuberungsbefehl gab und Miruil, von einer leichten Seekrankheit schon genug geplagt, geriet darüber mit ihm in Streit. Letztlich gingen der ruhige Couccinne und ich dazwischen und konnten schlimmeres verhindern, doch musste Miruil sich später vor Amerto rechtfertigen und erhielt zur Strafe zwei Tage Einzelhaft. Vielleicht gar nicht so ein schlimmes Schicksal, müssen wir restlichen uns doch alle zusammen drei große Gemeinschaftsschlafhallen teilen – die Seewächter schlafen bei dem guten Wetter sogar auf Deck.

Einen weiteren Vorfall gab es mit Oljó. Dieser neigt ja sehr zu Glücksspielen, doch diesmal hätte er es vielleicht sein lassen sollen. Ich weiß nicht, ob wirklich er es war, der beim Spiel betrogen hatte. Wie auch immer, es kam zum Streit und zu Gerangel und endete damit, dass Oljó nun eine neue kleine Narbe über dem Auge hat. Zum Glück erstattete niemand Bericht, sonst hätte er wie Miruil bald Einzelhaft gehabt. Und welch Licht würde das auf uns alle werfen, wenn bereits zwei in Einzelhaft wären?

Ja, wir haben hier schon eine hübsche Truppe. Es dürfte noch lustig werden, sobald wir ernsteren Gefahren ins Auge sehen müssen. Aber ob das jemals geschehen wird? Nun, immerhin untereinander halten die meisten gut zusammen, auch wenn ich einige der Leute – und gerade Oljó – nicht wirklich leiden kann. Dafür sind andere dabei, mit denen ich mich schon besser verstehe. Doch so wirklich trauen kann ich hier wohl niemandem, werde und sollte ich wohl auch nie. Viele kamen aus ähnlichen Gründen wie ich damals in die Guigans: die reine Not. Einige waren ohne Bleibe, so zum Beispiel der kleine rothaarige Kämpfer Zalím – und auch ich. Andere waren abenteuerlustig und wollen etwas erleben, so der gute Miruil, der seiner Familie überdrüssig war – und wieder auch ich. Weitere waren Diebe oder Verbrecher und auf der Flucht oder auf der Suche nach neuen Möglichkeiten – oder gar von einem Gericht zum Kriegsdienst abgeurteilt worden, so auch unser unglücklicher Dieb Oljó. Bei den meisten weiß ich aber überhaupt nicht, woher sie kommen oder warum sie hier sind. Ein gutes Beispiel dafür ist Jimmo. Ich habe mehrmals versucht mit dem großen, ergrauten Hünen zu reden doch stets verneint er es, etwas über seine Herkunft verraten zu wollen. Ich weiß auch nicht so recht, was ich über ihn denken soll. Er spricht nicht viel mit uns, doch bisher bot sich auch kein Grund zu größerem Misstrauen – gerade deshalb traue ich ihm aber auch nicht.

Aber ich werde sehen, was die nächsten Wochen bringen. Couccinne brachte mir gerade die Nachricht, dass wir Halkus anlaufen und wohl die Nacht über dort bleiben und Vorräte beziehen werden. Dann werde ich auch sehen, ob er tatsächlich noch jemanden des Schiffes verweist. Zumindest Couccinne meinte, dass wir die Nacht über Freigang erhalten würden. Ich werde diese Zeit noch einmal nutzen. Couccinne warnte mich auch, dass sie jeden hart verfolgen, der versuchen würde, sich aus dem Dienst zu stehlen. Wollte er damit etwa sagen, dass er sich dies bei mir vorstellen könne? Das wäre eine gewaltige Frechheit von ihm!

Ah, ich sehe die Lichter der Stadt! Wie schön sie doch ist.

 

 

IX: Brief an die Schwester

17. 05. 3979, Halkus.

Geliebte Schwester,

ich schreibe dir hiermit eine nur schnelle und kurze Notiz aus Halkus. Ja, richtig, wir sind in der Hauptstadt deines Landes! Aber nur kurz und nur um Vorräte aufzunehmen. Heute Mittag bereits geht es weiter, dann sind wir bis zu vier Wochen auf hoher See, bevor wir den nächsten Hafen erreichen. Gestern Nachmittag erst kamen wir hier an.

Es geht mir gut, doch gestern geschah etwas. Einer der Männer, ein kleiner Kerl namens Zalím, verschwand in der Nacht. Wenn er bis zu unserem Aufbruch nicht wieder erscheint, wird er für vogelfrei erklärt. Ich frage mich nur, was diese Strafe für ihn hier, in einem fremden Land, schon für Bedeutung hätte. Wie dem auch sei, ich hatte Zeit mir Halkus anzusehen. Eine beeindruckende Stadt habt ihr da, alt und schön, doch auch ruhig. Hügel, Meer und Wald – was will man mehr?

Ich werde dir Abschriften meines Tagebuchs mitschicken, damit du über das was mir so geschieht unterrichtet bist. Ich werde deshalb versuchen dort möglichst verständlich zu schreiben. Leider muss ich nun aufhören. Grüße deinen Gemahl und viel Glück euch beiden!

Dein Falerte

 

 

X: Tagebuch des Falerte Khantoë

01. 06. 3979, Irgendwo auf Hoher See unfern von Nardújarnán.

Es ist etwas Schreckliches geschehen. Lass mich dir erzählen. Zwei Wochen sind vergangen seit unserem letzten Landaufenthalt. Welches der nächste Anlauf ist, wissen wir nicht, doch wird es irgendwas in Nardújarnán sein. Es ist jedem spürbar, dass viele nicht mit diesem langen Aufenthalt auf See auskommen. Auch der immer gleiche Ablauf von Aufstehen, Essen, Kampfübungen, Essen, Schlafen, Aufstehen, … tut seinen Teil, uns alle zu zermürben. Darum kann ich auch mir selber nicht ganz trauen, was die Geschehnisse von gestern Nacht betrifft, doch will ich meine Erinnerung hier trotzdem festhalten.

Es war mitten in der Nacht, als mich ein Druck auf der Blase erwachen ließ. Nachdem ich diesem Bedürfnis nachgekommen war, gelangte ich auf meinem Rückweg an einem der hinteren Laderäume vorbei. Seltsame Geräusche ließen mich da neugierig aufhorchen. Ich lauschte an der Tür und vernahm seltsames Summen und unverständliche Worte. Schon da hatte ich ein ungutes Gefühl und Besorgnis beschlich mich. Ich überlegte kurz, einen Seewächter zu benachrichtigen, doch unterließ es dann. Wenn die Ursache des Geräusches sich als harmlos herausstellen sollte, würde man mich sonst wohl auslachen oder ob der Störung bestrafen. Also öffnete ich vorsichtig die Türe, um meine drängende Neugier endlich befriedigt zu sehen. Glücklicherweise öffnete sie sich fast lautlos. Im Raum stapelten sich die Kisten, so dass man zunächst überhaupt nichts sah. Doch hörte ich die Worte nun lauter, aber weiter nicht wirklich verständlich.

Ich schloss die Tür hinter mir möglichst leise, bevor ich mich vor wagte. Der Raum war erwartungsgemäß stockfinster, doch tastete ich mich an den Kisten entlang, um Ecken und Biegungen und durch enge Gassen. Recht schnell bemerkte ich, dass ich allmählich die Umrisse der Kisten erkennen konnte. Das lag aber nicht an meiner Gewöhnung ans Dunkle, sondern an dem Umstand, dass es heller wurde. Das unverkennbare Flackern von Feuer drang zu mir vor. Und nach der nächsten Biegung sah ich es.

Ich hatte mich etwas zu weit vorgewagt und ging wieder in Deckung, doch lukte um die Ecke. Ein Mann war dort. Erkennen konnte ich ihn nicht so richtig. Er kniete mit nacktem Oberkörper neben einer großen Kiste, nur ein Bart fiel auf seine Brust. Auf der Kiste lag der Körper eines anderen Mannes. Der Kniende hatte sich und den Liegenden mit Zeichen bemalt, die ich nicht erkennen konnte, und hielt einen Dolch in der Hand. Kerzen flackerten, aufgestellt um die Kiste. Scheinbar war ich gerade zum Höhepunkt erschienen. Ich verstand nur Fetzen von dem, was er murmelte.

„…auf diesem Schiff seien verdammt! In Nardújarnán finden sie ihren Tod durch die Hände meiner Herrn! Für Šamrek! Für Ašckhir! Für Axabula!“

So oder so ähnlich sprach er und summte und wiederholte einige andere, mir unbekannte Wörter und dass wir alle sterben würden, dass er den Liegenden opfern und dadurch Macht von jemanden oder etwas aus Nardújarnán erhalten würde – kurz gesagt: Es war als befände ich mich mitten in einer der schlechten Abenteuergeschichten von Nuosan Deleau. Als er mit seiner Rede und seinem Gesang fertig war, hob er den Dolch sowie seine andere Hand über den sich nicht rührenden Mann, umklammerte mit beiden Händen den Dolch und stieß ihn herab. Wenn der Mann nicht bereits tot gewesen war, dann wäre er es ab diesem Stoß. Bemerkenswerterweise hielt der Mörder an dieser Stelle aber nicht an sondern zog sogleich den Dolch wieder heraus. Langsam drückte er die Schneide quer über seinen eigenen Brustkorb, bis das Blut floss. Doch sich selber brachte er nicht um.

An dieser Stelle dann bevorzugte ich es, schnell den Rückweg anzutreten. Um dabei leise bleiben zu können, war ich aber doch alles andere als schnell. Danach stahl ich mich in den Schlafsaal – doch schlafen konnte ich kaum noch.

Wer war das? Was hatte er da gemacht? Wen hatte er da umgebracht? Ich wagte es nicht, zu einem Seewächter zu gehen, erwartete ich doch, dass es im Laderaum bereits aufgeräumt gewesen wäre und man mir dann nicht glauben würde. Und zugegebenermaßen war ich vor allem viel zu verängstigt und verstört, nun noch einmal aufzustehen. Ich spüre es ja jetzt noch in meinen Knochen. Welch Gräuel!

Erst am nächsten Tag verspürte ich den Drang, mich mitzuteilen und dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Nach dem Mittag nahm ich zu diesem Zweck Miruil zur Seite und schilderte ihm, was ich meinte beobachtet zu haben. In seiner Abenteuerlust war Miruil stets etwas leichtgläubig in seiner Bestrebung oder Hoffnung glauben zu dürfen und etwas Aufregendes zu finden und wollte deshalb sogleich mit mir das Ganze überprüfen gehen. Ich selber war zu aufgeregt, doch auch überrascht, dass meine vermutlich sehr abgehackt klingenden Worte ihn überzeugen konnten. Da wir nach dem Essen nur knapp eine halbe Stunde Zeit für uns selber hatten, nutzten wir diese, um zu dem betreffenden Laderaum hinabzusteigen. Niemand begegnete uns und den Laderaum fanden wir unverschlossen vor. Ich scheute mich hineinzugehen und ließ Miruil den Vortritt, bevor ich schließlich folgte. Dort unten war es immer noch mehr als dunkel, doch durch die zahlreichen Ritzen in Wänden und Decke immerhin schwach erleuchtet. Das, was wir fanden, war wenig aufregend – wir fanden nämlich nichts.

Miruil war offensichtlich kurz davor mich für verrückt zu erklären in seiner Enttäuschung – zumindest waren das im ersten Moment meine Gedanken. In Wirklichkeit sagte er aber, dass der Mörder die Leiche wohl bereits über Bord geschmissen und alle Spuren beseitigt hätte. Ich dankte ihm innerlich für sein Wohlwollen. Vielleicht könnte ich mich ja doch noch auf ihn verlassen.

Als wir uns wieder auf den Weg gen Deck machten, um den Übungen beizuwohnen, kam uns Couccinne aufgeregt entgegen: Man hatte Zalím, der ja seit Halkus vermisst wurde, aufgefunden. Er lag tot in einer Vorratskiste, deren Inhalt dem Abendessen hätte dienen sollen. Zalím schien noch nicht lange tot zu sein, ermordet durch einen Stich ins Herz. Aufgeregt platzte Miruil mit dem hervor, was ich ihm erzählt hatte und schilderte, was wir gerade getan hatten. Couccinne blieb ruhig, sagte uns, dass Amertos Seewächter nach Spuren und Hinweisen suchen würden, während Miruil auf mich einredete, dass ich mit Amerto sprechen müsse. Letztlich ließ ich mich zu diesem zerren.

Amerto war ungehalten darüber, dass ich des Nächtens durch das Schiff gewandert war, doch vergaß dies über meine Geschichte recht schnell wieder. Ich war mir nicht sicher ob er mir glaubte oder mich für den Mörder hielt, doch gab er meine Beschreibung des Täters an seine Seewächter weiter. Leider hatte ich jedoch kaum mehr zu beschreiben, als dass er nun wohl eine Wunde quer über der Brust hätte und einen Bart trug. Amerto tat das Naheliegendste und ließ alle an Bord daraufhin untersuchen – doch nichts ließ sich finden. Amerto sprach zwar davon, dass der Mörder von Bord gesprungen sei, doch ich dachte daran, dass er mir nun wohl nicht mehr glauben und mich bald beschuldigen würde. Doch zunächst ließ er noch einmal überprüfen, ob jemand fehlen würde – Doch natürlich war dem nicht so.

Das war also vor zwei Tagen. Bis gestern wurde die Stimmung an Bord mehr als sehr gespannt. Einige sagten mir offen, dass sie mir nicht glauben würden, andere fingen an, alle möglichen anderen Verdächtigungen heranzuziehen und wieder andere vermuteten, dass Zalím sich selbst umgebracht hätte und dass ich spinnen würde. – Warum auch immer er sich dann in die Kiste hätte legen sollen oder wie auch immer er bereits tot den Dolch hätte verschwinden lassen können. Zumindest war das Vertrauen an Bord nun nicht mehr das stärkste.

Gestern Abend dann sah ich den Mann wieder. Ich war von allen Pflichten zeitig befreit worden und machte einen einsamen Spaziergang über das Vorderdeck, wo sich zu diesem Zeitpunkt niemand außer mir aufhielt. Jedenfalls dachte ich das. Denn sogleich sah ich eine Gestalt am Bug stehen. Wie in der düsteren Nacht zuvor stand der Mann da, mit entblößtem Oberkörper. Das Mondlicht umriss die frische Wunde. Er stand ruhig da und blickte auf das Meer. Ich selber wusste nicht, was ich tun solle. So stand ich nur starr und erschrocken. Und dann wandte der Mann seinen Kopf und zum ersten Mal erblickte ich sein Gesicht, das bärtige Gesicht. Und immer noch bin ich mir sicher, dass ich mich geirrt haben muss. Das konnte nicht sein. Nein! Warum sollte es Puidor sein? Ich muss einem bösen Traum aufgesessen sein. Vielleicht träume ich ja immer noch?

Der Mann sprach nicht. Stumm sah er mich an. Ich erkannte immer noch das Gesicht Puidors doch eine Stimme tief in mir drinnen sagte mir, dass er es nicht sein könne, nicht sein dürfe. Der Mann mit Puidors Gesicht aber ohne dessen Gefühl, ohne ein Erkennen in den Augen sah mich nur finster und wie tot an.

„Ihr seid alle verdammt in Nardújarnán zu sterben!“ sprach er schließlich mit unmenschlich wirkender Stimme.

Dann ließ er sich rücklings die Reling herabstürzen. Kein Geräusch kam auf, weder vor noch nach dem Sturz. Erschrocken riss ich mich aus meiner Starre und lief zur Reling, doch in den dunklen Fluten erkannte ich nichts. Erst später kehrte ich völlig verstört in den Schlafsaal zurück, als alle bereits in ihren eigenen Träumen waren. Niemandem habe ich seitdem davon erzählt, glaube ich doch mir selber nicht. Denn als er stürzte, sah der Mann nicht mehr aus wie Puidor. Oder bildete ich mir nun das nur ein?

Das war also gestern. Die anderen suchen immer noch nach einem Mörder. Sollen sie ruhig, ich werde sie nicht davon abhalten. Vielleicht irrte ich mich ja doch. Ich hoffe sehr, dass dem so ist. Was uns wohl in Nardújarnán erwarten wird? Ängstlich blicke ich in die Zukunft…

 

 

XI: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“

02. 06. 3979, An Bord der Sturmwind.

Dieser Bericht ergeht an den befehlshabenden Richter von Atáces. Morgen erreichen wir Abajez, von wo er weitergeleitet werden wird.

Werter Herr, Seltsames geschieht an Bord meines Schiffes. Ein Mann wurde tot aufgefunden. Darüber werde ich auch die Leitung der Seewächter in Panguino unterrichten, doch das Folgende muss an euch gehen. Wir können keinen Mörder ausfindig machen. Ein Krieger der Einheit welche wir hier verschiffen und die für Abajez bestimmt ist, schildert zwar ihn gesehen zu haben doch entspricht kein Mann an Bord dieser Beschreibung. Auch sonst verhält dieser Kämpfer sich eigenartig. Er sollte beobachtet werden; ich traue ihm nicht. Dies gehört zweifellos in euren Zuständigkeitsbereich. Die Einheitsnummer ist AB-1007. Soweit mir bekannt ist, soll die andere Hälfte der Krieger an Bord nach Atáces versetzt und von dort ins Hinterland geschickt werden. Vielleicht wäre dies eine gute Möglichkeit, den Knaben loszuwerden. Sein Name lautet Falerte Khantoë.

Oberster Seewächter Amerto.

 

 

Erstes Buch

XII: Tagebuch des Falerte Khantoë

04. 06. 3979, Abajez

Es sind gerade einmal zwei Tage vergangen seit meinem letzten Eintrag. Und doch ist bereits wieder einiges geschehen. Gestern Mittag erreichten wir den Hafen Abajez. Wir sind also in Nardújarnán! Und noch leben wir, trotzend allen Drohungen…

Wir waren bereits zwei Nächte zuvor an der ersten Landzunge Nardújarnáns vorbeigekommen, wie ich erfahren habe. Das war die Nacht, in der ich der Puidor-Gestalt auf dem Vordeck begegnet bin. Ob er es nun wirklich war oder nicht – vielleicht war er an der Stelle von Bord gefallen um das Land erreichen zu können. Soviel zu meinen ganzen Überlegungen. Auch habe ich mir gedacht vielleicht ein Reisebuch zu verfassen. Grundlage dazu könnten meine Tagebucheinträge werde. Ob das jemand lesen würde? Na vermutlich wird es nie dazu kommen…

Abajez ist die westlichste Stadt von Nardújarnán, in der man nicht nur Krieger eines Außenpostens in der Wildnis findet, sondern eine richtige kleine Stadt mit richtigen Bürgern. Uns wurde erneut erlaubt den Abend über an Land zu gehen. Abajez wirkte vertraut und fremd zugleich. Vertraut, da die Siedler größtenteils aus Rardisonán stammen und abgesehen von ihrem seltsamen Dialekt, dem Toljúepa, wie aus Rardisonan oder Belané kommend wirken, Städte, die mir schon vertraut sind. Fremd war die Stadt wegen ihres eigenwilligen, andersartigen Baustils und der fremden Landschaft. Dies ist nicht zuletzt schließlich einfach nicht Rardisonán, Ramit oder Omérian. Abajez liegt in der Provinz Galjúin, einer zerklüfteten Mischung aus Berg- und Meerland mit etlichen Buchten. Der größte Fluss dieser Landen ist die Mijalar (oder Mijalaría im Toljúepa). Der Name ‚Kalte Wasser‘ geht darauf zurück, erzählte man mir, dass der Fluss größtenteils ein reißender Gebirgsfluss ist. Erst am Ende seiner Reise beruhigt er sich. Dort, was auch für große Schiffe wie unseres befahrbar ist, liegt denn Abajez. Auch die umgebende Landschaft ist die flachste und ruhigste von ganz Galjúin. Als westliche Stadt ist sie zwangsweise der erste Anlaufpunkt für Schiffe aus dem Westen und die Bürger sind gut auf diesen Umstand eingerichtet. Zahlreiche Händler und Kneipen erwarteten uns bereits im Hafenviertel.

Während wir uns vergnügen, so erfuhren wir erst heute, lud das Schiff erwartungsgemäß neue Ladung. Dazu gehören auch weitere Reisende gen Ost, weitere Krieger, die mit uns fahren. Dafür war für zehn von uns hier das Ziel ihrer Reise. Sie dienen nun bereits in der Guigans von Abajez. Wir anderen werden weiterfahren; wie uns gesagt wurde nun ohne erneuten Halt bis zu unserem Ziel, der Stadt Almez.

Heute morgen bereits legten wir ab. Ich sitze hier auf dem Vordeck. Die grauen Gipfel von Galjúin ziehen an uns vorbei. So ähnlich muss Nirza aussehen, nur kälter und nicht so warm wie dieses nördliche Land. Selbst der Wind auf See ist warm..

Couccinne ruft…

 

 

XIII: Brief an die Schwester

12. 06. 3979, Almez

Geliebte Schwester,

endlich finde ich Zeit, dir wieder einmal zu schreiben. Vor wenigen Tagen gelangten wir an unserem Ziel an: Die Stadt Almez in Nardújarnán. Unsere Reise verlief größtenteils ruhig, bis auf wenige Unstimmigkeiten in der Besatzung und einem Vorfall: Ich schicke dir eine Abschrift des Tagebucheintrages mit, der dir erklärt was ich meine. Darum nun, bevor ich anfange diese für mich neue Welt dir zu schildern, meine Bitte an dich: Lies den Eintrag und lass bitte für mich in Rardisonán nach Puidor suchen, wie ich ihn dir beschrieben hatte. Ich muss wissen, was mit ihm ist. Es hat allergrößte Wichtigkeit!

Nun lass mich dir aber diese wunderbare fremde Welt schildern. Seit einigen Tagen fahren wir an der Küste von Nardújarnán entlang und zum zweiten Mal legten wir nun an. Das erste Mal in Abajez im Lande Galjúin. Dieses sieht aus, wie man sich Nirza vorstellen würde, nur wärmer als selbst in dessen wärmsten Wintern. Genau genommen selbst wärmer als es bei euch ist: Der Sommer liegt schon fast hinter uns, doch sogar wir Nordländler schwitzen noch in der Sonne. Galjúin also war ein zerklüftetes Bergland, durchbrochen von zahlreichen unregelmäßigen Buchten und dafür Berge, die bis in das Meer hinein reichten. Zahlreiche Wäldchen schmückten diese Berge.

Almez dagegen liegt im Lande Tadúnjodonn an einer weitläufigen Bucht, die ihren Namen trägt. Tadúnjodonn (und wieder kann ich mich nur auf das berufen, was mir erzählt wurde), eine wohl eher ländliche Gegend, gehört zum Hauptteil Nardújarnáns, zum Herzen, dem Teil, welcher der restlichen Welt allgemein besser bekannt ist doch immer noch nicht dem Bild gereicht, dass man so von Nardújarnán hat. Almez ist eine ruhige Hafenstadt. Das Land hier ist nur leicht hügelig, dafür soll es jenseits dieser Hügel in eine weite Ebene auslaufen, die Ebene von Atáces, in welcher die Stadt gleichen Namens liegt, die Hauptstadt von Tadúnjodonn. Dieses Herz Nardújarnáns soll auch der am dichtesten bewohnte Teil des Landes sein. Es beginnt mit Galjúin und reicht über Tadúnjodonn lediglich bis ins Nachbarland – und das, wo Nardújarnán doch mehr als doppelt so groß ist! – das meiste ist halt noch kaum erforscht. An den Rändern von Nardújarnán findet man im Westen die Gebirge, im Norden die weiten Wälder und Flüsse, in Süd und Ost das Meer. Und hier, im Herzen Nardújarnáns selber, die Flussländer im Westen, das Bergland von Galjúin, die Gebirge an der östlichen Küste, gen Norden die Flüsse, Seen und Wälder und hier im Süden und Südosten die weiten Ebenen, welche den gewaltigen Lauf des Tajazi, des großen Stroms, umgeben.

Du siehst, ich bin begeistert von diesem Lande, und das, obwohl ich bisher nur zwei Städte und etwas Küste gesehen habe. Doch glaube ich nicht, dass es mich hier lange halten wird und tatsächlich habe ich bereits Gerüchte vernommen, die besagen, dass man Teile von uns bald erneut versetzen will, diesmal nach Atáces. Ich frage mich, warum man das sollte. Atáces ist hierzulande das, was Rardisonan im Westen ist: die Hauptstadt der Krieger. Von dort aus werden die meisten Handlungen der Armee gesteuert. Nun, ich werde ja sehen. Jedenfalls habe ich mich gestern bereits bei der Briefstelle erkundigt, als ich eine Nachricht für Garekh – erinnerst du dich an ihn? – aufgab und mir wurde gesagt, selbst wenn wir einmal versetzt werden sollten, kann unsere Post weiterhin nach Almez gesendet werden, von wo man sie dann weiterleitet.

Der Mann in der Briefstelle war übrigens ein Eingeborener dieser Lande. Man sieht einige von ihnen in den Straßen; sie haben sich den Toljiken hier gut angepasst. Doch mir wurde gesagt, es gibt auch noch viele von ihnen draußen in ihren alten Dörfern, mit ihren alten Sprachen und Bräuchen. Die Toljiken unterstützen sie teilweise in einigen Belangen, andererseits kümmern sie sich nicht viel um sie. Die meisten Stämme in Nardújarnán – die noch nicht weit entwickelt zu sein scheinen, was wohl daran liegt, dass die gewaltigen Berge alle Landreisen aus dem Westen wie beispielsweise Irlost verhindern – dulden ihrerseits die Toljiken auch wie Nachbarn auf ihrem alten Land. Ich kann mir das irgendwie kaum vorstellen. Aber andererseits sind die Toljiken hier schon etliche Jahre und wer weiß, wie es anfangs war. An den Grenzen der Länder jedenfalls, draußen in den dichten Wäldern, sollen die dort Lebenden den Toljiken weniger gut gesinnt sein. Couccinne meint, er traue den Eingeborenen nicht; dass sie sich eines Tages auflehnen und sich rächen würden – Miruil würde sich darauf wohl freuen.

Ich muss dir auch noch etwas über die anderen erzählen. Du weißt, ich vertraue Menschen weder leicht noch schnell. Bei vielen dieser Männer mag Misstrauen auch mehr als angebracht zu sein. Die meisten derer, mit denen ich bisher am meisten zu tun hatte, habe ich dir bereits geschildert: den nüchternen Couccinne, den abenteuerlustigen Miruil, den geheimnisvollen Jimmo und den gefährlich wirkenden Oljó. Doch lass mich dir nun von zwei weiteren erzählen.

Zuerst unseren alten Ausbilder aus Rardisonan, den Caris Duimé. Der Caris kam mit uns nach Nardújarnán. Er redet nicht wirklich mit uns, hält sich eher abseits – so wie er mir in der Ausbildung vorkam, am ehesten aus Überheblichkeit. Nun ist er aber unser Vorgesetzter und Truppenleiter, hier in der Guigans Almez auch unser weiterer Ausbilder. Klarkommen muss man also mit ihm. Aber es war schon eine Überraschung, ihn am ersten Tag unserer Ankunft bei den abendlichen Übungen plötzlich wieder als tonangebend anzutreffen, war er mir doch an Bord des Schiffes irgendwie nie aufgefallen. Sehr seltsam.

Der Zweite von dem ich dir berichten möchte, ist Scaric-tar-Garshan aus Toch-Bas. Scaric ist ein lebensfroher Mann mittleren Alters, mit dunkler Erscheinung – wie die Leute aus Toch-Bas halt sind. Sein Körper ist groß und schlaksig, doch zeigt er sich in den Übungen als sehr gewandt. Wenn man mit ihm spricht, hängt der Blick unwiderstehlich schnell fest an seiner beeindruckenden Hakennase. Zwar habe ich aufgrund seines starken Akzents stets Schwierigkeiten ihn zu verstehen, doch macht sein Witz und seine freundliche Art dies schnell wett. Stets frage ich mich, ob sich nicht doch etwas Schlechtes hinter seiner Art verbirgt. Auch wollte er nicht darauf eingehen, warum er ausgerechnet zur Armee des Nachbarn seines Heimatlandes gegangen ist, sondern winkte bei dieser Frage nur mit der Bemerkung ab, dass seine Heimat zu klein und friedlich sei und man, um Abenteuer erleben zu können, schon Seefahrer werden oder zur toljikischen Armee müsste. Doch so recht glaube ich ihm nicht, dass dies seine einzigen Gründe seien. Scaric ist neu bei uns seit wir Abajez verließen. Er ist bereits seit zwei Jahren in Nardújarnán und kennt sich hier also noch am besten von uns aus.

Das war es erstmal zu diesen Bereichen. Ich werde versuchen, dir mit diesem Brief einige Samen einheimischer Pflanzen mitzuschicken, weiß ich doch, wie sehr du dich dafür begeisterst. Versuche sie anzubauen und berichte mir die Ergebnisse. Und wie verläuft deine Ehe bisher? Was macht Mutter? Und hast du in letzter Zeit Ccillia mal wieder gesehen? Wie geht es ihr und was macht sie? Ja, ich möchte es doch wissen.

Jetzt muss ich aufhören. Für heute habe ich frei und mir einen Einheimischen angeheuert, der mir die Umgebung der Stadt und vor allem den wunderschönen Strand zeigen soll. Solltest du je auf Reisen gehen, musst du ihn dir unbedingt ansehen! Wenn es hier schon so aussieht und es solch wundersame Tierarten gibt, wie mag es dann wohl erst im Landesinneren sein? Ich muss die Gelegenheit mir dies anzusehen nutzen, bevor wir doch noch versetzt werden. Ich werde versuchen Zeichnungen von allen meinen Begegnungen anzufertigen, die ich dir das nächste Mal mitschicke.

Dein Falerte

 

 

XIV: Brief an Garekh

12. 06. 3979, Almez

Werter Freund,

ich schreibe dir aus einem wichtigen Grund, doch habe ich keine Zeit, dir ausführlicher zu schreiben. Vielleicht ist mir dies ein andern Mal möglich; ansonsten wende dich diesbezüglich an meine Schwester, die bestens über meine letzten Erlebnisse unterrichtet ist. Lass mir dir nur kurz erklären, dass ich seit meiner Flucht bei der Armee von Ojútolnán gelandet und hierher nach Nardújarnán versetzt worden bin. Antworten kannst du hierher an die Guigans von Almez senden, unabhängig davon, wo im Lande ich mich dann befinde. Es gehen auch schon Gerüchte um, dass wir versetzt werden sollen.

Nun aber meine Anliegen. Erstens: Ich hatte dir doch von dem Einsiedler Puidor erzählt. Seltsame Dinge sind geschehen, weshalb ich wissen muss, was mit ihm derzeit ist. Du wolltest dieses Jahr doch noch mehrmals nach Rardisonán und Machey reisen. Ich hoffe sehr, dass dir ein Zwischenhalt möglich wäre. Im Anhang möchte ich dir den Weg sowie eine Beschreibung Puidors schildern. Es geht mir nur darum zu wissen, wo er sich aufhält und was er macht. Den Grund muss ich dir ein andern Mal erklären. Oder siehe folgenden Punkt. Zweitens nämlich sende ich dir Abschriften meines Tagesbuchs mit. Behalte sie bitte bei dir. Sollte mir je etwas geschehen, lege sie meinem Vater vor. Vielleicht erklären sie einiges. Ein einzelner Brief an ihn ist auch dabei. Die Tagebuchseiten kannst du gerne lesen, um über mich unterrichtet zu sein, den Brief lasse bitte in Ruhe.

Wenn du dies alles tust, stehe ich noch mehr in deiner Schuld als schon zuvor. Nun muss ich aber aufhören, unser Ausbilder ist ein Ekel von einem Mann. Aber vielleicht kann man gerade seiner Härte besser vertrauen als den vielen aufgesetzten Freundlichkeiten anderer. Wir sind hier alle Flüchtlinge, Abenteurer und Männer ohne Vergangenheit. Wem darf man da schon trauen? Trotz der Geselligkeit fühle ich mich einsam. Vielleicht liegt das daran, dass ich mir selber nicht vertrauen kann. Nun lasse ich dich aber mit diesen düsteren Gedanken in Ruh. Wie geht es dir und deiner Familie? Wie steht das Geschäft? Handelst du immer noch mit diesem Pack von Schwarzseepiraten und denen von Noctsce? Pass auf dich auf! Ich traute diesem Gesindel noch nie. Irgendwann werden sie noch unser aller Untergang sein. Doch damit meine ich nur unsere Heimat Ramit. Der Untergang der Welt könnte etwas ganz anderes sein. Lies einfach das Tagebuch. Vermutlich sind es nur Hirngespinste. Finde Puidor!

Dein Freund Falerte.

 

 

XV: Tagebuch des Falerte Khantoë

24. 06. 3979, Guijúlon

Die Gerüchte haben sich bestätigt. Nur etwas mehr als eine Woche waren wir in Almez, als der Versetzungsbefehl kam. Nun sind wir auf dem Weg nach Atáces. Jegliche Leichtigkeit, mit der wir bisher befördert wurden, ist vergessen. Ab sofort marschieren wir zu Fuß in Reih und Glied, die ganze lange Straße von Almez bis Atáces. Unterwegs, so hatte ich bereits gewusst, gibt es nur wenige Dörfer, ein paar Herbergen und lediglich einen einzigen Außenposten der Armee: Guijúlon, benannt nach dem kleinen Bach an dem er liegt, mit dem roten Sand an seinem Grunde. Dort befinden wir uns nun. Die eine Hälfte des Weges liegt hinter, die andere noch vor uns. Bisher schliefen wir immer auf dem nackten Boden, mit unseren Rucksäcken als Kopfkissen. Hier in Guijúlon bekommen wir für eine Nacht zumindest Platz auf Strohlagern. Ich muss schon sagen, ich kenne Besseres. Selbst auf den Handelsreisen mit Nuref hatten wir Feldbetten und Zelte dabei. Zumindest aber hat es hier bisher noch nicht einmal geregnet. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es bis Atáces so bleiben wird, und was dann wohl geschehen mag? Es ist warm in diesen Landen, teilweise schon zu warm.

Guijúlon ist ein kleiner Außenposten, nur Zwanzig sorgen hier für den Schutz der gesamten weiten Umgebung. Doch scheint es auch nur wenig Schützenwertes zu geben. Eine feindliche Armee kann man hierzulande nicht erwarten und mit kleineren Räuberbanden kommt der Außenposten schon zurecht, bei größeren würde er Hilfe kommen lassen. Zwanzig Kämpfer – damit sind die Dreißig von uns, die hier heute angekommen sind, also in der Überzahl. Doch auf genau sowas ist der Außenposten auch ausgerichtet: Reisende zwischen Atáces und Almez aufnehmen und beschützen. Es ist uns also mehr als genug Platz geboten, doch davon nur wenig zum Schlafen. Andere Außenposten in Nardújarnán haben andere Größen und Zwecke, stets aber den Schutz von Nardújarnán zum Ziel.

Einige von uns kommen wesentlich schlechter mit den Umständen zurecht als ich. Miruil zum Beispiel. Er beklagte sich bereits bei den Hängematten auf der Sturmwind, dies nun scheint ihm zuviel zu werden. Beschweren würde er sich seit Amerto und seiner Einzelzelle aber wohl nicht mehr. Andere haben sich bei dem langen Marsch schnell Blasen an den Füßen geholt, obwohl uns vorher gezeigt wurde, wie wir unser Schuhwerk zu behandeln hatten – doch wir haben uns noch nie wirklich großartig über weitere Entfernungen bewegt. Dies ist nun also unsere Bewährungsprobe. Der Caris Duimé ist immer noch unser Leiter, benimmt sich aber weiter wie unser Ausbilder. Vielleicht ist das auch so geplant? Dass er uns nun alles beibringt, indem wir es ausüben? Nun stehen jedenfalls Übungen im Wildnisleben und der Heilkunst an.

25. 06. 3979, Guijúlon

Die Nacht liegt nun hinter uns. Duimé hat uns alle überrascht. Bisher hatte er sich immer abseits von uns gehalten, doch gestern Abend setzte er sich zu unserer Gruppe ans Feuer. Drei größere Feuerstellen gab es im Lager für uns sowie die Besatzung des Außenpostens, welche verstreut bei uns saß um Neuigkeiten und Klatsch auszutauschen. An unserem Feuer waren etwa zwölf Mann, darunter Miruil, Couccinne, Scaric, Jimmo und natürlich ich. Scaric, Miruil und der Lece Commosha Dacealus unterhielten gerade die gesamte Gruppe mit einem Streitgespräch über die Frage des besten Weines. Plötzlich stand Duimé neben uns, seiner Rüstung entledigt doch noch in Tracht wie wir alle, einen Schlauch Flüssigkeit in der Hand – da verstummten alle. Als er auch noch fragte, ob noch Platz für ihn an diesem Feuer sei, erwartete ihn Schweigen, das schnell peinlich wurde. Commosha war der Erste, der sein Erstaunen beseitigen und Duimé auffordern konnte, sich zu setzen. Er wählte den Platz zwischen mir und Scaric, da er bereits zwischen und hinter uns stand. Nach der Starrheit des ersten Erschreckens eilten wir uns, ihm Raum zum Sitzen zu geben. Sobald Duimé saß, begann Commosha ihm zu erzählen, worüber sie sich soeben gestritten hatten. Duimé überraschte jeden, indem er sofort etwas Passendes dazu beitragen konnte, das alle Beteiligten genug in Erstaunen zu versetzen vermochte, dass sie ihren Streit darüber vergaßen. Duimé wandte sich augenblicklich an mich um ein Gespräch mit mir zu beginnen und die Anderen vergaßen seine Anwesenheit bald.

Ich war erschrocken darüber, dass er mich ansprach – und ich wundere mich noch immer über das, was er fragte. Was weiß er, was will er? Er fragte mich aus über die Geschehnisse an Bord der Sturmwind, über die seltsame Nacht bis hin zur Flucht der Puidor-Gestalt. Als uns allen Vorgesetzter hatte er an Bord das Recht auf eine eigene Kabine gehabt und war nur selten an Deck gekommen, da er leicht seekrank werden würde, so erklärte er. Deshalb hätte er kaum etwas von den Geschehnissen mitbekommen, abgesehen von den Berichten Amertos. Doch selbst als sein Wein mich lockerer werden und meine Angst teils vergessen ließ, konnte ich ihm kaum Neues erzählen. Mein Misstrauen war noch stark genug. Ich habe niemandem von meinen Gedanken und Befürchtungen berichtet, außer in meinen Briefen an Garekh und meine Schwester. Wenn ich heute daran zurück denke, frage ich mich, warum Duimé sich so sehr für diese Geschichte interessiert hatte. Verdächtig war sein Verhalten schon.

Wie auch immer, an irgendeiner Stelle unterbrach der schon gut angetrunkene Scaric unser Gespräch – oder Verhör? – und Duimé, der zu diesem Zeitpunkt auch schon einiges getrunken hatte, lies sich in ein neues verwickeln. Ich nutzte diesen Moment, um mich für diesen Abend zum Schlafen zurückzuziehen. Doch zuvorderst wanderte ich noch zur Mauer des dunklen Außenpostens, die Landschaft draußen zu beobachten. Duimé hatte mich verstört.

Es scheint sich etwas geändert zu haben seit gestern Nacht. Viele aus unserem gestrigen Kreis gehen etwas vertrauter mit Duimé um. Ich kann nicht behaupten, dass mir dies gefällt. Und ich hoffe, er weiß das nicht. In einer Stunde gehen wir los. Ich warte auf den Abmarschbefehl. Wieder tagelang durch die Steppe laufen.

 

 

XVI: Brief an die Schwester

29. 06. 3979, Atáces

Geliebte Schwester,

nun sind wir endlich in Atáces. Die Reise war mühsam und lang, und das, obwohl wir eine der am besten ausgebauten Straßen des Landes nutzen konnten. Ständig überholten uns Karren, Wagen und Reiter. Einer davon muss deinen Brief mit sich getragen haben, denn er erwartete mich hier bereits. Sorgen musst du dir also nicht machen. Auch wenn mir von der langen Reise immer noch Beine und Füße schmerzen, sonst geht es mir gut. Es freut mich auch zu hören, dass es dir gut geht. Ich bin mir auch sicher, dass du nichts von mir verraten wirst, wenn du meinen Vater besuchst. Die Geschichte von eurem Gärtner dagegen klingt reichlich seltsam. Bist du dir dessen wirklich sicher? Das wäre ja was! Kaum auszudenken! Außerdem danke ich dir für deine Bemühungen, auch wenn du nichts über Puidor erfahren konntest. Vielleicht bringt dir da deine geplante Rückreise über Rardisonán ja wirklich Erkenntnisse; auch wenn ich diesbezüglich schon Garekh um eine Überprüfung gebeten hatte, von deiner Reise will ich dir hiermit natürlich nicht abraten. Und du bist sicher, Ccillia nicht finden zu können?

Lass mich dir noch kurz meine Reiseeindrücke von diesen fremden Landen schildern, bevor ich endgültig in einen langen, erschöpften Schlaf falle. Wir waren also für Tage auf dieser sich ewiglich hinziehenden Straße von Almez nach Atáces unterwegs und bekamen nur auf der Hälfte des Weges einmal eine halbwegs richtige Unterkunft; doch dies schildert dir dann die Abschrift meiner Tagebucheinträge. Sonst hatten wir nur unsere Rucksäcke und Umhänge, doch dies reichte aus, da es hier außergewöhnlich warm ist zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nur einmal gerieten wir in einen Regenschauer, wir mussten ihn ertragen und wurden später von Duimé unerbittlich dazu angetrieben, während ihm auch zu schlafen. Zumindest zeigte uns ein einheimischer Führer aber, den wir dabei hatten, dass wir auf hohen Steinflächen trockener schlafen könnten als im Matsch und wie wir die großen Blätter einiger seltsamer Farne als Regenschutz nutzen könnten. Überhaupt die Pflanzen! Selbst der kleinste Strauch erscheint mir größer als unsere Pflanzen. Einige wenige Bäume mit interessanten Früchten sahen wir und Sträucher mit Beeren. Doch ist das Land der Ebene von Atáces noch recht spärlich besiedelt im Vergleich zu den Wäldern des Nordens, so unser Führer. Auf der Ebene zeigten sich meist unterschiedlich lange Gräser, die Bäume liegen in kleineren Ansammlungen beisammen. Richtige Wälder wie bei uns daheim sah ich bislang kaum. Doch östlich der Strecke Almez-Atáces liegt eine niedrige Gebirgskette, an deren Fuß die Strecke entlang führt und bemerkenswerterweise sammeln sich dort vor allem die größeren Pflanzen.

Die größten Tiere dagegen findet man in der Ebene. Ich kann gar nicht alle Tierarten beschreiben, da hier vollkommen andere leben als bei uns, sieht man von denen ab, die man hergeschifft hatte. Erinnerst du dich, wie wir als Kinder davon träumen, ein Possel (oder Pojél) zu haben, nachdem wir Geschichten darüber gehört hatten? Ich sah gleich eine ganze Herde! Ich beschreib sie dir noch einmal. Die Bullen sind fast so groß wie zwei Männer, ihre Vorder- sind länger als ihre Hinterbeine, weshalb sie einen Buckel haben. Dieser wird von einem Kranz halblangen Haaren umgeben, sonst ist das Tier nur kurzhaarig. Wir sahen einige Bullen im Wettstreit wohl um ihre Weibchen. Ihre dicken Schädelplatten, die kurzen Hörner und mannslangen Stoßzähne nutzten sie zum Kampf. Andere Tiere sahen sie, wie sie mit ihren Hörnern die Steppe nach Gras umgruben und dieses mit ihren kurzen Rüssel aus dem Boden rupften. Unser Führer bestätigte meine Vermutung der Begattungskämpfe indem er auf den großen Hautlappen am Bauch der Tiere deutete, der bei den Männchen zu dieser Zeit bunt gefärbt war. Auch wenn sie meist friedlich waren, machten wir lieber einen Bogen um die zur Paarungszeit gereizten Bullen. Hier in Atáces sah ich gleich die nächsten, nun aber als Lasttiere.

Atáces selbst liegt mitten in der Ebene. Eine große Festung beherrscht ihre Erscheinung, derweil die Stadt selber um sie herum und für Augen wie unsere ungewohnt schutzlos ohne Mauer dasteht. Doch wozu auch eine Mauer in einem Land, wo sämtliche anzutreffenden Einheimischen friedlich sind? Zwar gibt es immer mal kleinere Aufstände und streunende Räuber, doch diese zu vertreiben reicht die Festung allemal. Besonders, da Atáces Hauptsitz sämtlicher Abteilungen der Armee von Nardújarnán ist. Alle Befehle kommen von hier, alle Berichte kommen hier an. (Derweil übrigens die Flotte ihren Sitz in der kleinen Stadt Elpenó in Galjúin hat und die Herrschaft Nardújarnáns in ihrer Hauptstadt Ejúduira im Osten sitzt.) Ich sah lediglich viele Zäune in den Vororten von Atáces, um Tiere fernzuhalten. Doch diese meiden die Toljiken schon von selbst, nicht zuletzt auch deshalb, weil gerne Jagd auf sie gemacht wird. Atáces ist eine hübsche Stadt, doch wirkt sie auf mich zu jung, zu geplant, zu – sauber. Das bin ich nicht aus unseren alten Städten gewöhnt. Die Bürger der Stadt sind Abkömmlinge der Siedler und Abenteuerer, die einst in dieses Land kamen und wirken ebenso fremd wie die Stadt selber. Nicht nur die Kleidung ist hier anders.

Noch hat man uns nicht gesagt, ob wir jetzt endgültig hierbleiben werden. Interessant wäre es sicherlich schon, dürften sich hier doch viele nette Ausflüge ergeben. Aber nun fallen mir fast die Augen zu. Ich habe mit Miruil, Couccinne, Scaric und noch zwei anderen zusammen ein Zimmer in der Festung mit drei Stockbetten. Endlich wieder ein Bett! Sogar einen kleinen See gibt es im Bereich der Festung in welchem es uns erlaubt ist sich zu waschen, auch gibt es eine Waschküche für unsere Kleidung. Unermessliche Annehmlichkeiten nach diesen letzten anstrengenden Tagen!

Dein Falerte

 

 

XVII: Bericht und Bitte des Außenpostens Médyhúda an Huális.

04. 07. 3979, Médyhúda

Vor einer Woche trafen wir erneut auf diese Wesen aus den Wäldern. Eine kleine Gruppe von ihnen begegnete unseren Kundschaftern. Nur zwei von ihnen gelangten wieder lebendig zurück zu uns. Dank ihnen wissen wir, dass es dieselben Wesen waren, die uns schon eine Woche zuvor überraschend angegriffen hatten. Damals haben wir sie noch zurückschlagen können. Mehr wissen wir aber immer noch nicht über sie. Sie sind weder Menschen noch Eingeborene, uns zahlenmäßig weit überlegen. Zwar sind sie scheinbar nur mit rückständigen Waffen ausgestattet, doch ihre Zahl gleicht dies aus.

Gestern vernahmen wir Trommeln und sahen Feuerschein durch das Dickicht des Waldes. Sie planen etwas. Kundschafter, die wir aussendeten, kehren nicht zurück. Niemand will sich mehr aus dem Posten heraus wagen. Diesen Bericht senden wir mit einem Boot zum Außenposten Huális, mit der dringenden Bitte um Unterstützung. Ihre Angriffe gegen unsere Wälle waren bisher leicht zu bewältigen. Doch wenn sie uns belagern sollten, könnten wir nicht lange aushalten. Wir brauchen dringend Hilfe, sollten wir Médyhúda halten wollen.

(Siegel des Außenpostens Médyhúda)

 

 

XVIII: Bericht der Obrigkeit von Ejúduira an Atáces

09. 07. 3979, Ejúduira

Gestern erreichte uns über den Fluss ein Bote. Er scheint von dem Außenposten Médyhúda zu kommen. Beantworten kann er uns diese Frage jedoch nicht mehr, denn er ist tot. Ein Pfeil in seinem Hals beweist dies recht eindrücklich. Außerdem roch er bereits unangenehm. In seiner Hand hielt er eine Botschaft umklammert. Warum die anderen Posten am Fluss die Fahrt seines Bootes nicht sahen, bleibt unklar. Seine Botschaft ist jedenfalls bei uns statt in Huális gelandet. Hiermit senden wir sie an euch weiter, da es sich um euren Aufgabenbereich zu handeln scheint. Zwar können wir euch keine Befehle erteilen, doch äußern wir hiermit den dringenden Wunsch, dass ihr die Vorkommnisse überprüft und bei Bedarf der Bitte um Unterstützung, wie in der Botschaft beschrieben, nachkommt. Möglicherweise sollte man gar über eine Strafgesandschaft nachdenken. Auch in den Geschichten der einheimischen Bevölkerung gibt es bedenkliche Gerüchte über den Norden. Eine Bedrohung für ganz Nardújarnán können wir als dessen Obrigkeit nicht dulden.

(Siegel der Obrigkeit von Ejúduira)

Anbei findet ihr die betreffende Botschaft; eine Abschrift wird in unser Lager überführt.

 

 

XIX: Brief an die Schwester

20. 07. 3979, Atáces

Geliebte Schwester,

drei Wochen sind wir nun schon in Atáces. Vermutlich ist mein letzter Brief noch lange nicht bei dir angelangt. Trotzdem ist genug angefallen, von dem ich dir berichten mag.

Wir leben hier in der Feste und bekommen kaum mit, was sich außerhalb dieser ereignet. Alles spielt sich größtenteils hier drinnen ab. Es ist langweilig. Wenn wir nicht gerade unsere Zeit mit Übungen verbringen, sitzen wir in unseren Kammern und spielen die verschiedensten Spiele. Doch an einem Abend kam Miruil zu mir. Er meinte, er würde es hier drinnen nicht mehr aushalten und dass wir in die Stadt gehen sollten. In die Stadt gehen! Welch Vorschlag! Doch er meinte es ernst und mir war selbst nach einem Ausflug. So sagte ich zu, wohlweißlich, dass es uns verboten war die Festung zu verlassen und uns Wachen aufhalten würden. Doch Miruil hatte überraschend gut geplant. Zwei der Wachen waren Commosha Dacealus und Dosten Aschengrau, letzterer ein Jüngling aus Akalt, der wer weiß warum bei uns war. Beide stellten sich als Vertraute von Miruil heraus. Zusammen mit Couccinne und Scaric verließen wir klammheimlich die Feste. Jimmo beobachtete uns dabei, doch dachte ich mir nichts Schlimmes. Nun aber habe ich ihn in Verdacht.

Wir verbrachten ein paar angenehme Stunden in der Stadt, erkundeten sie – und vor allem besuchten wir ihre Tavernen. Bei unserer Heimkehr waren wir dem genossenen Wein entsprechend weniger vorsichtig. Uns erwartete ein erzürnter Caris Duimé mit fünf Begleitern. Er sprach zu uns, dass dies zu tun ihm nicht gefallen würde, doch es notwendig sei und so bekamen wir alle zwei Tage Strafhaft. Ich glaube nicht, dass dies ein gutes Licht auf uns werfen wird.

Bei unserer Entlassung erwartete Duimé uns und lud jeden von uns einzelnd zu einem Gespräch zu sich ein. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Zu mir sprach er von seiner Enttäuschung gegenüber einem vielversprechenden Kämpfer – und wieviel Mühe er gehabt hätte, eine härtere Strafe von uns abzuwenden. Er spielte unseren Freund. Oder ist er dies sogar? Er schloss mit den Worten, dass man sehen würde, wie mit uns weiter zu verfahren sei. Freigänge in die Stadt zumindest seien für alle von uns zukünftig gestrichen. Ob Jimmo der Schuldige ist, weiß ich immer noch nicht. Irgendwie hatte ich mir das Lebens einst – freier – vorgestellt. Zumindest darf ich dir noch schreiben. Ich bin auf deinen nächsten Brief gespannt,

dein Falerte.

 

 

XX: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘

21. 07. 3979, Atáces

Kämpfe im Norden.

Atáces. Wie uns gestern die Führung von Atáces mitteilte, wurde vor drei Wochen der Außenposten Médyhúda von den Wilden des Waldes angegriffen. Von dem Außenposten gibt es keine Nachrichten mehr. Die Obrigkeit teilte uns nicht mit, ob Kundschafter ausgesandt worden seien, doch erklärte sie, dass derzeit eine Gruppe zusammengestellt wird, welche die Wilden für ihr Handeln strafen soll. Eine Abreise wird diese Woche noch angestrebt, die Gruppe soll von Ejúduira aus den Fluss Tajazi entlang nach Norden fahren. Wir werden weiter berichten.

Waren in Galjúin noch immer verschwunden.

Elpenó. Die Waren, die vorherige Woche aus Elpenó verschwunden sind, wurden ebenso wie ihre Diebe noch nicht gefunden. Wie uns Elpenó nun mitteilte, handelt es sich vor allem um Nahrungsmittel, Heilwaren sowie Waffen. Es wird vermutet, dass eine Räuberbande für die Tat verantwortlich ist. Von Reisen in die Berge von Galjúin wird daher abgeraten, bis man die Täter gestellt hat.

 

 

XXI: Tagebuch des Falerte Khantoë

22. 07. 3979, Atáces

Heute ist etwas Seltsames geschehen. Da wir ja keinen Freigang mehr haben, verbringen wir unsere Zeit in diesem Gebäude. Immerhin gibt es hier neben dem großen, gepflasterten Hof auch noch das große Parkgelände. Zwar ist auch dieses für Übungen gedacht, doch verbringe ich dort auch gerne meine Freizeit.

An einer Stelle stehen vier Bäume eng beieinander. Hier war es, dass es geschah. In einem Moment blickte ich noch auf die Bäume und sah zwischen ihnen nur Schatten, im nächsten blinzelte ich kurz und dann sah ich einen kurzen, schwachen Blitz. Besser vermag ich es nicht zu beschreiben. Als sich mein Blick beruhigt hatte, vermeinte ich dort Puidor zwischen den Bäumen stehen zu sehen. Er lächelte mir zu.

Ich muss mich geirrt haben. Ich hoffe, ich habe mich geirrt. Ich sah, nachdem mich der Schrecken aus seinem Griff entlassen hatte, zum Hauptplatz hinüber, ob mich jemand beobachte. Doch niemand schenkte mir Aufmerksamkeit. Und als ich wieder zu den Bäumen sah, war da wieder nur Schatten.

Werde ich langsam verrückt?

 

 

XXII: Brief von Garekh an Falerte

25. 07. 3979 Ayumäeh, angekommen am 29. 08. 3979 in Atáces

Lieber Freund,

es war gefährlich, einen Brief hierher zu schicken. Dein Vater hätte fast davon erfahren. Du weißt doch, wie geschwätzig meine Frau ist. Diesmal kam sie jedoch nicht dazu, die Briefe selbst zu öffnen, denn sie ist schwanger. Ja, du liest richtig! Unsere Familie wird sich vergrößern. Die Kinder erhalten Zuwachs und freuen sich auch schon.

Der Handel mit den Piraten wurde in den letzten Monden etwas zu brenzlig, scheinbar haben sich der alte Schwarzkralle und Noctsce ein wenig in den Haaren. Ich kann also nur noch nach Rardisonán schmuggeln, weshalb ich deiner Bitte auch recht schnell nachkommen konnte. Ich komme gerade aus Belané zurück. Hier mein Bericht.

Ich habe an der angegebenen Stelle im Sumpf gesucht. Tatsächlich fand sich dort eine kleine Hütte, doch sie war leer. Lediglich Staub, Schmutz, Schlamm, Moos, Getier und jede Menge Wasser. Sie machte auf mich nicht gerade den Eindruck, dass dort jemand in den letzten Jahren gelebt hätte. Die Händler dieser Gegend, die sich stets so schön über meine Waren freuen, meinten auch nur, dass dort noch nie jemand gelebt hätte, dass sie die Hütte aber manchmal für ihre Händel nutzen würden. Auch in näheren Orten hörte ich mich vorsichtig nach Leuten um, auf denen die Beschreibung des Puidor passen würde, doch nie hatte jemand von solch einem Mann gehört. Letztlich versuchte ich es noch bei einem alten Freund, einem Landwächter, der mir das Leben dort stets erleichtert hatte, doch auch er wusste mir nichts zu erzählen.

Weißt du, ich mache mir Sorgen. Bist du dir sicher, diesen Mann dort angetroffen zu haben? Doch ich vertraue dir, also muss es wohl so sein. Vermutlich wurdest du dann reingelegt. Ich weiß nicht, warum man das machen sollte, doch pass bitte auf dich auf. Es scheint dir ja mehr zu schaffen zu machen, als man denken könnte. Wenn du damals keine Fieberträume hattest, frage ich mich, wer sich da um dich gekümmert hatte und warum. Ich möchte es eigentlich gar nicht sagen, doch wer war da bei euch auf dem Schiff? Ist so etwas mittlerweile nochmal geschehen?

Dein Freund Garekh.

Vermerk der Guigans zu Atáces vom 29. 08. 3979 auf dem Umschlag: Einbehalten bis zur Rückkehr des Kämpfers Falerte Khantoë von seinem Einsatz.

 

 

XXIII: Bericht von der Zusammenkunft der Obrigkeit zu Ejúduira.

02. 08. 3979 Ejúduira

Heute wurde beschlossen, in drei Tagen eine Erkundungsgruppe zum Außenposten Médyhúda zu senden. Atáces sandte uns hierzu dreißig Kämpfer, die gestern in der Guigans zu Ejúduira eintrafen. Sie sollen Übermorgen über ihre Aufgabe aufgeklärt werden, einen Tag später reisen sie ab. Es bleibt keine Zeit mehr, sie auszubilden, da schon zuviel Zeit seit der Nachricht aus Médyhúda vergangen ist. Die Reise nach Huális wird drei Wochen dauern, sie sollen auf dem Schiff ausgebildet werden. Das Flussschiff Paruibi ist bereit und wartet. Den Stadtschreiern sollen so wenig Einzelheiten wie möglich erzählt werden, gerade genug, um die Bürger zu beruhigen. Während diese Gruppe unterwegs ist, sammelt Atáces bereits eine größere Streitmacht. Wir müssen damit rechnen, dass mittlerweile vielleicht auch schon Huális angegriffen wurde, und uns auf das Schlimmste vorbereiten.

(Siegel der Obrigkeit von Ejúduira)

 

 

XXIV: Brief an die Schwester

03. 08. 3979 Ejúduira

Die Ereignisse haben sich überschlagen. Ich schreibe dir aus Ejúduira, der Hauptstadt von Nardújarnán. Vor knapp einer Woche erhielten wir plötzlich einen Abmarschbefehl. Ich bin froh, überhaupt Zeit zu haben, dir zu schreiben. Soweit ich weiß, geht es nämlich schon Übermorgen weiter. Ich weiß nicht genau, was geschehen ist, noch, was wir zu tun haben. Aber offensichtlich ist es etwas Schwerwiegendes. Alle um uns herum, die davon Ahnung haben könnten, benehmen sich sehr überspannt. Scheinbar wissen auch die eingeborenen Diener etwas, doch verraten sie uns nichts. Irgendjemand muss wohl irgendetwas angegriffen haben, soviel ist klar. Unsere Vorgesetzten sagen uns nichts, das dürfen wir erst für Übermorgen erwarten. Die Anderen hier verhalten sich unterschiedlich: Miruil ist angespannt. Er sagt, er freue sich darauf, endlich ein Abenteuer zu erleben. Couccinne spricht über alles nur ungern. Er scheint nichts Gutes zu erwarten. Scaric macht seine üblichen Scherze; es könne schon nichts Großartiges geschehen sein. Oljó dagegen antwortete ihm, dass vielleicht wieder Krieg mit Aleca herrsche. Natürlich sagte er dies, als Commosha nicht fern war. Dieser sah aus, als würde er Oljó umbringen wollen. Der Knabe Dosten scheint sich von allen am meisten zu fürchten. Er tut mir ein wenig leid. Ich frage mich immer noch, was ihn zu uns trieb. Bisher kam ich nur zu kurzen Gesprächen mit ihm und die Fragen scheinen ihm Unbehagen zu bereiten. Die meisten der anderen Männer scheinen sich auf Aufregung zu freuen, ein Kerl namens Gammil geht mir dabei besonders auf die Nerven. Nur wenige zeigen Unbehagen. Dazu gehöre wohl auch ich.

Es ist schade, dass ich dir kaum von Ejúduira erzählen kann. Die Stadt ist beeindruckend. Sie ist seit Halkus die größte Stadt, die ich je sah. Wir haben sie nur bei unserer Ankunft kurz gesehen: Die Stadt ist durchzogen von Flussläufen und Brücken. Große Plätze sind ebenso wie enge Gassen allesamt vollgestopft mit allem, was in diesen Landen so handeln will. Wir wurden in eine Guigans gebracht, die auf einer Flussinsel am Stadtrand liegt. Von den Mauern aus kann man die Stadt beobachten. Vor allem aber die große Anlage auf der stadtmittigen Insel. Ein Kämpfer der Guigans sagte mir, das sei der Sitz der Obrigkeit. Für ein Land, das einem oft so fremd vorkommt, ein beeindruckender Anblick. Die Anlage kann sich sicherlich messen selbst mit dem Palast des Milciar in Halkus. Oljó war ebenfalls mit uns auf der Mauer und scherzte darüber, sie mal ausrauben zu wollen. Den Kämpfer bei uns schien dieser Gedanke nur anzuwidern.

Für uns geht das Leben hier fast weiter wie zuvor: Duimé lässt uns unseren üblichen Übungen nachgehen. Vielleicht soll uns das vom Denken abhalten. Ich frage mich, was die nächsten Tage bringen. Irgendwie bezweifel ich aber, dass ich dir so bald wieder werde schreiben können.

Jimmo sitzt mir hier im Schlafsaal gegenüber. Ich frage mich, was er wohl denkt. Er zeigt sich weiterhin sehr verschlossen.

Es tut mir leid, ich muss aufhören. Grüße alle von mir.

Dein Falerte.

 

 

XXV: Tagebuch des Falerte Khantoë

04. 08. 3979 Ejúduira

Was geht hier vor sich? Oljó hat Gerüchte aufgeschnappt, die man sich hier so erzählt. Sie berichten von einem verlorenen Außenposten, Angriffen, Kämpfen und Greueln. Ich glaube, er wollte mit diesen Geschichten nur dem Knaben Dosten Angst einjagen. Als er dies bemerkte, stand Jimmo auf und befahl Oljó, seine Geschichten zu beenden, sofern er es nicht beweisen könne. Es wäre fast zum Kampf zwischen den beiden gekommen, hätte nicht Oljó neuerdings einen Kumpanen gewonnen, einen zwielichtigen Zarden namens Xeazotankro. Commosha konnte Jimmo zum Glück davon abbringen, mehr zu tun, als nur Dosten von Oljó wegzubringen.

Heut Vormittag hatte ich Wache auf der Mauer mit einem Kämpfer der Guigans. Da es hier eigentlich kaum etwas zu bewachen gibt, konnte er mich davon überzeugen, ein Spiel zu wagen. Bald schon erzählte er mir dabei, dass er seinen Vorgesetzten mit Duimé hatte sprechen hören. Morgen früh würden wir demnach abreisen. Offensichtlich den Fluss hinauf, an die Grenze von Nardújarnán. Hatte Oljó etwa Recht?

Nach dem Abendessen offenbarte uns Duimé, dass wir nun unsere Ausrüstung überprüfen sollten, dass diese ergänzt worden wäre und wir morgen früh aufbrechen.

 

 

XXVI: Bericht von Ejúduira an Atáces

05. 08. 3979 Ejúduira

Die hergeschickten 30 Kämpfer wurden heute entsandt, das Geschick des Außenpostens Médyhúda zu erkunden. Die Männer stammen aus der Fremde, sind Außenseiter, verurteilte Verbrecher oder ähnliches. Es ist nicht schade um sie, sollten sie nicht mehr zurückkehren. In der Zeit ihrer Abwesenheit erwarten wir die Zusammenziehung der restlichen Kräfte. Die Bevölkerung soll möglichst darüber nicht benachrichtigt werden.

Das Schiff Paruibi hat Befehl, die Männer bis Huális zu fahren, von dort bringen sie kleinere Boote sicherlich nach Médyhúda. Der Caris Duimé hat den Befehl über die Gruppe. 10 eingeborene Führer sowie 5 unserer eigenen Männer begleiten sie. Diese haben Befehl, sich möglichst zurückzuhalten, und bei Gefahr die anderen zu verlassen um mit Bericht wieder hierher zurückzukehren.

Wir werden bei Bedarf weiter berichten.

(Siegel der Obrigkeit von Ejúduira)

 

 

XXVII: Tagebuch des Falerte Khantoë

07. 08. 3979 Irgendwo auf dem Tajazi

Nun sind wir also auf dem Fluss. Sie haben uns auf ein großes Flussschiff gesteckt, welches sich die Paruibi nennt. Erinnert mich an irgendetwas. Jedenfalls müssen wir hier auf dem Deck schlafen, unseren Übungen nachgehen und auch die Mahlzeiten einnehmen. Normalerweise würden wir ja nachts anlegen und auf Land ruhen, jedenfalls kenne ich das so von anderen Flussschiffen, doch man scheint es sehr eilig mit uns zu haben. Duimé, unsere zehn einheimischen Führer sowie die fünf seltsamen Kämpfer, die uns begleiten, haben ihren Platz unter Deck. Bei der Wärme dort unten kann man sie aber nicht beneiden. Ebenso könnte ich auf die Ratten dort verzichten. Diese Tiere scheinen wirklich überall zu sein. Das Schiff hat noch weitere zwanzig Mann Besatzung, die auf Hängematten schlafen dürfen. Sie haben es vermutlich am Besten. Aber auch nur in dem Punkt. Abwechselnd müssen sie den ganzen Tag lang am Flussufer vor uns her laufen und unsere Zugtiere leiten. Andere helfen an Bord, indem sie uns voran staken. Die Letzten kümmern sich um das Schiff selber. Sie arbeiten also mehr als wir. Trotzdem kommen wir nicht schnell voran. Eine Reise auf einem Flussschiff ist nach wie vor langsam und langweilig. Der Kapitän, ein Mann namens Norís, meinte, wir würden über drei Wochen brauchen. Naja, immer noch besser, als den ganzen Weg dorthin laufen zu müssen.

Dennoch sehe ich bereits Spannungen auf uns zukommen. Diese Männer hier scheinen mir nicht geeignet, solch lange Zeit auf so engem Raum miteinander zu leben. Schon in Atáces gab es andauernd kleinere Streits. Wie mag das dann erst hier werden? Duimé scheint zu meinen, dass es ruhig bleiben würde, solange wir erschöpft seien, also führte er unsere Übungen nach dem altbekannten Plan fort. Aber ob das reichen wird? Die Paruibi ist viel kleiner als die Sturmwind damals und wir können der Besatzung kaum helfen, da die meisten von uns nach den Übungen nicht in der Lage sind, auch noch das Schiff zu ziehen.

09. 08. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Duimé scheint wieder ganz der Alte. Die vorgespielte Freundschaft, die er uns in Guijúlon und Atáces zukommen ließ, scheint vergessen. Stets ist er unten in seiner Kabine und pflegt auch nur mit den fremden Kämpfern dort zu speisen. Diese nehmen an unseren Übungen natürlich nicht teil. Duimé kommt nur an Deck um mit uns zu üben oder wenn er mit dem Kapitän sprechen muss, dessen Kabine im Hinteraufbau ist. Norís scheint bisher umgänglicher zu sein als damals Amerto auf der Sturmwind. Ihm scheint aber ein schnelles Vorankommen ebenso wichtig zu sein, wie es für Duimé ist. Seine Mannschaft treibt er stets zu harter Arbeit an, uns beachtet er nur wenig, lässt sich aber gern auf gute Gespräche ein. Nur sein Schiff sollen wir nicht anfassen.

Seit vier Tagen reisen wir auf dem Tajazi gen Nord. Ejúduira liegt weit zurück. Ein wenig wehmütig fühle ich mich deshalb. Zweimal kamen uns Schiffe entgegen, die flussabwärts fuhren. Man kann sie nur beneiden. Während wir förmlich dahinkriechen, scheinen sie zu rasen. Kaum erscheinen sie am Horizont, schon haben sie uns passiert. Dafür können wir, sofern wir den Hang dazu haben, genüsslich die Landschaft beobachten. Noch ist der Tajazi ein breiter Fluss, eher ein gewaltiger Strom, und ich sehe nur unser Ufer, das Rechte. Während links in der Ferne die Landschaft gebirgig wird und so mancher kleiner Fluss in den Tajazi mündet, ist der Osten flacher. Manchmal erblicken wir Felder, Bauerngehöfte und selten auch mal ganze Dörfer. Eines davon schien sogar ein Eingeborenendorf zu sein. Sie schienen dort in Ruhe zu leben, lediglich einen kleinen Handelshafen hatten die Toljiken nebenan am Fluss errichtet.

Doch das war Vorgestern. Heute halten wir an einem Außenposten, um neue Vorräte zu beziehen.

10. 08. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Langsam beginne ich Oljó zu hassen. Heute war er in den Übungen so dreist, den Jungen Dosten über die Reling in den Fluss zu stoßen. Natürlich sagte er später, es sei ein Versehen gewesen. Zumindest kam es sofort zum Kampf zwischen Jimmo und Oljó. Wie gut, dass wir nicht mit echten Waffen üben. Zusammen mit Scaric sprang ich in den Fluss, um Dosten zu helfen, der nicht schwimmen kann. So weiß ich von dem, was auf Deck geschah nur das, was mir Miruil und Couccinne erzählten. Scheinbar kam Xeazotankro Oljó zu Hilfe, indem er Jimmo von Hinten sein Übungsschwert auf den Rücken schlug. Da griff dann auch Commosha in den Kampf ein. Während die anderen die Vier anfeuerten, holte Couccinne Duimé von unten, der die Übungen heute einem seiner Leute überlassen hatte. Duimé traf zeitgleich mit Norís auf Deck ein. Während Duimé dem Treiben einfach nur zusehen wollte, forderte Norís von ihm ein Beenden des ganzen. Erst da schickte Duimé die fünf fremden Krieger vor, welche die Vier auseinander zerrten und festhielten, wobei sich immerhin zwei gleichzeitig um Jimmo kümmern mussten. Duimé befahl, dass sie fortan nichtmehr dieselbe Seite des Decks betreten dürften. Außerdem mussten sie heute auf ihre Mahlzeiten verzichten.

Zwischenzeitlich hatte man auch endlich Scaric, Dosten und mir aus dem Wasser geholfen. Uns sah Duimé nur kurz an, als ob er etwas sagen wollte, doch schon war er wieder unter Deck verschwunden. Die Kämpfer aber blieben, um jeglichen drohenden Zwist im Keime zu ersticken. Seitdem sitzen Scaric, Dosten und ich hier um ein Feuer, das uns Norís erlaubt hatte zu entzünden, um uns zu trocknen. Zum Glück ist es immer noch warm in diesen Gegenden. Scaric versucht herauszubekommen, was ich hier alles aufgeschrieben habe. Mal sehen, ob ich ihm etwas verrate.

 

 

XXVIII: Logbuch des Kapitäns Norís

11. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Ich frage mich, warum ich weiter für die Armee arbeite. Gestern haben einige dieser Raufbolde, die meine Ladung darstellen sollen, für viel Unheil an Deck gesorgt. Diesen Duimé würde ich manchmal auch am liebsten über Bord werfen. Was bildet der sich eigentlich ein? Dies wird meine letzte Fahrt für die Armee sein. Sobald ich dieses Pack losgeworden bin, kehre ich endlich heim zu meiner Frau. Danach werden wir nur noch harmlose Frachten beförden. Am besten nichts, das sprechen und gröhlen kann.

Gestern passierten wir die Mündung des Jannis. Cabó Canguina liegt dort. Der letzte Funken Menschlichkeit in diesen Gegenden. Ich vermisse meine Frau. Ab Morgen verlassen wir das bewohnte Nardújarnán. Wir sind schon mitten in Jaduiza. Danach kommen wir in die Gebiete, die immer noch strittig sind, die sich immer noch nicht fest in der Hand des Reiches befinden. Es könnte also gefährlich werden. Hoffentlich lassen sie uns einfach in Ruhe, wenn sie das bewaffnete Pack an Bord sehen. Der nächste Außenposten ist drei Tage entfernt, und dann kommt schon Huális. Dort werde ich sie los.

 

 

XXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë

15. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Ich schreibe heute über den gestrigen Tag. Ich brauchte eine Weile, die Geschehnisse geistig zu erfassen. Wieder einmal erscheint mir alles mehr denn unwirklich. Am besten, ich halte es hier schriftlich fest, vielleicht löst dies meine Gedanken.

Gestern legten wir an einem Außenposten an. Den Namen habe ich leider vergessen, doch scheint es der einzige Außenposten zwischen der Stadt Cabó Canguina und unserem vorläufigem Ziel, dem Außenposten Huális, zu sein. Von ihm aus konnte man in der Ferne bereits den sich verdichtenden Wald des Nordens erblicken. Der Posten nun unterschied sich kaum von anderen, die ich in diesen Landen gesehen hatte. Dieser nun aber, der zweite am Fluss von Ejúduira aus aufwärts, lag neben einem Eingeborenendorf. Während das Schiff kurz neue Vorräte aufnahm, hatten wir an Bord keine Aufgaben und durften tun, was uns genehm war. Miruil schlug vor, uns etwas Landgang zu genehmigen. Wir fragten bei Duimé an, welcher nichts dagegen einzuwenden hatte. Er sagte, ein wenig Land unter den Füßen könnte uns schon nicht schaden. Also gingen wir zu fünft von Bord. Couccinne, Scaric und der junge Dosten begleiteten uns.

Der Außenposten sah aus, als käme er aus demselben Guss wie die anderen dieses Landes: Eine kleine Befestigung mit großem Hof, einigen Gebäuden und gut 20 Mann Besatzung. Hier bot sich keine große Überraschung. Einer der Krieger erzählte jedoch, dass wir unbedingt den Markt des Dorfes besuchen müssten, um an Andenken zu kommen. Wir folgten seinem Rat, verließen den Posten durch sein Haupttor und standen sogleich im Dorf. Es war nicht das erste Eingeborenendorf, das wir sahen, jedoch das erste, welches wir auch selber betraten. Eine Reihe kleiner Häuser bot sich unserem Blick, wohl aus dem Schilfrohr des Flusses erbaut, ergänzt um Blätter und Wurzeln aus dem nahen Wald. Seine Bewohner sahen auch kaum anders aus, als die im Süden. Nur waren diese den Toljiken noch nicht so angepasst. Sie schienen aber immerhin Reisende gewohnt zu sein. Neben uns waren noch einige Kaufleute zugegen; die Eingeborenen boten ihnen und uns ihre Waren an.

Wir sahen uns eine Weile interessiert auf dem Markt um, doch verfügt niemand von uns über Geld, was die Leute schnell zu merken schienen und uns deshalb in Ruhe ließen. Da wir aber noch viel Zeit zur Verfügung hatten, erkundeten wir das Dorf, teils getrennt. Ich selber geriet an den Rand des Dorfes, wo es auf den Wald traf. Dort sah ich den jungen Dosten zwischen den Bäumen verschwinden und dachte mir noch nicht viel dabei; vielleicht musste er ja einfach austreten. Doch dann sah ich IHN. Ein Mann mit nacktem Oberkörper, eine Narbe über der Brust, den Bart lang gehalten. Puidor hielt ein Messer in den Händen und folgte dem jungen Dosten. Sofort eilte ich beiden nach, mein Schwert schnell ziehend: Ich musste Dosten retten! Eine schreckliche Angst erfüllte mich. Angst vor Puidors Absichten, vor seinem Erscheinen, vor meiner Zukunft. Warum verfolgte mich Puidor immer wieder, warum? Für Minuten stolperte ich durch das Unterholz. Immer wieder erblickte ich kurz Puidor, hatte jedoch Dosten aus den Augen verloren. Einmal verhakte ich mich in einer Wurzel und landete unsanft auf dem Waldboden.

Nachdem ich mich aufgerafft hatte, sollte ich sie nicht wiederfinden. Schnell kehrte ich ins Dorf zurück, das ich glücklicherweise wiederfand, um dort Hilfe zu holen. Dosten war immer noch ganz allein mit Puidor irgendwo dort im Wald. Ich mag den Jungen viel zu sehr, um ihn so enden zu lassen, erstochen von Puidor. Doch bereits als ich am Dorfrand ankam, sah ich, vor einer abseits stehenden Hütte, dort Dosten zusammen mit Miruil stehen. Die Beiden wunderten sich sehr über meine Aufregung und meine Verwunderung – ganz zu schweigen von dem Schmutz an mir, doch da sie nichts von irgendwelchen Geschehnissen im Wald erwähnten, bevorzgute ich es auch, zu schweigen. Stattdessen erzählten sie mir jedoch von der Inhaberin der Hütte, vor der sie standen und die ich besuchen sollte. Als ich die beiden nur weiter verwirrt ansah, führte Miruil mich kurzerhand hinein.

Drinnen erwarteten mich viele Eindrücke mir unbekannter Gegenstände, Gerüche und Anblicke. Und eine kleine alte Frau. Sie begrüßte uns sofort und plapperte fortan ohne Unterbrechung Dinge in einer mir unbekannten Sprache, wovon ich nicht ein Wort verstand. Sie schien dies nicht zu beachten, sondern fuhr weiter fort, während sie mich, der immer verwirrter wurde, mehrmals umrundete und dabei immer wieder anfasste und befühlte. Letztlich blieb sie vor mir stehen, sah mich ernst an und sagte etwas in einem wichtig klingenden Tonfall, dessen Inhalt ich nicht bestimmen kann. Schließlich drückte sie mir etwas in die Hand und schickte Miruil und mich wieder aus dem Haus zurück zu Dosten, weiter plappernd, bis der Vorhang ihrer Hütte sich hinter ihr geschlossen hatte.

Miruil fragte mich, was sie mir gegeben hatte und ich offenbarte ihm ein aus Holz geschnitztes Amulett, das an einer geflochtenen Kette baumelte. Er überzeuge mich, es mir sofort umzuhängen, da es ihr sehr wichtig erschienen sei. Das Holz selbst war recht schmucklos, abgesehen von eingeritzten Strichen, die eine Art Stern ergeben. Ich hängte es mir also um den Hals und verstaute es im Ausschnitt meines Hemdes. Seitdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich es berühre, als könnte ich dadurch meinen Geist festigen. Kaum, dass ich fertig war, kam Couccinne an. Er erzählte, uns gesucht und nun gefunden zu haben und dass wir uns eilen müssten, wollten wir nicht die Abfahrt des Schiffes verpassen. Wenig später waren wir wieder an Bord.

Ich erzählte niemandem von meinem Erlebnis im Wald. Lediglich Dosten fragte ich vorsichtig, ob er im Wald gewesen wäre. Als er verneinte und mich fragte, weshalb ich mich erkundigen würde, führte ich als Vorwand Tiere an, die ich entdeckt und ob er sie auch gesehen hätte. Das schien ihn zu befriedigen.

Gern wüsste ich, was die alte Frau gesagt hatte. Sie schien irgendetwas gespürt zu haben. Miruil und Dosten jedenfalls haben von ihr nichts bekommen. Einen unserer Führer zu fragen ist verlockend, doch erinnere ich mich nicht mehr an den genauen Wortlaut. Es war zu viel Geplapper.

Letztlich bleibt noch die Frage nach Puidor. War er zumindest wirklich gewesen? Ich bezweifle es sehr. Aber über die Bedeutung dessen, möchte ich lieber nicht nachdenken. Vielleicht sollte ich ihn das nächste Mal nicht beachten. Er scheint mich zu verfolgen. Warum bloß? Was sagt es mir aus?

 

 

XXX: Logbuch des Kapitäns Norís

17. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Verdammtes, elendiges Dreckspack! Verdammte verlauste Waldbrut! Verdammt sollen sie alle sein! Wie konnten sie es wagen? Wie konnten sie es wagen dies zu tun? Wir wurden angegriffen! In Scharen kamen sie aus dem Wald und metzelten meine Männer ab, als seien sie nur Schlachtvieh! Alle von ihnen, alle die an Land waren, das Schiff zu ziehen, sind tot! Gut die Hälfte meiner Männer! Und diese eingeborenen Führer, dieses stinkende Gesocks, das dieser Caris Duimé dabei hatte, gehörten dazu! Ihm verpassten sie eine Narbe unter dem Auge, drei seiner Krieger töteten sie. Danach sprangen sie runter ins Wasser und schwommen zu ihren Kumpanen! Die Dreckshunde rissen sich unsere Tiere unter den Nagel und verschwanden einfach wieder im Wald. Ich habe doch immer gewusst, dass man diesem Pack nicht trauen darf! Man sollte die Eingeborenen hier endlich unterwerfen! Niemals hätte man diese Eingeborenen unsere Künste lehren dürfen. Zum Glück schienen die Krieger am Ufer wahre Wilde zu sein. Würden sie sich nicht vor dem Fluss fürchten und ihn anbeten, hätten sie vielleicht wie die für uns arbeitenden Eingeborenen das Schwimmen erlernt. Dann wären wir wohl alle tot.

Und das alles trotz dieser unfähigen sogenannten Kämpfer an Bord. Keiner von ihnen vermochte irgendetwas auszurichten. Die meisten versteckten sich wie ängstliche Ratten vor den Speeren und Pfeilen der Angreifer. Es ist eigentlich ein Wunder, dass dabei niemand ernsthaft verletzt wurde. Duimé widersprach meiner Bitte, dass er sie verfolgen möge. Wir müssen Huális erreichen, meinte er. Ja interessiert es ihn denn überhaupt nicht, was hier geschah?

Nie wieder werde ich für die Armee arbeiten! Ich hoffe mittlerweile nur noch irgendwann lebend zurückkehren zu können. Mir verbleiben nur noch die Hälfte meiner Männer. Vor allem aber schmerzt der Verlust der Tiere. Es wird nun schwer, voranzukommen. Endlich aber dürfen die Krieger an Bord mal nützlich sein und arbeiten, mit anpacken und den Kahn voran ziehen, immer fort bis nach Huális treideln. Immerhin ein wenig Befriedigung für mich. Jetzt sind wir auch endgültig in der Wildnis. An den Ufern sieht man nur noch dichten Wald. Und schon zwei Tage ohne Schiffe aus der Gegenrichtung.

 

 

XXXI: Tagebuch des Falerte Khantoë

20. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Keine Angriffe mehr seit dem einen Mal. Stattdessen muss jeder von uns nun abwechselnd das Schiff treideln. Wer dazu gerade nicht verdammt ist, bekommt von Duimé die übliche Ausbildung verpasst. Nun schläft auch er an Deck. Die Toten haben den Platz in den Kabinen eingenommen; wir bringen sie nach Huális. Obwohl wir uns bereits mitten im Herbst befinden, bleibt es weiterhin warm. Jeden Tag scheint die Luft auch noch feuchter zu werden. Gegen die Mücken und anderen Krabbeltiere haben wie zwar unsere Kräuterpasten, doch die Leichen dort unten scheinen in der Luft schneller zu verwesen und verbreiten jetzt schon einen unangenehmen Geruch. Nur die Ratten scheint das zu freuen. Und noch eine ganze Woche bis Huális. Duimé will die Toten einfach nur von Bord haben, doch Norís besteht auf ihre Mitnahme, zumindest ihren Familien zuliebe. Dass er da mal keine Meuterei heraufbeschwört.

20. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Nun war es Duimé zuviel. Er ließ die Toten aus den Kabinen holen und einfach über Bord werfen. Soviel zu ihrer Würde. Norís gefiel dies gar nicht, doch er sagte kaum etwas dazu. Einige bedrohliche Schwerter der beiden verblieben Schoßkrieger von Duimé, Jénil und Gasuim, hielten ihn auch davon ab. Commosha Dacealus war auch dabei. So herrscht also wieder einmal der Stärkere. Diese Toten sahen aber auch bereits um einiges schlimmer aus, als mein Erlebnis damals in Emadeten. Ich hatte den starken Drang, mich möglichst weit von ihnen fernzuhalten. Trotzdem sah ich ihnen nach, wie sie die Strömung flussabwärts trug. Ihr werdet das Meer schneller wieder erreichen als wir.

Heute Nachmittag fielen für uns die Übungen aus, denn zehn von uns mussten im Wald nach einer Möglichkeit suchen, an neues Trinkwasser zu gelangen. Norís hatte Duimé überzeugen können, dass das Flusswasser kaum genießbar sei. Vielleicht lag es auch daran, dass einer der Männer so dumm war, es doch zu versuchen und nun seine Ausscheidungsvorgänge nicht mehr beherrschen kann. Jedenfalls musste ich mit in den Wald. Wir alle fühlten uns dort etwas unwohl. Im Laufe unserer Fahrt war er dem Fluss immer näher gerückt und breitete sich zu beiden Seiten in undurchsichtiger Dicke aus. Große Bäume und ein dichtes Unterholz erwarteten uns. Wir blieben stets in Sichtweite des Flusses, auch wenn das eigentlich kaum möglich war, ohne nah am Fluss zu bleiben, und fanden gegen Abend tatsächlich eine kleine Quelle. Ständig hielten wir Ausschau nach drohenden Angriffen. Einmal erschraken wir uns fast zu Tode, als eine Herde kleiner Tiere an uns vorbei lief. Die seltsamen kleinen Wesen mit ihren kurzen Rüsseln und großen Augen hatten vermutlich mehr Angst vor uns als wir vor ihnen. Ein wirklicher Angriff erfolgte zum Glück nicht. Auch suchte ich nach neuen Puidor-Erscheinungen, nach einem Zeichen, was er von mir will, wurde aber verschont. Ob es nun gut oder schlecht sein mag.

An Bord ist die Stimmung gereizt. Da wir nicht genug Männer haben, lagern wir über Nacht am Ufer. So gefährlich das auch sein mag; keiner von uns kann das Schiff jetzt noch ziehen. Wir schlafen aber auf dem Deck des Schiffes, damit wir im Notfall schnell flüchten können.

 

 

XXXII: Logbuch des Kapitäns Norís

26. 08. 3979, An Bord der Paruibi

In den nächsten Tagen sollten wir endlich Huális erreichen. Ich ertrage diesen Duimé und seinen Haufen nicht mehr. Ich habe kaum noch Befehlsgewalt über mein eigenes Schiff! Immerhin verspricht Duimé aber Entlohnung, doch traue ich ihm nicht. Wenigstens sind seine Krieger, wenn schon nicht zum Kämpfen, so doch wenigstens zum Ziehen gut zu gebrauchen. Wir haben tatsächlich nur ein oder zwei Tage Zeitverlust. Nach Plan würden wir morgen Huális erreichen. So wird es nur ein wenig später. In Huális werde ich neue Fracht aufnehmen und in gut einer Woche dürfte ich zurück in Cabó Canguina sein. Dann steige ich in den normalen Handel ein. Bloß fort von dieser Armee, egal wie gut sie zahlen.

Wir sind hier mitten im Wald. Im Notfall könnten wir aber auf die Mitte das Flusses hinaus flüchten. Natürlich müsste man dann die gerade Ziehenden zurücklassen. Welch Jammer. Und wäre dieser Duimé nicht, ich würde dann auch sofort umkehren. Irgendetwas Unheimliches liegt über diesen Wäldern. Mittlerweile offenbarte mir Duimé auch, was sein Auftrag sei. Und mir wurde erzählt, es sei eine harmlose ruhige Frachtfahrt!

Morgen müssen wir nochmal Wasser suchen. Vielleicht hätte sich Nardújarnán mit seinen Außenposten nicht einfach so schnell so weit in den Norden vorwagen sollen, ohne vorher etwas zu befrieden. Aber auf mich würde ja niemand hören. Obwohl, eigentlich klingt das nicht schnell – Oberster Norís. Wie wäre es mit damit?

 

 

XXXIII: Tagebuch des Falerte Khantoë

28. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Der Wald ist überall. Der Fluss ist zwar immer noch gewaltig in seiner Breite, doch zu beiden Ufern sieht man nur Braun und vor allem Grün. Ständig entsteigen Vögel dem Wald, begleiten kurz unseren Weg und verschwinden dann wieder. Tiere kreischen, rufen und brüllen uns ihre Laute hinterher. Und über allem hängen hunderte verschiedene Gerüche. Wenigstens war unser letzter Versuch, frisches Trinkwasser zu finden, gefahrlos geglückt. Hin und wieder aber kommen gefährlich aussehende Tiere an das Ufer um zu trinken. Ein Grund mehr froh zu sein, dass wir nicht mehr treideln müssen. Auch wenn man sich wundern darf, warum den Tieren das Wasser nichts ausmacht.

Vielen der Männer behagt das alles nicht. Etliche weisen Zeichen der Angst auf. Für diese zum Glück gibt es nun keine Wege am Ufer mehr. Das Schiff müssen wir alle gemeinsam vom Deck aus vorwärtsstaken. Manchmal erscheint mir dies schwerer, als es zu ziehen. Die Leute an Bord verhalten sich teils immer seltsamer. Xeazotankro und Oljó stecken noch häufiger beisammen als schon zuvor. Stets stehen sie auf der Bordseite, die der gegenüberliegt, an der sich Jimmo befindet. Dieser wiederum beobachtet sie wie ein vorsichtiges Tier. Als weitere Seltsamkeit scheint sich Commosha Dacealus mit Duimé anzufreunden. Ich kann noch nicht beurteilen, ob ich dies für gut oder schlecht befinden soll.

Ich glaube, ich sehe dort hinten etwas…

 

 

XXXIV: Bericht des Caris Duimé an Atáces

29. 08. 3979, Außenposten Huális

Gestern erreichten wir den Außenposten Huális am Tajazi. Wir wurden dort von einem aufgeregten Alui empfangen. Scheinbar wurde der Außenposten in den letzten Wochen einige Male angegriffen. Sie erwarteten uns wohl als eine Verstärkung, doch da musste ich ihn enttäuschen. Stattdessen gab ich ihm den Befehl zu warten, da aus Atáces noch richtige Verstärkung für ihn erwartet würde. Weiterhin klärte ich ihn über meinen Auftrag auf. Der Alui nahm seine Befehle an, schien aber nicht begeistert. Wir werden einige Tage in Huális bleiben und uns neu ordnen, bevor wir nach Médyhúda aufbrechen.

Nun zu unserer Anreise. Ich muss Kapitän Norís als äußerst wenig hilfsbereit melden. Mehrmals bestritt er meine Befugnisse. Ansonsten aber verlief die Reise einigermaßen nach Plan. Jedoch wurden wir vor einigen Tagen angegriffen. Es waren Einheimische, doch ließ sich nicht feststellen, welchem Stamm sie angehörten. Unsere Führer waren keine Hilfe, sie liefen sogar zum Feind über. Ich gebe Rat, Atáces und Ejúduira nach Verrätern überprüfen zu lassen und falls welche vorhanden, diese schnellstmöglichst hinzurichten. Ich habe diesem Volk nie getraut. Und doch kann ich nicht glauben, dass es ihnen allein einfällt, so zu handeln.

Sobald wir Médyhúda erreichen, entsende ich neue Berichte.

Euch zu Diensten,

Caris Duimé y Belané

 

 

XXXV: Tagebuch des Falerte Khantoë

29. 08. 3979, Außenposten Huális

Gestern erreichten wir endlich Huális. Das bedeutete vor allem, endlich von diesem Schiff herunterkommen können. Kapitän Norís bestand auch sogleich darauf, wieder umkehren zu dürfen. Sowohl Duimé als auch der Alui des Außenpostens überzeugten ihn jedoch, noch zu bleiben. Er nahm frische Vorräte auf und legte heute mit etwas, das Duimé einen Empfehlungsbrief genannte hatte, wieder ab. Kein Verabschieden, keine Tränen. Es war erstaunlich: Da er das Schiff nun flussabwärts treiben lassen konnte, hatte er kaum noch Besatzung nötig und war vor allem in Windeseile unseren Blicken entschwunden. Im Hafen des Außenpostens liegt jedoch noch ein zweites Schiff. Damit werden wir morgen nach Médyhúda fahren. Eigentlich sollte der Außenposten wie jeder andere zwei Schiffe haben, doch eines war von seinem letzten Botengang noch nicht zurückgekehrt.

Huális sieht kaum anders aus als jeder andere verfluchte Außenposten dieses Landes. Und ich bin mir sicher, ähnliches schon bei anderen gesagt zu haben. Dieselben Mauern, dieselbe Einrichtung und irgendwie auch dieselben Menschen. Doch diese hier wirken verzweifelter, düsterer, als hätten sie keine andere Wahl in ihrem Leben gehabt oder seien vor etwas geflohen.

Der Alui erzählte Duimé gleich bei unserer Ankunft und in Gegenwart von uns allen, dass sie in den letzten Tagen einige Male angegriffen worden seien. Dafür bekam er dann so einige Schelte des erbosten Duimé. Scheinbar sollten wir das nicht hören. Es entstand auch sogleich einiges Geraune unter den Männern. Nach wie vor sind wir nicht hier, um für andere zu sterben. Der Alui war zwar geistesgegenwärtig genug, seine Aussage sogleich abzuschwächen, doch der Stimmung tat es kaum etwas Gutes.

Zumindest aber hatten wir dafür gestern wieder Strohlager zur Verfügung, die dem harten Deck der Paruibi bei weitem vorzuziehen waren. Heute werden wir noch einmal gute Nachtruhe haben, bevor es morgen früh weiter geht nach Médyhúda. Ich weiß aber nicht, ob ich überhaupt wissen will, was uns dort erwarten könnte. Keiner der Männer von Huális will sich darüber äußern. Scheinbar wurde ihnen der Mund verboten. Sie wirken nur bedrückt und unfroh. Werden wir auch bald so aussehen? Selbst Miruil wirkt, wenn er einmal denkt unbeobachtet zu sein, als wäre er gar nicht mehr so abenteuerlustig. Und Scaric unterhält uns zwar weiter mit seinen Scherzen, doch wirken diese manchmal etwas halbherzig. Wer weiß, wie ich auf die anderen wirken muss. So oder so ist klar, dass es mir nicht gut geht. Ich frage mich langsam, warum ich mich eigentlich für das alles gemeldet habe. Vielleicht hätte ich doch lieber bei meinem Vater bleiben sollen. Nardújarnán wird immer wärmer und feuchter, je weiter wir gen Norden vorstoßen. Und das, obwohl das Jahr sich eigentlich immer mehr der kühlen Jahreszeit zuneigen sollte. Die ständige Gegenwart allerlei Tierlaute macht mir ebenso zu schaffen wie die Bedrohung durch Mücken und Fliegen. Zwar haben wir unsere Salben, doch wer weiß. Einer der Männer ist bereits schwer an Brechreiz und Durchfall erkrankt. Jedoch sagt er, dass er kein Flusswasser getrunken hätte. Immerhin hat er dadurch das Glück, in Huális zurückbleiben zu können.

Und – ich habe gestern wieder Puidor gesehen. Ich saß am Fluss und sah ihn dort, sah seine Leiche im Wasser treiben, eklig aufgedunsen. Seltsamerweise konnte ich sie beobachten, ohne jegliche Gefühlsregung. Vielleicht war ich im Gegenteil aber auch nur vor Angst erstarrt. Ich erkannte bald, als er im Dunkeln zu mir getrieben wurde, meinen Irrtum. Ein Baumstamm hatte mir da einen Streich gespielt. Wahrlich, ich werde wahnsinnig! Oh helft mir doch…

 

5

XXXVI: Bericht des Außenpostens Huális an Atáces.

01. 09. 3979, Außenposten Huális

Wie euch sicherlich der Kapitän Norís mitteilen wird, erreichte uns die Erkundungstruppe. Norís nahm Vorräte auf und verließ uns wieder. Duimé und seine Männer nahmen gestern unser zweites Schiff und brachen damit nach Médyhúda auf. Mögen ihre Seelen behütet werden. Wir haben ihnen zwei unserer Männer als Führer mitgegeben. Sie sollen ihnen den Weg nach Médyhúda weisen und dann zu uns zurückkehren.

Ich hoffe, es ist nicht gefährlich für sie, dass sie gingen, oder für uns, dass wir ihnen unser Schiff gaben. Wir hören draußen vom Wald her wieder Trommeln. Wer weiß, ob sie uns noch einmal angreifen. Da unser erstes Schiff wieder zu uns zurückkehrte, werden wir es erneut entsenden, mit diesem Bericht. Wir brauchen dringend Verstärkung. Wer weiß wie lange meine Männer es hier sonst noch ertragen.

(Siegel des Außenpostens Húalis)

 

 

XXXVII: Bericht der Obrigkeit von Cabó Canguina

01. 09. 3979, Cabó Canguina

Ein Kundschafter brachte uns gestern Nachricht. Nördlich, in einer kleinen Bucht des Tajazi, fand man ein Wrack. Das Schiff ist unbrauchbar. Man scheint es angegriffen zu haben. Laut dem Kundschafter sieht es aus, als wäre es zerrissen worden. Es ist uns nicht klar, wie dies geschehen sein soll. Überlebende ließen sich nicht finden. Ebenso gibt es keine Spur von der Fracht. Jedoch ließ sich der Name des Schiffes entziffern: Es ist die Paruibi von Kapitän Norís. Es wurde Befehl erteilt, seine Witwe hier in Cabó Canguina zu benachrichtigen.

Wir erbitten einige bewaffnete Kundschafter aus Ejúduira und Atáces. Wer das Schiff auch angegriffen hat, muss gefunden werden. Die Sicherheit des Tajazi als Handelsstraße könnte auf dem Spiel stehen. Wir werden auch weitere Kundschafter entsenden. Vielleicht hat das Ganze etwas mit den Berichten über aufständische Eingeborene im Norden oder den Gerüchten über Banditen im Westen zu tun. Wir hoffen, dass eure Untersuchungen diesbezüglich voranschreiten. Wenn sich diese Probleme nicht beilegen lassen, sollte man vielleicht überlegen den Tolnán zu benachrichtigen. Ojútolnán könnte einen weiteren Krieg nicht gebrauchen.

Damit erbitten wir selber auch Neuigkeiten die Kriege gegen die Vobloochen und Pervon betreffend. Hier in Cabó Canguina lässt sich kaum etwas erfahren von Dingen, die außerhalb von Nardújarnán geschehen.

Mögen eure Familien gesegnet sein.

(Siegel der Obrigkeit von Cabó Canguina)

 

 

XXXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë

01. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Nun haben wir also endgültig Nardújarnán hinter uns gelassen, um mit einem alten Kahn hinaus in den düsteren Wald zu fahren, wo uns feindliche Wesen an allen Ecken und Biegungen auflauern und bösartige Augen uns aus den Gebüschen heraus beobachten. Zumindest erscheint es mir so. Langsam bin ich nicht mehr begeistert von der Armee. Sicher, den Süden von Nardújarnán sollte jeder einmal besucht haben, doch auf diese verdammten Dickichte hier im Norden könnte ich gut verzichten. Scheinbar alles hier will unseren Tod. Schlangen verfolgen uns im Wasser und versuchen erfolglos ihr Gift in den hölzernen Körper unseres Schiffes zu spritzen. Einige Fische im Wasser scheinen bevorzugt Fleisch zu fressen, was einen Mann einen Finger gekostet hatte. Zwei weitere Gründe, kein Wasser aus dem Fluss zu trinken. Vögel fliegen über uns hinweg und entleeren ihre Därme auf uns. Das war der Grund, warum wir das Segel des Schiffes zum Dach umbauten. Und was diese knorrigen Wesen da am Ufer waren, möchte ich bevorzugt gar nicht wissen. Nachts dann werden wieder die Mücken aus ihren Löchern kommen und uns hilflos umschwirren, abgestoßen von unseren Salben. Dann erscheinen aber auch die Fledermäuse, welche nur die Mücken zu fressen scheinen. Bisher jedenfalls. Außerdem scheinen ihre Därme noch schneller zu arbeiten als die der Vögel. Ach, und diese Hitze! Verdammt seist du, oh Wald des überquellenden Lebens, dass der Tod kaum minder zahlreich ist. Beides kriecht hier jedem schon förmlich aus den Poren!

Ich fühle, dass es den anderen ebenso geht wie mir. Na gut, jeder der ihr Unbehagen nicht merken würde, wäre ein völliger Dummkopf. Duimé scheint die meisten nur noch unter den Versprechen von Belohnungen zusammenhalten zu können. Ach, welch armer Narr. Spielte er anfangs noch unseren Freund, so scheint er uns nun mehr zu fürchten als den Wald. Ich habe bei vielen der Männern den Verdacht, dass ihre Gründe zur Armee zu gehen mehr dem Verlangen entsprangen, den Gerichten zu entgehen, als der Abenteuerlust oder dem Willen Ojútolnán zu dienen. Ob es wohl zu einer Meuterei kommen könnte? Ob ich sie wohl dazu anstiften sollte? Diese Reise ist doch nicht mehr normal! Oder bin ich es? Bilde ich mir das alles nur ein? Gibt es vielleicht überhaupt keine Spannungen an Bord?

Eben vermeinte ich auch, hunderte von Augen aus dem Wald uns anstarren zu sehen. Hunderte Eingeborene, die nur darauf warteten, über unsere armen Seelen herzufallen. Welch Schande es doch wäre, an diesem verfluchten Ort zu sterben. Oh, ich sollte mich zusammenreißen. Seltsamerweise scheint es mir besser zu gehen, wenn ich das Amulett der alten Frau betrachte. Irgendwie gibt es mir Kraft und vertreibt den Hass aus meinem Schädel. Ich sollte mich lieber ablenken, nicht soviel nachdenken, mal mit den anderen reden. Miruil und Couccinne spielen drüben grad irgendein Kartenspiel. Vielleicht kann ich da mitmachen oder zumindest zugucken. Und Jimmo zeigt dem Jungen Dosten irgendwelche Kunststücke mit dem Dolch. Das wäre auch interessant.

Ach, fast noch eine Woche auf diesem Kahn. Und schon wieder ihn die ganze Zeit staken müssen. Wenn ich bis Médyhúda nicht durchgedreht bin. Was uns dort wohl erwarten wird? Ich vermute ja, es wird nichts Gutes sein. In meinen Tagträumen sehe ich brennende Ruinen und verstümmelte Leichen. – Ah! Ich gehe jetzt rüber.

12. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Ich sehe meinen letzten Eintrag und kann ihn nur nochmal bestätigen. Oh, wann kommen wir bloß endlich heraus aus dieser grünen Verdammnis, deren schleimige Fänge Tag für Tag nach uns greifen? Nun, vermutlich nie. Von wegen bloß eine Woche! Fast zwei Wochen fahren wir nun schon hier auf dem Fluss herum. Nun sagen Duimé und unsere ‚Führer‘, dass wir morgen Médyhúda erreichen würden. Ob man ihnen noch glauben kann? Und ach! Ich wiederhole meine ganzen Bedenken vom letzten Mal nun nicht noch einmal. Immerhin habe ich die letzten Tage getan, was ich mir vornahm: mich abgelenkt. Mit Miruil und Couccinne gespielt und unsere Übungen vollzogen; mich mit Scaric über die teils immer seltsamer anmutenden Wesen im Wald lustig gemacht und ihnen sonderbare Namen gegeben – und doch, es waren auch einige schöne Wesen dabei; sogar mit Jimmo habe ich ein wenig gesprochen, doch kaum etwas Neues aus ihm herausbekommen. Die restliche Zeit geht für das Staken drauf, wobei man leider viel zu gut nachdenken kann.

Vor zwei Tagen kamen wir an einem Dorf der Eingeborenen vorbei. Duimé befahl uns schließlich, nach einigem Überlegen, dort anzulegen. Unsere Führer meinten, dies sei keine gute Idee, doch Duimé blieb bei seinem Entschluss. Wir bräuchten Vorräte. Das Dorf sah zunächst kaum anders aus als andere, die wir in Nardújarnán gesehen hatten. Vermutlich werden sowohl Außenposten als auch Eingeborenendörfer aus demselben Guss erstellt. Und doch – schon bei der Annäherung war etwas beträchtlich anders, Was war es wohl… – nun, zuvorderst war keine Seele am Fluss. Wir sahen zwei Leute am Kai, doch verschwanden sie bei unserem Anblick hinten im Dorf. Sehen wir denn so schrecklich aus? Nun gut, wir können uns hier kaum waschen. Wie auch immer, es kamen andere Eingeborene aus dem Dorf heraus, kräftigere Gestalten, und warfen ihre Speere nach uns. Natürlich suchten wir danach Abstand zu diesen ungastlichen Wesen. Unsere Führer versicherten uns, dass man sonst hier den Toljiken freundlicher gesonnen war. Erst nach der Angelegenheit mit Médyhúda fing man an, sich feindlich zu verhalten. Also was hat wohl diese Veränderungen verursacht? Warum greifen sie uns nun an? Das Dorf sah an sich harmlos aus, konnte kaum Einwohner haben. Also vielleicht nur Angst vor uns, weil sie fürchteten, dass wir sie für das strafen könnten, was andere verbrochen haben? Oder ein Aufstarken lange unterdrückten Hasses? Jedenfalls würden sie wohl kaum ein feindliches Verhalten einem stärkeren Gegner über einnehmen, hätten sie nicht mehr Unterstützung hinter sich. Ich harre also voll Angst und Sorge allem, was da kommen mag. Denn eines ist sicher: Dies hier ist Feindesland und alles in diesen Wäldern will unseren Tod. Keine schönen Aussichten für unseren kleinen Ausflug.

Miruil sprach mit mir über Oljó, unseren lieben Freund, und seinem kleinen Kumpanen, dem hässlichen Xeazotankro. Seinem Gefühl nach würden die beiden irgendwas aushecken. Was das wohl sein könnte? Ich vermute zumindest nichts Gutes. Aber dieser Satz kommt mir bekannt vor. Man muss nun schon hier auf dem eigenen Schiff die Augen offenhalten. Ich fühle mich wie ein Fisch in einem Meer voller Raubfische. Doch diese wären mir lieber, deren Verhalten könnte man berechnen und abschätzen. Ich vermisse Cicillia. Ich vermisse sie wirklich. Ich hätte es niemals tun sollen. Und ich vermisse auch meine Schwester. Wem soll ich mich hier denn wirklich und wahrhaftig anvertrauen? Bleibt nur das Tagebuch…

Morgen also Médyhúda…

14. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Endlich erreichten wir das Ziel unserer Reise: Médyhúda. Ich habe vieles erwartet, doch nicht das, was wir vorfanden. Verwüstungen, massenhaft verstümmelte Leichen, Breschen in den Mauern, eine Handvoll um das Überleben Kämpfender, einen Außenposten gefüllt mit feindlichen Eingeborenen, Wesen und Pflanzen des Waldes, sich ihren Teil zurückholend, einen einzelnen Überlebenden, der uns kurz vor seinem Tode eine gestammelte Botschaft überlässt – all das hätte ich erwartet und noch viel mehr, doch nichts davon entsprach der Wirklichkeit. Wir haben den ganzen Außenposten auf den Kopf gestellt, ihn von Innen, Außen, Oben und Unten gründlichst durchsucht und doch nichts gefunden. Rein gar nichts. Keine Kampfspuren an den Mauern, im Hof, am Tor, an oder in den Gebäuden oder gar im nahen Wald. Keine Toten, keine Waffen, keine Eingeborenen, keine Tiere. Nichts. Und das ist es, was die Sache verdächtig und unheimlich werden lässt. Wo ist all dies, was einst in diesem Lager sich befand? Alles an Besitztum, Waffen, Vorräten und dergleichen ist verschwunden. Zurück blieben nur die spärlichen Möbel sowie die nun leerstehenden Gemäuer. Als hätte man entschlossen, den Außenposten aufzugeben und für immer zu verlassen. Doch das widersprach den Berichten. In Huális hatte man niemanden erblickt. Über den Fluss sind sie dort nicht vorbeigekommen. In den Wald sind sie aber auch nicht gezogen; wir fanden jedenfalls keine Spuren. Das wiederum ist auch sehr verdächtig, denn hieß es nicht einst, dass Médyhúda angegriffen worden sei? Aber dann müsste es doch Spuren der Angreifer geben, doch die finden sich nicht. Hat man alle Spuren beseitigt? Doch es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Die Besatzung des Postens könnte flussaufwärts geflohen sein, mit einem Schiff. Doch wozu, warum und wohin? Zumindest fehlen die beiden Schiffe des Postens.

Duimé gab uns nun neue Befehle. Er meinte, wir seien hier, um herauszufinden, was in Médyhúda geschehen sei, und vielleicht auch mit dessen fliehendem Boten, und dass es bei diesem Auftrag bleiben würde. Also schlugen wir hier unser Lager auf und warten. Wer eine Begabung dafür besitzt, muss den umgebenden Wald durchsuchen, auf dass sich vielleicht doch noch Spuren finden würden. Einer der Männer aus Huális fragte ihn, ob sie mit einem vorläufigen Bericht nach Huális zurückkehren sollten. Duimé war zunächst dagegen, da wir sonst erstens kein Schiff mehr hätten, zweitens unsere Vorräte nicht die gut zwei Wochen bis zu einer Rückkehr ihrerseits reichen würden. Doch Commosha Dacealus überzeugte ihn, sie ziehen zu lassen, da wir uns auch aus dem Wald ernähren könnten; Tiere, Beeren und Wasser fanden sich zu Genüge. Duimé nahm sich nur einige Augenblicke für seinen Bericht, dann brachen die beiden auf.

Ich fühle mich hier unwohl, so ohne Möglichkeit einer schnellen Flucht. Ich sollte das hier wohl als eine seltsame Art der Beurlaubung betrachten, doch das klappt nicht. Die zahlreichen Tierlaute des Waldes und die altbekannten Probleme halten mich davon ab. Eigentlich möchte ich in überhaupt keinen Kampf verwickelt werden. Außerdem träume ich nun auch noch ständig von Ccillia. Ach könnte ich sie doch nur erreichen!

 

 

XL: Bericht des Caris Duimé an Atáces

14. 09. 3979, Médyhúda

Wir haben Médyhúda erreicht. Dies ist mein Vorbericht, ein vollständiger folgt, sobald alles endgültig geklärt ist. Der Außenposten ist verlassen. Es gibt keine Anzeichen erfolgter Gewalt, noch welche von der Besatzung. Da das zweite Schiff des Postens auch fehlt, dürften sie vermutlich damit geflohen sein. In Huális wurden sie nicht gesehen, also fuhren sie flussaufwärts oder in einen der zahlreichen Nebenarme des Stromes. Im Wald fanden sich keine Spuren von ihnen, jedoch auch keine von Angreifern. Wir werden dies ungefähr zwei bis drei Wochen lang untersuchen. Ergibt sich bis dahin nichts, werden wir diesen Posten halten, bis andere Befehle oder Entsatzung eintrifft. Huális soll uns mit Vorräten versorgen.

Euch zu Diensten,

Caris Duimé y Belané

 

 

XLI: Tagebuch des Falerte Khantoë

23. 09. 3979, Médyhúda

Sie werden nie wieder zurückkommen. Die armen Seelen aus Huális, die dorthin zurückkehren wollten, werden niemals von uns erzählen können. Und ohne sie sind wir auch verloren. Seit zwei Tagen nun schon liegen ihre verwesenden Körper vor den Mauern des Außenpostens in der Sonne. Eines Morgens waren sie plötzlich da. Sie wurden ermordet, ihre Kehlen sind durchgeschnitten. Jimmo und ein anderer Kerl sollten sie hereinholen. Kaum waren die Tore aber offen, da regnete es bereits Speere auf sie. Zum Glück wurden sie nicht verletzt. Es erfolgt immer noch kein Angriff auf uns, doch das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Wir sitzen hier fest. Ich fühle mich wie in einem Kochtopf. Die Sonne brät uns, damit die Eingeborenen sich an uns laben können. Was sollen wir tun?

Drei Tage nach unserer Ankunft fanden Miruil und ich das zweite Schiff des Außenpostens, als wir den Fluss abwärts erkundeten. Es lag in einer kleinen, doch äußerst gut versteckten Bucht. An Bord befand sich natürlich niemand, doch es war stark beschädigt worden. Zum Glück war der Rumpf noch ganz. Es war eine gewaltige Mühe und die Arbeit zahlreicher Hände nötig, es hierher zu bekommen. Erst seit drei Tagen liegt es am Kai. Wenige Stunden später sollten wir uns in dieser misslichen Lage befinden. Vielleicht haben wir mit unserer Arbeit die Eingeborenen auf uns aufmerksam gemacht.

Duimé befahl, das Schiff wieder herzurichten. Ich hoffe, damit wir fliehen können, und nicht nur, um Boten zu entsenden. Keiner von uns ist zum Krieger geboren und sollte Duimé etwas dergleichen in Erwägung ziehen, dürfte es eine Meuterei geben. Ich jedenfalls will nicht hier bleiben, bis die Augen des Waldes dort draußen zu uns hier herein wollen. Ich habe etwas gegen ungebetene Gäste. Und die meisten hier sind meiner Meinung, soweit ich das mitbekommen habe.

30. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Oh, wie sich manchmal doch die Ereignisse überschlagen können. Wir haben einen neuen Anführer und sind irgendwo im Nirgendwo. Noch am selben Tage meines letzten Eintrages beging dieser Idiot Duimé seinen Fehler, den ich befürchtet hatte. Kaum war das Schiff zur Abfahrt bereit, da gab er schon den Befehl, dass fünf von uns damit nach Huális fahren und Hilfe holen sollten. Als wären diese nicht selber genug in Not und nun vielleicht schon längst gefallen. Als wären die beiden Toten vor den Toren von Médyhúda nicht Beweis genug, dass eine Fahrt gen Huális den Tod bedeuten würde. Als wären wir nicht bereits selber genug auf verlorenem Posten, ohne Vorräte, ohne Hilfe.

Kaum, dass Duimé seinen Befehl erteilt hatte, da ging der Unmut in Form eines Raunens durch die Mengen. Dann trat der Krieger Gammil aus ihr heraus, stellte sich vor Duimé und widersprach. Wir würden dem Befehl nicht gehorchen, sprach er. Stattdessen sollte das Schiff uns lieber in Sicherheit bringen. Duimé war von diesem Widerspruch nicht begeistert. Er nannte dies Meuterei und befahl Miruil, der Gammil gerade am nächsten stand, diesen zu verhaften. Doch Miruil verneinte diese Aufforderung. Andere aus der Truppe stellten sich auf seine Seite. Selbst Oljó und Xeazotankro standen hinter der Meuterei von Gammil. Selbst Commosha Dacealus gehorchte Duimé nicht mehr. Ich war mehr als beeindruckt und erfasst von diesem alle durchdringenden Gruppengeist.

Gammil wurde schnell von allen als neuer Anführer angesehen. Einige gaben zwar Ratschläge oder stellten sogar seine Entscheidungen etwas in Frage, doch letztlich folgte ihm jeder. Was sollen wir auch anderes tun? Wir haben alle denselben Wunsch: zu leben. Oljó forderte lautstark Duimés Tod, andere stimmten sogar ein, doch Gammil war dagegen, und die meisten waren ebenso dieser Ansicht. Duimé war zwar stets hart gewesen, doch ihn umzubringen wäre unmenschlich und würde uns kaum besser machen als unsere Angreifer. Also fesselten wir ihn nur. Seine Verfluchungen und Drohungen hörte niemand von uns mehr. Auch wenn ich zugeben muss, dass jemand darüber hätte nachdenken sollen, was später fern von Médyhúda mit ihm geschehen sollte. Aber das ist nun wohl unwichtig.

Gammil ließ das Schiff beladen mit allem, über das wir noch verfügen. Viel ist es nicht. Dann, dem hastig in unseren kleinen unzulänglichen Geistern erstellten Plan nach, wollten wir schlicht stromabwärts fahren. Zur Not uns treiben lassen, doch hauptsache weg von Médyhúda. Im Wald ertönten bereits die Trommeln und wir sahen immer mehr kampfbereite Eingeborene auftauchen, während wir in diesem Gefängnis ohne Vorräte feststeckten. Es war also allerhöchste Zeit, etwas zu unternehmen. Doch Dosten, der von uns allen die besten Augen hat, sah ein Problem: Etwas weiter flussabwärts von Médyhúda gerät der Tajazi in eine Enge, an welcher sich die Ufer sich annähern. Dort war es, dass die Eingeborene auf Erhöhungen Feuer entfacht hatten, wie Leuchtfeuer zu beiden Ufern. Gerade waren sie dabei, irgendetwas, das jedoch stark nach Baumstämmen aussah, ins Wasser zu lassen. Sie wollten uns also einsperren oder zumindest über eine Möglichkeit verfügen, uns bei unserer Durchfahrt erreichen zu können. Letzteres stellte sich jedoch schließlich als falsch heraus, denn bald war tatsächlich der Flusslauf für Schiffe gesperrt.

Einige von uns bekamen an dieser Stelle Panik. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie auf die Idee kämen uns auch vom Wasser her anzugreifen? Einige Männer wussten zwar zu berichten, dass die Eingeborenen nicht schwimmen könnten aus dem seltsamen Grund ihrer Verehrung für den Fluss, doch warum sollte man darauf vertrauen. Jedenfalls blieb für uns nur noch die Wahl, stromauf zu fliehen oder im Außenposten zu warten, bis der Hungertod oder die Eingeborenen kämen, was auch immer früher einsetzen würde. Gammil erreichte, dass wir die Flucht wählten. Wir bemannten das Schiff und legten ab. Stromauf also. Es stellte sich als fast so unerträgliche Folter heraus, wie auf den Tod zu warten. Flussab wäre es für uns leicht gegangen, sich einfach treiben lassen, doch flussauf ist es mühselig voranzukommen. Wir dürfen auch nicht zu weit hinaus ins tiefe Wasser geraten, denn uns bleibt nur das Staken, das Segel ist uns kaum eine Hilfe. Das liefert uns leider aber der Gefahr durch fliegende Speere aus. Denn die Eingeborenen folgen uns. Es ist die lächerlichste Flucht, die ich je gesehen habe. Wir kommen nur sehr langsam vorwärts. Bis Gestern konnten sie uns mühelos am Ufer folgen. Dann endlich kam ein breiter Nebenfluss des Tajazi, dessen Mündung sie nicht überqueren konnten. Unsere Vorräte sind nun längst aufgebraucht. Morgen werden wir an Land gehen, sofern dieses dann frei von Eingeborenen sein sollte. Ich hoffe doch sehr.

Lange hatte ich nicht mehr solche Angst um mein Leben. Das letzte Mal wohl damals in Emadeten. Damals, als meine heile Welt zerbrach und sich in diese hier verwandelte: Dieser Schrecken, den Nardújarnán für mich darstellt. Ich möchte gar nicht mehr daran denken, wie oft ich die Gestalt meines Puidor dort draußen in einem unserer Verfolger zu erkennen glaubte. Warum sehe ich ihn ständig? Wenn es so weitergeht, werde ich mich freiwillig allen Schrecken dort draußen stellen, um sie endlich loszuwerden. Und doch – es ist sonderbar – fühle ich mich auch lebendig wie nie zuvor auf dieser Flucht. Als würde die Angst erst mir alle Kräfte verleihen, die zum Leben nötig sind.

Den anderen an Bord geht es sehr unterschiedlich. Zunächst wäre da Duimé. Ihn hat man in eine Kabine unter Deck gesperrt. Da das Schiff nicht das Größte ist, gibt es davon hier nur vier. Die anderen werden von uns als Vorratsräume genutzt. Natürlich sind sie nun leer. Und mein Magen knurrt. Jedenfalls können wir den eigentlichen Laderaum als Schlafsaal verwenden. Das dürfte auch sicherer sein, als an Deck zu schlafen. Wer weiß, ob die Eingeborenen nicht doch noch eine Möglichkeit finden, uns mit Speeren oder Pfeilen zu erreichen. Außerdem haben wir dort unten mehr Schutz vor den Mücken und Fliegen. Unsere Salben sind längst aufgebraucht, nun plagen die Biester uns. Bei einem der Männer scheint bereits eine Art Krankheit ausgebrochen zu sein. Jedenfalls liegt er mit Fieber in einer unserer ‚Vorratskammern‘. Wir schlafen nur in kurzen Schichtwechseln. Die meiste Zeit über müssen wir das Schiff vorwärts staken oder nach Gefahren im Wald Ausschau halten. In Wirklichkeit aber erwehren wir uns da nur meist der Mücken oder dummer Vögel. Einige dieser Biester sind reichlich dreist. Miruil hat es sich mittlerweile zur Aufgabe gemacht, sie zu schießen. Auf diese Weise bekommen wir immerhin etwas Nahrung. Doch das Wasser aus dem Fluss können wir weiterhin nicht trinken; auf Durchfall kann jeder von uns gut verzichten. Couccinne will aber irgendwie versuchen, es zu reinigen. Wie, das vermag ich nicht zu sagen, doch in seiner freien Zeit stellt er seltsame Versuche mit einem Eimer Flusswasser an. Commosha Dacealus wurde verdächtig still seit unserer Meuterei. Ich frage mich, ob man ihm nun trauen kann oder ob er versuchen könnte, etwas bezüglich Duimé anzustellen. Immer wenn ich ihn sehe, versuche ich ihn im Auge zu behalten. Ähnlich geht es mir mit Jimmo, da ich immer noch weiß, ob er es damals war, der uns an Duimé verraten hatte. Äußerlich lässt er sich nicht viel anmerken, während er seine Arbeit wie wir alle tut. Manchmal aber wirft er Oljó und Xeazotankro Blicke zu, bei denen mir das Mark zu gefrieren droht. Hasst er die beiden wirklich so sehr? Doch auch dieses liebste Paar meines Ärgers ist seit den letzten Tagen äußerst ruhig geworden. Xeazotankro war nie der Stärkste von uns, und die Strapazen scheinen stark an ihm zu zehren. Fast tut er mir leid. Oljó dagegen ist zwar kräftig, doch scheinbar nicht für die Natur gemacht. Ich seh ihn immer wieder um sich schlagen und sich kratzen, als fürchte er sich vor den Mücken. Ob unser böser Oljó vor kleinen Tierchen wirklich Angst hat? Der Junge Dosten macht sich trotz seiner Schmächtigkeit dagegen überraschend gut, wesentlich besser als Xeazotankro. Ich habe ihn sich nie beklagen gehört, noch zeigt er übermäßig viel Furcht vor unseren Verfolgern. Ist es die Unerfahrenheit der Jugend oder der feste Glaube an uns alle, der ihm Sicherheit gibt? Bei letzterem dürfte er verloren sein. Selbst Scaric hat scheinbar alle seine Witze verloren, auch ihn umgibt ein düsterer Hang des Unterganges, wie uns alle.

Dann gibt es noch die beiden ehemaligen Krieger von Duimé. Der Kerl namens Jénil hat sich in letzter Zeit verdächtig gut mit Gammil gestellt, der wiederum immer noch die Rolle des Anführers innehat. Diesem Jénil traue ich kaum. Er versucht zu sehr, zu uns zu gehören. Der Andere, Gasuim, ist mir da wesentlich lieber. Anfangs erzählte er immerfort, welche Strafen uns für unsere Tat erwarten würde. Dafür wurde er im Gegenzug von Gammil bestraft. Nun hält er zwar endlich den Mund, doch zu mögen scheint er uns weiterhin nicht. Ich möchte nicht wissen, wie ich auf die anderen wirke. Seit unserer Flucht sprach außer Gasuim eigentlich kaum noch jemand mehr als das Notwendige und ich bevorzuge es hier dann auch, zu schweigen.

Wir fliehen nach Norden, hinein in den tiefen Wald. Wieviel Hoffnung ist das noch zu erwarten? Gammil meinte, wir müssten den Großen See, den Carajúl erreichen, von wo aus wir nach Osten, zum Meer gelangen könnten. Und welche Hoffnung ist das bitte? Ich träume derweil lieber von Ccillia und ihren warmen Armen. Oh Ccillia, auf dass ich dich wiedersehe.

01. 10. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Heute hat sich etwas verändert. Endlich haben wir wieder einmal angelegt. Nachdem die Eingeborenen sich immer noch nicht gezeigt hatten, haben wir es gewagt. Und oh! Wie wurden wir doch belohnt! Es fand sich ein kleiner See mit klarem Wasser, süß wie Honig; überall fanden wir Beeren und begegneten seltsamen Wesen, deren Fleisch uns nun speist. Oh welch wundersamer güldener Traum in einer Welt der Träume voller Schrecken. Au ewig hätte ich dort auf dieser Lichtung verbleiben und leben können, in meinem eigenen kleinen schönen Traum, fernab all der bösen Dinge um mich herum.

20. 10. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Es hat wahrlich eine Ewigkeit benötigt, doch endlich sind wir am See, am großen Carajúl. Zwei der Männer sind auf unserem Weg gestorben, beide an dieser grässlichen Krankheit, welche diese widerlichen Mücken und Fliegen zu verbreiten scheinen. Ein weiter scheint sich bereits angesteckt zu haben. Der Rest von uns ist einfach nur am Ende seiner Kräfte. Wir haben beschlossen, zunächst ein Lager herzurichten und für eine Weile hier am See, der mir wie ein gewaltiges Meer ohne Ende erscheint, zu verbleiben, bis wir uns etwas erholt haben. Es ist kaum zu glauben, dass aus diesen teils so friedlich wirkenden See ein Fluss entspringen kann, der so voller Gefahren ist. Selbst das Wasser des Sees ist durch Couccinnes Maßnahmen für uns genießbar.

Seit drei Wochen schon sehen und hören wir keine Eingeborenen mehr, und dieser Umstand lässt unser Herz höher schlagen. Dennoch – ich fühle mich so müde. Wir alle sind endlos erschöpft. Sollte noch etwas geschehen und wir dies alles nicht überleben, so hoffe ich zumindest, dass dieses Buch gefunden wird. Auch wenn das wohl eine sinnlose Hoffnung ist. Sagt Cicillia, dass ich sie liebe. Ebenso meiner Schwester und Mutter. Ja selbst meinem Vater. Doch nun – Schlaf – ich muss schlafen. Morgen mehr.

 

 

XLII: Bericht von Atáces an Ejúduira

20. 10. 3979, Atáces

Wir befürchten mittlerweile, die Kundschafter um den Caris Duimé für tot erklären zu müssen. Mehrere Wochen lang hat der Außenposten Huális nichts mehr von ihnen gehört. Sorgen machte man sich bereits, als entsandte Krieger mit ihrem Schiff nicht zurückkehrten. Unsere Truppen trafen gerade noch rechtzeitig ein, um Huális zu helfen. Wir erwarten ihre Berichte in den nächsten Wochen. Verläuft alles nach Plan, werden sie danach weiter gen Médyhúda ziehen. Hoffnung, die Gruppe von Caris Duimé dort lebend anzutreffen besteht aber kaum. Damit dürfte ihr Auftrag als fehlgeschlagen gelten. Zwar wurden von vornherein kaum Überlebende erwartet, doch zumindest ein Ergebnis.

Der Alui von Huális teilte unseren Truppen auch mit, Caris Duimé hätte ihm berichtet, ihr Schiff, die Paruibi, sei unterwegs nach Huális angegriffen worden. Ein Bericht darüber erreichte uns aber nie. Jedoch erhielten wir vor sechs Wochen Bericht von Cabó Canguina, dass die Paruibi zerstört aufgefunden worden war, irgendwo nördlich der Stadt. Das bedeutet, dass Schiff wurde auf seinem Heimweg erneut angegriffen und vermutlich gingen dabei auch Berichte von Caris Duimé und Kapitän Norís verloren. Dies gibt uns Anlass zur Sorge. Elpenó meldete ähnliche räuberische Vorfälle in Galjúin. Das lässt einen Zusammenhang und damit ein größeres Problem für uns vermuten. Wir werden weitere Einheiten aussenden, die betroffenen Gebiete zu erkunden und die Vorfälle zu untersuchen. Unsere Empfehlungen an euch sind, dass ihr eure Geistwächter ebenso entsendet; wir zumindest werden unsere einsetzen.

(Siegel der Obrigkeit von Atáces)

 

 

XLIII: Tagebuch des Falerte Khantoë

26. 10. 3979, Irgendwo am Carajúl.

Fast eine Woche sind wir nun schon an diesem See, diesem Meer. Kleine Hütten haben wir uns gezimmert an einer geschützten Stelle zwischen Felsen. Wir wurden gerade rechtzeitig damit fertig, denn vor drei Tagen fing es an zu regnen und seitdem hört es nicht mehr auf. All die Zeit über war es stets trocken gewesen; feuchtwarm, doch ohne Regen. Und nun das, als wollte uns die Natur verhöhnen. Dafür gibt sie uns nun Nahrung und Wasser im Überfluss. Vermutlich ist dies alles Teil ihres grausamen Spiels, unser Leiden zu verlängern. Mittlerweile kann ich mich kaum noch an ein gemütliches, warmes Bett erinnern. Wie war das damals bloß? Damals, vor über fünf Monden. Ist es wirklich schon so lange her? Nun hocke ich hier in einer Hütte zusammen mit Couccinne, Scaric und zwei anderen und höre dem Tropfen des Regens über uns zu. Irgendwie muss ich aber meine Gedanken, Überlegungen und Bedenken loswerden und was wäre da besser für geeignet, als mein kleines Tagebuch, denn Couccinne ist gerade beschäftigt und mit den anderen möchte ich nicht sprechen.

Natürlich können wir uns hier nicht ewig verkriechen. Unter Nachdruck von Gammil entschieden wir, spätestens Ende des Mondes gen Osten loszuziehen. Das Schiff hatte eine Karte von Nardújarnán an Bord, auf der deutlich doch ungenau erkennbar ist, dass man nur stets gen Osten wandern muss, um recht bald das Meer zu erreichen. Viel Schneller, als dies nach Süden möglich wäre. In beiden Richtungen sind zwar Berge zu überwinden, doch sind die im Süden höher, derweil die im Osten nur mehr große Hügel darstellen sollten. Zu Beginn der Reise könnten wir einfach dem Tajazi wieder flussab, also nach Osten, folgen. An einer Biegung käme dann ein größerer Nebenfluss, dem man bis in die Berge folgen kann. Soweit bräuchten wir das Schiff also noch und kämen mit ihm auch schneller voran. Später dann wären die Berge zu überqueren, anschließend müsste man einen Fluss finden, der nach Osten, in den See Bomorán mündet. Dieser hat eine Verbindung zum Meer und hätten wir dieses einmal erreicht, so wären wir bereits in Pesenno, einem Land Nardújarnáns, wo es immerhin Außenposten gibt. Soweit also unser schöner Plan. Immerhin durchführbar klingt er ja. Das einzige Problem wäre der Fußmarsch durch die Berge. Doch spätestens nächstes Jahr könnten wir schon zurück in Nardújarnán sein. Wenn, ja wenn, wir allem Feindlichen entgehen können. Zwei Fünfergruppen von uns meldeten sich freiwillig oder wurden als Freiwillige auserkoren, unsere Umgebung sowie den Weg gen Osten zu erkunden, zumindest ansatzweise. Eine Gruppe wird von Miruil geführt, die andere von Commosha Dacealus.

Bisher zumindest blieben wir hier unbehelligt. Selbst die elenden Fliegen kommen nicht zu diesem See. Vielleicht benötigen sie das dreckige Flusswasser zum Überleben. Im See können wir sogar genießbaren Fisch fangen und bisher fanden wir auch keine, die dafür uns fressen wollten. Es könnte ein wunderbares Traumland sein, doch wann wohl wird dieser Traum zum Alptraum werden? Wir haben auch ein Problem. Wir konnten Duimé dazu bringen, dass er sich unterordnen würde, wenn wir ihn nur von seinen Fesseln befreien. Bisher hält er sich sogar daran, und fliehen kann er hier sowieso nirgendwo hin. Aber er redet. Anfangs ließ er kurz seinen Hass in Form von Drohungen an uns aus. Züchtigungen ließen ihn dies zwar schnell vergessen, doch es streute Unruhe und Zweifel in die Herzen der Männer. Später versprach er allen eine mildere Strafe, die dem Plan zur Flucht gen Osten widersprächen. Wir müssten den Tajazi herab nach Nardújarnán, sagte er. Entweder hätten die Einheimischen ihre Sperre längst wieder aufgehoben, oder Atáces hätte bereits Truppen entsandt. So oder so wäre der Weg gen Osten in seinen Augen Unsinn. Dies säte weitere Zweifel in den Hirnen einiger, und so sieht man allenthalben Infragestellungen des Planes. Bisher konnte Gammil uns zusammenhalten, doch würden wir uns nicht bald in Bewegung setzen, so ist sicher ein ernsthafter Aufstand zu fürchten. Deshalb besteht ein Teil der ausgesandten Gruppen auch aus Unruhigen.

Dummerweise jedoch hat Duimé Recht. Woher sollen wir wissen, ob wir nicht wieder zurück könnten, den Tajazi herab? Doch genau da beginnt ein zweites Problem: Wenn wir einfach nur zurückgehen, so wird uns entweder Duimé selber oder die Obrigkeit von Atáces sicherlich vor ein Kriegsgericht stellen. Unser Tod wäre abgemachte Sache. Bei dem Weg gen Osten dagegen könnten wir immerhin versuchen, aus Nardújarnán zu entkommen. Soweit meine Meinung. Verbrecher werden wir in den Augen von Ojútolnán so oder so sein. Ich habe schon lange nicht mehr über mich selbst nachgedacht. Die letzten Tage waren gefüllt mit dem Bau des Lagers, Nahrungssuche, Erkundschaftungen sowie dem Pländeschmieden. Und auch dem Streiten. Irgendwo jedoch ist alles hoffnungslos.

Ist mein Leben nun nicht zerstört? Kehre ich nach Nardújarnán zurück, macht mich Duimé zum Verbrecher. Fliehe ich, werde ich ewiglich ein Flüchtling sein vor einem der mächtigsten Reiche der Welt. Mein Leben war ja schon immer sinnlos, nun steht es auch noch einem sinnlosen Ende gegenüber. Aber vielleicht könnte ich nach Omérian fliehen. Zurück zu Ccillia und hoffen, dass sie mir verzeiht. Ich vermisse sie an diesen Tagen immer mehr. Couccinnes Gegenwart macht dies nicht leichter. Ich sehe ihm an, dass er den Untergang genauso kommen sieht wie ich. Seltsamerweise aber versucht er es gerade in dieser Lage zu überspielen. Seit wenigen Tagen hat er Scarics Rolle übernommen, dumme Späße zu machen. Geht man einigen von diesen aber auf den Grund, so spürt man ihre Dunkelheit und Verzweiflung. Mein Freund macht mir derzeit Angst. Selbst auf Scaric macht sein Verhalten Eindruck, immer ruhiger wird der Mann. Ich bräuchte nun dringend Miruils Zuversicht und Abenteuerlust. Hoffentlich kommen sie alle bald zurück und bringen gute Neuigkeiten.

01. 11. 3979, Irgendwo am Carajúl

Im Abstand von einem Tag sind nacheinander die beiden Gruppen endlich zurückgekehrt. Als erstes kam Commosha Dacealus mit seinen Begleitern zurück. Sie hatten in einem großen Bogen die Umgebung unseres Lagers erkundet. Sich erst gen West haltend, dem See folgend, bogen sie dann ab nach Süden in den Wald, gelangten bald nach Osten, das Lager umgehend, und schwenkten dann um, nach Norden, wieder zum See zurück und danach zu uns. Auf ihrem Weg sahen sie vieles, doch kaum etwas davon wäre für uns nützlich. Nach Westen hin setzte sich der See zunächst fort wie bisher. Das heißt, mit Abwechslungen von Wald und Lichtungen, ohne irgendwelche Überraschungen. Als der Regen begann, wagten sie sich tiefer in den Wald, dessen dichtes Blätterdach sie gut vor den Fluten schützte.

Dacealus erzählte von immer größer werdenden Bäumen, von Beeren in Kopfgröße, Schnecken in Unterarmgröße und den seltsamsten anderen Tieren. Von Mittelgroßen erzählten sie, die an Bären erinnerten, doch sofort die Flucht ergriffen bei ihrem Anblick; von hasenähnlichen Flugtieren und zahlreichen Vogelarten. Einmal jedoch begegneten sie einem Tier, das aus Geschichten selbst bei uns bekannt ist: einem Carrara. Sie hatten Glück, dass es ein altes, schwaches Tier war, so konnten sie ihm noch rechtzeitig entkommen. Sonst sind diese Bestien meist paarweise unterwegs. Abgesehen von den vielen Wundern, die diese Gruppe sah, fanden sie nichts, dass uns wirklich gefährlich werden könnte; leider jedoch berichteten sie auch von nichts Nützlichem oder sonst Interessantem.

Nach ihrer Ankunft, die das Lager in einige Aufregung versetzt hatte und die allgemeine düstere Stimmung endlich mal wieder zerstob, wurde ich zusammen mit Jimmo dazu eingeteilt, Feuerholz aus dem Wald zu besorgen. Das erste Mal mit Jimmo allein. Dieser ergraute, ruhige Hüne lässt mich manchmal immer noch erschauern. Doch diesmal kamen wir sogar ins Gespräch. Der Anfang war dabei wenig eindrucksvoll: mir fiel plötzlich auf, dass wir uns nun mitten im Winter befinden müssten, doch hier in diesem Wald scheint es keinen Winter zu geben. Ich war so überrascht von meiner Erkenntnis, dass ich sie laut aussprach. Jimmo erzählte mir daraufhin, dass er es früher stets genossen hätte, mit seinem Sohn im Winter im Wald zu spielen. Diese Offenheit überraschte mich noch mehr. Ich wunderte mich ihm gegenüber, dass ich nicht gewusst hätte, dass er Familie hat und fragte ihn, was sie denn davon hielten, dass er so weit von ihnen entfernt hier in der Wildnis sei. Ich erkannte meine Taktlosigkeit zu spät, denn es stahl sich bereits ein schmerzlicher Ausdruck in Jimmos Gesicht. Auf einmal, ohne Hemmungen, erzählte er mir, wie sie von imarischen Truppen in einem der letzten Kriege zwischen Rardisonán und Machey getötet wurden. Ihr Gehöft hatte man dabei abgebrannt und Jimmo sah nur noch den Weg zur Armee. Doch nicht um Rache an den Imaris üben zu können, sondern um so weit wie möglich wegzukommen. Dann sah ich die Tränen in seinen Augen. Ich wusste nicht damit umzugehen, hatte das Bedürfnis ihn zu trösten, doch vermochte es nicht. Etwas hemmte mich. Mir muss etwas anderes einfallen, ihm mein Mitgefühl darzulegen. Ich frage mich, ob er aufgrund des Todes seines Sohnes sich nun so sehr um den Jungen Dosten kümmert.

Einen Tag nach Commosha Dacealus kam Miruil zurück, zusammen mit seinen Begleitern Oljó, Xeazotankro sowie Gasuim. Der Fünfte der Gruppe sei am Fluss von einer mannslangen wilden Echse gerissen wurden, gegen die selbst Satenechsen harmlos wirken sollten. Leider hat er uns damit nur vor etwas warnen können, dass wir bereits wussten. Ansonsten erzählten die Vier ähnliche Geschichten von Tieren und auch Pflanzen wie Dacealus, nur waren bei ihnen auch wieder diese elenden Fliegen zugegen. Es erscheint wie ein Wunder, dass sich keiner von ihnen eine Krankheit zugezogen hat. Ihre Hauptaufgabe war die Erkundung unseres Weges gewesen; das haben sie getan. Eingeborene waren ihnen nicht begegnet, ein gutes Omen. Deshalb beschlossen wir nun einstimmig, genug Vorräte anzusammeln um dann in zwei Tagen aufbrechen zu können.

Mir gefällt es irgendwie aber gar nicht, dass Miruil sich seit ihrem Ausflug besser mit Oljó und Xeazotankro zu verstehen scheint. Eine seltsame Eifersucht nagt an mir. Zwar verhält sich Miruil mir gegenüber wie gewöhnlich, doch auch freundschaftlicher zu den anderen beiden. Die Drei werden sich langsam zu ähnlich.

02. 11. 3979, Irgendwo am Carajúl

Morgen werden wir abfahren. Wir sind nun mitten in den Vorbereitungen. Doch nicht deshalb bin ich derzeit aufgeregt. Hier an diesem schönen See habe ich trotz allem viel Zeit, immer wieder über Ccillia und über das, was geschehen war, nachzudenken. Gestern Abend ging ich spazieren, nachdem der Regen endlich wieder aufgehört hatte, um mit meinen Gedanken etwas allein sein zu können. Ich wanderte in dem schwachen Licht des weißen Mondes an einem ebenso weißen Sandstrand des Sees entlang, da fing eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Erschrocken zog ich meine Waffe und starrte in den Wald, bereit für jegliches gefährliches Tier oder auch Eingeborene. Dann sah ich ihn dort inmitten der Bäume. Puidor kniete am Rande des Waldes im Unterholz. Es wirkte, als würde er dort etwas ausweiden. Seinen Anblick schon fast gewöhnt, lähmte mich die Angst nun kaum noch, wollte mich dort nur wegbringen, doch ich beschloss, so gut es ging näher heranzuschleichen, um zu sehen, was er da genau tat. Dies gelang mir soweit recht gut, und das, obwohl jede Faser meines Körpers einfach nur rennen, davonlaufen und schreien wollte, jedes bisschen ihres kläglich übriggebliebenen Verstandes von sich reißen. Doch ich beherrschte dieses Verlangen und schließlich stand ich so, dass ich von seiner Rückseite aus sehen konnte, was er dort tat. Ja, er weidete etwas aus. Doch es war nicht etwa ein erlegtes Tier, nein, dort lag die blutige Leiche meines Freundes Couccinne!

Ich musste bei diesem Anblick ohnmächtig geworden sein. Als ich erwachte, lag ich am Strand und neben mir saß Couccinne, noch sehr lebendig und sah mich besorgt an. Er gab mir Wasser und kümmerte sich um mich. Bald erzählte er mir, er sei mir gefolgt, da er sich Sorgen gemacht hatte, und fand mich dann so dort vor. Ich verschwieg ihm meine Erscheinung, doch wir setzten uns zusammen auf einen Stein am See und redeten. Er erzählte mir von seiner Familie. Wir stellten schnell fest, dass wir beide herrische Väter haben, mit denen wir kaum zurechtkommen. Couccinne aber verließ früher sein Zuhause denn ich. Zunächst versuchte er es im Orden der Omé von Frezinne als Mönch. Das erklärt für mich einiges an seiner Person. Später gab er dies aber auf, da er anfing zuviel im Leben in Frage zu stellen und keinen Sinn mehr darin sah, an demselben Ort zu verbleiben. So kam er letztlich zur Armee. Oh, er erzählte mir soviel aus seinem Leben wie nie zuvor. Und ich schilderte ihm mein größtes Geheimnis, dass meiner schönen Ccillia, meine Pläne sie wieder für mich zu erobern und den Grund, warum ich nicht mehr bei ihr war. Irgendwie fange ich an, Couccinne mehr als Bruder, denn als Freund zu betrachten.

07. 11. 3979, Irgendwo

Alles läuft nur noch schief. Alles! Lasst mich in dieses meines Totenbuch von all dem klagend niederschreiben, das uns in den letzten Tagen wiederfuhr.

Unsere Abreise vom See verlief zunächst ohne Probleme. Wir beluden das Schiff mit sovielen Vorräten, wie es nur tragen kann und stachen sodenn in See, unsere armen Hütten zurücklassend. Vielleicht hätten wir einfach auf ewig dort bleiben sollen. Solange weder Tiere noch Eingeborene kommen, dürfte es dort sicher sein, Platz genug sein eigenes sicheres Traumreich zu bauen. Und wieviel von dem, was nun verloren, wäre dann vielleicht noch da! Aber ach, so bleiben unsere Hütten zurück um unserer Anwesenheit unbedeutenden kleinen Leben zu gedenken. Vielleicht mögen sie einst Tieren oder Eingeborenen eine Bleibe sein.

Dank Segel und Strömung war es leicht und schnell, den Tajazi zu erreichen, ebenso wie auf diesem zu unserem auserkorenen Nebenfluss zu fahren. Wir kamen mitten in der Nacht dort an und es ward schrecklich. Als hätten sie uns erwartet. Einige wenige Feuer wurden von ihnen sowie uns entfacht. Dann stießen sie Baumstämme ins Wasser, wie sie es schon bei Médyhúda getan hatten. Jedoch taten sie dies bereits vor der Mündung des anderen Flusses. Uns blieb also nur die Wahl zwischen dem Versuch durchzustoßen oder umzukehren. Und ein Umkehren war nicht möglich, wie Commosha Dacealus uns schnell aufklärte, denn wir fuhren viel zu schnell. Hätten wir versucht zu wenden, so hätte uns die Strömung unweigerlich an der Sperre kentern lassen. Also gab Gammil Befehl, sie stattdessen zu durchstoßen. Wir alle hielten den Atem an oder beteten zu unseren jeweiligen Gottheiten, als wir uns ihr näherten. Unsere Angreifer hatten es nicht ganz geschafft, den Fluss zu sperren, einige Stellen boten noch knappe Durchgänge. Doch zu beiden Seiten standen sie bereit, mit Speeren in den Händen, andere hielten Bögen gespannt, und alle sangen sie Lieder oder trommelten.

Und dann erreichten wir eine der Engen. Es gab ein fürchterliches Krachen und das Schaben von Holz an Holz und das Schiff schwankte schrecklich. Die Eingeborenen schossen ihre Pfeile ab und zwei der Männer schafften es nicht rechtzeitig, sich in Sicherheit zu bringen. Dann sprangen einige unserer Angreifer unter wildem Rufen und in halbnackten, federgeschmückten Trachten zu uns aufs Schiff. Wir waren dem linken Ufer zu nahe gekommen, und so begann unser erster richtiger Kampf. Während zwei von uns mit dem Steuer rangen und versuchten, uns vorwärts zu bringen, mussten wir Restlichen uns gegen gut zwei Dutzend wilde Krieger zur Wehr setzen. Ich sah Jimmo im wilden Rausch um sich schlagen, sah Oljó von einer geschützten Stellung aus mit der Armbrust das Ufer beschießen, sah Miruil im Tanz mit einem Speerkämpfer. Und Duimé schien der Tapferste von allen zu sein. Alle von uns kämpften aber nun um unser gemeinsames Überleben. Einige taten es Oljó gleich, um nicht noch mehr von ihnen an Bord springen zu lassen. Dann endlich waren wir mit einem plötzlichen Ruck von der Sperre frei und schossen vorwärts; die Pfeile der Eingeborenen am Ufer trafen ins Nichts. Viele der Fackeln an Bord waren bereits erloschen, so wurde der Kampf für uns dunkel und ich sah kaum noch mehr als den Gegner vor mir. Schreie und Schläge von Schwertern auf Speere ertönten überall um mich herum. Immer wieder vernahm ich einen Schmerzenssschrei und oft ein Platschen, als jemand ins Wasser fiel. Und dann war auf einmal alles ebenso schnell vorbei, wie es begonnen hatte.

Wir eilten uns, den anderen Fluss hinaufzufahren und begannen das Staken, sofern noch jemand dazu in der Lage war. Wenigstens unterstützte uns das Segel noch. Erst am nächsten Tag konnten wir die Ausmaße der Schlacht erkennen. Fast ein Dutzend toter Eingeborener ward von uns noch in der Nacht von Bord geworfen. Aber nun erst erkannten wir die Verluste in den eigenen Reihen. Sechs der Männer waren tot, wir konnten sie nur noch ins Wasser lassen. Einer davon war Jénil, einer der ehemaligen Krieger von Duimé. Zwei andere waren bereits an der Sperre erschossen worden. Zwei Männer waren schwerverletzt, es gab kaum Hoffnung für sie. Fünf weitere werden ihre Verletzungen überleben, können jedoch eine Weile nicht arbeiten oder kämpfen. Zu diesen gehören auch Xeazotankro und Scaric. Ersterer verlor einige Finger, zweiterer zog sich zahlreiche Schnittwunden zu. Beide werden uns erhalten bleiben, auch wenn Xeazotankro jammert wie ein Kind. Scaric dagegen macht gute Miene zum bösen Spiel.

Nun muss ich noch das Schrecklichste von allem schildern. Ich würde es lieber vergessen, doch darf es nie vergessen werden. Oh du grausame Welt! Drei der Männer waren schlicht verschwunden, fielen während des Kampfes wohl über Bord. Und einer von diesen Dreien ist mein Couccinne! Oh geliebter Freund, so werden all deine düsteren Ahnungen doch noch zur Wahrheit. Ich werde dich vermissen, mein Freund. Couccinne Carizzo aus Amacco in Omérian, ich schwöre dir, dies alles zu überleben und deiner Familie von dir Nachricht zu bringen, von deiner Tapferkeit zu erzählen, eher will ich nicht ruhen.

Gammil weigerte sich, nach den Vermissten zu suchen und Miruil musste mich zurückhalten, sonst wäre ich allein gegangen. So aber eilen sich die kläglichen Überlebenden dieser schrecklichen Fahrt, vor ihren Feinden fliehend und hoffend auf ein neues Leben. Nun zählen wir nur noch 21 auf diesem Schiff und bald schon dürften es nur noch 19 sein. Wie viele werden wohl noch sterben müssen, bevor wir diesem fehlgeschlagenen Auftrag entrinnen können? Wir sind hier mitten auf diesem uns fremden Fluss, die Flucht dürfte nur noch wenige Tage dauern. Noch hören und sehen wir keine Verfolger, doch werden sie sicherlich kommen. Ich habe Angst.

14. 11. 3979, Irgendwo.

Eigentlich bin ich mir ja überhaupt nicht sicher, welcher Tag heute ist. Ist es wirklich der, von dem ich denke, dass er es ist? Auch weiß ich nicht, wo wir uns hier befinden. Alles scheint so hoffnungs- und sinnlos, seit wir den Fluss verlassen haben. Würden Gammil und Miruil uns nicht vorantreiben, so wäre ich wohl schon längst ein Zurückgelassener. Sollte je ein Mensch nach uns suchen, könnte er uns leicht anhand der Spur von Leichen hinter uns finden. Womöglich sind wir in Wirklichkeit auch alle schon lange tot und nun auf einem endlosen Marsch in einem schrecklichen Jenseitsreich, wo nur die Guten den Pfad als Erste verlassen dürfen. Das zumindest würde erklären, warum Couccinne so früh gehen durfte. Mit wem soll ich nun noch über meine Besorgnisse sprechen? Miruil ist völlig in der Aufgabe aufgegangen, über unsere Sicherheit zu wachen. Es ist seltsam, aber ich bemerke immer häufiger, wie ich in Jimmos Nähe gerate. Doch die ständige Anwesenheit von Dosten an dessen Seite hindert mich, unser Gespräch von damals noch einmal aufzunehmen. Scaric muss von zwei Kriegern auf einer Bahre mitgeschleift werden; er hatte sich auf dem Fluss irgendwas eingefangen.

Vor drei Tagen erreichten wir eine Stelle im Fluss, ab der das Schiff ihn nicht mehr befahren konnte. Wir mussten es dort zurücklassen und folgen ihm seitdem zu Fuß den Berg hinauf. Noch bringt uns dies fast nur Nachteile: wir kommen wesentlich langsamer voran, konnten kaum Gepäck mitnehmen, das Gelände lässt sich immer schwieriger begehen und der Wald ist noch überall, wird aber hoffentlich bald weichen. Ständig hängen uns seltsame Luftwurzeln, Äste und Blätter ins Gesicht. Wir gehen gezwungenermaßen im Gänsemarsch, da stets einer von uns vorangehen und einen Weg durch das dichte Unterholz schlagen muss. Unser Lager versuchen wir seit dem Unglück des ersten Wandertages von Wasserquellen fernzuhalten. In besagter Nacht hatten wir übersehen, dass zahlreiche Tiere an jener Stelle zum Trinken kamen. Nachdem der Mann, der Wache hatte, beim Anblick eines Carrara-Pärchens falsch gehandelt hatte, hörten wir von ihm nur noch Schreie und kamen zu spät. Doch so sollte ich einen ersten Blick auf diese mächtigen Raubtiere haben. Ich werde sie nie vergessen: Groß wie ein Mensch auf allen Vieren sind sie, dreckig gelb-schwarz gestreift, die Hinterbeine angewinkelt wie bei Hasen und ihre Sprungkraft mussten wir zu unserem Leidwesen erfahren; der Kopf ist rechteckig und massiv, die Ohren klein und dreieckig, die oberen spitzen Eckzähne überragen des Maul. Und diese wilden Augen. Wir konnten die Tiere zwar töten, doch ein weiterer Mann sollte dabei sterben. Wieder zeigte Duimé hier Tapferkeit; er wird sich bis zu seinem Ende sicherlich gut an diesen Kampf erinnern dank der Narbe. Alle anderen Tiere, auf die wir stießen, scheinen ähnlich viel Angst vor uns zu haben wie wir vor ihnen. Heute wurde ein Mann von einer aufgeschreckten Schlange gebissen; es dauerte nur wenige Stunden bis zu seinem Tod. Gestern wurde Commosha Dacealus von einer handgroßen Spinne angesprungen und gebissen, zum Glück schien sie nicht giftig zu sein. Trotzdem erregte sie Ekel.

Wir sehen nicht einmal, wohin wir gehen, denn die Bäume versperren den Blick zum Himmel. Links von uns liegt der Fluss, nun kaum mehr als ein Bach. Von uns sind nur noch 16 am Leben und ich kann kaum glauben, dass sich diese Zahl so halten wird. Hoffentlich führt uns der Fluss bald in Gegenden, in denen der Baumbewuchs aufhört. Wenigstens aber gibt es hier bereits keine Mücken mehr und Vögel erreichen uns durch das Blätterdach auch keine. Alle paar Schritte die wir vorwärts tun sehe ich aber Puidor zur Rechten. Wie ein böser Geist, der allen unseren Schritten folgt. Vielleicht ist er es ja, der all diese Toten fordert, der sich von ihnen ernährt.

Ein Gutes hat all dieses Unglück aber: Es gibt keinen Streit mehr unter uns. Wir alle handeln als eine Gruppe. Jeder passt auf die anderen auf. Selbst Oljó ist ruhig, sogar Duimé sagt kein Wort unsere Taten betreffend. Gammil, Miruil und manchmal auch Duimé geben uns Befehle, schicken uns voran, wo wir sonst schon längst vor Erschöpfung und Angst zusammengebrochen wären. Wie lange wohl noch?

27. 11. 3979, Irgendwo in den Bergen.

Seit einigen Tagen sind wir in den Bergen. Es ist merklich kälter geworden. Für Winter ist es zwar immer noch erstaunlich warm, doch wir merken den Unterschied. Überraschenderweise ist trotz der Strapazen Scaric wieder genesen. Auch sonst haben wir alle den Weg hierher gut überlebt. Den Fluss haben wir hinter uns gelassen, nachdem er zu einem kleinen Gebirgsbach geworden war. Die Ungenauigkeit der Karte hat uns aber zu Schlimmen verführt: Die Berge sind höher als gedacht, wenngleich lange nicht so hoch wie andere Gebirge. Wir befinden uns hier nun auf halber Höhe und noch ist es nicht zu kalt, eher angenehm warm. Die Luft ist klarer, der Wald liegt endlich hinter uns. Wenn man nach Westen sieht, hat man manchmal eine großartige Aussicht über das Land. Und erschreckenderweise sieht man überall nur Wald, unterbrochen von wenig Blau, vor allem im Nordwesten zum See hin. Ich hoffe, diesen gewaltigen Urwald nie wieder sehen zu müssen; vermissen werde ich ihn jedenfalls nicht.

Gestern sah ich erneut Puidor. Ich erkundete gerade die Umgebung unseres Lagers, da stieß ich auf eine Höhle. Feuerschein lockte mich an, doch befahl mir auch vorsichtig zu sein. Also schlich ich, zumindest so gut es ging, suchte mir Deckung hinter einem großen Stein und spähte in die Höhle. Schon längst hatte ich lauten Singsang vernommen. Und da stand er, Puidor, wie immer halbnackt, mir zwar den Rücken zugewandt, doch deutlich erkennbar. Die Arme hatte er weit erhoben, in der rechten Hand hielt er einen Dolch. Vor ihm stand ein kleiner Altar, geschlagen aus dem Felsen, darauf lag ein kleines Tier des Waldes. Im Boden vor dem Altar wiederum befand sich ein großes rundes Loch von dem Durchmesser einer Menschenlänge. Feuer züngelten daraus hervor. Um dieses Loch stand ein halbes Dutzend Gestalten, allesamt nackt. Drei waren eindeutig Eingeborene, doch die anderen Drei sahen nur entfernt menschlich aus. Ihre Haut war schuppig und blauschwarz, der Kopf war der einer Bestie. Sie alle wie sie dort standen sangen zusammen diesen Singsang und ich erkannte darin ähnliche Worte wie damals auf der Sturmwind.

Als Puidor dem Tier die Kehle durchschnitt, war alles vorbei. Ich fand mich irgendwo auf einem Vorsprung wieder ohne auch nur die leiseste Ahnung, wie ich dort hingekommen war. Der seltsame Traum den ich von Puidor hatte, verfolgte mich bis hierher. Es war schwer unser Lager wiederzufinden.

02. 12. 3979, Irgendwo.

Schreckliches ist geschehen: Wir wurden gefangen genommen. Sie haben aber mein Tagebuch nicht entdeckt. Ich werde hier festhalten, was uns geschieht. Ich habe aber wenig Hoffnung zu überleben. Eigentlich macht es kaum Sinn, hier hineinzuschreiben. Wer wird es denn schon jemals lesen? Sollten sie mich holen, werde ich es in einem Loch in der Zelle verstecken. Vielleicht findet es jemand. Vielleicht bringt es jemand in die Außenwelt. Oh, wie unsinnig diese Annahmen sind! Aber trotzdem kann ich mich so beschäftigen.

Gerade herrscht da draußen Ruhe. Es ist noch nicht lange her, da kamen sie um Oljó zu holen. Also dürfte nun genügend Zeit sein, bis sie wiederkommen. Ich bin in dieser Zelle jetzt allein mit Xeazotankro, der aber nicht mehr sprechen kann seit sie ihm den Kiefer brachen. Es ist fürchterlich. Sollten sie kommen, mich zu holen, werde ich vielleicht froh sein. Die Gewissheit eines nahen Todes dürfte besser zu ertragen sein als diese unbeschreibliche Möglichkeit des Drohenden.

Noch in derselben Nacht, in der ich meinte diesen Traum von der Versammlung des Puidor zu haben, griff man uns an. Sie kamen aus dem Nichts und gleichzeitig doch von überall her. Bevor wir uns versehen hatten, waren wir bereits umstellt. Gut, eigentlich merkten wir das alles erst, als wir geweckt wurden. Soviel zu unseren Wachen. Einige schlugen sie nieder, bevor wir alle zusammen gefesselt und verschleppt wurden. Ich war teilweise wach, doch erinnre ich mich kaum an den Weg. Es ging eine Weile in der Dunkelheit über steile Bergpfade. Unsere Entführer konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen, doch sie waren, sie sind, menschenähnlich. Je ein bis zwei trugen, zerrten oder schleppten einen von uns. Bald wurde es vollends dunkel um uns, als wir Höhlen oder Tunnel betraten. Ich weiß nicht, wie lange es so durch die Dunkelheit ging. Auch weiß ich nicht, wohin es ging, denn nie wurde ein Feuer entfacht oder Licht gemacht. Wer weiß, wie es unsere Entführer schaffen, sich in dieser Finsternis zurechtzufinden.

Selbst jetzt hocken wir in teilweiser Finsternis, doch Feuer aus den Räumen jenseits unseres Gefängnisses beleuchtet es schwach. Hier war es, wo wir uns wiederfanden. Außerhalb sehen wir nur wenig. Ein gewaltiger, fast kreisrunder Raum, in dessen Mitte ein gewaltiger Abgrund droht, aus dem Feuerschein und Rauch aufsteigen, liegt dort draußen. Das Gefängnis selbst besteht aus einer größeren, sehr naturbelassenen Höhle, von der mehrere kleine, mit Gittern versperrte Nischen abgehen: unsere Zellen. Es zweigen noch weitere Höhlen und Gänge von der Haupthöhle ab, deren Zwecke uns unbekannt sind. Dies alles wirkt wie eine natürliche Festung.

Niemand bewacht uns. Wenn aber jemand kommt, uns zu holen oder Essen zu bringen, so sind es Eingeborene. Diese elenden Bastarde! Ist dies also ihr Geheimnis? Haben sie hier eine Kultstätte oder die Hauptstadt ihres Reiches? Nun, womöglich auch nur die Folterkammer des Reiches. Bedeutet dies, dass die Eingeborenen doch nicht so harmlos sind, wie immer alle denken? Ach, die Frage war dumm. Mein Gehirn scheint in seinen Leistungen immer weiter nachzulassen.

Nachdem wir mehr oder minder in unseren Zellen erwacht waren, wurden wir nicht einmal begrüßt. Lediglich unsere Waffen hatten sie uns genommen. Ich teile – oder teilte – mir eine Zelle mir Oljó und Xeazotankro. Nebenan höre ich Miruil und Duimé auf der einen, Commosha Dacealus und Gammil auf der anderen Seite, zusammen mit zwei weiteren Kriegern. In den anderen Zellen steckt der Rest von uns. Anfangs schrien und zeterten einige noch, mittlerweile sind die meisten aber verstummt.

Gestern kamen sie das erste Mal, um jemanden von uns zu holen. Einen armen jungen Krieger zerrten sie aus seiner Zelle, die anderen drängten sie dabei zurück. Wir wissen nicht, was aus dem Kämpfer wurde, doch er wurde schreiend in die Haupthöhle hinaus gebracht und entschwand dort unseren Blicken. Gut eine Stunde später hörte ich nur noch Grauenvolles. Ein Singsang ähnlich dem meines Traumes erhob sich dort in den Gängen der Dunkelheit. Immer wieder vernahm ich darin die Worte Šamrek und Ašckhir, welche ich auch damals auf der Sturmwind gehört hatte. Irgendwann stimmte das Schreien des Mannes wieder darin ein, in tiefer Todesfurcht und Abscheu. Und schließlich, zum Höhepunkt des Gesanges, ertönte ein markerschütterndes tiefes Brüllen wie aus dem Leib der Tiefen selber und plötzlich brachen die Schreie des Kriegers ab. Wenig später sollte auch der Singsang enden. Und nun, nun ertönt er wieder, und sie haben Oljó zu sich geholt.

05. 12. 3979, Irgendwo.

Ašckhir lautet der Name dieser Gewölbe. Nun wissen wir dies endlich und können den Schrecken benennen. Namensgeber war Oljó, der ihn zu uns trug. Gestern kam er unerwartet wieder. Der Singsang von vor wenigen Tagen war nicht von Schreien begleitet gewesen. Oljó sagt, er wäre verhört worden: Wer er sei, wer wir sind, was wir in diesen Bergen wollten. Er erzählte, er hätte unsere Geheimnisse bewahrt und es ihnen nicht verraten, hätte ihnen gesagt, wir seien nur einfache Abenteurer auf der Suche nach dem Glück. Einen Unterschied dürfte das jedoch nicht machen, denn sterben sollen wir wohl so oder so. Doch mit sich brachte Oljó immerhin einen Dolch, an den er irgendwie gekommen war.

Um diesen herum bildete sich in den folgenden Stunden ein schwachsinniger Plan, der zugleich aber unsere einzige Hoffnung ist. Denn Oljó hatte auf seinem Weg auch die Gänge gesehen; hatte gesehen, wo Waffen liegen und sogar einen Weg ans Tageslicht bemerkt. Duimé meldete sich schließlich freiwillig für diesen Plan. Er sprach, der einzige Sinn seines Lebens sei seine Familie, die nun auf ihn wartete, weshalb er sie nicht alleine lassen würde.

Doch für Gammil kam diese Zusage zu spät. Bevor sie Oljó zurückbrachten, holten sie unseren armen Anführer. Gammil wehrte sich tapfer gegen die vier Eingeborenen, schlug sogar einen von ihnen nieder, doch wurde letztlich überwältigt. Sie brachten ihn hinaus in die Feuerkammer, wie wir den Kessel außerhalb unseres Gefängnisses nun nennen und verschwanden dort mit ihm für immer. Etwa eine Stunde später setzte der Singsang ein. Gammil blieb auch da noch tapfer und stark, nicht einmal schrie er. Zum Höhepunkt des Ganzen jedoch, in Verbindung mit diesem unheiligen Brüllen aus der Tiefe, brach auch sein Widerstand und wir hörten ihn. Wir alle trauern nun um ihn. Wer wird der Nächste sein? Mein Verstand droht schon vor Angst völlig zu entfliehen. Oh, Ccillia, oh Couccinne, rettet mich!

13. 12. 3979, Irgendwo.

Wo bin ich? Wo? Wo! Fast könne ich auch fragen, wer bin ich. Doch noch ist es mir halb bewusst. Es ist dunkel. Nun, nicht ganz. Der Mond gibt mir genug Licht zum Schreiben. Ich hocke hier in irgendeinem dunklen Erdloch. Sonst gibt es hier aber auch nirgends Deckung, nirgends Schutz. Dieses ganze elende Land hier ist, so weit man sieht, in alle Richtungen offen. Nur hie und da ein Busch, ein Baum. Und doch bin ich hier allein, sehe ich niemanden. Selbst Tiere scheinen mich zu meiden. Dabei habe ich kaum noch etwas bei mir, außer diesem Buch und dem kläglichen Rest Tinte. Dies wird mein letzter Eintrag sein. Selbst wenn ich noch länger überleben sollte, werde ich über keine Tinte mehr verfügen. Vielleicht sollte ich einfach dieses verdammte Pergament essen, etwas anderes findet sich hier doch nicht! Aber nein, ich reiße mich zusammen. Hier in diesen Gegenden ist es wahrscheinlicher, dass jemand mal dieses Buch finden sollte. Ich stelle mir vor, wie es jemand in hunderten von Jahren als einzigen Zeugen neben meinen Knochen findet. Ich werde also fortfahren, über alles zu berichten, zur Warnung derer, die da kommen, vielleicht? Als Warnung vor dem Wald, den Eingeborenen, den Bergen, dem Grauen dort drinnen!

Ach, lasst mich jetzt den Wahn auskosten! Nun, werter Finder, werter Leser, sicher wundert ihr euch, seid ihr denn bis zu diesem Eintrag gelangt, wie es sich ergab, dass ich mich hier in den Steppen wiederfinde. Lasst es mich erklären, mein Freund, oh einziges Wesen hier, zu dem ich sprechen darf. Wir waren zuletzt an einer Stelle stehengeblieben, an der unser geschätzter Führer Gammil gerade geopfert worden war und Oljó mit seinem Ausbruchsplan ankam.

Wir mussten noch zwei weitere Tage warten, bevor wir damit beginnen konnten, doch dann war es plötzlich soweit. Sie kamen sich ein neues Opfer zu holen. Als dieses hatten sie sich den Jungen Dosten auserkoren. Ab da ging alles schief, was wir je geplant hatten. Jimmo, der sich in derselben Zelle wie Dosten befand, stellte sich vor ihn und meinte, dass sie erst an ihm vorbei müssten, bevor sie den Jungen bekämen. Die Wächter verstanden vermutlich kein Wort, jedenfalls schlugen sie Jimmo nur einfach nieder und packten Dosten, um ihn herauszuzerren. Da fing Duimé in seiner Zelle an zu rufen, man solle ihn nehmen, doch ihn beachteten sie erst gar nicht. Als dieses also nicht klappte, war er Oljós Dolch hinüber in Jimmos Zelle, der gerade wieder aufstehen wollte. Er nahm den Dolch und stach ihn einem der Eingeborenen in den Bauch, bevor sie handeln konnten. Endlich kam ihm auch Gasuim, der Dritte in jener Zelle, zu Hilfe. Er schnappte sich die fallengelassene Waffe des erstochenen Eingeborenen. Zu zweit sahen sich Jimmo und Gasuim drei Gegnern gegenüber. Diese kamen nicht einmal auf die Idee, Hilfe zu rufen, waren sich ihres Sieges scheinbar schon sicher. Einer blieb zurück um Dosten zu halten, derweil die anderen beiden mit Jimmo und Gasuim kämpften, die trotz der langen entbehrungsreichen Zeit den Kampf gewannen. Der letzte Wächter hatte, als er seine Geisel törichterweise von sich stieß, kein langes Leben mehr.

Die drei Krieger eilten sich sodenn, uns andere auch zu befreien. Noch hatte man nichts von unserer Tat bemerkt, doch lange könnte es nicht dauern, bis die Wächter mit dem Opfer vermisst werden würden. Oljó zeigte uns die kleine Waffenkammer, welche nahezu genau neben meiner Zelle gelegen hatte, und wir rüsteten uns mit Sensen und Äxten aus. Unser Leben lag weiter in Oljós Händen; nur er wusste den Weg hinaus, ihm hatten wir zu folgen. Dazu eilten wir durch dunkle Gänge, an seltsamen Höhlen vorbei, sahen sonderbare blauleuchtende Kristalle und Kammern gefüllt mir eiähnlichen Gebilden, deren Zweck mir immer noch nicht klar geworden ist, doch die mir kein gutes Gefühl vermittelten.

Seltsamerweise begegnete uns auf dem ganzen Weg kaum ein Eingeborener. Ich hätte mit wesentlich mehr Widerstand gerechnet. Bald fragten wir uns, ob Oljó auch tatsächlich wüsste, was er da tat, denn unserem Gefühl zufolge gingen wir immer nur im Kreis, da meinte er endlich, die Tunnel hinaus lägen um die nächste Ecke. Doch vorher kamen wir an einer Öffnung zur Haupthöhle vorbei, wo wir Schreckliches sahen. Jener Anblick verfolgt mich in meinen einsamen, düsteren Träumen.

Diese Träume erzählen von einer gewaltigen Höhle, himmelwärts strebend der wolkenverhangenen Nacht hin geöffnet, abwärts dagegen nur feurige Abgründe offenbarend. Auf unserer Höhe lag eine Art Umrandung einmal rings um diese Abgründe herum, eine sich daraus bildende Felsnase ragte weit über das Feuer hinaus. Dort drauf war es, dass ich Puidor erblickte. Er stand, hatte die Arme weit erhoben wie damals in meinem Traum von der anderen Höhle. Hinter ihm, am Rand des Abgrundes, waren dutzende, nein hunderte von Eingeborenen und diesen brutalen Schuppenwesen. Sie alle standen dort und starrten wie gebannt hinab in die Feuer, allesamt vereint diesen Singsang von sich gebend, doch tausendmal lauter als zuvor. Vor Puidor war ein Käfig eingelassen in die Felsnase, in der noch Knochen lagen. Dann aber erblickte ich den Schrecken meiner wüstesten Alpträume, aufsteigend aus dem Feuermeer. Gewaltige Augen in einem gewaltigen Schädel, die nur Brutalität und Macht versprühten, erblickten uns bei unser Flucht. Riesige Finger mit scharfen Krallen einer beschuppten Hand deuteten auf uns. Ein Brüllen, lauter als die Stimmen aller Versammelten zusammen, erhob sich wütend aus seinem Maul, das groß genug war einen Menschen stehend aufzunehmen.

Plötzlich drehten sich alle nach uns um. Der Bann, der wenige Herzschläge lang auf uns gelegen hatte, wurde so gelöst. Oljó schrie, wir müssten laufen und auf einmal war alles panisch unterwegs. Wir rannten nun blindlings durch dunkle Tunnel, immer Oljó hinterher. Irgendwo auf diesem Weg muss Gasuim gestolpert sein; wir vernahmen nur noch seine Schreckensschreie und die Laute wilder Bestien, wie sie über ihn herfielen. Er sollte aber nicht das letzte Opfer bleiben, bis wir endlich die Freiheit erreichen konnten.

Es geschah völlig unvermutet, doch plötzlich waren wir dann draußen, hatten wir die Höhlen hinter uns gelassen. Vor uns lagen Felsen und Sträucher und in der Ferne das offene Land. Immer noch liefen und rannten wir, immer weiter, denn sie waren hinter uns. Nicht einmal wagte ich es, mich umzudrehen, blickte nicht einmal zurück. Angst vor allem, was da hinter uns war trieb mich voran, Angst vor diesem unglaublichen Schrecken. Bald rief Miruil, dass wir uns trennen müssten, wollten wir eine Möglichkeit zum Überleben haben. So kam es, dass ich die anderen aus den Augen verlor. Angstgetrieben rannte ich nämlich stolpernd weiter über Stock und Stein. Möglichkeiten sich zu verstecken gab es ja nur wenige, denn wir waren in halber Höhe aus dem Hang des Berges gekommen. Wo man nun auch hinsah, man erblickte überall nur graues und schwarzes Gestein, Aschefelder und Gesteinsbrocken aller Größen. Nur die Dunkelheit beschützte uns.

Bald dann wollten meine Beine mich nicht mehr weiter tragen und schließlich ließ ich mich hinter einem Stein schwer fallen. Trotzdem musste ich noch einen gehetzten Blick zurückwerfen. Man kann sich kaum meine Erleichterung vorstellen, als ich keine Verfolger erblickte. Gleichsam aber sah ich auch keinen der anderen. Darüber zu grübeln blieb mir aber erstmal keine Zeit, erschöpft schlief ich an Ort und Stelle ein. Als ich erwachte, war es etwa Mittag. Immer noch gab es keine Sicht von Freund oder Feind, auch hatte ich den Berg aus meinem Blick verloren. Ich konnte nur noch versuchen, nach Osten zu gehen, in der wilden Hoffnung, auf einen Fluss und damit auf die anderen zu stoßen. Gestern erblickte ich einen und halte seitdem darauf zu. Nachdem die Berge hinter mir lagen, kam soweit man blicken konnte nur Steppe, selten durchbrochen von einzelnen Hainen.

Vor einigen Stunden glaubte ich im Süden eine Horde dieser schuppigen Bestien zu sehen, weshalb ich mich hier nun versteckt halte. Einer aus unserer Gruppe muss unbedingt überleben, zurückkehren nach Nardújarnán und sie warnen. Dafür sollte uns auch vergeben werden können. Diese Bestien scheinen die Eingeborenen zu beherrschen oder zumindest mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ihre Angriffe gegen Nardújarnán scheinen nur der Anfang von etwas zu sein. Ich habe es hier noch nicht niedergeschrieben, doch eines Nachts kam Puidor in meinen Träumen zu mir und erzählte, dass es an anderen Orten auf der Welt weitere Festen wie die seine gäbe, und ihr Ziel diese ganze Welt sei. Sie muss gewarnt werden. Doch wer weiß, ob diese Nachricht sie je erreichen wird. Und nun…

(Der Rest ist kaum noch zu entziffern gewesen, da die Tinte immer schwächer wurde. – Anm. d. Hrsg.)

 

 

 

 

Zweites Buch

 

XLIV: Bericht des Arztes von Camdis an Aiduido Elazar

13. 01. 3980, Camdis.

Dies ist ein Bericht des ärztlichen Alui des Außenpostens Camdis.

Anfang des Jahres fand ein Schiff des Außenpostens Malazis an der nördlichen Grenze Pesennos zufällig bei einer Erkundung ein Floß, wie es im Meer trieb. Auf diesem Floß befanden sich acht Männer, von denen nur noch sieben am Leben waren. Keiner der Männer war ansprechbar, viele kurz vor dem Verdursten. Zwei hatten sich eine schwere Krankheit zugezogen, der Rest wies Mangelerscheinungen auf. Man brachte sie in den Außenposten Malazis, wo sie notdürftig versorgt wurden, und später zu uns nach Camdis. Nur sechs von ihnen kamen hier lebend an, der Siebte starb an seiner Krankheit. Wir versorgten sie, so gut es ging und fingen damit an, diesen Bericht vorzubereiten. Es ließ sich nicht feststellen, zu welcher Einheit die Männer gehören. Seltsam erschien uns auch, dass nicht alle von ihnen Toljiken sind. Wir mussten warten, bis einer von ihnen wieder ansprechbar war, um mehr zu erfahren. Zwar fanden wir bei einem von ihnen ein Tagebuch, doch lässt sich dieses kaum entziffern.

Der Erste, der wieder ansprechbar sein sollte, war einer von denen mit kräftiger Statur. Er stellte sich als Oljó y Becal vor, ein Toljike aus Rardisonán. In den ersten Momenten, in welchen er wieder bei Bewusstsein war, konnten wir noch nicht viel von ihm erfahren, erst später nannte er uns seinen Namen und mehr. Scheinbar gehörten diese Männer allesamt zu einer Einheit unter Befehl eines gewissen Caris Duimé y Belané, welcher aber nicht in der gefundenen Gruppe war. Laut Oljó sei er in den Bergen, vermutlich den Atúposbergen, umgekommen. Oljós Erzählungen gaben uns ein Bild, dem zufolge die Gruppe den Außenposten Médyhúda an der Nordgrenze von Jaduiza erkunden sollte, dort aber dann von Einheimischen belagert wurde. Caris Duimé gab dann Befehl, in die Berge zu flüchten. Doch immer wieder muss die Gruppe angegriffen worden sein; zuletzt wurde sie kurz hinter den Bergen auseinander gesprengt. Die meisten von denen, die noch lebten, konnten sich bald wieder sammeln und gingen in Richtung des Flusses Bomóran.

Caris Duimé gehörte zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr zu den Überlebenden. Stattdessen fanden sie jedoch unweit des Flusses noch einen anderen Mann, einen Ramiten namens Falerte Khantoë. Das ist der Kerl mit dem unverständlichen Buch. Oljó warnte uns, dass sich Khantoës Geist aufgrund des Drucks der Kämpfe und Fluchten in seinen Wahnvorstellungen verrannt hätte. Und tatsächlich stammelte dieser nach seinem Erwachen von grässlichen Monstern, die in Feuerbergen Menschen opfern würden und ganz Nardújarnán sowie die restliche Welt erobern wollen. Wir stellten ihn zunächst einzeln unter Beobachtung und gaben ihm Beruhigungsmittel; sein Buch ließen wir ihm.

Nachdem sie Khantoë gefunden hatten, machten sich die Überlebenden laut Oljó auf den Weg zum Fluss Bomorán, bauten dort das Floß, auf welchem man sie fand, und ließen sich den Fluss hinab zum See treiben. Scheinbar machten sie dabei kaum Halt um frische Nahrung oder Wasser zu beziehen. Das erklärt den schlechten Zustand, in dem sich viele von ihnen befinden. Auf dem See Bomorán mussten sie noch einmal rudern um voranzukommen und gelangten schließlich auf das offene Meer, wo Malazis sie fand. Soweit zu dem Bericht des Oljó y Becal. Ich nehme an, er wird es euch noch ausführlicher erklären.

Mittlerweile sind die meisten der Männer wieder weit genug genesen, dass wir sie zu euch schicken können. Die Flucht vor dem Feind ist ein schweres Vergehen, dass von euch oder Atáces untersucht werden sollte. Wenn der Caris Duimé wie von Oljó geschildert tatsächlich gehandelt hat, dürfte er seine gerechte Strafe aber bereits bekommen haben. Bevor ich meinen Bericht schließe muss ich aber noch über ein paar Geschehnisse berichten. Zunächst fand ich es äußerst seltsam, dass die Gruppe derart weit in den Norden geriet. Oljó erzählte zwar, dass sie verfolgt und bedrängt gewesen seien, doch liegen die Berge arg weit von Médyhúda entfernt. Andere aus der Gruppe bestätigten Oljós Geschichte zwar, doch lässt es mich Verdacht schöpfen. Aber ich bin nur Arzt und kein Richter, Stadt- oder Geistwächter. Meine zweite Bemerkung betrifft den Umstand, dass einige der Männer untereinander in Zwist zu liegen scheinen. Gestern Nacht erst hörte ich selber, wie sich Oljó mit dem Männern namens Jimmo und Commosha Dacealus stritt. Dies mag auf allgemein vorhandene Probleme zurückzuführen sein, doch bemerkte ich auch böse Blicke zwischen den Männern, als sie ihre Berichte abgaben. Es scheint Unklarheiten zu geben, nicht nur die Sache mit den Bergen, sondern auch die Tage vor Erreichen des Bomorán betreffend. Weiterhin geziemt es sich auch einfach nicht für Krieger in Streit zu liegen.

In einer Woche werden wir die Männer, die dazu in der Lage sind, zu euch schicken. Das dürfte euch genug Zeit geben, euch darauf einzustellen. Betreffende Männer sind: Oljó y Becal, Jimmo, Dosten Aschengrau, Miruil Enfásiz y Calerto sowie Commosha Dacealus. Von diesen ist Oljó in der besten Verfassung. Jimmo hatte einige Schnittwunden, die wir aber behandeln konnten. Aschengrau hat seltsame Ausschläge am Körper, doch scheint dies nichts Ernstes zu sein. Enfásiz hat einen gebrochenen Arm, wird jedoch davon genesen. Dacealus mussten wir die linke Hand abnehmen; eine Wunde hatte sich entzündet. Er wird es überleben doch scheint deshalb verbittert zu sein. Falerte Khantoë werden wir auch zu euch schicken, er scheint sich soweit genug beruhigt zu haben. Damit kommen sechs Überlebende einer Einheit zu euch, die einst 35 Mann zählte. Wir lassen hiermit euch entscheiden, was weiter mit ihnen geschehen soll.

(Siegel des Außenpostens Camdis)

 

 

XLV: Bericht der Obrigkeit von Aiduido Elazar an Ejúduira

25. 01. 3980, Aiduido Elazar.

Wir berichteten euch bereits, dass an der Nordgrenze von Pesenno einige Krieger auf einem Floß im Meer treibend gefunden worden waren. Vor einigen Tagen sind sie bei uns angekommen, bereits größtenteils genesen. Wir wollen euch hiermit mitteilen, was wir von ihnen erfahren haben, der Bericht wird euch mit ihnen zusammen zugeschickt werden. Eurem Urteil sei überlassen, ob ihr selber mit ihnen verfahrt oder sie nach Atáces sendet. Die Männer blieben bei der Aussage, die sie in Camdis abgelegt haben. Der als vermisst gemeldete Caris Duimé y Belané hätte sie demzufolge aus Médyhúda in die Berge fliehen lassen, wo sie weiter vor Eingeborenen zum Bomorán flüchteten.

Der Krieger Falerte Khantoë betonte hierbei jedoch immer wieder, dass die Einheimischen in dem Berg eine Art Festung zu haben scheinen, von der aus sie Nardújarnán angreifen wollen. Wir hier in Labuira hören nur wenig von dem, was westlich der Berge geschieht, doch scheint die Rückeroberung von Médyhúda recht problemlos von statten gegangen zu sein. Wir wären geneigt, Atáces zu empfehlen die Truppen im Norden zu verstärken, kämen uns nicht manchmal Zweifel an der geistigen Klarheit dieser Männer, besonders im Falle Khantoes. So raten wir zur Vorsicht und dazu, den Fall weiter zu untersuchen. Lasst die Männer auf jeden Fall nicht mehr in den Frontdienst; im Hinterland aber mögen sie weiter nützlich sein.

(Siegel der Obrigkeit von Aiduido Elazar)

 

 

XLVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

04. 02. 3980, Irgendwo auf dem Meer.

Sie nahmen mir mein altes Tagebuch, dass ich so sorgsam beschützt hatte, wie sie uns alles nahmen. Darum beginne ich dieses Neue hier, das zumindest haben sie mir erlaubt. Ich weiß, dass sie mich für verrückt halten; die anderen ebenso. Möglicherweise sollte ich eine Weile lang Einzelheiten meiner Geschichte verschweigen, die den Glauben an meinen Wahnsinn nur weiter halten könnten. So kamen wir wenigen Überlebenden darin überein, über die Wesen in der Feuerfeste zu schweigen. Wir wollen sie aber trotzdem vor der Schrecklichkeit der Feste warnen. Sie muss zu Fall kommen, bevor sie Nardújarnán vernichten kann. Puidor und meine Erscheinungen werde ich ebenfalls verschweigen. Jedoch, sie verfügen über mein altes Tagebuch. Sollten sie es lesen, wie soll ich ihnen dann das erklären, was darin geschrieben steht? Ich schätze, ich müsste es als bloße Geschichten hinstellen, die ich mir in meiner Langeweile oder schlimmer, meinem Wahn, erfand.

Aber es gibt auch einige Dinge, die ich selber gern erführe. Keiner der anderen spricht zum Beispiel über das, was ihm jeweils auf seiner Flucht zugestoßen ist; selbst Miruil erzält mir nur, dass er ähnlich wie ich blindlings floh und die anderen nur durch Zufall wiederfand. Gerne aber würde ich wissen, was mit Duimé geschah, doch keiner der Männer meint, ihn nach der Flucht noch einmal gesehen zu haben. Es ist sonderbar; wir widersetzten uns ihm, wir fesselten ihn für Tage, wir unterwarfen ihn uns und trotzdem kämpfte er weiter so tapfer an unserer Seite. Nur um sein Leben zu retten oder doch für uns alle? Ich werde es nie erfahren, doch plane ich seiner Familie mein Mitleid zu bekunden, wie ich es auch Couccinnes Familie versprach. Noch wurde uns aber nicht erlaubt, wieder Briefe zu schreiben. Und das, wo ich doch so darauf brenne meiner Schwester all das Geschene zu erzählen und mich gleichzeitig fürchte, Ccillia zu schreiben.

Endlich sind wir wieder im schönen Nardújarnán und haben die garstigen Abscheulichkeiten des unendlichen Waldes und der endlosen Steppen hinter uns. Nun reisen wir zurück nach Ejúduira. Vermutlich wird man uns dort verhören. Jetzt, wo alle Zeugen unserer Meuterei aber tot sind, sehen wir einer höheren Wahrscheinlichkeit entgegen, freigesprochen zu werden. Nur kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dem armen Duimé alle Schuld zuzuschieben? Ich werde es wohl sehen müssen. Sollte ich dies alles jedoch überstehen, so werde ich meinen Dienst aufgeben und zu Ccillia zurückkehren, soviel ist sicher.

Wir begannen unsere neue Reise in Camdis, einem Außenposten von Pesenno, einem Land von Nardújarnán, das noch keine Städte oder Dörfer hat. Und das, wo sich grüne Ebenen vom Meer im Osten bis in die gewaltigen Berge im Westen strecken. Als nächstes kamen wir in die Hafenstadt Aiduido Elazar, welche im Land Labuira an der Ostküste von Nardújarnán liegt. Sie ist die nördlichste Stadt des ganzen Reiches und befindet sich auf Stufen und Hängen, die sich vom Meer aus hoch in die nahen Berge ziehen. Diese Berge sind wahrhaft mächtig, dagegen wirkten die im Norden wirklich nur wie Hügel. Uns war es erlaubt die Guigans in der wir uns befanden zu durchwandern, und von den Mauern hatte man einen überwältigenden Ausblick. Im Westen von Aiduido Elazar steigt das Land an zu Hochwiesen und schließlich zu schneebedeckten Gipfeln; im Osten liegt der unendliche Ozean und die Stadt unterhalb der Guigans; nach Nord und Süd hin sieht man weite grüne Wiesen, auf denen große Herden grasen.

Unser Weg führte uns weiter die Ostküste Nardújarnáns herab. Bald verschwanden die Berge im fernen Westen, stattdessen erhoben sich plötzlich andere direkt an der Küste. Uns wurde gesagt, dass dies das Land Iganosnán sei, welches sich bis an den Tajazi erstreckt und das fruchtbarste aller Länder von Nardújarnán sei. Doch wir sahen nur die flachen Berge und die zahlreichen Dörfer sowie Städte an der Küste. Dann umsegelten wir das östliche Kap.

Nun befinden wir uns zwischen den Hunderten von kleinen Inseln, die dem Delta des Tajazi vorgelagert sind, und wieder einmal werden wir diesen größten aller Flüsse hinauffahren. Ich kann aber nur stets an all den Schmutz und Tod denken, welche der Fluss mit sich trägt und an die schönen Strände an seiner Quelle, dem großen See. Der Kapitän unseres Schiffes sagte uns, dass die Fahrt auf dem Fluss hier im Süden nicht ganz so lange dauern würde, da sich das Delta bis hinauf nach Ejúduira erstrecke und der Fluss deshalb breit und tief genug sei, dass unser Schiff weiter hinaufsegeln könne und wir kein Flussschiff benötigen. Hoffentlich hat er Recht, ich kann auf Flussreisen eigentlich erstmal gut verzichten.

Das Schiff auf dem wir uns befinden ist nur mittelgroß und hat kaum Kundschaft, so dass uns allen zusammen drei Kabinen mit Doppelbetten zur Verfügung stehen. Das Schiff ist keines der Armee und so sind neben uns noch drei andere Reisende mit an Bord. Seltsamerweise mag aber keiner von diesen mit uns sprechen; sie behandeln uns zumeist, als seien wir Aussätzige. Es ist sehr bedauerlich. Doch endlich einmal reisen, ohne dafür gleichzeitig arbeiten zu müssen. Da wir auch nicht zu zahlen haben und wir trotzdem gut versorgt werden, ist dies schon fast Freizeit für uns. Dafür aber bekamen wir auch noch nie seit unserem Verlassen Rardisonans Sold ausgehändigt. Vielleicht werden wir ja auch nie etwas bekommen, sollte es in Ejúduira schlecht für uns laufen.

Trotz all der Gemütlichkeit, die uns an Bord zuteil wird, behandelt man uns wie Gefangene, Vögel im goldenen Käfig. In keiner der Städte, in denen wir anlegten, durften wir an Land gehen; das Schiff konnten wir seit unserer Abreise also nicht einmal verlassen. Oljó beschwert sich, nicht um Geld spielen zu können, doch wird dann meist scharf von Commosha Dacealus zum Schweigen gebracht, auf dessen Lippen seit seinem Erwachen und der Erkenntnis, eine Hand weniger zu haben, kein Lächeln mehr spielte. Jimmo wiederum hat mit Dosten zusammen unsere alten Übungen wieder aufgenommen, denen manchmal auch Miruil und ich beiwohnen, meist mehr aus Langeweile denn aus Interesse.

Oft denke ich zurück an die letzten Monde, an die Angst, an die Kämpfe, an Puidor, an Couccinnes Verlust. Auch an die anderen Gefallenen, so an den tapferen und ehrenhaften Duimé, dessen Andenken nun mit Ehrlosigkeit beschmutzt werden soll; an den stets munteren Scaric, der die Krankheit der Flüsse letztlich doch nicht überlebte; an den ebenfalls tapferen Gammil, dessen Mut uns ein Vorbild sein sollte. Was mich selber jedoch verwundert, ist, dass ich seit unserer letzten Flucht nichts mehr von Puidor sah oder hörte. Sollte der Schrecken der Berge mich gesundet haben? Habe ich ihn in der Feuerfeste endgültig zurücklassen können? Ich hoffe es. Und ich werde, sobald ich wieder Briefe schreiben darf, Garekh nochmals nochmals bitten, den richtigen Puidor zu suchen.

06. 02. 3980, Irgendwo auf dem Tajazi.

Manchmal frage ich mich, ob ich damals überhaupt richtig handelte, als ich Ayumäeh verließ. War es richtig, mich so mit meinem Vater zu überwerfen? Einstmals verstanden wir uns gut, doch da war ich noch ein kleines Kind. Was hat sich seitdem verändert? Ich erinnere mich noch an Zeiten, da wir gemeinsam an den Strand von Ayumäeh gingen um in den Wellen zu baden oder Fische zu fangen, oder als wir die Klippen der Insel Felser erklommen. Liegt es daran, dass sich seine Geschäfte später besserten, er mehr Gewinn machte und dafür dann meine Hilfe brauchte? Ich erinnere mich nur noch dunkel an die Vorwürfe, die ich ihm bei meinem Verschwinden heimlich machte. Vielleicht ist mein Vater eigentlich doch kein eigensinniges Monster, sondern war tatsächlich nur um meine Sicherheit besorgt? Seltsam, wie sich allein durch zeitlichen und räumlichen Abstand Einfälle und Erkenntnisse ergeben.

Und doch glaube ich, dass wir uns weiter angreifen würden, sollten wir uns wiedersehen. Momentan vermisse ich ihn und die schönen Zeiten, die wir hatten, doch vielleicht mache ich mir nur etwas vor, vielleicht hoffe ich einfach nur, dass alles wie in meinen Träumen wäre, vielleicht bilde ich mir nur die Zuneigung ein, die ich zu ihm in den schönen Zeiten hatte. Unsere Trennung war mehr als schlecht, womöglich ist seine einstige Liebe nun schon längst umgeschlagen zu Hass. Ich weiß so nicht, ob ein Wiedersehen gut wäre, es könnte leicht zu Vorwürfen und Streit kommen.

Womöglich sollte ich auch niemals heimkehren, das Schlechte vergessen und mich stets an das Gute erinnern. Und doch – irgendwie drängt es mich zur Heimkehr. Eine Versöhnung mit meinem Vater versuchen und ihm zeigen, dass er mir nicht mein Leben vorschreiben kann. Auch will ich längst schon Ccillia wiedersehen, ebenso meine Schwester mit ihrer Familie sowie den guten alten Garekh. Ich werde mir merken müssen, meine Schwester nach Vater auszufragen sobald ich wieder Briefe schreiben darf. Und dann, ja dann, wird mich nichts mehr halten, dieses schöne und doch alptraumhafte Land zu verlassen und heimzukehren.

 

 

XLVII: Bericht von der Verhandlung in Ejúduira

18. 02. 3980, Ejúduira.

Dies ist der Bericht über die Verhandlung der Krieger Oljó y Becal, Miruil Enfásiz y Calerto, Jimmo, Dosten Aschengrau, Falerte Khantoë sowie Commosha Dacealus, abgehalten am 18. Tag des zweiten Mondlaufes in den hohen Hallen zu Ejúduira. Die einzelnen Aussagen finden sich mit allen Einzelheiten im Anhang, dies ist die Zusammenfassung. Ziel der Verhandlung war es herauszufinden, was die Einheit des Caris Duimé y Belané dazu brachte ihre Befehle zu verwerfen. Die Einheit sollte das Geschick des Außenpostens Médyhúda erkunden und ihn bis zu einer Ankunft von Entsatzungstruppen aus Atáces halten. Die Einheit verließ den Außenposten aber nachdem die Verbindung zum Außenposten Huális abriss. Anfang des Jahres fand man einige Überlebende dieser Einheit im Meer vor Pesenno treibend. Nachrangiges Ziel war es festzustellen, was mit den Kriegern nun geschehen solle. Die Anschuldigung der Feigheit vor dem Feind war gegeben, nun galt es den Schuldigen zu finden.

Die sechs Krieger wurden einzeln verhört. Sie alle stimmen darin überein, dass es Caris Duimé war, der den Befehl gab, aus Médyhúda zu fliehen, da ihnen die Nahrung ausging und sie von Feinden umzingelt waren. Das Gesetz befiehlt in diesem Falle trotzdem ein Ausharren bis zum Ende. Gegen dieses Gesetz wurde offensichtlich verstoßen. Auf die Frage, warum sie keine Gegenwehr gegen den unsinnigen Befehl des Caris Duimé leisteten, führten die Verhörten an, erstens weiterhin Caris Duimé als Vorgesetztem verpflichtet gewesen zu sein sowie zweitens einer Übermacht der dem Duimé Hörigen gegenüber gestanden zu haben. Das Gesetz verlangt oberste Treue zum Gesetz und den Befehlen der Obrigkeit vor denen eines Niedermannes.

Leider sind die Berichte der zwei Krieger, welche kürzlich aus Cabó Canguina kamen und die ebenfalls zur Einheit von Caris Duimé hörten, kaum eine Hilfe. Ihre Aussagen sind in Einzelheiten in dem Bericht ihrer damaligen Verhörung zu finden. Sie erzählten, dass ein Mann namens Gammil Anführer einer Meuterei war, die versuchte den Caris Duimé zu stürzen, nachdem er den Befehl zur Flucht gab, was erst gelang, nachdem sie den See Carajúl erreicht hatten. Diese Berichte widersprechen offensichtlich teilweise denen der Angeklagten. Nachdem wir sie ihnen vorlegten meinten sie, für sich sowie für Gammil wegen der erfolgten Meuterei keine Strafen zuziehen zu wollen. Da es jedoch nicht als Meuterei gelten kann, wenn man irrsinnigen Befehlen, die der Anordnungen der Obrigkeiten widersprechen, entgegentritt, lassen diese Aussagen an der Glaubwürdigkeit der Männer zweifeln. Das folgende unterstreicht dies nur.

Die sechs Angeklagten versuchten immer wieder vom Hauptgegenstand der Befragung abzuweichen und schilderten in farbigen Ausschmückungen die Geschehnisse in einer Festung namens Ašckhir. Diese soll von Eingeborenen und anderen Wesen unterhalten werden und mit einem Angriff auf Nardújarnán gedroht haben. Es wäre jedoch irrsinnig anzunehmen, dass sich Eingeborene in größeren Verbänden zusammentun und zu einer Bedrohung werden könnten. Diese Berichte können in Anbetracht der schlechten geistigen Verfassung einiger Verhörter nicht als der Wahrheit entsprechend betrachtet werden.

Die Verhandlung kam nun darin überein, die Verantwortung für die verlorene Einheit dem verschiedenen Gammil sowie Caris Duimé zu geben; sie werden damit nachträglich unehrenhaft entlassen. Die insgesamt acht Überlebenden werden aus Gründen der Ungehorsamkeit sowie Unaufrichtigkeit zu einer Haftstrafe von zwei Monden verurteilt, die sie in der Guigans zu Atáces abzuleisten haben. Es ist festzuhalten, dass diese Entscheidung auf den Druck der anwesenden Vertreter der Obrigkeit von Atáces zurückgeht, welche darauf bestanden, dass dieses Vorgehen notwendig sei. Eigentlich müssten die Betroffenden zumindest unehrenhaft entlassen werden, eine gründlichere Untersuchung würde ihnen sicherlich zudem den Strang einbringen. Atáces scheint es aber für besser zu halten, sie für weitere Dienste in Anspruch zu nehmen. Ejúduira wird sich da heraushalten, unterstehen die Männer doch Atáces und nicht uns.

Weiteres: Der Kämpfer Falerte Khantoë bat um eine Entlassung, die ihm jedoch verweigert wurde. Weiterhin ist den Verurteilten für die Zeit ihrer Haft jegliche Verbindung zur Außenwelt untersagt. Auch bleibt festzustellen, dass Atáces sich zuviele Befugnisse herausnimmt. Wir konnten immerhin erreichen, dass einer unserer Männer nach Atáces eingeschleust wurde. Wir harren seiner Berichte, um diese Sache weiter zu verfolgen.

(Siegel des Obersten Gerichtes zu Ejúduira)

 

 

XLVIII: Öffentliche Anschläge des ‚Bote von Tadúnjódonn‘

17. 02. 3980, Atáces.

Niederschlagung aufsässiger Eingeborener in Jaduiza voller Erfolg.

Atáces. Wie die Obrigkeit von Atáces bekannt gab, war ein fremder Eingeborenenstamm in Jaduiza eingewandert. Dem Stamm schien Nardújarnán kaum bekannt gewesen zu sein. Sie unterwarfen sich nicht, sondern griffen sogar die Außenposten Médyhúda und Huális an. Einige Krieger flüchteten aufgrund falscher Befehle aus Médyhúda und ließen den Außenposten den Eingeborenen. Die Krieger wurden bereits aufgegriffen und verurteilt, Médyhúda wurde von den Streitkräften Atáces‘ zurückerobert, die Eingeborenen sind unterworfen. In Jaduiza herrscht wieder Frieden und zwei neue Außenposten im Norden sollen errichtet werden, die Grenze zu festigen, sollte es noch weitere wilde Stämme im Wald geben.

Banditen in Galjúin teilweise gefasst.

Elpenó. Es wurde gemeldet, dass es vergangene Woche zu einem Gefecht zwischen Landwächtern und den Banditen in den Bergen von Galjúin kam. Zwanzig der Banditen konnten in Gefangenschaft genommen werden, etwa doppelt soviele wurden getötet. Ihr Lager wurde jedoch immer noch nicht gefunden. Die Berge von Galjúin gelten weiterhin für Reisende als gefährlich, von Durchquerungen wird abgeraten. Wer die Berge dennoch durchreisen muss, soll sich an die von Landwächtern regelmäßig überwachten Straßen halten.

Schlächter von Ladóra tot aufgefunden.

Ladóra. Den Mann, der in den letzten Mondläufen als ‚Schlächter von Ladóra‘ bekannt wurde, fand man vor zwei Wochen tot auf. Die Umstände seines Todes sind unbekannt, scheinbar beging er Selbstmord. Eine bei der Leiche gefundene Notiz gesteht die Ausführung aller Morde. Der Name des Mannes wird geheim gehalten. Der Schlächter tötete innerhalb von sechs Mondläufen 23 Bürger der Stadt Ladóra, zumeist Frauen, aber auch einige Kinder. Stets köpfte er seine Opfer und nahm ihre Schädel mit.

 

 

XIL: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

18. 02. 3980, Fugans.

Wir befinden uns auf dem Weg nach Atáces und lagern diese Nacht am Rande eines Dorfes namens Fugans. Irgendwie kommen wir diesmal langsamer voran als damals, als es in die umgekehrte Richtung ging. Vermutlich liegt es daran, dass wir diesmal ausgelaugter sind. Sehr viel marschieren werden wir nicht mehr können.

Ein Kerl namens Castaris scheint die Befehlsgewalt über unsere Begleiter zu haben, eine kleine Gruppe von zehn Mann, die uns nach Atáces bringen soll. Irgendwie fühlt man sich da gleich als Schwerverbrecher. Castaris muss etwas wichtiges aus Atáces sein, zumindest jedenfalls gehört er nicht zur Armee. Immerhin aber muss er genauso wie wir alle unter freiem Himmel schlafen. Zum Glück sind wir bereits wieder mitten im Frühling, kühler als bei unserem letzten Mal auf diesem Weg ist es trotzdem. Die erste Zeit hatte es zu allem Überfluss auch noch geregnet.

Mich scheint man für geistig angegriffen zu halten, doch kann mir das nur recht sein; so habe ich mehr Ruhe. Ach, wir sechs die wir aus dieser grässlichen Feste entkamen sind nicht mehr allein. Damals bei unserem Durchstoß der Sperre, welche die Eingeborenen im Tajazi errichtet hatten, waren einige von uns nach dem Kampf vermisst worden. Wie sich nun herrausstellte, überlebten es zwei von ihnen, den Fluss hinab getrieben zu werden. Nachdem sie das Ufer erreichen konnten, schlugen sie sich nach Süden durch und kamen nach Médyhúda, welches zu diesem Zeitpunkt schon befreit worden war. Immerhin waren sie so geistesgegenwärtig, ebenso wie wir die Schuld an allem anderen zu geben, und so wurden sie zusammen mit uns verurteilt.

Und oh! Wir groß meine Freude doch war, als einen der Überlebenden Couccinne zu erkennen! Wir durften erst außerhalb von Ejúduira miteinander reden, doch wieviel wir uns nun zu erzählen haben! Doch Couccinne scheint in seinen düsteren Stimmungen zu sein, scheint kein gutes Ende für uns zu sehen. Ich versuche weiterhin, ihn aufzumuntern, ihm unsere Erlebnisse zu berichten, doch wie soll dies gehen, ohne ihn von all meinen dunklen Träumen und Befürchtungen zu erzählen?

 

 

L: Brief des Geistwächters Castaris an Geistwächter Mosíz in Elpenó

01. 03. 3980, Atáces.

Mosíz, wie geht es mit euren Ermittlungen voran? Habt ihr Neues herausbekommen die Sache betreffend? Wir brauchen langsam Ergebnisse. Nardújarnáns Sicherheit ist weiter bedroht.

Mosíz, seit zehn Tagen sind diese Krieger nun in Haft. Sie scheinen wieder völlig gesundet zu sein. Täglich führen wir sie in unsere eigenen Übungen ein. Leider werden wir keine Zeit haben, sie völlig darin auszubilden. Diese Gruppe ist seltsam aufgebaut. Einer der Männer scheint ein Dieb gewesen zu sein. Er findet sich in unseren Übungen dementsprechend besonders gut zurecht. Die anderen haben auch einige nützliche Fähigkeiten. Ich bin überzeugt, es war richtig diese Männer für unsere Aufgabe auszuwählen. Ende des Mondes werde ich sie einweihen und mit zu euch bringen. Bereitet also alles vor. Ich werde euch noch einen weiteren Brief senden, bevor wir uns auf den Weg machen. Klärt mich dann bitte auch auf. So richtig traue ich dem Botendienst nämlich nicht, auch wenn es unser eigener ist.

Ich habe mich entschlossen, nur sechs der Männer mitzunehmen. Die anderen beiden sind ungeeignet oder zu stark verletzt. Sie werden ihre Strafe ableisten. Was dann mit ihnen geschieht, überlasse ich der Obrigkeit. Mitnehmen werde ich die Folgenden: Oljó y Becal ist der genannte Dieb und dürfte besonders nützlich sein. Seine Schwächen sind jedoch Geld und sein Ehrgeiz. Miruil Enfásiz könnte ein guter Krieger und Anführer sein, doch ist zu aufbrausend. Couccinne Carizzo ist ruhig, doch schlau und ein guter Schütze. Jimmo, ein prächtiger Krieger, ist alt und würde wohl nicht ohne den Jungen Dosten Aschengrau gehen. Der wiederum ist zwar zu jung, doch auch ein guter Schütze. Bei Falerte Khantoë hatte ich einige Bedenken, da er geistig angegriffen zu sein scheint. Doch er ist ein fähiger Kämpfer und ebenfalls schlau. Ich seh ihn immer wieder in sein Tagebuch schreiben, vielleicht sollte er darin für uns die Berichte festhalten.

Erwarte meine nächste Meldung.

Castaris

 

 

LI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

10. 03. 3980, Atáces.

Es ist langweilig. Tagaus, tagein müssen wir dasselbe tun, die selben sinnlosen Vorgänge über uns ergehen lassen. Und wozu? Unsere Übungen sind nicht mehr die stumpfen Kampfesübungen, die wir vor wenigen Monden noch über uns ergehen lassen mussten. Castaris verlangt gänzlich andere Dinge von uns. Wir werden darin ausgebildet uns lautloser zu verhalten und bevorzugt in der Dunkelheit vorzugehen. Jedem von uns ist klar, dass er etwas mit uns vorhat. Doch warum sollten wir da mitspielen? Man hat uns nur für zwei Monde hier eingesperrt und nichts wird mich dazu bringen, danach noch weiter in der Armee zu bleiben. Couccinne ist ebenso meiner Meinung und bereit mit mir das Land zu verlassen um nach Omérian zurückzukehren.

Miruil würde sicherlich auch folgen, wenn irgendwo ein Abenteuer locken sollte, auch wenn ich auf solche eigentlich erstmal verzichten könnte. Ich ließe ihn aber nur ungern zurück, ist er mir doch fast ebenso teuer wie Couccinne. Mich beunruhigt nur, dass er sich seit unserer Fahrt nach Ejúduira wieder vermehrt allein an Oljó hält, als sei er dessen neue Xeazotankro. Es ist nicht nur Eifersucht, die mich diese Verbindung hassen lässt; nach wie vor mag ich Oljó nicht, auch wenn er uns aus diesem finsteren Alptraum errettet hat.

Dafür ergab sich kürzlich eine Möglichkeit, mich mal wieder mit Jimmo allein zu unterhalten. Er teilt meine Bedenken Castaris und Oljó betreffend, traute er doch Oljó stets ebensowenig wie ich. Er sagte mir, Oljó hätte uns niemals den Ausweg aus Ašckhir verraten, hätte er nicht einen größeren Gewinn davon gehabt als wir. Außerdem sei es zu leicht gewesen, dort hinauszukommen. Ich fragte ihn, was er damit andeuten wollte, doch da rief uns Castaris zu unseren Übungen und wir mussten das Gespräch unterbrechen.

Es ist sonderbar, wie sehr mich dieser Castaris manchmal an Puidor erinnert. Doch nein, er ist es nicht und ich hatte auch nicht mehr solch deutliche Erscheinungen und Träume. Ich frage mich, warum wohl. Immer noch darf ich keine Briefe schreiben, weder an meine Schwester noch an Garekh. Dabei brennt mir soviel unter den Fingern.

19. 03. 3980, Atáces.

Sie haben Commosha Dacealus und diesen anderen Krieger, der mich sonderbarerweise nie beschäftigt hatte, fortgebracht. Ich weiß den Grund nicht und es kam sehr überraschend. Gestern noch war alles wie immer; heute morgen sagten sie ihnen, sie sollen ihr klägliches Hab und Gut packen um am Mittag abreisen zu können. Sofort als der Bote verschwunden war, entstand großes Geraune unter uns. Warum sollte man sie fortbringen und warum nur diese beiden? Wieso nicht auch uns?

Oljó warf in den Raum, dass sie vielleicht untragbar geworden seien, dass man sie würde beseitigen wollen. Natürlich war klar, dass er dies wieder einmal nur aus Gehässigkeit gesagt hatte, doch nur Jimmo war es, der dies auch aussprach. Viel wahrscheinlicher und offensichtlicher wäre, dass Castaris tatsächlich noch etwas mit uns vorhaben würde und die beiden gehen mussten, da sie dafür nicht geeignet wären: Dacealus fehlte nun immerhin eine Hand, wodurch er im Kampf kaum noch verwendbar sein würde, der andere Krieger war halb blind.

Vor einer Stunde etwa wurden sie abgeholt. Sie müssen nicht einmal laufen, werden gefahren. Was man wohl mit ihnen vorhat? Keiner von uns vermag das zu beantworten, vielleicht aber werden wir es irgendwann erfahren. Doch bevor er gehen musste, nahm mich Commosha Dacealus noch einmal zur Seite um mit mir zu sprechen. Zunächst erstaunte es mich sehr zu hören, dass er mich mag und mir meine Geschichte glaubt, dass nicht nur Ašckhir die Menschen bedrohen würde. Immerhin hatten wir vorher nie wirklich miteinander gesprochen. Er versprach mir zu helfen, so gut es ging, doch wäre es nun zweifelhaft, wie er dies vollbringen könnte.

Weiterhin aber erzählte er mir aber noch etwas viel wichtigeres: Bei unserer Flucht aus Ašckhir, als wir alle getrennt wurden, war er hinter Duimé und Oljó, doch ohne, dass diese etwas bemerkt hätten. Da sah er, wie Oljó sich mit Duimé stritt und ihn schließlich in einen Abgrund stieß. Worum der Streit gegangen war, konnte er nicht verstehen. Als Oljó dann aber Dacealus bemerkt hatte, rief er ihm zu, dass dies notwendig gewesen sei, dass Duimé uns sonst alle hätte hängen lassen. Das verdient dieser Mörder auch! Außerdem vermutet Dacealus, dass Oljó nicht die Wahrheit sprach. Ich werde es noch herausbekommen.

 

 

LII: Brief des Geistwächters Mosíz an Geistwächter Castaris in Atáces

21. 03. 3980, Irgendwo.

Castaris, kommt schnell! Schlimme Dinge sind geschehen. Ich musste aus Elpenó fliehen und halte mich nun versteckt. Kommt nach Elpenó, dann werden meine Männer euch zu mir bringen. Ich kann euch in diesem Brief nicht meinen Aufenthaltsort nennen, denn ich bin mir sicher, man könnte an den Inhalt gelangen, selbst durch unsere Verschlüsselung. Schreibt mir deshalb auch nicht, sondern beeilt euch bloß! Nicht nur mein Leben ist in Gefahr, denn ich glaube zu wissen, was hier in Galjúin geschieht und dabei sind die Banditen nur eine Kleinigkeit. Eine wesentlich größere Sache ist in Gange; wir hatten Recht.

Wünscht mir Glück, dass sie mich nicht bekommen.

Mosíz

 

 

LIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

27. 03. 3980, Atáces.

Nun scheint es uns ähnlich wie Commosha Dacealus zu ergehen. Castaris trat heute morgen vor uns und befahl uns bloß, unsere Sachen zu packen. An der Stelle stand ich auf und widersprach ihm. Ich will nicht mehr für die Armee arbeiten, sagte ich ihm, lieber säße ich die Strafe ab und ginge danach heim. Doch Castaris antwortete nur knapp und deutlich, niemand dürfe gehen. Sein Auftrag für uns sei kein Angebot, sondern ein Befehl. Wer diesen verweigert, bekäme als Strafe dafür unweigerlich den Strang. Scheinbar sind wir in etwas Auswegloses geraten. Immerhin milderte Castaris seine harsche Ansprache dadurch ab, dass er ergänzte, bei einer guten Erledigung sei dies der letzte Auftrag für uns gewesen, wir könnten danach gehen.

Ob er sich daran halten wird? Auch frage ich mich, was uns nun überhaupt erwartet. Wir wissen nur, dass die Reise nach Elpenó geht, mehr verriet er uns nicht. Die anderen sind deshalb genauso ungemut wie ich. Aber wie dem auch sei, in zwei Stunden sollen wir los.Interessanterweise scheinen wir mit Kutschen zu reisen. Jemand hat es wohl eilig mit uns.

01. 04. 3980, Almez.

Erneut sind wir in Almez, heute Abend schon laufen wir mit einem Schiff nach Elpenó aus und sollten dort Ende der Woche ankommen. Es war ein seltsames Gefühl, unterwegs wieder in Guijúlon einzukehren, wo wir damals, als wir Nardújarnán und seine dunklen Seiten noch nicht kannten, schon genächtigt hatten. Damals, als Scaric und die anderen noch lebten und Duimé versuchte unser Freund zu werden. Wie lange scheint das doch her. Der Außenposten hatte sich nicht verändert, wir dagegen schon.

Diesmal dauerte die Reise von Atáces gen Almez nur drei Tage. In Kutschen reisen ist wahrlich eine sonderbare Annehmlichkeit. Wir sind trotzdem unzufrieden, denn immer noch wissen wir nicht, wozu wir diese Reise unternehmen und keiner von uns verspürt Lust, erneut aufgrund eines sinnlosen Auftrages sein Leben aufs Spiel zu setzen. Castaris sagte uns nach wiederholtem Drängen nur, dass wir nach Galjúin müssten, einen Freund von ihm zu helfen. Doch ist dieser nicht unser Freund, also warum ihm helfen?

Unser neuer Anführer ist nicht hart wie Duimé es war, auch wenn wir ebenso täglich unsere Übungen vollziehen müssen, doch hält er einen seltsamen Abstand zu uns und die Eindrücke des Geheimnisvollen und Gefährlichen umgeben ihn. Auch hörte ich in einzelnen Orten aus dem Straßengespräch heraus, dass es in Galjúin Räuber geben würde. Nichts Ungewöhnliches eigentlich, also warum diese Reise?

02. 04. 3980, Almez.

Castaris hatte mit der gewöhnlichen Reisedauer von nur einem Tag von Almez nach Elpenó gerechnet. Geschwindigkeit ist ihm wichtig, unsere Bequemlichkeit dabei nur Zufall. Hier auf dem Schiff, einem eigentlich schnellen, dafür aber kleinem Handelsschiff, gibt es kaum Platz für Reisende. Schlafplätze waren für uns wegen der kurzen Fahrt auch gar nicht vorgesehen, nun müssen wir für die nächste Nacht unser Lager dort aufschlagen, wo gerade Platz ist. Das bedeutet also: mitten auf dem Deck. Aber gut, das sind wir ja gewöhnt.

Es ist seltsam, auf dem Meer vor der Küste zu fahren, auf dem ich damals das erste Mal die Erscheinung des Puidor hatte. Vorausgesetzt, er war schon in den Sümpfen damals nicht bloß eine Erscheinung gewesen. Oft muss ich an meine verschiedenen Begegnungen und Träume denken, sehe manchmal Puidor irgendwo stehen oder erkenne ihn in anderen Menschen. Doch längst ist es nicht mehr so bedrohlich wie früher, längst erscheint er mir nicht mehr einfach so, unerwünscht.

Ich habe mit Couccinne über die Angelegenheit gesprochen. Er meint, mich würde Schuld quälen, weil ich damals Rardisonán verlassen hätte ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, mich von Puidor zu verabschieden, und dass unsere Erlebnisse in Ašckhir dies überlagert oder ausgelöscht hätte. Mich befriedigt diese Antwort keineswegs. Was, wenn er schon in den Sümpfen nicht wahrhaft dagewesen war? Doch er musste es, wer hätte mich sonst pflegen können? Ich hoffe, Garekh oder meine Schwester finden oder fanden etwas heraus.

Ich klärte Couccinne auch über das auf, was Commosha Dacealus mir über Oljó gesagt hatte. Wir sind uns einig, dass wir das nicht gutheißen können und Oljó eines Tages dafür bezahlen muss.

03. 04. 3980, Elpenó.

Wir haben Elpenó erreicht, eine kleine Stadt auf einem der Finger von Galjúin, ganz im Osten gelegen, Trotz ihrer geringen Größe ist sie Sitz der Obrigkeit der Seewächter von Nardújarnán. Daher kommt es auch, dass die Stadt größtenteils aus Hafenanlagen und Lagerhäusern sowie einer großen Guigans zu bestehen scheint, derweil es nur verhältnismäßig wenig Wohnhäuser gibt. Auf drei Seiten ist die Stadt von Wasser umgeben, eine seltsame, doch natürliche Kette von Inseln, Landzungen, Felsen sowie zusätzlich erbauten Sturmmauern bieten ihr Schutz vor dem Meer und ermöglicht überhaupt erst die Nutzung als Hafen. Ohne sie wäre die Stadt den Gezeiten schutzlos ausgeliefert. Das Hinterland ist hügelig und im Nordwesten erkennt man bereits die Berge von Galjúin.

Castaris ließ uns Unterkunft in der Guigans beziehen, derweil er irgendwo in der Stadt verschwand. Was er dort wohl anstellt? Zumindest versprach er mir, dass ich bald wieder Briefe schreiben dürfe; ein Lichtblick in diesen verworrenen Wochen. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht an Ccillia und meine Schwester denke. Und doch, ich wüsste nicht, was ich Ccillia überhaupt schreiben solle. Ich werde gehen und mit Couccinne darüber sprechen.

 

 

LIV: Notizen des Geistwächters Castaris

03. 04. 3980, Elpenó.

Endlich haben wir Elpenó erreicht. Die Reise dauerte wesentlich länger als von mir geplant. Die Sechs stellen oft lästige Fragen, auf die ich ihnen kaum Antwort geben kann. Sie wissen nur, dass wir hier sind um jemanden für mich zu finden. Doch Mosíz aufzuspüren wird nur der Anfang sein. Es wird eine Weile dauern, eine Spur zu finden. Ich begann am Marktplatz, den Teppichhändler zu suchen, den Mosíz einmal erwähnte. Man sagte mir aber, dieser sei schon eine Weile nicht mehr dort aufgetaucht. Wir wissen immer noch nicht, was hier eigentlich geschieht. Mosíz muss mir die Antwort liefern. Ich hoffe, wir finden ihn.

04. 04. 3980, Elpenó.

Heute habe ich mich trotz aller Bedenken überwunden und mit der Obrigkeit gesprochen. Was für ein Haufen eingebildeter Schwachköpfe! Sie haben mir jegliche Hilfe verweigert und das trotz meiner schriftlichen Anweisungen von Atáces, auch wenn diese nicht mein wahres Sein offenbaren. Sie sagten, dass unter dem Namen Mosíz in Elpenó nur ein Unruhestifter bekannt gewesen ist, der die Leute mit Fragen belästigte und daher der Stadt verwiesen wurde.

Kann es wirklich sein, dass sie dermaßen verblendet sind? Zwar darf ich meine Stellung nicht preisgeben, sondern muss mich als einfacher Gesandter ausgeben, doch eine derartige Unverschämtheit kam mir noch nie unter. Ich werde eine Beschwerde an Atáces verfassen, auch wenn man dort kaum in die Obrigkeit hier eingreifen kann. Eigentlich unterstützt ihr Verhalten nur meine Vermutungen.

Dafür begegnete ich immerhin endlich einem der Männer von Mosíz, der als Bettler verkleidet hier in der Stadt lebt. Fragesteller sind also verboten, Bettler aber erlaubt? Welch Heuchelei. Er sagte mir, Mosíz sei eines Tages ohne Angabe eines Grundes verschwunden gewesen. Jedoch hatten sie vereinbart, über einen Dritten weiter Botschaften zu tauschen, für den Fall, dass Mosíz Hilfe bräuchte. Für Morgen vereinbarte ich ein Treffen.

 

 

LV: Brief an die Schwester.

04. 04. 3980, Elpenó.

Geliebte Schwester,

endlich hat man mir wieder erlaubt, dir zu schreiben, doch immer noch komme ich nicht an die Briefe, die man mir von dir in Atáces hinterlegte. Es ist auch äußerst unwahrscheinlich, dass dies sobald geschehen wird. Viel ist in den letzten Monden passiert. Ich habe wenig Zeit erhalten, also schicke ich dir mein altes Tagebuch mit, welches dir alles schildern wird. Bei dir wird es vermutlich auch besser aufgehoben sein als bei mir. Mein Tagebuch erfasst nur die Ereignisse des letzten Jahres, was danach geschah, schildere ich dir auf weiteren Blättern. Hast du dies alles gelesen, so wirst du sicher verstehen, warum ich dich nun hiermit noch einmal dringendst darum bitten muss, Nachforschungen über Puidor anzustellen, sofern du dies nicht bereits getan hast. Irgendetwas muss sich doch finden lassen.

Ich darf dir weder schreiben, wo ich bin, noch, was in den letzten Tagen seit meiner Verhandlung geschah. Auch habe ich den starken Verdacht, dass dieser Brief überprüft werden wird, also Grüße an den Leser! Ich werde dir aber über alles berichten, sobald ich wieder zurück bin. Wann dies sein wird, vermag ich dir nicht zu sagen, doch hoffe ich, nächstes Jahr wieder in Touron oder Ayumäeh sein zu können. Bis dahin wird es dir und deiner Familie hoffentlich gut ergehen. Grüße alle von mir, insbesondere jedoch Ccillia, solltest du sie sehen.

Dein Falerte

 

 

LVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

07. 04. 3980, Unfern von Elpenó.

Gestern kam Castaris zu uns. Er wirkte aufgeregter als sonst, seine Miene wies Unruhe auf. Er sagte uns nicht viel; nur, dass wir wieder einmal aufzubrechen hätten. Diesmal geht es in die Berge. Alle Annehmlichkeiten sind vergessen. Es fahren uns keine Kutschen mehr, wir gehen zu Fuß. Das bedeutet einige Tage über Stock und Stein, denn Castaris sagte uns etwas mehr. Er verriet uns, wir seien in einem Geheimauftrag unterwegs, dessen Gelingen uns die Freiheit erkaufen und für Nardújarnán die Sicherheit erringen würde. Wir suchen einen Mann namens Mosíz, der wichtige Einzelheiten den Auftrag betreffend weiß, sich jedoch in den Bergen hat verstecken müssen. Was es vermutlich wäre, dass dieser Mosíz weiß, wollte uns Castaris aber nicht sagen. Er bläute uns lediglich ein, aufmerksam zu sein und seltsame Vorkommnisse zu melden.

Offensichtlich ist dieser Auftrag selbst Nardújarnán gegenüber geheim, denn auf unserer Reise meiden wir alle Wege und Ortschaften, die von den Landwächtern bewacht werden und bisher begegnete uns auch niemand. Es ist sonderbar, doch irgendwie scheint gerade das Geheimnisvolle uns alle zusammenzuhalten, als wären wir sieben etwas Besonderes vor dem Rest der Welt oder über ihr erhaben.

Einiges kann solch ein Gefühl jedoch nicht ändern, so z.B. die Feindschaft zwischen Teilen von uns. Aufgrund seiner Begabung für die Übungen scheint Castaris Oljó etwas vor uns zu bevorzugen, was dessen Gefühl der Überlegenheit uns gegenüber nur noch stärkt. Streitereien zwischen Oljó und Jimmo bahnen sich auch oftmals ihren Lauf, besonders wenn Castaris nicht anwesend ist. Sonst nämlich bieten wir alle meist den Anblick reiner Unschuld, da keiner von uns von Castaris bestraft werden will. Was mir jedoch weiterhin Sorgen macht, ist, dass in diesen Streitereien Miruil eher Oljó beizustehen scheint, Couccinne dagegen Jimmo. Ich möchte nicht, dass dies alles uns entzweit.

13. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Castaris erzählte uns, ein Mann hätte ihm in Elpenó erklärt, wo man hier in den Bergen diesen Mosíz finden könne. Dieser Wegbeschreibung sind wir gefolgt. Nun befinden wir uns hoch oben in den Bergen in einer Höhle, die selbst tagsüber nur schwach erleuchtet wird. Dies soll die Fluchtmöglichkeit des Mosíz sein, doch leider ist er gerade nicht anwesend. Genau genommen sieht es hier sogar danach aus, als würde er nie zurückkehren. Scheinbar gab es einen Kampf: Vergossenes Blut und zerbrochene Stühle weisen deutlich darauf hin. Eine Leiche fand sich jedoch nicht und vermutlich ist hier auch niemand gestorben; zumindest floss dafür nicht genug Blut.

Also was ist hier wohl geschehen? Für mich stellt sich eigentlich die Folgerung recht klar heraus, dass Mosíz entführt worden sein muss, Feinde scheint er ja gehabt zu haben. Castaris räumt dies als Möglichkeit ein, doch wäre es laut ihm ebenso möglich, dass Mosíz nur flüchten musste. Für mich klang das bloß nach schwacher Klammerung an die einzige Hoffnung.

Schließlich fand ich gut versteckt hinter Steinen in einer Ecke der Höhle, einen gebundenen Stapel Pergamentes, die Notizen des Mosíz. Ich hatte noch Zeit, sie kurz durchzublättern, bevor die anderen bemerkten, dass ich etwas gefunden hatte und Castaris es haben wollte. Ich wusste da schon genug, weshalb es Zeit für mich war, Castaris gegenüberzutreten. Ich fragte nicht, ich erzählte ihm, weshalb wir hier seien, was ihn zunächst nur staunend zuhören ließ.

Castaris und Mosíz sind beide Geistwächter, was erklärt, warum sie sich so geheimnisvoll geben und im Deckmantel reisen. So scheint es sich ja für Geistwächter zu gehören. Mosíz ist dabei derjenige, der verdeckt in Elpenó arbeiten musste, derweil Castaris daheim sein durfte. Scheinbar hatte es in und um der Stadt einige Vorfälle gegeben, die es Atáces notwendig erscheinen ließ, seine Geheimkrieger zu entsenden.

Was das nun genau für Vorfälle gewesen waren und worauf Mosíz in der Stadt sowie in den Bergen gestoßen war, konnte ich nicht mehr schnell genug lesen. Als ich bei meiner Erzählung dann das Wort Geistwächter erwähnte, machten einige laut ihrem Unmut Luft. Sobald ich geendet hatte, wollte mich Castaris wütend ansprechen, vermutlich wegen meiner plötzlichen Dreistigkeit, doch wurde er schnell von den anderen unterbrochen. So erfuhr ich auch mehr von deren Vergangenheiten. Es war einst ein Geistwächter, der Miruils Familie der Steuerhinterziehung überführte, wofür sein Vater schwer zahlen musste. Oljó wurde von einem Geistwächter bei einem Einbruch erwischt, wofür er schließlich dazu verurteilt wurde, in die Armee zu gehen und hierher kommen zu müssen. Jimmo musste einst Geistwächter in seinem Heim unterbringen, die Machey auskundschaften wollten und sich seiner Frau gegenüber nicht vorteilhaft verhielten. Couccinne und ich hatten lediglich Geschichten von diesen Spitzeln gehört, die uns aber bereits ausreichten. Nur der Junge Dosten scheint ihnen nicht feindlich gegenüberzustehen.

So kam es, dass Castaris sich plötzlich von uns bedrängt sah und meinte, uns mit Drohungen von seiner Haut fernhalten zu müssen, was Miruil und Oljó aber nur noch mehr reizte. Letztlich musste ich, unterstützt von Jimmo, dazwischen gehen, damit nichts Schlimmeres geschehe. Wir überzeugten Castaris dann, uns endlich aufzuklären. Bald gab er auch auf und sah ein, dass wir eingeweiht werden müssten, um besser vorgehen zu können und behauptete, dies sowieso vorgehabt zu haben. Wie auch immer.

Er erzählte uns, dass Mosíz tatsächlich etwas in Elpenó nachgehen sollte. In den letzten Monden seien Banditen in den Bergen verstärkt tätig gewesen. Aus der Stadt war öfter manche Kiste voll von Waffen, Nahrung oder anderem verschwunden. Elpenó sagte, dies seien vermutlich die Räuber gewesen, doch etwas daran erschien merkwürdig. Mosíz sollte herausfinden, wer dafür wirklich verantwortlich war. Weiterhin hatten sich die Eingeborenen in den Bergen seltsam verhalten, ähnlich wie sie es in Jaduiza getan hatten. Das ließe auf eine Verbindung schließen. Uns kamen dazu natürlich die Angriffe auf uns in Jaduiza in den Sinn und genau das hatte er gemeint.

Nun sei Mosíz aber vor wenigen Wochen verschwunden; in seinem letzten Brief hatte er noch erwähnt, auf etwas gestoßen zu sein. Ursprünglich hätte man mit uns vorgehabt Mosíz zu unterstützen, nun müssten wir ihn finden. Wir alle fragten uns, ob dies wieder eine ähnlich sinnlose Aufgabe wie Médyhúda sei, doch spornen uns nun immerhin zwei Dinge an, trotz allem Unmut Castaris zu helfen: erstens würden uns bei einer Verweigerung nun wahrhaft schlimme Dinge erwarten, zweitens galt es einen Menschen zu retten, auch wenn dieser ein Geistwächter war.

So schlugen wir also hier unser Lager auf. Mittlerweile ist es Nacht und ich habe Wache. Doch vor kurzem ist etwas geschehen und nun könnte ich sowieso nicht mehr schlafen. Mir war hier drinnen langweilig, also ging ich spazieren. Bald bemerkte ich einen schwachen Lichtschein am Ende des schmalen Grats, auf dem ich ging. Vorsichtig schlich ich mich also heran. Es war Feuerschein, der aus einer Höhle schien. Da ich niemanden hörte, spähte ich hinein.

Oh, hätte ich das doch nicht getan! Sofort wurde mir mein Fehler bewusst. Ich erkannte, dass der Feuerschein von Kerzen herrührte, die in einem Halbkreis in der Mitte der Höhle aufgestellt waren und sie schwach beleuchteten. Um diesen Halbkreis herum standen vier dunkel verhüllte Gestalten, an der offenen Seite des Kreises eine weitere. Sie hatten ihre verhüllten Rücken mir zugewandt, doch ich erkannte ihn sofort. Innerhalb des Kreises lag ein weiterer, nackter Mann, der nicht bei Bewusstsein war. Die Gruppe war in einem eintönigen Singsang verhaftet, den ich nun erst bemerkte. Auf dem Höhepunkt dieses Gesanges stieß er dem Mann einen Dolch in die Brust. Dieser Mann war ich!

Als meine Sinne wieder zu sich fanden, saß ich hier am Rande der Höhle und tue es noch immer. Nicht noch einmal gehe ich dort hinaus, sollte ich es denn überhaupt getan haben. Ich warte hier auf das Ende von mir oder der Nacht, denn schlafen kann ich nicht mehr. Ist es also doch so, bin ich wahnsinnig? Ich werde mich hüten, den anderen davon zu erzählen. Nein, ich will nicht dem Wahn verfallen! Oh helft mir!

16. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Nach dem Fund von Mosíz‘ Notizen hatte Castaris einige Zeit darauf verwendet, sie zu lesen. Er erzählte uns bald alles, was darinnen stand, oder behauptete das zumindest zu tun, denn glaube ich doch eher, dass er weiterhin etwas zurückhält. Hier nun, was er bereit war uns zu erzählen:

Mosíz scheint Beweise dafür gefunden zu haben, dass die Obrigkeit von Elpenó die Räuber in diesen Bergen unterstütze. Zwar war die Erkenntnis nichts neues, Beweise dafür zu haben dagegen schon. Nun erwähnte er in seinen Schriften aber nicht, welcher Art oder wo diese Beweise wohl seien. Also müssen wir davon ausgehen, dass sie woanders oder nur im Kopf von Mosíz zu finden sind – oder mit ihm entführt wurden. Weiterhin stellte er auch Vermutungen an, was diese Räuber hier wohl wollen könnten, doch kam er dabei zu keinem befriedigenden Ergebnis. Galjúin erobern ergäbe keinen Sinn, sie könnten höchstens etwas stehen wollen. Doch was? Mosíz war dem auf der Spur, hatte sogar herausfinden können, wo sich das Lager der Banditen befindet, hatte dies wenigstens auch in seiner Notiz festgehalten – doch dann verschwand er, und nicht etwa, um dieses Lager auszukundschaften. Gab es noch mehr in den Unterlagen? Castaris verneinte dies, sah dabei aus wie immer – doch ich glaube ihm nicht. Vielleicht sollte ich nochmal versuchen, sie mir allein in Ruhe zu Gemüte zu führen.

Unser Ziel ist klar: dieses Lager finden. Und dann? Unsere Aufgaben lauten: Mosíz finden, Beweise gegen die Obrigkeit sammeln – und am Besten gleich noch die Banditen verhaften. Verhaften? Nun sind wir also die Gehilfen eines Geistwächters, eines Menschen, der selbst in der Unterwäsche seiner Mutter schnüffeln würde, sollte er dort etwas Verdächtiges vermuten. Ich vertraue ihm bloß so weit, wie ich Oljó werfen könnte. Am Besten sollte ich dann aber gleich beide in die Tiefe werfen. Mit etwas Glück wird sich dies aber von selbst erledigen, müssen wir hier in den Bergen doch stetig über steile Grate steigen.

Dafür aber ist die Aussicht hervorragend: An manchen Stellen kann man weit über das Land hinaus gucken, welches in Ost und Süd schnell vom Meer verschlungen wird. Manchmal bilde ich mir sogar ein, dort unten Elpenó zu sehen. Hier in den Bergen ist es weiterhin frischer als in den Ebenen von Tadúnjodonn, was uns aber nur gelegen kommen kann, denn bald erreicht der Sommer seinen Höhepunkt. Selten nur sehen wir hier oben Tiere, die meisten davon sind geschmeidig, flink und äußerst geschickt; nur gut, dass wir keinen Raubtieren begegneten. Über uns ist der weite klare Himmel, der nur selten Tränen vergießt, und in Nord und West sehen wir so manchen hohen Gipfel, den es noch zu umgehen gilt.

Eines muss noch über Castaris gesagt werden: Er mag ein fast noch schlimmerer Schinder sein, als es Duimé gewesen ist, doch seltsamerweise bekam er meinen Geburtstag heraus, der gestern gewesen war, und versprach mir zum Geschenk sogar, dass ich einen Brief schreiben dürfe, sobald wir wieder einen Ort erreichen. So nett dies auch erscheinen mag, weckt es in mir doch den Verdacht, dass gar nicht geplant ist, diesen Auftrag bald zu beenden.

18. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Mich quälte heut ein Traum. Es muss meine Rückkehr nach Hause gewesen sein; jedenfalls wurde gefeiert. Wir waren auf dem Landsitz meines Vaters, an den Klippen nördlich von Ayumäeh. Es waren Festtische errichtet worden. Viele Bekannte waren anwesend, darunter auch meine Onkel und Tanten, Basen und Vettern, die Geschäftsfreunde meines Vaters, Garekh samt Familie, sogar meine Schwester und meine Mutter, auch mein Vater. Wir alle speisten und unterhielten uns gut, als sei nie etwas vorgefallen. Schließlich überreichte mir mein Vater ein kleines Geschenk, eine Kiste, aus der Ccillia entstieg, allen Größenverhältnissen in dieser Traumwelt spottend. Wir kamen uns näher, sehr nahe.

Dann aber plötzlich änderte sich die Umgebung. Wo mir vorher nichts aufgefallen war, erschien nun ein düsterer Himmel, neblig und mit geisterhaften Erscheinungen verhangen. Im Osten stieg ein schwarzer Mond aus den grauen Fluten und auf einmal fing alles in meinem Kopf an zu schreien. Garekh schrie, meine Schwester schrie, Ccillia schrie, selbst meine Eltern fielen ein. Und dann erschien im Norden ein riesenhafter Puidor, groß genug, dass er sich an die Klippen lehnen konnte. Sein Mund schien bereit das Weltenall zu verschlingen und er nutzte ihn, bitterbös zu lachen. Danach schnappte er sich die Gäste, gleich Hände voll mit ihnen, und führte sie sich zu. Ich sah meinen Vater vor Angst schreien, als er zermalmt wurde; sah meine Mutter flehen, bevor sie verschlungen wurde; sah Ccillias Mund nach mir rufen, während er sie zerriss.

Kaum war diese fürchterliche Metzelei vorbei, da wandte dieser Puidor sich an mich. Er erzählte mir, dass ich Ašckhir fliehen konnte, doch lauere hier noch viel mehr. Unweigerlich würde ich auf immer mehr seiner Art treffen, bis ich mich letztlich ihnen anschließen müsste. Er verriet mir Namen weiterer Festungen wie die im Norden, deren Namen ich aber nicht mit hier herüber nehmen konnte. Und er warnte mich, dass jeder sterben würde, der sich ihnen nicht anschließe. Dann griff er nach mir, mich auch zu verschlingen. Die Düsternis schloss sich über mir und ich fiel in abgrundtiefe, schleimige Finsternis.

Da erwachte ich.

20. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Wir erreichten heute eine Höhle. Irgendwo über uns entspringt ein Bach, der sich an dem Eingang zu dieser Höhle vorbei als kleiner Wasserfall ergießt. Es könnte die Mijalar sein, welcher zum Fluss werdend bis Almez an der Westküste fließt. Der Bach ergießt sich in ein enges Tal, doch ein Ufer dort ist breit genug, selbst Karren durchzulassen. Den Spuren zufolge, die zu der Höhle führen, hat man genau das auch oft getan.

Wir sind uns einig, dass diese Höhle zum Lager der Banditen führen muss. Was wir jedoch nicht verstehen, ist, warum nirgends Wachen zu sehen sind. So unvorsichtig oder selbstsicher können sie eigentlich nicht sein. Wir verfolgten nicht alles, doch an einer Stelle bachabwärts gibt es einen Pfad den Hang hinauf, aus dem Tal heraus. Oben auf dem Grat erkannten wir weitere Spuren, die gen West und Ost führen, zu den größeren Wegen hin. Irgendwann müssen diese Trampelpfade aber an von Landwächtern überwachten Straßen entdeckt werden. Warum scheint es hier also so leer?

Castaris befahl, dass wir zunächst weiter die Umgebung erkunden, und sobald es dunkel wäre, uns vor der Höhle verdeckt auf die Lauer legen sollen. Sollte sich diese Nacht nichts ereignen, so werden wir morgen Nacht dort eindringen. Mal sehen, was uns erwartet. Und ein Glück, dass Castaris unserem Gepäck Kräuter zum schnellen Einschlafen beziehungsweise Wachbleiben beigefügt hatte.

 

 

LVII: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘

20. 04. 3980, Atáces.

Neue Verbrechen in Ladóra

Ladóra. Nachdem die Stadt gerade erst den als ‚Schlächter von Ladóra‘ bekannt gewordenen Mann verbannt hat, erlebt sie nun neue Schandtaten. Vor zwei Wochen begann es. Zunächst wurden einige Stadtwächter ertrunken in einem Kanal aufgefunden. Man vermutet, dass sie einem Verbrechen und keinem Unfall zum Opfer fielen. In der Woche danach verschwanden zwei Menschen aus der Stadt. Die Obrigkeit von Ladóra gab Stadt- und Landwächtern Befehl, sie zu finden.

Neue Fahrpläne der Seewächter

Elpenó. Es wurde mitgeteilt, dass Elpenó plant die Fahrten zwischen Nardújarnán, Rardisonán und Acalgirí zu verdoppeln. Der Grund sind erhöhte Nachfragen nach Fracht- und Lebendfahrten zwischen den Reichsteilen. In den Werften von Elpenó, Almez und Bemuido seien bereits zusätzliche hochseetaugliche Schiffe in Auftrag gegeben worden, hieß es. Aleca wurde über die Maßnahmen benachrichtigt, um falsche Schlussfolgerungen zu verhindern.

Beginn der Jagdzeit

Ejúduira. Wie Ejúduira bekannt geben lässt, beginnt nun wieder die Jagdzeit. Diesjähriges Ziel sind die Echsen von Iganosnán. Wer bis Ende des Herbstes nach Ejúduira zum Jagdhaus kommt und den Kopf einer erlegten Echse vorweisen kann, erhält zehn Ijúl. Mehrfache Belohnungen sind nicht möglich, auch bei mehreren Köpfen. Ziel ist es, die Sümpfe des Tajazi für Reisende zwischen Ejúduira, Bemuido und Arodasa sicherer werden zu lassen.

 

 

LVIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

20. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Gestern betraten wir die Höhle hinter den Wasserfällen. Wie von uns vermutet, führte sie tief in die Dunkelheit. Ich fühlte mich wie in meinen Träumen. Den Wasserschleier durchstoßend, hinabsteigend in die Finsternis, ohne Halt, ohne Sicht, mehr hoffend und vertrauend denn wissend. Doch dann zerstörte Castaris diese Vorstellung, da er einen schwach leuchtenden Stein herausholte und den Weg beleuchtete. Oljó und Castaris gingen voran. Fast lautlos erkundeten sie den Weg; wir anderen folgten. Es dauerte nicht lange, dann kamen wir in einem Tal heraus. Über uns der blaue Himmel, rechts und links Felswände und überall der Geruch frischer Luft und wilder Blumen. Das war keiner meiner Träume, doch könnte er es gerne werden.

Nach der nächsten Biegung schlug dieser Traum aber um. Wir versteckten uns hinter Steinen, Sträuchern, Fässern und Kisten und besahen das, was sich uns bot: das Lager der Banditen. Es war beeindruckend, was sie sich da erbaut hatten. Es gab Hütten vieler Größen, scheinbar auch Versammlungs- und Lagerhäuser. Sie standen frei im Tal, dass sich bedeutend vergrößert hatte, an die Felsmauern erbaut oder sogar hoch in den Hängen. Es waren meist einfache Hütten, aus Brettern und Reisig erbaut, doch in vielen Ländern wären dies gewöhnliche Wohnhäuser. Wir zählten genug von ihnen, um an die zweihundert Räuber zu beherbergen. Und da kam die Frage auf: Wo waren diese alle? Warum war niemand im Lager, nicht einmal, es zu bewachen? Diese Frage sollte sich uns später beantworten.

Doch zunächst schlichen wir weiter vorwärts, stets auf der Hut, aber wie es schien umsonst. Es war wirklich niemand da. Trotzdem umklammerte ich oft unbewusst den Anhänger, den mir die alte Eingeborene gab, wie zum Schutz. Wer weiß immerhin, wann jemand von den Bewohnern zurückkehren würde. Irgendwann gaben wir es aber auf vorsichtig zu sein und erkundeten das Gebiet. Die Hütten bargen nicht übermäßig viel für uns Interessantes: Betten, Tische, Stühle, Truhen für Hab und Gut. Es gab eine Hütte, die scheinbar eine Küche war. Wände und Dach würden gut ein Feuer abschirmen, so macht man niemanden auf sich aufmerksam. Und vor allem aber gab es Gruben, die wohl ein Gefängnis ersetzen sollten. In einer davon fanden wir ihn,

Mosíz war sichtlich mitgenommen, doch gleichzeitig ging es ihm besser als erwartet. Er war schmutzig, ungekämmt, unrasiert und wies einige leichte, mittlerweile bereits schon verheilte Wunden auf. Äußerlich könnte er ein Bruder von Castaris sein, sind sie doch beide wahre Toljiken: mittelgroß, braungebrannt und dunkelhaarig. Mosíz ist aber der Ältere. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass Mosíz innerlich anders sein muss. Zunächst freute er sich sehr, Castaris zu sehen, und begrüßte auch uns herzlich. Dann fragte er mit seltsamer Gelassenheit, wie wir ihn gefunden hätten. Castaris dagegen drängte ihn nur zu gehen, bevor die Banditen wiederkämen, doch Mosíz konnte ihn beruhigen: dies würde erst in Tagen geschehen. Er empfahl uns, neue Vorräte aus den Lagern zu nehmen, dann verließen wir trotz allem vorsichtshalber das Tal und kehrten zu unserem eigenen Lager zurück.

Als es langsam heller wurde, erzählte uns Mosíz alles, was er wusste, während er sich vor unseren Augen in der Mijalar wusch. Ich bewundere seine Ruhe und auch seine Offenheit uns gegenüber. Zunächst versicherte er erneut, dass die Räuber nicht so bald zurückkehren würden. Er hatte sie belauscht: Ein Teil sollte Frachtladungen im Norden abfangen, die von Sodos jás Fuiran nach Bacáta fuhren. Die Wichtigeren jedoch, eine Gruppe, die sich scheinbar aus Hauptleuten zusammensetzte, waren auf ihrem Weg die Mijalar hinab nach Abajez. Das sagte er, während er in den Bach spie, es ihnen hinterherzusenden.

Dann kam Mosíz endlich zu den Neuigkeiten, hinter denen wir her waren: Einige dieser Hauptleute hatte er auch bereits in Elpenó beobachten können, wie sie dort die Obrigkeit besuchten. Für Mosíz war klar, das bedeutete eine Zusammenarbeit der Banditen mit der Obrigkeit von Elpenó, doch greifbare Beweise, wie wir sie uns erhofft hatten, besaß er nicht. Diese, so sagte er, müsse man bei den Hauptleuten suchen. Schnell forderte er von uns, dass wir ihnen nach Abajez folgen müssten. Castaris ging dies zu schnell, er schien nicht befriedigt. Wir anderen stimmten Mosíz aber zu, eine seltsame Begeisterung für dieses Verwirrspiel hatte uns erfasst. Diese Angelegenheit war wesentlich aufregender, als durch tödliche Wälder zu stapfen. Immerhin scheinen Castaris und Mosíz nun einer großangelegten Verschwörung auf der Spur zu sei. Doch was Elpenó und die Banditen vorhaben, und was die Übergriffe der Eingeborenen hiermit zu tun haben, ist weiter unklar. Offensichtlich jedoch scheint auch Abajez darin verwickelt, zumindest dürften wir uns dort mehr Klarheit erhoffen. Morgen also geht es weiter, die Mijalar hinab bis zur ersten Bootsstelle, um dann bis Abajez zu fahren.

Den Rest des Tages mussten wir uns aber erstmal von den Nachwirkungen der Kräuter erholen. Abends saßen wir wieder zusammen. Es wurde zu einer seltsamen Kennenlernrunde, denn Mosíz wollte mehr über uns erfahren, während Castaris lieber längst unterwegs gewesen wäre. Wir erzählten ihm das, was wir ihm erzählen wollten und er berichtete uns von seiner Kindheit auf einem Bauernhof in Rardisonán, doch blieben wir die Meuterei betreffend bei der Geschichte, die wir auch der Verhandlung erzählt hatten, was meine Gewissensbisse Duimé gegenüber nur verstärkte. Mosíz mag zwar nett sein, doch könnte dies nur Fassade sein, jedenfalls ist er immerhin ein Geistwächter, da muss man vorsichtig sein. Darum beunruhigt es mich auch, wie schnell die anderen zu ihm Vertrauen gefasst haben. Plötzlich ist Oljó sozusagen mein Verbündeter, denn er scheint dasselbe zu denken wie ich. Auch wundert es mich, wie oft ich in letzter Zeit diesen Anhänger der alten Frau ergreife, um mich zu beruhigen. Doch tatsächlich scheint er alles Böses von mir abzuschirmen. Ich bräuchte mehr von ihnen, um endlich von meinen Träumen befreit zu werden.

25. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Wir befinden uns etwa auf halbem Wege die Berge hinab. Der Weg scheint mir ewig, haben doch allein die Berge von Galjúin schon eine Fläche, die in etwa der meiner Heimat Ramit entspricht. Ach, wie sehr ich es nun doch vermisse. Ob ich es jemals wiedersehe? Immerhin aber sind die Wahrscheinlichkeiten nun größer, ist dies doch kein Auftrag, für den einen der sichere Tod erwartet. Oft denke ich zurück an die Gefallenen und frage mich, warum sie eigentlich sterben mussten. Hatte es irgendeinen Sinn? Atáces schickte uns bereits richtige Truppen nach, hätten diese nicht allein genügt? Offensichtlich ist unser Leben ihnen nichts wert, sonst hätten sie uns nicht derart in den Schrecken gesandt. Zählt der Einzelne für sie also überhaupt nichts? Warum dann noch für sie arbeiten, warum nicht einfach fliehen, sie ihrem Untergang entgegen gehen lassen? Doch ist mir immer noch klar, dass ich auf einer Flucht niemals glücklich werden würde. Wobei – was ist für mich Glück? Ich weiß es nicht. Außerdem ist nicht nur dieses Land bedroht, dessen bin ich mir immer noch sicher, mögen mich andere auch für verrückt halten. Es gilt Ramit und Omérian zu beschützen, für die Sicherheit von Ccillia und meiner Schwester zu sorgen. Ebenso frage ich mich immer wieder, was wohl die Gründe der anderen sind, weiter zu folgen und zu dienen. Bei den meisten dürfte es das wieder drohende Gefängnis und das Versprechen der Freiheit sein, was ist zum Beispiel mit Oljó? Was treibt ihn an? Sicherlich nicht Menschenfreundlichkeit.

30. 04. 3980, Irgendwo auf der Mijalar.

Die erste Bootsanlegestelle war wenig beeindruckend, hauptsächlich ein Außenposten für Holzfäller. Zwei Flussschiffe lagen dort aber am Pier. Castaris und Mosíz befragten deren Kapitäne sowie einige andere Leute in diesem Weiler, ob sie jemanden gesehen hätten, die als kleine Gruppe hier bereits ein Schiff genommen haben. Drei Angesprochene konnten uns Auskunft geben, dass die Gesuchten bereits vor einer Woche mit einem Karren an der Anlegestelle angekommen waren und ein Schiff nach Abajez genommen hatten. Das zu wissen genügte uns. Eine Woche beträgt ihr Vorsprung also. Bei den ganzen notwendigen Reisen erscheint es mir zweifelhaft, dass wir Erfolg haben werden. Aber doch – gut ein Jahr verging, seitdem ich Ayumäeh verließ und wieviel ich doch seitdem gesehen habe.

Wie auch immer, wir nahmen eins der vorhandenen Schiffe, nachdem Mosíz den Kapitän irgendwie davon überzeugen konnte, sofort abzulegen, nur mit uns als Reisenden. So befinden wir uns nun also auf der Mijalar. Oh Wunder wie schnell so eine Reise flussab doch gehen kann! Der Kapitän meinte zu uns, morgen müssten wir bereits Abajez erreichen. Ich hoffe sehr darauf, dort endlich mal wieder ein richtiges Bett beziehen zu können, auch wenn ich mich immer mehr an harte Böden gewöhnen konnte. Die Berge um uns sind mittlerweile nur noch welliges Bergland, das viele Wiesen und Wälder und blökende Vieherden aufzuweisen vermag.

Gestern Abend musste ich erneut Puidor erblicken. Seltsam friedlich erschien er mir diesmal als Hirte einer Kleinviehherde draußen auf den Wiesen. Trotzdem war mir sein Anblick nicht erwünscht. Das erste Mal wehrte ich mich dagegen, hielt meinen Anhänger in einer Hand fest umgriffen, als helfe er mir dabei, die andere Hand klammerte sich an die Reling. Ich wünschte ihn fort, dachte nur daran, dass er nicht wirklich da sei, dass er gehen solle – und es klappte. Auf einmal war statt Puidor wieder der richtige Hirte draußen auf der Weide. Oh, wie ich mich darüber freuen konnte.

Ich eilte sofort zu Couccinne, um ihm mein Erlebnis mitzuteilen, doch war dieser gerade in ein Spiel mit Mosíz vertieft. Ich mag es nicht, wie sehr sich diese beiden in letzter Zeit verstehen, und Miruil gibt mir Recht, dass dies nicht gut sein kann.

 

 

LIX: Brief an die Schwester

04. 05. 3980

Geliebte Schwester,

es fällt mir schwer, doch ich muss dir schreiben, ohne dir viel verraten zu dürfen. Ach, was heißt hier müssen; ich bin froh es tun zu dürfen! Doch ist es schwer so zu schreiben und ich frage mich auch ein wenig, wozu die Anstrengung Dinge zu verbergen, interessieren wird es doch sicherlich eh niemanden, nicht? Aber gut, nun darf ich dir wenigstens wieder einmal schreiben, da will ich dies auch tun.

Einiges ist geschehen, von dem ich nicht berichten darf. Worüber kann ich da überhaupt schreiben? Ich weiß nicht, was bei euch geschah in den letzten Monden, ich bekam auch immer noch nicht deine Briefe, so kann ich nur ein wenig über mich schreiben. Du weißt, dass mich diese Erscheinungen von Puidor weiter verfolgen. Aber davon will ich dir nicht erzählen, ich glaube jedoch, sie langsam im Griff zu haben.

Vor allem muss ich dir wohl sagen, dass ich euch vermisse. Dich, Ccillia, selbst Mutter und Vater. Ich hoffe sehr, es geht allen gut, ich hatte seltsame Erscheinungen und Träume dies betreffend. Wie gerne wäre ich doch lieber bei euch statt hier.

Dein Falerte

 

 

LX: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

05. 05. 3980, Abajez.

Um Mitternacht krähte ein Hahn. Langsam erhob ich mich von dem Bett, welches ich mir mit Miruil und Couccinne teilte. Rasch zog ich mich an, um danach die Stufen hinabzugehen. Im Hof angelangt nahm ich mir ein Schwert aus dem Stall. Auf meinem Weg durch die Stadt hinüber zu dem kleinen Park kam ich an dem Hahn vorbei, bei dem ich mich mit dem Schwert bedankte. Seine blutigen Überreste nahm ich mit.

Schließlich erreichte ich den Park, an dessen Pforten mich bereits zwei der Fahach erwarteten. Ihre schuppigen, dunkelblauen Gesichter grinsten mich an, sofern sie dies überhaupt können. Dann drehten sie sich um und gingen in den Park, ich folgte ihnen. Wir erreichten bald den Platz, an dem das Opfer wartete. Fünf Spieße bildeten einen Halbkreis, auf die fünf Köpfe gesteckt waren. Zwei erkannte ich als die von Castaris und Mosíz, ein weiterer schien Duimé zu sein, die anderen mir unbekannte Frauen. Drei dunkelhäutige Eingeborene eines mir nicht geläufigen Stammes warteten bereits, die Oberkörper entblößt, kniend hinter den Spießen. Die Fahach stellten sich zwischen sie, wie es verlangt war.

Innerhalb des Halbkreises lag das Opfer, eine junge Frau, entkleidet wie es sich gehört. Ich nahm meine Stellung an der offenen Seite des Halbkreises ein. Nachdem ich sie mit dem Blut des Hahns geweiht hatte, begannen wir zu singen. Wir lobten die Fahach, priesen Ašckhir und beschworen das Glück für Šamrek sowie den anderen Festen: für Ijenreich, für Dalchon, für Werzan und all den anderen. Wir endeten damit, die Zerstörung von Nardújarnán und der Welt freudig zu erwarten.

Dann wollte ich die Opferung durchführen, doch plötzlich begann der Anhänger, den ich um den Hals trug, glühend heiß zu brennen. Ich wollte ihn von mir reißen, doch die Berührung ließ mich ohnmächtig werden. Als ich wieder erwacht war, störten Stadtwächter unser Beisammensein und ich musste fliehen. Doch die Brut wird weiter stärker.

06. 05. 3980, Abajez.

Immer wieder, wenn ich den gestrigen Eintrag lese, packt mich das Entsetzen und ich möchte nur noch schreien. Was war da geschehen? Warum erinnere ich mich nicht, jemals diesen Eintrag verfasst zu haben? Und doch – es ist meine Schrift, wenngleich viel ruhiger und sauberer als sonst. Was sind das für Namen, was wird dort beschrieben? Sind diese Fahach womöglich diese seltsamen echsenhaften Wesen, die ich in Ašckhir und meinen Erscheinungen sah? Es muss wohl so sein. Doch wer oder was ist Šamrek? Diesen Namen habe ich auch damals auf der Sturmwind gehört, die folgenden Namen dagegen nicht.

Es ist schreckenerregend. Ich bin noch nie geschlafwandelt und mir war auch nicht bekannt, dass man im Schlaf schreiben kann, doch so muss es gewesen sein. Um sicherzugehen erbat ich mir von Mosíz die Erlaubnis, in den Park zu gehen. Er willigte ein, sind wir hier doch so gut wie nutzlos, bis Castaris wiederkommt, doch sah mich seltsam an. Warum, das erkannte ich schnell, denn scheinbar gibt es hier überhaupt keinen Park. Erst da fiel mir auf, dass es neben unserer Unterkunft auch keinen Stall gibt. Das beruhigte mich immerhin, denn so war sichergestellt, dass ich wirklich im Schlaf Unsinn geschrieben haben muss. Nun erkenne ich auch, dass Hähne nicht nur Mitternacht krähen sollten. Und doch – etwas stimmt an der ganzen Sache nicht.

Gegen Mittag kam dann Castaris zurück. Heute Nacht war er heimlich in das Haus eingestiegen, in welchem die Gesandten der Banditen untergebracht waren, hier am Marktplatz der Stadt. Wir konnten ihm dabei nicht helfen, wäre das doch zu auffällig gewesen. Castaris brachte uns Notizen, die er eilig verfasst hatte, und las uns aus ihnen vor. Kurz nach seinem Einbruch in das Gebäude hatte er eine Tür erreicht, hinter der er Stimmen hörte. Er konnte sich gerade noch in einem Abstellschrank verstecken, da kamen die Banditen in das Zimmer. Sie begannen dort zu trinken und bald laut zu grölen und zu feiern, als sie betrunken wurden. Wichtiger ist aber, dass sie Teile ihrer Pläne besprachen. Etwas, dass mir an der Schilderung Schauer verursacht ist und war, dass die Bezeichnungen Šamrek und Fahach auch fielen. Ich blieb jedoch still und hörte Castaris weiter zu, es gab noch Interessantes zu hören.

Die Banditen scheinen in Galjúin einen Stützpunkt aufzubauen, doch ihre Heimat ist scheinbar woanders zu suchen. Castaris fand es sonderbar, dass die Männer anfingen sich darüber zu beraten, wo in den Bergen von Galjúin möglichst warme Höhlen zu finden seien, mir ließ dies aber meine Nackenhaare aufstellen. Sie sprachen an keiner Stelle aus, wo genau ihr Hauptlager sei, doch müsse dies wohl irgendwo in Fuiran sein. Zumindest sprachen sie davon, in drei Tagen in diese Richtung abzureisen. Möglich wäre aber auch, so Mosíz, dass sie dort ihre restlichen Einheiten treffen wollen, die ja zu einem Überfall aufgebrochen waren. Letztlich freuten sich die Hauptleute noch darüber, dass ihr Treffen mit der Obrigkeit von Atáces so gut verlaufen war. Abajez ist also auch Teil der Verschwörung! Doch Handgreifliches erwähnten die Trinkenden nicht und Castaris musste stundenlang in seinem Verschlag hocken, bis sie endlich mit dem Zechen fertig waren. Danach sah er sich noch weiter um, während sie ihren Rausch ausschliefen, doch fand er nichts Schriftliches oder anderes, das ein guter Beweis sei. Vermutlich aber können diese Männer auch gar nicht schreiben, auch bei uns können ja neben den Geistwächtern dies nur Couccinne und ich.

Mosíz und Castaris kamen schnell darin überein, dass wir den Männern in besagtes Hauptlager folgen müssten oder zumindest solange, bis wir wüssten wo es sich befindet und wir es selber besuchen gehen können, wollten wir erfolgreich sein. Ich höre meine Füße jetzt schon um Gnade flehen. Wir haben noch drei Tage hier, in denen wir versuchen sollten, vielleicht doch noch bessere Hinweise zu finden, danach würden wir ihnen einfach nach Fuiran folgen. Auch wenn das vermutlich nicht so einfach werden würde, denn über Wochen jemanden unauffällig zu verfolgen stelle ich mir schwer vor. Doch die Geistwächter dürften sich da besser auskennen.

Mein Wissen um diese Wesen und Festen verschweige ich weiterhin. Ein paar Mal hatte ich vorsichtig versucht sie nach ihnen bekannten ungewöhnlichen Vorkommnissen zu befragen, doch Castaris sah mich bei der Erwähnung von echsenhaften Wesen zweifelnd an, Mosíz fast schon bedauernd. Sie würden mich letztlich wohl für verrückt erklären, spräche ich es laut aus. Ich habe doch genausowenig Beweise wie sie, und würde mir auch nicht glauben.

Auf meine Frage, warum sie nicht einfach Atáces Bescheid geben könnten, hatten sie zwei Antworten: Erstens kann Atáces sich nicht einfach in die Belange der anderen Obrigkeiten einmischen, ohne etwas in der Hand zu haben und zweitens würde Abajez Botschaften von Leuten unseres Aussehens an die Obrigkeit von Atáces sicherlich überprüfen, was leicht unser Tod sein könnte. Nein, es gilt Beweise und das Hauptlager zu finden, um dann die Armee von Atáces holen zu können. Mir erscheint die Welt schrecklich verworren und umständlich. Vielleicht wären wir ja besser dran, gäbe es dieses riesige und innen faulende Reich doch nicht.

Oh, ich bin so müde, doch habe ich Angst zu schlafen, weshalb ich sinnlos vor mich hinschreibe. Manchmal habe ich Angst davor einzuschlafen, denn manchmal ist es, als würde ich dabei sterben. Und manchmal habe ich Angst, dass andere sterben, sollte mein Schlaf kommen. Wie singen es die Kinder hier doch?

1 – Der Tod kommt auf leisen Sohlen

2 – Bald schon kommt er dich zu holen

3 – Er findet dich im Traume dann

4 – Rette dich vor dem Braunen Mann!

Oh wie passend es doch ist: Der braune Mann, der Eingeborene, zusammen mit seinem schwarzblauen Freund. Als würden es die Kinder erahnen.

13. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Es regnet nun schon seit Tagen. Langsam halte ich es nicht mehr aus. Es ist, als wollte uns der Himmel ertränken. Verübeln könnte ich ihm diese Tat kaum, wäre ich doch der Erste, der sich freuen würde. Wobei – gut, einige wenige wären zu erretten, so Ccillia und meine Schwester. Um andere wäre es nicht einmal ansatzweise schade, so Oljó oder auch Castaris. Letzterer meint uns immer härter durch den strömenden Regen treiben zu müssen, ersterer lässt mich einfach nur wütend werden, packt er doch immer wieder seine gehässigen Bemerkungen aus. Aber ein Gutes hat der Regen, die Hitze ist wesentlich besser zu ertragen.

Die Banditen nahmen sich Tošaren um schneller voranzukommen, was uns dazu zwang, ebenfalls welche zu nehmen um ihnen folgen zu können. Außer den Geistwächtern ist aber kaum jemand von uns das Reiten gewöhnt, weshalb wir anderen ständig über blaue Flecken und Schmerzen klagen dürfen. Oljó scheint das lustig zu finden, ist er doch derjenige, der reiten kann. Aber wie auch immer, so schlimm ist es eigentlich nicht. Die Tiere riechen nach Freiheit, die Luft über ihrem Rücken ist im Ritt stets kühlend. Doch jetzt im Regen riechen sie mehr nach nassen Felldecken und sie zu lenken wird schwerer. Die Tiere scheinen südlichere, kühlere Steppen zu bevorzugen, doch halten sie es mit ihrem dünnen Fell hier im Norden immerhin noch aus. Ich weiß nicht, woher die Tošaren ursprünglich stammen, habe mich nie damit befasst, doch scheinen sie die hauptsächlich verwendeten Reittiere in diesen Landen zu sein. Auf ihre Art sind es durchaus hübsche Tiere. Die langen kräftigen Beine sind gut für schnelle Reisen geeignet, ihre Hufen geben ihnen auf vielen Böden Halt. Der Körper ist kräftig genug uns zu tragen. Sie scheinen hauptsächlich über den langen Hals zu schwitzen. Der kleine rundliche Kopf kann bei manchen Tieren fast niedliche Züge tragen, die kleinen dreieckigen Ohren zucken stets hin und her, als lauschten sie im Regen. Nur der kurze Schwanz ist mit längeren Haaren bedeckt.

Unsere Verfolgten schlugen schon kurz nach Abajez seltsame Zickzackkurse ein, um immer wieder die Hauptstraße von Abajez gen Sódos jós Fuiran und damit die dortigen Posten der Landwächter umgehen zu können. Das macht es für uns zwar schwerer, ihnen gut folgen zu können, doch dafür entgehen auch wir den Landwächtern. Keiner von uns besitzt gültige Pässe für Fuiran, eine grobe Schlamperei der Geistwächter, wie ich sagen muss. Ansonsten wäre es für uns ein Leichtes gewesen, einfach abzukürzen indem wir gleich nach Sódos reisen würden – doch gut, wer kann schon sagen, ob sie überhaupt dorthin wollen.

Wir lagern gerade am Ladú Fuiran, dem größten See innerhalb von Nardújarnáns Grenzen. Unsere Opfer sind nah genug, dass wir ihr Feuer sehen können und deshalb kein eigenes entzünden, und das schon seit Tagen. Jeder von uns ist ebenso lange schon bis auf die Knochen durchnässt, doch noch geht uns dank der anhalten Wärme gut. Trotz des Zickzackkurses sind die Banditen unvorsichtig, sehen wir doch ihr Feuer und es muss ein Wunder sein, dass sie damit keine Landwächter angezogen haben. Sollten sie ihren Kurs nicht drastisch ändern, werden wir wohl bald Sódos erreichen.

Es macht mir Angst, dass meine Träume selbst im Regen immer stärker zu werden scheinen, je weiter wir gen Norden kommen. Woran mag es liegen? An der beginnenden Nähe zu Ašckhir, das trotzdem noch Wochen entfernt ist, oder etwas anderem? Doch wenigstens verfolgt mich derzeit Puidor nicht mehr. Dafür erblicke ich in meinen Träumen jedoch öfter diese Fahach; auch andere Wesen erscheinen mir. Und immer wieder kommen Berge, Höhlen, Feuer, Festungsanlagen, marschierende Armeen, Opferungen, Schlachten und vieles mehr vor. Es ist fürchterlich, wie erschreckend Träume sein können.

Dafür erfuhr ich endlich, warum Dosten der Armee beigetreten war. Irgendwie war mir noch nie in den Sinn gekommen, ihn danach zu fragen. Allerdings rede ich ja auch nie wirklich mit ihm. Es ist offensichtlich, dass der blonde Junge aus Akalt stammt, doch wie gerät ein solcher in die Armee von Ojútolnán? Die Antwort ergab sich, als eines Abends Mosíz dreist genug war, danach zu fragen, während wir beim Essen saßen. Scheinbar waren des Jungen Eltern Händler gewesen, die einst mit ihm nach Rardisonán kamen, doch dort bei einem Überfall getötet wurden. Der Junge stand allein da, wusste nicht wohin und ging so als einzige Möglichkeit, eine Mahlzeit zu bekommen, in die Guigans von Rardisonan. Also hat er ein ähnliches Schicksal wie ich erlebt, ohne dass mir das bewusst gewesen ist. Ihm scheint kein guter Stern gegeben zu sein, wenn er nach diesem ursprünglichen Unglück gleich in weitere mit uns geraten sollte. Immerhin gut für ihn, dass Jimmo stets auf ihn aufpasst. Das wird er hier auch immer nötig haben.

17. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Sódos jós Fuiran scheint kein Freund der Banditen zu sein. Sie hielten sich nur kurz dort am Stadtrand bei einem Bauerngehöft auf. Das aber merkten wir uns, denn dieses Gehöft muss sehr wohl dazu gehören. Die ganzen Vorfälle bestärken mich nur noch darin, dieses Land verlassen zu wollen. Seltsame Wesen und feindliche Eingeborene, die das Land verwüsten wollen, gepaart mit Banditen, die es innerlich zersetzen indem sie mit Obrigkeiten zusammenarbeiten, die kaum besser sind als sie. Je mehr ich darüber nachdenke, desto schlechter wird mir. Ich will endlich raus aus diesem Land; an jeder Ecke scheint der Tod zu lauern. Wenigstens regnet es nicht mehr.

Einen Tag nach Sódos dann, die Männer verfolgen immer noch ihren Ausweichkurs, diesmal aber gern Nord, gen Ladóra, grob dem Verlauf des Flusses Canlar folgend, schienen sie auf mehr Freunde zu stoßen. Seit Sódos hatten sie einen Wagen mit seltsamen Kisten dabei, den sie nun ablieferten. Es war das erste Mal, dass mir auffiel, dass wir bisher alle Dörfer von Eingeborenen großzügig umgangen hatten, denn diesmal näherten sie sich einem. Wir wissen nicht alles, was dort vorging, wir sahen nur wenig. So zum Beispiel im Halbkreis aufgestellte Fackeln, wie sie in meinen Erscheinungen vorkamen, sowie neue Kisten, deren Inhalt wir nicht kennen, die auch nicht nach der Hand von Eingeborenen aussehen.

Wir beobachteten das Ganze eine Weile aus großer Entfernung, ohne viel zu erfahren. Die Männer schienen Handel zu treiben. Sie gingen in Häuser, besahen sich Waren auf dem kleinen Marktplatz des Dorfes und blickten auch immer wieder in eben diese Kisten. Sie kauften oder verkauften jedoch nichts, jedenfalls nicht offensichtlich, sie ließen bei ihrer Abreise nur die Kisten dort zurück. Es bleibt noch die Möglichkeit, dass sie Unterhaltungen führten, doch werden wir dies wohl nie erfahren.

Nach wenigen Stunden machten sie sich wieder auf den Weg, wir ihnen hinterher. Die Straße von Sódos nach Bacáta, auf der der Überfall stattfinden sollte oder noch soll, liegt längst hinter uns. Ihr Ziel wird also wohl nicht die Heimkehr oder Vereinigung mit der Gruppe sein. Die Richtung in die sie sich bewegen deutet weiter auf Ladóra oder irgendwas in der Nähe hin. Der Canlar dürfte bald das erste Mal in unsere Sicht kommen. Ansonsten ist dies ein weites offenes Hügelland mit wenigen Wäldchen, ähnlich wie der gröbste Rest von Nardújarnán.

Mehrmals wären wir aber fast entdeckt worden und jedes Mal war es Oljós Schuld. Das erste Mal hatten sich einige von uns im Schutze eines Haines näher an das Nachtlager der Männer geschlichen, ob man etwas von ihren Gesprächen verstehen könnte. Oljó war dabei aber gestolpert, hatte sich verletzt und unterdrückt aufgeschrien. Castaris konnte es glücklicherweise noch durch vorgetäuschte Tierlaute überdecken, trotzdem mussten wir uns zurückziehen. Das zweite Mal entfachte Oljó ein Feuer, obwohl der Rauch in Sicht der Banditen gelegen hätte. Wir konnten gerade noch Schlimmeres verhindern.

Ich frage mich, was mit ihm los ist. In den letzten Tagen verhält er sich immer sonderbarer. Er, der früher stets dumme Sprüche und ähnlichen Unsinn auf Lager hatte, ist nun fast völlig verstummt. Seltsam oft sieht er nach Süden oder Norden. Glaubt er, dass wir verfolgt werden?

 

 

LXI: Bericht des Außenposten Médyhúda an Atáces

17. 05. 3980

Die Angriffe der Eingeborenen auf uns lassen langsam nach. Nur dank der steten Verstärkungen und des Schutzes der Wasserwege zwischen Médyhúda und Húalis durch Kriegsschiffe konnte das Fortbestehen dieses Außenpostens gewährt werden. In all der Zeit haben die Angreifer ihre Vorgehensweise nicht geändert. Immer wieder haben sie uns belagert, ihre Speere geworfen, Feuer entzündet außerhalb des Lagers – und immer wieder sind sie schließlich abgezogen ohne etwas erreicht zu haben. Einige wenige Male versuchten wir Ausfälle, sie zu vertreiben. Nur unter Verlusten konnten wir sie zurückdrängen, doch jedes Mal erschienen bald neue feindliche Einheiten. Zuletzt haben wir eine Weile lang versucht, ihre Belagerung nicht zu beachten, nur für die Sicherheit der Versorgungsschiffe zu sorgen. Erst als erneut eine Armee von euch eintraf, konnten wir sie endgültig vernichten.

Seit einem Mondlauf haben wir nichts mehr von ihnen gesehen. Unsere fähigsten Späher durchsuchen den Wald nach Spuren, um vielleicht auch ihre Heimatdörfer zu finden, damit wir sie zerstören können, doch berichten sie nur immer wieder, nichts gefunden zu haben. Es ist fast, als hätte es hier in diesem Waldabschnitt niemals Eingeborene gegeben. Manch ein Kämpfer munkelt etwas von Geistern, doch erlauben wir solche Gerüchte nicht. Unheimlich ist aber tatsächlich, dass wir manchmal nachts draußen im Wald Trommeln hören können. Schicken wir dann einen Späher los, findet er nie etwas, egal ob tagsüber oder gleich in der Nacht.

Unabhängig von diesen Begebenheiten meinen wir jedoch hiermit berichten zu können, dass Médyhúda endgültig zurückerobert und befriedet ist. Wir erwarten eure Entscheidung, ob nun alle zusätzlichen Einheiten sofort abziehen sollen oder ob sie hier noch verbleiben. Wir sehen aber keinen Grund anzunehmen, dass diese Dörfer noch zu finden sind, weshalb wir die Truppen nicht mehr benötigen sollten.

(Siegel des Außenpostens Médyhúda)

 

 

LXII: Notizen des Geistwächters Castaris

18. 05. 3980

Langsam frage ich mich, ob die Banditen nicht nur mit uns spielen. Vielleicht hatten sie uns schon längst bemerkt und führen uns nun auf eine falsche Fährte, während sich die Wahrheiten woanders verbergen. Mosíz ist nicht meiner Ansicht, er meint, er hätte dies in seiner Gefangenschaft sonst bereits erfahren. Doch wie kann er da sicher sein, schließlich erfuhren wir auch erst in Abajez, dass sie ein anderes Hauptlager haben. Ich hoffe, dass, sollten wir versagen, die anderen Geistwächter, vor allem in Cabó Canguina, mehr Erfolg haben. Die Banditen müssen aber hauptsächlich in Galjúin und Fuiran tätig sein; sollten sie noch weiter im Osten sein, dürfte Nardújarnán vor einem wirklich großen Problem stehen. Doch bis zu meiner Abreise konnte ich mich auf Atáces verlassen, da bin ich mir sicher.

Den Männern, die sie mir mitgaben, merkt man immer häufiger an, dass sie bloße Schwertfänger sind. Jeder von ihnen hat zuviele Nachteile um ein wahrer Kämpfer sein zu können, weshalb sie für die eigentliche Armee untauglich waren. Hätte Duimé nicht kurz vor einer Verhandlung aufgrund seiner aufbrausenden Haltung gegenüber Vorgesetzten gestanden, er hätte wohl niemals so einen Auftrag angenommen. Wenigstens zwei der Männer, mit denen ich reise, müssen wahnsinnig sein. Dieser Oljó, der mir anfangs nur hinterhältig und gewalttätig erschien, scheint Wahnvorstellungen zu haben. Hoffentlich macht ihn das nicht völlig untauglich, sonst muss ich ihn nach Atáces zurückschicken oder ihm einen Unfall bereiten. Weiterhin stimmt etwas mit diesem Khantoë nicht, der zwar nicht mehr auf die seltsamen Geschichten besteht, die er während seiner Behandlung erfand, doch auch er wirkt oft, als hätte er Geister gesehen. Ich stehe kurz davor ihm sein Buch wegzunehmen, damit er das Grübeln lässt, doch könnte dies seine Nützlichkeit einschränken.

Mosíz dagegen scheint sie zu mögen, doch Mosíz war schon immer selber seltsam.

 

 

LXIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

19. 05. 3980, Irgendwo vor Ladóra.

Wir müssen kurz vor Ladóra sein. Es gab keine aufregenden Vorfälle seitens der Banditen mehr, doch Oljó verhält sich weiter seltsam. Einmal verlangte er von uns, dass wir umkehren müssten, doch konnte keine gute Begründung liefern, warum wir das hätten tun sollen. Dazu befragt wirkte er verwirrt, als sei ihm nicht bewusst gewesen, dies gesagt zu haben. Wir ließen ihn bald in Ruhe, er uns dafür immerhin ebenso. Das sehe ich schonmal als Verbesserung.

Dosten, der bessere Augen als wir hat, meinte im Osten Feuerschein und Rauch zu sehen. Im Osten sind aber nur in der Ferne die Berge zwischen den Ebenen von Ladóra und dem Flussland des Tajazi bei Cabó Canguina. Laut Mosíz ist diese Gegend nicht bewohnt, jedenfalls nicht von Toljiken. Wir versuchten das also nicht weiter zu beachten, was nicht ganz so schwer war, da wir anderen dort sowieso kaum etwas erkennen konnten. Manchmal beneide ich Dosten um seine Augen.

Gestern kamen wir an dem zweitgrößten der zahlreichen kleinen Seen des Canlar vorbei. Das bedeutet, dass der größte See und damit Ladóra in greifbarer Nähe liegen müssen. Westlich des Canlar sehen wir ausgedehnte trockene Ebenen, die bis zum Ladú Rachín gehen sollen, östlich liegen die fruchtbaren Ebenen durch die wir reiten, die sich bis hin zu den Bergen erstrecken. Nördlich von Ladóra, so erzählte Mosíz, würde dagegen der Wald dichter werden und schließlich in den großen Wald übergehen, der einst zu meinem Schrecken wurde.

Castaris habe ich in den letzten Wochen nur noch hassen gelernt. Er treibt uns an wie Tiere und sein einziges Ziel scheint es zu sein, endlich diesen Fall zu lösen. Mosíz dagegen ist eher der freundliche Vater, der mit uns spricht und Castaris öfter beschwichtigen muss. Ich werde aber weiter das seltsame Gefühl nicht los, dass die beiden mit uns bloß ein Spiel treiben. Immerhin müssen Geistwächter in viele Rollen schlüpfen können. Wielange mag es also noch dauern, bis sie uns ihr wahres Gesicht zeigen?

Um auch noch über etwas gutes berichten zu können: Mein Hintern hat sich allmählich an das Reiten gewöhnen können. Endlich keine Schmerzen mehr! Auch habe ich mich stark genug an mein Tošaren gewöhnt, dass ich überlege, es vielleicht zu behalten. Es sollte doch sicherlich irgendwie möglich sein, Castaris zu überzeugen, es mir zu überlassen. Er wird es einfach tun müssen. Sicherlich fällt mir etwas ein, sobald wir soweit sind. Ich wollte es Ccillia nennen, doch wäre das seltsam, sollte ich beide Ccillias je zusammen sehen. Stattdessen nannte ich es schließlich Castillia, auch, um Castaris zu ärgern, doch schien dieser das nicht zu bemerken.

26. 05. 3980, Ladóra.

Es scheint fast vorbei zu sein. Castaris und Mosíz meinen, dass es hier in Ladóra genug Beweise geben wird, die Banditen der Obrigkeit zu überführen. Morgen Abend soll das Haus, welches sie am Stadtrand bewohnen, gestürmt werden. Heute sprach Castaris mit der Obrigkeit hier, welche einwilligte. Zuvor gingen wir natürlich sicher, dass sie nicht auch darin verwickelt ist. Die beiden scheinen jedenfalls sicher genug, dass dem nicht so ist. Nun haben diese beiden also Unterstützung von der Obrigkeit. Ich weiß nicht, was die Geistwächter getan haben, doch man willigte ihnen bereits ganze Truppenteile zu, um morgen das Anwesen am Stadtrand zu durchsuchen. Wird es dann endlich zuende sein? Und was wird man herausfinden? Ich bin mehr als gespannt. Glücklicherweise werden wir uns dabei im Hintergrund halten können.

Ladóra ist eine kleine Stadt, gelegen hier in Fuiran, ähnlich wie Cabó Canguina und Aiduido Elazar ein Tor in den Borden. Ladóra liegt am Südende eines größeren Sees, der Teil des Flusses Canlar ist. Da der Fluss bis hierher und noch weiter gut befahrbar ist, mauserte sich Ladóra schnell zur Handelsstadt. Von den letzten Außenposten im Norden kommt vor allem Holz, das in den Süden gebracht wird. Derzeit liegt aber eine seltsame Stimmung über der Stadt, da in den letzten Mondläufen zunächst viele Menschen von einem Mann namens ‚Schlächter von Ladóra‘ geköpft worden waren und später andere verschwanden. Also wohl doch keine so behagliche ruhige Grenzstadt. Eigentlich scheint Ladóra auch eher Abenteurerstadt zu sein, ist dies doch die letzte Stadt vor der weiten Wildnis.

Die Obrigkeit gab uns Unterkunft in der örtlichen Guigans, welche im Osten der Stadt am See liegt. Kaum hatten wir sie betreten, da blieb kurz mein Herz stehen und mir wurde heißkalt trotz der Sommerhitze, derweil die Welt um mich schummrig wurde. Couccinne musste mich stützten. Als er nach dem Grund fragte, schob ich es auf die Hitze. Der wahre Grund ist aber, dass unser Zimmer im ersten Stock liegt, über eine Treppe erreichbar ist und nach unten hinausgehend man sogleich neben den Stallungen steht. Wie ich bald herausfand, hat die Stadt auch einen kleinen Park, gelegen auf einer kleinen, von Kanälen gebildeten Insel. Ich wagte es aber nicht mich zu erkundigen, ob man dort je des Nachts seltsame Vorgänge beobachtet hat. Lieber legte ich mich einmal selbst auf die Lauer und entdeckte zu meinem Glück nichts.

Trotzdem beunruhigt es mich sehr, ein Zufall kann das nicht sein. Ich war noch nie zuvor in Ladóra gewesen, also wie kann das sein? Hatte ich vielleicht einmal unterwegs aufgeschnappt, wie jemand von Ladóra sprach und dies beschrieb? Ich weiß es nicht, doch scheint es mir die einzige Möglichkeit. Immerhin weiß ich, dass ich in diesem Zimmer kaum ruhig schlafen kann. Ich hoffe sehr, wir sind bald fertig in Ladóra, denn trotz des schönen Sees kann ich es so nicht aushalten.

Auch in den anderen scheint die Rückkehr in den Norden verschiedenes ausgelöst zu haben. Couccinne meint düstere Strömungen in der Luft zu spüren, Jimmo scheint die Nähe des Waldes nicht zu behagen. Miruil ist wohl der einzige von uns, der mit allem recht zufrieden ist; dies scheint seine Gelüste nach Abenteuern bereits genug zu befriedigen. Oljó ist es aber, der sich wahrlich am ungewöhnlichsten verhält. Immer noch ist er verdächtig ruhig und zurückhaltend. Oft verschwindet er Abends, um erst spät in der Nacht wiederzukommen. Ich vermute, dass er in alte Gewohnheiten verfallen ist. Allerdings ist es wahrhaft nicht die richtige Zeit, um Häuser zu plündern oder zum Glücksspiel zu gehen. Ich verzichte aber darauf, es Castaris oder Mosíz zu melden.

Eigentlich sollten wir nun schlafen um für Morgen ausgeruht zu sein, doch gerade bemerkte ich, dass Oljó fehlt. Ich werde ihm nachgehen.

27. 05. 3980, Ladóra.

Oljó y Becal ist tot und ich habe ihn umgebracht! Sollten die Geistwächter dies je erfahren, so werde ich auch tot sein! Wie sollte ich ihnen das schon erklären? Und doch – ich handelte rechtmäßig, er hat sein Schicksal verdient. Ob auch die anderen mir dies glauben würden? Mich quält mein Gewissen, obwohl es so hatte kommen müssen. Das erste Mal musste ich einen Menschen töten – selbst auf dem Tajazi sah ich mich nicht dazu gezwungen. Jetzt kannte ich mein Opfer zu allem Überfluss auch noch, hatte viele Monde mit ihm verbracht. So sehr ich ihn auch hasste, er war doch ein Mensch – und nun nicht mehr. Hätte man ihn vielleicht von seiner Verblendung abbringen, ihn auf den rechten Pfad zurückführen können? Ich weiß es nicht, es ist auch zu spät. Ah, ich verliere noch den Verstand! Ich muss es niederschreiben, wenn auch nur um mir zu beweisen, dass es so sein musste.

Noch weiß keiner der anderen davon, seine Leiche – mir schaudert es bei diesem Gedanken – liegt noch immer dort, wo es geschah. Sicherlich würde man die Richtigkeit meines Handelns einsehen, doch habe ich nichts, dies zu beweisen. Werde ich ihn vermissen? Nein. Zweifel ich an der Notwendigkeit? Nein. Und doch wäre es mir lieber gewesen, hätte es ein anderer getan. Sicherlich wird man ihn bald vermissen. Immerhin ist bald der Überfall auf das Anwesen. – Was nun, was tun? Ich sollte zu Couccinne gehen, er wird mir glauben und helfen. Vielleicht auch Miruil, vielleicht auch Jimmo? Sie werden mir glauben!

Ach, hätte er sich doch bloß nie auf diesen unheiligen Bund eingelassen, so wäre ich auch nicht zu meiner Tat gezwungen gewesen. Doch er erzählte es mir, er gab es mir gegenüber selbst zu. Es ist bedenkenswert, zu welchen Schandtaten manche doch bereit sind, selbst ihre eigenen Rasse, ihr eigenes Volk verraten sie und opfern es ihrer Verblendung. Ich werde hier festhalten, was er tat, um mich immer daran erinnern zu können, solchen Verlockungen zu widerstehen.

Es war zu Beginn der Nacht da ich merkte, dass Oljó nicht in seinem Bett war. Da ich selber noch angezogen und nun neugierig war, machte ich mich auf die Suche nach ihm. Ich ging hinab in den Hof, wo ich bemerkte, dass die Türen zu den Ställen offen waren. Drinnen war es dunkel. Ich sah vorsichtig hinein, bemerkte nichts und ging hinein. Die Tiere waren ruhig und ich machte mich bereits wieder auf den Weg hinaus, da sah ich draußen im schwachen Schein der Fackeln im Hofe eine Bewegung. Schnell huschte ich zum Tor um zu sehen, was das war: Oljó ging gerade aus unserem Bereich zu einem der Seitentore. Ich hatte ihn! Nun galt es noch zu folgen. Doch was war das? Als er an einer Wandfackel vorbeikam, beschien das Feuer sein Gesicht. Nie hatte ich dieses so ausdruckslos erlebt, als würde er schlafwandeln. Etwas aber leuchtete kurz in seinen Augen, dass mir Schauer verursachte.

Oljó war in voller Tracht, ein Schwert hing an seiner Hüfte. Ruhigen Schrittes ging er vorwärts, öffnete die Seitentür und verließ die Guigans. Ich folgte ihm, nachdem ich mich kurz versichert hatte, dass die Nachtwache uns keine Aufmerksamkeit schenkte. Oljó bewegte sich ohne Sorge durch die Straßen, blickte sich nicht um, bemerkte mich nicht. Trotzdem eilte ich von Schatten zu Schatten, um sicherzugehen. Bald kam er zu dem Park. Er wurde bereits erwartet. Zwei Gestalten, dunkel verhüllt, begrüßten ihn schweigend und deuteten ihm zu folgen. Sie durchquerten zusammen den Park und waren dann auf einmal verschwunden.

Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was geschehen war. Was mich auf die richtige Spur brachte waren die Geräusche, die ich aus einem der Büsche kommen hörte. Offenbar gab es dort einen Zugang zu etwas Unterirdischem. Ich war in Versuchung, dort hinabzusteigen, doch die Lautstärke der Geräusche hielt mich ab. Man hörte es von oben kaum, trotzdem wäre ich wohl sofort in eine Gesellschaft geraten. Stattdessen entschloss ich mich zu warten, bis Oljó wiederkäme, und solang den Park zu genießen.

Es sollte gut ein bis zwei Stunden dauern, bevor sich in dem Gebüsch etwas tat und Oljó allein herausgekrochen kam. Er sah unverändert aus, doch ein Strahlen lag in seinem Gesicht. Ohne zu warten machte er Anstalten, zur Guigans zurückzukehren. Ich folgte ihm nur ein paar Schritte, da sprach ich in gewöhnlicher Tonlage seinen Namen; er hörte mich sofort. Ich wollte ihn zur Rede stellen, doch er kam nur lächelnd auf mich zu und begrüßte mich; das war ich nicht von ihm gewohnt. Ich fragte gerade heraus, was er getan hätte, und er gab mir die erschreckende Antwort.

Er begrüßte mich als Kind des Puidor, wobei er meinte, dass dies nicht dessen wahrer Name sei, und nannte mich einen Bruder. Recht frei erzählte er mir von seinem Treffen dort unten, mit den Häuptern der Banditen sowie Gesandten aus Ašckhir. Mir schauderte bei diesen Erzählungen, doch für ihn schien alles normal zu sein, als sei ich einer der ihren. Es war offensichtlich, dass Oljó für diese Bestien arbeitete. Er hatte uns also verraten – und nicht nur uns, die gesamte Menschheit. Als führten wir nur einen Plausch über das Wetter, so erzählte er mir, wie gut die Planungen vorankämen und dass wir über die Welt herrschen würden, hätten wir sie erst einmal zerstört. In mir wuchs der Wunsch zu fliehen, zu schreien, doch ich unterdrückte es, um mehr von ihm zu erfahren. Ich fragte ihn, was genau er gemacht hätte und er antwortete, dass er nur zur Besprechung gegangen sei und sich gewundert hatte, warum ich nicht auch gekommen war, doch könnte ich immer noch gehen; Puidor würde mich erwarten.

Während ich begann zu zweifeln, ob er überhaupt noch Verstand besäße, fing auch er an sich zu wundern. Er meinte, es sei doch offensichtlich gewesen, dass ich auch Teil des Ganzen sei, doch verstanden hätte er dies das erste Mal in Ašckhir, als er sich dort der Versammlung hingab statt von ihr vernichtet zu werden. Ob ich mich nicht auch auf die nächste Vereinigung, auf den Zeitpunkt der Toröffnungen aller Festen der Welt freuen würd? Langsam überkam mich nur noch Ekel. Was hatte man ihm nur versprechen können, dass er solche Dinge tat? Endlich schien er meinen Blick richtig zu deuten und zog langsam sein Schwert, während er fragte, warum ich mich nicht freuen würde. Ich antwortete ihm frei heraus, wie wahnsinnig er und die anderen doch seien, dass man sie aufhalten müsse. Oljó sagte noch etwas seltsames, dass mein Anhänger Schuld sei, dass ich nun sterben müsse wie Duimé, der auch zuviel gewusst hätte. Seinem Angriff konnte ich aber ausweichen, entgegnen und nun ist er tot.

Ich weiß nicht, was mit seinem Körper geschah, denn ich floh nach meinem ersten Schlag hierher. Jetzt da ich mich beruhigt habe, werde ich zu Couccinne gehen, würden alle anderen mich doch für verrückt erklären, es fiel mir selber schon beim Schreiben ein. Kann ich mir auch sicher sein, ihn getötet zu haben? War das nicht vielleicht wieder nur eine Erscheinung? All die Dinge, die mir keiner glaubt, kamen darin vor. Puidor war stets mein eigener Alptraum gewesen, wie könnte er ihn gesehen haben? Und doch, er könnte von meinen Erzählungen gehört haben und meinte, mich quälen zu können. Wie kann ich sicher sein? Was ist Schein, was ist Wahrheit? Couccinne…!

In ein paar Stunden beginnt der Überfall.

 

 

LXIV: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces

18. 06. 3980, Ladóra.

Einige Wochen sind seit dem Überfall auf das Haus der Bergbanditen in Ladóra vergangen. Nun ist es Zeit, einen vorläufigen Bericht für euch zu verfassen über das, was Stand der Kenntnis ist, auch wenn der Fall noch nicht ganz abgeschlossen ist. Zunächst werde ich euch die Geschehnisse der 28. Nacht des 5. Mondlaufes schildern, begleitet und gefolgt von unseren dort gewonnen Erkenntnissen, weiteren Absichten und abschließen mit dem, was noch zu geschehen hat. Der Krieger Falerte Khantoë hilft mir beim Verfassen des Berichtes, da ich aufgrund meiner Handverletzung immer noch nicht ganz in der Lage bin, selber zu schreiben.

Etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit machten Geistwächter Castaris und ich sowie unsere Begleittruppe sich auf den Weg. Der Krieger Oljó y Becal war spurlos verschwunden und wir hatten keine Zeit ihn zu suchen, doch darauf komme ich noch zurück. Die Obrigkeit von Ladóra war dank unserer Befugnisse so freundlich, uns acht weitere Krieger an die Seite zu stellen, somit zählten wir also 15. Unseren Männern wurde zuvor von Castaris erzählt, sie sollten dabei aufgrund ihrer Unerfahrenheit zurückbleiben, doch tatsächlich sollten sie vorausgehen. Das erfuhren sie aber erst vor Ort. Wir trafen auf die zusätzlichen Krieger in der Guigans und gingen mit ihnen zu dem Anwesen, wo die Banditen untergekommen waren. Weitere Einheiten umstellten es großräumig, um niemanden entkommen zu lassen und uns in der Not beistehen zu können. Wie sich herausstellte, war das aber nicht notwendig.

Das Anwesen ist ein mittelgroßes Gelände. Es besteht aus zwei größeren Häusern sowie Stallungen und einem Lagerhaus. Die Nordseite liegt am See, die ganze Anlage im Osten der Stadt, unweit des Parks. Das Lagerhaus steht am See und besitzt einen Pier zum Anlegen kleiner Frachtflussschiffe. Im Süden besitzt das Anwesen einen kleinen Hof, die ganze Anlage ist von einer Mauer umschlossen. In den letzten Tagen hatten wir das Anwesen gut beobachtet, uns das Verhalten der Wachen eingeprägt sowie versucht über das Innere der Gebäude herauszufinden, was möglich war; jedoch gelang letzteres nicht. Nur ein Mann, der keiner von unseren Banditen war, bewachte jeden Abend bis in die Nacht den Hof und wurde dann abgelöst.

Als wir unfern des Hofes waren, gaben Castaris und ich den anderen unseren Plan preis. Es entstand erwartungsgemäß Unruhe, doch konnten wir diese eindämmen, da sie nun auch keine andere Wahl mehr hatten. Der Plan sah vor, dass Castaris und ich als erstes reinschlichen, um den Wächter auszuschalten und zu sehen, ob die Luft rein sei. Dann würden wir das Außentor den anderen öffnen, damit sie nachfolgen könnten. Daraufhin wollten wir herausfinden, wo die Banditen sich genau aufhielten und sie im Schlaf oder beim Feiern überraschen.

Natürlich lief es nicht nach Plan. Es klappte noch gut, den Wächter niederzuschlagen und zu fesseln, ab da geriet aber alles durcheinander. Weder hatte der Wächter wie in den Nächten zuvor einen Schlüssel bei sich, noch ließ sich das Tor anders öffnen. Wir entschieden uns, einen Schlüssel zu suchen, denn die Kämpfer auch einsteigen zu lassen wäre möglich gewesen, doch wären wir dann von der Verstärkung draußen abgeschnitten gewesen. Wir fanden den Schlüssel schließlich in einer kleinen Hütte nah des Stalles, die wohl für die Nachtwache zum Ausruhen gebaut worden war.

Nachdem wir endlich die anderen einlassen konnten, schlichen wir nacheinander in die Häuser, um festzustellen, wo sich die Banditen sowie andere Anwohner gerade aufhielten. Wir hofften, sie würden gerade alle schlafen, dann hätten wir sie leicht überraschen können, doch dem war so nicht. Wir vermuteten, sie würden gerade feiern und sich betrinken, doch schließlich mussten wir feststellen, dass sich in beiden Häusern niemand aufhielt. Das verwirrte uns, hatten wir doch das Anwesen ständig beobachten lassen und niemand hatte es betreten oder verlassen. Nun blieb die Möglichkeit eines geheimen Versteckes. Während wir dies suchten, fanden wir genug schriftliche Unterlagen, die die Schuldigkeit der Beteiligten genügend beweisen und ihre Pläne aufdecken. Sie wurden euch bereits zur Untersuchung überstellt. Offenbar planten die Banditen, ihre räuberische Herrschaft auszubauen, indem sie in Galjúin einen richtigen Stützpunkt errichten wollten, unterstützt von einigen verfaulten Obrigkeiten und Dörfern, vor allem aber Elpenó, Abajez, Bacáta und Pórga. Ich hoffe, ihr habt mittlerweile dorthin bereits Einheiten entsandt.

Schließlich gelang es dem Krieger Couccinne Carizzo, einen geheimen Gang zu finden, der von den Kellern unter dem Anwesen hindurch Richtung Stadt, genaugenommen zum Park, führte. Mittlerweile wurde er verschüttet, damit man ihn nicht noch einmal für derart unheilige Mittel nutzen kann. Vorsichtig machten wir uns in dieser Nacht auf den Weg diesen Gang entlang. Er war breit genug für drei Männer nebeneinander und hin und wieder von Fackeln erleuchtet. Dies ermöglichte uns den Blick auf sonderbare Zeichnungen und Schriften an den Wänden, die aussahen wie mit Blut geschrieben. Auch lagen in diesem ganzen Gang, der manchmal Biegungen machte, seltsame Gerüche nach Erde und etwas Süßlichem.

Der Gang endete letztlich an einer Kammer, die nun auch verschüttet wurde, mitsamt den anderen Räumen. Diese Kammer zunächst war klein und schmucklos und öffnete sich in einen größeren Raum, die Öffnung nur durch Vorhänge verhangen. Castaris und ich warfen einen Blick hindurch um wahrhaft Ekliges zu sehen. Der Raum war halb so groß wie das ganze Anwesen und von weiteren Fackeln an den Wänden erleuchtet. Seine Form war die eines Achtecks, von jeder Seite ging eine weitere Kammer ab. Wie wir später herausfanden, hatte nur eine davon einen weiteren Ausgang zur Oberfläche, in den Park. Der Raum war ein Trichter; der Boden fiel zur Mitte hin langsam ab, dort war eine Vertiefung, breit genug für zwei Menschen. Auch die Wände dieses Raumes waren mit Zeichen beschmiert.

Um die Vertiefung herum standen fünf eiserne Stangen in einem Halbkreis, auf jede hatte man einen menschlichen Schädel gesteckt; sie stellten sich als die Opfer des ‚Schlächter von Ladóra‘ heraus. Jedoch gab es um die Wände herum 16 weitere, größere Spieße, dort hatte man die Vermissten aufgespießt. Diese Banditen steckten also hinter den Verbrechen in Ladóra. Männer und Frauen, darunter auch unsere Verfolgten, standen auf einer Seite des Raumes, dort, wohin sich die Öffnung des ekligen Halbkreises neigte. Sie schienen in Gebete vertieft; ein Mann stand dabei wir ein Hohepriester vor der Masse, welche etwa vierzig zählte. Zwei bewaffnete Männer zerrten aus der anderen Kammer gerade eine Frau.

Castaris und ich hatten genug gesehen, wir gaben Zeichen, diese stinkende Eitergrube zu stürmen. Die meisten Anwesenden waren unbewaffnet, es gab nur etwa acht Wachen. Bei unserem Anblick versuchten die meisten zu fliehen, der Priester schleuderte uns Flüche entgegen und die Wachen griffen an. Castaris gab Befehl den anderen Ausgang zu verstellen, damit niemand flüchten könnte. Sobald dies geschehen war, sprangen viele Anwesende in die Vertiefung, spießten sich selber auf den Pfählen auf oder suchten andere Mittel, sich das Leben zu nehmen. Wir konnten kaum etwas davon verhindern, so dass wir letztlich nur wenige von ihnen gefangen nehmen konnten.

Obwohl es nur acht Wächter gewesen waren, hatten wir fünf Tote zu beklagen, darunter Castaris sowie den Jungen Dosten Aschengrau. Im Gegenzug konnten wir nur vier Gefangene machen. Alle redeten sie später irr, drei von ihnen konnten sich das Leben nehmen. Immer wieder erwähnten sie die Begriffe Šamrek und Fahach, doch können wir damit nichts anfangen. Der letzte überlebende Gefangene ist überhaupt nicht vernünftig ansprechbar. Immerhin aber haben wir alle nötigen Beweise und Hinweise. Es ist genau verzeichnet, wo sich das Hauptlager befindet, nämlich in den Bergen bei Pórga. Weiterhin verzeichnet sind die in die Sache verwickelten Mitglieder der Obrigkeiten und anderer Teile des Landes sowie einige Dörfer der Eingeborenen, die mit ihnen gemeinsame Sache zu machen scheinen. Die Armee darf nun wohl einige Zeit lang Verräter niederschlagen.

In den Tagen nach dem Überfall sichteten wir die Beweise und ließen diesen unheiligen Ort in Ladóra verschütten. Dabei bemerkten wir, dass der andere Ausgang in den Park führte, wo nah dessen Austiegs versteckt die Leiche des Kämpfers Oljó y Becal lag. Wir können nur vermuten, warum er dort lag, doch hoffen wir den Grund darin suchen zu können, dass er alleine vorgehen wollte. Auf jeden Fall hat er seine Schuldigkeit getan.

Auch muss ich noch die anderen beteiligten überlebenden Krieger belobigen, als da wären: Miruil Enfásiz y Calerto, Jimmo, Couccinne Carizzo sowie Falerte Khantoë. Ich überlasse euch die Entscheidung, was nun mit ihnen zu tun ist, doch empfehle ich eine Beförderung. In etwa einem Mondlauf werden wir fertig sein, dann kehren wir zu euch zurück und werden noch einmal vorsprechen.

Ich habe den Krieger Khantoë nun fortgeschickt. Entschuldigt die Schrift, ich muss jetzt allein mit Links schreiben, doch muss ich euch noch etwas zu den Kriegern ergänzen, dass diese nicht erfahren dürfen: Keiner außer Enfásiz scheint mir noch für den Kriegsdienst geeignet, entlasst sie lieber. Jimmo ist kaum ansprechbar, seitdem Aschengrau tot ist, den er als Sohn ansah. Khantoë fing wieder von seinen alten Geschichten über Monster in den Bergen an. Ich glaube, er übertreibt die Tatsachen etwas. Diese Banditen waren eine große Bedrohung, sind nun aber Geschichte. Leider scheint ihm Carizzo auch noch zu glauben. Es wäre möglich, dass sie bewusstseinsverändernde Pflanzen nehmen oder man sie ihnen unbemerkt beigemengt hat. Das würde ihr Verhalten zumindest erklären. Auf jeden Fall sollte man sie unter Verschluss halten oder entlassen.

Hochachtungsvoll,

Geistwächter Mosíz.

 

 

LXV: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

07. 07. 3980, Atáces

Ich muss nach Hause, dringend! Wie schaffe ich es nur? Mir muss etwas einfallen!

Es ist schon über einen Mondlauf her, dass diese schrecklichen Dinge geschahen. Dass ich Oljó tötete sowie diese schrecklichen Kammern! Wie oft träume ich von ihnen, oh diese Qual! Bis heute wissen die anderen nicht, dass ich Oljó umbrachte, dass ich diese eklen Eier in einer der Kammern fand und zerschmetterte unter dem Geröll der Decke. Und Mosíz tut weiter so, als gäbe es nichts Böses auf der Welt, als wäre alles nun bestens! Oh dieser verblendete arme Mann. Es quält mich, stillhalten zu müssen, denn sie würden mich doch nur wegsperren. Wie traurig. Doch vielleicht wird sie ihr gerechtes Schicksal ereilen.

Wir sind zurück in Atáces. Jimmo tut mir Leid, scheint er doch sehr zu leiden, doch kann ich nichts tun. Auch mir ging Dostens Tod nahe, doch Jimmo ist seit Wochen kaum ansprechbar. Castaris dagegen war für uns nur ein gewöhnliches Opfer, das gebracht werden musste, nichts besonderes. Couccinne scheint mir als einziger zu glauben, doch weiß ich nicht, ob das gut für ihn ist. Ich bin es, der weiß was diese Wesen, diese Banditen, diese Eingeborenen wahrhaftig planen. Es scheint aber, als könnte ich das niemandem hier verraten. Die meisten würden mir nicht glauben und die, die es täten, wären dann genauso arm dran wie ich. Doch wie soll ich dieses Geheimnis mit mir herumtragen können? Wird es mich nicht wahrhaftig wahnsinnig machen, nie die sichere Wahrheit zu wissen?

Zunächst stehen aber andere Dinge an; Dinge, die mich vielleicht gut ablenken werden von all diesem Unheil. Jedenfalls hoffe ich das. In drei Tagen sollen wir vor die Obrigkeit treten. Das ist zwar kein Gericht und keine Verhandlung, doch trotzdem will man uns anhören. Selbst wenn es nur etwas mit den von Mosíz geforderten Beförderungen zu tun hat, verspricht es für mich keine freudige Veranstaltung zu werden. Ich habe Angst, etwas falsches zu sagen, sowohl, dass ich etwas verraten könnte, als auch, dass sie mich für verrückt halten – oder es nie erfahren und deshalb in ihr Unglück rennen.

Ah, ich bekam gerade Post. Briefe von Garekh und meiner Schwester… !

 

 

LXVI: Brief an die Schwester

12. 07. 3980, Atáces

Geliebte Schwester,

endlich erhielt ich die Briefe von dir und Garekh, darf auch wieder frei Antworten schreiben, doch welch Unglück ist doch bei euch alles geschehen! Zunächst aber sei euch mein Dank versichert für all eure Bemühungen, Puidor zu finden. Ihr habt nichts über ihn herausgefunden und mittlerweile wundert mich das kaum. Immer wahrscheinlicher will mir scheinen, dass er nur eine Erscheinung von mir war, die mir seit Ladóra nicht mehr unterkam. Wollen wir hoffen, dass es dabei auch bleibt.

Ich bin froh zu hören, dass es Mutter und dir samt deiner Familie gut geht. Ich freue mich darauf, meine Nichte einmal kennenzulernen. Natürlich brach es mir aber fast das Herz, dass Ccillia einem Mann versprochen ist. Deine Worte spendeten mir ein wenig Trost, den Rest steuerte Couccinne bei. Trotzdem hoffe ich für sie, dass er sie glücklich macht und vielleicht wage ich es eines Tages dann auch, sie zu besuchen. Sie war die größte Liebe meines Leben. Weiterhin hat es mich bestürzt zu hören, dass Vater krank ist. Wenn es ihm tatsächlich so schlecht wie bei dir geschildert geht, werde ich alles daran setzen, bald heimkehren zu können. Habe Verständnis, dass ich aus diesem Grunde zuerst Ayumäeh ansteuern werde, danach komme ich aber zu euch.

Um diesen Brief nicht unnötig lang werden zu lassen mache ich erneut das, was sich schon einst bewährte und sende dir mein Tagebuch zu, dass dir alles Vorgefallene schildern wird. Ich weiß um deine Ängste die du hattest, als du von meinen Erlebnissen und Befürchtungen lasest, doch lass dir versichert sein, dass einiges oft in Hast oder den ersten Eindrücken eines Momentes niedergeschrieben wurde. Vielleicht stellt es sich später nach einigem Nachdenken als weniger schlimm heraus, und allgemein geht es mir eigentlich gut, doch neigt man dazu eher von schlechten Dingen zu berichten.

Vorgestern hatten wir eine Anhörung vor der Obrigkeit der Armee von Atáces, welche auch die Armee von Nardújarnán und damit einer der Stützpfeiler des Reiches von Ojútolnán ist. Ich mache es kurz: Sie zeigten sich äußerst zufrieden mit unseren Leistungen in Galjúin und Ladóra. Jedem von uns wurde endlich sein Lohn ausgehändigt, zusammen mit einer ergänzenden Belohnung. Wir alle bekamen seltsame Verdienstorden, die für mich aber schlicht Tand zu sein scheinen, selbst die zugehörigen Dolche sind nur bessere Brieföffner. Weiterhin boten sie jedem Beförderungen an. Stell dir vor, mich wollten sie zum Jinn machen!

Doch ich lehnte ab, wäre damit auch ein ruhiger und gutbezahlter Posten in einer Guigans verbunden gewesen, die ich mir hätte aussuchen können. Ich habe von all dem Kriegsspielen aber genug, ich möchte nur noch heim und deine Nachrichten verstärken diesen Wunsch nur. Also sagte ich ihnen, dass ich gehen und meinen Tošaren Castillia mitnehmen würde. Sie boten mir im Gegenzug an, ersteres zu genehmigen, würde ich auf zweiteres verzichten, zumal auf Beförderungsschiffen keine Tiere erlaubt seien. Schweren Herzens überzeugte der Hinweis mich, wenngleich ich mich auch erstens darüber wunder, wie leicht das doch ging und zweitens mir die Bemerkung auf der Zunge lag, dass es doch auch Ratten und Wanzen an Bord aller Schiffe gab.

Meine geliebte Schwester, endlich komme ich heim! Ich werde Vater besuchen und danach auch euch. Es überraschte mich, doch Couccinne und Miruil lehnten ihre Beförderungen ebenso ab und werden mit mir kommen, was mich sehr freut. Jimmo dagegen bleibt hier und wird die Ausbildung junger Kämpfer übernehmen. Er sagt, er sähe kein anderes Ziel mehr in seinem Leben. Irgendwie werde ich ihn vermissen. Ihn und Castillia, um die er sich kümmern wird, doch sonst kaum etwas in diesem Land.

In zwei Tagen reisen wir ab nach Almez. Nach Plan müsste ich in fünf bis sechs Wochen in Ayumäeh sein. Wie sehr ich es doch vermisse!

Dein Falerte.

 

 

Drittes Buch

 

 

LXVII: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

19. 07. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Eigentlich weiß ich kaum, warum ich schon wieder ein neues Tagebuch beginne. Irgendwie ist es mir zur Gewohnheit geworden, alles zu schildern, sowohl um mich zu erinnern als auch um es zu verarbeiten. Viel ist jedoch nicht geschehen. Unsere Reise nach Almez verzögerte sich um einen Tag, da Posselherden auf ihren Reisen teilweise die Straßen versperrten. Ich weiß nicht, wie lange mein Vater noch am Leben sein wird, weshalb mich jede Verzögerung unbehaglich werden lässt, auch wenn die Herden beeindruckend anzusehen waren. Zum dritten Mal kamen wir durch Guijúlon, dass mir mittlerweile fast zu vertraut scheint. Ein letztes Mal konnte ich die Ebenen und Hügel, die weite Landschaft und die zahlreichen wilden Tiere bewundern, dann kamen wir nach Almez.

Dort erwartete uns drei eine große Überraschung, denn unser Schiff in die Heimat ist kein anderes als die Sturmwind. Selbst der Oberste Seewächter Amerto erkannte uns, hatten wir damals doch für einige Aufregung gesorgt. Er gab uns zusammen eine größere Kabine, reisen wir doch jetzt nicht mehr als Krieger, sondern als freie Männer. Unsere Abfindungen reichen, um mehrmals heimkehren zu können, doch habe zumindest ich das nur einmal vor.

Es ist kaum zu beschreiben, wie dankbar ich doch bin, dass Miruil und Couccinne mit mir kommen. Ich habe sie wahrlich als Freunde gewonnen, trotz aller Missstände und Meinungsverschiedenheiten. Mittlerweile würde es mir mein Herz brechen, sie zurücklasssen zu müssen, zumal ich stets um ihre Sicherheit besorgt sein würde. So aber reisen wir zusammen endlich wieder in die sichere Heimat. Und auch wenn sich dort dann unsere Wege trennen sollten, wird es nicht für lange sein, dessen bin ich mir sicher.

 

 

LXVIII: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

20. 07. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Es gibt mir zu bedenken, wieder diese Unruhestifter an Bord zu haben, besonders, da Almez uns doch heikle Fracht mitgab, die in Abajez noch vergrößert werden soll. Ich weiß nicht, was in diesen Kisten ist, doch lässt es mich unruhig werden, sie an Bord zu haben, besonders zusammen mit diesen Nichtsnutzen. Ich habe gehört, sie schlugen ihre Beförderungen aus um einfach in die Heimat zurückzukehren. Man bedenke dies einmal, vor allem, da ich ihnen keine Taten zutraue, für die man sie belohnen müsste. Ich dagegen war in Rinuin in Gefechte gegen Remereggen verwickelt, doch bekam ich dafür eine Belohnung?

Das Wetter ist gut und die Sterne lassen auf eine schnelle und ruhige Reise hoffen. Wir werden Abajez und Halkus anlaufen, danach den Sund von Omér durchqueren und Rardisonan ansteuern. Ich frage mich in letzter Zeit immer wieder, warum die Werften neue Schiffe bauen. Ist ein Krieg gegen Aleca oder Omérian in Aussicht? Nachdem, was ich vor Remereggen und Habarien sah, kann ich aber nur sagen, dass dies keine gute Idee wäre.

Außer den Unruhestiftern und der Ladung für Rardisonan haben wir noch fünf weitere Reisende an Bord. Allesamt sogenannte freie Männer, die auf ihrer Reise in die Heimat sind. Nur einer von ihnen ist ein wirklicher Krieger, der nach Rardisonan soll. Warum soll ich hier eigentlich ‚Freie Männer‘ befördern? Für so etwas hätte ich ein Handelsschiff gekauft! Doch gut, es ist besser als drei Dutzend Raufbolde.

 

 

LXIX: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

12. 08. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Die Überfahrt verlief größtenteils ereignislos. Es war ein beunruhigendes Gefühl, die selbe Strecke wie vor über einem Jahr nun wieder zurückzufahren. Noch seltsamer war es aber, zum dritten Mal nach Abajez zu kommen. Die Stadt hatte sich in der kurzen Zeit verändert. Verschiedene Einheiten hatten Teile der Stadt abgesperrt und es gingen Gerüchte um, dass Geistwächter die Stadt durchstreiften und so mancher Bürger schon verschwunden sei. Andere hätten versucht zu fliehen und wurden dabei getötet. Immerhin war die Stadt selber aber noch ganz. Das konnte man von Elpenó nicht behaupten. Wir fuhren nur an ihr vorbei, doch schon aus der Ferne sah man die Feuer und wir mussten einen Bogen schlagen als klar wurde, dass sich Kriegsschiffe im Hafen bekämpften. Und die Tage, die wir damit verbrachten, an den Bergen von Galjúin vorbeizusegeln bildete ich mir mehr als einmal ein, in der Ferne Feuer gesehen zu haben, doch konnte dem nicht so sein. Wenigstens erschien mir nicht einmal mehr Puidor, seit wir Nardújarnán verlassen hatten, tat es schon seit Ladóra nicht mehr.

Auf der Fahrt von Abajez nach Halkus dann hatte ich mehr als genug Zeit mit Couccinne und Miruil zu verbringen. Damit uns nicht zu langweilig werde, fingen wir bald unsere in Nardújarnán gelernten Spiele wieder an, ebenso nahmen wir wieder unsere alten Übungen auf, denen wir solang nicht nachgegangen waren. Bald gesellten sich zwei unserer Mitreisenden zu uns, zunächst um nur zuzusehen, später um mitzumachen. Auch sie scheinen Krieger gewesen zu sein. Einer von ihnen brüstete sich sogar damit, Jinn gewesen zu sein, doch beeindruckt mich so etwas nicht.

Jetzt, da das alles hinter uns liegt, fühle ich mich gespalten. Ein Teil freut sich auf mein neues altes Leben, ein anderer Teil denkt reumütig an die alten Erinnerungen. Schlimmer sind die Träume, die mich immer noch manchmal überkommen und die von Feuer und Blut erzählen. In den Stunden meiner düsteren Gedanken kommt mir all das Unrecht in den Sinn und ich erinnere mich einmal mehr daran, die Familie des Caris Duimé besuchen zu müssen. Manchmal erscheint er selbst mir in meinen Träumen, mal gut, mal böse, seltener auch die anderen, an deren Seite wir fochten: Gammil, Scaric, Dosten und all die anderen.

Nach einer schier endlosen Reise erreichten wir Halkus. Wir hielten nicht lange genug, um großartige Ausflüge machen zu können, doch einen Tag mussten wir verbleiben um neue Ladung zu nehmen. Die Zeit nutzten wir, um die Stadt erneut zu besichtigen. Gleich im Hafen dann sollte mein Schreck groß sein. Starr stand ich da, im Schatten eines Torbogens und beobachtete, wie sie die Stände der Fischhändler entlang schlenderte: Ccillia, meine Ccillia! Ich hatte es nicht gewusst, woher denn auch, was trieb so ein edles Wesen nach Halkus? Schön wie eh und je, der leuchtende Stern meines Herzens. Dieses schlug schnell und drohte meiner Brust zu entfliehen bei ihrem liebreizenden Anblick, doch war es mir nicht vergönnt, ihre warme Haut an die meine zu nehmen.

Fast schon war ich auf dem Weg zu ihr, da kam ein Mann, legte seinen Arm um sie und – küsste sie. Und sie schien dies zu erfreuen. Wie zwei frisch Verliebte wanderten sie weiter über den Fischmarkt. Ich aber stand da, gram und gebeugt, des zerbrochenen Herzens Lebenssaft entrinnen sehend. Oh welch Gräuel, schlimmer als alle Schrecken von Nardújarnán! Das einzige Wesen, dem je mein Herz gehörte, im Arm eines anderen! Nie werde ich wieder glücklich sein, nie werde ich eine andere lieben können. Zum ersten Mal sollte ich mich an diesem Abend hemmungslos betrinken und wünschte nur noch meinen Tod herbei. Wären nicht Couccinne und Miruil mit an Bord, ich würde mir den Untergang des Schiffes wünschen, auf dass mein Schmerz ertrinken würde. So aber sitze ich hier, habe die anderen ausgeschlossen und fülle leere Seiten mit Tinte und Tränen.

 

 

LXX: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

14. 08. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Gestern durchfuhren wir den Sund von Omér. Wieder einmal ohne Probleme, doch dann! Verflucht seien alle Winde dieser Welt! Wohin mögen sie uns wohl jetzt treiben?

Gestern Abend gerieten wir in einen Sturm und selten habe ich so einen grausamen erlebt. Wir kämpften die ganze Nacht hindurch mit Segeln und Ruder um unser Leben und verloren doch. Zwanzig meiner Männer sind tot – über Bord gegangen, auf Deck gestürzt oder von Tauen erwürgt. Viele andere haben sich Gliedmaßen gebrochen oder anderes getan. Verdammt seist du Himmel! Nun verhöhnst du uns mit deinem schrecklich dürren Sonnenschein!

Die Segel sind allesamt zerfetzt, ein Mast gebrochen und das Ruder macht, was es will. Hilflos treiben wir hier über das Meer. An sich ist dies noch nicht so schlimm, wird uns die Strömung schon irgendwann an ein Ufer treiben. Doch welches wird es sein? Kaum ein Land ist gut zu sprechen auf Toljiken. Von allen Möglichkeiten scheint Ramit das kleinste Übel zu sein. Zwar könnten die falschen Ramiten uns finden, die sich über ein verwundetes toljikisches Schiff bloß freuen würden um es mitsamt Mannschaft verschwinden zu lassen, auf dass es nie wiederkehre, doch immerhin haben wir einen echten Ramiten an Bord; allein das muss doch etwas wert sein. Sollten wir dagegen an eine der Küsten gespült werden, wo angeblich Menschenfresser hausen, so wären wir endgültig verloren.

Der Ausguck ruft! Ein Schiff!

 

 

LXXI: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

17. 12. 3980, Irgendwo.

Eine Ewigkeit scheint vergangen, doch endlich gab man dich mir zurück. Fast vier Monde, so sagte man mir, waren es gewesen, es fühlte sich aber unendlich länger an. Warum nur gelingt es mir nie, endlich einmal dem Unglück fernzubleiben? Warum bin ich immer genau dort, wo sich jegliches Unheil staut? Wird sich nie für mich ein Hort des Glücks, ein ruhiger Ort ergeben? Vielleicht möchte ich doch einfach nur leben und nicht wie ein Spielball hin und her geworfen werden.

Ach du mein Kleines, lass mich dir klagen um die Zeit verstreichen zu lassen. Seit dem Tag, da ich Ccillia in Halkus sah, schien alles verflucht. Kurz nach unserer Fahrt durch den Sund entstand ein schrecklicher Sturm. Nie sah ich solch schwarze Wolken, solch mächtige Blitze. Amerto befahl uns unter Deck zu bleiben, da wir niemals von Nutzen hätten sein können. In unseren kleinen Kabinen hörten wir die Schreie, das Bersten von Holz, das Rauschen des aufgeregten Meeres sowie das Grollen und Wüten des Sturmes, und überall lag der Geruch von Regen und Blitzen in der Luft. Morgens schien alles vorbei, das Meer ruhig und unschuldig, das Schiff aber bloß ein treibendes Grab.

Es schien keine Hoffnung zu geben je lebend Land zu erreichen, da tauchte auf einmal ein Schiff auf. Die Segel waren schwarz wie der Tod, die Fahnen wiesen gekreuzte Säbel auf. Von allen möglichen tödlichen Gefahren des Meeres waren wir ausgerechnet in die Hände der Schwarzseepiraten gefallen. Wir waren hilflos, kaum noch einer der Seemänner arbeitsbereit und wir fünf Krieger keine Gegner für fünfzig feindliche Seeräuber. Während wir uns ergaben, gefesselt und auf ihr Schiff gebracht wurden, plünderten sie die Sturmwind, die von ihrem Namensgeber verwüstet worden war. Amerto weigerte sich jedoch aufzugeben, wütete und kämpfte, und musste so mit seinem Schiff in die Tiefen der See entschwinden. Ein passender Tod für einen Seewächter.

Wir anderen dagegen, nur etwa zwanzig Mann, denn die schwerer Verwundeten waren auch getötet worden, fuhren in eine ungewisse Zukunft. Dich mein süßes Buch nahmen sie mir damals, ebenso unser Geld und unsere andere Habe, einiges davon habe ich nun immerhin wieder. Ich kannte die Inseln und Stützpunkte der Piraten nur aus Erzählungen, obwohl ihre Inseln so greifbar nahe an den ramitischen liegen, doch sollte ich sie kennenlernen. Bis heute weiß ich nicht, zu welcher Insel genau man uns brachte und werde es wohl auch nie erfahren. Die Reise dauerte aber mehrere Tage, also könnte es jede gewesen sein, jedoch keine der kleinsten. Die gesamte Fahrt über sperrte man uns in ein dunkles Loch voller Ratten und gab uns nur schleimigen Brei zu essen und abgestandenes Wasser zu trinken. Auf ewig werde ich die Piraten dafür hassen. Ich erfuhr, wie unangenehm Mitgefangene unter solchen Umständen sein können und sah die Abgründe menschlichen Seins. Als man uns endlich von Bord holte, zählten wir nur noch siebzehn.

Die Augen schmerzten uns nach der langen Dunkelheit und viele konnten schon kaum mehr richtig gehen. Das Schiff hatte an einem kleinen Hafen angelegt, einem größeren Lager. Wie wir später erfuhren, bringen sie dort die meisten der Gefangenen unter, die zur Minenarbeit eingeteilt werden. Wir sahen aber kaum etwas von diesem heruntergekommen Loch von Posten, sondern wurden schnell in ein neues Gefängnis gesperrt. Im Untergrund sollten wir nun für die Piraten bis an unser Lebensende Erz abbauen. Für einige kam dieses Ende sehr schnell. Ich weiß selber nicht, wie ich es solange aushielt.

Die Piraten haben auf den Inseln schon fast so etwas wie ein kleines Reich und nisten dort seit Jahrhunderten. Der Posten, in dem wir uns befanden, war nur einer von vielen. Mit Minenarbeit hatten wir aber noch eines der härtesten Lose gezogen. Stundenlang mussten wir jeden Tag im Matsch herumkriechen um das Erz abzubauen, welches die Piraten nutzen, ihr kleines Reich mit Waffen auszustatten oder mit dem sie mit anderen Ländern über Schmuggler wie Garekh handeln und was Menschen wie mein Vater dann verkaufen. Garekh, mein Freund! Hätte ich ihn nur erreichen können, den Freund eines Freundes des großen Piraten Schwarzkralle hätte man sicherlich sofort freigelassen. So stießen meine Worte aber nur auf taube Ohren. Aus den Gesprächen der Wachen erfuhr ich auch, dass die Piraten der Schwarzsee sich seit Monden mit denen aus Icran, aus der Stadt Nocstce, bekämpften und der Handel derzeit lahmgelegt war.

Für Monde war ich also getrennt von den anderen unten in der stickigen eklen Dunkelheit, während oben langsam der Winter hereinbrach. Lange sollte es dauern, bis einer der Piraten endlich einmal meine Sachen durchstöberte und dort die Briefe von Garekh fand. Glücklicherweise war es zugleich ein Mann, der sofort eine Gewinn- und Aufstiegsmöglichkeit für sich roch, wenn er Schwarzkralle von mir berichten würde. Letztlich war dieser es selbst, der mich da rausholte und sich überschwänglich entschuldigte. Es wäre mir ein Vergnügen gewesen, ihn sofort umzubringen, so weit hatten die Minen mich gebracht, doch forderte ich nur die Freiheit für mich und meine Freunde, meine Sachen sowie eine Möglichkeit heimkehren zu können. Diese Möglichkeit bot sich beträchtlich schnell in überraschender Form, denn Garekh hatte die verminderte Schifffahrt des Winters genutzt um zu Schwarzkralle zu fahren. Die Freude sich wiederzusehen war groß, tief aber das Bedauern aufgrund allem, was geschehen war.

Endlich sind wir auf dem Weg nach Ayumäeh, die Grausamkeit der Piraten liegt hinter uns, doch nagt an mir das Gefühl, zu spät zu kommen. Denn bei seiner Abfahrt vor Wochen hatte Garekh meinen Vater an dessen Todesbett besucht. All das Unglück nimmt also nur weiter seinen Lauf; eilt mir voran und ich kann nie gewinnen.

 

 

LXXII: Brief an Garekh

24. 12. 3980, Ayumäeh.

Lieber Freund,

Dank sei dir für deine großzügige Gastfreundschaft, die du uns hast zuteil werden lassen. Leider werden wir nun nicht mehr bei dir bleiben können, deshalb dieser Brief, ein Abschiedsbrief. Danke für den Trost und die Ablenkung der letzten Tage. Es war ein schrecklicher Alptraum, heimzukommen nur um zu merken, dass es zu spät und der Vater bereits tot und Asche ist, verstreut in der weiten See. Wärest nicht du mit deiner Familie gewesen, ich hätte wohl nicht gewusst, was zu tun und wohin.

Nach all dem, was mir in Nardújarnán widerfahren war, freute ich mich nur noch darauf, endlich mal meinen Vater wiederzusehen zur Versöhnung und Aussprache – und dann das. Ich habe es dir nicht gesagt, doch sein Tod geht mir wesentlich näher als je gedacht. Einst hätte ich seinen Tod tatsächlich gewünscht, nun wünsche ich mir sein Leben. Ich wäre sogar bereit gewesen, mich hier in Ayumäeh niederzulassen und im Geschäft zu helfen, doch ist selbst dies nicht mehr möglich. Ich hatte niemals geahnt, dass er so hoch verschuldet war. Die Zeit, die ich jetzt in der Stadt war, verbrachte ich damit mir anzusehen, was die neuen Besitzer aus Laden und Haus gemacht haben. Es ist eine Schande, sage ich dir! Was eine ganze Familie in langen Jahrzehnten erbaut hat, zerstören diese Emporkömmlinge in so wenigen Tagen. Wenn du wieder einmal in die Stadt einkehrst, sieh es dir an!

Es tut mir Leid, dass ich nicht bleibe, dir selber mehr davon zu erzählen. Meine Worte werden sowieso nichts ändern. Schon vor meiner Rückkehr hatte ich beschlossen, schnell meine Schwester zu besuchen, und dem werde ich nun nachkommen. Du hast meine Freunde Miruil und Couccinne ja kennengelernt; sie begleiten mich. Du wirst dir also sicher sein können, dass es mir gut gehen wird. Seit meiner damaligen Abreise aus Ayumäeh sind nur Unglücke geschehen und ich weiß nicht mehr, wo mein Platz im Leben überhaupt ist. Die Antworten erhoffe ich mir in Touron zu finden. Sei mir nicht böse, weil ich dein Angebot für dich zu arbeiten ausschlagen musste; du weißt, ich hätte niemals anders gehandelt, auch will ich diese Piraten niemals wiedersehen, sonst werde ich alles daran setzten sie leiden zu lassen. Sei froh mein Freund, dass du eine derart wunderbare Familie hast. Ich werde euch sicherlich noch einmal besuchen kommen. Das neue Jahr aber werde ich in Touron erwarten. Ich weiß, die Fahrt im Winter ist gefährlich, doch wird es bald schon Frühling.

Ich wünsche dir das Beste; wir sehen uns wieder.

Dein Freund Falerte.

 

 

LXXIII: Brief an die Schwester

07. 01. 3981, Touron.

Geliebte Schwester,

mir scheint, ich schreibe nur noch Abschiedsbriefe. Ja, wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, werde ich euch und Touron bereits verlassen haben. Gräme dich nicht. Es ist nicht deine Schuld, dass Mutter so engstirnig ist, doch halte ich es einfach nicht mehr aus. Ich selber mache mir schon genug Vorwürfe, Vater nicht vor seinem Tod noch einmal gesehen zu haben und einst so bitterbös von ihm gegangen zu sein. Mutter schafft es daher jedes Mal erneut, den Dolch nur noch tiefer in die Wunde zu rammen.

Nardújarnán brachte mir kein Glück, die Heimat scheint es auch nicht zu tun. Zuerst sah ich Ccillia in Halkus – ja, richtig, ich sah sie, doch sie mich nicht und ich rannte fort, da sie nicht allein war. Es tut mir Leid, dir nichts davon erzählt zu haben; ich konnte es einfach nicht, Mutter ließ mir nicht die Kraft. Dann wurde unser Schiff zerstört und wir mussten mondelang für die Piraten arbeiten. Kann man sich Schlimmeres vorstellen einen Menschen zu brechen als die giftige Luft in den Tiefen der Inseln? Garekh konnte uns freikaufen – ja, freikaufen, doch das erfuhr ich erst spät – doch kamen wir zu spät um Vater zu sehen, aber das weißt du.

Schließlich versuchte ich mich zu euch zu retten, an den einzigen Ort, wo ich mir Liebe und Erholung erhoffte. Unsere Mutter aber vermochte jegliche Hoffnung darauf zu ersticken. Warum versteht sie nicht, dass es mich genauso schmerzt wie sie? Warum kann sie nicht einsehen, dass ich all meine Taten bereue? Ich bin ihr Sohn und doch behandelt sie mich bloß wie ein Monster. Ich will dies alles nicht!

Solange ich dich nicht wiederhatte, waren Miruil und Couccinne meine einzigen Stützen. Nun da sie gegangen sind, fühle ich mich hilflos. Natürlich bist da du, doch du kannst und darfst mir nicht gegen unsere Mutter helfen und ihr widersprechen. Glaube mir, wenn ich sage, dass ich dich und deine Familie liebe, doch ich kann nicht bleiben. Glaube mir auch, dass ich selbst Mutter liebe, wenngleich sie dies auch nicht zu sehen vermag.

Ich bin froh Nardújarnán verlassen und all diese Schrecken, all meine Erscheinungen hinter mir gelassen zu haben. Dies möchte ich mir von unserer Mutter nicht zerstören lassen, also gehe ich. Wohin ich geh? Ich weiß es nicht. Ich würde den anderen folgen, doch wohin gingen sie denn? Miruil wollte Abenteuer suchen, davon aber habe ich genug. Couccinne kehrte zu seinem alten Orden zurück, um nachdenken und Ruhe finden zu können. Es klingt für mich, als sollte ich das auch tun. Ruhe und Frieden sind alles, was ich derzeit will. Wenn ich mehr über mich und meinen Sinn herausgefunden habe, melde ich mich bei dir.

Sorge dich nicht,

dein Falerte.

 

 

LXXIV: Brief an die Schwester

03. 03. 3990, Ciprylla.

Geliebte Schwester,

Wieviele Jahre ist es nun wohl her, seitdem ich dir das letzte Mal schrieb? Ich hoffe sehr, du hasst mich für mein Schweigen nicht, doch gab es gute Gründe. Lies dir durch, was ich zu sagen habe und ich will dir über die letzten Jahre berichten. Viele Dinge habe ich gesehen und noch viel mehr getan; immer auf der Jagd nach dem Glück und einer Antwort, welches mein Sinn im Leben ist. Anfangs ging ich zu Couccinne und war eine Zeitlang mit in dessen Orden. Während es ihm aber zu gefallen schien, verspürte ich nur den Drang nach mehr, hatte den Gedanken, dass etwas fehlt. Ich sprach oft mit ihm darüber, da es ihm einst wie mir dort gegangen war, doch meinte er nun sein Glück an diesem Ort gefunden zu haben. Es fiel mir schwer, doch musste ich ihn verlassen, etwas zog mich hinfort.

Ich brauchte Zeit für mich allein, fern der alten Bekannten, fern von Vorwürfen unserer Mutter, deshalb schrieb ich dir eine Weile auch nicht mehr. Später kamen meine Briefe ungeöffnet zurück und ich dachte, du seist sauer auf mich, doch lag es nur an eurem Umzug, wie ich jetzt endlich erfuhr. Damals aber war ich enttäuscht und teils verzweifelt, bist du mir doch stets eines der wichtigsten Wesen der Welt gewesen. Aus den verschiedenen Enttäuschungen und der Unruhe heraus entschloss ich mich, auf Wanderschaft zu gehen, die Welt zu sehen. Vor allem aber versuchte ich Miruil zu finden.

Auf meinem Weg vernahm ich die unterschiedlichsten Gerüchte über ihn. In Tarle sagten sie, er hätte eine Prinzessin geheiratet und wäre König geworden, doch das gehörte in die Welt der Märchen. Andere Leute erzählten mir in Dhranor, er wäre bei der Suche nach Schätzen ums Leben gekommen, doch fand ich dafür nie einen Beweis. Letztlich hörte ich in Aleca, er sei nach Ciprylla gegangen, der großen Stadt der Abenteurer. Und da war ich dann, so nah an meinem Beginn und doch so weit gereist. Fast fühlte ich mich wie in Rardisonan, als ich das erste Mal alleine in einer fremden Stadt war. Ich wusste nicht wohin und auch nicht, was ich tun könne. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich dann Miruil fand.

Vielleicht hätte es mir lieber nie gelingen sollen, vielleicht hätte ich lieber auf ewig von der Vergangenheit träumen sollen. Miruil hatte sich sehr verändert und mir gefiel dies nicht. Ich werde dich nicht mit allen Einzelheiten langweilen, doch es war schwer für mich. Miruil erkannte mich zwar, zeigte aber keine Freude mich zu sehen. Die Verwandlung, die er in Nardújarnán begonnen hatte, schien nun abgeschlossen. Er war Spieler bei den Spielen von Ciprylla und nichts anderes war ihm mehr wichtig, es ging nur noch um Ruhm, den Jubel der Massen und den Reichtum. Bei fast allen wichtigen Spielen der Stadt war er stets der Gewinner, das hatte ihn größenwahnsinnig werden lassen.

Es war im Streit, da forderte ich ihn heraus beim Großen Spiel gegen mich anzutreten. Du weißt, bei diesem wird entschieden, wer Fürst der Stadt werden soll und es war das einzige Spiel, an dem Miruil noch nicht teilgenommen hatte. Ich kitzelte seine Angst, verhöhnte ihn, und bald standen wir vor dem Eingang zu den Höhlen des Großen Spiels, zusammen mit einem Dutzend anderer. Wir alle waren da Feinde, denn nur einer soll es lebend bis zum Ende schaffen. Es war grauenvoll. Zwar ließ mich der Nervenkitzel lebendig fühlen, doch es war schrecklich den Tod von Miruil fordern zu müssen. Die letzte Höhle wäre auch sein Ende gewesen, hätten wir uns nicht endlich wieder zusammengerissen und gemeinsam das Spiel besiegt.

So etwas war nicht oft in der Geschichte der Stadt vorgekomm und eigentlich auch verboten, doch hatte man letztlich keine Wahl, als die Zuschauer uns beiden zujubelten, als ich erklärte, dass Miruil gewonnen hätte. So wurde Miruil Enfásiz Fürst von Ciprylla. Und ich? Ich wurde zu dem, was Miruil gewesen ist. Jetzt jubeln sie mir bei den Spielen zu und die Angebote werden immer ungeheuerlicher, mit denen man mich zu kaufen versucht.

Doch ich will das alles nicht. Es behagt mir nicht, Liebling der Stadt zu sein, nur weil ich ihre dämlichen Spiele spiele, gewinne und für ihre Unterhaltung zuständig bin. Miruil habe ich kaum noch je gesehen und man muss wohl sagen, unsere Freundschaft ist gestorben. Auch von Couccinne habe ich kaum noch etwas gehört, auch wenn wir manchmal Briefe tauschen. Mittlerweile scheint er Hohepriester des Ordens zu sein, eine Rolle, in der ich ihn mir kaum vorstellen kann.

Jedenfalls habe ich erneut beschlossen, fortzugehen. Ich werde ziellos in der Welt herumwandern, mich treiben lassen und sehen, was das Schicksal für mich geplant hält. Vielleicht schreibe ich wieder Tagebücher, die ich dir zusenden werde. Auf jeden Fall aber schicke ich euch den Großteil meines Vermögens mit, ihr dürftet dafür bessere Verwendung finden. Wünscht mir Glück.

Ich liebe dich,

Falerte

 

 

Epilog

 

 

LXXV: Letzter Brief des Falerte Khantoë

09. 05. 3998, Solutetor.

Couccinne, lieber Freund, wie geht es dir?

Seit meinem letzten Brief sind gut zwei Jahre vergangen, seit deinem letzten über eines. Hast du neues herausgefunden? Ich weiß, deine Arbeit hält dich sehr beansprucht, doch bin ich dir auch unendlich dankbar für deine Hilfe. Du warst immer der einzige, der mir glaubte und mich nie im Stich ließ. Und nun lass mich dir von meinen letzten Erkenntnissen berichten, und du wirst sehen, dass dein Glaube an mich nie umsonst gewesen ist.

Während meiner ersten Wanderschaft damals habe ich stets Ausschau gehalten und mich umgehört nach etwas, das mir sagen würde, ich wäre in Nardújarnán doch nicht verrückt gewesen. Nur eines ist mir untergekommen, dass mir zu dem Zeitpunkt aber noch unbedeutend erschien, jetzt aber Sinn ergibt. Es hat mit Ijenreich zu tun, doch dazu komme ich noch. In Ciprylla dagegen war die Welt für mich tot, alle Erinnerungen vergessen und nur noch das Leben zählte. Wäre nicht das ewige Gefühl gewesen, dass mehr sein muss, ich wäre nie wieder auf Wanderschaft gegangen, sondern würde auf immer im Reichtum schwelgen und könnte dir nie berichten.

An viele Orte trieb es mich, doch ausschlaggebend für mein restliches Leben sollte ausgerechnet Taevolon sein, das du vielleicht auch unter anderen Namen kennst. Dort lebt der Kalte König, Herr von Akalt, und wacht über seine Untertanen. Damals war und derzeit ist es Tecÿnoal Krautfaust, ein Bär von einem Mann, doch auch weise und gütig. Ich hatte nur vorgehabt für einige Tage in dem Ort zu bleiben, um dann in den Wald und die Schmelzöfen vorzustoßen, doch Krautfaust schien von mir gehört zu haben und rief mich an seinen Hof.

In der Nacht zuvor war es aber, da hatte ich einen schrecklichen Alptraum. Meine Unterkunft hatte ich in einem Gasthaus am Rande der Stadt bezogen. Es war bereits dunkel und ich wollte nur noch schlafen, da klopfte es an der Tür zu meinem Zimmer. Es beunruhigte mich sofort, erwartete ich doch niemanden. Während ich fragte, wer da sei, erhob ich mich gleichzeitig und griff nach meinem Schwert, das neben meinem Bett lag. Mir antwortete niemand, doch klopfte es erneut, weshalb ich, nun für den Notfall kampfbereit, den Besuch zu mir hereinrief.

Schnell sollte ich mir wünschen, es nicht getan zu haben. Knarrend öffnete sich die Tür langsam und sofort lag der Geruch von Hasenblumen in der Luft, die bei euch, doch nicht in Akalt wachsen. Der Flur des Gasthauses war seltsam pechschwarz und aus ihr heraus sowie in mein Zimmer hinein trat eines der Wesen aus Nardújarnán, ein Fahach. Es war unbekleidet und sofort erkannte ich dieses an seiner Narbe quer über der Brust sowie dem seltsamen Bart, der seinem Gesicht entwuchs, doch nicht zu diesem sonst haarlosem Wesen zu passen schien.

Ich fragte ihn, was er begehrte; eine Antwort folgte nicht. Mein Herz raste, war ich doch seit Monden, seit Jahren von ihm verschont worden. Er aber blieb nur in dem Raum stehen, während sich die Tür ohne Hilfe leise hinter ihm schloss. Der Geruch wandelte sich schlagartig um in den verbrannter Asche, als er die Arme weit ausladend hob. Feuer floss von seiner Stirn über Schultern zu den Händen sowie ebenfalls hinunter zu den Füßen. Unsere Umgebung wandelte sich gleichfalls. Wo eben noch das Bett zwischen uns stand, erhob sich plötzlich die ausladende Kette der Schmelzöfen, der Berge, die ich von Karten kannte. Wir schienen über dieser Erscheinung zu schweben. Ein blauschwarzgeschuppter Finger, der in eine gebogene Kralle auslief, deutete auf einen der größten Feuerberge. Ich wusste auf einmal, dass ich dorthin gehen sollte. Dann war alles vorbei, verschwunden, und ich erwachte erst wieder morgens in meinem Bett, ausgezogen und bewaffnet.

Später an diesem Tag sollte ich bei dem Kalten König vorsprechen. Er empfing mich herzlich und freundschaftlich in einem kleinen Nebenzimmer, wo ich ihm von meinen Reisen erzählen sollte. Wir tranken und freundeten uns schnell an, kann man einen solchen Mann doch auch nur lieben. Er wiederum erzählte mir von seinem Land, dessen Geschichte sowie seiner eigenen Vergangenheit. Damit schlug das Gespräch dann plötzlich um, und der König sprach von erschreckenden Dingen. Couccinne, mein Freund, alles was ich je erfuhr ist für ihn auch Wahrheit! Tatsächlich ist die Welt bedroht und die Gefahr geht von diesen Feuern aus, die wir sahen. Krautfaust erzählte mir, wie er und einige seiner Freunde diese Dinge, diese Wesen und ihre Verbündeten seit langer Zeit beobachten und versuchen würden, die Welt auf ihre Bedrohung vorzubereiten! Ganz ist ihm jedoch das alles noch nicht klar, vieles noch ungeklärt. Wer sind sie genau, woher kommen sie und warum wollen sie die Welt erobern? Krautfaust erzählte mir bloß von seiner Vermutung, dass Tól und Omé etwas damit zu tun hätten. Zumindest scheint klar, dass sich die Welt in den nächsten Jahren großen Bedrohungen ausgesetzt sehen wird, die wir versuchen müssen zu verhindern.

Auch ich berichtete ihm von unseren Erlebnissen, die ihm ein wenig neuen Aufschluss, doch auch Rätsel gaben. So konnte er mit meinen Erscheinungen nur wenig anfangen, ein Puidor war ihm unbekannt, auch ihre Art der Opferungen. Letztlich kannte er auch die Fahach oder Ašckhir nicht, doch schien ihn das zu beunruhigen. Genau genommen waren es sogar meine alten Erscheinungen und Erzählungen, die ihn dazu bewogen mich zu rufen und einzuweihen. Der Kalte König überzeugte mich, meine Reise in die Schmelzöfen aufzugeben und stattdessen zu einem seiner Freunde zu reisen, dem Anführer des sogenannten Netzwerkes, welcher damals in Ruken lebte. Einige Wochen verbrachte ich mit diesem Mann, Temperian Braulkir, der mir mehr erzählte. Vielleicht bist du ja unterrichtet, dass das Reich Ijen, wie oben schon erwähnt, in den letzten Jahren etliche kleine Länder um sich herum unterwarf, so auch Ruken. Braulkir zeigte mir, dass Ijenreich auch ein Teil des Bösen sei. Ich erkannte diesen Namen nun auch endlich aus meinem alten Wachtraum, den ich in Abajez hatte und erzählte ihm davon, nannte ihm auch die anderen dort erwähnten Namen. Auch er konnte mir nicht sagen, weshalb geschieht was geschieht und was meine Erscheinungen zu sagen haben, kannte auch nur Hinweise, die auf Tól und Omé deuten, noch überliefert von Tamirús, dem letzten Herrscher von Lurruken. Diese alten Hinweise ließen mich schaudern, kann ich mir die gewaltige Zeitspanne doch kaum ausmalen, in der die Menschheit nun schon aus dem Dunkel bedroht sein muss.

Als wir beide nicht mehr weiter wussten, kam eine Botschaft aus Solutetor, einer Burg in Aleca, welche die Festung Dalchon stets für Braulkir im Auge behielt. Da Dalchon sich anfing zu rühren, reiste ich sofort nach Solutetor ab und hier bin ich nun. Erst die Gespräche mit dem Herrn der Burg gaben mir die Erinnerung zurück, dass dein Orden, deine Arbeit sich stets am meisten mit Omé befassten. Ich sende dir hiermit ausführlichere Berichte über alles, was wir wissen, die dich aufklären sollen, und bitte dich, uns deine eigenen Erkenntnisse mitzuteilen. Ich weiß, dass dich ebenso die Geschehnisse in Nardújarnán, Ašckhir und Ladóra nie zur Ruhe kommen ließen. Erzähle dem Herrn von Solutetor alles, was du weißt, er wird es weiterleiten an die anderen. Ich kann hier nicht mehr bleiben.

Gestern kam eine seltsame kleine Reisegruppe hier an und mich befiel die starke Vermutung, dass sie uns weiterhelfen könnten. Vor allem diese Elinna Sternstrahl scheint weiteres über die Schmelzöfen zu wissen. Heute Abend findet ein Essen statt, bei dem ich sie weiter ausfragen werde. Gleichzeitig sandten uns Kundschafter die Botschaft, dass Dalchon sich Richtung Teûnbund aufmache. Ich sehe schwarze Zeiten auf uns zukommen, mein Freund. Bald brechen wir auf, um nach Dalchon zu reisen. Wünsche mir und allen freien Lebewesen mit mir Glück!

Leider muss ich nun Schluss machen, die Pflicht ruft.

Dein Freund Falerte.

 


 

 

Hinweise des Herausgebers.

Nach diesem letzten Brief begann Falerte Khantoë seinen wirklichen Kampf gegen die Hochfesten, den seine Begleiter nun versuchen weiterzuführen. Viele Länder sind erobert, viele Krieger sind gefallen. Wir hörten von der Zerstörung von Lergis und wie die Hochfesten Ijenreich, Dalchon und Werzan in die Heimländer einfielen. Stets kämpften eroberte Völker für sie, weshalb viele von Khantoës Beschreibungen anderer Wesen und Opferungen noch nicht bestätigt werden konnten. Wir in Rardisonán und Omérian sind noch nicht bedroht, doch hört man auch schon von Kämpfen aus Nardújarnán und dem Osten. Wie es um Pervon oder die nördlichen Länder bestellt ist, vermag niemand zu sagen.

Khantoë gab sein Leben im Kampf, die unseren zu erhalten. Glaubte ihm anfangs niemand, so glauben nun alle und wir versuchen zu retten, was zu retten ist. Couccinne Carizzo half bei der Zusammenstellung dieses Bandes und ergänzte, wo Khantoës Erinnerung nicht richtig zu sein schien. Lasst uns hoffen, dass dieses eilig zusammengestellte Werk nicht unser letztes verbleibt. Lasst uns hoffen, dass zumindest die Legenden stimmen und Tól und Omé wiederkehren werden, um uns vor dem Ende zu bewahren.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 09.10.3999

Anhang

 

Zur Aussprachehilfe in [ ]: Vokale kurz. Zwei Vokale hintereinander = langer Vokal. Sonst lesen wie es ein Sprecher des Deutschen lesen würde (das gilt v.a. für e, ä, ch, sch, dsch, tsch). s = weiches S, z = scharfes S, ź = gelispeltes scharfes S.

Für die Aussprache an folgenden irdischen Sprachen orientieren:

Namen aus Ojútolnán: Spanisch, Malaysisch – Akzente ‚ geben betonte und gelängte Silbe an

Namen aus Ramit: Arabisch

Namen aus Omérian: Italienisch, Malaysisch – Akzente ‚ geben betonte und gelängte Silbe an

 

Anmerkungen zur Zeitrechnung

Zeitrechnung:

1 Minute = 50 sec.

1 Stunde = 50 min.

1 Tag = 26 Stunden

1 Monat = 29 Tage + 2 (meist als Feiertage, insgesamt 4 Wochen)

1 Jahr = 372 Tage (12 Monate + 24 Feiertage)

1 Jahr entspricht etwa 0,7 (gerundet) Jahren unserer Zeitrechnung.

Beispiele:

5 Jahre -> 3,8 Jahre

10 Jahre -> 7,6 Jahre

15 Jahre -> 11,5 Jahre

20 Jahre -> 15,3 Jahre

25 Jahre -> 19,2 Jahre

30 Jahre -> 23 Jahre

40 Jahre -> 30,7 Jahre

50 Jahre -> 38,3 Jahre

60 Jahre -> 46 Jahre

80 Jahre -> 61,3 Jahre

100 Jahre -> 76,7 Jahre

Der Jahreszyklus in den meisten Ländern sieht folgendermaßen aus:

Mondzyklen 1 – 3 = Frühjahr

Mondzyklen 4 – 6 = Sommer

Mondzyklen 7 – 9 = Herbst

Mondzyklen 10 – 12 = Winter

Er orientiert sich an dem Mondzyklus des weißen Mondes und stellt nur einen Mittelwert dar, da die Zyklen Schwankungen unterworfen sind.

 

Länder und Provinzen:

Akalt:

/a-kalt/

Königreich am Geistmeer, westlich von Zardarrin, östlich der Schmelzöfen. Historisch gesehen ging es aus dem Zusammenschluss mehrerer Kaltstämme hervor, deren Vorfahren, vor allem der Kaltstamm der Indier, früher nah dieses Gebietes gewohnt hatten. Ab 833 fiel es unter die Kontrolle von Groß-Zardankin, dem späteren Zardarrin. Bis 1000 führte Arril Mavillen mit den vereinten Stämmen aber einen erfolgreichen Widerstandskrieg, der in der Schlacht des Moores ‚Arills Schlachtfeld‘ kulminierte. Zur Hauptstadt erwählte er sie Taevolon, das bereits Jahrhunderte zuvor unter dem Namen Astowolen gegründet worden war.

Aleca:

/ɑ-le-kɑ/

A. ist ein Land im Nordosten der Heimländer. Seine Provinzen mit Hauptstädten sowie der Sprachmehrheit sind, von Südwest gen Nordost:

Soluten – Solutetor – solutisch, kalt

Gunun – Joholan – kalt

Tihonmadah – Tuman – tolumisch, juepisch

Peben – Dah Ma’ara – kalt, juepisch, pakamisch

Ayfell – Ayfell – tolumisch

Gadian – Toshyan – tolumisch, juepisch, pakamisch

Raygadun – Raygadun – gemischt.

Marad mit seiner Hauptstadt Daris Marad löste sich vor einigen Jahren von A. Im Westen wird A. vom Goldfluss, im Süden von den Grünspitzen begrenzt, im Norden und Osten vom Meer. Der Soluten durchfließt das Land von Südwest gen Nordost und mündet bei Raygadun.

A. entstand langsam, aus dem Staaten- und Völkergemisch, das sich in diesem fruchtbaren, bergigen Land angesiedelt hatte. Ab 2000vdF gründeten Tolumi Kolonien in dieser Gegend, von denen heute aber keine mehr existiert. Flussaufwärts dagegen lebten einheimische Kaltstämme, mit denen man sich mal verstand, sie andern mal bekämpfte. Die Geschichte von A. ist ein wenig kompliziert und verstrickt aufgrund der vielen Staaten, Einwohner und Völker. Auch Pakama gründete schon vor 0dF hier Außen- und Handelsposten. Die Tolumi und Kalt dominierten jedoch. Ab 200dF eroberte Pakama die Küste. Oft wanderten Kaltvölker nach Süden ab, aufgrund von Überbevölkerung. 800dF zerbrach Pakama und Aleca wurde wieder zum Staatenchaos. Südwestlich von Gadun, flussaufwärts, wurde die Stadt Rajadun gegründet, die die Staaten einte und unter dem Banner von Aleca frei kämpfte. Bis 2000 herrschte die Republik Aleca zwischen den Flüssen über ein Gemisch von Völkern: Tolumi, Kaltvölker, Pakami und im Südwesten auch Colite. Natürlich wechselten diese teils auch ihre Wohnorte. 2000 ging mit dem Feuer ein Großteil von Aleca unter und versank im Meer und im Chaos. Der Süden blieb aber bestehen und sorgte bis 2244 wieder für Ordnung. 2984 bis 3244 war Aleca Teil des neuen Ojútolnán, viele Stadtgründungen fanden statt. Auch später gab es noch viele Konflikte zwischen beiden Ländern.

Heutzutage ist A. das wohl technologisch fortschrittlichste Land und gut im Überseerennen dabei. Herrscher der demokratischen Republik ist Ycr Dearu. Die Sprache ist eine Kreolsprache aus den Sprachen seiner Völker und wird Lecin genannt.

Emadeten, Freies Königreich:

/e-ma-de-tǝn/

Ein Land von Rardisonán an der Laruinto, zwischen den Sümpfen von Belané und den Flüssen Gumond, Gascirn und Monwasser, Hauptstadt Belané, weitere große Städte sind Peridé und Norilé.

Nach dem Jahr 2000 war Emadeten stark genug, sich von Iotor zu lösen und erklärte sich zum Königreich. Später landete Raréon an der östlich gelegenen Banurburta. Unter Gerí Anaruen war Emadeten Verbündeter von Raréon gegen den Rest von Iotor um Aurost. Sein Sohn Camón dagegen hielt nicht zu Rardisonán, da mittlerweile der Herrscher von Tobjochen Tolnán von Rardisonán war und zwischen diesem Land und E. starke Spannungen herrschten.

Nach weiteren 150 Jahren Nachbarschaft bestanden aber zahlreiche entstandene Familienbindungen zwischen beiden Ländern und E. akzeptierte Rardisonáns Schutz vor Piraten der Schwarzsee. Die Verbindungen beider Länder wurden immer stärker und bis 2600 war E. quasi Vasallenstaat von Rardisonán. Es nennt sich aber weiterhin Freies Königreich, gehört aber zum Land Rardisonán und dem Reich von Ojútolnán. Der König wählt den Tolnán mit bzw. stellt sich auch selbst zur Wahl und sendet Stellvertreter für den Hof des Tolnán und dem Fürstenrat aus, hält die allgemeinen Gesetze ein, erlässt auch eigene und sorgt größtenteils selber für die Verwaltung des Landes. Die Landwächter von Rardisonán kontrollieren jedoch trotzdem die Straßen.

E. ist ein Fluss- und Auenland, mit weitläufigen Sümpfen an der Küste, die den Bau größerer Häfen verhindert haben. Im Süden jedoch ist das Land sehr ansprechend.

Galjúin [Gall-chuu-inn] – Provinz von Nardújarnán

Icran:

-kʀan/ (Icraner, Cranisch/Honnisch)

Kleines Land am Shadongorf, zwischen Rardisonán und der Sobilöde. I. ist ein hügeliges, von vielen Flüssen durchzogenes Land, deren größten die Flüsse Tessib, Sobille und Tolovon sind. I. besteht aus der Halbinsel Scirtien, Tessibel mit dem Sumpfdelta des Tessib, das kleine Bergland der Honnrücken sowie Tomirratten, dessen Land langsam in das Wüstenland der Tolumwüste übergeht. Die Hauptstadt ist Scirdok am Kap Scir der Halbinsel. Die meist instabilen Regierungen des Landes mögen für Außenstehende skurril anmuten: I. wird von einem Rat aus sechs Personen regiert, den reichsten Männern des Landes, die ihr Kapital nicht verlieren dürfen, sonst sind sie wieder raus. Bedingungen sind, dass man ein adliger, reicher, männlicher Mensch sein muss, Teile davon sind jedoch problemlos erkaufbar. So entsteht natürlich jede Menge Korruption und Intrigen sowie inneren und äußeren Konflikten. Sklaverei ist die höchste anwendbare Strafe des Landes.

Gegründet wurde I. gegen 2917 von dem Piraten Docrenn Begonn, der vor den Schwarzseepiraten flüchtete und sich ein kleines Reich im als verflucht geltenden Anthar, den nördlichen Überresten von Manthen, aufbaute. I. hieß ursprünglich Iscran und kämpfte oft mit den sceshischen Piraten, welche in den heutigen Honnrücken lebten. Docrenn mischte seine Sprache mit der ihren, woraus sich das heutige Honnis entwickelte.

Weitere größere Städte nach Scirdok sind Morchan am Tessibel-Delta, Askchar am Tomir und Notesc (Nocstce) am Shadongorf, letzteres die heutige Heimat der sceshischen Piraten. Wegen Nocstce hat man öfter Probleme mit Rardisonán, da dieses die Piraten nicht sehr schätzt. Als I. gegen 3357 Rardisonán in einer Schwächephase auch noch angegriffen hatte, schlug dieses bald zurück. 3578 trennten sich einige der Gebiete, die einst zu Rardisonán gehört hatten, von I., gefördert von Rardisonán. Seit 3614 gibt es einen Friedensvertrag, dessen Bedingung die Unabhängigkeit dieser Gebiete ist: sie haben sich mittlerweile vereint und sind als Toch-Bas bekannt.

I. ist ein Land von Mischlingen, viele haben toljikische, tolumische oder manthische Vorfahren. Auf der Flussinsel Huluver leben die Huluveri, reine Nachfahren von Manthen, aber nicht völlig menschlich. In Tomirratten leben einige H’elchen, deren genaue Vorfahren unbekannt sind. Trotz aller Korruption der Machtinhaber wird übrigens Kriminalität unter der normalen Bevölkerung meist hart geahndet und so mancher musste schon die Sklaverei.

Jaduiza

Lurruken:

/lur-ru-ken/ Lurruken hieß das Reich, welches einst begrenzt wurde von dem Vergessen Gebirge und den Pervonsteinen im Westen, den Hölzernen Bergen und dem Azirun im Süden, dem Cormoda im Norden und dem Geist und dem Ostmeer im Osten.

Seine Anfänge nahm es bereits gegen 159vdF und bestand bis zu dem großen Chaos das auf der Welt herrschte im Jahr 2000dF.

Des Reiches größter Herrscher hieß Tamirús, welcher seine Heimat Tamilor zur Hauptstadt machte. (Heute liegt Tamilor tief in Tamirús Grab, dem gefürchten Moor in das sich nur wagemutige Abenteurer wagen.)

Lurrukens Nachbarländer waren im Jahr 1900 (zum Höhepunkt der Ausdehnung des Reiches): Fernland, Pervor (dem heutigen Pervon), Udar, Haret (dem heutigen Aluma und Panme) sowie Ijen im Westen, Luvaun und Zardarrin im Norden, Osgird (liegt verblüffenderweise heutzutage tausende von Flügen weiter westlich als damals noch) und Louch im Süden. Außerdem lag es mitten im Herzen des Reiches Stirmen, welches Lurruken nicht anzugreifen wagte.

Der größte See Lurrukens war der heutige Minîrnsee, der längste Fluss der Geist, das größte Waldgebiet (nach Stirmen natürlich) der Salzwald.

Die 23 Provinzen Lurrukens zu seiner Blütezeit waren von West nach Ost (mit Hauptstadt): Demīrus (das heutige Demirn, Hauptstadt Rudir, heute Roudir), Esīrem (Schorbrom), Mummulate (Tummuale, heute tief im Tummualesee liegend, zweitgrößte Stadt Līman), Kania (Kanh), Kenrūken (Rūken), Tamilorum (Tamilor, zweitgößte Stadt Sēnea [Seenea]), Pardastirm (Saldān), Salzwald/Sunumcalt, Danemcalt (Pakalt), Pardacalt (Rheiban), Pangeis (Panen, größte Stadt Geistig), Danemstirm (Arasanh), Sunumstirm (Ketaine), Danemloue, Cosasirun (Serra), Pardālon (Arsullan), Ranumtergin (Maggin, das heutige Maggir), Pardageis (Selaine), Ranummond, Dalgeis, Coslame (Yolame, heute Yasleam genannt), Cosforne, Coshein (Tambaheim).

Von dem einstigen Imperium existieren heute nur noch der kleine Stadtstaat Ruken und Demīrus in Form von Demirn, alles andere ist nur noch wenig besiedelt. Aber auch Līman, Seenea, Saldān, Maggir, Roudir, Arsullan und Yasleam sind noch da.

Machey:

/ma-xi:/ Benannt nach Mytillin Machey. Land im Britanlak-Tal zwischen Erzherz und Lusuvameer, Magisil und Goldfluss, zwischen Rardisonán, Aleca und Panme. Königreich, Sitz des Lorts ist Illort. Machey wird von Adligen kontrolliert, die dem Lort Hörigkeit schuldig sind. Der Lort kontrolliert die Armee. Die Sprache von Machey ist das Imaria, die Bevölkerung nennt sich Imari. Seit seiner Gründung ist Machey fast dauernd im Krieg mit Rardisonán. Dieses hat schon fast Tradition. Die Grenzen sind auch stark mit Festungen gesichert.

M. lebt hauptsächlich von der Agrar- und Minenwirtschaft, sowie vom Handel. Dies brachte ihm in Rardisonán den Ruf als rückständig ein. M. ist weitläufig besiedelt, die meisten Städte sind aber höchstens mittelgroß. Das Land ist in 10 Regionen gegliedert, welche sich wiederum in die Lehen der Adligen unterteilen. Der derzeitige Lort ist Martynne Varlent.

Nardújarnán:

/nar-du:-ʤ ar-na:n/

Bekanntermaßen unterteilt sich das Reich Ojútolnán in vier Regionen, auf drei verschiedenen Kontinenten: Rardisonán, Rinuin, Nardújarnán und Acalgirí. Ist Rardisonán zwar der älteste Teil, ist Nardújarnán doch der größte und nach Acalgirí der wildeste und unerforschteste. Offizielle Amtssprache ist Toljipajin, doch wird in den meisten Gegenden tatsächlich noch hauptsächlich Toljúipa gesprochen, Hauptstadt ist Ejúduira. N. erstreckt sich von den Flusslanden Sisientas am Inselmeer im Westen bis zum Meeresgebirge Labuiras am Ozean im Osten (gut 2000 Flüge), sowie vom südlichsten Punkt (dem Kap Holenta am Inselmeer) bis zur nördlichen Grenze Jaduizas über gut 700 Flüge (wobei Pesenno weiter östlich zwar sich noch weiter nach Norden erstreckt, doch wird eher der Durchschnitt gezählt).

Politische Unterteilung: genau wie in allen anderen Teilen Ojútolnáns nach Provinzen mit deren Hauptstädten, wobei es in N. keine Stadtstaaten gibt, sehr wohl aber städtelose Provinzen. Jede Provinz hat eine Obrigkeit, wobei sich auch die Teile der Regierung in Obrigkeiten (z.B.: Ejúduira (Regierung), Atáces (Militär), Elpenó (Seefahrt)) unterteilen. Von West nach Ost sind diese Provinzen (mit event. Beschreibung und Hauptstadt):

Sisienta (Flussland), Sieranta (Flussland), Patapas, Galjúin (Bergland am Meer mit vielen Buchten & Halbinseln; H: Elpenó; auch wichtig: Abajez), Fuiran (am Ladú Fuiran; Seenland; H: Pórga), Tadúnjódonn (am stärksten besiedelt; ebenes Land; H: Atáces; auch wichtig: Almez), Jaduiza (Grenzland am Oberlauf des Flusses; H: Cabó Canguina), Ebanó (westliches Gebiet des Deltas; H: Bemuido), Tabiaten (größte Provinz, ländliches Gebiet; H: Ejúduira), Iganosnán (das sumpfige Echsenland; H: Arodaza), Labuiras (das schmale, lange Land zwischen Meer & Gebirge; H: Aiduido Elazar), Pesenno

Die meisten Städte auf einen Fleck findet man rund um den Gald y Panguino.

Ojútolnán:

/ɔ-xu:-tɔl-na:n/

Eines der größten bekannten Reiche der Welt, neben Pervon, Voblooch und Catissa. Der Tolnán ist quasi ein Gottkönig und herrscht von Toljúin aus über die vier Teile seines Reiches, die vier Ecken der Welt: Rardisonán, Nardújarnán, Rinuin und Acalgirí. Diese Teile selbst werden jeweils von gewählten Fürstenräten aus den Reihen der Herrscher der Länder der Reiche kontrolliert. Jedoch muss auch ein jeder Fürst einen Gesandten an den Hof des Tolnán schicken, der diesen informiert, berät und wiederum Befehle erhalten kann. Die Fürstenräte werden aus den Reihen der obersten Fürsten gewählt, wobei die Könige von Königreichen meist Stellvertreter zur Wahl entsenden.

Königreiche: Der Titel des Königs ist vererbbar, der Rest des Reiches wird gewöhnlich unter Adligen aufgeteilt, die dem König Tribut und Gehorsam schuldig sind.

Fürstentümer: Der Fürst wurde irgendwann vom Tolnán oder dem Fürstenrat eingesetzt oder vom Volk gewählt.

Omérian:

/o-me:-ri-an/

Land auf der Halbinsel Tanderomérian, gegründet von Amant Emaior zu Ehren von Omé, getrennt durch den Tanderethen (bzw. Tanderecca) vom Nachbarland Tandereis, zu dem schon seit Jahrhunderten sehr gute Beziehungen bestehen. Die heutige Hauptstadt Halkus bestand schon zu Zeiten Iotors unter dem Namen Halkis. Weitere große Städte sind Touron, Frezinne und Recellia. Zwar ist das Land nicht groß und infolge des Jahres 2000 fielen die einstigen Länder Otoriachs dieser Gegend dem Chaos anheim, doch ist Omérian heute recht stark besiedelt und wichtige Seemacht.

Derzeitige Herrscherin ist Parga Emaior. Für weiterführende Informationen mag das Buch der Länder herangeführt werden. Die Bezeichnung des Herrschertitels ist Milciar.

Ramit:

/ra-mɪt/

Ein tolumisches Inselreich im Norden der Heimländer, in der Schwarzsee, Grenze der Laruinto, nördlich von Rardisonán und westlich von Omérian gelegen. Die Hauptstadt ist Ahian auf der großen Hauptinsel Aulim. Zweitgrößte Stadt und gleichzeitig älteste ist Ayumäeh. Die sieben großen Inseln sind von Ost nach West: Aulim (die Hauptinsel), Felser und Gras (zwei hohe Klippeninseln, die kaum bewohnbar sind), Supin (die zweitgrößte Insel der Kette), Mygi, Raspin und zahlreiche kleinere, wobei sich darunter aber auch noch mehrere kleine unabhängige Siedlungen befinden. Die Insel Beles, auf welcher der bekannte Feuerberg Táun-Nir liegt, ist umstritten, sowohl Rardisonán als auch Ramit beanspruchen sie,obwohl dort kein Leben existieren kann.

Ramit hat meist gute Beziehungen zu Omérian und Tandereis, wegen ihrer teilweisen Duldung der Schwarzseepiraten aber oft gespannte zu Ojútolnán, welches die Piraten loswerden will. Deshalb gab es schon öfter Kriege zwischen allen vier Reichen. R. stammt von dem tolumischen Ratam ab, welches Teil von Iotor war und als eines der wenigen Tolumreiche die Fluten des Jahres 2000 überstand. Es lebt vor allem von Fischfang und Handel. Seine Bevölkerung ist immer noch tolumisch, der Dialekt wird von anderen Tolumvölkern aber nur kaum verstanden.

Teûnbund, der:

Auch geschrieben Teounbund. Entwickelt von den größeren Handelsgesellschaften und Kaufleuten Teûnfurts (Teoundagne), um größere Profite mit anderen Händlern am Teûn zu arrangieren und vor allem auch um sich gegenseitig zu schützen. Die Versammlung von Teûnfurt übernahm dies und gewann als ersten Partner einige Händler Amîens. Im Laufe der Zeit erweiterte sich der Bund auf zahlreiche Städte und Dörfer am Teûn und dessen Einzugsgebiet. Auch den Städten der Fostilhochebene versuchte man sich zu nähern, bisher jedoch ohne Erfolg, abgesehen von Fhisan. Teûnfurt ist wichtigste Stadt des Bundes, andere sind die schon erwähnten sowie Saldān.

Städte und andere Orte

Abajez [A-ba-chess] – Hafenstadt in Galjúin in Nardújarnán

Almez [All-mess] – Hafenstadt in Nardújarnán

Ašckhir [Aschk-chir]

Atáces [A-taa-kes] tolji. für ‚Angriffsebene‘, ‚Feldangriff‘, ‚Schlachtenebene‘ o.ä. – militärisches Zentrum von Nardújarnán

Ayumäeh:

/a-ju-me-ɛ:/

Zweitgrößte Stadt von Ramit, gelegen auf der Hauptinsel Aulim. Sie ist die älteste der Städte von Ramit, existierte schon vor dem Jahr 2000 und hat die Fluten wie durch ein Wunder nur teilweise beschädigt überstanden und wuchs später bis an das neue Meer heran. Im Norden der Stadt fängt das Hochland mit seinen Klippen an, welches diesen Teil der Insel prägt, nach Süden hin liegt das Tiefland. A. liegt an einer kleinen Bucht, der Hafen wurde durch Dämme und Wellenbrechern vor dem Meer gesichert. Eine Stadtmauer hat sie schon lange nicht mehr, da aus dem Inland eigentlich keine Feinde mehr kommen können. Die Stadt ist vor allem bekannt für seine Werften, den Handel, Fischfang, seine Kunst sowie Kultur.

Belané [Be-la-nee] tolji. ‚Sumpfdorf‘ – Hafenstadt in Emadé

Cabó Canguina

Camdis

Ciprylla:

/kɪp-rɪl-la/

Hauptstadt der Provinz Guihúda in Rardisonán, gelegen am Cip Rylla, teilweise an der Klippe, teilweise auf einer Klippeninsel. Gegründet unter dem Namen Rylla, ca. um 347vdF, nördlich von Soráre als Hafenstadt von Deltan. Der Söldner Kahron Mharale besetzte Rylla 211dF und nannte sie Ar-Rillach. Deltan lag im Krieg gegen die Tolumländer und Mharale eroberte mehr und mehr Gebiete. 232 zerstörte er Soráre, 236 wurde er ermordet. Sein Nachfolger führte den Wettbewerb in den Höhlen unter Rylla ein, mit dem fortan immer der Herrscher der Stadt ermittelt wurde. Das Große spiel wurde 239 von Navell Golando zur festen Institution erhoben, ebenso wurden Söldnertruppen teil der Stadtphilosophie. Sein Nachfolger Endema Lújano eroberte bis 329 die hälfte des ehemaligen Deltán. Später reichte das Reich bis zur Merrylla und wurde unbenannt in Guehúdan, während die Stadt Arrylla hieß. Als der Krieg zwischen Rardisonán und Machey immer härter wurde, geriet Guehúdan langsam unter den Einfluss von Rardisonán und ist heute Provinz.

Zum Großen Spiel kann jeder zugelassen werden. Der Gewinner wird wahlweise Herr von Guihúda oder reich. Nebenbei gibt es zahlreiche andere Spiele in der Stadt der Abenteurer. In C. kann man jederzeit abenteuerlustige Gestalten und Söldner finden, die Stadt gilt auf dem ganzen Kontinent als Anlaufpunkt für ehrliche Geschäfte. C. ist die mit Abstand größte Hafenstadt von Rardisonán. Vor Längerem versucht C. wieder unabhängig zu werden und schaffte dies auch, sah sich danach aber ständigen Überfällen gegenüber. Es gliederte sich wieder ins Reich ein unter strengeren Bedingungen des Tolnán.

Ejúduira:

/ε-xu:-dwi-ra/

Größte Stadt und Hauptstadt von Nardújarnán und der Provinz Tabiaten. E. liegt am nördlichen Beginn des Deltas des Tajazi. Die stadt wurde größtenteils auf durch Kanälen gebildeten Inseln errichtet, zahlreiche Brücken verbinden diese. In E. liegen die Zentralen der beiden Obrigkeiten, die große Guigans, ein großer Hafen für Fluss- und Seeschiffe, der große Zentralmarkt, das Jagdhaus sowie vieles mehr.

Halkus:

/hal-kus/ oder /xal-kus/

Stadt an der Mündung des Tanderethen an der Bucht von Halkus in Omérian, Hauptstadt des Landes.

Die Stadt Hakus war einst Hauptstadt des Tolumenlandes Otoriach, aus dem später Iotor hervorging. 2000 ging die Stadt unter, ihre Ruinen müssten am Ostende der Bucht von Halkus liegen. Flüchtlinge gründeten westlich an der neuen Küste schließlich Halkus, eine neue Stadt. Auf der Halbinsel Tanderomérian lebten nach 2000 versprengte Völker von Tolumen und Juepen, H. war von beiden beeinflusst. Nachdem Amant Emaior die Burg Omérian (das heutige Frezinne [Frecinne]) gegründet hatte, begann das Luvaunische im Land Einfluss zu nehmen. Letztlich setzte sich aber H. als Hauptstadt eines geeinten Reiches Omérian durch.

H. liegt auf flachen, sanft geschwungenen Hügeln, die weißen Mauern der Häuser erkennt man schon vom Meer. Der Palast des Milciar thront über allen anderen Häusern, daneben eines der größten Heiligtümer der Omé. Neben Frezinne ist H. das größte Zentrum des Omékultes und ein wichtiger Hafen vor oder nach der Durchfahrt durch den Sund von Omér und außerdem Omérians Tor in den weiten Osten.

Ladóra

Médyhúda – tolji. für ‚Mitten im Wald‘ bzw. ‚Mitte des Waldes‘

Nocstce

Peridé [Pe-ri-dee] – Stadt in Emadé

Rardisonan:

/ɹaɹ-di-so-nan/ (tolji.: Rar’s Hauptstadt).

Hauptstadt von Iotor, einem Fürstentum von Rardisonán, gelegen auf einem Dutzend Inseln in der Banurburta, der Mündung der Miabanur in die Laruinto. Ein Viertel der Stadt, die sogenannte Verbrannte Stadt (zurückzuführen auf einen einstigen Brand und die seitdem dort sichtbaren Spuren) liegt auf dem Festland, an der Miabanur-Mündung, der Rest auf den Inseln. Der bewohnte Hauptteil der Stadt liegt auf der großen Hauptinsel und den 3 weiteren größten Inseln. Südlich des Hauptteiles liegt ein großes Inselgefängnis, das größte Gefängnis von ganz Rardisonán, abgesehen von dem bei Magin. Südöstlich liegt der Marinehafen der Stadt, der größte und wichtigste von Rardisonán. Weiterhin liegt im Süden ein Landeplatz für Veduigirm.

Die Burg der Stadt liegt auf der Hauptinsel. Sie geht auf das Lager zurück, welches Raréon an dieser Stelle nach seiner Ankunft an der Laruinto errichtete. So war die Stadt auch lange Jahre Hauptstadt von ganz Rardisonán, bis zu den Bürgerkriegen und der Gründung von Toljúin.

Rees:

/ri:s/ Auf Toljipajin: Rées /ɹe:s/. Im Tarlischen: Rheese /ɹi:s/.

Die älteste existierende Stadt Macheys liegt an dem kleinen Fluss Reesil, einem Nebenfluss des Britanlak, welcher im Erzherz entspringt. Rees war einst die mächtige Hauptstadt von Omijern und das wichtigste Handelszentrum in weitem Umkreis. Nach dem Putsch von Gusta Marénis gegen Amís Cállate, welcher daraufhin seine Exilregierung von Omijern in Fasia etablieren musste, ging es mit R. abwärts. Andere Teile von Ex-Omijern errangen ihre Unabhängigkeit oder wurden erobert. R. eroberte im Laufe der Zeit selber andere Gebiete und herrschte schließlich über das Land TuReesten, die kläglichen Überreste von Omijern und DeTukon.

Mytillin Machey übernahm schließlich das Nachbarland TuKarra und eroberte TuReesten. Dies besiegelte das Ende der Handelsstadt Rees, da die lukrativen Handelsrouten nach Norden, nach Fasia, gesperrt wurden, da M. Machey schließlich im Krieg mit Raréon lag. R. degenerierte immer weiter.

Bald errichtete das Land Machey die Los Tensarru, die wichtigste Handelsstraße des Landes, und leitete sie über die neue Hauptstadt von Machey: Illort. R. war somit von dieser Route auch abgeschnitten. Übrig blieb nur der Handel auf dem Fluss. Der Reesil ist jedoch nur schwer beschiffbar.

Heute dient R. vor allem als Garnison und Fast-Grenzposten, auch gibt es im nahen Erzherz Goldvorkommen, die in Reesten gefördert werden, dessen Hauptstadt R. ja immerhin ist.

Ruken:

Nur wenige Städte haben den Fall Lurrukens überstanden, R. war darunter. Sie ist auch gleichzeitig die größte von diesen, gegründet gegen 560dF. Heutzutage ist R. ein Stadtstaat, welcher die Stadt selbst sowie einen Umkreis von etwa 50 Flügen beherrscht. 3996 erobert von Ijen, Heimat von Temperian Braulkir, derzeitiger Herrscher (genannt Nonum) ist Henack Geshzahl.

Sódos jós Fuiran

Solutetor:

/so-lu-tə/ Festung in Südwest-Aleca und Verwaltungszentrale von Soluten. Einst herrschte man hier, von der Burg Solut aus über das ganze Land Soluten, als die anderen Gebiete Alecas noch tolumischen Staaten gehörten. Heute ist Soluten kleiner als einst, die Burg wurde aber zur weitläufigen Festung. S. liegt an der Quelle des Solutenflusses, hineingehauen in die Berge der Grünspitzen. Ein weitläufiges Höhlensystem, teilweise auf natürlichen Höhlen basierend durchzieht einige Berge, die Festung herrscht über sie. Außerhalb der großen Eingangshöhle sieht man nur eine schmale, starke Mauer und zwei Türme an den Abhängen zweier Berge, zwei weitere Türme liegen etwas höher. Ebenso liegt dort die alte Burg, welche aber nur über die Höhlen erreichbar ist. Unterhalb der Feste wird Erz gefördert und verarbeitet, den Rauch leitet man zur Spitze des Hauptberges über Röhrensysteme hin ab.

Touron:

/tu:-ron/

Größere Stadt im Westen von Omérian, gelegen an der bucht von Touron, einem Haff (bzw. einer Lagune) an der Küste der Laruinto. Nächster großer Hafen ist nach Süden hin Rardisonan (in Rardisonán), nach Norden hin Recellia (in Omérian), nach Westen hin Ayumäehr (in Ramit). T. ist bekannt für Fischfang, seine Werften und Handelsposten. Außerdem wird gerne gesagt, dass der Adel von Omérian T. häufig als Zweitresidenz nutzt aufgrund der Lagunen sowie dem angenehmen Hinterland. Ein Teil der Stadt ist von Kanälen durchzogen, die allesamt mit kleinen Booten befahrbar sind. Die Stadt ist vergleichsweise jung, wurde sie doch erst lange nach dem Jahr 2000 und der Gründung Omérians errichtet, weshalb man hier auch gut die für Omérian typische Architektur beobachten kann.

Sprachliches und Begriffe:

Guigans, die:

[tolji.] Blutsteine.

Toljipische Kaserne oder Burg einer Stadt, in der Ausbildung Unterkunft von Berufssoldaten, den Wächtern, verfügbar ist. Auch einige Außenposten werden Guigans genannt.

Landwächter – 2278 eingeführt, sollen sie für den Schutz von Reisenden fern der Städte sorgen und haben ihre Stellungen meist in Außenposten oder bei kleinen Dörfern.

Hierarchie (Ojútolnán):

niedere Ränge (‚Niederleute‘): Alui

Caris

Offiziere (‚Hauptleute‘): Jinn

Mauris

Oberoffiziere (‚Oberleute‘): Anjinn

Mantuis

Adel & Hohe Beamte versch. Bezeichnungen

Kaiser Tolnán

Stadt-, Land- und Seewächter haben spezielle Befugnisse über Militär, das sich in ihrem Gebiet befindet, die Ränge sind aber dieselben, haben lediglich teilweise zusätzliche Bezeichnungen. (So wäre ein ‚Oberster Seewächter‘ jeder Rang der sich über denen der anderen Seewächter an Bord befindet, und wenn es nur ein Jinn ist.)

Stadtwächter

Seewächter – Bezeichnung für die Seesoldaten von Ojútolnán, zurückgehend auf die Seewächter, die tatsächlich nur die Seewege überwachten. Heutzutage ‚überwachen‘ sie das Schiff auf dem sie sich befinden und haben insofern dort das Kommando.

Toljúepa [Tol-chuu-ä-pa] – Alte Form des Toljipajin, wird noch vereinzelt in Rardisonán und vor allem Nardújarnán verwendet. Die alte Form dieser Sprache heißt Júepa, die neue Form Toljipajin.

Toljipajin, das:

/tɔl-dʒɪ-pa-dʒɪn] [tolji.] Sprache des Tóls (bzw. Königliche Sprache). (Toljipisch/Tolji) Abgekürzt: tolji.

Offizielle Amtsprache im ganzen gewaltigen Imperium von Ojútolnán und sicherlich eine der meistgesprochenen Sprachen der bekannten Welt (neben Lecin, den Luvaunsprachen und Pervonisch). Vorläufer war Toljuepa bzw. Juepisch, welches heutzutage aber kaum noch verstanden wird. Entstanden ist es aus den Sprachen, welche ursprünglich in der Gegend des Guilardeltas gesprochen wurden, Legenden zufolge damit also der direkte Nachfahr der Sprache von Char y Son, sowie mit einem Hauch Luvaun vermischt und, je nach Region, manchmal auch mit Tolumi, Imaria oder örtlich vorkommenden anderen Sprachen.

Topographie

Atúposberge

Canlar – Fluss von Ladóra

Heimländer, die:

Übersetzung des Wortes und der Bezeichnung, die in den verschiedenen Sprachen den Kontinent bezeichnen, auf dem Pervon und die Länder rund um Lurruken liegen. Andere Bezeichnungen sind: Kolessan, Coledarth, Coledaun, Coledagne, Kaltländer, Kaltlande, Gar-Salh, L’em-Richa, …

Jannis – Fluss bei Cabó Canguina

Laruinto, die:

/la-rwin-to/ auch genannt Laruento.

Die L. ist ein Zwischenmeer zwischen dem Festland von Rardisonán und den ramitischen Inseln. Sie ist stark befahrenes Gebiet, findet man hier doch die Küsten von Ojútolnán (Rardisonán), Ramit, Omérian, Salaius, Toch-Bas, Icran sowie manchmal der schwimmenden Stadt Becradu. Große Buchten sind vor allem der shadon-Gorf, aber auch die Lohburta und die Banurburta. Vor dem Jahr 2000 war die Laruinto völliges Festland, hier lagen vor allem Juepenreiche, die nun verloren sind. Zalreiche Ruinen liegen am Grund der Laruinto, die meist wenig tief ist.

Mijalar [Mi-dscha-lar] – größter Fluss von Galjúin

die Mijalar (oder Mijalaría im Toljúepa). Der Name ‚Kalte Wasser‘ geht darauf zurück, erzählte man mir, dass der Fluss größtenteils ein reißender Gebirgsfluss ist.

Schmelzöfen, die:

Größtes Gebirge der östlichen Heimländer. Die S. reichen von den Grauspitzen im Nordosten, einem Ausläufer der S., bis nach Süden an den Wald von Stirmen. Einst war es eine gewaltige Barriere zwischen dem Hochland von Westlurruken und dem Tiefland von Ostlurruken. 2000 überflutete das Meer das Tiefland und hielt erst an den S. Die große Schmelzbucht hat ihren Namen von den S. Ihren eigenen Namen haben sie von den zahllosen Feuerbergen, einige davon sind noch aktiv. Nebenflüsse der Cormoda kommen aus den S. Im Norden soll angeblich die Hochfestung Werzan liegen. Die S. sind völlig von Wald umgeben, auch ihre niederen Hänge hinauf. Im Westen der Salzwald, im Süden Stirmen, im Norden der Fisanwald, im Nordosten der Geronanwald. Akalt ist das einzige Land, das Ansprüche auf einen Teil der S. erhebt. Die S. sind aber ein beliebtes Jagdgebiet, selbst Macaten findet man hier – und auch nirgends sonst. Zu Zeiten Lurrukens wurde auch etwas Bergbau betrieben, doch scheinen die S. kaum etwas wertvolles zu bergen.

Schwarzsee, die:

Auch bekannt als Zwischenmeer, Weite See oder Das Blau.

Die S. ist ein großes Meer, das auf drei Seiten von Küsten umgeben und zur vierte, der westlichen Seite hin, offen ist. Im Osten bietet nur der Sund von Omér eine dünne Durchfahrt von West nach Ost. Im Jahr 2000 breitete sich die S. gewaltig aus, wobei unbekannt ist, wie die Nord- und Westküsten damals aussahen, doch müsste das Meer damals etwa halb so groß gewesen sein. Im Osten existierte aber auch da schon eine schmale Schlucht, aus der der Sund von Omér wurde. Die S. ist bekannt für ein warmes Klima an ihren Küsten, den zuverlässigen Strömungen und der Vielfalt seiner Tierwelt. Im Osten liegen zwischen Nord- und Südküsten große Inselarchipel, bekannt als die ramitischen Inseln sowie den Inseln der Schwarzseepiraten. Im Süden liegt die Hohe-Berge-Insel, die 2000 entstand, als das Gebirge umspült wurde. Auch im Westen liegen zwischen Nord und Süd Inselketten, vor allem vor Rinuin. Einst war die S. fast gänzlich ein Gebiet der Tolumen, die man heutzutage nur noch an einzelnen Küsten sowie im Nordwesten findet. Heutzutage wird die S. vor allem von Ojútolnán, Ramit, Omérian, Piraten und Händlern befahren.

Sund von Omér, der:

Vor dem Jahr 2000 war an der Stelle des heutigen Sundes noch eine sehr steile und hohe Schlucht, eine Kluft zwischen den Heimländern und den Nordkontinent, der per Brücke überquerbar war. Dafür war es damals für Schiffe sehr gefährlich, die Kluft zu durchqueren. Nicht umsonst nannte man die Meerenge damals auch oft Todesenge. 2000 jedoch stieg der Meeresspiegel der Welt und der Sund wurde zu dem, was er heute ist. Seinen Namen bekam er jedoch erst Jahrhunderte später mit dem Aufstieg von Omérian. Die Brücke, welch einst beide Kontinente verband, ging mit den Fluten unter. Heutzutage könnte ein geübter Schwimmer den Sund zwar immer noch durchqueren, wenn ihn die Strömung nicht mitreißen sollte, doch den Versuch einer Brücke wird niemand mehr wagen können. Mehrere Stromschnellen, Strudelund versteckte Felsen machen die Durchreise auch heute noch gefährlich. Der Sund verbindet die Schwarzsee mit dem östlichen Ozean. Benannt ist sie nach den Kap Omér, welche an einem Eingang zu der großen Bucht liegt, an der wiederum Recellia liegt. Dies alles gehört zu Omérian. Am Ostende des Sundes, auf dem Nordkontinent, liegt der Stadtstaat Irlost.

Tajazi, der:

/ta-ʤa-zi/

Größter Fluss von Nardújarnán. Entspringt im Carajúl und durchfließt zunächst den Dschungel gen Süden, dann eine Weile durch Hügel- und Weideland. Nach Ejúduira beginnt sein gewaltiges Delta, das größte bekannte der Welt. Der T. mündet im Südosten schließlich im Meer.

Fauna und Personen

Menschen, die:

Eine der vorherrschenden Rassen der Welt. Fast überall verbreitet und als Rasse sehr expandierend und anpassungsfähig. Ihre Population geht in die Millionen, ihre Zahl ist mit natürlichen Mitteln kaum zählbar. Sie sind im Normalfall etwa zwischen 1,40 und 1,90 Füße groß, ihre Hautfarbe reicht von hell bis fast schwarz, auch bei Augen- und Haarfarben besteht ein breites Spektrum.

Sie beherrschen fast alles, haben sich als Rasse aber vor allem auf die Expansion und was dafür notwendig ist spezialisiert. Es existieren viele Unterarten. Die M. sind schon fast von Natur aus zerstritten und in zahlreiche Nationen gespalten.

Possel, das:

/pɔs-səl/ Kaltischer Name, der auch im Imarischen übernommen wurde. Toljipischer Name: Pojél /pɔ-xe:l/

Säugetier aus Nardújarnán. Monströses Tier mit ca. 3,5m Schulterhöhe. Besitzt längere Vorder- als Hinterbeine und einen Buckel auf dem Rücken, der durch die ungleichen Beine noch verstärkt erscheint. Der Höcker wird von einem Kranz Haaren umgeben, sonst ist das Possel nur mit kurzen, meist sandbraunen Haaren bedeckt. Der rundliche Kopf ist durch eine massive Knochenplatte geschützt, die sich nach oben hin in leicht geschwungene kurze Hörner verjüngt, nach unten hin aber in zwei dicke, ca. 1,5 Füße lange Stoßzähne ausläuft. Statt einer Nase ziert das Possel ein kurzer Rüssel und am Ende des abfallenden Rückens sitzt ein kurzer, unbehaarter Stummelschwanz mit pinselartigem Haarbüschel am Ende. Vom Hals bis zum Bauchansatz hängt bei ausgewachsenen Tieren ein Hautlappen, der einst den früheren Wüstentieren als Kühlung diente. Noch heute ist er bei Männchen größer als bei Weibchen und meist leicht bunt gefärbt, besonders zur Paarungszeit.

Raréon:

/ra-re:-ɔn/

Genaue Herkunft, Geburtsdatum und Todesdatum unbekannt. Um alle drei Punkte ranken sich zahllose Legenden. Vermutlich kam er aus einer kaltsprachigen Gegend, Stirmen wäre nicht unwahrscheinlich. 2010 tauchte er bei Tól und Omé in Lían auf und war anfangs enger Freund der Tochter Lían. 2012 begann er seine Expedition über Land. Dabei machte er die Bekanntschaft von Tamirús und Mytillin Machey. 2015 erreichte er die Mündung des Flusses Miabanur, wo er Rardisonan gründete und damit den Grundstein von Rardisonán legte. Nach einem Krieg mit Iotor zerstritt er sich mit Machey, woraus der spätere ewige Krieg zwischen diesen Ländern begann. 2036 lernte er Sedíra kennen und lieben. Nachdem er sie drei Jahre später im Krieg gegen Machey aus Versehen erschoß, zog er sich trauernd für immer zurück und wurde nie wieder gesehen. Hieraus entstanden weitere Legenden, z.B. dass er heimlich oder anderswo starb, von Tól und Omé bei ihrem Verschwinden mitgenommen wurde oder ein Geschenk des Tamirús ihn in eine andere Welt führte. Heutzutage wird er als eine Art Schutzgottheit in Ojútolnán verehrt und man erwartet seine Rückkehr in schlechten Zeiten, ähnlich wie es vojn Tól und Omé sowie Lían gesagt wird.

Tól und Omé:

/to:l und o-me:/

1980 erschienen sie vor Arasanh und gewannen ihren ersten Anhänger, Gaunus, als sie das drohende Ende der Welt und die Menschen retten zu wollen verkündeten. 1982 bekamen sie ihre Tochter Lían, spätere erste Herrscherin des Reiches Tólome, und gründeten die gleichnamige Stadt ein Jahr später. 1988 bekamen sie auch ihren Sohn Raí.

Bis 2000 hatten sie eine gewaltige Anhängerschar um sich gesammelt und als dann tatsächlich Feuer vom Himmel fiel und viele Landstriche versanken, glaubten ihnen die Menschen. 2010 ließen sie von ihren Anhängern Raréon und Amant Emaior die Welt neu erkunden und gewannen so gleichzeitig Einfluss auch in anderen Teilen der Welt. 2071 folgten die großen Schlachten gegen Silön; zu Dritt verschwanden sie aber schließlich.

Zahlreiche Gerüchte entstanden um ihr Verschwinden, insbesondere, da sie nur ihrem Heerführer ein letztes Mal erschienen, sonst sah sie niemand. Die meisten ihrer Anhänger, die man heutzutage vor allem in Tólome, Ojútolnán, Omérian und teilweise auch Aleca findet, glauben, dass sie sie in Zeiten großer Not erneut auftauchen werden und erwarten dies für das Jahr 4000. Noch gibt es aber keine Anzeichen ihrer Wiederkehr.

In Ojútolnán wird v.a. Tól als Gott verehrt, in Omérian ist es Omé, was zurückzuführen ist auf die Gründer dieser Länder, ihrer Anhänger. In Tólome werden beide sowie Lían verehrt. Auch in anderen Ländern findet man Anhänger, wie in Zardarrin seit der jahrelangen Besetzung durch Ojútolnán.

Tošaren, das:

/to-sa-ra/ [pak.] Im Imarischen: Tosaren /tɔ-sa-rən/, im Tarlischen: Tosran /tɔs-rɛn/

Etwa menschengroßes Säugetier, welches aus den pervonischen Steppen stammt, aber auch überall sonst gezüchtet wird, wobei die pakamische Domestizierung die bekannteste ist. Das Tier besitzt lange, kräftige Beine mit Hufen sowie einen kräftigen Körper mit langem Hals und kleinem Kopf. Dieser ist leicht oval geformt mit kurzen dreieckigen, sehr beweglichen Ohren. Ähnlich dem Possel ist das T. nur mit kurzen Haaren bedeckt. Der kurze Schwanz bildet hierbei eine Ausnahme, da er mit langen Haaren bedeckt ist und einen Schweif bildet.

Das T. ist mittlerweile in vielen Gegenden das bevorzugte Reittier, wenn man auf die Schnelligkeit eines Sacalem verzichten kann und die relative Bequemlichkeit und Kraft eines Tosara bevorzugt.

 

 

Personen:

Falerte Khantoë [Fa-lär-tä Chann-to-ä]

Nuref Khantoë [Nu-reff]

Mhadal Khantoë [Maa-dall]

Puidor [Pii-dor] Toljipajin für ‚Fischer‘.

Caris Duimé y Belané [Ka-ris Dwi-mee i Be-la-nee] – Ausbilder in der Guigans Rardisonan; überheblich – oder unsicher?

Oljó y Becal [Oll-choo i Be-kal] – kräftig, jähzornig, Narben, verurteilter Dieb und Spieler. Fale traut ihm Anfangs nicht.

Miruil Enfásiz y Calerto [Mii-ril Änn-faa-ziss i Ka-lär-to] – klein, braunhaarig, aus reicher Familie, etwas arrogant, will Abenteuer erleben. Begeisterungsfährig, temperamentvoll. Anfangs leicht naiv?

Amerto y Cajál [A-mär-to i Ka-chaal] – oberster Seewächter der ‚Sturmwind‘. Anfangs: Falerte hält ihn für grausam.

Couccinne Carizzo aus Amacco [Kuu-tschin-nä Ka-riss-so A-matsch-tscho] – ruhig, phlegmatisch, leicht apokalyptisch, düster, aufmerksam, pessimistisch.

Jimmo [Dschim-mo] – verrät Herkunft nicht, groß, ergraut, Hüne. Angfangs: Fale traut ihm nicht.

Zalím [Sa-liim] – klein, rothaarig, kam aus Not in die Guigans

Garekh [Ga-rech]– Freund von Falerte, Schmuggler, handelt mit Schwarzseepiraten und Nocstce.

Scaric-tar-Garshan [Zka-rik tar Gar-schan] – lebensfroh, mittleres Alter, starker Akzent, groß, schlaksig, Hakennase, dunkel

Ccillia [Tschill-ja] – alte Liebe von Falerte

Nuosan Deleau [Nũ-õ-zõ Dä-löö] – tólomischer Schriftsteller des 37. Jahrhunderts.

Šamrek [Scham-rek]

Axabula [Akz-za-bu-la]

Commosha Dacealus [Kom-mo-scha Da-kä-lus]

Dosten Aschengrau [Dos-ten] –

Schwarzkralle

Accilla Scazi

Sturmwind – militärisches Frachtschiff aus Rardisonán; Dreimaster

Paruibi

 

 

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eBook


AWG91 Tól und Omé

Februar 8, 2020

Tól & Omé

und die Historie von

Rardisonán und dem Reich von Ojútolnán;

Tólome und Silûne;

Machey;

sowie von

Omérian und Tandereis

und deren Vorgängerstaaten;

als da wären:

Lurruken;

Tukon, TuKarra und TuReesten;

Iotor und dessen Nachfolgerstaaten;

weiterhin der Personen

Tól und Omé; Lían und Raí;

Silön; Amant Emaior;

Raréon und Mytillin Machey

und anderer.


ANDRE SCHUCHARDT

Leipzig 2020

Andre Schuchardt: Tól und Omé

Copyright © 2006 – 2020 by Andre Schuchardt

http://www.kaltric.de

http://www.andreschuchardt.de

Alle Rechte liegen beim Autor dieser Veröffentlichung. Der Inhalt diese Dokumentes ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung vorbehalten. Jede weitergehende Verwendung, insbesondere Veröffentlichungen, die Speicherung in Datenbanken, Vervielfältigung und jede Form der gewerblichen Nutzung sowie die Weitergabe an Dritte – auch in Teilen oder in überarbeiteter Form – sind ohne meine schriftliche Zustimmung untersagt.

Die Karten wurden eigenhändig erstellt mit Hilfe des Programms AutoREALM.

Als Schrift wurde FreeSerif verwendet.

ISBN: 978-0-244-55501-6

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Widmung

Für jeden, der bereit ist dies zu lesen

Diese Geschichte mag man auf vielfache Weise lesen können. Zum einen ist sie der Anfang zum Ende. Weiterhin ist eine der berühmtesten Legenden und Märchen der Welt. Sie erzählt von Liebe, Tragödien, Kriegen, Hass und dem Einfluss von Religionen. Man kann sie aber auch als bloße Historie der Länder und Religion betrachten. Letztlich ist sie vor allem auch eine Stilstudie. Bilden sie sich ihre eigene Ansicht und erzählen sie mir davon.

Personen

Tól und Omé

Lían – Tochter von Tól und Omé

Raí – Sohn von Tól und Omé

Silön

Amant Emaior 1. Kommandant der Armee von Tól und Omé, Gründer von Omérian

Raréon – Diener Tóls, Gründer von Rardisonán

Mytillin Machey – Abenteurer, Gründer von Machey

Sedíra – Geliebte von Raréon

Thaléon Balouron – Höchster Ratgeber Silöns

Canoud Velieun – 1. Träger des Titels „Ratgeber Silöns“

Malont Déaron – 2. Kommandant der Armee von Tól und Omé

Thelóí Isúm3. Kommandant der Armee von Tól und Omé

Alaun Isúm – Bruder von Thelói, Mann von Lían

Galand – Soldat unter Amant Emaior und Raréon

Gaunus – 1. Anhänger von Tól und Omé

Mogaun – Tochter von Lían und Alaun Isúm

Dojolas Igíman – Herr von Tobjochen und 2. Diener Tóls

Géri Anaruen – Herr von Emadé

Camón Anaruen – Sohn von Géri und Nachfolger

Mharef – Letzter wahrer Herrscher von Iotor

Gar-iorhed – Kammerherr von Aurost

Enreesa an’Karra – Letzte Herrscherin von TuKarra; Frau von Machey

Soumyl an’Dunnar – Herr von Pegrott

Varman an’Linroc – Anhänger von Mytillin Machey

Garmyn an’Vorra – Gegner von Mytillin Machey

Manurc an’Rees – Letzter Herr von Rees

Karlon von Morgolt – Ein Herrscher von Morgolt

Brannac – Adliger aus TuReesten

Tamirús – Letzter Herr von Lurruken und als Gott angesehen.

Sowie: Diener, Bürger, Bauern, Soldaten, Offiziere, Seeleute, Adlige und andere.

Aussprache:

Ähnlich Französisch: Akzent zeigt Betonung.

Tól, Omé, Lían, Raí, Amant Emaior, Canoud Velieun, Malont Déaron, Theloí Isúm, Alaun Isúm

Ähnlich Englisch:

Galand, (ältere Orte im Osten Lurrukens:) Ketaine, Silaine, Arasanh, Arsullan, Yalame

Ähnlich (alt)Deutsch: Akzent zeigt Betonung und Längung

Silön, Raréon, Gaunus, Tamirús

Imarisch (ee=langes i; v=w; y=i; ou=langes u, c=k):

Enreesa, Varman an’Linroc, Garmyn an’Vorra, Soumyl, Brannac, Karlon, Morgolt, Manurc

Juepisch (j=dsch [vor u=ch]; ´=Akzent, uen=“uwen“ und

hu=w wobei w wie in engl. water; Vokale gut artikuliert):

Dojolas Igíman, Géri Anaruen, Camón Anaruen, Tobjochen, Emadé, Huálor

Tolumisch (r=stark gerollt; i=j, au=öi):

Mharef, Gar-iorhed, Iotor, Aurost

Weitere Aussprachehilfen und anderes im Lexikon.

Prolog

Einst lag hoch im Norden, angrenzend an die heutigen Ländereien von Irlost, das Tolumenland Otoriach. Dessen Herrscher Ghireuzar ging in die Legenden der Weltgeschichte ein, da er den Grundstein zum Reich von Iotor lieferte, indem er im großen Tolumenkrieg seine Nachbarländer Djikka und Ratam besetzte. Seine Nachfahren eroberten nach und nach weitere Ländereien – von Ojonis sowie Teile von Delent, Tolumien, Flejenda, Saten und Omijern – und brachten so einigen Nationen den Untergang, dem eigenen Reich jedoch Macht, Wohlstand und den Rang als zweitgrößtes Reich des Festlandes, nach Lurruken. Aber natürlich konnte das nicht ewig andauern und so wurde Iotor, wie sich das Reich mittlerweile nannte, bis Ende des 20. Jahrhunderts geschwächt.

Dies ist die Geschichte von Tól und Omé, wie sie in Lurruken erschienen, die Menschen berührten, so viele wie möglich vor dem Untergang am Ende des 20. Jahrhunderts bewahrten, und wie sie die Welt änderten.

Auch ist dies die Geschichte aller Personen, die darin verwickelt waren.

I: Das Erscheinen und die ersten Jahre im Südosten von Lurruken

Beteiligte: Tól, Omé, Silön, Gaunus, Lían, Raí, Verwalter von Taiban, Bürger von Arasanh, Siedler von Lían, Gaunus‘ Leute

Orte: Arasanh, Taiban, Lían

Sie kamen die Straße von Geistig her entlang und sollten das Geschick der gesamten Welt ändern. Doch sie kamen nicht aus Geistig, niemand hatte sie je dort erblickt. Die Straße führte nach Arasanh, dem Gebiet colitischer Siedler und Kaltstämme und lag im südöstlichsten Teil von Lurruken, wo der Glaube an die Macht seines Herrschers Tamirús im Reich am schwächsten war. Gleichzeitig aber dieses Reich das am weitesten entwickelte in der bekannten Welt darstellte. Woher sie kamen vermochte niemand zu sagen; es schien fast, als seien sie eines Tages einfach auf der Straße nach Arasanh erschienen. Der Wald von Stirmen und die Silbernen Bäume lagen unweit des Weges und möglicherweise kamen sie von diesem geheimnisvollen Ort, hatte doch noch nie ein menschliches Auge das Innere Stirmens erblickt und davon berichten können. Verfechter anderer Vermutungen halten jedoch stets dagegen, dass ihre Sprache dem Luvaunischen ähnelte und man annahm, dass in Stirmen anderes gesprochen wurde.

Es begann an einem sonnigen Tag im Frühjahr des Jahres 1980. Gaunus und seine Leute saßen am Fuße eines kleinen Hügels am Straßenrand irgendwo in den Darsis-Ufern nahe Stirmen, sich kurz von der anstrengenden Reise erholend. Wie später berichtet wurde, soll es sich zu dieser Zeit begeben haben, dass die Tiere des umgebenden Waldes plötzlich verstummten, als hielten alle gespannt den Atem an.

Hört ihr das?“

Gaunus drehte beunruhigt den Kopf und spähte die Straße entlang. Die anderen sahen ihn merkwürdig an.

Nein, ich hör’ nichts“, meinte einer der Männer.

Genau das meine ich ja!“ bestätigte Gaunus, „Was ist mit den Tieren?“

Nun verstanden sie und sahen ihn ebenso verwirrt an. Gemeinsam blickten sie zur Straße, welche Richtung Geistig führte. Die Männer befanden sich an einer Stelle im Lande Lurruken, die kaum bewohnt aber stark von Tieren durchstreift war. Umso mehr machten sich die Männer nun Gedanken. Nach kurzer Zeit wurden sie sich nähender Gestalten aus Richtung Geistig gewahr.

Sie waren zu dritt: ein Mann und eine Frau von herrschaftlicher und nicht ganz menschlicher Gestalt, auch wenn nie jemand zu sagen vermochte, worin der Unterschied bestand. Beide waren sie hoch gewachsen und unmenschlich schön, doch gekleidet nur in billigstem Sackleinen. Von ihnen ging eine merkwürdige Ausstrahlung aus, welche sogar Gaunus und die Männer spürten. Als sie näher kamen, verstärkte sich dieser Eindruck noch. Hinzu kam eine seltsame Unwirklichkeit. Sie schienen keine Lebewesen dieser Welt zu sein. Ihnen zur Seite stand noch eine dritte Person, sich stets so unscheinbar gebend, dass niemand je genau sagen konnte ob Mann oder Frau. Ohne großartiges Anzeichen, dass sie die Männer bemerkt hatten, näherten sie sich. Lange braune Haare verdeckten ihre Ohren. Die Frau ließ ihren Blick über den Wald wandern, der Mann blickte Gaunus unverwandt an. Sie blieben dicht vor den Männern am Straßenrand stehen.

Eure Welt ist dem Untergang geweiht!“ begann der Mann mit fester Stimme, die trotzdem irgendwie unwirklich erschien.

Gaunus war zutiefst beeindruckt von der Ausstrahlung des Mannes.

Wer seid ihr?“ wagte er zu fragen.

Wir sind Tól und Omé“, sprach Tól und deutete dann auf die dritte Gestalt, „und dies ist Silön.“

Dann nahm seine Stimme einen bedrängenden Unterton an als er verkündete: „Ihr werdet nur noch wenige Jahre haben, bevor ein großes Unheil kommen wird!“

Irrsinn!“ rief da einer der Männer dazwischen, doch duckte er sich ängstlich und ganz geschwind unter dem durchdringenden Blicke Tóls.

Ruhe!“ herrschte ihn Gaunus an, „Lasst ihn sprechen!“

Wir sind gekommen euch zu warnen und euch zu helfen“, sprach Tól, „begleitet uns und wir werden euch retten.“

Mit diesen Worten drehten die Drei sich um und setzten ihren Weg die Straße entlang fort, gen Arasanh. Gaunus sah ihnen nach. Es waren nur wenige Worte gewesen, die sie gewechselt hatten, doch irgendwie war er tief erschüttert von dem Geschehenen und bereit, ihnen alles zu glauben. Nach einem kurzen Moment des Stillstandes und des Schweigens, riss er sich zusammen, schnappte sich seinen Rucksack vom Boden, schulterte ihn und eilte den Dreien hinterher. Die Hälfte seiner Männer folgte ihm später.

Tól und Omé gingen gemächlichen Schrittes, hoheitsvoll und fast als würden sie schweben. Ihre Kutten reichten bis zum Boden, so dass man ihre Füße nicht sah, was den Eindruck des Schwebens nur noch verstärkte. Silön ging hinter ihnen. Drei Tage waren sie unterwegs und lagerten stets am Wegesrand. Tól und Omé hielten immer Abstand zu den Männern, oder genauer: diese zu ihnen. Nie sah jemand die Drei schla