AWG96 Der dunkle Begleiter

Der dunkle Begleiter

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Titelvorschläge: Warum, Der Schwarze

 

I

1. Abend, wo ich noch guter Dinge war

Der Mond war voll und blutrot gewesen und stand an diesem Abend hoch am dunklen Himmel. Ich kam gerade von der Feier eines Freundes und befand mich auf dem Weg gen Hause. Wie immer nahm ich die Abkürzung, die mich durch verwinkelte Seitenstraßen und kleine Gassen an den Stadtgärten vorbei führen würde. Zwar war es mir bekannt, dass es immer wieder zu Überfällen, Morden und anderen Vorfällen kam, wenn sich jemand des Nächtens allein an diesen dunklen Orten aufhielt, doch war ich stets guter Dinge gewesen.

Während der Feier hatte ich etwas zu stark dem Weine zugesprochen, ich gebe es ja zu, und so kam es, dass ich leicht torkelnd in die nur unzureichend von je einer Straßenlampe an jedem Zugang beleuchtete Gasse einbog. Ich durchquerte sie und erreichte den freien Platz, welcher die Gärten umgab. Nichts ahnend begann ich pfeifend von einem Pflasterstein zum nächsten zu hüpfen. Wie leichtsinnig ich doch noch war.

Plötzlich hörte ich mich beunruhigende Geräusche aus dem nahen dunklen Wäldchen der Gärten schallen. Ich unterließ sofort alle meine Tätigkeiten, blieb starr stehen und lauschte.

Da! Schon wieder diese Geräusche, die ich nun als das Wimmern einer jungen Frau erkannte. Ich kämpfte gegen meine Angst an, selbst in irgendetwas hineingezogen zu werden, doch obsiegte letztlich die Neugier. Vorsichtig näherte ich mich den Bäumen. Als knackend ein kleiner Ast unter meinen Füßen blieb, blieb ich sofort starr stehen und presste mich an einen dicken Stamm. Die Geräusche kamen von einer Lichtung unmittelbar vor mir, soviel vermochte ich selbst in meinen angeschlagenen Zustand festzustellen.

Langsam und ohne den Baum, diesen einzigen Beistand den ich hatte, zu verlassen, drehte und reckte ich meinen Kopf so, dass ich einen Blick auf den Ursprung der Laute werfen konnte. Bei dem was ich nun sah blieb mir fast das Herz stehen.

Düster und bedrohlich lag die Lichtung vor mir, die umstehenden Bäume streckten ihre verkrümmten Äste zur Mitte hin aus, als würden sie versuchen in die Geschehnisse, die ich dort beobachtete, einzugreifen. Kein weiteres Lebewesen außer mir und den beiden schattenhaften Gestalten dieses Augenblickes war anwesend, alles andere Lebende schien längst geflohen. Übrig war ein Fleck im Gras, schwarz und verkohlt, als hätte man hier ein Lagerfeuer betrieben und Steine lagen darum verteilt.

Ein angesichts des Schauspiels völlig irrsinniger Gedanke kam mir. Letzten Mondlauf erst hatte ich selbst noch gehört, wie man einen armen Landstreicher zu einer wahrlich harten Strafe verurteilte, da er in der stets verschmutzten Fischersstraße ein offenes Lagerfeuer entzündet und laut Urteil die gesamte Stadt gefährdet hatte. Wusste diese so unschuldig aussehende Frau welche da nunmehr so nah bei mir durch das verkohlte Gras kroch nicht, dass offene Feuer hier in der Stadt verboten waren?

Sie wirkte, als wäre sie noch nicht lange dem Elternhause entwachsen. Das lange flachsblonde Haar hing ihr wirr um die Schultern. Bei jeder Bewegung die sie machte, zog sie es weiter durchs verbrannte Gras und färbte es langsam schwarz. Ihr zierlicher Körper wurde von zerfetzten Kleidern eher notdürftig bedeckt und ängstlich drückte sie ihn an den Boden, Schutz suchend. Die eine Hand krallte sich ins lockere Erdreich, die andere hielt sie abwehrend vor das Gesicht. Gleichzeitig vergrub sie die mir zugewandte Seite im Arm. Man hörte nur ihr verzweifeltes Schluchzen, erfüllt von Furcht und Grauen. Auch mich überkamen diese Gefühle, als ich erkannte, wovor sie so durch das Gras kriechend zu entfliehen versuchte.

Eine Gestalt stand hocherhoben links zwischen ihr und mir im Schatten, so dass ich sie bisher nicht bemerkt hatte und nur ihren Rücken sehen konnte, was wenig aufschlussreich doch umso fürchterlicher war. Sie war etwa so groß wie ich, auch wenn ich stets schlecht im Schätzen war. Eine weit geschnittene nachtschwarze Kutte verhüllte ihre Umrisse, so dass ich nichts wirklich zu erkennen vermochte. War es nun Mann oder Frau? Auch den Kopf bedeckte eine Kapuze, tief ins Gesicht gezogen, und die Hände verschwanden in den weiten Ärmeln der übergroßen Verkleidung. Stumm und bedrohlich stand sie da und wandte ihr Antlitz der Verfolgten zu.

Langsam hob die Gestalt ihren rechten Arm und erst da erkannte ich den Dolch in ihrer Hand. Ruhig und gelassen, mit geradezu fürchterlicher Lautlosigkeit, trat – nein – schwebte sie fast auf das Mädchen zu. Eine schwarzbehandschuhte linke Hand ergriff ihre halb rußgefärbte Mähne und zog den Kopf daran hoch. Die Gepackte verzog schmerzerfüllt das Gesicht, die Augen vor Pein zugekniffen.

Mir fröstelte es, dabei war dieser Herbsttag vergleichsweise warm. Ich wollte ihr helfen, doch war ich wie gelähmt, stand nur da und sah zu. Die Gestalt beugte sich, bis der Rand der Kapuze fast das Gesicht des Mädchens berührte, als wolle sie ihr in die Augen sehen. Diese weiteten sich Schrecken erfüllt als der Dolch sich ihrem Hals näherte. Ein letztes Mal versuchte ich meine Starre zu lösen während der Schwarzgewandete die Dolchspitze ansetzte.

Das Mädchen wirkte wie ein verschrecktes Tier, welches das Unvermeidliche sich nähern sah. Sie schrie nicht einmal, obwohl ich mir das wünschte – vielleicht wäre dann jemand auf der Straße aufmerksam geworden und käme, sie zu retten. So aber musste ich allein alles mitverfolgen, als einziger Zeuge, wie der Dolch die zarte Haut riss, wie der Schwarze sein blutiges Handwerk tat ohne sich zu beschmutzen, wie das Leben aus dem armen Mädchen wich, wie ein Augenblick vor dem letzten Moment ihr Blick den meinigen traf und sie mich traurig ansah, bevor ihre Augen sich trübten und der Schwarze sie losließ.

Während sie leblos zurück fiel, konnte ich mich nur verfluchen, nichts getan zu haben. Ihr Mörder wischte das Blut der Klinge an ihrem Kleid ab und richtete sich wieder auf. – Dann drehte er sich um. Ich weiß nicht ob er mich sah oder nicht, ich erkannte jedenfalls nicht mehr als von hinten.

Endlich konnte ich mich wieder bewegen und versteckte mich hinter dem Baum. Als ich eine Zeitlang nichts hörte, nahm ich mich zusammen und warf einen letzten Blick zurück auf die Lichtung. Die Gestalt war verschwunden. Mir aber wurde schwarz vor Augen, als mich die angestaute Angst überwältigte.

Als ich erwachte lag ich in meinem Bett.

 

 

II

Der nächste Tag, Gedanken und nichts sollte sein wie es war

Die Sonne schien durch das einzige kleine Fenster meiner Wohnung mir mitten ins Gesicht und weckte mich. Es war Morgen. Blinzelnd lag ich da und verfolgte eine Zeitlang die Zeichnungen der Musterung in der Holzdecke. Nur langsam begann ich zu begreifen, wo ich mich befand und was geschehen war.

Ich lag in meinem eigenen Bett in meiner eigenen Wohnung. Doch wie war ich hierher gekommen? Ich erinnerte mich noch gut – viel zu gut – an den vergangenen Abend, zumindest seinen grausamen Höhepunkt – wie könnte ich es vergessen? – doch dann riss es ab. Es verschloss sich mir völlig wie ich es heim geschafft hatte. Warum fand man mich nicht nah der Toten liegend, brachte man mich nicht auf die Wache um mich zu befragen oder gar als Schuldigen zu verurteilen?

Ich drängte die Gedanken an meine seltsame Heimkehr für den Moment zurück und ließ erstmal die Ereignisse erneut vor mein inneres Auge treten, wieder und wieder, bis ich letztlich selbst vor dem kleinsten Schatten in meiner schlecht ausgeleuchteten Wohnung aus lauter Angst und Furcht fliehen mochte, mich fragte, ob ich es diesen Abend zum großen Umzug wagen, und vor allem, ob ich den Vorfall melden sollte. Letztlich entschied ich mich dagegen, man würde höchstvermutlich nur mich als Täter bezichtigen; niemals konnte man sicher sein, ob man an schlechte oder gute Behörden geriet, das hatte ich oft genug gehört, hatte ich selbst mir doch noch nie etwas zuschulde kommen lassen.

An meine Familie konnte ich mich sicher nicht um Hilfe wenden, diese lebte immer noch in dem kleinen Landsitz, wo ich geboren war und wollte ungern etwas mit mir zu tun haben. Ich zog vor drei Jahren fort in die Stadt. Zwar stammte ich aus behüteten Verhältnissen, doch sagte mein Vater immer, unabhängig davon, ob man nun ein ruhiges Leben erwarten durfte, sollte man zunächst erst etwas Anständiges lernen, wie er es ausdrückte. Außerdem würde mein älterer Bruder später sämtlichen Landbesitz erben, mir dagegen fiele nur ein Teil des Vermögens zu. So lernte ich nun das zweifelhafte „Handwerk“ eines Gehilfen in der kleinen Stadtbücherei, eine äußerst öde Tätigkeit. Doch hatte ich immerhin recht viel Freizeit, in der ich mein mickriges Gehalt samt der geringen Unterstützung, welche mir meine Eltern zukommen ließen, verprassen konnte, um ein paar Freunde zu gewinnen und mit ihnen mir die Langeweile zu vertreiben.

Irgendwann kam es dazu, dass ich dies alles so nicht mehr aushielt. Ich schrieb meinen Eltern und bat sie – nein, flehte sie an – mich wieder heimkehren zu lassen, mir dieses unwürdige Dasein abzunehmen. Doch mein Vater blieb hart und von meiner Mutter hatte ich eh keine Unterstützung zu erwarten. Ich versuchte meine schon immer auf sie angestaute Wut zu unterdrücken und lenkte mich ab. Während meiner Arbeit las ich bevorzugt die Bücher, statt meinen Aufgaben nachzugehen, was mir mehr als einmal eine Rüge einbrachte. Abends und oft auch nachts trieb ich mich in der Stadt umher, von einem aufregenden Erlebnis zum nächsten. Ich bekam zuwenig Schlaf und war nun in der Bücherei zusätzlich stets schläfrig und schlaff und wurde einmal gar dabei ertappt, wie ich beim Abstauben einiger dicker Bände eingeschlafen war.

Doch war mir mein zweites, mein nächtliches Leben wichtiger. Ich wurde unter meinesgleichen in dieser kleinen engen Stadt bekannt, doch niemand stand mir wirklich nah, niemand wurde zu einem wahren Freund, niemand war da mit dem man wirklich reden konnte.

Vielleicht hätte ich alles verhindern können. Vielleicht.

Ich kannte das Mädchen nicht, welches da gestern Abend so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, dabei war mir, als würde ich alle Nachtwesen dieses Ortes schon einmal gesehen haben, so groß war er ja nicht. Trotzdem kam sie mir bekannt vor, obwohl sie hier neu sein musste. Vielleicht war sie mir ja schon einmal zufällig über den Weg gelaufen, oder sie sah bloß jemandem ähnlich, den ich kannte.

Ich ließ diese Überlegungen, schob für den Augenblick alle Gedanken beiseite. Vermutlich war ich nur zufällig dort hinein geraten und so etwas würde mir nie wieder geschehen. Dennoch hatte ich das ungute Gefühl, dem Schwarzgewandeten nicht zum letzten Mal begegnet zu sein.

Ich raffte mich nun endlich auf und setzte mich auf die Bettkante. Mein Rücken schmerzte merkwürdigerweise und tastend erfühlte ich ihn. Einen blauer Fleck nach dem anderen schmerzte dort. Ich fragte mich zwar wie ich zu ihnen kam, dachte aber nicht weiter darüber nach. Etwas anderes, über das ich mich noch wundern durfte, war, dass ich mich fast völlig entkleidet in meinem Bett befunden hatte. Scheinbar war ich bei meiner Heimkehr am gestrigen Abend noch genug bei Sinnen gewesen um mich nicht bekleidet schlafen zu legen.

Ich stand auf und ging in meine Waschecke mit ihrer blanken Steinwand, um dort in den verschmutzten Spiegel, einzige Verzierung der Wand, zu starren. Fast sofort schreckte ich zurück vor dem, was ich sah. Mein Gesicht war etwas zerschrammt, getrocknetes Blut klebte überall. Vorsichtig tastete ich es ab und als ich keinen Schmerz verspürte, wusch ich es. Mit dem einzigen Handtuch, welches ich besaß, trocknete ich mich ab und wagte einen erneuten Blick. Die Blutreste waren verschwunden, die Kratzer schienen nicht so schlimm zu sein wie befürchtet.

Ich wusch mich weiter, zog mich an und wollte frühstücken. Da ich aber nichts Essbares fand, bereitete ich mir lediglich einen Tee zu. Während das Wasser kochte, ging ich kurz auf die Straße. Ich wohnte nah des Marktes, so durfte ich eigentlich ständig Leute erwarten, denen man nur zuhören brauchte, um den neuesten Klatsch zu erfahren. Natürlich lauschte ich besonders, ob jemand etwas von einem toten Mädchen zu berichten wusste, zu meinem Erstaunen drehten sich die interessantesten Gespräche aber nur um die neuen Steuern.

Gedankenvoll ging ich zurück ins Haus. Hatte man sie denn noch nicht gefunden? Wie konnte das sein? Solcherlei Nachrichten verbreiteten sich doch stets wie ein Lauffeuer. In den Gärten konnte man sie eigentlich kaum übersehen haben, ständig lustwandelten irgendwelche Leute dort herum und kamen selbst an die merkwürdigsten Orte. Hatte ich mir alles nur eingebildet? Ich sah in den Spiegel um mir selbst in die Augen blicken zu können, um zu erkennen, ob ich vielleicht nicht mehr ganz gesund war. Bei meinem Lebensstil, so sagten meine Freunde, würde dies früher oder später passieren.

Ich bemerkte aber nichts Besonderes und versuchte stattdessen mein Äußeres zu ordnen. Da erkannte ich etwas in den Schatten der Wohnung hinter meiner Schulter: die schwarzgewandete Gestalt griff aus dem Dunkel nach mir. Erstarrt sah ich zu, sah, wie ihr behandschuhter Griff nach mir schnappte.

Der Teekessel pfiff und riss mich aus der Erstarrung, ich wirbelte herum. Die Schatten waren noch da, aber kein Mörder näherte sich mir, ich war allein. Mit den Nerven am Ende vergaß ich den Tee zu trinken, schnappte mir stattdessen schnell meinen Mantel und floh aus dem Haus, floh vor der Angst, dass da doch etwas war. Vielleicht würde mich meine Arbeit ablenken.

 

 

III

Ein Versuch mich abzulenken und weitere Vorfälle

Ich ging durch die geschäftiger werdenden Straßen der Stadt, mich von allen dunkleren und einsamen Plätzen fern haltend. Mein Frühstück verlegte ich in die Bücherei, indem ich mir unterwegs etwas Brot und ein Stück Käse kaufte. Zwar wurde das Essen am Arbeitsplatz nicht geduldet, doch scherte ich mich nicht darum; die Arbeit war mir eigentlich egal. Ich befürchtete nur auf dem Trockenen zu sitzen, sollte ich sie verlieren und mein Vater sich weigern, mir fortan zu helfen. Aber das konnte er eigentlich nicht, solange ich die Arbeit nicht eigenwillig kündigte oder aufgrund nachweisbar schlechten Verhaltens verlor.

Auf meinem Wege kam ich auch an den Gärten vorbei. Es war mir, als würde sich plötzlich die Zeit verlangsamen und der Himmel verdunkeln. Die Bäume warfen kranke Schatten auf das Pflaster, das Gras erschien mir rottend und unrein, dabei war ich noch gar nicht bei dem einen Hain vorbeigekommen. Ich fragte mich, ob sie wohl noch immer dort läge, eine gewisse Neugier drängte mich. Viel quälender war jedoch die Angst, dort nichts zu finden, dass alles nur eine Täuschung und gar nicht passiert war. Obwohl ich das nicht glaubte, denn die Erlebnisse waren bereits viel zu tief in mein Hirn gebrannt.

Langsam kamen die Bäume in Sicht und in meiner Vorstellung wuchs er ins Unendliche, nahm mein ganzes Blickfeld ein und ließ mir übel werden. Ich konnte keinen Schritt mehr weiter gehen und musste mich auf eine Bank setzen um nicht schwindelnd umzufallen. Dort versuchte ich mich zu sammeln und warf einen vorsichtigen Blick zurück zu den Bäumen. Sah ich da nicht ein Stück schwarzen Stoffes zwischen den Stämmen? Zitternd schloss ich die Augen. Da mir sofort schwindlig wurde, öffnete ich sie aber sogleich wieder. Der Schein der Schwärze war verschwunden. Ich konnte einfach nicht an dieser Stelle vorbei gehen, so sehr es mich sondern entschloss mich einen Umweg zu nehmen. Der würde mich zwar gute zwei Straßen mehr kosten und ich käme sicherlich zu spät zur Arbeit, doch konnte ich einfach nicht anders.

Bei der Bücherei erwartete mich bereits mein Herr und Meister und sah mich mit gestrengem Blicke an. Die kleinen harten Augen starrten unter dem schlecht geschnittenen schwarzen Haaren hervor. Das faltenreiche Gesicht blickte über das Pult des Empfangstisches hervor. Die eine knöcherne Hand rückte gerade die eiserne Brille mit den runden Gläsern zurecht, während ich die zweite nicht sehen konnte, da die Vorderwand des Pultes sie verdeckte. Aus Erfahrung konnte ich mir aber sicher sein, dass sie gerade verärgert mit einem Stift auf die blanke Holzplatte des Tisches klopfte. Wenn ich mich anstrengte, vermochte ich sogar ein leises Klopf-Klopf zu hören.

„Sie sind zu spät,“ knarrte der alte Kauz.

Mehr war nicht zu erwarten. Keine Nennung meines Namens, keine ausführliche Vorhaltung meiner Missetaten, war doch schon alles in dieser kurzen Äußerung enthalten. Seine Stimme troff fast vor Verachtung, die tranigen Augen sahen halb durch mich durch.

„Tut mir leid, ich mache mich sofort an die Arbeit,“ versuchte ich mich wie jedes Mal halbherzig herauszureden.

Seinen Blick nicht beachtend und noch leicht zitternd von den Vorfällen vor ein paar Augenblicken, hing ich meinen Mantel auf und ging in die Hinterräume des Hauses, wo ich als Letztes Bücher geordnet hatte und dieses noch fortsetzen musste. Auf dem ganzen Weg spürte ich den bohrenden Blick des Alten in meinem Rücken. Wie sehr ich diesen verknöcherten Hund doch hasste. Aber nein, keine Gefühle an ihn verschwenden, sagte ich mir und versuchte es zu vergessen.

Statt aber zu arbeiten packte ich lieber die mitgebrachten Sachen aus, setzte mich an einen kleinen Tisch in einem der Lagerräume und versuchte nun endlich etwas zu essen. Ich kam aber nicht weit, bis ich plötzlich draußen über den Holzboden sich klackend nähernde Schritte hörte. Aufschreckend packte ich mein Mahl wieder zusammen und ließ es in einer Schublade des Tisches verschwinden. Dann eilte ich an die Regale und tat so, als würde ich arbeiten. Vor allem musste ich erst einmal die störenden Staubschichten entfernen.

Als der Alte eintrat, überraschte er mich völlig mit seiner Frage. „Geht es ihnen nicht gut?“

Dabei ließ er seine eng zusammengekniffenen Augen die Umgebung erforschen.

„Was – wieso fragen sie?“ stotterte ich, hatte er sich doch noch so gut wie nie um mein Leben geschert; ich war es gewöhnt, dass unsere Beziehung auf schlichter Verachtung basierte.

„Sie sehen nicht gut aus. Meinen sie, sie schaffen das heute?“ Damit warf er einen deutlichen Blick auf das Regal hinter mir.

„Ja, danke, ich werde mich schon zusammenreißen,“ sprach ich und fühlte mich wie das Vieh auf der Schlachtbank.

Der Alte nickte nur, drehte sich um und ging zurück zu seinem kleinen Thron, dem Eingang seines Reiches, in dem er alle Macht hatte. Die Tür ließ er dabei offen. Ich trat an sie heran und legte eine Hand auf den Griff, um sie zu schließen. Der Alte war gerade am Ende der ersten Reihe Regale angekommen, welche die Lagerkammer vom Vordereingang trennte.

In dem Moment, in dem meine Hand die Tür berührte, veränderte sich für mich die Welt. Mir wurde leicht schwindlig und es war, als rückte mein Selbst tiefer in mein Bewusstsein und schwebte gleichzeitig leicht über mir; als stände ich neben mir. Ein dunkler Blitz zuckte durch mein Blickfeld und meine Sicht färbte sich sonnenuntergangsrot, als wäre etwas außerhalb des Gebäudes in Brand geraten, jenseits meiner schwammigen, entrückten Sicht.

Gleichzeitig sah ich ihn. Nur undeutlich, doch würde ich ihn sicherlich nicht verwechseln. Als der Alte langsam weiterging huschte die schwarze Gestalt gerade um eine Ecke. Lautlos bewegte er sich hinter den Alten. Dieser ging weiter, als würde er nicht das Geringste bemerken, als würde er nicht ahnen, dass der pure grauenvolle Tod nur Stiftlängen hinter ihm stand. Dieser Tod hob langsam die Hand, der Dolch zielte auf des Alten Rücken. Würde er diese sehnerne Knochenplatte überhaupt durchdringen können?

„Nein!“

Wer war das? Wer hatte da geschrien? Der Ruf brach den auf mir lastenden Bann. Ein zweiter Blitz löste die Starre, mir wurde schlecht und schwindliger denn je. Während ich zurücktaumelte und rücklings auf den Stuhl am Tisch plumpste, bemerkte ich noch, wie der Alte mich misstrauisch musterte. – Der Schwarze aber war verschwunden.

„Was meinen sie?“

Ich bemerkte, dass diese Frage von dem Alten kam, welcher plötzlich vor mir stand und mich ansah wie jemanden, der gerade verkündet hatte, von nun an für immer unter den Tieren leben zu wollen, oder dass ein Dach aus Holzpapier das Innere des Hauses auch im Gewitter trocken hielte. Da ich aber geistig weiterhin gelähmt war, entbehrte dieses Gespräch einer Antwort von mir.

„Ich kann hier niemanden gebrauchen, der mir einfach zusammenklappt,“ begann der Alte eine seiner mir bekannten Vorhaltungen. „Sie sind offensichtlich doch nicht in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen. Also gehen sie jetzt nach Hause und kommen erst wieder zurück, wenn sie meinen, es gehe ihnen wieder besser! Ihr Gehalt bekommen sie für ihre Fehlzeit natürlich nicht ausgezahlt!“

Er begleitete mich noch zum Ausgang, dort entließ er mich ohne jedes weitere Wort. Ich ging wie benebelt heim und erinnerte mich später nicht mehr im Geringsten daran, welchen Weg ich genommen hatte.

Zuhause legte ich mich für wenige Stunden ins Bett. Mein Frühstück hatte ich in der Schublade vergessen.

 

 

IV

Ein Fest am Abend mit unvorhergesehenem Verlauf

Meine Erlebnisse des letzten Tages auf vollkommen schreckliche Art missachtend, rückte die Zeit des großen Umzuges am Abend immer näher und ich war trotz allem nicht im Geringsten geneigt, diesen zu verpassen. Also verließ ich die beklemmende Enge meiner Wohnung am Nachmittag wieder, um den Markt unsicher zu machen, bevor alle Stände geschlossen hätten. Ich kaufte mir dort genug Nahrung zusammen, um endlich meinen Hunger zu stillen und zusätzlich noch eine Maske und einen kunstvollen Umhang, besuchte man den Umzug doch stets verkleidet. Weiterhin erstand ich eine dieser langen weißen Kerzen, die auf noch längeren Holzstangen steckten und welche man später vor sich hertragen würde.

Die Verkäufer, seltsamerweise größtenteils Frauen, waren wie stets geradezu nervig freundlich und einige fragten mich sogar nach meinem Befinden, sah ich ihrer Meinung nach doch bleich und kränklich aus. Mir war aber nicht im Geringsten danach, über meine Probleme mit diesen mir fremden Leuten zu plaudern.

Ich begab mich zur alten Hauptstraße, welche gerade für den Abend geschmückt wurde und beobachtete das Treiben der Leute. Alte Frauen waren damit beschäftigt, im Auftrag der Stadt die allmählich vermehrt von den Bäumen fallenden Blätter zusammenzusuchen und wegzukarren, um wenigstens einen Hauch von Sauberkeit den nur für die Festlichkeit Angereisten und außerhalb Lebenden vorzuspielen. Die alten Männer dagegen waren entweder gerade auf der Arbeit oder saßen irgendwo in den Gärten auf einer Bank vor dem kleinen See und fütterten Enten mit Essensresten, die draußen im Armenviertel noch das eine oder andere Leben gerettet hätten. Woher hatte ich nur plötzlich diese Gedanken? Schließlich schmiss ich selber grundsätzlich meine eigenen Reste aus dem Fenster auf die Straße.

Ein kleiner räudiger Straßenköter lief mir mitten vor die Füße um danach einmal quer über die Straße zu rennen, bevor er kläffend in einer Seitenstraße verschwand, verfolgt von einem lachenden, blonden Kind, an dem ich schon die ersten Anzeichen nahenden kranken Todes bemerkte. Schüttelnd zog ich mir den Mantel enger zusammen, obwohl es heute eigentlich durchaus warm und angenehm war. Aber so fühlte ich mich nicht. Die jüngeren Frauen waren vermutlich meist damit beschäftigt, sich für den Abend fertig zu machen; nur vergleichsweise wenige schienen durch die Straßen zu wuseln, beschäftigt mit Einkäufen und anderen Kram.

Dafür aber entdeckte ich am Eingang eines Ladens ein mir bekanntes Gesicht. Leider hatte ich nicht mehr die geringste Ahnung, wie der dazugehörige Name lautete, hatten wir uns doch bisher nur ein paar Mal flüchtig auf einigen Feierlichkeiten miteinander unterhalten. Aber der Mann, dem dieses Gesicht so passend gehörte, schien sich ebenfalls noch an mich zu erinnern und kam nun geradewegs auf mich zu, ein breites Lächeln im Gesicht und ähnlich wie ich eine leinerne Tasche in der Hand, vermutlich voll mit Einkäufen. Geradezu übertrieben fröhlich begrüßte er mich und warf dazu die Arme in die Luft.

„Mann, wie lange haben wir uns jetzt schon nicht mehr gesehen?“ begann er, ließ mir aber keine Möglichkeit der Antwort, sondern setzte sogleich fort: „Viel zu lange schon ist es her! Sag schon, wie geht es dir?“ Noch so eine Frage. „Sicherlich prächtig, wenn ich dir erzähle, was ich hier habe!“ Damit zog er einen leicht zerfleddert aussehenden Zettel aus seiner Brusttasche und zeigte ihn mir, doch ich sollte nie genau erfahren, was darauf stand, da er ihn sofort wieder einsteckte. „Das ist eine Einladung von unserem alten Freund“, erklärte er immerhin, „du weißt schon.“ – Nein, wusste ich nicht. – „Der, bei dem wir uns damals das erste Mal trafen!“ – Ach so. Ich war wenig begeistert. – „Morgen gibt er eine große Feier. Ich hoffe, du wirst auch kommen!“

Es war keine Frage, eher ein Befehl – eine abweisende Antwort hätte er nie angenommen -, also gab ich schlicht mein Einverständnis, um ihn endlich loszuwerden. Ich entschuldigte mich unter dem Vorwand, ich müsste noch Dinge erledigen.

Der Umzug versprach, wie das Jahr zuvor bereits, beeindruckend zu werden. Es schien, als sei die ganze Stadt auf den Beinen und in den Straßen. Hunderte von verkleideten und maskierten Leuten irrten über die abendlichen Wege und erleuchteten sie mit ihren Stabkerzen. Mitten durch die Menge schritt der Umzug; Schlangen von Gestalten wühlten sich durch die Masse ihrer Mitbürger und hielten kunstvoll gestaltete Figuren an Holzstangen über ihre Köpfe und wichen dabei stets den vielen Kerzen aus.

Ich hoffte, wenigstens hier Ruhe finden zu können, dass ich nicht weiter von meinen Gedanken gequält werden würde, dass die Feierlichkeiten mich vollkommen ablenken könnten. Stände waren rund um die Gärten und den Marktplatz aufgestellt, an denen Essbares und Getränke verscherbelt wurden. Da ich mich nicht zu den Gärten wagte, ließ ich mich die Hauptstraße entlang mitschwemmen und kam so zum Markt zurück, wo ich nur wenige mir bekannte Gesichter sah. Die meisten würden vermutlich woanders feiern, doch drängte es mich nicht gerade, sie zu suchen. Also trank ich einen Becher billigen Weines und genehmigte mir lediglich eine in meiner Erinnerung widerlich schmeckende heiße Wurst. Der Umzug begann mich anzuöden.

Was war nur geschehen? Letztes Jahr hatte ich mich noch köstlich erfreuen können, heute wollte ich nur noch allein sein. Ich suchte mir einen vergleichsweise ruhigen Fleck bei der alten Burg unfern des Platzes und hockte mich auf eine Zinne der niedrigen, den Burghügel umgebenen Mauer, die hauptsächlich rein zur Zierde da war, von der aus man aber einen herrlichen Blick den Hügel hinab bis zum Markt hatte. Von dort beobachtete ich das Treiben, war ihm aber noch nah genug, um schnell in der sicheren Menge verschwinden zu können. Und das sollte ich früher nutzen, als ich gedacht hätte.

Der Zug der Figurenträger sollte zum Höhepunkt des Festes einmal vom nördlichsten Punkt der Stadt ab rund herum über den westlichsten, südlichsten und östlichsten Platz zurück in den Norden führen und auf diese Weise einen Kreis bilden. Gärten und Markt würden dabei auch geschnitten werden. Ich fragte mich, wieviele Träger sie dazu wohl benötigten.

Zum Zeitpunkt, als ich den Markt erreicht hatte, war die Spitze des Zuges gerade knapp hinter mir gewesen. Inzwischen aber war er kaum weiter gelangt, die ganzen Feiernden behinderten ihn gewaltig, auch waren einige Träger wenig hilfreich, indem sie die Reihen verließen; entweder, um auch etwas zu trinken oder essen, um mal in einer Seitenstraße zu verschwinden oder für ganz anderes. So auch die beiden, die sich links unterhalb von mir gerade den Hang hoch kämpften.

Es war ein junges Pärchen, wie mir schien. Zumindest zerrte die vordere verkleidete Gestalt ein etwas zierlichere hinter sich her. Sie stolperte über einen Stein und verlor ihre Maske. Ich erkannte den Mann zwar weiterhin nicht, aber es war offenbar, dass die Frau ihm nicht freiwillig folgte, da sie sich standhaft wehrte. Ihre Versuche blieben aber fruchtlos, so verschwanden sie linkerhand von mir hinter der Mauer, von wo ich bald lautere Geräusche vernahm.

Gleichzeitig kam vom Burgtor her eine schwarzgewandete Gestalt geschlichen und näherte sich den Beiden, ebenso wie mir ein Schauder über den Rücken lief.

 

 

V

Weitere schlimme Ereignisse

Wieder merkte ich, was es hieß, wie erstarrt zu sein. Eine Zeit lang hatte ich das Fortschreiten des Festes beobachtet, bevor das Pärchen aufgetaucht war und mich gestört hatte.

Ich brauchte nicht lang, um den Schwarzen zu bemerken; irgendwie erschien er gerade zwischen den offen stehenden Toren der Burg, als ich kurzzeitig meinen Kopf wendete, um das Gelände hinter mir darauf zu überprüfen, ob sich nicht doch jemand näherte. Als hätte ich es geahnt: Mein Bekannter, der Schwarzgewandete, kam, als hätte er nur auf diesen einen Augenblick gewartet, mich zu quälen. Aber vielleicht bemerkte er mich auch nicht, warum sonst hielt er genau auf die Stelle zu, wo das Pärchen verschwunden war und nicht etwa in meine Richtung, wo ich doch eigentlich gut sichtbar immer noch auf der Zinne saß.

Kalte Schauer liefen mir den Rücken hinab, während ich beobachtete, wie er schnellen gemessenen Schrittes zu dem kleinen Pfad ging, der vom Vorplatz der Burg hinunter führte auf eine wenig gut einsehbare Höhe, die schon manches Mal bekannt geworden war als Treff für die sich Liebenden. Zitternd sah ich diesem meinen Verfolger zu, wie er den Fuß auf die erste Stufe setzte.

Warum trafen wir jetzt ständig zusammen, warum verfolgte er mich? War es vielleicht der bösartige Streich eines Freundes oder Feindes? Und wurde das ermordete Mädchen gestern gar nicht wirklich getötet, sondern spielte all dies nur vor? Aber nein, die Pein in ihrem Blick war so wirklich gewesen – Ich wollte Gewissheit haben.

Gerade verschwand die Kapuze des Schwarzen hinter einer Zinne. Ich hatte schreckliche Angst; kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich handelte auf eine Art, wie es jeder vor überraschter Angst Gebannte tun würde, nachdem er die erste Erstarrung überwunden hatte. Mit schnellen, ruckartigen Bewegungen stieg ich von meinem steinernen Sitz herab und musste mich im ersten Augenblick festhalten, um nicht meine zitternden Knie unter mir wegbrechen zu lassen. Ich festigte meinen Stand und huschte mit verblüffender, von Furcht getriebener Geschwindigkeit über den Kiesplatz. Statt aber gleich auf die Treppe zu springen, hielt ich davor und kniete mich in den Raum zwischen zwei Zinnen.

Der leichte Schmerz, der meine Knie durchzuckte, linderte die Furcht ein wenig, so dass ich halbwegs ruhig überlegen konnte, mich mit den Händen auf den rauen Steinplatten abstützte und mich vorsichtig vorbeugte. Zwar konnte ich nun einen Blick hinab wagen, sah aber nichts. Ich bewegte mich auf die Treppe und geduckt stolperte ich mehr voran, als dass ich ging. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht einfach herab zu springen, während ich mir vorstellen musste: Der Schwarze war doch erst kürzlich hier lang gegangen.

Auf halbem Wege bemerkte ich, dass der Pfad auch nach Norden, an der Burgmauer entlang führte, was ich vorher gar nicht sehen konnte. Alles dort war unbeleuchtet, trotzdem sah ich gerade noch, wie der von mir Verfolgte um die Ecke verschwand. Ich ging ihm weiter in den Schatten nach und duckte mich an die Mauer.

Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich auch endlich den Grund der Geräusche, die ich längst als unterdrücktes Frauengeschrei erkannt hatte. In einer fernen Ecke lag die Frau, ihre Kleidung halb zerfetzt, blutige Striemen am Körper. Der Mann beugte sich gerade über sie und verpasste ihr eine so harte Ohrfeige, dass sie davon ohnmächtig wurde. Sofort ward es still in der näheren Umgebung; nur die Geräusche des Festes wehte der Wind herbei.

Beim Anblick der Ohnmächtigen stiegen die Erinnerungen an den vorigen Abend in mir auf. Es sollte noch einmal so weit kommen, sagte ich mir. Der Schwarze kam meinem Verlangen gleichsam nach, wie er ihm auch zuwiderlief. Der Mann schien gar nicht zu merken, wie er sich ihm näherte, dass der Tod nur wenige Schritte hinter ihm war. Stattdessen machte er weiter mit seiner schmutzigen Tat; die Gier leuchtete aus seinen Augen, dass ich meinte, allein sie würden die Umgebung erhellen und sein nahendes Verhängnis anlocken. Ich versuchte zu rufen, zu warnen, doch konnte ich nicht. Oder wollte ich bloß nicht? Das Messer des lauernden Todes erhob sich über seinem Rücken; die Klinge schien schwarz, wie alles andere von diesem Ort, nicht einmal der Weiße Mond schaffte es Licht zu spenden, die hohen dunklen Mauern der alten Burg mit ihren moosbewachsenen, verrotteten Steine warfen einen zu tiefen Schatten – und plötzlich sauste die Klinge herab, fuhr in den Leib seines Opfers und durchtrennte das Fleisch.

Es wurde kälter; mir fröstelte es unter meinem Zierumhang und selbst dem Mantel. Die Welt wurde kleiner, als ich allein das Geschehene vor mir betrachtete und alles andere ausblendete. Überrascht von dem Angriff sank der Getroffene in sich zusammen, bevor er mit Armen und Beinen strampelnd, sich am Boden windend, auf den Rücken wälzte. Der Schwarze blieb ruhig stehen, wie das Raubtier über der Beute, als wolle er sich erst einmal am Leid seines Opfers ergötzen, obwohl nichts dies vermuten ließ.

Sein Opfer warf zuerst überrascht einen Blick auf die Wunde, presste eine Hand an die Stelle am Rücken und blickte dann wütend seinen Angreifer an, als wolle er wissen, was das sollte, warum sich dieser eingemischt hatte. Dann wurde er der Gestalt seines Angreifers gewahr und musste denken, der leibhaftige Tod würde dort vor ihm stehen, gekommen, ihn zu holen. Mit gequältem Gesichtsausdruck verlor er schließlich das Bewusstsein und brach gänzlich zusammen. Blut breitete sich im Gras unter ihm aus.

Eine Zeit lang blieb der Mörder noch reglos stehen, bevor er sich langsam beugte und den Bewusstlosen oder Toten mit seinen verhüllten Händen packte. Er hob ihn hoch, als wäre er leicht wie eine Feder und trug ihn zu dem mir entgegen gesetzten Ende der Höhe, wo es steil abging zum Fluss, der den großen Felsen umspülte, auf dem die Burg einst erbaut worden war. Trotz meiner Angst war ich noch in der Lage, mich darüber zu wundern, mit welcher Leichtigkeit der Schwarze ihn hoch über den Kopf hob, ausholte und weit in die Tiefe schleuderte. Ein lautes Platschen kündete kurz danach von der Landung des Körpers im Fluss. Der Dunkle hielt sich dabei aber nicht auf, sondern wandte sich um und kam nun auf mich zu.

Mich packte nun endgültig die Angst, als ich die Gestalt so nahen sah. Was hatte ich nur getan, um von ihr verfolgt zu werden? Vor allem die Lautlosigkeit des sich Nähernden schreckte mich, doch unaufhaltsam wie ein vernichtender Sturm kam er vorwärts. Die Angst löste meine Erstarrung und übereilt rannte ich auf die Treppe zu. Ich stolperte und schürfte mir die Handflächen auf, als ich versuchte, meinen Sturz abzufangen. Weiterhin verlor ich dabei meine Maske, aber das bemerkte ich da nicht, ebenso wie die Stabkerze noch auf den Zinnen der äußeren Bergmauer lag. Dies alles war mir aber egal, ich wollte nur noch fort von diesem Ort.

So krabbelte ich mehr die Treppe hoch, als dass ich ging, erreichte den Burgvorplatz, sprang über die besagten Zinnen, stolperte erneut, als ich zu schnell den Hang hinab rannte und rollte schließlich den Großteil gar. Schmutzig und mit zerfleddertem Umhang rannte ich durch die Stadt. Einer gewissen Vernunft folgend nahm ich zwar hauptsächlich Nebenstraßen, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass mich einige Leute sahen.

Irgendwann kam ich letztlich Zuhaus an. Vollkommen erschöpft vom Rennen und der Angst sank ich zusammen, mich jetzt endlich sicher fühlend.

 

 

VI

Die Stadt fängt an zu plappern.

Man begann in der Stadt Fragen zu stellen.

Es war bereits am nächsten Morgen. Ich wagte mich nach tiefem, langen Schlaf irgendwann, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand, hinaus auf den Markt. Vielleicht hätte man diesmal ja Spuren gefunden? Ich begann einfach nur von Stand zu Stand zu wandern und lauschte den Gesprächen, den Neuigkeiten, welche die Verkäufer ihren Kunden oder auch sich gegenseitig anvertrauten. Ich befand mich gerade an einem Obststand, da hörte ich es. Der Verkäufer wedelte in der einen Hand mit einer mir unbekannten Frucht, in der anderen hielt er einen Beutel, während er mit einer kleinen ältlichen Frau schwafelte.

„Wenn ich es ihnen doch sage! Man fand sie heut Morgen bei der alten Burg!“

Damit war meine Neugier geweckt und ich tat so, als würden mich einige Äpfel brennend interessieren. Die Alte aber schien weniger gepackt von der Geschichte.

„Das ist doch bestimmt nur ein Gerücht. Wieviel macht das jetzt?“

„Mein Neffe hat es mir erzählt“, meinte der Verkäufer, als wäre damit alles geklärt und beachtete die Bemühungen der Frau, ihre Einkäufe zu bezahlen, nicht. „Jeden Morgen bringt er mit seinem Wagen meine Waren und meist kommt er dabei auch an der Burg vorbei. Heute sah er dort eine große Menge, sagte er mir, und hielt an. Sie befragten dort grad eine junge Frau, die ein paar Leute dort gefunden hatten. Sie behauptete, ein Mann hätte sie dort vergewaltigen wollen! Sie wäre dabei aber ohnmächtig geworden und als sie dort aufwachte, war er verschwunden und nur ein Blutfleck im Gras – äh – gewesen.“ Nachdem er nach den vielen Dorts wohl durcheinander gekommen war, senkte der Mann seine Stimme im Versuch heimlichtuerisch zu sein und lehnte sich vor, womit er aber nur erreichte, dass ich besser lauschen musste und seine Kundin immer ärgerlicher drein blickte. „Mein Neffe sagte mir,“ wiederholte er, „die Kleider der Frau waren vollkommen zerfetzt gewesen! Man verdächtigt sie zwar, den Vermissten umgebracht und beseitigt zu haben, traut ihr das aber auch nich‘ wirklich zu. Also sucht man jetzt hier einen Mörder in der Stadt!“ Mit einem vielsagenden Blick lehnte er sich wieder zurück und wartete darauf, dass seine Geschichte wirkte.

Die Frau sah ihn aber nur mit einem Ausdruck an, der sagte: „Endlich fertig?“

Ich wandte mich ab. Langsam und mit meinen Gedanken bei ungünstigen Dingen wanderte ich weiter über den Markt. Ich machte mir jetzt größere Sorgen. Was wäre, wenn man herausfand, dass noch jemand am Abend zuvor anwesend war – nämlich ich – und nach mir forschen würde? Ich hatte meine Maske dort verloren – zwar keine besondere, doch verkaufte nur ein Händler eine solche. Und würde dieser sich an mich erinnern –

Den Befürchtungen nachhängend vernahm ich plötzlich etwas in einem nahen kleinen Laden für verzierte Holzgegenstände.

„Man hat eine Leiche gefunden!“ rief da jemand.

Sofort war ich beunruhigt und wandte den Kopf, um den Sprecher zu sehen. Es war ein kleiner Junge, der gerade dabei war, den Laden zu betreten. So jung, und schon so froh, von Toten erzählen zu können.

„Was redest du da für Unsinn?“ fragte eine andere Stimme, während ich mich der Tür näherte.

Es schien der Verkäufer gewesen zu sein, der dort mit zwei oder drei Kunden ins Gespräch vertieft stand, der dem Knaben geantwortet hatte und nun etwas erzürnt dreinblickte.

„Im Fluss!“ rief der Kleine unbeeindruckt, „Ein Mann tief im Fluss! Er hat ein Messer im Körper stecken!“

Meinte er wohl hatte? – Der Verkäufer aber löste sich von seinen Kunden, kam verärgerten Schrittes auf den Jungen zu, packte ihn grob bei den Schultern und drehte ihn unsanft um.

„Jetzt verschwinde hier endlich und nerv‘ nicht, wenn Erwachsene Geschäfte tätigen wollen!“

Der Junge ließ sich in seiner guten Stimmung nicht stören, bemerkte mich bei seinem Abgang nicht, verschwand Richtung Menge des Marktes und rief weiter: „Man hat eine Leiche gefunden!“

Ich aber blieb erschrocken weiter an der Ladentür stehen.

„Wie können sie nur so mit Kindern umgehen!“ hörte ich eine empörte Frauenstimme, und kurz darauf schoben sich zwei der Kunden durch diese Tür.

„Aber meine Damen… !“ rief der Verkäufer, doch es war zu spät.

Auch ich wollte weg von diesem Laden und so strollte ich zunächst sinnlos und gedankenverloren durch die Straßen, völlig ohne Verstand. Nun war also tatsächlich eines der Opfer aus meinen Alpträumen gefunden worden; das hieß, ich hatte es mir – leider! – nicht eingebildet. Warum aber war dies erste Mädchen, dessen Sterben ich mit ansehen musste, noch nicht entdeckt worden? Würde man das überhaupt je? Und diese Frau von gestern, deren Angreifer nun gefunden wurde; was war mit ihr? Sollte sie mich dieses blutigen Abends gesehen haben, so hätte ich ein Problem; also hoffte ich einfach das Gegenteil. Trotzdem fühlte ich mich nur noch schrecklich.

Was würden wohl meine Eltern sagen, wüssten sie, in welch sonderbaren Umständen ich steckte? Mein Vater hätte sicherlich die richtige Bewertung zur Hand: Bei meinem Lebenswandel und den Gestalten, mit denen ich mich umgab, war es wohl ein Wunder, dass ich nicht früher in Gewalttätigkeiten geraten war. Oh nein, ich wollte nicht weiter darüber nachdenken.

Es passte, dass mir in dem Augenblick der Gedanke an meine Arbeit kam. Ah, es war schon so spät geworden! Längst hätte ich meinen Aufgaben nachkommen sollen. Aber hatte der Alte nicht gesagt, ich solle erst nach meiner Genesung wieder erscheinen? – Ja, hatte er – doch auch, dass mir Fehltage nicht bezahlt werden würden. Was also war mir lieber; weiter am Hungertuch nagen, oder meinen Aufgaben nachgehen. Ich haderte und haderte mit mir, und entschied mich letztlich. Da bemerkte ich, wohin mich meine Füße schon längst getrieben hatten – und noch wichtiger, wem ich plötzlich gegenüber stand.

„Ach – Hallo!“ rief sie, als sie mich entdeckte, „Na wir haben uns aber lang‘ nicht gesehen.“

Damit kam sie von ihrer Seite der Straße, auf der sie gerade gegangen war, auf meine herüber und auf mich zu, so dass ich nicht mehr hätte behaupten können, sie nicht bemerkt zu haben.

„Oh – hallo“ antwortete ich und versuchte sie anhand Gesicht und Oberweite zu erkennen, während ich mich gleichzeitig unwohl umsah.

„Na – wie geht es dir?“ fing sie an, verlief sich aber zum Glück in ihrem eigenen Geplapper.“Warum habe ich dich eigentlich schon so lange auf keinem Fest mehr gesehen? Weißt du, das vor zwei Wochen die wohl beste Feier des Jahres gewesen war? Und wo warst du? Na – egal, ich hätt‘ dich vielleicht eh nicht entdeckt.“ Da kicherte sie und ich konnte nicht umhin, das Problem dieser Aussage zu erkennen. „Wie geht es dir eigentlich? Arbeitest du noch immer bei diesem… – in diesem… – na du weißt schon.“ Ich machte den Mund auf, doch es ging noch weiter. „Na – hast du schon von der Feier heut Abend gehört? Ja? Und, kommst du auch? Ja? Schön! Ich freu mich – wir müssen dann was trinken, weißt du… – Oh, warte mal, dort geht eine Freundin von mir. – Ich muss los, wir sehen uns aber doch – ja?“

Und damit war sie fort und mir drehte sich alles, trotzdem mein Körper während des sogenannten „Gespräches“ versucht hatte, sein Hirn abzuschalten und sich auf die körperlichen Vorzüge dieser Frau zu besinnen. Doch gänzlich schien mir dies nicht gelungen zu sein und so wollte ich einmal zu ihr zurück sehen, da erhaschten meine Sinne am Rande meines Blickfeldes eine Gestalt im Schatten einer Nebenstraße unweit dieser Dame auftauchen, gewandet in Schwarz und etwas blitzendes im Ärmel haltend.

Mir wurde schwindlig, meine Hände wurden klamm, meine Sicht versagte für einen Augenblick. Und als er sich wieder geklärt hatte, waren Gestalt wie Dame samt Freundin verschwunden und zurück blieben nur Gefühle der Angst und der wagen Erkenntnis, so etwas schon einmal erlebt zu haben.

 

 

VII

Ein schreckliches Treffen.

Es dauerte nicht lange, da sollte mich eine andere Angst einholen.

Nach dem seltsamen Treffen des Morgens hatte ich mir – erneut auf dem Markt – Nahrung für den Mittag und eine billige Flasche Wein – für den Abend – besorgt und mich damit heim begeben.

Einst wohnte ich draußen auf dem Land, im alten Herrenhaus meiner Eltern. Wir hatten Diener, die uns zu jeder Tageszeit das Essen brachten, warme Betten, Einrichtung im Überfluss, eine schöne Landschaft drumherum und eigenes Wasser. Nicht wie hier, wo all dies fehlte. Und doch hatten meine Eltern mich aus der Glückseligkeit verbannt; wenn auch wohl nur zeitweise, versprach man mir, denn ich könne nach erfolgter Ausbildung einst zurückkehren. Immer und immer wieder kamen mir die Gespräche mit meinem Vater in den Sinn, wie er von mir forderte, einen „anständigen“ Beruf zu erlernen, wie er mir stets das Gefühl gab, all mein Wissen und mein Können seien nutzlos. Und wie sie mich hier leben ließen, nicht einmal besuchten und nie schrieben. – Ah, wie ich das ruhige Leben vermisste. Dort gab es nie Gewalt, keine schwarzen mordenden Gestalten. – Ah, wie sehr ich sie doch hasste!

Ich widmete mich gedankenverloren der Aufgabe, mir Essen zuzubereiten, holte neues Wasser aus dem Hof, befüllte den Kochtopf, feuerte den Ofen an, schnitt Gemüse und Fleisch und mengte alles ins Wasser. Endlich wieder ein richtiges Mahl; lange hatte ich so etwas nicht genießen können.

Da klopfte es an der Tür.

Erschrocken hielt ich inne. Wer könnte das sein? Jetzt, zu dieser Tageszeit, da alle arbeiten mussten. Wer könnte mich kennen, wer könnte jetzt etwas von mir wollen? Behutsam ging ich zur Tür, lauschte kurz daran – dann klopfte es erneut. Besorgt ergriff ich den Türknauf und öffnete langsam.

Und da stand er: Mein Alptraum, die düstre Plage meines Lebens, die mich um Glück und Verstand bringen könnte, die mir stets Schrecken und Furcht einjagte und mir mein Leben verhasst sein und doch auch darum fürchten ließ. Gehüllt in einen dunklen Umhang, die Arme in den Ärmeln verborgen, stand dort der grauenvollste Anblick, der sich mir je hätte bieten können. Und er sprach.

„Ich dachte schon, du würdest nie öffnen.“

Meine Sicht ward unklar, als meinen Körper einige Kräfte verließen. Die feuchte Hand rutschte vom Griff.

„Wie – was machst du hier?“

„Ich habe dich gesucht – aber jetzt lass mich ein.“

Tatsächlich tat ich das nicht wirklich, jedenfalls nicht absichtlich, denn zwar konnte er eintreten, doch nur, weil ich verwirrt und verängstigt zurückwich; einfach nur auf einen Stuhl in der kahlen Ecke plumpste.

„Ja! – ich seh‘ schon – gastfreundlich wie immer – so war’s doch auch früher – nicht, kleiner Bruder?“

Mein Bruder betrat meine bescheidenen Räume, schloss die Tür hinter sich, entledigt sich seines Mantels, faltete diesen über dem Arm, legte ihn in Ermangelung eines besseren Ortes über den anderen Stuhl und – fühlte sich bereits wie Zuhaus, trotz seines abschätzig herablassenden Blickes, den er dem Zimmer zuteil werden ließ. Immer noch schwarze Handschuhe tragend, trat er auf meinen Ofen zu, hob den Deckel des Topfes an und warf einen naserümpfenden Blick hinein.

„Wie ich sehe, hast du immer noch keinen guten Geschmack.“

Trotz der Überraschung, trotz der alten Furcht, vermochte mich das zu verärgern.

„Etwas anderes ließen mir unsere Eltern ja nicht.“

„Jetzt fang nicht wieder damit an“, sprach er mit leichter Verärgerung, „du kannst nicht immer dein eigenes Versagen auf uns zurückführen.“

Ich wollte mich nicht darauf einlassen, nicht auf diese Herausforderung antworten; vor allem aber fühlte ich mich immer ungehaltener ob dieses Eindringens, dieser Beleidigung, dieser Bedrohung.

„Was willst du eigentlich?“ sagte ich, während er es vorzog, sich selbst einen Stuhl – den, mit seinem Mantel – zu nehmen und sich an meinen kleinen Tisch zu setzen. „Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen oder von dir eine Benachrichtigung bekommen zu haben.“

„Oh – das habe ich aber. Kam mein Brief etwa nicht an? Ich bin untröstlich. – Übrigens, ich glaube, dein Essen, wie du es nennst, brennt gleich an.“

Kurzzeitig vergaß ich meine Abneigung ihm gegenüber, hastete zum Ofen, löschte ihn und stellte den Topf beiseite. Zum Essen war nun aber nicht aufgelegt, setzte mich vielmehr zurück auf meinen Stuhl.

„Also – sprich endlich – ich bin krank; ich sollte mich ausruhen.“

Völlig entsprach das nicht der Wahrheit, doch galt ich immerhin bei meiner Arbeitsstelle als krank gemeldet, und tatsächlich fühlte ich mich seit dem Auftauchen meines Bruders etwas übel.

„Schade, ich hätte mich gerne ausführlich mit dir unterhalten. Ich war noch nie in einer so rauen Gegend gewesen. – Wie hast du es nur geschafft, hier einen Platz zu finden? Hättest du bei einem der besseren Ausbilder angefangen, hätte ich dich hier heute nicht besuchen müssen.“ Und immer noch wanderte sein Blick angewidert durchs Zimmer.

„Schicken dich unsere Eltern? – Was wollen sie?“

„Unseren Eltern geht es gut, sie lassen dich grüßen. Sie würden gerne wissen, wie es dir geht, ob du Hilfe brauchst.“

Es war ungewöhnlich, dass er so klar sprach, und eine Weile war ich zu überrascht, um zu antworten.

„Was ist? Antwortest du mir?“ Er wurde ungeduldig.

„Äh – Hilfe? – Was meinen sie damit? Wie kommen sie darauf?“

„Na Hilfe – Geld, Einfluss“, er sah sich in der Wohnung erneut abschätzig um, „- neue Einrichtung -“

„Aha – woher der Sinneswandel? Ich habe sie oft fast schon angefleht. Immer hieß es nur, ich solle selber das Leben und all seine Nachteile erfahren -“ Ich unterbrach mich, als ich merkte, dass ich vertrauter mit meinem Bruder redete, als ich es gewollt hätte.

Dieser verlor sein bisschen Geduld. „Unsere Eltern – und auch ich – hatten wahrlich viel Nachsicht mit dir. Du solltest einfach nur das Leben der Gewöhnlichen erfahren. Zwar wirst du nicht wie ich alles erben, aber trotzdem wirst du immer ein ruhiges und gutes Leben bei uns haben. – Einfach nur das Leben kennenlernen, eine Ausbildung durchmachen. Und was machst du? Seit Wochen kam keine Nachricht und von unseren Vertrauten hier in der Stadt erfuhren wir nur, dass du – berüchtigt – bist. Keine Belobigungen deines – ‚Arbeitgebers‘ -, keine guten Nachrichten unserer Vertrauten über dein Verhalten. – Ganz ehrlich Bruder; es macht keinen Spaß mehr, Vater zetern zu hören, sobald ein neuer Bericht über dich eintrifft.“

Ich war – sprachlos. Verwirrt saß ich da und konnte kaum denken.

„Was wollen sie?“ – Ich hätte mehr sagen können; dass er kaum nur deshalb gekommen war, mich zu warnen oder meinem Leid zuzusehen.

„Es ist eigentlich ganz einfach. Auch wenn ich doch dagegen bin. – Sie wollen, dass du heim kommst. Hier hast du ja versagt.“ In meiner Vorstellung stand ich auf, ergriff ein Messer von der Wand und – „Nun ja – ich glaube, dein Essen ist kalt geworden. Und ich soll hier noch andere Leute treffen, kann also nicht ewig bei dir verbleiben. Morgen werden wir beide heim reisen; deine Arbeit haben wir bereits kündigen lassen.“

Ob er den Hass in meinen Augen sah und deshalb so schnell gehen wollte? Ob er Angst vor meinem Zorn hatte? Ob er wusste, wie gern ich ihn in diesem Augenblick hätte umbringen wollen? Und als ich wieder klar denken konnte – war er verschwunden, und mein Hunger mit ihm.

 

 

VIII

Hoffnung auf Zerstreuung

Ich benötigte den restlichen Nachmittag, mich von dem Treffen mit meinem Bruder zu erholen. Wie hatte er es nur wagen können – sie alle. Ich konnte kaum etwas gegen meine Enttäuschung ob des Geschehenen tun. Ja konnten sie mich denn einfach so zurückrufen? Aber was sollte ich dagegen unternehmen? Mich dagegen auflehnen? Was sollte mir das schon Gutes bringen. –

Kurz überlegte ich zu packen, doch besaß ich nicht viel und zwei Tage waren so noch eine lange Zeit. Spät erst kam mir der Gedanke, mich einfach mit dem Wein für Abends bereits jetzt zu betrinken. Vorher aber widmete ich mich doch noch endlich meinem Mahl.

Dabei kam mir der Gedanke, ob ich bestimmte Kleidung für die Feier brauchen würde. Nach und nach genehmigte ich mir dabei Schlucke aus der Weinflasche, was meine Stimmung etwas besserte, mich aber auch verwirrt sein ließ. Als es dann draußen dunkler wurde, wollte ich mich endlich auf den Weg machen.

Ich bemerkte es erst spät und erschrak trotzdem, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Spiegel sah. Sobald mir dies bewusst wurde, erstarrte ich, doch nicht so stark wie gewöhnlich, denn der Wein machte mich ungewöhnlich – leichtsinnig. Ich drehte und drehte mich, während ich nach dem Ursprung des Schattens suchte, dass mir schlecht wurde und ich halten musste. Als ich wieder aufsah, war das Gefühl, nicht allein zu sein, verschwunden.

Trotzdem war ich noch nicht ganz wieder bei mir, doch war der Wein weiter an meiner Seite und so wagte ich mich letztendlich hinaus. Wage konnte ich mich erinnern, wo es hingehen sollte und versuchte diesem Pfad zu folgen, während langsam um mich herum die Straßen anfingen beleuchtet zu werden. Fast erschien es mir prunkvoller als das Maskenfest und tatsächlich waren auch wiederum viele Menschen auf den Straßen, doch würde sich das nun, nach Einbruch der Dunkelheit, bald ändern.

Einmal noch kam ich, da ich die Gärten am Markt möglichst umgehen wollte, aber in die Gegend dahinter gelangen musste, durch eine verlassene Gasse. Ich fühlte mich nicht im Geringsten wohl und wollte sie nur so schnell es ging durchqueren. Immer wieder blickte ich mich unwohl um, als ich dachte, dass jemand hinter mir wär – und dann doch nur die Lichter in den Pfützen funkeln sah – und sofort wandte ich mich wieder um, als ich ein Geräusch hinter mir vernahm – doch immer noch dort nichts. Dies Spiel spielte ich gleich mehrmals, bis ich kaum noch denken konnte und einfach nur noch die Gasse hinab lief, bis ich endlich wieder auf eine erleuchtete Straße mit den letzten Heimkehrern gelangte. Schnell trank ich den Rest des Weines aus und schleuderte die Flasche zurück in die Gasse, auf dass sie jeden treffen würde, der mir doch folgte. – Und ich hörte nichts – vernahm nicht mal ein Klirren des Glases. Fröstelnd ging ich weiter.

Endlich kam ich auf Pfade, die mich an mein Ziel führen sollten. – Zumindest hoffte ich so, wusste ich doch ob des Umweges immer weniger, wo ich mich eigentlich gerade befand. Nach und nach dünnten sich die Ströme der anderen Fußgänger aus, und ich fühlte mich immer weniger wohl, bekam wieder das Verlangen loszurennen, dem Ort zu entfliehen. Als hinter mir ein leises Geräusch ertönte, hastete ich voran, rannte ohne zu rennen, stolperte um eine Ecke. – Links sah ich die Gärten des Marktes, rechterhand lagen unweit der alten Burggemäuer die Häuser der Noblen.

War der Weg tatsächlich so kurz gewesen? Was hatte ich gemacht, dafür vom Einbruch der Dunkelheit bis zur Nacht soviel Zeit zu benötigen? Ich war verwundert – und vor allem verliehen mir Wein und Erschöpfung einen schrecklichen Schwindel, eine gewisse Übelkeit. Mich kurz an die Hauswand lehnend, besann ich mich und beobachtete, ob ich schon mein Ziel oder andere Besucher ausmachen könnte. Tatsächlich erkannte ich das Haus, in dem ich schon einmal gewesen bin, draußen in der Ferne. Doch da geschah etwas.

„Hallo!“

Ich erschrak fast zu Tode.

„Habe ich dich etwa erschreckt?“ fragte er, als wäre es nicht offenbar.

„Was – ?“ Im Halbdunkel erkannte ich ihn kaum. „Ach du -“

Weiter kam ich nicht, bevor er einfiel. „Was machst du denn hier im Dunkeln? – Ich hätte dich kaum erkannt. – Aber schön, dass du dich entschlossen hast, auch zu kommen. Wollen wir nicht zusammen zur Feier gehen? Es ist ja nicht mehr weit. – Und sieh, was ich hier hab!“

Damit holte er eine Flasche Wein hervor, die er irgendwie in seinem schwarzen Mantel versteckt gehalten hatte. Glücklicherweise war sie bereits offen.

„Hier, nimm einen Schluck und dann lass uns gehen!“

Wie könnte ich da Nein sagen? Zum ersten Mal an diesem Abend fühlte ich mich wieder ein Stück sicher, was nicht zuletzt an der Zuversicht meines neuen Begleiters lag, der sich bewegte, als gebe es nicht den Hauch einer Gefahr auf der Welt. Auch wenn ich nicht gedacht hätte, ihn tatsächlich und vor allem so schnell anzutreffen. Unter seiner Führung gelangten wir letztlich zum Haus der nächtlichen Freuden. Es war eins der größeren der Gegend, und damit gehörte es wohlhabenderen Leuten – und sofort fühlte ich mich schäbig und arm, war doch selbst meine beste Kleidung noch eine einfache, denn ich hatte damals keine bessere mit in die Stadt nehmen können. Da stellte sich mir die Frage, warum jemand wie ich überhaupt auf diese Feier geladen sein sollte.

In der Tat sahen mich die beiden – Türsteher? – etwas seltsam an, doch grüßte mein Begleiter sie nur und schon waren sie zufrieden; hielten mich jedenfalls nicht zurück. Und dann betraten wir die der äußeren Stadt fremde Welt.

Eine große Eingangshalle erwartete uns, nur schwach erleuchtet von Kerzen, so dass alles unwirklich und düster wirkte. An Treppen, Tischen, auf freien Flächen und dergleichen waren bereits allesamt Gestalten, die größtenteils plauderten und zusammen tranken. Einzelheiten erkannte ich aufgrund der Düsternis jedoch nicht.

„He – na da ist doch -“, sprach mein Begleiter und schien sehr aufgeregt, „hast du was dagegen, wenn ich dich jetzt erst einmal hier alleine lasse? Du findest dich sicher zurecht – sieh mal, dort hinten gibt es Essen – und hier, nimm die Flasche.“

Damit verabschiedete er sich, um ins Zwielicht zu verschwinden; sein dunkler Mantel wehte hinter ihm her – warum er ihn nicht ablegte? – und ich blieb zurück, als einziger in dem Haus, der mit einer ganzen Flasche Wein in der Hand allein und vereinsamt da stand. Warum hatte er das getan? Warum hatte er nicht bei mir bleiben können, bis ich mich an die Umgebung gewöhnt hätte? Mir war unwohl zumute; nur der Wein lockerte mich etwas. Also nahm ich einen weiteren großen Schluck und vergaß ebenso meinen Mantel, während ich langsam durch die Schatten zu wandeln begann.

Halb fühlte ich mich wie im Traum. In Nischen, an Geländern, Beistelltischen, Fenstern standen und saßen die düstren Gestalten, tranken, lachten, lallten und plauderten. Kein Gesicht kam mir bekannt vor, dabei lebte ich schon so lange in dieser kleinen Stadt und war auf so vielen dieser und ähnlicher Feiern zugegen gewesen. Und wurde mir nicht gesagt, dass ich auch bei diesem Gastgeber schon einmal zur Feier geladen war?

Gedankenverloren strollte ich durch Gänge, Zimmer, Treppen hoch und runter, auf Balkone und in den Garten. Um mich herum gackerten und plapperten sie, bis ich nur noch Wasserfälle von Lauten vernahm, genug davon hatte und mir einen ruhigen Platz am Rande des Hauptzimmers mit der Feuerstelle nahm. So langsam verließ mich auch der Wein, bis die Flasche leer in einer Ecke vergessen wurde.

Und dann kam sie.

 

 

IX

Die Hoffnung wird zerstört

Es schien mir Stunden zu dauern, bis ich wieder frei und erlöst von einem wahren Strom fremder Worte war. Nachdem sie endlich einen anderen Gesprächspartner gefunden hatte, war ich wieder allein mit mir und dem Getränk, dass mir unterwegs mehrfach erneuernd zugewiesen worden war. Die Welt um mich hatte sich kaum verändert, immer noch war die Feier im Gange, auch wenn es mittlerweile Nacht sein dürfte.

Mich selber beschlich ein gewisses Bedürfnis, so versuchte ich einen Ausgang zu finden, den Gartenbereich zu erreichen. Nachdem ich dort eine dunkle und stille Ecke gefunden hatte, verschaffte ich mir endlich die Erleichterung, die nach so vielen Stunden mehr als drängend war.

Doch dann sah ich, wie er unweit von mir stand, wie er mich aus dem Gebüsch beobachtete, an dessen Rand ich mich befand. Schwarzer weiter Mantel, der alles verbarg – die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, so dass man keines erkennen konnte, nur Finsternis – die Arme versteckt in den Ärmeln, so dass man nicht ansatzweise Haut sah.

Fast schon hüpfte ich zurück, als der Schreck mich packte. Keines meiner Glieder hatte ich noch unter Befehl, so ward mein Rückzug ruck- und krampfhaft, meine Schritte stolpernd. Zweige schlugen nach mir, nachdem ich sie bei dieser Flucht von ihren Plätzen drängte und mehr als einmal trat ich in ein halb verstecktes Erdloch, das mich fast zum Fall gebracht hätte.

Derweil rührte dieser schwarze Tod kein Glied, keinen Muskel, keinen Finger. Stumm und starr stand er dort in seiner eigenen winzigen Lichtung. Das Dunkel seiner Kuttenöffnung blickte mich nach wie vor an, doch wusste ich nicht, wieso. Und dann funkelte etwas im Halblicht, als die Gestalt langsam ein Messer aus dem Ärmel zog.

Ich aber fiel vor Schreck und Angst hinten über, stolperte erneut über ein Erdloch, als mein Fuß sich darin verfing und landete recht unsanft auf meinem Hosenboden. So schloss ich denn auch mit meinem Leben innerlich ab, oder besser – hätte es getan, hätte ich noch denken können. Mein Ende erwartete ich wieder einmal, doch diesmal wandte ich den Blick nicht ab.

Der Dunkle schien nicht hinter mir her zu sein; tatsächlich drehte er sich, nachdem er das Messer hervor gezogen hatte, so dass sein Nichts unter der Kapuze zum Eingang des Hauses deutete. Dort traten gerade meine beiden einzigen Bekannten dieser Feier heraus, vertieft in ein Gespräch. Es erschien mir absonderlich, dass sie ein schnelles und wechselhaftes führen konnten, bei dem beide zum Sprechen kamen, hatte ich das doch nie mit ihnen geschafft. –

Als mir der Dunkle wieder einfiel – war er verschwunden. Dies löste meinen Schrecken, doch flößte mir Furcht ein, er könne wieder kommen. Ich wollte weg und musste feststellen, dass ich mit der Kleidung mich verfangen hatte, und wollte ich den Ort nicht nackt verlassen, musste ich mich beruhigen, um mich langsam aus der Falle zu befreien.

Während ich an mir rumzupfte, waren meine Bekannten bereits in den Garten hinaus getreten; bemerkten weiterhin ihre Umgebung nicht, da sie mit sich beschäftigt waren. Kurz überlegte ich zu rufen, sie vor dem Dunklen zu warnen, tat es dann aber doch nicht, da ich ihn nirgends mehr erblicken konnte und so nicht mehr sicher war, ihn überhaupt gesehen zu haben. – Und dennoch, es muss wahr gewesen sein; er war zu wirklich.

Es dauerte eine Weile, in der ich kaum Fortschritte machte, bis mein Bekannter sich scheinbar entschloss, dasselbe zu tun, was mich hier in den Garten gebracht hatte. Ich wollte ihm sicherlich nicht zusehn, doch tat ich es trotzdem, denn ging er dorthin, wo ich den Dunklen zuletzt erblickt hatte, und immer noch befürchtete.

Wieder überlegte ich, ihn zu rufen, ihn zu warnen, doch wieder tat ich es nicht, wollte keine Aufmerksamkeit auf mich lenken, wollte mein Leben nichts aufs Spiel setzen. Weiter und weiter zurrte ich am Gestrüpp, in dem ich hing und warf einen Blick zu seiner Begleiterin, die ein Stückchen fort in den Garten raus gestrollt war.

Als ich wieder zu meinen Bekannten sah, stand der Dunkle hinter ihm. Das Messer blickte aus dem rechten Ärmel hervor. Er stand einfach still und starr, als würde er ihn bei dem, was er tat, beobachten, als würde er warten, bis er fertig war, um dann erst zuzuschlagen.

Und dann, ohne weitere Vorwarnung, tat er genau das. Die Klinge drang immer und immer wieder in den Körper seines Opfers ein; stach, schnitt und zerfetzte. Dieses Opfer blieb wunderweise aber stehen, bis es erst nach zahllosen weiteren Hieben fiel, in sich zusammensank; ein Häufchen Fleisch war alles, was von meinem Bekannten übrig blieb.

Mir war schlecht, mir war schrecklich zu Mute. Ein Teil von mir wollte bloß noch ohnmächtig werden, ein anderer dagegen fortlaufen und um Hilfe schreien. Ein weiterer bemühte sich immer noch um meine Befreiung, während meine von der klammen Erde schmutzigen Hände kaum noch greifen konnten und eine seltsame kalte Feuchtigkeit mir die Hose herauf kroch. Doch das bemerkte ich kaum, denn nachdem ich kurz weggesehen hatte, war der Schwarze wieder verschwunden.

Dafür näherte sich meine Bekannte jetzt, sich leise nach ihrem Begleiter erkundigend, wo er denn bleiben würde, was er machen würde – ob er Hilfe bräuchte. Scheinbar hatte sie nichts gehört. Und auch nichts gesehen, denn schließlich trennte sie und die Leiche nur noch ein einziger Baum, doch schien sie nichts zu merken, schien die Leiche neben sich weder zu spüren, noch zu riechen. Bevor sie es je hätte erfahren können, war ein Schatten hinter ihr aufgetaucht.

Dieses eine Mal schrie ich doch, versuchte sie zu warnen, versuchte ihr Leben zu erhalten. Aber kamen überhaupt Laute über meine Lippen, konnte sie mich überhaupt hören? Es gab kein Anzeichen, dass dem so gewesen wäre.

Drum geschah, wie es geschehen musste. Kaum vermochte ich noch zuzusehen, zu erfahren, was mit ihr geschehen würde. Und doch konnte ich auch den Blick nicht abwenden, als wäre ich gebannt, als wäre es Teil einer Folter, dass ich dies erleben sollte.

Letztlich aber hatte ich mich dann endlich noch befreit und genug unter Gewalt, dass ich langsam rückwärts fort krabbeln konnte. Als ich schließlich hinter einem Gebüsch verschwunden war, so dass der Dunkle mich nicht mehr hätte sehen können, stand ich auf. Ohne mich noch einmal umzusehen ging – nein, stolperte – ich durch das Dickicht.

Unmöglich könnte ich zurück ins Haus gehen. Meine Kleidung war schmutzig, teilweise zerkratzt. Im Garten lagen zwei Leichen, die ich beide als Lebende gekannt hatte. Mein Schrei schien doch noch jemanden aufgeschreckt zu haben, denn ich hörte Stimmen aus dem Haus kommend. Wie ich den Dunklen jetzt – leider viel zu gut – kannte, wäre er längst verschwunden. Also blieben nur ich, die Toten und jede Menge Fragen, deren Beantwortung mir kaum jemand glauben müsste. Ich wollte es nicht darauf anlegen.

Aber in Wahrheit war ich in dieser Nacht vollkommen kopflos und wollte soweit weg, wie es nur möglich war. Am Ende des Dickichts angelangt, erklomm ich die Mauer des Gartens und verschwand in der Nacht der Stadt.

Als ich endlich wieder zu mir fand, lag ich in meinem Bett.

 

 

X

Fragen und ein unangenehmer Besuch

Wie schon wenige Tage zuvor starrte ich an die Decke.

War alles vielleicht nur ein Traum gewesen? Diese Hoffnung hatte aber auch beim ersten Mal nicht geklappt. Doch – wenn nun wirklich alles der letzten Tage nur ein solcher gewesen war? Aber das schien unwahrscheinlich, denn nie zuvor hatte ich einen so umfangreichen gehabt – der auch jetzt noch, vielleicht eine Stunde nach dem Erwachen, nachwirkte und an dessen sämtliche Einzelheiten ich mich erinnern konnte. – Sah man von dem Umstand ab, dass ich nicht wusste, wie ich heim gekommen war.

Irgendwann kam ich mit mir überein, das Bett zu verlassen, denn ewig könnte ich nicht darin bleiben und tatsächlich wollte ich mich auch meinen Ängsten stellen. Leider fand ich sofort einen Beweis für die Wirklichkeit des letzten Abends, denn über die Rückenlehne eines Stuhls lagen sauber gefaltet meine Kleider, obwohl sie verdreckt und leicht zerrissen waren. – Ein abwesender Teil meiner Selbst fragte sich, ob ich diese je wieder würde anziehen können.

Ich suchte mir also etwas anderes zum ankleiden und überlegte, ob ich Lust hätte, etwas zu essen. Nach den Ereignissen der Nacht war mir aber nicht wirklich danach. Und doch – ich musste überprüfen, was man sich auf der Straße erzählte, ob man mich auf der Feier vermisst hätte, ob sie die Leichen gefunden hatten, ob man mich verdächtigte, –

Ich hatte gerade die Tür geöffnet, da lief ich fast in meinen Bruder hinein. Meine gereizten Sinne ließen mich einen überraschten Satz zurück machen.

„Versuchst du, mein Warten vom letzten Mal wieder gut zu machen, indem du mich diesmal erst gar nicht zum Klopfen kommen lässt?“

Ich setzte mich lieber gleich auf einen Stuhl. „Ich bin gerade erst aufgestanden – was willst du?“

Ohne zu fragen kam er ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. „Hast du vergessen, dass wir heute abreisen wollten? Ich nehme an, du hast immer noch nicht gepackt.“ Und sein Blick wanderte, erzählend, dass er nicht glaubte, dass ich überhaupt etwas zu packen hatte.

Ich war tatsächlich überrascht.

„Was – jetzt schon? – Ich bin gerade erst -“

„Aufgestanden, ich weiß. Und es ist fast schon Mittag. Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, werden wir es heute überhaupt nicht mehr können. Du weißt, wie weit es ist.“

„Kann ich – mich wenigstens fertig machen?“

„Wenn du damit essen meinst; das kannst du unterwegs. Wenn du damit etwas besseres anziehen meinst – ich glaube nicht, dass du etwas besseres hast“, – sein Blick fiel die Augenbraue hochziehend auf meine zerschlissenen Kleider über der Stuhllehne – „und vor allem ist das sowieso unerheblich. Unsere Eltern kennen dich nicht besser.“

Für seine Herablassung hätte ich ihn schlagen können. „Nein, ich meine – du weißt schon – würdest du mich bitte mal kurz allein lassen? – Außerdem will ich schnell etwas einpacken.“

Wieder dieses Hochziehen der Augenbraue. „Packen? – Gut, ich warte draußen. Vielleicht finde ich auch noch etwas für unsere Eltern auf dem Markt.“

Damit ging er endlich, und ich konnte mich um meine Angelegenheiten kümmern. Die zerschlissenen Kleider versteckte ich kurzerhand, sollte doch noch jemand mich mit den Toten in Verbindung bringen und zusätzlich auf die Idee kommen, bei mir zu suchen. Danach packte ich die nötigsten Dinge und schloss hinter mir ab, als ich den Markt betrat. Meinen Bruder fand ich leider sofort.

„Was meinst du, würde das hier unseren Eltern gefallen?“

Er zeigte mir irgendwas, mit dem ich nichts anfangen konnte, weshalb ich nur mit den Schultern zuckte. Stattdessen stellte ich mir vor, jedes Haar einzeln aus seiner Oberlippe auszureißen – doch erhielt ich dazu leider keine Gelegenheit. „Bestimmt irgendwie“, sprach er und bezahlte den Verkäufer.

Ich sah mich derweil um. Nirgends erkannte ich auch nur eine Gestalt, die ein Diener oder Gehilfe meines Bruders hätte sein können. Wie sollten wir also zu unseren Eltern kommen? Etwa alleine zu Fuß, statt mit Fahrer? Nein – nicht nur, dass wir eine Ewigkeit gebraucht hätten, vor allem aber war es nicht seine Art, etwas so unbequemes zu tun.

Jedoch fiel mir einer flüchtiger Gesprächsfetzen zweier Vorübergehender auf.

„- klingt ziemlich eklig.“

„Ja, und sie haben ihn immer noch -“

Plötzlich fröstelte mir.

„Ah, da bist du.“

Ich erschrak, bevor ich begriff, dass mein Bruder mich angesprochen – und ich mich unbemerkt von ihm entfernt hatte. „Äh – ja – Wie kommen wir eigentlich – also – Wo sind der Wagen und so?“

Wieder einmal bekam ich einen dieser Augenbrauen-Blicke ab. „Glaubst du etwa, ich würde mit allem in diese Gegend kommen? – Ha! – Nein, wir gehen jetzt zu unserem Stadthaus. – Weißt du überhaupt, wo es sich befindet? – Ein Wunder eigentlich, dass du nie dort angekrochen kamst. – Ich habe jedenfalls die Bediensteten gefragt.“

Ich achtete aber kaum auf ihn, hörte mehr auf meinen knurrenden Magen.

Er vernahm es. „Keine Sorge, wir können uns aus dem Haus noch etwas zu Essen mitnehmen.“

Wieder beachtete ich ihn nicht. Stattdessen fühlte ich mich von jedem der vorbei kam beobachtet. Kam es mir nur so vor, oder starrten sie mich an? Die da, die zwei da hinten in der Ecke – tuschelten sie über mich? Und der Metzger, dort vor seinem Laden – warum hielt er beim Zerteilen des Fleisches inne uns sah mich so düster an?

„Gibt es eigentlich irgendwelche Neuigkeiten?“

„Neuigkeiten? Was für Neuigkeiten? Von unseren Eltern etwa?“

„Nein; allgemein. Was erzählt man sich so auf der Straße?“

Kurz sah er mich mit einem anderen seiner Blicke an, der fragte, ob ich noch bei Sinnen sei. „Was interessiert es mich, was sie auf den Straßen erzählen? Und was sollte es schon dich interessieren? Bald bist du wieder behütet Daheim, dann brauchst du dich um das einfache Volk nicht mehr kümmern. – Oder hast du etwa jemanden umgebracht und willst es jetzt verheimlichen?“

Und plötzlich fing er laut an zu lachen.

Mein Blick war schlicht entsetzt – doch war ich genug bei Sinnen, um abzulenken. „Lass den Unsinn!“

So langsam erreichten wir das Viertel der Wohlhabenderen – wo sollte das Haus sonst stehen? -, in dem ich gestern Abend schon gewesen war. Tatsächlich hatte ich vollkommen vergessen, dass auch unser Anwesen hier befand.- Genauso wie ich es vergessen hatte, schon einmal in dem Haus der Feier gewesen zu sein. – Scheinbar war ich zu zerstreut in letzter Zeit. – Aber wer könnte mir das verdenken?

Es war keines der besonders großen Häuser, schließlich lebte unsere Familie auch nicht ständig hier. Dennoch kamen uns sogleich zwei Diener entgegen und schienen seltsam aufgeregt.

„Herr, sie haben hier in der Gegend Leichen gefunden!“

 

 

XI

Ein Wiedersehen ohne Freude

Die Fahrt hatte Stunden gedauert, doch zuletzt waren wir fast da. Mittlerweile sehnte ich es mir auch fast schon herbei, konnte ich es doch nicht länger mit meinem Bruder eingesperrt in einem kleinen Kasten aushalten. Immer und immer wieder hatte er mich mit langweiligen oder belanglosem Zeug gestört. Damit, wie es war, sich um die Wirtschaft unseres Besitzes zu kümmern; wie es war, sich auf seine zukünftige Aufgabe als Familienoberhaupt einzurichten; wie es war, Verhandlungen bezüglich einer Ehe zu führen. – Schlimmer noch waren aber seine Erzählungen aus der Freizeit, wie der Jagd. – Und natürlich durften auch seine herablassenden Berichte über Fehler der Diener nicht fehlen. – Die meiste Zeit aber nahmen wohl seine spitzen Bemerkungen darüber ein, was ich in meinem Leben alles falsch gemacht, was ich alles hätte erreichen können. – Ich hasste ihn.

Als die grünen Hügel, zwischen denen unser Anwesen versteckt war, in Sicht kamen, war ich erleichtert, obwohl ich hätte Angst haben müssen. Was könnte ich aber schon von meinen Eltern Schlimmes erwarten? Ich hatte sie enttäuscht, so die Nachricht, also stellte ich mich darauf ein, stundenlange Vorwürfe über mich ergehen zu lassen, vielleicht verbunden mit Strafen. Trotzdem hielt ich es nicht mehr aus, länger mit meinem geschwätzigen Bruder eine Kabine zu teilen.

Mit mich selbst überraschender Spannung beobachtete ich die Hügel und Wiesen, die immer noch grün waren, und erinnerte mich, wie ich als Kind sie durchstreift hatte. Nicht spielend, sondern meist versteckend und verträumt. Stets war ich dort allein gewesen; heute erinnerte ich mich mancher Verstecke und Spielorte. In unserem Haus hatte ich nicht immer bleiben dürfen, da meine Mutter oder die Bediensteten mich oft herausgeschubst hatten.

Und da sah ich ihn. In der Ferne stand ein schwarzer Fleck zwischen den grünen Anhöhen. Sein Mantel bewegte sich nicht, trotz des Windes, der überall Laub aufwehte. Er stand einfach nur da, und starrte uns an, wie wir auf der Straße an ihm vorbei fuhren.

„Siehst du ihn?“ fragte ich aufgeregt und zerrte am Ärmel meines Bruders.

„Was ist?“ Ich hatte ihn in seiner Rede gestört. „Setz dich! Du darfst nicht aufstehen!“

„Jetzt sieh schon! Bitte!“

Tatsächlich beugte er sich dem Wunsch, vielleicht beeindruckt durch den Ton meiner Stimme, und schließlich setzte er sich zurück, zupfte seine Kleidung zurecht und blickte mich missbilligend an.

„Wehe, du versucht noch mehr Späße mit mir.“

Ich aber warf jetzt selber wieder einen Blick zum Fenster hinaus – und erkannte in den grünen Weiten nichts mehr. Wurde ich vielleicht verrückt? Bildete ich mir das alles ein? Oder spielte jemand mit mir und meiner Angst? Hatte mein Bruder das alles eingefädelt, mich in den Wahnsinn treiben wollend? Oder hatte ich mich nur getäuscht? Vielleicht einen Bauer gesehen?

Voraus erkannte ich unser Anwesen, wie es einen Teil des Platzes in unserem schmalen Tal einnahm. Dahinter läge der kleine See, aus dem der Bach über Stufen am Haus vorbei hinaus in die Welt floss und dahinter wiederum die höher werdenden Hügel. Vor dem Haus aber lagen die weiten Gärten, durch die wir nun fuhren, und in denen viele Blumen noch Farbe trugen. Ich erkannte den Gärtner wieder, der zwischen ihnen arbeitete, und dann waren wir auch schon auf dem Hof, durch dessen Tor man das Innengelände betrat. Ein Bediensteter, den ich noch nicht kannte, grüßte unseren Fahrer und ließ uns ein.

Wir hielten schließlich am Haupteingang der Haupthauses.

„So, wir sind da“, stellte mein Bruder überflüssig fest.

Ein Bediensteter öffnete uns die Tür; so stiegen wir aus.

Wir erklommen die Treppen und erreichten die Eingangshalle, derweil unser Gespräch einen anderen Gang nahm.

„Die Herrin erwartet sie im hinteren Garten“, klärte uns der Mann auf.

Da er sich sofort wieder entfernte, ging mein Bruder ohne Umwege zur Gartentür. Ich aber blieb kurz stehen und sah mich um. Wenig hatte sich verändert, seit ich das Haus ursprünglich verlassen hatte. Kaum eine Vase, kein einziger Wandteppich hatte den Platz gewechselt, nichts schien neu zu sein. Meine Eltern waren schon immer Gegner von Veränderungen gewesen, und dies bewies es nur zu gut. Die Treppen führten noch immer ins nächste Stockwerk. Kurz sah ich zu dem Durchgang, der zu meinen alten Zimmern führte. – Stand da nicht jemand, schwarz gewandet?

„Wo bleibst du?“ Mein Bruder schien sichtlich ungeduldig.

Noch einmal sah ich hinauf – und erblickte nichts mehr.

Kaum sichtlich schüttelte ich den Kopf. „Ich komme schon!“

Unsere Mutter saß gemütlich an ihrem Lieblingsplatz. Vor sich auf dem Tisch hatte sie ein paar Bücher gestapelt, daneben befanden sich Körbe mit Essbarem. Ich hatte mich schon immer gefragt, wie sie auch im Sommer am Ufer sitzen konnte, ohne von summenden Tieren erstochen zu werden. Nun war es kälter und sie hatte sich dem angepasst.

Sie sah uns herzlich lächelnd – herzlich falsch? – an, stand aber bei unserem Eintreffen nicht für uns auf.

„Meine Söhne – endlich wieder Daheim! – Wie war die Reise?“

„Lang, wie immer. Ich freue mich schon auf das Bad und Essen.“ Trotzdem nahm sich mein Bruder einen Stuhl und setzte sich ebenfalls. „Dafür ist unser Verlorener wieder da.“

„Warum setzt du dich nicht auch?“ fragte sie mich und deutete auf einen weiteren Stuhl, genau am Ufer, als wüsste sie nicht mehr, dass ich dort schon immer Angst gehabt hatte, hinten über ins Wasser zu fallen.

Also setzte ich mich auf die dem empfohlenen Stuhl gegenüber liegenden. „Es gibt ein Bad und Essen?“ Das klang selbst für mich verlockend; die ganze Zeit über hatten wir nur einmal unterwegs gehalten.

„Könnt ihr nicht mal an ‚was anderes denken? Eure Mutter begrüßen zum Beispiel.“

„Es war eine lange Fahrt – habt ihr es die Woche gut ohne mich ausgehalten?“ Mein Bruder griff sich etwas aus dem Brotkorb.

„Wenn du später keinen Hunger hast, beschwer‘ dich nicht bei mir.“ Zum Glück bemerkte sie nicht meinen angewiderten Blick bei diesen Worten. „Ja, wir hatten keine Probleme. Du darfst ruhig öfter wegfahren.“ Er schien die Spitzfindigkeit nicht zu bemerken und sie wandte sich leider mir zu. „Nun, mein Kleiner. Endlich bist du wieder bei uns. Du musst uns nachher berichten, wie es dir ergangen ist. – Abgesehen natürlich von dem, das wir schon wissen. Du hast deinen Vater leider sehr enttäuscht. – Aber lass uns davon nachher sprechen. Also, wie geht’s dir?“

„Äh – ich habe Hunger und würde mich gerne ausruhen. Es war wirklich eine lange Reise.“ Wäre sie nicht meine Mutter – oder eine Frau -, so hätte ich sie nur zu gerne geschlagen.

„Das beantwortet meine Frage nicht. Bist du gesund? Hast du immer gut auf dich aufgepasst? Ich hoffe, dir hat die große Stadt nichts angetan!“

Als wäre diese ein Ungeheuer. – Meinte sie das wirklich ernst? Was hatte sie bloß für seltsame Vorstellungen?

„Mmh!“ machte mein Bruder während eines großen Bisses, „Sie hat ihn kein Stück schlechter gemacht, als er vorher schon war. Nicht war, Kleiner?“

Ob er das alles absichtlich tat? Wollte er herausfinden, wie weit ich gehen würde?

Meine Mutter sah uns nacheinander an und sprach dann zu mir: „Könntest du mir nachher einen Gefallen tun?“

Ah! – immer dasselbe. Konnte sie nie etwas alleine machen? Oder wollte sie mich ärgern mit ihren sinnlosen Bitten, bis ich vor Zorn überschäumen würde?

Was sie aber wollte, bekam ich gar nicht mit, denn mitten im See schwamm etwas, das nur ein schwarzer Mantel sein konnte. Während ich noch zusah, formte sich aus dem Tuch ein Kopf, ein Körper, –

„Also, was ist?“ Meine Mutter schien ungeduldig.

„Was?“ Verwirrt sah ich sie an – wieder zum Wasser, welches ruhig und unschuldig war – und zu ihr. „Ich glaube, ich muss mich jetzt wirklich ausruhen.“

Sie hörte das nicht gerne, aber ließ mich dann einfach ziehen, während mein Bruder bei ihr blieb. Wo die Bäder und meine alten Gemächer waren, wusste ich ja noch.

 

 

XII

Überkochendes Essen und kalte Speisen

Tatsächlich war ich überraschend müde gewesen und war, nachdem ich von einem alten Diener, den ich noch von früher kannte, ein heißes Bad bekommen hatte, bei der Entspannung eingeschlafen. Leider vergaß ich die Tür abzusperren, so konnte man mich noch rechtzeitig wecken, dass ich mich für das Essen „passend“ anziehen könnte.

Meine Gemächer waren die alten, wenngleich offenbar schien, dass sie immer wieder betreten worden sind, vermutlich sie zu säubern. Oder sollte… – nach schneller Überprüfung, denn viel Zeit war nicht, merkte ich, wie mir wichtige Dinge fehlten. – Mein Bruder! – Wer sonst hätte Gefallen an so etwas finden können.

Innerlich brodelnd durchsuchte ich die Kleiderschränke, in denen ebenfalls das eine oder andere Stück verschwunden war, bis ich mich zufrieden stellend angezogen hatte. Danach prüfte ich nochmals schnell alle der Besitztümer, deren ich damals ledig werden musste, doch fand nichts weiter fehlend.

Das Essen gab es – wie überraschend – im Speisezimmer. Anwesend waren bereits Vater, Mutter und mein Bruder. Scheinbar kam ich, wie es oft der Fall gewesen, zu spät. Ich nahm meinen üblichen Platz meinem Bruder gegenüber ein. – Wie hatte ich diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten doch gehasst.

„Na, bequemst du dich auch endlich?“ fragte mein Bruder. „Ich habe Hunger und ohne dich konnten wir nicht anfangen.“

Ich bemühte mich gar nicht erst einer Antwort. „Hallo, Vater,“ sprach ich der Höflichkeit wegen, doch er nickte nur.

„Und wo bleiben jetzt die Diener?“ Mein Bruder schien wirklich ungeduldig.

„Du wirst dich freuen; zur Feier des Tages haben wir nur die besten Speisen bestellt.“ Ein seltsames Lächeln lag im Blick meiner Mutter, als sie mit mir sprach.

Da kamen dann auch die besagten Bediensteten. Einer stellte die Speisen, welche er von einem Karren nahm, zwischen uns auf den Tisch. Der zweite goss uns je nach Wahl Wasser oder Wein in Karaffen ein. Jeder von uns ließ sich von den Essensplatten auf den Teller laden, was am verlockendsten erschien. Eine Weile aßen wir großteils schweigend, nur Mutter und Bruder tauschten sich immer wieder über ihr Mahl aus und bewerteten es geradezu. Mein Vater dagegen aß langsam und mit sonderbar nachdenklichem Blick.

Während des Wartens auf Nachspeise – nachdem ich bereits mehr als ein Glas Wein gehabt hatte – ergriff mein Vater doch noch das Wort. „Hat dir die Stadt etwas neues beibringen können?“

Keiner von uns wusste so recht, wer gemeint war, denn er hatte niemanden angesehen. Mein Bruder schien es aber zu wissen; er machte mit dem Kinn eine auf mich deutende Bewegung.

Verwirrt und etwas unwohl blickte ich zu ihm herüber. „Meinst du – mich?“

Da sah er mich das erste Mal an diesem Tag wirklich an, doch erkannte ich kein Gefühl in seinem Blick. „Natürlich – hat hier sonst noch jemand über ein Jahr in der Stadt verbracht, ohne je seine Familie zu besuchen?“

Ich wusste nicht, was das sollte; fühlte mich etwas gekränkt. Trotzdem achtete ich nicht darauf.

„Du weißt doch, dass ich dort meine Lehre habe, und -“

„Die Lehre ist vorbei“, – wie ich es doch hasste, unterbrochen zu werden -, „du wirst nicht wieder in die Stadt zurückkehren.“

„Was?“ Ich war fassungslos; mit Beschwerden und Drohungen hatte ich gerechnet, das aber schien zu hart.

„Weil wir so lange nichts von dir selber gehört hatten, fragten wir bei deinem Ausbilder nach. Hätten wir nicht für deine Ausbildung bezahlt, hätte er dich schon längst rausgeworfen.“

„Was habt ihr?“ Jetzt war ich auch noch entsetzt – später zutiefst wütend und enttäuscht.

„Bitte -“, versuchte meine Mutter etwas zu sagen.

„Es wollte dich halt keiner“, stichelte mein Bruder.

„So stimmt das nicht“, unterbrach mein Vater, „nur wollten wir sicher stellen, dass du eine gesicherte Stelle bekommst.“

Warum nur glaubte ich meinem Bruder eher? „Aber ich hatte doch damals selber -“

„Wir wussten natürlich, an wen du schreibst“, erklärte meine Mutter.

„Ihr habt meine Briefe – ?“ begann ich entsetzt.

„Wir sind deine Eltern.“ Meine Mutter schien nichts verwerfliches in der Handlung zu erkennen.

Mein Vater holte tief Luft. „Jedenfalls sagte uns dein Ausbilder, welch schlechte Arbeit du geleistet hast“, kam er zurück zum Anfang, „und damit hast du deine Mutter und mich sehr enttäuscht.“

„Aber -“

„Ja, du bist ein Versager.“ Wenigsten mein Bruder schien das alles zu belustigen.

„Also – Bitte -“ Meine Mutter kam wieder kaum zu Wort.

„Heißt das, ich soll etwas anderes lernen?“ fragte ich.

„Ich sagte schon“, – aber nein, eigentlich hatte mein Vater etwas ganz anderes gesagt und fing daher erneut an -, „du wirst nicht in die Stadt zurück kehren, du wirst keinen Beruf mehr erlernen. Du bleibst hier und hast dein ruhiges Leben und wenn es soweit ist, wirst du Gehilfe deines Bruders.“

Dieser zeigte einen mir Angst machenden Blick.

„Aber – ich – in der Stadt ist mein Leben; meine Freunde; meine Sachen. – Ihr könnte nicht -“

„Natürlich können wir. Wir sind deine Eltern; wir haben für dich bezahlt und nichts dafür zurück bekommen; -“

„Nein – ich werde zurück gehen und wenn es sein muss, mir alleine etwas suchen. Ich brauche euch nicht!“

War es Trotz, der da aus mir sprach? Oder blinder Zorn?

„Junge, bitte -“

„Du bleibst hier“, fuhr mein Vater ihr durchs Wort, „das ist beschlossene Sache und wird nicht geändert. Hier kannst du genau so gut nicht arbeiten.“

„Ja, ich bräuchte noch einen eigenen Diener, -“ fing mein Bruder an, doch beachtete ich ihn nicht.

„Nein, das werde ich nicht, und ihr könnt mich nicht zwingen! Morgen reise ich wieder ab. Ihr habt nie etwas für mich getan, sondern immer nur für euch. Also ist es an der Zeit, dass ich es selber in die Hand nehme!“

Damit stand ich auf. Meine Mutter blickte beunruhigt, mein Vater zornig, nachdem er den Schock überwunden hatte.

„Du bleibst hier! Wir sprechen uns noch! Auf dein Zimmer und aus meinen Augen!“

Doch ich war bereits auf meinem Weg.

 

 

XIII

Und immer noch verfolgt es

Es konnte nicht einmal eine Stunde gewesen sein, die ich mich in meinem Zimmer aufhielt. Ich war abwechselnd wütend und verzweifelt, verbrachte die Zeit damit, auf Kissen und gegen Wände zu schlagen oder sie den Tränen nahe zu umarmen. Irgendwann packte mich jedoch die Neugier und ich wollte wissen, was die Drei wohl besprechen, wie sie über mich sich den Mund zerreissen würden. Letztlich verließ ich das Zimmer vorsichtig, um niemanden aufmerksam zu machen, und schlich den Gang hinab bis zur Treppe. Da ich Stimmen von unten vernahm, die ich meinen Eltern zuordnen konnte, begab ich mich hinunter ins Erdgeschoss.

Nachdem ich den beiden knarrenden Stufen, an die ich mich erinnern konnte, ausgewichen war, musste ich noch herausfinden, wo ich hin sollte. Schließlich ward mit gewahr, dass meine Eltern sich immer noch im Speisesaal aufhielten. Schon als Kind hatte ich ein Versteck unter der Treppe gekannt, von wo aus ich durch Lücken der Wand in den Saal blicken konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Früher nutzte ich es, um unerkannt Geschäftsessen und Feiern meiner Eltern zu beobachten, heute wollte ich bloß wissen, worüber sie sprachen, ohne gesehen zu werden. Und es sollte sich noch als gut heraus stellen, dass ich das getan hatte.

„ – bloß mit ihm machen?“ hörte ich meine Mutter.

„Ich weiß es auch nicht, aber so kann es nicht weiter gehen. Am liebsten würde ich ihn ja in die Armee oder eine dieser Schulen an der Grenze stecken.“ Mein Vater klang eher – entnervt – denn traurig.

„Vielleicht könnte er seinem Bruder aber doch nützlich sein?“

„Auf jeden Fall müssen wir ihm seine Freiheiten einschränken. All dieses Lotterleben muss ein Ende haben. – Natürlich könnten wir ihn auch immer noch verkaufen, ich kenne da jemanden, der -“

Mir wurde ein wenig schlecht. Könnte er sowas wirklich in Betracht ziehen? War das überhaupt Rechtens? Wie könnte ich dagegen angehen? – Eines war klar, bleiben konnte ich nicht.

„Wir hätten ihn niemals erst bekommen sollen; ein Sohn war schon genug.“

„Ja, aber eine Tochter wäre nützlich gewesen -“

Da hörte ich die Stufen über mir knarren und erschrak. Mit schweren Schritten kam jemand die Treppe herab gestiegen. Am Ende angelangt hielt der Unbekannte kurz und ging dann – kaum vernehmbar – in Richtung Speisesaal und meines Verstecks. Kurz feuchte Hände vor Sorge bekommend, dass dieser Jemand zu mir kommen könnte, wurde ich darin doch enttäuscht.

All die Zeit über, die ich den Schritten gelauscht hatte, vergaß ich aber, meinen Eltern beim Gespräch zuzuhören. Und als ich mich wieder dem Saal zuwandte, waren sie verstummt. Verwundert versuchte ich zu erkennen, was jetzt geschah. Die beiden standen immer noch am selben Fleck, starrten nun jedoch in Richtung der Eingangstür. Mein Vater blickte verärgert, meine Mutter dagegen eher verängstigt.

„Liebling? Bist du das?“

Was meinte sie? Mich konnten sie nicht sehen; mich sahen sie nicht an.

„Was soll die dumme Verkleidung?“

Meines Vaters Frage machte mich nur noch neugieriger. Ein Diener würde ihnen wohl kaum einen Streich spielen, also kam nur mein Bruder in Frage.

„Was – was machst du da? Was soll das?“

„Du machst mir Angst -“

Was ging da vor? Was geschah?

Plötzlich ergriff mein Vater den silbernen Kerzenhalter vom Tisch und schleuderte ihn gen Tür. Mit einem stumpfen Geräusch traf er auf etwas und fiel polternd zu Boden. Doch niemand sprach oder beschwerte sich.

„Tu doch was!“ forderte meine Mutter und zerrte an meines Vaters Arm, als hätte er nicht bereits etwas versucht.

„Und was, Weib?“ zeterte er zurück und riss sich los.

Dann zog er das Tischlaken vom jetzt leeren Tisch, holte auch damit aus und schleuderte es, als würde er am See ein Netz auswerfen. Kaum war das geschehen, verschwand er aus meiner Sicht, während meine Mutter nur wie gebannt weiter vor sich starrte.

Plötzlich hastete mein Vater wieder durch mein Blickfeld, mit einem der als Zierde gedachten Schwerter, die immer über dem Kamin gehangen hatten.

Dass dort etwas Unheilvolles vor sich ging, konnte selbst ich mittlerweile sagen. Ich hörte meinen Vater keuchen und ein Gerangel, bevor meine Mutter auf einmal schrill aufschrie. Ich hielt es nicht mehr aus an diesem Ort, wollte nicht tatenlos zusehen müssen, wie meine Eltern überfallen oder schlimmeres worden, doch fühlte meine Beine vor Angst gelähmt.

Erst als meine Mutter ein weiteres Mal schrie und sich langsam rückwärts den Tisch entlang tastete, vermochte auch ich mich wieder zu bewegen. Ich schnappte mir das Erstbeste, das als Waffe in Frage kam und stolperte mit einem Besen bewaffnet aus der Kammer in den Flur, nachdem ich die Tür mehr durch ein Dagegenwerfen als durch Handdruck geöffnet hatte.

Der Flur war leer, doch die Tür zum Speisesaal offen, und was ich da sah, hätte ich lieber nie gesehen. Eine Gestalt im schwarzen Mantel stand dort, mir den Rücken zugewandt, die Kapuze tief im Gesicht. Wieder einmal sah ich die Hände nicht, erkannte aber, dass der Schwarze dort meinen Vater am Hals hochzuhalten schien. Mich dagegen bemerkte er nicht, als ich zur Tür heraus ging. Gerade ließ er von meinem Vater ab und ihn zu Boden sinken. Da erkannte ich die blutige Klinge und dass es für meinen Vater bereits zu spät war. Am anderen Ende des Tisches aber stand noch meine schreiende Mutter und klammerte sich an daran.

Der Dunkle schien nichts von mir zu ahnen, auch meine Mutter sah mich nicht an. Ihr Blick ruhte auf ihrem Gegner verhaftet, der langsam den Tisch umrundete, wie sie es gleichsam tat. Einmal sah ich dem Treiben zu, wie sie sich dort umkreisten, und mir wurde der Witz bewusst, den sie veranstalteten. Dann aber stolperte meine Mutter über den leblosen Körper meines Vaters und fiel rücklings hin. Sie schlug sich den Kopf an einem Stuhl an und lag regungslos. Der Dunkle hielt nicht an, wurde nicht schneller. Immer noch und mit tödlicher Langsamkeit näherte er sich mit dem blutigen Messer.

Während all der Zeit ward ich starr geblieben, doch nun regte sich etwas. Mehrmals hatte ich mit ansehen müssen, wie dieses Etwas dort immer wieder genau vor meiner Nase jemanden umbrachte; nie hatte ich es gewagt, dagegen anzugehen, die Taten zu verhindern, das Unglück abzuwenden. Doch diesmal sollte es anders werden. Auch wenn ich sie hasste; das Leben meiner Familie stand noch auf dem Spiel.

Der Dunkle war gerade bei meiner Mutter angelangt. Langsam beugte er sich nieder, bis er ihre Kleidung ergreifen konnte und sie an dieser hochzog. Während er sein Messer hob, griff ich an. Endlich konnte ich mich wieder bewegen, endlich einmal etwas machen. Also war ich hinter die Gestalt geschlichen und erhob den Besen, den ich immer noch umklammert hielt. Dann schlug ich zu.

Ich weiß nicht, was schief gegangen war, doch als ich wieder zu mir kam, lag ich zwischen den Leichen meiner Eltern. Von dem Mörder war nichts mehr zu sehen. Über meine Benommenheit konnte ich nur noch froh sein, denn andernfalls wäre mir zu schlecht geworden. Das geschah dann aber noch, als ich den Saal verlassen hatte. Im ganzen Haus fand ich keine Seele vor. Es wirkte, als hätten die Bediensteten Urlaub erhalten, als wären sie geflohen. Auch von meinem Bruder fand ich keine Spur.

Ich verbrachte einige Stunden damit, mich hemmungslos zu betrinken.

Aber ich blieb allein.

Letztlich wurde mir noch einmal Schwarz vor Augen.

 

 

XIV

Was war schief gelaufen?

Als ich zu mir kam, lag ich im Bett meiner Wohnung in der Stadt. Verschlafen starrte ich die Decke an und verfolgte die Musterung des Holzes. Erst langsam kam mir in den Sinn, was geschehen war. Nach den Ereignissen im Haus meiner Eltern hatte ich mich solange betrunken, bis ich nicht mehr wusste, wer, was oder wo ich war. Irgendwann schließlich klärte sich mein Geist – und ich befand mich bereits wieder auf dem Rückweg in die Stadt. Ich hatte Angst vor dem Haus, was dort lag und was man mich fragen würde. Zwar war ich nicht der Mörder, doch traute ich den Behörden nicht zu, zwischen dem Richtigen und mir zu unterscheiden. Letztlich könnte es sein, dass der Dunkle immer noch zugegen gewesen wäre. So trieb es meinen Körper wie von selbst zurück in die kleine Wohnung. – Wie ich es aber so schnell geschafft hatte, blieb mir verborgen.

Als ich da lag, kam mir endlich die Frage in den Sinn, was wohl mit meinem Bruder geschehen war. Er und die Dienerschaft waren so plötzlich fort gewesen, dass es mich sehr wundern musste. Waren sie allesamt getötet und verscharrt worden? Oder waren sie beim Anblick des Dunklen verschwunden? Oder vielleicht noch schlimmer: war einer von ihnen der Dunkle?

Nach einer Weile stand ich auf, denn ewig könnte ich nicht liegen bleiben. Genau genommen, so kam mir in den Sinn, könnte ich überhaupt nicht mehr hier bleiben. Sobald die Behörden den Geschehnissen Daheim auf die Spur kämen, würde es nicht mehr lange dauern, bis sie wüssten, wo ich wohne. Und dann war da noch die Sache mit den vergangenen Morden der letzten Tage, die ich zwar nicht begangen hatte, in deren Fällen ich mich aber auch nie unschuldig verhalten verhielt.

Obwohl ich das Gefühl verspürte fliehen zu müssen, ließ ich mir Zeit. Ich wusch und kleidete mich, bevor ich hinaus auf den Markt ging, denn Nahrung hatte ich immer noch nicht Zuhause. Der Markt wirkte wie immer, wenngleich es an diesem Tag nicht sehr geschäftig war. Beim Bäcker in der südlichen Ecke holte ich mir, wie oft zuvor, ein Brot.

„Ich habe sie ja schon lange nicht mehr hier gesehen. – Haben sie etwa einen besseren Bäcker gefunden?“ fragte der Mann mit scheinbar tiefem Ernst.

Ich antwortete darauf mit einem gekünstelten Lächeln. „Nein, sicher nicht. Ich bin in den letzten Tagen nur nicht dazu gekommen, herzufinden.“

„Herzufinden? So schwer ist das doch gar nicht?“ fragte der Mann tumb.

„Ja, das war – naja -“ Ich neigte schon immer dazu, schnell aufzugeben.

Der Mann beäugte mich, als sei ich ein fremdes Gemüse, dann erzählte er von anderem: „Haben sie schon von den ganzen Morden in letzter Zeit gehört?“

Verdächtigte er etwa mich? Oder war ich von jemanden gesehen worden? Angstschweiß brach aus.

„Äh – ja – glaub schon -“

Wieder sah er mich so seltsam an. Hatte ich etwas im Gesicht? Benahm ich mich wie ein Trottel?

„Schreckliche Sache das, oder? Da traut man sich Abends kaum noch vor die Tür. Und ich, ich muss hier ja bereits schon mitten in der Nacht anfangen -“

„Gibt es denn was neues?“ unterbrach ich ihn.

„Neues? Ja, was sollte es denn neues geben?“

„Na weiß man, wer es war? Wann fängt man den Täter?“

„Achso!“ Welches Gemüse war ich wohl für ihn? „Nein, ich glaub‘, den sucht man immer noch. Den? – Vielleicht war es ja auch eine Frau? Naja, nach dem, was dort droben“, – er meinte wohl die Gegend der Wohlhabenderen – „geschehen ist, glaube ich ja, eines der gut betuchten Kinder ist verrückt geworden.“

Betucht? „Hm – kann sein – ich glaube nicht, dass ich da noch lange in der Stadt bleiben werde.“ Warum erzählte ich das gerade ihm, einem plappernden Bäcker?

Ich war sicher, es war eine Gurke. „Ist das nicht etwas übertrieben? Ich werde hier ausharren. Habe nicht umsonst das hier gekauft.“ Damit lüpfte er seinen Mantel, als würde er mir Hehlerware anbieten, und zeigte einen böse aussehenden Dolch.

Nun war es an mir, ihn wie ein Gemüse anzusehen. „Na dann bleib ich lieber dabei, bei ihnen nur Brot zu kaufen.“

Ein letztes Mal in meinem Leben durfte ich diesen Blick sehen, bevor ich endlich gehen konnte. Mit einem neuen Brot in meinem Besitz, machte ich mich auf den Weg zum Käsehändler, um auch einen passenden Belag zu bekommen. Unterwegs kam ich an der dunklen Gasse vorbei, durch die ich schon wenige Tage zuvor hatte gehen müssen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, diese Stelle zu meiden, doch hielt ich an, als ich meinte, etwas zu erblicken. Dort, in der dunklen Ecke zwischen den Müll- und Unrathaufen – was war das? Gebannt blieb ich stehen und versuchte, etwas zu erkennen. War das – ein Mantel – der da so seltsam flatterte? War das Metall, welches da kurz aufblitzte?

„Bruder – ?“ fragte ich in die Dunkelheit.

„Was machst du da?“

Vor Schreck zuckte ich deutlich zusammen und fuhr herum.

„Oh, verzeih, ich wollte dich nicht erschrecken“, sprach sie, eine alte Bekannte, deren Namen mir aber nicht einfallen wollte.

Unfreundlich beachtete ich sie nicht, sondern wandte mich ab, versuchte noch einen Blick auf die Gasse zu erhaschen – doch dort war nichts mehr. Also würdigte ich die Frau doch noch mit meiner Aufmerksamkeit.

„Ich dachte, dort wäre jemand, den ich kenne -“

„Dafür steht jetzt jemand, den du kennst, vor dir“, strahlte sie mich an.

„Das stimmt – was machst du hier? – Ich wollte gerade Käse kaufen gehen“, sprach ich und erhob mein einsames Brot.

„Stör ich dich dabei?“ grinste sie mich an.

„Nein, ich -“

Was näherte sich ihr da von hinten? Für einen Augenblick sah ich nichts, als hätte mich die Sonne geblendet. Dann – ein Schatten, in wallenden schwarzen Gewändern, schwarz wie die Nacht – und ein sanfter Blitz, wie von einer Klinge mit Metall –

„Was ist?“ Nun schaute sie mich an, als sei ich ein ungewöhnliches Gemüse, oder bereits verfault.

„Wie? – äh – nichts – ich dachte, ich sehe jemanden, den ich kenne -“

„Schon wieder? Aber er ist nicht da?“

„Das hoffe ich nicht -“

„Ah, jemand, dem du aus dem Weg gehen willst. Sollen wir uns küssen?“ fragte sie vollkommen ernst.

„Was?“ Sehr entsetzt musste ich wohl ausgesehen haben.

„So schlimm? – Ich dachte nur, in den billigen Heftchen küssen sich immer zwei, wenn einer verfolgt wird – du weißt schon – zur Tarnung. Aber das scheint dir nicht zu gefallen?“ Sie wirkte tatsächlich enttäuscht.

„Tut mir leid – ich glaube, ich fühle mich nicht so gut -“

„Du solltest heim gehen.“ Sie sah immer noch ein wenig traurig aus.

„Kann sein -“ Dann kam ich kurz zu Sinnen. „Vielleicht können wir etwas unternehmen, wenn es mir wieder besser geht?“

„Sicher!“ Doch so glaubwürdig wirkte sie nicht.

„Gut – dann – wir sehen uns.“ Damit machte ich Anstalten, mich vom Fleck zu entfernen.

„Sicher. – Vergess den Käse nicht.“

„Was?“ fragte ich, blieb stehen und blickte zurück.

„Na, du wolltest doch -“ und deutete auf mein Brot.

„Oh – Ja! – Sicher“, sprach ich, verabschiedete mich und ging.

Ich vergaß aber doch noch, zum Käsehändler zu gehen und musste später trocken Brot genießen, da ich in jeder Ecke nur noch schwarze Gestalten sah.

 

 

XV

Eine schreckliche Jagd

„Nein, tut mir leid, ihre Eltern haben mich angewiesen, ihr Gehalt auszusetzen und ihnen den ausstehenden Rest zu senden. Sie selber stehen nicht mehr auf meiner Liste; ich suche bereits einen neuen Gehilfen. – Kennen sie zufällig jemanden?“ Damit äugte er mich schräg an.

„Aber es standen noch zwei Gehälter aus!“ Zornige Verzweiflung sprach da aus mir; ich wollte die Stadt verlassen, hatte aber kein Geld.

Der alte verwitterte Geier starrte mich über das knöcherne Holz seines Schreibtisches hinweg an, als sei ich keine schmackhafte Beute. „Ja, aber in der Angelegenheit können sie sich an ihre Eltern wenden.“

Wenn der wüsste – „Das ist – ich brauche das Geld!“

„Wer tut das nicht?“

In einer der beiden Ecken seines Raumes, hinter seinen stakenden Schultern, war ein tiefer Schatten. Zorn erstieg in mir; alles am Rande des Blickfeldes verschwand. Während ich noch starrte, tauchte aus diesem See der Dunkelheit langsam eine Messerspitze auf, bis sich der ganze Dolch offenbarte.

„Was?“ Der Alte hatte etwas gesagt.

„Jetzt verschwinden sie endlich. Sie waren der lausigste Gehilfe, den ich je hier gehabt hatte und möchte sie nicht noch einmal sehen!“

Auf der Straße stand ich eine Weile verwirrt herum und überlegte, was ich nun tun sollte. Als ich erkannte, dass dies verdächtig wirken könnte, wanderte ich ziellos umher. Schnell geriet ich dabei wieder auf den Markt und an die Gärten. Verwundert blieb ich stehen, mich fragen, warum ich gerade dort gelandet war. Nie hatte ich nach diesem ersten Abend noch einmal nachgesehen, was aus dem Mädchen geworden war, warum man nie etwas von ihr hörte. Ich musste mir ausmalen, wie ihr Körper immer noch dort im Gebüsch verborgen lag, geschändet und leblos, und wie der Dunkle zu ihr zurückkehrte.

Bevor mir schlecht werden könnte, handelte mein Körper, eh mein Geist es merkte. Sobald dieser es wieder tat, befand ich mich auf dem Weg, der in die Gärten hinein führte. Links und Rechts wurde es grüner, als die Büsche wuchsen und zu Bäumen wurden. Nacheinander betrat ich die Wiesen, von denen ich meinte, dass es dort geschehen sein könnte. Zunächst hielt ich gebührenden Abstand zu den dichteren Gebüschen und versuchte nur aus der Ferne zu erkennen, ob möglicherweise etwas dort verborgen läge. Da aber an allen Orten, die gut einsehbar waren, sie schon lange gefunden worden wäre, musste ich mich tiefer ins Dickicht wagen.

Recht bald kam ich auch an die richtige Stelle. Durch enges störrisches Gebüsch schob ich mich und gelangte auf eine kleine Lichtung. Unter mir lagen zerbrochene Äste und nur wenige Bäume boten Deckung. An einem lehnte noch eine leere Weinflasche, die jemand hier zurück gelassen haben muss. Kaum traute ich mich, hinter den Baum zu blicken, doch stolperte ich und hatte so keine andere Wahl, als meine Augen auf den Ort zu richten, wo es geschehen war.

Doch der Platz war leer.

Trotzdem blickte ich voller Entsetzen auf den Fleck, an dem sie gestorben war. Immer noch war deutlich, dass dort jemand gelegen hatte. Blutspuren, Kleidungsfetzen – waren aber nicht zu sehen. Der Wind verwehte einige Blätter; ich konnte nicht anders, als in Erinnerungen zu schwelgen, die mir aber kaum gefielen. Was auch immer mit ihr geschehen war – hier befand sie sich nicht mehr und keiner in der Stadt schien darum zu wissen. Ob die Behörden wohl ein einziges Mal richtig gearbeitet hätten und alles verbergen konnten?

Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinab, als ich den Ort des Verbrechens erkundete. Mir war, als greife eine Hand nach mir, als lege sich eine kalte Klinge an meinen Hals. Das Gefühl der Angst vermochte ich kaum noch zu unterdrücken; ich musste mich wenden, das Gefühl zu widerlegen. Doch voller Schrecken erkannte ich, wie recht es doch gehabt hatte.

Dort, nun vor mir, stand die Gestalt, gehüllt in einen schwarzen Mantel, der ihn völlig verbarg. Selbst die Kapuze war zu tief ins Gesicht gezogen, selbst die Hände schauten nicht aus den Ärmeln. Doch ein glänzendes Stück Metall blickte hervor; ein scharfer Dolch. Und dieser wurde in Richtung meines Bauches gestoßen.

Dieses Mal aber war ich nicht gelähmt, dieses Mal vermochte ich es, zurück zu springen. Die Klinge traf nur Luft, während ich tat, was mein Körper verlangte: Fliehen. Verwundern konnte ich mich später aber darüber, wohin es meinen Körper zog; ebenso froh darüber sein, dass es zu dieser Zeit langsam dunkel wurde. So vermochte niemand zu sehen, wie ich stolpernd rannte, wohin mich meine Füße trieben. Ich achtete kaum auf die Umgebung, durch die ich lief, sah mich nicht um, ob ich noch verfolgt würde. Der Boden unter mir wurde steiler, das Laufen anstrengender, doch bemerkte ich immer noch nicht, wohin ich rannte. Erst als ich Stufen steigen musste und langsam außer Atem geriet, erkannte ich, dass ich die Mauern der Burg erklomm.

Oben angelangt lehnte ich mich an die Zinnen und blickte den Weg zurück, den ich gekommen war. Nirgends war etwas von einem Verfolger zu sehen, doch hätte ich dies auch nicht erwartet. Erschöpft setzte ich mich zwischen auf die Mauer und konnte nur hoffen, an diesem Platz in Ruhe gelassen zu werden. Mein Blick fiel an die Stelle, wo vor wenigen Tagen das Pärchen herauf gekommen waren. Natürlich gab es davon keine Spur mehr zu sehen.

Plötzlich kam mir ein Einfall, den ich in dem Augenblick als klügst möglichen betrachtete, welchen ich je gehabt hatte. Sofort als es mir in den Sinn gekommen war, stand ich auf und suchte den Boden ab, um die Maske zu finden, die ich dort verloren hatte. Auch wenn ich mir sicher war, dass es hier nicht geschah, brachte mich meine Suche auch zu dem Abhang, der hinab zum Fluss führte. Kurz starrte ich in den Abgrund, mir vorstellend, wie es ausgesehen haben muss, als der arme Tropf dort hinein stürzte.

Wieder aber stieg mir dieses Gefühl in den Nacken, beobachtet und bedroht zu werden. Diesmal aber wartete ich nicht, bis es überwältigend wurde; diesmal wandte ich mich nicht um, zu sehen, was dort wäre. Ich machte nur einen Schritt nach Vorne, bis ich fast in den Abgrund stürzte, dann einen weiteren nach Rechts, so dass jeder, der nach mir stoßen würde, in den Tod fiele. Erst dann wagte ich einen Blick nach links.

Der Dunkle war auf meine Falle nicht eingegangen, stattdessen stand er ruhig da. Sein Arm aber sprach der Beschreibung Lügen, da er mit der Schnelligkeit des Blitzes nach mir hieb. Der Dolch verfehlte mich nur knapp, als ich vor Überraschung das Gleichgewicht verlor. Fast fiel ich selber und wäre den Abhang zum Markt hinab gerollt, doch konnte ich das Stolpern noch in einen Sprung abwandeln. Irgendwie schaffte ich es auch noch, mich zu drehen und gleichzeitig zu laufen.

Ohne ein einziges Stolpern gelang es mir, den Hang hinunter zu kommen. Auf dieser Seite der Burg befand ich mich nicht weit der wohlhabenderen Gegenden entfernt. Mein Hirn konnte sich nicht zu schwerer Probleme annehmen, so musste wieder einmal mein Körper die Richtung vorgeben. So schnell ich konnte, rannte ich, und geriet in das Viertel der Reichen. Nach kurzer Zeit blieb ich stehen, einen Blick zurück zu werfen. Zwar bemerkte ich keinerlei Verfolger, doch war mir klar, dass er bald da sein müsste. Verzweifelt blickte ich mich nach einem Versteck um. Jeder, der mich so auf der Straße gesehen hätte, wäre vermutlich selbst Schutz suchend geflüchtet.Warum kam mir nie in den Sinn, mich an eine Behörde zu wenden? War es die unterschwellige Angst, von ihnen ebenfalls gesucht zu werden?

Wie dem auch sei, an diesem Abend fiel mir als erstes das Haus auf, an dem vor so kurzer Zeit solch Schreckliches geschehen war. Heute stand niemand vor der Tür, doch in einem Fenster brannte Licht. Wie man noch in solch einem Haus wohnen konnte, in dessen Garten zwei Morde geschehen waren? Dort wollte ich mich sicher nicht verstecken, hätte der Besitzer wohl kaum Verständnis für mich, sollte man mich wirklich mit den Morden in Zusammenhang bringen.

Mein drittes und letztes Versteck an diesem Abend wurde also ein anderer Ort. Dort zeigten sich keine Diener vor der Tür und seltsamerweise auch keine im Innern. Genau wie das Anwesen auf dem Lande, stand auch das Stadthaus meiner Eltern leer und verlassen, als wären alle vor mir geflohen. – Alle, bis auf einen. Er erwartete mich im großen Saal, der hinter der Eingangshalle lag. Unberührt stand er dort, sein schwarzer Mantel verbarg weiterhin alles von ihm. Nichts zeigte sich von ihm selbst, nicht einmal der Dolch, mit dem er sonst immer gedroht hatte.

Ich fühlte nur noch eine unendliche Erschöpfung, konnte mich nicht mehr wehren, noch flüchten.

„Ich gebe auf“, sprach ich und erwartete den Tod.

Doch nein, der kam nicht, nichts geschah.

„Was – was ist?“ sprach ich ein wenig verwirrt.

Und da erhob er die Arme. Behandschuhte Hände wurde in seinen Ärmeln sichtbar, als er die Kutte ergriff und zurückwarf.

Böse lächelte mich mein Bruder an.

 

 

XVI

Die Wahrheit?

Einen Augenblick war ich zu verblüfft für jegliche Antwort.

„Bist du jetzt überrascht, Bruderherz?“

„Was – du -?“ Ja, ich war überrascht.

„Du konntest auch schonmal besser sprechen“, verhöhnte er mich.

„Wie konntest du -“, dann fiel mir etwas ein, „du hast unsere Eltern umgebracht!“

„Ja, das habe ich wohl“, sprach er und spielte mit dem Dolch in seinen Händen, als wollte er mir etwas zeigen.

„Wieso?“ fiel mir nur ein,

„Beruhige dich. – Nicht mehr lang, dann verstehst du.“ Aber er hörte nicht auf, den Dolch zu drehen.

„Was hast du jetzt vor?“ Endlich fiel mir eine längere, zusammenhängende Aussage ein. „Warum hast du mich den ganzen Abend so verfolgt? Willst du mich jetzt auch umbringen?“

„Hätte ich das nicht so oft schon tun können?“ Langsam begann er, mich im Halbkreis zu umrunden, derweil ich seinen Platz in der Mitte des Saales einnahm, um ihm nicht zu nahe zu kommen, während er, an meinem alten Platz angelangt, die Tür schloss. „Nein, ich wollte, dass du etwas erkennst. Aber da du es immer noch nicht hast, sage ich es dir: Du versuchst mich umzubringen. Und dagegen muss ich mich wehren, findest du nicht?“

„Was? Ich dich umbringen? – Wie kommst du darauf?“ Eigentlich wollte ich nur weiter weglaufen, sah mich sogar nach Ausgängen um, doch alle Türen schienen verschlossen.

„Solange es mich gibt, wirst du nicht frei sein; willst du mich vernichten.“ Nun kam er langsam auf mich zu.

„Was sprichst du da für Unsinn? Du bist sogar älter als ich!“

Er aber achtete nicht auf meine Worte. „Nach einer Weile hattest du dein Ansinnen mich zu vernichten aber vergessen, verdrängt. Trotzdem kämpfte dein Geist weiter gegen mich.“

„Ich verstehe dich nicht -“ Hatte ich denn wirklich keine Waffe dabei?

„Genau das ist der Punkt. – Ich habe es verdient zu leben, nicht du, du Fehltritt der Natur!“

Endlich sprang er auf mich zu, mit dem Dolch nach mir stechend. Von dem einst so kühlen und stillen Mörder, der mich die letzten Tage verfolgt hatte, war nichts mehr zu merken.

Aber ich hatte mich darauf vorbereiten können. Sofort sprang auch ich, doch zur Seite, so dass er ins Leere stieß, und lief zur Tür, durch die ich gekommen war. Verzweifelt rüttelte ich an ihr, doch mein Bruder schien sie verschlossen zu haben. Schon kam er herbei; ich konnte nur erneut ausweichen. Während sein Dolch im Holz stecken blieb und er daran zerrte, lief ich zur nächsten Tür. Doch diese war ebenso verschlossen.

Da fiel mir etwas ein, als ich zurück zu meinem Verfolger sah.

„Wie hast du es angestellt, mir immer wieder nur kurz zu erscheinen und wieder zu verschwinden?“

„Du verstehst es also immer noch nicht“, sprach er zwischen zusammen gebissenen Zähnen, während er am Dolch zerrte. „Aber das wird gleich nicht mehr wichtig sein“, rief er und hatte die Klinge mit einem Ruck befreit.

Sofort ließ ich von der Tür ab und rannte noch eine weiter; ebenso verschlossen wie die davor. So blieb nur noch eine, die mich retten könnte. Nie hätte ich es gedacht, doch sollte sie das wahrlich versuchen. Aus irgend einem Grunde war sie unverschlossen. Sofort stürzte ich hindurch, knallte sie hinter mir ins Schloss und stemmte mich dagegen.

„Du entkommst mir nicht!“ hörte ich meinen Bruder rufen.

Kurz darauf erschrak ich, als im Holz vor mir die Spitze des Dolches erschien. Mein Bruder warf sich immer wieder gegen die Tür, doch ich hielt dagegen. Nach einer Weile schien er aufzugeben.

„Du entkommst mir nicht, kleiner Bruder“, sprach die Stimme in meinem Rücken und ich wirbelte erschrocken herum.

Dort stand er, mein Bruder, im schwarzen Mantel und grinste mich an. Er musste wohl eine der anderen Durchgänge genommen haben.

„Nein, das habe ich nicht“, sprach er, als würde er meine Gedanken lesen können, „sieh dich doch um.“

Und tatsächlich, dort standen wir in einem kleinen Raum, der außer dieser, an der ich stand, keine weitere Tür hatte.

„Wie bist du -“ wollte ich fragen.

Eine Antwort gab er mir erst gar nicht, sondern hieb erneut nach mir. Wieder konnte ich ausweichen und geriet dabei hinter einen kleinen Tisch. Es klingt ein wenig abgedroschen, aber die tönerne Urne, die sich darauf befand, warf ich meinem Bruder an den Kopf. Laut scheppernd zerbarst sie und er war eine Weile damit abgelenkt, sich fluchend um seine Wunde zu kümmern.

„Das wirst du mir büßen!“ rief er, doch tat nichts weiter.

Ich dagegen versuchte mich an dem einzigen Fenster, welches der Raum bieten konnte. Natürlich musste es verschlossen sein, also kehrte ich um und suchte etwas, das schwer genug wäre, das Fenster einzuwerfen. Bis ich aber so weit gewesen wäre, war mein Bruder schon wieder über mir.

Diesmal aber drehte ich den Spieß um.

Als er auf mich zugestürzt kam, hielt er den Arm mit der Klinge ausgestreckt, auf mein Herz oder meine Kehle zielend. Statt wie immer zu handeln tat ich aber etwas, das sowohl für ihn, als auch mich neu war. Ich duckte mich und stellte ihm ein Bein. Kaum, dass er auf dem Boden lag, griff ich mir sein Messer. Die Klinge gegen seinen Hals drückend, setzte ich mich rücklings auf ihn, mit meinen Beinen auf seinen Armen.

„Warum hast du sie alle umgebracht?“ wollte ich endlich wissen.

Er aber fing an zu lachen. „Ich war es doch gar nicht!“

„Was?“ Einen Augenblick war ich so überrascht, dass ich es fast geglaubt hätte. „Jetzt sprich! Warum hast du das Mädchen umgebracht? Den Mann auf der Burg? Meine beiden Freunde? Vor allem: Warum brachtest du unsere Eltern um?“

Doch er lachte noch immer. „Ich war es nicht.“

„Was soll das bedeuten?“

„Du hättest es verhindern können!“

„Was?“ Wenn es seine Absicht war, mich zu verwirren, so hatte er Erfolg.

Diesen nutzte er aus: Es dauerte nicht lange, da war ich es, der auf dem Boden lag, die Klinge am Hals, den Sieger über mir.

Und neben mir – ein Spiegel.

Ich weiß nicht, wie er dort hingekommen oder warum er nicht zerbrochen war, doch er sollte mein Leben ändern. In ihm sah ich mich selber. Es dauerte, bis ich erkannte – doch ich erkannte.

Und über mir spürte ich den Atem meines Bruders.

„Na, wie ist es, zu wissen, dass du gleich stirbst?“

Doch ich beachtete ihn nicht, und ließ ihn zürnen.

„Ich habe all diese Leute von ihrem Leid erlöst, weil sie es nicht verdienten zu leben. Und genau das werde ich auch mit dir machen; ich habe es verdient zu leben, nicht du!“

Doch ich antwortete nicht, und ließ ihn unsicher werden.

„Hast du keine Angst? Du musst doch sterben vor Furcht!“

Doch das tat ich nicht, denn ich wusste, wie ich ihn besiegen könnte.

„Was ist?“ sprach er ein letztes Mal.

Und ich beobachtete nur das Bild im Spiegel, der mir alles zeigte, was da war. Und ich sah nur mich.

 

 

Epilog

Bekenntnis

Es ist grauenvoll, um all diese Taten zu wissen. Schlimmer noch ist es zu wissen, dass ich es hätte verhindern können. Bis heute werfe ich mir vor, dass ich die Zeichen nicht früher erkannte. Zwar hatte ich all dem letztlich ein Ende setzen können, doch wird niemals sicher sein, dass es nicht wieder beginnen könnte. Darum sorge ich mich, und deshalb sorge ich dafür, dass ich nie wieder eines anderen Lebewesens Auge erblicke.

Dies hier ist der letzte Bericht meiner Erlebnisse, doch wird niemand außer mir erfahren, worüber ich hier in Wahrheit schrieb. Zwar ist alles tatsächlich geschehen, doch änderte ich alle Beschreibungen von Beteiligten und Orten, so dass niemand, der dabei gewesen, es wiedererkennt. Ich will nicht, dass mein Name oder der meiner Familie jemals mit solchen Schandtaten in Verbindung gebracht wird.

Mein Leben ist ein neues; niemand mehr soll meinen Namen kennen.

 

Gedrucktes Buch

eBook

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