AWG93 Der A’Lhumakrieg

Februar 15, 2020

Der A’Lhumakrieg

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Prolog

Crear Ataurass Elorm ist tot. Für die einen war es ein Segen – für wenige ein Unglück. Bis heute ist es schwer zu entscheiden, zu welcher Gruppe man sich rechnen sollte.

Mein Name ist Eilzen Doubal. Ich war sein Diener, engster Vertrauter und – Freund. Jahre schon ist es her, dass Crear Elorm verstarb, und bisher hüllte ich mich stets in Schweigen. Nun, da alle ihn nur noch als das Böse betrachten, ist es Zeit für mich, alles zu erzählen, wie es wirklich war – wie ich es aus nächster Nähe erlebte. Dieses Buch soll alle Geschichten, alle Legenden, ins rechte Licht rücken oder ergänzen. Deshalb ist es nicht nur für das Volk von A’Lhuma, sondern für die ganze Welt gedacht. Und bei einer solchen Aufgabe muss man daran denken, dass nicht alle die Geschichte von A’Lhuma kennen werden, ja einige vielleicht nie von uns hörten. Darum lasst mich zunächst einige Worte zu unserem Reich verlieren.

Vor etwa 5000 Jahren erschienen unsere Vorfahren in diesem Teil der Welt um sich hier niederzulassen. Das Reich von Harite wurde groß und mächtig, doch die Streitigkeiten mit seinen südlichen Nachbarn Darite wirkten sich aus bis in unsere Zeit. Später stand es – mit Ausnahme von Barga, seiner Hauptstadt – unter völliger Herrschaft durch Luvaun. Dieses war für seine meisterlichen Bauwerke berühmt, was auch uns zugute kam; noch heute werden die Kanäle benutzt. Als Luvauns Gegner aber, das Reich von Lurruken, Barga in seinem Freiheitskampf unterstütze, waren die goldenen Zeiten bald vorbei und das Reich Haret entstand.

Padrun, die heutige Hauptstadt unseres Nachbarn Panmein, war damals die Hauptstadt. Da in Barga aber ein Großteil des alten Adels verblieb, befand sich das Reich bald nach einem gewaltigen Bürgerkrieg in Trümmern. Für viele Jahrhunderte blieben rund um den großen Strom des Haregez bloß kleine Reichem, die sich gerne bekämpften. Im Norden setzte sich schließlich Padrun durch und formte sein Panmein; im Süden kam die Familie Sacaeran in Barga an die Macht und Sacaluma ward geboren. Diese Familie war es einst auch, die unser Lurut gründeten. Lange Zeit blieben diese beiden Reiche – Panmein und Sacaluma – Gegner. – Bis Crear kam. Doch lange zuvor schon wurde dem Reich Sacaluma geweissagt, dass es dereinst einen wichtigen Teil eines großen Krieges spielen würde. Ob dieser nun stattgefunden hat oder noch kommen wird, werde ich wohl nicht mehr erleben.

A’Lhuma heute – oder auch bis vor wenigen Jahren Sacaluma – ist ein Gemisch verschiedenster Völkerschaften, so sollte es nicht wundern, dass es eines Tages größeren Streit zwischen diesen gab. 3940, vor 40 Jahren, herrschte über Sacaluma noch die Familie Sacaeran in Barga. Es war das Jahr, in dem in Lurut ein ganz besonderer Junge geboren wurde. Lurut liegt im Westen des Landes und ist Sitz der Familie Elorm. Dieses Kind war Crear Ataurass Elorm.

Ich weiß nicht, wann genau mein Freund Crear den Verstand verloren hat. Als Kind wirkte er so unschuldig, so anständig, so – gewöhnlich. Doch ist sicher, dass der Tod des Vaters ihn hart traf.

 

 

1. Buch

I: Die verlorene Tugend der Kindheit.

An einem schönen Frühjahrstag traf sich ein Teil der Familie Elorm südlich der Stadt Lurut am Telénemeer. Es ist heute nicht mehr bekannt, wer den Vorschlag dazu machte, doch nahm ein ganzer Zweig der Familie daran teil.

Shaen Gurass Elorm war ältester noch lebender Sohn von Gurass Noroash Elorm, dem Herrn von Lurut. Als die Familie im Wald jagen war, zeigte er stolz allen seine Beute.

„Seht was ich hier erlegt habe und versucht mich zu überbieten!“

Ataurass Shaen Elorm, sein jüngster Sohn, hatte den Ehrgeiz seines Vaters nie leiden können.

„Nur weil dir das fetteste und lahmste Tier vor den Pfeil lief bedeutet das nicht, dass du besser bist als wir. Zu siegen ist nicht alles.“

„Oh doch mein Sohn! Sieg, Macht und Kraft sind alles! – Aber das hast du noch nie begriffen.“

Asmyllis Teule Elorm, Tochter des Shaen und Schwester des Ataurass, hatte in der Familie schon immer zwischen den beiden gestanden.

„Das reicht! Es sollte ein schöner Ausflug werden!“

Tatsächlich gehorchten die beiden Männer ihr auch und schwiegen.

Der kleine Crear Ataurass Elorm, Sohn des Ataurass, gab zu dieser Zeit noch wenig auf die Reden aller Beteiligten, war er doch kaum größer denn das von Shaen erlegte Tier. Bezeichnenderweise nahm jedoch kaum jemand in seinen Worten Rücksicht auf den Kleinen, waren sie doch zu sehr mit sich und ihren Gegnern beschäftigt. Crears Amme, genannt Mütterchen Gouma, hielt ihm zu solchen Zeiten oft die Ohren zu, waren solche Reden doch nichts für sein kleines Gemüt.

Auch ich, Eilzen Doubal, war damals mit in diesem Wald an der Küste des Meeres. Meine Aufgabe war es, ein Lasttier zu führen, welches den Karren mit Vorräten zog. Drei solcher Karren und drei solcher Zugführer wie mich gab es; außerdem folgten noch die Knappen des Shaen und Ataurass sowie zwei Adlige aus der Stadt und ein Koch. Die Stimmung zwischen den beiden Streithähnen war bereits seit Tagen gespannt und vermutlich sollte dieser Ausflug sie alle auflockern, ablenken und wieder versöhnen. Doch es kam alles ganz anders und natürlich viel schlimmer.

„Wie lange willst du noch durch diesen Wald schleichen und wehrlose Tiere schlachten?“

Wenn es um seinen Vater ging, hatte Ataurass noch nie gewusst sich milde zu verhalten.

„Wenn es dir hier nicht gefällt, oh Sohn, dann lass uns an das Meer gehen. Wir haben genug erlegt uns ein gutes Mahl zu bereiten.“

Shaen kannte den listigen Weg schon immer besser.

Und auch wenn sich Vater und Sohn nicht immer einig waren, so konnten sie es doch heute: Die ganze Gesellschaft wanderte hinab an die Küste, die dort sandig und trocken war, um endlich etwas zu essen. Aber natürlich sollte es noch Stunden dauern bis alles so weit wäre, weshalb man sich zunächst mit dem mitgebrachten Brot begnügen musste.

„Wie lange hast du eigentlich vor hier zu bleiben? Ich hörte, das Wetter könnte heute schlecht werden.“

Asmyllis mochte zwar die Natur, doch nicht Ausflüge, die nur dem Töten, Fressen und Streiten dienen sollten. Laut wagte sie dies ihrem Vater gegenüber aber nicht zu äußern.

„Ach, das Wetter wird schon halten. – Und wenn nicht; was macht etwas Regen schon? Lasst uns doch endlich feiern! Wir sind hier als Familie und nicht als Vorbild für Lurut!“

Überschwänglich erhob Shaen sich von seinem Platz an der kurzen Tafel, doch so recht wollte niemand seinen Anweisungen folgen. Lediglich der kleine Crear nutzte die Gelegenheit, um durch den Sand zu strollen und nach Muscheln zu suchen. Mütterchen Gouma hielt ein wachsames Auge über ihn, doch sah er nicht aus, als wollte er etwas schlimmes anstellen.

„Wie geht es eigentlich Großvater? Seit meiner Rückkehr habe ich ihn noch nicht wieder gesehen.“

Sechs Monde war Ataurass im Land unterwegs gewesen um mit anderen Adligen zu sprechen und alte Bündnisse zu wahren.

„Ach – viel zu gut.“

Es war bekannt, dass Shaen seinen Vater, den damals fast schon greisen Gurass, ebenso wenig mochte wie sein eigener Sohn ihn. Manche Zungen wagten gar zu munkeln, dass Gurass dem Ehrgeiz des Sohnes zu stark im Wege stände.

„Du kennst ihn doch – Er wird niemals aufhören zu arbeiten. – Übrigens meinte er, dich bald sprechen zu wollen.“

Asmyllis versuchte oft mit Worten und einem schnellen Lächeln die Äußerungen ihres Vaters zu überspielen.

„Trauert er immer noch um Großmutter?“

Das bedrückte Schweigen, welches Ataurass selbst aus Richtung seines Vaters antwortete, schien keine weiteren Fragen oder Antworten zu verlangen. Kurz darauf versuchte dieser auch schon weiterzumachen wie zuvor.

„Asmyllis – deine Mutter braucht Hilfe. – Sie sagt es zwar nicht, aber sieh einmal nach ihr.“

Während das Gespräch so fortging, wurde ich dazu beordert Feuerholz zu sammeln. Es erwies sich nicht als sonderlich schwer, war der Wald doch nah, aber als ich zurückkehrte hatte sich alles verändert. Shaen hatte sich wieder einmal von seinem Stuhl erhoben, diesmal aber um hitzig mit seinem Sohn zu sprechen. Dieser schien kaum weniger aufgebracht, doch hatte sich besser im Griff. Verwirrt fragte ich Gouma, was denn nun schon wieder geschehen war.

„Mmh! – du kennst die beiden doch. Nehmen jeden noch so kleinen Anlass sich zu streiten. – Ich weiß schon gar nicht mehr… worum es diesmal ging. – Eines Tages werden sie sich noch umbringen. – Mmh!“

Am Tisch schienen Vater und Sohn sich bereits wieder beruhigt zu haben – zumindest waren sie leiser und saßen beide wieder. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich sodann eine Bewegung – und schon kam der kleine Crear zum Tisch gelaufen. Den Streit schien er – wie sooft – nicht bemerkt zu haben. Freudig erregt stand er da mitten zwischen Vater und Großvater und zeigte ersterem stolz etwas. Ich konnte nicht erkennen was es war, doch schon erhob Shaen auch wieder seine Stimme.

„Heda! – Koch! – Wie lange wird es wohl noch dauern?“

Dieser war erschrocken angesprochen zu werden und dementsprechend ungenau war seine Schätzung, als sein Hirn sich in die dunkelsten Ecken verkroch.

„Vielleicht… – Etwa zwei Stunden!“

Shaen grunzte seltsam zufrieden, um sich dann an die gesamte Tischgesellschaft zu wenden.

„Dieses Kind hier -“ Er deutete auf Crear. „- hat mich auf eine großartige Idee gebracht. Um die Zeit zu vertreiben – und um unser Mahl ansprechend zu bereichern – fordere ich dich -“ Er deutete auf Ataurass. „- meinen Sohn, heraus. Wer von uns beiden wird wohl die meisten frischen Muscheln aus dem Meer sammeln können?“

Der Angesprochene zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen, doch die Adligen schienen begeistert. Unter diesem Druck gab es nur eine Antwort für Ataurass.

„Du bist alt und wirst verlieren. – Ich nehme an!“

Während die Adligen ihm freudig zu prosteten, sah Asmyllis eher besorgt zwischen Bruder und Vater hin und her. Shaen aber stand da wie ein zu allem bereiter Wettkämpfer. Zurückblickend vermag ich nicht zu sagen, ob er dieses Stück geplant und geübt hatte – oder nicht. Auch Crear sah abwechselnd seine beiden männlichen Vorbilder an. Er schien nicht zu verstehen, was kommen sollte, doch steckte die gespannte Stimmung auch ihn an und wandelte sich – in Vorfreude.

Shaen, Ataurass, Asmyllis, die Adligen sowie zwei Knechte machten sich auf den Weg, hinab ans Meer. Ich verblieb mit Crear, Gouma und dem Koch beim Essen, doch sah ich immerhin noch, was geschah. Das Telénemeer war A’Lhumas einzige große Wasserfläche und Lurut nicht weit entfernt. Viele Schiffe und Boote hatten wir auf dem Blau bereits erblickt, doch waren nun plötzlich alle langsam wieder verschwunden. Ein kleines Fischerboot aber befand sich in Rufweite. Ich sah Shaen ihm zurufen; es herbei ordern. Als es am Strand angelegt hatte, wechselten der Fischer und Shaen ein paar Worte, woraufhin Asmyllis nachdrücklich aufbegehrte – doch ihr Bruder hielt sie ab; stieg mit seinem Vater und einem der Adligen in das Boot und ließ sich von dem Fischer hinaus auf das Meer fahren, wo wir sie bald aus den Augen verloren.

Und wenige Zeit darauf zog der Sturm auf.

„Schnell! – In den Wald!“

Der Koch wusste plötzlich Befehle zu geben, doch hatte er auch Recht. In nicht einmal einer Stunde war aus zuvor bloßen Wolken ein tosender, grollender Sturm geworden. Über dem Meer zuckten Blitze und die Wellen erhoben sich um krachend gegen den Strand zu branden. Uns an Land wurde heftiger Regen um die Ohren gepeitscht; innerhalb weniger Augenblicke waren wir nass. Mütterchen Gouma hatte nicht erst den Befehl des Kochs abgewartet, sondern versteckte bereits Crear unter ihrem Mantel um sogleich in den Wald zu flüchten.

„Aber Vater und Ataurass – !“

Asmyllis schien den Regen kaum zu bemerken; immer wieder blickte sie wild suchend auf das Meer hinaus, doch dort etwas zu finden war unmöglich.

„Frau – kommt mit uns; schnell! – Wir können jetzt nichts tun!“

Doch erst als ich sie am Arm packte und hinter mir herzuzerren versuchte, kam sie freiwillig.

Alles war in wilder Aufregung. Die Tiere waren vernünftigerweise bereits ohne uns durchgebrannt und hatten ihre Karren zurückgelassen; derweil wir alle eiligst dem Koch und Mütterchen Gouma folgten.

Der Wald schaffte es das Tosen abzuschwächen, doch trotzdem hatten wir einige grauenvolle Augenblicke vor uns, in denen ein jeder um sein Leben fürchtete. Die Natur erwies sich an diesem Tag stärker als wir, die wir nichts ausrichten konnten. Crear hielt uns bald mit seinem Heulen ebenso beschäftigt wie der Sturm, derweil Asmyllis dies alles kaum zu bemerken schien; immer wieder sah sie besorgt hinaus auf die See. Jene war finster und wütend und ich vermochte keine Hoffnung für die beiden Ausgefahrenen zu verspüren.

Nach einer unbekannten Weile, die mir wie eine Ewigkeit erschien, doch wesentlich kürzer hatte sein müssen, hörte der Sturm so plötzlich auf, wie er gekommen war. Und als die Sonne die Wolken durchbrach konnten wir hinter uns einen Regenbogen ausmachen. Nach kurzer Zeit schon wirkte auch das Meer friedlich wie zuvor, doch von Schiffen war nirgendwo eine Spur. Immerhin war es ruhiger geworden; auch Crear weinte nicht mehr.

Endlich erwachte auch Asmyllis aus ihrer Starre.

„Los, kommt! – Vater! – Ataurass!“

Nachdem sie losgerannt war, sollte ich der erste sein, der ihr folgte, doch bald darauf kam die gesamte Gesellschaft. Die Tische an der Küste standen erstaunlicherweise noch; die Stühle hatte es umgeweht, das Feuer war ertrunken und Tücher und Nahrung feucht. Von unseren Lasttieren gab es keine Spur mehr, lediglich das erlegte Wild fand sich noch. Am Strand zappelten Fische, die es an Land gespült hatte und alles dort war voll von Wasserpflanzen, doch von dem Boot und seiner Besatzung fehlte jede Spur.

Als endlich alle angekommen waren, wandte sich Asmyllis an sie, ihr Gesicht gezeichnet von getriebener Besorgnis.

„Worauf wartet ihr? Sucht den Strand ab – schnell!“

Sie selber schien ins Wasser waten zu wollen, doch Gouma hielt sie ab.

„Frau – bleibt bei uns; jemand muss auf Crear aufpassen.“

Wir suchten in zwei Gruppen den Strand ab: Ich ging mit dem Koch gen Norden, auf die Stadt zu, derweil der verbliebene Adlige samt den Knechten sich den südlichen Strand vornahmen. Fast eine Stunde verbrachten wir mit der Suche, achteten auf Strand und See. Mehr als einmal meinten wir Holzstücke oder Körper zu entdecken, doch stets entpuppte es sich als etwas anderes. Nach zahllosen Steinen, treibenden Algen, Fischen und Ästen schienen wir weit genug gegangen zu sein und kehrten um; vielleicht hätten die anderen mehr Glück gehabt.

Zurück beim Festplatz erfuhren wir von Mütterchen Gouma, dass die anderen tatsächlich etwas gefunden hatten.

„Oh, es ist so schrecklich – schrecklich! – die armen Herren.“

Wenig später kehrte die andere Gruppe zurück. Sie hatten Asmyllis und einen Karren nach ihrer ersten Rückkehr mitgenommen und erschienen nun wie ein Trauerzug. Die Knechte zogen und schoben den Karren, derweil die anderen düster blickend nebenher schritten. Auf dem Karren gebettet lag ein bewusstloser Shaen. Die Stiefel fehlten ihm, Hose und Hemd waren halb zerfetzt und in Haar und Bart hatten sich Seefarne verfangen. Er wirkte wie eine Gestalt aus einem Märchen – oder wie ein Schiffbrüchiger.

Wir betteten ihn auf feuchten Tüchern neben dem erloschenen Feuer, das zu entzünden uns aber nicht mehr möglich war, in der Hoffnung, er möge dennoch rasch erwachen und uns mehr über den Verbleib der anderen mitteilen. Doch dem war nicht so.

Als es drohte dunkel zu werden, mussten wir abbrechen und wenigstens ihn heimbringen, bevor er vor Kälte erkranken könnte.

„Oh Ataurass – wo bist du?

Mit Tränen in den Augen starrte Asmyllis hinaus auf die See. Es war mir unangenehm, sie unterbrechen zu müssen.

„Frau – ihr könnt hier nichts tun; ihr erkältet euch nur. Lasst uns in die Stadt zurückkehren – und sofort Reiter und Schiffe entsenden, die nach ihm suchen.“

„Hm – vielleicht hast du Recht.“

Offensichtlich schweren Herzens entschloss sie sich, meinem Vorschlag zu folgen.

Vor Lurut angelangt, waren die Haupttore bereits verschlossen, doch ließ man uns natürlich durch die kleinen Tore ein. Asmyllis befahl den Wachen sofort, Reiter und Erkundungsboote aussenden zu lassen – doch musste zunächst ein Hauptmann gefunden werden, der diese Befehle auch ausführen durfte.

In der Burg wurde Shaen in seine Gemächer gebracht, eingewickelt in frische Tücher und umhegt von Kräuterfrauen. Mehr sollte ich nicht mehr sehen, war mir der Zutritt in diese Gemächer doch verboten.

Am nächsten Tag kam Asmyllis hinunter in die Ställe, wo ich Dienst hatte. Als sie gerade eines ihrer Tiere satteln ließ, wagte ich sie anzusprechen.

„Frau Asmyllis – wie geht es eurem Vater?“

Es schien eine Weile zu dauern, bis sie mich erkannte.

„Eilzen – mm – wie es ihm geht… – recht gut – er muss sich nur ausruhen.“

„Das freut mich. – Und gibt es Neues von.. eurem Bruder?“

Ihr Blick versteinerte sich, als hätte sie keine Kraft für Gefühle mehr.

„Es ist noch keiner der Sucher zurückgekommen. Deshalb werd‘ ich jetzt selber los.“

„Ich mache mir vor allem um Crear Sorgen -“

„Eilzen – bitte passe auf Vater auf. Seine Schwäche könnte von seinen Gegnern genutzt werden, vor allem von Chauss. Dort kannst du auch gleich nach Crear sehen.“

Ohne meine Antwort abzuwarten, machte sie sich auf den Weg. Nun war ich also Teil der Ränkepläne dieser Familie, was mir gar nicht recht gefallen mochte. Doch kam ich meiner Verpflichtung gegenüber Asmyllis nach und begab mich bald zu Shaen. Endlich war er wieder zu sich gekommen; saß bereits aufrecht im Bett und aß seine erste Mahlzeit seit einem Tag. Leider aber war er nicht alleine: Chauss Gurass, sein jüngerer Bruder, sowie Maereth Shaen, sein ältester Sohn, waren bereits zugegen.

„Was willst du, Diener?“

Chauss, so vermutete ich, war nicht gut gelaunt. Da sein Bruder immer noch am Leben war, hatte sich keine bessere Möglichkeit für ihn ergeben den Thron zu erreichen, sollte Gurass einst sterben.

„Herren – die Frau Asmyllis schickt mich – zu sehen, ob es dem Herrn Shaen gut geht – und ihm zu Diensten zu sein, sollte er Wünsche haben. – Herr.!“

Eiligst und mich sehr unwohl fühlend verbeugte ich mich vor Shaens Bett. Dessen Stimme war bereits wieder die alte: stark und streng.

„Diener – wie heißt du?“

„Eilzen Doubal, mein Herr.“

„Eilzen – hat meine Tochter die Torheit begangen nach ihrem Bruder zu suchen? – sprich!“

„Äh – Herr… – kurz bevor ich hier zu euch kam ritt sie los, die Küste abzusuchen.“

„Welch törichtes Mädchen – sie wird keinen Erfolg haben – Ataurass wurde über Bord gespült – das Boot traf ihn am Kopf – niemals wird er das überlebt haben.“

„Das ist – schrecklich…“

Später saß ich mit Mütterchen Gouma und Crear in dessen Zimmer, wo er spielen sollte doch sich weigerte. Stattdessen kam er zu mir, als ich am Ort eintraf.

„Wo ist mein Vater?“

Ich war sprachlos.

Gouma hatte ich es zu verdanken, dass ich es ihm zumindest irgendwie erklären konnte. Mit Fünfzehn hatte ich noch keine große Erfahrung, Todesnachrichten zu überbringen. Dies sollte sich in den folgenden Jahren aber noch grundlegend ändern. Doch zunächst lernte ich was es hieß, ein verletztes, weinendes Kind beruhigen zu müssen. Und es sollte alles nur noch schlimmer kommen.

 

 

II: Ungewöhnliche Absichten erfordern ungewöhnliche Mittel.

„Und ich sage dir – er hat ihn damals umgebracht!“

Crear Ataurass Elorm war wütend – so wütend, wie ich ihn seit Jahren nicht gesehen hatte. Immer wieder ging er von einem Ende des Raumes zum anderen, sein Gewand dabei ehrfurchtgebietend hinter sich herziehend.

„Das sind harte Worte – was macht dich da so sicher?“

Ich saß an meinem Tisch, vor mir mein Humpen, daneben seiner. Eigentlich hatten wir uns nur unterhalten wollen – nun das.

„Du weißt es doch selber! – du warst doch dabei!“ Er hielt an und sah mich eindrücklich an. „Zunächst einmal – du weißt, wie sie immer stritten. Du weißt, dass sie sich am liebsten die Kehlen aufgeschnitten hätten!“

„Das ist aber doch kein Beweis…“

„Nein, natürlich nicht – aber an diesem Tag – damals vor so vielen Jahren – als Shaen meinen Vater überzeugte, auf das Meer hinauszufahren – obwohl er wusste, dass ein Sturm kommen würde – das ist bis heute seine Entschuldigung – zu behaupten, das Wetter wäre es gewesen – Schicksal – Eingriff der Götter -“

„Ja! – Ja! – Ich verstehe ja, was du meinst; du meinst also, er hätte sich selbst in Lebensgefahr gebracht, um seinen eigenen Sohn zu töten? – Welchen Sinn soll das denn bitte machen?“ Und zu mir selber sagte ich: So verrückt kann selbst diese Familie nicht sein.

Nun kannte ich Crear bereits seit Jahren, doch verstand ihn trotzdem noch nicht. Meist führte ich es auf die anstrengenden Jahre der Mannwerdung sowie seinen Zorn auf Shaen und den ewig quälenden Verlust des Vaters zurück, doch manchmal schien dies nicht zu reichen. Es machte mir schon allein Sorgen, dass oftmals sein ganzes Leben, Streben und Handeln nur von Hass getrieben schien. Und dann, an anderen Tagen, seinem Großvater gegenüber, verhielt er sich plötzlich wieder gewöhnlich, wie der kleine Enkel von einst.

„Ich weiß – für dich und Asmyllis mag es keinen Sinn ergeben – doch ich weiß, es war so.“

„Und du weißt, dass bloße Anschuldigungen dir nicht viel bringen? Selbst mit Beweisen wäre es schwer – inmerhin ist er der Sohn des Gurass – der nächste Tereanv. Und was bist du? Du kommst nirgends in der Nachfolgereihe dran – also – beruhig‘ dich. Du kannst nichts tun.“

Meine Worte schienen ihn zum Überkochen zu bringen. Mit einem kräftigen Schlag seiner Faust traf er den Schild, welchen ich an die Wand gehängt hatte – und verbeulte ihn.

„Ah – was machst du da? Bringt dir das Befriedigung?“

Mit einem seltsamen Feuer in den Augen sah er mich an. „Ja – das tut es.“ Sodenn setzte er sich wieder mir gegenüber und sah mich auf einmal gelassen an. „Du wolltest mir von Asmyllis erzählen – wann kommt sie wieder?“

„Ah, Crear, wohin gehst du?“

Der Angesprochene blickte Shaen erschrocken an.

„Äh – Großvater – ich… – ich bin gerade auf dem Weg zu Großvater Gurass…“ Crear war es sichtlich unangenehm, seinem Verwandten hier in den Gängen der Burg zu begegnen.

„Ach ja, Vater – schon so alt und trotzdem versucht er noch das Geschick der Familie zu lenken. – Sag, was gefällt dir so bei ihm?“

Crear sah kurz düster zu Boden, dann hinüber zu mir, der ich selber unangenehm überrascht auf dem Balkon des Ganges saß, unfreiwilliger Zeuge dieser Begegnung werdend.

„Nun – er ist ehrlich.“ Sein Blick wurde durchdringend, als er Shaen in die Augen sah. „Er hat nie jemanden ermordet, der mir wichtig war.“

Shaen schien den vorhandenen Seitenhieb nicht zu bemerken; blieb erstaunlich ruhig – wirkte gar nachdenklich.

„Weißt du, als ich in deinem Alter war, hatte ich auch noch einen Großvater, der damals Tereanv war: Noroash. Hat dir dein Großvater je erzählt, wie er meinen Großvater die große Treppe des Eingangssaales hat hinab stolpern lassen? – Natürlich war es für alle bloß ein Unfall…“

Er verfiel in Schweigen, doch Crears Lippen zitterten. Ich kannte diese Art – und plötzlich war Crear verschwunden, seinen eigenen Weg verfolgend.

Nachdem Shaen kurz regungslos verharrt war, wurde er meiner gewahr. „Ah, Kammerherr – wie geht es euch?“ Humpelnd – wie er seit dem Unglück damals immer war – kam er zu mir.

„Herr – danke – gut.“

Und zu allem Überfluss setzte er sich dann auch noch neben mich.

„Ich habe ein paar Dinge mit euch zu bereden. – Mein Vater ist alt und wird nicht mehr lange leben – das wisst ihr. Es wäre klug, bereits für die Zeit danach zu sorgen, wenn ich der neue Tereanv bin. – Was meint ihr?“

Ich fühlte mich unter seinem ruhigen, doch herrischen Blick klein und machtlos. Hatte ich eine andere Wahl als ihm zu gehorchen?

Vielleicht ein Jahr später gab es ein folgenschweres Treffen. All die Zeit über war Crear bemüht gewesen, seinem Großvater aus dem Weg zu gehen. Wann immer er ihm begegnete, versuchte er sich zu beherrschen. Meist hatte er zuviel Angst um aufzubegehren, doch manchmal schimmerte sein Hass in seinen Reden oder Augen hindurch. Auch Shaen konnte das unmöglich entgangen sein. Dieser war stark damit beschäftigt, seine Macht auszubauen. Als ältester Sohn des Gurass stand ihm sowieso der Titel des Tereanv zu, sollte dieser sterben, doch hätte ihn noch der Ehrgeiz seines Bruders Chauss oder eines dessen Söhne in den Weg kommen können. Als die Familie Chauss jedoch von einem Ausflug in den Osten nicht wieder zurückkam, da Banditen sie überfallen hatten, war dieses Problem gelöst. Nun – ich will damit ganz sicher nicht behaupten, dass Shaen dafür verantwortlich war – ganz gewiss nicht, immerhin gab es keine Beweise in der Richtung – doch kam ihm dies gut gelegen. Was ich damals aber immer noch nicht verstand war, wie ihm der Tod des Ataurass hätte helfen können.

Zunächst aber zu besagtem Treffen: Sobald sie von dem Unglück Chauss betreffend erfahren hatte, verfiel die ganze Familie Elorm für eine Woche in Trauer. Bereits nach drei Tagen aber sollte es sich ereignen, dass Shaen seinen Sohn Maereth sowie seinen Enkel Crear einlud, mit ihm am Feuer des kleinen Ostsaales zu trinken und beisammen zu sein. Ich war natürlich nicht eingeladen, sollte aber als Crears Mundschenk werken – und ehrlich gesagt lauschte ich sooft es ging, was dort besprochen wurde. Nachdem sie bereits für eine Stunde über Belanglosigkeiten – Wetter, andere Adlige, Klatsch, Gerüchte, das Verhalten von Shaens Frau, Stadtgeschehen, das Geschehen am Hofe in Barga und so weiter – gesprochen hatten, wagte Maereth endlich die wichtige Frage.

„Jetzt sag schon, Vater – warum wolltest du dich wirklich mit uns treffen?“

Ich sah die Beteiligten zwar nicht, doch hörte ich Shaen seinen Becher abstellen – immer noch klang seine Stimme klar, derweil Maereth etwas lallte. „Ich will mit euch die Dinge besprechen, die da kommen, wenn ich Tereanv bin – Gurass liegt im Sterben. – Jetzt guck nicht so Crear, du weißt das doch ebenso gut wie ich. – Die Kräuterfrauen und Heilmänner sagen, dass sie nichts mehr tun können. Der natürliche Lauf der Welt geht seinen Weg und nimmt ihn mit sich.“

Maereth schien besorgt – aber nicht um Gurass. „Was – hast du dann vor mit uns zu tun?“

Shaens Stimme schwang um in Zorn. „Dummkopf! Ich werde dir schon nichts antun – sonst hätte ich das längst getan! – Nein, du törichter Junge! – Ich brauche euch. Ihr seid die Fähigsten aus der Familie, wenn auch nicht die Schlauesten. – Nein, sagt nichts, hört einfach zu! – Lange genug hat diese Familie, die Familie Elorm, am Rande des Reiches vor sich hingedümpelt. Es ist Zeit, uns endlich zu vergrößern; und zu nehmen, was uns gehören sollte.“

Maereth schien überrascht – wir anderen wussten schon lange um Shaens Ehrgeiz. „Was hast du vor?“

„Uns Land erkämpfen, das andere Familien uns wegschnappten – was sonst?“

Endlich mischte auch Crear sich ein. „Und wir sollen für dich dabei was sein? Feldherren oder Statthalter?“

„Ich werde euch für beides brauchen, meine Kleinen.“

Plötzlich musste ich erschrocken von meinem Horchposten auffahren.

„Was tust du? Lauscht du etwa?“

Lange hatte ich mich nicht mehr so ertappt und peinlich berührt gefühlt.

„Du weißt doch – das tut man nicht.“ Mit einem seltsam belustigt belehrenden Blick sah Caeryss mich an, während sie gleichzeitig einen halben Laib Brot aus dem Brotkorb nahm.

„Essen stehlen gehört sich aber ebensowenig – hab ich zumindest gehört. Und warum sollte eine Köchin das tun?“

Nun grinste sie. „Ich habe nichts gesehen – oder du etwa?“

Was blieb mir anderes übrig als den Kopf zu schütteln?

„Na also – aber sag mal, was gibt es denn so tolles zu belauschen?“ Neugierig schob sie eine Strähne braunen Haares beiseite und machte Anstalten ebenso zu lauschen.

„Das geht dich eigentlich nichts an. – Shaen betrinkt sich mit Maereth und Crear.“

Diese Neuigkeit schien sie zu enttäuschen. „Ah? – naja – sicher interessant – für dich. Nun – weißt du schon, dass Gurass es nicht mehr lange machen wird? – Und auch, dass behauptet wird, unsere Frau Asmyllis sei nach Tarle gegangen, weil sie meint, ihren Bruder dort zu finden? – Hm – nagut, ich seh‘ schon, mit dir macht das heute keinen Spaß – vielleicht geh ich lieber mal zur alten Gouma.“

Sobald sie endlich fort war, konnte ich mich wieder der Aufgabe des Lauschens widmen. Doch kaum wie ich mitbekommen hatte, dass sie sich bereits wieder über anderes unterhielten, da öffnete sich plötzlich die Tür zum Saal und Shaen kam zu mir in die Kammer. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig aufrichten.

„Heda – Kämmerer – wie war der Name? – Ach ja: Doubal. Also – Doubal. Ich werde jetzt in meine Gemächer gehen – sorge doch bitte dafür, dass da drinnen aufgeräumt wird, wenn die beiden fertig sind – und lass mir morgen zeitig genug mein Frühstück bringen, ich werde ausreiten wollen.“

„Ähm – natürlich, Herr.“

Ich hatte kaum Zeit mich zu verbeugen, da war er auch bereits ins Treppenhaus entschwunden. Nun letztlich doch zurück an meinem Horchposten, glaubte ich meinen Ohren nicht mehr trauen zu können.

„Du willst ihn umbringen? – Wieso?“ Crear klang ebenso ungläubig wie ich geklungen hätte.

„Wie er selber sagte, wird er bald Tereanv sein – würde er sein, wenn er weiter lebt. Und ich wäre dann sein Nachfolger. – Aber ich will nicht warten, bis ich alt und schrumplig bin sondern jetzt schon seine Nachfolge antreten! – Und du – du wirst mir helfen!“

Crear war mittlerweile kühler, überlegter geworden. „Warum sollte ich das tun?“

„Du weißt genau, dass ich keine Kinder bekommen kann. Nach mir würde der Titel dann an irgendwen anders aus der Familie fallen. Wenn du mir aber hilfst, mache ich dich zu meinem Sohn -“

„Aber er ist dein Vater – du willst deinen Vater ermorden?“

„Lass das meine Sorge sein – du hasst ihn doch auch – wir alle hassen ihn. Es wäre besser, würde Ataurass noch leben, aber so -“

Er ließ seinen Satz ausklingen, ohne dass ich verstand, worauf er anspielte. Crear dagegen schwieg, bis Maereth fortfuhr. Seine Stimme klang plötzlich dunkel und traurig.

„Weißt du, Crear – ich würde dich auch so zu meinen Nachfolger ernennen. Wen sonst gibt es denn in dieser Familie schon? Gasmys bringt nur Bastarde und Schwachköpfige zur Welt und Asmyllis könnte man sich niemals unzüchtig genug vorstellen. Da bleibst nur du. – Und, mein Lieber – du bist gefährlich. Zu schlau und zu unberechenbar. Bis heute konnte ich nicht feststellen, was du eigentlich anstrebst – außer meinen Vater zu töten. Also wirst du mir helfen.“

Ich hörte auf einmal einen Stuhl über den Boden schaben und dann Crears wütende Worte. „Aus dir spricht bloß der Wein! – Du bist ebenso erbärmlich wie dein Vater!“

Hastige Fußtritte entfernten sich gen anderes Ende der Halle, gefolgt von einem weiteren scharrenden Stuhl und anderen Schritten.

„Crear – warte doch!“

Und damit ward alles ruhig.

Da ich niemanden mehr fand, den ich mit Shaens Frühstück an meiner statt beauftragen konnte, musste ich mich am nächsten Morgen wirklich selber darum kümmern und trug es sogar noch eigenhändig hinauf in seine Gemächer. Ich richtete alles im Esszimmer her wie es sich gehörte, doch fehlte noch der Herr des Hauses. Auf mein Klopfen hin antwortete niemand, so streckte ich vorsichtig meinen Kopf in sein Schlafzimmer – doch Shaen war nicht da. Verwundert ging ich hinab zur Küche, doch wurde von Caeryss aufgehalten.

„Da bist du ja! – Schnell! – Man braucht dich – Gurass ist tot!“

Einen Moment lang war ich zu erschrocken, dann eilte ich zu den Gemächern des alten Tereanv, um dort bereits alle sich zur Zeit in der Burg befindlichen Familienangehörigen vorzufinden. Gurass war tot – tatsächlich tot – nach all diesen Jahren – und die versammelte Familie trauerte – oder tat zumindest so.

Am selben Tag noch wurde Shaen Gurass Elorm zum neuen Tereanv von Lurut ernannt und in der folgenden Nacht Gurass verbrannt, als hätte man Angst, er könne wieder auferstehen. Etwa eine Woche lang ging dann alles seinen gewohnten Gang. Shaen versuchte sich in allen Amtsgeschäften durchzusetzen. Maereth wurde sein vorbestimmter Nachfolger, derweil Crear den Titel eines Heerführers bekam. Gasmys Shaen, der jüngere Sohn, bekam die Grenzmark zugesprochen, die unter Gurass noch Shaen inne hatte. Das lockte natürlich Gerüchte hervor, was er wohl mit Maereth vorhätte.

Und eines Abends, als ich durch die dunklen Gänge der Burg striff, vernahm ich – wieder einmal unwillig – ein Gespräch. Ich holte gerade ein verstaubtes altes Banner für Shaen aus einer Abstellkammer, da kamen im Gang draußen Gestalten an der Tür vorbei. Klar und deutlich vernahm ich da für einen kurzen Augenblick die Stimme der alten Teule, Frau des Shaen und heimliche Herrscherin der Burg.

„… musst es endlich tun, Maereth! Sei kein Feigling!“

Zunächst dachte ich mir nichts dabei, doch am folgenden Tage bekamen diese Worte eine seltsame Schwere, denn am Morgen war die gesamte Burg erneut in Aufruhr: Shaen war tot! Der Mann, der erst seit wenigen Tagen Tereanv gewesen war – war nun selber nicht mehr.

„Was – was ist geschehen?“ Ich war fassungslos, als ich davon hörte.

Caeryss ging es kaum besser. „Ich weiß es nicht – ich fand ihn heute morgen – tot in seinem Bett – er atmete nicht mehr…“

Sie schien den Tränen nahe, warum auch immer, also drang ich nicht weiter in sie. Andere schienen nicht mehr zu wissen, doch trafen mich als Kämmerer einige drohende Aufgaben, so ging ich zu Teule.

„Mein Mann ist tot und du erwartest von mir Gründe für deine Aufgaben zu erfahren? – Ha! – Du bist ein wirklich guter Kämmerer. Ich weiß nicht, woran er gestorben ist – Schwaches Herz? Falsches Essen? Nicht genug Opfer dargebracht? – aber ich will, dass alles vorbereitet wird. Du weißt, dass Maereth nun neuer Tereanv ist, auch wenn sein Vater es nicht lange war, also bereite die Feierlichkeiten vor. Und heute Abend wird mein Gatte verbrannt, wie es Sitte ist – bis dahin haben die Kräuterfrauen und Heiler Zeit genug zu versuchen herauszufinden, woran er starb.“

Nach dem ‚Gespräch‘ mit Teule fühlte ich mich schlecht. Ich hatte den starken Verdacht, dass sie und Maereth am Tode Shaens zumindest mitverantwortlich waren. Dass Maereth später bei seiner Thronbesteigung Crear zu seinem Nachfolger ernannte, machte die Sache für mich kaum besser. Crear, den ich als unschuldigen Jungen gekannt hatte, gehörte nun ebenso zu den Ränkespielen dieser Familie wie alle anderen. Unter den wenigen noch anwesenden Familienmitgliedern entstand schnell misstrauisches Geraune.

„Der kleine Crear einst Tereanv? Na das wird Frau Asmyllis gefallen, sollte sie je wieder heimkehren.“ Caeryss, die neben mir stand, warf mir nach ihren Worten einen bedeutungsvoll spöttischen Blick zu und machte sich von dannen.

Mich beschlichen ungute Gefühle, wenn ich an die Zukunft dieser Stadt – dieser Familie – dachte. Und es schauderte mich, als ich Teule neben ihrem Sohn stehend lächelnd auf die Versammelten blicken sah.

 

 

III: Gefahr macht das Leben erst süß.

Maereth hatte nicht vor, die kriegerischen Pläne seines Vaters fortzuführen. Jedenfalls gab es keine Hinweise, dass er dies gewollt hätte. Anderes beschäftigte ihn mehr, so die Gerüchte, die ob der zwei so schnell hintereinander erfolgten Tode entstanden. Einige raunten von einer Krankheit, welche die Familie angesteckt hätte, andere gar von einem Fluch der Lasterhaften; wenige wagten zu behaupten, dass zumindest Shaen ermordet worden wäre. Maereth selbst schien dies gar nicht zu bemerken; keine seiner Handlungen beantwortete irgendeines der Gerüchte.

„Nun – Neffe – wie gefällt es dir, zweitwichtigster Mann zu sein?“

Es war bemerkenswert, wie ich manchmal Dinge mitbekam, die ich teils gar nicht hören wollte. Aber diesmal war ich zuständig für die Aufsicht im Thronsaal, derweil gerade außer mir noch Maereth, Crear und ein putzender Diener anwesend waren.

„Nun, es könnte besser sein – ich könnte wichtigster Mann sein.“

Crear sprach ohne leichtzunehmenden Unterton, doch Maereth lachte nichtsdestotrotz. „Ich möchte nachher mit dir den Ostturm besteigen.“

Damit war das Gespräch für diesen Tag beendet.

Zwei Tage später war Aufregung ausgebrochen am Haupttor. Als ich nachsehen wollte, was da geschah, erblickte ich das Tor weit offen, was aber am Tage auch nicht verwunderlich war. Maereth stand dort mit zwei Hauptleuten und vier weiteren Wächtern. Er hatte das Gewand des Tereanv angelegt und stand erwartungsvoll da. Ich war gerade am Brunnen Wasser holen gewesen und verharrte nun beim Tor überrascht, als eine zu Fuß gehende Gesandtschaft kam. Ein Mann – der Kleidung nach offensichtlich ein Adliger – mit seinem Gefolge – einigen Kriegern – trat ehrwürdig unter das Tor.

„Ich grüße euch, Maereth Shaen Elorm, Tereanv von Lurut. Ich bin Louvis, Gesandter des Jaster Junoh Sacaeran, König von Lurut.“

Es war merkwürdig, dass der Gesandte weder seinen vollen Namen noch seine Besuchsgründe verriet, doch Maereth ging nur auf letzteres ein. „Seid gegrüßt Louvis. – Was führt euch zu mir?“

„Den König erreichte die Nachricht, dass Gurass, der frühere Tereanv verstorben sei. Hiermit übersendet Jaster Junoh seine Beileidsbekundigungen. Natürlich waren sie an Shaen Gurass gerichtet, doch hörten wir auf dem Weg hierher auch von seinem Ableben. Der König lässt sein Beileid sicherlich auf diesen Fall auch erweitern. Vermutlich hat euch euer Vater noch eingewiesen, doch soll ich prüfen, ob der neue Tereanv von Lurut – der nun hoffentlich für absehbare Zeit ihr bleiben werdet – dem König ein treuer Diener sein wird.“

Man spürte förmlich die Wut, welche Maereth ob dieser Bevormundung beschlich, doch war er schlau genug sie nicht zu zeigen. „Dann heiße ich euch willkommen in meiner Stadt und Burg, so lange ihr es wünscht.“

Ohne eine Verbeugung zu leisten begann Louvis den Aufstieg in die Burg hinein, an Maereth vorbei, ohne diesen noch weiter Ehre zu zeugen; als Gleicher.

Caeryss bediente an diesem Abend, als im Großen Saal dem Gast zu Ehren ein Essen abgehalten wurde, mit sämtlichen anwesenden Höflingen sowie den Begleitern des Neuankömmlings, derweil ich es nur bereiten durfte. Doch durch Caeryss‘ Erzählungen bin ich in der Lage zu berichten, was sie dort – im Groben – besprachen. Das wichtigste hatte Louvis tatsächlich bereits bei seiner Ankunft erzählt: Der König wollte erfahren, wie der neue Tereanv war – auch wenn er Shaen selbst gekannt hatte, galt dies für Maereth nun umso mehr – und so wichtiges wie Steuern und Abgaben besprechen. Louvis plante bis zum nächsten Königstreffen in Barga bei Maereth in Lurut zu verbleiben; also bis zum nächsten Frühjahr. Caeryss erzählte, wie wenig froh über diese Umstände Maereth war und wie deutlich er dieses auch noch zeigte.

Es schien kein guter Start für die neuen Beziehungen zwischen Lurut und Barga, dass man sich gleich am ersten Abend stritt. Maereth wollte weder bemuttert werden noch zuviel zahlen müssen und auch wenn Louvis ihn sofort beschwichtigte schienen die Gemüter der beiden nicht recht zusammenpassen zu wollen. Natürlich gab Maereth ihnen die Zimmer im Nordflügel, die erstens schlecht gewärmt werden und zweitens unter einigen der größten Aborte lagen. Louvis zeigte sich in den folgenden Tagen und Wochen davon aber kaum getroffen.

Am ersten Festmahlsabend nun lernte der Gesandte auch unseren jungen Crear kennen. Caeryss berichtete, wie herablassend Louvis ihn behandelte, als sei er selbst Herr dieser Burg. Crear aber besaß immerhin mehr Verstand als Maereth und entgegnete dessen Spitzfindigkeiten mit passenden Antworten, die, um sie als beleidigend zu empfinden, man erst einmal verstehen musste. Mehr als einmal konnte Caeryss sich ein Lachen nur knapp verkneifen, doch leider ging es anderen Anwesenden da anders; sie verstanden den Unterton seiner Antworten einfach nicht. So zum Beispiel der alte Faulass, der bereits so lang ich in der Burg gewesen ein treuer Diener des Gurass war. Faulass neigte schon immer dazu jede Äußerung für bare Münze zu nehmen und schien sich daher sehr über den jungen Crear zu wundern. Und Gasmys, der Bruder des Maereth, den man im Allgemeinen für dumm hielt, konnte ihn nur ständig staunend ansehen.

Den Großteil seiner Zeit am Tisch nutzte Crear jedoch um mit der ebenso jungen Begleiterin des Louvis, einer Dame namens Euliste, zu plauschen. Crear gab sich ihr gegenüber höflich und nicht ein bisschen unanständig, wie Caeryss mir zu betonen nicht müde wurde, doch erntete er trotzdem misstrauische Blicke von Louvis, während dieser mit Maereth sprach; über Dinge, die Caeryss leider nicht interessierten, weshalb sie bald nicht mehr am Tische zuhörte.

Wie ich aber noch von anderen hörte, wollte Louvis hier in Lurut nicht bloß die Interessen des Königs bewahren, sondern noch einiges mehr. Ursprünglich war Louvis bereits nach dem Tod des Gurass entsandt worden; der Tod des Shaen ereignete sich erst kurz vor seiner Ankunft. Im Folgenden zeigte er aber verdächtig viel Interesse an den Umständen der beiden Unglücksfälle; mehr, als ihm gewöhnlicherweise zustehen würde. Natürlich war es auch für den König wichtig zu erfahren, sollte etwas nicht den natürlichen Läufen entsprechend geschehen sein, doch hatte Louvis etwas an sich, das den Verdacht nahe legte, er handele vor allem für sich selbst.

„Louvis ist ein Aastier, das nur darauf wartet, dass wir einen Fehler machen!“ Crear mochte Louvis wohl noch am wenigsten, auch wenn er dies ihm selbst nur versteckt zeigte.

„Dann erlaube dir lieber keinen Fehler.“ Langsam war es zur Gewohnheit geworden, dass Crear in meine Kammer kam, um zu zetern.

Bei meinen Worten blieb er stehen und sah mich überrascht an. „Ja. – Ja, du hast Recht. – Ich werde keinen Fehler machen! – Danke!“ Jetzt war es an mir verwundert zu blicken, da sprach er bereits weiter. „Aber jetzt muss ich fort – ich möchte noch jemanden treffen.“

Wer dieser jemand war, erfuhr ich später von der alten Gouma, die strickend am Fenster zum Garten gesessen hatte, als Crear sich dort mit dem Fräulein Euliste traf. – Na gut, ich muss ehrlich sein; auch ich befand mich zu besagtem Augenblicke dort; wollte eigentlich nur mit der guten Gouma über alte Tage sprechen.

„Ach, dein Vater war ein wunderbarer Mann – zu schade, dass du deine Eltern nicht mehr kennenlernen konntest.“

Ich saß bei ihr und blickte nachdenklich auf den Garten hinaus. „Ja, das hätte ich nur zu gerne – aber du warst ein guter Ersatz… – warte, seh‘ ich doch jemanden.“

Und tatsächlich hatte ich da gerade unter uns Crear und Euliste sich auf eine Bank setzen gesehen – doch sie schienen uns wiederum nicht zu bemerken. Auch Gouma sah sie nun.

„Es ist schön bei euch – ich hatte es ganz vergessen.“ Nachdenklich strich Euliste über die Blumen in ihrer Nähe.

„Ach – du warst schon einmal hier? Wann? Ich erinnere mich nicht, dich schon einmal gesehen zu haben – und doch war ich schon immer hier.“ Crear schien ernsthaft interessiert an ihr zu sein.

„Das ist schon lange her – ich lebte mit meiner Familie in der Stadt, doch wir mussten gehen…“

„Das tut mir leid – vielleicht hätten wir uns dann schon früher treffen können…“

Plötzlich beugte sich Gouma zu mir herüber um flüstern zu können. „Wir sollten die beiden nicht so belauschen.“

Ich antwortete nicht.

Unten sprach gerade wieder Crear. „Ich fühle mich dir so seltsam verbunden…“ Er versuchte sich aber nicht ihr zu nähern.

„Wir müssen aufpassen, dass Louvis nichts hiervon erfährt.“ Euliste schien wie Crear zu fühlen.

Seine Antwort verstand ich nicht, da Gouma wieder flüsterte. „Also ich werde gehen – wir sehen uns dann nachher.“ Meine Hand kurz drückend erhob sie sich und verschwand in den Gängen.

Ich wusste, ich sollte es nicht tun, doch blieb ich, um den beiden drunten weiter zuzuhören – aber sie waren verschwunden. Ob es wegen uns gewesen war? Bei unseren üblichen Treffen in den nächsten Wochen erwähnte es Crear aber mit keinem Wort.

Etwa eine Woche später war ich gerade auf meinem Weg in die Vorratslager, die zu überprüfen auch meine Aufgabe war, da kreuzte Caeryss meinen Weg; scheinbar mehr absichtlich denn zufällig.

„Kammerherr Doubal! – Eilzen – wohin des Weges?“ Nachdem ich sie sowohl darüber als auch über meine Absichten dort aufgeklärt hatte, bestand sie darauf mitzukommen. „Vielleicht kann ich dir helfen?“

Das war nicht Caeryss wie ich sie kannte, also ließ ich sie gewähren, hauptsächlich um meine eigene Neugier zu befriedigen.

Kaum waren wir also im Mehllager angelangt, da fragte ich sie. „Was willst du wirklich? – Gibt es neuen Klatsch den du jemandem erzählen musst?“

Sie streckte mir die Zunge raus, also schien ich Recht zu haben. „Du wirst nie erraten, was eben geschehen ist!“

„Nun?“

„Eigentlich wollte ich wirklich etwas Mehl von hier holen, doch der Gesandte – Louvis – kam zur Küche. Du musst wissen, er kam schon mehrmals, um sich etwas zu Essen zu holen – und immer hat er dabei mit mir geredet – mir gesagt wie schön doch mein Haar sei und wie gut das Essen schmeckt – naja, eben fragte er, ob ich nicht mitkommen möchte nach Barga.“

Ich hielt mit dem Zählen der Mehlsäcke sofort inne und blickte sie ernst an.

„Ich hoffe du bist vernünftig genug, nicht darauf hineinzufallen – außerdem scheint ihm das Fräulein Euliste versprochen.“

„Ach, du bist so ein Griesgram, lass mir doch auch mal meinen Spaß – außerdem; auch die Frau Teule scheint sich sehr gut mit ihm zu verstehen. Ich habe sie jetzt schon mehrmals Abends miteinander reden hören.“

„Teule stellt sich mit jedem gut, der ihr einen Vorteil bringen könnte. Sie wollte sogar mich schon einmal auf ihre Seite ziehen, doch ich hoffe, wir konnten uns auf einen Waffenstillstand einigen.“

„Vielleicht werden Teule und Louvis ja das neue Traumpaar der Burg, nachdem Crear kaum auf sie zu hören scheint und sie Maereth nun nicht mehr alleine treffen kann.“

Bei dem Gedanken schauderte es mir. „In dem Fall sollten wir aber sehen, dass wir eine andere Burg für uns finden.“

Caeryss lachte bloß. „Aber nun muss ich los – ich soll dem Fräulein Euliste helfen sich nachher heimlich mit Crear zu treffen.“ Sie lächelte erneut ob meines verwirrten Ausdrucks, blinzelte mir zu und verschwand wieder. Ich blieb allein mit Mehl, Käse, eingelagertem Obst und geräuchertem Fleisch zurück.

Bereits zwei Wochen später war das große Unglück geschehen. Ich kam gerade aus den Gemächern unserer Besucher, die sich über fehlendes Wasser beschwert hatten, da eilte Baggris, der oberste Knecht des Maereth, auf mich zu.

„Herr! – Herr Doubal! – kommt schnell zu meinem Herrn – es ist schrecklich!“ Angst, Aufregung und Atemlosigkeit zeichneten den Mann, dass ich Schlimmes befürchtete.

„Was ist geschehen?“

Doch er antwortete nicht. „Kommt schnell! – man braucht euch!“

Und ich ließ mich von ihm zu den Gemächern des Tereanv führen, wobei er mehr lief als auf mich wartete. Dort angelangt sah ich bereits die Versammlung, die mehr als tausend Worte sprach.

Ausgerechnet Teule sah mich als Erste. „Kammerherr – da seit ihr ja endlich – ich glaube ihr kennt eure Aufgaben – bereitet die entsprechenden Abläufe vor.“

Während ich mich noch fragte wie es diese Frau schaffte dem Tod ihres Sohnes so gleichgültig und kalt gegenüber zu stehen, erreichte auch Louvis den Ort.

„Ich habe es gehört – ist er wirklich tot?“ Crear und Faulass nickten ihm zu; ersterer seltsam unberührt guckend, zweiterer mit traurigem Blick. „Dann übermittelt der König hiermit erneut Beileid und seine Grüße dem neuen Tereanv.“ Er nickte Crear zu. „Doch bevor ihr ihn verbrennt, lasst mich bitte Körper und Gemächer prüfen.“

„Wozu? – Ihr kennt die Totenruhe.“

Crear schien dies nicht zu gefallen – da mischte sich Teule ein. „Er hat Recht – lass ihn gewähren, Enkel – Tereanv.“

Und auch der alte Faulass erhob zitternd seine Stimme. „Glaubt ihr etwa – oh…“

Da sah ich mich gezwungen zu unterbrechen – die Gewöhnung hatte mich wieder im Griff. „Ich werde die Festlichkeiten vorbereiten – sagt mir bitte, wann ihr mit ihm fertig seid.“

Crear war nun der neue Tereanv.

Seine ersten Anweisungen ließen nicht lange auf sich warten. „Jetzt geht – ihr alle – trauert. Wir sehen uns heute Abend. – Louvis, ich werde euch helfen.“

Ich wartete nicht lange um von diesem Ort fortzukommen. Gedankenverloren strollte ich in die Küche, um Caeryss und den anderen Anweisungen zu geben.

Erstere hielt die Verhältnisse in der Burg treffend fest. „Diese Familie stirbt schneller als die Fliegen.“

Ich konnte nur hoffen, dass es mit Crear nicht auch so geschah. Doch sollte sich alles ändern, auch Crear.

 

 

IV: Härte, wenn Härte notwendig ist.

Wieder einmal hatte ich alle Hände voll zu tun, die Ernennungsfeierlichkeiten für einen neuen Tereanv vorzubereiten, der diesmal ausgerechnet unser junger Crear Ataurass sein sollte. Dies als erstes zu vollführen stellte zum Glück kein Problem mit der Sitte dar, war Louvis doch noch nicht mit seinen Untersuchungen fertig geworden. Rechtzeitig zu Beginn der Veranstaltung erschienen Crear und Louvis im Thronsaal; ersterer um auf dem Thron Platz zu nehmen, zweiterer um beizuwohnen. Wie immer waren nur einige Adlige und Diener anwesend und seiner Aufgabe als Hofmeister folgend überreichte der alte Pyn dem jungen Crear den Familienstab, was ihn zum Tereanv von Lurut machte.

Danach hielt Crear seine erste Ansprache. „Wie ihr wisst, bekam ich dieses Amt nur durch unglückliche Umstände. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht noch einmal geschehen kann; die Familie Elorm soll gestärkt und nicht geschwächt werden. Also, Louvis – lasst hören, was ihr zu berichten habt.“

Dieser verharrte an seiner Stelle in der kleinen Menge, doch schienen alle einen Schritt von ihm fortzugehen, als die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wurde. „Danke – ja, ich habe Maereth gründlich untersucht und es steht ohne Zweifel fest, dass er – vergiftet wurde.“

Ein entsetztes Raunen ging durch die Versammelten. – Nun tut doch nicht so unschuldig unwissend! Wollte ich ihnen zurufen, doch hielt ich an mich.

Teule fand als erste wieder Worte – kaum überraschend. „Das ist – das ist – empörend! Wie kann es jemand wagen, einen Angehörigen der Familie Elorm – den Tereanv! – zu vergiften? – Wer war es?“

„Nun – das weiß ich nicht – viele könnten es sein – jeder, der einen Groll gegen ihn hegte oder davon einen Vorteil hätte.“ Ob ich der einzige war, der seinen Blick zu Crear verdächtig – verdächtigend – fand?

Crear zumindest schien nicht darauf einzugehen; machte sich bereit seine ersten Befehle zu geben. „Das bedeutet also, wir müssen die Burg durchsuchen. Möglicherweise ist der Mörder einer von uns. – Errist!“

Der Anführer der Burgtruppen trat vor. „Ja, Herr?“

„Durchsuche jedes Gemach – wenn dich jemand hindern will, lasse ihn verhaften.“ Laute Widersprüche gingen durch den Saal. „Ruhe! – Nun bin ich euer Tereanv – lasst uns wieder ein sicheres Leben herstellen!“

Doch Louvis sprach noch einmal. „Wir sollten noch etwas bedenken – wenn Maereth vergiftet wurde, könnte es bei Shaen auch so gewesen sein – aber wer hätte einen Nutzen davon?“

Crear blieb trotz dieser versteckten Anschuldigung erstaunlich ruhig. „Mir fallen da viele ein; schon allein die halbe Familie. Denkt darüber nach – aber nun geht. – Ihr alle! Die Versammlung ist hiermit aufgelöst. In zwei Stunden wird Maereth auf den Hügeln verbrannt. Bezeugt ihm eure Ehre!“

Damit wurden wir also aufgefordert zu gehen und uns bereit zu machen. Die Ehrbekundigungen für den Verstorbenen waren wie üblich ebenfalls kurz und auf das Nötigste beschränkt, doch kam auch Volk aus der Stadt hinzu. Die ganze Zeit über ging es mir aber nicht aus dem Sinn, wie hart und geübt Crear an all dies herangehen konnte. Und die kommende Zeit ließ ihn nur noch schlimmer werden.

Eines Abends rief er mich in seine Gemächer, da wir uns aufgrund seiner neuen Verantwortungen nur noch schlecht bei mir treffen konnten. Sein Gesicht zeigte mir wie immer alles, was er tagsüber unterdrücken musste; nun mehr denn je zuvor. Ich sah den üblichen Zorn, die Unruhe, diesmal aber auch – Schmerz.

„Crear – geht es dir nicht gut?“

Dieser verzog kurz das Gesicht. „Ach! – Es ist soviel – und soviel Unsinn! – Wusstest du, dass ich immer Kopfschmerzen bekomme, wenn jemand wie Louvis oder Teule auf mich einspricht? Und seit kurzem werden sie immer schlimmer – soviele, die auf mich einsprechen, die etwas wollen – manchmal wünschte ich, sie alle loszuwerden.“

Besorgt sah ich zu, wie sich Erschöpfung in seine Züge schlich und er sich auf ein Sofa setzen musste. „Vielleicht tust du zuviel – vielleicht solltest du dir einige Aufgaben abnehmen lassen.“

Sein Ausdruck wurde spöttisch. „Von dir zum Beispiel?“ Mein Blick dagegen musste nun Schreck verraten haben. „Ach, verzeih mir.“ Und damit wechselte er plötzlich die Gesprächsrichtung. „Weißt du, was man von mir in der Stadt erzählt?“

„Ja, ich habe einiges gehört – im Grunde genommen dasselbe, was man sich über Maereth erzählte, als Shaen starb.“

„Das ist richtig – aber scheinbar ist es schlimmer. Errist sagte mir, man munkelt, ich hätte beide ermordet. Was sagst du dazu?“

„Hmm.. – es ist nicht gut, wenn ein Volk so etwas von seinem Herrscher denkt – du solltest etwas deswegen unternehmen.“

„Ah, seit wann kennst du dich mit den Pflichten eines Herrschers aus? – Etwa ein Buch gelesen? – Aber natürlich hast du Recht, ich muss und werde etwas unternehmen. – Wenn mich doch nur nicht immer diese Kopfschmerzen vom Denken abhalten würden…“

„Soll ich dir die Kräuterfrauen schicken?“

Crear zögerte. „Besser nicht – erst, wenn wir den oder die Verantwortlichen gefunden haben – wer weiß, vielleicht würden die Frauen mich ja vergiften wollen?“

„Gibt es sonst etwas, das ich für dich tun kann?“

„Ja – halte mir Teule und Louvis vom Hals – die beiden brüten etwas aus – ich kann es spüren.“

„Das wird schwer – aber ich seh‘, was ich tun kann.“

Am nächsten Tag erblickte ich Teule mit Crear zusammen im Hofgarten. Ich konnte nicht umhin, sie aus dem Schatten des Bogenganges heraus neugierig zu belauschen. Leider verstand ich nicht alles, was sie besprachen, doch schien Crear ihrer Gegenwart nun gar nicht mehr so überdrüssig zu sein wie noch zuvor. Die Brocken ihres Gespräches, die auch ich verstand, verwirrten mich, ergaben sie für sich allein doch keinen Sinn, aber mehrmals hörte ich die Namen Louvis, Maereth und Baggris. Ich hielt meinen Posten noch für eine Weile – doch ohne Erfolg, dann verabschiedeten sie sich – wie Großmutter und Enkel; nicht wie Feinde.

Am nächsten Morgen ließ Crear eine Handvoll Burgvolk, darunter auch mich, zu sich in den Thronsaal rufen. Herrschaftsvoll zu sitzen verstand er bereits gut, doch Louvis ließ sich immer noch nicht von ihm beeindrucken.

„Warum ruft ihr uns bereits so früh zu euch? Besitzt ihr nicht den Anstand, wenigstens bis nach der Morgenreinigung zu warten?“

„Seid still, Louvis; euer Gastgeber hat wichtiges zu verkünden.“ Errist zur rechten der Thronstufen sowie die üblichen Wachen am Saaleingang waren als einzige bewaffnet.

„Danke, Errist – also Louvis, eure Neugierde soll befriedigt werden. Wie ihr alle wisst, wurde die Burg nach Giften und einem Mörder des Maereth abgesucht – und heute Nacht fand sich ersteres und damit dann auch zweiteres.“

Unter den wenigen Anwesenden entstand Gemurmel.

Wieder einmal hielt Teule es nicht aus. „Nun sag schon – wer war es?“

Crear sah sie an als wollte er noch etwas anderes erwidern, doch wandte er sich schließlich an Errist. „Lass ihn hereinbringen.“

Begleitet von dem leichten Raunen der Zuschauer begab sich Errist zu einer Seitentür des Saales, öffnete diese und gab seine Befehle. Kurz darauf nahm das Raunen einen anderen Ton an, als zwei Wächter von Errist einen weiteren Mann hereinführten, der nicht bedroht wurde oder in Ketten lag, doch sichtlich große Angst hatte – Baggris, der Diener des Maereth, wurde beschuldigt, seinen eigenen Herrn ermordet zu haben. Als er mit seinen Begleitern in der Mitte des Saales stand, zwischen den Zeugen und Crear, erhob dieser seine Stimme.

„Du bist Baggris und warst lange Jahre Diener meines Onkels Maereth – stimmt das?“

Als der Angesprochene antwortete, zitterte seine Stimme. „Ja – Herr.“

„Du warst also über Jahre hinweg der Vertraute meines Onkels…“ Baggris nickte. „…sag mir, warum dann hast du ihn ermordet?“

Die Versammelten blickten teils ungläubig, teils verachtend; Baggris dagegen wie ein in die Enge gedrängtes Tier. „Das habe ich nicht!“

„Und wie kommt es dann, dass du in deinem Zimmer einen Wirkstoff – ein tödliches Gift – das selbe Gift, mit dem Maereth ermordet wurde – lagerst?“

Baggris sah sich erfolglos hilfesuchend um. „Er gab es mir ein paar Wochen vor seinem Tod – ich wusste nicht, was es war – ich schwöre es!“

„Warum sollte dir mein Onkel ein Gift geben – Warum sollte er so dumm gewesen sein, dir in die Hände zu spielen? – Ich frage dich ein letztes Mal: Warum hast du ihn ermordet?“

„Das habe ich nicht!“ Baggris schien verzweifelt.

Crear wurde immer härter, dass mir schauderte. „Nun gut, dann sage ich dir, warum du es getan hast: Vor einem Jahr begegnete Maereth einer Schwester von dir. – Sie gefiel ihm; er ihr jedoch nicht. – Er missachtete alle guten Sitten und nahm sie mit Gewalt, dass sie dabei starb. – So etwas haben auch schon andere Tereanv vor ihm getan. – Du aber schworst Rache an Maereth. – Stimmt das so?“

„Ja, er hat sie getötet! – Doch ich würde niemals…!“

„Ich habe genug Zeugen, die gesehen haben, wie sehr deine Liebe zu meinem Onkel in Hass umschwang. Leider war er nie schlau genug gewesen, dich zu entlassen; wollte dich mit seiner Anwesenheit quälen.“

Im Saal gab es zustimmendes, überraschtes und entsetztes Gemurmel.

Da sprach Louvis. „Jetzt hört endlich auf mit diesem Possenspiel und werft ihn in den Kerker!“

Zwei oder drei Stimmen gaben ihr Einverständnis.

Doch Crear war anderer Meinung. „Nein, es sollen alle sehen, dass man einen Tereanv nicht so behandeln kann – heute Mittag gleich wird er in der Stadt gehängt werden.“

Baggris brach sogleich zusammen. Einige Anwesende waren bestürzt, andere stimmten zu. Ich aber wunderte mich, zu was Crear fähig war.

Nachdem Baggris wieder weggebracht und die Versammlung aufgelöst wurde, sah ich Teule zu Crear gehen. „Ich bin überrascht Enkel – du machst dich.“

Crear sah ihr nicht hinterher, als sie ging – doch Louvis folgte ihr sogleich. Ich überlegte kurz das Wort an Crear zu richten, nach einem Blick auf Errist ließ ich es jedoch sein. Stattdessen nahm ich mir den Nachmittag frei um runter in die Stadt zu gehen, wo sich am Markt dann eine kleine Menge eingefunden hatte, der Hinrichtung des Baggris zuzusehen. Niemand der Anwesenden schien ihn zu kennen; sie alle waren bloß glücklich, ihren Hass auf jemanden lenken zu können, denn obwohl Maereth und Shaen kaum Zeit zum Wirken gehabt hatten, waren die Bürger zumindest bis Gurass der Familie Elorm ergeben gewesen, die der Stadt seit Jahrzehnten steigenden Wohlstand brachte – und nun achteten sie auch Crear, wo doch alle Verdächtigungen ihm gegenüber ihren Grund verloren hatten. Niemand sprach für Baggris; niemand nahm Anteil an seinem Schicksal. Als er auf die Erhöhung gebracht und vorgestellt wurde, entschied ich mich dazu wieder zu gehen, wollte ich doch nicht noch mehr sehen.

Die Gerüchte und Gespräche über Crear ließen aber nicht völlig nach. Nachdem das Volk nun zwar einigermaßen beruhigt worden war, begann der Adel immer mehr zu vermuten, Geschichten zu spinnen. Neu war eigentlich keine davon, doch die Kreise in denen sie umgingen umso einflussreicher. Bald ging dies so weit, dass Crear handeln musste und einen der lautesten Schwätzer zu sich in den Thronsaal rief.

„Werter Paush – leider wurdet ihr uns die letzten Tage vor allem aus euren Reden über uns bekannt – leider deshalb, weil diese Reden nicht angenehm waren.“

„Aber – Herr! – nie hätte ich etwas Schlechtes über euch gesagt!“

„Ah – ein Lügner auch noch? – Aber gut – Paush: Eure Familie ist schon lange an diesem Hof – und hat meinen Vorgängern wohl gute Dienste geleistet… – Wisst ihr, die Dinge, die ihr über uns sagtet, sind natürlich nicht wahr – euch wird nichts geschehen. Im Gegenteil – ich plane, euch für eure langen Dienste gut zu entlohnen.“ Während Paush ihn überrascht und irgendwie auch geschmeichelt ansah, fuhr Crear fort. „Wie ihr sicher wisst, gehören zu unseren Ländereien auch viele der Grenzmarken. Nördlich von Lurut, tief im Branntwald, liegt Chaensist. In den letzten Jahren kamen oft Banditen aus Panmein dorthin. Ich ließ euch bereits als neuen Verwalter eintragen – man erwartet eure Ankunft bis zum Ende der nächsten Woche.“

Paush verließ den Saal hochrot und schien kurz vor dem Bersten zu sein. Seine Abreise erfolgte sehr schnell.

In den folgenden Wochen wurde Crear immer sicherer in dem, was er tat. Zunächst setzte er die Herrschaft über Lurut fort wie gewohnt, doch brachte er nach einer Weile die Pläne des Shaen zur Stärkung Luruts wieder hervor. Paush galt hierbei als erster Wegstein zum Ziel, die Grenze zu sichern. Nach und nach kamen auch vermehrt Gesandte aus anderen Regionen des Landes, allen voran die Nachbarn Luruts, die durch die Stärkung der Grenzen aufgeschreckt worden waren. Im Gegensatz zu Shaen sprach Crear aber nicht offen darüber, die anderen anzugreifen, obwohl alle diese Entscheidung für früher oder später erwarteten – hoffnungsvoll oder ängstlich. Für uns in der Dienerschaft ging das Leben in Lurut aber weiter wie gewohnt, sieht man einmal davon ab, dass der Winter sich näherte.

„Was glaubst du – wird die Herrin Asmyllis je wiederkommen?“ Caeryss hörte in ihrer Tätigkeit Teig zu kneten auf und sah mich an, dass auch ich aufhören musste die Vorratslisten durchzugehen.

„Das weiß niemand – aber wie kommst du da jetzt drauf?“ Eigentlich hatte ich Asmyllis schon fast vergessen; wie eine alte Liebe.

„Vielleicht könnte sie hier wieder Ordnung schaffen – den Herrn Crear wieder zur Vernunft bringen – und wieder mehr von der Familie in die Burg schaffen; nun, da auch Gasmys und seine Söhne weg sind.“

Mit einem Mal hatte sie meine Aufmerksamkeit. „Wie meinst du das – weg?“

Sie sah mich überrascht an. „Sie wurden von Crear an die südliche Grenze gesandt – nach Narattet, soweit ich weiß – müsstest du als Kämmerer das nicht wissen?“

„Ja, das müsste ich wohl.“ Mit gemischten Gefühlen stand ich auf. „Ich werde mit Crear sprechen müssen.“ Eilig verließ ich die Küche, einen seltsamen Zorn verspürend; doch war gleichzeitig erleichtert: Nur weggeschickt, nichts schlimmeres. – Ich fand Crear bei Euliste.

 

 

V: Freunde bringen auch Feinde.

Ich hatte noch nie so eine beeindruckende Stadt gesehen. Aber immerhin befand ich mich damals in diesem Frühjahr auch in der Stadt des Königs, welche man sich immer eindrucksvoll vorstellt. Barga war die älteste Stadt des Landes – und auch die größte. Mit jedem Schritt spürte man das Alter, welches die Steine der Stadt verströmten. Die Bewohner schenkten uns bei unserer Ankunft nur wenig Beachtung, schienen sie doch zu sehr in ihre eigenen Geschäfte verwickelt zu sein und waren Besucher wie uns sicherlich bereits gewohnt – und letztlich dürfte man Louvis und seine Leute in der Stadt sicherlich zur Genüge kennen.

Wir erreichten eine Woche zu früh die Stadt, da wir mit widrigeren Reisebedingungen gerechnet hatten, doch waren die Straßen bereits besser bereisbar als gedacht. Der Geburtstag des Königs stand an und wir waren nicht die ersten Gäste, so wurden wir erst einmal auf Unterkünfte in der Stadt verwiesen, da in der Burg kein Platz mehr war, wollte man nicht bloß auf dem Fußbogen schlafen, derweil Louvis und seine Begleitung – darunter auch das Fräulein Euliste – dem König bereits ihre Aufwartung machen durften. Crear dagegen hatte wie alle angereisten Adligen bis zu den Feierlichkeiten zu warten, bevor er dem König vorstellig werden durfte – und ich, der ich nur als Freund des Crear diese Reise mitmachte, hatte tiefstes Mitgefühl mit dem Kämmerer der Burg von Barga, ständen diesem doch anstrengende Tage bevor.

Mit uns kamen einige der Hofadligen, eine Reihe von Knechten und Mägden unter meinem Befehl und natürlich Errist mit einigen Kämpfern als Leibgarde des Tereanv. Daheim in Lurut durfte Hofmeister Pyn die Burg einmal für einen Mond lang nahezu für sich allein haben; was aber natürlich auch bedeutete, dass er auf die verbliebenen Adligen und Mägde achten musste.

Fast eine Woche verbrachten wir in einem Stadthaus des Königs, untergebracht in einem ganzen Stockwerk des Gebäudes, derweil in jeweils einem der zwei anderen der Tereanv von Thyrm und Somm Orichin, Tereanv von Daminro, unterkamen. Beide waren mit ihren Begleitern bereits vor uns angekommen und eifrig uns zu begrüßen und willkommen zu heißen. – Das alte Spiel begann: Beschnuppern; Stärken und Schwächen ausprobieren und herausfinden; sich mit den Starken gut stellen und versuchen die Schwachen zu unterwerfen. Von den beiden anderen Tereanvs war Somm Orichin eindeutig der stärkere und Thyrm ihnen allen unterlegen.

Nach einer Weile trafen Crear und Orichin sich fast jeden Abend wie wahrhaft Gleichrangige. Sie unterhielten sich vor allem über ihre jeweiligen Landesgeschäfte und die angrenzenden Reiche – über Tarle und Panmein. Zwar hatte unser Sacaluma mit beiden lange keine Zwiste gehabt, doch schien dies den Tereanv auch nur wenig zu gefallen – immer wenn ich zufällig etwas aus den Gesprächen aufschnappte, ging es um Schwächen und Stärken der Reiche, welche Landstriche sie hätten, die für Sacaluma interessant wären und um Kriegsgeschichten aus der Vergangenheit – und das, wo Crear kaum Ausbildung an einer Waffe erhalten hatte.

Ich nutzte die freie Zeit meist lieber – allein oder in Begleitung von Knechten oder Kämpfern die ich mochte – um die Stadt zu erkunden. Ja – sie war eine Stadt wie so viele, doch gab es mehr Geheimnisse zu entdecken und man spürte auch, dass die Barger andere Vorfahren hatten denn die Luruten – oder auch die Daminronen und Thyrmen. Es galt eine fast schon neue Welt für mich zu erkunden, und das tat ich dann auch. Hin und wieder sah ich neue Gesandtschaften eintreffen; meist ein Tereanv oder anderen Herrn einer Stadt oder eines Landstriches samt Begleitung, einer mehr herausgeputzt als der andere, als galt es etwas zu gewinnen, seltener auch Stellvertreter, wo jemand nicht selbst erscheinen konnte – und die Barger selber waren eifrig darum bemüht, auch ihre Stadt so schön wie möglich herzurichten, war des Königs Geburtstag doch für alle ein Fest.

Die angekommenen Gesandten aber waren für den betreffenden Tag in die Burg selbst geladen und durften dazu ihre adlige Begleitung sowie ein paar ausgesuchte Diener mitnehmen. – So kam es, dass an diesem Feiertag auch ich in der Burg zugegen war. Mehrere Veranstaltungen waren für diesen kühlen doch sonnigen Tag geplant worden, doch bevor es dazu kommen konnte, sollten sämtliche Gäste gemeinsam den König – ihren König – begrüßen. Hierzu kam der König Jaster Junoh Sacaeran auf einen Balkon hinaus, von dem er den Hof, auf dem sich alle versammelt hatten, überblicken konnte.

Jaster Junoh war, wie man sich einen König vorstellte, in seinen besten Jahren, die sich jedoch auch schon dem Ende zuneigten, vollbärtig und mit halblangen Locken, beides jedoch schon mit grauen Strähnen versehen. Körper und Geist wiesen Festigkeit und Stärke auf – nur auf Zeichen seiner Macht, wie einer Krone, hatte er verzichtet – doch trug er kunstvolle Festgewänder.

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Auch seine Stimme war fest – und herrschaftsgewohnt. „Willkommen auf der Burg Barga! – Es freut mich zu sehen, wieviele den Weg auf sich nahmen allein meines Geburtstages wegen hier zu erscheinen! – Mein Hofmeister, Tereanv Feart, hat viel für uns heute vorbereitet! – Aber zunächst einmal – lasst uns frühstücken!“

Das mussten wir uns nicht mehrmals sagen lassen. Das Frühstück wirkte mehr wie ein großzügiges Mittagsessen, wogegen wir nichts einzuwenden wussten. Danach war eine kurze Zeit dafür angesetzt, sich kennenzulernen, bevor es hinaus vor die Stadt für ein öffentliches Turnier gehen würde – und darauf sollten noch das Mittagsessen, Schauspieler, Musikanten und Spiele folgen, bevor es dann zum Abendessen mit abschließendem Ball kommen könnte.

Louvis nutzte den Moment, um dem König unseren Crear vorzustellen – welcher wiederum auch mich dazu holte.

„Ah! – Ihr seid also der neue Tereanv von Lurut! – Erfreut an eurer Bekanntschaft! – Und wehe ihr kniet vor mir.“

So blieb Crear dabei sich nur etwas zu verbeugen. „Danke Herr – auch mir ist es eine Ehre.“

„Ich hoffe doch – die Reise verlief gut?“

„Wir hatten keine Probleme.“

„Gut – in einigen Gegenden soll es nämlich wieder vermehrt Räuber geben!“ Dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck zu Wehmut. „Ich kannte euren Großvater – Gurass – und auch dessen Sohn, euren Großvater Shaen – um ersteren ist es wirklich schade – ich war tief bestürzt als ich von dem Verlust hörte.“ Wieder ließ er Crear nicht zu Wort kommen, wandelte sich sein Gesichtsausdruck doch sofort wieder in Freude. „Aber reden wir von den schönen Dingen des Lebens! – Ihr kennt sicher meine Kinder noch nicht – darf ich sie euch vorstellen?“ Ohne zu warten gab er ein Zeichen und aus dem Hintergrund traten wie bestellt ein junger Knabe und ein etwa volljähriges Mädchen. „Das sind mein Sohn und Nachfolger Jerris und seine Schwester Emmistat; Verlobte des Tereanv Fouchal Demaun von Gernin.“

Artig verbeugten sich die Kinder. Man kann wohl von Glück sprechen, dass nur ich die Blicke zwischen Crear und Emmistat bemerkte, hätte es doch sonst zu vielen Unannehmlichkeiten führen können. So aber blieb es mein Geheimnis, wie Crear ein neues Interesse fand.

Jaster Junoh redete dagegen bereits weiter. „Leider kann ich euch meinen Jüngsten nicht vorstellen; er muss gerade schlafen und wird von seiner Amme umsorgt.“ Der König lachte, als hätte er einen guten Scherz gemacht. Dann blickte er wieder traurig. „Was seine Mutter ja nicht mehr tun kann.“

Das hörte ich kaum, da ich bereits überlegte, wie ich Crear nun von diesem mitteilsamen Herrscher befreien könnte, doch mischte sich jemand neues ein.

Ein Mann mittleren Alters mit Spitzbart und kurzgehaltenen Locken stellte sich rechts von uns auf. „Herr – verzeiht. – Meine Schönheit…“ Damit ergriff er die Hand der Emmistat um sie zu küssen.

„Ah! – mein zukünftiger Sohn!“ Der Ankömmling verneigte sich leicht vor ihm. „Sagt – habt ihr euch schon vorgestellt?“ Damit meinte er Crear und den Mann, die beide verneinten. „Tereanv Crear Ataurass Elorm von Lurut – darf ich euch Tereanv Fouchal Demaun von Gernin vorstellen? Oder wie er es lieber hat: Geroux. – Verlobter meiner Tochter, zukünftiger Sohn meines Wesens!“

Die beiden Genannten begrüßten sich mit abschätzenden Blicken, dann sprach Demaun. „Es ist mir eine Freude – ihr seid der neue Herr von Lurut? Nach allem was ich hörte hoffe ich für euch, dass ihr es länger bleiben könnt als eure Vorgänger.“ Wieder konnte man nur von Glück reden, dass der König den Unterton dieser Rede nicht mitbekam.

Kurz darauf dann wurden wir auch bereits entlassen, als es für den König galt, noch mit anderen zu sprechen, bevor die Festlichkeiten fortgesetzt werden würden. Später bei den Schaukämpfen und auch den Schauspielen nach dem Mittag bekam jede Gruppe ihre eigenen Plätze. Crear, der mal wieder über Kopfschmerzen klagte, entsandte mich um durch die Ränge zu gehen und zu lauschen, was man sich so erzählte. Erstaunlich viele unterhielten sich auch tatsächlich über ihn – der etliche Pausen und Ausflüchte nutzte sich mit Euliste zu treffen und auf seinem Platz aber meist nur Augen für Emmistat hatte. Einige Adlige meinten andere, die noch nicht davon gehört hatten, über das Schicksal von Crears Vorgängern unterrichten zu müssen. Immer wenn die Angesprochenen dann vermuteten, dass Crear selber vielleicht seine gewandten Finger mit im Spiel gehabt haben könnte, schilderte man dann den Fund des Giftes bei dem armen Baggris, dem Diener des Maereth und seiner schnellen Hinrichtung. Einige konnten für Crears Handeln wirklich nur noch Zustimmung finden, andere wagten zu bezweifeln, dass Baggris wirklich schuldig gewesen wäre.

„Ich glaube ja, der Tereanv Crear brauchte damals nur dringend einen Schuldigen, um von sich selber abzulenken.“ Rückblickend betrachtet komme ich nicht umhin zu behaupten, dass Fouchal Demaun von Gernin sehr wohl wusste, dass Crear ihn hören würde, als er diese Worte während der Vorführung eines Musikstückes im Hofe der Burg zu Somm Orichin von Daminro sprach.

Und Crear, der immer noch an Kopfschmerzen litt, konnte diesmal nicht an sich halten. Den ganzen Tag schon hatte Demaun versucht Gerüchte über ihn zu verbreiten; dies ging nun zu weit.

„Tereanv Fouchal – ich muss euch leider bitten aufzuhören falsche Reden über mich zu verbreiten. – Danke.“

Doch Demaun lächelte ihn nur höhnisch an. „Ich sage doch überhaupt kein falsches Wort.“

„Tereanv – das ist meine letzte Warnung – hört damit auf.“

„Und wenn ich es nicht tue? Was geschieht dann?“

Ich hatte das Gefühl zwei kleinen Kindern zuzuhören; auch wenn der Ton gehobener war.

„Dann, mein Lieber, wird meine Geduld mit euch zuende sein – und wir sollten das nach den alten Bräuchen klären.“

Nun musste Demaun wahrhaftig grinsen. „So gefällt mir das! – Ist euch nach oder vor dem Abendessen lieber?“

„Auch wenn ihr mir das als Feigheit vorwerfen werdet, nenne ich es Vernunft: Lasst es uns auf morgen Früh verschieben; der König sollte es heute lieber nicht erfahren.“

Zum abendlichen Ball war ich nicht mehr geladen, so erfuhr ich davon nur von Crear selbst. Dieser erzählte mir, wie Demaun weiterhin von seinen kleinlichen Sticheleien nicht ablassen konnte und er versuchte es nicht zu beachten, um ihn dafür am Morgen umso mehr zu strafen. Dies hielt ich für sehr weise. Stattdessen nutzte er seine steten Kopfschmerzen als Vorwand, um sich alsbald vom Ball zurückziehen zu können – es war die einzige Möglichkeit für ihn, sich noch einmal in Ruhe mit Euliste zu treffen. Davon aber verriet er mir nicht viel und als er – seinen Worten nach – zum Ball zurückkehrte war dieser bereits dabei sich aufzulösen.

Früh am Morgen dann half ich ihm, seine Fechtausrüstung anzulegen. „Machst du dir keine Sorgen um Demaun?“

„Warum sollte ich? Wenn nicht heute, dann wird ihn sein Schicksal ein anderes Mal ereilen – und mich ebenso.“

Wenig später – immer noch vor dem Frühstück – trafen die beiden sich, begleitet von Freunden und Dienern, auf einem Feld hinter der Stadt.

„Ihr seid bereit.“

„Ja – ihr auch.“

Es wurden wirklich nicht viele Worte gewechselt, da stürmten sie bereits aufeinander ein. Noch vor seiner Ankunft an diesem Ort hatte Crear von Somm Orichin erfahren, dass Demaun ihn öffentlich als Lügner und Mörder bezeichnet hatte. Es folgte Hieb auf Hieb und auf beiden Seiten wurde Blut vergossen, nachdem sich beide als ungeübte Kämpfer herausstellten.

Es dauerte aber nicht lange, da wurden sie unterbrochen – ein Dutzend Kämpfer des Königs selbst waren erschienen. „Halt! – Im Namen des Königs: Ihr seid hiermit beide verhaftet! – Das Kämpfen ist auf dem Grunde Bargas untersagt! – Wir sollen euch beide, meine Herren, zum König bringen.“

Und so geschah es denn. Die Versammlung wurde aufgelöst; wir sollten unseres Weges gehen, derweil unsere Herren beim König vorstellig wurden. Zwar versuchte ich dem Tross unauffällig zu folgen, doch kam ich nur bis zum Tor der Burg; danach musste ich umkehren. Crear und Demaun wurden noch bis zum König selbst gebracht und sahen nun das erste Mal dessen Thronsaal. Er war – milde gesagt – sehr erzürnt, als er von diesem Treffen zum Kampfe erfahren hatte. Nicht nur, dass so etwas in der Stadt an sich schon verboten war, nein, sie als Adlige hatten damit auch noch ein besonders schlechtes Beispiel für das Volk gegeben. Seine Strafe war kurz aber bestimmt: Beide hatten – zusammen mit ihren Begleitern – umgehend Barga zu verlassen. Täten sie das nicht, müsste man sie ächten und vertreiben.

Selten hatte ich Crear so wütend erlebt wie in diesem Moment, als er uns davon berichtete. Er erzählte nur das Notwendigste, wollte mit niemanden reden und ließ uns sofort packen.

Wenig später waren wir auf dem Weg zurück nach Lurut.

Crear blieb lange Zeit grübelnd und planend allein.

 

 

VI: Nicht alles ist kaufbar: Wer für seine Liebe töten würde…

Ein ganzes Jahr sollte nun vergehen, bevor die großen Unglücke begannen. Nach seiner beschämenden Abreise aus Barga war Crear lange Zeit weniger gut gestimmt.

„Wir kann er es wagen, mich – mich! – einfach so aus der Stadt zu werfen? – Er weiß doch, wer und was ich bin!“

„Nun, du hast gegen geltendes Recht verstoßen…“

Wütend schlug Crear gegen den Schild an meiner Wand – lange würde dieser nicht mehr leben. „Geroux hat das! – Er hat mich dazu getrieben!“

Seit unserer Abreise nannte er den Tereanv von Gernin nur noch bei dem alten Namen dessen Stadt: Geroux statt Gernin. Was das zu bedeuten hatte wusste ich mir nicht zu erklären.

„Was hast du vor?“

„Ach, ich weiß es…“ Plötzlich sackte er in sich zusammen, lehnte sich vorher noch mit dem Rücken an die Wand, bevor er an dieser herabrutschte.

Seine Hände hatte er seitlich an seinen Schädel gepresst; die schmerzverzerrt Fratze erschrak mich zutiefst.

„Crear?“ Hastig sprang ich auf, riss die Tür meines Zimmers auf und schrie um Hilfe.

Später rügte er mich für mein Verhalten; es sollte nicht die ganze Burg wissen, unter welchen Schmerzen er manchmal litt. Die Kräuterfrauen wussten mit ihm sowieso kaum etwas anzufangen, doch waren sie Meisterinnen des Tratsches, weshalb auch bald so alle unterrichtet schienen. Natürlich wurden seine Schmerzen davon auch nicht besser, schienen eher immer schlimmer zu werden. Das Burgvolk ging unterschiedlich damit um. Einige begannen ihn zu meiden, andere meinten es ausnützen zu können und fast alle tuschelten heimlich über ihn.

„Wenn ihr mir diese Bemerkung gestattet; der junge Tereanv scheint wahnsinnig zu werden.“ Der alte Faulass sprach dies wie beiläufig, als ich eigentlich mit ihm und zwei anderen Hofadligen die Vorbereitung zu Crears Geburtstagsfeierlichkeiten besprechen wollte.

„Was?“ Die Bemerkung hatte offensichtlich nicht viel mit Wildbret zu tun, weshalb ich zunächst nicht wusste, was er meinte.

„Wie kommt ihr da jetzt drauf?“

„Ich habe schon länger darüber nachgedacht. Ist euch nie dieser Blick aufgefallen, den er manchmal hat? Und gestern hat er die alte Gouma in den Schlamm gestoßen, als sie ihn bei einem seiner Anfälle im Weg stand…“

Da krachte auf einmal etwas. Überrascht wendete ich mich und sah Crear in den Raum mit geschwinden Schritten eilen, in der Hand einen Holzscheit schwingend – nein; ich erkannte: Es handelte sich um ein Stuhlbein; den Rest des Stuhles hatte er an dem Durchgang zum Raum zerschmettert.

„So also sprecht ihr über euren Herrn?“

Schneller als wir handeln konnten hatte er bereits Faulass erreicht und schlug dem Alten mit dem Stuhlbein über den Schädel. Während Faulass blutend in die Knie ging, konnten wir anderen Drei einschreiten. Wir hielten Crear und das Bein mit Mühe davon ab, tödliche Schläge zu verteilen, bis Crear irgendwann plötzlich bewusstlos zusammenbrach.

Später erinnerte er sich an nichts von dem Geschehenen mehr; zu unserem Glück, hatten wir doch immerhin unsere Hände gegen unseren Herrn erhoben. Niemand von uns wagte es ihm zu erzählen, waren wir doch zu tief erschüttert; Faulass verließ eines Tages schweigend die Burg und kehrte auf den Gutsbesitz seiner Familie zurück.

„Warum verlässt uns Faulass denn?“ Crear stand auf dem Balkon über der Eingangshalle und sah der Kutsche des Adligen verwundert nach, wie sie schwer bepackt den Hof verließ.

Mir war es unangenehm zu antworten. „Er meint, eine Zeit draußen auf seinem Anwesen würde ihm gut tun.“

Schweigend nickte Crear, bis er dann das Gespräch auf anderes lenkte. „Wir können sein Zimmer vermutlich auch gut gebrauchen – ich erwarte Gäste aus dem Reich – und du solltest dich fortan auch nicht wundern, wenn Besucher aus anderen Ländern dabei sind. Lurut sollte sich nicht mehr einzeln in Sacaluma verstecken, findest du nicht auch?“

Ehrlich gesagt wusste ich nichts darauf zu antworten: Ich leitete vielleicht eine Burg, aber nicht einen ganzen Landstrich.

„Gut, dann werde ich… Crear?“

Ohne Vorwarnung waren Tränen auf sein Gesicht getreten. „Ich vermisse sie…“

„Was? – Wen?“

„Sie alle… die nicht mehr sind… Euliste, die in Barga bei Louvis ist… meinen Vater, der nicht mehr unter uns ist… meine Mutter, die ich nie gekannt habe… Asmyllis, die schon solange verschwunden ist…“ Seine Stimme verschwand unter Schluchzen.

„Crear…“ Nicht recht wissen, was ich tun soll, legte ich ihm eine Hand auf die Schulter.

Plötzlich warf er sich in meine Arme. „Ich vermisse sie!“

Wen genau er nun meinte vermag ich aber nicht zu sagen, doch auf einmal war er wieder der verängstigte Junge von damals.

Einige Zeit darauf – es war schon wieder Sommer – kamen vermehrt seltsame Gestalten zu Besuch auf die Burg. Männer, die ich nie zuvor gesehen hatte, kamen und gingen, blieben einige Tagen und waren dann wieder verschwunden. Männer aus verrufenen Gegenden waren sie: Luftig gewandete Geschäftsleute aus der Tolum, schmierig düstere Geldsäcke aus Icran und andere, die ich nicht erkannte. Jeder stank förmlich danach, sich für Geld zu verkaufen und keiner hätte je mein Vertrauen erringen können.

„Diese Männer, die da immer zum Tereanv kommen – sie gefallen mir nicht.“ Caeryss sah Gouma an, die bedrückt nickte.

„Einer dieser Kerle hat sogar schon versucht mich in sein Bett zu bekommen – mich alte Vettel! Ha!“

„Du bist nicht alt.“Doch sie schien meinen Einspruch gar nicht zu hören.

„Manchmal frage ich mich wirklich, was aus meinem kleinen Jungen Crear geworden ist.

„Hmpf! -Ja, er verhält sich immer sonderbarer. Mal ist er ganz der Alte; mal ein fieses Monster, das seine Diener schlägt und manchmal auch ein windiger Geschäftsmann, wenn er sich mit diesen Gestalten trifft.“ Caeryss wollte schon fröhlich weiterschnattern, da erschien Hofmeister Pyn am Gartentor.

Er war außer Atem. „Herr Doubal! Endlich finde ich euch! – Bitte kommt doch mit – der Tereanv brach vor einer Stunde zusammen und ist seitdem nicht wieder erwacht – kommt bitte schnell!“

Ich wechselte mit Gouma und Caeryss noch besorgte Blicke, dann folgte ich ihm den langen Weg hinauf zu Crears Gemächern.

Wie sich noch zeigen sollte, blieb dies nicht das einzige Mal, dass Crear unter Schmerzen zusammenbrach. Meist jedoch konnte er die drohende Gefahr zukünftig rechtzeitig erkennen und sich zurückziehen, was natürlich für Geschäfte nicht sehr förderlich war. Die Kräuterfrauen konnten ihm nicht helfen; sie alle wussten sich gegen Crears Leiden nicht recht zu helfen. Sehr zu meinem Missfallen brachte Teule ihm eine Mischung, die gegen seine Schmerzen helfen sollte, sofern er immer ein paar Tropfen nähme. Zwar schienen sie ihm wirklich ein wenig zu helfen, doch vor allem eher schrecklich stark an Teule zu binden, was er dieses Mal nicht bemerkte. Nur ich schien noch auf ihn aufpassen zu wollen, wenngleich ich es nicht wagte, ihm meine Befürchtungen selbst zu sagen – lieber hielt ich mich bedeckt und beobachtete alles aus Verstecken heraus.

So auch an einem Tag, als Teule ihren Großenkel im alten Kartenraum antraf – und ich ‚zufällig‘ draußen vor dem Fenster war. Ich hatte nicht gewusst, was Crear dort suchte, doch war er schon seit etwas mehr als einer Stunde dort drinnen am herumwühlen – und lange hätte ich nicht mehr ausharren können.

„Ah, Crear! Was machst du denn hier?“ Schrecklich süß klang ihre Stimme.

„Dasselbe könnte ich dich fragen – aber wozu schon? Ich suche Karten – von der Burg, der Stadt, dem Land, dem Reich… – ich muss wissen, was wo liegt – und auch, wem was gehört.“

Plötzlich erschien Teules Stimme nah am Fenster; nah bei mir. „Da könnte ich dir doch helfen – lass mal sehen.“ Etwas raschelte. „Du musst wissen, wer dem Reich Lurut etwas schuldig ist – wer ihm treu ist – und wer schon immer unser Feind war.“

„Ich habe es mir bereits mit Gernin und Barga verscherzt – nächste Woche kommt Tereanv Somm Orichin von Daminro zu Besuch – er könnte mein stärkster Verbündeter werden.“

„Mit dem Osten kamen die Herren von Lurut noch nie zurecht – aber Crear, mein Liebling – niemals darfst du dir den König zum Feind machen – es sei denn, du kannst siegen.“

„Um den König mache ich mir zur Zeit weniger Sorgen – um ihn werde ich mich im Frühjahr kümmern.“

„Dann hoffe ich, dass du weißt was du tust – soll ich dir noch einiges über die anderen Adligen und ihre Ländereien erzählen?“

„Natürlich – Danke Großmutter.“

Mir liefen Schauer über den Rücken die beiden so vertraut reden zu hören, doch konnte ich auch nicht aufhören sie zu belauschen, musste stetig weiter zuhören. So erfuhr ich allerlei über Adel und Ländereien, die auf Karten gezeigt wurden welche ich nicht sah und von denen ich teilweise noch nie gehört hatte. Irgendwann wurde ich dem doch noch überdrüssig und verschwand schwirrenden Kopfes von diesem Ort.

Im späten Herbst dann geschah etwas, das uns allein das Fürchten lehrte. Die Früchte auf den Feldern hatten gerade ihre Reife erlangt und waren alle eingesammelt worden. Wie es Sitte war, ging daher der zehnte Teil in die Speicher der Burg, unter meine Obhut. Wir alle hätten uns nur zu gerne in dem Obst gesuhlt doch war es uns verboten uns mehr als den täglichen Anteil zu nehmen, der von Pyn verteilt wurde. Einer seiner helfenden Knechte aber nun wurde eines Abends dabei ertappt, wie er einen ganzen Arm voll mit sich nehmen wollte. Leider war Pyn so unvorsichtig, Crear davon zu erzählen.

„Er hat was getan? – schafft ihn mir sofort herbei!“

Wie befohlen sandte Errist zwei seiner Krieger aus, die bald mit dem Knaben zurückkehrten. Ängstlich stand dieser dann vor Crear, der auf seinem Thron saß.

„Du hast Obst gestohlen – stimmt das?“ Crears Stimme war hart und verlangend, so dass selbst ich Angst bekam.

„Herr – meine Familie -“

„Was schert mich deine Familie? – Hast du oder hast du nicht?“

„Herr – ja, Herr, aber nur um…“

„Errist! – Dieser Knecht wird das nächste Jahr im Kerker bei Wasser und Brot verbringen! – So muss er wenigstens nichts stehlen – Und danach darf er sich sein Obst wieder kaufen, wie alle in der Stadt.“

Wir alle – außer vielleicht Errist – waren bestürzt über dieses Urteil. Auspeitschen wäre noch die schlimmste Strafe gewesen, die man früher dafür verwendet hätte.

Pyn war aber der Einzige, der es wagte darauf hinzuweisen, während die Krieger den nun weinenden Knaben fortschafften. „Herr – meint ihr nicht, dass das zu hart ist?“

„Pyn – wer von uns beiden ist hier der Tereanv? Willst du mich anzweifeln? Auf meinem Thron sitzen?“

Crear hatte ruhig gesprochen, doch Pyn erbleichte. „N-nein – Herr! – Ihr seid der Tereanv!“

„Dann ist gut.“

Pyn verbeugte sich und machte sich eilends daran, den Saal zu verlassen.

Den Winter über waren einige Fremde bei uns ‚zur Überwinterung‘; vielerlei rauflustig wirkende Gestalten, denen die Anständigeren unter uns nur zu gerne aus dem Weg gingen. Ein oder zwei von ihnen waren schon früher dagewesen, so zum Beispiel dieser Tolume namens Chastred mit seiner Gruppe Krieger. Ich war bei weitem nicht der Einzige, der Böses fürchtete .

„Was meinst du, wofür braucht er all diese Krieger?“ Caeryss hatte bereits mehrfach unter ihren Übergriffen leiden müssen; an diesem Tag saß sie mit Gouma und mir zusammen zum Frühstück in der Küche – die anderen Mägde waren gerade aus, den hohen Herren und Damen ihre Anteile zu bringen,

„Das letzte Mal als ich soviele fremde Krieger in der Burg gesehen habe, hatte Tereanv Gurass ein Turnier veranstaltet.“ Gouma schien immer häufiger in Erinnerungen zu schwelgen – oft fragte ich mich, was das wohl zu bedeuten hatte.

„Ich glaube kaum, dass er mit diesen…“ Vorsichtig sah ich mich um, mich zu vergewissern, dass nicht der falsche lauschen würde, und sprach danach trotzdem nur leise. „Ich glaube kaum, dass er mit diesen – Banditen ein Turnier veranstalten will.“

Caeryss sah mich erschrocken an. „Glaubst du wirklich, dass es Banditen sind? Einer von Errists Männern meinte, er glaubt, es seien Söldner.“

Ich konnte nur mit den Augen rollen. „Natürlich sind es Söldner – und Banditen – je nachdem, was ihnen gerade mehr einbringt. Wo ist der Unterschied? – Die Frage ist aber immer noch, was sie hier wollen; und ich befürchte schlimmes.“

„Was könnte jemand mit Söldnern schon wollen?“ Entwickelte sich Gouma plötzlich zur Kriegskennerin?

„Jemanden angreifen?“ Manchmal erschien Caeryss so schrecklich unschuldig, dass es fast schon erfrischend war.

„Aber wen wohl?“ Gemütlich rührte Gouma in ihrem Brei herum.

„Da befürchte ich so einiges. In letzter Zeit hatte Crear oft Besuch von Adligen, die größeren Landbesitz haben – und mit einigen davon verstand er sich nicht – die könnten gute Ziele für ihn sein – oder die Umgebung von Lurut; seinen eigenen Machtbereich vergrößern – und dann ist da noch Barga und alles was darinnen ist.“

„Den König angreifen?“ Es schoss förmlich aus Caeryss hervor, dass sie sich danach erstmal erschrocken umblickte.

Gouma aber interessierte anderes. „Was gibt es dort denn?“

Ihren Blicken nach zu urteilen sprach ich folgendes mit düsterer Miene. „Den König – seinen Gegner Louvis – die Macht des Reiches – seine Ehre – und schon so mancher Mann war bereit für seine Liebe zu töten.“

„Ach, seine Liebe!“ Gouma kichern zu hören erschrak mich fast schon mehr als die Umstände in der Burg.

Den gesamten folgenden Winter waren wir eingepfercht mit fremden Männern, die sich an Lautstärke und Rüpelhaftigkeit allesamt gegenseitig zu überbieten schienen. Und bald käme der Frühling – doch vorher entsandte Crear Boten an den König, dass er sich würde entschuldigen wollen – und wurde so für den nächsten Geburtstag wieder eingeladen.

 

 

2. Buch

 

VII: Die ersten Schritte…

Die nächsten folgenschweren Ereignisse erlebte ich selber nicht mit, hörte von ihnen nur aus der Ferne, daheim in Lurut. Es war Frühjahr geworden und Crear mit seiner Leibgarde um Errist abgereist; die fremden Männer hatten sich bereits früher verabschiedet. Ich fühlte mich zurückgesetzt, da er mich nicht hatte mitnehmen wollen, doch verstand ich später, dass es wohl zu meinem Schutz geschah. Vor einiger Zeit fand ich einen von ihm selbst verfasstem Bericht.

Wir verließen Lurut am Achten des Mondes. Narattet und die Ländereien zahlreicher anderer Besitzer, derer einige uns bald folgten, durchreisten wir. In Meadrish vereinigten wir uns mit Somm Orichin von Daminro und überquerten den Haregez; die Brücke von Meadrish ist wahrlich ein Wunder: Bei ihrer Überschreitung sahen meinereiner in den Fluss hinab und erblickte dort ein Spiegelbild und wie die Fische dessen Kopf umkreisten. Sie bildeten die Königskrone und verhießen uns gut Glück bei unserem Vorhaben.

Auf der anderen Seite des Flusses erwiesen sich die Verbündeten als spärlicher; die Macht von Barga als stärker. Aber das konnten wir ja bereits im vergangen Jahr erfahren und so wunderte es wenig. Die Freunde aus der Tolum, Icran und Saldān unerkannt durch das Land reisen zu erlassen war schwer, doch in Hafrond erwartete mich Nachricht, dass sie es erfolgreich nach Cahmind geschafft hatten – zumindest die Icraner; alle anderen an einem Ort zusammen warten lassen wäre tölpelhaft gewesen, hätten sie doch selbst Mächte an sich reißen können. So aber zerstreuten sie sich an wichtigen Orten des Landes; des Feindes; auf dass sie mir später nützlich sein würden.

Fünf Tage vor Jaster Junohs Geburtstag erreichten wir Barga. Es muss beeindruckend gewesen sein, unseren Trupp Getreue durch die Stadttore eintreffen zu sehen und wir gaben uns auch alle Mühe, als zukünftiger Herr erkannt zu werden. Wieder einmal speiste Jaster Junoh uns mit Zimmern in drittklassigen Herbergen und Stadthäusern ab, doch sollte es damit bald vorbei sein. Ich bestand darauf mit Somm Orichin, meinem größten Diener, im selben Haus untergebracht zu werden; wie schon damals ein Jahr zuvor. Zu meinem großen Verdruss war in diesem Haus aber auch das Lager des unehrenwerten Mannes aus Gernin, der mich einst so schmählich beleidigt hatte. Jaster Junoh – oder sein Gehilfe Tereanv Feart – war weniger dumm als ich vermutet hätte; in jeder Gaststube, jedem Haus, waren jeweils Freund und Feind meinereiner vermischt.

Dies machte es für uns schwer uns später allein zu treffen um die Geschehnisse der nächsten Tage zu planen. Doch letztlich kamen wir überein uns von Jaster Junoh einen Jagdausflug in das nahe Hochland zu erbitten. Die Erlaubnis machte es einfach, für unsereins Ruhe zu haben. Wichtiger aber noch war, dass uns die Boten aus Cahmind und dem Hochland nun besser erreichen konnten. Alles verlief nach Plan, so sahen wir guter Dinge die kommenden Tage der Erleuchtung nahen.

Zu seinem Geburtstag lud Jaster Junoh Sacaeran wieder in seine Burg. Tereanv Feart hatte sich schon das Jahr zuvor nicht gerade hervorgetan mit seiner damaligen Planung des Tages und diesmal wurde es kaum besser. Nach der üblichen Begrüßung gab es das ebenso übliche Frühstück – und endlich sah ich sie wieder. Sie war nicht zusammen mit dem Kerl von Gernin gekommen; schien schon länger bei ihrem Vater zu sein: Emmistat. Oh welch größere Schönheit könnte es in diesen Landen geben, wenn nicht sie und meinereiner? Beide von höchstem Geblüt, würden wir wahre Herrscher zeugen. Doch zunächst müssten die Hindernisse überwinden werden, die sich uns so in den Weg stellten: den Mann von Gernin sowie ihren Vater. Immer wieder war der Blick auf sie gefallen, kaum auf Essen oder das Tischgevolk, welches mit ihrem Geplapper, Geschmatze und Gerülpse schon lange jegliche Geduld überstrapaziert hatte. Als das Fraßgelage endlich vorüber war, gab es freie Zeit für uns zu verbringen.

Da der Tag nur noch wenig jung und es für uns noch viel zu tun gäbe, wollte ich nicht länger warten und bestand darauf, den König sprechen zu dürfen. Jaster Junoh tat herzlich und väterlich, sprach vom letzten Jahr, welch Toren meinereiner und Gernin doch gewesen, dass dies nun aber vorbei und wir wieder vernünftig geworden seien, worüber er mehr als glücklich wäre. Die ganze Zeit über konnte man aber nicht umhin sich zu fragen, wie ein solch dummer, die Wahrheit nicht erkennender König es geschafft hatte, so lange in seinem Amt zu verbleiben; sich so lange auf seinem Thron zu halten, hatte er doch nicht einmal Macht über uns.

Harmlos fing ich an ihm dies vorzuhalten. Zunächst brachte ich das Gespräch auf unsren seligen Vater und fragte Jaster Junoh, warum seine Macht nicht dessen Tod hätte verhindern können; wie er als König es zulassen konnte, dass seine Untertanen sich mordeten. Dies war das Zeichen für den sich in Hörweite befindlichen Demaun von Gernin mit in das Spiel einzusteigen, doch leider verwehrte dieser sich; sah uns bloß misstrauisch an. Jaster Junoh dagegen war zutiefst verblüfft und fragte, was meinereiner mit seinen Äußerungen meine. Man erklärte ihm frei heraus, dass seine Herrschaft und Macht am Ende seien und fragte, was er dagegen zu tun gedachte. Da er immer noch nicht verstand, sprach man von seiner Tochter, lobte ihre Schönheit und Gewandtheit. Er schien zwischen Erstaunen und Geschmeicheltheit zu wechseln, bis festzustellen war, dass eine solche Frau nicht an ein Aas wie den von Gernin zu verschachern sei sondern einem wahren Mann mit Zukunft zugehöre: meinereiner. Endlich schien Jaster Junoh wütend zu werden und auch Gernin versuchte mir Einhalt zu gebieten, doch versagte natürlich wie bei allem. Letztlich sprach man ihn noch auf Tarle an, unseren alten Feind, und warum sich seine Herrschaft dem immer weiter annähere. Bald warf man ihm Verrat und Zusammenarbeit mit dem Feind vor, bis ihm endlich die Geduld ausging.

Wütend verlangte er den Rauswurf – die Verhaftung – doch schon waren die Getreuen Luruts, derer der Saal fast die Hälfte zählte, zur Stelle. Mit Waffengewalt erzwangen wir uns selber einen Weg an die Freiheit, bei dem der Blick aber nicht von der schönen Emmistat gelassen werden konnte – doch dann, was war das, was erblickte man da? Auch Euliste, die kluge Geliebte, war in diesem Saal auf einmal zugegen. Es dauerte lang, bis ihr Blick gedeutet werden konnte.

Mittags waren wir unbehelligt zurück nach Cahmind gelangt. Die waffenschwingenden Kriegshunde der Tolum erwarteten uns bereits; freudig, in die Schlacht ziehen zu dürfen – für Lurut und sein Geld zu sterben. Es waren Söldner; sie nahmen viel Geld für ihre Taten; Trauer um sie wäre verschwendet gewesen. Zwei Ziele hatten wir uns erkoren, die zu erreichen wir nun auszogen. Das zweite war die Vernichtung der Macht Gernins – oder zumindest der Versuch sie an einer Hilfeleistung zu hindern – was die Männer aus Icran zusammen mit dem etwa einen halben Dutzend edler Leute unsrer Gesinnung aus Sacalumas Nordosten erledigen sollten. Als Hauptziel aber galt uns die Vernichtung von Jaster Junoh Sacaeran, seiner Macht und allem was ihn ausmachte.

Die Saldānen, welche östlich von Barga lagerten, hatten sich bereits mit dem Morgengrauen in Bewegung gesetzt; unsere Hauptmacht aus Cahmind folgte nun diesem Beispiel. Leider, so muss man wohl sagen, waren Aufregung und Anstrengung zuviel für meinereiner. An diesem Tag schien die Sonne mit aller Macht, unseren Marsch zu erleuchten, doch stach sie zu stark in die Augen. Die Schmerzen waren das erste Zeichen, dann folgte es: Die Götter gaben Zeichen, dass unser Zug erfolgreich sein würde; ihre Farben legten sich über den zu schreitenden Weg. Sie sprachen und wie immer gab es einen Preis zu zahlen. Die Schmerzen wurden allsbald so stark, dass man sich kaum noch aufrecht halten konnte. All der Lärm – Tritte, Kriegsmaschinen und Geheul – bohrte sich in das Hirn. Errist war diese Anfälle bereits gut gewöhnt und so wusste er, was zu tun sei; wie er den Zustand seines Herrn vor den anderen verschleiern und in seinem Namen handeln konnte.

Als wir Barga erreichten, wie es dort an den Hängen über dem Fluss lag, waren die Saldānen schon vor Ort. Ihr Anführer unterrichtete uns, wie sie etwa eine Stunde nach unserem Aufbruch die Stadt erreicht und angegriffen hatten. Niemals hätte Barga einen so plötzlichen Angriff, schon gar nicht an diesem Tage, erwartet, doch befanden sich genug Krieger von Jaster Junoh und seiner Getreuen in der Stadt, um trotz Überraschung handeln zu können. In verzweifelter Schnelligkeit hatten sie die Tore der Stadt verschlossen, doch die Saldānen, Meister der Kriegsmaschinen, nahmen sie sogleich unter Beschuss.

Unsere Tolumen waren vorwiegend berittene Bogenschützen und unterstützten das allgemeine Feuer wo es nur ging, derweil die Krieger von Lurut bei der Belagerung halfen. Barga war nur eine Stadt; keine Festung wie die Siedlungen in Tarle; niemals hätte sie dem lange standhalten können. Doch war es auch verwunderlich, wieviele Getreue Jaster Junoh in seinem Land noch besaß, die von der Belagerung – und oftmals gleichzeitig auch von ihren eingeschlossenen Herren – erfahren hatten und verzweifelte Angriffe gegen unsere Flanken führten, als gäbe es eine wahrhafte Wahrscheinlichkeit ihres Sieges gegen unsere Stärke. Manch wenige von ihnen erkannten die Aussichtslosigkeit ihrer Lage besser und schlossen sich uns so schon in den ersten Stunden des Krieges an. Andere aber brandeten in unsere Speere und Pfeile und kehrten nie wieder heim.

Nach vier Tagen Belagerung schien das Ende des Feindes näher, doch immer noch gab sich Barga nicht geschlagen. In ihren Mauern und Türmen zeigten sich Risse und Kluften, an einigen Stellen der Stadt war kurzzeitig Feuer ausgebrochen, doch wieder gelöscht worden und die Toten des Schlachtfeldes zu zählen lohnte kaum noch. Wir erwarteten das Zeichen ihrer Aufgabe, ihres Eingeständnisses zur Niederlage – und wir hätten sie verschont. So aber wurde es zuviel; dauerte zu lang – in der Stadt läge dann noch die Burg zur Eroberung vor uns. So traf meinereiner mit den tolumischen Helfern zusammen, welche für solche Fälle besonders fähige Männer anzubieten wussten. Wir lernten diese Männer kennen, die nicht einmal ein Dutzend Kopf zählten, doch lange Erfahrung und vor allem niemals Gewissensbisse aufweisen konnten. Und wir willigten in ihre Benutzung ein.

In der Nacht zum fünften Tage schlüpften sie in ihre dunklen Anzüge. Es war eine der seltenen mondlosen Nächte; wieder waren uns die Götter willfährig. Auf den Stadtmauern versuchten die Wachen das Land zu erleuchten indem sie Fackeln so gut es ging aus ihren Schießscharten vor die Mauern herabließen, doch benachteiligte dies sie mehr als es half: Von dem Schein geblendet konnten ihre Augen niemals das erkennen, was am Rande des Lichtscheins geschah. Wieder einmal wurde offensichtlich, wie das Licht für meinereiner arbeitete und werkelte, wie es mich baden wollte auf dem Weg zum Ruhm. Jenseitigen Wesen gleich vermochten die Tolumen außerhalb der Sicht unserer Gegner zu verbleiben. Mit Wurfankern bewehrt, die man hierzulande kaum kannte, erklommen sie die Mauern der Stadt ohne auch nur einen der ihren in einem Feindfeuer zu verlieren, waren die Wächter doch nicht auf sie vorbereitet und verpassten so ihren Einstieg. Heimlich machten sich die Tolumen auf der Mauer daran zum nächstgelegenen Torhaus zu gelangen.

Wir, die wir gespannt waren wie es voran ging und alles aus der Ferne beobachteten, sahen von ihrem Tun doch nichts. Schon zu diesem Zeitpunkt von dieser guten Ausgabe für die Männer beglückt bereitete meinereiner alsbald über Errist seine Truppen vor. Sobald das Tor offenstand, würde Barga eine Blutnacht erleben.

Auf einmal sahen wir in der Ferne aus Mörderlöchern der Mauern fallend Körper rauschen und lautlos vor der Mauer aufschlagen. In plötzlicher Aufregung vermochten wir nicht zu sagen, wer sie waren, doch war ich zuversichtlich, dass alles gut werden würde. Und tatsächlich gab es keinen Lärm, kein Geschrei, keine Warnrufe auf der Mauer; es konnten also nur Barger gewesen sein. Immer wieder stürzten im Folgenden weitere Körper von den Wehrgängen; die Tolumen kamen gut voran. Es dauerte nicht mehr lange, da hatten sie das große und mächtige Tor an der Westseite der Stadt erreicht. Mehrere von ihnen hatten bis hierhin überleben müssen, würde doch nun alles schnell gehen.

Während eine Handvoll von ihnen sich den Weg in das Torhaus erkämpfte, um dann das Gitter hinauf zu ziehen, musste der Rest hinab auf die Straße, jegliche Gegenwehr dort bereits beseitigen und dann das schwere Tor mit all seinen Beschlägen, Schlössern, Balken und Nieten aufzustemmen und diese Arbeit gleichzeitig gegen nachrückende weitere Verteidiger beschützen. Diese Männer wussten, wie hoch die Möglichkeit ihres Todes war, doch lockte ihnen dafür gutes Geld – und die ewige Dankbarkeit meinerseits.

Derweil diese herausragenden Männer sich am Tor versuchten, mussten wir vor den Mauern zurückgebliebenen bereits ausrücken, um ihnen rechtzeitig zu Hilfe kommen und die Stadt brechen zu können. Alles hing voneinander, von den jeweiligen Erfolgen ab, und wäre auch nur ein Glied dieser Kette gescheitert, hätten spätere Zeiten meine Herrlichkeit bezweifeln müssen.

Aber die Götter waren bei uns – und im Nebel des lockenden dämmernden Tages stürmten wir siegesschreiend und waffenschwingend in die Stadt. Für ihre Treue zum König sollte niemand begnadigt werden.

 

 

VIII: …ins Licht

In die Stadt Barga eingedrungen erwartete uns weiterer Widerstand von königstreuen Truppen, die aus ihrer kleinen Burg unweit des Haupttores auf uns einstürmten; uns, ihren zukünftigen Herrscher, die sie wie einen Feind betrachteten und dafür zahlen mussten. Einer nach dem anderen dieser wilden verzweifelten Männer von Barga fiel aus den Straßen und Gassen über uns her um in die Spieße und Schwerter unsrer Männer zu fallen. Es waren blutige, doch auch kurze Schlachten, die sich dort die verlangsamten Reiter der Tolumen mitsamt der Saldānen gegen die Barger lieferten, und meinereiner dort mitten darinnen, wenngleich Errist und seine Krieger nicht einen der Feinde hindurch ließen.

Es erstaunte meinereiner, wie derart viele der Barger noch Widerstand zu leisten bereit waren, hätten sie sich nach geltendem Recht doch bloß ergeben müssen, um Gnade und Milde zu erhalten. So aber ward es blutig und tödlich für sie, wenngleich sie uns bis zum Abend verzögern konnten auf dem Weg zur Burg. Nach etwa einer Stunde gaben wir Befehl immer wieder ausrufen zu lassen: Wer sich einfach ergäbe würde verschont werden, doch machte nur selten ein Barger von diesem Angebot gebrauch. Auch die Königstreue der einfachen Bürger mochte erstaunen, mischten sich zu den feindlichen Kriegern nach und nach doch auch immer mehr von ihnen, teilweise gar nur bewaffnet mit einfachen Stecken und Recken. Die Angebote zur Gnade lockten mehr von diesem Volk, doch auch hier überraschend wenig. Wie kam es, dass sie alle so leicht ihr Leben wegwarfen?

Nach einer Weile wurden wir diesem Volk von Narren mehr als überdrüssig und entschieden ihrer nicht mehr zu achten. Vor allem die Tolumen waren schon eine ganze Weile darauf erpicht, in die Häuser der Barger vorzudringen, ihr Hab und Gut an sich zu nehmen, die Frauen zu vergewaltigen und alles in Feuer zu setzen. Feuer wäre verfrüht gewesen, doch ließ meinereiner ihnen sonst freie Hand, wo immer sich ihnen jemand widersetzte. Gab einer aber seinen Widerstand auf, so ließ man befehlen diese zu verschonen. Auf die Durchsetzung dessen achteten die Anführer unsrer Truppen gut, weshalb sich immer mehr aus den Kämpfen zurückzogen. Auf Seiten der Truppen der uns hörigen Adligen Sacalumas aber gab es zum Teil wesentlich stärkere Unruhestifter. Dies zu merken und für spätere Zeiten zur Strafe zu bringen setzte sich meinereiner zum Ziel.

Nach Stunden, so schien es, erreichten wir endlich den Fuß der Burg, nachdem einige der Barger bereits über den Fluss geflohen und die Brücke hinter sich zum Einsturz gebracht hatten. Wir mussten einen großen Umweg in Kauf nehmen. In der Burg gab es überraschenderweise kaum noch Wehr, weshalb wir langsam doch bereits feiernd den Berg hinauf zogen. Die wenigen Pfeile vermochten wir gut zu vermeiden, die wenigen verbliebenen Krieger gut zu erschlagen. Und so kam es, dass wir am Abend eine bald leere Burg erreichten, derweil unten in der Stadt so mancher Kämpfer unsren Befehlen nicht mehr gehorchen mochte, ein Feuer legte und dafür von seinem Anführer erstochen worden war. Doch der Feuerschein gab uns Licht und so zogen wir gut erleuchtet ein.

Niemand der Königstreuen dieser Burg, niemand der zum König gehörte, niemand der sein Blut in sich trug sollte überleben, wollte ich jemals Frieden im Lande finden, also ließen wir bei diesem Aufstieg unseren Helfern jegliche freie Hand. Wer immer ihnen vor die Waffen lief wurde gnadenlos erschlagen, wollte er sich nun ergeben oder nicht. Kaum hatten wir das Tor durchschritten und den Außenhof erreicht, da schwärmten unsere Mannen aus wie Raubtiere, um jedes Haus in dieser Vorburg zu erkunden, jeden sich Versteckenden hinaus zu treiben, jede Einrichtung zu zerstören und jedes Gebäude in Brand zu setzen. Nur wer bei der Vergewaltigung ertappt wurde sollte gezüchtigt werden, galt es doch noch die Innenburg zu stürmen. Diese erwies sich als harmlos, nachdem wir einmal in der Vorburg waren, doch brach bei unserem Einzug bereits die Nacht herein.

Kaum hatten wir den Haupthof betreten,da verkündete meinereiner Belohnungen für die, die uns die Köpfe des Königs sowie seiner Familie brächten. Einzig die Frauen sollten verschont und uns vorgeführt werden – und mit allen adligen Feinden wollten wir noch fern der Burg ruhige Gespräche führen. Lediglich die Leibgarde des Königs und seiner Besucher standen uns noch im Weg, doch siegten wir auch über diese. Aus dem kleinen Tempel bargen Errist und seine Männer den Schatz des Königs, der eine solche Bezeichnung aber kaum verdiente; aus der Haupthalle zerrten die Tolumen all die Adligen, die sich dort sicher gefühlt hatten. Zahlreiche von ihnen ließen wir gefangen ins Lager zurückschicken, wo meinereiner später ein Wort mit ihnen zu reden hätte.

Besondere Freude bereitete es, den sich sonst immer so überlegen fühlenden Louvis nun in Ketten zu sehen. Doch wo auch immer man in der Burg suchte, Demaun von Gernin war nicht aufzuspüren. Nachdem nichts mehr übrig blieb konnte nur gesagt werden, dass es ihm gelungen war zu fliehen. Auch von Emmistat, der Schönen, seiner ihm Versprochenen aber uns Zugehörigen, sah niemand etwas. Weder war sie unter den Frauen, noch den Adligen oder den erschlagenen Dienern und Kriegern. Demaun musste sie mit sich genommen haben; ein weiterer Grund ihn zu jagen, zu vernichten. Doch auch wenn es meinereiner nach Emmistat verlangte, musste dies für den Augenblick zurückstehen, musste doch erst ihr Vater vernichtet werden, bevor Gernin vernichtet werden konnte.

Die Gemächer des Königs waren groß und mehrteilig; eine einzelne Tür trennte sie vom Gang. Nachdem dieser nicht mehr verteidigt werden konnte, galt es die Tür zu sprengen. Hinter dieser lauerten die letzten verzweifelten Leibwächter des Königs, die in den Klingen unserer Begleiter starben, doch auch so manchen von ihnen mit sich rissen. Am Ende des Kampfes stand dort der König allein; hastig in Rüstung geworfen mit seinem Schwert, starr vor etwas stehend. Neben ihm wartete der Knabe Jerris Jaster auf sein Schicksal: Gemeinsam mit seinem Vater unterzugehen.

Plötzlich bekamen wir Lust auf ein Spiel: Dort standen zwei einst so mächtige, nun nur noch so schwächliche Männer, bereit zu sterben – und bei uns waren Errist mit seinen Männern und einige Tolumen. Mit Leichtigkeit hätten wir sie jederzeit zerquetschen, niedermachen können, doch lockte das Spiel. Ohne Spiel kein Spaß, so sagte meinereiner, und ließ darum nur je zwei Krieger gegen die Beiden dort anbranden. Zunächst versagten die Tolumen gegen die Krieger von Barga, weshalb ich ihnen bloß Beifall zollen konnte. Die Antworten der Barger wies sie jedoch nicht als gute Verlierer aus; allmählich verloren wir die Lust am Spiel wieder.

Errist sollte mit all seinen verbliebenen Mannen endlich Jaster Junoh und Jerris Jaster für uns töten. Als unsere Krieger aber mehrere lange Augenblicke ohne Fortschritte zu erzielen ihr Glück versucht hatten, beschloss meinereiner das Blatt zu wenden. Mit göttlicher Unterstützung ausgestattet konnten wir die Lücken der feindlichen Verteidigung nutzen und Sohn erstechen, den Vater erschlagen. Nachdem beide auf dem Boden vor uns lagen, ihr Leben aushauchend, schlug meinereiner ihnen die Köpfe ab und ließ diese als Zeichen des Sieges von Errist aufbewahren.

Alle Räume des Gemaches sowie hernach noch einmal die restliche Burg ließen wir durchsuchen, doch fand sich nirgends eine Spur des jüngsten Sacaeran. Wir wüteten, wir zitterten, wir brüllten – doch das Kind war nicht zu finden. Um uns herum knisterte und knackste das Gebälk, als die Flammen über sie hinweg züngelten – länger konnten wir nicht mehr in der Burg verharren. Während wir die Burg verließen, trieben wir die gefangenen Adligen und Frauen wie Tiere vor uns her, derweil hinter uns die Gemäuer endgültig dem Feuer geopfert wurden.

In der Stadt ließen wir jedem der dies wollte freie Hand, mit der Stadt und seinen Bewohnern zu verfahren wie er wünschte. Mit den Gefangenen vor uns bewegten wir uns über die Hauptstraße, derweil all überall um uns herum Krieger zu Tieren wurden: Gegenstände aus Häusern tragen, Frauen vor, in und hinter Häusern vergewaltigen, Männer töten – oder auch vergewaltigen – und alles, egal ob noch bewohnt oder nicht, in Brand setzen. Der Feuerschein beleuchtete die Nacht, beleuchtete unseren Weg, beleuchtete unsere Bewegungen. Wir, von den Göttern entsandt, hatten das mächtige Barga besiegt. Die Stadt, die einst Jahrhunderte allein gegen übermächtige Gegner ausgeharrt hatte, würde bald nur noch aus rauchenden Trümmern bestehen. Niemand leistete mehr Widerstand; alle, die sich nicht bereits früher ergeben hatten konnten nur noch unsere Schwerter fliehen.

Meinereiner aber nahm kaum Anteil an dem tosenden Geschehen um sich herum, beschlichen ihn doch wieder einmal die alten schrecklichen Kopfschmerzen, doch dann – lief da Euliste vor Verzweiflung rufend über die Straße, verfolgt von einer kleinen Bande Krieger, ihrem Rock hinterhergeifernd. Sofort riefen wir Befehle, welche diese Männer nicht zu hören schienen – oder wollten –, weshalb Errists Leute sie kurzerhand erschossen.

Euliste war derweil über ihren eigenen Stoff gestolpert und im Schmutz der Straße gelandet. Errist sollte ihr helfen und sie zu uns bringen. Sie sah meinereiner in seiner blutbespritzten Rüstung, erleuchtet von tausend Flammen, schweigend an. – Und dann brach sie unter Tränen zusammen. Wir nahmen sie mit uns; auf einem Karren, der eigentlich für die Verletzten war. Hinter uns brach die Stadt für immer zusammen.

Zurück im Lager dauerte es lange Euliste zu beruhigen, doch blieb sie bei uns. Ebenso anstrengend sollten die Gespräche mit den Adligen werden, die wir gefangen genommen hatten. Geduld war schon lange nicht mehr vorhanden, unterstützt durch die ständigen Kopfschmerzen, so ließen wir jeden, der sich nicht auf unsre Seite stellte, köpfen und für Lurut mitnehmen. Die meisten schienen dann vernünftig zu werden und schworen Gehorsam, wofür sie zwar enteignet, doch am Leben gelassen wurden. Sogar Louvis wollte nun zu Lurut gehören, doch wussten wir Interessanteres mit ihm anzustellen.

Nachdem wir gesehen hatten, wie Barga zu einem schwarzen Häufchen Schutt wurde, kamen langsam die ersten Berichte herein. Bei der Eroberung von Stadt und Burg hatten wir Verluste, die hinzunehmen wir verkraften konnten. Wieviele Feinde gefallen waren, vermochte niemand mehr zu sagen, doch schien ein Großteil auch einfach geflohen zu sein. Als Richtung blieben diesen nur die Hochlande im Osten – oder die Berge drumherum – so ließ ich die schnellen Tolumen diese Gegenden durchsuchen.

Viele Schätze hatten wir aus Barga geborgen, so vor allem auch die Krone des Königs, die in Lurut aufzusetzen wir gedachten. Dass es nur zwei Sacaeran-Häupter in meinem Gepäck werden sollten war zwar eine Schande, doch leider kaum zu ändern, sollten die Tolumen in den Hochlanden keinen Erfolg haben. Wahrhaftig wütend ließ meinereiner aber die Nachricht werden, dass auch Fouchal Demaun von Gernin sich eindeutig unter den Geflohenen befand – und wohin dieser gehen würde, schien nicht schwer zu erraten.

So verließen am folgenden Tag, nach wenig Schlaf, drei Gruppen das Schlachtfeld: Tolumische Reiter suchten das Hochland nach Flüchtigen ab, eine weitere Gruppe Reiter ging mit den Gefangenen und dem Erbeuteten über sichere Gebiete heim nach Lurut – der Rest zog nach Gernin, wo die Icraner bereits in Kämpfe verwickelt sein müssten. Dort rechtzeitig hinzukommen sollte uns aber vor Mühen stellen. Wir konnten zurück über Cahmind einen großen Bogen um die Berge herum schlagen – oder wir zogen mitten über sie hinweg.

Aus Zeitgründen entschieden wir uns für letzteres und verbrachten daraufhin einige Zeit in den Bergen, die zu dieser Jahreszeit zum Glück schneefrei waren – kaum einer der Flachländler war größere Erhebungen gewöhnt, lediglich einige der Tolumen kannten Berge, aber dafür keinen Schnee. Aber obwohl dies für viele von uns recht neu war, kamen wir gut voran, von der Sonne getrieben. Zweimal schien Demaun Einheiten, wo immer er sie auch herbekommen haben mochte, uns auflauernd in den Pässen zurückgelassen zu haben. Pfeile regneten auf uns herab und Steine wurden nach uns geworfen, doch konnten wir ihrer Herr werden und sie besiegen.

Am anderen Ende des Passes angelangt und auf Gernin zumarschierend wurde der Widerstand stärker, der aus Burgen und Dörfer auf uns einzudringen schien. Immer konnten wir sie leicht abwehren, waren wir doch die Gesandten der Götter, die mit Feuer im Rücken aus den Bergen strömten um die Hauptstadt dieses Landstriches zu vernichten. Vor Gernin erwartete uns eine Schlacht, die gerade zwischen den unterlegenen Icranen und den aus der Stadt stürmenden Gerniern entbrannt war. Rechtzeitig kommend fielen wir dem Feind in Flanke und Rücken und wurden vom Jubel der Icranen begrüßt.

Die Schlacht war hart und brandete hin und her, doch erblickte meinereiner letztlich Fouchal Demaun in der Menge und hielt auf ihn zu. Nach einem gewaltigen Kampf verliehen die Götter mir die Kraft ihn niederzustrecken, woraufhin seine Krieger sich ergaben oder flohen. Erstere ließ ich geschont, letztere ließen wir verfolgen und zogen dann in die Stadt. Nicht alle dort hießen uns willkommen und so wurde Mann, Frau und Kind erschlagen, wo man sich wehrte. Doch schließlich war die Stadt unser.

Es sollte nicht mehr lange dauern, da schwörte ganz Sacaluma mir die Treue – doch Sacaluma gab es nicht mehr. Mit den Köpfen ihrer Häupter im Gepäck zog ich heim nach Lurut – und zusammen mit Emmistat, die in Demauns Palast gewesen war – meine Emmistat.

 

 

IX: Verlorenes erscheint meist unerhofft.

Einst gab es einen kleinen Jungen, der mir fast wie ein Bruder war. Meine Ziehmutter war seine Amme und obwohl ich älter war, waren wir wie Geschwister. Dieser Junge wuchs in einer feindlichen Umgebung – seiner Familie – zum Manne heran und ward bald unser Oberhaupt. Eines Frühlings zog er zum Geburtstag des Königs aus – und kam selber als König zurück. Wenig hatten wir von dem vernommen, was im restlichen Reich geschehen war, wenn auch uns eine erschreckend große Zahl Leibwächter zurückgelassen wurde. So schien es kaum verwunderlich, wie schwer wir bei Crears Heimkehr überrascht waren.

Natürlich hatten uns Boten sein Kommen mitgeteilt und alles war eifrig damit bemüht, für ihn und seine Begleiter die Burg vorzubereiten – doch so recht wussten wir noch nicht, was da auf uns zukam. Crear brachte eine Handvoll Adliger und deren Begleiter, seine eigenen Leibwachen sowie einige Söldner der Tolum, Icran und Saldān mit sich – ein großer und bunter Haufen, den unterzukriegen für uns schwierig wurde. Unsere Befürchtung hatte damit bewahrheitet, dass diese rauen Gesellen wieder unseren Burgfrieden stören könnten.

Doch all das war bald vergessen – oder zumindest verdrängt – als Errist beim Erreichen des Burghofs für Crear ein Heil dem König forderte. Diese Neuigkeit dann verbreitete sich wie ein Lauffeuer, während Errist sich bei Hofmeister Pyn erkundigte, ob der Thronsaal bereit war und keine Störungen zu erwarten seien. Als dieser angab, dass dem so sei, zogen Crear und seine wichtigsten Untertanen sogleich in den Thronsaal, wozu sich auch die verbliebenen Hofadligen und Reste der Familie sowie die höchsten Diener gesellten. Dem Rest aber wurde der Blick auf das Folgende verwehrt.

Auf seinen Thron sitzend blickte Crear auf die Versammelten herab, derweil Errist sein Sprecher wurde.

„Bewohner der Burg Lurut – Adlige des Landes – werte Besucher – huldigt eurem König!“

Die meisten schienen zu verdutzt um sofort zu handeln, doch gelang es nach und nach – und wenn erst durch freundliche Anstubser – alle vor Crear sich verbeugen zu lassen, bis er selber anfing zu sprechen.

„Danke, meine Freunde – ich kann euch verkünden: wir kommen siegreich aus Barga zurück, um die Herrschaft des Landes in diese unsere Stadt zu tragen.“

In diesem Moment kam ein Adliger, der mir als Tereanv Somm Orichin von Daminro beschrieben wurde, die Krone mit beiden Händen haltend, auf den Thron zugeschritten. „Der König von Sacaluma – Jaster Junoh Sacaeran – ist tot. Gleichsam ist es auch seine Familie, bis auf die edle Emmistat. Ohne männlichen Erben der Familie Sacaeran war es an uns Tereanvs von Sacaluma, uns einen neuen König zu erwählen.“ Damit setzte er vorsichtig die Krone auf Crears Haupt, doch sprach er weiter. „Mögest du lange leben, König Crear Ataurass Elorm.“

Nachdem ihm wieder alle gehuldigt hatten, sah Crear nicht etwa selbstzufrieden, sondern schlicht ernst aus. Er blickte einmal in die Runde, um dann wieder zu uns zu sprechen. „Als meine erste Amtshandlung werde ich dieses Land umformen. Die alte Herrschaft der Sacaeran war lange überflüssig und verdorrt. Wir wollen das Land aber wieder zum Blühen bringen! Als ersten Schritt schließen wir mit dem toten Sacaluma ab und leben fortan in unserem Reich Aluma!“

Ein Raunen ging durch die Menge – erstaunt, missmutig, erfreut.

„Die restlichen Änderungen werdet ihr in den nächsten Monden und Jahren verspüren. Morgen werden wir ein Fest geben, dies alles zu feiern – kommt alle!“

Dies erfreute den Großteil der Menge schon mehr. Danach wurde die Versammlung aufgelöst und wir alle gingen unserer Wege, fast immer in Gruppen tuschelnd über alles was kam und noch kommen wollte.

Am nächsten Morgen rief Crear mich früh zu sich, obwohl ich aufgrund des Festes allerhand zu tun hatte. Seine Gemächer immerhin waren noch die alten.

„Du – Herr – ihr wolltet mich sprechen?“

Verärgert sah er mich. „Ich bin und bleibe Crear für dich, hast du das verstanden?“ Als ich verwundert nickte, klärte sich seine Miene – und verdüsterte sich sofort wieder. „Eilzen – du musst mir helfen – ich will Emmistat ehelichen doch weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll.“

Meine Verwunderung schien nicht nachlassen zu dürfen. „Du willst – seit wann? Davon wusste ich nichts -“

„Du wusstest auch nichts von meinen Kriegsplänen – du kannst nicht alles wissen – ich will sie, seitdem ich sie das erste Mal sah. Ihr Verlobter ist nun tot und sie braucht einen neuen… – und das Reich eine Königin, die ihm Kinder schenkt – …wahrhaftig, ich liebte sie von Anfang an – wir sind beide von den Göttern geschaffen…“

„Wenn du Emmistat wolltest – warum brachtest du dann Euliste mit hierher? Was ist mit ihr?“

Kurz verdrehte er verärgert die Augen. „Euliste – ja, ich liebe sie, liebte sie schon immer – doch eigentlich… – wie ein Bruder seine Schwester. – Und hier – ist sie sicherer als überall.“

„Weiß sie davon? Weiß sie, wie du fühlst? Wie fühlt sie?“ Plötzlich war es mit peinlich, so mit einem König, einem erfolgreichen Feldherrn zu sprechen. Mich schämend brach ich ab, doch er schien nichts zu bemerken.

„Nein, ich weiß nicht wie es ihr geht. Ist das denn wichtig? Es muss sein – kann nicht anders sein.“

„Du solltest mit ihr sprechen.“

Nach kurzem Schweigen antwortete er lächelnd. „Ja, das werde ich wohl – doch komm, du hast noch nicht auf meine ursprüngliche Bitte geantwortet.“

„Ja – natürlich – Emmistat – ich werde dir helfen, so gut es geht, doch muss das bis nach dem Fest warten – ich habe zuviel zu tun.“

Einen Moment lang sah er mich so ernst an, dass ich fürchtete für meine Anmaßung geköpft zu werden.

„Gut, du sollst deinen Willen haben – aber das war nicht alles, was ich von dir wollte.“

„Was gibt es denn noch?“

Die nächsten Worte trafen mich unvorbereitet. „Sag – willst du für mich Tereanv von Lurut werden?“

Auf meinem Weg zurück in die Küche, wo ich Caeryss und den anderen Aufgaben zuzuweisen hatte, begegnete mir Gouma. „Ach, da bist du ja, mein Junge! Ich muss mit dir sprechen!“

Innerlich seufzte ich auf. „Muss das jetzt sein? – So gern ich auch mit dir plausche; ich habe soviel zu tun…“

„Ja, bitte – es ist wichtig – du musst mir helfen.“

Bei diesen Worten und ihrem flehenden Blick konnte ich nicht widerstehen; ich ging mit ihr in eine Abstellkammer, wo wir ungestört sein würden.

„Was genau ist denn das Problem?“

„Ach – es ist…! – Du kennst doch Euliste?“

Natürlich kannte ich sie, hatte ich doch gerade erst über sie gesprochen.

„Sie ist schwanger!“

Zwar war ich überrascht, doch sah ich da nicht Schlimmes. „Und? Mit Schwangerschaften kennst du dich doch besser aus als ich.“ Langsam erst bemerkte ich, wie aufgeregt und drängend sie war.

„Es ist vom König – von Crear!“

Nun setzte ich mich lieber auf ein Fass. „Was? – woher willst du das wissen? Sie war Louvis Mädchen.“

„Sie hat es mir gesagt – nie hatte sie einen anderen Mann als Crear.“

Ich war fassungslos. „Was erwartest du nun von mir?“

Traurig setzte sie sich neben mich. „Ich weiß es doch nicht – rede mit Crear – das Kind soll nicht als Bastard zur Welt kommen…“

„Von genau dem komme ich grad – er will, dass ich ihm dabei helfe Emmistat zu ehelichen.“

„Oh weh! – Das arme Kind – Euliste!“

„Du erkennst die Schwierigkeiten? Und du weißt, wie eigen er in dem ist, was er will.“

Gouma schien aber nicht zuzuhören. „Das arme Kind!“

Also versuchte ich es anderes. „Du kümmerst dich um Euliste – ich werde mit Crear reden, sobald es mir möglich ist – aber jetzt muss ich dringend in die Küche, sonst können wir das Fest für heute vergessen.“

Damit verabschiedeten wir uns und ich kam endlich in die Küche, wo mich einige kochende Mägde sowie eine aufgeregte Caeryss erwarteten.

„Eilzen! – endlich! Hast du kurz Zeit für mich?“

Mittlerweile war es kein Seufzen mehr in meinem Innern – es wurde mir zuviel. „Aber nur wenn es schnell geht – ich…“

Doch schon zerrte sie mich mit in die nahe Vorratskammer, von verwunderten Blicken der Mägde verfolgt. Als sie die Tür schloss, standen wir im Halbdunkel, so dass ihre Züge nicht mehr sah.

„Louvis!“

„Wie bitte?“

„Louvis! Ich habe Louvis gesehen!“

„Wie – wo hast du ihn gesehen? Er gehört doch gar nicht zu Crears Gefolge.“

„Na das wär‘ auch was – so, wie sie ihn behandeln! – Oh Eilzen! Er hat mich angefleht!“

„Bitte – der Reihe nach…“

„Ja ja – Ich bin in den Keller gegangen um Knollen zu holen – da sah ich, dass die Tür zum verbotenen Flügel geöffnet war – du weißt schon, das Verließ – und neugierig wie ich bin… – drinnen hörte ich weinen – und dann sah er mich – und ich ihn – oh Eilzen!“

„Was ist mit ihm?“

„Sie haben ihn gefoltert – überall diese Wunden!“

„Was hast du gemacht?“

„Er flehte mich an, ihn zu befreien – aber ich bin nur vor Angst weggelaufen – und jetzt bin ich hier.“

„Hm… es tut mir ja leid für ihn – aber da können wir wohl nichts machen.“

„Ja – aber wie kann er nur so grausam sein?“

„Wer?“

„Na Crear – der König!“

Den Kopf voll seltsamer Gedanken machte ich mich nur noch mit halber Kraft an die Arbeit. Doch das Fest bereitete sich nicht von alleine vor und so hatte ich bis zum Nachmittag alle Hände voll zu tun. Für diesen Zeitpunkt kam alles an Adel und Reichtum in der Burg zusammen, das schnell genug aus Stadt und Umgebung hatte anreisen können. Zur Unterhaltung hatte ich nur einige Gaukler aus der Stadt bekommen können, doch schien dies niemanden zu stören, wenngleich Crear einen Großteil der Vorstellung verpasste, da Teule stetig versuchte ihm etwas zuzuflüstern.

Später dann folgte das große Festessen, bei dem sich alle an den von Caeryss und den anderen Mägden unter großer Anstrengung zubereiteten Speisen erfreuen durfte. Zuletzt folgte ein fröhliches Beisammensein bei Musik und viel Wein. Immer wieder sah ich Teule, wie sie sich einen Weg zu Crear zu bahnen versuchte, doch dieser war immer wieder umringt von Adligen, die mit ihm plauschten oder ihm Glückwünsche zusprachen.

Auch ich kam natürlich nicht dazu mit ihm zu sprechen, war ich doch auch zu sehr damit beschäftigt alles zu überwachen. Ein paar Mal jedoch ertappte ich mich, wie ich über Crears Angebot vom Vormittag nachsann. So recht konnte ich es mir nicht vorstellen Tereanv dieser Burg unter einem König Crear – oder irgendeinem anderen König – zu werden. Immer hatte ich die Ruhe geschätzt, die Burg Lurut möglich gewesen war, und nun schien es für immer aufregender zu werden. Auch die Sache mit Euliste und Emmistat stellte mich vor Probleme, die alleine zu lösen ich mir kaum zutraute. Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte mich zu Gouma gestohlen, doch immer wieder musste ich einen anderen Ablauf der Feierlichkeiten überwachen.

Der Garten der Burg war schön geschmückt und Caeryss und die anderen hatten zahlreiche kleine Häppchen zubereitet. Als ich mir nur eins davon schnappen wollte, sprach mich plötzlich der Tereanv Somm Orichin an; einziger noch wahrer verbliebener Tereanv des Landes, das nun Aluma hieß.

Nach wenig Vorgeplänkel kam er schnell zur Sache. „Glaubt ihr, dass er ein guter König sein wird?“

Ich musterte ihn, um Spuren einer Falle zu suchen. „Ich weiß es nicht – aber er war immer ein guter Junge.“ Zweifel auszusprechen schien nicht die rechte Zeit.

Somm Orichin lachte ob meiner Antwort. „Dann bin ich mal gespannt, wie ihr den nächsten Streich eures – ‚Jungen‘ – findet. – Wartet, da erhebt er sich von seinem Platz um zu sprechen!“

Und tatsächlich, Crear wollte etwas sagen. „Meine Freunde – mein Volk – dank sei euch für euer zahlreiches Erscheinen trotz der widrigen Umstände nur einen Tag zur Anreise gehabt zu haben.“ Deutlich merkte man den Wein in seiner Sprache – so redete er nur unter dessen Einfluss. „Viele Erfolge haben mir – haben wir in den letzten Wochen – Monden – erzielt, doch war dies – war dies nur der Anfang. Wir alle wissen, wie Jaster Junoh Sacaeran dieses Land schwächte, es sich von innen zersetzen ließ – derweil er mit unseren eingeborenen Feinden tändelte. Als ich ihn fragte, was dies zu bedeutet – bedeuten hätte, griff er uns an, doch mit eurer Hilfe gewann das Gute. – Lasst uns dieses nun zum endgültigen Sieg führen, indem wir gegen unseren alten Feind ziehen und ihn endgültig vernichten. Lasst uns aufbrechen, bevor das Land Tarle bei uns einfällt! – Nieder mit Tarle!“

Ein Raunen entstand unter den wenigen, die von diesen Plänen nichts gewusst hatten, derweil der Rest ihm zujubelte und -prostete.

Doch während Crear sich feiern ließ, erschien am Gartentor eine schöne und zugleich das befehlen gewohnte Frau. Während ich sie noch als einziger zu bemerken schien und noch versuchte herauszufinden wer sie war, erhob sie schon ihre, die es schaffte allen Lärm zu übertönen. „Halt!“

Und alle waren still; wandten sich ihr zu.

„Crear! Was ist hier geschehen? Was soll das alles? Ich muss mit dir sprechen!“

Der Angesprochene kam lächelnd und ein wenig schwankend auf sie zu. „Natürlich – ich habe dich erwartet.“ Dann wandte er sich der Festgesellschaft zu. „Darf ich allen, die sie nicht bereits aus früheren Jahren kennen, meine einst verschollene Tante Asmyllis vorstellen?“

 

 

X: Eine Überraschung kommt selten allein.

Die Rückkehr von Asmyllis traf uns alle vollkommen überraschend – alle, bis auf Crear, der wohl von seinen Agenten schon unterrichtet worden war. Ihr Gespräch an diesem einen Abend schien Ewigkeiten zu dauern, so dass ich Somm Orichin die Empfehlung gab, die Festlichkeiten wieder aufleben zu lassen, bevor es zu größeren Tratschereien kommen konnte.

Trotzdem entstanden diese natürlich, wobei ich hauptsächlich über Caeryss und die Mägde mitbekam, was man sich so erzählte. Angeblich kam es hinter verschlossenen Türen zum Streit zwischen Tante und Neffe. Asmyllis soll ihm geradeheraus gesagt haben wie sehr er sich schämen müsse, das Andenken seines Vaters beschmutzt zu haben, indem er nach der Macht griff und dafür auch über Leichen ging. Auch solle ihr die Entwicklung in der Burg nicht gefallen – die Leute, mit denen Crear sich hier umgab – die Veränderungen, die er an der Ausstattung vorgenommen hatte. Fast alle Gerüchte gaben dieses Bild der Tante, die ihren Neffen niedermachte, ungeachtete der Tatsache seines Ranges. Wenige schienen zu glauben, dass nach den langen Jahren der Trennung diese Beiden auch froh sein könnten einander zu sehen.

Wie Crear wohl bei diesem Treffen handelte, darüber waren die Meinungen tiefer gespalten. Dienstmädchen behaupteten ihn im Raum brüllen zu hören, andere sprachen von Lachen. Viele meinten, er hätte Asmyllis auf ihre Rede hin gedroht einzusperren oder hängen zu lassen, einige glaubten an den freundlichen Jungen. Wie auch immer – Tatsache ist, wir werden wohl nie erfahren, was hinter der verschlossenen Tür geschah.

Keiner der beiden sprach später noch einmal darüber, selbst mit ihren engsten Vertrauten nicht – oder ich war kein Vertrauter Crears mehr. Jedoch verhielten sie sich zueinander recht gewöhnlich – nicht wie die große Tante zum kleinen Neffen, aber wie Verwandte. Unter Beobachtung anderer sprachen sie über keine großen Belange, doch behandelten sich mit einer gewissen Ehrfurcht.

Zu ihren anderen alten Freunden war Frau Asmyllis herzlich wie früher. Den ersten Tag verbrachte sie lange in einem Gespräch mit der alten Gouma, die sich wohl am meisten gefreut hatte sie wiederzusehen; auch die Mägde umschwirrten sie häufig. Ich sprach nur wenig mit ihr, hatte ich doch wie früher schon zuviel Furcht etwas falsches zu sagen. Den fremden Adligen begegnete sie teils unverhohlen mit Misstrauen; über die Söldner verlor sie kein Wort, widmete ihnen höchstens abfällige Blicke.

Bereits sehr bald reisten diese aber auch wieder ab – zusammen mit Crear. Sie fuhren über das Meer gen Westen um in den Steinhügeln am Rande der Wüste anzulegen und dort die Feste Kuthaern – Wüstentor – zu belagern. Diese lag abseits des restlichen Tarles und war sehr überrascht angegriffen zu werden, so dass sie niemals lange hätte widerstehen sollen. Trotzdem kam Crear mit einigen Einheiten nach wenigen Tagen Belagerung bereits zurück zu uns, weitere Pläne verfolgend.

In der Zeit seiner Abwesenheit war Frau Asmyllis ihrer Mutter Teule mehr als einmal aus dem weg gegangen; den endgültigen Zusammenstoß durfte ich miterleben, geschah er doch ausgerechnet vor meinem Schreibtisch. Ich war gerade mit Asmyllis im Gespräch, da kam Teule herein, wohl etwas von mir wollend.

„Ach, Tochter – du hier? – na dann hoffe ich mal nicht zu stören! -“

„Ja, ich auch hier – immerhin darf ich handeln wie ich will.“

Teule beachtete sie nicht sondern wandte sich an mich. „Wird es lange dauern? Ich muss mit euch sprechen.“

Asmyllis antwortete für mich. „Keine Sorge – ich wollte gerade los.“

„Wieder für Jahre im Nirgendwo verschwinden?“ Konnte es wirklich sein, dass Teule sich Sorgen gemacht hatte? Oder war sie bloß beleidigt, nicht bestimmen zu können was ihre Tochter tat?

„Keine Angst, so schnell wirst du mich diesmal nicht los – ich werde nicht noch einmal zulassen, dass Lurut derartiges angetan wird.“

Nun endlich schloss auch Teule die Tür hinter sich – noch mehr tratschende Dienstleute konnte ich zu der Zeit sicher nicht gebrauchen. Sie antwortete mit gefährlich freundlich wirkender Miene. „Wovon sprichst du, mein Kind?“

„Lurut war einst ein ruhiger Ort unter Gurass, der nichts weiter wollte als in einem ruhigen Reich leben. Doch wie hat dein Großneffe es nicht verändert! Gefährliche Leute gehen hier ein und aus, in der Stadt werden sogenannte Verräter gehängt, auf den Stadtmauern thronen Schädel erschlagener Gegner und ein Feldzug nach dem anderen soll seine Macht vergrößern! – und ich hörte, du warst ihm die wichtigste Ratgeberin!“

„Du musst dich irren, mein Kind – niemals habe ich ihm etwas Böses geraten – und die meiste Zeit beachtete er mich eh nicht.“

„Vielleicht hat er erkannt, dass du noch schlimmer bist als er!“

Darauf sagte Teule nichts, führte bloß ihren verletzten Ausdruck vor.

Asmyllis wollte aber wohl noch nicht gewonnen haben. „Sein Vater war der Einzige in dieser Familie, der nicht herrsch- und streitsüchtig ist. Mit ihm verschwanden alle Tugenden aus Lurut. – Ich bin von euch enttäuscht, euch allen – nicht nur von Crear und der Familie, vor allem aber auch von dir.“

Als ihre Mutter immer noch nichts sagte, drängte sie sich an dieser vorbei zum Ausgang und verschwand.

„Dieses Kind…“ Teule seufzte und wandte sich mir zu. „Ich muss mit euch über diese Magd sprechen – Caeryss.“

Verwundert horchte ich auf. „Was ist mit ihr?“

Als Crear wieder nach Lurut zurückkehrte erfuhr er zunächst, dass Louvis aus dem Kerker verschwunden war. Die Hauptverdächtige war ausgerechnet Caeryss, die seit diesem Vorfall ebenso vermisst wurde. Crear war nicht gerade guter Laune, als er von diesem Vorfall erfuhr.

„Errist! – bring mir diese Magd, und wenn du die ganze Stadt – nein, das ganze Land! – auf den Kopf stellen musst! Und vor allem aber finde Louvis – und lass ihn nicht noch einmal entkommen!“

Ich sah mich genötigt einzuschreiten. „Herr – Crear! – hör mich bitte an!“

Crear schien kurz vor einem seiner Anfälle zu stehen, doch gewährte er mir diesen Wunsch.

„Ich kenne Caeryss – fast besser als mich selbst – auch wenn sie vielleicht Mitleid mit Louvis hatte, niemals hätte sie dich so verraten!“

Mit einem Aufschrei schlug Crear mitten gegen einen Pfeiler, bevor er plötzlich ruhig wurde. „Und was schlägst du vor?“

„Behandle sie nicht schlecht – bitte! – frage sie, warum sie verschwunden ist – vielleicht nahm Louvis sie gefangen – lass sie sich zuerst erklären – lass mich mit ihr sprechen, sobald sie wieder hier ist!“

Und tatsächlich willigte Crear ein. „Gut – du wirst deinen Willen bekommen – der Freundschaft zuliebe.“

Caeryss wurde nicht rechtzeitig gefunden, um ein wahrhaft schreckliches Ereignis mitzuerleben. Crear traf bereits wieder Vorbereitungen die Stadt zu verlassen, diesmal um Tarle selbst im Süden des Reiches, von Daminro aus, anzugreifen. Somm Orichin war schon vor Wochen heimgekehrt dies vorzubereiten, derweil nun wohl die letzten Söldner bei uns eintrafen. In dieser kurzen Zeit musste ich gleichzeitig mich um Zimmerbelegungen, Essen und so weiter, als auch um die Suche nach Caeryss kümmern.

Zwangsweise vernachlässigte ich andere Freunde und Bekannte und bemerkte so nicht, wie es der alten Gouma immer schlechter ging. Das letzte Mal hatte ich sie einige Tage zuvor gesehen und gesprochen. Nun musste ich plötzlich an sie denken, während ich in der Küche an Caeryss‘ Statt die Mägde überwachte – und kurz darauf kam ein aufgeregter Diener hereingestürzt.

„Herr Eilzen! – kommt schnell zu Frau Gouma!“

Besorgt durch seinen Tonfall eilte ich mich so gut es ging, ihm zu folgen. Vor Goumas Kammer hatten sich bereits Schaulustige versammelt, derweil darinnen drei Kräuterfrauen neben ihrem Bett knieten.

„Verschwindet – an die Arbeit!“ Ich verscheuchte die Gaffenden und drängte mich in die Kammer, die Tür hinter mir schließend.

Klein und kraftlos lag dort Gouma in den Laken – wie auf die Welt gekommen, so sollte sie diese auch verlassen. Eine Frage bildend sah ich eine der Kräuterfrauen an, doch diese schüttelte den Kopf – und ich verstand.

„Lasst uns bitte allein.“

Meinen Wunsch folgend verließen die Frauen das Zimmer und ich blieb mit ihr allein. Ich weiß nicht, wie lange ich so blieb, wie lange ich dort ausharrte. Sie erwachte nicht mehr – zu merken, dass sie nicht mehr atmete, versetzte mir einen Stoß. Noch länger blieb ich dort, kniend und weinend, da klopfte es an der Tür.

Es war Asmyllis, die hiervon gehört hatte und gekommen war zu sehen, wie es uns ging. Als auch sie sah, dass Gouma uns verlassen hatte, kniete sie neben mir. Wir vermochten uns gegenseitig wieder Mut zu geben, dass es Gouma bei den Göttern gut gehen würde, und verließen bald die Kammer. Immer noch standen viele dort herum, nun sogar auch der Hofmeister Pyn, die bei unserem Anblick alle in unsere Trauer einzustimmen vermochten. Die halbe Burg wurde auf diese Weise gelähmt, als alle um ihre teuerste Freundin trauerten.

Als Crear dies endlich bemerkte, kam er zu uns herab gestiegen. „Was ist hier los? – Warum arbeitet ihr nicht?“

Schweigend deutete ich auf Goumas Tür.

Jemand anders sprach. „Unser aller Mutter Gouma ist von uns zu den Göttern gegangen.“

Kurz schlich sich ein unbekannter Ausdruck in Crears Züge, bevor sie hart wie Stein wurden. „Trotzdem muss es weitergehen. – Also – zurück an die Arbeit!“

Auch Errist, der mittlerweile stets an Crears Seite war, mischte sich nun ein. „Ihr habt euren Herrn gehört – los!“

Für das einfache Volk gab es keine Feiern; ihre Körper wurden auch nicht verbrannt. Crear hätte dafür sorgen können, dass Gouma trotzdem diese Ehren zuteil werden würden, doch er verlor kein Wort darüber. Darum stahlen sich einige von uns, darunter auch die Frau Asmyllis, mit Gouma unter uns aus der Burg hinab an den See. Zwar waren einige der Soldaten auf unserer Seite, doch hatte sicherlich jemand Crear davon unterrichtet, dass entgegen herrschenden Gesetzen in der Nacht eine Frau am See verbrannt worden war -. doch verlor er kein Wort darüber, ließ uns nicht verhaften.

Bis heute bin ich schwer enttäuscht, dass er selber nicht zu unserer Trauerfeier erschien und auch sonst kein Wort über dies Geschehen verlor. Doch konnte ich auch nichts daran ändern, jedes Wort über die Feier hätte uns bedroht und Crear war wahrhaftig schwer mit Vorbereitungen beladen. Allerdings gab es noch mehr, dass Crear von der Beschäftigung mit Gouma abhielt, und dies war die Herrin Emmistat. Nach ihrer Ankunft hatte ich ihr ein Gemach nah bei Crear geben sollen und dem gehorchend wies ich ihr das zwei Türen weiter links davon zu. Fortan sollte sie frei auf der Burg leben doch schien sich mehr gefangen zu fühlen: Kaum wagte sie sich vor die Tür und wenn immer eine Magd mit ihr herumgehen wollte, sah sie nie glücklich aus in ihrer Haut.

Erst Frau Asmyllis gelang es so recht, sie vor die Tür zu locken. Fortan war sie meist mit dieser zusammen im Garten zu sehen. Sprachen die beiden Frauen miteinander, sah Emmistat zuweilen tatsächlich glücklich aus; war Asmyllis dann gegangen und Crear schlich herbei ihren Platz einzunehmen, verschlossen sich ihre Züge und allen Anwerbungsversuchen Crears zum Trotz blieb sie abweisend. Einmal nur gelang es mir sie zu fragen, warum sie Crear nicht bei sich haben wollte.

„Mein Vater, meine Brüder, mein Verlobter – sie alle starben durch seine Hand und sein Wort. Er hätte die Macht gehabt sie leben zu lassen. Auch wenn ich meinen Verlobten nicht mochte und mich mit dem Bruder oft stritt, so liebte ich diesen und meinen Vater doch. Bis heute unternahm Crear nichts, aufgrund dessen ich ihm diese taten verzeihen könnte.“

Ich seufzte. „Also werdet ihr ihn niemals lieben oder als Ehegatten nehmen können.“

Da sah sie mich überrascht an. „Warum liegt es euch am Herzen, dass ich ihn liebe?“

Bis zu dem Augenblick hatte ich gar nicht gewusst, dass dem so war, weshalb ich auch überlegen musste. „Crear war nicht immer so. Er – ist mein Freund und war es schon immer; es gibt auch andere Seiten an ihm als die, die ihr nun kennenlerntet. Ja, auf eine gewisse Art – liebe ich ihn immer noch – wie einen Bruder.“

Ich weiß nicht ob ich Emmistat umstimmen konnte, doch schien sie Crear näherzulassen. Dass dies einem anderen Zwecke diente, erfuhr ich erst später.

Crear war gerade wenige Tage nach Süden aufgebrochen, um in Tarle die Feste Gulrunn zu erobern, da tauchte Caeryss wieder auf. Ein mir Vertrauter erstöberte sie in einem Dorf unfern Luruts. Ich brach sofort selber auf mit ihr zu sprechen, bevor etwas Schreckliches geschah. Frau Asmyllis bestand darauf mich zu begleiten, worin ich nichts schlimmes sah.

In dem Dorf angelangt trafen wir Caeryss vor einer Gaststätte. „Du erklärst uns lieber schnell, was dich zu deinem Verschwinden bewog. Alle denken du hättest Louvis befreit, und darauf steht der Tod.“

Caeryss beachtete das nicht. „Kommt schnell mit, Euliste hat gerade ihr Kind bekommen!“

„Euliste? – Aber -“ War sie nicht stets in der Burg gewesen? Und wann war sie schwanger geworden?

Wir folgten ihr und fanden Euliste dort im Kindbett – verstorben.

„Sie schaffte es leider nicht.“ Caeryss blickte trauernd.

Asmyllis aber ließ sich am Bett nieder und nahm eine Hand der Toten. „Oh Base, was ist nur mit euch geschehen?“

Ich war bloß erstaunt, Caeryss gar entsetzt. „Base? – Aber – das ist das Kind von König Crear!“

Und wie zur Antwort fing es an zu schreien.

 

 

3. Buch

 

XI: Wie sich das Gewitter staute.

Mein Name ist Acles Tovan Mhoretoan. Ich schreibe dies in einer Zeit der Ruhe, auf dass ich es später nicht vergessen mag. Ursprünglich kam ich aus dem fernen Zardarrin, doch zog es mich fort. Von meinen jungen Jahren gibt es genug Geschichten, lasst mich nun bloß von dem Krieg zwischen A’Lhuma und Tarle berichten.

Damals nannte ersteres sich Aluma und hieß zuvor Sacaluma, doch hatte gerade ein neuer Herrscher die Macht an sich gerissen, als ich aus dem Westen heimkehrte. Das dortige Volk des Echris Sirenn sowie die Tarler waren bereits meine ewigen Freunde geworden, da wollte ich erfahren, was in meiner Heimat geschehen war. Ich wusste also nicht, was mich erwarten würde, als ich die Lande des Echris Sirenn verließ. In Badros aber hörte ich bereits schlimme Nachrichten.

Die Alumen griffen Tarle an, verkündete man, und ich musste mich zunächst erkundigen, wer denn die Alumen seien. Nachdem dies geschehen war, erfuhr ich weitere Neuigkeiten, die man sich zu erzählen wusste: Das Wüstentor Kuthaern war erobert, Gulrunn und Narrkuva bedrängt. Kämen Begghyrn und Cirmaen – und anschließend Badros – als nächstes? So gut es ging versuchte auch ich das Volk zu beruhigen, denn noch nie war Tarle erobert worden, so uneins die Festen sich auch manchmal sein mochten. Viele glaubten mir, und so zog ich weiter.

An Gulrunn vorbeiziehend sah ich bereits die Fahnen der Alumen über den Zinnen gehisst und wusste hier nichts mehr tun zu können. Das Land um die Feste war verwüstet, Dörfer geplündert und verbrannt und zahlreiches Volk befand sich auf der Flucht. Die Feste selber schien aber größtenteils weiter bestehend. Als ich mir die Stadt ansah erkannte ich, dass ein Großteil der feindlichen Armee wieder abgezogen war – nach Norden, wie mir die Bürger verrieten.

Not und Elend sah ich in der Stadt und wusste, dass ich dem Volk von Tarle helfen musste. Einige kräftige Burschen waren der Stadt verblieben, die gegen die Besatzer kämpfen wollten. Einen von ihnen kannte ich noch von früher und mit seiner Hilfe überzeugte ich auch die anderen, dass es vorschnell wäre das Schwert zu erheben. Stattdessen sollten sie die anderen Festen um Hilfe bitten und in Kampfbereitschaft versetzen, derweil ich mich entschloss in die feindliche Armee einzudringen und ihre Pläne zu erfahren.

Nach Tagen der Verfolgung fand ich den Haufen endlich lagernd vor Badern – einer alumischen Stadt. Badern schien nicht zum ersten Mal in den letzten Monden eine Armee bei sich gesehen zu haben. Volk auf der Straße erzählte von den Ängsten, dass eines Tages diese oder andere Armeen vielleicht gegen ihre Stadt und Dörfer ziehen könnten. Andere sprachen von den Vorteilen, die diese fremden Krieger ihnen bringen würden, doch waren Leute jener Art in der Unterzahl.

Die Armee war mittelgroß; vermutlich waren die größeren Streitkräfte woanders. Sie hatten sich eine Zeltstadt erbaut, die Badern an Fläche gleich kam, und sie mit flachen Erdwällen und dort hineingerammte Pfähle gesichert. Wen sie wohl schreckliches erwarten konnten, den eine solche Verteidigung abschrecken müsse? Die Wachen am Eingang waren zumindest kaum – wachsam. Ein kleiner Strom von Volk ging ein und aus: Krieger, Händler und sogar Bauern. Die letzteren mochten Nahrung und Handelsgüter bringen.

Ich weiß nicht, für was sie mich hielten, doch musterten sie mich nur flüchtig, als ich selbstbewusst das Lager betrat. Vermutlich aber sah ich für sie aus wie viele der Krieger in diesem Lager, stellte die Armee sich doch als bunt zusammengewürfelter Söldnerhaufen heraus, der keine einheitlichen Farben, Ausrüstungen oder Wappen kannte.

Einen Tag und eine Nacht verbrachte ich bei diesem Haufen. Wild und planlos waren sie gepflanzt, diese Zelte und andere Lagerstätten. Mal tummelten sich mehrere, mal nur ein Krieger vor so einem Zelt als es dunkler wurde, um ein Süppchen zu kochen. Einem dieser ahnungslosen Gesellen verdanke ich viele Worte über das Ziel des Heeres sowie sein Zelt als Schlafplatz. Wie ich dies anstellte will ich nun schildern.

In einer dunklen Hintergasse fand ich diesen Krieger wie er über einer kleinen Feuerstelle umgeben von Stoffzelten hockte. Ihn grüßend setzte ich mich zu ihm und fragte ob ich auch etwas bekommen könnte. Mich misstrauisch beäugend willigte er schließlich ein. Wahrheitsgemäß erzählte ich im Lager neu zu sein und fragte nach Neuigkeiten. Es dauerte eine Weile das Eis zu brechen, doch nachdem er mir vertraute, wurde er zum wahren Wasserfall. Von Gulrunns Eroberung sprach er und wieviel es dort zu erbeuten gab.

Der Hauptmann hatte uns verboten zu plündern und zu vergewaltigen, sprach er, doch mal ehrlich; wer könnte da widerstehen? Ich hatte viel Spaß in einem der Häuser dort!

Und dann lachte er ein dreckiges Lachen, dass mir wahrhaftig schlecht werden ließ, doch musste ich gezwungenermaßen in sein Lachen einstimmen.

Es gab also viel zu holen, sagte ich, doch wann könnte ich auch etwas bekommen?

Da tat er geheimnisvoll, doch weihte mich ein, dass das nächste Ziel Cirmaen sein würde, und dass ich dort auf meine Kosten kommen würde. Ehrlich überrascht wunderte ich mich. Cirmaen galt doch als uneinnehmbar, doch der Mann versicherte mir, dass dort angelangt eine Geheimwaffe auf das Heer warten würde. Auf meine drängenden Fragen was dies sei wusste er nichts zu antworten, also bot er mir stattdessen etwas von seinem billigen Wein und wollte auf den Untergang Cirmaens und Reichtum für uns anstoßen. Da ward ich seiner überdrüssig, schlug ihn nieder, fesselte und knebelte und versteckte ihn so gut es ging, dass eine Weile lang ihn keiner finden könnte.

Immer noch wusste ich nicht genug und ging im Lager umher, auch anderen zu lauschen. Die Söldner sprachen über für mich belanglose Dinge wie ihren daheimgebliebenen Familien und Frauen sowie über für mich abstoßende Dinge wie ihre erfolgten Plünderungen, Vergewaltigungen und Tötungen Unschuldiger, dass ich sie am liebsten sofort erschlagen hätte. Doch zügelte ich mich und vernahm auch Nützliches.

Am brauchbarsten war es hierbei eine Gruppe von Hauptleuten aus dem Dunkel heraus zu belauschen, wie sie in einem großen Zelt Besprechung hielten. Am nächsten Morgen wollten sie die Truppen in Bewegung setzen, damit es sich in Daminro mit einem zweiten Heer, in dem auch ein hoher Adliger namens Somm Orichin wäre, vereinigen könnte. Dieses Heer schien der König selbst zu führen und sofort hätte ich meine Hände an ihn gelegt, hätte ich doch nur einen Pfad in sein schwer befestigtes Zelt gefunden. So blieb aber nur den Hauptleuten zu lauschen.

Ab Daminro sollte es weitergehen gen Nordwest zum Meer, wo sie aus einem kleinen Hafen hinaus nach Narrkuva fahren wollten. Narrkuva war schwer zu erreichen, doch leicht zu erobern, so dass sie von dort über die Brücke nach Cirmaen könnten. Derweil blieb in Gulrunn nur eine kleine Besatzung, die aber bald aus dem Osten verstärkt werden würde. So hoffte ich, dass die von mir entsandten Boten die anderen Festen schnell erreichten um Gulrunn zurückzuerobern, bevor diese Verstärkung käme und entschloss mich selber nach Cirmaen zu bringen um es zu warnen.

Da keiner der Hauptleute über eine Geheimwaffe sprach und es spät wurde, legte ich mich bald erschöpft im Zelt des niedergeschlagenen Söldners zur Ruhe. Nach wenigen Stunden Schlaf erwachte ich vor allen anderen, stahl mir von der umzäunten Weide ein Reittier und entschwand gen Narrkuva. Der Weg dorthin war einigermaßen schwierig. Da Krieg herrschte gab es verstärkte Zölle und Straßenwachen, denen ich bis Daminro jedes Mal gut ausweichen konnte. Dort erblickte ich die im Schatten des Waldes lagernde Armee bereits, zigmal größer als das Heer in Badern, doch hielt dafür nicht an.

Im Dorf Maen-am-Meer war es schwer eine Überfahrt nach Narrkuva zu bekommen. Zwar herrschte hier noch kein Krieg, doch niemand wollte es wagen. Allerdings fand ich einen Fischer, der aus dem Dorf fliehen und mir deshalb sein Boot für mein Tier bieten wollte. Zwar war ich kaum das Segeln gewöhnt, doch irgendwie schaffte ich es nach Narrkuva, das sich der Gefahr noch gar nicht recht bewusst zu sein schien.

Lange versuchte ich das Volk zu warnen, doch konnten sie nicht so recht daran glauben. Und selbst wenn sie es getan hätten – Narrkuvas Schutz war das Meer, keine Mauern oder Waffen. Wenn es jemand schaffte es zu erreichen, konnte es sich nur ergeben. Also verließ ich es, eilte die Brücke entlang nach Cirmaen. Diese Feste liegt im Tal der meernahen Berge, seinen einzigen Zugang riegelt eine gewaltige Mauer ab, geschützt von Türmen und dem Meer.

Im Torhaus auf der Brücke vor der Feste tat man wie gewöhnlich seinen Dienst. Zwar war die Feste durch Nachrichten aus Kuthaern verteidigungsbereit, doch erkannten die Wächter mich noch von früher und ließen mich ein. Innen erblickte ich das Volk der Stadt, das kaum Angst aufwies, vertraute es doch auf die Stärke seiner Feste und seinen Galryrm. Diesen Galryrm aber galt zu warnen, doch – wie? Ich kannte ihn nicht, noch die Wächter zu seiner Burg und Einlass für Fremde gab es nicht. Überlegend wanderte ich durch die Stadt, bis ich diesen würfelspielenden bärtigen Hauptmann erblickte.

Als er seinen Gegner besiegt hatte, bot ich an für diesen einzusteigen und stellte mich vor. Mich erkennend freute er sich über diese Herausforderung und nannte sich selber Maraine tin Arath. Das Spiel dauerte nicht lang, hatte ich doch schnell sein Vertrauen gewonnen und ihm von der marschierenden Armee erzählt. Zwar war auch er sicher, dass die Mauern diese abhalten würden, doch stimmte er mir zu, dass der Galryrm davon erfahren müsse. Mich zur Burg bringend befahl er uns Einlass zu geben und nach Rücksprache mit dem Galryrm ließen uns dessen Leibwächter hinein.

Mallan war bereits in Cirmaen geboren und nun seit zwanzig Jahren dessen gewählter Galryrm.

So, ihr seid also Acles Tovan Mhoretoan – Maraine erzählte mir von euch, sprach er, doch ich hörte noch nie zuvor von euch – und Fremden kann man in diesen Tagen nicht trauen.

So war es also – er vertraute mir nicht. Viel Überzeugungsarbeit auf mich zukommen sehend fing ich damit an. Ich fragte nach der Erlaubnis von meinen letzten Erlebnissen berichten zu dürfen und bekam sie. Von der Eroberung Gulrunns hatte er gehört, was für ihn zwar beunruhigend, doch noch nicht fürchterlich war. Von dem Heer in Badern hörte er mit Interesse und lachte gar darüber, dass ein ’so kleines Heer‘ ganz Gulrunn bezwungen hatte. Bei der Schilderung der Armee in Daminro wurde sein Blick aber nachdenklich und als ich erzählte, was mir der Söldner in Badern gesagt hatte, sprach er dazwischen.

Ich glaube noch immer nicht, dass ein König von Sacaluma – Aluma, berichtete ich ihn – so verrückt sein könnte uns hier in Cirmaen angreifen zu wollen, sprach er. Wir haben die dicksten und höchsten Mauern und fähigsten Krieger von ganz Tarle – und stärker als Tarle ist niemand. Trotzdem will ich eure Warnung zumindest überprüfen lassen, also seid mein Gast bis meine Boten aus Narrkuva zurück sind.

Damit entließ er uns und ich musste einige Tage untätig in Cirmaen verbringen, derweil die Feinde immer näher rückten. Wäre es nicht um das mir geliebte Volk von Tarle gegangen, ich mochte mich aus dem Streit herausgehalten haben. So aber stellte mich Maraine den anderen Hauptleuten sowie seinen eigenen Kriegern vor und von allen erhielt ich die Erlaubnis, sie auf einen Angriff vorzubereiten. Der Galryrm hörte zwar davon, doch ließ mich gewähren, da selbst bloße Übungen nie schaden könnten. Viele von ihnen lernte ich in diesen Tagen gut kennen und vor allem Maraine selbst mochte ich bald mein Vertrauen schenken.

Am vierten Tag dann war es soweit, dass die Boten aus Narrkuva zurückkamen. Erschöpft und zerritten sollen sie in der Burg angekommen sein, doch verkündeten sie schon unterwegs in der Stadt lauthals, dass Narrkuva erobert worden war. Zusammen mit Maraine eilte ich mich, zum Galryrm zu gelangen. Dieser sah gram- und sorgenvoll aus.

Acles Tovan Mhoretoan… -, ihr hattet Recht, sprach dieser langsam, der wahnsinnige König will uns angreifen. Narrkuva ist bereits sein und schon schiebt er Kriegsmaschinen über die Brücke. Ich gebe an all meine Hauptleute den Befehl, die Verteidigung vorzubereiten.

Da fragte ich ehrerbietig darum, bei dieser Aufgabe mithelfen zu dürfen.

Sucht euch einen meiner Hauptleute aus, sprach er, ihr könnte euch ihm anschließen.

Und so kam es, dass ich als rechte Hand des Hauptmannes Maraine tin Arath durch Burg, Stadt und Feste eilte, alle für die Verteidigung zusammenrufend. Zwei Tage sollten uns für die letzten Vorbereitungen bleiben, bevor der Feind angriff. Und selbst das Volk der Stadt kramte seine Waffen und Bögen heraus, um im letzten Falle ihre Stadt von den Dächern ihrer Häuser aus zu verteidigen. Doch soweit wollten wir es nicht kommen lassen.

Und dann kam der Tag des Angriffs.

 

 

XII: Blitz und Donner.

Die Mauer von Cirmaen schützt Feste, Stadt und Burgen auf der nördlichen Seite vor allem, das von dort kam. Ihr einziges großes Tor führt auf die Brücke nach Narrkuva, und von dort kam die Armee von Aluma. Zuvorderst kamen auf der Brücke große Schilde, welche die Nachfolgenden schützen sollten. Hunderte von Kriegern warteten bereits in sicherer Reichweite darauf ihnen zu folgen.

Überraschend trafen Schiffe ein, von West und Ost, die auf ihren Decks weitere Kämpfer, vor allem aber Katapulte und gar Belagerungstürme trugen. Die Katapulte begannen bald auf die Türme der Mauern einzuschießen, wo die Ballisten und Schützen von Cirmaen ihr Bestes gaben, die Feinde durch Bolzen und Pfeile fern zu halten.

Und kaum dass die Schilde auf der Brücke dem Tor nahekamen sahen wir, was sie schützten: Riesige feste Rammböcke waren dort in ihren hölzernen Kästen mit Rädern, um auf das Tor niederzugehen, was auch dieses nicht für immer aushalten würde. Doch die Pfeile und Bolzen vermochten gegen diese Schilde und Dächer der Rammböcke nichts auszurichten und Katapulte gab es in Cirmaen nicht.

Während die Schiffe mit den Belagerungstürmen näher kamen und versuchten sich vor der Mauer in den Wellen zu halten, eilte ich mit einigen Kämpfern Maraines zurück in die Stadt um mit Reisigbündel gefüllte Eisenkörbe zu besorgen und sie an die Schützen zu verteilen, die nun in Brand gesetzte Stoffe an ihren Pfeilen in die Schiffe sowie auf die Böcke schießen konnten. Ein erster Erfolg wurde uns zuteil, als ein ganzes Schiff plötzlich in Flammen aufging. Leider jedoch trugen es die Wellen und die Strömung des aus den Bergen hinter uns kommenden Baches wieder aufs Meer hinaus, so dass ein neues seinen Platz einnehmen konnte.

Vom großen Westturm, der auf einer Felsspitze mitten ins Meer hinein ragt, konnte ich die ganzen Ausmaße des Feindes erkennen und es schien hoffnungslos. Rammen, Türme oder Katapulte – eins von diesem musste Cirmaen früher oder später in die Knie zwingen. Doch dann würde noch ganz Cirmaen bis zur letzten Maus kämpfen, bevor es daran dächte sich zu ergeben. So weit durfte es aber niemals kommen, weshalb ich beschloss etwas dagegen zu tun.

Der Udarwald hinter uns war bekannt für seine Tomaren und so fragte ich Maraine, ob auch Cirmaen über diese Tiere verfügen würde. Als er das bejahen konnte, ward ich sofort von Begeisterung gepackt.

Wo befinden sie sich, fragte ich ihn, und wieviele sind es?

Und er antwortete, genug um eine kleine Truppe auszuheben, doch haben wir kaum geübte Reiter für sie.

Ob genügend oder nicht, war damals nicht wichtig und so wies ich ihn, den mir Höhergestellten an, aus den Kämpfen alle Reiter zusammentrommeln zu lassen, derweil ich in der Bevölkerung nach denen suchen wollte, die wahrhaft bereit waren ihre Heimat zu verteidigen.

Volk von Cirmaen, rief ich ihnen zu, jetzt wird es sich zeigen, wer von euch wirklich seine Heimat schützen kann. Unsere größte Möglichkeit sind die Tomaren und wer diese zu reiten vermag und mir in den Kampf folgen will, möge sich nun melden!

Und tatsächlich hatten wir am Ende mehr Freiwillige als Reittiere, die in Höhlen am Hang des Tales lebten. Diesen Überschuss ließen wir die Plätze an der Mauer derer einnehmen, die mit uns gingen. Niemals könnte diese kleine Truppe von Tomarenreitern eine ganze Armee schlagen, da bewies es Maraine Recht haben zu können, doch würden wir die Möglichkeit erhalten, zumindest unheimlich Verwirrung zu stiften.

Zu mehreren Dutzend verließen wir die Höhle und alle folgten sie mir, wenngleich ich das Gefühl behielt der sich bloß am wackligsten halten zu Könnende zu sein. In einem großen Bogen flogen wir nach Westen, die Hänge hinauf und über die Mauer hinweg, hinter dem großen hervorragenden Westturm hervor. Die Überraschung gelang uns wahrhaft großartig; niemand hätte uns erwartet – und selbst einige der Schützen von Cirmaen blickten erstaunt.

Zwar vermag man von einem Tomaren aus nicht allzuviele kämpferische Kniffe anzuwenden, doch hatten einige von uns ihre Armbrüste oder Bögen dabei; wir anderen konnten zumindest uns im Sturzflug auf einzelne Gegner auf der Brücke oder den Schiffen stürzen und diese von ihrem Tun abhalten. Und damit wird auch das größte Ziel unserer wahnsinnigen Tat klar: Den Gegner verwirren und das Feuer von der Mauer ab und auf uns lenken, dass wiederum das Feuer der Mauerschützen sie vernichten konnte, bevor sie diese erreichten oder ihre Katapulte spannen könnten.

Uns allen war vorher mehrfach bewusst gemacht worden, dass die Wahrscheinlichkeit lebend heimzukehren mehr als schwindend gering war, solange wir nicht andauernd in Bewegung bleiben würden. Und so fiel einer der mir Folgsamen nach dem anderen: Mal verzettelte man sich in einem Kampf am Boden und wurde solange aufgehalten bis der tödliche Stoß oder Pfeil kam, mal war man schon in der Luft zu langsam und wurde abgeschossen, mal konnte man sich einfach nicht mehr im Sattel halten und fiel schreiend in die See. Auch mir sollte so ein Schicksal wohl nicht erspart bleiben.

Zunächst lief alles wunderbar: Als Ziel hatte ich mir die Waffenmeister an den Schiffskatapulten auserkoren und einen nach dem anderen zog mein Tier ins Wasser, nachdem wir uns auf ihn gestürzt hatten, bis viele Schiffe ohne Waffenmeister nutzlos im Wasser dümpelten. Doch plötzlich, hoch droben in der Luft, kreischte mein Tier auf dass es einem das Herz zerbrach, und mit einem Knacks fiel es mitten in der Luft leblos in sich zusammen.

Mit rasender Geschwindigkeit stürzten wir auf das Meer zu und eiligst befreite ich mich aus meinem Gürtel, dass ich nicht mit dem Tier auf den Meeresgrund gezogen werden möge. Bevor wir aufprallten, sprang ich so weit es ging von ihm fort und landete hart im Wasser. Als ich die Oberfläche wieder durchstieß und damit rang oben bleiben zu können, handelte ich mehr nach Gefühl denn nach Verstand. Vor mir sah ich in den rauschenden Wellen eines der Schiffe, dass ich so verzweifelt angegriffen hatte. Seile waren über Bord gefallen und hatten sich in der Reling verfangen, als würden sie nur auf mich warten. Ich beschloss ihre Hoffnung nicht zu zerstören und ergriff sie, um mich an Deck hieven zu können. Das Schwerste war damit geschafft.

Kaum war ich neu hinzugekommen zu dieser Deckgesellschaft, da wurde ich auch schon begrüßt. Diesen Mann ins Wasser zu stoßen war nicht schwer und ich bekam wieder eine Waffe. Danach aber war ich plötzlich allein. Scheinbar war ich nicht der einzige geladene Gast und so sah ich andere meiner Flieger, die sich hierher hatten retten können, um ihr Leben kämpfen. Mich vergaßen dabei aber dann plötzlich beide Seiten. Ich weiß nicht, wie es kam, doch sah ich mich auf einmal alleine dastehen. Das Schiff hatte bereits viele Krieger verloren und die verbliebenen beschäftigten sich mit den Angriffen der Flieger auf Deck und aus der Luft.

Mich abseits haltend gelang es mir unerkannt zum Bug vorzudringen, wo das Katapult des Schiffes befestigt war. Seine Waffenmeister waren bereits verschwunden, wohl von unseren Angriffen auf die eine oder andere Art ins Wasser gedrängt worden. Das erste Mal erblickte ich eines dieser Katapulte aus der Nähe und war beeindruckt. Etwas so großes auf ein Schiff zu bekommen musste schwer gewesen sein, da zollte ich den Alumen meine Achtung. Nun lag es aber verwaist und nutzlos dort, immer noch gespannt und auf die Mauer Cirmaens gerichtet.

Ich stand am Bug und erblickte, wie es um die Feste stand: Immer noch versuchten Schiffe mit Türmen die Feste zu erreichen, doch wurden stetig von Feuerpfeilen zurückgedrängt, derer die Verteidiger aber nicht unzählig besaßen und irgendwann deshalb aufgeben müssten. Unten am Tor hatten die Böcke dieses längst erreicht und rammten ihre Schädel gegen das Eisenholz in dem Versuch es zu knacken, was ebenso früher oder später gelingen musste. Die Pfeile von oben staken nutzlos aus ihren Dächern heraus und selbst Brandpfeile blieben nur stecken und brannten kurz, bis sie erloschen. So würden es die Verteidiger also niemals schaffen – und in diesem Augenblick kam eine Idee zu mir.

Das Katapult bot sich mir doch bereits gespannt, wartend auf seine Nutzung – warum also es warten lassen? Auf kreisförmigen Schienen befestigt konnte man es hin und her drehen, sich ein Ziel suchen. Schwer ließ es sich bewegen, doch war ich ja auch allein. Also warf ich mich so gut es ging gegen das Drehholz und schob das Katapult ein Stückchen zur Seite. Ich konnte nicht richtig einschätzen, worauf genau es nun deutete, aber gäbe es sicherlich genügend Angriffsflächen, und so löste ich einfach den Spannhebel und ließ seine Ladung fliegen.

Nicht gerade wenig staunend sah ich die Überreste der feindlichen Böcke auf der Brücke stehend, als mehrere große Steine auf sie niedergeprasselt waren. Auch die Schilde hatte es getroffen, doch sah ich von ihnen außer Kleinholz kaum noch etwas. Die restliche Bande stand nun schutzlos dem Feuer von der Mauer gegenüber und verlor daraufhin ihren Mut. Plötzlich und wie eine Meute Tiere wendeten sie und drängten zurück, dabei etliche der ihren von der Brücke schubsend.

Als ich das sah, wusste ich nicht ob Lachen oder Weinen angebracht war. Doch war es gut für die Feste, die von einem Druck erlöst sich den restlichen Schiffen zuwenden konnte. Nun stand aber auch ich auf einem solchen und meinte bald sich auf mich stürzende Krieger Alumas hören zu müssen, doch blieb alles still um mich herum, während weiter hinten auf Deck man immer noch kämpfte. Der naheste feindliche Krieger, der im Kampf mit einem abgestürzten Flieger sich befand, sah bald meine Klinge auf sich zukommen, die er nur einige Male vermeiden konnte. Zuletzt befand auch er sich im Wasser und ich war bereit mich dem nächsten zu stellen – doch was war das? – Wieder kam nicht einer auf mich zu.

Und erneut blieb ich ruhig und in Deckung, um auch keinen auf mich aufmerksam zu machen, als ich gen Hauptdeck schlich, wo sich die Brücke befand. Hier endlich fand ich Gegner, und deren gleich zwei, die auf mich eindrangen während ich die Treppe hinauf kam. Es ging hin und her, rauf und runter, dann flog der erste von ihnen neben mir ins Nass. Der Zweite rief mir Beleidigungen in seiner Sprache zu, spuckte und fluchte wie ein besessenes Weib, doch brachte dies ihm auch nicht mehr als sein Vorgänger. Endlich dann stand ich oben nah dem Steuerrad, welches der Steuermann gerade verließ, die Hände waffenlos erhoben.

Ich ergebe mich freiwillig! Rief er, doch plötzlich zuckte er herum und sprang mit großem Anlauf hinab ins Meer.

Mich über die seltsamen Alumen wundernd erlangte ich nun das Steuer für mich selbst und fühlte mich für einen kurzen Augenblick wie der König der Meere. Nie zuvor hatte ich ein Schiff steuern können und kannte mich deswegen auch kaum mit der Steuerung aus. Ich hätte gar nicht gewusst, was mit diesem Ungetüm anzufangen ist, hätte nicht eine plötzliche Bö die Segel erfasst und das Schiff vorangetrieben. Kurz vermochte ich mich noch zu wundern, warum das Schiff nicht einfach segellos ruhig vor Anker gelegen hatte, da war ich auch schon stark mit dem Ruder beschäftigt, um aus diesem Umstand noch etwas Nützliches hervorzubringen.

Voraus erblickte ich einen ganzen Haufen alumischer Turmschiffe, dich gedrängt vor der Mauer wartend, dass sich kaum eines bewegen konnte. Halb aus Willen, halb aus Unfähigkeit etwas anderes zu tun steuerte ich unser Schiff mitten dort hinein. Unter mir verharrten die Krieger langsam in ihren Kämpfen, blickten zunächst erstaunt, bevor das Unvermeidliche käme. Dieses stellte sich als großes Krachen und Rumpeln vor, als die Schiffe alle ineinander stießen, wenngleich auch Männer auf ihnen allen schrien und an Rudern ruckten.

Ich aber hatte ebenso nicht recht vor auf diesem treibenden Holz zu bleiben und tat es den anderen Kämpfern gleich, welche ich im Nass begrüßen durfte. Hinter uns aber fingen die Schiffe eines nach dem anderen Feuer, als die Brandpfeile niedergingen und sich keines mehr vor dem anderen retten konnte, selbst wenn es aus dem Zusammenstoß unbeschadet hervorgegangen war.

Nach einer Weile konnte ich mich endlich an den Hängen entlang zu einer Stelle treiben, von der ich das Meer verlassen und wieder Erde betreten konnte. Einige der unsrigen Krieger waren mir bereits zuvorgekommen. Die Tore der Feste hatten sich geöffnet um Kämpfer hinausströmen zu lassen, die nach Narrkuva zogen um die Alumen endgültig zu vertreiben.

Ich aber wurde von einigen Zurückbleibenden erkannt und feierlich in die Feste geleitet, da man bereits über meine – so oft unfreiwilligen – Heldentaten berichtet hatte. Während ich mich erholte und vom Galryrm höchstselbst belobigt wurde, focht Maraine tin Arath die letzten Kämpfe aus und kehrte nach wenigen Tagen aus einem befreiten Narrkuva zurück.

Doch damit hatte alles erst begonnen; es gab noch viel zu tun.

 

 

XIII: Die letzten Regen.

Es fanden große Jubelfeier in Cirmaen statt, als das feindliche Heer geschlagen und auch aus Narrkuva vertrieben worden war. Nachdem diesem abgegolten war, rief der Galryrm Mallan seine getreuesten Gefolgsleute sowie auch mich zu sich, um die nächsten Schritte besprechen zu können. Die Alumen schienen sich auf ihre Seite des Meeres zurückgezogen zu haben, doch hielten sie immer noch Kuthaern und Gulrunn. Zwar waren die Festen von Tarle stets einzelgängerisch gewesen, doch konnte man bisher noch nie zulassen, dass ein anderer Tarler einem feindlichen Ausländer allein gegenüberstand, weshalb sich zahlreiche Stimmen erhoben die eine Befreiung der anderen Festen forderte. Nach einigen lautstarken Gesprächen musste Mallan schließlich diesen Forderungen zustimmen.

Während in Narrkuva alles vorbereitet wurde und die Einheiten Cirmaens sich dort sammelten, erschienen eines Morgens plötzlich Schiffe, die sich schnell als die Hardens und Thalgrens herausstellten. Die anderen Festen hatten einige wenige verfügbare Einheiten abgestellt Cirmaen zu unterstützen, als sie von der Belagerung erfuhren. Sie kamen spät, doch waren wir trotzdem froh sie zu sehen, konnten sie uns doch bei der Befreiung Kuthaerns helfen. Armeen dieser drei Festen zusammen hatte man seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen, doch arbeiteten sie nun zusammen gegen einen gemeinsamen Feind.

Kuthaern war schwach besetzt zurückgelassen worden, hatte es doch auch kaum Zugang von Seiten der Alumen. Innerhalb von nur zwei Tagen hatten wir die Besatzer zum Aufgeben gezwungen, wenngleich sie noch nichts von der Niederlage ihrer Armee erfahren hatten und sich eigentlich in gut zu verteidigender Lage befanden. Von den Alumen aber hörten wir, dass sie froh waren dieses Land zu verlassen, da aus der Wüste und den nördlichen Felsentälern allerlei seltsame Lebewesen angekrochen kämen, gegen die sie sich verteidigen mussten. Maraine bestätigte mir, dass es Kuthaerns Aufgabe war, alles aus diesen Gegenden von einem Eindringen in die östlichen und südlichen Länder zu hindern. Auch mir schauderte es bei diesem Gedanken, doch waren die befreiten Kuthaerner sicher, dieser ihrer Aufgabe wieder nachgehen zu können.

So waren wir frei, dem armen Gulrunn zu helfen. Zurück in Narrkuva waren Nachrichten aus Harden und Thalgren eingetroffen, die uns nun auch in dieser Weise Glück bei unseren Unternehmungen wünschten und die weitere Benutzung ihrer Truppen gestattete, um Gulrunn zu befreien. Nichts hielt uns also auf, dieser letzten Aufgabe nachzugehen, außer – die Alumen. Der einzige Weg von Cirmaen nach Gulrunn führte entweder über gefährliche Pässe durch den Udarwald oder am Rande der Berge entlang ein kurzes Stück durch Aluma westlich an Daminro vorbei.

Wir entschieden uns trotz der Gefahr zusätzlicher Kämpfe für letztere Möglichkeit und schifften die Einheiten gen Osten, um dort an Alumas Küsten anzulegen. Hin und wieder dann stellte sich uns eine kleine Einheit Verteidiger in den Weg, doch ernsthaft kämpfen mochte niemand gegen unsere Übermacht. Daminro selbst vermieden wir so gut es ging, sahen es aber verteidigungsbereit in der Ferne liegen – und dann ging es in die Wälder, wo wir uns auf die Pfade und Straßen verlassen mussten, um uns nicht zu verirren.

Am zweiten Tag unserer Reise durch diesen Wald fiel uns plötzlich und überraschend etwas in den Rücken und Flanke, von dem wir erst später merkten, dass es teils Einheiten aus Daminro, größtenteils aber Holzfäller und Köhler aus den Wäldern waren. Verzweifelt fielen sie uns an, doch konnten sie letztlich niemals gegen uns siegen. Und so plötzlich sie gekommen, waren sie auch wieder verschwunden.

Am dritten Tage überschritten wir die unsichtbare Grenze von Gulrunn und am vierten erreichten wir dessen offenes Land. Nach weiteren Tagen Fußmarsch berichteten unsere Späher, dass wir bereits erwartet wurden: andere tarlische Armeen lagerten unweit westlich der Feste. Am nächsten Tag vermochten wir unseren Augen kaum zu trauen, als wir vor Gulrunn auf unzählige Krieger stießen, welche die Feste bereits belagerten. Aus Begghyrn und Badros waren sie gekommen uns beizustehen und die Alumen aus Gulrunn zu vertreiben.

War bereits die Vereinigung der Festen Cirmaen, Harden und Thalgren bei Kuthaern seit Jahrhunderten ohne Beispiel gewesen, so übertraf dies nun alles bisher dagewesene seit ungezählten Zeiten. Schon oft war Gulrunn in der Vergangenheit Ziel kriegerischer Streitigkeiten aus dem Norden gewesen; wir wollten dies endgültig beenden. Unsere Einheiten so lagern lassend, dass sie zusammen mit denen der anderen Festen einen Halbkreis um Gulrunn herum bildeten, traf Mallan sich mit den anderen Galryrms. Sie berieten sich den Rest des Tages und als er Abends zurückkehrte, hatte er einiges zu berichten.

Zunächst erzählte er von den Besatzern Gulrunns, die jetzt schon Wochen Zeit gehabt hatten, sich festzusetzen. Nach der Niederlage bei Cirmaen hatten sich offenbar die Reste der alumischen Armee dorthin zurückgezogen, um uns zu erwarten und ihre Stellung zu verfestigen. Gulrunn strotzte nun nur so vor alumischen Waffen, die alle auf uns vorbereitet waren. Wir würden ähnliche Belagerungs- und Kriegsmaschinen gegen den Gegner verwenden, wie es dieser vor Cirmaen getan hatte, um zu ihm vorzudringen, dabei in der Hoffnung bleibend, dass sie die Feste freiwillig freiwillig aufgeben würden. Tarler waren nicht bekannt für Grausamkeit und daran sollte sich nichts ändern.

Der Angriff fände bei Morgengrauen statt, also sollten wir alle gut schlafen. Ich würde erneut in Maraines Einheit verbleiben. Uns gehörte die Aufgabe in das Innere vorzudringen nachdem ein Tor offen oder Türme an den Mauern wären. Uns zur Hilfe standen Schützen, Ballisten, Türme, Rammen und sogar einige Tomaren. Nur Katapulte wollte man nicht verwenden, um Gulrunn nicht unnötig zu zerstören.

Statt sofort schlafen zu können sprach ich bei einem Abendessen noch mit Maraine über unsere Befürchtungen und Träume. Maraine, dessen Heimatdorf unweit von Gulrunn lag, hatte seine Verlobte dort in der Feste und damit genug Gründe sich zu sorgen, doch auch viele andere in unserem Lager besaßen Freunde und Verwandte in Gulrunn, die es zu schützen galt. Und alle sahen dem Morgen mit Ungewissheit entgegen. Nach langen Augenblicken tiefster Gedanken fiel ich mitten in der Nacht endlich in meinen Schlaf. Am nächsten Morgen weckten uns die Hörner; es blieb kaum Zeit zum ankleiden.

In den Morgenstunden machten sich die Armeen fünfer Festen auf eine sechste zu befreien. Zuvorderst kamen die Schilde, derweil ihnen Schützen Deckung gaben und die Tomarenreiter für Verwirrung unter den Verteidigern sorgten. Gleichzeitig wurden die Belagerungstürme voran geschoben, in welchen weitere Schützen sowie wir warteten, bis die Mauern erreicht wären. Die Verteidiger besaßen keine Möglichkeit unsere Türme zu zerstören und mussten so unser Nahen hoffnungslos mitansehen, derweil ihre Pfeile nutzlos im Holz der Türme steckenblieben.

Hatten wir endlich die Mauern erreicht, ließ man eine kleine Brücke herab, über die wir kriegsschreiend auf die Mauer strömten, derweil unsere Schützen diese Mauer bespickten. Die erste Reihe von Verteidigern war noch gut kampfeswillig, so dass uns nichts anderes übrigblieb. Seite an Seite mit Maraine focht ich einen Weg über die Mauer hinüber zur zweiten Mauer, nur um festzustellen, dass diese mit Gittern abgesichert war.

Während einige der unsren das Haupttor öffneten um die großen Rammen für das zweite Tor zu holen, suchten wir andere Wege hinüber in den nächsten Hof, doch fanden wir keinen. Die Rammen droschen auf das Tor ein, und die Edlen und Galryrms von Tarle selbst kamen in diesen ersten Hof, um durch das zerborstene Tor ihren Kriegern voran in den nächsten zu strömen und wir hintendrein.

Der nächste Hof aber erwies sich als Falle; es war ein langer schmaler Weg die dritte Mauer entlang. Von oben regnete es Pfeile und wir unten konnten kaum mehr tun als uns mit Schilden zu schützen. Auf ähnliche Weise ging es durch die nächsten Höfe, zwischen denen auch immer wieder Tore zu zerstören waren. Irgendwo hier muss es gewesen sein, dass ein Pfeil den Galryrm Mallan tödlich getroffen von seinem Pferd fallen ließ, doch die Krieger von Cirmaen wussten auch ohne ihren Anführer um ihre Sache weiterzustreiten.

Im fünften Hof fanden sich endlich wieder Wege die Mauer hinauf, von wo aus man endlich die ganze Eingangsburg von Gulrunn erreichte; bald war sie unser. Jetzt hätte es noch die Stadt sowie die zweite Burg gegeben, doch in ersterer hatten die Bürger sich bereits erhoben und zweitere ergab sich dann wie erhofft uns kampflos. Endlich also konnten wir die Befreiung Gulrunns feiern, doch mussten gleichzeitig über unsere Verluste trauern. Maraine dagegen fand seine Versprochene wohlerhalten und war den restlichen Tag nicht mehr aufzutreiben. Die überlebenden Galryrms, sofern anwesend, beschlossen die Alumen frei ziehen zu lassen, wenn sie dieses Land verlassen und nicht zurückkehren würden, wozu deren Anführer gerne zustimmten, schienen sie doch auch des Krieges ihres Königs überdrüssig.

Da der Galryrm von Gulrunn bereits bei der Eroberung durch die Alumen ums Leben gekommen war, hielt am nächsten Tag, mitten in den Aufräumarbeiten, das Volk bereits eine Wahl ab, den neuen Galryrm zu bestimmten. Die Truppen der anderen Festen aber zogen wieder heim, nicht ohne vorher noch auf die Unterstützungspakte und Freundschaft anzustoßen. Auch die Mannen von Cirmaen mussten jetzt heim, doch ward ihr Marsch ein Trauerzug.

Die Alumen hatten uns freie Pfade durch ihr Land zugesichert, und so wurde der tote Galryrm Mallan von dem Zug seiner Krieger begleitet durch Aluma über Narrkuva nach Cirmaen gebracht. Ab Narrkuva bewies ihm jeder Tarler, an dem wir vorbeikamen, die stille ehre und uns laute Siegesfeiern, doch war nicht allen von uns zum Feiern. Maraine tin Arath war jetzt Ranghöchster, weshalb er den Zug anführte, begleitet von anderen Edelmännern sowie mir. Er war es auch gewesen, der mich überhaupt dazu gebracht hatte mit zurück nach Cirmaen zu kommen, wo noch Überraschungen auf mich warten sollten. Dort gestaltete es sich zunächst kaum anders denn bisher, auch die Cirmaenen befeierten zugleich die Siege als auch ihren Verlust, war Mallan doch im Volk beliebt gewesen.

Am Tag nach unserer Rückkehr, nach einer langen Nacht voller Feste, wurde Mallan ebenso feierlich in den Grüften der Edelmänner Cirmaens, weit hinten im Tal, beigesetzt. Die Feste quoll über von Volk, als auch Bauern, Minenarbeiter und Förster aus dem Tal in den Ort kamen, der ihr aller Leben sicherte. Bei Einbruch der Dunkelheit führte ein feierlicher Zug von der Burg aus durch die Stadt, die Hinterburg sowie das Tal Mallan zu den Grüften hinauf; der Pfad gesäumt von unzähligen stillen Fackelträgern.

Einen weiteren Tag darauf fand die Wahl des neuen Galryrm statt. Der Gildenrat traf in seiner Burg zusammen, nachdem ihre Vertreter bereits am Vortag mögliche Anwerber vorgeschlagen hatten. Letztlich hatte auch das Volk noch eine Stimme; wer immer von genügend Einwohnern vorgeschlagen wurde, kam ebenso in die Auswahl des Gildenrates. Dessen Sprecher fragte von einem Balkon der Burg herab das Volk, wen sie vorschlagen würden, und zu meinem Erstaunen vernahm ich aus allen Ecken des Platzes laute Rufe:

Acles Tovan Mhoretoan!

Auch der Sprecher schien erstaunt und fragte das Volk:

Seid ihr sicher? Er ist ein Ausländer; kommt nicht aus Cirmaen, noch aus Tarle!

Doch das ertönende Ja nach seiner ersten Frage erstickte die weiteren Worte. So kam also auch ich mit in den Saal, wo der Rat sich über den nächsten Galryrm beriet, während ich überlegte, ob ich mich überhaupt niederlassen und das Reisen aufgeben wollte. Wir hörten jedes Wort des Rates während der Beratschlagung und überlegten schon selber, wer es werden mochte, doch Maraine war sicher, dass die Wahl auf mich fallen würde und schwor mir so oder so seine ewige Freundschaft und Ehrergiebigkeit.

Letztlich dann erhob sich der Sprecher wieder und stellte seine Frage, obwohl wir bereits alles wussten:

Acles Tovan Mhoretoan, ihr seid nicht aus Tarle, doch das Volk von Cirmaen und ganz Tarle liebt und vertraut euch. Viel habt ihr bereits für uns getan; nun fragen wir euch: Würdet ihr euer Leben den unsrigen verschreiben?

Ich hatte lange Zeit zum Überlegen gehabt und konnte schnell und überzeugt antworten.

Wenig später stellte der Rat dem Volk den neuen Galryrm von Cirmaen vor.

In den folgenden Jahren sah sich die Feste, abgesehen von einem kleinen Zwischenfall, einer Zeit des Friedens und der Ruhe ausgesetzt, was sie gut zu nutzen wusste. Von den Alumen hörten wir kaum noch etwas, bis ihr nächster König wieder um Handel mit uns bat. Der Krieg zwischen Tarle und Aluma, das sich später unter ihrem nächsten König A’Lhuma nannte, war vorbei und wir wollten alles daran setzen, dass nie wieder einer entstände.

Als wichtigsten Berater und rechte Hand erkor ich mir für diese Aufgabe meinen Freund Maraine tin Arath, der seitdem zusammen mit seiner Frau bei mir in der Burg von Cirmaen lebt.

Damit endet die Schilderung, wie ich meine Reisen aufgab und zum Galryrm erwählt wurde.

Epilog

Die letzten Seiten fügte ich meinem Bericht hinzu, da der Galryrm Acles Tovan Mhoretoan mir kürzlich eine Abschrift zukommen ließ und ich dachte, seine Worte könnten den Krieg zwischen unseren Ländern am besten schildern. Es war ein blutiger und böser Krieg, doch Crear erzählte uns stets, es sei notwendig die gefährlichen Tarler aufzuhalten bevor sie zuerst zu uns kämen. Wir in der Burg in Lurut bekamen kaum etwas von den Grausamkeiten dieses Krieges mit, doch erlebten wir Crears seltsame Änderungen, nachdem er mitten zwischen den Feldzügen wieder heimgekehrt war.

Wir hatten Caeryss nicht überzeugen können mit heimzukommen; um ihrer Sicherheit fürchtend verließ sie bald das Land, doch ließ sie das Kind von Euliste, Crears Base, bei uns, als Emmistat versprach sich um es zu kümmern. Crear kehrte heim und fand dieses Kind bei seiner zukünftig angetrauten, die niemals schwanger gewesen war. Beunruhigenderweise schien er sich dessen nicht bewusst; er kannte das Kind sofort als sein eigenes und liebte es wie ein wahrer Vater. Doch seine Anfälle von Schmerzen und Wahnvorstellungen verstärkten sich in den folgenden Jahren bloß noch, bis wir alle fürchteten seine Nähe zu suchen.

Es war eine wahrhafte Erleichterung – so muss man leider sagen – als er an einem dieser Anfälle starb – wenngleich es Gerüchte gab. Das Volk, welches ihn nicht selber gekannt hatte und hasste, sprach von einem Mord und feierte einen unbekannten Helden. Nur wenige hatten ihn wirklich gekannt wie ich und mein Schmerz war groß ihn sterben zu sehen. Niemals hatte ich einen solchen Freund gekannt und sollte es auch niemals wieder tun. Viele nennen ihn wahnsinnig, wenige von den Göttern gesandt wie er es behauptet hatte, doch ich kannte den Kern hinter den vielschichtigen Schalen.

Sein Sohn, den er Orot Crear Elorm genannt hatte, sollte sein Nachfolger werden, doch war er viel zu jung um allein zu handeln. Teule tat vieles daran, die Herrschaft über ihn zu erringen, doch schien sie keinen schädlichen Einfluss zu hinterlassen und es war eine wahrhafte Erleichterung, als sie in hohem Alter sich befindend letztlich doch noch starb.

Heute ist Orot alleiniger König. Stets war er ein braver Junge gewesen, wenngleich auch in ihm die Anlagen seiner Familie zu lauern scheinen, doch kann dies erst die Zukunft sagen. Solange jedenfalls ich Tereanv von Lurut bin, werde ich ihm mit Rat und Tat beistehen. Auch Asmyllis, wenn sie einmal vor Ort ist, versucht guten Einfluss auszuüben, doch meist ist sie auf Reisen und letztlich vor allem in Cirmaen.

Wie man sieht verbesserten sich die Beziehungen zu Tarle letztlich doch noch etwas, wenn auch viel Misstrauen auf beiderlei Seite lauert. Unter Crear kam es noch zu vereinzelten Scharmützeln, seit Orots Herrschaft ist es ruhig an diesen Grenzen.

 

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AWG92 Der Schrecken aus Nardújarnán. Lehrjahre eines Helden.

Februar 9, 2020

Andre Schuchardt

präsentiert

Der Schrecken von Nardújarnán.

Lehrjahre eines Helden.

Titelvorschläge: Schrecken aus dem Dschungel; Gefahr im Norden; Tod in der Wildnis; Der Schrecken von Nardújarnán; Die Hochfestungen von Nardújarnán; Und in Nardújarnán begann es…; Die jungen Jahre des Helden Falerte Khantoë; Die Jugend des Helden; Beginn des Endes, Die ersten Jahre eines Helden; Beginn des Krieges; Propaganda für den Widerstand; Nördliche Schatten; Das Böse; Das Böse im Wald; Das Böse im Dschungel; Lehrjahre eines Helden; Düstere Träume; Traum und Schrecken; Der Tod begann in Nardújarnán; Eine lange Reise; Einer langen Reise Mühen; Einer langen Reise Schrecken; Damals, vor dem Untergang; Todesträume; Die dunklen Seiten; Die dunklen Seiten von Nardújarnán

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Inhalt

Karten 5

Rardisonán, Omérian, Ramit, Machey, Toch-Bas 5

Nardújarnán 6

Vorwort des Herausgebers 7

Prolog 8

I: Brief an den Vater 9

II: Brief an die Schwester 13

III: Nachricht für Puidor 15

IV: Brief an die Schwester 16

V: Bericht über die Ausbildung in der Guigans Rardisonan 19

VI: Brief an die Schwester 20

VII: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“ 21

VIII: Tagebuch des Falerte Khantoë 22

IX: Brief an die Schwester 25

X: Tagebuch des Falerte Khantoë 26

XI: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“ 30

Erstes Buch 32

XII: Tagebuch des Falerte Khantoë 33

XIII: Brief an die Schwester 35

XIV: Brief an Garekh 39

XV: Tagebuch des Falerte Khantoë 41

XVI: Brief an die Schwester 44

XVII: Bericht und Bitte des Außenpostens Médyhúda an Huális. 47

XVIII: Bericht der Obrigkeit von Ejúduira an Atáces 48

XIX: Brief an die Schwester 49

XX: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘ 51

XXI: Tagebuch des Falerte Khantoë 52

XXII: Brief von Garekh an Falerte 53

XXIII: Bericht von der Zusammenkunft der Obrigkeit zu Ejúduira. 55

XXIV: Brief an die Schwester 56

XXV: Tagebuch des Falerte Khantoë 58

XXVI: Bericht von Ejúduira an Atáces 59

XXVII: Tagebuch des Falerte Khantoë 60

XXVIII: Logbuch des Kapitäns Norís 63

XXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë 64

XXX: Logbuch des Kapitäns Norís 67

XXXI: Tagebuch des Falerte Khantoë 68

XXXII: Logbuch des Kapitäns Norís 70

XXXIII: Tagebuch des Falerte Khantoë 71

XXXIV: Bericht des Caris Duimé an Atáces 72

XXXV: Tagebuch des Falerte Khantoë 73

XXXVI: Bericht des Außenpostens Huális an Atáces. 75

XXXVII: Bericht der Obrigkeit von Cabó Canguina 76

XXXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë 77

XL: Bericht des Caris Duimé an Atáces 81

XLI: Tagebuch des Falerte Khantoë 82

XLII: Bericht von Atáces an Ejúduira 88

XLIII: Tagebuch des Falerte Khantoë 89

Zweites Buch 105

XLIV: Bericht des Arztes von Camdis an Aiduido Elazar 106

XLV: Bericht der Obrigkeit von Aiduido Elazar an Ejúduira 109

XLVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 110

XLVII: Bericht von der Verhandlung in Ejúduira 114

XLVIII: Öffentliche Anschläge des ‚Bote von Tadúnjódonn‘ 116

XIL: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 117

L: Brief des Geistwächters Castaris an Geistwächter Mosíz in Elpenó 118

LI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 119

LII: Brief des Geistwächters Mosíz an Geistwächter Castaris in Atáces 121

LIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 122

LIV: Notizen des Geistwächters Castaris 125

LV: Brief an die Schwester. 126

LVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 127

LVII: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘ 133

LVIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 134

LIX: Brief an die Schwester 138

LX: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 139

LXI: Bericht des Außenposten Médyhúda an Atáces 146

LXII: Notizen des Geistwächters Castaris 147

LXIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 148

LXIV: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces 154

LXV: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë 158

LXVI: Brief an die Schwester 159

Drittes Buch 161

LXVII: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë 162

LXVIII: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘ 163

LXIX: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë 164

LXX: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘ 166

LXXI: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë 167

LXXII: Brief an Garekh 170

LXXIII: Brief an die Schwester 172

LXXIV: Brief an die Schwester 174

Epilog 177

LXXV: Letzter Brief des Falerte Khantoë 178

Hinweise des Herausgebers. 182

Anhang 183

Anmerkungen zur Zeitrechnung 183

Länder und Provinzen: 184

Städte und andere Orte 190

Sprachliches und Begriffe: 193

Topographie 195

Fauna und Personen 197

Personen: 199

Notizen 200

 

Vorwort des Herausgebers

Dies sind die gesammelten alten Briefe, Berichte und Tagebuchaufzeichnungen des Helden Falerte Khantoë aus Ayumäeh in Ramit, der vor gerade mal einer Woche ruhmreich doch traurigerweise bei der Schlacht von Illort im Kampfe gegen die Hochfestungen sein Leben ließ. Diese Sammlung zeigt, wie früh sich die Hochfestungen bereits rührten und das nicht nur in Lurruken. Zwar wussten viele bereits seit langem von ihnen, doch glaubte ihnen niemand – nun kann man nichts anderes mehr als wissen.

Falerte Khantoë war einer von diesen, die ihr Leben dem Kampfe gegen die Bedrohung verschrieben. Nun ist er gestorben und bereits die halbe Welt verwüstet. Nutzen mag dieses Buch aber noch bringen, da es mehr über die Hochfestungen aufzeigt. Dinge, von denen die Anhänger von Tól und Omé bereits seit Jahrtausenden hätten wissen müssen.

Die Veröffentlichung erfolgt unter Genehmigung von Accilla Scazi, der Mutter Khantoës, welche seine erste Reise bereits einmal veröffentlicht hatte. Natürlich glaubte auch zu diesem Zeitpunkt niemand dem Inhalt sondern sah es als Unterhaltungslektüre.

An alle die dies noch zu lesen vermögen: die Welt ist noch nicht verloren und der Widerstand hält an!

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 09.10.3999

Anmerkung: Einige der Briefe und Tagebucheinträge wurden an Stellen, welche nun wirklich nur die Betroffenen etwas angehen, gekürzt. Andere Stellen, vor allem die Tagebucheinträge, wurden der erleichterten Lesbarkeit zugute umgeschrieben.

 

 

 

Prolog

 

 

I: Brief an den Vater

Sommer 3978, Irgendwo in den Sümpfen von Emadé.

Werter Vater,

Nuref, mein Onkel, euer Bruder, und Mhadal, sein Sohn, euer Neffe, sind tot. So wirklich begreife ich dies erst jetzt. Und trotzdem verstehe ich noch nicht genau, wie es dazu kam. Nun ist das erste Mal, dass ich mich ausruhen und über alles nachdenken kann. Jetzt erst bemerke ich so wirklich ihren Verlust und was geschehen ist. Ich möchte euch schildern, wie es dazu kam, da ich hier noch nicht sobald fort kann. Die Gründe erläutere ich euch sogleich noch.

Anfangs verlief unsere Reise völlig gewöhnlich. Wir waren nach Rees in Machey gefahren um die Geschäfte zu tätigen. Im Sommer, vor wenigen Wochen, verließen wir Rees wieder. Wir nahmen den selben Weg zurück gen Ayumäeh und kamen an den Rand dieser Sümpfe.

Kurz nach Peridé, also knapp vor Beginn der Sümpfe, begegneten wir den Landwächtern. Wir hatten schon öfter Landwächter als Begleitschutz und als Führer angeheuert, doch immer nur in den Städten. Diesmal, auf dem Rückweg, hatte Nuref darauf verzichtet. Der Grund war der Übliche: sein Geldmangel. Auch meinte er, dass uns in Rardisonán schon nichts geschehen würde. Die Landwächter nun, eine Gruppe von vielleicht zwölf Leuten, trafen wir an der großen Kreuzung, an der man sich für den Weg durch die Sümpfe nach Belané oder an ihnen vorbei nach Osten, gen Rardisonan entscheiden musste. Nuref hatte letzteres vor. Doch diese Landwächter! Sie grüßten uns bei unserer Ankunft und Nuref erkundigte sich bei ihnen nach Neuigkeiten. Sie sagten, dass der Weg gen Ost versperrt sei, dass sich dort eine Bande Räuber herumtreibe. Die Landwächter würden gerade auf Verstärkung durch die Einheiten von Peridé warten, um dann gegen sie vorzugehen.

Natürlich erklärte Nuref ihnen etwas von einem wichtigen Auftrage, den er in eurem Namen ausführen müsse und dass wir es eilig hätten, einen Hafen zu erreichen, um von dort nach Ayumäeh heimkehren zu können. Die Landwächter schienen zu überlegen, sich zu beraten. Schließlich erklärten sie uns, dass wir unmöglich gen Osten könnten, aber vielleicht zurück nach Peridé und von dort nach Westen. Aber das lehnte Nuref ab – und genau das hatten sie vermutlich auch erwartet. Nuref sprach, wir müssten dann eben mitten durch die Sümpfe nach Belané; wir würden den Weg schon finden, wir waren ja schon einmal in den Sümpfen gewesen. Die Landwächter schien dies zu entsetzen. Schnell schlugen sie vor, dass die Hälfte von ihnen uns begleiten würde, zumindest durch die gefährlicheren Gebiete. Hier sprach Nuref schließlich, dass wir nicht das nötige Geld hätten, doch sie winkten nur ab und erklärten, unsere Sicherheit sei nun wichtiger.

Und so kam es, dass sechs dieser Landwächter uns durch die Sümpfe gen Belané leiteten. Oder so dachten wir zumindest, denn es kannte sich niemand von uns wirklich in den Sümpfen aus. Nach fünf Schritten hätten wir, die wir uns auf dem Meer stets zurecht finden, uns hier hoffnungslos verirrt. Deshalb fiel auch niemandem auf, dass wir allmählich von dem eigentlichen Pfad abkamen. Zu spät bemerkte Mhadal, dass wir immer weiter gen Osten statt nach Norden gingen. Da kamen sie auch schon von allen Seiten: die falschen Landwächter hatten gut drei Dutzend weiterer Banditen zur Verstärkung und fielen über uns her. Wir hatten kaum Zeit uns zu wehren. Ich schätze, ich war auch einer der Ersten, die es traf.

Es war irgendwann in der Nacht, als ich wieder erwachte. Zunächst wusste ich nicht, wo ich mich befand. Und das war nur gut so, denn es sollte mich noch Grauenvolles erwarten. Vater, könnt ihr euch vorstellen, wie schrecklich es war, als ich mich da blutbefleckt und mit schmerzendem Kopf in einem Loch voll Brackwasser wiederfand und als erstes neben mir die schwimmende Leiche meines Vetters Mhadal erblickte? Ekel, Abscheu, Furcht und gleichzeitig tiefe Trauer und Pein trafen mich. Doch zunächst floh ich einfach nur aus diesem Loch. Danach stieß ich auf die Trümmer unserer Wagen. Einige waren so stark zerstört, dass ich nicht mehr feststellen konnte, welches Teil zu welchem Wagen gehörte. Das galt nicht für unsere Leute, welche überall verstreut lagen, wo auch immer sie gerade erschlagen worden waren.

Als ich Nuref fand, kniete ich neben ihm nieder und versank in Tränen. Es verging eine ganze Weile, bis ich mich genug gefasst hatte, mir das Unglück genauer anzusehen. Bald fiel mir auf, dass einige Wagen ganz fehlten, bei anderen nur der Inhalt. Man musste sie gestohlen haben. Ebenso vermisste ich viele der Toten, vor allem die meisten unserer Frauen. Ich befürchte, man wird sie verschleppt haben. Doch hoffe ich auch, dass einige flüchten konnten und dann schon längst bei euch wären. Wenn dem so ist, dann haben sie euch vermutlich erzählt, ich sei auch tot, denn so muss es für sie ausgesehen haben. Aber so oder so wisst ihr durch diesen meinen Brief nun, dass ich lebe und auch bald zurückkommen werde.

Ich fühlte mich nach diesem unglücklichen Erwachen körperlich und geistig noch nicht sehr wohl, doch nahm ich mir genug Kraft und Zeit, die Toten zu begraben. – Ich weiß, diese Sitte gefällt dir nicht, doch wurde ich immerhin in Omérian erzogen und dort ist dies Brauch. Ich weiß nicht, woher ich all diese Kräfte nahm, doch ich ruhte mich auch nach dieser Tat noch nicht aus. Nuref hatte uns allen mehr als eindringlich geschildert, wie wichtig diese Waren in den Wagen für euch wären und dass sie unter allen Umständen Ayumäeh erreichen müssten. So durchsuchte ich die Trümmer der Wagen und ihre Umgebung – nach den Waren, aber auch nach Nahrung und Verbandszeug für mich. Enttäuscht musste ich aber feststellen, dass sich nichts von alledem finden ließ.

Zu allem Überfluss wurde es nun auch langsam dunkel und ich wusste nicht, wohin. Doch ich musste von diesem Ort fort, schon alleine für den Fall, dass diese falschen Landwächter noch einmal zurückkehren würden. Ich stolperte also eine Weile voran, darauf achtend, die Sonne links von mir zu haben, um nach Norden zu gelangen. So geriet ich allmählich tiefer in den Sumpf. Und als es völlig dunkel wurde, ließ ich mich an einem trockenen Flecken unter einem Baum nieder. Ich muss in dieser Nacht in ein Fieber gefallen sein, zumindest erinnere ich mich nicht mehr an die darauf folgenden Ereignisse.

Als ich endlich wieder erwachte, lag ich bedeckt doch entkleidet auf einer Strohmatratze. Es war eine kleine, selbstgezimmerte Hütte mit größtenteils notdürftiger Einrichtung, soviel konnte ich sehen. Es gab eine kleine Feuerstelle, einen Tisch samt Stuhl, sonst nur Strohlager wie diese Matratze auf der ich lag. Mir selber waren alle Wunden derer ich überraschend zahlreich hatte verbunden worden. Da mir wohl niemand etwas Böses wollen würde, der mich gerettet und verbunden hatte, legte ich mich bald wieder hin und schlief ein.

Ich erwachte das nächste Mal, als mir kaltes Wasser auf die Stirn getupft wurde. Es war hell im Raum; es musste Tag sein. Neben mir kniete eine Gestalt. Bald stellte sich heraus, dass es ein alter Einsiedler war. Der Mann sah aus, wie man sich einen von höheren Lebewesen entfremdetes vorstellt: wildes Haar samt Bart, behelfsmäßige, doch dem Wildnisleben angepasste Kleidung – nun, die genaue Beschreibung wird für euch nicht so notwendig sein. Die ersten Stunden sprach er nicht viel mit mir. Nachdem ich mich gut genug erholt hatte, ihn endlich mit meinen Fragen zu bedrängen, konnte ich nicht viel erfahren. Er nannte sich schlicht Puidor, also Fischer. Einst war er wohl in die Sümpfe gekommen, sich hierher zurückzuziehen, fern der anderen, um allein mit und in der Natur zu leben.

Es war vor zwei Tagen, dass ich hier aufwachte. Seitdem habe ich mit dem ruhigen alten Puidor so manch gutes Gespräch geführt, doch fiel mir letztlich ein, dass ich euch einen Brief schicken sollte, solange ich noch nicht selber abreisen kann. So schrieb ich euch diesen nun in den letzten Stunden und sollte damit auch bald zu einem Ende gelangen. Alle Einzelheiten, die für euch noch wichtig sind, könnt ihr mich dann selber fragen. Ich bin noch nicht weit genug genesen um reisen zu können, so Puidor, doch in ein paar Tagen wird es soweit sein. Er selber aber wird den Brief in die nächste Siedlung bringen, versprach er mir. Und sobald ich kräftig genug bin, gehen wir nach Belané, wo ich ein Schiff nehmen und heimkehren werde. Ich vertraue auf Puidor, auch wenn ich selten jemandem vertraue; in dieser kurzen Zeit ist er mir ein guter Freund geworden. Ich hoffe, ihn überzeugen zu können, mit heimzukehren. Vielleicht werde ich ihn euch dann vorstellen können.

Bis dahin, euer Sohn Falerte

 

 

II: Brief an die Schwester

Frühjahr 3979, Ayumäeh.

Geliebte Schwester,

seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, ist einiges geschehen. Und kaum etwas davon zum Guten. Soweit ich mich entsinne, war unser letztes Treffen im Sommer, kurz nach meiner Heimkehr aus Rardisonán, wo es das Unglück mit Onkel Nuref gab. Damals hattest du nur die oberflächlichen Geschehnisse mitbekommen. Lass mir dir erzählen, was hinter den Kulissen hier noch geschah…

Du warst dabei und wirst dich sicher noch daran erinnern, wie glücklich mein Vater zu sein schien, mich lebend wiederzusehen. Doch das war es auch bereits. Er erwähnte keinen Brief, der ihn erreicht hätte, im Gegenteil: er schalt mich, weil ich ihm nicht geschrieben hätte. Ich hatte dir ja aber erzählt, dass ich dem Einsiedler namens Puidor den Auftrag gegeben hatte. Warum hatte er es nicht getan?

Wie auch immer, bereits einen Tag später, nach deiner Abreise, fing mein Vater wieder damit an, wie froh er doch über mein Wohlbefinden sei, dass das Geschäft durch diesen Umstand weiter fortbestehen könnte. – Ja, das Geschäft! Wie immer galt sein erster Gedanke nur dem Geschäft! Dass ohne mich das Familienunternehmen untergehen würde. Nuref und das Unglück der Sümpfe schien ihm längst vergessen. Ebenso, dass ich nicht den geringsten Hang zum Unternehmertun habe. Aber auf ihn einzureden brachte da nichts, selbst wenn ich sagte, dass ich nicht fähig genug sein würde, das Geschäft erfolgreich fortzuführen. Das schien er nie zu hören. Du weißt ja, wie er ist.

Du weißt auch, dass ich mich schon immer mit anderen Dingen beschäftige und das Einzige, was mich bisher an den Tätigkeiten meines Vaters teilhaben ließ war die Möglichkeit meiner Reisen. Und nun wollte er mir auch genau das noch verbieten: Er sprach tatsächlich davon, dass ich als sein einziger Sohn und Nachfolger auf mich aufpassen müsse, dass er mich fast verloren hätte, dass ich mich – oder vielmehr die Nachfolge und das Geschäft – nicht gefährden dürfe. Er wollte mir schlicht alle Reisen verbieten und mich bald in ein dunkles Kämmerlein irgendwo im Handelshaus einsperren, wo man mich dazu ausbilden solle, das Geschäft später einmal zu führen. Stell dir das vor! Ich, eingesperrt, statt frei in der Welt!

Du kennst mich; du weißt, dass ich mir das nicht gefallen lasse und schon oft wegen Ähnlichem und vielen anderem Zwist mit ihm hatte. Doch das nun ging zu weit. Er sah mich ein paar Tage lang nicht mehr daheim, denn ich trieb mich fortan bei meinen Freunden in der Stadt herum. Ich muss dir kaum erzählen, welch gewaltigen Streit es zwischem meinem Vater und mir gegeben hatte, als ich wiederkam. Er drohte mir mit allem möglichen, vor allem aber damit, mich ein- und wegzusperren. Und anfangs unterwarf ich mich dem, brach jedoch auch schnell damit.

Manchmal glaube ich, du hast das bessere Schicksal von uns erwischt, als du unserer Mutter mitgegeben wurdest und ich das schlechtere, dass ich bei meinem Vater blieb. Wie auch immer, ich halte es nun hier nicht mehr aus! Du weißt, es gibt noch viel mehr Ärger zwischen ihm und mir und ich werde dich nicht mit dem langweilen, was du schon längst weißt. Deshalb will ich dir nun nur noch von meiner endgültigen Entscheidung berichten:

Ich gehe von hier fort. Diesen Brief schreibe ich gerade hier am Abend. Ja, es gab vorhin einen erneuten Streit; und das bloß wegen der zukünftigen Farbe des Zaunes! Vielleicht mag meine Handlung übereilt sein, doch das glaube ich dies nicht; ich habe den letzten Monat viel darüber nachgedacht. Morgen früh bei Sonnenaufgang gehe ich mit meinem spärlichen Gepäck zum Hafen. Diesen Brief sende ich dir zu, damit du weißt, was geschehen ist und handeln kannst, sollte ich dir nicht in einigen Wochen erneut schreiben. Ich selber werde ein Schiff nach Belané nehmen. In den Sümpfen werde ich Puidor suchen und zunächst bei ihm bleiben. Auch will ich von ihm wissen, was mit dem Brief damals geschah.

Was ich danach mache, weiß ich noch nicht, doch ich werde dir davon erzählen. Vielleicht komme ich euch auch mal besuchen. Wir werden sehen. Zunächst möchte ich etwas von der Welt sehen, etwas erleben!

Pass auf dich auf,

dein Falerte

 

 

III: Nachricht für Puidor

Frühling 3979, Irgendwo in den Sümpfen von Emadé.

Werter Puidor.

Mein lieber Freund. In den letzten Monaten schrieb ich viele Briefe an dich, doch sandte ich nicht einen davon ab, da sie dich vermutlich nicht erreicht hätten. Ich werde sie zusammen mit diesem Brief in deiner Hütte belassen. Genau dort sitze ich und hoffe immer noch, dass du erscheinst, während ich ihn schreibe. Die genauen Erklärungen, warum ich wiedergekommen bin, findest du in den anderen Briefen. Ich habe nun bereits eine ganze Woche auf dich gewartet, doch länger kann ich es nicht mehr hinauszögern; meine Vorräte neigen sich dem Ende.

Ich bin vor meinem Vater geflohen, da ich es mit und bei ihm nicht mehr aushielt. Ich hoffte, eine Antwort zu finden, was genau ich nun tun soll. Vielleicht hat diese Wartezeit aber bereits ihre Hinweise gegeben. In Belané hörte ich, dass sie in Rardisonan nach neuen Anwärtern suchen. Sobald ich hiermit fertig bin, werde ich dort hingehen. Ich hoffe sehr, du kommst mich eines Tages besuchen. Wir haben noch viele Gespräche, die wir fortsetzen müssen. Wünsche mir Glück, dass es mir in Rardisonan besser ergeht als in Ayumäeh. Ich werde dir nicht schreiben können aus den oben geschilderten Gründen. Melde dich.

Bis bald,

Falerte

 

 

IV: Brief an die Schwester

Frühjahr 3979, Rardisonan.

Geliebte Schwester.

wie ich dir das letzte Mal schrieb, melde ich mich hiermit wieder. Ich hoffe, es geht dir gut. Mit diesem Brief sende ich dir meine neue Anschrift, dorthin kannst du deine Antworten schicken. Wie du siehst, bin ich nun in Rardisonan. Leider alleine, denn Puidor habe ich nicht antreffen können, obwohl ich gut eine Woche in seiner Hütte auf ihn gewartet hatte. Das war vor einem Monat und obwohl ich ihm Briefe mit meinen Plänen hinterlassen hatte, ist er seitdem nicht hier aufgetaucht. Ich hoffe, er meldet sich noch. Wie du auch siehst, ist meine Anschrift die Guigans, die Blutsteine, die aber lange nicht so blutrünstig sind, wie ihr Name vermuten lässt. Lass mich dir erzählen, wie ich hierher kam:

Bei meiner Ankunft in Belané hörte ich bereits, dass man Anwärter suche. Doch hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht das Verlangen, einer zu werden. Mein einziges schwaches Ziel im Geiste war die Besichtigung fremder Länder – und die Abschüttelung des Jochs meines Vaters. Insofern wusste ich eigentlich auch überhaupt nicht, was ich in Rardisonan nun tun sollte. Ich konnte mich gerade noch so dorthin durchschlagen, doch ab Rardisonan selber stand ich bar aller Mittel da. Ich betrat also die Stadt und hatte die Schwierigkeit, mir Geld oder Nahrung oder Arbeit – oder alles zusammen – zu besorgen. Es war Mittag an dem Tag an dem ich ankam und meine letzten Vorräte hätten nur noch bis zum Abend gereicht. Und Geld hatte ich in meiner maßlosen Dummheit bei meiner Flucht von Daheim nicht genug mitgenommen. Ich verbrachte den ersten Tag mit der Suche nach Arbeit für Geld, Nahrung oder Unterkunft, lernte dabei bereits einen Teil der Gassen und Kanäle der Stadt kennen, vor allem aber die Unfreundlichkeit einiger ihrer Einwohner: teils wurde ich beleidigt, teils trat man gar nach mir. Natürlich machten das nur die wenigsten und vermutlich hatte ich die Falschen gefragt, doch in Ayumäeh wäre mir dies wohl nie geschehen.

Natürlich fand ich den Tag nicht was ich suchte, wie du dir denken kannst, und verbrachte bald die Nacht in einer Scheune, die ich unverschlossen fand – und aus der ich morgens sehr unfreundlich wieder herausgeworfen wurde. Damit begann dieser Tag bereits sehr vielversprechend, doch vor allem sollte es dabei nicht bleiben. Denn mittlerweile stand ich ohne Nahrung da und all meinen Bemühungen zum Trotz sollte ich auch an diesem Tag keinen Erfolg haben.

Du weißt, ich bin verwöhnt, ich gebe es zu. Immer gewohnt etwas zur Verfügung zu haben und nicht viel dafür tun zu müssen, waren diese Umstände sehr schnell sehr unangenehm für mich. Es war gerade erst Nachmittag und schon plagte mich aufs Schlimmste der Hunger. Als ich dann auch noch zufällig auf den Marktplatz gelangte, dort ein unermessliches Gedränge herrschte und sich die Gelegenheit ergab… – nun, ich will es nicht ausschreiben, ich schäme mich zutiefst für diese Tat, dass ein Händler – nein, mehrere Händler – sich zuweilen über den Verbleib ihrer Waren wundern mussten. Ich schwor mir aber schnell, es ihnen wieder gut zu tun und mittlerweile arbeite ich auch bereits daran. Wie auch immer, auf diese unredliche Weise schaffte ich es mich für einige Tage durchzuschlagen. Doch dass dies nicht die Lösung sein konnte, war mir schnell klar.

Da sich nach einer Weile immer noch nichts besseres ergab, nicht einmal die kleinste einfache Arbeit für mich und ich nun schon öfter in die Nähe der Guigans gekommen war, tat ich bald den letzten vernünftigen Schritt: Eines Morgens fragte ich am Haupttor der Guigans, wo und wie ich mich einschreiben könne. Der Torwächter wies mich hinein, wo ich gleich am Eingangshaus in einem kleinen Zimmer dem wachhabenden Hauptmann, einem Jinn, vorstellig wurde, welchen ich nun stetig sehen soll, denn er leitet auch die Ausbildung.

Der Jinn hielt ein längeres Gespräch mit mir. Warum ich mich melden würde, was ich erwarten würde, wie es wirklich sein würde und was es mir bringen könnte. Letztlich unterschrieb ich, mit dem Ziel, nach der Ausbildung meine Zeit in einer Guigans zu verbringen – etwas anderes wurde nicht angeboten. Mittlerweile bin ich gar nicht mehr so sehr ein Gegner der Kampfkunst wie früher noch. Ich erhielt ein Zimmer, meine Ausrüstung, mehrmals täglich Mahlzeiten und so fort. Dafür musste ich noch gleich am selben Tag an der Ausbildung teilnehmen. Unser Kampfausbilder war und ist ein Caris namens Duimé – ein dunkler Mann in seinen besten Jahren mit der für die Armee unverkennbaren Mischung aus halblangem Haar und Kinnbart –, der uns seitdem täglich körperliche Betätigung lehrt. Hierbei nahm er auf mich als Anfänger kaum Rücksicht, doch habe ich es irgendwann geschafft, zu den anderen aufzuschließen. Und ich wage zu sagen, dass ich mittlerweile mit zu den Besten in der Ausbildung gehöre. Zumindest hat der Jinn mir das gesagt, denn der Caris Duimé ist immer nur hart und fordernd zu uns. Vermutlich gehört das halt zu seinen Aufgaben. Ein Krieger namens Miruil, der schon länger hier ist, hilft mir manchmal bei den Übungen. Die anderen sind größtenteils seltsam, so vor allem dieser düstere Mann namens Couccinne.

Nun, ich muss jetzt aufhören, wir haben hier einen täglichen Briefdienst, der bald aufbrechen wird. Ich hoffe auf Antwort von dir. Was ist nun in Bezug zu deiner Vermählung? Vielleicht würde ich es schaffen, zu kommen. Und was gibt es weiterhin Neues? Hat sich Vater schon gemeldet? Lass ihn nicht wissen, wo ich bin!

Dein Falerte

 

 

V: Bericht über die Ausbildung in der Guigans Rardisonan

09. 03. 3979, Rardisonan.

Hiermit wird berichtet über den Fortschritt der Ausbildung in der Guigans Rardisonan. Wie angefordert besonders bezüglich der Einsatztauglichkeit.

In den vergangen Monaten haben sich genug Lehrlinge als für den Einsatz tauglich erwiesen. Hervorheben möchte ich hierbei besonders die Leistungen der Kämpfer Muiril Enfásiz y Calerto, Oljó y Becal, Couccinne Carizzo aus Amacco in Omérian und Jimmo, der seine Herkunft aber nicht klar macht. Einige haben länger gebraucht, andere sind erst seit wenigen Wochen bei uns.

Im Ganzen haben also wir gut zwanzig brauchbare Kämpfer, welche sich auch für Hinterlandeinsätze eignen. Der Großteil davon stammt nicht aus Rardisonán. Viele haben eine zwielichtige Vergangenheit oder verraten sie erst gar nicht. Dies entspricht den gestellten Anforderungen. In Nardújarnán werden sie leichter zu beherrschen sein als im umkämpften Rinuin oder hier in der Heimat, wo sie Unheil anrichten könnten. Sie werden als für die Überfahrt und den anschließenden Einsatz in Nardújarnán tauglich befunden. Dreißig weitere sind nutzbar für den Einsatz auf Schiff oder in einer Guigans. Abschiffbarkeit zum Ende des Monats wird erwartet.

Der Bericht über vertrauenswürdigere Anwärter für Rinuin und die Kolonien in Acalgirí folgt in wenigen Wochen.

Anbei Einschätzungen und weitere Angaben zu den einzelnen Anwärtern, soweit vorhanden und bekannt.

(Siegel der Guigans von Rardisonan)

 

 

VI: Brief an die Schwester

Sommer 3979, Rardisonan.

Geliebte Schwester,

ich schreibe dir in Eile, denn es ist etwas geschehen. Ich weiß nicht warum und man hat auch nicht allzu großartig mit uns darüber gesprochen, doch wir werden nun versetzt. Nicht alle von uns, doch ganze fünfzig immerhin. Darunter auch Männer wie Miruil und Couccinne, von denen ich dir schon das letzte Mal schrieb. Vorgestern trat man an uns heran und sagte uns, was man mit uns vorhätte, und in weiteren zwei Tagen reisen wir dann auch schon ab. Widersprüche waren nicht möglich. Seit unserem Eintritt und der Verpflichtung für zumindest einem Jahr wäre dies Verrat gewesen.

Der Caris Duimé teilte uns die Neuigkeiten beim Frühstück mit. Ich saß neben Miruil und Oljó y Becal, als der Jinn zu uns hinaus in den Hof kam, wo wir zusammen saßen. Duimé tat, als müsste es uns allen eine große Ehre sein, was er uns zu verkünden hatte. Nun, ich will dich nicht weiter mit Spannung foltern: man sendet uns alle ins ferne Nardújarnán. – Ja, richtig, ins nördliche Land der gewaltigen Wälder, Flüsse, Berge und Ebenen, wo angeblich wirklich alles größer ist. Duimé sagte uns schlicht, dass dort am dringendsten noch Nachschub an neuen Kämpfern gebraucht würde und wir deshalb dort benötigt werden. Die nächsten Tage werden wir mit Vorbereitungen verbringen müssen. Uns wurde verboten, in dieser Zeit noch Briefe zu schreiben oder Besuch zu empfangen.

Puidor ist bisher immer noch nicht erschienen und wird es wohl auch nicht mehr. Ich hoffe, es geht ihm zumindest gut. Und ebenso dir. Sobald ich irgendwo angekommen bin, schreibe ich dir. Zu deiner Hochzeit kann ich nun natürlich nicht kommen, doch unser Schiff wird sicherlich an Touron vorbeikommen. Sollten wir anlegen und Ausgang erhalten, könnte es sein, dass ich in ein paar Tagen überraschend vor deiner Tür stehe, also kurz nach Ankunft dieses Briefes. Ich hoffe sehr darauf, dich wiederzusehen, auch wenn ich unserer Mutter lieber aus dem Weg gehen würde. Nun muss ich aufhören, man versucht uns noch in Windeseile alles Nötige beizubringen, was wir über Nardújarnán erfahren müssen. Ich hoffe nur, unsere Vorgesetzten wissen, was sie tun.

Dein Falerte

 

 

VII: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“

11. 05. 3979, An Bord der Sturmwind.

Die ersten Tage der Überfahrt verliefen gut. Der Sommerwind ließ uns schnell vorankommen und wir konnten auf Zwischenhalte verzichten. Kurz nachdem wir an Touron vorbei waren, gerieten wir in starken Seegang. Viele der angeblich seetüchtigen Kämpfer, die unsere Ladung darstellen, hängen seitdem grün über der Reling! Wie soll das erst werden, wenn wir den Sund von Omér durchschiffen müssen?

Immerhin aber scheinen die meisten derer, die nur als für den Landeinsatz tauglich gemustert wurden, sich auf hoher See doch recht gut zu machen. Haben diese Leute da in Rardisonan überhaupt einen Hauch Ahnung von dem, was sie tun und wie sie ihre Aufgaben zu erledigen haben? Sobald wir in Almez ankommen, werde ich mich beschweren. Diesen Bericht schicke ich bei unserem nächsten Halt zurück nach Rardisonan.

Herr, der ihr dies lest, sprecht ein Wort in der Guigans! Im schlimmsten Falle könnte es noch zu Todesfällen an Bord kommen bei solch schlampiger Musterung!

Amerto y Cajál an Bord der „Sturmwind“

 

 

VIII: Tagebuch des Falerte Khantoë

16. 05. 3979, An Bord der Sturmwind.

Ich beginne dieses Tagebuch, meine zukünftigen Erlebnisse festzuhalten. Auch mag es mir als Gedächtnisstütze für spätere Zeiten dienen. Gestern durchfuhren wir den Sund von Omér. Seit unserer Abreise haben wir in keinem Hafen mehr gehalten. Meine Schwester sah ich so leider nicht. Auch hatte ich mir heimlich erhofft, vielleicht Ccillia in Touron zu sehen. Doch das wäre vermutlich nicht gut gewesen. Die Lage an Bord ist schwierig, will ich meinen. Der Oberste Seewächter Amerto, Herr dieses großen Schiffes, zeigt sich mehr als ungehalten über uns. Warum nur? Vielen der Männer, die die See nicht gewohnt sind, ging es eine Weile reichlich schlecht. Amerto gibt die Schuld dafür uns und dem Jinn in Rardisonan. Zugegeben, mehr als einer hier hatte nicht die Wahrheit bei der Musterung gesagt. Amerto belohnt dies mit Strafen. Auch sonst scheint es nicht sehr förderlich zu sein, soviele Menschen auf einen Haufen zu sperren. Fast täglich kommt es zu Zwist und Zank. Braucht der Mensch so sehr seine Freiheit, dass er sie sich erkämpfen muss, sobald er sie bedroht sieht? Amerto scheint uns nicht als würdig anzusehen. Ich habe Gerüchte gehört, dass wir Halkus anlaufen werden, die Hauptstadt Omérians, wo er die ihm Unangenehmen über Bord werfen will. Ich kann nicht einschätzen, wie hoch der Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte ist, doch glaube ich kaum, dass er dies tun wird, denn die Beziehungen zwischen Omérian und Rardisonán sind – soweit ich weiß – bestenfalls gespannt. Auf jeden Fall aber ist es unübersehbar, dass Amerto uns nicht mag. Aber zumindest ich habe es geschafft, mir halbwegs Anerkennung bei ihm zu holen, als ich bei den Aufgaben der Seemänner an Bord helfen konnte. Leider müssen wir wohl zwangsweise mit ihm auskommen: Halkus werden wir sicherlich anlaufen, ist dies doch der letzte Hafen, bevor wir eine lange Weile auf hoher See verbringen müssen. Das bedeutet mehrere Wochen in diesen Umständen leben. Und auch wenn es zweifelhaft ist, dass wir diesen Amerto und seine Seewächter nach dieser Reise jemals wiedersehen werden, stelle zumindest ich mich lieber gut zu ihm und halte auch die anderen an, es mir gleich zu tun.

Am schwersten war dies mit Miruil. Miruil, der kleine Kämpfer aus Calerto, der so stolz auf seine braunen Locken ist und einer etwas wohlhabenderen Familie entstammt, ähnlich wie ich. Miruil allerdings bildet sich etwas mehr auf seine Abkunft ein. Seit seiner Kindheit, so erzählte er, ist er es gewöhnt, andere herumzuscheuchen und nicht, selber herumgescheucht zu werden. Doch er folgt bedingungslos den Anweisungen eines Vorgesetzten, denn diese Befehle vermag er als für sich gültig anzusehen. Dafür sah er es nicht ein, den Anweisungen und Hinweisen eines einfachen Seemannes zu folgen und als genau dies schätzte er die Seewächter ein – höchstens noch als zu ihm gleichberechtigt, nicht aber als vorgesetzt. Und so geschah es eines Tages, dass ein armer Seewächter ihm einen Säuberungsbefehl gab und Miruil, von einer leichten Seekrankheit schon genug geplagt, geriet darüber mit ihm in Streit. Letztlich gingen der ruhige Couccinne und ich dazwischen und konnten schlimmeres verhindern, doch musste Miruil sich später vor Amerto rechtfertigen und erhielt zur Strafe zwei Tage Einzelhaft. Vielleicht gar nicht so ein schlimmes Schicksal, müssen wir restlichen uns doch alle zusammen drei große Gemeinschaftsschlafhallen teilen – die Seewächter schlafen bei dem guten Wetter sogar auf Deck.

Einen weiteren Vorfall gab es mit Oljó. Dieser neigt ja sehr zu Glücksspielen, doch diesmal hätte er es vielleicht sein lassen sollen. Ich weiß nicht, ob wirklich er es war, der beim Spiel betrogen hatte. Wie auch immer, es kam zum Streit und zu Gerangel und endete damit, dass Oljó nun eine neue kleine Narbe über dem Auge hat. Zum Glück erstattete niemand Bericht, sonst hätte er wie Miruil bald Einzelhaft gehabt. Und welch Licht würde das auf uns alle werfen, wenn bereits zwei in Einzelhaft wären?

Ja, wir haben hier schon eine hübsche Truppe. Es dürfte noch lustig werden, sobald wir ernsteren Gefahren ins Auge sehen müssen. Aber ob das jemals geschehen wird? Nun, immerhin untereinander halten die meisten gut zusammen, auch wenn ich einige der Leute – und gerade Oljó – nicht wirklich leiden kann. Dafür sind andere dabei, mit denen ich mich schon besser verstehe. Doch so wirklich trauen kann ich hier wohl niemandem, werde und sollte ich wohl auch nie. Viele kamen aus ähnlichen Gründen wie ich damals in die Guigans: die reine Not. Einige waren ohne Bleibe, so zum Beispiel der kleine rothaarige Kämpfer Zalím – und auch ich. Andere waren abenteuerlustig und wollen etwas erleben, so der gute Miruil, der seiner Familie überdrüssig war – und wieder auch ich. Weitere waren Diebe oder Verbrecher und auf der Flucht oder auf der Suche nach neuen Möglichkeiten – oder gar von einem Gericht zum Kriegsdienst abgeurteilt worden, so auch unser unglücklicher Dieb Oljó. Bei den meisten weiß ich aber überhaupt nicht, woher sie kommen oder warum sie hier sind. Ein gutes Beispiel dafür ist Jimmo. Ich habe mehrmals versucht mit dem großen, ergrauten Hünen zu reden doch stets verneint er es, etwas über seine Herkunft verraten zu wollen. Ich weiß auch nicht so recht, was ich über ihn denken soll. Er spricht nicht viel mit uns, doch bisher bot sich auch kein Grund zu größerem Misstrauen – gerade deshalb traue ich ihm aber auch nicht.

Aber ich werde sehen, was die nächsten Wochen bringen. Couccinne brachte mir gerade die Nachricht, dass wir Halkus anlaufen und wohl die Nacht über dort bleiben und Vorräte beziehen werden. Dann werde ich auch sehen, ob er tatsächlich noch jemanden des Schiffes verweist. Zumindest Couccinne meinte, dass wir die Nacht über Freigang erhalten würden. Ich werde diese Zeit noch einmal nutzen. Couccinne warnte mich auch, dass sie jeden hart verfolgen, der versuchen würde, sich aus dem Dienst zu stehlen. Wollte er damit etwa sagen, dass er sich dies bei mir vorstellen könne? Das wäre eine gewaltige Frechheit von ihm!

Ah, ich sehe die Lichter der Stadt! Wie schön sie doch ist.

 

 

IX: Brief an die Schwester

17. 05. 3979, Halkus.

Geliebte Schwester,

ich schreibe dir hiermit eine nur schnelle und kurze Notiz aus Halkus. Ja, richtig, wir sind in der Hauptstadt deines Landes! Aber nur kurz und nur um Vorräte aufzunehmen. Heute Mittag bereits geht es weiter, dann sind wir bis zu vier Wochen auf hoher See, bevor wir den nächsten Hafen erreichen. Gestern Nachmittag erst kamen wir hier an.

Es geht mir gut, doch gestern geschah etwas. Einer der Männer, ein kleiner Kerl namens Zalím, verschwand in der Nacht. Wenn er bis zu unserem Aufbruch nicht wieder erscheint, wird er für vogelfrei erklärt. Ich frage mich nur, was diese Strafe für ihn hier, in einem fremden Land, schon für Bedeutung hätte. Wie dem auch sei, ich hatte Zeit mir Halkus anzusehen. Eine beeindruckende Stadt habt ihr da, alt und schön, doch auch ruhig. Hügel, Meer und Wald – was will man mehr?

Ich werde dir Abschriften meines Tagebuchs mitschicken, damit du über das was mir so geschieht unterrichtet bist. Ich werde deshalb versuchen dort möglichst verständlich zu schreiben. Leider muss ich nun aufhören. Grüße deinen Gemahl und viel Glück euch beiden!

Dein Falerte

 

 

X: Tagebuch des Falerte Khantoë

01. 06. 3979, Irgendwo auf Hoher See unfern von Nardújarnán.

Es ist etwas Schreckliches geschehen. Lass mich dir erzählen. Zwei Wochen sind vergangen seit unserem letzten Landaufenthalt. Welches der nächste Anlauf ist, wissen wir nicht, doch wird es irgendwas in Nardújarnán sein. Es ist jedem spürbar, dass viele nicht mit diesem langen Aufenthalt auf See auskommen. Auch der immer gleiche Ablauf von Aufstehen, Essen, Kampfübungen, Essen, Schlafen, Aufstehen, … tut seinen Teil, uns alle zu zermürben. Darum kann ich auch mir selber nicht ganz trauen, was die Geschehnisse von gestern Nacht betrifft, doch will ich meine Erinnerung hier trotzdem festhalten.

Es war mitten in der Nacht, als mich ein Druck auf der Blase erwachen ließ. Nachdem ich diesem Bedürfnis nachgekommen war, gelangte ich auf meinem Rückweg an einem der hinteren Laderäume vorbei. Seltsame Geräusche ließen mich da neugierig aufhorchen. Ich lauschte an der Tür und vernahm seltsames Summen und unverständliche Worte. Schon da hatte ich ein ungutes Gefühl und Besorgnis beschlich mich. Ich überlegte kurz, einen Seewächter zu benachrichtigen, doch unterließ es dann. Wenn die Ursache des Geräusches sich als harmlos herausstellen sollte, würde man mich sonst wohl auslachen oder ob der Störung bestrafen. Also öffnete ich vorsichtig die Türe, um meine drängende Neugier endlich befriedigt zu sehen. Glücklicherweise öffnete sie sich fast lautlos. Im Raum stapelten sich die Kisten, so dass man zunächst überhaupt nichts sah. Doch hörte ich die Worte nun lauter, aber weiter nicht wirklich verständlich.

Ich schloss die Tür hinter mir möglichst leise, bevor ich mich vor wagte. Der Raum war erwartungsgemäß stockfinster, doch tastete ich mich an den Kisten entlang, um Ecken und Biegungen und durch enge Gassen. Recht schnell bemerkte ich, dass ich allmählich die Umrisse der Kisten erkennen konnte. Das lag aber nicht an meiner Gewöhnung ans Dunkle, sondern an dem Umstand, dass es heller wurde. Das unverkennbare Flackern von Feuer drang zu mir vor. Und nach der nächsten Biegung sah ich es.

Ich hatte mich etwas zu weit vorgewagt und ging wieder in Deckung, doch lukte um die Ecke. Ein Mann war dort. Erkennen konnte ich ihn nicht so richtig. Er kniete mit nacktem Oberkörper neben einer großen Kiste, nur ein Bart fiel auf seine Brust. Auf der Kiste lag der Körper eines anderen Mannes. Der Kniende hatte sich und den Liegenden mit Zeichen bemalt, die ich nicht erkennen konnte, und hielt einen Dolch in der Hand. Kerzen flackerten, aufgestellt um die Kiste. Scheinbar war ich gerade zum Höhepunkt erschienen. Ich verstand nur Fetzen von dem, was er murmelte.

„…auf diesem Schiff seien verdammt! In Nardújarnán finden sie ihren Tod durch die Hände meiner Herrn! Für Šamrek! Für Ašckhir! Für Axabula!“

So oder so ähnlich sprach er und summte und wiederholte einige andere, mir unbekannte Wörter und dass wir alle sterben würden, dass er den Liegenden opfern und dadurch Macht von jemanden oder etwas aus Nardújarnán erhalten würde – kurz gesagt: Es war als befände ich mich mitten in einer der schlechten Abenteuergeschichten von Nuosan Deleau. Als er mit seiner Rede und seinem Gesang fertig war, hob er den Dolch sowie seine andere Hand über den sich nicht rührenden Mann, umklammerte mit beiden Händen den Dolch und stieß ihn herab. Wenn der Mann nicht bereits tot gewesen war, dann wäre er es ab diesem Stoß. Bemerkenswerterweise hielt der Mörder an dieser Stelle aber nicht an sondern zog sogleich den Dolch wieder heraus. Langsam drückte er die Schneide quer über seinen eigenen Brustkorb, bis das Blut floss. Doch sich selber brachte er nicht um.

An dieser Stelle dann bevorzugte ich es, schnell den Rückweg anzutreten. Um dabei leise bleiben zu können, war ich aber doch alles andere als schnell. Danach stahl ich mich in den Schlafsaal – doch schlafen konnte ich kaum noch.

Wer war das? Was hatte er da gemacht? Wen hatte er da umgebracht? Ich wagte es nicht, zu einem Seewächter zu gehen, erwartete ich doch, dass es im Laderaum bereits aufgeräumt gewesen wäre und man mir dann nicht glauben würde. Und zugegebenermaßen war ich vor allem viel zu verängstigt und verstört, nun noch einmal aufzustehen. Ich spüre es ja jetzt noch in meinen Knochen. Welch Gräuel!

Erst am nächsten Tag verspürte ich den Drang, mich mitzuteilen und dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Nach dem Mittag nahm ich zu diesem Zweck Miruil zur Seite und schilderte ihm, was ich meinte beobachtet zu haben. In seiner Abenteuerlust war Miruil stets etwas leichtgläubig in seiner Bestrebung oder Hoffnung glauben zu dürfen und etwas Aufregendes zu finden und wollte deshalb sogleich mit mir das Ganze überprüfen gehen. Ich selber war zu aufgeregt, doch auch überrascht, dass meine vermutlich sehr abgehackt klingenden Worte ihn überzeugen konnten. Da wir nach dem Essen nur knapp eine halbe Stunde Zeit für uns selber hatten, nutzten wir diese, um zu dem betreffenden Laderaum hinabzusteigen. Niemand begegnete uns und den Laderaum fanden wir unverschlossen vor. Ich scheute mich hineinzugehen und ließ Miruil den Vortritt, bevor ich schließlich folgte. Dort unten war es immer noch mehr als dunkel, doch durch die zahlreichen Ritzen in Wänden und Decke immerhin schwach erleuchtet. Das, was wir fanden, war wenig aufregend – wir fanden nämlich nichts.

Miruil war offensichtlich kurz davor mich für verrückt zu erklären in seiner Enttäuschung – zumindest waren das im ersten Moment meine Gedanken. In Wirklichkeit sagte er aber, dass der Mörder die Leiche wohl bereits über Bord geschmissen und alle Spuren beseitigt hätte. Ich dankte ihm innerlich für sein Wohlwollen. Vielleicht könnte ich mich ja doch noch auf ihn verlassen.

Als wir uns wieder auf den Weg gen Deck machten, um den Übungen beizuwohnen, kam uns Couccinne aufgeregt entgegen: Man hatte Zalím, der ja seit Halkus vermisst wurde, aufgefunden. Er lag tot in einer Vorratskiste, deren Inhalt dem Abendessen hätte dienen sollen. Zalím schien noch nicht lange tot zu sein, ermordet durch einen Stich ins Herz. Aufgeregt platzte Miruil mit dem hervor, was ich ihm erzählt hatte und schilderte, was wir gerade getan hatten. Couccinne blieb ruhig, sagte uns, dass Amertos Seewächter nach Spuren und Hinweisen suchen würden, während Miruil auf mich einredete, dass ich mit Amerto sprechen müsse. Letztlich ließ ich mich zu diesem zerren.

Amerto war ungehalten darüber, dass ich des Nächtens durch das Schiff gewandert war, doch vergaß dies über meine Geschichte recht schnell wieder. Ich war mir nicht sicher ob er mir glaubte oder mich für den Mörder hielt, doch gab er meine Beschreibung des Täters an seine Seewächter weiter. Leider hatte ich jedoch kaum mehr zu beschreiben, als dass er nun wohl eine Wunde quer über der Brust hätte und einen Bart trug. Amerto tat das Naheliegendste und ließ alle an Bord daraufhin untersuchen – doch nichts ließ sich finden. Amerto sprach zwar davon, dass der Mörder von Bord gesprungen sei, doch ich dachte daran, dass er mir nun wohl nicht mehr glauben und mich bald beschuldigen würde. Doch zunächst ließ er noch einmal überprüfen, ob jemand fehlen würde – Doch natürlich war dem nicht so.

Das war also vor zwei Tagen. Bis gestern wurde die Stimmung an Bord mehr als sehr gespannt. Einige sagten mir offen, dass sie mir nicht glauben würden, andere fingen an, alle möglichen anderen Verdächtigungen heranzuziehen und wieder andere vermuteten, dass Zalím sich selbst umgebracht hätte und dass ich spinnen würde. – Warum auch immer er sich dann in die Kiste hätte legen sollen oder wie auch immer er bereits tot den Dolch hätte verschwinden lassen können. Zumindest war das Vertrauen an Bord nun nicht mehr das stärkste.

Gestern Abend dann sah ich den Mann wieder. Ich war von allen Pflichten zeitig befreit worden und machte einen einsamen Spaziergang über das Vorderdeck, wo sich zu diesem Zeitpunkt niemand außer mir aufhielt. Jedenfalls dachte ich das. Denn sogleich sah ich eine Gestalt am Bug stehen. Wie in der düsteren Nacht zuvor stand der Mann da, mit entblößtem Oberkörper. Das Mondlicht umriss die frische Wunde. Er stand ruhig da und blickte auf das Meer. Ich selber wusste nicht, was ich tun solle. So stand ich nur starr und erschrocken. Und dann wandte der Mann seinen Kopf und zum ersten Mal erblickte ich sein Gesicht, das bärtige Gesicht. Und immer noch bin ich mir sicher, dass ich mich geirrt haben muss. Das konnte nicht sein. Nein! Warum sollte es Puidor sein? Ich muss einem bösen Traum aufgesessen sein. Vielleicht träume ich ja immer noch?

Der Mann sprach nicht. Stumm sah er mich an. Ich erkannte immer noch das Gesicht Puidors doch eine Stimme tief in mir drinnen sagte mir, dass er es nicht sein könne, nicht sein dürfe. Der Mann mit Puidors Gesicht aber ohne dessen Gefühl, ohne ein Erkennen in den Augen sah mich nur finster und wie tot an.

„Ihr seid alle verdammt in Nardújarnán zu sterben!“ sprach er schließlich mit unmenschlich wirkender Stimme.

Dann ließ er sich rücklings die Reling herabstürzen. Kein Geräusch kam auf, weder vor noch nach dem Sturz. Erschrocken riss ich mich aus meiner Starre und lief zur Reling, doch in den dunklen Fluten erkannte ich nichts. Erst später kehrte ich völlig verstört in den Schlafsaal zurück, als alle bereits in ihren eigenen Träumen waren. Niemandem habe ich seitdem davon erzählt, glaube ich doch mir selber nicht. Denn als er stürzte, sah der Mann nicht mehr aus wie Puidor. Oder bildete ich mir nun das nur ein?

Das war also gestern. Die anderen suchen immer noch nach einem Mörder. Sollen sie ruhig, ich werde sie nicht davon abhalten. Vielleicht irrte ich mich ja doch. Ich hoffe sehr, dass dem so ist. Was uns wohl in Nardújarnán erwarten wird? Ängstlich blicke ich in die Zukunft…

 

 

XI: Bericht des Obersten Seewächters Amerto an Bord der „Sturmwind“

02. 06. 3979, An Bord der Sturmwind.

Dieser Bericht ergeht an den befehlshabenden Richter von Atáces. Morgen erreichen wir Abajez, von wo er weitergeleitet werden wird.

Werter Herr, Seltsames geschieht an Bord meines Schiffes. Ein Mann wurde tot aufgefunden. Darüber werde ich auch die Leitung der Seewächter in Panguino unterrichten, doch das Folgende muss an euch gehen. Wir können keinen Mörder ausfindig machen. Ein Krieger der Einheit welche wir hier verschiffen und die für Abajez bestimmt ist, schildert zwar ihn gesehen zu haben doch entspricht kein Mann an Bord dieser Beschreibung. Auch sonst verhält dieser Kämpfer sich eigenartig. Er sollte beobachtet werden; ich traue ihm nicht. Dies gehört zweifellos in euren Zuständigkeitsbereich. Die Einheitsnummer ist AB-1007. Soweit mir bekannt ist, soll die andere Hälfte der Krieger an Bord nach Atáces versetzt und von dort ins Hinterland geschickt werden. Vielleicht wäre dies eine gute Möglichkeit, den Knaben loszuwerden. Sein Name lautet Falerte Khantoë.

Oberster Seewächter Amerto.

 

 

Erstes Buch

XII: Tagebuch des Falerte Khantoë

04. 06. 3979, Abajez

Es sind gerade einmal zwei Tage vergangen seit meinem letzten Eintrag. Und doch ist bereits wieder einiges geschehen. Gestern Mittag erreichten wir den Hafen Abajez. Wir sind also in Nardújarnán! Und noch leben wir, trotzend allen Drohungen…

Wir waren bereits zwei Nächte zuvor an der ersten Landzunge Nardújarnáns vorbeigekommen, wie ich erfahren habe. Das war die Nacht, in der ich der Puidor-Gestalt auf dem Vordeck begegnet bin. Ob er es nun wirklich war oder nicht – vielleicht war er an der Stelle von Bord gefallen um das Land erreichen zu können. Soviel zu meinen ganzen Überlegungen. Auch habe ich mir gedacht vielleicht ein Reisebuch zu verfassen. Grundlage dazu könnten meine Tagebucheinträge werde. Ob das jemand lesen würde? Na vermutlich wird es nie dazu kommen…

Abajez ist die westlichste Stadt von Nardújarnán, in der man nicht nur Krieger eines Außenpostens in der Wildnis findet, sondern eine richtige kleine Stadt mit richtigen Bürgern. Uns wurde erneut erlaubt den Abend über an Land zu gehen. Abajez wirkte vertraut und fremd zugleich. Vertraut, da die Siedler größtenteils aus Rardisonán stammen und abgesehen von ihrem seltsamen Dialekt, dem Toljúepa, wie aus Rardisonan oder Belané kommend wirken, Städte, die mir schon vertraut sind. Fremd war die Stadt wegen ihres eigenwilligen, andersartigen Baustils und der fremden Landschaft. Dies ist nicht zuletzt schließlich einfach nicht Rardisonán, Ramit oder Omérian. Abajez liegt in der Provinz Galjúin, einer zerklüfteten Mischung aus Berg- und Meerland mit etlichen Buchten. Der größte Fluss dieser Landen ist die Mijalar (oder Mijalaría im Toljúepa). Der Name ‚Kalte Wasser‘ geht darauf zurück, erzählte man mir, dass der Fluss größtenteils ein reißender Gebirgsfluss ist. Erst am Ende seiner Reise beruhigt er sich. Dort, was auch für große Schiffe wie unseres befahrbar ist, liegt denn Abajez. Auch die umgebende Landschaft ist die flachste und ruhigste von ganz Galjúin. Als westliche Stadt ist sie zwangsweise der erste Anlaufpunkt für Schiffe aus dem Westen und die Bürger sind gut auf diesen Umstand eingerichtet. Zahlreiche Händler und Kneipen erwarteten uns bereits im Hafenviertel.

Während wir uns vergnügen, so erfuhren wir erst heute, lud das Schiff erwartungsgemäß neue Ladung. Dazu gehören auch weitere Reisende gen Ost, weitere Krieger, die mit uns fahren. Dafür war für zehn von uns hier das Ziel ihrer Reise. Sie dienen nun bereits in der Guigans von Abajez. Wir anderen werden weiterfahren; wie uns gesagt wurde nun ohne erneuten Halt bis zu unserem Ziel, der Stadt Almez.

Heute morgen bereits legten wir ab. Ich sitze hier auf dem Vordeck. Die grauen Gipfel von Galjúin ziehen an uns vorbei. So ähnlich muss Nirza aussehen, nur kälter und nicht so warm wie dieses nördliche Land. Selbst der Wind auf See ist warm..

Couccinne ruft…

 

 

XIII: Brief an die Schwester

12. 06. 3979, Almez

Geliebte Schwester,

endlich finde ich Zeit, dir wieder einmal zu schreiben. Vor wenigen Tagen gelangten wir an unserem Ziel an: Die Stadt Almez in Nardújarnán. Unsere Reise verlief größtenteils ruhig, bis auf wenige Unstimmigkeiten in der Besatzung und einem Vorfall: Ich schicke dir eine Abschrift des Tagebucheintrages mit, der dir erklärt was ich meine. Darum nun, bevor ich anfange diese für mich neue Welt dir zu schildern, meine Bitte an dich: Lies den Eintrag und lass bitte für mich in Rardisonán nach Puidor suchen, wie ich ihn dir beschrieben hatte. Ich muss wissen, was mit ihm ist. Es hat allergrößte Wichtigkeit!

Nun lass mich dir aber diese wunderbare fremde Welt schildern. Seit einigen Tagen fahren wir an der Küste von Nardújarnán entlang und zum zweiten Mal legten wir nun an. Das erste Mal in Abajez im Lande Galjúin. Dieses sieht aus, wie man sich Nirza vorstellen würde, nur wärmer als selbst in dessen wärmsten Wintern. Genau genommen selbst wärmer als es bei euch ist: Der Sommer liegt schon fast hinter uns, doch sogar wir Nordländler schwitzen noch in der Sonne. Galjúin also war ein zerklüftetes Bergland, durchbrochen von zahlreichen unregelmäßigen Buchten und dafür Berge, die bis in das Meer hinein reichten. Zahlreiche Wäldchen schmückten diese Berge.

Almez dagegen liegt im Lande Tadúnjodonn an einer weitläufigen Bucht, die ihren Namen trägt. Tadúnjodonn (und wieder kann ich mich nur auf das berufen, was mir erzählt wurde), eine wohl eher ländliche Gegend, gehört zum Hauptteil Nardújarnáns, zum Herzen, dem Teil, welcher der restlichen Welt allgemein besser bekannt ist doch immer noch nicht dem Bild gereicht, dass man so von Nardújarnán hat. Almez ist eine ruhige Hafenstadt. Das Land hier ist nur leicht hügelig, dafür soll es jenseits dieser Hügel in eine weite Ebene auslaufen, die Ebene von Atáces, in welcher die Stadt gleichen Namens liegt, die Hauptstadt von Tadúnjodonn. Dieses Herz Nardújarnáns soll auch der am dichtesten bewohnte Teil des Landes sein. Es beginnt mit Galjúin und reicht über Tadúnjodonn lediglich bis ins Nachbarland – und das, wo Nardújarnán doch mehr als doppelt so groß ist! – das meiste ist halt noch kaum erforscht. An den Rändern von Nardújarnán findet man im Westen die Gebirge, im Norden die weiten Wälder und Flüsse, in Süd und Ost das Meer. Und hier, im Herzen Nardújarnáns selber, die Flussländer im Westen, das Bergland von Galjúin, die Gebirge an der östlichen Küste, gen Norden die Flüsse, Seen und Wälder und hier im Süden und Südosten die weiten Ebenen, welche den gewaltigen Lauf des Tajazi, des großen Stroms, umgeben.

Du siehst, ich bin begeistert von diesem Lande, und das, obwohl ich bisher nur zwei Städte und etwas Küste gesehen habe. Doch glaube ich nicht, dass es mich hier lange halten wird und tatsächlich habe ich bereits Gerüchte vernommen, die besagen, dass man Teile von uns bald erneut versetzen will, diesmal nach Atáces. Ich frage mich, warum man das sollte. Atáces ist hierzulande das, was Rardisonan im Westen ist: die Hauptstadt der Krieger. Von dort aus werden die meisten Handlungen der Armee gesteuert. Nun, ich werde ja sehen. Jedenfalls habe ich mich gestern bereits bei der Briefstelle erkundigt, als ich eine Nachricht für Garekh – erinnerst du dich an ihn? – aufgab und mir wurde gesagt, selbst wenn wir einmal versetzt werden sollten, kann unsere Post weiterhin nach Almez gesendet werden, von wo man sie dann weiterleitet.

Der Mann in der Briefstelle war übrigens ein Eingeborener dieser Lande. Man sieht einige von ihnen in den Straßen; sie haben sich den Toljiken hier gut angepasst. Doch mir wurde gesagt, es gibt auch noch viele von ihnen draußen in ihren alten Dörfern, mit ihren alten Sprachen und Bräuchen. Die Toljiken unterstützen sie teilweise in einigen Belangen, andererseits kümmern sie sich nicht viel um sie. Die meisten Stämme in Nardújarnán – die noch nicht weit entwickelt zu sein scheinen, was wohl daran liegt, dass die gewaltigen Berge alle Landreisen aus dem Westen wie beispielsweise Irlost verhindern – dulden ihrerseits die Toljiken auch wie Nachbarn auf ihrem alten Land. Ich kann mir das irgendwie kaum vorstellen. Aber andererseits sind die Toljiken hier schon etliche Jahre und wer weiß, wie es anfangs war. An den Grenzen der Länder jedenfalls, draußen in den dichten Wäldern, sollen die dort Lebenden den Toljiken weniger gut gesinnt sein. Couccinne meint, er traue den Eingeborenen nicht; dass sie sich eines Tages auflehnen und sich rächen würden – Miruil würde sich darauf wohl freuen.

Ich muss dir auch noch etwas über die anderen erzählen. Du weißt, ich vertraue Menschen weder leicht noch schnell. Bei vielen dieser Männer mag Misstrauen auch mehr als angebracht zu sein. Die meisten derer, mit denen ich bisher am meisten zu tun hatte, habe ich dir bereits geschildert: den nüchternen Couccinne, den abenteuerlustigen Miruil, den geheimnisvollen Jimmo und den gefährlich wirkenden Oljó. Doch lass mich dir nun von zwei weiteren erzählen.

Zuerst unseren alten Ausbilder aus Rardisonan, den Caris Duimé. Der Caris kam mit uns nach Nardújarnán. Er redet nicht wirklich mit uns, hält sich eher abseits – so wie er mir in der Ausbildung vorkam, am ehesten aus Überheblichkeit. Nun ist er aber unser Vorgesetzter und Truppenleiter, hier in der Guigans Almez auch unser weiterer Ausbilder. Klarkommen muss man also mit ihm. Aber es war schon eine Überraschung, ihn am ersten Tag unserer Ankunft bei den abendlichen Übungen plötzlich wieder als tonangebend anzutreffen, war er mir doch an Bord des Schiffes irgendwie nie aufgefallen. Sehr seltsam.

Der Zweite von dem ich dir berichten möchte, ist Scaric-tar-Garshan aus Toch-Bas. Scaric ist ein lebensfroher Mann mittleren Alters, mit dunkler Erscheinung – wie die Leute aus Toch-Bas halt sind. Sein Körper ist groß und schlaksig, doch zeigt er sich in den Übungen als sehr gewandt. Wenn man mit ihm spricht, hängt der Blick unwiderstehlich schnell fest an seiner beeindruckenden Hakennase. Zwar habe ich aufgrund seines starken Akzents stets Schwierigkeiten ihn zu verstehen, doch macht sein Witz und seine freundliche Art dies schnell wett. Stets frage ich mich, ob sich nicht doch etwas Schlechtes hinter seiner Art verbirgt. Auch wollte er nicht darauf eingehen, warum er ausgerechnet zur Armee des Nachbarn seines Heimatlandes gegangen ist, sondern winkte bei dieser Frage nur mit der Bemerkung ab, dass seine Heimat zu klein und friedlich sei und man, um Abenteuer erleben zu können, schon Seefahrer werden oder zur toljikischen Armee müsste. Doch so recht glaube ich ihm nicht, dass dies seine einzigen Gründe seien. Scaric ist neu bei uns seit wir Abajez verließen. Er ist bereits seit zwei Jahren in Nardújarnán und kennt sich hier also noch am besten von uns aus.

Das war es erstmal zu diesen Bereichen. Ich werde versuchen, dir mit diesem Brief einige Samen einheimischer Pflanzen mitzuschicken, weiß ich doch, wie sehr du dich dafür begeisterst. Versuche sie anzubauen und berichte mir die Ergebnisse. Und wie verläuft deine Ehe bisher? Was macht Mutter? Und hast du in letzter Zeit Ccillia mal wieder gesehen? Wie geht es ihr und was macht sie? Ja, ich möchte es doch wissen.

Jetzt muss ich aufhören. Für heute habe ich frei und mir einen Einheimischen angeheuert, der mir die Umgebung der Stadt und vor allem den wunderschönen Strand zeigen soll. Solltest du je auf Reisen gehen, musst du ihn dir unbedingt ansehen! Wenn es hier schon so aussieht und es solch wundersame Tierarten gibt, wie mag es dann wohl erst im Landesinneren sein? Ich muss die Gelegenheit mir dies anzusehen nutzen, bevor wir doch noch versetzt werden. Ich werde versuchen Zeichnungen von allen meinen Begegnungen anzufertigen, die ich dir das nächste Mal mitschicke.

Dein Falerte

 

 

XIV: Brief an Garekh

12. 06. 3979, Almez

Werter Freund,

ich schreibe dir aus einem wichtigen Grund, doch habe ich keine Zeit, dir ausführlicher zu schreiben. Vielleicht ist mir dies ein andern Mal möglich; ansonsten wende dich diesbezüglich an meine Schwester, die bestens über meine letzten Erlebnisse unterrichtet ist. Lass mir dir nur kurz erklären, dass ich seit meiner Flucht bei der Armee von Ojútolnán gelandet und hierher nach Nardújarnán versetzt worden bin. Antworten kannst du hierher an die Guigans von Almez senden, unabhängig davon, wo im Lande ich mich dann befinde. Es gehen auch schon Gerüchte um, dass wir versetzt werden sollen.

Nun aber meine Anliegen. Erstens: Ich hatte dir doch von dem Einsiedler Puidor erzählt. Seltsame Dinge sind geschehen, weshalb ich wissen muss, was mit ihm derzeit ist. Du wolltest dieses Jahr doch noch mehrmals nach Rardisonán und Machey reisen. Ich hoffe sehr, dass dir ein Zwischenhalt möglich wäre. Im Anhang möchte ich dir den Weg sowie eine Beschreibung Puidors schildern. Es geht mir nur darum zu wissen, wo er sich aufhält und was er macht. Den Grund muss ich dir ein andern Mal erklären. Oder siehe folgenden Punkt. Zweitens nämlich sende ich dir Abschriften meines Tagesbuchs mit. Behalte sie bitte bei dir. Sollte mir je etwas geschehen, lege sie meinem Vater vor. Vielleicht erklären sie einiges. Ein einzelner Brief an ihn ist auch dabei. Die Tagebuchseiten kannst du gerne lesen, um über mich unterrichtet zu sein, den Brief lasse bitte in Ruhe.

Wenn du dies alles tust, stehe ich noch mehr in deiner Schuld als schon zuvor. Nun muss ich aber aufhören, unser Ausbilder ist ein Ekel von einem Mann. Aber vielleicht kann man gerade seiner Härte besser vertrauen als den vielen aufgesetzten Freundlichkeiten anderer. Wir sind hier alle Flüchtlinge, Abenteurer und Männer ohne Vergangenheit. Wem darf man da schon trauen? Trotz der Geselligkeit fühle ich mich einsam. Vielleicht liegt das daran, dass ich mir selber nicht vertrauen kann. Nun lasse ich dich aber mit diesen düsteren Gedanken in Ruh. Wie geht es dir und deiner Familie? Wie steht das Geschäft? Handelst du immer noch mit diesem Pack von Schwarzseepiraten und denen von Noctsce? Pass auf dich auf! Ich traute diesem Gesindel noch nie. Irgendwann werden sie noch unser aller Untergang sein. Doch damit meine ich nur unsere Heimat Ramit. Der Untergang der Welt könnte etwas ganz anderes sein. Lies einfach das Tagebuch. Vermutlich sind es nur Hirngespinste. Finde Puidor!

Dein Freund Falerte.

 

 

XV: Tagebuch des Falerte Khantoë

24. 06. 3979, Guijúlon

Die Gerüchte haben sich bestätigt. Nur etwas mehr als eine Woche waren wir in Almez, als der Versetzungsbefehl kam. Nun sind wir auf dem Weg nach Atáces. Jegliche Leichtigkeit, mit der wir bisher befördert wurden, ist vergessen. Ab sofort marschieren wir zu Fuß in Reih und Glied, die ganze lange Straße von Almez bis Atáces. Unterwegs, so hatte ich bereits gewusst, gibt es nur wenige Dörfer, ein paar Herbergen und lediglich einen einzigen Außenposten der Armee: Guijúlon, benannt nach dem kleinen Bach an dem er liegt, mit dem roten Sand an seinem Grunde. Dort befinden wir uns nun. Die eine Hälfte des Weges liegt hinter, die andere noch vor uns. Bisher schliefen wir immer auf dem nackten Boden, mit unseren Rucksäcken als Kopfkissen. Hier in Guijúlon bekommen wir für eine Nacht zumindest Platz auf Strohlagern. Ich muss schon sagen, ich kenne Besseres. Selbst auf den Handelsreisen mit Nuref hatten wir Feldbetten und Zelte dabei. Zumindest aber hat es hier bisher noch nicht einmal geregnet. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es bis Atáces so bleiben wird, und was dann wohl geschehen mag? Es ist warm in diesen Landen, teilweise schon zu warm.

Guijúlon ist ein kleiner Außenposten, nur Zwanzig sorgen hier für den Schutz der gesamten weiten Umgebung. Doch scheint es auch nur wenig Schützenwertes zu geben. Eine feindliche Armee kann man hierzulande nicht erwarten und mit kleineren Räuberbanden kommt der Außenposten schon zurecht, bei größeren würde er Hilfe kommen lassen. Zwanzig Kämpfer – damit sind die Dreißig von uns, die hier heute angekommen sind, also in der Überzahl. Doch auf genau sowas ist der Außenposten auch ausgerichtet: Reisende zwischen Atáces und Almez aufnehmen und beschützen. Es ist uns also mehr als genug Platz geboten, doch davon nur wenig zum Schlafen. Andere Außenposten in Nardújarnán haben andere Größen und Zwecke, stets aber den Schutz von Nardújarnán zum Ziel.

Einige von uns kommen wesentlich schlechter mit den Umständen zurecht als ich. Miruil zum Beispiel. Er beklagte sich bereits bei den Hängematten auf der Sturmwind, dies nun scheint ihm zuviel zu werden. Beschweren würde er sich seit Amerto und seiner Einzelzelle aber wohl nicht mehr. Andere haben sich bei dem langen Marsch schnell Blasen an den Füßen geholt, obwohl uns vorher gezeigt wurde, wie wir unser Schuhwerk zu behandeln hatten – doch wir haben uns noch nie wirklich großartig über weitere Entfernungen bewegt. Dies ist nun also unsere Bewährungsprobe. Der Caris Duimé ist immer noch unser Leiter, benimmt sich aber weiter wie unser Ausbilder. Vielleicht ist das auch so geplant? Dass er uns nun alles beibringt, indem wir es ausüben? Nun stehen jedenfalls Übungen im Wildnisleben und der Heilkunst an.

25. 06. 3979, Guijúlon

Die Nacht liegt nun hinter uns. Duimé hat uns alle überrascht. Bisher hatte er sich immer abseits von uns gehalten, doch gestern Abend setzte er sich zu unserer Gruppe ans Feuer. Drei größere Feuerstellen gab es im Lager für uns sowie die Besatzung des Außenpostens, welche verstreut bei uns saß um Neuigkeiten und Klatsch auszutauschen. An unserem Feuer waren etwa zwölf Mann, darunter Miruil, Couccinne, Scaric, Jimmo und natürlich ich. Scaric, Miruil und der Lece Commosha Dacealus unterhielten gerade die gesamte Gruppe mit einem Streitgespräch über die Frage des besten Weines. Plötzlich stand Duimé neben uns, seiner Rüstung entledigt doch noch in Tracht wie wir alle, einen Schlauch Flüssigkeit in der Hand – da verstummten alle. Als er auch noch fragte, ob noch Platz für ihn an diesem Feuer sei, erwartete ihn Schweigen, das schnell peinlich wurde. Commosha war der Erste, der sein Erstaunen beseitigen und Duimé auffordern konnte, sich zu setzen. Er wählte den Platz zwischen mir und Scaric, da er bereits zwischen und hinter uns stand. Nach der Starrheit des ersten Erschreckens eilten wir uns, ihm Raum zum Sitzen zu geben. Sobald Duimé saß, begann Commosha ihm zu erzählen, worüber sie sich soeben gestritten hatten. Duimé überraschte jeden, indem er sofort etwas Passendes dazu beitragen konnte, das alle Beteiligten genug in Erstaunen zu versetzen vermochte, dass sie ihren Streit darüber vergaßen. Duimé wandte sich augenblicklich an mich um ein Gespräch mit mir zu beginnen und die Anderen vergaßen seine Anwesenheit bald.

Ich war erschrocken darüber, dass er mich ansprach – und ich wundere mich noch immer über das, was er fragte. Was weiß er, was will er? Er fragte mich aus über die Geschehnisse an Bord der Sturmwind, über die seltsame Nacht bis hin zur Flucht der Puidor-Gestalt. Als uns allen Vorgesetzter hatte er an Bord das Recht auf eine eigene Kabine gehabt und war nur selten an Deck gekommen, da er leicht seekrank werden würde, so erklärte er. Deshalb hätte er kaum etwas von den Geschehnissen mitbekommen, abgesehen von den Berichten Amertos. Doch selbst als sein Wein mich lockerer werden und meine Angst teils vergessen ließ, konnte ich ihm kaum Neues erzählen. Mein Misstrauen war noch stark genug. Ich habe niemandem von meinen Gedanken und Befürchtungen berichtet, außer in meinen Briefen an Garekh und meine Schwester. Wenn ich heute daran zurück denke, frage ich mich, warum Duimé sich so sehr für diese Geschichte interessiert hatte. Verdächtig war sein Verhalten schon.

Wie auch immer, an irgendeiner Stelle unterbrach der schon gut angetrunkene Scaric unser Gespräch – oder Verhör? – und Duimé, der zu diesem Zeitpunkt auch schon einiges getrunken hatte, lies sich in ein neues verwickeln. Ich nutzte diesen Moment, um mich für diesen Abend zum Schlafen zurückzuziehen. Doch zuvorderst wanderte ich noch zur Mauer des dunklen Außenpostens, die Landschaft draußen zu beobachten. Duimé hatte mich verstört.

Es scheint sich etwas geändert zu haben seit gestern Nacht. Viele aus unserem gestrigen Kreis gehen etwas vertrauter mit Duimé um. Ich kann nicht behaupten, dass mir dies gefällt. Und ich hoffe, er weiß das nicht. In einer Stunde gehen wir los. Ich warte auf den Abmarschbefehl. Wieder tagelang durch die Steppe laufen.

 

 

XVI: Brief an die Schwester

29. 06. 3979, Atáces

Geliebte Schwester,

nun sind wir endlich in Atáces. Die Reise war mühsam und lang, und das, obwohl wir eine der am besten ausgebauten Straßen des Landes nutzen konnten. Ständig überholten uns Karren, Wagen und Reiter. Einer davon muss deinen Brief mit sich getragen haben, denn er erwartete mich hier bereits. Sorgen musst du dir also nicht machen. Auch wenn mir von der langen Reise immer noch Beine und Füße schmerzen, sonst geht es mir gut. Es freut mich auch zu hören, dass es dir gut geht. Ich bin mir auch sicher, dass du nichts von mir verraten wirst, wenn du meinen Vater besuchst. Die Geschichte von eurem Gärtner dagegen klingt reichlich seltsam. Bist du dir dessen wirklich sicher? Das wäre ja was! Kaum auszudenken! Außerdem danke ich dir für deine Bemühungen, auch wenn du nichts über Puidor erfahren konntest. Vielleicht bringt dir da deine geplante Rückreise über Rardisonán ja wirklich Erkenntnisse; auch wenn ich diesbezüglich schon Garekh um eine Überprüfung gebeten hatte, von deiner Reise will ich dir hiermit natürlich nicht abraten. Und du bist sicher, Ccillia nicht finden zu können?

Lass mich dir noch kurz meine Reiseeindrücke von diesen fremden Landen schildern, bevor ich endgültig in einen langen, erschöpften Schlaf falle. Wir waren also für Tage auf dieser sich ewiglich hinziehenden Straße von Almez nach Atáces unterwegs und bekamen nur auf der Hälfte des Weges einmal eine halbwegs richtige Unterkunft; doch dies schildert dir dann die Abschrift meiner Tagebucheinträge. Sonst hatten wir nur unsere Rucksäcke und Umhänge, doch dies reichte aus, da es hier außergewöhnlich warm ist zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nur einmal gerieten wir in einen Regenschauer, wir mussten ihn ertragen und wurden später von Duimé unerbittlich dazu angetrieben, während ihm auch zu schlafen. Zumindest zeigte uns ein einheimischer Führer aber, den wir dabei hatten, dass wir auf hohen Steinflächen trockener schlafen könnten als im Matsch und wie wir die großen Blätter einiger seltsamer Farne als Regenschutz nutzen könnten. Überhaupt die Pflanzen! Selbst der kleinste Strauch erscheint mir größer als unsere Pflanzen. Einige wenige Bäume mit interessanten Früchten sahen wir und Sträucher mit Beeren. Doch ist das Land der Ebene von Atáces noch recht spärlich besiedelt im Vergleich zu den Wäldern des Nordens, so unser Führer. Auf der Ebene zeigten sich meist unterschiedlich lange Gräser, die Bäume liegen in kleineren Ansammlungen beisammen. Richtige Wälder wie bei uns daheim sah ich bislang kaum. Doch östlich der Strecke Almez-Atáces liegt eine niedrige Gebirgskette, an deren Fuß die Strecke entlang führt und bemerkenswerterweise sammeln sich dort vor allem die größeren Pflanzen.

Die größten Tiere dagegen findet man in der Ebene. Ich kann gar nicht alle Tierarten beschreiben, da hier vollkommen andere leben als bei uns, sieht man von denen ab, die man hergeschifft hatte. Erinnerst du dich, wie wir als Kinder davon träumen, ein Possel (oder Pojél) zu haben, nachdem wir Geschichten darüber gehört hatten? Ich sah gleich eine ganze Herde! Ich beschreib sie dir noch einmal. Die Bullen sind fast so groß wie zwei Männer, ihre Vorder- sind länger als ihre Hinterbeine, weshalb sie einen Buckel haben. Dieser wird von einem Kranz halblangen Haaren umgeben, sonst ist das Tier nur kurzhaarig. Wir sahen einige Bullen im Wettstreit wohl um ihre Weibchen. Ihre dicken Schädelplatten, die kurzen Hörner und mannslangen Stoßzähne nutzten sie zum Kampf. Andere Tiere sahen sie, wie sie mit ihren Hörnern die Steppe nach Gras umgruben und dieses mit ihren kurzen Rüssel aus dem Boden rupften. Unser Führer bestätigte meine Vermutung der Begattungskämpfe indem er auf den großen Hautlappen am Bauch der Tiere deutete, der bei den Männchen zu dieser Zeit bunt gefärbt war. Auch wenn sie meist friedlich waren, machten wir lieber einen Bogen um die zur Paarungszeit gereizten Bullen. Hier in Atáces sah ich gleich die nächsten, nun aber als Lasttiere.

Atáces selbst liegt mitten in der Ebene. Eine große Festung beherrscht ihre Erscheinung, derweil die Stadt selber um sie herum und für Augen wie unsere ungewohnt schutzlos ohne Mauer dasteht. Doch wozu auch eine Mauer in einem Land, wo sämtliche anzutreffenden Einheimischen friedlich sind? Zwar gibt es immer mal kleinere Aufstände und streunende Räuber, doch diese zu vertreiben reicht die Festung allemal. Besonders, da Atáces Hauptsitz sämtlicher Abteilungen der Armee von Nardújarnán ist. Alle Befehle kommen von hier, alle Berichte kommen hier an. (Derweil übrigens die Flotte ihren Sitz in der kleinen Stadt Elpenó in Galjúin hat und die Herrschaft Nardújarnáns in ihrer Hauptstadt Ejúduira im Osten sitzt.) Ich sah lediglich viele Zäune in den Vororten von Atáces, um Tiere fernzuhalten. Doch diese meiden die Toljiken schon von selbst, nicht zuletzt auch deshalb, weil gerne Jagd auf sie gemacht wird. Atáces ist eine hübsche Stadt, doch wirkt sie auf mich zu jung, zu geplant, zu – sauber. Das bin ich nicht aus unseren alten Städten gewöhnt. Die Bürger der Stadt sind Abkömmlinge der Siedler und Abenteuerer, die einst in dieses Land kamen und wirken ebenso fremd wie die Stadt selber. Nicht nur die Kleidung ist hier anders.

Noch hat man uns nicht gesagt, ob wir jetzt endgültig hierbleiben werden. Interessant wäre es sicherlich schon, dürften sich hier doch viele nette Ausflüge ergeben. Aber nun fallen mir fast die Augen zu. Ich habe mit Miruil, Couccinne, Scaric und noch zwei anderen zusammen ein Zimmer in der Festung mit drei Stockbetten. Endlich wieder ein Bett! Sogar einen kleinen See gibt es im Bereich der Festung in welchem es uns erlaubt ist sich zu waschen, auch gibt es eine Waschküche für unsere Kleidung. Unermessliche Annehmlichkeiten nach diesen letzten anstrengenden Tagen!

Dein Falerte

 

 

XVII: Bericht und Bitte des Außenpostens Médyhúda an Huális.

04. 07. 3979, Médyhúda

Vor einer Woche trafen wir erneut auf diese Wesen aus den Wäldern. Eine kleine Gruppe von ihnen begegnete unseren Kundschaftern. Nur zwei von ihnen gelangten wieder lebendig zurück zu uns. Dank ihnen wissen wir, dass es dieselben Wesen waren, die uns schon eine Woche zuvor überraschend angegriffen hatten. Damals haben wir sie noch zurückschlagen können. Mehr wissen wir aber immer noch nicht über sie. Sie sind weder Menschen noch Eingeborene, uns zahlenmäßig weit überlegen. Zwar sind sie scheinbar nur mit rückständigen Waffen ausgestattet, doch ihre Zahl gleicht dies aus.

Gestern vernahmen wir Trommeln und sahen Feuerschein durch das Dickicht des Waldes. Sie planen etwas. Kundschafter, die wir aussendeten, kehren nicht zurück. Niemand will sich mehr aus dem Posten heraus wagen. Diesen Bericht senden wir mit einem Boot zum Außenposten Huális, mit der dringenden Bitte um Unterstützung. Ihre Angriffe gegen unsere Wälle waren bisher leicht zu bewältigen. Doch wenn sie uns belagern sollten, könnten wir nicht lange aushalten. Wir brauchen dringend Hilfe, sollten wir Médyhúda halten wollen.

(Siegel des Außenpostens Médyhúda)

 

 

XVIII: Bericht der Obrigkeit von Ejúduira an Atáces

09. 07. 3979, Ejúduira

Gestern erreichte uns über den Fluss ein Bote. Er scheint von dem Außenposten Médyhúda zu kommen. Beantworten kann er uns diese Frage jedoch nicht mehr, denn er ist tot. Ein Pfeil in seinem Hals beweist dies recht eindrücklich. Außerdem roch er bereits unangenehm. In seiner Hand hielt er eine Botschaft umklammert. Warum die anderen Posten am Fluss die Fahrt seines Bootes nicht sahen, bleibt unklar. Seine Botschaft ist jedenfalls bei uns statt in Huális gelandet. Hiermit senden wir sie an euch weiter, da es sich um euren Aufgabenbereich zu handeln scheint. Zwar können wir euch keine Befehle erteilen, doch äußern wir hiermit den dringenden Wunsch, dass ihr die Vorkommnisse überprüft und bei Bedarf der Bitte um Unterstützung, wie in der Botschaft beschrieben, nachkommt. Möglicherweise sollte man gar über eine Strafgesandschaft nachdenken. Auch in den Geschichten der einheimischen Bevölkerung gibt es bedenkliche Gerüchte über den Norden. Eine Bedrohung für ganz Nardújarnán können wir als dessen Obrigkeit nicht dulden.

(Siegel der Obrigkeit von Ejúduira)

Anbei findet ihr die betreffende Botschaft; eine Abschrift wird in unser Lager überführt.

 

 

XIX: Brief an die Schwester

20. 07. 3979, Atáces

Geliebte Schwester,

drei Wochen sind wir nun schon in Atáces. Vermutlich ist mein letzter Brief noch lange nicht bei dir angelangt. Trotzdem ist genug angefallen, von dem ich dir berichten mag.

Wir leben hier in der Feste und bekommen kaum mit, was sich außerhalb dieser ereignet. Alles spielt sich größtenteils hier drinnen ab. Es ist langweilig. Wenn wir nicht gerade unsere Zeit mit Übungen verbringen, sitzen wir in unseren Kammern und spielen die verschiedensten Spiele. Doch an einem Abend kam Miruil zu mir. Er meinte, er würde es hier drinnen nicht mehr aushalten und dass wir in die Stadt gehen sollten. In die Stadt gehen! Welch Vorschlag! Doch er meinte es ernst und mir war selbst nach einem Ausflug. So sagte ich zu, wohlweißlich, dass es uns verboten war die Festung zu verlassen und uns Wachen aufhalten würden. Doch Miruil hatte überraschend gut geplant. Zwei der Wachen waren Commosha Dacealus und Dosten Aschengrau, letzterer ein Jüngling aus Akalt, der wer weiß warum bei uns war. Beide stellten sich als Vertraute von Miruil heraus. Zusammen mit Couccinne und Scaric verließen wir klammheimlich die Feste. Jimmo beobachtete uns dabei, doch dachte ich mir nichts Schlimmes. Nun aber habe ich ihn in Verdacht.

Wir verbrachten ein paar angenehme Stunden in der Stadt, erkundeten sie – und vor allem besuchten wir ihre Tavernen. Bei unserer Heimkehr waren wir dem genossenen Wein entsprechend weniger vorsichtig. Uns erwartete ein erzürnter Caris Duimé mit fünf Begleitern. Er sprach zu uns, dass dies zu tun ihm nicht gefallen würde, doch es notwendig sei und so bekamen wir alle zwei Tage Strafhaft. Ich glaube nicht, dass dies ein gutes Licht auf uns werfen wird.

Bei unserer Entlassung erwartete Duimé uns und lud jeden von uns einzelnd zu einem Gespräch zu sich ein. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Zu mir sprach er von seiner Enttäuschung gegenüber einem vielversprechenden Kämpfer – und wieviel Mühe er gehabt hätte, eine härtere Strafe von uns abzuwenden. Er spielte unseren Freund. Oder ist er dies sogar? Er schloss mit den Worten, dass man sehen würde, wie mit uns weiter zu verfahren sei. Freigänge in die Stadt zumindest seien für alle von uns zukünftig gestrichen. Ob Jimmo der Schuldige ist, weiß ich immer noch nicht. Irgendwie hatte ich mir das Lebens einst – freier – vorgestellt. Zumindest darf ich dir noch schreiben. Ich bin auf deinen nächsten Brief gespannt,

dein Falerte.

 

 

XX: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘

21. 07. 3979, Atáces

Kämpfe im Norden.

Atáces. Wie uns gestern die Führung von Atáces mitteilte, wurde vor drei Wochen der Außenposten Médyhúda von den Wilden des Waldes angegriffen. Von dem Außenposten gibt es keine Nachrichten mehr. Die Obrigkeit teilte uns nicht mit, ob Kundschafter ausgesandt worden seien, doch erklärte sie, dass derzeit eine Gruppe zusammengestellt wird, welche die Wilden für ihr Handeln strafen soll. Eine Abreise wird diese Woche noch angestrebt, die Gruppe soll von Ejúduira aus den Fluss Tajazi entlang nach Norden fahren. Wir werden weiter berichten.

Waren in Galjúin noch immer verschwunden.

Elpenó. Die Waren, die vorherige Woche aus Elpenó verschwunden sind, wurden ebenso wie ihre Diebe noch nicht gefunden. Wie uns Elpenó nun mitteilte, handelt es sich vor allem um Nahrungsmittel, Heilwaren sowie Waffen. Es wird vermutet, dass eine Räuberbande für die Tat verantwortlich ist. Von Reisen in die Berge von Galjúin wird daher abgeraten, bis man die Täter gestellt hat.

 

 

XXI: Tagebuch des Falerte Khantoë

22. 07. 3979, Atáces

Heute ist etwas Seltsames geschehen. Da wir ja keinen Freigang mehr haben, verbringen wir unsere Zeit in diesem Gebäude. Immerhin gibt es hier neben dem großen, gepflasterten Hof auch noch das große Parkgelände. Zwar ist auch dieses für Übungen gedacht, doch verbringe ich dort auch gerne meine Freizeit.

An einer Stelle stehen vier Bäume eng beieinander. Hier war es, dass es geschah. In einem Moment blickte ich noch auf die Bäume und sah zwischen ihnen nur Schatten, im nächsten blinzelte ich kurz und dann sah ich einen kurzen, schwachen Blitz. Besser vermag ich es nicht zu beschreiben. Als sich mein Blick beruhigt hatte, vermeinte ich dort Puidor zwischen den Bäumen stehen zu sehen. Er lächelte mir zu.

Ich muss mich geirrt haben. Ich hoffe, ich habe mich geirrt. Ich sah, nachdem mich der Schrecken aus seinem Griff entlassen hatte, zum Hauptplatz hinüber, ob mich jemand beobachte. Doch niemand schenkte mir Aufmerksamkeit. Und als ich wieder zu den Bäumen sah, war da wieder nur Schatten.

Werde ich langsam verrückt?

 

 

XXII: Brief von Garekh an Falerte

25. 07. 3979 Ayumäeh, angekommen am 29. 08. 3979 in Atáces

Lieber Freund,

es war gefährlich, einen Brief hierher zu schicken. Dein Vater hätte fast davon erfahren. Du weißt doch, wie geschwätzig meine Frau ist. Diesmal kam sie jedoch nicht dazu, die Briefe selbst zu öffnen, denn sie ist schwanger. Ja, du liest richtig! Unsere Familie wird sich vergrößern. Die Kinder erhalten Zuwachs und freuen sich auch schon.

Der Handel mit den Piraten wurde in den letzten Monden etwas zu brenzlig, scheinbar haben sich der alte Schwarzkralle und Noctsce ein wenig in den Haaren. Ich kann also nur noch nach Rardisonán schmuggeln, weshalb ich deiner Bitte auch recht schnell nachkommen konnte. Ich komme gerade aus Belané zurück. Hier mein Bericht.

Ich habe an der angegebenen Stelle im Sumpf gesucht. Tatsächlich fand sich dort eine kleine Hütte, doch sie war leer. Lediglich Staub, Schmutz, Schlamm, Moos, Getier und jede Menge Wasser. Sie machte auf mich nicht gerade den Eindruck, dass dort jemand in den letzten Jahren gelebt hätte. Die Händler dieser Gegend, die sich stets so schön über meine Waren freuen, meinten auch nur, dass dort noch nie jemand gelebt hätte, dass sie die Hütte aber manchmal für ihre Händel nutzen würden. Auch in näheren Orten hörte ich mich vorsichtig nach Leuten um, auf denen die Beschreibung des Puidor passen würde, doch nie hatte jemand von solch einem Mann gehört. Letztlich versuchte ich es noch bei einem alten Freund, einem Landwächter, der mir das Leben dort stets erleichtert hatte, doch auch er wusste mir nichts zu erzählen.

Weißt du, ich mache mir Sorgen. Bist du dir sicher, diesen Mann dort angetroffen zu haben? Doch ich vertraue dir, also muss es wohl so sein. Vermutlich wurdest du dann reingelegt. Ich weiß nicht, warum man das machen sollte, doch pass bitte auf dich auf. Es scheint dir ja mehr zu schaffen zu machen, als man denken könnte. Wenn du damals keine Fieberträume hattest, frage ich mich, wer sich da um dich gekümmert hatte und warum. Ich möchte es eigentlich gar nicht sagen, doch wer war da bei euch auf dem Schiff? Ist so etwas mittlerweile nochmal geschehen?

Dein Freund Garekh.

Vermerk der Guigans zu Atáces vom 29. 08. 3979 auf dem Umschlag: Einbehalten bis zur Rückkehr des Kämpfers Falerte Khantoë von seinem Einsatz.

 

 

XXIII: Bericht von der Zusammenkunft der Obrigkeit zu Ejúduira.

02. 08. 3979 Ejúduira

Heute wurde beschlossen, in drei Tagen eine Erkundungsgruppe zum Außenposten Médyhúda zu senden. Atáces sandte uns hierzu dreißig Kämpfer, die gestern in der Guigans zu Ejúduira eintrafen. Sie sollen Übermorgen über ihre Aufgabe aufgeklärt werden, einen Tag später reisen sie ab. Es bleibt keine Zeit mehr, sie auszubilden, da schon zuviel Zeit seit der Nachricht aus Médyhúda vergangen ist. Die Reise nach Huális wird drei Wochen dauern, sie sollen auf dem Schiff ausgebildet werden. Das Flussschiff Paruibi ist bereit und wartet. Den Stadtschreiern sollen so wenig Einzelheiten wie möglich erzählt werden, gerade genug, um die Bürger zu beruhigen. Während diese Gruppe unterwegs ist, sammelt Atáces bereits eine größere Streitmacht. Wir müssen damit rechnen, dass mittlerweile vielleicht auch schon Huális angegriffen wurde, und uns auf das Schlimmste vorbereiten.

(Siegel der Obrigkeit von Ejúduira)

 

 

XXIV: Brief an die Schwester

03. 08. 3979 Ejúduira

Die Ereignisse haben sich überschlagen. Ich schreibe dir aus Ejúduira, der Hauptstadt von Nardújarnán. Vor knapp einer Woche erhielten wir plötzlich einen Abmarschbefehl. Ich bin froh, überhaupt Zeit zu haben, dir zu schreiben. Soweit ich weiß, geht es nämlich schon Übermorgen weiter. Ich weiß nicht genau, was geschehen ist, noch, was wir zu tun haben. Aber offensichtlich ist es etwas Schwerwiegendes. Alle um uns herum, die davon Ahnung haben könnten, benehmen sich sehr überspannt. Scheinbar wissen auch die eingeborenen Diener etwas, doch verraten sie uns nichts. Irgendjemand muss wohl irgendetwas angegriffen haben, soviel ist klar. Unsere Vorgesetzten sagen uns nichts, das dürfen wir erst für Übermorgen erwarten. Die Anderen hier verhalten sich unterschiedlich: Miruil ist angespannt. Er sagt, er freue sich darauf, endlich ein Abenteuer zu erleben. Couccinne spricht über alles nur ungern. Er scheint nichts Gutes zu erwarten. Scaric macht seine üblichen Scherze; es könne schon nichts Großartiges geschehen sein. Oljó dagegen antwortete ihm, dass vielleicht wieder Krieg mit Aleca herrsche. Natürlich sagte er dies, als Commosha nicht fern war. Dieser sah aus, als würde er Oljó umbringen wollen. Der Knabe Dosten scheint sich von allen am meisten zu fürchten. Er tut mir ein wenig leid. Ich frage mich immer noch, was ihn zu uns trieb. Bisher kam ich nur zu kurzen Gesprächen mit ihm und die Fragen scheinen ihm Unbehagen zu bereiten. Die meisten der anderen Männer scheinen sich auf Aufregung zu freuen, ein Kerl namens Gammil geht mir dabei besonders auf die Nerven. Nur wenige zeigen Unbehagen. Dazu gehöre wohl auch ich.

Es ist schade, dass ich dir kaum von Ejúduira erzählen kann. Die Stadt ist beeindruckend. Sie ist seit Halkus die größte Stadt, die ich je sah. Wir haben sie nur bei unserer Ankunft kurz gesehen: Die Stadt ist durchzogen von Flussläufen und Brücken. Große Plätze sind ebenso wie enge Gassen allesamt vollgestopft mit allem, was in diesen Landen so handeln will. Wir wurden in eine Guigans gebracht, die auf einer Flussinsel am Stadtrand liegt. Von den Mauern aus kann man die Stadt beobachten. Vor allem aber die große Anlage auf der stadtmittigen Insel. Ein Kämpfer der Guigans sagte mir, das sei der Sitz der Obrigkeit. Für ein Land, das einem oft so fremd vorkommt, ein beeindruckender Anblick. Die Anlage kann sich sicherlich messen selbst mit dem Palast des Milciar in Halkus. Oljó war ebenfalls mit uns auf der Mauer und scherzte darüber, sie mal ausrauben zu wollen. Den Kämpfer bei uns schien dieser Gedanke nur anzuwidern.

Für uns geht das Leben hier fast weiter wie zuvor: Duimé lässt uns unseren üblichen Übungen nachgehen. Vielleicht soll uns das vom Denken abhalten. Ich frage mich, was die nächsten Tage bringen. Irgendwie bezweifel ich aber, dass ich dir so bald wieder werde schreiben können.

Jimmo sitzt mir hier im Schlafsaal gegenüber. Ich frage mich, was er wohl denkt. Er zeigt sich weiterhin sehr verschlossen.

Es tut mir leid, ich muss aufhören. Grüße alle von mir.

Dein Falerte.

 

 

XXV: Tagebuch des Falerte Khantoë

04. 08. 3979 Ejúduira

Was geht hier vor sich? Oljó hat Gerüchte aufgeschnappt, die man sich hier so erzählt. Sie berichten von einem verlorenen Außenposten, Angriffen, Kämpfen und Greueln. Ich glaube, er wollte mit diesen Geschichten nur dem Knaben Dosten Angst einjagen. Als er dies bemerkte, stand Jimmo auf und befahl Oljó, seine Geschichten zu beenden, sofern er es nicht beweisen könne. Es wäre fast zum Kampf zwischen den beiden gekommen, hätte nicht Oljó neuerdings einen Kumpanen gewonnen, einen zwielichtigen Zarden namens Xeazotankro. Commosha konnte Jimmo zum Glück davon abbringen, mehr zu tun, als nur Dosten von Oljó wegzubringen.

Heut Vormittag hatte ich Wache auf der Mauer mit einem Kämpfer der Guigans. Da es hier eigentlich kaum etwas zu bewachen gibt, konnte er mich davon überzeugen, ein Spiel zu wagen. Bald schon erzählte er mir dabei, dass er seinen Vorgesetzten mit Duimé hatte sprechen hören. Morgen früh würden wir demnach abreisen. Offensichtlich den Fluss hinauf, an die Grenze von Nardújarnán. Hatte Oljó etwa Recht?

Nach dem Abendessen offenbarte uns Duimé, dass wir nun unsere Ausrüstung überprüfen sollten, dass diese ergänzt worden wäre und wir morgen früh aufbrechen.

 

 

XXVI: Bericht von Ejúduira an Atáces

05. 08. 3979 Ejúduira

Die hergeschickten 30 Kämpfer wurden heute entsandt, das Geschick des Außenpostens Médyhúda zu erkunden. Die Männer stammen aus der Fremde, sind Außenseiter, verurteilte Verbrecher oder ähnliches. Es ist nicht schade um sie, sollten sie nicht mehr zurückkehren. In der Zeit ihrer Abwesenheit erwarten wir die Zusammenziehung der restlichen Kräfte. Die Bevölkerung soll möglichst darüber nicht benachrichtigt werden.

Das Schiff Paruibi hat Befehl, die Männer bis Huális zu fahren, von dort bringen sie kleinere Boote sicherlich nach Médyhúda. Der Caris Duimé hat den Befehl über die Gruppe. 10 eingeborene Führer sowie 5 unserer eigenen Männer begleiten sie. Diese haben Befehl, sich möglichst zurückzuhalten, und bei Gefahr die anderen zu verlassen um mit Bericht wieder hierher zurückzukehren.

Wir werden bei Bedarf weiter berichten.

(Siegel der Obrigkeit von Ejúduira)

 

 

XXVII: Tagebuch des Falerte Khantoë

07. 08. 3979 Irgendwo auf dem Tajazi

Nun sind wir also auf dem Fluss. Sie haben uns auf ein großes Flussschiff gesteckt, welches sich die Paruibi nennt. Erinnert mich an irgendetwas. Jedenfalls müssen wir hier auf dem Deck schlafen, unseren Übungen nachgehen und auch die Mahlzeiten einnehmen. Normalerweise würden wir ja nachts anlegen und auf Land ruhen, jedenfalls kenne ich das so von anderen Flussschiffen, doch man scheint es sehr eilig mit uns zu haben. Duimé, unsere zehn einheimischen Führer sowie die fünf seltsamen Kämpfer, die uns begleiten, haben ihren Platz unter Deck. Bei der Wärme dort unten kann man sie aber nicht beneiden. Ebenso könnte ich auf die Ratten dort verzichten. Diese Tiere scheinen wirklich überall zu sein. Das Schiff hat noch weitere zwanzig Mann Besatzung, die auf Hängematten schlafen dürfen. Sie haben es vermutlich am Besten. Aber auch nur in dem Punkt. Abwechselnd müssen sie den ganzen Tag lang am Flussufer vor uns her laufen und unsere Zugtiere leiten. Andere helfen an Bord, indem sie uns voran staken. Die Letzten kümmern sich um das Schiff selber. Sie arbeiten also mehr als wir. Trotzdem kommen wir nicht schnell voran. Eine Reise auf einem Flussschiff ist nach wie vor langsam und langweilig. Der Kapitän, ein Mann namens Norís, meinte, wir würden über drei Wochen brauchen. Naja, immer noch besser, als den ganzen Weg dorthin laufen zu müssen.

Dennoch sehe ich bereits Spannungen auf uns zukommen. Diese Männer hier scheinen mir nicht geeignet, solch lange Zeit auf so engem Raum miteinander zu leben. Schon in Atáces gab es andauernd kleinere Streits. Wie mag das dann erst hier werden? Duimé scheint zu meinen, dass es ruhig bleiben würde, solange wir erschöpft seien, also führte er unsere Übungen nach dem altbekannten Plan fort. Aber ob das reichen wird? Die Paruibi ist viel kleiner als die Sturmwind damals und wir können der Besatzung kaum helfen, da die meisten von uns nach den Übungen nicht in der Lage sind, auch noch das Schiff zu ziehen.

09. 08. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Duimé scheint wieder ganz der Alte. Die vorgespielte Freundschaft, die er uns in Guijúlon und Atáces zukommen ließ, scheint vergessen. Stets ist er unten in seiner Kabine und pflegt auch nur mit den fremden Kämpfern dort zu speisen. Diese nehmen an unseren Übungen natürlich nicht teil. Duimé kommt nur an Deck um mit uns zu üben oder wenn er mit dem Kapitän sprechen muss, dessen Kabine im Hinteraufbau ist. Norís scheint bisher umgänglicher zu sein als damals Amerto auf der Sturmwind. Ihm scheint aber ein schnelles Vorankommen ebenso wichtig zu sein, wie es für Duimé ist. Seine Mannschaft treibt er stets zu harter Arbeit an, uns beachtet er nur wenig, lässt sich aber gern auf gute Gespräche ein. Nur sein Schiff sollen wir nicht anfassen.

Seit vier Tagen reisen wir auf dem Tajazi gen Nord. Ejúduira liegt weit zurück. Ein wenig wehmütig fühle ich mich deshalb. Zweimal kamen uns Schiffe entgegen, die flussabwärts fuhren. Man kann sie nur beneiden. Während wir förmlich dahinkriechen, scheinen sie zu rasen. Kaum erscheinen sie am Horizont, schon haben sie uns passiert. Dafür können wir, sofern wir den Hang dazu haben, genüsslich die Landschaft beobachten. Noch ist der Tajazi ein breiter Fluss, eher ein gewaltiger Strom, und ich sehe nur unser Ufer, das Rechte. Während links in der Ferne die Landschaft gebirgig wird und so mancher kleiner Fluss in den Tajazi mündet, ist der Osten flacher. Manchmal erblicken wir Felder, Bauerngehöfte und selten auch mal ganze Dörfer. Eines davon schien sogar ein Eingeborenendorf zu sein. Sie schienen dort in Ruhe zu leben, lediglich einen kleinen Handelshafen hatten die Toljiken nebenan am Fluss errichtet.

Doch das war Vorgestern. Heute halten wir an einem Außenposten, um neue Vorräte zu beziehen.

10. 08. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Langsam beginne ich Oljó zu hassen. Heute war er in den Übungen so dreist, den Jungen Dosten über die Reling in den Fluss zu stoßen. Natürlich sagte er später, es sei ein Versehen gewesen. Zumindest kam es sofort zum Kampf zwischen Jimmo und Oljó. Wie gut, dass wir nicht mit echten Waffen üben. Zusammen mit Scaric sprang ich in den Fluss, um Dosten zu helfen, der nicht schwimmen kann. So weiß ich von dem, was auf Deck geschah nur das, was mir Miruil und Couccinne erzählten. Scheinbar kam Xeazotankro Oljó zu Hilfe, indem er Jimmo von Hinten sein Übungsschwert auf den Rücken schlug. Da griff dann auch Commosha in den Kampf ein. Während die anderen die Vier anfeuerten, holte Couccinne Duimé von unten, der die Übungen heute einem seiner Leute überlassen hatte. Duimé traf zeitgleich mit Norís auf Deck ein. Während Duimé dem Treiben einfach nur zusehen wollte, forderte Norís von ihm ein Beenden des ganzen. Erst da schickte Duimé die fünf fremden Krieger vor, welche die Vier auseinander zerrten und festhielten, wobei sich immerhin zwei gleichzeitig um Jimmo kümmern mussten. Duimé befahl, dass sie fortan nichtmehr dieselbe Seite des Decks betreten dürften. Außerdem mussten sie heute auf ihre Mahlzeiten verzichten.

Zwischenzeitlich hatte man auch endlich Scaric, Dosten und mir aus dem Wasser geholfen. Uns sah Duimé nur kurz an, als ob er etwas sagen wollte, doch schon war er wieder unter Deck verschwunden. Die Kämpfer aber blieben, um jeglichen drohenden Zwist im Keime zu ersticken. Seitdem sitzen Scaric, Dosten und ich hier um ein Feuer, das uns Norís erlaubt hatte zu entzünden, um uns zu trocknen. Zum Glück ist es immer noch warm in diesen Gegenden. Scaric versucht herauszubekommen, was ich hier alles aufgeschrieben habe. Mal sehen, ob ich ihm etwas verrate.

 

 

XXVIII: Logbuch des Kapitäns Norís

11. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Ich frage mich, warum ich weiter für die Armee arbeite. Gestern haben einige dieser Raufbolde, die meine Ladung darstellen sollen, für viel Unheil an Deck gesorgt. Diesen Duimé würde ich manchmal auch am liebsten über Bord werfen. Was bildet der sich eigentlich ein? Dies wird meine letzte Fahrt für die Armee sein. Sobald ich dieses Pack losgeworden bin, kehre ich endlich heim zu meiner Frau. Danach werden wir nur noch harmlose Frachten beförden. Am besten nichts, das sprechen und gröhlen kann.

Gestern passierten wir die Mündung des Jannis. Cabó Canguina liegt dort. Der letzte Funken Menschlichkeit in diesen Gegenden. Ich vermisse meine Frau. Ab Morgen verlassen wir das bewohnte Nardújarnán. Wir sind schon mitten in Jaduiza. Danach kommen wir in die Gebiete, die immer noch strittig sind, die sich immer noch nicht fest in der Hand des Reiches befinden. Es könnte also gefährlich werden. Hoffentlich lassen sie uns einfach in Ruhe, wenn sie das bewaffnete Pack an Bord sehen. Der nächste Außenposten ist drei Tage entfernt, und dann kommt schon Huális. Dort werde ich sie los.

 

 

XXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë

15. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Ich schreibe heute über den gestrigen Tag. Ich brauchte eine Weile, die Geschehnisse geistig zu erfassen. Wieder einmal erscheint mir alles mehr denn unwirklich. Am besten, ich halte es hier schriftlich fest, vielleicht löst dies meine Gedanken.

Gestern legten wir an einem Außenposten an. Den Namen habe ich leider vergessen, doch scheint es der einzige Außenposten zwischen der Stadt Cabó Canguina und unserem vorläufigem Ziel, dem Außenposten Huális, zu sein. Von ihm aus konnte man in der Ferne bereits den sich verdichtenden Wald des Nordens erblicken. Der Posten nun unterschied sich kaum von anderen, die ich in diesen Landen gesehen hatte. Dieser nun aber, der zweite am Fluss von Ejúduira aus aufwärts, lag neben einem Eingeborenendorf. Während das Schiff kurz neue Vorräte aufnahm, hatten wir an Bord keine Aufgaben und durften tun, was uns genehm war. Miruil schlug vor, uns etwas Landgang zu genehmigen. Wir fragten bei Duimé an, welcher nichts dagegen einzuwenden hatte. Er sagte, ein wenig Land unter den Füßen könnte uns schon nicht schaden. Also gingen wir zu fünft von Bord. Couccinne, Scaric und der junge Dosten begleiteten uns.

Der Außenposten sah aus, als käme er aus demselben Guss wie die anderen dieses Landes: Eine kleine Befestigung mit großem Hof, einigen Gebäuden und gut 20 Mann Besatzung. Hier bot sich keine große Überraschung. Einer der Krieger erzählte jedoch, dass wir unbedingt den Markt des Dorfes besuchen müssten, um an Andenken zu kommen. Wir folgten seinem Rat, verließen den Posten durch sein Haupttor und standen sogleich im Dorf. Es war nicht das erste Eingeborenendorf, das wir sahen, jedoch das erste, welches wir auch selber betraten. Eine Reihe kleiner Häuser bot sich unserem Blick, wohl aus dem Schilfrohr des Flusses erbaut, ergänzt um Blätter und Wurzeln aus dem nahen Wald. Seine Bewohner sahen auch kaum anders aus, als die im Süden. Nur waren diese den Toljiken noch nicht so angepasst. Sie schienen aber immerhin Reisende gewohnt zu sein. Neben uns waren noch einige Kaufleute zugegen; die Eingeborenen boten ihnen und uns ihre Waren an.

Wir sahen uns eine Weile interessiert auf dem Markt um, doch verfügt niemand von uns über Geld, was die Leute schnell zu merken schienen und uns deshalb in Ruhe ließen. Da wir aber noch viel Zeit zur Verfügung hatten, erkundeten wir das Dorf, teils getrennt. Ich selber geriet an den Rand des Dorfes, wo es auf den Wald traf. Dort sah ich den jungen Dosten zwischen den Bäumen verschwinden und dachte mir noch nicht viel dabei; vielleicht musste er ja einfach austreten. Doch dann sah ich IHN. Ein Mann mit nacktem Oberkörper, eine Narbe über der Brust, den Bart lang gehalten. Puidor hielt ein Messer in den Händen und folgte dem jungen Dosten. Sofort eilte ich beiden nach, mein Schwert schnell ziehend: Ich musste Dosten retten! Eine schreckliche Angst erfüllte mich. Angst vor Puidors Absichten, vor seinem Erscheinen, vor meiner Zukunft. Warum verfolgte mich Puidor immer wieder, warum? Für Minuten stolperte ich durch das Unterholz. Immer wieder erblickte ich kurz Puidor, hatte jedoch Dosten aus den Augen verloren. Einmal verhakte ich mich in einer Wurzel und landete unsanft auf dem Waldboden.

Nachdem ich mich aufgerafft hatte, sollte ich sie nicht wiederfinden. Schnell kehrte ich ins Dorf zurück, das ich glücklicherweise wiederfand, um dort Hilfe zu holen. Dosten war immer noch ganz allein mit Puidor irgendwo dort im Wald. Ich mag den Jungen viel zu sehr, um ihn so enden zu lassen, erstochen von Puidor. Doch bereits als ich am Dorfrand ankam, sah ich, vor einer abseits stehenden Hütte, dort Dosten zusammen mit Miruil stehen. Die Beiden wunderten sich sehr über meine Aufregung und meine Verwunderung – ganz zu schweigen von dem Schmutz an mir, doch da sie nichts von irgendwelchen Geschehnissen im Wald erwähnten, bevorzgute ich es auch, zu schweigen. Stattdessen erzählten sie mir jedoch von der Inhaberin der Hütte, vor der sie standen und die ich besuchen sollte. Als ich die beiden nur weiter verwirrt ansah, führte Miruil mich kurzerhand hinein.

Drinnen erwarteten mich viele Eindrücke mir unbekannter Gegenstände, Gerüche und Anblicke. Und eine kleine alte Frau. Sie begrüßte uns sofort und plapperte fortan ohne Unterbrechung Dinge in einer mir unbekannten Sprache, wovon ich nicht ein Wort verstand. Sie schien dies nicht zu beachten, sondern fuhr weiter fort, während sie mich, der immer verwirrter wurde, mehrmals umrundete und dabei immer wieder anfasste und befühlte. Letztlich blieb sie vor mir stehen, sah mich ernst an und sagte etwas in einem wichtig klingenden Tonfall, dessen Inhalt ich nicht bestimmen kann. Schließlich drückte sie mir etwas in die Hand und schickte Miruil und mich wieder aus dem Haus zurück zu Dosten, weiter plappernd, bis der Vorhang ihrer Hütte sich hinter ihr geschlossen hatte.

Miruil fragte mich, was sie mir gegeben hatte und ich offenbarte ihm ein aus Holz geschnitztes Amulett, das an einer geflochtenen Kette baumelte. Er überzeuge mich, es mir sofort umzuhängen, da es ihr sehr wichtig erschienen sei. Das Holz selbst war recht schmucklos, abgesehen von eingeritzten Strichen, die eine Art Stern ergeben. Ich hängte es mir also um den Hals und verstaute es im Ausschnitt meines Hemdes. Seitdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich es berühre, als könnte ich dadurch meinen Geist festigen. Kaum, dass ich fertig war, kam Couccinne an. Er erzählte, uns gesucht und nun gefunden zu haben und dass wir uns eilen müssten, wollten wir nicht die Abfahrt des Schiffes verpassen. Wenig später waren wir wieder an Bord.

Ich erzählte niemandem von meinem Erlebnis im Wald. Lediglich Dosten fragte ich vorsichtig, ob er im Wald gewesen wäre. Als er verneinte und mich fragte, weshalb ich mich erkundigen würde, führte ich als Vorwand Tiere an, die ich entdeckt und ob er sie auch gesehen hätte. Das schien ihn zu befriedigen.

Gern wüsste ich, was die alte Frau gesagt hatte. Sie schien irgendetwas gespürt zu haben. Miruil und Dosten jedenfalls haben von ihr nichts bekommen. Einen unserer Führer zu fragen ist verlockend, doch erinnere ich mich nicht mehr an den genauen Wortlaut. Es war zu viel Geplapper.

Letztlich bleibt noch die Frage nach Puidor. War er zumindest wirklich gewesen? Ich bezweifle es sehr. Aber über die Bedeutung dessen, möchte ich lieber nicht nachdenken. Vielleicht sollte ich ihn das nächste Mal nicht beachten. Er scheint mich zu verfolgen. Warum bloß? Was sagt es mir aus?

 

 

XXX: Logbuch des Kapitäns Norís

17. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Verdammtes, elendiges Dreckspack! Verdammte verlauste Waldbrut! Verdammt sollen sie alle sein! Wie konnten sie es wagen? Wie konnten sie es wagen dies zu tun? Wir wurden angegriffen! In Scharen kamen sie aus dem Wald und metzelten meine Männer ab, als seien sie nur Schlachtvieh! Alle von ihnen, alle die an Land waren, das Schiff zu ziehen, sind tot! Gut die Hälfte meiner Männer! Und diese eingeborenen Führer, dieses stinkende Gesocks, das dieser Caris Duimé dabei hatte, gehörten dazu! Ihm verpassten sie eine Narbe unter dem Auge, drei seiner Krieger töteten sie. Danach sprangen sie runter ins Wasser und schwommen zu ihren Kumpanen! Die Dreckshunde rissen sich unsere Tiere unter den Nagel und verschwanden einfach wieder im Wald. Ich habe doch immer gewusst, dass man diesem Pack nicht trauen darf! Man sollte die Eingeborenen hier endlich unterwerfen! Niemals hätte man diese Eingeborenen unsere Künste lehren dürfen. Zum Glück schienen die Krieger am Ufer wahre Wilde zu sein. Würden sie sich nicht vor dem Fluss fürchten und ihn anbeten, hätten sie vielleicht wie die für uns arbeitenden Eingeborenen das Schwimmen erlernt. Dann wären wir wohl alle tot.

Und das alles trotz dieser unfähigen sogenannten Kämpfer an Bord. Keiner von ihnen vermochte irgendetwas auszurichten. Die meisten versteckten sich wie ängstliche Ratten vor den Speeren und Pfeilen der Angreifer. Es ist eigentlich ein Wunder, dass dabei niemand ernsthaft verletzt wurde. Duimé widersprach meiner Bitte, dass er sie verfolgen möge. Wir müssen Huális erreichen, meinte er. Ja interessiert es ihn denn überhaupt nicht, was hier geschah?

Nie wieder werde ich für die Armee arbeiten! Ich hoffe mittlerweile nur noch irgendwann lebend zurückkehren zu können. Mir verbleiben nur noch die Hälfte meiner Männer. Vor allem aber schmerzt der Verlust der Tiere. Es wird nun schwer, voranzukommen. Endlich aber dürfen die Krieger an Bord mal nützlich sein und arbeiten, mit anpacken und den Kahn voran ziehen, immer fort bis nach Huális treideln. Immerhin ein wenig Befriedigung für mich. Jetzt sind wir auch endgültig in der Wildnis. An den Ufern sieht man nur noch dichten Wald. Und schon zwei Tage ohne Schiffe aus der Gegenrichtung.

 

 

XXXI: Tagebuch des Falerte Khantoë

20. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Keine Angriffe mehr seit dem einen Mal. Stattdessen muss jeder von uns nun abwechselnd das Schiff treideln. Wer dazu gerade nicht verdammt ist, bekommt von Duimé die übliche Ausbildung verpasst. Nun schläft auch er an Deck. Die Toten haben den Platz in den Kabinen eingenommen; wir bringen sie nach Huális. Obwohl wir uns bereits mitten im Herbst befinden, bleibt es weiterhin warm. Jeden Tag scheint die Luft auch noch feuchter zu werden. Gegen die Mücken und anderen Krabbeltiere haben wie zwar unsere Kräuterpasten, doch die Leichen dort unten scheinen in der Luft schneller zu verwesen und verbreiten jetzt schon einen unangenehmen Geruch. Nur die Ratten scheint das zu freuen. Und noch eine ganze Woche bis Huális. Duimé will die Toten einfach nur von Bord haben, doch Norís besteht auf ihre Mitnahme, zumindest ihren Familien zuliebe. Dass er da mal keine Meuterei heraufbeschwört.

20. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Nun war es Duimé zuviel. Er ließ die Toten aus den Kabinen holen und einfach über Bord werfen. Soviel zu ihrer Würde. Norís gefiel dies gar nicht, doch er sagte kaum etwas dazu. Einige bedrohliche Schwerter der beiden verblieben Schoßkrieger von Duimé, Jénil und Gasuim, hielten ihn auch davon ab. Commosha Dacealus war auch dabei. So herrscht also wieder einmal der Stärkere. Diese Toten sahen aber auch bereits um einiges schlimmer aus, als mein Erlebnis damals in Emadeten. Ich hatte den starken Drang, mich möglichst weit von ihnen fernzuhalten. Trotzdem sah ich ihnen nach, wie sie die Strömung flussabwärts trug. Ihr werdet das Meer schneller wieder erreichen als wir.

Heute Nachmittag fielen für uns die Übungen aus, denn zehn von uns mussten im Wald nach einer Möglichkeit suchen, an neues Trinkwasser zu gelangen. Norís hatte Duimé überzeugen können, dass das Flusswasser kaum genießbar sei. Vielleicht lag es auch daran, dass einer der Männer so dumm war, es doch zu versuchen und nun seine Ausscheidungsvorgänge nicht mehr beherrschen kann. Jedenfalls musste ich mit in den Wald. Wir alle fühlten uns dort etwas unwohl. Im Laufe unserer Fahrt war er dem Fluss immer näher gerückt und breitete sich zu beiden Seiten in undurchsichtiger Dicke aus. Große Bäume und ein dichtes Unterholz erwarteten uns. Wir blieben stets in Sichtweite des Flusses, auch wenn das eigentlich kaum möglich war, ohne nah am Fluss zu bleiben, und fanden gegen Abend tatsächlich eine kleine Quelle. Ständig hielten wir Ausschau nach drohenden Angriffen. Einmal erschraken wir uns fast zu Tode, als eine Herde kleiner Tiere an uns vorbei lief. Die seltsamen kleinen Wesen mit ihren kurzen Rüsseln und großen Augen hatten vermutlich mehr Angst vor uns als wir vor ihnen. Ein wirklicher Angriff erfolgte zum Glück nicht. Auch suchte ich nach neuen Puidor-Erscheinungen, nach einem Zeichen, was er von mir will, wurde aber verschont. Ob es nun gut oder schlecht sein mag.

An Bord ist die Stimmung gereizt. Da wir nicht genug Männer haben, lagern wir über Nacht am Ufer. So gefährlich das auch sein mag; keiner von uns kann das Schiff jetzt noch ziehen. Wir schlafen aber auf dem Deck des Schiffes, damit wir im Notfall schnell flüchten können.

 

 

XXXII: Logbuch des Kapitäns Norís

26. 08. 3979, An Bord der Paruibi

In den nächsten Tagen sollten wir endlich Huális erreichen. Ich ertrage diesen Duimé und seinen Haufen nicht mehr. Ich habe kaum noch Befehlsgewalt über mein eigenes Schiff! Immerhin verspricht Duimé aber Entlohnung, doch traue ich ihm nicht. Wenigstens sind seine Krieger, wenn schon nicht zum Kämpfen, so doch wenigstens zum Ziehen gut zu gebrauchen. Wir haben tatsächlich nur ein oder zwei Tage Zeitverlust. Nach Plan würden wir morgen Huális erreichen. So wird es nur ein wenig später. In Huális werde ich neue Fracht aufnehmen und in gut einer Woche dürfte ich zurück in Cabó Canguina sein. Dann steige ich in den normalen Handel ein. Bloß fort von dieser Armee, egal wie gut sie zahlen.

Wir sind hier mitten im Wald. Im Notfall könnten wir aber auf die Mitte das Flusses hinaus flüchten. Natürlich müsste man dann die gerade Ziehenden zurücklassen. Welch Jammer. Und wäre dieser Duimé nicht, ich würde dann auch sofort umkehren. Irgendetwas Unheimliches liegt über diesen Wäldern. Mittlerweile offenbarte mir Duimé auch, was sein Auftrag sei. Und mir wurde erzählt, es sei eine harmlose ruhige Frachtfahrt!

Morgen müssen wir nochmal Wasser suchen. Vielleicht hätte sich Nardújarnán mit seinen Außenposten nicht einfach so schnell so weit in den Norden vorwagen sollen, ohne vorher etwas zu befrieden. Aber auf mich würde ja niemand hören. Obwohl, eigentlich klingt das nicht schnell – Oberster Norís. Wie wäre es mit damit?

 

 

XXXIII: Tagebuch des Falerte Khantoë

28. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Der Wald ist überall. Der Fluss ist zwar immer noch gewaltig in seiner Breite, doch zu beiden Ufern sieht man nur Braun und vor allem Grün. Ständig entsteigen Vögel dem Wald, begleiten kurz unseren Weg und verschwinden dann wieder. Tiere kreischen, rufen und brüllen uns ihre Laute hinterher. Und über allem hängen hunderte verschiedene Gerüche. Wenigstens war unser letzter Versuch, frisches Trinkwasser zu finden, gefahrlos geglückt. Hin und wieder aber kommen gefährlich aussehende Tiere an das Ufer um zu trinken. Ein Grund mehr froh zu sein, dass wir nicht mehr treideln müssen. Auch wenn man sich wundern darf, warum den Tieren das Wasser nichts ausmacht.

Vielen der Männer behagt das alles nicht. Etliche weisen Zeichen der Angst auf. Für diese zum Glück gibt es nun keine Wege am Ufer mehr. Das Schiff müssen wir alle gemeinsam vom Deck aus vorwärtsstaken. Manchmal erscheint mir dies schwerer, als es zu ziehen. Die Leute an Bord verhalten sich teils immer seltsamer. Xeazotankro und Oljó stecken noch häufiger beisammen als schon zuvor. Stets stehen sie auf der Bordseite, die der gegenüberliegt, an der sich Jimmo befindet. Dieser wiederum beobachtet sie wie ein vorsichtiges Tier. Als weitere Seltsamkeit scheint sich Commosha Dacealus mit Duimé anzufreunden. Ich kann noch nicht beurteilen, ob ich dies für gut oder schlecht befinden soll.

Ich glaube, ich sehe dort hinten etwas…

 

 

XXXIV: Bericht des Caris Duimé an Atáces

29. 08. 3979, Außenposten Huális

Gestern erreichten wir den Außenposten Huális am Tajazi. Wir wurden dort von einem aufgeregten Alui empfangen. Scheinbar wurde der Außenposten in den letzten Wochen einige Male angegriffen. Sie erwarteten uns wohl als eine Verstärkung, doch da musste ich ihn enttäuschen. Stattdessen gab ich ihm den Befehl zu warten, da aus Atáces noch richtige Verstärkung für ihn erwartet würde. Weiterhin klärte ich ihn über meinen Auftrag auf. Der Alui nahm seine Befehle an, schien aber nicht begeistert. Wir werden einige Tage in Huális bleiben und uns neu ordnen, bevor wir nach Médyhúda aufbrechen.

Nun zu unserer Anreise. Ich muss Kapitän Norís als äußerst wenig hilfsbereit melden. Mehrmals bestritt er meine Befugnisse. Ansonsten aber verlief die Reise einigermaßen nach Plan. Jedoch wurden wir vor einigen Tagen angegriffen. Es waren Einheimische, doch ließ sich nicht feststellen, welchem Stamm sie angehörten. Unsere Führer waren keine Hilfe, sie liefen sogar zum Feind über. Ich gebe Rat, Atáces und Ejúduira nach Verrätern überprüfen zu lassen und falls welche vorhanden, diese schnellstmöglichst hinzurichten. Ich habe diesem Volk nie getraut. Und doch kann ich nicht glauben, dass es ihnen allein einfällt, so zu handeln.

Sobald wir Médyhúda erreichen, entsende ich neue Berichte.

Euch zu Diensten,

Caris Duimé y Belané

 

 

XXXV: Tagebuch des Falerte Khantoë

29. 08. 3979, Außenposten Huális

Gestern erreichten wir endlich Huális. Das bedeutete vor allem, endlich von diesem Schiff herunterkommen können. Kapitän Norís bestand auch sogleich darauf, wieder umkehren zu dürfen. Sowohl Duimé als auch der Alui des Außenpostens überzeugten ihn jedoch, noch zu bleiben. Er nahm frische Vorräte auf und legte heute mit etwas, das Duimé einen Empfehlungsbrief genannte hatte, wieder ab. Kein Verabschieden, keine Tränen. Es war erstaunlich: Da er das Schiff nun flussabwärts treiben lassen konnte, hatte er kaum noch Besatzung nötig und war vor allem in Windeseile unseren Blicken entschwunden. Im Hafen des Außenpostens liegt jedoch noch ein zweites Schiff. Damit werden wir morgen nach Médyhúda fahren. Eigentlich sollte der Außenposten wie jeder andere zwei Schiffe haben, doch eines war von seinem letzten Botengang noch nicht zurückgekehrt.

Huális sieht kaum anders aus als jeder andere verfluchte Außenposten dieses Landes. Und ich bin mir sicher, ähnliches schon bei anderen gesagt zu haben. Dieselben Mauern, dieselbe Einrichtung und irgendwie auch dieselben Menschen. Doch diese hier wirken verzweifelter, düsterer, als hätten sie keine andere Wahl in ihrem Leben gehabt oder seien vor etwas geflohen.

Der Alui erzählte Duimé gleich bei unserer Ankunft und in Gegenwart von uns allen, dass sie in den letzten Tagen einige Male angegriffen worden seien. Dafür bekam er dann so einige Schelte des erbosten Duimé. Scheinbar sollten wir das nicht hören. Es entstand auch sogleich einiges Geraune unter den Männern. Nach wie vor sind wir nicht hier, um für andere zu sterben. Der Alui war zwar geistesgegenwärtig genug, seine Aussage sogleich abzuschwächen, doch der Stimmung tat es kaum etwas Gutes.

Zumindest aber hatten wir dafür gestern wieder Strohlager zur Verfügung, die dem harten Deck der Paruibi bei weitem vorzuziehen waren. Heute werden wir noch einmal gute Nachtruhe haben, bevor es morgen früh weiter geht nach Médyhúda. Ich weiß aber nicht, ob ich überhaupt wissen will, was uns dort erwarten könnte. Keiner der Männer von Huális will sich darüber äußern. Scheinbar wurde ihnen der Mund verboten. Sie wirken nur bedrückt und unfroh. Werden wir auch bald so aussehen? Selbst Miruil wirkt, wenn er einmal denkt unbeobachtet zu sein, als wäre er gar nicht mehr so abenteuerlustig. Und Scaric unterhält uns zwar weiter mit seinen Scherzen, doch wirken diese manchmal etwas halbherzig. Wer weiß, wie ich auf die anderen wirken muss. So oder so ist klar, dass es mir nicht gut geht. Ich frage mich langsam, warum ich mich eigentlich für das alles gemeldet habe. Vielleicht hätte ich doch lieber bei meinem Vater bleiben sollen. Nardújarnán wird immer wärmer und feuchter, je weiter wir gen Norden vorstoßen. Und das, obwohl das Jahr sich eigentlich immer mehr der kühlen Jahreszeit zuneigen sollte. Die ständige Gegenwart allerlei Tierlaute macht mir ebenso zu schaffen wie die Bedrohung durch Mücken und Fliegen. Zwar haben wir unsere Salben, doch wer weiß. Einer der Männer ist bereits schwer an Brechreiz und Durchfall erkrankt. Jedoch sagt er, dass er kein Flusswasser getrunken hätte. Immerhin hat er dadurch das Glück, in Huális zurückbleiben zu können.

Und – ich habe gestern wieder Puidor gesehen. Ich saß am Fluss und sah ihn dort, sah seine Leiche im Wasser treiben, eklig aufgedunsen. Seltsamerweise konnte ich sie beobachten, ohne jegliche Gefühlsregung. Vielleicht war ich im Gegenteil aber auch nur vor Angst erstarrt. Ich erkannte bald, als er im Dunkeln zu mir getrieben wurde, meinen Irrtum. Ein Baumstamm hatte mir da einen Streich gespielt. Wahrlich, ich werde wahnsinnig! Oh helft mir doch…

 

5

XXXVI: Bericht des Außenpostens Huális an Atáces.

01. 09. 3979, Außenposten Huális

Wie euch sicherlich der Kapitän Norís mitteilen wird, erreichte uns die Erkundungstruppe. Norís nahm Vorräte auf und verließ uns wieder. Duimé und seine Männer nahmen gestern unser zweites Schiff und brachen damit nach Médyhúda auf. Mögen ihre Seelen behütet werden. Wir haben ihnen zwei unserer Männer als Führer mitgegeben. Sie sollen ihnen den Weg nach Médyhúda weisen und dann zu uns zurückkehren.

Ich hoffe, es ist nicht gefährlich für sie, dass sie gingen, oder für uns, dass wir ihnen unser Schiff gaben. Wir hören draußen vom Wald her wieder Trommeln. Wer weiß, ob sie uns noch einmal angreifen. Da unser erstes Schiff wieder zu uns zurückkehrte, werden wir es erneut entsenden, mit diesem Bericht. Wir brauchen dringend Verstärkung. Wer weiß wie lange meine Männer es hier sonst noch ertragen.

(Siegel des Außenpostens Húalis)

 

 

XXXVII: Bericht der Obrigkeit von Cabó Canguina

01. 09. 3979, Cabó Canguina

Ein Kundschafter brachte uns gestern Nachricht. Nördlich, in einer kleinen Bucht des Tajazi, fand man ein Wrack. Das Schiff ist unbrauchbar. Man scheint es angegriffen zu haben. Laut dem Kundschafter sieht es aus, als wäre es zerrissen worden. Es ist uns nicht klar, wie dies geschehen sein soll. Überlebende ließen sich nicht finden. Ebenso gibt es keine Spur von der Fracht. Jedoch ließ sich der Name des Schiffes entziffern: Es ist die Paruibi von Kapitän Norís. Es wurde Befehl erteilt, seine Witwe hier in Cabó Canguina zu benachrichtigen.

Wir erbitten einige bewaffnete Kundschafter aus Ejúduira und Atáces. Wer das Schiff auch angegriffen hat, muss gefunden werden. Die Sicherheit des Tajazi als Handelsstraße könnte auf dem Spiel stehen. Wir werden auch weitere Kundschafter entsenden. Vielleicht hat das Ganze etwas mit den Berichten über aufständische Eingeborene im Norden oder den Gerüchten über Banditen im Westen zu tun. Wir hoffen, dass eure Untersuchungen diesbezüglich voranschreiten. Wenn sich diese Probleme nicht beilegen lassen, sollte man vielleicht überlegen den Tolnán zu benachrichtigen. Ojútolnán könnte einen weiteren Krieg nicht gebrauchen.

Damit erbitten wir selber auch Neuigkeiten die Kriege gegen die Vobloochen und Pervon betreffend. Hier in Cabó Canguina lässt sich kaum etwas erfahren von Dingen, die außerhalb von Nardújarnán geschehen.

Mögen eure Familien gesegnet sein.

(Siegel der Obrigkeit von Cabó Canguina)

 

 

XXXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë

01. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Nun haben wir also endgültig Nardújarnán hinter uns gelassen, um mit einem alten Kahn hinaus in den düsteren Wald zu fahren, wo uns feindliche Wesen an allen Ecken und Biegungen auflauern und bösartige Augen uns aus den Gebüschen heraus beobachten. Zumindest erscheint es mir so. Langsam bin ich nicht mehr begeistert von der Armee. Sicher, den Süden von Nardújarnán sollte jeder einmal besucht haben, doch auf diese verdammten Dickichte hier im Norden könnte ich gut verzichten. Scheinbar alles hier will unseren Tod. Schlangen verfolgen uns im Wasser und versuchen erfolglos ihr Gift in den hölzernen Körper unseres Schiffes zu spritzen. Einige Fische im Wasser scheinen bevorzugt Fleisch zu fressen, was einen Mann einen Finger gekostet hatte. Zwei weitere Gründe, kein Wasser aus dem Fluss zu trinken. Vögel fliegen über uns hinweg und entleeren ihre Därme auf uns. Das war der Grund, warum wir das Segel des Schiffes zum Dach umbauten. Und was diese knorrigen Wesen da am Ufer waren, möchte ich bevorzugt gar nicht wissen. Nachts dann werden wieder die Mücken aus ihren Löchern kommen und uns hilflos umschwirren, abgestoßen von unseren Salben. Dann erscheinen aber auch die Fledermäuse, welche nur die Mücken zu fressen scheinen. Bisher jedenfalls. Außerdem scheinen ihre Därme noch schneller zu arbeiten als die der Vögel. Ach, und diese Hitze! Verdammt seist du, oh Wald des überquellenden Lebens, dass der Tod kaum minder zahlreich ist. Beides kriecht hier jedem schon förmlich aus den Poren!

Ich fühle, dass es den anderen ebenso geht wie mir. Na gut, jeder der ihr Unbehagen nicht merken würde, wäre ein völliger Dummkopf. Duimé scheint die meisten nur noch unter den Versprechen von Belohnungen zusammenhalten zu können. Ach, welch armer Narr. Spielte er anfangs noch unseren Freund, so scheint er uns nun mehr zu fürchten als den Wald. Ich habe bei vielen der Männern den Verdacht, dass ihre Gründe zur Armee zu gehen mehr dem Verlangen entsprangen, den Gerichten zu entgehen, als der Abenteuerlust oder dem Willen Ojútolnán zu dienen. Ob es wohl zu einer Meuterei kommen könnte? Ob ich sie wohl dazu anstiften sollte? Diese Reise ist doch nicht mehr normal! Oder bin ich es? Bilde ich mir das alles nur ein? Gibt es vielleicht überhaupt keine Spannungen an Bord?

Eben vermeinte ich auch, hunderte von Augen aus dem Wald uns anstarren zu sehen. Hunderte Eingeborene, die nur darauf warteten, über unsere armen Seelen herzufallen. Welch Schande es doch wäre, an diesem verfluchten Ort zu sterben. Oh, ich sollte mich zusammenreißen. Seltsamerweise scheint es mir besser zu gehen, wenn ich das Amulett der alten Frau betrachte. Irgendwie gibt es mir Kraft und vertreibt den Hass aus meinem Schädel. Ich sollte mich lieber ablenken, nicht soviel nachdenken, mal mit den anderen reden. Miruil und Couccinne spielen drüben grad irgendein Kartenspiel. Vielleicht kann ich da mitmachen oder zumindest zugucken. Und Jimmo zeigt dem Jungen Dosten irgendwelche Kunststücke mit dem Dolch. Das wäre auch interessant.

Ach, fast noch eine Woche auf diesem Kahn. Und schon wieder ihn die ganze Zeit staken müssen. Wenn ich bis Médyhúda nicht durchgedreht bin. Was uns dort wohl erwarten wird? Ich vermute ja, es wird nichts Gutes sein. In meinen Tagträumen sehe ich brennende Ruinen und verstümmelte Leichen. – Ah! Ich gehe jetzt rüber.

12. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Ich sehe meinen letzten Eintrag und kann ihn nur nochmal bestätigen. Oh, wann kommen wir bloß endlich heraus aus dieser grünen Verdammnis, deren schleimige Fänge Tag für Tag nach uns greifen? Nun, vermutlich nie. Von wegen bloß eine Woche! Fast zwei Wochen fahren wir nun schon hier auf dem Fluss herum. Nun sagen Duimé und unsere ‚Führer‘, dass wir morgen Médyhúda erreichen würden. Ob man ihnen noch glauben kann? Und ach! Ich wiederhole meine ganzen Bedenken vom letzten Mal nun nicht noch einmal. Immerhin habe ich die letzten Tage getan, was ich mir vornahm: mich abgelenkt. Mit Miruil und Couccinne gespielt und unsere Übungen vollzogen; mich mit Scaric über die teils immer seltsamer anmutenden Wesen im Wald lustig gemacht und ihnen sonderbare Namen gegeben – und doch, es waren auch einige schöne Wesen dabei; sogar mit Jimmo habe ich ein wenig gesprochen, doch kaum etwas Neues aus ihm herausbekommen. Die restliche Zeit geht für das Staken drauf, wobei man leider viel zu gut nachdenken kann.

Vor zwei Tagen kamen wir an einem Dorf der Eingeborenen vorbei. Duimé befahl uns schließlich, nach einigem Überlegen, dort anzulegen. Unsere Führer meinten, dies sei keine gute Idee, doch Duimé blieb bei seinem Entschluss. Wir bräuchten Vorräte. Das Dorf sah zunächst kaum anders aus als andere, die wir in Nardújarnán gesehen hatten. Vermutlich werden sowohl Außenposten als auch Eingeborenendörfer aus demselben Guss erstellt. Und doch – schon bei der Annäherung war etwas beträchtlich anders, Was war es wohl… – nun, zuvorderst war keine Seele am Fluss. Wir sahen zwei Leute am Kai, doch verschwanden sie bei unserem Anblick hinten im Dorf. Sehen wir denn so schrecklich aus? Nun gut, wir können uns hier kaum waschen. Wie auch immer, es kamen andere Eingeborene aus dem Dorf heraus, kräftigere Gestalten, und warfen ihre Speere nach uns. Natürlich suchten wir danach Abstand zu diesen ungastlichen Wesen. Unsere Führer versicherten uns, dass man sonst hier den Toljiken freundlicher gesonnen war. Erst nach der Angelegenheit mit Médyhúda fing man an, sich feindlich zu verhalten. Also was hat wohl diese Veränderungen verursacht? Warum greifen sie uns nun an? Das Dorf sah an sich harmlos aus, konnte kaum Einwohner haben. Also vielleicht nur Angst vor uns, weil sie fürchteten, dass wir sie für das strafen könnten, was andere verbrochen haben? Oder ein Aufstarken lange unterdrückten Hasses? Jedenfalls würden sie wohl kaum ein feindliches Verhalten einem stärkeren Gegner über einnehmen, hätten sie nicht mehr Unterstützung hinter sich. Ich harre also voll Angst und Sorge allem, was da kommen mag. Denn eines ist sicher: Dies hier ist Feindesland und alles in diesen Wäldern will unseren Tod. Keine schönen Aussichten für unseren kleinen Ausflug.

Miruil sprach mit mir über Oljó, unseren lieben Freund, und seinem kleinen Kumpanen, dem hässlichen Xeazotankro. Seinem Gefühl nach würden die beiden irgendwas aushecken. Was das wohl sein könnte? Ich vermute zumindest nichts Gutes. Aber dieser Satz kommt mir bekannt vor. Man muss nun schon hier auf dem eigenen Schiff die Augen offenhalten. Ich fühle mich wie ein Fisch in einem Meer voller Raubfische. Doch diese wären mir lieber, deren Verhalten könnte man berechnen und abschätzen. Ich vermisse Cicillia. Ich vermisse sie wirklich. Ich hätte es niemals tun sollen. Und ich vermisse auch meine Schwester. Wem soll ich mich hier denn wirklich und wahrhaftig anvertrauen? Bleibt nur das Tagebuch…

Morgen also Médyhúda…

14. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Endlich erreichten wir das Ziel unserer Reise: Médyhúda. Ich habe vieles erwartet, doch nicht das, was wir vorfanden. Verwüstungen, massenhaft verstümmelte Leichen, Breschen in den Mauern, eine Handvoll um das Überleben Kämpfender, einen Außenposten gefüllt mit feindlichen Eingeborenen, Wesen und Pflanzen des Waldes, sich ihren Teil zurückholend, einen einzelnen Überlebenden, der uns kurz vor seinem Tode eine gestammelte Botschaft überlässt – all das hätte ich erwartet und noch viel mehr, doch nichts davon entsprach der Wirklichkeit. Wir haben den ganzen Außenposten auf den Kopf gestellt, ihn von Innen, Außen, Oben und Unten gründlichst durchsucht und doch nichts gefunden. Rein gar nichts. Keine Kampfspuren an den Mauern, im Hof, am Tor, an oder in den Gebäuden oder gar im nahen Wald. Keine Toten, keine Waffen, keine Eingeborenen, keine Tiere. Nichts. Und das ist es, was die Sache verdächtig und unheimlich werden lässt. Wo ist all dies, was einst in diesem Lager sich befand? Alles an Besitztum, Waffen, Vorräten und dergleichen ist verschwunden. Zurück blieben nur die spärlichen Möbel sowie die nun leerstehenden Gemäuer. Als hätte man entschlossen, den Außenposten aufzugeben und für immer zu verlassen. Doch das widersprach den Berichten. In Huális hatte man niemanden erblickt. Über den Fluss sind sie dort nicht vorbeigekommen. In den Wald sind sie aber auch nicht gezogen; wir fanden jedenfalls keine Spuren. Das wiederum ist auch sehr verdächtig, denn hieß es nicht einst, dass Médyhúda angegriffen worden sei? Aber dann müsste es doch Spuren der Angreifer geben, doch die finden sich nicht. Hat man alle Spuren beseitigt? Doch es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Die Besatzung des Postens könnte flussaufwärts geflohen sein, mit einem Schiff. Doch wozu, warum und wohin? Zumindest fehlen die beiden Schiffe des Postens.

Duimé gab uns nun neue Befehle. Er meinte, wir seien hier, um herauszufinden, was in Médyhúda geschehen sei, und vielleicht auch mit dessen fliehendem Boten, und dass es bei diesem Auftrag bleiben würde. Also schlugen wir hier unser Lager auf und warten. Wer eine Begabung dafür besitzt, muss den umgebenden Wald durchsuchen, auf dass sich vielleicht doch noch Spuren finden würden. Einer der Männer aus Huális fragte ihn, ob sie mit einem vorläufigen Bericht nach Huális zurückkehren sollten. Duimé war zunächst dagegen, da wir sonst erstens kein Schiff mehr hätten, zweitens unsere Vorräte nicht die gut zwei Wochen bis zu einer Rückkehr ihrerseits reichen würden. Doch Commosha Dacealus überzeugte ihn, sie ziehen zu lassen, da wir uns auch aus dem Wald ernähren könnten; Tiere, Beeren und Wasser fanden sich zu Genüge. Duimé nahm sich nur einige Augenblicke für seinen Bericht, dann brachen die beiden auf.

Ich fühle mich hier unwohl, so ohne Möglichkeit einer schnellen Flucht. Ich sollte das hier wohl als eine seltsame Art der Beurlaubung betrachten, doch das klappt nicht. Die zahlreichen Tierlaute des Waldes und die altbekannten Probleme halten mich davon ab. Eigentlich möchte ich in überhaupt keinen Kampf verwickelt werden. Außerdem träume ich nun auch noch ständig von Ccillia. Ach könnte ich sie doch nur erreichen!

 

 

XL: Bericht des Caris Duimé an Atáces

14. 09. 3979, Médyhúda

Wir haben Médyhúda erreicht. Dies ist mein Vorbericht, ein vollständiger folgt, sobald alles endgültig geklärt ist. Der Außenposten ist verlassen. Es gibt keine Anzeichen erfolgter Gewalt, noch welche von der Besatzung. Da das zweite Schiff des Postens auch fehlt, dürften sie vermutlich damit geflohen sein. In Huális wurden sie nicht gesehen, also fuhren sie flussaufwärts oder in einen der zahlreichen Nebenarme des Stromes. Im Wald fanden sich keine Spuren von ihnen, jedoch auch keine von Angreifern. Wir werden dies ungefähr zwei bis drei Wochen lang untersuchen. Ergibt sich bis dahin nichts, werden wir diesen Posten halten, bis andere Befehle oder Entsatzung eintrifft. Huális soll uns mit Vorräten versorgen.

Euch zu Diensten,

Caris Duimé y Belané

 

 

XLI: Tagebuch des Falerte Khantoë

23. 09. 3979, Médyhúda

Sie werden nie wieder zurückkommen. Die armen Seelen aus Huális, die dorthin zurückkehren wollten, werden niemals von uns erzählen können. Und ohne sie sind wir auch verloren. Seit zwei Tagen nun schon liegen ihre verwesenden Körper vor den Mauern des Außenpostens in der Sonne. Eines Morgens waren sie plötzlich da. Sie wurden ermordet, ihre Kehlen sind durchgeschnitten. Jimmo und ein anderer Kerl sollten sie hereinholen. Kaum waren die Tore aber offen, da regnete es bereits Speere auf sie. Zum Glück wurden sie nicht verletzt. Es erfolgt immer noch kein Angriff auf uns, doch das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Wir sitzen hier fest. Ich fühle mich wie in einem Kochtopf. Die Sonne brät uns, damit die Eingeborenen sich an uns laben können. Was sollen wir tun?

Drei Tage nach unserer Ankunft fanden Miruil und ich das zweite Schiff des Außenpostens, als wir den Fluss abwärts erkundeten. Es lag in einer kleinen, doch äußerst gut versteckten Bucht. An Bord befand sich natürlich niemand, doch es war stark beschädigt worden. Zum Glück war der Rumpf noch ganz. Es war eine gewaltige Mühe und die Arbeit zahlreicher Hände nötig, es hierher zu bekommen. Erst seit drei Tagen liegt es am Kai. Wenige Stunden später sollten wir uns in dieser misslichen Lage befinden. Vielleicht haben wir mit unserer Arbeit die Eingeborenen auf uns aufmerksam gemacht.

Duimé befahl, das Schiff wieder herzurichten. Ich hoffe, damit wir fliehen können, und nicht nur, um Boten zu entsenden. Keiner von uns ist zum Krieger geboren und sollte Duimé etwas dergleichen in Erwägung ziehen, dürfte es eine Meuterei geben. Ich jedenfalls will nicht hier bleiben, bis die Augen des Waldes dort draußen zu uns hier herein wollen. Ich habe etwas gegen ungebetene Gäste. Und die meisten hier sind meiner Meinung, soweit ich das mitbekommen habe.

30. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Oh, wie sich manchmal doch die Ereignisse überschlagen können. Wir haben einen neuen Anführer und sind irgendwo im Nirgendwo. Noch am selben Tage meines letzten Eintrages beging dieser Idiot Duimé seinen Fehler, den ich befürchtet hatte. Kaum war das Schiff zur Abfahrt bereit, da gab er schon den Befehl, dass fünf von uns damit nach Huális fahren und Hilfe holen sollten. Als wären diese nicht selber genug in Not und nun vielleicht schon längst gefallen. Als wären die beiden Toten vor den Toren von Médyhúda nicht Beweis genug, dass eine Fahrt gen Huális den Tod bedeuten würde. Als wären wir nicht bereits selber genug auf verlorenem Posten, ohne Vorräte, ohne Hilfe.

Kaum, dass Duimé seinen Befehl erteilt hatte, da ging der Unmut in Form eines Raunens durch die Mengen. Dann trat der Krieger Gammil aus ihr heraus, stellte sich vor Duimé und widersprach. Wir würden dem Befehl nicht gehorchen, sprach er. Stattdessen sollte das Schiff uns lieber in Sicherheit bringen. Duimé war von diesem Widerspruch nicht begeistert. Er nannte dies Meuterei und befahl Miruil, der Gammil gerade am nächsten stand, diesen zu verhaften. Doch Miruil verneinte diese Aufforderung. Andere aus der Truppe stellten sich auf seine Seite. Selbst Oljó und Xeazotankro standen hinter der Meuterei von Gammil. Selbst Commosha Dacealus gehorchte Duimé nicht mehr. Ich war mehr als beeindruckt und erfasst von diesem alle durchdringenden Gruppengeist.

Gammil wurde schnell von allen als neuer Anführer angesehen. Einige gaben zwar Ratschläge oder stellten sogar seine Entscheidungen etwas in Frage, doch letztlich folgte ihm jeder. Was sollen wir auch anderes tun? Wir haben alle denselben Wunsch: zu leben. Oljó forderte lautstark Duimés Tod, andere stimmten sogar ein, doch Gammil war dagegen, und die meisten waren ebenso dieser Ansicht. Duimé war zwar stets hart gewesen, doch ihn umzubringen wäre unmenschlich und würde uns kaum besser machen als unsere Angreifer. Also fesselten wir ihn nur. Seine Verfluchungen und Drohungen hörte niemand von uns mehr. Auch wenn ich zugeben muss, dass jemand darüber hätte nachdenken sollen, was später fern von Médyhúda mit ihm geschehen sollte. Aber das ist nun wohl unwichtig.

Gammil ließ das Schiff beladen mit allem, über das wir noch verfügen. Viel ist es nicht. Dann, dem hastig in unseren kleinen unzulänglichen Geistern erstellten Plan nach, wollten wir schlicht stromabwärts fahren. Zur Not uns treiben lassen, doch hauptsache weg von Médyhúda. Im Wald ertönten bereits die Trommeln und wir sahen immer mehr kampfbereite Eingeborene auftauchen, während wir in diesem Gefängnis ohne Vorräte feststeckten. Es war also allerhöchste Zeit, etwas zu unternehmen. Doch Dosten, der von uns allen die besten Augen hat, sah ein Problem: Etwas weiter flussabwärts von Médyhúda gerät der Tajazi in eine Enge, an welcher sich die Ufer sich annähern. Dort war es, dass die Eingeborene auf Erhöhungen Feuer entfacht hatten, wie Leuchtfeuer zu beiden Ufern. Gerade waren sie dabei, irgendetwas, das jedoch stark nach Baumstämmen aussah, ins Wasser zu lassen. Sie wollten uns also einsperren oder zumindest über eine Möglichkeit verfügen, uns bei unserer Durchfahrt erreichen zu können. Letzteres stellte sich jedoch schließlich als falsch heraus, denn bald war tatsächlich der Flusslauf für Schiffe gesperrt.

Einige von uns bekamen an dieser Stelle Panik. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie auf die Idee kämen uns auch vom Wasser her anzugreifen? Einige Männer wussten zwar zu berichten, dass die Eingeborenen nicht schwimmen könnten aus dem seltsamen Grund ihrer Verehrung für den Fluss, doch warum sollte man darauf vertrauen. Jedenfalls blieb für uns nur noch die Wahl, stromauf zu fliehen oder im Außenposten zu warten, bis der Hungertod oder die Eingeborenen kämen, was auch immer früher einsetzen würde. Gammil erreichte, dass wir die Flucht wählten. Wir bemannten das Schiff und legten ab. Stromauf also. Es stellte sich als fast so unerträgliche Folter heraus, wie auf den Tod zu warten. Flussab wäre es für uns leicht gegangen, sich einfach treiben lassen, doch flussauf ist es mühselig voranzukommen. Wir dürfen auch nicht zu weit hinaus ins tiefe Wasser geraten, denn uns bleibt nur das Staken, das Segel ist uns kaum eine Hilfe. Das liefert uns leider aber der Gefahr durch fliegende Speere aus. Denn die Eingeborenen folgen uns. Es ist die lächerlichste Flucht, die ich je gesehen habe. Wir kommen nur sehr langsam vorwärts. Bis Gestern konnten sie uns mühelos am Ufer folgen. Dann endlich kam ein breiter Nebenfluss des Tajazi, dessen Mündung sie nicht überqueren konnten. Unsere Vorräte sind nun längst aufgebraucht. Morgen werden wir an Land gehen, sofern dieses dann frei von Eingeborenen sein sollte. Ich hoffe doch sehr.

Lange hatte ich nicht mehr solche Angst um mein Leben. Das letzte Mal wohl damals in Emadeten. Damals, als meine heile Welt zerbrach und sich in diese hier verwandelte: Dieser Schrecken, den Nardújarnán für mich darstellt. Ich möchte gar nicht mehr daran denken, wie oft ich die Gestalt meines Puidor dort draußen in einem unserer Verfolger zu erkennen glaubte. Warum sehe ich ihn ständig? Wenn es so weitergeht, werde ich mich freiwillig allen Schrecken dort draußen stellen, um sie endlich loszuwerden. Und doch – es ist sonderbar – fühle ich mich auch lebendig wie nie zuvor auf dieser Flucht. Als würde die Angst erst mir alle Kräfte verleihen, die zum Leben nötig sind.

Den anderen an Bord geht es sehr unterschiedlich. Zunächst wäre da Duimé. Ihn hat man in eine Kabine unter Deck gesperrt. Da das Schiff nicht das Größte ist, gibt es davon hier nur vier. Die anderen werden von uns als Vorratsräume genutzt. Natürlich sind sie nun leer. Und mein Magen knurrt. Jedenfalls können wir den eigentlichen Laderaum als Schlafsaal verwenden. Das dürfte auch sicherer sein, als an Deck zu schlafen. Wer weiß, ob die Eingeborenen nicht doch noch eine Möglichkeit finden, uns mit Speeren oder Pfeilen zu erreichen. Außerdem haben wir dort unten mehr Schutz vor den Mücken und Fliegen. Unsere Salben sind längst aufgebraucht, nun plagen die Biester uns. Bei einem der Männer scheint bereits eine Art Krankheit ausgebrochen zu sein. Jedenfalls liegt er mit Fieber in einer unserer ‚Vorratskammern‘. Wir schlafen nur in kurzen Schichtwechseln. Die meiste Zeit über müssen wir das Schiff vorwärts staken oder nach Gefahren im Wald Ausschau halten. In Wirklichkeit aber erwehren wir uns da nur meist der Mücken oder dummer Vögel. Einige dieser Biester sind reichlich dreist. Miruil hat es sich mittlerweile zur Aufgabe gemacht, sie zu schießen. Auf diese Weise bekommen wir immerhin etwas Nahrung. Doch das Wasser aus dem Fluss können wir weiterhin nicht trinken; auf Durchfall kann jeder von uns gut verzichten. Couccinne will aber irgendwie versuchen, es zu reinigen. Wie, das vermag ich nicht zu sagen, doch in seiner freien Zeit stellt er seltsame Versuche mit einem Eimer Flusswasser an. Commosha Dacealus wurde verdächtig still seit unserer Meuterei. Ich frage mich, ob man ihm nun trauen kann oder ob er versuchen könnte, etwas bezüglich Duimé anzustellen. Immer wenn ich ihn sehe, versuche ich ihn im Auge zu behalten. Ähnlich geht es mir mit Jimmo, da ich immer noch weiß, ob er es damals war, der uns an Duimé verraten hatte. Äußerlich lässt er sich nicht viel anmerken, während er seine Arbeit wie wir alle tut. Manchmal aber wirft er Oljó und Xeazotankro Blicke zu, bei denen mir das Mark zu gefrieren droht. Hasst er die beiden wirklich so sehr? Doch auch dieses liebste Paar meines Ärgers ist seit den letzten Tagen äußerst ruhig geworden. Xeazotankro war nie der Stärkste von uns, und die Strapazen scheinen stark an ihm zu zehren. Fast tut er mir leid. Oljó dagegen ist zwar kräftig, doch scheinbar nicht für die Natur gemacht. Ich seh ihn immer wieder um sich schlagen und sich kratzen, als fürchte er sich vor den Mücken. Ob unser böser Oljó vor kleinen Tierchen wirklich Angst hat? Der Junge Dosten macht sich trotz seiner Schmächtigkeit dagegen überraschend gut, wesentlich besser als Xeazotankro. Ich habe ihn sich nie beklagen gehört, noch zeigt er übermäßig viel Furcht vor unseren Verfolgern. Ist es die Unerfahrenheit der Jugend oder der feste Glaube an uns alle, der ihm Sicherheit gibt? Bei letzterem dürfte er verloren sein. Selbst Scaric hat scheinbar alle seine Witze verloren, auch ihn umgibt ein düsterer Hang des Unterganges, wie uns alle.

Dann gibt es noch die beiden ehemaligen Krieger von Duimé. Der Kerl namens Jénil hat sich in letzter Zeit verdächtig gut mit Gammil gestellt, der wiederum immer noch die Rolle des Anführers innehat. Diesem Jénil traue ich kaum. Er versucht zu sehr, zu uns zu gehören. Der Andere, Gasuim, ist mir da wesentlich lieber. Anfangs erzählte er immerfort, welche Strafen uns für unsere Tat erwarten würde. Dafür wurde er im Gegenzug von Gammil bestraft. Nun hält er zwar endlich den Mund, doch zu mögen scheint er uns weiterhin nicht. Ich möchte nicht wissen, wie ich auf die anderen wirke. Seit unserer Flucht sprach außer Gasuim eigentlich kaum noch jemand mehr als das Notwendige und ich bevorzuge es hier dann auch, zu schweigen.

Wir fliehen nach Norden, hinein in den tiefen Wald. Wieviel Hoffnung ist das noch zu erwarten? Gammil meinte, wir müssten den Großen See, den Carajúl erreichen, von wo aus wir nach Osten, zum Meer gelangen könnten. Und welche Hoffnung ist das bitte? Ich träume derweil lieber von Ccillia und ihren warmen Armen. Oh Ccillia, auf dass ich dich wiedersehe.

01. 10. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Heute hat sich etwas verändert. Endlich haben wir wieder einmal angelegt. Nachdem die Eingeborenen sich immer noch nicht gezeigt hatten, haben wir es gewagt. Und oh! Wie wurden wir doch belohnt! Es fand sich ein kleiner See mit klarem Wasser, süß wie Honig; überall fanden wir Beeren und begegneten seltsamen Wesen, deren Fleisch uns nun speist. Oh welch wundersamer güldener Traum in einer Welt der Träume voller Schrecken. Au ewig hätte ich dort auf dieser Lichtung verbleiben und leben können, in meinem eigenen kleinen schönen Traum, fernab all der bösen Dinge um mich herum.

20. 10. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Es hat wahrlich eine Ewigkeit benötigt, doch endlich sind wir am See, am großen Carajúl. Zwei der Männer sind auf unserem Weg gestorben, beide an dieser grässlichen Krankheit, welche diese widerlichen Mücken und Fliegen zu verbreiten scheinen. Ein weiter scheint sich bereits angesteckt zu haben. Der Rest von uns ist einfach nur am Ende seiner Kräfte. Wir haben beschlossen, zunächst ein Lager herzurichten und für eine Weile hier am See, der mir wie ein gewaltiges Meer ohne Ende erscheint, zu verbleiben, bis wir uns etwas erholt haben. Es ist kaum zu glauben, dass aus diesen teils so friedlich wirkenden See ein Fluss entspringen kann, der so voller Gefahren ist. Selbst das Wasser des Sees ist durch Couccinnes Maßnahmen für uns genießbar.

Seit drei Wochen schon sehen und hören wir keine Eingeborenen mehr, und dieser Umstand lässt unser Herz höher schlagen. Dennoch – ich fühle mich so müde. Wir alle sind endlos erschöpft. Sollte noch etwas geschehen und wir dies alles nicht überleben, so hoffe ich zumindest, dass dieses Buch gefunden wird. Auch wenn das wohl eine sinnlose Hoffnung ist. Sagt Cicillia, dass ich sie liebe. Ebenso meiner Schwester und Mutter. Ja selbst meinem Vater. Doch nun – Schlaf – ich muss schlafen. Morgen mehr.

 

 

XLII: Bericht von Atáces an Ejúduira

20. 10. 3979, Atáces

Wir befürchten mittlerweile, die Kundschafter um den Caris Duimé für tot erklären zu müssen. Mehrere Wochen lang hat der Außenposten Huális nichts mehr von ihnen gehört. Sorgen machte man sich bereits, als entsandte Krieger mit ihrem Schiff nicht zurückkehrten. Unsere Truppen trafen gerade noch rechtzeitig ein, um Huális zu helfen. Wir erwarten ihre Berichte in den nächsten Wochen. Verläuft alles nach Plan, werden sie danach weiter gen Médyhúda ziehen. Hoffnung, die Gruppe von Caris Duimé dort lebend anzutreffen besteht aber kaum. Damit dürfte ihr Auftrag als fehlgeschlagen gelten. Zwar wurden von vornherein kaum Überlebende erwartet, doch zumindest ein Ergebnis.

Der Alui von Huális teilte unseren Truppen auch mit, Caris Duimé hätte ihm berichtet, ihr Schiff, die Paruibi, sei unterwegs nach Huális angegriffen worden. Ein Bericht darüber erreichte uns aber nie. Jedoch erhielten wir vor sechs Wochen Bericht von Cabó Canguina, dass die Paruibi zerstört aufgefunden worden war, irgendwo nördlich der Stadt. Das bedeutet, dass Schiff wurde auf seinem Heimweg erneut angegriffen und vermutlich gingen dabei auch Berichte von Caris Duimé und Kapitän Norís verloren. Dies gibt uns Anlass zur Sorge. Elpenó meldete ähnliche räuberische Vorfälle in Galjúin. Das lässt einen Zusammenhang und damit ein größeres Problem für uns vermuten. Wir werden weitere Einheiten aussenden, die betroffenen Gebiete zu erkunden und die Vorfälle zu untersuchen. Unsere Empfehlungen an euch sind, dass ihr eure Geistwächter ebenso entsendet; wir zumindest werden unsere einsetzen.

(Siegel der Obrigkeit von Atáces)

 

 

XLIII: Tagebuch des Falerte Khantoë

26. 10. 3979, Irgendwo am Carajúl.

Fast eine Woche sind wir nun schon an diesem See, diesem Meer. Kleine Hütten haben wir uns gezimmert an einer geschützten Stelle zwischen Felsen. Wir wurden gerade rechtzeitig damit fertig, denn vor drei Tagen fing es an zu regnen und seitdem hört es nicht mehr auf. All die Zeit über war es stets trocken gewesen; feuchtwarm, doch ohne Regen. Und nun das, als wollte uns die Natur verhöhnen. Dafür gibt sie uns nun Nahrung und Wasser im Überfluss. Vermutlich ist dies alles Teil ihres grausamen Spiels, unser Leiden zu verlängern. Mittlerweile kann ich mich kaum noch an ein gemütliches, warmes Bett erinnern. Wie war das damals bloß? Damals, vor über fünf Monden. Ist es wirklich schon so lange her? Nun hocke ich hier in einer Hütte zusammen mit Couccinne, Scaric und zwei anderen und höre dem Tropfen des Regens über uns zu. Irgendwie muss ich aber meine Gedanken, Überlegungen und Bedenken loswerden und was wäre da besser für geeignet, als mein kleines Tagebuch, denn Couccinne ist gerade beschäftigt und mit den anderen möchte ich nicht sprechen.

Natürlich können wir uns hier nicht ewig verkriechen. Unter Nachdruck von Gammil entschieden wir, spätestens Ende des Mondes gen Osten loszuziehen. Das Schiff hatte eine Karte von Nardújarnán an Bord, auf der deutlich doch ungenau erkennbar ist, dass man nur stets gen Osten wandern muss, um recht bald das Meer zu erreichen. Viel Schneller, als dies nach Süden möglich wäre. In beiden Richtungen sind zwar Berge zu überwinden, doch sind die im Süden höher, derweil die im Osten nur mehr große Hügel darstellen sollten. Zu Beginn der Reise könnten wir einfach dem Tajazi wieder flussab, also nach Osten, folgen. An einer Biegung käme dann ein größerer Nebenfluss, dem man bis in die Berge folgen kann. Soweit bräuchten wir das Schiff also noch und kämen mit ihm auch schneller voran. Später dann wären die Berge zu überqueren, anschließend müsste man einen Fluss finden, der nach Osten, in den See Bomorán mündet. Dieser hat eine Verbindung zum Meer und hätten wir dieses einmal erreicht, so wären wir bereits in Pesenno, einem Land Nardújarnáns, wo es immerhin Außenposten gibt. Soweit also unser schöner Plan. Immerhin durchführbar klingt er ja. Das einzige Problem wäre der Fußmarsch durch die Berge. Doch spätestens nächstes Jahr könnten wir schon zurück in Nardújarnán sein. Wenn, ja wenn, wir allem Feindlichen entgehen können. Zwei Fünfergruppen von uns meldeten sich freiwillig oder wurden als Freiwillige auserkoren, unsere Umgebung sowie den Weg gen Osten zu erkunden, zumindest ansatzweise. Eine Gruppe wird von Miruil geführt, die andere von Commosha Dacealus.

Bisher zumindest blieben wir hier unbehelligt. Selbst die elenden Fliegen kommen nicht zu diesem See. Vielleicht benötigen sie das dreckige Flusswasser zum Überleben. Im See können wir sogar genießbaren Fisch fangen und bisher fanden wir auch keine, die dafür uns fressen wollten. Es könnte ein wunderbares Traumland sein, doch wann wohl wird dieser Traum zum Alptraum werden? Wir haben auch ein Problem. Wir konnten Duimé dazu bringen, dass er sich unterordnen würde, wenn wir ihn nur von seinen Fesseln befreien. Bisher hält er sich sogar daran, und fliehen kann er hier sowieso nirgendwo hin. Aber er redet. Anfangs ließ er kurz seinen Hass in Form von Drohungen an uns aus. Züchtigungen ließen ihn dies zwar schnell vergessen, doch es streute Unruhe und Zweifel in die Herzen der Männer. Später versprach er allen eine mildere Strafe, die dem Plan zur Flucht gen Osten widersprächen. Wir müssten den Tajazi herab nach Nardújarnán, sagte er. Entweder hätten die Einheimischen ihre Sperre längst wieder aufgehoben, oder Atáces hätte bereits Truppen entsandt. So oder so wäre der Weg gen Osten in seinen Augen Unsinn. Dies säte weitere Zweifel in den Hirnen einiger, und so sieht man allenthalben Infragestellungen des Planes. Bisher konnte Gammil uns zusammenhalten, doch würden wir uns nicht bald in Bewegung setzen, so ist sicher ein ernsthafter Aufstand zu fürchten. Deshalb besteht ein Teil der ausgesandten Gruppen auch aus Unruhigen.

Dummerweise jedoch hat Duimé Recht. Woher sollen wir wissen, ob wir nicht wieder zurück könnten, den Tajazi herab? Doch genau da beginnt ein zweites Problem: Wenn wir einfach nur zurückgehen, so wird uns entweder Duimé selber oder die Obrigkeit von Atáces sicherlich vor ein Kriegsgericht stellen. Unser Tod wäre abgemachte Sache. Bei dem Weg gen Osten dagegen könnten wir immerhin versuchen, aus Nardújarnán zu entkommen. Soweit meine Meinung. Verbrecher werden wir in den Augen von Ojútolnán so oder so sein. Ich habe schon lange nicht mehr über mich selbst nachgedacht. Die letzten Tage waren gefüllt mit dem Bau des Lagers, Nahrungssuche, Erkundschaftungen sowie dem Pländeschmieden. Und auch dem Streiten. Irgendwo jedoch ist alles hoffnungslos.

Ist mein Leben nun nicht zerstört? Kehre ich nach Nardújarnán zurück, macht mich Duimé zum Verbrecher. Fliehe ich, werde ich ewiglich ein Flüchtling sein vor einem der mächtigsten Reiche der Welt. Mein Leben war ja schon immer sinnlos, nun steht es auch noch einem sinnlosen Ende gegenüber. Aber vielleicht könnte ich nach Omérian fliehen. Zurück zu Ccillia und hoffen, dass sie mir verzeiht. Ich vermisse sie an diesen Tagen immer mehr. Couccinnes Gegenwart macht dies nicht leichter. Ich sehe ihm an, dass er den Untergang genauso kommen sieht wie ich. Seltsamerweise aber versucht er es gerade in dieser Lage zu überspielen. Seit wenigen Tagen hat er Scarics Rolle übernommen, dumme Späße zu machen. Geht man einigen von diesen aber auf den Grund, so spürt man ihre Dunkelheit und Verzweiflung. Mein Freund macht mir derzeit Angst. Selbst auf Scaric macht sein Verhalten Eindruck, immer ruhiger wird der Mann. Ich bräuchte nun dringend Miruils Zuversicht und Abenteuerlust. Hoffentlich kommen sie alle bald zurück und bringen gute Neuigkeiten.

01. 11. 3979, Irgendwo am Carajúl

Im Abstand von einem Tag sind nacheinander die beiden Gruppen endlich zurückgekehrt. Als erstes kam Commosha Dacealus mit seinen Begleitern zurück. Sie hatten in einem großen Bogen die Umgebung unseres Lagers erkundet. Sich erst gen West haltend, dem See folgend, bogen sie dann ab nach Süden in den Wald, gelangten bald nach Osten, das Lager umgehend, und schwenkten dann um, nach Norden, wieder zum See zurück und danach zu uns. Auf ihrem Weg sahen sie vieles, doch kaum etwas davon wäre für uns nützlich. Nach Westen hin setzte sich der See zunächst fort wie bisher. Das heißt, mit Abwechslungen von Wald und Lichtungen, ohne irgendwelche Überraschungen. Als der Regen begann, wagten sie sich tiefer in den Wald, dessen dichtes Blätterdach sie gut vor den Fluten schützte.

Dacealus erzählte von immer größer werdenden Bäumen, von Beeren in Kopfgröße, Schnecken in Unterarmgröße und den seltsamsten anderen Tieren. Von Mittelgroßen erzählten sie, die an Bären erinnerten, doch sofort die Flucht ergriffen bei ihrem Anblick; von hasenähnlichen Flugtieren und zahlreichen Vogelarten. Einmal jedoch begegneten sie einem Tier, das aus Geschichten selbst bei uns bekannt ist: einem Carrara. Sie hatten Glück, dass es ein altes, schwaches Tier war, so konnten sie ihm noch rechtzeitig entkommen. Sonst sind diese Bestien meist paarweise unterwegs. Abgesehen von den vielen Wundern, die diese Gruppe sah, fanden sie nichts, dass uns wirklich gefährlich werden könnte; leider jedoch berichteten sie auch von nichts Nützlichem oder sonst Interessantem.

Nach ihrer Ankunft, die das Lager in einige Aufregung versetzt hatte und die allgemeine düstere Stimmung endlich mal wieder zerstob, wurde ich zusammen mit Jimmo dazu eingeteilt, Feuerholz aus dem Wald zu besorgen. Das erste Mal mit Jimmo allein. Dieser ergraute, ruhige Hüne lässt mich manchmal immer noch erschauern. Doch diesmal kamen wir sogar ins Gespräch. Der Anfang war dabei wenig eindrucksvoll: mir fiel plötzlich auf, dass wir uns nun mitten im Winter befinden müssten, doch hier in diesem Wald scheint es keinen Winter zu geben. Ich war so überrascht von meiner Erkenntnis, dass ich sie laut aussprach. Jimmo erzählte mir daraufhin, dass er es früher stets genossen hätte, mit seinem Sohn im Winter im Wald zu spielen. Diese Offenheit überraschte mich noch mehr. Ich wunderte mich ihm gegenüber, dass ich nicht gewusst hätte, dass er Familie hat und fragte ihn, was sie denn davon hielten, dass er so weit von ihnen entfernt hier in der Wildnis sei. Ich erkannte meine Taktlosigkeit zu spät, denn es stahl sich bereits ein schmerzlicher Ausdruck in Jimmos Gesicht. Auf einmal, ohne Hemmungen, erzählte er mir, wie sie von imarischen Truppen in einem der letzten Kriege zwischen Rardisonán und Machey getötet wurden. Ihr Gehöft hatte man dabei abgebrannt und Jimmo sah nur noch den Weg zur Armee. Doch nicht um Rache an den Imaris üben zu können, sondern um so weit wie möglich wegzukommen. Dann sah ich die Tränen in seinen Augen. Ich wusste nicht damit umzugehen, hatte das Bedürfnis ihn zu trösten, doch vermochte es nicht. Etwas hemmte mich. Mir muss etwas anderes einfallen, ihm mein Mitgefühl darzulegen. Ich frage mich, ob er aufgrund des Todes seines Sohnes sich nun so sehr um den Jungen Dosten kümmert.

Einen Tag nach Commosha Dacealus kam Miruil zurück, zusammen mit seinen Begleitern Oljó, Xeazotankro sowie Gasuim. Der Fünfte der Gruppe sei am Fluss von einer mannslangen wilden Echse gerissen wurden, gegen die selbst Satenechsen harmlos wirken sollten. Leider hat er uns damit nur vor etwas warnen können, dass wir bereits wussten. Ansonsten erzählten die Vier ähnliche Geschichten von Tieren und auch Pflanzen wie Dacealus, nur waren bei ihnen auch wieder diese elenden Fliegen zugegen. Es erscheint wie ein Wunder, dass sich keiner von ihnen eine Krankheit zugezogen hat. Ihre Hauptaufgabe war die Erkundung unseres Weges gewesen; das haben sie getan. Eingeborene waren ihnen nicht begegnet, ein gutes Omen. Deshalb beschlossen wir nun einstimmig, genug Vorräte anzusammeln um dann in zwei Tagen aufbrechen zu können.

Mir gefällt es irgendwie aber gar nicht, dass Miruil sich seit ihrem Ausflug besser mit Oljó und Xeazotankro zu verstehen scheint. Eine seltsame Eifersucht nagt an mir. Zwar verhält sich Miruil mir gegenüber wie gewöhnlich, doch auch freundschaftlicher zu den anderen beiden. Die Drei werden sich langsam zu ähnlich.

02. 11. 3979, Irgendwo am Carajúl

Morgen werden wir abfahren. Wir sind nun mitten in den Vorbereitungen. Doch nicht deshalb bin ich derzeit aufgeregt. Hier an diesem schönen See habe ich trotz allem viel Zeit, immer wieder über Ccillia und über das, was geschehen war, nachzudenken. Gestern Abend ging ich spazieren, nachdem der Regen endlich wieder aufgehört hatte, um mit meinen Gedanken etwas allein sein zu können. Ich wanderte in dem schwachen Licht des weißen Mondes an einem ebenso weißen Sandstrand des Sees entlang, da fing eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Erschrocken zog ich meine Waffe und starrte in den Wald, bereit für jegliches gefährliches Tier oder auch Eingeborene. Dann sah ich ihn dort inmitten der Bäume. Puidor kniete am Rande des Waldes im Unterholz. Es wirkte, als würde er dort etwas ausweiden. Seinen Anblick schon fast gewöhnt, lähmte mich die Angst nun kaum noch, wollte mich dort nur wegbringen, doch ich beschloss, so gut es ging näher heranzuschleichen, um zu sehen, was er da genau tat. Dies gelang mir soweit recht gut, und das, obwohl jede Faser meines Körpers einfach nur rennen, davonlaufen und schreien wollte, jedes bisschen ihres kläglich übriggebliebenen Verstandes von sich reißen. Doch ich beherrschte dieses Verlangen und schließlich stand ich so, dass ich von seiner Rückseite aus sehen konnte, was er dort tat. Ja, er weidete etwas aus. Doch es war nicht etwa ein erlegtes Tier, nein, dort lag die blutige Leiche meines Freundes Couccinne!

Ich musste bei diesem Anblick ohnmächtig geworden sein. Als ich erwachte, lag ich am Strand und neben mir saß Couccinne, noch sehr lebendig und sah mich besorgt an. Er gab mir Wasser und kümmerte sich um mich. Bald erzählte er mir, er sei mir gefolgt, da er sich Sorgen gemacht hatte, und fand mich dann so dort vor. Ich verschwieg ihm meine Erscheinung, doch wir setzten uns zusammen auf einen Stein am See und redeten. Er erzählte mir von seiner Familie. Wir stellten schnell fest, dass wir beide herrische Väter haben, mit denen wir kaum zurechtkommen. Couccinne aber verließ früher sein Zuhause denn ich. Zunächst versuchte er es im Orden der Omé von Frezinne als Mönch. Das erklärt für mich einiges an seiner Person. Später gab er dies aber auf, da er anfing zuviel im Leben in Frage zu stellen und keinen Sinn mehr darin sah, an demselben Ort zu verbleiben. So kam er letztlich zur Armee. Oh, er erzählte mir soviel aus seinem Leben wie nie zuvor. Und ich schilderte ihm mein größtes Geheimnis, dass meiner schönen Ccillia, meine Pläne sie wieder für mich zu erobern und den Grund, warum ich nicht mehr bei ihr war. Irgendwie fange ich an, Couccinne mehr als Bruder, denn als Freund zu betrachten.

07. 11. 3979, Irgendwo

Alles läuft nur noch schief. Alles! Lasst mich in dieses meines Totenbuch von all dem klagend niederschreiben, das uns in den letzten Tagen wiederfuhr.

Unsere Abreise vom See verlief zunächst ohne Probleme. Wir beluden das Schiff mit sovielen Vorräten, wie es nur tragen kann und stachen sodenn in See, unsere armen Hütten zurücklassend. Vielleicht hätten wir einfach auf ewig dort bleiben sollen. Solange weder Tiere noch Eingeborene kommen, dürfte es dort sicher sein, Platz genug sein eigenes sicheres Traumreich zu bauen. Und wieviel von dem, was nun verloren, wäre dann vielleicht noch da! Aber ach, so bleiben unsere Hütten zurück um unserer Anwesenheit unbedeutenden kleinen Leben zu gedenken. Vielleicht mögen sie einst Tieren oder Eingeborenen eine Bleibe sein.

Dank Segel und Strömung war es leicht und schnell, den Tajazi zu erreichen, ebenso wie auf diesem zu unserem auserkorenen Nebenfluss zu fahren. Wir kamen mitten in der Nacht dort an und es ward schrecklich. Als hätten sie uns erwartet. Einige wenige Feuer wurden von ihnen sowie uns entfacht. Dann stießen sie Baumstämme ins Wasser, wie sie es schon bei Médyhúda getan hatten. Jedoch taten sie dies bereits vor der Mündung des anderen Flusses. Uns blieb also nur die Wahl zwischen dem Versuch durchzustoßen oder umzukehren. Und ein Umkehren war nicht möglich, wie Commosha Dacealus uns schnell aufklärte, denn wir fuhren viel zu schnell. Hätten wir versucht zu wenden, so hätte uns die Strömung unweigerlich an der Sperre kentern lassen. Also gab Gammil Befehl, sie stattdessen zu durchstoßen. Wir alle hielten den Atem an oder beteten zu unseren jeweiligen Gottheiten, als wir uns ihr näherten. Unsere Angreifer hatten es nicht ganz geschafft, den Fluss zu sperren, einige Stellen boten noch knappe Durchgänge. Doch zu beiden Seiten standen sie bereit, mit Speeren in den Händen, andere hielten Bögen gespannt, und alle sangen sie Lieder oder trommelten.

Und dann erreichten wir eine der Engen. Es gab ein fürchterliches Krachen und das Schaben von Holz an Holz und das Schiff schwankte schrecklich. Die Eingeborenen schossen ihre Pfeile ab und zwei der Männer schafften es nicht rechtzeitig, sich in Sicherheit zu bringen. Dann sprangen einige unserer Angreifer unter wildem Rufen und in halbnackten, federgeschmückten Trachten zu uns aufs Schiff. Wir waren dem linken Ufer zu nahe gekommen, und so begann unser erster richtiger Kampf. Während zwei von uns mit dem Steuer rangen und versuchten, uns vorwärts zu bringen, mussten wir Restlichen uns gegen gut zwei Dutzend wilde Krieger zur Wehr setzen. Ich sah Jimmo im wilden Rausch um sich schlagen, sah Oljó von einer geschützten Stellung aus mit der Armbrust das Ufer beschießen, sah Miruil im Tanz mit einem Speerkämpfer. Und Duimé schien der Tapferste von allen zu sein. Alle von uns kämpften aber nun um unser gemeinsames Überleben. Einige taten es Oljó gleich, um nicht noch mehr von ihnen an Bord springen zu lassen. Dann endlich waren wir mit einem plötzlichen Ruck von der Sperre frei und schossen vorwärts; die Pfeile der Eingeborenen am Ufer trafen ins Nichts. Viele der Fackeln an Bord waren bereits erloschen, so wurde der Kampf für uns dunkel und ich sah kaum noch mehr als den Gegner vor mir. Schreie und Schläge von Schwertern auf Speere ertönten überall um mich herum. Immer wieder vernahm ich einen Schmerzenssschrei und oft ein Platschen, als jemand ins Wasser fiel. Und dann war auf einmal alles ebenso schnell vorbei, wie es begonnen hatte.

Wir eilten uns, den anderen Fluss hinaufzufahren und begannen das Staken, sofern noch jemand dazu in der Lage war. Wenigstens unterstützte uns das Segel noch. Erst am nächsten Tag konnten wir die Ausmaße der Schlacht erkennen. Fast ein Dutzend toter Eingeborener ward von uns noch in der Nacht von Bord geworfen. Aber nun erst erkannten wir die Verluste in den eigenen Reihen. Sechs der Männer waren tot, wir konnten sie nur noch ins Wasser lassen. Einer davon war Jénil, einer der ehemaligen Krieger von Duimé. Zwei andere waren bereits an der Sperre erschossen worden. Zwei Männer waren schwerverletzt, es gab kaum Hoffnung für sie. Fünf weitere werden ihre Verletzungen überleben, können jedoch eine Weile nicht arbeiten oder kämpfen. Zu diesen gehören auch Xeazotankro und Scaric. Ersterer verlor einige Finger, zweiterer zog sich zahlreiche Schnittwunden zu. Beide werden uns erhalten bleiben, auch wenn Xeazotankro jammert wie ein Kind. Scaric dagegen macht gute Miene zum bösen Spiel.

Nun muss ich noch das Schrecklichste von allem schildern. Ich würde es lieber vergessen, doch darf es nie vergessen werden. Oh du grausame Welt! Drei der Männer waren schlicht verschwunden, fielen während des Kampfes wohl über Bord. Und einer von diesen Dreien ist mein Couccinne! Oh geliebter Freund, so werden all deine düsteren Ahnungen doch noch zur Wahrheit. Ich werde dich vermissen, mein Freund. Couccinne Carizzo aus Amacco in Omérian, ich schwöre dir, dies alles zu überleben und deiner Familie von dir Nachricht zu bringen, von deiner Tapferkeit zu erzählen, eher will ich nicht ruhen.

Gammil weigerte sich, nach den Vermissten zu suchen und Miruil musste mich zurückhalten, sonst wäre ich allein gegangen. So aber eilen sich die kläglichen Überlebenden dieser schrecklichen Fahrt, vor ihren Feinden fliehend und hoffend auf ein neues Leben. Nun zählen wir nur noch 21 auf diesem Schiff und bald schon dürften es nur noch 19 sein. Wie viele werden wohl noch sterben müssen, bevor wir diesem fehlgeschlagenen Auftrag entrinnen können? Wir sind hier mitten auf diesem uns fremden Fluss, die Flucht dürfte nur noch wenige Tage dauern. Noch hören und sehen wir keine Verfolger, doch werden sie sicherlich kommen. Ich habe Angst.

14. 11. 3979, Irgendwo.

Eigentlich bin ich mir ja überhaupt nicht sicher, welcher Tag heute ist. Ist es wirklich der, von dem ich denke, dass er es ist? Auch weiß ich nicht, wo wir uns hier befinden. Alles scheint so hoffnungs- und sinnlos, seit wir den Fluss verlassen haben. Würden Gammil und Miruil uns nicht vorantreiben, so wäre ich wohl schon längst ein Zurückgelassener. Sollte je ein Mensch nach uns suchen, könnte er uns leicht anhand der Spur von Leichen hinter uns finden. Womöglich sind wir in Wirklichkeit auch alle schon lange tot und nun auf einem endlosen Marsch in einem schrecklichen Jenseitsreich, wo nur die Guten den Pfad als Erste verlassen dürfen. Das zumindest würde erklären, warum Couccinne so früh gehen durfte. Mit wem soll ich nun noch über meine Besorgnisse sprechen? Miruil ist völlig in der Aufgabe aufgegangen, über unsere Sicherheit zu wachen. Es ist seltsam, aber ich bemerke immer häufiger, wie ich in Jimmos Nähe gerate. Doch die ständige Anwesenheit von Dosten an dessen Seite hindert mich, unser Gespräch von damals noch einmal aufzunehmen. Scaric muss von zwei Kriegern auf einer Bahre mitgeschleift werden; er hatte sich auf dem Fluss irgendwas eingefangen.

Vor drei Tagen erreichten wir eine Stelle im Fluss, ab der das Schiff ihn nicht mehr befahren konnte. Wir mussten es dort zurücklassen und folgen ihm seitdem zu Fuß den Berg hinauf. Noch bringt uns dies fast nur Nachteile: wir kommen wesentlich langsamer voran, konnten kaum Gepäck mitnehmen, das Gelände lässt sich immer schwieriger begehen und der Wald ist noch überall, wird aber hoffentlich bald weichen. Ständig hängen uns seltsame Luftwurzeln, Äste und Blätter ins Gesicht. Wir gehen gezwungenermaßen im Gänsemarsch, da stets einer von uns vorangehen und einen Weg durch das dichte Unterholz schlagen muss. Unser Lager versuchen wir seit dem Unglück des ersten Wandertages von Wasserquellen fernzuhalten. In besagter Nacht hatten wir übersehen, dass zahlreiche Tiere an jener Stelle zum Trinken kamen. Nachdem der Mann, der Wache hatte, beim Anblick eines Carrara-Pärchens falsch gehandelt hatte, hörten wir von ihm nur noch Schreie und kamen zu spät. Doch so sollte ich einen ersten Blick auf diese mächtigen Raubtiere haben. Ich werde sie nie vergessen: Groß wie ein Mensch auf allen Vieren sind sie, dreckig gelb-schwarz gestreift, die Hinterbeine angewinkelt wie bei Hasen und ihre Sprungkraft mussten wir zu unserem Leidwesen erfahren; der Kopf ist rechteckig und massiv, die Ohren klein und dreieckig, die oberen spitzen Eckzähne überragen des Maul. Und diese wilden Augen. Wir konnten die Tiere zwar töten, doch ein weiterer Mann sollte dabei sterben. Wieder zeigte Duimé hier Tapferkeit; er wird sich bis zu seinem Ende sicherlich gut an diesen Kampf erinnern dank der Narbe. Alle anderen Tiere, auf die wir stießen, scheinen ähnlich viel Angst vor uns zu haben wie wir vor ihnen. Heute wurde ein Mann von einer aufgeschreckten Schlange gebissen; es dauerte nur wenige Stunden bis zu seinem Tod. Gestern wurde Commosha Dacealus von einer handgroßen Spinne angesprungen und gebissen, zum Glück schien sie nicht giftig zu sein. Trotzdem erregte sie Ekel.

Wir sehen nicht einmal, wohin wir gehen, denn die Bäume versperren den Blick zum Himmel. Links von uns liegt der Fluss, nun kaum mehr als ein Bach. Von uns sind nur noch 16 am Leben und ich kann kaum glauben, dass sich diese Zahl so halten wird. Hoffentlich führt uns der Fluss bald in Gegenden, in denen der Baumbewuchs aufhört. Wenigstens aber gibt es hier bereits keine Mücken mehr und Vögel erreichen uns durch das Blätterdach auch keine. Alle paar Schritte die wir vorwärts tun sehe ich aber Puidor zur Rechten. Wie ein böser Geist, der allen unseren Schritten folgt. Vielleicht ist er es ja, der all diese Toten fordert, der sich von ihnen ernährt.

Ein Gutes hat all dieses Unglück aber: Es gibt keinen Streit mehr unter uns. Wir alle handeln als eine Gruppe. Jeder passt auf die anderen auf. Selbst Oljó ist ruhig, sogar Duimé sagt kein Wort unsere Taten betreffend. Gammil, Miruil und manchmal auch Duimé geben uns Befehle, schicken uns voran, wo wir sonst schon längst vor Erschöpfung und Angst zusammengebrochen wären. Wie lange wohl noch?

27. 11. 3979, Irgendwo in den Bergen.

Seit einigen Tagen sind wir in den Bergen. Es ist merklich kälter geworden. Für Winter ist es zwar immer noch erstaunlich warm, doch wir merken den Unterschied. Überraschenderweise ist trotz der Strapazen Scaric wieder genesen. Auch sonst haben wir alle den Weg hierher gut überlebt. Den Fluss haben wir hinter uns gelassen, nachdem er zu einem kleinen Gebirgsbach geworden war. Die Ungenauigkeit der Karte hat uns aber zu Schlimmen verführt: Die Berge sind höher als gedacht, wenngleich lange nicht so hoch wie andere Gebirge. Wir befinden uns hier nun auf halber Höhe und noch ist es nicht zu kalt, eher angenehm warm. Die Luft ist klarer, der Wald liegt endlich hinter uns. Wenn man nach Westen sieht, hat man manchmal eine großartige Aussicht über das Land. Und erschreckenderweise sieht man überall nur Wald, unterbrochen von wenig Blau, vor allem im Nordwesten zum See hin. Ich hoffe, diesen gewaltigen Urwald nie wieder sehen zu müssen; vermissen werde ich ihn jedenfalls nicht.

Gestern sah ich erneut Puidor. Ich erkundete gerade die Umgebung unseres Lagers, da stieß ich auf eine Höhle. Feuerschein lockte mich an, doch befahl mir auch vorsichtig zu sein. Also schlich ich, zumindest so gut es ging, suchte mir Deckung hinter einem großen Stein und spähte in die Höhle. Schon längst hatte ich lauten Singsang vernommen. Und da stand er, Puidor, wie immer halbnackt, mir zwar den Rücken zugewandt, doch deutlich erkennbar. Die Arme hatte er weit erhoben, in der rechten Hand hielt er einen Dolch. Vor ihm stand ein kleiner Altar, geschlagen aus dem Felsen, darauf lag ein kleines Tier des Waldes. Im Boden vor dem Altar wiederum befand sich ein großes rundes Loch von dem Durchmesser einer Menschenlänge. Feuer züngelten daraus hervor. Um dieses Loch stand ein halbes Dutzend Gestalten, allesamt nackt. Drei waren eindeutig Eingeborene, doch die anderen Drei sahen nur entfernt menschlich aus. Ihre Haut war schuppig und blauschwarz, der Kopf war der einer Bestie. Sie alle wie sie dort standen sangen zusammen diesen Singsang und ich erkannte darin ähnliche Worte wie damals auf der Sturmwind.

Als Puidor dem Tier die Kehle durchschnitt, war alles vorbei. Ich fand mich irgendwo auf einem Vorsprung wieder ohne auch nur die leiseste Ahnung, wie ich dort hingekommen war. Der seltsame Traum den ich von Puidor hatte, verfolgte mich bis hierher. Es war schwer unser Lager wiederzufinden.

02. 12. 3979, Irgendwo.

Schreckliches ist geschehen: Wir wurden gefangen genommen. Sie haben aber mein Tagebuch nicht entdeckt. Ich werde hier festhalten, was uns geschieht. Ich habe aber wenig Hoffnung zu überleben. Eigentlich macht es kaum Sinn, hier hineinzuschreiben. Wer wird es denn schon jemals lesen? Sollten sie mich holen, werde ich es in einem Loch in der Zelle verstecken. Vielleicht findet es jemand. Vielleicht bringt es jemand in die Außenwelt. Oh, wie unsinnig diese Annahmen sind! Aber trotzdem kann ich mich so beschäftigen.

Gerade herrscht da draußen Ruhe. Es ist noch nicht lange her, da kamen sie um Oljó zu holen. Also dürfte nun genügend Zeit sein, bis sie wiederkommen. Ich bin in dieser Zelle jetzt allein mit Xeazotankro, der aber nicht mehr sprechen kann seit sie ihm den Kiefer brachen. Es ist fürchterlich. Sollten sie kommen, mich zu holen, werde ich vielleicht froh sein. Die Gewissheit eines nahen Todes dürfte besser zu ertragen sein als diese unbeschreibliche Möglichkeit des Drohenden.

Noch in derselben Nacht, in der ich meinte diesen Traum von der Versammlung des Puidor zu haben, griff man uns an. Sie kamen aus dem Nichts und gleichzeitig doch von überall her. Bevor wir uns versehen hatten, waren wir bereits umstellt. Gut, eigentlich merkten wir das alles erst, als wir geweckt wurden. Soviel zu unseren Wachen. Einige schlugen sie nieder, bevor wir alle zusammen gefesselt und verschleppt wurden. Ich war teilweise wach, doch erinnre ich mich kaum an den Weg. Es ging eine Weile in der Dunkelheit über steile Bergpfade. Unsere Entführer konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen, doch sie waren, sie sind, menschenähnlich. Je ein bis zwei trugen, zerrten oder schleppten einen von uns. Bald wurde es vollends dunkel um uns, als wir Höhlen oder Tunnel betraten. Ich weiß nicht, wie lange es so durch die Dunkelheit ging. Auch weiß ich nicht, wohin es ging, denn nie wurde ein Feuer entfacht oder Licht gemacht. Wer weiß, wie es unsere Entführer schaffen, sich in dieser Finsternis zurechtzufinden.

Selbst jetzt hocken wir in teilweiser Finsternis, doch Feuer aus den Räumen jenseits unseres Gefängnisses beleuchtet es schwach. Hier war es, wo wir uns wiederfanden. Außerhalb sehen wir nur wenig. Ein gewaltiger, fast kreisrunder Raum, in dessen Mitte ein gewaltiger Abgrund droht, aus dem Feuerschein und Rauch aufsteigen, liegt dort draußen. Das Gefängnis selbst besteht aus einer größeren, sehr naturbelassenen Höhle, von der mehrere kleine, mit Gittern versperrte Nischen abgehen: unsere Zellen. Es zweigen noch weitere Höhlen und Gänge von der Haupthöhle ab, deren Zwecke uns unbekannt sind. Dies alles wirkt wie eine natürliche Festung.

Niemand bewacht uns. Wenn aber jemand kommt, uns zu holen oder Essen zu bringen, so sind es Eingeborene. Diese elenden Bastarde! Ist dies also ihr Geheimnis? Haben sie hier eine Kultstätte oder die Hauptstadt ihres Reiches? Nun, womöglich auch nur die Folterkammer des Reiches. Bedeutet dies, dass die Eingeborenen doch nicht so harmlos sind, wie immer alle denken? Ach, die Frage war dumm. Mein Gehirn scheint in seinen Leistungen immer weiter nachzulassen.

Nachdem wir mehr oder minder in unseren Zellen erwacht waren, wurden wir nicht einmal begrüßt. Lediglich unsere Waffen hatten sie uns genommen. Ich teile – oder teilte – mir eine Zelle mir Oljó und Xeazotankro. Nebenan höre ich Miruil und Duimé auf der einen, Commosha Dacealus und Gammil auf der anderen Seite, zusammen mit zwei weiteren Kriegern. In den anderen Zellen steckt der Rest von uns. Anfangs schrien und zeterten einige noch, mittlerweile sind die meisten aber verstummt.

Gestern kamen sie das erste Mal, um jemanden von uns zu holen. Einen armen jungen Krieger zerrten sie aus seiner Zelle, die anderen drängten sie dabei zurück. Wir wissen nicht, was aus dem Kämpfer wurde, doch er wurde schreiend in die Haupthöhle hinaus gebracht und entschwand dort unseren Blicken. Gut eine Stunde später hörte ich nur noch Grauenvolles. Ein Singsang ähnlich dem meines Traumes erhob sich dort in den Gängen der Dunkelheit. Immer wieder vernahm ich darin die Worte Šamrek und Ašckhir, welche ich auch damals auf der Sturmwind gehört hatte. Irgendwann stimmte das Schreien des Mannes wieder darin ein, in tiefer Todesfurcht und Abscheu. Und schließlich, zum Höhepunkt des Gesanges, ertönte ein markerschütterndes tiefes Brüllen wie aus dem Leib der Tiefen selber und plötzlich brachen die Schreie des Kriegers ab. Wenig später sollte auch der Singsang enden. Und nun, nun ertönt er wieder, und sie haben Oljó zu sich geholt.

05. 12. 3979, Irgendwo.

Ašckhir lautet der Name dieser Gewölbe. Nun wissen wir dies endlich und können den Schrecken benennen. Namensgeber war Oljó, der ihn zu uns trug. Gestern kam er unerwartet wieder. Der Singsang von vor wenigen Tagen war nicht von Schreien begleitet gewesen. Oljó sagt, er wäre verhört worden: Wer er sei, wer wir sind, was wir in diesen Bergen wollten. Er erzählte, er hätte unsere Geheimnisse bewahrt und es ihnen nicht verraten, hätte ihnen gesagt, wir seien nur einfache Abenteurer auf der Suche nach dem Glück. Einen Unterschied dürfte das jedoch nicht machen, denn sterben sollen wir wohl so oder so. Doch mit sich brachte Oljó immerhin einen Dolch, an den er irgendwie gekommen war.

Um diesen herum bildete sich in den folgenden Stunden ein schwachsinniger Plan, der zugleich aber unsere einzige Hoffnung ist. Denn Oljó hatte auf seinem Weg auch die Gänge gesehen; hatte gesehen, wo Waffen liegen und sogar einen Weg ans Tageslicht bemerkt. Duimé meldete sich schließlich freiwillig für diesen Plan. Er sprach, der einzige Sinn seines Lebens sei seine Familie, die nun auf ihn wartete, weshalb er sie nicht alleine lassen würde.

Doch für Gammil kam diese Zusage zu spät. Bevor sie Oljó zurückbrachten, holten sie unseren armen Anführer. Gammil wehrte sich tapfer gegen die vier Eingeborenen, schlug sogar einen von ihnen nieder, doch wurde letztlich überwältigt. Sie brachten ihn hinaus in die Feuerkammer, wie wir den Kessel außerhalb unseres Gefängnisses nun nennen und verschwanden dort mit ihm für immer. Etwa eine Stunde später setzte der Singsang ein. Gammil blieb auch da noch tapfer und stark, nicht einmal schrie er. Zum Höhepunkt des Ganzen jedoch, in Verbindung mit diesem unheiligen Brüllen aus der Tiefe, brach auch sein Widerstand und wir hörten ihn. Wir alle trauern nun um ihn. Wer wird der Nächste sein? Mein Verstand droht schon vor Angst völlig zu entfliehen. Oh, Ccillia, oh Couccinne, rettet mich!

13. 12. 3979, Irgendwo.

Wo bin ich? Wo? Wo! Fast könne ich auch fragen, wer bin ich. Doch noch ist es mir halb bewusst. Es ist dunkel. Nun, nicht ganz. Der Mond gibt mir genug Licht zum Schreiben. Ich hocke hier in irgendeinem dunklen Erdloch. Sonst gibt es hier aber auch nirgends Deckung, nirgends Schutz. Dieses ganze elende Land hier ist, so weit man sieht, in alle Richtungen offen. Nur hie und da ein Busch, ein Baum. Und doch bin ich hier allein, sehe ich niemanden. Selbst Tiere scheinen mich zu meiden. Dabei habe ich kaum noch etwas bei mir, außer diesem Buch und dem kläglichen Rest Tinte. Dies wird mein letzter Eintrag sein. Selbst wenn ich noch länger überleben sollte, werde ich über keine Tinte mehr verfügen. Vielleicht sollte ich einfach dieses verdammte Pergament essen, etwas anderes findet sich hier doch nicht! Aber nein, ich reiße mich zusammen. Hier in diesen Gegenden ist es wahrscheinlicher, dass jemand mal dieses Buch finden sollte. Ich stelle mir vor, wie es jemand in hunderten von Jahren als einzigen Zeugen neben meinen Knochen findet. Ich werde also fortfahren, über alles zu berichten, zur Warnung derer, die da kommen, vielleicht? Als Warnung vor dem Wald, den Eingeborenen, den Bergen, dem Grauen dort drinnen!

Ach, lasst mich jetzt den Wahn auskosten! Nun, werter Finder, werter Leser, sicher wundert ihr euch, seid ihr denn bis zu diesem Eintrag gelangt, wie es sich ergab, dass ich mich hier in den Steppen wiederfinde. Lasst es mich erklären, mein Freund, oh einziges Wesen hier, zu dem ich sprechen darf. Wir waren zuletzt an einer Stelle stehengeblieben, an der unser geschätzter Führer Gammil gerade geopfert worden war und Oljó mit seinem Ausbruchsplan ankam.

Wir mussten noch zwei weitere Tage warten, bevor wir damit beginnen konnten, doch dann war es plötzlich soweit. Sie kamen sich ein neues Opfer zu holen. Als dieses hatten sie sich den Jungen Dosten auserkoren. Ab da ging alles schief, was wir je geplant hatten. Jimmo, der sich in derselben Zelle wie Dosten befand, stellte sich vor ihn und meinte, dass sie erst an ihm vorbei müssten, bevor sie den Jungen bekämen. Die Wächter verstanden vermutlich kein Wort, jedenfalls schlugen sie Jimmo nur einfach nieder und packten Dosten, um ihn herauszuzerren. Da fing Duimé in seiner Zelle an zu rufen, man solle ihn nehmen, doch ihn beachteten sie erst gar nicht. Als dieses also nicht klappte, war er Oljós Dolch hinüber in Jimmos Zelle, der gerade wieder aufstehen wollte. Er nahm den Dolch und stach ihn einem der Eingeborenen in den Bauch, bevor sie handeln konnten. Endlich kam ihm auch Gasuim, der Dritte in jener Zelle, zu Hilfe. Er schnappte sich die fallengelassene Waffe des erstochenen Eingeborenen. Zu zweit sahen sich Jimmo und Gasuim drei Gegnern gegenüber. Diese kamen nicht einmal auf die Idee, Hilfe zu rufen, waren sich ihres Sieges scheinbar schon sicher. Einer blieb zurück um Dosten zu halten, derweil die anderen beiden mit Jimmo und Gasuim kämpften, die trotz der langen entbehrungsreichen Zeit den Kampf gewannen. Der letzte Wächter hatte, als er seine Geisel törichterweise von sich stieß, kein langes Leben mehr.

Die drei Krieger eilten sich sodenn, uns andere auch zu befreien. Noch hatte man nichts von unserer Tat bemerkt, doch lange könnte es nicht dauern, bis die Wächter mit dem Opfer vermisst werden würden. Oljó zeigte uns die kleine Waffenkammer, welche nahezu genau neben meiner Zelle gelegen hatte, und wir rüsteten uns mit Sensen und Äxten aus. Unser Leben lag weiter in Oljós Händen; nur er wusste den Weg hinaus, ihm hatten wir zu folgen. Dazu eilten wir durch dunkle Gänge, an seltsamen Höhlen vorbei, sahen sonderbare blauleuchtende Kristalle und Kammern gefüllt mir eiähnlichen Gebilden, deren Zweck mir immer noch nicht klar geworden ist, doch die mir kein gutes Gefühl vermittelten.

Seltsamerweise begegnete uns auf dem ganzen Weg kaum ein Eingeborener. Ich hätte mit wesentlich mehr Widerstand gerechnet. Bald fragten wir uns, ob Oljó auch tatsächlich wüsste, was er da tat, denn unserem Gefühl zufolge gingen wir immer nur im Kreis, da meinte er endlich, die Tunnel hinaus lägen um die nächste Ecke. Doch vorher kamen wir an einer Öffnung zur Haupthöhle vorbei, wo wir Schreckliches sahen. Jener Anblick verfolgt mich in meinen einsamen, düsteren Träumen.

Diese Träume erzählen von einer gewaltigen Höhle, himmelwärts strebend der wolkenverhangenen Nacht hin geöffnet, abwärts dagegen nur feurige Abgründe offenbarend. Auf unserer Höhe lag eine Art Umrandung einmal rings um diese Abgründe herum, eine sich daraus bildende Felsnase ragte weit über das Feuer hinaus. Dort drauf war es, dass ich Puidor erblickte. Er stand, hatte die Arme weit erhoben wie damals in meinem Traum von der anderen Höhle. Hinter ihm, am Rand des Abgrundes, waren dutzende, nein hunderte von Eingeborenen und diesen brutalen Schuppenwesen. Sie alle standen dort und starrten wie gebannt hinab in die Feuer, allesamt vereint diesen Singsang von sich gebend, doch tausendmal lauter als zuvor. Vor Puidor war ein Käfig eingelassen in die Felsnase, in der noch Knochen lagen. Dann aber erblickte ich den Schrecken meiner wüstesten Alpträume, aufsteigend aus dem Feuermeer. Gewaltige Augen in einem gewaltigen Schädel, die nur Brutalität und Macht versprühten, erblickten uns bei unser Flucht. Riesige Finger mit scharfen Krallen einer beschuppten Hand deuteten auf uns. Ein Brüllen, lauter als die Stimmen aller Versammelten zusammen, erhob sich wütend aus seinem Maul, das groß genug war einen Menschen stehend aufzunehmen.

Plötzlich drehten sich alle nach uns um. Der Bann, der wenige Herzschläge lang auf uns gelegen hatte, wurde so gelöst. Oljó schrie, wir müssten laufen und auf einmal war alles panisch unterwegs. Wir rannten nun blindlings durch dunkle Tunnel, immer Oljó hinterher. Irgendwo auf diesem Weg muss Gasuim gestolpert sein; wir vernahmen nur noch seine Schreckensschreie und die Laute wilder Bestien, wie sie über ihn herfielen. Er sollte aber nicht das letzte Opfer bleiben, bis wir endlich die Freiheit erreichen konnten.

Es geschah völlig unvermutet, doch plötzlich waren wir dann draußen, hatten wir die Höhlen hinter uns gelassen. Vor uns lagen Felsen und Sträucher und in der Ferne das offene Land. Immer noch liefen und rannten wir, immer weiter, denn sie waren hinter uns. Nicht einmal wagte ich es, mich umzudrehen, blickte nicht einmal zurück. Angst vor allem, was da hinter uns war trieb mich voran, Angst vor diesem unglaublichen Schrecken. Bald rief Miruil, dass wir uns trennen müssten, wollten wir eine Möglichkeit zum Überleben haben. So kam es, dass ich die anderen aus den Augen verlor. Angstgetrieben rannte ich nämlich stolpernd weiter über Stock und Stein. Möglichkeiten sich zu verstecken gab es ja nur wenige, denn wir waren in halber Höhe aus dem Hang des Berges gekommen. Wo man nun auch hinsah, man erblickte überall nur graues und schwarzes Gestein, Aschefelder und Gesteinsbrocken aller Größen. Nur die Dunkelheit beschützte uns.

Bald dann wollten meine Beine mich nicht mehr weiter tragen und schließlich ließ ich mich hinter einem Stein schwer fallen. Trotzdem musste ich noch einen gehetzten Blick zurückwerfen. Man kann sich kaum meine Erleichterung vorstellen, als ich keine Verfolger erblickte. Gleichsam aber sah ich auch keinen der anderen. Darüber zu grübeln blieb mir aber erstmal keine Zeit, erschöpft schlief ich an Ort und Stelle ein. Als ich erwachte, war es etwa Mittag. Immer noch gab es keine Sicht von Freund oder Feind, auch hatte ich den Berg aus meinem Blick verloren. Ich konnte nur noch versuchen, nach Osten zu gehen, in der wilden Hoffnung, auf einen Fluss und damit auf die anderen zu stoßen. Gestern erblickte ich einen und halte seitdem darauf zu. Nachdem die Berge hinter mir lagen, kam soweit man blicken konnte nur Steppe, selten durchbrochen von einzelnen Hainen.

Vor einigen Stunden glaubte ich im Süden eine Horde dieser schuppigen Bestien zu sehen, weshalb ich mich hier nun versteckt halte. Einer aus unserer Gruppe muss unbedingt überleben, zurückkehren nach Nardújarnán und sie warnen. Dafür sollte uns auch vergeben werden können. Diese Bestien scheinen die Eingeborenen zu beherrschen oder zumindest mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ihre Angriffe gegen Nardújarnán scheinen nur der Anfang von etwas zu sein. Ich habe es hier noch nicht niedergeschrieben, doch eines Nachts kam Puidor in meinen Träumen zu mir und erzählte, dass es an anderen Orten auf der Welt weitere Festen wie die seine gäbe, und ihr Ziel diese ganze Welt sei. Sie muss gewarnt werden. Doch wer weiß, ob diese Nachricht sie je erreichen wird. Und nun…

(Der Rest ist kaum noch zu entziffern gewesen, da die Tinte immer schwächer wurde. – Anm. d. Hrsg.)

 

 

 

 

Zweites Buch

 

XLIV: Bericht des Arztes von Camdis an Aiduido Elazar

13. 01. 3980, Camdis.

Dies ist ein Bericht des ärztlichen Alui des Außenpostens Camdis.

Anfang des Jahres fand ein Schiff des Außenpostens Malazis an der nördlichen Grenze Pesennos zufällig bei einer Erkundung ein Floß, wie es im Meer trieb. Auf diesem Floß befanden sich acht Männer, von denen nur noch sieben am Leben waren. Keiner der Männer war ansprechbar, viele kurz vor dem Verdursten. Zwei hatten sich eine schwere Krankheit zugezogen, der Rest wies Mangelerscheinungen auf. Man brachte sie in den Außenposten Malazis, wo sie notdürftig versorgt wurden, und später zu uns nach Camdis. Nur sechs von ihnen kamen hier lebend an, der Siebte starb an seiner Krankheit. Wir versorgten sie, so gut es ging und fingen damit an, diesen Bericht vorzubereiten. Es ließ sich nicht feststellen, zu welcher Einheit die Männer gehören. Seltsam erschien uns auch, dass nicht alle von ihnen Toljiken sind. Wir mussten warten, bis einer von ihnen wieder ansprechbar war, um mehr zu erfahren. Zwar fanden wir bei einem von ihnen ein Tagebuch, doch lässt sich dieses kaum entziffern.

Der Erste, der wieder ansprechbar sein sollte, war einer von denen mit kräftiger Statur. Er stellte sich als Oljó y Becal vor, ein Toljike aus Rardisonán. In den ersten Momenten, in welchen er wieder bei Bewusstsein war, konnten wir noch nicht viel von ihm erfahren, erst später nannte er uns seinen Namen und mehr. Scheinbar gehörten diese Männer allesamt zu einer Einheit unter Befehl eines gewissen Caris Duimé y Belané, welcher aber nicht in der gefundenen Gruppe war. Laut Oljó sei er in den Bergen, vermutlich den Atúposbergen, umgekommen. Oljós Erzählungen gaben uns ein Bild, dem zufolge die Gruppe den Außenposten Médyhúda an der Nordgrenze von Jaduiza erkunden sollte, dort aber dann von Einheimischen belagert wurde. Caris Duimé gab dann Befehl, in die Berge zu flüchten. Doch immer wieder muss die Gruppe angegriffen worden sein; zuletzt wurde sie kurz hinter den Bergen auseinander gesprengt. Die meisten von denen, die noch lebten, konnten sich bald wieder sammeln und gingen in Richtung des Flusses Bomóran.

Caris Duimé gehörte zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr zu den Überlebenden. Stattdessen fanden sie jedoch unweit des Flusses noch einen anderen Mann, einen Ramiten namens Falerte Khantoë. Das ist der Kerl mit dem unverständlichen Buch. Oljó warnte uns, dass sich Khantoës Geist aufgrund des Drucks der Kämpfe und Fluchten in seinen Wahnvorstellungen verrannt hätte. Und tatsächlich stammelte dieser nach seinem Erwachen von grässlichen Monstern, die in Feuerbergen Menschen opfern würden und ganz Nardújarnán sowie die restliche Welt erobern wollen. Wir stellten ihn zunächst einzeln unter Beobachtung und gaben ihm Beruhigungsmittel; sein Buch ließen wir ihm.

Nachdem sie Khantoë gefunden hatten, machten sich die Überlebenden laut Oljó auf den Weg zum Fluss Bomorán, bauten dort das Floß, auf welchem man sie fand, und ließen sich den Fluss hinab zum See treiben. Scheinbar machten sie dabei kaum Halt um frische Nahrung oder Wasser zu beziehen. Das erklärt den schlechten Zustand, in dem sich viele von ihnen befinden. Auf dem See Bomorán mussten sie noch einmal rudern um voranzukommen und gelangten schließlich auf das offene Meer, wo Malazis sie fand. Soweit zu dem Bericht des Oljó y Becal. Ich nehme an, er wird es euch noch ausführlicher erklären.

Mittlerweile sind die meisten der Männer wieder weit genug genesen, dass wir sie zu euch schicken können. Die Flucht vor dem Feind ist ein schweres Vergehen, dass von euch oder Atáces untersucht werden sollte. Wenn der Caris Duimé wie von Oljó geschildert tatsächlich gehandelt hat, dürfte er seine gerechte Strafe aber bereits bekommen haben. Bevor ich meinen Bericht schließe muss ich aber noch über ein paar Geschehnisse berichten. Zunächst fand ich es äußerst seltsam, dass die Gruppe derart weit in den Norden geriet. Oljó erzählte zwar, dass sie verfolgt und bedrängt gewesen seien, doch liegen die Berge arg weit von Médyhúda entfernt. Andere aus der Gruppe bestätigten Oljós Geschichte zwar, doch lässt es mich Verdacht schöpfen. Aber ich bin nur Arzt und kein Richter, Stadt- oder Geistwächter. Meine zweite Bemerkung betrifft den Umstand, dass einige der Männer untereinander in Zwist zu liegen scheinen. Gestern Nacht erst hörte ich selber, wie sich Oljó mit dem Männern namens Jimmo und Commosha Dacealus stritt. Dies mag auf allgemein vorhandene Probleme zurückzuführen sein, doch bemerkte ich auch böse Blicke zwischen den Männern, als sie ihre Berichte abgaben. Es scheint Unklarheiten zu geben, nicht nur die Sache mit den Bergen, sondern auch die Tage vor Erreichen des Bomorán betreffend. Weiterhin geziemt es sich auch einfach nicht für Krieger in Streit zu liegen.

In einer Woche werden wir die Männer, die dazu in der Lage sind, zu euch schicken. Das dürfte euch genug Zeit geben, euch darauf einzustellen. Betreffende Männer sind: Oljó y Becal, Jimmo, Dosten Aschengrau, Miruil Enfásiz y Calerto sowie Commosha Dacealus. Von diesen ist Oljó in der besten Verfassung. Jimmo hatte einige Schnittwunden, die wir aber behandeln konnten. Aschengrau hat seltsame Ausschläge am Körper, doch scheint dies nichts Ernstes zu sein. Enfásiz hat einen gebrochenen Arm, wird jedoch davon genesen. Dacealus mussten wir die linke Hand abnehmen; eine Wunde hatte sich entzündet. Er wird es überleben doch scheint deshalb verbittert zu sein. Falerte Khantoë werden wir auch zu euch schicken, er scheint sich soweit genug beruhigt zu haben. Damit kommen sechs Überlebende einer Einheit zu euch, die einst 35 Mann zählte. Wir lassen hiermit euch entscheiden, was weiter mit ihnen geschehen soll.

(Siegel des Außenpostens Camdis)

 

 

XLV: Bericht der Obrigkeit von Aiduido Elazar an Ejúduira

25. 01. 3980, Aiduido Elazar.

Wir berichteten euch bereits, dass an der Nordgrenze von Pesenno einige Krieger auf einem Floß im Meer treibend gefunden worden waren. Vor einigen Tagen sind sie bei uns angekommen, bereits größtenteils genesen. Wir wollen euch hiermit mitteilen, was wir von ihnen erfahren haben, der Bericht wird euch mit ihnen zusammen zugeschickt werden. Eurem Urteil sei überlassen, ob ihr selber mit ihnen verfahrt oder sie nach Atáces sendet. Die Männer blieben bei der Aussage, die sie in Camdis abgelegt haben. Der als vermisst gemeldete Caris Duimé y Belané hätte sie demzufolge aus Médyhúda in die Berge fliehen lassen, wo sie weiter vor Eingeborenen zum Bomorán flüchteten.

Der Krieger Falerte Khantoë betonte hierbei jedoch immer wieder, dass die Einheimischen in dem Berg eine Art Festung zu haben scheinen, von der aus sie Nardújarnán angreifen wollen. Wir hier in Labuira hören nur wenig von dem, was westlich der Berge geschieht, doch scheint die Rückeroberung von Médyhúda recht problemlos von statten gegangen zu sein. Wir wären geneigt, Atáces zu empfehlen die Truppen im Norden zu verstärken, kämen uns nicht manchmal Zweifel an der geistigen Klarheit dieser Männer, besonders im Falle Khantoes. So raten wir zur Vorsicht und dazu, den Fall weiter zu untersuchen. Lasst die Männer auf jeden Fall nicht mehr in den Frontdienst; im Hinterland aber mögen sie weiter nützlich sein.

(Siegel der Obrigkeit von Aiduido Elazar)

 

 

XLVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

04. 02. 3980, Irgendwo auf dem Meer.

Sie nahmen mir mein altes Tagebuch, dass ich so sorgsam beschützt hatte, wie sie uns alles nahmen. Darum beginne ich dieses Neue hier, das zumindest haben sie mir erlaubt. Ich weiß, dass sie mich für verrückt halten; die anderen ebenso. Möglicherweise sollte ich eine Weile lang Einzelheiten meiner Geschichte verschweigen, die den Glauben an meinen Wahnsinn nur weiter halten könnten. So kamen wir wenigen Überlebenden darin überein, über die Wesen in der Feuerfeste zu schweigen. Wir wollen sie aber trotzdem vor der Schrecklichkeit der Feste warnen. Sie muss zu Fall kommen, bevor sie Nardújarnán vernichten kann. Puidor und meine Erscheinungen werde ich ebenfalls verschweigen. Jedoch, sie verfügen über mein altes Tagebuch. Sollten sie es lesen, wie soll ich ihnen dann das erklären, was darin geschrieben steht? Ich schätze, ich müsste es als bloße Geschichten hinstellen, die ich mir in meiner Langeweile oder schlimmer, meinem Wahn, erfand.

Aber es gibt auch einige Dinge, die ich selber gern erführe. Keiner der anderen spricht zum Beispiel über das, was ihm jeweils auf seiner Flucht zugestoßen ist; selbst Miruil erzält mir nur, dass er ähnlich wie ich blindlings floh und die anderen nur durch Zufall wiederfand. Gerne aber würde ich wissen, was mit Duimé geschah, doch keiner der Männer meint, ihn nach der Flucht noch einmal gesehen zu haben. Es ist sonderbar; wir widersetzten uns ihm, wir fesselten ihn für Tage, wir unterwarfen ihn uns und trotzdem kämpfte er weiter so tapfer an unserer Seite. Nur um sein Leben zu retten oder doch für uns alle? Ich werde es nie erfahren, doch plane ich seiner Familie mein Mitleid zu bekunden, wie ich es auch Couccinnes Familie versprach. Noch wurde uns aber nicht erlaubt, wieder Briefe zu schreiben. Und das, wo ich doch so darauf brenne meiner Schwester all das Geschene zu erzählen und mich gleichzeitig fürchte, Ccillia zu schreiben.

Endlich sind wir wieder im schönen Nardújarnán und haben die garstigen Abscheulichkeiten des unendlichen Waldes und der endlosen Steppen hinter uns. Nun reisen wir zurück nach Ejúduira. Vermutlich wird man uns dort verhören. Jetzt, wo alle Zeugen unserer Meuterei aber tot sind, sehen wir einer höheren Wahrscheinlichkeit entgegen, freigesprochen zu werden. Nur kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dem armen Duimé alle Schuld zuzuschieben? Ich werde es wohl sehen müssen. Sollte ich dies alles jedoch überstehen, so werde ich meinen Dienst aufgeben und zu Ccillia zurückkehren, soviel ist sicher.

Wir begannen unsere neue Reise in Camdis, einem Außenposten von Pesenno, einem Land von Nardújarnán, das noch keine Städte oder Dörfer hat. Und das, wo sich grüne Ebenen vom Meer im Osten bis in die gewaltigen Berge im Westen strecken. Als nächstes kamen wir in die Hafenstadt Aiduido Elazar, welche im Land Labuira an der Ostküste von Nardújarnán liegt. Sie ist die nördlichste Stadt des ganzen Reiches und befindet sich auf Stufen und Hängen, die sich vom Meer aus hoch in die nahen Berge ziehen. Diese Berge sind wahrhaft mächtig, dagegen wirkten die im Norden wirklich nur wie Hügel. Uns war es erlaubt die Guigans in der wir uns befanden zu durchwandern, und von den Mauern hatte man einen überwältigenden Ausblick. Im Westen von Aiduido Elazar steigt das Land an zu Hochwiesen und schließlich zu schneebedeckten Gipfeln; im Osten liegt der unendliche Ozean und die Stadt unterhalb der Guigans; nach Nord und Süd hin sieht man weite grüne Wiesen, auf denen große Herden grasen.

Unser Weg führte uns weiter die Ostküste Nardújarnáns herab. Bald verschwanden die Berge im fernen Westen, stattdessen erhoben sich plötzlich andere direkt an der Küste. Uns wurde gesagt, dass dies das Land Iganosnán sei, welches sich bis an den Tajazi erstreckt und das fruchtbarste aller Länder von Nardújarnán sei. Doch wir sahen nur die flachen Berge und die zahlreichen Dörfer sowie Städte an der Küste. Dann umsegelten wir das östliche Kap.

Nun befinden wir uns zwischen den Hunderten von kleinen Inseln, die dem Delta des Tajazi vorgelagert sind, und wieder einmal werden wir diesen größten aller Flüsse hinauffahren. Ich kann aber nur stets an all den Schmutz und Tod denken, welche der Fluss mit sich trägt und an die schönen Strände an seiner Quelle, dem großen See. Der Kapitän unseres Schiffes sagte uns, dass die Fahrt auf dem Fluss hier im Süden nicht ganz so lange dauern würde, da sich das Delta bis hinauf nach Ejúduira erstrecke und der Fluss deshalb breit und tief genug sei, dass unser Schiff weiter hinaufsegeln könne und wir kein Flussschiff benötigen. Hoffentlich hat er Recht, ich kann auf Flussreisen eigentlich erstmal gut verzichten.

Das Schiff auf dem wir uns befinden ist nur mittelgroß und hat kaum Kundschaft, so dass uns allen zusammen drei Kabinen mit Doppelbetten zur Verfügung stehen. Das Schiff ist keines der Armee und so sind neben uns noch drei andere Reisende mit an Bord. Seltsamerweise mag aber keiner von diesen mit uns sprechen; sie behandeln uns zumeist, als seien wir Aussätzige. Es ist sehr bedauerlich. Doch endlich einmal reisen, ohne dafür gleichzeitig arbeiten zu müssen. Da wir auch nicht zu zahlen haben und wir trotzdem gut versorgt werden, ist dies schon fast Freizeit für uns. Dafür aber bekamen wir auch noch nie seit unserem Verlassen Rardisonans Sold ausgehändigt. Vielleicht werden wir ja auch nie etwas bekommen, sollte es in Ejúduira schlecht für uns laufen.

Trotz all der Gemütlichkeit, die uns an Bord zuteil wird, behandelt man uns wie Gefangene, Vögel im goldenen Käfig. In keiner der Städte, in denen wir anlegten, durften wir an Land gehen; das Schiff konnten wir seit unserer Abreise also nicht einmal verlassen. Oljó beschwert sich, nicht um Geld spielen zu können, doch wird dann meist scharf von Commosha Dacealus zum Schweigen gebracht, auf dessen Lippen seit seinem Erwachen und der Erkenntnis, eine Hand weniger zu haben, kein Lächeln mehr spielte. Jimmo wiederum hat mit Dosten zusammen unsere alten Übungen wieder aufgenommen, denen manchmal auch Miruil und ich beiwohnen, meist mehr aus Langeweile denn aus Interesse.

Oft denke ich zurück an die letzten Monde, an die Angst, an die Kämpfe, an Puidor, an Couccinnes Verlust. Auch an die anderen Gefallenen, so an den tapferen und ehrenhaften Duimé, dessen Andenken nun mit Ehrlosigkeit beschmutzt werden soll; an den stets munteren Scaric, der die Krankheit der Flüsse letztlich doch nicht überlebte; an den ebenfalls tapferen Gammil, dessen Mut uns ein Vorbild sein sollte. Was mich selber jedoch verwundert, ist, dass ich seit unserer letzten Flucht nichts mehr von Puidor sah oder hörte. Sollte der Schrecken der Berge mich gesundet haben? Habe ich ihn in der Feuerfeste endgültig zurücklassen können? Ich hoffe es. Und ich werde, sobald ich wieder Briefe schreiben darf, Garekh nochmals nochmals bitten, den richtigen Puidor zu suchen.

06. 02. 3980, Irgendwo auf dem Tajazi.

Manchmal frage ich mich, ob ich damals überhaupt richtig handelte, als ich Ayumäeh verließ. War es richtig, mich so mit meinem Vater zu überwerfen? Einstmals verstanden wir uns gut, doch da war ich noch ein kleines Kind. Was hat sich seitdem verändert? Ich erinnere mich noch an Zeiten, da wir gemeinsam an den Strand von Ayumäeh gingen um in den Wellen zu baden oder Fische zu fangen, oder als wir die Klippen der Insel Felser erklommen. Liegt es daran, dass sich seine Geschäfte später besserten, er mehr Gewinn machte und dafür dann meine Hilfe brauchte? Ich erinnere mich nur noch dunkel an die Vorwürfe, die ich ihm bei meinem Verschwinden heimlich machte. Vielleicht ist mein Vater eigentlich doch kein eigensinniges Monster, sondern war tatsächlich nur um meine Sicherheit besorgt? Seltsam, wie sich allein durch zeitlichen und räumlichen Abstand Einfälle und Erkenntnisse ergeben.

Und doch glaube ich, dass wir uns weiter angreifen würden, sollten wir uns wiedersehen. Momentan vermisse ich ihn und die schönen Zeiten, die wir hatten, doch vielleicht mache ich mir nur etwas vor, vielleicht hoffe ich einfach nur, dass alles wie in meinen Träumen wäre, vielleicht bilde ich mir nur die Zuneigung ein, die ich zu ihm in den schönen Zeiten hatte. Unsere Trennung war mehr als schlecht, womöglich ist seine einstige Liebe nun schon längst umgeschlagen zu Hass. Ich weiß so nicht, ob ein Wiedersehen gut wäre, es könnte leicht zu Vorwürfen und Streit kommen.

Womöglich sollte ich auch niemals heimkehren, das Schlechte vergessen und mich stets an das Gute erinnern. Und doch – irgendwie drängt es mich zur Heimkehr. Eine Versöhnung mit meinem Vater versuchen und ihm zeigen, dass er mir nicht mein Leben vorschreiben kann. Auch will ich längst schon Ccillia wiedersehen, ebenso meine Schwester mit ihrer Familie sowie den guten alten Garekh. Ich werde mir merken müssen, meine Schwester nach Vater auszufragen sobald ich wieder Briefe schreiben darf. Und dann, ja dann, wird mich nichts mehr halten, dieses schöne und doch alptraumhafte Land zu verlassen und heimzukehren.

 

 

XLVII: Bericht von der Verhandlung in Ejúduira

18. 02. 3980, Ejúduira.

Dies ist der Bericht über die Verhandlung der Krieger Oljó y Becal, Miruil Enfásiz y Calerto, Jimmo, Dosten Aschengrau, Falerte Khantoë sowie Commosha Dacealus, abgehalten am 18. Tag des zweiten Mondlaufes in den hohen Hallen zu Ejúduira. Die einzelnen Aussagen finden sich mit allen Einzelheiten im Anhang, dies ist die Zusammenfassung. Ziel der Verhandlung war es herauszufinden, was die Einheit des Caris Duimé y Belané dazu brachte ihre Befehle zu verwerfen. Die Einheit sollte das Geschick des Außenpostens Médyhúda erkunden und ihn bis zu einer Ankunft von Entsatzungstruppen aus Atáces halten. Die Einheit verließ den Außenposten aber nachdem die Verbindung zum Außenposten Huális abriss. Anfang des Jahres fand man einige Überlebende dieser Einheit im Meer vor Pesenno treibend. Nachrangiges Ziel war es festzustellen, was mit den Kriegern nun geschehen solle. Die Anschuldigung der Feigheit vor dem Feind war gegeben, nun galt es den Schuldigen zu finden.

Die sechs Krieger wurden einzeln verhört. Sie alle stimmen darin überein, dass es Caris Duimé war, der den Befehl gab, aus Médyhúda zu fliehen, da ihnen die Nahrung ausging und sie von Feinden umzingelt waren. Das Gesetz befiehlt in diesem Falle trotzdem ein Ausharren bis zum Ende. Gegen dieses Gesetz wurde offensichtlich verstoßen. Auf die Frage, warum sie keine Gegenwehr gegen den unsinnigen Befehl des Caris Duimé leisteten, führten die Verhörten an, erstens weiterhin Caris Duimé als Vorgesetztem verpflichtet gewesen zu sein sowie zweitens einer Übermacht der dem Duimé Hörigen gegenüber gestanden zu haben. Das Gesetz verlangt oberste Treue zum Gesetz und den Befehlen der Obrigkeit vor denen eines Niedermannes.

Leider sind die Berichte der zwei Krieger, welche kürzlich aus Cabó Canguina kamen und die ebenfalls zur Einheit von Caris Duimé hörten, kaum eine Hilfe. Ihre Aussagen sind in Einzelheiten in dem Bericht ihrer damaligen Verhörung zu finden. Sie erzählten, dass ein Mann namens Gammil Anführer einer Meuterei war, die versuchte den Caris Duimé zu stürzen, nachdem er den Befehl zur Flucht gab, was erst gelang, nachdem sie den See Carajúl erreicht hatten. Diese Berichte widersprechen offensichtlich teilweise denen der Angeklagten. Nachdem wir sie ihnen vorlegten meinten sie, für sich sowie für Gammil wegen der erfolgten Meuterei keine Strafen zuziehen zu wollen. Da es jedoch nicht als Meuterei gelten kann, wenn man irrsinnigen Befehlen, die der Anordnungen der Obrigkeiten widersprechen, entgegentritt, lassen diese Aussagen an der Glaubwürdigkeit der Männer zweifeln. Das folgende unterstreicht dies nur.

Die sechs Angeklagten versuchten immer wieder vom Hauptgegenstand der Befragung abzuweichen und schilderten in farbigen Ausschmückungen die Geschehnisse in einer Festung namens Ašckhir. Diese soll von Eingeborenen und anderen Wesen unterhalten werden und mit einem Angriff auf Nardújarnán gedroht haben. Es wäre jedoch irrsinnig anzunehmen, dass sich Eingeborene in größeren Verbänden zusammentun und zu einer Bedrohung werden könnten. Diese Berichte können in Anbetracht der schlechten geistigen Verfassung einiger Verhörter nicht als der Wahrheit entsprechend betrachtet werden.

Die Verhandlung kam nun darin überein, die Verantwortung für die verlorene Einheit dem verschiedenen Gammil sowie Caris Duimé zu geben; sie werden damit nachträglich unehrenhaft entlassen. Die insgesamt acht Überlebenden werden aus Gründen der Ungehorsamkeit sowie Unaufrichtigkeit zu einer Haftstrafe von zwei Monden verurteilt, die sie in der Guigans zu Atáces abzuleisten haben. Es ist festzuhalten, dass diese Entscheidung auf den Druck der anwesenden Vertreter der Obrigkeit von Atáces zurückgeht, welche darauf bestanden, dass dieses Vorgehen notwendig sei. Eigentlich müssten die Betroffenden zumindest unehrenhaft entlassen werden, eine gründlichere Untersuchung würde ihnen sicherlich zudem den Strang einbringen. Atáces scheint es aber für besser zu halten, sie für weitere Dienste in Anspruch zu nehmen. Ejúduira wird sich da heraushalten, unterstehen die Männer doch Atáces und nicht uns.

Weiteres: Der Kämpfer Falerte Khantoë bat um eine Entlassung, die ihm jedoch verweigert wurde. Weiterhin ist den Verurteilten für die Zeit ihrer Haft jegliche Verbindung zur Außenwelt untersagt. Auch bleibt festzustellen, dass Atáces sich zuviele Befugnisse herausnimmt. Wir konnten immerhin erreichen, dass einer unserer Männer nach Atáces eingeschleust wurde. Wir harren seiner Berichte, um diese Sache weiter zu verfolgen.

(Siegel des Obersten Gerichtes zu Ejúduira)

 

 

XLVIII: Öffentliche Anschläge des ‚Bote von Tadúnjódonn‘

17. 02. 3980, Atáces.

Niederschlagung aufsässiger Eingeborener in Jaduiza voller Erfolg.

Atáces. Wie die Obrigkeit von Atáces bekannt gab, war ein fremder Eingeborenenstamm in Jaduiza eingewandert. Dem Stamm schien Nardújarnán kaum bekannt gewesen zu sein. Sie unterwarfen sich nicht, sondern griffen sogar die Außenposten Médyhúda und Huális an. Einige Krieger flüchteten aufgrund falscher Befehle aus Médyhúda und ließen den Außenposten den Eingeborenen. Die Krieger wurden bereits aufgegriffen und verurteilt, Médyhúda wurde von den Streitkräften Atáces‘ zurückerobert, die Eingeborenen sind unterworfen. In Jaduiza herrscht wieder Frieden und zwei neue Außenposten im Norden sollen errichtet werden, die Grenze zu festigen, sollte es noch weitere wilde Stämme im Wald geben.

Banditen in Galjúin teilweise gefasst.

Elpenó. Es wurde gemeldet, dass es vergangene Woche zu einem Gefecht zwischen Landwächtern und den Banditen in den Bergen von Galjúin kam. Zwanzig der Banditen konnten in Gefangenschaft genommen werden, etwa doppelt soviele wurden getötet. Ihr Lager wurde jedoch immer noch nicht gefunden. Die Berge von Galjúin gelten weiterhin für Reisende als gefährlich, von Durchquerungen wird abgeraten. Wer die Berge dennoch durchreisen muss, soll sich an die von Landwächtern regelmäßig überwachten Straßen halten.

Schlächter von Ladóra tot aufgefunden.

Ladóra. Den Mann, der in den letzten Mondläufen als ‚Schlächter von Ladóra‘ bekannt wurde, fand man vor zwei Wochen tot auf. Die Umstände seines Todes sind unbekannt, scheinbar beging er Selbstmord. Eine bei der Leiche gefundene Notiz gesteht die Ausführung aller Morde. Der Name des Mannes wird geheim gehalten. Der Schlächter tötete innerhalb von sechs Mondläufen 23 Bürger der Stadt Ladóra, zumeist Frauen, aber auch einige Kinder. Stets köpfte er seine Opfer und nahm ihre Schädel mit.

 

 

XIL: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

18. 02. 3980, Fugans.

Wir befinden uns auf dem Weg nach Atáces und lagern diese Nacht am Rande eines Dorfes namens Fugans. Irgendwie kommen wir diesmal langsamer voran als damals, als es in die umgekehrte Richtung ging. Vermutlich liegt es daran, dass wir diesmal ausgelaugter sind. Sehr viel marschieren werden wir nicht mehr können.

Ein Kerl namens Castaris scheint die Befehlsgewalt über unsere Begleiter zu haben, eine kleine Gruppe von zehn Mann, die uns nach Atáces bringen soll. Irgendwie fühlt man sich da gleich als Schwerverbrecher. Castaris muss etwas wichtiges aus Atáces sein, zumindest jedenfalls gehört er nicht zur Armee. Immerhin aber muss er genauso wie wir alle unter freiem Himmel schlafen. Zum Glück sind wir bereits wieder mitten im Frühling, kühler als bei unserem letzten Mal auf diesem Weg ist es trotzdem. Die erste Zeit hatte es zu allem Überfluss auch noch geregnet.

Mich scheint man für geistig angegriffen zu halten, doch kann mir das nur recht sein; so habe ich mehr Ruhe. Ach, wir sechs die wir aus dieser grässlichen Feste entkamen sind nicht mehr allein. Damals bei unserem Durchstoß der Sperre, welche die Eingeborenen im Tajazi errichtet hatten, waren einige von uns nach dem Kampf vermisst worden. Wie sich nun herrausstellte, überlebten es zwei von ihnen, den Fluss hinab getrieben zu werden. Nachdem sie das Ufer erreichen konnten, schlugen sie sich nach Süden durch und kamen nach Médyhúda, welches zu diesem Zeitpunkt schon befreit worden war. Immerhin waren sie so geistesgegenwärtig, ebenso wie wir die Schuld an allem anderen zu geben, und so wurden sie zusammen mit uns verurteilt.

Und oh! Wir groß meine Freude doch war, als einen der Überlebenden Couccinne zu erkennen! Wir durften erst außerhalb von Ejúduira miteinander reden, doch wieviel wir uns nun zu erzählen haben! Doch Couccinne scheint in seinen düsteren Stimmungen zu sein, scheint kein gutes Ende für uns zu sehen. Ich versuche weiterhin, ihn aufzumuntern, ihm unsere Erlebnisse zu berichten, doch wie soll dies gehen, ohne ihn von all meinen dunklen Träumen und Befürchtungen zu erzählen?

 

 

L: Brief des Geistwächters Castaris an Geistwächter Mosíz in Elpenó

01. 03. 3980, Atáces.

Mosíz, wie geht es mit euren Ermittlungen voran? Habt ihr Neues herausbekommen die Sache betreffend? Wir brauchen langsam Ergebnisse. Nardújarnáns Sicherheit ist weiter bedroht.

Mosíz, seit zehn Tagen sind diese Krieger nun in Haft. Sie scheinen wieder völlig gesundet zu sein. Täglich führen wir sie in unsere eigenen Übungen ein. Leider werden wir keine Zeit haben, sie völlig darin auszubilden. Diese Gruppe ist seltsam aufgebaut. Einer der Männer scheint ein Dieb gewesen zu sein. Er findet sich in unseren Übungen dementsprechend besonders gut zurecht. Die anderen haben auch einige nützliche Fähigkeiten. Ich bin überzeugt, es war richtig diese Männer für unsere Aufgabe auszuwählen. Ende des Mondes werde ich sie einweihen und mit zu euch bringen. Bereitet also alles vor. Ich werde euch noch einen weiteren Brief senden, bevor wir uns auf den Weg machen. Klärt mich dann bitte auch auf. So richtig traue ich dem Botendienst nämlich nicht, auch wenn es unser eigener ist.

Ich habe mich entschlossen, nur sechs der Männer mitzunehmen. Die anderen beiden sind ungeeignet oder zu stark verletzt. Sie werden ihre Strafe ableisten. Was dann mit ihnen geschieht, überlasse ich der Obrigkeit. Mitnehmen werde ich die Folgenden: Oljó y Becal ist der genannte Dieb und dürfte besonders nützlich sein. Seine Schwächen sind jedoch Geld und sein Ehrgeiz. Miruil Enfásiz könnte ein guter Krieger und Anführer sein, doch ist zu aufbrausend. Couccinne Carizzo ist ruhig, doch schlau und ein guter Schütze. Jimmo, ein prächtiger Krieger, ist alt und würde wohl nicht ohne den Jungen Dosten Aschengrau gehen. Der wiederum ist zwar zu jung, doch auch ein guter Schütze. Bei Falerte Khantoë hatte ich einige Bedenken, da er geistig angegriffen zu sein scheint. Doch er ist ein fähiger Kämpfer und ebenfalls schlau. Ich seh ihn immer wieder in sein Tagebuch schreiben, vielleicht sollte er darin für uns die Berichte festhalten.

Erwarte meine nächste Meldung.

Castaris

 

 

LI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

10. 03. 3980, Atáces.

Es ist langweilig. Tagaus, tagein müssen wir dasselbe tun, die selben sinnlosen Vorgänge über uns ergehen lassen. Und wozu? Unsere Übungen sind nicht mehr die stumpfen Kampfesübungen, die wir vor wenigen Monden noch über uns ergehen lassen mussten. Castaris verlangt gänzlich andere Dinge von uns. Wir werden darin ausgebildet uns lautloser zu verhalten und bevorzugt in der Dunkelheit vorzugehen. Jedem von uns ist klar, dass er etwas mit uns vorhat. Doch warum sollten wir da mitspielen? Man hat uns nur für zwei Monde hier eingesperrt und nichts wird mich dazu bringen, danach noch weiter in der Armee zu bleiben. Couccinne ist ebenso meiner Meinung und bereit mit mir das Land zu verlassen um nach Omérian zurückzukehren.

Miruil würde sicherlich auch folgen, wenn irgendwo ein Abenteuer locken sollte, auch wenn ich auf solche eigentlich erstmal verzichten könnte. Ich ließe ihn aber nur ungern zurück, ist er mir doch fast ebenso teuer wie Couccinne. Mich beunruhigt nur, dass er sich seit unserer Fahrt nach Ejúduira wieder vermehrt allein an Oljó hält, als sei er dessen neue Xeazotankro. Es ist nicht nur Eifersucht, die mich diese Verbindung hassen lässt; nach wie vor mag ich Oljó nicht, auch wenn er uns aus diesem finsteren Alptraum errettet hat.

Dafür ergab sich kürzlich eine Möglichkeit, mich mal wieder mit Jimmo allein zu unterhalten. Er teilt meine Bedenken Castaris und Oljó betreffend, traute er doch Oljó stets ebensowenig wie ich. Er sagte mir, Oljó hätte uns niemals den Ausweg aus Ašckhir verraten, hätte er nicht einen größeren Gewinn davon gehabt als wir. Außerdem sei es zu leicht gewesen, dort hinauszukommen. Ich fragte ihn, was er damit andeuten wollte, doch da rief uns Castaris zu unseren Übungen und wir mussten das Gespräch unterbrechen.

Es ist sonderbar, wie sehr mich dieser Castaris manchmal an Puidor erinnert. Doch nein, er ist es nicht und ich hatte auch nicht mehr solch deutliche Erscheinungen und Träume. Ich frage mich, warum wohl. Immer noch darf ich keine Briefe schreiben, weder an meine Schwester noch an Garekh. Dabei brennt mir soviel unter den Fingern.

19. 03. 3980, Atáces.

Sie haben Commosha Dacealus und diesen anderen Krieger, der mich sonderbarerweise nie beschäftigt hatte, fortgebracht. Ich weiß den Grund nicht und es kam sehr überraschend. Gestern noch war alles wie immer; heute morgen sagten sie ihnen, sie sollen ihr klägliches Hab und Gut packen um am Mittag abreisen zu können. Sofort als der Bote verschwunden war, entstand großes Geraune unter uns. Warum sollte man sie fortbringen und warum nur diese beiden? Wieso nicht auch uns?

Oljó warf in den Raum, dass sie vielleicht untragbar geworden seien, dass man sie würde beseitigen wollen. Natürlich war klar, dass er dies wieder einmal nur aus Gehässigkeit gesagt hatte, doch nur Jimmo war es, der dies auch aussprach. Viel wahrscheinlicher und offensichtlicher wäre, dass Castaris tatsächlich noch etwas mit uns vorhaben würde und die beiden gehen mussten, da sie dafür nicht geeignet wären: Dacealus fehlte nun immerhin eine Hand, wodurch er im Kampf kaum noch verwendbar sein würde, der andere Krieger war halb blind.

Vor einer Stunde etwa wurden sie abgeholt. Sie müssen nicht einmal laufen, werden gefahren. Was man wohl mit ihnen vorhat? Keiner von uns vermag das zu beantworten, vielleicht aber werden wir es irgendwann erfahren. Doch bevor er gehen musste, nahm mich Commosha Dacealus noch einmal zur Seite um mit mir zu sprechen. Zunächst erstaunte es mich sehr zu hören, dass er mich mag und mir meine Geschichte glaubt, dass nicht nur Ašckhir die Menschen bedrohen würde. Immerhin hatten wir vorher nie wirklich miteinander gesprochen. Er versprach mir zu helfen, so gut es ging, doch wäre es nun zweifelhaft, wie er dies vollbringen könnte.

Weiterhin aber erzählte er mir aber noch etwas viel wichtigeres: Bei unserer Flucht aus Ašckhir, als wir alle getrennt wurden, war er hinter Duimé und Oljó, doch ohne, dass diese etwas bemerkt hätten. Da sah er, wie Oljó sich mit Duimé stritt und ihn schließlich in einen Abgrund stieß. Worum der Streit gegangen war, konnte er nicht verstehen. Als Oljó dann aber Dacealus bemerkt hatte, rief er ihm zu, dass dies notwendig gewesen sei, dass Duimé uns sonst alle hätte hängen lassen. Das verdient dieser Mörder auch! Außerdem vermutet Dacealus, dass Oljó nicht die Wahrheit sprach. Ich werde es noch herausbekommen.

 

 

LII: Brief des Geistwächters Mosíz an Geistwächter Castaris in Atáces

21. 03. 3980, Irgendwo.

Castaris, kommt schnell! Schlimme Dinge sind geschehen. Ich musste aus Elpenó fliehen und halte mich nun versteckt. Kommt nach Elpenó, dann werden meine Männer euch zu mir bringen. Ich kann euch in diesem Brief nicht meinen Aufenthaltsort nennen, denn ich bin mir sicher, man könnte an den Inhalt gelangen, selbst durch unsere Verschlüsselung. Schreibt mir deshalb auch nicht, sondern beeilt euch bloß! Nicht nur mein Leben ist in Gefahr, denn ich glaube zu wissen, was hier in Galjúin geschieht und dabei sind die Banditen nur eine Kleinigkeit. Eine wesentlich größere Sache ist in Gange; wir hatten Recht.

Wünscht mir Glück, dass sie mich nicht bekommen.

Mosíz

 

 

LIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

27. 03. 3980, Atáces.

Nun scheint es uns ähnlich wie Commosha Dacealus zu ergehen. Castaris trat heute morgen vor uns und befahl uns bloß, unsere Sachen zu packen. An der Stelle stand ich auf und widersprach ihm. Ich will nicht mehr für die Armee arbeiten, sagte ich ihm, lieber säße ich die Strafe ab und ginge danach heim. Doch Castaris antwortete nur knapp und deutlich, niemand dürfe gehen. Sein Auftrag für uns sei kein Angebot, sondern ein Befehl. Wer diesen verweigert, bekäme als Strafe dafür unweigerlich den Strang. Scheinbar sind wir in etwas Auswegloses geraten. Immerhin milderte Castaris seine harsche Ansprache dadurch ab, dass er ergänzte, bei einer guten Erledigung sei dies der letzte Auftrag für uns gewesen, wir könnten danach gehen.

Ob er sich daran halten wird? Auch frage ich mich, was uns nun überhaupt erwartet. Wir wissen nur, dass die Reise nach Elpenó geht, mehr verriet er uns nicht. Die anderen sind deshalb genauso ungemut wie ich. Aber wie dem auch sei, in zwei Stunden sollen wir los.Interessanterweise scheinen wir mit Kutschen zu reisen. Jemand hat es wohl eilig mit uns.

01. 04. 3980, Almez.

Erneut sind wir in Almez, heute Abend schon laufen wir mit einem Schiff nach Elpenó aus und sollten dort Ende der Woche ankommen. Es war ein seltsames Gefühl, unterwegs wieder in Guijúlon einzukehren, wo wir damals, als wir Nardújarnán und seine dunklen Seiten noch nicht kannten, schon genächtigt hatten. Damals, als Scaric und die anderen noch lebten und Duimé versuchte unser Freund zu werden. Wie lange scheint das doch her. Der Außenposten hatte sich nicht verändert, wir dagegen schon.

Diesmal dauerte die Reise von Atáces gen Almez nur drei Tage. In Kutschen reisen ist wahrlich eine sonderbare Annehmlichkeit. Wir sind trotzdem unzufrieden, denn immer noch wissen wir nicht, wozu wir diese Reise unternehmen und keiner von uns verspürt Lust, erneut aufgrund eines sinnlosen Auftrages sein Leben aufs Spiel zu setzen. Castaris sagte uns nach wiederholtem Drängen nur, dass wir nach Galjúin müssten, einen Freund von ihm zu helfen. Doch ist dieser nicht unser Freund, also warum ihm helfen?

Unser neuer Anführer ist nicht hart wie Duimé es war, auch wenn wir ebenso täglich unsere Übungen vollziehen müssen, doch hält er einen seltsamen Abstand zu uns und die Eindrücke des Geheimnisvollen und Gefährlichen umgeben ihn. Auch hörte ich in einzelnen Orten aus dem Straßengespräch heraus, dass es in Galjúin Räuber geben würde. Nichts Ungewöhnliches eigentlich, also warum diese Reise?

02. 04. 3980, Almez.

Castaris hatte mit der gewöhnlichen Reisedauer von nur einem Tag von Almez nach Elpenó gerechnet. Geschwindigkeit ist ihm wichtig, unsere Bequemlichkeit dabei nur Zufall. Hier auf dem Schiff, einem eigentlich schnellen, dafür aber kleinem Handelsschiff, gibt es kaum Platz für Reisende. Schlafplätze waren für uns wegen der kurzen Fahrt auch gar nicht vorgesehen, nun müssen wir für die nächste Nacht unser Lager dort aufschlagen, wo gerade Platz ist. Das bedeutet also: mitten auf dem Deck. Aber gut, das sind wir ja gewöhnt.

Es ist seltsam, auf dem Meer vor der Küste zu fahren, auf dem ich damals das erste Mal die Erscheinung des Puidor hatte. Vorausgesetzt, er war schon in den Sümpfen damals nicht bloß eine Erscheinung gewesen. Oft muss ich an meine verschiedenen Begegnungen und Träume denken, sehe manchmal Puidor irgendwo stehen oder erkenne ihn in anderen Menschen. Doch längst ist es nicht mehr so bedrohlich wie früher, längst erscheint er mir nicht mehr einfach so, unerwünscht.

Ich habe mit Couccinne über die Angelegenheit gesprochen. Er meint, mich würde Schuld quälen, weil ich damals Rardisonán verlassen hätte ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, mich von Puidor zu verabschieden, und dass unsere Erlebnisse in Ašckhir dies überlagert oder ausgelöscht hätte. Mich befriedigt diese Antwort keineswegs. Was, wenn er schon in den Sümpfen nicht wahrhaft dagewesen war? Doch er musste es, wer hätte mich sonst pflegen können? Ich hoffe, Garekh oder meine Schwester finden oder fanden etwas heraus.

Ich klärte Couccinne auch über das auf, was Commosha Dacealus mir über Oljó gesagt hatte. Wir sind uns einig, dass wir das nicht gutheißen können und Oljó eines Tages dafür bezahlen muss.

03. 04. 3980, Elpenó.

Wir haben Elpenó erreicht, eine kleine Stadt auf einem der Finger von Galjúin, ganz im Osten gelegen, Trotz ihrer geringen Größe ist sie Sitz der Obrigkeit der Seewächter von Nardújarnán. Daher kommt es auch, dass die Stadt größtenteils aus Hafenanlagen und Lagerhäusern sowie einer großen Guigans zu bestehen scheint, derweil es nur verhältnismäßig wenig Wohnhäuser gibt. Auf drei Seiten ist die Stadt von Wasser umgeben, eine seltsame, doch natürliche Kette von Inseln, Landzungen, Felsen sowie zusätzlich erbauten Sturmmauern bieten ihr Schutz vor dem Meer und ermöglicht überhaupt erst die Nutzung als Hafen. Ohne sie wäre die Stadt den Gezeiten schutzlos ausgeliefert. Das Hinterland ist hügelig und im Nordwesten erkennt man bereits die Berge von Galjúin.

Castaris ließ uns Unterkunft in der Guigans beziehen, derweil er irgendwo in der Stadt verschwand. Was er dort wohl anstellt? Zumindest versprach er mir, dass ich bald wieder Briefe schreiben dürfe; ein Lichtblick in diesen verworrenen Wochen. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht an Ccillia und meine Schwester denke. Und doch, ich wüsste nicht, was ich Ccillia überhaupt schreiben solle. Ich werde gehen und mit Couccinne darüber sprechen.

 

 

LIV: Notizen des Geistwächters Castaris

03. 04. 3980, Elpenó.

Endlich haben wir Elpenó erreicht. Die Reise dauerte wesentlich länger als von mir geplant. Die Sechs stellen oft lästige Fragen, auf die ich ihnen kaum Antwort geben kann. Sie wissen nur, dass wir hier sind um jemanden für mich zu finden. Doch Mosíz aufzuspüren wird nur der Anfang sein. Es wird eine Weile dauern, eine Spur zu finden. Ich begann am Marktplatz, den Teppichhändler zu suchen, den Mosíz einmal erwähnte. Man sagte mir aber, dieser sei schon eine Weile nicht mehr dort aufgetaucht. Wir wissen immer noch nicht, was hier eigentlich geschieht. Mosíz muss mir die Antwort liefern. Ich hoffe, wir finden ihn.

04. 04. 3980, Elpenó.

Heute habe ich mich trotz aller Bedenken überwunden und mit der Obrigkeit gesprochen. Was für ein Haufen eingebildeter Schwachköpfe! Sie haben mir jegliche Hilfe verweigert und das trotz meiner schriftlichen Anweisungen von Atáces, auch wenn diese nicht mein wahres Sein offenbaren. Sie sagten, dass unter dem Namen Mosíz in Elpenó nur ein Unruhestifter bekannt gewesen ist, der die Leute mit Fragen belästigte und daher der Stadt verwiesen wurde.

Kann es wirklich sein, dass sie dermaßen verblendet sind? Zwar darf ich meine Stellung nicht preisgeben, sondern muss mich als einfacher Gesandter ausgeben, doch eine derartige Unverschämtheit kam mir noch nie unter. Ich werde eine Beschwerde an Atáces verfassen, auch wenn man dort kaum in die Obrigkeit hier eingreifen kann. Eigentlich unterstützt ihr Verhalten nur meine Vermutungen.

Dafür begegnete ich immerhin endlich einem der Männer von Mosíz, der als Bettler verkleidet hier in der Stadt lebt. Fragesteller sind also verboten, Bettler aber erlaubt? Welch Heuchelei. Er sagte mir, Mosíz sei eines Tages ohne Angabe eines Grundes verschwunden gewesen. Jedoch hatten sie vereinbart, über einen Dritten weiter Botschaften zu tauschen, für den Fall, dass Mosíz Hilfe bräuchte. Für Morgen vereinbarte ich ein Treffen.

 

 

LV: Brief an die Schwester.

04. 04. 3980, Elpenó.

Geliebte Schwester,

endlich hat man mir wieder erlaubt, dir zu schreiben, doch immer noch komme ich nicht an die Briefe, die man mir von dir in Atáces hinterlegte. Es ist auch äußerst unwahrscheinlich, dass dies sobald geschehen wird. Viel ist in den letzten Monden passiert. Ich habe wenig Zeit erhalten, also schicke ich dir mein altes Tagebuch mit, welches dir alles schildern wird. Bei dir wird es vermutlich auch besser aufgehoben sein als bei mir. Mein Tagebuch erfasst nur die Ereignisse des letzten Jahres, was danach geschah, schildere ich dir auf weiteren Blättern. Hast du dies alles gelesen, so wirst du sicher verstehen, warum ich dich nun hiermit noch einmal dringendst darum bitten muss, Nachforschungen über Puidor anzustellen, sofern du dies nicht bereits getan hast. Irgendetwas muss sich doch finden lassen.

Ich darf dir weder schreiben, wo ich bin, noch, was in den letzten Tagen seit meiner Verhandlung geschah. Auch habe ich den starken Verdacht, dass dieser Brief überprüft werden wird, also Grüße an den Leser! Ich werde dir aber über alles berichten, sobald ich wieder zurück bin. Wann dies sein wird, vermag ich dir nicht zu sagen, doch hoffe ich, nächstes Jahr wieder in Touron oder Ayumäeh sein zu können. Bis dahin wird es dir und deiner Familie hoffentlich gut ergehen. Grüße alle von mir, insbesondere jedoch Ccillia, solltest du sie sehen.

Dein Falerte

 

 

LVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

07. 04. 3980, Unfern von Elpenó.

Gestern kam Castaris zu uns. Er wirkte aufgeregter als sonst, seine Miene wies Unruhe auf. Er sagte uns nicht viel; nur, dass wir wieder einmal aufzubrechen hätten. Diesmal geht es in die Berge. Alle Annehmlichkeiten sind vergessen. Es fahren uns keine Kutschen mehr, wir gehen zu Fuß. Das bedeutet einige Tage über Stock und Stein, denn Castaris sagte uns etwas mehr. Er verriet uns, wir seien in einem Geheimauftrag unterwegs, dessen Gelingen uns die Freiheit erkaufen und für Nardújarnán die Sicherheit erringen würde. Wir suchen einen Mann namens Mosíz, der wichtige Einzelheiten den Auftrag betreffend weiß, sich jedoch in den Bergen hat verstecken müssen. Was es vermutlich wäre, dass dieser Mosíz weiß, wollte uns Castaris aber nicht sagen. Er bläute uns lediglich ein, aufmerksam zu sein und seltsame Vorkommnisse zu melden.

Offensichtlich ist dieser Auftrag selbst Nardújarnán gegenüber geheim, denn auf unserer Reise meiden wir alle Wege und Ortschaften, die von den Landwächtern bewacht werden und bisher begegnete uns auch niemand. Es ist sonderbar, doch irgendwie scheint gerade das Geheimnisvolle uns alle zusammenzuhalten, als wären wir sieben etwas Besonderes vor dem Rest der Welt oder über ihr erhaben.

Einiges kann solch ein Gefühl jedoch nicht ändern, so z.B. die Feindschaft zwischen Teilen von uns. Aufgrund seiner Begabung für die Übungen scheint Castaris Oljó etwas vor uns zu bevorzugen, was dessen Gefühl der Überlegenheit uns gegenüber nur noch stärkt. Streitereien zwischen Oljó und Jimmo bahnen sich auch oftmals ihren Lauf, besonders wenn Castaris nicht anwesend ist. Sonst nämlich bieten wir alle meist den Anblick reiner Unschuld, da keiner von uns von Castaris bestraft werden will. Was mir jedoch weiterhin Sorgen macht, ist, dass in diesen Streitereien Miruil eher Oljó beizustehen scheint, Couccinne dagegen Jimmo. Ich möchte nicht, dass dies alles uns entzweit.

13. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Castaris erzählte uns, ein Mann hätte ihm in Elpenó erklärt, wo man hier in den Bergen diesen Mosíz finden könne. Dieser Wegbeschreibung sind wir gefolgt. Nun befinden wir uns hoch oben in den Bergen in einer Höhle, die selbst tagsüber nur schwach erleuchtet wird. Dies soll die Fluchtmöglichkeit des Mosíz sein, doch leider ist er gerade nicht anwesend. Genau genommen sieht es hier sogar danach aus, als würde er nie zurückkehren. Scheinbar gab es einen Kampf: Vergossenes Blut und zerbrochene Stühle weisen deutlich darauf hin. Eine Leiche fand sich jedoch nicht und vermutlich ist hier auch niemand gestorben; zumindest floss dafür nicht genug Blut.

Also was ist hier wohl geschehen? Für mich stellt sich eigentlich die Folgerung recht klar heraus, dass Mosíz entführt worden sein muss, Feinde scheint er ja gehabt zu haben. Castaris räumt dies als Möglichkeit ein, doch wäre es laut ihm ebenso möglich, dass Mosíz nur flüchten musste. Für mich klang das bloß nach schwacher Klammerung an die einzige Hoffnung.

Schließlich fand ich gut versteckt hinter Steinen in einer Ecke der Höhle, einen gebundenen Stapel Pergamentes, die Notizen des Mosíz. Ich hatte noch Zeit, sie kurz durchzublättern, bevor die anderen bemerkten, dass ich etwas gefunden hatte und Castaris es haben wollte. Ich wusste da schon genug, weshalb es Zeit für mich war, Castaris gegenüberzutreten. Ich fragte nicht, ich erzählte ihm, weshalb wir hier seien, was ihn zunächst nur staunend zuhören ließ.

Castaris und Mosíz sind beide Geistwächter, was erklärt, warum sie sich so geheimnisvoll geben und im Deckmantel reisen. So scheint es sich ja für Geistwächter zu gehören. Mosíz ist dabei derjenige, der verdeckt in Elpenó arbeiten musste, derweil Castaris daheim sein durfte. Scheinbar hatte es in und um der Stadt einige Vorfälle gegeben, die es Atáces notwendig erscheinen ließ, seine Geheimkrieger zu entsenden.

Was das nun genau für Vorfälle gewesen waren und worauf Mosíz in der Stadt sowie in den Bergen gestoßen war, konnte ich nicht mehr schnell genug lesen. Als ich bei meiner Erzählung dann das Wort Geistwächter erwähnte, machten einige laut ihrem Unmut Luft. Sobald ich geendet hatte, wollte mich Castaris wütend ansprechen, vermutlich wegen meiner plötzlichen Dreistigkeit, doch wurde er schnell von den anderen unterbrochen. So erfuhr ich auch mehr von deren Vergangenheiten. Es war einst ein Geistwächter, der Miruils Familie der Steuerhinterziehung überführte, wofür sein Vater schwer zahlen musste. Oljó wurde von einem Geistwächter bei einem Einbruch erwischt, wofür er schließlich dazu verurteilt wurde, in die Armee zu gehen und hierher kommen zu müssen. Jimmo musste einst Geistwächter in seinem Heim unterbringen, die Machey auskundschaften wollten und sich seiner Frau gegenüber nicht vorteilhaft verhielten. Couccinne und ich hatten lediglich Geschichten von diesen Spitzeln gehört, die uns aber bereits ausreichten. Nur der Junge Dosten scheint ihnen nicht feindlich gegenüberzustehen.

So kam es, dass Castaris sich plötzlich von uns bedrängt sah und meinte, uns mit Drohungen von seiner Haut fernhalten zu müssen, was Miruil und Oljó aber nur noch mehr reizte. Letztlich musste ich, unterstützt von Jimmo, dazwischen gehen, damit nichts Schlimmeres geschehe. Wir überzeugten Castaris dann, uns endlich aufzuklären. Bald gab er auch auf und sah ein, dass wir eingeweiht werden müssten, um besser vorgehen zu können und behauptete, dies sowieso vorgehabt zu haben. Wie auch immer.

Er erzählte uns, dass Mosíz tatsächlich etwas in Elpenó nachgehen sollte. In den letzten Monden seien Banditen in den Bergen verstärkt tätig gewesen. Aus der Stadt war öfter manche Kiste voll von Waffen, Nahrung oder anderem verschwunden. Elpenó sagte, dies seien vermutlich die Räuber gewesen, doch etwas daran erschien merkwürdig. Mosíz sollte herausfinden, wer dafür wirklich verantwortlich war. Weiterhin hatten sich die Eingeborenen in den Bergen seltsam verhalten, ähnlich wie sie es in Jaduiza getan hatten. Das ließe auf eine Verbindung schließen. Uns kamen dazu natürlich die Angriffe auf uns in Jaduiza in den Sinn und genau das hatte er gemeint.

Nun sei Mosíz aber vor wenigen Wochen verschwunden; in seinem letzten Brief hatte er noch erwähnt, auf etwas gestoßen zu sein. Ursprünglich hätte man mit uns vorgehabt Mosíz zu unterstützen, nun müssten wir ihn finden. Wir alle fragten uns, ob dies wieder eine ähnlich sinnlose Aufgabe wie Médyhúda sei, doch spornen uns nun immerhin zwei Dinge an, trotz allem Unmut Castaris zu helfen: erstens würden uns bei einer Verweigerung nun wahrhaft schlimme Dinge erwarten, zweitens galt es einen Menschen zu retten, auch wenn dieser ein Geistwächter war.

So schlugen wir also hier unser Lager auf. Mittlerweile ist es Nacht und ich habe Wache. Doch vor kurzem ist etwas geschehen und nun könnte ich sowieso nicht mehr schlafen. Mir war hier drinnen langweilig, also ging ich spazieren. Bald bemerkte ich einen schwachen Lichtschein am Ende des schmalen Grats, auf dem ich ging. Vorsichtig schlich ich mich also heran. Es war Feuerschein, der aus einer Höhle schien. Da ich niemanden hörte, spähte ich hinein.

Oh, hätte ich das doch nicht getan! Sofort wurde mir mein Fehler bewusst. Ich erkannte, dass der Feuerschein von Kerzen herrührte, die in einem Halbkreis in der Mitte der Höhle aufgestellt waren und sie schwach beleuchteten. Um diesen Halbkreis herum standen vier dunkel verhüllte Gestalten, an der offenen Seite des Kreises eine weitere. Sie hatten ihre verhüllten Rücken mir zugewandt, doch ich erkannte ihn sofort. Innerhalb des Kreises lag ein weiterer, nackter Mann, der nicht bei Bewusstsein war. Die Gruppe war in einem eintönigen Singsang verhaftet, den ich nun erst bemerkte. Auf dem Höhepunkt dieses Gesanges stieß er dem Mann einen Dolch in die Brust. Dieser Mann war ich!

Als meine Sinne wieder zu sich fanden, saß ich hier am Rande der Höhle und tue es noch immer. Nicht noch einmal gehe ich dort hinaus, sollte ich es denn überhaupt getan haben. Ich warte hier auf das Ende von mir oder der Nacht, denn schlafen kann ich nicht mehr. Ist es also doch so, bin ich wahnsinnig? Ich werde mich hüten, den anderen davon zu erzählen. Nein, ich will nicht dem Wahn verfallen! Oh helft mir!

16. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Nach dem Fund von Mosíz‘ Notizen hatte Castaris einige Zeit darauf verwendet, sie zu lesen. Er erzählte uns bald alles, was darinnen stand, oder behauptete das zumindest zu tun, denn glaube ich doch eher, dass er weiterhin etwas zurückhält. Hier nun, was er bereit war uns zu erzählen:

Mosíz scheint Beweise dafür gefunden zu haben, dass die Obrigkeit von Elpenó die Räuber in diesen Bergen unterstütze. Zwar war die Erkenntnis nichts neues, Beweise dafür zu haben dagegen schon. Nun erwähnte er in seinen Schriften aber nicht, welcher Art oder wo diese Beweise wohl seien. Also müssen wir davon ausgehen, dass sie woanders oder nur im Kopf von Mosíz zu finden sind – oder mit ihm entführt wurden. Weiterhin stellte er auch Vermutungen an, was diese Räuber hier wohl wollen könnten, doch kam er dabei zu keinem befriedigenden Ergebnis. Galjúin erobern ergäbe keinen Sinn, sie könnten höchstens etwas stehen wollen. Doch was? Mosíz war dem auf der Spur, hatte sogar herausfinden können, wo sich das Lager der Banditen befindet, hatte dies wenigstens auch in seiner Notiz festgehalten – doch dann verschwand er, und nicht etwa, um dieses Lager auszukundschaften. Gab es noch mehr in den Unterlagen? Castaris verneinte dies, sah dabei aus wie immer – doch ich glaube ihm nicht. Vielleicht sollte ich nochmal versuchen, sie mir allein in Ruhe zu Gemüte zu führen.

Unser Ziel ist klar: dieses Lager finden. Und dann? Unsere Aufgaben lauten: Mosíz finden, Beweise gegen die Obrigkeit sammeln – und am Besten gleich noch die Banditen verhaften. Verhaften? Nun sind wir also die Gehilfen eines Geistwächters, eines Menschen, der selbst in der Unterwäsche seiner Mutter schnüffeln würde, sollte er dort etwas Verdächtiges vermuten. Ich vertraue ihm bloß so weit, wie ich Oljó werfen könnte. Am Besten sollte ich dann aber gleich beide in die Tiefe werfen. Mit etwas Glück wird sich dies aber von selbst erledigen, müssen wir hier in den Bergen doch stetig über steile Grate steigen.

Dafür aber ist die Aussicht hervorragend: An manchen Stellen kann man weit über das Land hinaus gucken, welches in Ost und Süd schnell vom Meer verschlungen wird. Manchmal bilde ich mir sogar ein, dort unten Elpenó zu sehen. Hier in den Bergen ist es weiterhin frischer als in den Ebenen von Tadúnjodonn, was uns aber nur gelegen kommen kann, denn bald erreicht der Sommer seinen Höhepunkt. Selten nur sehen wir hier oben Tiere, die meisten davon sind geschmeidig, flink und äußerst geschickt; nur gut, dass wir keinen Raubtieren begegneten. Über uns ist der weite klare Himmel, der nur selten Tränen vergießt, und in Nord und West sehen wir so manchen hohen Gipfel, den es noch zu umgehen gilt.

Eines muss noch über Castaris gesagt werden: Er mag ein fast noch schlimmerer Schinder sein, als es Duimé gewesen ist, doch seltsamerweise bekam er meinen Geburtstag heraus, der gestern gewesen war, und versprach mir zum Geschenk sogar, dass ich einen Brief schreiben dürfe, sobald wir wieder einen Ort erreichen. So nett dies auch erscheinen mag, weckt es in mir doch den Verdacht, dass gar nicht geplant ist, diesen Auftrag bald zu beenden.

18. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Mich quälte heut ein Traum. Es muss meine Rückkehr nach Hause gewesen sein; jedenfalls wurde gefeiert. Wir waren auf dem Landsitz meines Vaters, an den Klippen nördlich von Ayumäeh. Es waren Festtische errichtet worden. Viele Bekannte waren anwesend, darunter auch meine Onkel und Tanten, Basen und Vettern, die Geschäftsfreunde meines Vaters, Garekh samt Familie, sogar meine Schwester und meine Mutter, auch mein Vater. Wir alle speisten und unterhielten uns gut, als sei nie etwas vorgefallen. Schließlich überreichte mir mein Vater ein kleines Geschenk, eine Kiste, aus der Ccillia entstieg, allen Größenverhältnissen in dieser Traumwelt spottend. Wir kamen uns näher, sehr nahe.

Dann aber plötzlich änderte sich die Umgebung. Wo mir vorher nichts aufgefallen war, erschien nun ein düsterer Himmel, neblig und mit geisterhaften Erscheinungen verhangen. Im Osten stieg ein schwarzer Mond aus den grauen Fluten und auf einmal fing alles in meinem Kopf an zu schreien. Garekh schrie, meine Schwester schrie, Ccillia schrie, selbst meine Eltern fielen ein. Und dann erschien im Norden ein riesenhafter Puidor, groß genug, dass er sich an die Klippen lehnen konnte. Sein Mund schien bereit das Weltenall zu verschlingen und er nutzte ihn, bitterbös zu lachen. Danach schnappte er sich die Gäste, gleich Hände voll mit ihnen, und führte sie sich zu. Ich sah meinen Vater vor Angst schreien, als er zermalmt wurde; sah meine Mutter flehen, bevor sie verschlungen wurde; sah Ccillias Mund nach mir rufen, während er sie zerriss.

Kaum war diese fürchterliche Metzelei vorbei, da wandte dieser Puidor sich an mich. Er erzählte mir, dass ich Ašckhir fliehen konnte, doch lauere hier noch viel mehr. Unweigerlich würde ich auf immer mehr seiner Art treffen, bis ich mich letztlich ihnen anschließen müsste. Er verriet mir Namen weiterer Festungen wie die im Norden, deren Namen ich aber nicht mit hier herüber nehmen konnte. Und er warnte mich, dass jeder sterben würde, der sich ihnen nicht anschließe. Dann griff er nach mir, mich auch zu verschlingen. Die Düsternis schloss sich über mir und ich fiel in abgrundtiefe, schleimige Finsternis.

Da erwachte ich.

20. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Wir erreichten heute eine Höhle. Irgendwo über uns entspringt ein Bach, der sich an dem Eingang zu dieser Höhle vorbei als kleiner Wasserfall ergießt. Es könnte die Mijalar sein, welcher zum Fluss werdend bis Almez an der Westküste fließt. Der Bach ergießt sich in ein enges Tal, doch ein Ufer dort ist breit genug, selbst Karren durchzulassen. Den Spuren zufolge, die zu der Höhle führen, hat man genau das auch oft getan.

Wir sind uns einig, dass diese Höhle zum Lager der Banditen führen muss. Was wir jedoch nicht verstehen, ist, warum nirgends Wachen zu sehen sind. So unvorsichtig oder selbstsicher können sie eigentlich nicht sein. Wir verfolgten nicht alles, doch an einer Stelle bachabwärts gibt es einen Pfad den Hang hinauf, aus dem Tal heraus. Oben auf dem Grat erkannten wir weitere Spuren, die gen West und Ost führen, zu den größeren Wegen hin. Irgendwann müssen diese Trampelpfade aber an von Landwächtern überwachten Straßen entdeckt werden. Warum scheint es hier also so leer?

Castaris befahl, dass wir zunächst weiter die Umgebung erkunden, und sobald es dunkel wäre, uns vor der Höhle verdeckt auf die Lauer legen sollen. Sollte sich diese Nacht nichts ereignen, so werden wir morgen Nacht dort eindringen. Mal sehen, was uns erwartet. Und ein Glück, dass Castaris unserem Gepäck Kräuter zum schnellen Einschlafen beziehungsweise Wachbleiben beigefügt hatte.

 

 

LVII: Öffentliche Anschläge der ‚Bote von Tadúnjódonn‘

20. 04. 3980, Atáces.

Neue Verbrechen in Ladóra

Ladóra. Nachdem die Stadt gerade erst den als ‚Schlächter von Ladóra‘ bekannt gewordenen Mann verbannt hat, erlebt sie nun neue Schandtaten. Vor zwei Wochen begann es. Zunächst wurden einige Stadtwächter ertrunken in einem Kanal aufgefunden. Man vermutet, dass sie einem Verbrechen und keinem Unfall zum Opfer fielen. In der Woche danach verschwanden zwei Menschen aus der Stadt. Die Obrigkeit von Ladóra gab Stadt- und Landwächtern Befehl, sie zu finden.

Neue Fahrpläne der Seewächter

Elpenó. Es wurde mitgeteilt, dass Elpenó plant die Fahrten zwischen Nardújarnán, Rardisonán und Acalgirí zu verdoppeln. Der Grund sind erhöhte Nachfragen nach Fracht- und Lebendfahrten zwischen den Reichsteilen. In den Werften von Elpenó, Almez und Bemuido seien bereits zusätzliche hochseetaugliche Schiffe in Auftrag gegeben worden, hieß es. Aleca wurde über die Maßnahmen benachrichtigt, um falsche Schlussfolgerungen zu verhindern.

Beginn der Jagdzeit

Ejúduira. Wie Ejúduira bekannt geben lässt, beginnt nun wieder die Jagdzeit. Diesjähriges Ziel sind die Echsen von Iganosnán. Wer bis Ende des Herbstes nach Ejúduira zum Jagdhaus kommt und den Kopf einer erlegten Echse vorweisen kann, erhält zehn Ijúl. Mehrfache Belohnungen sind nicht möglich, auch bei mehreren Köpfen. Ziel ist es, die Sümpfe des Tajazi für Reisende zwischen Ejúduira, Bemuido und Arodasa sicherer werden zu lassen.

 

 

LVIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

20. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Gestern betraten wir die Höhle hinter den Wasserfällen. Wie von uns vermutet, führte sie tief in die Dunkelheit. Ich fühlte mich wie in meinen Träumen. Den Wasserschleier durchstoßend, hinabsteigend in die Finsternis, ohne Halt, ohne Sicht, mehr hoffend und vertrauend denn wissend. Doch dann zerstörte Castaris diese Vorstellung, da er einen schwach leuchtenden Stein herausholte und den Weg beleuchtete. Oljó und Castaris gingen voran. Fast lautlos erkundeten sie den Weg; wir anderen folgten. Es dauerte nicht lange, dann kamen wir in einem Tal heraus. Über uns der blaue Himmel, rechts und links Felswände und überall der Geruch frischer Luft und wilder Blumen. Das war keiner meiner Träume, doch könnte er es gerne werden.

Nach der nächsten Biegung schlug dieser Traum aber um. Wir versteckten uns hinter Steinen, Sträuchern, Fässern und Kisten und besahen das, was sich uns bot: das Lager der Banditen. Es war beeindruckend, was sie sich da erbaut hatten. Es gab Hütten vieler Größen, scheinbar auch Versammlungs- und Lagerhäuser. Sie standen frei im Tal, dass sich bedeutend vergrößert hatte, an die Felsmauern erbaut oder sogar hoch in den Hängen. Es waren meist einfache Hütten, aus Brettern und Reisig erbaut, doch in vielen Ländern wären dies gewöhnliche Wohnhäuser. Wir zählten genug von ihnen, um an die zweihundert Räuber zu beherbergen. Und da kam die Frage auf: Wo waren diese alle? Warum war niemand im Lager, nicht einmal, es zu bewachen? Diese Frage sollte sich uns später beantworten.

Doch zunächst schlichen wir weiter vorwärts, stets auf der Hut, aber wie es schien umsonst. Es war wirklich niemand da. Trotzdem umklammerte ich oft unbewusst den Anhänger, den mir die alte Eingeborene gab, wie zum Schutz. Wer weiß immerhin, wann jemand von den Bewohnern zurückkehren würde. Irgendwann gaben wir es aber auf vorsichtig zu sein und erkundeten das Gebiet. Die Hütten bargen nicht übermäßig viel für uns Interessantes: Betten, Tische, Stühle, Truhen für Hab und Gut. Es gab eine Hütte, die scheinbar eine Küche war. Wände und Dach würden gut ein Feuer abschirmen, so macht man niemanden auf sich aufmerksam. Und vor allem aber gab es Gruben, die wohl ein Gefängnis ersetzen sollten. In einer davon fanden wir ihn,

Mosíz war sichtlich mitgenommen, doch gleichzeitig ging es ihm besser als erwartet. Er war schmutzig, ungekämmt, unrasiert und wies einige leichte, mittlerweile bereits schon verheilte Wunden auf. Äußerlich könnte er ein Bruder von Castaris sein, sind sie doch beide wahre Toljiken: mittelgroß, braungebrannt und dunkelhaarig. Mosíz ist aber der Ältere. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass Mosíz innerlich anders sein muss. Zunächst freute er sich sehr, Castaris zu sehen, und begrüßte auch uns herzlich. Dann fragte er mit seltsamer Gelassenheit, wie wir ihn gefunden hätten. Castaris dagegen drängte ihn nur zu gehen, bevor die Banditen wiederkämen, doch Mosíz konnte ihn beruhigen: dies würde erst in Tagen geschehen. Er empfahl uns, neue Vorräte aus den Lagern zu nehmen, dann verließen wir trotz allem vorsichtshalber das Tal und kehrten zu unserem eigenen Lager zurück.

Als es langsam heller wurde, erzählte uns Mosíz alles, was er wusste, während er sich vor unseren Augen in der Mijalar wusch. Ich bewundere seine Ruhe und auch seine Offenheit uns gegenüber. Zunächst versicherte er erneut, dass die Räuber nicht so bald zurückkehren würden. Er hatte sie belauscht: Ein Teil sollte Frachtladungen im Norden abfangen, die von Sodos jás Fuiran nach Bacáta fuhren. Die Wichtigeren jedoch, eine Gruppe, die sich scheinbar aus Hauptleuten zusammensetzte, waren auf ihrem Weg die Mijalar hinab nach Abajez. Das sagte er, während er in den Bach spie, es ihnen hinterherzusenden.

Dann kam Mosíz endlich zu den Neuigkeiten, hinter denen wir her waren: Einige dieser Hauptleute hatte er auch bereits in Elpenó beobachten können, wie sie dort die Obrigkeit besuchten. Für Mosíz war klar, das bedeutete eine Zusammenarbeit der Banditen mit der Obrigkeit von Elpenó, doch greifbare Beweise, wie wir sie uns erhofft hatten, besaß er nicht. Diese, so sagte er, müsse man bei den Hauptleuten suchen. Schnell forderte er von uns, dass wir ihnen nach Abajez folgen müssten. Castaris ging dies zu schnell, er schien nicht befriedigt. Wir anderen stimmten Mosíz aber zu, eine seltsame Begeisterung für dieses Verwirrspiel hatte uns erfasst. Diese Angelegenheit war wesentlich aufregender, als durch tödliche Wälder zu stapfen. Immerhin scheinen Castaris und Mosíz nun einer großangelegten Verschwörung auf der Spur zu sei. Doch was Elpenó und die Banditen vorhaben, und was die Übergriffe der Eingeborenen hiermit zu tun haben, ist weiter unklar. Offensichtlich jedoch scheint auch Abajez darin verwickelt, zumindest dürften wir uns dort mehr Klarheit erhoffen. Morgen also geht es weiter, die Mijalar hinab bis zur ersten Bootsstelle, um dann bis Abajez zu fahren.

Den Rest des Tages mussten wir uns aber erstmal von den Nachwirkungen der Kräuter erholen. Abends saßen wir wieder zusammen. Es wurde zu einer seltsamen Kennenlernrunde, denn Mosíz wollte mehr über uns erfahren, während Castaris lieber längst unterwegs gewesen wäre. Wir erzählten ihm das, was wir ihm erzählen wollten und er berichtete uns von seiner Kindheit auf einem Bauernhof in Rardisonán, doch blieben wir die Meuterei betreffend bei der Geschichte, die wir auch der Verhandlung erzählt hatten, was meine Gewissensbisse Duimé gegenüber nur verstärkte. Mosíz mag zwar nett sein, doch könnte dies nur Fassade sein, jedenfalls ist er immerhin ein Geistwächter, da muss man vorsichtig sein. Darum beunruhigt es mich auch, wie schnell die anderen zu ihm Vertrauen gefasst haben. Plötzlich ist Oljó sozusagen mein Verbündeter, denn er scheint dasselbe zu denken wie ich. Auch wundert es mich, wie oft ich in letzter Zeit diesen Anhänger der alten Frau ergreife, um mich zu beruhigen. Doch tatsächlich scheint er alles Böses von mir abzuschirmen. Ich bräuchte mehr von ihnen, um endlich von meinen Träumen befreit zu werden.

25. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Wir befinden uns etwa auf halbem Wege die Berge hinab. Der Weg scheint mir ewig, haben doch allein die Berge von Galjúin schon eine Fläche, die in etwa der meiner Heimat Ramit entspricht. Ach, wie sehr ich es nun doch vermisse. Ob ich es jemals wiedersehe? Immerhin aber sind die Wahrscheinlichkeiten nun größer, ist dies doch kein Auftrag, für den einen der sichere Tod erwartet. Oft denke ich zurück an die Gefallenen und frage mich, warum sie eigentlich sterben mussten. Hatte es irgendeinen Sinn? Atáces schickte uns bereits richtige Truppen nach, hätten diese nicht allein genügt? Offensichtlich ist unser Leben ihnen nichts wert, sonst hätten sie uns nicht derart in den Schrecken gesandt. Zählt der Einzelne für sie also überhaupt nichts? Warum dann noch für sie arbeiten, warum nicht einfach fliehen, sie ihrem Untergang entgegen gehen lassen? Doch ist mir immer noch klar, dass ich auf einer Flucht niemals glücklich werden würde. Wobei – was ist für mich Glück? Ich weiß es nicht. Außerdem ist nicht nur dieses Land bedroht, dessen bin ich mir immer noch sicher, mögen mich andere auch für verrückt halten. Es gilt Ramit und Omérian zu beschützen, für die Sicherheit von Ccillia und meiner Schwester zu sorgen. Ebenso frage ich mich immer wieder, was wohl die Gründe der anderen sind, weiter zu folgen und zu dienen. Bei den meisten dürfte es das wieder drohende Gefängnis und das Versprechen der Freiheit sein, was ist zum Beispiel mit Oljó? Was treibt ihn an? Sicherlich nicht Menschenfreundlichkeit.

30. 04. 3980, Irgendwo auf der Mijalar.

Die erste Bootsanlegestelle war wenig beeindruckend, hauptsächlich ein Außenposten für Holzfäller. Zwei Flussschiffe lagen dort aber am Pier. Castaris und Mosíz befragten deren Kapitäne sowie einige andere Leute in diesem Weiler, ob sie jemanden gesehen hätten, die als kleine Gruppe hier bereits ein Schiff genommen haben. Drei Angesprochene konnten uns Auskunft geben, dass die Gesuchten bereits vor einer Woche mit einem Karren an der Anlegestelle angekommen waren und ein Schiff nach Abajez genommen hatten. Das zu wissen genügte uns. Eine Woche beträgt ihr Vorsprung also. Bei den ganzen notwendigen Reisen erscheint es mir zweifelhaft, dass wir Erfolg haben werden. Aber doch – gut ein Jahr verging, seitdem ich Ayumäeh verließ und wieviel ich doch seitdem gesehen habe.

Wie auch immer, wir nahmen eins der vorhandenen Schiffe, nachdem Mosíz den Kapitän irgendwie davon überzeugen konnte, sofort abzulegen, nur mit uns als Reisenden. So befinden wir uns nun also auf der Mijalar. Oh Wunder wie schnell so eine Reise flussab doch gehen kann! Der Kapitän meinte zu uns, morgen müssten wir bereits Abajez erreichen. Ich hoffe sehr darauf, dort endlich mal wieder ein richtiges Bett beziehen zu können, auch wenn ich mich immer mehr an harte Böden gewöhnen konnte. Die Berge um uns sind mittlerweile nur noch welliges Bergland, das viele Wiesen und Wälder und blökende Vieherden aufzuweisen vermag.

Gestern Abend musste ich erneut Puidor erblicken. Seltsam friedlich erschien er mir diesmal als Hirte einer Kleinviehherde draußen auf den Wiesen. Trotzdem war mir sein Anblick nicht erwünscht. Das erste Mal wehrte ich mich dagegen, hielt meinen Anhänger in einer Hand fest umgriffen, als helfe er mir dabei, die andere Hand klammerte sich an die Reling. Ich wünschte ihn fort, dachte nur daran, dass er nicht wirklich da sei, dass er gehen solle – und es klappte. Auf einmal war statt Puidor wieder der richtige Hirte draußen auf der Weide. Oh, wie ich mich darüber freuen konnte.

Ich eilte sofort zu Couccinne, um ihm mein Erlebnis mitzuteilen, doch war dieser gerade in ein Spiel mit Mosíz vertieft. Ich mag es nicht, wie sehr sich diese beiden in letzter Zeit verstehen, und Miruil gibt mir Recht, dass dies nicht gut sein kann.

 

 

LIX: Brief an die Schwester

04. 05. 3980

Geliebte Schwester,

es fällt mir schwer, doch ich muss dir schreiben, ohne dir viel verraten zu dürfen. Ach, was heißt hier müssen; ich bin froh es tun zu dürfen! Doch ist es schwer so zu schreiben und ich frage mich auch ein wenig, wozu die Anstrengung Dinge zu verbergen, interessieren wird es doch sicherlich eh niemanden, nicht? Aber gut, nun darf ich dir wenigstens wieder einmal schreiben, da will ich dies auch tun.

Einiges ist geschehen, von dem ich nicht berichten darf. Worüber kann ich da überhaupt schreiben? Ich weiß nicht, was bei euch geschah in den letzten Monden, ich bekam auch immer noch nicht deine Briefe, so kann ich nur ein wenig über mich schreiben. Du weißt, dass mich diese Erscheinungen von Puidor weiter verfolgen. Aber davon will ich dir nicht erzählen, ich glaube jedoch, sie langsam im Griff zu haben.

Vor allem muss ich dir wohl sagen, dass ich euch vermisse. Dich, Ccillia, selbst Mutter und Vater. Ich hoffe sehr, es geht allen gut, ich hatte seltsame Erscheinungen und Träume dies betreffend. Wie gerne wäre ich doch lieber bei euch statt hier.

Dein Falerte

 

 

LX: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

05. 05. 3980, Abajez.

Um Mitternacht krähte ein Hahn. Langsam erhob ich mich von dem Bett, welches ich mir mit Miruil und Couccinne teilte. Rasch zog ich mich an, um danach die Stufen hinabzugehen. Im Hof angelangt nahm ich mir ein Schwert aus dem Stall. Auf meinem Weg durch die Stadt hinüber zu dem kleinen Park kam ich an dem Hahn vorbei, bei dem ich mich mit dem Schwert bedankte. Seine blutigen Überreste nahm ich mit.

Schließlich erreichte ich den Park, an dessen Pforten mich bereits zwei der Fahach erwarteten. Ihre schuppigen, dunkelblauen Gesichter grinsten mich an, sofern sie dies überhaupt können. Dann drehten sie sich um und gingen in den Park, ich folgte ihnen. Wir erreichten bald den Platz, an dem das Opfer wartete. Fünf Spieße bildeten einen Halbkreis, auf die fünf Köpfe gesteckt waren. Zwei erkannte ich als die von Castaris und Mosíz, ein weiterer schien Duimé zu sein, die anderen mir unbekannte Frauen. Drei dunkelhäutige Eingeborene eines mir nicht geläufigen Stammes warteten bereits, die Oberkörper entblößt, kniend hinter den Spießen. Die Fahach stellten sich zwischen sie, wie es verlangt war.

Innerhalb des Halbkreises lag das Opfer, eine junge Frau, entkleidet wie es sich gehört. Ich nahm meine Stellung an der offenen Seite des Halbkreises ein. Nachdem ich sie mit dem Blut des Hahns geweiht hatte, begannen wir zu singen. Wir lobten die Fahach, priesen Ašckhir und beschworen das Glück für Šamrek sowie den anderen Festen: für Ijenreich, für Dalchon, für Werzan und all den anderen. Wir endeten damit, die Zerstörung von Nardújarnán und der Welt freudig zu erwarten.

Dann wollte ich die Opferung durchführen, doch plötzlich begann der Anhänger, den ich um den Hals trug, glühend heiß zu brennen. Ich wollte ihn von mir reißen, doch die Berührung ließ mich ohnmächtig werden. Als ich wieder erwacht war, störten Stadtwächter unser Beisammensein und ich musste fliehen. Doch die Brut wird weiter stärker.

06. 05. 3980, Abajez.

Immer wieder, wenn ich den gestrigen Eintrag lese, packt mich das Entsetzen und ich möchte nur noch schreien. Was war da geschehen? Warum erinnere ich mich nicht, jemals diesen Eintrag verfasst zu haben? Und doch – es ist meine Schrift, wenngleich viel ruhiger und sauberer als sonst. Was sind das für Namen, was wird dort beschrieben? Sind diese Fahach womöglich diese seltsamen echsenhaften Wesen, die ich in Ašckhir und meinen Erscheinungen sah? Es muss wohl so sein. Doch wer oder was ist Šamrek? Diesen Namen habe ich auch damals auf der Sturmwind gehört, die folgenden Namen dagegen nicht.

Es ist schreckenerregend. Ich bin noch nie geschlafwandelt und mir war auch nicht bekannt, dass man im Schlaf schreiben kann, doch so muss es gewesen sein. Um sicherzugehen erbat ich mir von Mosíz die Erlaubnis, in den Park zu gehen. Er willigte ein, sind wir hier doch so gut wie nutzlos, bis Castaris wiederkommt, doch sah mich seltsam an. Warum, das erkannte ich schnell, denn scheinbar gibt es hier überhaupt keinen Park. Erst da fiel mir auf, dass es neben unserer Unterkunft auch keinen Stall gibt. Das beruhigte mich immerhin, denn so war sichergestellt, dass ich wirklich im Schlaf Unsinn geschrieben haben muss. Nun erkenne ich auch, dass Hähne nicht nur Mitternacht krähen sollten. Und doch – etwas stimmt an der ganzen Sache nicht.

Gegen Mittag kam dann Castaris zurück. Heute Nacht war er heimlich in das Haus eingestiegen, in welchem die Gesandten der Banditen untergebracht waren, hier am Marktplatz der Stadt. Wir konnten ihm dabei nicht helfen, wäre das doch zu auffällig gewesen. Castaris brachte uns Notizen, die er eilig verfasst hatte, und las uns aus ihnen vor. Kurz nach seinem Einbruch in das Gebäude hatte er eine Tür erreicht, hinter der er Stimmen hörte. Er konnte sich gerade noch in einem Abstellschrank verstecken, da kamen die Banditen in das Zimmer. Sie begannen dort zu trinken und bald laut zu grölen und zu feiern, als sie betrunken wurden. Wichtiger ist aber, dass sie Teile ihrer Pläne besprachen. Etwas, dass mir an der Schilderung Schauer verursacht ist und war, dass die Bezeichnungen Šamrek und Fahach auch fielen. Ich blieb jedoch still und hörte Castaris weiter zu, es gab noch Interessantes zu hören.

Die Banditen scheinen in Galjúin einen Stützpunkt aufzubauen, doch ihre Heimat ist scheinbar woanders zu suchen. Castaris fand es sonderbar, dass die Männer anfingen sich darüber zu beraten, wo in den Bergen von Galjúin möglichst warme Höhlen zu finden seien, mir ließ dies aber meine Nackenhaare aufstellen. Sie sprachen an keiner Stelle aus, wo genau ihr Hauptlager sei, doch müsse dies wohl irgendwo in Fuiran sein. Zumindest sprachen sie davon, in drei Tagen in diese Richtung abzureisen. Möglich wäre aber auch, so Mosíz, dass sie dort ihre restlichen Einheiten treffen wollen, die ja zu einem Überfall aufgebrochen waren. Letztlich freuten sich die Hauptleute noch darüber, dass ihr Treffen mit der Obrigkeit von Atáces so gut verlaufen war. Abajez ist also auch Teil der Verschwörung! Doch Handgreifliches erwähnten die Trinkenden nicht und Castaris musste stundenlang in seinem Verschlag hocken, bis sie endlich mit dem Zechen fertig waren. Danach sah er sich noch weiter um, während sie ihren Rausch ausschliefen, doch fand er nichts Schriftliches oder anderes, das ein guter Beweis sei. Vermutlich aber können diese Männer auch gar nicht schreiben, auch bei uns können ja neben den Geistwächtern dies nur Couccinne und ich.

Mosíz und Castaris kamen schnell darin überein, dass wir den Männern in besagtes Hauptlager folgen müssten oder zumindest solange, bis wir wüssten wo es sich befindet und wir es selber besuchen gehen können, wollten wir erfolgreich sein. Ich höre meine Füße jetzt schon um Gnade flehen. Wir haben noch drei Tage hier, in denen wir versuchen sollten, vielleicht doch noch bessere Hinweise zu finden, danach würden wir ihnen einfach nach Fuiran folgen. Auch wenn das vermutlich nicht so einfach werden würde, denn über Wochen jemanden unauffällig zu verfolgen stelle ich mir schwer vor. Doch die Geistwächter dürften sich da besser auskennen.

Mein Wissen um diese Wesen und Festen verschweige ich weiterhin. Ein paar Mal hatte ich vorsichtig versucht sie nach ihnen bekannten ungewöhnlichen Vorkommnissen zu befragen, doch Castaris sah mich bei der Erwähnung von echsenhaften Wesen zweifelnd an, Mosíz fast schon bedauernd. Sie würden mich letztlich wohl für verrückt erklären, spräche ich es laut aus. Ich habe doch genausowenig Beweise wie sie, und würde mir auch nicht glauben.

Auf meine Frage, warum sie nicht einfach Atáces Bescheid geben könnten, hatten sie zwei Antworten: Erstens kann Atáces sich nicht einfach in die Belange der anderen Obrigkeiten einmischen, ohne etwas in der Hand zu haben und zweitens würde Abajez Botschaften von Leuten unseres Aussehens an die Obrigkeit von Atáces sicherlich überprüfen, was leicht unser Tod sein könnte. Nein, es gilt Beweise und das Hauptlager zu finden, um dann die Armee von Atáces holen zu können. Mir erscheint die Welt schrecklich verworren und umständlich. Vielleicht wären wir ja besser dran, gäbe es dieses riesige und innen faulende Reich doch nicht.

Oh, ich bin so müde, doch habe ich Angst zu schlafen, weshalb ich sinnlos vor mich hinschreibe. Manchmal habe ich Angst davor einzuschlafen, denn manchmal ist es, als würde ich dabei sterben. Und manchmal habe ich Angst, dass andere sterben, sollte mein Schlaf kommen. Wie singen es die Kinder hier doch?

1 – Der Tod kommt auf leisen Sohlen

2 – Bald schon kommt er dich zu holen

3 – Er findet dich im Traume dann

4 – Rette dich vor dem Braunen Mann!

Oh wie passend es doch ist: Der braune Mann, der Eingeborene, zusammen mit seinem schwarzblauen Freund. Als würden es die Kinder erahnen.

13. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Es regnet nun schon seit Tagen. Langsam halte ich es nicht mehr aus. Es ist, als wollte uns der Himmel ertränken. Verübeln könnte ich ihm diese Tat kaum, wäre ich doch der Erste, der sich freuen würde. Wobei – gut, einige wenige wären zu erretten, so Ccillia und meine Schwester. Um andere wäre es nicht einmal ansatzweise schade, so Oljó oder auch Castaris. Letzterer meint uns immer härter durch den strömenden Regen treiben zu müssen, ersterer lässt mich einfach nur wütend werden, packt er doch immer wieder seine gehässigen Bemerkungen aus. Aber ein Gutes hat der Regen, die Hitze ist wesentlich besser zu ertragen.

Die Banditen nahmen sich Tošaren um schneller voranzukommen, was uns dazu zwang, ebenfalls welche zu nehmen um ihnen folgen zu können. Außer den Geistwächtern ist aber kaum jemand von uns das Reiten gewöhnt, weshalb wir anderen ständig über blaue Flecken und Schmerzen klagen dürfen. Oljó scheint das lustig zu finden, ist er doch derjenige, der reiten kann. Aber wie auch immer, so schlimm ist es eigentlich nicht. Die Tiere riechen nach Freiheit, die Luft über ihrem Rücken ist im Ritt stets kühlend. Doch jetzt im Regen riechen sie mehr nach nassen Felldecken und sie zu lenken wird schwerer. Die Tiere scheinen südlichere, kühlere Steppen zu bevorzugen, doch halten sie es mit ihrem dünnen Fell hier im Norden immerhin noch aus. Ich weiß nicht, woher die Tošaren ursprünglich stammen, habe mich nie damit befasst, doch scheinen sie die hauptsächlich verwendeten Reittiere in diesen Landen zu sein. Auf ihre Art sind es durchaus hübsche Tiere. Die langen kräftigen Beine sind gut für schnelle Reisen geeignet, ihre Hufen geben ihnen auf vielen Böden Halt. Der Körper ist kräftig genug uns zu tragen. Sie scheinen hauptsächlich über den langen Hals zu schwitzen. Der kleine rundliche Kopf kann bei manchen Tieren fast niedliche Züge tragen, die kleinen dreieckigen Ohren zucken stets hin und her, als lauschten sie im Regen. Nur der kurze Schwanz ist mit längeren Haaren bedeckt.

Unsere Verfolgten schlugen schon kurz nach Abajez seltsame Zickzackkurse ein, um immer wieder die Hauptstraße von Abajez gen Sódos jós Fuiran und damit die dortigen Posten der Landwächter umgehen zu können. Das macht es für uns zwar schwerer, ihnen gut folgen zu können, doch dafür entgehen auch wir den Landwächtern. Keiner von uns besitzt gültige Pässe für Fuiran, eine grobe Schlamperei der Geistwächter, wie ich sagen muss. Ansonsten wäre es für uns ein Leichtes gewesen, einfach abzukürzen indem wir gleich nach Sódos reisen würden – doch gut, wer kann schon sagen, ob sie überhaupt dorthin wollen.

Wir lagern gerade am Ladú Fuiran, dem größten See innerhalb von Nardújarnáns Grenzen. Unsere Opfer sind nah genug, dass wir ihr Feuer sehen können und deshalb kein eigenes entzünden, und das schon seit Tagen. Jeder von uns ist ebenso lange schon bis auf die Knochen durchnässt, doch noch geht uns dank der anhalten Wärme gut. Trotz des Zickzackkurses sind die Banditen unvorsichtig, sehen wir doch ihr Feuer und es muss ein Wunder sein, dass sie damit keine Landwächter angezogen haben. Sollten sie ihren Kurs nicht drastisch ändern, werden wir wohl bald Sódos erreichen.

Es macht mir Angst, dass meine Träume selbst im Regen immer stärker zu werden scheinen, je weiter wir gen Norden kommen. Woran mag es liegen? An der beginnenden Nähe zu Ašckhir, das trotzdem noch Wochen entfernt ist, oder etwas anderem? Doch wenigstens verfolgt mich derzeit Puidor nicht mehr. Dafür erblicke ich in meinen Träumen jedoch öfter diese Fahach; auch andere Wesen erscheinen mir. Und immer wieder kommen Berge, Höhlen, Feuer, Festungsanlagen, marschierende Armeen, Opferungen, Schlachten und vieles mehr vor. Es ist fürchterlich, wie erschreckend Träume sein können.

Dafür erfuhr ich endlich, warum Dosten der Armee beigetreten war. Irgendwie war mir noch nie in den Sinn gekommen, ihn danach zu fragen. Allerdings rede ich ja auch nie wirklich mit ihm. Es ist offensichtlich, dass der blonde Junge aus Akalt stammt, doch wie gerät ein solcher in die Armee von Ojútolnán? Die Antwort ergab sich, als eines Abends Mosíz dreist genug war, danach zu fragen, während wir beim Essen saßen. Scheinbar waren des Jungen Eltern Händler gewesen, die einst mit ihm nach Rardisonán kamen, doch dort bei einem Überfall getötet wurden. Der Junge stand allein da, wusste nicht wohin und ging so als einzige Möglichkeit, eine Mahlzeit zu bekommen, in die Guigans von Rardisonan. Also hat er ein ähnliches Schicksal wie ich erlebt, ohne dass mir das bewusst gewesen ist. Ihm scheint kein guter Stern gegeben zu sein, wenn er nach diesem ursprünglichen Unglück gleich in weitere mit uns geraten sollte. Immerhin gut für ihn, dass Jimmo stets auf ihn aufpasst. Das wird er hier auch immer nötig haben.

17. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Sódos jós Fuiran scheint kein Freund der Banditen zu sein. Sie hielten sich nur kurz dort am Stadtrand bei einem Bauerngehöft auf. Das aber merkten wir uns, denn dieses Gehöft muss sehr wohl dazu gehören. Die ganzen Vorfälle bestärken mich nur noch darin, dieses Land verlassen zu wollen. Seltsame Wesen und feindliche Eingeborene, die das Land verwüsten wollen, gepaart mit Banditen, die es innerlich zersetzen indem sie mit Obrigkeiten zusammenarbeiten, die kaum besser sind als sie. Je mehr ich darüber nachdenke, desto schlechter wird mir. Ich will endlich raus aus diesem Land; an jeder Ecke scheint der Tod zu lauern. Wenigstens regnet es nicht mehr.

Einen Tag nach Sódos dann, die Männer verfolgen immer noch ihren Ausweichkurs, diesmal aber gern Nord, gen Ladóra, grob dem Verlauf des Flusses Canlar folgend, schienen sie auf mehr Freunde zu stoßen. Seit Sódos hatten sie einen Wagen mit seltsamen Kisten dabei, den sie nun ablieferten. Es war das erste Mal, dass mir auffiel, dass wir bisher alle Dörfer von Eingeborenen großzügig umgangen hatten, denn diesmal näherten sie sich einem. Wir wissen nicht alles, was dort vorging, wir sahen nur wenig. So zum Beispiel im Halbkreis aufgestellte Fackeln, wie sie in meinen Erscheinungen vorkamen, sowie neue Kisten, deren Inhalt wir nicht kennen, die auch nicht nach der Hand von Eingeborenen aussehen.

Wir beobachteten das Ganze eine Weile aus großer Entfernung, ohne viel zu erfahren. Die Männer schienen Handel zu treiben. Sie gingen in Häuser, besahen sich Waren auf dem kleinen Marktplatz des Dorfes und blickten auch immer wieder in eben diese Kisten. Sie kauften oder verkauften jedoch nichts, jedenfalls nicht offensichtlich, sie ließen bei ihrer Abreise nur die Kisten dort zurück. Es bleibt noch die Möglichkeit, dass sie Unterhaltungen führten, doch werden wir dies wohl nie erfahren.

Nach wenigen Stunden machten sie sich wieder auf den Weg, wir ihnen hinterher. Die Straße von Sódos nach Bacáta, auf der der Überfall stattfinden sollte oder noch soll, liegt längst hinter uns. Ihr Ziel wird also wohl nicht die Heimkehr oder Vereinigung mit der Gruppe sein. Die Richtung in die sie sich bewegen deutet weiter auf Ladóra oder irgendwas in der Nähe hin. Der Canlar dürfte bald das erste Mal in unsere Sicht kommen. Ansonsten ist dies ein weites offenes Hügelland mit wenigen Wäldchen, ähnlich wie der gröbste Rest von Nardújarnán.

Mehrmals wären wir aber fast entdeckt worden und jedes Mal war es Oljós Schuld. Das erste Mal hatten sich einige von uns im Schutze eines Haines näher an das Nachtlager der Männer geschlichen, ob man etwas von ihren Gesprächen verstehen könnte. Oljó war dabei aber gestolpert, hatte sich verletzt und unterdrückt aufgeschrien. Castaris konnte es glücklicherweise noch durch vorgetäuschte Tierlaute überdecken, trotzdem mussten wir uns zurückziehen. Das zweite Mal entfachte Oljó ein Feuer, obwohl der Rauch in Sicht der Banditen gelegen hätte. Wir konnten gerade noch Schlimmeres verhindern.

Ich frage mich, was mit ihm los ist. In den letzten Tagen verhält er sich immer sonderbarer. Er, der früher stets dumme Sprüche und ähnlichen Unsinn auf Lager hatte, ist nun fast völlig verstummt. Seltsam oft sieht er nach Süden oder Norden. Glaubt er, dass wir verfolgt werden?

 

 

LXI: Bericht des Außenposten Médyhúda an Atáces

17. 05. 3980

Die Angriffe der Eingeborenen auf uns lassen langsam nach. Nur dank der steten Verstärkungen und des Schutzes der Wasserwege zwischen Médyhúda und Húalis durch Kriegsschiffe konnte das Fortbestehen dieses Außenpostens gewährt werden. In all der Zeit haben die Angreifer ihre Vorgehensweise nicht geändert. Immer wieder haben sie uns belagert, ihre Speere geworfen, Feuer entzündet außerhalb des Lagers – und immer wieder sind sie schließlich abgezogen ohne etwas erreicht zu haben. Einige wenige Male versuchten wir Ausfälle, sie zu vertreiben. Nur unter Verlusten konnten wir sie zurückdrängen, doch jedes Mal erschienen bald neue feindliche Einheiten. Zuletzt haben wir eine Weile lang versucht, ihre Belagerung nicht zu beachten, nur für die Sicherheit der Versorgungsschiffe zu sorgen. Erst als erneut eine Armee von euch eintraf, konnten wir sie endgültig vernichten.

Seit einem Mondlauf haben wir nichts mehr von ihnen gesehen. Unsere fähigsten Späher durchsuchen den Wald nach Spuren, um vielleicht auch ihre Heimatdörfer zu finden, damit wir sie zerstören können, doch berichten sie nur immer wieder, nichts gefunden zu haben. Es ist fast, als hätte es hier in diesem Waldabschnitt niemals Eingeborene gegeben. Manch ein Kämpfer munkelt etwas von Geistern, doch erlauben wir solche Gerüchte nicht. Unheimlich ist aber tatsächlich, dass wir manchmal nachts draußen im Wald Trommeln hören können. Schicken wir dann einen Späher los, findet er nie etwas, egal ob tagsüber oder gleich in der Nacht.

Unabhängig von diesen Begebenheiten meinen wir jedoch hiermit berichten zu können, dass Médyhúda endgültig zurückerobert und befriedet ist. Wir erwarten eure Entscheidung, ob nun alle zusätzlichen Einheiten sofort abziehen sollen oder ob sie hier noch verbleiben. Wir sehen aber keinen Grund anzunehmen, dass diese Dörfer noch zu finden sind, weshalb wir die Truppen nicht mehr benötigen sollten.

(Siegel des Außenpostens Médyhúda)

 

 

LXII: Notizen des Geistwächters Castaris

18. 05. 3980

Langsam frage ich mich, ob die Banditen nicht nur mit uns spielen. Vielleicht hatten sie uns schon längst bemerkt und führen uns nun auf eine falsche Fährte, während sich die Wahrheiten woanders verbergen. Mosíz ist nicht meiner Ansicht, er meint, er hätte dies in seiner Gefangenschaft sonst bereits erfahren. Doch wie kann er da sicher sein, schließlich erfuhren wir auch erst in Abajez, dass sie ein anderes Hauptlager haben. Ich hoffe, dass, sollten wir versagen, die anderen Geistwächter, vor allem in Cabó Canguina, mehr Erfolg haben. Die Banditen müssen aber hauptsächlich in Galjúin und Fuiran tätig sein; sollten sie noch weiter im Osten sein, dürfte Nardújarnán vor einem wirklich großen Problem stehen. Doch bis zu meiner Abreise konnte ich mich auf Atáces verlassen, da bin ich mir sicher.

Den Männern, die sie mir mitgaben, merkt man immer häufiger an, dass sie bloße Schwertfänger sind. Jeder von ihnen hat zuviele Nachteile um ein wahrer Kämpfer sein zu können, weshalb sie für die eigentliche Armee untauglich waren. Hätte Duimé nicht kurz vor einer Verhandlung aufgrund seiner aufbrausenden Haltung gegenüber Vorgesetzten gestanden, er hätte wohl niemals so einen Auftrag angenommen. Wenigstens zwei der Männer, mit denen ich reise, müssen wahnsinnig sein. Dieser Oljó, der mir anfangs nur hinterhältig und gewalttätig erschien, scheint Wahnvorstellungen zu haben. Hoffentlich macht ihn das nicht völlig untauglich, sonst muss ich ihn nach Atáces zurückschicken oder ihm einen Unfall bereiten. Weiterhin stimmt etwas mit diesem Khantoë nicht, der zwar nicht mehr auf die seltsamen Geschichten besteht, die er während seiner Behandlung erfand, doch auch er wirkt oft, als hätte er Geister gesehen. Ich stehe kurz davor ihm sein Buch wegzunehmen, damit er das Grübeln lässt, doch könnte dies seine Nützlichkeit einschränken.

Mosíz dagegen scheint sie zu mögen, doch Mosíz war schon immer selber seltsam.

 

 

LXIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

19. 05. 3980, Irgendwo vor Ladóra.

Wir müssen kurz vor Ladóra sein. Es gab keine aufregenden Vorfälle seitens der Banditen mehr, doch Oljó verhält sich weiter seltsam. Einmal verlangte er von uns, dass wir umkehren müssten, doch konnte keine gute Begründung liefern, warum wir das hätten tun sollen. Dazu befragt wirkte er verwirrt, als sei ihm nicht bewusst gewesen, dies gesagt zu haben. Wir ließen ihn bald in Ruhe, er uns dafür immerhin ebenso. Das sehe ich schonmal als Verbesserung.

Dosten, der bessere Augen als wir hat, meinte im Osten Feuerschein und Rauch zu sehen. Im Osten sind aber nur in der Ferne die Berge zwischen den Ebenen von Ladóra und dem Flussland des Tajazi bei Cabó Canguina. Laut Mosíz ist diese Gegend nicht bewohnt, jedenfalls nicht von Toljiken. Wir versuchten das also nicht weiter zu beachten, was nicht ganz so schwer war, da wir anderen dort sowieso kaum etwas erkennen konnten. Manchmal beneide ich Dosten um seine Augen.

Gestern kamen wir an dem zweitgrößten der zahlreichen kleinen Seen des Canlar vorbei. Das bedeutet, dass der größte See und damit Ladóra in greifbarer Nähe liegen müssen. Westlich des Canlar sehen wir ausgedehnte trockene Ebenen, die bis zum Ladú Rachín gehen sollen, östlich liegen die fruchtbaren Ebenen durch die wir reiten, die sich bis hin zu den Bergen erstrecken. Nördlich von Ladóra, so erzählte Mosíz, würde dagegen der Wald dichter werden und schließlich in den großen Wald übergehen, der einst zu meinem Schrecken wurde.

Castaris habe ich in den letzten Wochen nur noch hassen gelernt. Er treibt uns an wie Tiere und sein einziges Ziel scheint es zu sein, endlich diesen Fall zu lösen. Mosíz dagegen ist eher der freundliche Vater, der mit uns spricht und Castaris öfter beschwichtigen muss. Ich werde aber weiter das seltsame Gefühl nicht los, dass die beiden mit uns bloß ein Spiel treiben. Immerhin müssen Geistwächter in viele Rollen schlüpfen können. Wielange mag es also noch dauern, bis sie uns ihr wahres Gesicht zeigen?

Um auch noch über etwas gutes berichten zu können: Mein Hintern hat sich allmählich an das Reiten gewöhnen können. Endlich keine Schmerzen mehr! Auch habe ich mich stark genug an mein Tošaren gewöhnt, dass ich überlege, es vielleicht zu behalten. Es sollte doch sicherlich irgendwie möglich sein, Castaris zu überzeugen, es mir zu überlassen. Er wird es einfach tun müssen. Sicherlich fällt mir etwas ein, sobald wir soweit sind. Ich wollte es Ccillia nennen, doch wäre das seltsam, sollte ich beide Ccillias je zusammen sehen. Stattdessen nannte ich es schließlich Castillia, auch, um Castaris zu ärgern, doch schien dieser das nicht zu bemerken.

26. 05. 3980, Ladóra.

Es scheint fast vorbei zu sein. Castaris und Mosíz meinen, dass es hier in Ladóra genug Beweise geben wird, die Banditen der Obrigkeit zu überführen. Morgen Abend soll das Haus, welches sie am Stadtrand bewohnen, gestürmt werden. Heute sprach Castaris mit der Obrigkeit hier, welche einwilligte. Zuvor gingen wir natürlich sicher, dass sie nicht auch darin verwickelt ist. Die beiden scheinen jedenfalls sicher genug, dass dem nicht so ist. Nun haben diese beiden also Unterstützung von der Obrigkeit. Ich weiß nicht, was die Geistwächter getan haben, doch man willigte ihnen bereits ganze Truppenteile zu, um morgen das Anwesen am Stadtrand zu durchsuchen. Wird es dann endlich zuende sein? Und was wird man herausfinden? Ich bin mehr als gespannt. Glücklicherweise werden wir uns dabei im Hintergrund halten können.

Ladóra ist eine kleine Stadt, gelegen hier in Fuiran, ähnlich wie Cabó Canguina und Aiduido Elazar ein Tor in den Borden. Ladóra liegt am Südende eines größeren Sees, der Teil des Flusses Canlar ist. Da der Fluss bis hierher und noch weiter gut befahrbar ist, mauserte sich Ladóra schnell zur Handelsstadt. Von den letzten Außenposten im Norden kommt vor allem Holz, das in den Süden gebracht wird. Derzeit liegt aber eine seltsame Stimmung über der Stadt, da in den letzten Mondläufen zunächst viele Menschen von einem Mann namens ‚Schlächter von Ladóra‘ geköpft worden waren und später andere verschwanden. Also wohl doch keine so behagliche ruhige Grenzstadt. Eigentlich scheint Ladóra auch eher Abenteurerstadt zu sein, ist dies doch die letzte Stadt vor der weiten Wildnis.

Die Obrigkeit gab uns Unterkunft in der örtlichen Guigans, welche im Osten der Stadt am See liegt. Kaum hatten wir sie betreten, da blieb kurz mein Herz stehen und mir wurde heißkalt trotz der Sommerhitze, derweil die Welt um mich schummrig wurde. Couccinne musste mich stützten. Als er nach dem Grund fragte, schob ich es auf die Hitze. Der wahre Grund ist aber, dass unser Zimmer im ersten Stock liegt, über eine Treppe erreichbar ist und nach unten hinausgehend man sogleich neben den Stallungen steht. Wie ich bald herausfand, hat die Stadt auch einen kleinen Park, gelegen auf einer kleinen, von Kanälen gebildeten Insel. Ich wagte es aber nicht mich zu erkundigen, ob man dort je des Nachts seltsame Vorgänge beobachtet hat. Lieber legte ich mich einmal selbst auf die Lauer und entdeckte zu meinem Glück nichts.

Trotzdem beunruhigt es mich sehr, ein Zufall kann das nicht sein. Ich war noch nie zuvor in Ladóra gewesen, also wie kann das sein? Hatte ich vielleicht einmal unterwegs aufgeschnappt, wie jemand von Ladóra sprach und dies beschrieb? Ich weiß es nicht, doch scheint es mir die einzige Möglichkeit. Immerhin weiß ich, dass ich in diesem Zimmer kaum ruhig schlafen kann. Ich hoffe sehr, wir sind bald fertig in Ladóra, denn trotz des schönen Sees kann ich es so nicht aushalten.

Auch in den anderen scheint die Rückkehr in den Norden verschiedenes ausgelöst zu haben. Couccinne meint düstere Strömungen in der Luft zu spüren, Jimmo scheint die Nähe des Waldes nicht zu behagen. Miruil ist wohl der einzige von uns, der mit allem recht zufrieden ist; dies scheint seine Gelüste nach Abenteuern bereits genug zu befriedigen. Oljó ist es aber, der sich wahrlich am ungewöhnlichsten verhält. Immer noch ist er verdächtig ruhig und zurückhaltend. Oft verschwindet er Abends, um erst spät in der Nacht wiederzukommen. Ich vermute, dass er in alte Gewohnheiten verfallen ist. Allerdings ist es wahrhaft nicht die richtige Zeit, um Häuser zu plündern oder zum Glücksspiel zu gehen. Ich verzichte aber darauf, es Castaris oder Mosíz zu melden.

Eigentlich sollten wir nun schlafen um für Morgen ausgeruht zu sein, doch gerade bemerkte ich, dass Oljó fehlt. Ich werde ihm nachgehen.

27. 05. 3980, Ladóra.

Oljó y Becal ist tot und ich habe ihn umgebracht! Sollten die Geistwächter dies je erfahren, so werde ich auch tot sein! Wie sollte ich ihnen das schon erklären? Und doch – ich handelte rechtmäßig, er hat sein Schicksal verdient. Ob auch die anderen mir dies glauben würden? Mich quält mein Gewissen, obwohl es so hatte kommen müssen. Das erste Mal musste ich einen Menschen töten – selbst auf dem Tajazi sah ich mich nicht dazu gezwungen. Jetzt kannte ich mein Opfer zu allem Überfluss auch noch, hatte viele Monde mit ihm verbracht. So sehr ich ihn auch hasste, er war doch ein Mensch – und nun nicht mehr. Hätte man ihn vielleicht von seiner Verblendung abbringen, ihn auf den rechten Pfad zurückführen können? Ich weiß es nicht, es ist auch zu spät. Ah, ich verliere noch den Verstand! Ich muss es niederschreiben, wenn auch nur um mir zu beweisen, dass es so sein musste.

Noch weiß keiner der anderen davon, seine Leiche – mir schaudert es bei diesem Gedanken – liegt noch immer dort, wo es geschah. Sicherlich würde man die Richtigkeit meines Handelns einsehen, doch habe ich nichts, dies zu beweisen. Werde ich ihn vermissen? Nein. Zweifel ich an der Notwendigkeit? Nein. Und doch wäre es mir lieber gewesen, hätte es ein anderer getan. Sicherlich wird man ihn bald vermissen. Immerhin ist bald der Überfall auf das Anwesen. – Was nun, was tun? Ich sollte zu Couccinne gehen, er wird mir glauben und helfen. Vielleicht auch Miruil, vielleicht auch Jimmo? Sie werden mir glauben!

Ach, hätte er sich doch bloß nie auf diesen unheiligen Bund eingelassen, so wäre ich auch nicht zu meiner Tat gezwungen gewesen. Doch er erzählte es mir, er gab es mir gegenüber selbst zu. Es ist bedenkenswert, zu welchen Schandtaten manche doch bereit sind, selbst ihre eigenen Rasse, ihr eigenes Volk verraten sie und opfern es ihrer Verblendung. Ich werde hier festhalten, was er tat, um mich immer daran erinnern zu können, solchen Verlockungen zu widerstehen.

Es war zu Beginn der Nacht da ich merkte, dass Oljó nicht in seinem Bett war. Da ich selber noch angezogen und nun neugierig war, machte ich mich auf die Suche nach ihm. Ich ging hinab in den Hof, wo ich bemerkte, dass die Türen zu den Ställen offen waren. Drinnen war es dunkel. Ich sah vorsichtig hinein, bemerkte nichts und ging hinein. Die Tiere waren ruhig und ich machte mich bereits wieder auf den Weg hinaus, da sah ich draußen im schwachen Schein der Fackeln im Hofe eine Bewegung. Schnell huschte ich zum Tor um zu sehen, was das war: Oljó ging gerade aus unserem Bereich zu einem der Seitentore. Ich hatte ihn! Nun galt es noch zu folgen. Doch was war das? Als er an einer Wandfackel vorbeikam, beschien das Feuer sein Gesicht. Nie hatte ich dieses so ausdruckslos erlebt, als würde er schlafwandeln. Etwas aber leuchtete kurz in seinen Augen, dass mir Schauer verursachte.

Oljó war in voller Tracht, ein Schwert hing an seiner Hüfte. Ruhigen Schrittes ging er vorwärts, öffnete die Seitentür und verließ die Guigans. Ich folgte ihm, nachdem ich mich kurz versichert hatte, dass die Nachtwache uns keine Aufmerksamkeit schenkte. Oljó bewegte sich ohne Sorge durch die Straßen, blickte sich nicht um, bemerkte mich nicht. Trotzdem eilte ich von Schatten zu Schatten, um sicherzugehen. Bald kam er zu dem Park. Er wurde bereits erwartet. Zwei Gestalten, dunkel verhüllt, begrüßten ihn schweigend und deuteten ihm zu folgen. Sie durchquerten zusammen den Park und waren dann auf einmal verschwunden.

Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was geschehen war. Was mich auf die richtige Spur brachte waren die Geräusche, die ich aus einem der Büsche kommen hörte. Offenbar gab es dort einen Zugang zu etwas Unterirdischem. Ich war in Versuchung, dort hinabzusteigen, doch die Lautstärke der Geräusche hielt mich ab. Man hörte es von oben kaum, trotzdem wäre ich wohl sofort in eine Gesellschaft geraten. Stattdessen entschloss ich mich zu warten, bis Oljó wiederkäme, und solang den Park zu genießen.

Es sollte gut ein bis zwei Stunden dauern, bevor sich in dem Gebüsch etwas tat und Oljó allein herausgekrochen kam. Er sah unverändert aus, doch ein Strahlen lag in seinem Gesicht. Ohne zu warten machte er Anstalten, zur Guigans zurückzukehren. Ich folgte ihm nur ein paar Schritte, da sprach ich in gewöhnlicher Tonlage seinen Namen; er hörte mich sofort. Ich wollte ihn zur Rede stellen, doch er kam nur lächelnd auf mich zu und begrüßte mich; das war ich nicht von ihm gewohnt. Ich fragte gerade heraus, was er getan hätte, und er gab mir die erschreckende Antwort.

Er begrüßte mich als Kind des Puidor, wobei er meinte, dass dies nicht dessen wahrer Name sei, und nannte mich einen Bruder. Recht frei erzählte er mir von seinem Treffen dort unten, mit den Häuptern der Banditen sowie Gesandten aus Ašckhir. Mir schauderte bei diesen Erzählungen, doch für ihn schien alles normal zu sein, als sei ich einer der ihren. Es war offensichtlich, dass Oljó für diese Bestien arbeitete. Er hatte uns also verraten – und nicht nur uns, die gesamte Menschheit. Als führten wir nur einen Plausch über das Wetter, so erzählte er mir, wie gut die Planungen vorankämen und dass wir über die Welt herrschen würden, hätten wir sie erst einmal zerstört. In mir wuchs der Wunsch zu fliehen, zu schreien, doch ich unterdrückte es, um mehr von ihm zu erfahren. Ich fragte ihn, was genau er gemacht hätte und er antwortete, dass er nur zur Besprechung gegangen sei und sich gewundert hatte, warum ich nicht auch gekommen war, doch könnte ich immer noch gehen; Puidor würde mich erwarten.

Während ich begann zu zweifeln, ob er überhaupt noch Verstand besäße, fing auch er an sich zu wundern. Er meinte, es sei doch offensichtlich gewesen, dass ich auch Teil des Ganzen sei, doch verstanden hätte er dies das erste Mal in Ašckhir, als er sich dort der Versammlung hingab statt von ihr vernichtet zu werden. Ob ich mich nicht auch auf die nächste Vereinigung, auf den Zeitpunkt der Toröffnungen aller Festen der Welt freuen würd? Langsam überkam mich nur noch Ekel. Was hatte man ihm nur versprechen können, dass er solche Dinge tat? Endlich schien er meinen Blick richtig zu deuten und zog langsam sein Schwert, während er fragte, warum ich mich nicht freuen würde. Ich antwortete ihm frei heraus, wie wahnsinnig er und die anderen doch seien, dass man sie aufhalten müsse. Oljó sagte noch etwas seltsames, dass mein Anhänger Schuld sei, dass ich nun sterben müsse wie Duimé, der auch zuviel gewusst hätte. Seinem Angriff konnte ich aber ausweichen, entgegnen und nun ist er tot.

Ich weiß nicht, was mit seinem Körper geschah, denn ich floh nach meinem ersten Schlag hierher. Jetzt da ich mich beruhigt habe, werde ich zu Couccinne gehen, würden alle anderen mich doch für verrückt erklären, es fiel mir selber schon beim Schreiben ein. Kann ich mir auch sicher sein, ihn getötet zu haben? War das nicht vielleicht wieder nur eine Erscheinung? All die Dinge, die mir keiner glaubt, kamen darin vor. Puidor war stets mein eigener Alptraum gewesen, wie könnte er ihn gesehen haben? Und doch, er könnte von meinen Erzählungen gehört haben und meinte, mich quälen zu können. Wie kann ich sicher sein? Was ist Schein, was ist Wahrheit? Couccinne…!

In ein paar Stunden beginnt der Überfall.

 

 

LXIV: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces

18. 06. 3980, Ladóra.

Einige Wochen sind seit dem Überfall auf das Haus der Bergbanditen in Ladóra vergangen. Nun ist es Zeit, einen vorläufigen Bericht für euch zu verfassen über das, was Stand der Kenntnis ist, auch wenn der Fall noch nicht ganz abgeschlossen ist. Zunächst werde ich euch die Geschehnisse der 28. Nacht des 5. Mondlaufes schildern, begleitet und gefolgt von unseren dort gewonnen Erkenntnissen, weiteren Absichten und abschließen mit dem, was noch zu geschehen hat. Der Krieger Falerte Khantoë hilft mir beim Verfassen des Berichtes, da ich aufgrund meiner Handverletzung immer noch nicht ganz in der Lage bin, selber zu schreiben.

Etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit machten Geistwächter Castaris und ich sowie unsere Begleittruppe sich auf den Weg. Der Krieger Oljó y Becal war spurlos verschwunden und wir hatten keine Zeit ihn zu suchen, doch darauf komme ich noch zurück. Die Obrigkeit von Ladóra war dank unserer Befugnisse so freundlich, uns acht weitere Krieger an die Seite zu stellen, somit zählten wir also 15. Unseren Männern wurde zuvor von Castaris erzählt, sie sollten dabei aufgrund ihrer Unerfahrenheit zurückbleiben, doch tatsächlich sollten sie vorausgehen. Das erfuhren sie aber erst vor Ort. Wir trafen auf die zusätzlichen Krieger in der Guigans und gingen mit ihnen zu dem Anwesen, wo die Banditen untergekommen waren. Weitere Einheiten umstellten es großräumig, um niemanden entkommen zu lassen und uns in der Not beistehen zu können. Wie sich herausstellte, war das aber nicht notwendig.

Das Anwesen ist ein mittelgroßes Gelände. Es besteht aus zwei größeren Häusern sowie Stallungen und einem Lagerhaus. Die Nordseite liegt am See, die ganze Anlage im Osten der Stadt, unweit des Parks. Das Lagerhaus steht am See und besitzt einen Pier zum Anlegen kleiner Frachtflussschiffe. Im Süden besitzt das Anwesen einen kleinen Hof, die ganze Anlage ist von einer Mauer umschlossen. In den letzten Tagen hatten wir das Anwesen gut beobachtet, uns das Verhalten der Wachen eingeprägt sowie versucht über das Innere der Gebäude herauszufinden, was möglich war; jedoch gelang letzteres nicht. Nur ein Mann, der keiner von unseren Banditen war, bewachte jeden Abend bis in die Nacht den Hof und wurde dann abgelöst.

Als wir unfern des Hofes waren, gaben Castaris und ich den anderen unseren Plan preis. Es entstand erwartungsgemäß Unruhe, doch konnten wir diese eindämmen, da sie nun auch keine andere Wahl mehr hatten. Der Plan sah vor, dass Castaris und ich als erstes reinschlichen, um den Wächter auszuschalten und zu sehen, ob die Luft rein sei. Dann würden wir das Außentor den anderen öffnen, damit sie nachfolgen könnten. Daraufhin wollten wir herausfinden, wo die Banditen sich genau aufhielten und sie im Schlaf oder beim Feiern überraschen.

Natürlich lief es nicht nach Plan. Es klappte noch gut, den Wächter niederzuschlagen und zu fesseln, ab da geriet aber alles durcheinander. Weder hatte der Wächter wie in den Nächten zuvor einen Schlüssel bei sich, noch ließ sich das Tor anders öffnen. Wir entschieden uns, einen Schlüssel zu suchen, denn die Kämpfer auch einsteigen zu lassen wäre möglich gewesen, doch wären wir dann von der Verstärkung draußen abgeschnitten gewesen. Wir fanden den Schlüssel schließlich in einer kleinen Hütte nah des Stalles, die wohl für die Nachtwache zum Ausruhen gebaut worden war.

Nachdem wir endlich die anderen einlassen konnten, schlichen wir nacheinander in die Häuser, um festzustellen, wo sich die Banditen sowie andere Anwohner gerade aufhielten. Wir hofften, sie würden gerade alle schlafen, dann hätten wir sie leicht überraschen können, doch dem war so nicht. Wir vermuteten, sie würden gerade feiern und sich betrinken, doch schließlich mussten wir feststellen, dass sich in beiden Häusern niemand aufhielt. Das verwirrte uns, hatten wir doch das Anwesen ständig beobachten lassen und niemand hatte es betreten oder verlassen. Nun blieb die Möglichkeit eines geheimen Versteckes. Während wir dies suchten, fanden wir genug schriftliche Unterlagen, die die Schuldigkeit der Beteiligten genügend beweisen und ihre Pläne aufdecken. Sie wurden euch bereits zur Untersuchung überstellt. Offenbar planten die Banditen, ihre räuberische Herrschaft auszubauen, indem sie in Galjúin einen richtigen Stützpunkt errichten wollten, unterstützt von einigen verfaulten Obrigkeiten und Dörfern, vor allem aber Elpenó, Abajez, Bacáta und Pórga. Ich hoffe, ihr habt mittlerweile dorthin bereits Einheiten entsandt.

Schließlich gelang es dem Krieger Couccinne Carizzo, einen geheimen Gang zu finden, der von den Kellern unter dem Anwesen hindurch Richtung Stadt, genaugenommen zum Park, führte. Mittlerweile wurde er verschüttet, damit man ihn nicht noch einmal für derart unheilige Mittel nutzen kann. Vorsichtig machten wir uns in dieser Nacht auf den Weg diesen Gang entlang. Er war breit genug für drei Männer nebeneinander und hin und wieder von Fackeln erleuchtet. Dies ermöglichte uns den Blick auf sonderbare Zeichnungen und Schriften an den Wänden, die aussahen wie mit Blut geschrieben. Auch lagen in diesem ganzen Gang, der manchmal Biegungen machte, seltsame Gerüche nach Erde und etwas Süßlichem.

Der Gang endete letztlich an einer Kammer, die nun auch verschüttet wurde, mitsamt den anderen Räumen. Diese Kammer zunächst war klein und schmucklos und öffnete sich in einen größeren Raum, die Öffnung nur durch Vorhänge verhangen. Castaris und ich warfen einen Blick hindurch um wahrhaft Ekliges zu sehen. Der Raum war halb so groß wie das ganze Anwesen und von weiteren Fackeln an den Wänden erleuchtet. Seine Form war die eines Achtecks, von jeder Seite ging eine weitere Kammer ab. Wie wir später herausfanden, hatte nur eine davon einen weiteren Ausgang zur Oberfläche, in den Park. Der Raum war ein Trichter; der Boden fiel zur Mitte hin langsam ab, dort war eine Vertiefung, breit genug für zwei Menschen. Auch die Wände dieses Raumes waren mit Zeichen beschmiert.

Um die Vertiefung herum standen fünf eiserne Stangen in einem Halbkreis, auf jede hatte man einen menschlichen Schädel gesteckt; sie stellten sich als die Opfer des ‚Schlächter von Ladóra‘ heraus. Jedoch gab es um die Wände herum 16 weitere, größere Spieße, dort hatte man die Vermissten aufgespießt. Diese Banditen steckten also hinter den Verbrechen in Ladóra. Männer und Frauen, darunter auch unsere Verfolgten, standen auf einer Seite des Raumes, dort, wohin sich die Öffnung des ekligen Halbkreises neigte. Sie schienen in Gebete vertieft; ein Mann stand dabei wir ein Hohepriester vor der Masse, welche etwa vierzig zählte. Zwei bewaffnete Männer zerrten aus der anderen Kammer gerade eine Frau.

Castaris und ich hatten genug gesehen, wir gaben Zeichen, diese stinkende Eitergrube zu stürmen. Die meisten Anwesenden waren unbewaffnet, es gab nur etwa acht Wachen. Bei unserem Anblick versuchten die meisten zu fliehen, der Priester schleuderte uns Flüche entgegen und die Wachen griffen an. Castaris gab Befehl den anderen Ausgang zu verstellen, damit niemand flüchten könnte. Sobald dies geschehen war, sprangen viele Anwesende in die Vertiefung, spießten sich selber auf den Pfählen auf oder suchten andere Mittel, sich das Leben zu nehmen. Wir konnten kaum etwas davon verhindern, so dass wir letztlich nur wenige von ihnen gefangen nehmen konnten.

Obwohl es nur acht Wächter gewesen waren, hatten wir fünf Tote zu beklagen, darunter Castaris sowie den Jungen Dosten Aschengrau. Im Gegenzug konnten wir nur vier Gefangene machen. Alle redeten sie später irr, drei von ihnen konnten sich das Leben nehmen. Immer wieder erwähnten sie die Begriffe Šamrek und Fahach, doch können wir damit nichts anfangen. Der letzte überlebende Gefangene ist überhaupt nicht vernünftig ansprechbar. Immerhin aber haben wir alle nötigen Beweise und Hinweise. Es ist genau verzeichnet, wo sich das Hauptlager befindet, nämlich in den Bergen bei Pórga. Weiterhin verzeichnet sind die in die Sache verwickelten Mitglieder der Obrigkeiten und anderer Teile des Landes sowie einige Dörfer der Eingeborenen, die mit ihnen gemeinsame Sache zu machen scheinen. Die Armee darf nun wohl einige Zeit lang Verräter niederschlagen.

In den Tagen nach dem Überfall sichteten wir die Beweise und ließen diesen unheiligen Ort in Ladóra verschütten. Dabei bemerkten wir, dass der andere Ausgang in den Park führte, wo nah dessen Austiegs versteckt die Leiche des Kämpfers Oljó y Becal lag. Wir können nur vermuten, warum er dort lag, doch hoffen wir den Grund darin suchen zu können, dass er alleine vorgehen wollte. Auf jeden Fall hat er seine Schuldigkeit getan.

Auch muss ich noch die anderen beteiligten überlebenden Krieger belobigen, als da wären: Miruil Enfásiz y Calerto, Jimmo, Couccinne Carizzo sowie Falerte Khantoë. Ich überlasse euch die Entscheidung, was nun mit ihnen zu tun ist, doch empfehle ich eine Beförderung. In etwa einem Mondlauf werden wir fertig sein, dann kehren wir zu euch zurück und werden noch einmal vorsprechen.

Ich habe den Krieger Khantoë nun fortgeschickt. Entschuldigt die Schrift, ich muss jetzt allein mit Links schreiben, doch muss ich euch noch etwas zu den Kriegern ergänzen, dass diese nicht erfahren dürfen: Keiner außer Enfásiz scheint mir noch für den Kriegsdienst geeignet, entlasst sie lieber. Jimmo ist kaum ansprechbar, seitdem Aschengrau tot ist, den er als Sohn ansah. Khantoë fing wieder von seinen alten Geschichten über Monster in den Bergen an. Ich glaube, er übertreibt die Tatsachen etwas. Diese Banditen waren eine große Bedrohung, sind nun aber Geschichte. Leider scheint ihm Carizzo auch noch zu glauben. Es wäre möglich, dass sie bewusstseinsverändernde Pflanzen nehmen oder man sie ihnen unbemerkt beigemengt hat. Das würde ihr Verhalten zumindest erklären. Auf jeden Fall sollte man sie unter Verschluss halten oder entlassen.

Hochachtungsvoll,

Geistwächter Mosíz.

 

 

LXV: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

07. 07. 3980, Atáces

Ich muss nach Hause, dringend! Wie schaffe ich es nur? Mir muss etwas einfallen!

Es ist schon über einen Mondlauf her, dass diese schrecklichen Dinge geschahen. Dass ich Oljó tötete sowie diese schrecklichen Kammern! Wie oft träume ich von ihnen, oh diese Qual! Bis heute wissen die anderen nicht, dass ich Oljó umbrachte, dass ich diese eklen Eier in einer der Kammern fand und zerschmetterte unter dem Geröll der Decke. Und Mosíz tut weiter so, als gäbe es nichts Böses auf der Welt, als wäre alles nun bestens! Oh dieser verblendete arme Mann. Es quält mich, stillhalten zu müssen, denn sie würden mich doch nur wegsperren. Wie traurig. Doch vielleicht wird sie ihr gerechtes Schicksal ereilen.

Wir sind zurück in Atáces. Jimmo tut mir Leid, scheint er doch sehr zu leiden, doch kann ich nichts tun. Auch mir ging Dostens Tod nahe, doch Jimmo ist seit Wochen kaum ansprechbar. Castaris dagegen war für uns nur ein gewöhnliches Opfer, das gebracht werden musste, nichts besonderes. Couccinne scheint mir als einziger zu glauben, doch weiß ich nicht, ob das gut für ihn ist. Ich bin es, der weiß was diese Wesen, diese Banditen, diese Eingeborenen wahrhaftig planen. Es scheint aber, als könnte ich das niemandem hier verraten. Die meisten würden mir nicht glauben und die, die es täten, wären dann genauso arm dran wie ich. Doch wie soll ich dieses Geheimnis mit mir herumtragen können? Wird es mich nicht wahrhaftig wahnsinnig machen, nie die sichere Wahrheit zu wissen?

Zunächst stehen aber andere Dinge an; Dinge, die mich vielleicht gut ablenken werden von all diesem Unheil. Jedenfalls hoffe ich das. In drei Tagen sollen wir vor die Obrigkeit treten. Das ist zwar kein Gericht und keine Verhandlung, doch trotzdem will man uns anhören. Selbst wenn es nur etwas mit den von Mosíz geforderten Beförderungen zu tun hat, verspricht es für mich keine freudige Veranstaltung zu werden. Ich habe Angst, etwas falsches zu sagen, sowohl, dass ich etwas verraten könnte, als auch, dass sie mich für verrückt halten – oder es nie erfahren und deshalb in ihr Unglück rennen.

Ah, ich bekam gerade Post. Briefe von Garekh und meiner Schwester… !

 

 

LXVI: Brief an die Schwester

12. 07. 3980, Atáces

Geliebte Schwester,

endlich erhielt ich die Briefe von dir und Garekh, darf auch wieder frei Antworten schreiben, doch welch Unglück ist doch bei euch alles geschehen! Zunächst aber sei euch mein Dank versichert für all eure Bemühungen, Puidor zu finden. Ihr habt nichts über ihn herausgefunden und mittlerweile wundert mich das kaum. Immer wahrscheinlicher will mir scheinen, dass er nur eine Erscheinung von mir war, die mir seit Ladóra nicht mehr unterkam. Wollen wir hoffen, dass es dabei auch bleibt.

Ich bin froh zu hören, dass es Mutter und dir samt deiner Familie gut geht. Ich freue mich darauf, meine Nichte einmal kennenzulernen. Natürlich brach es mir aber fast das Herz, dass Ccillia einem Mann versprochen ist. Deine Worte spendeten mir ein wenig Trost, den Rest steuerte Couccinne bei. Trotzdem hoffe ich für sie, dass er sie glücklich macht und vielleicht wage ich es eines Tages dann auch, sie zu besuchen. Sie war die größte Liebe meines Leben. Weiterhin hat es mich bestürzt zu hören, dass Vater krank ist. Wenn es ihm tatsächlich so schlecht wie bei dir geschildert geht, werde ich alles daran setzen, bald heimkehren zu können. Habe Verständnis, dass ich aus diesem Grunde zuerst Ayumäeh ansteuern werde, danach komme ich aber zu euch.

Um diesen Brief nicht unnötig lang werden zu lassen mache ich erneut das, was sich schon einst bewährte und sende dir mein Tagebuch zu, dass dir alles Vorgefallene schildern wird. Ich weiß um deine Ängste die du hattest, als du von meinen Erlebnissen und Befürchtungen lasest, doch lass dir versichert sein, dass einiges oft in Hast oder den ersten Eindrücken eines Momentes niedergeschrieben wurde. Vielleicht stellt es sich später nach einigem Nachdenken als weniger schlimm heraus, und allgemein geht es mir eigentlich gut, doch neigt man dazu eher von schlechten Dingen zu berichten.

Vorgestern hatten wir eine Anhörung vor der Obrigkeit der Armee von Atáces, welche auch die Armee von Nardújarnán und damit einer der Stützpfeiler des Reiches von Ojútolnán ist. Ich mache es kurz: Sie zeigten sich äußerst zufrieden mit unseren Leistungen in Galjúin und Ladóra. Jedem von uns wurde endlich sein Lohn ausgehändigt, zusammen mit einer ergänzenden Belohnung. Wir alle bekamen seltsame Verdienstorden, die für mich aber schlicht Tand zu sein scheinen, selbst die zugehörigen Dolche sind nur bessere Brieföffner. Weiterhin boten sie jedem Beförderungen an. Stell dir vor, mich wollten sie zum Jinn machen!

Doch ich lehnte ab, wäre damit auch ein ruhiger und gutbezahlter Posten in einer Guigans verbunden gewesen, die ich mir hätte aussuchen können. Ich habe von all dem Kriegsspielen aber genug, ich möchte nur noch heim und deine Nachrichten verstärken diesen Wunsch nur. Also sagte ich ihnen, dass ich gehen und meinen Tošaren Castillia mitnehmen würde. Sie boten mir im Gegenzug an, ersteres zu genehmigen, würde ich auf zweiteres verzichten, zumal auf Beförderungsschiffen keine Tiere erlaubt seien. Schweren Herzens überzeugte der Hinweis mich, wenngleich ich mich auch erstens darüber wunder, wie leicht das doch ging und zweitens mir die Bemerkung auf der Zunge lag, dass es doch auch Ratten und Wanzen an Bord aller Schiffe gab.

Meine geliebte Schwester, endlich komme ich heim! Ich werde Vater besuchen und danach auch euch. Es überraschte mich, doch Couccinne und Miruil lehnten ihre Beförderungen ebenso ab und werden mit mir kommen, was mich sehr freut. Jimmo dagegen bleibt hier und wird die Ausbildung junger Kämpfer übernehmen. Er sagt, er sähe kein anderes Ziel mehr in seinem Leben. Irgendwie werde ich ihn vermissen. Ihn und Castillia, um die er sich kümmern wird, doch sonst kaum etwas in diesem Land.

In zwei Tagen reisen wir ab nach Almez. Nach Plan müsste ich in fünf bis sechs Wochen in Ayumäeh sein. Wie sehr ich es doch vermisse!

Dein Falerte.

 

 

Drittes Buch

 

 

LXVII: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

19. 07. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Eigentlich weiß ich kaum, warum ich schon wieder ein neues Tagebuch beginne. Irgendwie ist es mir zur Gewohnheit geworden, alles zu schildern, sowohl um mich zu erinnern als auch um es zu verarbeiten. Viel ist jedoch nicht geschehen. Unsere Reise nach Almez verzögerte sich um einen Tag, da Posselherden auf ihren Reisen teilweise die Straßen versperrten. Ich weiß nicht, wie lange mein Vater noch am Leben sein wird, weshalb mich jede Verzögerung unbehaglich werden lässt, auch wenn die Herden beeindruckend anzusehen waren. Zum dritten Mal kamen wir durch Guijúlon, dass mir mittlerweile fast zu vertraut scheint. Ein letztes Mal konnte ich die Ebenen und Hügel, die weite Landschaft und die zahlreichen wilden Tiere bewundern, dann kamen wir nach Almez.

Dort erwartete uns drei eine große Überraschung, denn unser Schiff in die Heimat ist kein anderes als die Sturmwind. Selbst der Oberste Seewächter Amerto erkannte uns, hatten wir damals doch für einige Aufregung gesorgt. Er gab uns zusammen eine größere Kabine, reisen wir doch jetzt nicht mehr als Krieger, sondern als freie Männer. Unsere Abfindungen reichen, um mehrmals heimkehren zu können, doch habe zumindest ich das nur einmal vor.

Es ist kaum zu beschreiben, wie dankbar ich doch bin, dass Miruil und Couccinne mit mir kommen. Ich habe sie wahrlich als Freunde gewonnen, trotz aller Missstände und Meinungsverschiedenheiten. Mittlerweile würde es mir mein Herz brechen, sie zurücklasssen zu müssen, zumal ich stets um ihre Sicherheit besorgt sein würde. So aber reisen wir zusammen endlich wieder in die sichere Heimat. Und auch wenn sich dort dann unsere Wege trennen sollten, wird es nicht für lange sein, dessen bin ich mir sicher.

 

 

LXVIII: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

20. 07. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Es gibt mir zu bedenken, wieder diese Unruhestifter an Bord zu haben, besonders, da Almez uns doch heikle Fracht mitgab, die in Abajez noch vergrößert werden soll. Ich weiß nicht, was in diesen Kisten ist, doch lässt es mich unruhig werden, sie an Bord zu haben, besonders zusammen mit diesen Nichtsnutzen. Ich habe gehört, sie schlugen ihre Beförderungen aus um einfach in die Heimat zurückzukehren. Man bedenke dies einmal, vor allem, da ich ihnen keine Taten zutraue, für die man sie belohnen müsste. Ich dagegen war in Rinuin in Gefechte gegen Remereggen verwickelt, doch bekam ich dafür eine Belohnung?

Das Wetter ist gut und die Sterne lassen auf eine schnelle und ruhige Reise hoffen. Wir werden Abajez und Halkus anlaufen, danach den Sund von Omér durchqueren und Rardisonan ansteuern. Ich frage mich in letzter Zeit immer wieder, warum die Werften neue Schiffe bauen. Ist ein Krieg gegen Aleca oder Omérian in Aussicht? Nachdem, was ich vor Remereggen und Habarien sah, kann ich aber nur sagen, dass dies keine gute Idee wäre.

Außer den Unruhestiftern und der Ladung für Rardisonan haben wir noch fünf weitere Reisende an Bord. Allesamt sogenannte freie Männer, die auf ihrer Reise in die Heimat sind. Nur einer von ihnen ist ein wirklicher Krieger, der nach Rardisonan soll. Warum soll ich hier eigentlich ‚Freie Männer‘ befördern? Für so etwas hätte ich ein Handelsschiff gekauft! Doch gut, es ist besser als drei Dutzend Raufbolde.

 

 

LXIX: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

12. 08. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Die Überfahrt verlief größtenteils ereignislos. Es war ein beunruhigendes Gefühl, die selbe Strecke wie vor über einem Jahr nun wieder zurückzufahren. Noch seltsamer war es aber, zum dritten Mal nach Abajez zu kommen. Die Stadt hatte sich in der kurzen Zeit verändert. Verschiedene Einheiten hatten Teile der Stadt abgesperrt und es gingen Gerüchte um, dass Geistwächter die Stadt durchstreiften und so mancher Bürger schon verschwunden sei. Andere hätten versucht zu fliehen und wurden dabei getötet. Immerhin war die Stadt selber aber noch ganz. Das konnte man von Elpenó nicht behaupten. Wir fuhren nur an ihr vorbei, doch schon aus der Ferne sah man die Feuer und wir mussten einen Bogen schlagen als klar wurde, dass sich Kriegsschiffe im Hafen bekämpften. Und die Tage, die wir damit verbrachten, an den Bergen von Galjúin vorbeizusegeln bildete ich mir mehr als einmal ein, in der Ferne Feuer gesehen zu haben, doch konnte dem nicht so sein. Wenigstens erschien mir nicht einmal mehr Puidor, seit wir Nardújarnán verlassen hatten, tat es schon seit Ladóra nicht mehr.

Auf der Fahrt von Abajez nach Halkus dann hatte ich mehr als genug Zeit mit Couccinne und Miruil zu verbringen. Damit uns nicht zu langweilig werde, fingen wir bald unsere in Nardújarnán gelernten Spiele wieder an, ebenso nahmen wir wieder unsere alten Übungen auf, denen wir solang nicht nachgegangen waren. Bald gesellten sich zwei unserer Mitreisenden zu uns, zunächst um nur zuzusehen, später um mitzumachen. Auch sie scheinen Krieger gewesen zu sein. Einer von ihnen brüstete sich sogar damit, Jinn gewesen zu sein, doch beeindruckt mich so etwas nicht.

Jetzt, da das alles hinter uns liegt, fühle ich mich gespalten. Ein Teil freut sich auf mein neues altes Leben, ein anderer Teil denkt reumütig an die alten Erinnerungen. Schlimmer sind die Träume, die mich immer noch manchmal überkommen und die von Feuer und Blut erzählen. In den Stunden meiner düsteren Gedanken kommt mir all das Unrecht in den Sinn und ich erinnere mich einmal mehr daran, die Familie des Caris Duimé besuchen zu müssen. Manchmal erscheint er selbst mir in meinen Träumen, mal gut, mal böse, seltener auch die anderen, an deren Seite wir fochten: Gammil, Scaric, Dosten und all die anderen.

Nach einer schier endlosen Reise erreichten wir Halkus. Wir hielten nicht lange genug, um großartige Ausflüge machen zu können, doch einen Tag mussten wir verbleiben um neue Ladung zu nehmen. Die Zeit nutzten wir, um die Stadt erneut zu besichtigen. Gleich im Hafen dann sollte mein Schreck groß sein. Starr stand ich da, im Schatten eines Torbogens und beobachtete, wie sie die Stände der Fischhändler entlang schlenderte: Ccillia, meine Ccillia! Ich hatte es nicht gewusst, woher denn auch, was trieb so ein edles Wesen nach Halkus? Schön wie eh und je, der leuchtende Stern meines Herzens. Dieses schlug schnell und drohte meiner Brust zu entfliehen bei ihrem liebreizenden Anblick, doch war es mir nicht vergönnt, ihre warme Haut an die meine zu nehmen.

Fast schon war ich auf dem Weg zu ihr, da kam ein Mann, legte seinen Arm um sie und – küsste sie. Und sie schien dies zu erfreuen. Wie zwei frisch Verliebte wanderten sie weiter über den Fischmarkt. Ich aber stand da, gram und gebeugt, des zerbrochenen Herzens Lebenssaft entrinnen sehend. Oh welch Gräuel, schlimmer als alle Schrecken von Nardújarnán! Das einzige Wesen, dem je mein Herz gehörte, im Arm eines anderen! Nie werde ich wieder glücklich sein, nie werde ich eine andere lieben können. Zum ersten Mal sollte ich mich an diesem Abend hemmungslos betrinken und wünschte nur noch meinen Tod herbei. Wären nicht Couccinne und Miruil mit an Bord, ich würde mir den Untergang des Schiffes wünschen, auf dass mein Schmerz ertrinken würde. So aber sitze ich hier, habe die anderen ausgeschlossen und fülle leere Seiten mit Tinte und Tränen.

 

 

LXX: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

14. 08. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Gestern durchfuhren wir den Sund von Omér. Wieder einmal ohne Probleme, doch dann! Verflucht seien alle Winde dieser Welt! Wohin mögen sie uns wohl jetzt treiben?

Gestern Abend gerieten wir in einen Sturm und selten habe ich so einen grausamen erlebt. Wir kämpften die ganze Nacht hindurch mit Segeln und Ruder um unser Leben und verloren doch. Zwanzig meiner Männer sind tot – über Bord gegangen, auf Deck gestürzt oder von Tauen erwürgt. Viele andere haben sich Gliedmaßen gebrochen oder anderes getan. Verdammt seist du Himmel! Nun verhöhnst du uns mit deinem schrecklich dürren Sonnenschein!

Die Segel sind allesamt zerfetzt, ein Mast gebrochen und das Ruder macht, was es will. Hilflos treiben wir hier über das Meer. An sich ist dies noch nicht so schlimm, wird uns die Strömung schon irgendwann an ein Ufer treiben. Doch welches wird es sein? Kaum ein Land ist gut zu sprechen auf Toljiken. Von allen Möglichkeiten scheint Ramit das kleinste Übel zu sein. Zwar könnten die falschen Ramiten uns finden, die sich über ein verwundetes toljikisches Schiff bloß freuen würden um es mitsamt Mannschaft verschwinden zu lassen, auf dass es nie wiederkehre, doch immerhin haben wir einen echten Ramiten an Bord; allein das muss doch etwas wert sein. Sollten wir dagegen an eine der Küsten gespült werden, wo angeblich Menschenfresser hausen, so wären wir endgültig verloren.

Der Ausguck ruft! Ein Schiff!

 

 

LXXI: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

17. 12. 3980, Irgendwo.

Eine Ewigkeit scheint vergangen, doch endlich gab man dich mir zurück. Fast vier Monde, so sagte man mir, waren es gewesen, es fühlte sich aber unendlich länger an. Warum nur gelingt es mir nie, endlich einmal dem Unglück fernzubleiben? Warum bin ich immer genau dort, wo sich jegliches Unheil staut? Wird sich nie für mich ein Hort des Glücks, ein ruhiger Ort ergeben? Vielleicht möchte ich doch einfach nur leben und nicht wie ein Spielball hin und her geworfen werden.

Ach du mein Kleines, lass mich dir klagen um die Zeit verstreichen zu lassen. Seit dem Tag, da ich Ccillia in Halkus sah, schien alles verflucht. Kurz nach unserer Fahrt durch den Sund entstand ein schrecklicher Sturm. Nie sah ich solch schwarze Wolken, solch mächtige Blitze. Amerto befahl uns unter Deck zu bleiben, da wir niemals von Nutzen hätten sein können. In unseren kleinen Kabinen hörten wir die Schreie, das Bersten von Holz, das Rauschen des aufgeregten Meeres sowie das Grollen und Wüten des Sturmes, und überall lag der Geruch von Regen und Blitzen in der Luft. Morgens schien alles vorbei, das Meer ruhig und unschuldig, das Schiff aber bloß ein treibendes Grab.

Es schien keine Hoffnung zu geben je lebend Land zu erreichen, da tauchte auf einmal ein Schiff auf. Die Segel waren schwarz wie der Tod, die Fahnen wiesen gekreuzte Säbel auf. Von allen möglichen tödlichen Gefahren des Meeres waren wir ausgerechnet in die Hände der Schwarzseepiraten gefallen. Wir waren hilflos, kaum noch einer der Seemänner arbeitsbereit und wir fünf Krieger keine Gegner für fünfzig feindliche Seeräuber. Während wir uns ergaben, gefesselt und auf ihr Schiff gebracht wurden, plünderten sie die Sturmwind, die von ihrem Namensgeber verwüstet worden war. Amerto weigerte sich jedoch aufzugeben, wütete und kämpfte, und musste so mit seinem Schiff in die Tiefen der See entschwinden. Ein passender Tod für einen Seewächter.

Wir anderen dagegen, nur etwa zwanzig Mann, denn die schwerer Verwundeten waren auch getötet worden, fuhren in eine ungewisse Zukunft. Dich mein süßes Buch nahmen sie mir damals, ebenso unser Geld und unsere andere Habe, einiges davon habe ich nun immerhin wieder. Ich kannte die Inseln und Stützpunkte der Piraten nur aus Erzählungen, obwohl ihre Inseln so greifbar nahe an den ramitischen liegen, doch sollte ich sie kennenlernen. Bis heute weiß ich nicht, zu welcher Insel genau man uns brachte und werde es wohl auch nie erfahren. Die Reise dauerte aber mehrere Tage, also könnte es jede gewesen sein, jedoch keine der kleinsten. Die gesamte Fahrt über sperrte man uns in ein dunkles Loch voller Ratten und gab uns nur schleimigen Brei zu essen und abgestandenes Wasser zu trinken. Auf ewig werde ich die Piraten dafür hassen. Ich erfuhr, wie unangenehm Mitgefangene unter solchen Umständen sein können und sah die Abgründe menschlichen Seins. Als man uns endlich von Bord holte, zählten wir nur noch siebzehn.

Die Augen schmerzten uns nach der langen Dunkelheit und viele konnten schon kaum mehr richtig gehen. Das Schiff hatte an einem kleinen Hafen angelegt, einem größeren Lager. Wie wir später erfuhren, bringen sie dort die meisten der Gefangenen unter, die zur Minenarbeit eingeteilt werden. Wir sahen aber kaum etwas von diesem heruntergekommen Loch von Posten, sondern wurden schnell in ein neues Gefängnis gesperrt. Im Untergrund sollten wir nun für die Piraten bis an unser Lebensende Erz abbauen. Für einige kam dieses Ende sehr schnell. Ich weiß selber nicht, wie ich es solange aushielt.

Die Piraten haben auf den Inseln schon fast so etwas wie ein kleines Reich und nisten dort seit Jahrhunderten. Der Posten, in dem wir uns befanden, war nur einer von vielen. Mit Minenarbeit hatten wir aber noch eines der härtesten Lose gezogen. Stundenlang mussten wir jeden Tag im Matsch herumkriechen um das Erz abzubauen, welches die Piraten nutzen, ihr kleines Reich mit Waffen auszustatten oder mit dem sie mit anderen Ländern über Schmuggler wie Garekh handeln und was Menschen wie mein Vater dann verkaufen. Garekh, mein Freund! Hätte ich ihn nur erreichen können, den Freund eines Freundes des großen Piraten Schwarzkralle hätte man sicherlich sofort freigelassen. So stießen meine Worte aber nur auf taube Ohren. Aus den Gesprächen der Wachen erfuhr ich auch, dass die Piraten der Schwarzsee sich seit Monden mit denen aus Icran, aus der Stadt Nocstce, bekämpften und der Handel derzeit lahmgelegt war.

Für Monde war ich also getrennt von den anderen unten in der stickigen eklen Dunkelheit, während oben langsam der Winter hereinbrach. Lange sollte es dauern, bis einer der Piraten endlich einmal meine Sachen durchstöberte und dort die Briefe von Garekh fand. Glücklicherweise war es zugleich ein Mann, der sofort eine Gewinn- und Aufstiegsmöglichkeit für sich roch, wenn er Schwarzkralle von mir berichten würde. Letztlich war dieser es selbst, der mich da rausholte und sich überschwänglich entschuldigte. Es wäre mir ein Vergnügen gewesen, ihn sofort umzubringen, so weit hatten die Minen mich gebracht, doch forderte ich nur die Freiheit für mich und meine Freunde, meine Sachen sowie eine Möglichkeit heimkehren zu können. Diese Möglichkeit bot sich beträchtlich schnell in überraschender Form, denn Garekh hatte die verminderte Schifffahrt des Winters genutzt um zu Schwarzkralle zu fahren. Die Freude sich wiederzusehen war groß, tief aber das Bedauern aufgrund allem, was geschehen war.

Endlich sind wir auf dem Weg nach Ayumäeh, die Grausamkeit der Piraten liegt hinter uns, doch nagt an mir das Gefühl, zu spät zu kommen. Denn bei seiner Abfahrt vor Wochen hatte Garekh meinen Vater an dessen Todesbett besucht. All das Unglück nimmt also nur weiter seinen Lauf; eilt mir voran und ich kann nie gewinnen.

 

 

LXXII: Brief an Garekh

24. 12. 3980, Ayumäeh.

Lieber Freund,

Dank sei dir für deine großzügige Gastfreundschaft, die du uns hast zuteil werden lassen. Leider werden wir nun nicht mehr bei dir bleiben können, deshalb dieser Brief, ein Abschiedsbrief. Danke für den Trost und die Ablenkung der letzten Tage. Es war ein schrecklicher Alptraum, heimzukommen nur um zu merken, dass es zu spät und der Vater bereits tot und Asche ist, verstreut in der weiten See. Wärest nicht du mit deiner Familie gewesen, ich hätte wohl nicht gewusst, was zu tun und wohin.

Nach all dem, was mir in Nardújarnán widerfahren war, freute ich mich nur noch darauf, endlich mal meinen Vater wiederzusehen zur Versöhnung und Aussprache – und dann das. Ich habe es dir nicht gesagt, doch sein Tod geht mir wesentlich näher als je gedacht. Einst hätte ich seinen Tod tatsächlich gewünscht, nun wünsche ich mir sein Leben. Ich wäre sogar bereit gewesen, mich hier in Ayumäeh niederzulassen und im Geschäft zu helfen, doch ist selbst dies nicht mehr möglich. Ich hatte niemals geahnt, dass er so hoch verschuldet war. Die Zeit, die ich jetzt in der Stadt war, verbrachte ich damit mir anzusehen, was die neuen Besitzer aus Laden und Haus gemacht haben. Es ist eine Schande, sage ich dir! Was eine ganze Familie in langen Jahrzehnten erbaut hat, zerstören diese Emporkömmlinge in so wenigen Tagen. Wenn du wieder einmal in die Stadt einkehrst, sieh es dir an!

Es tut mir Leid, dass ich nicht bleibe, dir selber mehr davon zu erzählen. Meine Worte werden sowieso nichts ändern. Schon vor meiner Rückkehr hatte ich beschlossen, schnell meine Schwester zu besuchen, und dem werde ich nun nachkommen. Du hast meine Freunde Miruil und Couccinne ja kennengelernt; sie begleiten mich. Du wirst dir also sicher sein können, dass es mir gut gehen wird. Seit meiner damaligen Abreise aus Ayumäeh sind nur Unglücke geschehen und ich weiß nicht mehr, wo mein Platz im Leben überhaupt ist. Die Antworten erhoffe ich mir in Touron zu finden. Sei mir nicht böse, weil ich dein Angebot für dich zu arbeiten ausschlagen musste; du weißt, ich hätte niemals anders gehandelt, auch will ich diese Piraten niemals wiedersehen, sonst werde ich alles daran setzten sie leiden zu lassen. Sei froh mein Freund, dass du eine derart wunderbare Familie hast. Ich werde euch sicherlich noch einmal besuchen kommen. Das neue Jahr aber werde ich in Touron erwarten. Ich weiß, die Fahrt im Winter ist gefährlich, doch wird es bald schon Frühling.

Ich wünsche dir das Beste; wir sehen uns wieder.

Dein Freund Falerte.

 

 

LXXIII: Brief an die Schwester

07. 01. 3981, Touron.

Geliebte Schwester,

mir scheint, ich schreibe nur noch Abschiedsbriefe. Ja, wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, werde ich euch und Touron bereits verlassen haben. Gräme dich nicht. Es ist nicht deine Schuld, dass Mutter so engstirnig ist, doch halte ich es einfach nicht mehr aus. Ich selber mache mir schon genug Vorwürfe, Vater nicht vor seinem Tod noch einmal gesehen zu haben und einst so bitterbös von ihm gegangen zu sein. Mutter schafft es daher jedes Mal erneut, den Dolch nur noch tiefer in die Wunde zu rammen.

Nardújarnán brachte mir kein Glück, die Heimat scheint es auch nicht zu tun. Zuerst sah ich Ccillia in Halkus – ja, richtig, ich sah sie, doch sie mich nicht und ich rannte fort, da sie nicht allein war. Es tut mir Leid, dir nichts davon erzählt zu haben; ich konnte es einfach nicht, Mutter ließ mir nicht die Kraft. Dann wurde unser Schiff zerstört und wir mussten mondelang für die Piraten arbeiten. Kann man sich Schlimmeres vorstellen einen Menschen zu brechen als die giftige Luft in den Tiefen der Inseln? Garekh konnte uns freikaufen – ja, freikaufen, doch das erfuhr ich erst spät – doch kamen wir zu spät um Vater zu sehen, aber das weißt du.

Schließlich versuchte ich mich zu euch zu retten, an den einzigen Ort, wo ich mir Liebe und Erholung erhoffte. Unsere Mutter aber vermochte jegliche Hoffnung darauf zu ersticken. Warum versteht sie nicht, dass es mich genauso schmerzt wie sie? Warum kann sie nicht einsehen, dass ich all meine Taten bereue? Ich bin ihr Sohn und doch behandelt sie mich bloß wie ein Monster. Ich will dies alles nicht!

Solange ich dich nicht wiederhatte, waren Miruil und Couccinne meine einzigen Stützen. Nun da sie gegangen sind, fühle ich mich hilflos. Natürlich bist da du, doch du kannst und darfst mir nicht gegen unsere Mutter helfen und ihr widersprechen. Glaube mir, wenn ich sage, dass ich dich und deine Familie liebe, doch ich kann nicht bleiben. Glaube mir auch, dass ich selbst Mutter liebe, wenngleich sie dies auch nicht zu sehen vermag.

Ich bin froh Nardújarnán verlassen und all diese Schrecken, all meine Erscheinungen hinter mir gelassen zu haben. Dies möchte ich mir von unserer Mutter nicht zerstören lassen, also gehe ich. Wohin ich geh? Ich weiß es nicht. Ich würde den anderen folgen, doch wohin gingen sie denn? Miruil wollte Abenteuer suchen, davon aber habe ich genug. Couccinne kehrte zu seinem alten Orden zurück, um nachdenken und Ruhe finden zu können. Es klingt für mich, als sollte ich das auch tun. Ruhe und Frieden sind alles, was ich derzeit will. Wenn ich mehr über mich und meinen Sinn herausgefunden habe, melde ich mich bei dir.

Sorge dich nicht,

dein Falerte.

 

 

LXXIV: Brief an die Schwester

03. 03. 3990, Ciprylla.

Geliebte Schwester,

Wieviele Jahre ist es nun wohl her, seitdem ich dir das letzte Mal schrieb? Ich hoffe sehr, du hasst mich für mein Schweigen nicht, doch gab es gute Gründe. Lies dir durch, was ich zu sagen habe und ich will dir über die letzten Jahre berichten. Viele Dinge habe ich gesehen und noch viel mehr getan; immer auf der Jagd nach dem Glück und einer Antwort, welches mein Sinn im Leben ist. Anfangs ging ich zu Couccinne und war eine Zeitlang mit in dessen Orden. Während es ihm aber zu gefallen schien, verspürte ich nur den Drang nach mehr, hatte den Gedanken, dass etwas fehlt. Ich sprach oft mit ihm darüber, da es ihm einst wie mir dort gegangen war, doch meinte er nun sein Glück an diesem Ort gefunden zu haben. Es fiel mir schwer, doch musste ich ihn verlassen, etwas zog mich hinfort.

Ich brauchte Zeit für mich allein, fern der alten Bekannten, fern von Vorwürfen unserer Mutter, deshalb schrieb ich dir eine Weile auch nicht mehr. Später kamen meine Briefe ungeöffnet zurück und ich dachte, du seist sauer auf mich, doch lag es nur an eurem Umzug, wie ich jetzt endlich erfuhr. Damals aber war ich enttäuscht und teils verzweifelt, bist du mir doch stets eines der wichtigsten Wesen der Welt gewesen. Aus den verschiedenen Enttäuschungen und der Unruhe heraus entschloss ich mich, auf Wanderschaft zu gehen, die Welt zu sehen. Vor allem aber versuchte ich Miruil zu finden.

Auf meinem Weg vernahm ich die unterschiedlichsten Gerüchte über ihn. In Tarle sagten sie, er hätte eine Prinzessin geheiratet und wäre König geworden, doch das gehörte in die Welt der Märchen. Andere Leute erzählten mir in Dhranor, er wäre bei der Suche nach Schätzen ums Leben gekommen, doch fand ich dafür nie einen Beweis. Letztlich hörte ich in Aleca, er sei nach Ciprylla gegangen, der großen Stadt der Abenteurer. Und da war ich dann, so nah an meinem Beginn und doch so weit gereist. Fast fühlte ich mich wie in Rardisonan, als ich das erste Mal alleine in einer fremden Stadt war. Ich wusste nicht wohin und auch nicht, was ich tun könne. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich dann Miruil fand.

Vielleicht hätte es mir lieber nie gelingen sollen, vielleicht hätte ich lieber auf ewig von der Vergangenheit träumen sollen. Miruil hatte sich sehr verändert und mir gefiel dies nicht. Ich werde dich nicht mit allen Einzelheiten langweilen, doch es war schwer für mich. Miruil erkannte mich zwar, zeigte aber keine Freude mich zu sehen. Die Verwandlung, die er in Nardújarnán begonnen hatte, schien nun abgeschlossen. Er war Spieler bei den Spielen von Ciprylla und nichts anderes war ihm mehr wichtig, es ging nur noch um Ruhm, den Jubel der Massen und den Reichtum. Bei fast allen wichtigen Spielen der Stadt war er stets der Gewinner, das hatte ihn größenwahnsinnig werden lassen.

Es war im Streit, da forderte ich ihn heraus beim Großen Spiel gegen mich anzutreten. Du weißt, bei diesem wird entschieden, wer Fürst der Stadt werden soll und es war das einzige Spiel, an dem Miruil noch nicht teilgenommen hatte. Ich kitzelte seine Angst, verhöhnte ihn, und bald standen wir vor dem Eingang zu den Höhlen des Großen Spiels, zusammen mit einem Dutzend anderer. Wir alle waren da Feinde, denn nur einer soll es lebend bis zum Ende schaffen. Es war grauenvoll. Zwar ließ mich der Nervenkitzel lebendig fühlen, doch es war schrecklich den Tod von Miruil fordern zu müssen. Die letzte Höhle wäre auch sein Ende gewesen, hätten wir uns nicht endlich wieder zusammengerissen und gemeinsam das Spiel besiegt.

So etwas war nicht oft in der Geschichte der Stadt vorgekomm und eigentlich auch verboten, doch hatte man letztlich keine Wahl, als die Zuschauer uns beiden zujubelten, als ich erklärte, dass Miruil gewonnen hätte. So wurde Miruil Enfásiz Fürst von Ciprylla. Und ich? Ich wurde zu dem, was Miruil gewesen ist. Jetzt jubeln sie mir bei den Spielen zu und die Angebote werden immer ungeheuerlicher, mit denen man mich zu kaufen versucht.

Doch ich will das alles nicht. Es behagt mir nicht, Liebling der Stadt zu sein, nur weil ich ihre dämlichen Spiele spiele, gewinne und für ihre Unterhaltung zuständig bin. Miruil habe ich kaum noch je gesehen und man muss wohl sagen, unsere Freundschaft ist gestorben. Auch von Couccinne habe ich kaum noch etwas gehört, auch wenn wir manchmal Briefe tauschen. Mittlerweile scheint er Hohepriester des Ordens zu sein, eine Rolle, in der ich ihn mir kaum vorstellen kann.

Jedenfalls habe ich erneut beschlossen, fortzugehen. Ich werde ziellos in der Welt herumwandern, mich treiben lassen und sehen, was das Schicksal für mich geplant hält. Vielleicht schreibe ich wieder Tagebücher, die ich dir zusenden werde. Auf jeden Fall aber schicke ich euch den Großteil meines Vermögens mit, ihr dürftet dafür bessere Verwendung finden. Wünscht mir Glück.

Ich liebe dich,

Falerte

 

 

Epilog

 

 

LXXV: Letzter Brief des Falerte Khantoë

09. 05. 3998, Solutetor.

Couccinne, lieber Freund, wie geht es dir?

Seit meinem letzten Brief sind gut zwei Jahre vergangen, seit deinem letzten über eines. Hast du neues herausgefunden? Ich weiß, deine Arbeit hält dich sehr beansprucht, doch bin ich dir auch unendlich dankbar für deine Hilfe. Du warst immer der einzige, der mir glaubte und mich nie im Stich ließ. Und nun lass mich dir von meinen letzten Erkenntnissen berichten, und du wirst sehen, dass dein Glaube an mich nie umsonst gewesen ist.

Während meiner ersten Wanderschaft damals habe ich stets Ausschau gehalten und mich umgehört nach etwas, das mir sagen würde, ich wäre in Nardújarnán doch nicht verrückt gewesen. Nur eines ist mir untergekommen, dass mir zu dem Zeitpunkt aber noch unbedeutend erschien, jetzt aber Sinn ergibt. Es hat mit Ijenreich zu tun, doch dazu komme ich noch. In Ciprylla dagegen war die Welt für mich tot, alle Erinnerungen vergessen und nur noch das Leben zählte. Wäre nicht das ewige Gefühl gewesen, dass mehr sein muss, ich wäre nie wieder auf Wanderschaft gegangen, sondern würde auf immer im Reichtum schwelgen und könnte dir nie berichten.

An viele Orte trieb es mich, doch ausschlaggebend für mein restliches Leben sollte ausgerechnet Taevolon sein, das du vielleicht auch unter anderen Namen kennst. Dort lebt der Kalte König, Herr von Akalt, und wacht über seine Untertanen. Damals war und derzeit ist es Tecÿnoal Krautfaust, ein Bär von einem Mann, doch auch weise und gütig. Ich hatte nur vorgehabt für einige Tage in dem Ort zu bleiben, um dann in den Wald und die Schmelzöfen vorzustoßen, doch Krautfaust schien von mir gehört zu haben und rief mich an seinen Hof.

In der Nacht zuvor war es aber, da hatte ich einen schrecklichen Alptraum. Meine Unterkunft hatte ich in einem Gasthaus am Rande der Stadt bezogen. Es war bereits dunkel und ich wollte nur noch schlafen, da klopfte es an der Tür zu meinem Zimmer. Es beunruhigte mich sofort, erwartete ich doch niemanden. Während ich fragte, wer da sei, erhob ich mich gleichzeitig und griff nach meinem Schwert, das neben meinem Bett lag. Mir antwortete niemand, doch klopfte es erneut, weshalb ich, nun für den Notfall kampfbereit, den Besuch zu mir hereinrief.

Schnell sollte ich mir wünschen, es nicht getan zu haben. Knarrend öffnete sich die Tür langsam und sofort lag der Geruch von Hasenblumen in der Luft, die bei euch, doch nicht in Akalt wachsen. Der Flur des Gasthauses war seltsam pechschwarz und aus ihr heraus sowie in mein Zimmer hinein trat eines der Wesen aus Nardújarnán, ein Fahach. Es war unbekleidet und sofort erkannte ich dieses an seiner Narbe quer über der Brust sowie dem seltsamen Bart, der seinem Gesicht entwuchs, doch nicht zu diesem sonst haarlosem Wesen zu passen schien.

Ich fragte ihn, was er begehrte; eine Antwort folgte nicht. Mein Herz raste, war ich doch seit Monden, seit Jahren von ihm verschont worden. Er aber blieb nur in dem Raum stehen, während sich die Tür ohne Hilfe leise hinter ihm schloss. Der Geruch wandelte sich schlagartig um in den verbrannter Asche, als er die Arme weit ausladend hob. Feuer floss von seiner Stirn über Schultern zu den Händen sowie ebenfalls hinunter zu den Füßen. Unsere Umgebung wandelte sich gleichfalls. Wo eben noch das Bett zwischen uns stand, erhob sich plötzlich die ausladende Kette der Schmelzöfen, der Berge, die ich von Karten kannte. Wir schienen über dieser Erscheinung zu schweben. Ein blauschwarzgeschuppter Finger, der in eine gebogene Kralle auslief, deutete auf einen der größten Feuerberge. Ich wusste auf einmal, dass ich dorthin gehen sollte. Dann war alles vorbei, verschwunden, und ich erwachte erst wieder morgens in meinem Bett, ausgezogen und bewaffnet.

Später an diesem Tag sollte ich bei dem Kalten König vorsprechen. Er empfing mich herzlich und freundschaftlich in einem kleinen Nebenzimmer, wo ich ihm von meinen Reisen erzählen sollte. Wir tranken und freundeten uns schnell an, kann man einen solchen Mann doch auch nur lieben. Er wiederum erzählte mir von seinem Land, dessen Geschichte sowie seiner eigenen Vergangenheit. Damit schlug das Gespräch dann plötzlich um, und der König sprach von erschreckenden Dingen. Couccinne, mein Freund, alles was ich je erfuhr ist für ihn auch Wahrheit! Tatsächlich ist die Welt bedroht und die Gefahr geht von diesen Feuern aus, die wir sahen. Krautfaust erzählte mir, wie er und einige seiner Freunde diese Dinge, diese Wesen und ihre Verbündeten seit langer Zeit beobachten und versuchen würden, die Welt auf ihre Bedrohung vorzubereiten! Ganz ist ihm jedoch das alles noch nicht klar, vieles noch ungeklärt. Wer sind sie genau, woher kommen sie und warum wollen sie die Welt erobern? Krautfaust erzählte mir bloß von seiner Vermutung, dass Tól und Omé etwas damit zu tun hätten. Zumindest scheint klar, dass sich die Welt in den nächsten Jahren großen Bedrohungen ausgesetzt sehen wird, die wir versuchen müssen zu verhindern.

Auch ich berichtete ihm von unseren Erlebnissen, die ihm ein wenig neuen Aufschluss, doch auch Rätsel gaben. So konnte er mit meinen Erscheinungen nur wenig anfangen, ein Puidor war ihm unbekannt, auch ihre Art der Opferungen. Letztlich kannte er auch die Fahach oder Ašckhir nicht, doch schien ihn das zu beunruhigen. Genau genommen waren es sogar meine alten Erscheinungen und Erzählungen, die ihn dazu bewogen mich zu rufen und einzuweihen. Der Kalte König überzeugte mich, meine Reise in die Schmelzöfen aufzugeben und stattdessen zu einem seiner Freunde zu reisen, dem Anführer des sogenannten Netzwerkes, welcher damals in Ruken lebte. Einige Wochen verbrachte ich mit diesem Mann, Temperian Braulkir, der mir mehr erzählte. Vielleicht bist du ja unterrichtet, dass das Reich Ijen, wie oben schon erwähnt, in den letzten Jahren etliche kleine Länder um sich herum unterwarf, so auch Ruken. Braulkir zeigte mir, dass Ijenreich auch ein Teil des Bösen sei. Ich erkannte diesen Namen nun auch endlich aus meinem alten Wachtraum, den ich in Abajez hatte und erzählte ihm davon, nannte ihm auch die anderen dort erwähnten Namen. Auch er konnte mir nicht sagen, weshalb geschieht was geschieht und was meine Erscheinungen zu sagen haben, kannte auch nur Hinweise, die auf Tól und Omé deuten, noch überliefert von Tamirús, dem letzten Herrscher von Lurruken. Diese alten Hinweise ließen mich schaudern, kann ich mir die gewaltige Zeitspanne doch kaum ausmalen, in der die Menschheit nun schon aus dem Dunkel bedroht sein muss.

Als wir beide nicht mehr weiter wussten, kam eine Botschaft aus Solutetor, einer Burg in Aleca, welche die Festung Dalchon stets für Braulkir im Auge behielt. Da Dalchon sich anfing zu rühren, reiste ich sofort nach Solutetor ab und hier bin ich nun. Erst die Gespräche mit dem Herrn der Burg gaben mir die Erinnerung zurück, dass dein Orden, deine Arbeit sich stets am meisten mit Omé befassten. Ich sende dir hiermit ausführlichere Berichte über alles, was wir wissen, die dich aufklären sollen, und bitte dich, uns deine eigenen Erkenntnisse mitzuteilen. Ich weiß, dass dich ebenso die Geschehnisse in Nardújarnán, Ašckhir und Ladóra nie zur Ruhe kommen ließen. Erzähle dem Herrn von Solutetor alles, was du weißt, er wird es weiterleiten an die anderen. Ich kann hier nicht mehr bleiben.

Gestern kam eine seltsame kleine Reisegruppe hier an und mich befiel die starke Vermutung, dass sie uns weiterhelfen könnten. Vor allem diese Elinna Sternstrahl scheint weiteres über die Schmelzöfen zu wissen. Heute Abend findet ein Essen statt, bei dem ich sie weiter ausfragen werde. Gleichzeitig sandten uns Kundschafter die Botschaft, dass Dalchon sich Richtung Teûnbund aufmache. Ich sehe schwarze Zeiten auf uns zukommen, mein Freund. Bald brechen wir auf, um nach Dalchon zu reisen. Wünsche mir und allen freien Lebewesen mit mir Glück!

Leider muss ich nun Schluss machen, die Pflicht ruft.

Dein Freund Falerte.

 


 

 

Hinweise des Herausgebers.

Nach diesem letzten Brief begann Falerte Khantoë seinen wirklichen Kampf gegen die Hochfesten, den seine Begleiter nun versuchen weiterzuführen. Viele Länder sind erobert, viele Krieger sind gefallen. Wir hörten von der Zerstörung von Lergis und wie die Hochfesten Ijenreich, Dalchon und Werzan in die Heimländer einfielen. Stets kämpften eroberte Völker für sie, weshalb viele von Khantoës Beschreibungen anderer Wesen und Opferungen noch nicht bestätigt werden konnten. Wir in Rardisonán und Omérian sind noch nicht bedroht, doch hört man auch schon von Kämpfen aus Nardújarnán und dem Osten. Wie es um Pervon oder die nördlichen Länder bestellt ist, vermag niemand zu sagen.

Khantoë gab sein Leben im Kampf, die unseren zu erhalten. Glaubte ihm anfangs niemand, so glauben nun alle und wir versuchen zu retten, was zu retten ist. Couccinne Carizzo half bei der Zusammenstellung dieses Bandes und ergänzte, wo Khantoës Erinnerung nicht richtig zu sein schien. Lasst uns hoffen, dass dieses eilig zusammengestellte Werk nicht unser letztes verbleibt. Lasst uns hoffen, dass zumindest die Legenden stimmen und Tól und Omé wiederkehren werden, um uns vor dem Ende zu bewahren.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 09.10.3999

Anhang

 

Zur Aussprachehilfe in [ ]: Vokale kurz. Zwei Vokale hintereinander = langer Vokal. Sonst lesen wie es ein Sprecher des Deutschen lesen würde (das gilt v.a. für e, ä, ch, sch, dsch, tsch). s = weiches S, z = scharfes S, ź = gelispeltes scharfes S.

Für die Aussprache an folgenden irdischen Sprachen orientieren:

Namen aus Ojútolnán: Spanisch, Malaysisch – Akzente ‚ geben betonte und gelängte Silbe an

Namen aus Ramit: Arabisch

Namen aus Omérian: Italienisch, Malaysisch – Akzente ‚ geben betonte und gelängte Silbe an

 

Anmerkungen zur Zeitrechnung

Zeitrechnung:

1 Minute = 50 sec.

1 Stunde = 50 min.

1 Tag = 26 Stunden

1 Monat = 29 Tage + 2 (meist als Feiertage, insgesamt 4 Wochen)

1 Jahr = 372 Tage (12 Monate + 24 Feiertage)

1 Jahr entspricht etwa 0,7 (gerundet) Jahren unserer Zeitrechnung.

Beispiele:

5 Jahre -> 3,8 Jahre

10 Jahre -> 7,6 Jahre

15 Jahre -> 11,5 Jahre

20 Jahre -> 15,3 Jahre

25 Jahre -> 19,2 Jahre

30 Jahre -> 23 Jahre

40 Jahre -> 30,7 Jahre

50 Jahre -> 38,3 Jahre

60 Jahre -> 46 Jahre

80 Jahre -> 61,3 Jahre

100 Jahre -> 76,7 Jahre

Der Jahreszyklus in den meisten Ländern sieht folgendermaßen aus:

Mondzyklen 1 – 3 = Frühjahr

Mondzyklen 4 – 6 = Sommer

Mondzyklen 7 – 9 = Herbst

Mondzyklen 10 – 12 = Winter

Er orientiert sich an dem Mondzyklus des weißen Mondes und stellt nur einen Mittelwert dar, da die Zyklen Schwankungen unterworfen sind.

 

Länder und Provinzen:

Akalt:

/a-kalt/

Königreich am Geistmeer, westlich von Zardarrin, östlich der Schmelzöfen. Historisch gesehen ging es aus dem Zusammenschluss mehrerer Kaltstämme hervor, deren Vorfahren, vor allem der Kaltstamm der Indier, früher nah dieses Gebietes gewohnt hatten. Ab 833 fiel es unter die Kontrolle von Groß-Zardankin, dem späteren Zardarrin. Bis 1000 führte Arril Mavillen mit den vereinten Stämmen aber einen erfolgreichen Widerstandskrieg, der in der Schlacht des Moores ‚Arills Schlachtfeld‘ kulminierte. Zur Hauptstadt erwählte er sie Taevolon, das bereits Jahrhunderte zuvor unter dem Namen Astowolen gegründet worden war.

Aleca:

/ɑ-le-kɑ/

A. ist ein Land im Nordosten der Heimländer. Seine Provinzen mit Hauptstädten sowie der Sprachmehrheit sind, von Südwest gen Nordost:

Soluten – Solutetor – solutisch, kalt

Gunun – Joholan – kalt

Tihonmadah – Tuman – tolumisch, juepisch

Peben – Dah Ma’ara – kalt, juepisch, pakamisch

Ayfell – Ayfell – tolumisch

Gadian – Toshyan – tolumisch, juepisch, pakamisch

Raygadun – Raygadun – gemischt.

Marad mit seiner Hauptstadt Daris Marad löste sich vor einigen Jahren von A. Im Westen wird A. vom Goldfluss, im Süden von den Grünspitzen begrenzt, im Norden und Osten vom Meer. Der Soluten durchfließt das Land von Südwest gen Nordost und mündet bei Raygadun.

A. entstand langsam, aus dem Staaten- und Völkergemisch, das sich in diesem fruchtbaren, bergigen Land angesiedelt hatte. Ab 2000vdF gründeten Tolumi Kolonien in dieser Gegend, von denen heute aber keine mehr existiert. Flussaufwärts dagegen lebten einheimische Kaltstämme, mit denen man sich mal verstand, sie andern mal bekämpfte. Die Geschichte von A. ist ein wenig kompliziert und verstrickt aufgrund der vielen Staaten, Einwohner und Völker. Auch Pakama gründete schon vor 0dF hier Außen- und Handelsposten. Die Tolumi und Kalt dominierten jedoch. Ab 200dF eroberte Pakama die Küste. Oft wanderten Kaltvölker nach Süden ab, aufgrund von Überbevölkerung. 800dF zerbrach Pakama und Aleca wurde wieder zum Staatenchaos. Südwestlich von Gadun, flussaufwärts, wurde die Stadt Rajadun gegründet, die die Staaten einte und unter dem Banner von Aleca frei kämpfte. Bis 2000 herrschte die Republik Aleca zwischen den Flüssen über ein Gemisch von Völkern: Tolumi, Kaltvölker, Pakami und im Südwesten auch Colite. Natürlich wechselten diese teils auch ihre Wohnorte. 2000 ging mit dem Feuer ein Großteil von Aleca unter und versank im Meer und im Chaos. Der Süden blieb aber bestehen und sorgte bis 2244 wieder für Ordnung. 2984 bis 3244 war Aleca Teil des neuen Ojútolnán, viele Stadtgründungen fanden statt. Auch später gab es noch viele Konflikte zwischen beiden Ländern.

Heutzutage ist A. das wohl technologisch fortschrittlichste Land und gut im Überseerennen dabei. Herrscher der demokratischen Republik ist Ycr Dearu. Die Sprache ist eine Kreolsprache aus den Sprachen seiner Völker und wird Lecin genannt.

Emadeten, Freies Königreich:

/e-ma-de-tǝn/

Ein Land von Rardisonán an der Laruinto, zwischen den Sümpfen von Belané und den Flüssen Gumond, Gascirn und Monwasser, Hauptstadt Belané, weitere große Städte sind Peridé und Norilé.

Nach dem Jahr 2000 war Emadeten stark genug, sich von Iotor zu lösen und erklärte sich zum Königreich. Später landete Raréon an der östlich gelegenen Banurburta. Unter Gerí Anaruen war Emadeten Verbündeter von Raréon gegen den Rest von Iotor um Aurost. Sein Sohn Camón dagegen hielt nicht zu Rardisonán, da mittlerweile der Herrscher von Tobjochen Tolnán von Rardisonán war und zwischen diesem Land und E. starke Spannungen herrschten.

Nach weiteren 150 Jahren Nachbarschaft bestanden aber zahlreiche entstandene Familienbindungen zwischen beiden Ländern und E. akzeptierte Rardisonáns Schutz vor Piraten der Schwarzsee. Die Verbindungen beider Länder wurden immer stärker und bis 2600 war E. quasi Vasallenstaat von Rardisonán. Es nennt sich aber weiterhin Freies Königreich, gehört aber zum Land Rardisonán und dem Reich von Ojútolnán. Der König wählt den Tolnán mit bzw. stellt sich auch selbst zur Wahl und sendet Stellvertreter für den Hof des Tolnán und dem Fürstenrat aus, hält die allgemeinen Gesetze ein, erlässt auch eigene und sorgt größtenteils selber für die Verwaltung des Landes. Die Landwächter von Rardisonán kontrollieren jedoch trotzdem die Straßen.

E. ist ein Fluss- und Auenland, mit weitläufigen Sümpfen an der Küste, die den Bau größerer Häfen verhindert haben. Im Süden jedoch ist das Land sehr ansprechend.

Galjúin [Gall-chuu-inn] – Provinz von Nardújarnán

Icran:

-kʀan/ (Icraner, Cranisch/Honnisch)

Kleines Land am Shadongorf, zwischen Rardisonán und der Sobilöde. I. ist ein hügeliges, von vielen Flüssen durchzogenes Land, deren größten die Flüsse Tessib, Sobille und Tolovon sind. I. besteht aus der Halbinsel Scirtien, Tessibel mit dem Sumpfdelta des Tessib, das kleine Bergland der Honnrücken sowie Tomirratten, dessen Land langsam in das Wüstenland der Tolumwüste übergeht. Die Hauptstadt ist Scirdok am Kap Scir der Halbinsel. Die meist instabilen Regierungen des Landes mögen für Außenstehende skurril anmuten: I. wird von einem Rat aus sechs Personen regiert, den reichsten Männern des Landes, die ihr Kapital nicht verlieren dürfen, sonst sind sie wieder raus. Bedingungen sind, dass man ein adliger, reicher, männlicher Mensch sein muss, Teile davon sind jedoch problemlos erkaufbar. So entsteht natürlich jede Menge Korruption und Intrigen sowie inneren und äußeren Konflikten. Sklaverei ist die höchste anwendbare Strafe des Landes.

Gegründet wurde I. gegen 2917 von dem Piraten Docrenn Begonn, der vor den Schwarzseepiraten flüchtete und sich ein kleines Reich im als verflucht geltenden Anthar, den nördlichen Überresten von Manthen, aufbaute. I. hieß ursprünglich Iscran und kämpfte oft mit den sceshischen Piraten, welche in den heutigen Honnrücken lebten. Docrenn mischte seine Sprache mit der ihren, woraus sich das heutige Honnis entwickelte.

Weitere größere Städte nach Scirdok sind Morchan am Tessibel-Delta, Askchar am Tomir und Notesc (Nocstce) am Shadongorf, letzteres die heutige Heimat der sceshischen Piraten. Wegen Nocstce hat man öfter Probleme mit Rardisonán, da dieses die Piraten nicht sehr schätzt. Als I. gegen 3357 Rardisonán in einer Schwächephase auch noch angegriffen hatte, schlug dieses bald zurück. 3578 trennten sich einige der Gebiete, die einst zu Rardisonán gehört hatten, von I., gefördert von Rardisonán. Seit 3614 gibt es einen Friedensvertrag, dessen Bedingung die Unabhängigkeit dieser Gebiete ist: sie haben sich mittlerweile vereint und sind als Toch-Bas bekannt.

I. ist ein Land von Mischlingen, viele haben toljikische, tolumische oder manthische Vorfahren. Auf der Flussinsel Huluver leben die Huluveri, reine Nachfahren von Manthen, aber nicht völlig menschlich. In Tomirratten leben einige H’elchen, deren genaue Vorfahren unbekannt sind. Trotz aller Korruption der Machtinhaber wird übrigens Kriminalität unter der normalen Bevölkerung meist hart geahndet und so mancher musste schon die Sklaverei.

Jaduiza

Lurruken:

/lur-ru-ken/ Lurruken hieß das Reich, welches einst begrenzt wurde von dem Vergessen Gebirge und den Pervonsteinen im Westen, den Hölzernen Bergen und dem Azirun im Süden, dem Cormoda im Norden und dem Geist und dem Ostmeer im Osten.

Seine Anfänge nahm es bereits gegen 159vdF und bestand bis zu dem großen Chaos das auf der Welt herrschte im Jahr 2000dF.

Des Reiches größter Herrscher hieß Tamirús, welcher seine Heimat Tamilor zur Hauptstadt machte. (Heute liegt Tamilor tief in Tamirús Grab, dem gefürchten Moor in das sich nur wagemutige Abenteurer wagen.)

Lurrukens Nachbarländer waren im Jahr 1900 (zum Höhepunkt der Ausdehnung des Reiches): Fernland, Pervor (dem heutigen Pervon), Udar, Haret (dem heutigen Aluma und Panme) sowie Ijen im Westen, Luvaun und Zardarrin im Norden, Osgird (liegt verblüffenderweise heutzutage tausende von Flügen weiter westlich als damals noch) und Louch im Süden. Außerdem lag es mitten im Herzen des Reiches Stirmen, welches Lurruken nicht anzugreifen wagte.

Der größte See Lurrukens war der heutige Minîrnsee, der längste Fluss der Geist, das größte Waldgebiet (nach Stirmen natürlich) der Salzwald.

Die 23 Provinzen Lurrukens zu seiner Blütezeit waren von West nach Ost (mit Hauptstadt): Demīrus (das heutige Demirn, Hauptstadt Rudir, heute Roudir), Esīrem (Schorbrom), Mummulate (Tummuale, heute tief im Tummualesee liegend, zweitgrößte Stadt Līman), Kania (Kanh), Kenrūken (Rūken), Tamilorum (Tamilor, zweitgößte Stadt Sēnea [Seenea]), Pardastirm (Saldān), Salzwald/Sunumcalt, Danemcalt (Pakalt), Pardacalt (Rheiban), Pangeis (Panen, größte Stadt Geistig), Danemstirm (Arasanh), Sunumstirm (Ketaine), Danemloue, Cosasirun (Serra), Pardālon (Arsullan), Ranumtergin (Maggin, das heutige Maggir), Pardageis (Selaine), Ranummond, Dalgeis, Coslame (Yolame, heute Yasleam genannt), Cosforne, Coshein (Tambaheim).

Von dem einstigen Imperium existieren heute nur noch der kleine Stadtstaat Ruken und Demīrus in Form von Demirn, alles andere ist nur noch wenig besiedelt. Aber auch Līman, Seenea, Saldān, Maggir, Roudir, Arsullan und Yasleam sind noch da.

Machey:

/ma-xi:/ Benannt nach Mytillin Machey. Land im Britanlak-Tal zwischen Erzherz und Lusuvameer, Magisil und Goldfluss, zwischen Rardisonán, Aleca und Panme. Königreich, Sitz des Lorts ist Illort. Machey wird von Adligen kontrolliert, die dem Lort Hörigkeit schuldig sind. Der Lort kontrolliert die Armee. Die Sprache von Machey ist das Imaria, die Bevölkerung nennt sich Imari. Seit seiner Gründung ist Machey fast dauernd im Krieg mit Rardisonán. Dieses hat schon fast Tradition. Die Grenzen sind auch stark mit Festungen gesichert.

M. lebt hauptsächlich von der Agrar- und Minenwirtschaft, sowie vom Handel. Dies brachte ihm in Rardisonán den Ruf als rückständig ein. M. ist weitläufig besiedelt, die meisten Städte sind aber höchstens mittelgroß. Das Land ist in 10 Regionen gegliedert, welche sich wiederum in die Lehen der Adligen unterteilen. Der derzeitige Lort ist Martynne Varlent.

Nardújarnán:

/nar-du:-ʤ ar-na:n/

Bekanntermaßen unterteilt sich das Reich Ojútolnán in vier Regionen, auf drei verschiedenen Kontinenten: Rardisonán, Rinuin, Nardújarnán und Acalgirí. Ist Rardisonán zwar der älteste Teil, ist Nardújarnán doch der größte und nach Acalgirí der wildeste und unerforschteste. Offizielle Amtssprache ist Toljipajin, doch wird in den meisten Gegenden tatsächlich noch hauptsächlich Toljúipa gesprochen, Hauptstadt ist Ejúduira. N. erstreckt sich von den Flusslanden Sisientas am Inselmeer im Westen bis zum Meeresgebirge Labuiras am Ozean im Osten (gut 2000 Flüge), sowie vom südlichsten Punkt (dem Kap Holenta am Inselmeer) bis zur nördlichen Grenze Jaduizas über gut 700 Flüge (wobei Pesenno weiter östlich zwar sich noch weiter nach Norden erstreckt, doch wird eher der Durchschnitt gezählt).

Politische Unterteilung: genau wie in allen anderen Teilen Ojútolnáns nach Provinzen mit deren Hauptstädten, wobei es in N. keine Stadtstaaten gibt, sehr wohl aber städtelose Provinzen. Jede Provinz hat eine Obrigkeit, wobei sich auch die Teile der Regierung in Obrigkeiten (z.B.: Ejúduira (Regierung), Atáces (Militär), Elpenó (Seefahrt)) unterteilen. Von West nach Ost sind diese Provinzen (mit event. Beschreibung und Hauptstadt):

Sisienta (Flussland), Sieranta (Flussland), Patapas, Galjúin (Bergland am Meer mit vielen Buchten & Halbinseln; H: Elpenó; auch wichtig: Abajez), Fuiran (am Ladú Fuiran; Seenland; H: Pórga), Tadúnjódonn (am stärksten besiedelt; ebenes Land; H: Atáces; auch wichtig: Almez), Jaduiza (Grenzland am Oberlauf des Flusses; H: Cabó Canguina), Ebanó (westliches Gebiet des Deltas; H: Bemuido), Tabiaten (größte Provinz, ländliches Gebiet; H: Ejúduira), Iganosnán (das sumpfige Echsenland; H: Arodaza), Labuiras (das schmale, lange Land zwischen Meer & Gebirge; H: Aiduido Elazar), Pesenno

Die meisten Städte auf einen Fleck findet man rund um den Gald y Panguino.

Ojútolnán:

/ɔ-xu:-tɔl-na:n/

Eines der größten bekannten Reiche der Welt, neben Pervon, Voblooch und Catissa. Der Tolnán ist quasi ein Gottkönig und herrscht von Toljúin aus über die vier Teile seines Reiches, die vier Ecken der Welt: Rardisonán, Nardújarnán, Rinuin und Acalgirí. Diese Teile selbst werden jeweils von gewählten Fürstenräten aus den Reihen der Herrscher der Länder der Reiche kontrolliert. Jedoch muss auch ein jeder Fürst einen Gesandten an den Hof des Tolnán schicken, der diesen informiert, berät und wiederum Befehle erhalten kann. Die Fürstenräte werden aus den Reihen der obersten Fürsten gewählt, wobei die Könige von Königreichen meist Stellvertreter zur Wahl entsenden.

Königreiche: Der Titel des Königs ist vererbbar, der Rest des Reiches wird gewöhnlich unter Adligen aufgeteilt, die dem König Tribut und Gehorsam schuldig sind.

Fürstentümer: Der Fürst wurde irgendwann vom Tolnán oder dem Fürstenrat eingesetzt oder vom Volk gewählt.

Omérian:

/o-me:-ri-an/

Land auf der Halbinsel Tanderomérian, gegründet von Amant Emaior zu Ehren von Omé, getrennt durch den Tanderethen (bzw. Tanderecca) vom Nachbarland Tandereis, zu dem schon seit Jahrhunderten sehr gute Beziehungen bestehen. Die heutige Hauptstadt Halkus bestand schon zu Zeiten Iotors unter dem Namen Halkis. Weitere große Städte sind Touron, Frezinne und Recellia. Zwar ist das Land nicht groß und infolge des Jahres 2000 fielen die einstigen Länder Otoriachs dieser Gegend dem Chaos anheim, doch ist Omérian heute recht stark besiedelt und wichtige Seemacht.

Derzeitige Herrscherin ist Parga Emaior. Für weiterführende Informationen mag das Buch der Länder herangeführt werden. Die Bezeichnung des Herrschertitels ist Milciar.

Ramit:

/ra-mɪt/

Ein tolumisches Inselreich im Norden der Heimländer, in der Schwarzsee, Grenze der Laruinto, nördlich von Rardisonán und westlich von Omérian gelegen. Die Hauptstadt ist Ahian auf der großen Hauptinsel Aulim. Zweitgrößte Stadt und gleichzeitig älteste ist Ayumäeh. Die sieben großen Inseln sind von Ost nach West: Aulim (die Hauptinsel), Felser und Gras (zwei hohe Klippeninseln, die kaum bewohnbar sind), Supin (die zweitgrößte Insel der Kette), Mygi, Raspin und zahlreiche kleinere, wobei sich darunter aber auch noch mehrere kleine unabhängige Siedlungen befinden. Die Insel Beles, auf welcher der bekannte Feuerberg Táun-Nir liegt, ist umstritten, sowohl Rardisonán als auch Ramit beanspruchen sie,obwohl dort kein Leben existieren kann.

Ramit hat meist gute Beziehungen zu Omérian und Tandereis, wegen ihrer teilweisen Duldung der Schwarzseepiraten aber oft gespannte zu Ojútolnán, welches die Piraten loswerden will. Deshalb gab es schon öfter Kriege zwischen allen vier Reichen. R. stammt von dem tolumischen Ratam ab, welches Teil von Iotor war und als eines der wenigen Tolumreiche die Fluten des Jahres 2000 überstand. Es lebt vor allem von Fischfang und Handel. Seine Bevölkerung ist immer noch tolumisch, der Dialekt wird von anderen Tolumvölkern aber nur kaum verstanden.

Teûnbund, der:

Auch geschrieben Teounbund. Entwickelt von den größeren Handelsgesellschaften und Kaufleuten Teûnfurts (Teoundagne), um größere Profite mit anderen Händlern am Teûn zu arrangieren und vor allem auch um sich gegenseitig zu schützen. Die Versammlung von Teûnfurt übernahm dies und gewann als ersten Partner einige Händler Amîens. Im Laufe der Zeit erweiterte sich der Bund auf zahlreiche Städte und Dörfer am Teûn und dessen Einzugsgebiet. Auch den Städten der Fostilhochebene versuchte man sich zu nähern, bisher jedoch ohne Erfolg, abgesehen von Fhisan. Teûnfurt ist wichtigste Stadt des Bundes, andere sind die schon erwähnten sowie Saldān.

Städte und andere Orte

Abajez [A-ba-chess] – Hafenstadt in Galjúin in Nardújarnán

Almez [All-mess] – Hafenstadt in Nardújarnán

Ašckhir [Aschk-chir]

Atáces [A-taa-kes] tolji. für ‚Angriffsebene‘, ‚Feldangriff‘, ‚Schlachtenebene‘ o.ä. – militärisches Zentrum von Nardújarnán

Ayumäeh:

/a-ju-me-ɛ:/

Zweitgrößte Stadt von Ramit, gelegen auf der Hauptinsel Aulim. Sie ist die älteste der Städte von Ramit, existierte schon vor dem Jahr 2000 und hat die Fluten wie durch ein Wunder nur teilweise beschädigt überstanden und wuchs später bis an das neue Meer heran. Im Norden der Stadt fängt das Hochland mit seinen Klippen an, welches diesen Teil der Insel prägt, nach Süden hin liegt das Tiefland. A. liegt an einer kleinen Bucht, der Hafen wurde durch Dämme und Wellenbrechern vor dem Meer gesichert. Eine Stadtmauer hat sie schon lange nicht mehr, da aus dem Inland eigentlich keine Feinde mehr kommen können. Die Stadt ist vor allem bekannt für seine Werften, den Handel, Fischfang, seine Kunst sowie Kultur.

Belané [Be-la-nee] tolji. ‚Sumpfdorf‘ – Hafenstadt in Emadé

Cabó Canguina

Camdis

Ciprylla:

/kɪp-rɪl-la/

Hauptstadt der Provinz Guihúda in Rardisonán, gelegen am Cip Rylla, teilweise an der Klippe, teilweise auf einer Klippeninsel. Gegründet unter dem Namen Rylla, ca. um 347vdF, nördlich von Soráre als Hafenstadt von Deltan. Der Söldner Kahron Mharale besetzte Rylla 211dF und nannte sie Ar-Rillach. Deltan lag im Krieg gegen die Tolumländer und Mharale eroberte mehr und mehr Gebiete. 232 zerstörte er Soráre, 236 wurde er ermordet. Sein Nachfolger führte den Wettbewerb in den Höhlen unter Rylla ein, mit dem fortan immer der Herrscher der Stadt ermittelt wurde. Das Große spiel wurde 239 von Navell Golando zur festen Institution erhoben, ebenso wurden Söldnertruppen teil der Stadtphilosophie. Sein Nachfolger Endema Lújano eroberte bis 329 die hälfte des ehemaligen Deltán. Später reichte das Reich bis zur Merrylla und wurde unbenannt in Guehúdan, während die Stadt Arrylla hieß. Als der Krieg zwischen Rardisonán und Machey immer härter wurde, geriet Guehúdan langsam unter den Einfluss von Rardisonán und ist heute Provinz.

Zum Großen Spiel kann jeder zugelassen werden. Der Gewinner wird wahlweise Herr von Guihúda oder reich. Nebenbei gibt es zahlreiche andere Spiele in der Stadt der Abenteurer. In C. kann man jederzeit abenteuerlustige Gestalten und Söldner finden, die Stadt gilt auf dem ganzen Kontinent als Anlaufpunkt für ehrliche Geschäfte. C. ist die mit Abstand größte Hafenstadt von Rardisonán. Vor Längerem versucht C. wieder unabhängig zu werden und schaffte dies auch, sah sich danach aber ständigen Überfällen gegenüber. Es gliederte sich wieder ins Reich ein unter strengeren Bedingungen des Tolnán.

Ejúduira:

/ε-xu:-dwi-ra/

Größte Stadt und Hauptstadt von Nardújarnán und der Provinz Tabiaten. E. liegt am nördlichen Beginn des Deltas des Tajazi. Die stadt wurde größtenteils auf durch Kanälen gebildeten Inseln errichtet, zahlreiche Brücken verbinden diese. In E. liegen die Zentralen der beiden Obrigkeiten, die große Guigans, ein großer Hafen für Fluss- und Seeschiffe, der große Zentralmarkt, das Jagdhaus sowie vieles mehr.

Halkus:

/hal-kus/ oder /xal-kus/

Stadt an der Mündung des Tanderethen an der Bucht von Halkus in Omérian, Hauptstadt des Landes.

Die Stadt Hakus war einst Hauptstadt des Tolumenlandes Otoriach, aus dem später Iotor hervorging. 2000 ging die Stadt unter, ihre Ruinen müssten am Ostende der Bucht von Halkus liegen. Flüchtlinge gründeten westlich an der neuen Küste schließlich Halkus, eine neue Stadt. Auf der Halbinsel Tanderomérian lebten nach 2000 versprengte Völker von Tolumen und Juepen, H. war von beiden beeinflusst. Nachdem Amant Emaior die Burg Omérian (das heutige Frezinne [Frecinne]) gegründet hatte, begann das Luvaunische im Land Einfluss zu nehmen. Letztlich setzte sich aber H. als Hauptstadt eines geeinten Reiches Omérian durch.

H. liegt auf flachen, sanft geschwungenen Hügeln, die weißen Mauern der Häuser erkennt man schon vom Meer. Der Palast des Milciar thront über allen anderen Häusern, daneben eines der größten Heiligtümer der Omé. Neben Frezinne ist H. das größte Zentrum des Omékultes und ein wichtiger Hafen vor oder nach der Durchfahrt durch den Sund von Omér und außerdem Omérians Tor in den weiten Osten.

Ladóra

Médyhúda – tolji. für ‚Mitten im Wald‘ bzw. ‚Mitte des Waldes‘

Nocstce

Peridé [Pe-ri-dee] – Stadt in Emadé

Rardisonan:

/ɹaɹ-di-so-nan/ (tolji.: Rar’s Hauptstadt).

Hauptstadt von Iotor, einem Fürstentum von Rardisonán, gelegen auf einem Dutzend Inseln in der Banurburta, der Mündung der Miabanur in die Laruinto. Ein Viertel der Stadt, die sogenannte Verbrannte Stadt (zurückzuführen auf einen einstigen Brand und die seitdem dort sichtbaren Spuren) liegt auf dem Festland, an der Miabanur-Mündung, der Rest auf den Inseln. Der bewohnte Hauptteil der Stadt liegt auf der großen Hauptinsel und den 3 weiteren größten Inseln. Südlich des Hauptteiles liegt ein großes Inselgefängnis, das größte Gefängnis von ganz Rardisonán, abgesehen von dem bei Magin. Südöstlich liegt der Marinehafen der Stadt, der größte und wichtigste von Rardisonán. Weiterhin liegt im Süden ein Landeplatz für Veduigirm.

Die Burg der Stadt liegt auf der Hauptinsel. Sie geht auf das Lager zurück, welches Raréon an dieser Stelle nach seiner Ankunft an der Laruinto errichtete. So war die Stadt auch lange Jahre Hauptstadt von ganz Rardisonán, bis zu den Bürgerkriegen und der Gründung von Toljúin.

Rees:

/ri:s/ Auf Toljipajin: Rées /ɹe:s/. Im Tarlischen: Rheese /ɹi:s/.

Die älteste existierende Stadt Macheys liegt an dem kleinen Fluss Reesil, einem Nebenfluss des Britanlak, welcher im Erzherz entspringt. Rees war einst die mächtige Hauptstadt von Omijern und das wichtigste Handelszentrum in weitem Umkreis. Nach dem Putsch von Gusta Marénis gegen Amís Cállate, welcher daraufhin seine Exilregierung von Omijern in Fasia etablieren musste, ging es mit R. abwärts. Andere Teile von Ex-Omijern errangen ihre Unabhängigkeit oder wurden erobert. R. eroberte im Laufe der Zeit selber andere Gebiete und herrschte schließlich über das Land TuReesten, die kläglichen Überreste von Omijern und DeTukon.

Mytillin Machey übernahm schließlich das Nachbarland TuKarra und eroberte TuReesten. Dies besiegelte das Ende der Handelsstadt Rees, da die lukrativen Handelsrouten nach Norden, nach Fasia, gesperrt wurden, da M. Machey schließlich im Krieg mit Raréon lag. R. degenerierte immer weiter.

Bald errichtete das Land Machey die Los Tensarru, die wichtigste Handelsstraße des Landes, und leitete sie über die neue Hauptstadt von Machey: Illort. R. war somit von dieser Route auch abgeschnitten. Übrig blieb nur der Handel auf dem Fluss. Der Reesil ist jedoch nur schwer beschiffbar.

Heute dient R. vor allem als Garnison und Fast-Grenzposten, auch gibt es im nahen Erzherz Goldvorkommen, die in Reesten gefördert werden, dessen Hauptstadt R. ja immerhin ist.

Ruken:

Nur wenige Städte haben den Fall Lurrukens überstanden, R. war darunter. Sie ist auch gleichzeitig die größte von diesen, gegründet gegen 560dF. Heutzutage ist R. ein Stadtstaat, welcher die Stadt selbst sowie einen Umkreis von etwa 50 Flügen beherrscht. 3996 erobert von Ijen, Heimat von Temperian Braulkir, derzeitiger Herrscher (genannt Nonum) ist Henack Geshzahl.

Sódos jós Fuiran

Solutetor:

/so-lu-tə/ Festung in Südwest-Aleca und Verwaltungszentrale von Soluten. Einst herrschte man hier, von der Burg Solut aus über das ganze Land Soluten, als die anderen Gebiete Alecas noch tolumischen Staaten gehörten. Heute ist Soluten kleiner als einst, die Burg wurde aber zur weitläufigen Festung. S. liegt an der Quelle des Solutenflusses, hineingehauen in die Berge der Grünspitzen. Ein weitläufiges Höhlensystem, teilweise auf natürlichen Höhlen basierend durchzieht einige Berge, die Festung herrscht über sie. Außerhalb der großen Eingangshöhle sieht man nur eine schmale, starke Mauer und zwei Türme an den Abhängen zweier Berge, zwei weitere Türme liegen etwas höher. Ebenso liegt dort die alte Burg, welche aber nur über die Höhlen erreichbar ist. Unterhalb der Feste wird Erz gefördert und verarbeitet, den Rauch leitet man zur Spitze des Hauptberges über Röhrensysteme hin ab.

Touron:

/tu:-ron/

Größere Stadt im Westen von Omérian, gelegen an der bucht von Touron, einem Haff (bzw. einer Lagune) an der Küste der Laruinto. Nächster großer Hafen ist nach Süden hin Rardisonan (in Rardisonán), nach Norden hin Recellia (in Omérian), nach Westen hin Ayumäehr (in Ramit). T. ist bekannt für Fischfang, seine Werften und Handelsposten. Außerdem wird gerne gesagt, dass der Adel von Omérian T. häufig als Zweitresidenz nutzt aufgrund der Lagunen sowie dem angenehmen Hinterland. Ein Teil der Stadt ist von Kanälen durchzogen, die allesamt mit kleinen Booten befahrbar sind. Die Stadt ist vergleichsweise jung, wurde sie doch erst lange nach dem Jahr 2000 und der Gründung Omérians errichtet, weshalb man hier auch gut die für Omérian typische Architektur beobachten kann.

Sprachliches und Begriffe:

Guigans, die:

[tolji.] Blutsteine.

Toljipische Kaserne oder Burg einer Stadt, in der Ausbildung Unterkunft von Berufssoldaten, den Wächtern, verfügbar ist. Auch einige Außenposten werden Guigans genannt.

Landwächter – 2278 eingeführt, sollen sie für den Schutz von Reisenden fern der Städte sorgen und haben ihre Stellungen meist in Außenposten oder bei kleinen Dörfern.

Hierarchie (Ojútolnán):

niedere Ränge (‚Niederleute‘): Alui

Caris

Offiziere (‚Hauptleute‘): Jinn

Mauris

Oberoffiziere (‚Oberleute‘): Anjinn

Mantuis

Adel & Hohe Beamte versch. Bezeichnungen

Kaiser Tolnán

Stadt-, Land- und Seewächter haben spezielle Befugnisse über Militär, das sich in ihrem Gebiet befindet, die Ränge sind aber dieselben, haben lediglich teilweise zusätzliche Bezeichnungen. (So wäre ein ‚Oberster Seewächter‘ jeder Rang der sich über denen der anderen Seewächter an Bord befindet, und wenn es nur ein Jinn ist.)

Stadtwächter

Seewächter – Bezeichnung für die Seesoldaten von Ojútolnán, zurückgehend auf die Seewächter, die tatsächlich nur die Seewege überwachten. Heutzutage ‚überwachen‘ sie das Schiff auf dem sie sich befinden und haben insofern dort das Kommando.

Toljúepa [Tol-chuu-ä-pa] – Alte Form des Toljipajin, wird noch vereinzelt in Rardisonán und vor allem Nardújarnán verwendet. Die alte Form dieser Sprache heißt Júepa, die neue Form Toljipajin.

Toljipajin, das:

/tɔl-dʒɪ-pa-dʒɪn] [tolji.] Sprache des Tóls (bzw. Königliche Sprache). (Toljipisch/Tolji) Abgekürzt: tolji.

Offizielle Amtsprache im ganzen gewaltigen Imperium von Ojútolnán und sicherlich eine der meistgesprochenen Sprachen der bekannten Welt (neben Lecin, den Luvaunsprachen und Pervonisch). Vorläufer war Toljuepa bzw. Juepisch, welches heutzutage aber kaum noch verstanden wird. Entstanden ist es aus den Sprachen, welche ursprünglich in der Gegend des Guilardeltas gesprochen wurden, Legenden zufolge damit also der direkte Nachfahr der Sprache von Char y Son, sowie mit einem Hauch Luvaun vermischt und, je nach Region, manchmal auch mit Tolumi, Imaria oder örtlich vorkommenden anderen Sprachen.

Topographie

Atúposberge

Canlar – Fluss von Ladóra

Heimländer, die:

Übersetzung des Wortes und der Bezeichnung, die in den verschiedenen Sprachen den Kontinent bezeichnen, auf dem Pervon und die Länder rund um Lurruken liegen. Andere Bezeichnungen sind: Kolessan, Coledarth, Coledaun, Coledagne, Kaltländer, Kaltlande, Gar-Salh, L’em-Richa, …

Jannis – Fluss bei Cabó Canguina

Laruinto, die:

/la-rwin-to/ auch genannt Laruento.

Die L. ist ein Zwischenmeer zwischen dem Festland von Rardisonán und den ramitischen Inseln. Sie ist stark befahrenes Gebiet, findet man hier doch die Küsten von Ojútolnán (Rardisonán), Ramit, Omérian, Salaius, Toch-Bas, Icran sowie manchmal der schwimmenden Stadt Becradu. Große Buchten sind vor allem der shadon-Gorf, aber auch die Lohburta und die Banurburta. Vor dem Jahr 2000 war die Laruinto völliges Festland, hier lagen vor allem Juepenreiche, die nun verloren sind. Zalreiche Ruinen liegen am Grund der Laruinto, die meist wenig tief ist.

Mijalar [Mi-dscha-lar] – größter Fluss von Galjúin

die Mijalar (oder Mijalaría im Toljúepa). Der Name ‚Kalte Wasser‘ geht darauf zurück, erzählte man mir, dass der Fluss größtenteils ein reißender Gebirgsfluss ist.

Schmelzöfen, die:

Größtes Gebirge der östlichen Heimländer. Die S. reichen von den Grauspitzen im Nordosten, einem Ausläufer der S., bis nach Süden an den Wald von Stirmen. Einst war es eine gewaltige Barriere zwischen dem Hochland von Westlurruken und dem Tiefland von Ostlurruken. 2000 überflutete das Meer das Tiefland und hielt erst an den S. Die große Schmelzbucht hat ihren Namen von den S. Ihren eigenen Namen haben sie von den zahllosen Feuerbergen, einige davon sind noch aktiv. Nebenflüsse der Cormoda kommen aus den S. Im Norden soll angeblich die Hochfestung Werzan liegen. Die S. sind völlig von Wald umgeben, auch ihre niederen Hänge hinauf. Im Westen der Salzwald, im Süden Stirmen, im Norden der Fisanwald, im Nordosten der Geronanwald. Akalt ist das einzige Land, das Ansprüche auf einen Teil der S. erhebt. Die S. sind aber ein beliebtes Jagdgebiet, selbst Macaten findet man hier – und auch nirgends sonst. Zu Zeiten Lurrukens wurde auch etwas Bergbau betrieben, doch scheinen die S. kaum etwas wertvolles zu bergen.

Schwarzsee, die:

Auch bekannt als Zwischenmeer, Weite See oder Das Blau.

Die S. ist ein großes Meer, das auf drei Seiten von Küsten umgeben und zur vierte, der westlichen Seite hin, offen ist. Im Osten bietet nur der Sund von Omér eine dünne Durchfahrt von West nach Ost. Im Jahr 2000 breitete sich die S. gewaltig aus, wobei unbekannt ist, wie die Nord- und Westküsten damals aussahen, doch müsste das Meer damals etwa halb so groß gewesen sein. Im Osten existierte aber auch da schon eine schmale Schlucht, aus der der Sund von Omér wurde. Die S. ist bekannt für ein warmes Klima an ihren Küsten, den zuverlässigen Strömungen und der Vielfalt seiner Tierwelt. Im Osten liegen zwischen Nord- und Südküsten große Inselarchipel, bekannt als die ramitischen Inseln sowie den Inseln der Schwarzseepiraten. Im Süden liegt die Hohe-Berge-Insel, die 2000 entstand, als das Gebirge umspült wurde. Auch im Westen liegen zwischen Nord und Süd Inselketten, vor allem vor Rinuin. Einst war die S. fast gänzlich ein Gebiet der Tolumen, die man heutzutage nur noch an einzelnen Küsten sowie im Nordwesten findet. Heutzutage wird die S. vor allem von Ojútolnán, Ramit, Omérian, Piraten und Händlern befahren.

Sund von Omér, der:

Vor dem Jahr 2000 war an der Stelle des heutigen Sundes noch eine sehr steile und hohe Schlucht, eine Kluft zwischen den Heimländern und den Nordkontinent, der per Brücke überquerbar war. Dafür war es damals für Schiffe sehr gefährlich, die Kluft zu durchqueren. Nicht umsonst nannte man die Meerenge damals auch oft Todesenge. 2000 jedoch stieg der Meeresspiegel der Welt und der Sund wurde zu dem, was er heute ist. Seinen Namen bekam er jedoch erst Jahrhunderte später mit dem Aufstieg von Omérian. Die Brücke, welch einst beide Kontinente verband, ging mit den Fluten unter. Heutzutage könnte ein geübter Schwimmer den Sund zwar immer noch durchqueren, wenn ihn die Strömung nicht mitreißen sollte, doch den Versuch einer Brücke wird niemand mehr wagen können. Mehrere Stromschnellen, Strudelund versteckte Felsen machen die Durchreise auch heute noch gefährlich. Der Sund verbindet die Schwarzsee mit dem östlichen Ozean. Benannt ist sie nach den Kap Omér, welche an einem Eingang zu der großen Bucht liegt, an der wiederum Recellia liegt. Dies alles gehört zu Omérian. Am Ostende des Sundes, auf dem Nordkontinent, liegt der Stadtstaat Irlost.

Tajazi, der:

/ta-ʤa-zi/

Größter Fluss von Nardújarnán. Entspringt im Carajúl und durchfließt zunächst den Dschungel gen Süden, dann eine Weile durch Hügel- und Weideland. Nach Ejúduira beginnt sein gewaltiges Delta, das größte bekannte der Welt. Der T. mündet im Südosten schließlich im Meer.

Fauna und Personen

Menschen, die:

Eine der vorherrschenden Rassen der Welt. Fast überall verbreitet und als Rasse sehr expandierend und anpassungsfähig. Ihre Population geht in die Millionen, ihre Zahl ist mit natürlichen Mitteln kaum zählbar. Sie sind im Normalfall etwa zwischen 1,40 und 1,90 Füße groß, ihre Hautfarbe reicht von hell bis fast schwarz, auch bei Augen- und Haarfarben besteht ein breites Spektrum.

Sie beherrschen fast alles, haben sich als Rasse aber vor allem auf die Expansion und was dafür notwendig ist spezialisiert. Es existieren viele Unterarten. Die M. sind schon fast von Natur aus zerstritten und in zahlreiche Nationen gespalten.

Possel, das:

/pɔs-səl/ Kaltischer Name, der auch im Imarischen übernommen wurde. Toljipischer Name: Pojél /pɔ-xe:l/

Säugetier aus Nardújarnán. Monströses Tier mit ca. 3,5m Schulterhöhe. Besitzt längere Vorder- als Hinterbeine und einen Buckel auf dem Rücken, der durch die ungleichen Beine noch verstärkt erscheint. Der Höcker wird von einem Kranz Haaren umgeben, sonst ist das Possel nur mit kurzen, meist sandbraunen Haaren bedeckt. Der rundliche Kopf ist durch eine massive Knochenplatte geschützt, die sich nach oben hin in leicht geschwungene kurze Hörner verjüngt, nach unten hin aber in zwei dicke, ca. 1,5 Füße lange Stoßzähne ausläuft. Statt einer Nase ziert das Possel ein kurzer Rüssel und am Ende des abfallenden Rückens sitzt ein kurzer, unbehaarter Stummelschwanz mit pinselartigem Haarbüschel am Ende. Vom Hals bis zum Bauchansatz hängt bei ausgewachsenen Tieren ein Hautlappen, der einst den früheren Wüstentieren als Kühlung diente. Noch heute ist er bei Männchen größer als bei Weibchen und meist leicht bunt gefärbt, besonders zur Paarungszeit.

Raréon:

/ra-re:-ɔn/

Genaue Herkunft, Geburtsdatum und Todesdatum unbekannt. Um alle drei Punkte ranken sich zahllose Legenden. Vermutlich kam er aus einer kaltsprachigen Gegend, Stirmen wäre nicht unwahrscheinlich. 2010 tauchte er bei Tól und Omé in Lían auf und war anfangs enger Freund der Tochter Lían. 2012 begann er seine Expedition über Land. Dabei machte er die Bekanntschaft von Tamirús und Mytillin Machey. 2015 erreichte er die Mündung des Flusses Miabanur, wo er Rardisonan gründete und damit den Grundstein von Rardisonán legte. Nach einem Krieg mit Iotor zerstritt er sich mit Machey, woraus der spätere ewige Krieg zwischen diesen Ländern begann. 2036 lernte er Sedíra kennen und lieben. Nachdem er sie drei Jahre später im Krieg gegen Machey aus Versehen erschoß, zog er sich trauernd für immer zurück und wurde nie wieder gesehen. Hieraus entstanden weitere Legenden, z.B. dass er heimlich oder anderswo starb, von Tól und Omé bei ihrem Verschwinden mitgenommen wurde oder ein Geschenk des Tamirús ihn in eine andere Welt führte. Heutzutage wird er als eine Art Schutzgottheit in Ojútolnán verehrt und man erwartet seine Rückkehr in schlechten Zeiten, ähnlich wie es vojn Tól und Omé sowie Lían gesagt wird.

Tól und Omé:

/to:l und o-me:/

1980 erschienen sie vor Arasanh und gewannen ihren ersten Anhänger, Gaunus, als sie das drohende Ende der Welt und die Menschen retten zu wollen verkündeten. 1982 bekamen sie ihre Tochter Lían, spätere erste Herrscherin des Reiches Tólome, und gründeten die gleichnamige Stadt ein Jahr später. 1988 bekamen sie auch ihren Sohn Raí.

Bis 2000 hatten sie eine gewaltige Anhängerschar um sich gesammelt und als dann tatsächlich Feuer vom Himmel fiel und viele Landstriche versanken, glaubten ihnen die Menschen. 2010 ließen sie von ihren Anhängern Raréon und Amant Emaior die Welt neu erkunden und gewannen so gleichzeitig Einfluss auch in anderen Teilen der Welt. 2071 folgten die großen Schlachten gegen Silön; zu Dritt verschwanden sie aber schließlich.

Zahlreiche Gerüchte entstanden um ihr Verschwinden, insbesondere, da sie nur ihrem Heerführer ein letztes Mal erschienen, sonst sah sie niemand. Die meisten ihrer Anhänger, die man heutzutage vor allem in Tólome, Ojútolnán, Omérian und teilweise auch Aleca findet, glauben, dass sie sie in Zeiten großer Not erneut auftauchen werden und erwarten dies für das Jahr 4000. Noch gibt es aber keine Anzeichen ihrer Wiederkehr.

In Ojútolnán wird v.a. Tól als Gott verehrt, in Omérian ist es Omé, was zurückzuführen ist auf die Gründer dieser Länder, ihrer Anhänger. In Tólome werden beide sowie Lían verehrt. Auch in anderen Ländern findet man Anhänger, wie in Zardarrin seit der jahrelangen Besetzung durch Ojútolnán.

Tošaren, das:

/to-sa-ra/ [pak.] Im Imarischen: Tosaren /tɔ-sa-rən/, im Tarlischen: Tosran /tɔs-rɛn/

Etwa menschengroßes Säugetier, welches aus den pervonischen Steppen stammt, aber auch überall sonst gezüchtet wird, wobei die pakamische Domestizierung die bekannteste ist. Das Tier besitzt lange, kräftige Beine mit Hufen sowie einen kräftigen Körper mit langem Hals und kleinem Kopf. Dieser ist leicht oval geformt mit kurzen dreieckigen, sehr beweglichen Ohren. Ähnlich dem Possel ist das T. nur mit kurzen Haaren bedeckt. Der kurze Schwanz bildet hierbei eine Ausnahme, da er mit langen Haaren bedeckt ist und einen Schweif bildet.

Das T. ist mittlerweile in vielen Gegenden das bevorzugte Reittier, wenn man auf die Schnelligkeit eines Sacalem verzichten kann und die relative Bequemlichkeit und Kraft eines Tosara bevorzugt.

 

 

Personen:

Falerte Khantoë [Fa-lär-tä Chann-to-ä]

Nuref Khantoë [Nu-reff]

Mhadal Khantoë [Maa-dall]

Puidor [Pii-dor] Toljipajin für ‚Fischer‘.

Caris Duimé y Belané [Ka-ris Dwi-mee i Be-la-nee] – Ausbilder in der Guigans Rardisonan; überheblich – oder unsicher?

Oljó y Becal [Oll-choo i Be-kal] – kräftig, jähzornig, Narben, verurteilter Dieb und Spieler. Fale traut ihm Anfangs nicht.

Miruil Enfásiz y Calerto [Mii-ril Änn-faa-ziss i Ka-lär-to] – klein, braunhaarig, aus reicher Familie, etwas arrogant, will Abenteuer erleben. Begeisterungsfährig, temperamentvoll. Anfangs leicht naiv?

Amerto y Cajál [A-mär-to i Ka-chaal] – oberster Seewächter der ‚Sturmwind‘. Anfangs: Falerte hält ihn für grausam.

Couccinne Carizzo aus Amacco [Kuu-tschin-nä Ka-riss-so A-matsch-tscho] – ruhig, phlegmatisch, leicht apokalyptisch, düster, aufmerksam, pessimistisch.

Jimmo [Dschim-mo] – verrät Herkunft nicht, groß, ergraut, Hüne. Angfangs: Fale traut ihm nicht.

Zalím [Sa-liim] – klein, rothaarig, kam aus Not in die Guigans

Garekh [Ga-rech]– Freund von Falerte, Schmuggler, handelt mit Schwarzseepiraten und Nocstce.

Scaric-tar-Garshan [Zka-rik tar Gar-schan] – lebensfroh, mittleres Alter, starker Akzent, groß, schlaksig, Hakennase, dunkel

Ccillia [Tschill-ja] – alte Liebe von Falerte

Nuosan Deleau [Nũ-õ-zõ Dä-löö] – tólomischer Schriftsteller des 37. Jahrhunderts.

Šamrek [Scham-rek]

Axabula [Akz-za-bu-la]

Commosha Dacealus [Kom-mo-scha Da-kä-lus]

Dosten Aschengrau [Dos-ten] –

Schwarzkralle

Accilla Scazi

Sturmwind – militärisches Frachtschiff aus Rardisonán; Dreimaster

Paruibi

 

 

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eBook


AWG91 Tól und Omé

Februar 8, 2020

Tól & Omé

und die Historie von

Rardisonán und dem Reich von Ojútolnán;

Tólome und Silûne;

Machey;

sowie von

Omérian und Tandereis

und deren Vorgängerstaaten;

als da wären:

Lurruken;

Tukon, TuKarra und TuReesten;

Iotor und dessen Nachfolgerstaaten;

weiterhin der Personen

Tól und Omé; Lían und Raí;

Silön; Amant Emaior;

Raréon und Mytillin Machey

und anderer.


ANDRE SCHUCHARDT

Leipzig 2020

Andre Schuchardt: Tól und Omé

Copyright © 2006 – 2020 by Andre Schuchardt

http://www.kaltric.de

http://www.andreschuchardt.de

Alle Rechte liegen beim Autor dieser Veröffentlichung. Der Inhalt diese Dokumentes ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung vorbehalten. Jede weitergehende Verwendung, insbesondere Veröffentlichungen, die Speicherung in Datenbanken, Vervielfältigung und jede Form der gewerblichen Nutzung sowie die Weitergabe an Dritte – auch in Teilen oder in überarbeiteter Form – sind ohne meine schriftliche Zustimmung untersagt.

Die Karten wurden eigenhändig erstellt mit Hilfe des Programms AutoREALM.

Als Schrift wurde FreeSerif verwendet.

ISBN: 978-0-244-55501-6

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Widmung

Für jeden, der bereit ist dies zu lesen

Diese Geschichte mag man auf vielfache Weise lesen können. Zum einen ist sie der Anfang zum Ende. Weiterhin ist eine der berühmtesten Legenden und Märchen der Welt. Sie erzählt von Liebe, Tragödien, Kriegen, Hass und dem Einfluss von Religionen. Man kann sie aber auch als bloße Historie der Länder und Religion betrachten. Letztlich ist sie vor allem auch eine Stilstudie. Bilden sie sich ihre eigene Ansicht und erzählen sie mir davon.

Personen

Tól und Omé

Lían – Tochter von Tól und Omé

Raí – Sohn von Tól und Omé

Silön

Amant Emaior 1. Kommandant der Armee von Tól und Omé, Gründer von Omérian

Raréon – Diener Tóls, Gründer von Rardisonán

Mytillin Machey – Abenteurer, Gründer von Machey

Sedíra – Geliebte von Raréon

Thaléon Balouron – Höchster Ratgeber Silöns

Canoud Velieun – 1. Träger des Titels „Ratgeber Silöns“

Malont Déaron – 2. Kommandant der Armee von Tól und Omé

Thelóí Isúm3. Kommandant der Armee von Tól und Omé

Alaun Isúm – Bruder von Thelói, Mann von Lían

Galand – Soldat unter Amant Emaior und Raréon

Gaunus – 1. Anhänger von Tól und Omé

Mogaun – Tochter von Lían und Alaun Isúm

Dojolas Igíman – Herr von Tobjochen und 2. Diener Tóls

Géri Anaruen – Herr von Emadé

Camón Anaruen – Sohn von Géri und Nachfolger

Mharef – Letzter wahrer Herrscher von Iotor

Gar-iorhed – Kammerherr von Aurost

Enreesa an’Karra – Letzte Herrscherin von TuKarra; Frau von Machey

Soumyl an’Dunnar – Herr von Pegrott

Varman an’Linroc – Anhänger von Mytillin Machey

Garmyn an’Vorra – Gegner von Mytillin Machey

Manurc an’Rees – Letzter Herr von Rees

Karlon von Morgolt – Ein Herrscher von Morgolt

Brannac – Adliger aus TuReesten

Tamirús – Letzter Herr von Lurruken und als Gott angesehen.

Sowie: Diener, Bürger, Bauern, Soldaten, Offiziere, Seeleute, Adlige und andere.

Aussprache:

Ähnlich Französisch: Akzent zeigt Betonung.

Tól, Omé, Lían, Raí, Amant Emaior, Canoud Velieun, Malont Déaron, Theloí Isúm, Alaun Isúm

Ähnlich Englisch:

Galand, (ältere Orte im Osten Lurrukens:) Ketaine, Silaine, Arasanh, Arsullan, Yalame

Ähnlich (alt)Deutsch: Akzent zeigt Betonung und Längung

Silön, Raréon, Gaunus, Tamirús

Imarisch (ee=langes i; v=w; y=i; ou=langes u, c=k):

Enreesa, Varman an’Linroc, Garmyn an’Vorra, Soumyl, Brannac, Karlon, Morgolt, Manurc

Juepisch (j=dsch [vor u=ch]; ´=Akzent, uen=“uwen“ und

hu=w wobei w wie in engl. water; Vokale gut artikuliert):

Dojolas Igíman, Géri Anaruen, Camón Anaruen, Tobjochen, Emadé, Huálor

Tolumisch (r=stark gerollt; i=j, au=öi):

Mharef, Gar-iorhed, Iotor, Aurost

Weitere Aussprachehilfen und anderes im Lexikon.

Prolog

Einst lag hoch im Norden, angrenzend an die heutigen Ländereien von Irlost, das Tolumenland Otoriach. Dessen Herrscher Ghireuzar ging in die Legenden der Weltgeschichte ein, da er den Grundstein zum Reich von Iotor lieferte, indem er im großen Tolumenkrieg seine Nachbarländer Djikka und Ratam besetzte. Seine Nachfahren eroberten nach und nach weitere Ländereien – von Ojonis sowie Teile von Delent, Tolumien, Flejenda, Saten und Omijern – und brachten so einigen Nationen den Untergang, dem eigenen Reich jedoch Macht, Wohlstand und den Rang als zweitgrößtes Reich des Festlandes, nach Lurruken. Aber natürlich konnte das nicht ewig andauern und so wurde Iotor, wie sich das Reich mittlerweile nannte, bis Ende des 20. Jahrhunderts geschwächt.

Dies ist die Geschichte von Tól und Omé, wie sie in Lurruken erschienen, die Menschen berührten, so viele wie möglich vor dem Untergang am Ende des 20. Jahrhunderts bewahrten, und wie sie die Welt änderten.

Auch ist dies die Geschichte aller Personen, die darin verwickelt waren.

I: Das Erscheinen und die ersten Jahre im Südosten von Lurruken

Beteiligte: Tól, Omé, Silön, Gaunus, Lían, Raí, Verwalter von Taiban, Bürger von Arasanh, Siedler von Lían, Gaunus‘ Leute

Orte: Arasanh, Taiban, Lían

Sie kamen die Straße von Geistig her entlang und sollten das Geschick der gesamten Welt ändern. Doch sie kamen nicht aus Geistig, niemand hatte sie je dort erblickt. Die Straße führte nach Arasanh, dem Gebiet colitischer Siedler und Kaltstämme und lag im südöstlichsten Teil von Lurruken, wo der Glaube an die Macht seines Herrschers Tamirús im Reich am schwächsten war. Gleichzeitig aber dieses Reich das am weitesten entwickelte in der bekannten Welt darstellte. Woher sie kamen vermochte niemand zu sagen; es schien fast, als seien sie eines Tages einfach auf der Straße nach Arasanh erschienen. Der Wald von Stirmen und die Silbernen Bäume lagen unweit des Weges und möglicherweise kamen sie von diesem geheimnisvollen Ort, hatte doch noch nie ein menschliches Auge das Innere Stirmens erblickt und davon berichten können. Verfechter anderer Vermutungen halten jedoch stets dagegen, dass ihre Sprache dem Luvaunischen ähnelte und man annahm, dass in Stirmen anderes gesprochen wurde.

Es begann an einem sonnigen Tag im Frühjahr des Jahres 1980. Gaunus und seine Leute saßen am Fuße eines kleinen Hügels am Straßenrand irgendwo in den Darsis-Ufern nahe Stirmen, sich kurz von der anstrengenden Reise erholend. Wie später berichtet wurde, soll es sich zu dieser Zeit begeben haben, dass die Tiere des umgebenden Waldes plötzlich verstummten, als hielten alle gespannt den Atem an.

Hört ihr das?“

Gaunus drehte beunruhigt den Kopf und spähte die Straße entlang. Die anderen sahen ihn merkwürdig an.

Nein, ich hör’ nichts“, meinte einer der Männer.

Genau das meine ich ja!“ bestätigte Gaunus, „Was ist mit den Tieren?“

Nun verstanden sie und sahen ihn ebenso verwirrt an. Gemeinsam blickten sie zur Straße, welche Richtung Geistig führte. Die Männer befanden sich an einer Stelle im Lande Lurruken, die kaum bewohnt aber stark von Tieren durchstreift war. Umso mehr machten sich die Männer nun Gedanken. Nach kurzer Zeit wurden sie sich nähender Gestalten aus Richtung Geistig gewahr.

Sie waren zu dritt: ein Mann und eine Frau von herrschaftlicher und nicht ganz menschlicher Gestalt, auch wenn nie jemand zu sagen vermochte, worin der Unterschied bestand. Beide waren sie hoch gewachsen und unmenschlich schön, doch gekleidet nur in billigstem Sackleinen. Von ihnen ging eine merkwürdige Ausstrahlung aus, welche sogar Gaunus und die Männer spürten. Als sie näher kamen, verstärkte sich dieser Eindruck noch. Hinzu kam eine seltsame Unwirklichkeit. Sie schienen keine Lebewesen dieser Welt zu sein. Ihnen zur Seite stand noch eine dritte Person, sich stets so unscheinbar gebend, dass niemand je genau sagen konnte ob Mann oder Frau. Ohne großartiges Anzeichen, dass sie die Männer bemerkt hatten, näherten sie sich. Lange braune Haare verdeckten ihre Ohren. Die Frau ließ ihren Blick über den Wald wandern, der Mann blickte Gaunus unverwandt an. Sie blieben dicht vor den Männern am Straßenrand stehen.

Eure Welt ist dem Untergang geweiht!“ begann der Mann mit fester Stimme, die trotzdem irgendwie unwirklich erschien.

Gaunus war zutiefst beeindruckt von der Ausstrahlung des Mannes.

Wer seid ihr?“ wagte er zu fragen.

Wir sind Tól und Omé“, sprach Tól und deutete dann auf die dritte Gestalt, „und dies ist Silön.“

Dann nahm seine Stimme einen bedrängenden Unterton an als er verkündete: „Ihr werdet nur noch wenige Jahre haben, bevor ein großes Unheil kommen wird!“

Irrsinn!“ rief da einer der Männer dazwischen, doch duckte er sich ängstlich und ganz geschwind unter dem durchdringenden Blicke Tóls.

Ruhe!“ herrschte ihn Gaunus an, „Lasst ihn sprechen!“

Wir sind gekommen euch zu warnen und euch zu helfen“, sprach Tól, „begleitet uns und wir werden euch retten.“

Mit diesen Worten drehten die Drei sich um und setzten ihren Weg die Straße entlang fort, gen Arasanh. Gaunus sah ihnen nach. Es waren nur wenige Worte gewesen, die sie gewechselt hatten, doch irgendwie war er tief erschüttert von dem Geschehenen und bereit, ihnen alles zu glauben. Nach einem kurzen Moment des Stillstandes und des Schweigens, riss er sich zusammen, schnappte sich seinen Rucksack vom Boden, schulterte ihn und eilte den Dreien hinterher. Die Hälfte seiner Männer folgte ihm später.

Tól und Omé gingen gemächlichen Schrittes, hoheitsvoll und fast als würden sie schweben. Ihre Kutten reichten bis zum Boden, so dass man ihre Füße nicht sah, was den Eindruck des Schwebens nur noch verstärkte. Silön ging hinter ihnen. Drei Tage waren sie unterwegs und lagerten stets am Wegesrand. Tól und Omé hielten immer Abstand zu den Männern, oder genauer: diese zu ihnen. Nie sah jemand die Drei schlafen, sie aßen nur wenig und auch nur von dem, was sie bei sich hatten, und nie fiel ein weiteres Wort zwischen ihnen und den Männern, doch verspürten letztere weiterhin den Wunsch und Drang ihnen zu folgen, nötigenfalls bis an das Ende der Welt und darüber hinaus.

Vorher jedoch kam Arasanh. Mitten im Wald gelegen, das Portal der Kernlande Lurrukens zu den dünner und von colitischen Einwanderern und alten Kaltstämmen bevölkerten Ländern des Ostens, zwischen den Wäldern von Stirmen und den Quellbäumen. Tól und Omé gingen direkt zum Marktplatz. Mitten am Tag standen sie dort, umringt von einer Menschenmasse, die immer größer wurde, je länger sie dort standen und dieser von dem kommenden Unheil erzählten. Sie sprachen von einem Feuer, welches die Meere würde ansteigen lassen. Ganze Länder würden in den Fluten versinken und Tausende sterben. Nun seien sie gekommen die Einwohner dieser Länder zu warnen, zu sammeln und vor den Auswirkungen des Feuers zu bewahren. Einige der Zuschauer schimpften sie Lügner und Betrüger, diese wurden aber von denjenigen, welche sich überzeugen ließen, schnell in den Hintergrund gedrängt und zum Schweigen gebracht; oder Silön unterhielt sich selbst mit ihnen.

Ein Jahr verbrachten die Drei in Arasanh. Sie wohnten bei ihren neu gewonnen Anhängern und wurden von diesen versorgt. Silön wurde nur selten in Arasanh erblickt, reiste den Großteil der Zeit durch die Ostlande im Auftrage Tól und Omés und um weitere Anhänger zu finden. Nach und nach kamen dann auch immer mehr Leute nach Arasanh um Tól und Omé zuzuhören und brachten deren Botschaft bald in andere Teile des Landes. Mit ihren Anhängern sprachen die Beiden stets deren eigene Sprachen, begannen jedoch, ihnen auch die ihre beizubringen, die dem Luvaun ja sehr ähnlich war. Im Frühjahr 1981 zogen sie weiter nach Taiban am anderen Ende der Quellbäume. Viele ihrer Anhänger versuchten ihnen zu folgen, während Silön sich im Osten herumtrieb. Entlang der Quellbäume führte sie ihr Weg, doch vor den Toren von Taiban mussten sie anhalten. Dessen Verwalter persönlich begrüßte sie von den Mauern der Stadt herab.

Ihr also seid Tól und Omé?“ fragte er mit einem herablassenden Blick, „Ich habe schon von euch und euren volksaufhetzenden Reden gehört. Andere Verwalter mögen euch dulden – ja sogar Tamirús selbst – doch bekommt ihr keinen Zutritt zu dieser Stadt, solange ich hier bin!“

So mussten Tól und Omé umkehren. Kaum besiedeltes Gebiet durchquerend gingen sie nach Osten und kamen an den Fuß eines Gebirges.

Hier bleiben wir und bauen eine Gemeinschaft auf“, sprach Tól.

Und so ward es. Am Westende des Gebirges gründeten Tól und Omé mit ihren Anhängern eine Siedlung. Im Sommer standen die ersten Holzhütten und mit Hilfe zugereister Steinmetze und Baumeister bald auch eine Versammlungshalle am Fuße einer kleinen Hochfläche. Hirten und Weber sorgten für Wolle und einfache Kleidung, Bauern begannen Getreide anzubauen sowie Schweine und Dreuyen zu halten. Anfang Herbst stand eine Mühle und schließlich kamen sogar die ersten Händler aus den umgebenden Städten; aus Arasanh, Taiban, Maggin, Ketaine und Silaine strömten sie herbei.Gleichzeitig wurde Omé schwanger. Anfang Sommer des Jahres 1982 kam das erste Kind von Tól und Omé zur Welt.

Ihr Name sei Lían!“ sprach Tól und hob seine Tochter, eingewickelt in Leinentuch, hoch über seinen Kopf, umringt von den Dorfbewohnern, während Omé noch von der Amme der Gemeinschaft gepflegt wurde. Das Mädchen wurde schnell zum Liebling des Dorfes und alle kümmerten sich gemeinsam um sie, allen voran Gaunus. Schnell fand man so sehr Gefallen an ihr, dass es sich langsam durchsetzte auch das Dorf Lían zu nennen.

In den nächsten sechs Jahren wuchsen sowohl Dorf als auch Kind Lían. Das Dorf bekam reichlich Zustrom; es eröffneten eine Taverne und mehrere Herbergen, zwei Bäcker verarbeiteten das Mehl der Mühle weiter zu Brot, ein Metzger kümmerte sich um die Schweine der Bauern, ein Käsemacher verarbeitete die Milch der Kühe zu Käse und verschiedene Händler boten Obst, Gemüse und andere Sachen feil. Schließlich kamen sogar ein Gerber, ein Ledermacher, ein Schmied, Schuster, Fassbinder, Tischler und Holzarbeiter ins Dorf, allesamt Gläubige von Tól und Omé. Bis 1988 war die Gemeinschaft groß genug geworden, um die Aufmerksamkeit der Behörden von Lurruken zu erregen. Amtsträger aus der Hauptstadt Tamilor kamen nach Lían und nach einer Prüfung durch die Behörden wurde die Gemeinschaft als Teil von Lurruken anerkannt. Andernfalls hätte sie auch nicht weiter bestehen dürfen. Da Lían aber ein luvaunisch klingender Name war, übersetzten die Behörden ihn und trugen das Dorf unter dem Namen Lain in ihre Unterlagen ein. Im gleichen Jahr kam das zweite Kind von Tól und Omé zur Welt.

Sein Name sei Raí!“ sprach Tól und hob seinen Sohn, eingewickelt in Leinentuch, hoch über seinen Kopf, umringt von den Dorfbewohnern. Diesmal aber auf dem Marktplatz stehend, vor der neuen Markthalle. Und Raí ward ebenso großgezogen wie Lían.

II: Amant Emaior und Silön – bis zum Ende der Welt

Beteiligte: Tól, Omé, Silön, Lían, Raí, Amant Emaior, Galand, Raréon, Tamirús, Bannerträger von Emaior, Dienstmagd, Bürger von Lían, Krieger von Emaior, Kämpfer von Maggin, Bürger von Maggin

Orte: Lían, Burg Raí, Maggin

Eines Tages tauchte ein Fremder in Lían auf, ein Kämpfer aus Luvaun.

Wir haben euch bereits erwartet“, sprach Tól.

Der Kämpfer drehte sich überrascht von dem Obststand am Marktplatz um und sah Tól an.

Ihr seid Tól!“ stellte der Kämpfer fest, „Die Beschreibung welche man mir gab hielt ich für übertrieben, aber wahrhaftig! Man erkennt euch sofort.“

Und ihr seid Amant Emaior“, sprach Tól und nickte kurz, „begleitet mich bitte in die Versammlungshalle.“

Emaior folgte ihm, wenngleich sie sich auch genauso gut auf der Straße hätten unterhalten können, da sie eh keiner der Bürger weiter beachtete.

Eine beeindruckende Stadt habt ihr da geschaffen, mein Herr!“ meinte Emaior beeindruckt, sobald sie die Versammlungshalle erreicht hatten.

Wir werden mit unserer Absicht nicht rechtzeitig vorankommen, wenn sich alles so langsam weiter entwickelt“, sprach Tól.

Wird die Welt wirklich untergehen?“ wollte Emaior wissen.

Nicht die ganze“, sprach eine warme Stimme vom Eingang zu einem Nebenzimmer aus.

Emaior blickte zum Durchgang und sah dort Omé stehen. Aber er sah nicht die Person, er sah nur ein Wesen reinster Güte und Schönheit. Augenblicklich fing sein Herz an, nur noch für sie zu schlagen; er sollte ihr ergebenster Diener sein.

Er fiel auf seine Knie nieder und hauchte: „Herrin Omé!“

Omé trat gewandt aus der Tür und zu ihrem Gatten. Dann sah sie Emaior mit einem warmen Lächeln an.

Steh auf, Amant Emaior“, sprach sie und lächelte.

Emaior tat wie ihm geheißen. Leicht unsicher, vor allem aber tief beeindruckt sah er Omé unverwandt an.

Ihr seid nicht umsonst zu uns gekommen“, sprach nun Tól, der Emaiors Blicke nicht übersehen hatte, „sagt, was trieb euch zu uns?“

Ohne den Blick von Omé zu lassen, antwortete Emaior, als hätte sie gesprochen.

Ich habe von eurer Geschichte gehört; von einem Reisenden auf der Straße nach Tamilor, wo ich mir Arbeit suchen wollte.“

Emaiors Blick zuckte kurz zu Tól, dann wieder zu Omé.

Er hielt euch für wahnsinnig und falsche Wahrsager, doch ich wollte mehr wissen und zog nach Arasanh. Dort begegnete ich Anhängern von euch, die mich auf diese eure Stadt verwiesen“, fuhr Emaior fort.

Er sah wieder Tól an.

So steh ich denn nun hier, bereit euch zu dienen! – und auch euch, edle Omé!“ sprach er und sank wieder vor ihr auf die Knie, stand aber ebenso sofort wieder auf.

Tól nickte ernst.

Wir haben euch erwartet – helft uns, möglichst viele zu retten“, sprach er.

Wie sollte ich das tun können?“ fragte Emaior.

Wir müssen die Gemeinschaft vergrößern“, sprach Tól und faltete die Hände vor dem Körper, „Lurruken wird untergehen. Wir müssen den Menschen Sicherheit bieten – fangt damit in den Bergen an! Dort findet ihr auch Silön.“

Und Amant Emaior zog mit einigen Handwerkern, Baumeistern und Arbeitern zum Ostende des Gebirges, um dort eine Burg zur Sicherung des Landes zu errichten, für den Zeitpunkt, an dem Lurruken nicht mehr sein würde. Vorher aber ging er der Aufgabe nach, einen Helfer zu finden, welcher die Worte Tól und Omés würde besser verbreiten können, wurden sie doch bisher von Mensch zu Mensch weiter getragen. Er suchte in den Reihen der Gemeinschaft in Lían, doch fand er erst auf dem Weg zur Baustelle der Burg jemanden: Silön lebte einsiedlerisch in einer Hütte am Südhang der Berge, versteckt in einem kleinen Wäldchen. Emaior entdeckte den Ort zufällig, als er mit seinen Leuten Schutz vor einem Sturm suchen wollte. Er klopfte.

Jemand rief: „Herein!“

Knarrend öffnete sich die Tür.

Wer ist da?“ sprach die Stimme.

Silön stand gerade am Feuer des Kamins und rührte in einem Topf; Emaior stand in der Tür.

Ein Reisender, der Schutz vor dem Sturm sucht – darf man eintreten?“

Silön beäugte ihn misstrauisch, insbesondere seine Waffe.

Wer seid ihr und wohin reist ihr?“

Emaior tat einen vorsichtigen Schritt in die Hütte – Silöns Hand wanderte zum Kaminsims, wo ein Schürhaken lag, woraufhin Emaior seinen nächsten Schritt wieder zurück tat. Er öffnete den Mund, doch sprach nicht sofort.

Mein Name lautet Amant Emaior. Ich reise in den Osten der Berge um dort eine Burg für Tól und Omé zu errichten – und mehr Leute vor dem Unglück der nächsten Jahre zu bewahren.“

Bei der Erwähnung von Tól und Omé blickte Silön interessiert auf.

Tól und Omé schicken euch?“

Tatsache! – Darf ich nun eintreten?“

Silön blickte ihn abschätzend an. „Sicherlich.“

Die Hütte war einigermaßen groß genug, um Kamin, zwei Tische, ein schmales Bett, einen Haufen seltsamer Gerätschaften auf den Tischen sowie zwei Bücherregale voller schwerer Bücher zu beherbergen.

Ihr lebt hier ziemlich abgeschieden“, stellte Emaior fest.

Meine Forschungen erfordern Abgeschiedenheit“, erwiderte Silön etwas kühl.

Forschungen? Welcher Art?“

Silön zögerte kurz und schien widerwillig.

Der Natur und der Gesamtheit vor allen Dingen.“

Ah, interessant“, murmelte Emaior, doch ihn befriedigte diese Antwort in keiner Weise.

Er versuchte den Titel eines Buches, das auf einem der Tische stand, zu erkennen, doch Silön bemerkte dies und verstaute es rasch in einem Regal. Emaior blickte mit geöffnetem Mund auf, versuchte so zu tun, als sei nichts gewesen, und fuhr fort.

Habt ihr euch deshalb von Tól und Omé zurück- und seid hierher gezogen?“

Silön mustere ihn leicht misstrauisch.

Worauf wollt ihr hinaus? Ich habe sie nicht verraten, ich benötige nur etwas Ruhe!“

Emaior hob abwehrend und beschwichtigend die Hände.

Ich wollte euch nichts vorwerfen. Es war nur eine Frage. Und Tól und Omé haben mir aufgetragen, nach euch zu suchen.“

Nach mir?“

Silöns Blick wurde nachdenklich.

Was wollen meine alten Herren von mir?“

Darf ich etwas bleiben? Dann erzähle ich es euch.“

Natürlich“, erwiderte Silön und deutete auf den gefüllten Topf über dem Feuer im Kamin.

Wollt ihr mir beim Essen Gesellschaft leisten?“

Gerne doch!“ antwortete Emaior, zog einen Stuhl heran und setzte sich.

Er fuhr fort: „Bevor ich es vergesse – meine Männer und ich lagern in einer Höhle oben am Berg.“

Silön zögerte – nickte – und rührte etwas im Topf um. Später saßen sie zusammen beim Essen und unterhielten sich über Tól und Omé. Schließlich aber trennten sie sich am nächsten Tag. Emaior und seine Leute zogen zum künftigen Bauplatz der Burg; Silön packte alle wichtigen Sachen und ging nach Lían. Dort wurde Silön bald wieder hauptsächlich verantwortlich für die Verbreitung der Worte von Tól und Omé. Später schickte man Silön nach Süden, in die südöstlichen Gegenden von Lurruken, von Geistig bis Tambaheim und von Taiban bis Ketaine. Silön war in dieser Zeit oft bei Tól und Omé und führte etliche Gespräche offen auf dem Marktplatz mit ihnen darüber, was der Welt zustoßen würde und wie man möglichst viele Lebewesen retten könnte. Silön wurde in dieser Zeit wieder am wichtigsten für die Sache von Tól und Omé; neben Amant Emaior, welcher in Lían und der fast fertig gestellten Burg Kämpfer ausbildete. Er fand ein paar Waffenkundige immer nützlich, und Tól und Omé verweigerten es ihm nicht. Doch oft wusste man auch nicht, was Silön gerade tat, beschäftigt in der Hütte in den Bergen oder im fernen Süden. Eines Tages, als Silön und Emaior wieder zeitgleich in Lían weilten, trafen sie erneut zusammen und unterhielten sich.

Wir müssen die Worte von Tól und Omé aufschreiben und vervielfältigen, um sie leichter verbreiten zu können!“ war Silöns eifrige Ansicht.

Vor allem müssen wir die Leute warnen und dafür sorgen, dass sie hier Schutz und Zuflucht finden, wenn sie ihre Heimat verlieren“, meinte Emaior.

Und genau dazu müssen wir doch die Warnungen verbreiten!“

Und wer soll sie lesen? Keiner meiner Männer kann lesen, und das gewöhnliche Volk erst recht nicht.“

Wir schicken Leute aus, die es ihnen vortragen“, meinte Silön leicht eingeschnappt.

Nur ist es fraglich, ob die Leute es ihnen glauben.“

Dann müssen wir die Besten finden.“

Emaior schien der Zeitpunkt gekommen, das Gespräch abzuwandeln.

Wie geht eure Aufgabe voran?“

Recht gut, ich bin zurzeit besonders in einer Stadt namens Maggin am Gantrott tätig“, antwortete Silön besser gelaunt.

Ja, von der Stadt habe ich gehört“, sagte Emaior nachdenklich.

Plötzlich kam ein Diener zu Türe herein und sah zu Emaior.

Herr, unser Herr Tól will euch sprechen.“

Emaior zog die Augenbrauen hoch. Dann wandte er sich Silön zu.

Ich muss gehen“, erklärte er, und verließ den Raum.

Tól und Omé erwarteten ihn bereits. Sie begrüßten sich kurz, dann kam Tól ohne Umschweife zur Sache.

Amant, ich habe eine weitere Aufgabe für euch.“

Ja, Herr?“

Habt ein Auge auf Silön“, sprach Tól und blickte ihn ernst an.

Herr?“ Emaior blickte verwundert und fragend.

Tut wie euch geheißen“, sprach Tól und ließ es dabei bewenden, „und nun geht.“

Herr…“, murmelte Emaior, verbeugte sich, warf einen Blick zu Omé und ging, vor sich hin grübelnd.

Es war im Frühjahr 1997, als Emaior die Burg endlich fertig stellte. Er nannte sie kurz entschlossen Raí, nach dem Sohn von Tól und Omé, welcher zu dieser Zeit oft in der Burg weilte, um den Kämpfern bei ihrer Ausbildung zuzusehen. Der Junge schwirrte ständig um Emaior herum und bettelte ihn an, auch eine Ausbildung an den Waffen zu bekommen, was Emaior aber stets ablehnen musste, da der Knabe doch erst neun Jahre zählte. Die fünfzehnjährige Lían dagegen blieb stets bei der Gemeinschaft, immer mitten unter den Bürgern und in Kontakt zu ihnen. Während all der Zeit ließ Emaior Silön von je ein, zwei seiner Leute beobachten und sich alles berichten. Im Sommer dann bekam er Nachricht aus Maggin. Scheinbar verbreitete Silön eine ganz andere Lehre, nicht die Worte von Tól und Omé, sondern eigene, gegen Tól und Omé gerichtete. Im Süden, in Orten wie Maggin, fand Silön eigene Anhänger und schien gegen Tól und Omé zu spielen. Emaior reiste sofort zurück nach Lían, um Tól und Omé davon zu berichten. Er blieb bis zum Herbst bei ihnen, als auch Silön schließlich wieder nach Lían zurückkehrte. Silön wurde sofort zu den Dreien beordert. Kaum das Silön die Versammlungshalle betrat, hob Tól anklagend den Finger.

Silön! – Wir haben von deinem Verrat erfahren!“ sprach Tól mit einem harten Ausdruck in den Augen.

Silön blickte erst unsicher, täuschte dann aber Verwunderung vor.

Herr? Wovon sprecht ihr?“

Tut nicht so! Ihr verdreht unsere Worte und versucht gegen uns zu wirken, die Menschen gegen uns aufzuhetzen!“ sprach Tól.

Herr, ihr missversteht – ich versuche euch nur zu dienen.“ Silön wirkte sichtlich nervös.

Wir verstehen alles! – Geht – verlasst die Stadt und kehrt nie wieder hierher zurück – jeder, der euch zwischen Arsullan und Emaiors Burg begegnet, mag euch niederstrecken!“ sprach Tól, und so ward es.

Vogelfrei verließ Silön die Stadt und musste sich durch die Wildnis schlagen, um nicht von irgendwelchen Reisenden gesteinigt oder schlimmeres zu werden. Bald verließ Silön dann ganz das Gebiet der Anhänger von Tól und Omé. Wenige Monde später hieß es, dass Silön Maggin erreicht habe und dort plane die Stadt Lían mit Waffengewalt zu nehmen. Emaior überzeugte Tól und Omé schnell davon, Silön zuvorzukommen. Mit seinen ausgebildeten Kriegern aus Stadt Lían und Burg Raí stellte er in letzterer eine kleine Streitmacht zusammen. Sogar lurrukische Soldaten aus Arasanh und Taiban meldeten sich freiwillig, um den Nachbarn beizustehen. Vielleicht zweimal einhundert Kämpfer konnte Emaior zusammenziehen. Mit den ersten längeren Frühjahrstagen des Jahres 1998 waren Emaior und seine Gefolgschaft bereit, gegen Maggin zu ziehen. Am Morgen des Aufbruchs, als Emaior seinen Truppen voraus zum Burgtor ritt, liefen Raí und Lían zu ihm, welche erst wenige Tage zuvor in der Burg angekommen waren, um dem Aufbruch zusehen zu können.

Kinder! Bleibt zurück und lasst die Männer durch“, ermahnte sie Emaior.

Aber… aber Amant…“, fing der kleine Raí an, doch Lían fiel ihm ins Wort.

Es tut mir Leid, er will unbedingt mit dir mit“, entschuldigte sie ihren kleinen Bruder.

Emaior blickte beide leicht verärgert an. Er hatte keine Zeit für so was.

Raí, es ist viel zu gefährlich für dich und du bist noch zu jung, um mit uns zu kommen!“

Der Junge wirkte, als wäre er den Tränen oder einem Wutausbruch nahe. Immer wieder öffnete und schloss er den Mund, als würde er stottern, doch ohne ein Wort hervorzubringen. Schließlich schaffte er es doch noch.

Aber… aber.. bitte!“

Nein!“ herrschte ihn Emaior barsch an.

Ihr bleibt hier oder kehrt heim zu euren Eltern!“

Raí hob wütend, doch den Tränen nahe, einen Stein vom Boden auf und schmiss ihn auf Emaior. Der Stein prallte aber wirkungslos an dessen Rüstung ab. Der Junge rannte sodenn weinend zu einem Turm der Burg und verschwand dort. Lían und Emaior sahen ihm nach.

Es tut mir Leid…“, meinte Letzterer leise und verunsichert.

Lían sah ihn an.

Es ist nicht deine Schuld – ich werde ihn beruhigen!“ sprach sie und verschwand.

Emaior sah ihnen einen kurzen Moment lang traurig nach, bevor er sich zu seinen Männern umdrehte.

Lasst uns ziehen!“ sagte er mit fester Stimme und laut genug, dass alle ihn hörten, dann ritt er ihnen voran zum Tor heraus.

Zwei Wochen später erreichten sie Maggin. Dieses war eine kleine aber wehrhafte Stadt. Errichtet von Colite-Stämmen aus Darite, doch nach lurrukischem Stil und von lurrukischen Baumeistern, lag sie rechteckig angelegt am Südufer des Gantrott, dort, wo der Bauran in den größeren Fluss mündet. Die rechteckige Anlage ermöglichte einfache, rechtwinklige Mauern, hinter denen Straßen und Häuser ebenso rechtwinklig angelegt waren. Nur drei Tore boten Zugang zur Stadt: Eins gen Südwesten, zur Straße Panen-Tambaheim hin, ein weiteres zum kleinen Hafen der Stadt und letztlich eins, von dem eine lange Brücke aus über den Gantrott führte, die wohl leider einzige Möglichkeit, die sich Emaior nun bot.

Emaior wusste nicht, was ihn dort erwarten würde. Maggin war stärker in der Hand Lurrukens als beispielsweise Arasanh. Eine kleine Abteilung der Armee Lurrukens war hier in diesem Grenzposten inmitten von Lurrukens Südosten beheimatet. Wie sich schnell herausstellte, als Emaior einen Boten zur Stadt entsandte, und dieser einem Pfeilhagel erlag, war es Silön wohl eindeutig gelungen, eben diese zu überzeugen, zum eigenen Schutze Silöns zu handeln. Emaiors Kämpfer waren lange nicht stark genug die Stadt zu stürmen, so entschloss er sich stattdessen, vor ihr zu lagern, sie zu belagern, und einen Teil seiner Leute über den Fluss zu schicken um die beiden Haupttore zu bewachen, auf dass kein Feind die Stadt würde lebend verlassen können.

Emaior zeigte Hartnäckigkeit, Silön dagegen Ausdauer, als sich bis zum Winter des nächsten Jahres an dieser Lage nichts änderte – bis auf kleinere Verstärkungen für Emaior, welcher mittlerweile zwei von Holzmauern gesicherte Lager hatte errichten lassen. Gegen Ende des Winters schließlich wollte Emaior endlich eine Entscheidung. Er wusste, das Ende war nicht mehr fern, Tól und Omé hatten es verkündet. So ließ er den lautstärksten seiner Männer eine Herausforderung gegen die Mauern von Maggin rufen. Und Silön willigte ein, ahnte doch auch Silön, dass es bald so weit sein würde. Die Mauern der Stadt Maggin öffneten sich und heraus strömten Scharen von Kämpfern der Stadt, welche die beiden Lager angriffen. Amant Emaior und Silön aber trafen sich auf einem kleinen Hügel gegenüber vom Hafen, auf der anderen Seite des Flusses, zwischen Gantrott und Bauron, zum Zweikampf. Ihre Reittiere scharrten unruhig im Boden herum.

So treffen wir uns denn also wieder“, begrüßte Silön den Gegner.

Ihr wisst, ich bin hier um euch zu töten!“ entgegnete Emaior.

Gewisslich wollt ihr das“, antworte Silön und fuhr höhnisch fort, „ebenso, wie eure Herren meinen Tod nur wollen, um keine Hindernisse auf ihrem Weg zur Macht zu haben!“

Lüge! – Ihr habt immer nur die Unwahrheit gesprochen!“

So glaubt denn doch, was ihr wollt, Narr, für mich ist es gleich was mit euch in eurer Knechtschaft unter ihren falschen Vorhersagen geschieht.“

Silön wirkte geradezu gelangweilt. Emaior legte wütend eine Hand auf den Griff seines Schwertes, bereit es zu ziehen…

Nehmt das zurück! – sonst beginnt euer Ende bereits hier und jetzt!“

Armer Welpe, der den falschen Herrn anhechelt“, murmelte Silön scheinbar bedauernd.

und Emaior zog es. In Silöns Hand tauchte plötzlich ebenso ein Schwert auf und sie bekämpften sich bis aufs Blut. Trotz Silöns bloßer Gelehrsamkeit und Emaiors starkem Kampfeswillen entwickelte sich der Kampf recht ausgeglichen. Wie Schwertschlag auf Schwertschlag der beiden folgte, so bekämpften sich auch ihre Männer zu beiden Seiten des Flusses. Mehrere Stunden dauerte es und niemand schien die Oberhand zu gewinnen, da geschah es.

Auf dem Hügel unterbrachen Silön und Emaior ihren Kampf und blickten zum Himmel.

Unter ihnen, am Fluss, ließen die Krieger die Waffen sinken und sahen ebenso zum Himmel.

In Lían standen Tól und Omé auf einer der neu angelegten Stufen im Berghang und hoben ihren Blick gen Himmel.

Unten in der Stadt unterbrach Lían ihr Gespräch mit den Bürgern und Raí sein fröhliches Versteckspiel mit anderen Kindern der Stadt und beide starrten zum Himmel.

In Stirmen, so sagt man, beobachtete ein Junge namens Raréon ebenso den Himmel.

Überall auf der Welt unterbrach man jegliches derzeitiges Handeln, sah verwundert die anderen an, die bereits zum Himmel sahen und folgte ihren Blicken, mit Schrecken in den Augen.

Und in Tamilor sah Tamirús zu den Sternen empor und sah sein Ende und das eines Zeitalters des Friedens und Wohlstandes gekommen.

Der rote Feuerschein am klaren Himmel wurde schnell immer größer. Schließlich raste er als glühender Feuerball mit brennendem Schweif im Süden immer tiefer und verschwand schließlich außer Sicht. Die nachfolgenden Erschütterungen soll man sogar in Tamilor noch gespürt haben, als einer Dienstmagd beim Putzen ein Kristallkelch zerbrach. Im südlichen Salire dagegen sah man alles besser. Dort beobachtete man, wie nach dem Verschwinden des Balles weit im Süden eine Rauch- und Feuersäule sich zum Himmel erhob. Staub und Asche und sollten noch nach Monden in Salire niedergehen. Nachdem sich schließlich auch die Feuersäule gelegt hatte, begannen die ersten hohen Flutwellen. Manche waren so hoch, dass eine ganze Stadt unter ihnen begraben und zerstört wurde. Bei all diesen Verheerungen bemerkte aber kaum jemand, wie das Wasser des Meeres allmählich anstieg und von den Küsten nicht mehr aufgehalten ins Landesinnere kroch. Tól und Omé wussten, was nun zu tun sei. Ihre Gesandten in den umgebenden Regionen und Städten auch.

Auf dem Hügel bei Maggin sahen sich Silön und Emaior an, nachdem sie eine Weile den südlichen Horizont beobachtet hatten. Silön kniff verärgert die Augen zusammen; Emaior wirkte verstört und siegessicher zugleich, hatten Tól und Omé doch immer Recht gehabt.

Seht!“ rief er erstaunt, als er sah, was beim Fluss geschah.

Auch Silön wandte den Blick dorthin. Beim Fluss, zumindest auf der Seite, zu der sie Einsicht hatten, waren die Kämpfe mittlerweile vollständig zum Erliegen gekommen. Nachdem beide Armeen eine Zeit lang den Süden beobachtet hatten, begriffen sie endlich, was geschehen war. Die Einheiten Emaiors sahen Tól und Omés Vorhersagen bestätigt und hatten Vertrauen darin, dass ihnen nichts geschehen würde. Silöns Leute dagegen sahen die Vorhersagen ebenfalls bestätigt und befürchteten nun das Schlimmste. Wer weiß schon, was ihnen Tól und Omé noch antun könnten. So beschlossen sie, sich möglichst schnell möglichst weit von Lían zu entfernen.

Als nach und nach mehr Krieger von der Stadt aus Richtung Süden oder Westen flohen, fluchte Silön, sah Emaior kurz böse an und folgte den Flüchtlingen, um möglichst viele wieder zu sammeln und sie nicht gänzlich zu verlieren. Emaior ließ sie alle ziehen. Er gesellte sich zu seinen Männern, die den Sieg feierten und bereits teilweise in die Stadt eingezogen waren. Die lurrukischen Einheiten von Silön waren größtenteils geflohen, die wenigen Verbliebenen ergaben sich widerstandslos. Emaior ritt bis zum Marktplatz, blieb dort stehen und blickte über den Platz. Ein paar der Kämpfer folgten ihm, andere sicherten die Mauern und schlossen das Südwesttor um eine Rückkehr von Silön zu verhindern. Einige der Bewohner von Maggin lugten vorsichtig aus ihren Häusern oder drückten sich in Nebenstraßen. Als ein Bannerträger bei ihm ankam, erhob Emaior die Stimme.

Bewohner von Maggin!“ rief er laut genug, dass alle auf dem Platz ihn hören konnten.

Silön ist vertrieben und in diesem Moment versinkt die Welt in Verwirrung und Unheil! Hiermit erkläre ich diese Stadt als unter dem Schutz von Tól und Omé stehend, welche in Lían weilen und für euer Wohl sorgen!“

Er ließ die Worte kurz verhallen, bevor er sich zu einem seiner Männer namens Galand runter beugte und diesem leise sagte:

Sichert die Wälle ab und verhindert eine Rückkehr von Silön!“

Bereits geschehen, Herr!“

Emaior nickte zufrieden.

Sehr gut.“

In der nächsten Zeit ging Emaior zurück nach Lían um Bericht zu erstatten und wegen dem Feuer nachzufragen. Man schickte ihn zu den Ländern in der Geistebene. Der gewaltige Geist, der große Fluss, der gewaltige Urstrom, wurde zu dieser Zeit Stunde um Stunde stärker vom Meer bedrängt, welches über den Fluss ins Landesinnere drang. Emaior reiste nach Ketaine und Silaine, zwei Städte, zwischen Lían und dem Geist gelegen, und versuchte die Einwohner davon zu überzeugen, die gefährdeten Gebiete doch zu verlassen und mit nach Süden zu kommen, wo sie sicher seien. Die meisten aber waren erst soweit dieses zu tun, wenn ihr Haus bereits bis zum Dach unter Wasser stand.

Silön samt den wenigen verbliebenen Getreuen überquerte derweil den Fluss Panenfiress südlich von Maggin und erreichte nach wenigen Wochen die kleine Stadt Darôn am Fluss Nechdra. Dort meinte Silön weit genug von Lían entfernt zu sein. In dieser Stadt weit am Rande von Lurrukens Grenzmarken nistete sich Silön ein, versprach Schutz und sammelte Leute aus den langsam versinkenden Gebieten im Süden, aus Gegenden wie Tambien.

In diesem Jahr 2000 stieg der Meeresspiegel um etliches. Zahlreiche Küsten verschwanden in den Fluten, viele Hafenstädte versanken, fast ganz Salire und Pakama gingen unter – am größten jedoch waren die Verheerungen in der Geistebene, die bis zu den Schmelzöfen und kurz vor Lían fast völlig verschwand. Das Geistmeer entstand, umspülte die Überreste der Orte und die leblosen Körper derer, die nicht ihr Zuhause verlassen wollten um Schutz in den höher gelegenen Regionen zu suchen. Lían und die Gegend unter dem Schutz von Tól und Omé erhielten zu dieser Zeit starken Zustrom, unterstützt durch die Bemühungen von Emaior. Lían festigte seinen Einfluss in dieser Gegend immer mehr, da Lurruken allmählich die Macht verlor, lag doch nun gut ein Drittel des Landes unter Wasser. Das Gebiet von Tól und Omé erstreckte sich langsam von Taiban über Lían bis zur Burg Raí und hinab nach Maggin. Im Norden hatte sich unfern des Gebirges eine Küste gebildet, als das Vordringen des Meeres dort endete. Viele der überlebenden geflohenen Einwohner der versunkenen Tiefebene siedelten sich dort an, unterstützt von Tól und Omé. Amant Emaior pendelte durch die Randgebiete von Lían über Maggin bis zur Burg Raí.

III: Die Erlebnisse von Raí

Beteiligte: Tól, Omé, Silön, Lían, Raí, Raréon, Thaléon Balouron, ein Arbeiter, ein Wagenführer, ein Fährmann, ein Diener, zwei Wächter, Bauarbeiter, Bürger von Lían

Orte: Lían, Arsullan, Darôn, Silour

Im Jahre 2002 feierte man den 20. Geburtstag von Lían; Tochter und Stadt. Lían und ihre Eltern standen am Vorabend auf der höchsten der am Berghang angelegten Stufen, von wo aus jeder Stadtbewohner sie sehen konnte. Beleuchtet von Fackeln stand Lían vor ihren Eltern.

Lían! Heute wirst du in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen“, sprach Tól und alle Augen richteten sich auf ihn.

Damit ist deine Kindheit vorbei und du trägst alle Pflichten eines Bürgers der Stadt!“

Lächelnd legte Líans Mutter ihr einen Kranz Blumen um den Hals.

Tól wandte sich an die versammelten Bürger: „Lasst die Feierlichkeiten beginnen; der morgige Tag soll ein Feiertag sein!“

Die Leute jubelten ihm zu und verstreuten sich.

Tól wandte sich an seine Tochter und sagte leise: „Komm morgen früh zu mir – und nun geh feiern.“

Tól und Omé selber nahmen nur unbeteiligt an den Feierlichkeiten teil, vornehmlich saßen sie am Kopfende der großen Tischreihe, die zum Zwecke eines öffentlichen Festmahles auf dem Marktplatz aufgestellt worden war. Lían saß zeitweise neben ihnen und feierte den Rest der Zeit mit den Bürgern. Raí sah oft neidisch zu seiner Schwester, derweil er ebenfalls am Tisch saß und später allein durch die Schatten wanderte. Am nächsten Morgen stand Lían beizeiten vor ihren Eltern. Wieder sprach Tól mit ihr.

Lían, zu deinen neuen Pflichten wird es gehören, uns und den Bürgern bei der Verwaltung der Stadt zu helfen. Außerdem solltest du dich mit dem Land vertraut machen und auch lernen dich nötigenfalls verteidigen zu können. Bei diesen Aufgaben wird dir unser neuer Besucher helfen.“

Tól erhob die Stimme und rief: „Tretet ein, Raréon!“

Aus einem Nebenzimmer kam ein junger Mann in den Raum und trug ein freches Lächeln zur Schau. Der Mann verbeugte sich vor Tól und Omé und sah Lían mit blitzenden Augen an.

Ihr müsst Lían sein“, begrüßte er sie, „ich bin Raréon.“

Lían musterte ihn und seine merkwürdige, an Wildnisleben erinnernde Kleidung in grünen und braunen Erd- sowie Grautönen. Er schien kaum älter als sie selbst zu sein.

Lían“, mischte sich nun Omé ein, „führe deinen Gast doch bitte durch die Stadt und zeige ihm alles.“

Ja, Mutter“, antwortete Lían wie von selbst.

Raréon ist schon in seine Aufgaben eingewiesen worden“, sprach Tól, „er wird dir sagen, was ihr nach der Besichtigung zu tun habt.“

Damit entfernten sich Lían und Raréon. In der darauf folgenden Zeit reisten die Beiden durch das Schutzgebiet von Líans Eltern. Sie lernte die nötigen Dinge zur Verwaltung und den Umgang mit Schwert und Bogen.

Raí aber wurde immer neidischer und eifersüchtiger auf seine Schwester. Als er sah, wie gut sie sich mit Raréon verstand, wie viel Spaß die beiden zusammen hatten und was sie alles lernen durfte, fragte er seine Eltern, ob er nicht auch an einer Waffe ausgebildet werden würde. Als sie dies verneinten, erzürnte es ihn und er verkroch sich wie immer in einem kleinen Tal in den Bergen, wo er vor sich hin brütete. Diesmal aber beschloss er, seine Eltern ganz zu verlassen, da sie ihm eh nie erlauben würden zu tun, wonach es ihm dürstete, so meinte er zumindest. Er fühlte sich von ihnen vernachlässigt und war neidisch darauf, was seine ältere Schwester alles durfte. Raí erzählte niemandem von seinem Plan, nicht den anderen Kindern der Stadt, nicht seiner Schwester, Amant Emaior oder seiner Amme. Er packte lediglich heimlich etwas Kleidung, Nahrung und ähnliche Dinge derer er meinte zu bedürfen ein und schlich sich eines Tages kurz vor Morgengrauen aus dem Haus seiner Eltern und der Stadt. Niemand bemerkte sein Verschwinden.

Der gerade erst 14Jährige schlug sich nach Südosten durch. Er hielt sich dabei an den Verlauf der Straße nach Maggin sowie der größeren, von Maggin nach Arsullan führenden, behielt aber stets einen gewissen Abstand zur Straße ein, um auch ja nicht gesehen zu werden. Manchmal übernachtete er in einer unbewachten Scheune eines Bauernhofes, wenn er sicher war, dass ihn niemand erwischen oder bestrafen würde. Öfter noch musste er aber im Schutze eines Wäldchens am Straßenrand übernachten. Da die Nächte warm genug waren, überstand er es unbeschadet. Selten auch nahm ihn jemand auf und bot ihm einen Platz am Feuer an. Stets fragte man ihn, was er so alleine unterwegs machen würde, stets bot man ihm an, länger Unterkunft zu beziehen und seine Eltern zu finden – stets verneinte er und reiste weiter.

Irgendwann im Sommer erreichte er Arsullan. Ehemals die befestigte Grenzstadt in der Ebene im Inland, lag es nun nur noch einen kurzen Weg vom Meer entfernt. Wie Raí in der Stadt vom alltäglichen Geplapper der Bewohner erfuhr, war das Meer im Westen wie im Osten bedrohlich nahe gerückt. Die Straße nach Tambaheim in Tambien führte weiterhin eine gute Zeit nach Süden, verschwand dann jedoch irgendwann plötzlich im Meer. Am neuen jungen Strand stehend solle man aber noch sehen können, wie die Straße am Meeresboden weiterführte, gen Südosten, bis irgendwann das Meer zu dunkel wurde um noch etwas zu erkennen. Die Straße nach Darôn dagegen endete bereits kurz vor der Stadt. Man wusste aber, dass Darôn noch vorhanden war.

Alle Bewohner schienen Angst zu haben, dass das Wasser weiter vorrücken würde. Einige waren schon geflohen, auch hielten sich viele Flüchtlinge aus Tambaheim in Arsullan auf. Man hatte von Tól und Omé gehört, traute ihnen aber nicht. Die Stadt wollte neutral bleiben, wenn schon Lurruken sie vergessen hatte. Auch in Raí begann eine wachsende Angst vor dem Meer zu entstehen. Fast eine Woche hielt er sich in der Stadt auf. Er klaute sich Nahrung zusammen, übernachtete, wo er gerade einen Platz fand und so langsam wurde der Wunsch in ihm groß, in die Sicherheit seiner Eltern zurückzukehren. Schließlich erfuhr er aber, dass eine Person namens Silön auf der anderen Seite der jungen Bucht an der Arsullan nun lag, versuchte, die verstreuten Städte und Dörfer, dem Schutze ihres Lurrukens beraubt, zu vereinen. Raí kannte Silön noch, konnte sich aber an irgendwelche begangenen Missetaten nicht gut erinnern. Eine bekannte Person nun in der Nähe wähnend, beschloss er, nach Darôn zu ziehen. Vorsichtig reiste er an der Küste der großen Bucht entlang gen Westen.

Zur Überquerung des Flusses Panenfiress musste er wieder eine Weile ins Inland reisen, da wegen der Verbreiterung des Flusses zum Meer hin viele der alten Brücken zerstört worden waren. Nach einer weiteren Woche Wanderschaft – manchmal nahm ihn auch jemand mit dem Karren mit – kam er nach Darôn. Dort war alles irgendwie mit Bauarbeiten, Umgestaltungen und Beförderungen von Baustoffen beschäftigt. Raí – von dem langen Reisen erschöpft, mit zerrissenen, schmutzigen Kleidern am ungewaschenen Leib, hungrig und allgemein heruntergekommen – hielt einen Mann, einen Arbeiter, an, der gerade zwei Ochsen dazu antrieb einen Karren mit Werkzeugen zu ziehen.

Wofür werden die ganzen Arbeiter und Werkzeuge gebraucht?“ fragte er erschöpft aber mit jugendlicher Neugier, ohne zu grüßen.

Zur Strafe sah der Mann ihn misstrauisch an.

Was geht dich das denn an, Kleiner?“

Er schickte sich an, ohne Halt mit dem Karren weiter zu ziehen. Raí musste aus dem Weg der Ochsen springen um nicht von diesen zertrampelt zu werden. Sofort folgte er aber dem Mann wieder.

Ich will zu Silön, kennt ihr den Weg?“

Nun lachte der Mann kurz lauthals auf, lachte ihn aus.

Dann beschleunigte er den Schritt der Ochsen durch harte Peitschenschläge und rief Raí hinterher, derweil dieser wieder schnell zur Seite springen musste: „Kleiner! Folge einfach den ganzen Karren, den Weg den Fluss entlang zum Meer zur Baustelle!“

Und das tat Raí dann auch. Darôn lag an der Nechdra, einem Fluss mit etlichen Quell- und Nebenflüssen, die fast gänzlich aus dem Azirun, einem der größten Gebirge des Kontinentes, kamen und ihrerseits auch wieder zahlreiche Quellflüsschen hatten. So war das Land zwischen Nechdra und Azirun fruchtbar, aber auch nur schwer zu bebauen. Die Straße führte an der Nordostseite des Flusses, der dem Gebirge abgewandten Seite, entlang, von Panen über Arsen nach Darôn und von dort einstmals nach Serra, welches aber nun auch versunken lag. Darôn lag am nun zweitletzten größeren Nebenfluss der Nechdra, der Brestan. Die Reise zur neuen Mündung der Nechdra war demzufolge kurz, sie lag nun bereits knapp nach dem ehemals drittletztem, nun aber letztem Nebenfluss, dem Piket.

Raí wurde fast den ganzen Weg von anderen Karren mitgenommen, deren Fahrer und Treiber freundlicher und netter waren als der in Darôn. Kurz hinter der Mündung des Piket in die Nechdra konnte man bereits die Mündung der Nechdra und die Bucht erkennen. Vielmehr aber – da Raí noch nie zuvor hier gewesen und das Land vor dem Vorrücken des Meeres gesehen hatte – erstaunte den Jungen der Anblick der immensen Baustelle, die sich teilweise zwischen die Flussmündung und eine, in die große Bucht hinausragende Landspitze quetschte, sich größtenteils aber auf einer großen Insel in der Mündung ausbreitete.

Was ist das?“ fragte Raí den Fahrer des Wagens, auf dem er mitfuhr.

Dies wird die neue Hauptstadt Silöns“, erklärte der Mann neben ihm auf dem Kutschbock mit strahlenden Augen und Stolz.

Ein treuer Anhänger also, dachte Raí, fast so wie die meiner Eltern. Ein Teil der Stadt auf der Insel stand bereits, Raí fiel jedoch noch etwas ganz anderes auf.

Wofür die starken Mauern und Befestigungen dort?“ wollte er wissen.

Silön hat uns von den Lügen und Bedrohungen der falschen Mahner Tól und Omé erzählt. Silön befürchtet, dass sie mit ihrer Armee zu uns kommen könnten um auch unsere Länder zu erobern. Silön bietet nun Schutz für Darôn und andere Orte an der Nechdra und errichtet hier eine gewaltige Festung, um die Feinde aus dem Norden abzuschrecken, nun, da die meisten Soldaten und Diener von Lurruken geflohen sind.“

Raí schwieg dazu. Er hatte nicht vor, seine Eltern zu verteidigen, die ihm ständig alles verboten hatten und so selten für ihn da gewesen waren. So fuhren sie also weiter bis zu den Baustellen an der Bucht.

Du musst hier absteigen, Kleiner“, erklärte ihm der Fahrer, „ich muss die Steine hier abliefern und werde morgen zurück nach Darôn fahren.“

Wie komme ich auf die Insel?“ fragte Raí, obwohl er sich eher davor fürchtete, vom Wasser eingeschlossen zu sein.

Du nimmst die Fähre dort hinten“, er deutete nach Südwesten, irgendwo jenseits von Baugerüsten und –stoffen, „sie fährt nur, wenn genug Leute übersetzen wollen.“

Danke!“ erwiderte Raí und stieg vom Wagen.

Der Mann fuhr umgehend weiter. Raí sah sich kurz um. Überall befanden sich Gebäude, Mauern und Straßen im Bau, etliche Leute wuselten zwischen den einzelnen Baustellen umher, Wagen und Karren lieferten Baustoffe, Werkzeuge und Verpflegung an und ständig rief irgendjemand einer weiter entfernten Person Anweisungen oder Warnungen zu. Da es noch früh am Tag war, suchte sich Raí seinen Weg zur Fähre. Diese war in Wirklichkeit nur ein alter Holzkahn, der früher wohl ungefähr an dieser Stelle der Nechdra seinen Dienst als Flussschiff getätigt hatte. Es war gerade groß genug für etwa zwei Wagenladungen und die dazugehörigen Leute. Im Moment war sie ohne Ladung.

Bringt mich zu der Insel!“ forderte Raí von dem Fährmann.

Dieser warf ihm nur ein zahnloses Grinsen zu.

Bursche! Siehst du nicht, dass ich auf Ladung warte? Wenn du übersetzen willst, gedulde dich, bis der Kahn voll ist!“

Raí wartete geschlagene zwei Stunden, dann endlich kamen Holz, Steine, Werkzeuge und Arbeiter für die Insel. Das Schiff schaukelte dank des klaren, warmen Tages kaum, doch lag es tief im Wasser und Raí konnte die ganze Zeit nur daran denken, dass es untergehen und sie alle ertrinken würden. Aber kurze Zeit später stand er auf der Insel. Im Südosten erblickte er ein großes Gebäude, das ihn noch am ehesten an einen Palast aus den Geschichten seiner Amme erinnerte. Er hielt direkt darauf zu, auf Straßen zwischen fertigen und halbfertigen Gebäuden hindurch, und schließlich durch die offenen Tore in den starken Mauern die den Palast umgaben. Niemand hielt ihn auf, erst vor den Toren des Palastes selber standen zwei Wachen. Zwei Bartäxte versperrten ihm plötzlich den Weg.

Kein Zutritt zum Palast für Fremde!“ erklärte einer der Wächter und sah ihn hart an.

Lasst mich durch!“ empörte sich Raí, der es nicht gewohnt war, dass sich ihm Wächter widersetzten, „Ich bin Raí, Silön kennt mich! – Ich muss dringend zu Silön!“

Der andere Wächter sah ihn belustigt an.

Warum sollte Silön einen solch verdreckten Bettlerjungen kennen?“

Beide Wächter lachten, Raí aber wurde zornig und lief rot an.

Lasst mich durch!“ wiederholte er laut und trotzig.

Was willst du schon machen?“ grinste der erste Wächter.

In dem Moment öffnete sich eine kleine Tür in einem der Torflügel und es kam ein schwarz gewandeter Mann heraus. Er sah wichtig aus.

Was ist hier los?“ fragte er, blickte sich zu allen Seiten um, starrte zuerst die Wächter an, welche Haltung annahmen und ernst drein blickten, dann Raí.

Wer bist du, Kleiner?“ wollte er wissen, kniff die Augen zusammen und musterte den Knaben gründlich.

Einer der Wächter ergriff unaufgefordert das Wort: „Herr, dieser Junge will zu Silön – er behauptet, Silön kenne ihn.“

Der Blick des Schwarzgekleideten zuckte zuerst leicht verärgert zu dem Wächter, der gesprochen hatte, dann zu Raí.

Noch mal – wer bist du und was willst du von Silön?“

Raí plusterte sich so gut es ging auf und versuchte wichtig auszusehen.

Mein Name ist Raí – Silön wird mich sicherlich sehen wollen – und nun lasst mich endlich ein!“

Raí drang bis zu den Äxten vor, die ihm erneut schnell den Weg versperrten, und sah den Mann durchdringend an. Als von allen bewunderter und geachteter Sohn von Tól und Omé war ihm in Lían immer nur Ehrfurcht entgegen gebracht worden, anderes war er nicht gewöhnt.

Der Mann überlegte eine Weile, dann befahl er nachdenklich, doch ruhig: „Lasst ihn durch – er scheint keine Gefahr zu sein – ich werde mich um ihn kümmern.“

Raí folgte dem Mann durch die Gänge des Palastes.

Mein Name ist Thaléon Balouron, erster und höchster Berater von Silön“, stellte dieser sich vor. „Falls du dich wunderst – wie in deinem eigenen Heimatland stammen viele in dieser Gegend von Luvaunen ab. Silön hat beschlossen, diese Sprache zu fördern – ebenfalls, wie es bei euch geschieht.“

Das interessierte Raí natürlich nahezu gar nicht. Stattdessen fiel ihm etwas anderes auf.

Ihr kennt mich also!“ stellte er fest.

Balouron lächelte, ein irgendwie unpassender Ausdruck in dem düsteren Gesicht mittleren Alters.

Silön meinte, es könnte ein Junge vorbeikommen – einer unserer Helfer, der Arsullan besuchte, hat uns Kunde gebracht. Du könntest dieser Junge sein, also frage ich lieber Silön.“

Sie kamen an zwei großen, schwarzen Torflügeln zu stehen.

Warte hier!“ ermahnte Balouron, öffnete einen der Flügel einen spaltbreit, schob sich hindurch und schloss ihn wieder hinter sich.

Raí wartete minutenlang und sah sich die Inneneinrichtung an. Das meiste war noch kahl und leer, aber an den Wänden hingen bereits einige Wandteppiche. Diese konnten dort zwar noch nicht lange hängen, sahen aber bereits verstaubt aus und erzählten von uralten Schlachten und Begebenheiten. Ansonsten war der Palast tatsächlich eher spärlich eingerichtet. Nach einiger Zeit öffnete sich der Torflügel wieder und der Kopf eines weiteren Mannes lugte heraus.

Ihr dürft eintreten“, sprach der Diener und schob die Flügel weit genug auf, damit Raí hindurch passte.

Der Raum hinter dem Tor war offensichtlich ein erst notdürftig eingerichteter Thronsaal. Die Erhebung für den Thron war schon vorhanden, sonst aber nur Kerzenleuchter und einige wenige Möbel. Der Diener deutete auf eine Tür rechterhand der Thronerhebung, verbeugte sich und verschwand durch eine Tür linkerhand von dieser. Raí stand nun allein im Saal. Schließlich ging er durch die Tür, auf die der Diener gedeutet hatte. Ihn erwartete ein Arbeitszimmer, mit Schreibtischen, Bücherregalen und Stühlen sowie weiterführenden Türen. Silön stand mit einem Buch in der Hand an einem Regal und las darin. Dann bemerkte Raí einen zuerst gespielt erstaunten Blick, gefolgt von einem erfreuten warmen Lächeln. Das Buch wurde geschlossen und auf einen Tisch gelegt. Silön kam auf ihn zu und nahm ihn kurz in den Arm, trat dann zurück und sah ihn an.

Es erfreut mich, dich hier begrüßen zu dürfen, Raí. Aber was führt dich zu mir?“

Nun musste Raí kurz verlegen zu Boden blicken, während er mit offenem Mund nach Worten suchte, um sich zu erklären.

Ich – ich bin von Zuhause weggelaufen“, begann er unsicher.

Dann aber übermannte ihn die Wut auf seine Eltern: „Nie erlaubt man mir, zu tun, was ich tun möchte! – Alle achten immer nur auf Lían!“

Raí schien den Tränen nahe. Silön lächelte beruhigend weiter.

Und warum bist du gerade zu mir gekommen?“

Ich habe in Arsullan gehört, dass du hier bist – und wo sollte ich sonst hin? Ich kenne hier nur dich.“

Wieder lächelte Silön.

Du kannst gerne hier bleiben – und mir helfen, wenn du willst und kannst.“

Raí witterte endlich wichtige Aufgaben für sich. Diese Aussichten ließen ihn erfreut aufblicken.

Was soll ich tun?“

Ein drittes Mal lächelte Silön, tiefere Gefühle verbergend.

Lass uns erstmal hinsetzen. – Willst du etwas zu trinken?“

Durstig und erschöpft nickte Raí schnell, bevor er sich auf einen der Stühle setzte. Silön nahm Krug und Becher aus einem Schrank, stellte sie auf den Tisch, goss Raí und sich feinsten Obstsaft ein und setzte sich dann Raí gegenüber. Raí trank begierig.

Silön goss ihm mehr ein und fuhr fort: „Wie du sicher gehört hast, versuche ich die Städte und Dörfer an der Nechdra zu einen und zu schützen. – Die Feste hier soll als Mittelpunkt meiner Pläne dienen und besonderen Schutz bieten. – Es würde mich nicht wundern, wenn deine Eltern weiter versuchen mich zu behindern. – Weißt du, ich wollte deinen Eltern nur dienen und helfen, ich stand lange in ihren Diensten. Doch dann bemerkte ich ihre wahre schändliche Absicht und nun versuchen deine Eltern, mich zum Schweigen zu bringen.“

Silön blickte völlig ernst und unschuldig, Raí weiterhin begierig.

Wie kann ich dir helfen?“

Nun sah Silön ihn noch ernster an.

Hilf mir dabei, das Land an der Nechdra zu einen. – Tamirús und Lurruken haben dieses Gebiet bereits völlig aufgegeben und überlassen es nun sich selbst, da überall das Meer Land verschlungen hat und hier schreckliche verwirrende Zustände ausgebrochen sind. – Niemand sagt den Leuten mehr, was zu tun ist, noch bietet ihnen jemand Schutz und Hilfe.“

Aber ich habe Angst vor dem Meer“, musste Raí kleinlaut zugeben.

Silön lächelte ihn aufmunternd an.

Geh nach Darôn. – Ich setze dich dort als Statthalter ein. – Sag den Leuten in meinem Namen, was zu tun ist.“

Aber ich möchte lernen zu kämpfen“, wand Raí ein.

Erneut musste Silön lächeln, diesmal erheitert.

Keine Angst, ich lasse dir die besten Ausbilder zukommen, die ich finden kann. – Und wenn die Verwaltung von Darôn steht und wir eine Armee aufbauen können um uns zu verteidigen, wirst du sie anführen!“

Raís Augen begannen zu leuchten. – Sofort willigte er ein. Silön lächelte diesmal erfreut.

Meinen Berater – Thaléon Balouron – hast du ja bereits kennen gelernt. – Bleib einige Tage oder Wochen hier im Palast, er wird dich in deine Aufgaben einweisen und dir zur Seite stehen. – Geh einfach in das Zimmer gegenüber von diesem. – Auf der anderen Seite des Thronsaales.“

Damit verabschiedeten sie sich voneinander und Raí umarmte Silön in kindlicher Freude. Silön lächelte ein letztes Mal – alles verlief erfreulich.

Raí wurde zwei Wochen lang von Balouron eingewiesen. Er reiste dann zurück nach Darôn, wurde dort den Einwohnern als neuer Herr von Darôn öffentlich vorgestellt und bekam einen Stab von Beratern zugeteilt, die ihm bei der Bewältigung der Verwaltungsaufgaben helfen sollten, in Wirklichkeit aber natürlich den Großteil der Arbeit selbst übernahmen. Lieber konzentrierte sich Raí auf das Kämpfen mit Schwert und Schild, Bogen und anderen Waffen; ebenso brachte man ihm das Führen von Kriegern bei, zwei Jahre später – weiterhin unterstützt von Beratern und über Hauptleute, die seine Fehler wieder gut machen konnten. Zu Raís 16. Geburtstag verkündete Silön auch den Namen der nun fast fertigen Feste in der Nechdramündung, während an der Stadt noch fleißig gebaut wurde. Man kannte sie ab sofort unter dem Namen Silour – manchmal auch geschrieben: Silûr. Auch festigte Silön die Herrschaft über das Nechdraland bis zur Stadt Arsen, fast am anderen Ende der Nechdra, welche Silöns Schutz annahm. Die Vorgänge der Machtfestigung Silöns und des Lernens Raís gingen die nächsten Jahre ohne größere Vorkommnisse voran. In der Zwischenzeit hielten aber die Abläufe auch im Gebiet von Tól und Omé nicht an.

IV: Die Forschungsreisen von Amant Emaior und Raréon

Beteiligte: Tól, Omé, Lían, Raréon, Amant Emaior, Malont Déaron, Gaunus, Galand, Tamirús, Diener von Tamirús, Emaiors Reisegesellschaft, Raréons Reisegesellschaft, Bürger von Lían, Seeleute

Orte: Lían, Burg Raí, Ahém, Tamilor

Nach dem Verschwinden von Raí fragten sich alle in Lían, was passiert sei und machten sich Sorgen um Raí und seinen Verbleib. Amant Emaior wies alle Grenzposten und Wächter größerer Orte an, verstärkt darauf aufzupassen, eine Spur von Raí zu finden und schickte zahlreiche Späher aus, nach dem Jungen zu suchen. Auch Lían und Raréon baten Reisende, nach ihm Ausschau zu halten. Nur Tól und Omé selber unternahmen nichts. Wurden sie von jemandem gefragt, bedauerten sie das Verschwinden ihres Sohnes sehr wohl – doch gaben sie auch stets zu bedenken, dass Raí sich vermutlich nicht mehr in der Nähe aufhielt. Heimlich jedoch ging Omé zu Amant Emaior und bat ihn, trotzdem Leute auf die Suche nach ihrem Sohn zu entsenden.

Die Jahre vergingen und ähnlich wie Silön machten sich auch Tól und Omé daran, ihre Herrschaft zu festigen und auszubauen. Die Ausweitung ihres Gebietes war aber schwerer geworden. Im Osten, an der Küste, hatten sich aus den Überresten der lurrukischen Verwaltungsbereiche kleine Länder gebildet. In Yalame zum Beispiel hatte eine Banditenbande die Stadt übernommen und allmählich umgebende Dörfer unterworfen. Nun entwickelte sich das Ganze langsam zum Piratennest. Nach Norden hin hatten Tól und Omé aber schon immer verstärkt ihre Aufmerksamkeit gerichtet. Nun begannen sie, wenige Jahre nach dem Verschwinden von Raí, mit dem Bau eines Hafens. 2010 wurde dieser endlich fertiggestellt und trug fortan den Namen Ahém. Ahém lag an der großen Bucht, deren Entstehung die Städte Ketaine und Silaine hatte untergehen lassen. Geschützt wurde sie von einer kleinen Feste, bemannt von den Kämpfern von Amant Emaior.

Ihr wolltet mich sprechen?“

Amant Emaior stand im Empfangszimmer des Hauses von Tól und Omé in Lían. Tól und Omé waren wie immer in der Mitte des Raumes, Emaior hatte das Gebäude gerade erst betreten und kniete kurz vor den beiden nieder.

Wie ihr wisst, wissen wir wiederum nichts von dem Vorgehen in der Welt“, sprach Tól.

Ja, Herr!“

Amant“, mischte sich Omé nun ein, „wir müssen erfahren, wie es mit dem Rest der Welt bestellt ist. Vielleicht bedürfen noch andere Völker unserer Hilfe.“

Das Meer hat sich am Geist entlang tief ins Inland ausgebreitet“, sprach Tól, „viele Gebiete von Lurruken und Zardarrin müssen verschwunden sein – auch überall sonst auf der Welt wird es ähnlich aussehen. Wir wollen wissen, welche Länder noch vorhanden und welche im Wirrwarr versunken sind und unsere Hilfe brauchen. – Deshalb wollen wir von hier eine Forschungsreise per Schiff bis nach Tolum senden. – Sofern es noch besteht.“

Was ist meine Aufgabe dabei?“ fragte Emaior etwas verunsichert, da er es bereits ahnte.

Ihr sollt die Reise leiten“, sprach es Omé dann aus und lächelte ermutigend.

Aber was ist mit meinen Aufgaben hier? – Wer sagt den Kriegern in meiner Abwesenheit, was zu tun ist?“

Sucht euren fähigsten Gefolgsmann aus, eure Aufgaben zu übernehmen“, sprach da Tól.

Ja, Herr…“

Emaior war gar nicht begeistert von der Idee, um die halbe Welt segeln zu müssen. Aber er würde alles für Tól und insbesondere Omé tun.

Ihr brecht in einem Jahr in Ahém auf, bereitet bis dahin alles Notwendige dafür vor“, sprach Tól.

Und Amant – wir vertrauen sehr auf euch. – Niemand anderem könnten wir diese Aufgabe anvertrauen“, ergänzte Omé und lächelte weiterhin.

Ja, Herrin Omé.“

Emaior hätte alles für Omé getan, so war er nach ihrem Zuspruch auch ohne Bedenken bereit zu leisten, was man von ihm wollte. In den folgenden Monden hielt er sich abwechselnd in Ahém und der Burg Raí auf. In Raí suchte er einen Stellvertreter für die Zeit seiner Abwesenheit – der noch sein Nachfolger werden würde – und wies diesen und die Kämpfer ein. Sein Stellvertreter wurde einer seiner Hauptleute namens Malont Déaron. In Ahém wurden derweil Schiffe gebaut in den Werften, welche die Jahre zuvor errichtet worden waren, mit der Hilfe von kundigem Volk, das sich vor dem Vordringen des Meeres hatte retten können und ehemalige Seeleute und Schiffsbesatzungen bildeten Freiwillige aus. Nach einem Jahr war es dann endlich soweit. Es standen genug Schiffe zur Verfügung für Emaiors ausgesuchte Reisegesellschaft. Im Frühjahr 2011 belud man sie mit allen nötigen Vorräten – Nahrung, Waffen, Ausrüstung und anderem, was die Anhänger von Tól und Omé in den letzten Jahren gesammelt oder hergestellt hatten. Bevor Amant Emaior in See stechen konnte, gab es aber noch eine große Abschiedsfeier in Lían. Alle waren sie anwesend – Tól und Omé, Lían, Raréon, Gaunus, Malont Déaron, Galand, die Einwohner von Lían, ausgesuchte Vertreter der Besatzung von Burg Raí und viele andere. Irgendwann im Laufe des Abends riefen Tól und Omé Emaior zu sich.

Amant Emaior“, sprach Tól, „ihr habt uns gute Dienste geleistet, doch nun ist es Zeit für eine weitere Aufgabe. Ihr wisst, was ihr zu tun habt – wir wünschen euch viel Glück.“

Doch Omé hatte noch mehr zu sagen. Nun trat sie vor, Emaior feierlich etwas entgegenstreckend, das sie in den Händen hielt.

Dies habe ich für euch gewebt – es ist ein Banner.“

Sie entrollte das Geschenk um es ihm zu präsentieren. Und es war ein Banner aus feinstem Stoff in Rot und Gold, mit gekreuztem silbernen Schwert und Speer.

Möge es jedem eure Ankunft verkünden.“

Und dann nahm sie mit beiden Händen die rechte von Emaior und fügte etwas leiser, doch nicht minder bedeutungsvoll hinzu: „Passt gut auf euch auf.“

Damit ließen sie ihn alleine stehend zurück. Er ging nicht wieder zur Feier, sondern setzte sich abseits auf einen Stein, beobachtete die Sterne und dachte nach. Irgendwann kam Lían und setzte sich neben ihn.

So nachdenklich, alter Freund?“ fragte sie ihn.

Ich wundere mich nur, was die Zukunft für mich bereit hält und ob ich dem Ganzen gewachsen und würdig genug bin.“

Ihr habt schon viel für uns getan.“

Beruhigend legte sie eine Hand auf seine Schulter.

Wir vertrauen alle auf euch.“

Damit ging sie wieder.

Das ist es, was mir Sorgen macht“, murmelte er in sich hinein und sah ihr nach, wie sie von Raréon empfangen wurde.

Dieser erzählte ihr etwas, sie lachte fröhlich und beide mischten sich wieder unter die Feiernden.

Drei Tage später standen sie im Hafen von Ahém. Emaior stand mit Tól, Omé und Lían am Kai vor dem Flaggschiff der Forschungsreise. Die Schiffe wurden mit den letzten Dingen für die Überfahrt beladen und bereit gemacht für die kommende Abfahrt.

Viel Erfolg bei eurer Reise“, sprach Tól und es waren seine letzten Worte, bevor Emaior sein Schiff betrat und die Leinen lösen ließ.

Seeleute auf den Schiffen nahmen lange Stangen und stießen die Schiffe vom Kai ab, ehe die Ruderer sie aufs offene Meer hinaus ruderten. Die Drei am Kai sahen ihnen nach.

Auf dem offenen Meere angelangt, ließ man Segel hissen und setzte Kurs gen West, immer an der Küste entlang. Aus mehreren Gründen mussten sie sich immer an diese halten: Erstens wollte Emaior unter anderem die neuen Küsten erforschen und auf Karten festhalten. Zweitens wusste man nicht, wohin das Meer überhaupt überall vorgedrungen war, also auch nicht, wo man wieder Küste finden würde, wenn man einfach blind drauf los fuhr. Und drittens musste öfters Halt gemacht werden, um die Vorräte, besonders das Frischwasser, zu erneuern. Dieser dritte Punkt sollte noch ein großes Problem werden. Nach Ahém und den Ländern von Tól und Omé kamen Küsten, die kaum bewohnt wurden. Und dann plötzlich überraschten sie der Wald von Stirmen und die Silbernen Bäume, welche nun direkt am Meer lagen. Gewahr, was laut alten Geschichten mit allen passierte, welche es wagten unaufgefordert den Wald zu betreten, legten sie für Tage nicht mehr an und hielten einen möglichst großen Abstand zur Küste. Aber sie konnten unbehindert an dem Wald entlang fahren. Nach Stirmen führte der Weg sie nach Norden, an den Schmelzöfen entlang, welche einstmals das Herzland von Lurruken von den Ostmarken trennte. Nun gab es keine Ostmarken mehr, ja nicht mal mehr das Festland, auf dem sie sich einst befanden. In den Ausläufern der Schmelzöfen fanden sie nur einsiedlerische Bergstämme, welche sie mehr als unfreundlich begrüßten. Nach Osten ging es weiter, die Berge wurden niedriger, das Land wieder bewohnter. Zardarrin lag immer noch im tiefsten Gewirr. Oft wurde die Reisegruppe von Plünderern angegriffen. In Thameny hatten sich einzelne Gestalten zu Herrschern kleiner Stadtstaaten aufgeschwungen und bekriegten sich nun gegenseitig. Nachdem die Schiffe den östlichsten Punkt des neuen riesigen Golfs namens Geistmeer hinter sich gebracht hatten und nach Norden drehten, wurde es nur noch schlimmer. Bis Pakama nördlich von Zardarrin griff man sie ständig an, auch erlebten sie Elend, Krankheit und Not. Nach über zwei Jahren erreichten sie endlich Aleca, eine Reise, die man früher in wenigen Wochen zurückgelegt hatte.

Zwischenzeitlich blieb man aber auch in Lían nicht weiter untätig. Malont Déaron bildete als Emaiors Nachfolger fleißig weiter Kämpfer aus und verteidigte das Land von Burg Raí aus gegen sämtliche Banditenhorden, die immer wieder von Osten aus einfielen. Lían und Raréon dagegen reisten zusammen durch die umliegenden Städte und Ländereien und versuchten weitere Verbindungen aufzubauen und Leute zu überzeugen. Ein Jahr nach dem Aufbruch von Emaiors Gruppe riefen Tól und Omé nun auch Raréon zu sich nach Lían.

Herr und Herrin?“ fragte dieser, als er in der Versammlungshalle vor ihnen stand.

Amant Emaior hat Stirmen vor einigen Monden passiert“, sprach Tól.

Ja, Herr, davon habe ich gehört.“

Dann weißt du sicher auch schon, dass Lurruken im Niedergehen begriffen ist.“

Ja, Herr.“

Die Welt ändert sich“, sprach Tól geheimnisvoll. „Bereite eine weitere Forschungsgruppe vor. Erkunde das Land. Dort, wo das Durcheinander am größten ist, lass dich nieder, vereine die Einwohner jener Gegenden und hilf ihnen.“

Ja, Herr“, sprach Raréon ohne Zweifel.

Er kniete nieder, neigte den Kopf und erklärte: „Ich bin euer Diener.“

Dann stand er auf und ging. Natürlich war er traurig, sowohl Stadt als auch Person Lían verlassen zu müssen, doch war er völlig Diener von Tól und Omé. Die nächsten Tage und Wochen verbrachte er mit Lían, meist aber mit Vorbereitungen. Diesmal dauerte es nicht so lang wie bei Emaior. Bald schon war Raréon mit einem kleinen Tross von Leuten und Vorräten bereit. Galand begleitete ihn. Vor der Stadt winkte er Tól, Omé und Lían zum Abschied; letztere verbarg ihre Tränen.

Die Reise über Land war für Raréon wesentlich einfacher als die über das Meer für Emaior. Schnell verließ er das Einflussgebiet von Tól und Omé, als er Arasanh passierte. Im Herzland von Lurruken hielt man immer noch an dessen alten Traditionen fest, doch waren diese schon längst entartet. Ohne Schwierigkeiten zu bereiten, ließ man Raréon und seine Leute bis Ruken ziehen. Als Raréon dort aber damit anfing, die Lehren von Tól und Omé verbreiten zu wollen, wurde er schnell von amtlicher Stelle dazu aufgefordert, die Stadt schnellstens wieder zu verlassen. Doch Raréon ließ nicht locker. Zwar beugte er sich Ruken, zog aber weiter und erzählte es jedem, der seinen Weg kreuzte. Wollte er es nun hören, oder nicht. Nach Norden kam er, Richtung Tamilor, dem Herz von Lurruken, dorthin, wohin alle Straßen von Lurruken zwangsweise führten. Tamilor war die größte, mächtigste, beeindruckenste und fortschrittlichste Stadt der bekannten Welt und wohl noch weit darüber hinaus. Erbaut vor über tausend Jahren, war sie stets Mittelpunkt des Reiches von Lurruken gewesen, doch nun lag sie im Sterben. Ungefähr zwei Monde verbrachte Raréons Gruppe unentdeckt in der Stadt, bis eines Tages etwas Unerwartetes passierte.

Ihr seid Raréon, Diener Tóls?“ fragte ihn eines Abends im Gasthaus eine Gestalt von der Seite her.

Ja, der bin ich“, entgegnete Raréon, „wer will das wissen?“

Er musterte sein Gegenüber misstrauisch. Eigentlich war die Frage überflüssig, erkannte doch jeder sofort, dass da ein Beamter der Stadt neben ihm stand.

Tamirús möchte euch sprechen.“

Nun war Raréon aber tatsächlich erstaunt.

Tamirús? Warum das? Was will er?“

Das weiß ich leider auch nicht, aber kommt bitte morgen nach der Mittagsstunde zum Palast, wenn euch das möglich ist.“

Raréon nickte nur nachdenklich. Tags darauf tat er, wie ihm geheißen.

Tamirús war der vierte Herrscher Lurrukens. Und das seit dreihundert Jahren. Ob dies so stimmte, ob er wirklich selber so lange lebte, oder ob sich hinter dem Namen Tamirús nicht nur ein Geschlecht von Herrschern verbarg, sollte Raréon nun herausfinden. Tamirús war es gewesen, der die südöstlichen Königreiche der Colite- und Kalt-Stämme, wie Tambien und Arasanh, befriedete, nachdem sie sein Vorgänger Vaiaris einst erobert hatte. Heutzutage verehrte man ihn im ganzen Reiche von Lurruken als Gott, als gottgleichen Kaiser. Dies spiegelte auch sein Palast wieder, welcher eher eine Stadt in der Stadt war. Überall begrüßten Raréon Figuren von Tamirús und seinen Vorgängern und Schreine zu dessen Ehren. Einige der größten Gebäude auf dem Palastgelände waren Tempel, Tamirús und Vorgängern geweiht. Glücklicherweise holte der Beamte vom Vorabend Raréon ab, bevor dieser sich völlig verlaufen konnte, und führte ihn durch die Palaststadt bis zu Tamirús’ Halle. Diese war riesig doch gleichzeitig prunk- und geschmackvoll ausgestattet. Tamirús selber war gerade nicht anwesend.

Wo ist er?“ fragte Raréon seinen Führer.

Der Beamte seufzte und sah ihn dann ernst und irgendwie bedauernd an.

Tamirús liegt im Sterben“, erklärte er ihm.

Raréon runzelte die Stirn. Irgendwie kam ihm das bekannt vor.

Was ist mit ihm?“

Das vermag niemand zu sagen. Tamirús lässt schon seit Jahren niemanden mehr zu sich, nicht einmal das Gesinde.“

Der Beamte wirkte, als würde sich ihm sein krankes Kind verwehren und er nun nicht wüsste, was zu tun sei.

Und warum bin ich nun hier?“ wollte Raréon endlich wissen.

Tamirús selbst hat nach euch verlangt. Niemand hatte ihm mitgeteilt, dass ihr hier seid, noch weiß jemand, warum er nach euch verlangt hat.“

Wie soll ihm auch jemand mitteilen, dass ich hier bin, wenn niemand zu ihm darf?“ brachte Raréon ein Problem zu Gespräch.

Er unterrichtet uns mit Hilfe von Briefen.“

Raréon beachtete das nicht. Er war noch bei dem Punkt, dass er mal wieder von einem wichtigen Herrscher verlangt wurde, ohne dass jemand – und vor allem er selbst nicht – wusste, warum. Aber das war er ja schon gewöhnt.

Bringt mich zu ihm, er wird mich schon aufklären.“

Der Beamte nickte.

Folgt mir.“

Sie verließen die Halle durch eine Seitentür, folgten einem langen Gang und kamen schließlich zu Tamirús persönlichen Gemächern. Dort wurde Raréon dann allein gelassen. Dieser erkundete neugierig die Räumlichkeiten. Sie waren wesentlich schlichter, als er gedacht hätte, aber sonst im selben Stile wie der Rest des Palastes es auch schon gewesen war.

Danke, dass ihr gekommen seid“, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.

Überrascht drehte Raréon sich um. Tamirús war ein Mann am Ende seiner mittleren Jahre und saß in einem großen Sessel im Wohnzimmer neben einem Kamin. Feuer prasselte in diesem. Raréon musterte Tamirús kurz. So sterbend sah er doch noch gar nicht aus.

Warum wollt ihr mit mir reden?“ kam er direkt auf das Problem zu sprechen.

Tamirús nickte, als wäre er damit einverstanden, nicht groß drumherum zu reden.

Das Reich ist im Niedergang begriffen, und mit ihm auch ich. Ich habe dieses Reich von Vaiaris übernommen und zu seinem Höhepunkt gebracht. Immer waren wir eins. – Tól und Omé haben gut daran getan, den Völkern im Osten zu helfen und ich hoffe, sie werden auch gut für mein Volk sorgen. Und ebenso ihr.“

Er schien kurz zu überlegen und erklärte dann: „Ich werde euch einige meiner besten Leute mitgeben.“

Raréon war überrascht.

Ihr gebt mir Leute mit?“

Ja.“

Tamirús setzte sich im Sessel auf und sah ihn ernst an.

Nehmt die Gepflogenheiten meines Volkes mit in den Norden, lasst sie nicht vergessen werden. Im Gegenzug biete ich euch meine Hilfe.“

Tamirús griff neben sich, wo auf einem kleinen Tisch ein kleines Kästchen stand. Reich verziert, doch sonst völlig unscheinbar aus rotem Holz, das matt schimmerte. Er reichte es Raréon.

Nehmt dies. Ihr findet alle Anweisungen und was ihr weiterhin noch zu wissen hättet darinnen.“

Was ist das?“ wollte Raréon wissen, ehe er das Geschenk annahm.

Das Geheimnis meiner Macht und meines Lebens und eine Möglichkeit für euch, in Zeiten der Not Kontakt mit Tól und Omé aufzunehmen.“

Ihr kennt Tól und Omé? Warum fragt ihr sie dann nicht um Hilfe für euch? Warum mich?“

Dachtet ihr, sie hätten mich nicht auch besucht? Sie warnten mich und boten mir an, mein Volk zu retten, doch ich war hochnäsig und eingebildet. Ich lehnte ab, da ich nicht an ihre Verkündungen glaubte. Doch sie sind mächtiger und allwissender als ich. Sie gaben mir aber den Inhalt dieses Kästchens. Und ich legte nun für euch noch ein eigenes Geschenk bei. Möge es euch von gutem Nutzen sein. Jetzt nehmt!“

Und damit drückte er Raréon das Kästchen auf, ob dieser wollte oder nicht.

Ich danke euch“, sprach Raréon verunsichert.

Doch Tamirús winkte nur ab.

Ich habe euch zu danken. Ihr macht meinen Fehler wieder gut. Ich zähle auf euch – wir alle zählen auf euch. Erzählt meinem Volk von Tól und Omé und warnt sie vor der Zukunft.“

Als Raréon schließlich wieder zurückkehrte zu seinen Leuten, wurde er von eben diesen mit Fragen nur so überhäuft. Doch statt auch nur eine zu beantworten, zog er sich still und nachdenklich auf sein Zimmer zurück.

V: Ein neuer Freund und ein neues Reich

Beteiligte: Raréon, Mytillin Machey, Amant Emaior, Galand, Wächter, Tamirús‘ Leute, Raréons Reisegesellschaft, Emaiors Reisegesellschaft

Orte: Tamilor, Amîen, Raréons Lager

In den nächsten Tagen und Wochen lernte Raréon in Tamilor die Leute Tamirús’ kennen und wies sie ein. Sie verstanden sich gut und die Fähigkeiten der Neuankömmlinge waren eine willkommene Ergänzung der Gruppe. Doch bald schon mussten sie endlich weiter reisen. Sie kamen nach Luvaun, dem ältesten Reich des Kontinentes, nördlicher Nachbar und früherer Feind von Lurruken und dessen Sprache Tól und Omés eigener Sprache sehr ähnlich war. Doch nun merkte man auch diesem Reich bereits sein Alter an. Das Volk war entartet und sah keine Gefahren, lebte lediglich für Lust und Freude, hielt sich für unverwundbar, unbedroht und für immer unsterblich. Für die Worte von Tól und Omé war hier natürlich niemand empfänglich und ähnlich wie Lurruken sollte so auch dieses altehrwürdige Reich bald schon zerfallen und ein Jahrtausende andauerndes Dunkles Zeitalter für die Gegend anbrechen. Doch war es in Amîen, der alten Stadt aus der Legende vom Moorwasser-Monster, nicht unfern von eben diesem See gelegen, wo Raréon einen Abenteurer kennen lernte. Es begab sich unweit der Stadt, dass dieser Mann von wilden Raubtieren, genannt Paudass, angegriffen wurde. Raréon traf gerade noch rechtzeitig ein, um ihm zu helfen.

Habt Dank!“ keuchte der Angegriffene nach dem Kampf gegen die Tiere.

Da gibt es nichts zu danken“, entgegnete Raréon beschwichtigend, „wir sind schließlich gerade deshalb unterwegs, den Leuten zu helfen. Und nicht um zuzusehen, wie sie gefressen werden.“

Der Mann sammelte sein auf dem ganzen Boden verstreutes Hab und Gut ein und warf ihm ein dankbares Grinsen zu. Er reiste mit reichlich Gepäck, war dunkelhaarig, groß und kräftig.

Ich bin Raréon“, stellte sich eben dieser vor.

Er deutete auf seine Reisegesellschaft: „Und dies sind meine Begleiter. Ich bin ein Diener Tóls.“

Der Mann ließ von seiner Suche ab.

Und ich bin Mytillin Machey. Doch wer ist dieser Tól?“

Und so verbrachten die beiden die nächsten Stunden damit, sich gegenseitig ihre jeweiligen Geschichten zu erzählen, während Raréons Begleiter eine Weile rastete. Machey stammte aus dem fernen Westen und war tatsächlich, wie schon vermutet, ein Abenteurer auf der Suche nach dem großen Glück. Doch bisher hatte er es noch nicht gefunden und stimmte sodenn bald schon begeistert zu, Raréon auf seiner weiteren Reise zu begleiten.

Sie verbrachten die Nacht in Amîen und zogen Tags darauf weiter gen Norden. Am gewaltigen Lusvameer entlang und durch die Berge, führte sie ihr Weg nach TuKarra, einem der jungen nördlichen Reiche. Es war ruhig im Lande und sie erlebten nichts Besonderes, doch waren die Einwohner dieser Täler und Flussauen mehr als ablehnend gegenüber den Lehren von Tól und Omé, vor allem da ihre Lande nicht am Meer lagen. Dafür erfuhren sie schnell von dem großen Unglück, welches sowohl Iotor im Norden als auch die Länder an den Zwillingsmeeren im Osten verheert hatte. Besonders Iotor sollte wohl gut zur Hälfte untergegangen sein, der Rest lag in Trümmern. Beeinflusst von Macheys Vorschlägen ordnete Raréon an, dass man dorthin weiter ziehen würde, um dem Volk, das vor Jahrhunderten von Iotor versklavt worden war, zu helfen – und es zu bekehren. Sie kamen recht unbemerkt durch den Süden Iotors. Es schien, dass Iotor die Herrschaft bereits teilweise aufgegeben hatte. Dörfer standen völlig frei und bar jeder Verwaltung da, ja sogar einige Städte. In anderen hatte sich die Stadtwache von Iotor losgesagt und war eigene Herrschaften angetreten.

Man schrieb das Jahr 2015, als Raréon samt Gefolgschaft und Mytillin Machey an seiner Seite die neue Mündung des Flusses erreichte, den man heutzutage Miabanur nennt. Früher mehr als doppelt so lang, bis weit nach Norden fließend, endete er nun aber bereits in einer kleinen Bucht, welche von zahlreichen großen und kleinen Inseln durchzogen und geprägt wurde und die man heutzutage deshalb Banurburta nennt. Raréon setzte zur größten der Inseln über und schlug genau dort sein Lager auf, um den umgebenen Einwohnern und Dörflern anzuzeigen, dass er auf Tól und Omé vertraue und keine Gefahr mehr vom Meer drohe. Die nächsten Monde verbrachte er denn auch damit, durch die nähere Umgebung zu reisen, mit Dörfern zu handeln und ihnen Tól und Omé näher zu bringen, derweil Machey den Aufbau eines befestigten Lagers überwachte.

Zu dieser Zeit hielt Amant Emaior sich gerade in Aleca auf. Aleca hatte als Küstenland ebenfalls Gebiet verloren, doch schaffte das Land es wenigstens, für mehr Ordnung zu sorgen als so manches andere. Trotzdem nutzten einige unzufriedene Minderheiten die Zeichen der Zeit und erklärten sich kurzerhand für unabhängig. Andere erklärten die Gründer von Ragadun für heilig, hatten sie die neue Hauptstadt doch genau an dem Punkt errichtet, bis zu welchem hunderte Jahre später das Wasser vordrang und dort stoppte, während Gadun, die alte Hauptstadt, in den Fluten für immer versank. Da Aleca seine Flotte größtenteils verloren hatte, half Emaior bei der Übermittlung von Botschaften zwischen dem Festland und den neuen Inseln vor der Küste. Die Länder nordwestlich, rund um den Zwillingsmeeren, wurden hart getroffen, doch das alte Kernland von Iotor überstand die Flut, nun aber als Halbinsel. Aber es gab dort Verwirrung, genau wie überall sonst.

2017, also zwei Jahre später als Raréon, erreichte auch Emaior die heute Banurburta genannte Bucht. Doch Raréon selbst war gerade nicht im Lager, welches nun schon eher ein befestigter Außenposten war, zugegen, als Emaior dort vor Anker ging und es betrat um seine Vorräte aufzufrischen. Er erwartete Einheimische anzutreffen.

Zu welchem Land gehört dieser Posten hier?“ erkundigte sich Emaior bei der Torwache, welche nicht zu Raréons ursprünglicher Gesellschaft gehörte, sondern wie so viele sich unterwegs anschloss und welche die Flagge Emaiors daher auch nicht kannte, doch die fremde und unerwartete Flotte misstrauisch beäugte.

Wir sind niemandem Untertan“, antwortete der Wächter ruppig, der Zeit seines Lebens immer unter Iotor gelitten hatte. „Wer seid ihr und was wollt ihr hier und von uns?“

Mein Name lautet Amant Emaior“, betonte eben dieser. „Ich befinde mich auf einer großen Reise und würde gerne mit euch handeln, um unsere Vorräte aufzufrischen. Wir führen auch andere Waren mit uns.“

Der Wächter musterte ihn und seine Begleiter erst eine Weile düster, bevor er zur Seite trat und ihnen Platz machte.

Tretet ein – doch stellt ja nichts an!“

Und so betraten Amant Emaior und seine drei Begleiter das Lager. Die Händler, welche zum Posten kamen und hier auf dem kleinen Platz zwischen halb behelfsmäßigen Gebäuden ihre Waren feil boten, waren allesamt Einheimische, doch musste es ja irgendwann so weit kommen, dass jemand aus Lían ihnen über den Weg lief und Emaior erkennen würde. Und so geschah es denn dann auch, ein Krieger starrte ihn wie gebannt an.

Emaior? Amant Emaior!“ rief er, und der Angerufene wandte sich überrascht zu ihm um.

Ich bin es – Galand!“

Emaior hatte Galand seit seiner Abfahrt nicht mehr gesehen und wähnte ihn die ganze Zeit über noch bei Tól und Omé. So war er denn auch nicht wenig erstaunt.

Galand? Was macht ihr denn hier?“

Erfreut klopfte dieser ihm kameradschaftlich auf die Schulter, doch sah er ebenso verwirrt und überrascht aus.

Wir sind genau wie ihr hierher gesandt worden, allerdings erst ein Jahr nach eurem Aufbruch.“

Was? – Wer hat hier den Befehl? Ich will mit ihm sprechen!“ forderte Emaior augenblicklich, konnte er es doch nicht fassen.

Galand sah ihn vorsichtig an.

Mytillin Machey hat hier die Aufsicht. – Ich bringe euch wohl besser zu ihm.“

Und das tat er dann auch. Sie fanden Machey in einem kleinen Zimmer in der Kaserne des Postens vor, wo er hinter einem Schreibtisch saß und Unterlagen durchging.

Ich bin Amant Emaior, gesandt von Tól und Omé um die Welt zu erforschen und den Völkern zu helfen“, stellte dieser sich ohne große Umschweife vor.

Ah!“ entgegnete Machey, „Wir haben euch bereits erwartet! Raréon erzählte uns von euch.“

Der überrascht-fassungslose Ausdruck kehrte auf Emaiors Gesicht zurück.

Raréon ist auch hier? – Was geht hier eigentlich vor?“

Machey nickte ernst.

Ja. – Aber er soll euch lieber selber alles erzählen. Wir erwarten ihn in einigen Tagen zurück. Bleibt solange doch als mein Gast.“

Doch Emaior war verwirrt und misstrauisch.

Wenn ihr erlaubt, tätige ich lieber erst mal nur meine Geschäfte. Wir werden dann vor der Küste auf unseren Schiffen lagern.“

Wie ihr wollt.“

Und damit tat Emaior wie gesprochen.

Emaior hatte einige Tage zu warten, eh Raréon endlich zurückkehrte.

Amant Emaior! Raréon ist zurück!“ sprach Galand, als er Emaior abholte und zu Raréon brachte.

Amant! – Alter Freund! – Es freut mich, dich hier zu sehen!“ begrüßte ihn dieser mit freundschaftlich erhobenen Armen.

Doch Emaior ging nicht auf diese Geste ein. Die vergangenen Tage hatten sein Misstrauen nur noch geschürt.

Warum bist du hier? Was hast du hier zu suchen? Trauen mir Tól und Omé nicht mehr?“ verlangte Emaior zu wissen.

Raréon stellte eine verwirrte Miene zur Schau. Dann lächelte er.

Amant, ich bin sicher nicht hier um dich zu behindern oder gar dich zu überwachen. Niemals! – Nach dem du los gezogen warst, riefen mich Tól und Omé zu sich. Wir kamen darin überein, dass nicht nur die Küstenländer bedroht sind. Auch ich sollte den Leuten helfen. Also reiste ich durch die küstenfernen Länder. Doch in TuKarra erfuhr ich dann von dem schrecklichen Unheil hier in Iotor und kam deshalb her.“

Er machte eine weit ausholende Bewegung mit dem Arm und legte Emaior die Hand auf die Schulter. Wieder lächelte er.

Du bist nun zu genau der richtigen Zeit erschienen. Ich kann dich hier gut gebrauchen. Hilf mir, denn zusammen werden wir die Dörfer hier einen und ihnen Tól und Omé nahe bringen!“

Und Emaior schüttelte die Hand ab.

Ich sehe deinen Standpunkt und kann ihn auch verstehen. Doch habe ich noch eine andere Aufgabe – ich soll nach Tolum.“

Raréons Lächeln versiegte, er wurde ernster.

Dort wirst du nicht mehr viel vorfinden. Tolum ist fast gänzlich versunken, der klägliche Rest dörrt immer weiter aus, bald werden die Länder wohl völlig unbewohnbar sein, ähnlich wie einst Antahr. Doch bleib bei mir, hier können wir noch etwas erreichen!“

Auch Emaior blickte ernst.

Dann werde ich einen Teil meiner Leute die Küste gen Tolum erkunden lassen, derweil ich mit dem Rest gen Ost gehe. Auch dort zerfällt Iotor und lässt sein Volk im Stich, dort bat man mich um Hilfe. Ihnen werde ich als erstes helfen.“

Doch in Wahrheit traute er Raréon nicht völlig, hatte es noch nie so gänzlich getan, nicht einmal in Lían.

Es schmerzt mich, das zu hören“, sprach Raréon, „bleib wenigstens noch den Winter über bei uns.“

Und das musste Emaior dann gezwungenermaßen auch, da der Winter bereits schnell nahte. So blieb er mit seinen Leuten im Lager und überwinterte dort zusammen mit Raréon. Sie hielten zahlreiche Gespräche über ihre Zeit in Lían, ihre jeweilig erlebten Abenteuer und vieles mehr, doch blieb die Stimmung zwischen ihnen letztlich weiterhin frostig, ähnlich dem leichten Schneefall außerhalb der Gebäude. Im Frühjahr des nächsten Jahres, des Jahres 2018, teilte Emaior seine Gruppe in zwei kleinere. Die Schiffe segelten größtenteils weiter nach Westen, derweil Emaior mit den meisten seiner Leute nach Osten ging. Sie kamen bald schon an den Pes-Erhd, den Sonnenfluss, oder Sonlar, den Iotor noch als Grenzfluss für sich beanspruchte, und folgten ihm hoch in die Berge: die steilen und zerklüfteten Sonnenzinnen. Schnell erkannte Emaior, dass dies wohl ein schlimmer Fehler gewesen war, trugen die Berge doch nicht umsonst ihren Namen, schien dort doch stets unerbittlich die Sonne und verwandelte die Täler der Berge in wahre Schmelztiegel. Emaiors Gruppe flüchtete aus den Tälern und erreichte schließlich den nördlichen Fuß des Gebirges, wo sie bald ihr Lager aufschlugen. In den folgenden Jahren erwehrte er sich den in Todeszuckungen befindlichen Teilen Iotors und baute sich eine eigene Machtstellung auf. Die Schiffe, welche nach Tolum gefahren waren, schickte er nach ihrer Heimkehr so gleich nach Ahém, wo sie Tól und Omé Bericht erstatten sollten.

In dieser Zeit hatte Raréon derweil anderes zu tun. Heimlich unterhielt er sich mit dem Kapitän von Emaiors Schiffen und schaffte es, diesen dazu zu überreden, auch Leute von Raréon mitzunehmen. Diese gingen nach wenigen Tagen aber bereits wieder von Bord. Dort, an einer kleinen, günstig gelegenen Bucht, wo einst Saten lag, errichteten sie einen weiteren Posten auf einem niedrigen Hügel, der über die Bucht wachte. Bald aber trafen sie auf die Bewohner des Inlandes. Diese waren Knechte Iotors gewesen, hatten sich nun aber losgesagt. Sie nannten sich selber Juepen, was der Name ihres Volkes vor der Invasion durch Iotor, zu Zeiten der iotorischen Herrschaft und nun immer noch gewesen war, als Zeichen der Abgrenzung zu den tolumischen Iotoren. Hier im Westen hatte sich nach dem Ende der iotorischen Versklavung ein kleines Königreich gebildet, welches sich Huálor nannte. Die Leute Raréons erzählten ihnen, dass sie zu „Rars Stadt“ gehören würden; dieses Wort lautete in der juepischen Sprache Rardisonan. Man konnte Huálor davon überzeugen, dass man sie weder erobern noch versklaven wolle, und so gelang ein friedliches Nebeneinander. Und im Osten von Rardisonan siedelte Emaior, dessen einzig wahre Liebe stets Omé gewesen war, und so nannte er seinen Posten Omérian, was gleichzeitig Omés Land, aber auch Ostland bedeuten sollte.

VI: Der Streit zwischen Raréon und Aurost

Beteiligte: Raréon, Mytillin Machey, Galand, Mharef, Gar-iorhed, Raréons Krieger, Wachposten von Aurost, ein Bote, Adlige von Aurost, Einwohner von Aurost, Krieger von Iotor, Sklavinnen.

Orte: Raréons Lager, Aurost

Wenige Wochen nach Emaiors Abreise im Jahre 2018, erhielt Raréon eine Botschaft. Mytillin Machey überbrachte sie ihm, aufgeregt und gleichzeitig besorgt aussehend.

Raréon, soeben traf eine Botschaft des iotorischen Herrschers bei uns ein! Du solltest sie lesen.“

Raréon sah von seiner Mahlzeit auf und runzelte die Stirn.

Was will er denn?“

Iotor herrschte noch immer über das Gebiet südlich des Pes-Erhd, und dieser lag nur wenige Tage südlich des Postens. Bei seinen Tätigkeiten war Raréon sehr schnell an diese Grenze gestoßen, sie aber nur vereinzelt überschritten. Sah man ihn nun als Bedrohung an?

Er lädt dich nach Aurost zu sich als Gast ein.“

Nach Aurost? Als Gast?“

Raréon war sichtlich verblüfft, damit hatte er nicht gerechnet. Schnell fasste er sich aber wieder und sah erneut grüblerisch drein.

Vermutest du eine Falle?“ fragte er Machey.

Dieser sah unschlüssig aus.

Ich weiß es nicht. Aber wenn wir die Einladung einfach so ablehnen, dürften wir einen ziemlich mächtigen Feind zum Nachbarn haben. Und sollte er dich umbringen oder gefangen nehmen, hätte er sicherlich schnell Emaior und Tól und Omé ebenso zum Feind. Die Welt wäre nicht gerade geordneter, käme es zu einem so großen Krieg.“

Raréon fand zwar, dass Machey in seinen Überlegungen übertrieb, stimmte aber dem Kern seiner Ansprache zu.

Und was meinst du, sollte ich nun unternehmen?“

Raréon vertraute schon länger völlig auf das Urteil seiner rechten Hand: Machey.

Annehmen – und nicht alleine hingehen. Ich werde dich, zusammen mit einigen unserer Leute, begleiten.“

Raréon dachte kurz nach und nickte letztendlich

Gut, machen wir es so, mein Freund.“

Und so taten sie dann auch. Einen Wochenlauf später machten sich Raréon, Mytillin Machey sowie mehrere Krieger auf den Weg nach Aurost, der Hauptstadt von Iotor, während Galand zurück blieb und das Lager in ihrer Abwesenheit leitete. Als sie Aurost schließlich erreichten und erblickten, waren sie zutiefst beeindruckt.

Vor langer Zeit schon hatte ein iotorischer Herrscher beschlossen, seinen Herrschaftssitz vom nördlichen Fayan, der früheren Hauptstadt des alten Otoriach – wie Iotor einst hieß -, weiter in den Süden, hinein in die besetzten Gebiete zu verlegen. Dazu wollte er aber nicht irgendeine Stadt übernehmen, sondern ordnete den Bau eines gewaltigen Denkmals, sich selbst zu Ehren, an. Die Fertigstellung von Aurost sollte er aber nicht mehr erleben, würde vielleicht niemals irgendjemand in seinem Leben sehen, denn ewiglich sollte an dem Turm weiter gebaut werden. Aurost lag an der Mündung des Dunlon, eines aus den Sonnenzinnen kommenden Flusses, in die Miabanur und war ein einziger, gewaltiger Turm: Aurost, der Stadtturm. Aber nicht irgendein Turm einer Stadt, nein, der ganze Turm war eine Stadt. Er war breit und hoch genug für die Bevölkerung einer mittelgroßen Ortschaft, doch noch lange nicht fertiggestellt. Bereits doppelt so hoch wie die ihn umgebenden Bäume ragte er auf und aus der Ferne sah man die zahlreichen Baukräne oben auf der belebten Baustelle des Turms. Der Bau stoppte zwar bereits seit Jahrzehnten, doch nun schien eine Fertigstellung endgültig unmöglich geworden zu sein. Denn nach der Abtrennung und dem Verlust so vieler Ländereien von Iotor war die Rohstoffbeschaffung beschwerlich geworden. Riesige Banner mit dem Wappen und den Farben von Iotor hingen an den Außenwänden herab. Ein gewaltiges Tor stand weit offen, doch wurde strengstens bewacht.

Wer seid ihr?“ fragte der grimme Wachposten.

Raréon samt Begleitung“, antwortete dieser ihm, „wir werden erwartet.“

Der Wächter nickte bestätigend.

Das stimmt. Man erwartet euch. Wartet hier.“

Er drehte sich um, rief jemandem im Innern des Turms etwas zu, woraufhin dieser wiederum los eilte, um jemanden gänzlich anderes zu holen. Die ganze Zeit über stand der Posten vor ihnen und starrte sie misstrauisch an, bis schließlich eine kunstvoll gewandete Person mit ebenso kunstvoll verziertem Schnurr- und Kinnbart sowie verzierten Augen und Fingernägeln erschien.

Ich bin Gar-iorhed“, stellte der Neuankömmling sich vor, „Kammerdiener dieser unserer Festung. Unser Herrscher Mharef erwartet euch bereits ungeduldig, also! – folgt mir bitte.“

Und sie folgten ihm. Von innen war Aurost nicht minder beeindruckend. Wie in einem riesigen Palast folgte ein endloser, schön ausgeschmückter Gang auf den nächsten, flankiert von abgehenden Nebenabzweigungen und Türen, die zu Gemächern, Wohnungen, Ställen, Lagerräumen und vielem mehr führten, aber auch riesige Plätze mit hoher Decke, auf welchen Händler ihre Waren feil boten und Einwohner der Anlage herum huschten. Von einer Etage zur nächsten kam man über große, an den Außenwänden entlang führende Rampen und zahlreichen innere Wendeltreppen. Die Gruppe um Raréon wurde zu einem weiteren großen Tor auf der ersten Ebene geführt, welches zu einer Art Thronsaal führte. Hier erwartete sie der iotorische Herrscher Mharef. Raréon trat vor und verneigte sich.

Oh großer Mharef, ihr habt uns das großzügige Geschenk eurer Gastfreundschaft angeboten und wir sind hier, es dankbar in Empfang zu nehmen. Doch auch wir bringen ein Geschenk für euch.“

Damit deutete er auf das Kästchen, welches einer der Soldaten nun präsentierte. Mharef ließ ein gönnerhaftes Lächeln erkennen. Er war schon lange nicht mehr der Jüngste, wohl schon Herr über Iotor vor dem Feuer am Himmel gewesen und daher das Herrschen gewohnt. Sklavinnen saßen auf den Stufen zu seinem Thron und Diener huschten umher. Er selber war ähnlich wie Gar-iorhed gekleidet, ließ diesen in seinem Prunk jedoch völlig verblassen. Sein Gewand war mit Edelsteinen bestickt und reichte bis zu den untersten Stufen. Als Zeichen der Herrschaft trug er eine reich bestückte Krone und war auch sonst nicht gerade bescheiden im Ausschmücken seiner selbst.

Wir danken euch“, war seine Antwort.

Er deutete einem Diener, das Geschenk entgegen zu nehmen und wegzubringen, dabei vermutlich auf eine Falle untersuchend.

Wir haben viel mit euch zu besprechen. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Essen heute Abend?“ fuhr er fort.

Natürlich war dies weniger Frage denn gewohntes Gefasel und jegliche Ablehnung wäre eine tödliche Beleidigung gewesen, also nahm Raréon dankend an.

Mein Kämmerer hat Zimmer für euch vorbereiten lassen“, fuhr Mharef fort.

Fühlt euch als meine willkommenen Gäste.“

Damit war das Gespräch vorerst offensichtlich beendet. Gar-iorhed trat denn auch sofort vor.

Folgt mir bitte.“

Es waren vier Zimmer für sie vorbereitet worden. Machey bestimmte, dass Raréon und er jeweils ein eigenes Zimmer bekamen, ihre Krieger die restlichen unter sich aufteilen und einigermaßen gleichmäßig belegen sollten. Abends holte Gar-iorhed sie wieder ab und führte sie in einen Speisesaal, wo sie alle an einen länglichen Tisch gesetzt wurden. Raréon und Machey nah des Kopfendes, neben bereits wartenden Würdenträgern Iotors, die Kämpfer kamen an das Fußende. Kurz darauf kam dann auch Mharef hinzu und setzte sich an das Kopfende, neben sich Gar-iorhed und einen unbekannten anderen Mann sitzen habend. Alle Wesen zu Tisch waren männlich. Es wurde sich begrüßt, Höflichkeiten ausgetauscht und wirr durcheinander geredet, ehe die Speisen endlich aufgetragen wurden. Schließlich ergriff Mharef das Wort und wandte sich an Raréon.

Wir haben euch beobachtet, seit ihr euch letztes Jahr an unserer Küste niedergelassen habt. Was genau führte euch aber in unser Land?“

Nun wird es also ernst, schoss es Raréon durch den Kopf.

Tól und Omé haben uns entsandt, den Völkern zu helfen, welche durch das Feuer am stärksten betroffen waren. Bei euch fanden wir besonders große Not und Verwirrung vor.“

Dies schien Mharef nicht gern zu hören. Er runzelte düster die Stirn.

Wir können dem Volk immer noch am besten helfen. – Doch wer sind diese Tól und Omé?“

Raréon zögerte. Er wollte nichts Falsches sagen.

Sie sind vor achtunddreißig Jahren in Lurruken erschienen, haben unsere Leben verändert, Tausende gerettet und vor dem Unheil bewahrt.“

Und nun wollen sie ihre Herrschaft auf unser Reich ausdehnen?“ fuhr ihm Mharef scharf ins Wort.

Dem Herrscher Iotors schien nicht bewusst zu sein, oder er wollte es bloß nicht wahr haben, dass sein Reich fast zerstört da lag und dem Untergang bereits geweiht war.

Wir möchten nur helfen…“, sagte Raréon vorsichtig und unsicher.

Wenn ihr helfen wollt“, entgegnete Mharef, „zahlt eure Abgaben wie alle unsere Untertanen und wagt nicht aufzubegehren.“

Nach diesen Worten fielen noch viele weitere, doch erstmal wurde das Mahl fortgesetzt und Raréon hielt sich zu dem Thema Abgaben bedeckt. Raréon und seine Gruppe blieben noch zwei Tage in Aurost. Jeden Abend fand ein Mahl statt, jeden Abend versuchten Mharef und Raréon sich gegenseitig von ihren Standpunkten zu überzeugen. Der eine wollte die „Eindringlinge“ in sein Reich eingliedern, Steuern und Abgaben erhalten, der andere die „dem Untergang Geweihten“ von sich zu überzeugen um sie zu retten.

Am nächsten Abend kam Mharef endlich auf den Punkt: „Werdet ihr unsere Herrschaft anerkennen?“

Doch Raréon hatte nur zu entgegnen: „Nur, wenn ihr auch Tól und Omé anerkennt und uns euch helfen lasst.“

Doch besserte ihr Verhältnis sich damit nicht. Den Rest der Zeit hatten Raréon und die anderen zu ihrer freien Verfügung. So nutzten sie sie, um Aurost zu erkunden, mit den Leuten des Turmes zu reden und teilweise auch den Versuchen, Einzelne zu überzeugen, was Mharef jedoch gar nicht gerne sah. Am dritten Tag dann passierte aber etwas Schwerwiegendes: ein Auroster wurde oben auf der Baustelle tot aufgefunden. Mytillin Machey wurde Tags zuvor oft mit diesem gesehen und so schnell des Mordes bezichtigt, doch da er alles abstritt und niemand ihm etwas beweisen konnte, passierte erstmal nichts weiter. Am Abend gab es ein erneutes Mahl und misstrauische Blicke wurden zuhauf gewechselt.

Werdet ihr unsere Herrschaft nun endlich anerkennen?“ fragte Mharef schließlich scharf und fordernd.

Diese Einzelheit war die letzten Tage schon mehr als heiß besprochen worden und dementsprechend abweisend zeigten sich Raréon und die anderen bereits davon, doch blieb dieser freundlich.

Wenn ihr Tól und Omé anerkennt und uns eurem Volk helfen lasst.“

Wie ihr unserem Volk helfen könnt, haben wir ja heute zur Genüge gesehen!“ platzte diesmal aber einer der anwesenden Adligen dazwischen.

Was soll das heißen?“ wollte Raréon wissen.

Warum sollen wir eine Bande von Mördern aufnehmen?“ fragte ein anderer Adliger und wandte sich dann an den Rest: „Wieso vernichten wir sie nicht mit unserer Macht?“

Weil ihr dann niemanden mehr zum versklaven habt“, sagte Machey ruhig, doch vollkommen eisig.

Wer uns beleidigt, wird nicht mehr lange leben!“ entgegnete der erste Adlige daraufhin wütend.

Woher wollt ihr eine Armee nehmen? Euer Reich ist am Ende!“ stellte Machey bitterböse fest.

Wir sind immer noch mächtiger als ihr!“ warf endlich auch Mharef ein.

Womit nehmt ihr euch das Recht, hier aufzutauchen und uns Forderungen zu stellen?“ ergänzte ein Adliger.

Wann gab man euch das Recht, unser Volk zu töten?“ fragte Mharef.

Er blickte Raréon scharf an: „Welcher Herr hat hier seine Diener nicht im Griff?“

Doch Machey, nun hochrot im Gesicht vor Scham und Wut, holte mit der Frucht, welche er gerade in der Hand hielt und zuvor noch essen wollte, weit aus und warf sie mit aller Wucht. Sie klatschte Mharef gegen die Wange, zerplatzte und befleckte ihn, ließ ihn aber vor allem mit samt seines Thronstuhles hinten über kippen.

Alle blickten entsetzt auf den Gestürzten, bis dieser von unten, sich mit einem Arm aufstützend, den Finger in die Luft streckte und etwas mit brüchiger Stimme schrie: „Tötet sie!“

Die gesamte Festgesellschaft war gänzlich unbewaffnet und so blieben die Adligen entweder nur geschockt sitzen oder flohen gleich entsetzt und völlig überhastet. Doch die Wächter im Raum hatten ihre Waffen natürlich noch und rückten nun gegen Raréon und seine Leute vor, jeder mit einem bösartigen Grinsen im Gesicht. Machey war der einzige von diesen, der vorgesorgt hatte. Er zog einen Dolch aus seinem Stiefel und bezwang einen der acht Wächter damit. Dem Gefallenen nahm er die Waffe ab, tötete einen Zweiten, solange dieser noch zu überrascht war, und warf dessen Waffe Raréon zu. Dreien ihrer Krieger gelang es, einen weiteren Wächter zu überwältigen. So ging der Kampf weiter, bis einer von Raréons Kämpfern sowie alle acht Wächter tot am Boden lagen. Doch da stürzten bereits weitere zum Tor herein.

Wir müssen fliehen!“ rief da Raréon den anderen zu.

Raréon, Machey und die anderen versuchten sich einen Weg hinaus zu erkämpfen, doch der Weg Richtung Tor war schnell versperrt, so mussten sie eine andere Möglichkeit suchen. Nach etlichen Kämpfen, Gängen, Treppen und Sackgassen standen sie irgendwann nur noch zu sechst in einem Gang, von welchem ein großer Flur abging.

Raréon, hier entlang!“ machte Machey auf den Weg aufmerksam, „dort geht es zu den Ställen!“

Tatsächlich standen sie kurz darauf in eben diesen, arg bedrängt von den Aurostern. Die Tiere dort in den Boxen waren allesamt von der Art, welche man heutzutage Tomare, Tomisa, Panturgon oder dort im Norden Veduiguim nennt. Genau genommen waren es sogar die Vorfahren dieser heutigen letzten Unterart. Sie waren hier knapp unter dem „Dach“ des Turms untergebracht und damit waren diese geflügelten und flugfähigen Wesen keine allzu große Überraschung. Doch über viele von ihnen schienen die Iotorer wiederum auch nicht zu verfügen. Bis die Gruppe endlich einige Tiere abflugbereit hatte, waren zwei weitere Krieger erschlagen worden. Die letzten vier Anhänger von Tól und Omé in Aurost flohen aus diesem, aber nur zwei sollten es lebend bis zum Lager schaffen. Ein Kämpfer wurde bereits kurz nach dem Start von Pfeilen getroffen, der andere konnte sich in diesem für ihn ungewohnten Sattel nicht halten und stürzte schreiend in die Tiefe.

Die Nachricht von dem Geschehen entsetzte und verunsicherte das gesamte Lager, doch die meisten glaubten Machey, dass er unschuldig sei. Machey ordnete sofort an, das Lager kampfbereit zu machen, da er nicht annahm, dass die Iotorer ihre Rache so leicht vergessen würden. Als sie später allein waren, richtete Raréon das Wort an Machey.

Wie viel von dem, was die Iotorer behaupten, ist wahr?“

Diese Frage erzürnte Machey.

Traust du mir nicht mehr? Hältst du mich etwa für einen Mörder?“

Das habe ich nicht gesagt“, entgegnete Raréon, „ich will nur wissen, was wirklich geschehen ist – und ob ich dir wirklich noch trauen darf.“

Machey blickte ihn ernst an und schien einem Wutausbruch nahe. Doch dann seufzte er.

Nun gut, ich erzähl es dir.“

Er setzte sich an einen Tisch und deutete Raréon es ihm gleich zu tun.

Der Mann war ein Händler, mit dem ich zu tun hatte. Er versprach, mir Auskünfte zu übergeben, die uns gegen Iotor geholfen hätten. Wir vereinbarten das Dach als Treffpunkt. Doch dann verriet er mich und griff an. Ich habe mich nur gewehrt.“

Warum hast du das den Aurostern nicht erzählt?“ fragte Raréon leicht anklagend, „Warum unternimmst du so etwas ohne Rücksprache mit mir?“

Du hättest eh abgelehnt und ein Kampf mit Iotor war immer unausweichlich. Und hätte ich gestanden ihn getötet zu haben, wäre es bloß zu demselben Ergebnis gekommen, egal wie meine Gründe nun aussahen.“

Das mag so stimmen, doch hast du mich trotzdem immer über alles zu benachrichtigen!“

Damit ließ Raréon es bewenden, doch die Stimmung zwischen den beiden blieb die nächsten Tage gespannt.

Nach einer guten Woche standen die Streitkräfte von Iotor an der Küste. Raréon und Machey hatten alle, die helfen wollten, bewaffnet und das Lager so gut es ging befestigt. Es wurde auch ein Bote ausgesandt um Emaior zu suchen, doch kam dieser nicht rechtzeitig zurück. Iotor hatte lange nicht mehr soviel zu bieten wie noch vor zweihundert Jahren, doch waren es immer noch mehr – und vor allem besser ausgebildete – Kämpfer, als sie Raréon und Machey aufbieten konnten. Iotor griff aber nicht sofort an, schien sie nur aushungern zu wollen. Die Belagerung zog sich über Monde hinweg. Der Bote kehrte irgendwann zurück und erklärte, dass Emaior selber in Bedrängnis war und daher nicht helfen konnte. Als ihm aber klar wurde, dass Raréons Lager von Schiffen aus Huálor und anderen Händlern weiter versorgt wurde, wagte der iotorische Befehlshaber endlich den Angriff. Doch kam es damit noch zu keinem Ende, nur zu einer Verlängerung, da man ihn zurückdrängte.

Wir müssen zurückschlagen, sonst werden wir hier auf ewig so fest sitzen“, erklärte Machey eines Tages Raréon, während sich das Jahr bereits dem Ende zu neigte.

Raréon nickt langsam und bedächtig. In den letzten Monden war die Moral im Lager stetig gesunken und selbst Raréon und Machey zerstritten sich immer öfter. Raréon sprach täglich mit den Leuten, doch nutzte es immer weniger. Schließlich stellte sich Machey vor die Verteidiger.

Anhänger Tól und Omés, Bewohner dieses Lagers und dieser Länder, hört mir zu! Seit Jahrhunderten versklavten die Iotorer euch und eure Völker und nun ist endlich der Zeitpunkt gekommen, sie endgültig zu vertreiben! Wer diese Länder wieder frei sehen will und sich nicht scheut, der möge mir folgen! Wir werden Aurost besiegen!“

Machey hatte in letzter Zeit immer mehr an Beliebtheit bei den Soldaten gewonnen, während das normale Volk sich eher an Raréon hielt. Doch nun jubelten sie alle und stimmten ihm zu. Machey und seine Ausfalltruppe, zusammengestellt aus Freiwilligen, machten sich bereit und am nächsten Tag stürmten sie aus dem Lager. Die Iotorer zeigten sich überrascht, aufgrund der Ruhe der letzten Wochen unvorbereitet und leisteten dementsprechend weniger Widerstand. Bis sich dieser endlich doch gebildet hatte, war Machey bereits tief in den feindlichen Reihen. Nach einiger Zeit spaltete sich ein Teil der Kämpfer Raréons, darunter auch Machey selber, von dem Hauptkampf ab. Ohne groß bemerkt zu werden zogen sie weiter und stießen gar ohne Schwierigkeiten bis Aurost vor. Dieses fanden sie nahezu unbewacht vor und drangen leicht ein. Machey ließ alle Einwohner abschlachten, bis Galand, welcher ihn begleitete, ihm endlich Einhalt gebieten konnte.

Haltet ein mit dem Wahnsinn! Das sind Unschuldige!“

Daraufhin ließ Machey sie nur noch aus dem Turm werfen und flüchten, doch Gar-iorhed und andere Adlige dagegen ließ er aus den Fenstern des Turms und von den Baukränen baumeln, aufgehängt als Mahnmal und als Warnung für alle anderen Iotorer. Mharef aber fand man im Turm nirgends vor. Bei Raréons Lager ließen derweil die zurückgebliebenen Krieger von dem Kampf ab und zogen sich zurück. Bald merkten aber auch die Iotorer, was geschehen war. Man ließ Kundschafter zurück nach Aurost schicken und nachdem diese von vertriebenen Einwohnern und den Erhängten an den Mauern berichteten, ließ der iotorische Befehlshaber sofort von dem Lager ab. Er zog nach Süden, um die eigene Stadt anzugreifen. Doch Machey konnte Aurost genauso gut halten wie zuvor das Lager, so dass der Turm nur belagert werden konnte. Der Winter kam bald und nun waren es die Iotorer, welche entmutigt waren, trotz der aus anderen Gegenden eintreffenden Verstärkungen. Im Frühjahr kam dann endlich auch Hilfe für Machey. Raréon hatte die verstrichene Zeit genutzt, um einen Verbündeten zu finden. Westlich seines Lagers, nah der Küste am Sumpf, lag die Burg Emadé und herrschte über ein kleines Königreich, dem Reiche Iotor wieder entrissen. In dessen Herrscher Géri Anaruen fand Raréon einen Verbündeten im Kampf gegen Iotor und so zogen sie aus, dieses endgültig zu schlagen. Die Iotorer wurden erbarmungslos aufgerieben. Viele ergaben sich, nur einigen gelang die Flucht. Doch von Mharef weiterhin keine Spur. Aber er sollte wiederkommen.

VII: Der aufsteigende Stern Macheys

Beteiligte: Raréon, Mytillin Machey, Enreesa, Galand, Garmyn an’Vorra, Soumyl an’Dunnar, Varman an’Linroc, Junge, Wächter, Macheys Leute, Enreesas Jagdgesellschaft, Adlige

Orte: Rardisonan, Karra

Im nächsten Jahr änderte sich einiges in den ehemaligen südlichen Ländern von Iotor. Raréons Lager war längst zur Kleinstadt geworden und man nannte sie immer öfter selbst hier „Rardisonan“. Es siedelten sich immer mehr Leute aus der Umgebung dort an. Doch obwohl er jetzt über die Hauptstadt von Iotor verfügte, blieb er in seinem Lager, während Machey Aurost verwaltete. Das Gebiet südlich von Aurost erhob sich nach dem Fall von diesem endgültig gegen die Iotorer und vertrieb sie aus ihren Ländereien, unterstützt von Raréon und Machey. Dojolas Igíman wurde Herrscher des Volkes und über das nun wieder existierende Königreich Tobjochen. Und auch dieses verbündete sich mit Raréon. Nachdem sie sich eine Weile nur noch über Boten ausgetauscht hatten, besuchte Raréon Machey im Herbst in Aurost.

Ich brauche dich bald wieder bei uns“, eröffnete Raréon, nach einer Begrüßung und kurzem Austausch von Neuigkeiten.

Doch Machey schien nicht erfreut.

Wozu? Die Bedrohung ist beseitigt! Die letzten Iotorer werden sich nicht mehr lange halten oder haben bereits aufgegeben. Ich kann dir Galand schicken, wenn du einen guten Ausbilder brauchst.“

Raréon schüttelte den Kopf.

Du hast noch andere Aufgaben, außer dem Kampf. Wir müssen die Völker einen und ihnen die Lehren Tól und Omés bringen.“

Machey warf genervt die Arme in die Luft.

Tól und Omé! Wer braucht die noch? Die Welt ist nicht untergegangen und wird fortbestehen, auch ohne dass sie alles an sich reißen!“

Raréon war zutiefst entsetzt und zeigte dies auch deutlich.

Unser Ziel ist die Einheit der Völker – Frieden – ein goldenes Zeitalter“, brachte er gerade noch hervor.

Umschreibungen für weitere Eroberungen!“ entgegnete Machey hitzig, „Auch die Iotorer hatten ein goldenes Zeitalter.“

Raréon war fassungslos ob dieses Vergleichs.

Sie hatten andere Völker versklavt, unterdrückt und ihnen ihren Willen aufgezwungen. Unseres aber ist ein freiwilliger Bund!“

Wenn du das glaubst, wirst du bitter enttäuscht werden“, entgegnete Machey, seine Hoffnungen Raréon überzeugen zu können fahren lassend.

Raréon blickte verletzt. Doch wechselte er lieber das Thema.

Kommst du nun mit zurück oder nicht?“ fragte er vorsichtig, doch ernst.

Und Machey blickte ebenso ernst zurück.

Du kannst von deinem Lager aus nicht alles überwachen. Nimm du das Lager, Huálor und Emadé und lass mir Aurost und Tobjochen.“

Raréon funkelte ihn böse an.

Huálor, Emadé und Tobjochen sind unsere Verbündeten, nicht unsere Untertanen!“

Du willst alles nur für dich“, stellte Machey gehässig fest.

Komm mit oder spüre die Folgen“, antworte Raréon und ging.

Machey blickte ihm nachdenklich hinterher. Er hatte es satt, in diesen Landen nur der Zweite sein zu müssen. Zwei Wochen später erreichte eine Botschaft Aurost. Machey sollte zu Raréon kommen, welcher sich in seinem Brief entschuldigte und eine Belohnung für Macheys Dienste hätte. Doch zu diesem Zeitpunkt weilte Machey bereits nicht mehr in Aurost. Galand, der zurück geblieben war, musste Raréon mitteilen, dass Machey den Fluss hinauf gezogen war, gen Süden. Nun wollte auch Machey es zu etwas Großem bringen. Er hatte die ihm Getreuen um sich gesammelt. Groß war ihre Gruppe allerdings nicht und so kamen sie gut und recht unbemerkt voran. An Tobjochens Grenze haltend, gelangten sie in die südlichen Berge. Einen Pass hindurch zu finden war nicht einfach, doch entdeckte Machey schließlich den Weg zurück zu dem Pass, welchen er Jahre zuvor mit Raréon durchquert hatte. Weiter nach Süden wanderten sie und erreichten bald in TuKarra. Im Spätsommer gelangten sie an den Haregez, den gewaltigen Strom. Auf der Suche nach einer Brücke begegneten sie schließlich ihr. Sie befand sich gerade mit einer Jagdgesellschaft nah dem Fluss bei einem kleinen Wäldchen. Ein Lager war errichtet worden, farbige Zelte und Wimpel erzählten von ihren adligen Herren. Einundvierzig davon zählte die Gruppe noch. Machey beschloss, der Gesellschaft allein einen Besuch abzustatten. Nur seine beiden engsten Vertrauten begleiteten ihn. Offen und ohne etwas zu verstecken, stapften sie durch das hohe Gras und betraten die Zeltreihen. Über Feuerstellen brutzelte und briet gefangenes Wild, in Pfannen wurden Pilze gebraten und in Töpfen blubberten Suppen und Soßen. Vor jedem Zelt war ein Tisch aufgebaut, nebst zahlreichen Stühlen und Liegen. Überall saßen wichtig aussehende Leute und sahen teils desinteressiert, teils neugierig ihnen nach, während ihre Diener ständig zwischen ihnen umher wuselten und ihnen Annehmlichkeiten zuteil werden ließen. Einen davon hielt Machey an.

Sag mir, zu wem gehört diese Gesellschaft?“

Und der Junge antwortete unterwürfig, nicht einmal ungehalten ob dieser Störung seiner Tätigkeiten: „Unsere Herrin Enreesa ist hier mit ihrer Jagdgesellschaft zum Abendmahl versammelt, Herr. Ihr findet sie dort hinten in dem Zelt, dem großen in Gelb und Rot.“

Damit deutete er auf das größte der Zelte, wandte sich ab und verschwand wieder, wie er gekommen war. Natürlich hatte Machey bereits von Enreesa gehört. Immerhin war sie die Herrscherin von Karra und ganz TuKarra. Machey hatte zahlreiche Geschichten über sie und ihre fast schon sagenumwobene Schönheit, doch auch Einsamkeit gehört und wurde gar neugierig auf sie und darauf, ob auch nur ein Körnchen Wahrheit in diesen Legenden stecke. Er ging zu ihrem Zelt und bat die beiden Wächter, ihn zu ihrer Herrin vorzulassen. Diese erkundigten sich geschwind im Zelt und ließen ihn alsbald passieren, doch seine Begleiter hatten draußen zu warten und wurden schnell in die Reihen der auf das Abendmahl Wartenden aufgenommen. Und Machey hob den Vorhang und betrat das Zelt der Herrin Enreesa, Herrscherin von Karra und ganz TuKarra. Im Zelt war es weit dunkler als noch zuvor draußen, und so erblickte er sie zunächst nicht.

Wer seid ihr bitte, wohin reist ihr und was ist euer Begehr?“ fragte da eine helle Stimme.

Und nun sah er sie, sich halb auf einer Liege räkelnd, halb auf ihr sitzend, eine Schale voll Obst vor ihr auf einem verzierten Tisch, und war wie gebannt. Ihre Schönheit übertraf alle Legenden, alle Gerüchte, alle Erzählungen die er je über sie gehört hatte; ihre Anmut war entzückender denn die aller Frauen derer er je ansichtig, ihre Nähe fesselte mehr denn die jedes anderen Wesen, dem er je begegnet war.

Nun?“ brach sie leicht amüsiert das Schweigen. „Ihr wolltet zu mir, also sprecht nun auch.“

Und sie lächelte – ermutigend, doch Machey nur bezaubernd.

In ihrem Bann stehend, sprach er: „Mytillin Machey nennt man mich; aus dem Norden komme ich, doch ursprünglich aus dem fernen Westen. Ich weiß nicht, wohin ich reise, doch ich fliehe.“

Nur leicht fragend blickte sie.

Ihr flieht? Wovor?“

Nun verdüsterte sich sein Gesicht.

Vor Raréon, ehemals einem teuren Freund. Doch nun täuscht er ein edles Ansinnen vor um in dessen Namen die Völker selbst bezwingen und beherrschen zu können.“

Raréon? – Ich glaube, jemand berichtete mir von diesem Namen. Trägt ihn nicht der Sieger über Iotor?“

Ja, das ist er und besiegen tat er sie – oder besser, ich tat es für ihn. Doch nun zeigte sich, dass er genauso süchtig nach Macht ist, wie es die Iotorer vor ihm waren. Er will alles beherrschen und wird sicher auch noch hierher kommen.“

Hierher?“

Sie blickte leicht verunsichert, doch gewann dann wieder Vertrauen. Sie deutete auf den Platz neben sich.

Setzt euch doch und erzählt mir bitte von euch und diesem Raréon.“

Und so tat er dann. Er erzählte ihr von sich, seinen Erlebnissen und der Zeit mit Raréon. Doch er erzählte ihr nicht alles und auch nicht immer die Wahrheit. Er berichtete, dass ihr und ihrem Reich aus dem Norden Gefahr drohen würde, dass Raréon ihn verraten hätte, dass er Angst vor ihm hätte und einsam nach einer Zuflucht suche. Und so bot sie ihm letztlich an, mit ihr nach Karra zu gehen, in die alte Stadt am Haregez und östlich im Reiche gelegen. Sie verbrachten noch viel Zeit miteinander, kamen sich näher und festigten dies ein Jahr später schon in einem Bund der Ehe. Machey wurde damit zweitwichtigste Person des Reiches von TuKarra. Schließlich rief er eine Versammlung von Adligen und anderen wichtigen Leuten des Reiches in Karra zusammen und stellte sich vor sie, um zu ihnen zu sprechen.

Ruhe bitte, meine Herren!“ ermahnte er sie, während noch alles miteinander tuschelte und raunte.

Als endlich Stille herrschte und alle ihm gespannt ansahen, begann er mit seiner Rede.

TuKarra ist ein ruhiges und schönes Land. Seine Bewohner leben seit Jahren in Ruhe und Frieden mit seinen Nachbarn. Doch nun droht diesem schönen Reich am Haregez zwischen den Bergen eine neue, große Bedrohung. Wie ihr bereits wisst, kam ich aus dem Norden. Ich diente dort dem so genannten Anhänger von Tól und Omé, welcher sich Raréon nennt. Doch musste ich erkennen, dass Raréon bloß entsandt wurde, um seinen Herren Tól und Omé, welche bereits über einen Teil von Lurruken herrschen, bei ihren weiteren Eroberungen zu helfen.

Nun, meine Freunde – wollen wir zulassen, dass Raréon hierher kommt um TuKarra zu verwüsten, eure Frauen zu schänden, euch zu versklaven und eure Ländereien Tól und Omé vorzuwerfen?“

Empörtes Gemurmel entstand im Saal und viele riefen: „Nein!“

Einer der Adligen, Garmyn aus Vorra, erhob sich von seinem Stuhl.

Was wollt ihr denn bitte tun, um diesen Raréon davon abzuhalten, über uns herzufallen? Wir haben zwar schon davon gehört, dass er Iotor bezwungen hat, doch wer sagt uns, dass er selbiges ausgerechnet mit TuKarra vorhat? Bisher gibt es keine Anzeichen dafür! Wer sagt uns, dass ihr uns nicht nur gegen ihn aufhetzen wollt?“

Machey blickte ihn verärgert und genervt an. Die anderen Anwesenden beobachteten abwechselnd beide.

Wollt ihr etwa warten, bis Raréons Armee endlich über die Pässe strömt um eure Ländereien, Dörfer und Burgen zu überfallen, eure Häuser anzuzünden und eure Untertanen zu töten?“

Wieder riefen viele „Nein!“

Doch Garmyn blickte derweil weiter ernst.

Was genau habt ihr nun vor?“ fragte er.

Machey ließ Zeit für eine dramatische Pause, um alle fest anzusehen.

Als ich herkam, merkte ich, dass der Pass über die Berge euer Schwachpunkt ist. – Soumyl!“

Der Angesprochene blickte überrascht auf.

Eure Burg Dunnar liegt doch nah des Passes, oder?“

Das stimmt, Herr“, antwortete Soumyl unwohl.

Wie oft reisen Leute über den Pass? Habt ihr unser Ankommen bemerkt?“

Soumyl blickte leicht Hilfe suchend durch den Raum, doch fand keine. Schließlich wagte er eine Antwort.

Wir überwachen den Pass nicht immer, es gab nie Schwierigkeiten, …“

Machey schlug fest und bestimmt auf den Tisch vor sich.

Genau das ist es! Ihr bemerkt nichts! Eine ganze Armee könnte sich heimlich an euch vorbei schleichen während ihr in eurer Burg sitzt, Däumchen dreht und an nichts Böses denkt!“

Soumyl blickte beschämt zu Boden. Doch Garmyn sah beide abwechselnd und verärgert an.

Und doch steht am Pass ein alter Turm“, fuhr Machey fort. „Völlig verlassen und halb am zerfallen.“

Der Pentas – vor Urzeiten von Omijern erbaut“, murmelte ein anderer der anwesenden Adligen – Varman.

Machey nickte ihm zu.

Genau. Ich sage, lasst uns den Pentas wieder herstellen, verstärken und eine Festung darum errichten!“

Eine Festung?“

Die Anwesenden murmelten überrascht mit- und durcheinander.

Eine Festung, den Pass zu überwachen“, stellte Varman fest und schien begeistert oder zumindest auf der Seite von Machey. „So sei es!“

Und diesmal rief die Menge laut: „Ja! So sei es!“

Und wie soll sie heißen?“ rief man.

Machey blickte triumphierend und sprach feierlich: „Sie wird Verteidiger von TuKarra sein, also lasst sie uns deshalb Pegrott nennen!“ Welches in der Sprache von TuKarra schlicht Verteidiger bedeutete.

Pegrott!“ rief man begeistert und stieß mit den Weingläsern an.

Und wann beginnt der Bau?“ rief man.

Schon bald, denn Raréon wird immer mächtiger!“ antwortete Machey ihnen und rief ihnen den Grund des Baus wieder ins Gedächtnis.

Und wer soll über sie herrschen?“ rief man ein drittes Mal.

Nun“, fing Machey an und wurde leicht spöttisch, „lasst Soumyl sie verwalten, damit er aufmerksamer wird!“

Man lachte und stieß auf Soumyl an während dieser sich unbehaglich umsah. Garmyn musterte die Versammelten düster.

Dann ist es beschlossen!“ sprach Machey und erhob seinen Kelch, „Nun lasst uns endlich essen!“

Und sofort betraten Bedienstete die Halle und trugen Speisen auf. Doch Garmyn warf Machey einen letzten finsteren Blick zu, dann verließ er den Saal. Man feierte Soumyl, Machey und Pegrott, bis weit in die Nacht hinein, doch auch Machey zog sich bald schon zurück.

VIII: Das Wiedersehen von Lían und Raí

Beteiligte: Tól & Omé, Lían, Raí, Silön, Thaléon Balouron, Malont Déaron, Gaunus, Raís Vertraute, Raís Offiziere, Bannerträger von Malont Déaron, Armeen von Raí und Malont Déaron

Orte: Silour, Ebene bei Diméo, Lían

Doch was passierte wohl während all dieser langen Zeit im Süden, bei Tól und Omé? Nun, diese bekamen oft, doch immer seltener werdend, Nachricht von Emaior und Raréon. In allen drei Gebieten gediehen die Länder, die Bewohner waren zufrieden, es ging ihnen gut und sie hatten nichts und niemanden zu fürchten. Doch oft standen Tól und Omé oberhalb der Versammlungshalle in Lían am Fuß der Berge und blickten gen Süden, wo sich in großer Ferne die gewaltigen, hohen Wälle des Azirun erhoben und den ehemaligen Süden von Lurruken von den kalten Gebieten noch weiter südlich trennten. Etliche Flüsse entsprangen in den Tälern der Berge und flossen in die tieferen Gegenden. Der größte davon war die Nechdra, an deren Oberlauf Arsen, am Unterlauf Darôn und an der Mündung schließlich die Festung Silour lagen.

Zwischen 2015 und 2019, also gute vier Jahre vor dem Zusammentreffen von Machey und den Adligen von TuKarra, etwa zum Höhepunkt des Krieges zwischen Raréon und Iotor, blieb auch Silön alles andere als untätig. Raí war zu dieser Zeit 27 bis 31 Jahre alt und hatte längst seinen lang gehegten Traum verwirklichen können: er war Oberbefehlshaber von Silöns Truppen und eroberte in diesen vier Jahren für Silön zahlreiche der kleinen Reiche und Staaten zwischen Nechdra und Azirun, die nach 2000 und dem Fall von Lurruken entstanden waren. Raí wurde zum größten Krieger von Silön. Er brachte Feuer und Schwert in die Kleinreiche an den Grenzen und wenn man sich nicht freiwillig ergab und unterwarf, half er mit eben diesen nach, um sie zu Silön zu bekehren. Im Frühjahr des Jahres 2019 weilte er wieder in Silour. Im ganzen Reich war er schon lange als Held bekannt und wurde bei seiner Ankunft von den Bürgern auch dementsprechend gefeiert und bejubelt. Schließlich ritt er, nur begleitet von dreien seiner treuesten Leute, in den Palast ein, wo er von Thaléon Balouron, dem Berater Silöns und wie so stets ganz in Schwarz gewandet, bereits erwartet und dann auch freudig begrüßt wurde.

Raí! Herzlich willkommen! Silön erwartet dich bereits.“

Raí stieg endlich von seinem Tier, trat Balouron gegenüber und legte ihm die Hände auf die Schultern. Er blickte ihn fest und ernst an, um dann zu grinsen.

Balouron freundschaftlich die Schultern schüttelnd antwortete er ihm: „Es tut gut, euch wieder zu sehen, alter Freund.“

Balouron blickte betont kühl.

Ja, tut es.“

Endlich ließ auch Raí von seinen Schultern ab und grinste.

Balouron fuhr fort: „Ihr hattet viel Erfolg in den Flussländern, wie wir gehört haben. Silön ist sehr zufrieden.“

Raí nickte grinsend. Zusammen gingen sie in den Palast und redeten dabei weiter.

Ja. Es war schwer, lang und hart, doch wir haben es geschafft: viele der herrscherlosen Völker erkennen jetzt Silön an.“

Raí hatte sich in den letzten Jahren stark verändert. Er war groß geworden und durch seine ständigen Übungen und Schlachten hatte sich sein Körper gestählt. Seine Haare trug er nun länger und er war wesentlich selbstsicherer als früher. Auch sah man ihn fast nur noch in Rüstzeug und bewaffnet. Er erzählte Balouron noch eine Weile begeistert von dem, was er gesehen, was er erlebt und was er erzielt hatte, dann erreichten sie endlich den Thronsaal, wo Balouron ihn allein zurück ließ. Silön war wieder einmal in dem kleinen Geschäftsraum an der Seite des Saales zu finden, an einem Tisch sitzend und über Karten gebeugt. Raí musste sich laut räuspern, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Silön blickte, wie gewohnt gerne spielend überrascht guckend, auf, um dann warm zu lächeln.

Ah, unser kleiner Raí – schon zurück?“

Silön stand auf, trat von dem Tisch zurück und kam auf ihn zu.

Ja, endlich wieder hier!“

Raí packte Silön und sie umarmten sich freundschaftlich. Dann schlug Silön ihm auf die Schulter.

Also, wie war deine Reise? Was hast du erlebt? Erzähl mir alles, jede noch so kleine Einzelheit!“

Gerne, aber erst möchte ich etwas trinken!“ lachte Raí.

Oh, natürlich, wie unhöflich von mir“, grinste Silön zurück.

Silön reichte ihm einen Becher aus dem Regal und füllte sich und Raí jeweils etwas Wein ein.

Silön“, fing Raí an, „dein Schutzbereich vergrößert sich.“

Dann erzählte er von all seinen Schlachten und Erlebnissen und zeigte dabei Orte und Länder auf der Karte vor Silön. Irgendwann unterbrach Silön seinen begeisterten Redefluss und blickte ihn ernst an.

Du weißt, warum wir dies alles tun, oder?“

Raís Lächeln versiegte schließlich doch noch.

Wegen meinen Eltern.“

Silön nickte und nahm einen Schluck.

Richtig. – Wir müssen deinen Eltern Einhalt gebieten. Ich habe erfahren, dass sie planen, uns anzugreifen.“

Was? Warum tun sie so etwas?“ fragte Raí, traurig blickend.

Weil sie die mächtigsten Wesen dieser Welt werden wollen, weil sie angebetet werden wollen, mächtiger und stärker als es Tamirús und seine Vorgänger je waren.“

Aber das werden sie doch jetzt schon“, entgegnete Raí.

Ja, aber eben nicht von allen.“

Raí schüttelte nur noch traurig den Kopf.

Silön seufzte und schnitt dann das eigentliche Thema des Tages an.

Wir müssen sie aufhalten.“

Raí blickte auf und runzelte nachdenklich die Stirn.

Und wie?“ fragte er schließlich.

Silön deutete auf einen roten Punkt auf der Karte, nordöstlich der Gebiete, von denen Raí zuvor erzählt hatte.

Hier ist ihre wichtigste Grenzstadt, Maggin. Ich habe die Befürchtung, dass sie uns von dort werden angreifen wollen.“

Dann deutete Silön auf einen weiteren Punkt, nah Silour an der Nechdra.

Hier ist Darôn, deine Stadt.“

Schließlich wanderte Silöns Finger zu einem Punkt zwischen Maggin und Darôn, irgendwo an dem großen Fluss Panenfiress zwischen den Flüssen Nechdra und Gamont.

Und hier schließlich liegt Diméo. Diméo ist ein kleiner Ort direkt am Panenfiress, von niemandem beansprucht. Dieser Ort ist für uns bestens geeignet, liegt er doch sehr nahe an Maggin und nicht sehr weit von deinem Darôn entfernt.“

Raí, der in den letzten Jahren ein guter Heeresführer geworden war, nickte ernst und zustimmend.

Ich sehe, was du meinst.“

Silön sah ihn kurz an, um dann fortzufahren.

Zieh deine Truppen dort in Diméo zusammen. Wir müssen deine Eltern angreifen, bevor sie selbiges gegen uns versuchen und Gelegenheit haben, selber zuzuschlagen.“

Raí nickte ernst, um kurz darauf Silön nachdenklich und etwas gequält aussehend anzublicken.

Aber müssen wir sie wirklich bekämpfen? Gibt es keinen anderen Weg?“

Und Silön schüttelte den Kopf.

Nein, gibt es nicht. – Wirst du deine Aufgabe erfüllen?“

Raí blickte traurig, willigte aber ein.

Wenn es sein muss.“

Ja, das muss es.“

In den darauf folgenden Monden sammelte Raí aus den Gebieten Silöns alle Truppen, die zu entbehren waren und ließ sie nach Diméo kommen, wo sie zu einer großen Armee vereinigt wurden. Während die Einwohner Diméos alles ängstlich beobachteten und bald nur noch damit beschäftigt waren, die Armee zu versorgen, war Raí mit der Bildung eben dieser gegen Winter endlich fertig und reiste zurück nach Silour.

Alle Vorbereitungen sind getroffen“, verkündete er, nach dem er von Balouron und Silön im Geschäftszimmer des Thronsaales empfangen worden war.

Sehr gut“, antwortete ihm Silön, „ich bin stolz auf dich.“

Dies freute Raí sichtlich.

Lass sich deine Leute aufeinander abstimmen und reichlich miteinander üben. Im nächsten Jahr, während der ersten Frühjahrstage, greifst du dann endlich an.“

Und Raí nickte ergeben.

Ja, Silön.“

Aber Raí“, ergänzte Silön, „sei vorsichtig! Balouron hat Nachricht bekommen von unseren Spähern aus Maggin.“

Damit überließ Silön nun Balouron das Wort, welcher neben dem Stuhl von Silön stand. Er nahm einen großen Stapel Briefe vom Tisch und schob sie bedächtig Raí zu.

Raí, wir haben Kunde bekommen, dass deine Eltern ihre Armee in Maggin zusammen ziehen. In diesen Unterlagen steht alles, was wir über ihre Pläne und Bewegungen wissen.“

Und Raí nahm die Schriftstücke und blätterte sie flüchtig durch.

Das habe ich bereits erwartet“, antwortete Raí nachdenklich. „Sollten sie uns wirklich angreifen, werden wir sie kampfbereit erwarten, sonst greifen wir sie selber an.“

Silön nickte, stand auf und legte Raí die Hände auf die Schultern.

Aber passe auf dich auf. Du bist wie ein Sohn für mich geworden!“

Dann umarmte Silön Raí kurz, aber heftig. Als er wieder frei war, nickte Raí nur grimmig und düster. Balouron legte ihm nur die Hände auf die Schultern.

Pass auf dich auf, mein Freund.“

Schließlich verließ Raí die Feste wieder und warf einen Blick zurück. Er sollte nicht noch einmal zurückkommen.

In der Zeit, in der Raí in Silour mit seinen Vorbereitungen beschäftigt war, zog Malont Déaron, Nachfolger von Amant Emaior, unterstützt von Gaunus, dem alten Anhänger Tól und Omés, eigene Truppen in Maggin zusammen. Denn auch Tól und Omé hatten erfahren, dass man in Diméo eine Armee sammelte, wussten aber nicht, wer sie anführte. Um ihre Grenze zu schützen, wurde man aber geschwind auch selber tätig. Im Frühjahr des Jahres 2021 war es Raí, im Alter von dreiunddreißig Jahren, der seine Armee als Erster ausrücken ließ. In Maggin handelte Malont Déaron fast sofort und schritt ihm entgegen, man wollte Maggin tunlichst aus jeglichen Kampfeshandlungen heraus halten. Zwischen den Flüssen Panenfiress und Gamont lag eine weite und lediglich stellenweise von Wäldchen durchsetzte Ebene. Ungefähr in der Mitte von dieser Ebene sollten beide Armeen aufeinander treffen. Bühnengerecht drapiert standen sie sich zwischen zwei kleinen Wäldchen gegenüber und versuchten sich gegenseitig einzuschüchtern. Raí stand mit seinen ranghöchsten Offizieren an der Spitze seiner Armee und beriet sich mit diesen.

Herr, ihre Armee scheint ebenso groß zu sein wie unsere“, sprach einer der beiden Offiziere.

Auch sind sie gleich stark und ausgerüstet“, ergänzte der andere.

Raí betrachtete sie wütend.

Ja und? Unsere Leute sind besser ausgebildet und kämpfen für eine gerechte Sache!“ sprach er und verließ sie.

Er stellte sich breitbeinig und das Bild eines Helden abliefernd vor seine die Gegner betrachtende Armee und ließ einen Hornbläser ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Soldaten von Silön!“ rief Raí laut. „Wir sind hier, um unser Land vor den Lügen und den Armeen aus dem Norden zu schützen!“

Und man antwortete ihm mit lautem und zustimmendem Gebrüll. Raí deutete auf die Gegner.

Dort stehen unsere Feinde! Wollt ihr sie vernichten?“ rief er fordernd und voller Leidenschaft, die seine Traurigkeit ob dieser Notwendigkeit nur überdecken sollte.

Und wieder antwortete man ihm mit Gebrüll und Kampfesrufen.

Dann lasst uns sie angreifen!“

Raí deutete mit dem Schwert auf die Gegner und ließ es wie ein Fallbeil herabfallen. Seine Leute brüllten und schrien weiter ihre Kampfesrufe, dann stürmten sie alle wild heulend los.

Und was passierte derweil auf der anderen Seite des Schlachtfeldes, bei der Armee aus Maggin? Malont Déaron stand mit Gaunus, seinem Bannerträger und zwei Soldaten ebenso vor seinen Leuten, wie Raí vor seinen.

Was meint ihr, wie viele sind das wohl?“ fragte Gaunus Déaron und kniff die Augen zusammen, um in der Ferne mehr erkennen zu können.

Der Gefragte warf lediglich einen verächtlichen Blick auf die Gegner.

Nicht genug um gegen uns anzukommen“, entgegnete er gelangweilt.

Gaunus wirkte ob der erdrückenden Menge an Kämpfern auf beiden Seiten sichtlich nervöser und verunsicherter.

Wer sie wohl anführt?“ fragte er sich laut genug, dass Déaron es hörte.

Sicher einer dieser Barbaren Silöns“, antwortete Déaron, ohne Gaunus eines Blickes zu würdigen.

Wie lange es wohl noch dauert, eh sie etwas unternehmen?“ fragte sich Gaunus schließlich.

Vermutlich haben sie Angst“, entgegnete Déaron nur.

Dort geht etwas vor…“, murmelte Gaunus plötzlich, als sich vor der feindlichen Armee etwas bewegte.

Auch Déaron konnte es sehen und wusste, was zu tun war.

Lasst die Truppen antreten!“ befahl er Gaunus scharf.

Dieser grüßte, drehte sich zu den wartenden Truppen um und musterte sie nur kurz.

Angetreten!“ rief er lautstark.

Déaron legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter, um dann das Wort zu übernehmen und zu seinen Leuten zu sprechen.

Anhänger von Tól und Omé!“

Von der anderen Seite des Schlachtfeldes ertönte lautes Gebrüll, das Déaron allerdings ignorierte.

Ihr wisst, warum wir hier sind!“ fuhr Déaron fort.

Die Soldaten sahen ihn nur still, schweigsam und erwartungsvoll an.

Diese Armee dort drüben bedroht die Sicherheit eurer Familien in Maggin, Lían, Taiban und den restlichen Orten unter dem Schutz von Tól und Omé. Wollt ihr das etwa zulassen?“

Nein!“ entgegnete man ihm schreiend, während die andere Armee ebenso ihre Rufe schrie.

Dann nehmt eure Waffen zur Hand und verteidigt eure Familien und eure Heimat, ehe die dort sie zerstören!“

Déaron hob sein Schwert und deutete gen Himmel und zu den Feinden.

Für Tól und Omé!“ schrie er laut und ließ sein Schwert niedersausen.

Gaunus und die Soldaten antworteten ihm gleichermaßen und stürmten los, auf den Gegner zu. Déaron sah ihnen nach um ihnen dann zu folgen, während der Gegner sich gleichzeitig ebenso in Bewegung setzte. In der Mitte der Ebene trafen die beiden Armeen aufeinander. Es wurde aber kein schneller, tatenfroher Kampf, sondern ein zäher, langsamer, mit zahlreichen einzelnen und verbissenen Zweikämpfen. Stundenlang schien nicht viel zu passieren, dann traf Raí schließlich auf Gaunus. Ihre Blicke begegneten sich und beide waren mehr als überrascht, den jeweils anderen zu sehen.

Raí! Du lebst!“ rief Gaunus zuerst vor Freude, ihn wieder zu sehen.

Er erkannte ihn trotz seiner äußerlichen Veränderungen, der verstrichenen Zeit, doch dann erkannte er ebenso auch die Farben, in denen Raí kämpfte. Sein Gesicht verfinsterte sich.

Du kämpfst für Silön!“

Und du noch immer für meine Eltern“, entgegnete Raí ihm, „schließe dich uns an, Silön wird dich vor meinen Eltern schützen!“

Doch Gaunus war von diesem Vorschlag entsetzt.

Was? Du bist wahnsinnig! Wer hat dich so geblendet?“

Raí schüttelte bedauernd den Kopf.

Nicht ich bin es, der geblendet wurde, sondern du.“

Silön will uns alle ins Unglück stürzen, wie kannst du das bloß unterstützen?“ wollte Gaunus wütend wissen.

Doch Raí antwortete ihm nicht mehr mit Worten. Er wurde wie rasend vor Zorn, hatte das tiefe Bedürfnis, Silön zu schützen und wusste sich nicht anders zu helfen, als sein Schwert zu heben und mit erschreckender Härte auf Gaunus einzudringen. Dieser wehrte sich zwar tapfer, doch merkte er schnell, dass er unterlegen war.

Raí, hör auf!“ rief Gaunus, um sein Leben fürchtend.

Aber es war zu spät. Raí traf Gaunus am Helm, und der Getroffene brach zusammen. Er starrte entsetzt auf den Körper und fragte sich, was er getan hatte. Da wurde er bereits von einem weiteren Kämpfer bedrängt und musste sich nun selber wehren.

Unbemerkt von allen Kämpfenden traf zu diesem Zeitpunkt Lían auf dem Schlachtfeld ein. – Doch, einer bemerkte sie. Es war Malont Déaron, der am Rande des Geschehens seine Kämpfe austrug. Gerade hatte er einen Gegner besiegt und stand da, auf der Suche nach dem nächsten, da bemerkte er sie, wie sie angeritten kam, in sicherer Entfernung zu den Kämpfenden hielt und die Reihen nach bekannten Gesichtern absuchte.

Lían!“ rief Déaron überrascht und hielt auf sie zu.

Lían stieg von ihrem Tier und begrüßte ihn kurz.

Déaron, sagt mir, wie steht es?“

Déaron sah schmutzig und erschöpft aus.

Wir kämpfen nun schon seit Ewigkeiten hier, wie mir scheint, ohne dass jemand auch nur einen kleinen Vorteil erringen konnte.“

Er musterte sie kurz, bevor ihm endlich etwas auffiel.

Aber was habt ihr hier zu suchen? Ihr solltet doch in der Sicherheit von Maggin bleiben! Wenn eure Eltern das erfahren, verbannen sie mich für immer aus ihrem Gebiet!“

Er rollte übertrieben mit den Augen, doch Lían seufzte nur.

Ich hielt es nicht mehr aus“, entgegnete sie forsch und mit einem drängenden Ton in der Stimme.

Hier könnte das Schicksal von uns allen entschieden werden und ich konnte nicht tatenlos zusehen“, sie unterbrach sich kurz, ihre Stimme wurde ruhiger, doch bekam einen düsteren Unterton, „etwas drängte mich, herzukommen. Ich weiß auch nicht, was, aber ich muss hier sein!“

Déaron musterte sie kurz, sie sah fest zurück.

Nun gut, wenn ihr schon mal hier seid, könnt ihr uns auch genauso gut helfen. Wir können jedes weitere Schwert gebrauchen!“

Danke, Malont“, antworte Lían erleichtert.

Ich werde aber auf euch aufpassen!“ erwiderte dieser in festem und bestimmtem Tonfall.

Tut, was ihr nicht lassen könnt“, lächelte Lían.

Dann zückte sie ihr Schwert, als auch schon zwei Gegner auf sie zustürmten. Lían und Malont Déaron kämpften eine Weile Seite an Seite gegen die Feinde und sie bewahrte ihn öfter vor Unheil als er sie. Doch bald schon wurden sie getrennt und beide waren auf sich allein gestellt. Nach einiger Zeit sah Lían plötzlich im Schlachtgetümmel, und unweit ihrer eigenen Stellung, ihren Bruder.

Raí!“ rief sie überrascht.

Auch er selbst sah überrascht aus, doch kämpften sie sich schnell aufeinander zu. Sie entledigten sich ihrer Gegner und standen sich schließlich schweigend und musternd gegenüber, während um sie herum alles kämpfte.

Du bist groß geworden“, brach Lían schließlich das Schweigen.

Und stark. Du siehst gut aus.“

Du aber auch, Schwester“, erwiderte ihr Bruder.

Lían musterte sein Schwert mit offenem Missfallen.

Wie ich sehe, hast du ja nun wohl deinen Willen endlich bekommen und das Kämpfen erlernt. Und gar nicht mal schlecht, muss ich sagen.“

Silön hat mir alles gegeben, was mir unsere Eltern immer verwehrt hatten“, antwortete Raí eisig.

Lían seufzte kurz.

Du weißt, dass das so nicht stimmt. Du warst nur viel zu jung für Waffen und fürs Kämpfen!“

Das ändert nichts an den Tatsachen.“

Lían war kurz sprachlos, dann fiel ihr etwas anderes auf: „Warum nur bist du zu Silön übergelaufen?“

Weil Silön für mich da war, sich für mich interessierte, mich zu etwas wichtigem machte und mir alles Nötige beibrachte!“

Und dafür hast du uns, mich, deine Eltern, deine Familie, deine Freunde, deine Heimat – uns alle verraten?“ fragte Lían traurig.

Nicht ich habe euch verraten, ihr habt mich verlassen!“ schleuderte Raí ihr hitzig und wütend ins Gesicht.

Du bist weggelaufen und hast alles verraten, wofür wir stehen; kämpfst nun, um uns zu vernichten“, erinnerte ihn Lían und Tränen stiegen ihr in die Augen.

Raí schwankte zwischen Wut, Mitleid mit Lían, Liebe zu Silön, Hass auf seine Eltern und verletztem Stolz. Er versuchte sich mit Hohn und Schimpf zu schützen und so seine Gefühle zu verbergen.

Dich haben unsere Eltern immer umhegt und gepflegt, du warst ihr Liebling. Aber haben sie sich je um mich oder um mein Geschick gekümmert? Wo waren sie, nachdem ich fortgelaufen war?“

Wir haben uns alle schreckliche Sorgen um dich gemacht und nach dir gesucht, nachdem du verschwunden warst“, antwortete Lían und Tränen liefen ihr über die Wange.

Davon habe ich nie etwas gehört, nur immer Verbote. Silön aber gab mir alles; alles was ich wollte, alles was ich brauchte.“

Silön benutzt dich nur, um Rache an unseren Eltern zu üben!“

Das ist nicht wahr!“ erwiderte Raí barsch und hitzig und lief vor Wut rot an. Sein Schwertarm zitterte.

Du weißt genauso wie ich, dass es wahr ist!“ schrie sie ihm verzweifelt ins Gesicht.

Nein!“ schrie Raí, dass es jeder hörte.

In diesem Moment brach etwas in ihm; brach seine Selbstbeherrschung zusammen. Wütend und ohne Kontrolle über sich, über seine Handlungen, hob er sein Schwert, rannte auf Lían zu und schlug nach ihr. – Ungeschickt, doch kräftig, und Lían hatte Mühen, ihn abzuwehren. Wie rasend, wie in einem Blutrausch, schlug Raí wieder und wieder auf Lían ein. Diese musste nur ihr Schwert heben um ihn abzuwehren, doch ließen seine harten Schläge ihren Arm schnell taub werden, ihren Körper bis ins Mark erzittern. Raí war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, Lían hatte Angst um sich und ihren geliebten Bruder, um ihr beider Leben.

Raí, so höre doch auf!“ rief sie verzweifelt, doch weder er, noch irgendjemand anders vermochte sie zu hören.

Kurz kam ihr der Gedanke, dass sie sterben würde, erschlagen vom eigenen Bruder, dass er dies nach seiner Raserei bedauern und sich Vorwürfe machen, sich sogar etwas antun würde. Dann dachte sie an ihre Eltern und ihr Volk und sie sagte sich, dass sie jetzt nicht versagen, dass sie diese nicht enttäuschen und allein lassen dürfe. Sie dachte an Silön und die Lügen, die ihren Bruder so geblendet hatten. Darob wurde nun auch sie wütend. Nicht länger erduldete sie nur die Schläge ihres Bruders, sondern schlug auch zurück. Dieser merkte zunächst nichts davon, doch war alsbald erstaunt. Sein Zorn ließ nach, seine Schläge wurden schwächer, seine Kampfkunst ungeschickter. Schließlich schaffte es Lían, ihm das Schwert aus der Hand zu schlagen. Raí sank auf die Knie und erwartete sein Ende. Lían setzte ihr Schwert an das Herz ihres Bruders, doch besaß sie mehr Selbstbeherrschung denn dieser und so zügelte sie ihren Zorn, sah ihn nur an. Tränen stiegen ihr wieder in die Augen und liefen ihr über die Wangen.

Raí, ergib dich“, schluchzte sie verzweifelt.

Du hast große Fortschritte gemacht, liebe Schwester“, stellte dieser lediglich ruhig fest.

Lían brachte ein verzerrtes, verzweifeltes und kurzes Lachen zustande, das kaum fröhlich klang.

Du aber auch“, antwortete sie ihm.

Dann riss sie sich zusammen und blickte ihn ernst an.

Raí, ergib dich und komm mit mir. Unsere Eltern werden dir vergeben. Vergiss Silön!“

Doch Raí musste nicht überlegen.

Nein, niemals!“ rief er.

Raí versuchte schnell nach seinem Schwert zu greifen, doch war er nicht schnell genug; Lían war schneller. Wie von selbst ob der drohenden Gefahr zuckte ihr Schwertarm vor und ihre Waffe drang tief in Raís Körper ein. Erschrocken ließ sie ihr Schwert augenblicklich los und sah ihren Bruder an, der überrascht den Griff des Schwertes umfasste, bevor er stöhnend nach hinten sank und zusammenbrach. Entsetzt starrte Lían ihn an und war zu keinem Gedanken fähig, während er die Waffe in seinem Körper mit beiden Händen umfasste.

Schwester…“, krächzte er.

Dies brach ihren Bann. Sie sank neben ihm auf die Knie. Kurz besah sie die Wunde und wusste, dass es zu spät war.

Raí…“, sagte sie und zog seinen Kopf vorsichtig auf ihren Schoß.
„Es tut mir Leid…“, murmelte sie und strich ihm die Haare aus dem Gesicht.

Nein…“, erwiderte er und hustete mit qualvollem Gesicht.

Es tut mir Leid…“

Diese Worte zerstörten Líans Bann endgültig. Tränen liefen ihr immer schneller über das Gesicht.

Wie ist es nur so weit gekommen?“ fragte sich Raí hustend.

Raí…“, schluchzte seine Schwester.

Dieser sah sie nun an. Mit einer Hand strich er ihr die Tränen von der Wange, dann packte ihn ein neuer Hustenanfall.

Sag unseren Eltern, dass ich sie liebe“, brachte er noch hervor.

Lían konnte nichts mehr antworten, sie weinte nun völlig.

Lían… Schwester… ich liebe dich“, sprach Raí.

Sämtliche Kräfte ihn verlassend erschlaffte sein Körper, die Hand an Líans Wange fiel kraftlos zu Boden. Es dauerte eine geraume Weile, bevor Lían dies gänzlich mitbekam. Entsetzt und ängstlich sah sie ihn an.

Raí…?“ fragte sie, doch niemand antwortete ihr.

Raí…“, stellte sie fest, fast gefühllos und gefasst und strich ihm über das Gesicht, doch er reagierte nicht.

Raí!“ schrie sie und fing wieder heftig an zu weinen.

Sie nahm ihn fester in den Arm und drückte ihn an sich. Unbemerkt von Lían ließen die Kämpfe um sie herum immer weiter ab, nach und nach. Bereits als Raí im Sterben lag, hörten die Kämpfe um sie herum auf und alle beobachteten sie. Nun, ohne ihre Anführer, da auch Raís höchste Offiziere umgekommen waren, verließ seine Truppen jeglicher Kampfeswille. Schnell verließen sie das Schlachtfeld und verstreuten sich überall hin.

Doch Malont Déaron und seine Leute feierten nur verhalten, die meisten suchten die Verwundeten zusammen. Einer dieser Verwundeten war Gaunus, welcher von Raí nur bewusstlos geschlagen worden war. Irgendwann war er von alleine wieder erwacht und kam nun zu Lían. Bedrückt stand er neben Lían, sah kurz auf Raí und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Besser vermochte er sie nun nicht zu trösten. Lían sah kurz zu ihm auf, ein von Tränen feuchtes Gesicht ließ auch ihn traurig werden. Dann sah sie wieder zu ihrem Bruder. Sie packte ihr Schwert und zog es ihm mit schmerzverzerrtem Gesicht aus dem Körper, als würde sie es in sich selbst hinein stoßen. Schnell und angewidert ließ sie es fallen und krümmte sich, als wäre ihr schlecht. Dann riss sie sich zusammen, legte die Arme unter Raís Körper und mit überraschender Kraft hob sie ihn hoch. Ihre Tränen bekämpfend verließ sie das Feld, während ihr die Soldaten Platz machten, sie aber bedrückt ansahen. Gaunus hob ihr Schwert auf und folgte ihr langsam, ebenso düster blickend.

Lían brachte ihren Bruder zu einem der Wagen, welche für die Verwundeten bereit standen, und fuhr ihn mit diesem zu ihren Eltern. Gaunus musste zurückbleiben, um sich behandeln zu lassen. Malont Déaron und der Rest folgten ihr erst, nachdem alle versorgt waren. Kaum, dass Lían in der Stadt angekommen war, kamen Tól und Omé aus der Versammlungshalle. Líans Mutter eilte sofort zu ihr und nahm ihre Tochter in die Arme, während Tól wie immer keine Gefühle zeigte, doch düster schaute.

Bringt Raí in die Halle“, sprach er

Einige Männer wollten seiner Anordnung Folge leisten, doch Lían ging dazwischen und brachte ihn selbst in die Halle. Raí wurde in den folgenden Tagen vorbereitet, während Tól und Omé eine vierwöchige Trauerzeit anordneten und Raís Todestag zum Trauertag erklärten. Nach einer Woche wurde Raís Leiche dann in einer Grabkammer in den Bergen hoch über der Stadt Lían beigesetzt. Tól und Omé, Lían, Gaunus und andere, begleiteten seine Träger den Weg hinauf. In der Zeit danach ließ Malont Déaron die Burg Raí räumen und siedelte mit seinen Leuten nach Maggin um. Die Burg Raí sollte für immer verlassen und nie wieder genutzt werden.

Und in Silour betrauerte auch Silön den Verlust von Raí und ordnete ebenso eine lange Trauerzeit an. Sogar bis zu Amant Emaior und Raréon drang die Kunde von Raís Tod vor, welche dasselbe taten wie der Rest. In den folgenden Jahren sollte es ruhiger werden in den Gebieten von Tól und Omé. Es gab gelegentliche Auseinandersetzungen mit Silön und Banditen aus dem Osten, doch nichts Großes sollte vorerst mehr passieren. Dafür aber geschah umso mehr bei Raréon und Mytillin Machey.

IX: Das getrennte Volk

Beteiligte: Mytillin Machey, Enreesa, Varman an’Linroc, Garmyn an’Vorra, Soumyl an’Dunnar, Brannac, Karlon von Morgolt, zwei Wächter, Adlige von TuKarra, TuReesten und Morgolt, Bürger von Karra, ein Diener, die Zofe Enreesas, ein Händler aus Rees

Orte: Linroc, Karra, Rees, Pegrott

Zehn Jahre vergingen zwischen 2023 und 2033, in denen einiges geschah. Raréon festigte seinen Einfluss im Norden und verteidigte sein Gebiet und seine Verbündeten ein ums andere Mal gegen die letzten Reste von Iotor und anderes Räubergesindel. Stets war er bemüht, den Frieden zu halten zwischen Géri Anaruen von Emadé und Dojolas Igíman von Tobjochen, welche sich nicht wirklich vertrugen.

Im südlichen TuKarra dagegen wurde Machey immer umtriebiger. Eines Tages stand er mit Varman zusammen in der Burg Linroc in den südlichen Bergen nahe der Grenze zu TuReesten. Linroc war Varmans Burg und ein Grenzposten gegen TuReesten. Schon immer träumte er davon, mehr Gebiet zu haben, welches aber noch in TuReesten lag. Sie standen auf dem höchsten Turm der Burg und schauten über das weite Land, das unter ihnen lag, sich am Fuß der Berge ausbreitend. Machey deutete auf einen Punkt im Nordosten.

Dort liegt Karra“, murmelte er, und dachte dabei an seine Frau, Enreesa.

Und dort hinten Rees“, meinte Varman und sah nach Nordwesten.

Machey wandte ihm den Blick zu.

Ich finde es seltsam, dass euer Volk immer noch solch einen Hass auf Rees hat. Wie kommt das?“

Doch Varman schüttelte den Kopf.

Ihr als Außenstehender versteht das einfach nicht“, entgegnete er.

Machey runzelte nachdenklich die Stirn.

Was gibt es da nicht zu verstehen? Ihr wart doch immerhin ein Volk.“

Wir waren kein Volk; wir waren ein Reich, das Reich von Tukon“, korrigierte Varman schnell, „doch brachte uns Verrat auseinander und die Tukonmauer wurde errichtet.“

Beide sahen hinüber zu der großen Mauer, welche in der Ferne im Westen an der Burg vorbeiführte. Doch da kam Machey eine Idee.

Was würde passieren, sollte man versuchen, sich mit ihnen versöhnen zu wollen?“

Varman sah ihn an, als sei er verrückt geworden.

Niemand würde da mitmachen, niemand euch unterstützen, niemand würde es jemals.“

Und er schüttelte voller Überzeugung den Kopf. Aber Machey nickte nur, sich im Stillen selber zustimmend und für diesen wunderbaren Einfall beglückwünschend.

Wir werden diese Mauer durchbrechen, so oder so.“

Varman sah ihn nur wieder zweifelnd an, doch hatte er Vertrauen in Machey und hoffte auf große Zeiten für Linroc und TuKarra. Machey verbrachte die nächsten Jahre oft in Burgen und Städten im ganzen Land, unterhielt sich mit deren Herren und gewann auf diese Weise nach und nach immer mehr von ihnen für sich, hatte bald mehr Einfluss im Reich als seine Frau, welche sich immer mehr zurückzog und ihrem Mann ihre Aufgaben ausüben ließ.

Das Volk folgt und vertraut dir“, stellte sie eines Abends fest, als sie sich zusammen in ihren Gemächern im Palast von Karra befanden.

Machey blickte nachdenklich aus einem Fenster der Gemächer auf die von Fackeln erhellte Stadt hinunter.

Das ist sicherlich gut, doch ich brauche vor allem noch die störrischen Adligen auf meiner Seite.“

Enreesa kam langsam und bedächtig auf ihn zu.

Gib ihnen etwas, dass sie persönlich betrifft, dann folgen sie dir auch“, empfahl sie ihm.

Das habe ich vor“, murmelte er, während sie ihn zärtlich umarmte.

Wiederum ein Jahr später war es soweit. Machey hatte eine erneute Versammlung einberufen. Die wichtigsten Adligen des Reiches kamen nach Karra und trafen sich zu einem Fest in der Stadt. Unter ihnen waren Fürsten wie Soumyl an’Dunnar, Garmyn an’Vorra und Varman an’Linroc. Das Fest sollte drei Tage dauern. Am ersten Tag begrüßte man die Ankömmlinge und gab die erste Feier, am zweiten Tag kam es nachmittags zur Versammlung. Sie alle saßen an drei langen Tischen in der Festhalle, die gerade erst von der Feier des Vorabends gesäubert worden war. Viele Anwesende hatten sich von dieser Feier noch nicht erholen können, unter ihnen Soumyl. Er hing halb über dem Tisch an seinem Platz, immer noch unter dem Einfluss des vielen Weines. Doch Garmyn, Varman und Machey selbst waren in gutem Zustand. Machey stand am Kopfende der Tische, fürstlich gekleidet und aufgemacht.

Werte Herren“, sprach er, und sah sich betont in der ehrenwerten Runde um, „liebe Freunde.“

Einige sahen ihn bei diesen Worten giftig an, andere lächelten – doch die meisten blickten völlig ungerührt.

Ich spreche hier im Auftrage Enreesas, eurer Herrscherin“, fuhr er fort.

Und warum spricht sie nicht selber zu uns?“ fiel ihm Garmyn ins Wort.

Doch Machey gönnte ihm keinen bösen Blick, kein genervtes Aufseufzen.

Sie hat mich damit beauftragt“, stellte er knapp fest.

Lasst ihn reden“, unterstützte ihn Varman und blickte den Rest der Versammlung ernst an.

Diese schwiegen endlich und sahen abwechselnd ihn und Machey an, bis dieser Varman dankend zunickte und endlich mit seinem Anliegen fortfuhr.

TuKarra befindet sich seit langem im Stillstand. Es ist träge geworden und ein leichtes Ziel für seine alten Feinde aus dem Westen.“

TuReesten!“ entfuhr es Garmyn. „Worauf wollt ihr hinaus?“

Ungerührt von Garmyns Ausbruch fuhrt Machey selbstsicher fort.

TuKarra sollte sich wieder im Kampf üben. Auch braucht es neue Ländereien und Rohstoffe. TuReesten ist schwach geworden.“

In der Versammlung entstand Gemurmel, während Machey einen Diener anwies, den Ständer neben Machey zu enthüllen, dessen viereckige Last bisher noch mit einem schwarzen Tuch verdeckt gewesen war. Eine Karte wurde offenbar, welche TuKarra und TuReesten zeigte. Im Norden und Süden grenzten Gebirge das große Tal ein, in dem die beiden Reiche lagen. Der gewaltige Strom Haregez durchfloss das Tal von West nach Ost. Karra lag am Ostrand von TuKarra, am Fluss. Rees lag nördlich des Flusses, nah der Berge. Die Tukonmauer trennte beide Reiche genau in der Mitte ihres gemeinsamen Gebietes. Sonst zeigte die Karte nur wenige weitere Orte und Örtlichkeiten.

TuKarra und TuReesten waren einst ein Reich. – Tukon!“ erklärte Machey den Anwesenden, was diese schon längst wussten.

Durch Verrat und Misstrauen wurde dieses Reich einst zerstört. Wir aber werden die Tukonmauer niederreißen und die Reiche unter der Führung von Karra wieder vereinen!“

Nahezu ausnahmslos sah man ihn überrascht, über besorgt bis sogar entsetzt an. Niemand tuschelte mehr.

Ihr seid verrückt!“ stellte schließlich Garmyn fest.

Und selbst Varman hatte einen Einwand vorzutragen und erhob sich kurz.

Wie wollt ihr das schaffen?“

Machey blickte, als sei ihm der Sieg bereits sicher.

TuReesten wurde in den letzten Jahren von Räubern und anderen Völkern aus Nord und Süd bedeckt und hat seit eh und je Probleme mit den Wesen aus dem dort gelegenen Randetal. Es ist geschwächt und für uns nun eine leichte Beute.“

Aber wenn wir angreifen, sind wir Raréon schutzlos ausgeliefert“, warf nun Soumyl sich ängstlich in den Stuhl drückend ein, der um seine Burg und sein eigenes Wohl fürchtete.

Machey lächelte, sich seiner immer sicherer werdend.

Raréon wird in den nächsten Jahren noch nicht angreifen, seid euch dessen sicher. Und mit mehr Land und Gefolgsleuten im Rücken, werden wir uns seiner besser erwehren können, sobald es denn so weit ist. Davon abgesehen haben wir doch vor allem noch euch und Pegrott, die uns sicher gut verteidigen werden“, ergänzte er spöttisch.

Varman grinste Soumyl gehässig an, während dieser sich nervös in der Gesellschaft umsah, doch keine Unterstützung fand.

Aber wir haben gar nicht genug Soldaten, um TuReesten anzugreifen“, stellte Garmyn fest.

Doch, die haben wir“, begegnete ihm Machey und stützte sich übertrieben betont mit den Armen auf dem Tisch vor sich ab.

Karlon von Morgolt wird an unserer Seite kämpfen.“

Nun wurde das Gemurmel im Raum nahezu ohrenbetäubend, Rufe wurden Laut und viele fragten sich, wie das möglich sei. Morgolt war das Reich, welches im Osten von TuKarra an dieses angrenzte. Die Beziehungen waren schon lange gut, doch ansonsten eigentlich eher ungebunden.

Was verlangt er für seine Hilfe?“ fragte Garmyn, dessen Gebiet direkt an Morgolt grenzte und der nun Bosheiten von Machey erwartete.

Keine Angst“, beruhigte ihn dieser aber, „er hat kein Interesse an euch. Nur an freien Handelsstraßen gen West und Anteilen an unserer Beute – Und an Unterstützung, wenn er selber mal in Not ist.“

Ihr seid nicht Enreesa, nur ihr Mann“, wagte Garmyn zu sagen. „warum sollten wir euch folgen?“

Tut es für euer Reich und eure Herrscherin“, antwortete ihm Machey.

Garmyn blickte zweifelnd und setzte zu einer Entgegnung an, da mischte sich jemand anders ein.

Er handelt auf mein Geheiß, Garmyn“, sprach Enreesa und ging auf ihren Mann zu, um ihm den Arm um die Hüfte zu legen.

Tut, wie er euch befiehlt.“

Nun schwieg Garmyn und wartete auf die nächsten Worte.

Jeder, der mit mir zieht, bekommt Gebiete und Eroberungen zugesprochen“, kam Machey endlich zur Sache.

Ich folge euch“, sprach da Varman, der auf eine Vergrößerung von Linroc hoffte, erhob sich von seinem Stuhl und grüßte Machey.

Nach und nach meldeten sich auch andere Adlige, standen auf und grüßten ihn. Fast alle von denen, deren Lehen an die Mauer grenzten und viele aus dem Herzen und sogar einige aus dem Osten des Reiches. Doch eine Gruppe um Garmyn an’Vorra schwieg und verschwörte sich heimlich gegen Machey. Enreesa musste ihre Macht anwenden, um sie später zur Gefolgschaft zwingen zu können.

Im selben Jahr noch, 2031 also, zog man gegen die erste Burg von TuReesten. Trotz seiner Schwächung und Probleme wehrte sich das Reich von TuReesten lange und hartnäckig, doch viele seiner Adligen waren untereinander zerstritten. Ebenso auch die von TuKarra, doch hielt diese Enreesa zusammen. Manurc von Rees gelang dies nicht, und so ergaben sich viele der Lehnsherren von TuReesten schnell den Eindringlingen oder liefen bereits über, bevor der Gegner überhaupt an ihrer Haustür zu klopfen vermochte. Trotzdem eroberte Machey erst 2033 die Hauptstadt Rees. Manurc floh bereits zuvor nach Caertal, einer kleinen und ehemals haretischen Stadt weit im Westen des Reiches. Die nächsten drei Jahre über war Machey damit beschäftigt, das Land zu befrieden und die Gebiete unter den ihm Getreuen zu verteilen, bevor er sich 2036 daran machte, endlich Caertal anzugreifen. Manurc hatte in all den Jahren keine weiteren Verbündeten finden können, und so setzte die Stadt nach Eintreffen der Nachricht, dass Machey auf sie zu kam, Manurc an’Rees einfach vor die Tür und lieferte ihn den Angreifern aus. Während diese ohne auch nur einen Blutstropfen vergießen zu müssen in die Stadt einzogen, verbannte man Manurc ins Ausland. Dieser floh, so schnell er nur vermochte, nach Fasia, einem Reich im Norden von TuReesten.

Enreesa und Machey ordneten an, die Tukonmauer weitflächig abzutragen, um wieder Verkehr zwischen Ost und West zu erlauben, ohne dafür ein Tor nutzen zu müssen.

TuKarra und TuReesten sind nun wieder vereint als das Reich von Tukon!“ rief Machey siegreich strahlend vor den Bürgern der Stadt Karra, welche ihm zujubelten und Beifall klatschten.

Karra wurde Hauptstadt von Tukon, doch waren noch lange nicht alle Schwierigkeiten beseitigt. Misstrauen und Hass schwelten unter den Einwohnern von Ost- und Westtukon.

Ob sie sich je wieder vertragen werden?“ fragte Enreesa eines Tages ihren Mann, während sie im Palast von Rees weilten, auf einem Balkon standen und die Stadt beobachteten.

Sie werden es müssen, ob sie nun wollen oder nicht, oder sie werden untergehen“, stellte Machey finster fest.

Sie werden das aber nicht verstehen“, entgegnete ihm seine Frau, „der Hass ist uralt und sitzt tief.“

Es ist sonderbar, dass sich die, welche doch ein Volk sind, so hassen können“, sinnierte Machey nachdenklich.

Das ist wohl unsere Natur“, sprach Enreesa.

Dann ist es die Natur, die sonderbar ist“, ergänzte Machey.

Sie sah ihn sanft an und legte einen Arm um ihn. Die Steine, welche man von der Tukonmauer abtrug, sollten nicht verschwendet werden. Machey wusste, dass es nie zu Frieden in Tukon kommen würde, wenn man versuchte, von Karra aus über den Westen zu herrschen wie über das, was es doch war: ein erobertes Gebiet mit einem fremden Volk. Nein, man musste sich unter sie mischen, und so ließen Enreesa und Machey eine neue Hauptstadt errichten. Genau im Herzen von Tukon sollte sie liegen. Die Mauer stand dort noch, als man mit dem Bau begann, und so baute man um sie herum, nahm sie als Zeichen in das Stadtbild auf.

Im nächsten Jahr weilten Machey und seine Frau wieder in Rees. Machey war der Meinung, dass sie im Westen so oft wie möglich anwesend sein sollten, um das Volk an sie zu gewöhnen und ihnen vor allem nicht das Gefühl zu geben, bloße Eroberer zu sein. Und es klappte: Das Volk lebte sich langsam in die neuen Umstände ein und viele erkannten Enreesa als ihre Herrscherin an, doch unter den Völkern schwelte es noch. Machey nahm an einer Besprechung mit den Adligen TuReestens und TuKarras teil, welche er nach Rees geladen hatte. Auch Karlon von Morgolt war samt seinem Gefolge von Adligen anwesend. Sie besprachen immer noch einige Einzelheiten der Handelsfreigaben und saßen alle in einem Saal unten im Palast der Stadt. Enreesa befand sich dagegen gerade in den für sie und ihren Mann hergerichteten Gemächern oben im Palast. Sie war müde und wollte zu Bett gehen, daher rief sie nach einer Dienerin, die ihr bei der Umkleide helfen sollte. Sie schickte einen der Wächter, die vor ihrer Tür postiert waren, los, ihre Zofe zu holen.

Herrin, wir dürfen euch nicht allein lassen“, sprach der Wächter.

Es wird schon nichts passieren“, beruhigte sie ihn.

Dem anderen Wächter einen Blick zuwerfend, eilte er los. Doch als die Dienerin endlich eintraf, fand sie Enreesa bereits im Bett liegend vor. Dessen war die Zofe sehr verwundert und wandte sich gerade zum Gehen, da fiel ihr auf, dass Enreesa vollständig bekleidet da lag. Als sie sich ihre Herrin neugierig näher ansehen wollte, bemerkte sie das Blut an ihr und auf den weißen Laken.

Nein!“ entfuhr es der Zofe entsetzt schreiend.

Die beiden Wächter draußen im Gang sahen sich gewarnt und aufgescheucht. Sofort stürmten sie in das Zimmer, doch kamen sie zu spät, um noch jemanden zu retten. Der Attentäter, welcher auch Enreesa angegriffen hatte, sprang aus seinem Versteck und brachte die Zofe schnell und plötzlich zum Schweigen. Die Wächter konnten nur noch mit ansehen, was da geschah, und bedrohten den Attentäter mit ihren Waffen. Dieser sah sie nur finster an.

Ihr bekommt mich nicht!“ schrie er.

Der Attentäter nahm kurz Anlauf und sprang durch das Fenster des Zimmers hinab in den Garten. Er sollte es nicht überleben. Die Wächter stürmten sofort hinab und unterbrachen Macheys Versammlung, um ihm die Neuigkeiten mitzuteilen.

Die Herrscherin ist tot!“ verkündete einer von ihnen so wenig gefühlvoll, wie nur möglich.

Was?“ war alles, was Machey in dem Moment von sich brachte.

Er wurde kreidebleich und sank in seinem Stuhl zusammen.

Was ist geschehen?“ verlangte Garmyn zu wissen und blickte ebenso entsetzt wie alle anderen in der Runde.

Ein Attentäter!“ erklärte der Wächter.

Er ist tot!“ ergänzte der andere.

Bringt uns zu ihr!“ verlangte Varman von ihnen.

Er stand auf, ging zu Machey und legte ihm eine Hand auf die Schulter, da dieser stark zitterte. Wenig später standen sie zu fünft in den Gemächern im oberen Stockwerk. Garmyn untersuchte Enreesa kurz, doch tatsächlich kam jegliche Hilfe viel zu spät für sie.

Lasst mich mit ihr allein!“ verlangte da Machey plötzlich.

Garmyn funkelte ihn böse an, hatte doch auch er Enreesa geliebt, wie jeder Bürger des Reiches, doch Varman legte diesem beruhigend eine Hand auf den Arm und führte ihn zusammen mit den beiden Wächtern aus dem Raum. Draußen warteten Karlon und drei weitere hohe Adlige. Der Rest tuschelte gerade noch in der Versammlungshalle. Machey blieb die gesamte Nacht über bei seiner Frau. Als es dunkler wurde, schaffte man die Leiche des Attentäters in die Versammlungshalle, wo sich wieder alle außer Machey versammelt hatten und nun über den Vorfall sprachen.

Ich kenne ihn!“ stellte Varman überrascht fest, als man dem schwarz gekleideten Toten die Maske vom Gesicht riss.

Wer ist es?“ fragte ihn Garmyn und nahm sich eine weitere berauschende Pflanze zur Hand, um darauf zu kauen.

Er ist ein Händler hier aus Rees!“

Und alles raunte, doch einige stimmten ihm zu.

Er war wohl noch mehr, als bloß ein Händler“, stellte Garmyn fest, konnte ein leichtes Kichern nicht verkneifen und kaute weiter.

Garmyn, ihr seid nicht mehr nüchtern“, erkannte Karlon.

Doch brachte er lieber schnell den Gegenstand des Gespräches zurück auf den Toten, der da auf dem großen Tisch zwischen ihnen lag.

Wann habt ihr ihn das letzte Mal gesehen, Varman?“ fragte Karlon.

Vor wenigen Wochen erst!“ antwortete der Gefragte.

Vielleicht haben ihn die Reestener angeheuert?“ fragte sich Karlon ruhig und warf den Anwesenden finstere Blicke zu.

Niemals!“ entfuhr es einem Reestener namens Brannac.

Wir sind nicht so unehrenhaft wie die Karraner!“ ergänzte ein anderer.

Das sagen gerade die, welche ihren eigenen Lehnsherrn Manurc verrieten und zum Feind überliefen!“ spie Karlon förmlich aus.

Brannac stand ruckartig auf, dass sein Stuhl nach hinten über fiel, und zog seine Waffe blank.

Wagt es ja nicht, uns zu beleidigen!“ zischte er.

Meine Herren, kein weiteres Blutvergießen hier!“ rief da Varman und stellte sich zwischen die beiden Gegner, sie mit den Händen von einander abblockend.

Wir verlassen die Stadt!“ verkündete Brannac und steckte seine Waffe ein, „Das müssen wir uns nicht gefallen lassen!“

Und so taten sie dann auch. Auch Karlon kehrte heim. Später suchte Varman Machey auf, welcher sich in andere Gemächer zurückgezogen hatte und starr in einem Sessel saß.

Herr, die von TuReesten und von Morgolt wollen abreisen, sie drohen sich mit Mord und Krieg!“ versuchte Varman Machey zu benachrichtigen, doch dieser starrte nur weiter vor sich hin.

Machey war zu keiner Handlung mehr fähig. Varman musste die nächsten Tage dafür sorgen, dass Enreesa samt Trauergefolge nach Karra gebracht wurde, während er selbst in Rees blieb und für Ruhe in Volk und Adel zu sorgen versuchte. Enreesas Leiche wurde in Karra verbrannt und nach einer fünftägigen Trauerzeit hatte sich auch Machey endlich wieder einigermaßen gefasst. Während überall in Tukon, besonders aber im Westen, die Stimmung immer angespannter wurde und ein Bürgerkrieg drohte, rief er wieder alle Adligen zusammen, diesmal in Varmans Burg Linroc in den Bergen. Es kamen jedoch nicht alle. Sie saßen wie immer gemeinsam um einen Tisch, Machey vor ihnen, mit dem düstersten Ausdruck im Gesicht, den die Versammelten je gesehen hatten.

Der Attentäter kam nicht aus Rees, wurde nicht von ihnen geschickt“, kam Machey sofort zum Punkt.

Wer hat ihn dann geschickt?“ erkundigte sich Garmyn.

Er wurde von Raréon entsandt, um uns zu entzweien, um West und Ost gegeneinander zu hetzen – was auch geklappt hat.“

Lautes Raunen ging durch den Raum, überall überraschte Gesichter.

Was macht euch dessen so sicher?“ wollte Brannac wissen.

Machey nahm ein Papier vom Tisch und hob es kurz hoch, um es allen zu zeigen.

Es wurde dieser Brief in den Habseligkeiten des Mörders in Rees gefunden, der von Raréon stammte.“

Wieder entstand Gemurmel und viele Gesichter sahen ihn verwirrt bis ungläubig an.

Was habt ihr nun vor?“ fragte Varman.

Machey sah sie alle ernst an.

Zeigen wir ihm, dass Tukon sich nicht so leicht wieder auseinander trennen, nicht so leicht gegeneinander aufhetzen lässt, und erteilen ihm eine Lehre – eine, die er nicht vergessen wird!“

Brannac nickte ihm zu.

Wir stehen hinter euch“, sprach er für alle.

Auch andere Adlige aus dem Westen schlossen sich ihm an, Kriegsrufe ertönten lautstark über Linroc. Nachdem die Versammlung aufgelöst worden war und alles sich zerstreute, trat Varman an Machey heran, der sich nachdenklich an den Tisch gesetzt hatte, und beugte sich zu ihm herunter.

Das war ein kluger Zug.“

Natürlich wusste Varman, dass ein solcher Brief nie gefunden worden war. Machey nickt nur und sah ihn ernst an.

Sonst wäre es zum Bürgerkrieg gekommen.“

Monde später hatte sich eine Armee vor den Toren Pegrotts versammelt. Die Kämpfer lagerten außerhalb der Feste, am Fuße der Klippe, auf welcher sie sich befand, derweil Machey im Inneren erneut die Adligen aus allen Teilen des Reiches traf. Im Innenhof hatte man kleine Tische aufgestellt, auf denen Karten ausgebreitet worden waren. Nun standen alle darum herum und sahen Machey angespannt an.

Wir greifen morgen früh an“, erklärte dieser.

Dann wandte er sich an Varman, welchen er zu seinem General über all seine Truppen ernannt hatte.

Varman, wie lautet euer Plan?“

Dieser trat vor und zeigte sich den anderen.

Der Pass lässt uns kaum Spielraum“, erklärte er, „also gehen wir einfach drauf los und greifen von vorne an.“

Machey nickte nachdenklich und besah sich die anderen Adligen, die zur Versammlung eingetroffen waren. Einige hatten die Gefolgschaft verweigert und waren von Machey zur Verteidigung der restlichen Grenzen eingeteilt wurden. Dazu gehörte vor allem eine Gruppe um Garmyn an’Vorra. Dafür aber waren Brannac und viele andere aus Reesten da, welche ihre Ehre verteidigen wollten und nun zu Macheys wichtigsten Anhängern gehörten. Soumyl wiederum würde zur Verteidigung der Feste in dieser zurückbleiben, sobald die anderen aufgebrochen wären.

Macht euch bereit“, befahl Machey ihnen.

Tags darauf standen Machey und Varman auf der Außenmauer der Feste und blickten auf ihre Gefolgschaft hinab.

Krieger von Tukon!“ rief Varman hinab und breitete die gepanzerten Arme aus, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und auf Machey zu deuten.

Hört euren Herren!“ rief er und trat beiseite, um diesem genug Platz zum Sprechen zu machen.

Die Krieger grüßten Machey lautstark. Er deutete ihnen, ruhig zu sein.

Krieger von Tukon!“ grüßte auch er sie und alle sahen ihn gespannt an.

Ihr seid hier, euer Reich zu verteidigen, euer Land, eure Heimat. – Und um eure geliebte Herrscherin, meine geliebte Frau, zu rächen!“

Von unten brüllten hunderte Kehlen Zustimmung.

Reestener und Karraner! Ihr seid wieder ein Volk, dass seinen Feinden zeigen kann, wie es stets vereint zusammen steht!“

Wieder schrie man, dann erhob Varman das Wort.

Ihr kämpft hier nicht nur für eure Heimat, sondern auch für das wiedervereinte Tukon, merkt euch das! Die neue Hauptstadt eures Reiches liegt auf dem Gebiet beider Teile, es gibt keine Grenzen mehr zwischen West und Ost! Grüßt euren Herrscher, den Lort Machey, und eure neue Hauptstadt, die Stadt des Lorts: Illort!“

Und man schrie Kampfesrufe.

Für Illort!“ brüllte Varman.

Für Illort!“ kam es aus hunderten Kehlen.

Für den Lort!“ rief Varman.

Für den Lort!“ antwortete man ihm.

Für Enreesa!“ verlangte Varman.

Für Enreesa!“ erwiderten selbst die Reestener.

Für Tukon!“ schrien Varman und Machey schließlich zusammen, so laut sie nur konnten, und reckten ihre Waffen gen Himmel.

Für Tukon!“ ertönte es überall im Tal.

Banner wurden erhoben, Fahnen geschwenkt, Schwerter auf Schilde geschlagen und alles brüllte vor Kampfeslust. Varman gab Zeichen und die ihm unterstellten Adligen führten ihre Leute das Tal entlang und den Pass hinauf. Machey und Varman begaben sich hinab zu ihren Reittieren und folgten ihnen alsbald, derweil Soumyl ihnen Abschiedsgeleit gab. Es war ein heller Sommertag und Raréon erwartete sie bereits.

X: Raréon und Sedíra

Beteiligte: Raréon, Sedíra, Géri Anaruen, Camón Anaruen, Dojolas Igíman, Amant Emaior, Géris Frau und Tochter, ein Diener, General von Emadé, Kämpfer von Raréon, Krieger von Tobjochen, Leute von Emadé

Orte: Emadé, Rardisonan, Omérian, Raréons Festung

Einen Sommer zuvor war es in den Landen Raréons noch friedlich und ruhig. Sein kleines Reich bestand aus Rardisonan, Aurost und den verbündeten Königreichen von Tobjochen im Süden, Emadé und Huálor im Westen. Raréon durchreiste diese vier sowie weitere, angrenzende Reiche, lernte viel Neues und auch viele Personen kennen und brachte den Bewohnern die Worte von Tól und Omé näher. Eines hellen Sommertages weilte er in der Burg Emadé, zu Gast bei Géri Anaruen und dessen Familie.

Euer Land ist wahrlich schön“, meinte Raréon, als sie zusammen von einer Mauer aus das weite Sumpfland nördlich der Burg überblickten und das Land beobachteten, wie es lebte.

Ja, das ist es“, erwiderte Anaruen, „und endlich frei von Iotor.“

Raréon stützte sich auf die Mauer und blickte nachdenklich drein.

Aber ich habe gehört, dass Mharef sich hier irgendwohin in die Nähe geflüchtet hat.“

Anaruen nickte und deutete gen Süden.

Das stimmt, er soll sich in Chobogi aufhalten. – Doch lasst uns von anderem sprechen. – Hattet ihr schon das Vergnügen, euch unser Land etwas genauer anzusehen, als nur von hier oben?“

Raréon musste verneinend den Kopf schütteln.

Nein, tut mir Leid, ich bin direkt nach Emadé gekommen.“

Anaruen legte ihm die Hand auf die Schulter.

Dann müsst ihr das noch unbedingt nachholen.“

In dem Moment kam ein Diener durch die Tür aus der Burg auf die Mauer.

Das Abendmahl ist angerichtet“, sprach er, ohne den beiden Anwesenden einen Blick zuzuwerfen.

Anaruen nickte ihm zu und wandte sich dann an Raréon.

Lasst uns nun essen.“

Gemeinsam betraten sie die Burg, gingen zum Speisesaal und setzten sie sich an die Tafel, jeder an ein Ende. Bereits zu Tisch und ihnen zur Seite saßen Anaruens Frau, sein junger Sohn Camón und seine noch jüngere Tochter. Sie erwarteten sie.

Wir haben noch einen Gast“, erklärte Anaruen, „eine entfernte Verwandte von mir aus dem schönen Fasia.“

Sie ist wirklich reizend“, ergänzte seine Frau und sah Raréon mit leuchtenden Augen an, „sie wird euch sicherlich gefallen.“

Ihr verschwörerisches Lächeln tat das seine, um Raréon neugierig, aber auch nervös zu machen.

Ah, da kommt sie ja“, sprach Anaruen und stand auf, um den Neuankömmling im Saal zu begrüßen.

Auch Raréon stand auf, doch vor allem, da er tief beeindruckt von ihr war. Selten hatte er eine schönere Frau gesehen.

Raréon, dies ist Sedíra“, stellte Anaruen sie vor.

Raréon brachte kein Wort hervor, doch verbeugte er sich nach einigen Momenten vor ihr und sah ihr tief in die Augen. Sie erwiderte es mit einem warmen Lächeln. Das Essen ging ruhig von statten. Anaruen versuchte eine Unterhaltung mit Raréon, doch besprachen sie nur völlig belanglose Dinge, wie Raréon schnell fand, während er größtenteils Sedíra beobachtete und sich schnell in ihrem Anblick verlor. Sie lächelte ihm hin und wieder scheu zu, derweil sie mit Anaruens Frau plauderte und ihr Mann Raréon von den Problemen und der Geschichte seines Reiches zu erzählen versuchte. Nach dem Mahl begab es sich, dass Sedíra zur Mauer hinaus ging um das Land zu betrachten, wie Raréon und Anaruen zuvor. Raréon schlug denselben Weg ein, wie zufällig, und schlenderte zur Brüstung.

Dies Land ist schön, findet ihr nicht?“ sprach er, während er sich zu ihr gesellte, den Blick dem offenen Land zugewandt.

Sie sah ihn mit weiten, schwarzen Augen an, überrascht von seinem Auftauchen, doch lächelte alsbald.

Es ist mir irgendwie zu wild, zu wüst und zu gefährlich“, stellte sie fest.

Frech lächelnd lehnte er sich neben sie, an die Zinnen.

Das ist doch das schöne daran“, sprach er und musterte sie.

Scheu strich sie sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht.

Ich vermisse die ruhigen Wälder und schönen Auen von Fasia“, sagte sie dann plötzlich, voller Sehnsucht in der Stimme.

Jedes Land hat seine eigene Schönheit“, lächelte er ihr zu. „Und auch jede Frau, doch aus Fasia scheinen die schönsten zu kommen.“

Sie blickte verlegen wieder zum Land heraus und schwieg.

Wie kommt es eigentlich, dass ihr eure Wälder und Auen verlassen habt?“ erkundigte Raréon sich bei ihr.

Nun beschlich der Schatten der Traurigkeit ihr Gesicht.

Manurc von Rees ist nach Fasia geflohen und wird immer noch geduldet. Mir hat seine Anwesenheit aber nichts Gutes gebracht.“

Raréon suchte nach einer Möglichkeit, sie aufzuheitern. Dann befiel ihn eine Idee, die er für fantastisch hielt.

Kommt morgen früh mit mir, ich würde gern mit euch dieses Land genauer erkunden und genießen.“

Sedíra schien zu überlegen, doch lächelte sie wieder.

Gerne doch“, sprach sie schließlich.

Da Raréon sich aber selber nicht in den Gebieten von Emadé auskannte, ließen sie sich Tags darauf von einem Diener Anaruens in die Sümpfe führen, zu den schönsten, geheimnisvollsten und ruhigsten Flecken der Sümpfe, Seen und Wäldchen.

Dort vorne liegt einer der schönsten Plätze von ganz Emadé“, sprach der Diener und deutete voraus.

Sehr gut“, erwiderte Raréon, „dann kannst du uns hier allein lassen, wir werden schon zurückfinden.“

Herr?“ sprach der Diener überrascht.

Er blickte verständnislos, entsetzt und ängstlich. Sollte ihnen etwas zustoßen…

Du hast mich schon richtig verstanden.“

Aber Herr, der Herr Anaruen trug mir auf, bei euch zu bleiben. Es gibt überall versteckte Sumpflöcher und wilde Tiere und andere Gefahren…“, hilflos wedelte er mit den Armen.

Keine Angst, wir werden schon auf uns aufpassen, uns wird nichts passieren“, beruhigte ihn Raréon.

Der Diener blickte besorgt zwischen Sedíra und Raréon hin und her. Schließlich erbarmte Sedíra sich seiner.

Raréon, vielleicht ist es besser, wenn wir uns seiner Hilfe bedienen.“

Raréon seufzte, konnte er ihr doch nichts abschlagen. Er wandte sich an den nervösen Diener.

Nun gut, dann komm heute Abend wieder und hol uns hier ab.“

Der Diener sah sich immer noch unsicher um.

Herr, bleibt nur dort, wo ich es euch gezeigt habe. Rechts und links findet ihr nur Sumpflöcher. Solltet ihr in eines geraten, nutzt die Bäume und ihre Wurzeln. Und bleibt dabei ruhig!“

Und Raréon nickte nur: „Wir wissen das.“