Die Wandlung

April 30, 2009

Eines Tages nahm sie mich bei der Hand und führte mich hinaus zum Wald. Immer weiter mit sich fortzerrend, brachte sie mich bald an den kleinen See in seiner Mitte.

„Was wollen wir hier eigentlich?“ fragte ich sie.

Ungeduldig werdend blickte ich zurück zum Dorf, zurück nach Eskoych und sah dort meinen Vater vor mir, wie er auf mich wartete und enttäuscht sein würde.

„Ich will dir etwas zeigen!“ sagte sie in einem nachdrücklichen Tonfall und zog mich weiter. „Es ist nicht mehr weit“, versuchte sie mich zu beruhigen.

Bald kamen wir zu der alten verfallenen Ruine des Hauses, das dort auf einem hohen schroffen Felsen den See überragte; wie die ausgeweidete Leiche eines gestrandeten Meeresungeheuers da stand, ihre düsteren, verbrannten Balken in den Himmel streckend.

„Du willst dort doch wohl nicht hinauf?“ entfuhr es mir, als böse Vorahnungen mich durchzuckten.

Auch ich kannte schließlich die Geschichten, auch ich hatte von alten Flüchen, bösen Geistern und grässlichen Monstren gehört. Was wäre nun, wenn diese Geschichten wahr sein sollten?

„Seit wann bist du denn so ängstlich?“ versuchte sie mich zu necken und zum Vorwärtsgehen zu bewegen.

„Du weißt genau, dass es verboten ist das Haus zu betreten!“ entgegnete ich ungehalten, mehr Angst verspürend als ich mir jemals eingestanden hätte.

„Ich weiß“, antwortete sie in einem beruhigenden Tonfall, „doch dort will ich auch gar nicht hin. Ich möchte dir etwas zeigen. Es ist dort hinten.“

Mit dem Arm deutete sie nun in die Richtung, wo der Felsen zum See hin abfiel. Ich konnte außer dem Schatten der Bäume kaum etwas erkennen, doch bildete ich mir ein, kleine graue Gestalten über den Felsen huschen zu sehen. Schließlich musste ich ihr zwangsweise folgen, da sie bereits voraus geeilt war, während ich noch mit meinen Ängsten rang. Sie stand am Felsen und als ich bei ihr ankam, sah ich, was sie wohl gemeint hatte: Eine dunkle Höhlenöffnung offenbarte sich meinem Blick, ihren Schlund aufreißend wie ein hungriges Monster.

„Los, komm schon!“ sprach sie aufgeregt und schnell atmend; schnell war sie verschwunden.

Ihr heller Ruf nach mir ertönte bald aus der Dunkelheit, lockte mich, forderte mich. So begann ich den Abstieg. Die Höhle stellte sich in Wahrheit als Gang heraus, der vermutlich tief unter den See führte. Beklemmung stieg in mir auf, als ich mich im Halbdunkel langsam vorwärts tastete. Gänsehaut befiel mich, als ich meinen Weg hinab unter die schweren Wasser suchte. Angst packte mich im Genick, als selbst das Tageslicht der Außenwelt verschwand und mir keinen Weg mehr zeigte.

„Wo bist du?“ rief ich verzweifelt, doch außer meinem hohlen Echo antwortete mir niemand.

Unwillig ging ich weiter. Unter meinen suchenden Fingern spürte ich rauen Felsen, Erde und hie und da auch Spinnweben. Einmal strich ich über etwas Glitschiges, das sich schnell von mir fortbewegte. Abscheu stieg in mir auf. Was, wenn dies bereits Teil des Fluchs war, der über dem Haus lag, und ich nun verdammt wäre für ewig in dieser klammen Finsternis vorwärts zu waten? Panik erfüllte alle Winkel meines Körpers.

„Madhou!“ rief ich verzweifelt.

Dann plötzlich wurde es heller. Ich erkannte, dass ein Feuer entfacht worden war; wohl in einem Raum am Ende des Ganges. Und wieder hörte ich sie auch nach mir rufen. Ich fand sie in einer größeren Höhle. Sie war gerade damit beschäftigt, eine zweite Fackel zu entzünden und sie in eine Wandhalterung gegenüber der ersten zu stecken. Nur schwach erleuchteten diese Feuer den Raum. Dieser war nicht natürlichen Ursprungs, er musste aus dem Fels gehauen worden sein. Seine Form glich einer flachen Scheibe: die Decke niedrig, der Durchmesser weit. Von der Mitte der Decke hing eine Felssäule, die sich zum Boden hinab verjüngte, doch bereits kurz vor der Oberfläche eines runden Steintisches aufhörte. Sowohl auf diesem, als auch auf dem Boden der Höhle fand sich ein seltsames Spiralen-Muster. Es begann unter meinen Füßen und endete in der Mitte der Tischoberfläche, wo sich eine Vertiefung befand. Dies alles, Raum und Tisch, musste aus einem einzigen Stück gemeißelt worden sein.

„Wo sind wir hier?“ waren meine ersten erstaunten Worte.

„Unter dem See!“ antwortete sie, und die Freude in ihrer Stimme stand im Gegensatz zu meinem Schaudern.

Madhou war gerade mit ihrem Tun fertig geworden und wandte sich nun diesem steinernen Tisch zu, da fiel mir etwas ein.

„Mach das bloß nie wieder!“ entfuhr es mir, mehr ängstlich denn wütend.

„Was denn?“ fragte sie unschuldig.

„Mich in dieser fürchterlichen Dunkelheit allein zu lassen!“

Ihr Lächeln kann ich bis heute nicht deuten, doch fühlte ich mich schon damals nicht wohl dabei.

„Stell dich nicht so an“, raunte sie leise, kniete sich dabei neben dem Tisch nieder und ließ ihre Finger über seine Kanten gleiten.

Jetzt erst bemerkte ich die Figuren, die man einmal rings um den Rand der Steintafel eingemeißelt hatte. Sie zeigten unheimliche Gestalten und Begebenheiten, furchteinflößende Ungeheuer, die sich kein vernünftiger Geist hätte ausmalen können, und Menschen, die vor ihnen knieten, in Anbetung, Opferung und Tod. Wieder schauderte es mir, während die kalte Höhle begann, Verderben und Verdammung auszustrahlen.

„Ich will hier weg“, sprach ich und bemerkte das Zittern in meiner Stimme.

„Du bleibst hier!“ antwortete sie hart, während sie ihr Gesicht endgültig dem Tisch zuwandte. „Ich entdeckte diese Höhle vor wenigen Wochen und ich möchte sie mir dir teilen. Komm her zu mir und genieße sie zusammen mit mir.“

Langsam erhob sie sich bei dieser Ansprache und strich nun mit der Hand über die Oberfläche des Steines, fuhr mit den Fingern hinab zu der Vertiefung in der Platte. Dann schrie sie überrascht auf. Ich sah einzelne Blutstropfen von ihrem Finger fallen; sie musste sich geschnitten haben. Ein merkwürdiges Gefühl des Unheils durchzuckte mich.

„Es reicht; ich gehe. Ich werde dich im Dorf erwarten“, sprach ich und musste die Laute förmlich aus mir herauspressen.

Ich wollte nur noch weg von diesem Ort. Ohne auf Madhou oder eine Antwort von ihr zu warten, drehte ich mich um. Wieder musste ich durch diesen schrecklichen Tunnel, der trotz der Fackeln aus der Höhle nur teilweise erleuchtet werden konnte. Diesmal jedoch war ich schneller, denn ich fühlte mich verfolgt, wagte es aber nicht, mich umzudrehen. Wie ein Messer bohrte der Eindruck der Verfolgung sich in meinen Rücken, bis ich den Schmerz tatsächlich deutlich spüren konnte. Hastig eilte ich voran, stolperte immer wieder, musste die letzten Schritte sogar kriechend zurücklegen, während Käfer und Spinnen über meine Hände huschten. Schmutzig und keuchend erreichte ich endlich wieder Tageslicht. Erschrocken drehte ich mich dort um, doch konnte ich in der Finsternis nichts erkennen; nichts hatte mich verfolgt. Nicht einmal den Schein von Madhous Fackeln sah ich noch. Kurz fragte ich mich, ob ich nicht auf sie warten sollte, doch sie schien mir nicht zu folgen. Dann überlegte ich, dass ich sie dort herausholen müsste, vor allem beschützen, was dort an Schrecklichem auf sie lauern könnte, doch meine Angst besiegte mich; ich konnte es nicht. Bald kehrte ich dem Wald den Rücken und ging zurück nach Eskoych. Es erwarteten mich zahlreiche Fragen und besorgte Blicke.

Madhou kam nicht mehr heim. Ich machte mir schreckliche Vorwürfe deswegen: Ich hätte bei ihr bleiben sollen, hätte sie zurückholen sollen. Doch etwas in mir sagte mir, dass auch ich dann niemals mehr zurückgekommen wäre. Zu diesen Tagen begann der Wald seine Wandlung. Immer waren die Damodh-Hügel und mit ihnen Eskoych, ihre Wiesen und der Wald die schönste Gegend der mir bekannten Welt gewesen. Nun aber wirkte der Wald anders; das bemerkte nicht nur ich. Jeder, ob Einheimischer oder nicht, sah den Wandel. Grün tragende Bäume wurden braun und verloren ihre Blätter, Tiere verließen und mieden den Wald und Förster weigerten sich bald, ihn zu betreten.

Doch immer noch wurde Madhou in seinem Inneren vermutet und schließlich entschied man sich, den Wald nach ihr abzusuchen. Dutzende von Freiwilligen fanden sich, trotz der unheimlichen Wandlung des Waldes. Ich muss gestehen, vielleicht zu meiner Schande, dass ich nicht an der Suche teilnahm. Man mag mir jegliche Feigheit dieser Welt vorwerfen, doch rückblickend betrachtet konnte man nur froh sein, nicht gegangen zu sein. Das, was ich von der Suche hörte, sollte mir genug Schrecken sein.

Wenige Tage nach Madhous Verschwinden, noch zu den Anfängen der Wandlung, machten sie sich auf den Weg. Mein Vater war auch dabei. Es war gerade Mittag, da erreichten sie den See. Sie fanden den Felsen mit dem Haus vor, wie ich ihn beschrieben hatte, doch vermochten sie keine Tunnel zu entdecken, die unter den See geführt hätten. Nur eine kleine Höhle in dem Felsen war vorhanden. Dort war es auch, dass sie die Kette fanden, die Madhou von ihrer Mutter bekommen hatte und auf die sie so schrecklich stolz war. Dies war den Männern Grund genug, die Suche noch nicht zu beenden, denn vermutlich war sie noch in diesem Wald. Bis zum Sonnenuntergang durchsuchten sie den ganzen bedrohlichen Forst. Alles dort soll verändert gewesen sein; nicht nur der Wald hatte sich gewandelt. Über dem einst klaren und stillen See hing den ganzen Tag eine dichte, niedrige Nebeldecke und hin und wieder stiegen Blasen an die Oberfläche, die zerplatzten und deren ausströmende Gase den Männern schlecht werden ließ. Tiere erblickten sie nicht eines, doch fand die Gruppe vereinzelte Knochen, die stets fein säuberlich abgenagt schienen. Hinter jedem Busch fanden die Männer tödliche Gruben, giftige Pilze oder dornenbewehrte Sträucher. Der einst so friedliche, einst so schöne Wald schien sich in einzige Todesfalle verwandelt zu haben; in einen Ort des Bösen – Nein, in das Böse selbst. Denn schließlich kam der Abend und mit ihm der Tod.

Die Gruppe wollte die Suche letztlich doch aufgeben und nach Eskoych zurückkehren, da es immer später wurde. Doch tatsächlich wurde es nur für sie zu spät. Lediglich zwei der Männer verließen den Wald lebend, doch ihre Geschichten wirkten viel zu abenteuerlich, als dass sie jemand geglaubt hätte, auch wenn sie übereinstimmten. Beide starben kurz nach ihrer Verhörung; seitdem wagt sich niemand mehr in den Wald. Ich war bei dieser Anhörung zugegen, hoffte ich doch etwas über meinen Vater und Madhou zu erfahren. Nun wache ich manchmal nachts schweißgebadet auf und wage nicht mehr, wieder einzuschlafen.

Die Männer berichteten von einem lebendigen, doch dunklen Wald; von Ranken, die nach ihnen griffen und sie in die Gruben und Sträucher zerrten; von Bäumen, die sich einzelne Männer einverleibten als seien sie Wasser; von Nebel, der sie alle zu ersticken drohte; von Büschen, denen Beine wuchsen auf welchen sie die Suchenden verfolgten; und von dem Haus, das in lodernden Flammen stand und doch zusammen mit diesem Feuer ein Ganzes zu bilden schien. Und am schrecklichsten von allem war die Erzählung, dass Madhou gesehen wurde oder etwas, das noch entfernt an sie erinnerte, doch mittlerweile mehr Teil des Waldes zu sein schien und über das Leiden der Sterbenden lachte.

Dutzende starben in dieser Nacht, an dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Dies alles war Grund genug für mich, Eskoych zu verlassen und in die Stadt, nach Barhsrom zu gehen. Ich schwor mir, nie wieder zurückzukehren in diesen verwandelten Wald, doch immer höre ich Madhou mich in meinen Träumen rufen. Meine schöne Madhou erscheint mir wie früher in ihnen. Ich hatte einen Einfall, wie ich diese Verwandlung umkehren kann, wie ich wieder meine Madhou von damals zurückbekomme.

Wünscht mir Glück und Erfolg.

ENDE


Kommentar des Herausgebers

Eskoych ist ein kleines Dorf nördlich von Barhsrom in Dhranor. Früher war es bekannt für seine lieblichen Auen. Heutzutage erzählt man sich Geschichten über den sogenannten Mordwald bei Eskoych, wo vor gut zweihundert Jahren zahlreiche Männer den Tod fanden. Der Mordwald wird selbst von der Armee gemieden. Niemand betritt ihn freiwillig; nur Wahnsinnige gehen hinein, doch kehren nie zurück.

Diese Geschichte ist das letzte, was man von einem jungen Mann aus Barhsrom fand. Nie wieder hörte man von ihm oder Madhou.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 16.03.3995

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Der Preis der Freiheit

Februar 9, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Mandraz – Man-dras
Majezir – Ma-ʒä-sir
Deljezir – Del-ʒä-sir
Delnadraz – Del-na-dras
Delenti – De-len-ti
Caduim – Ka-dwiim

I
Blutrot versank die Sonne hinter den fernen Bergen. Rot vom Blut der Erschlagenen färbte sich die Küste des schäumenden Meeres. Mandraz beobachtete das Schauspiel aus der Ferne. Mit seinen engsten Vertrauen stand er auf einer Anhöhe in sicherer Entfernung. Niemand von ihnen wagte ein Wort zu sagen. Sie alle wussten, was auf dem Spiel stand. Nicht nur ihr eigenes Leben, auch das ihrer Angehörigen könnte von dieser Schlacht abhängen. Dort unten kämpfte jedoch keiner ihrer Leute. Doch würde dieser Stamm von der Küste nicht den Sieg davon tragen, so würden auch sie niemals frei sein. Hier in Delent kämpfte jeder gegen jeden und vor allem jeder gegen den verhassten Adel. Niemand wusste, was nach dem Sieg kommen würde, doch sie alle wollten die Freiheit. Freiheit und Macht. Seit vielen Jahren tobte der Krieg nun schon in Delent. Mandraz und seine Vertrauten träumten schon ebenso lange davon, ihren Kindern eine freie Welt zu zeigen.
Mandraz blickte zurück in Richtung der untergehenden Sonne. Sein Dorf lag dort im Schatten der schroffen Berge und wartete auf ihn. Er würde alles tun, um die Seinen zu beschützen. Als seine Begleiter unruhig wurden, sah er wieder zum Kampf. Dieser hatte sich nun entschieden; Tote lagen an der Küste, wie gefallenes Heu nach der Ernte. Sieger durchschritten ihre Reihen wie Raben auf der Suche nach Beute. Flüchtlinge wurden gejagt und niedergemacht, überlebende Verletzte wurden ertränkt. Und dann sah Mandraz, wer da gesiegt hatte. Und sie alle zusammen verfielen in einen Freudentaumel.

II
Endlich waren sie in den Schutz des Tales gelangt. Als ihr Gastgeber hieß es sie mit offenen Armen willkommen. Eines nach dem Anderen wurden die Wagengespanne von den Ochsen vorwärts gezogen in die wartende Sicherheit. Hier würde man sie nicht mehr so leicht entdecken können. Caduim blieb zurück und wartete, bis der letzte Wagen außer Sicht von Delenti war, bevor er einen abschließenden Blick zurück warf. In der weiten Ferne war Delenti nur noch an der schwarzen Rauchsäule zu erkennen, die von den lodernden Ruinen aufstieg. Es war früher Morgen eines schönen Frühjahrstages und das Jahr war 650.
Ein Krieger erschien am Eingang des Tales, sah Caduim, hielt auf ihn zu und begrüßte ihn.
„Halte dich nicht damit auf! Sprich, was gibt es zu berichten?“ fragte dieser ihn.
Der Krieger sah ihn düster an. Sein Wams war zerschlissen, seine Rüstung starrend vor Dreck und Blut, er selber nicht minder besudelt.
„Nichts Gutes, so fürchte ich“, hob er an, „zumindest nicht von dort hinten. Wir haben sie aufgehalten. Aber außer mir scheint es kaum jemand geschafft zu haben. Wenn noch jemand lebt und uns treu ist, wird er uns in Deljezir erwarten.“
Cadium blickte ihn traurig an. Seine Heimat war zerstört, die meisten seiner Leute und Freunde nun tot und der Rest auf der Flucht.
„Und du bist sicher, dass niemand unsere Flucht bemerkt hat?“
„Sehr sicher. Wir haben ihnen eine schöne Jagd mit abschließender Schlacht geboten.“
„Dann komm. Lass uns zu den Wagen aufschließen. Es ist eine weite Reise bis Deljezir und wir dürfen nicht trödeln.“
Es war noch nicht lange Frühjahr geworden. Die Lehmwege waren feucht und die Erde hatte sich in Schlamm verwandelt, der habgierig nach den Rädern ihrer Wagen griff. Immer wieder mussten sie Halt machen, immer wieder einen der fünf Dutzend Karren aus dem Dreck ziehen. Alle packten dabei an – die Krieger, die Adligen, die Handwerker, die Frauen, selbst die Kinder. Trotzdem kamen sie nur schleichend voran. Caduim und die Anderen berittenen Krieger erkundeten die Gegend vor, neben und hinter der Kolonne. Dies verhinderte aber nicht, dass sie am dritten Tage ihrer Reise angegriffen wurden. Es war Nacht. Kinder und Frauen schliefen auf den Wagen, die Männer unter ihnen. Zwei Wagen gingen in dem wilden Angriff verloren, doch konnten Caduim und die Anderen Schlimmeres verhindern. Im Dämmerlicht des jungen kühlen Frühjahrsmorgens erkannte man, dass die Angreifer nur Räuber gewesen waren. Die Kolonne musste sich eilen, sollte sie nichts Ärgerem begegnen. Manchmal ritt Caduim an den Reihen der Flüchtlingen vorbei. Dann sah er erschöpfte, leidende und doch hoffende Gesichter. Sie alle vertrauten auf den König und seine Männer. Und diese Hoffnung sollte nicht unvergolten bleiben.
Am nächsten Tag kreuzten sie einen Fluss, den die Schneeschmelze des Frühjahrs in einen reißenden kleinen Strom verwandelt hatte. Dies stellte sie vor ein schwerwiegendes Problem. Caduim wusste, was dieser Fluss verhieß: Das rettende Land des Königs an seinem anderen Ufer. Doch konnten die Wagen seine nun rauschenden Wogen nicht gefahrlos durchqueren. Caduim gab Befehl, Holz des umgebenden düsteren Waldes für Flöße zu fällen, da griff man sie erneut an. Aus dem Schutz der alten Bäume kamen sie brüllend wie die Fluten eines Bergstromes über sie her. Kinder schrien auf und wurden von ihren Müttern unter die Wagen gezerrt, wo sie sich in den Schlamm kauerten. Die Männer griffen nach allem, was man als Waffe nutzen konnte. Diese Angreifer aber waren keine Räuber und Caduims Männer wären ihnen unterlegen gewesen. Doch wie durch ein Wunder trafen zu dieser Zeit am anderen Ufer die Krieger des Königs ein. Pfeile stürzten wie Ungeziefer über die Feinde, die nun eiligst die Flucht ergriffen, ihr Leben zu retten. Jetzt war eine Überquerung des Flusses kein Problem mehr, denn die Männer hatten Flöße bereit. Auf wackligem, glitschigen Untergrund schafften es alle Wagen unbeschadet ans andere Ufer.
„Ihr habt uns gerettet!“ sprach Caduim froh zum Anführer der Krieger und als er diesen an seinem großen schwarzen Bart erkannte, umarmte er glücklich seinen Bruder.
Am Abend erreichten sie Deljezir. Die Stadt war die letzte Verbliebene, die dem König noch die Treue hielt, nun, da Delenti zerstört war. Ganz Deljezir brummte und pochte als ein Lebewesen, überquellend mit Flüchtlingen aus allen Himmelsrichtungen. Für die einfachen Menschen war hier das Ziel ihrer Reise. Caduim, seine Männer und die Adligen jedoch hatten noch eine Tagesreise vor sich.
„Seit einem Jahr erst ist die Burg Majezir vollendet“, wurde Caduim Abends in einer Schenke Deljezirs von seinem Bruder aufgeklärt, „draußen im Moor. Jede Armee aus dem Norden, die nach Deljezir will, müsste an ihr vorbei. Dort sind der König und die verbliebenen Adligen und Krieger. Sie erwarten euch bereits.“
Und so kamen sie am nächsten Tag zur Burg Majezir, der letzten Verteidigerin des Königreiches, Herrin ihrer aller Freiheit und Leben. Trutzig erbaut inmitten des bedrohlichen Moores war sie auf allen Seiten von Seen umgeben. Nur über knarrende Zugbrücken konnte man sie erreichen. Die einzige sichere Furt durch den Fluß lag in Sichtweite von Majezir. Wer immer nach Deljezir gelangen wollte, musste an der Burg vorbei. Wer immer an den König gelangen wollte, musste in die Burg hinein. Beides versuchten Frühjahr und Sommer hindurch immer wieder feindliche Armeen. Eine nach der Anderen verzweifelte an der unerreichbaren Burg. Niemandem gelang es, zu Deljezir oder dem König vorzudringen. Derweil eilten sich dessen Boten, die Hoffnung des Reiches, nach Verbündeten zu suchen, die Aufständischen des Nordens zu besiegen.
„Herr“, wurde Caduim eines Morgens von einem kleinen Knaben angesprochen, „was ist Frieden?“
„Wieso stellst du diese seltsame Frage?“ entgegnete Caduim verwundert.
„Meine Eltern sprechen immer davon, dass sie sich Frieden wünschen“, sprach der Knabe in kindlicher Scheuheit und Caduim beugte sich zu ihm herunter.
„Weißt du, sobald wir gesiegt haben oder die Aufständischen ihren Fehler bemerken, ab da wird es Frieden für uns geben und niemand muss mehr kämpfen.“
„Keine Kämpfe?“ sprach da der Knabe ungläubig.
Der Junge glaubte ihm nicht, lachte kurz sein kindliches Lachen und verschwand dann im Burghof, wo er mit anderen Kindern spielte. Caduim sah ihnen eine Weile traurig zu.

III
Sie hielten sich im Dickicht unweit des Flusses versteckt. Gefrorene Blätter krachten unter ihren Füßen. Ihr Atem kam in Rauchwolken. Mandraz stapfte durch den Schnee zurück zu den anderen Stammesführern. Sie alle waren hier gleich, trotzend jeglicher früherher Meinungsverschiedenheiten, und zitterten in der Kälte. Selbst die vielen Schichten Kleidung, Rüstung und Felle auf ihnen konnte die unnatürliche Strenge des Windes nicht beschwichtigen. Endlich hatte man sich geeint, endlich zog man zusammen gegen den Feind. Mandraz dachte daran, wie seine Familie Daheim in ihrer zugigen Hütte hausen musste, die schon etliche Male in diesen Kriegen zerstört worden war. Nun sollte sich dies ändern, bald könnte man sich Steinhäuser leisten wie der König. Das ganze Jahr über war man vergeblich immer und immer wieder gegen Majezir angebrandet, doch nie kam man auch nur über die Seen. Alle, die andere Wegen zu gehen versuchten, fanden ihr Schicksal auf dem Grund des Moores. Jetzt aber war dieses Schicksal auf ihrer Seite. Was zuvor noch ein unüberwindbares matschiges Hindernis gewesen war, bot sich nun als glitschig vereistes Feld an.
Es wurde Mitternacht und der weiße Mond beschien die weite weiße Winterlandschaft. Mandraz und die anderen gaben Zeichen und die Meute machte sich auf den Weg. Sie stürmten die Seen, umzingelten die Burg. Haken unter den Schuhen gaben ihnen Halt, andere rutschten einfach vorwärts. Etliche fielen im Pfeilhagel, doch konnte man ihre vordringenden Leitern nicht aufhalten. Wie Raubtiere erklommen sie mit ihnen die Mauern und strömten in die Burg hinein. Ein Krieger mit großem schwarzen Bart wollte Mandraz aufhalten, doch dieser hielt sich kaum auf, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Vor niemandem machten die Angreifer Halt. Krieger, Diener, Adlige, Männer, Frauen und Kinder – sie machten keinen Unterschied, alle waren sie Teil des verhassten Königreiches, alle dienten sie dem König. Alle mussten sie sterben, sollte es jemals enden. Der König selber wurde von Mandraz gestellt, wie er gerade fliehen wollte. Und als kein Feind mehr in den Mauern von Majezir lebte, stimmten die Angreifer ihr Siegesgeheul an. Endlich hatten sie ihre Freiheit errungen, endlich hatten auch ihre Kinder eine Zukunft.
Doch dies war noch nicht das Ende der Geschichte. Nicht alle Adligen waren in Majezir gewesen. Einige hatten sich schon früher verkrochen, andere waren zufällig zur Zeit der Schlacht außer Haus. Wenige Jahre lang sollte man sie noch in ganz Delent wie  Vogelfreien jagen und niedermachen. Einer der Überlebenden der Nacht des Überfalles war ein Mann namens Caduim. Ihm war es zu verdanken, dass letztlich Frieden herrschen sollte, die Adligen neben dem freien Volk leben durften. Doch bis dahin war viel zu tun.
Auf den kältesten Winter in der Erinnerung der Leute dieser Gegend folgte das mildeste Frühjahr. Die Burg Majezir wurde von der Natur erobert und für immer von ihr einbehalten. Das Frühjahr sah alles neu im Lande Delent.

ENDE

——–
Kommentar

Delent war einst eines der großen alten Juepenreiche. Mächtig war es und die Legenden erzählten von Wundern. Doch der Aufstieg Iotors im Norden traf es hart. Fast der gesamte Norden wurde erobert. Während es dem Osten gelang, sich bald wieder von Iotor freizukämpfen und als das Reich Sagaja noch für Jahrtausende bestand, verfiel der Süden immer mehr. Es gab einen Aufstand nach dem Anderen, das Land wurde zum düsteren Schreckensreich. Gut 50 Jahre sollten die Kriege in Delent gedauert haben und am Ende stand das Königshaus vor dem Nichts. Die Flucht zur Burg Majezir verlängerte ihr Leben nur um ein Jahr. Nie wieder sollte Delent mächtig werden. Der Preis der Freiheit war für das Volk von Delent ihr Niedergang.
Die Geschichte selber stammt aus der Feder eines unbekannten Schriftstellers und gibt die tatsächlichen Geschehnisse wieder, natürlich um einiges ausgeschmückt.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 22.01.3995


Der geheimnisvolle Dieb

November 29, 2008

Einst  begab es sich, dass in den Salzlanden noch viele Menschen lebten. Die grünen Hügel und flussdurchzogenen Auen waren sogar eine der wichtigsten Ländereien des Reiches von Lurruken. An dem Fluss, welchen man Joral oder Cormoda nennt, lebte nah eines kleinen Dorfes ein älteres Ehepaar. Die Ernten waren dieses Jahr schlecht und sie mussten versuchen sich durch Jagd und Fischfang zu ernähren.
„Verdammt! Es beißt einfach nichts an!“ sagte der Mann bei seiner Heimkehr.
„Gräme dich nicht. Wir haben doch noch Vorräte“, beruhigte ihn seine Frau.
„Aber die gehen auch schon zur Neige!“ meinte er und setzte sich in seinen Stuhl, die Schultern hängen lassend.
Und tatsächlich – am nächsten Morgen fehlte etwas.
„Wo sind unsere Sachen hin?“ fragte er seine Frau.
„Ich weiß es nicht – gestern war doch noch mehr da! Joralratten vielleicht?“ vermutete sie entsetzt.
„Ich werde hier lieber Fallen aufstellen“, grummelte er und machte sich an die Arbeit.
Der Rest des Tages verlief für ihn ohne Glück. Abends kehrte er mit leeren Händen heim.
„Wieder nichts?“ fragte seine Frau traurig.
„Wieder nichts. Ich hoffe, die Fallen erfüllen ihren Zweck, sonst haben wir bald gar nichts mehr“, stellte er fest.
Er schaute nochmal nach den Fallen, bevor sie schlafen gingen. Tags darauf waren sie unberührt – doch es fehlte wieder etwas.
„Das ist schrecklich!“ stellte seine Frau fest.
„Heute Nacht werde ich selber Wache halten!“ beschloss er.
Der Tag wurde für ihn kaum besser als die vergangenen.
„Ich werde hier ausharren bis ich den Dieb erwische!“ sprach er des Abends und setzte sich vor die Vorratskammer.
In der Nacht wachte er von einem Geräusch auf. Etwas huschte vor ihm weg. Doch er griff rechtzeitig danach und zerrte es hoch. Es war ein kleines Männchen!
„Wer bist du und warum stiehlst du unsere Vorräte? Wir werden wegen dir noch verhungern!“
„Tu mir nichts!“ quiekte das Männchen in seinem kleinen Anzug und wedelte mit den kleinen Händchen, „ich verspreche dir, das Gestohlene zu ersetzen und tausendfach für Vergeltung zu sorgen, wenn du mir nur nichts tust!“
Trotz seines Grolls willigte der Mann ein, nicht zuletzt dank Zureden seiner Frau, die durch den Krach ebenso erwacht war. Der Mann ließ das Männchen laufen, doch wachte die Nacht über weiter, auf dass er nicht betrogen würde. Am folgenden Morgen wachte er erneut aus seinem Schlummer auf und da lag tatsächlich Ersatz für das Verschwundene vor der Haustür.
Das Männchen hielt auch im folgenden noch Wort und das Ehepaar musste nie wieder arbeiten noch Hunger leiden.

ENDE

Kommentar

Eine klassische Mär aus Lurruken, lange erzählt im Volk und hielt sich dort in dieser oder anderen Formen bis heute noch in Städten wie Ruken und Saldan. Eine wahre Begebenheit sollte nicht angenommen werden.

Solero y Cyprilla, Toljidarin
Karison, Ojútolnán, 28.08.3994


Das Geheimnis der Wälder

November 20, 2008

I

Einst, als die Länder noch voller Bäume waren und die Menschen junge Eindringlinge in diese Reiche der Ruhe, da lebten in diesen Wäldern noch andere Geschöpfe, verborgen vor den Augen der Menschen.

Hast du das gehört?“ fragte Mannich seinen Begleiter.

Sansinn blickte sich verwirrt um.

Nein. Was meinst du?“

Da hinten ist etwas!“

Und in dem Moment sahen sie es beide. Ein schwacher Lichtschein leuchtete durch die Bäume.

Mannich, was ist das?“ flüsterte Sansinn ängstlich.

Ich weiß es doch auch nicht! Lass uns nachsehen!“

Vorsichtig ging Mannich voran, während Sansinn ihm langsam folgte. Sie gaben sich alle Mühe ruhig zu sein und gelangten bald an den Rand einer Lichtung. Dort sahen sie Wundersames: Wesen, die an Menschen erinnerten, doch nicht so aussahen. Fröhlich und kindlich leicht tanzten gut zwei Dutzend von ihnen unbekleidet um ein Feuer. Geschlechtliche Formen hatten sie nicht. Ein unwirkliches grünes Licht ging von einem jeden von ihnen aus, das sogar den grellen Feuerschein überdeckte. Der Anblick ließ eine einlullende Schwere auf die beiden Männer sinken. Ebenso steckte die Fröhlichkeit der Wesen an und ließ alle Bedenken und Vorsicht vergessen.

Mannich, nein!“ sprach Sansinn leise doch drängend, aber schon war es zu spät.

Mannich trat auf die Gestalten zu. Diese unterbrachen ihr geschäftiges Tun und sahen ihn an.

Kommt zu uns“, raunten sie wie aus einem einzigen unweltlichen Munde und hoben die Arme, die Neuankömmlinge zu empfangen.

II

Wir müssen Mannich und Sansinn finden“, sprach der Anführer der Gruppe.

Ich werde sie büßen lassen für das, was sie meiner Frau angetan haben!“ entfuhr es einem seiner Männer.

Beherrsch dich! Nicht nur dir raubten sie etwas!“

Herr! Seht dort!“ rief der vorausgeeilte Späher.

Der Trupp näherte sich einer Lichtung. Auf ihr fanden sie nur noch Glut und Überreste. Als sie sahen, was von Mannich und Sansinn übrig geblieben war, mussten sich drei der Männer übergeben.

Das müssen die Waldbewohner gewesen sein!“ sprach einer.

Dann danken wir ihnen, dass sie uns unsere Aufgabe abgenommen haben“, erwiderte ihr Anführer grimmig.

III

Dieser und viele ähnliche Vorfälle führten einst dazu, dass die Wälder lange als Böse gemieden und später gerodet und abgeholzt wurden.

ENDE

Kommentar

Dieses Märchen erzählt man sich heutzutage vor allem in Akalt, es stammt jedoch aus der Umgebung der Schmelzöfen. Es ist nicht mehr wirklich feststellbar, wieviel Wahrheit darinnen steckt. Die Erzählung erinnert aber an Gerüchte über Stirmen, die hiermit vielleicht verbunden sind.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 19.08.3994


Geschichten aus Lurruken, Teil IV: Licht in den Schmelzöfen!

Oktober 16, 2008

Aus dem hohen Norden kommt ein unbekanntes Wesen in die Kaltländer des Südens. Es lebt von den Menschen, doch kann von diesem immer wieder verbannt werden. Jahrhunderte später haben einige Jäger ihr Lager am Fuße der Schmelzöfen. Doch seltsame Dinge geschehen, ein Licht in den Bergen lockt sie nacheinander fort, bis die junge Elinna auf sich alleine gestellt ist. Nun macht sie sich auf den Weg, ihre Eltern und Freunde wiederzufinden, und entdeckt nur Schrecken…

Die ganze Geschichte…

Wahlweise auch als virtuelles Buch bei BookRix:


Die Flüchtige: Im anderen Land

Oktober 3, 2008

I

Aufwachen, du verschläfst sonst noch!“ drang eine Stimme an ihr Ohr.

Verschlafen blinzelnd öffnete sie die Augen und sah neben sich das Gesicht von B..

Mmm“, brummte sie, etwas verärgert darüber, geweckt worden zu sein.

Nun steh schon auf!“, sprach B. drängender.

Sie schloss erneut die Augen, um sich nur kurz zu sammeln, da biss B. sie sanft doch zu übermütig in die Seite. Plötzlich war sie mehr als wach.

Au!“ rief sie und stieß ihn unsanft davon.

Schlecht gelaunt stieg sie neben ihn aus dem Bett und machte sich, B. zur Strafe nicht beachtend, fertig. Der Raum war eiskalt, da das Fenster von B. über Nacht offen gelassen wurde. Innerlich grummelte sie vor sich hin, während sie vor Kälte zitterte.

Im Hausflur begegnete sie E..

Denkst du bitte an den Müll?“ warf er ihr zu, während er an ihr vorbei in sein Zimmer eilte.

Mach du das doch!“ rief sie ihm nach, immer noch schlecht gelaunt.

Ach und füttere die Ratten!“ ergänzte man aus E.s Zimmer.

Doch das hörte sie nicht mehr, da sie sich im Badezimmer fertig zu machen versuchte.

Später ging sie mit B. Richtung Hochschule.

Es tut mir leid, das mit vorhin“, sprach B., als sie sich davor verabschiedeten.

Ja, mir auch“, seufzte sie und umarmte ihn kurz.

Auf dem Weg durch den Innenhof huschte ein kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen schnell vor ihr über den Weg.

Die Veranstaltung langweilte sie, doch musste sie sie besuchen. Ja, sie musste sogar noch mehr, weshalb sie nach der Stunde sich vor in Richtung des Lehrenden drängte, um mit diesem sprechen zu können. Zahlreiche andere hatten denselben Plan, weshalb sie sich bald eingequetscht wie auf dem Marktplatz fühlte.

Ich muss sie sprechen!“ rief sie, wie es etliche andere um sie herum zugleich auch taten.

Doch erst als letztes sollte sie an die Reihe kommen.

Ah, sie“, sprach er und sah sie musternd an.

Wegen der Arbeit…“, begann sie, doch unterbrach er sie.

Sie sollten sie schon vor über zwei Wochen fertig haben!“ herrschte er sie böse an.

Ja, aber…“

Kein Aber. Ich gebe ihnen noch mal zwei Wochen. Wenn sie sie bis dahin immer noch nicht fertig haben, können sie sich von dieser Einrichtung endgültig verabschieden! Vergessen sie die großen Denker nicht!“

Geknickt und trotzdem sauer über dieses Verhalten, trottete sie davon.

Auf dem Heimweg durchquerte sie den Park. Ihre Gedanken kreisten um die Schwierigkeiten, die die Welt ihr bereitete und wie sie sie vielleicht bewältigen könnte. Am liebsten würde sie fliehen.

Plötzlich bemerkte sie das kleine, zierliche rotbraune Eichhörnchen auf dem Weg vor sich sitzen. Das Tier hatte eine Nuss zwischen den Pfoten und sah still zu ihr auf. Erstarrt stand sie da und schaute zurück zu dem Tier. Endlich bewegte es sich, vollkommen ruckartig und unerwartet, und sprintete, die Nuss nun im Mund tragend, zu einem Baum.

Sie sah ihm nach und verspürte das Verlangen, ihm zu folgen. Doch bald vergaß sie diesen Drang und sah gerade noch, wie das Tier durch das Loch eines Buschwerks nah des Baumes verschwand.

Verwundert grübelte sie über diese Begegnung nach, doch drängen sich alsbald wieder ihre vorherigen Gedanken in den Vordergrund. Sie ging weiter und mache nur unterwegs kurz Halt in einer Kneipe, um sich dort bei einem Glas Bier zu besinnen und über den bisherigen Tag nachzudenken.

Da bist du ja endlich!“ fuhr E. sie an, als sie endlich wieder zur Tür ihrer Wohnung hereinkam.

Der Müll!, fuhr es ihr durch den Kopf, ich vergaß…

Doch darum ging es E. nicht einmal. Zumindest zunächst nicht.

Du hast die Ratten nicht gefüttert! Nun ist eine gestorben!“ motzte er sie außer sich und wütend an.

Oh…“, murmelte sie, „tut mir leid.“

Er warf verärgert die Hände gen Himmel.

Immer tut es dir nur leid! Den Müll hast du auch noch nicht weggeschafft!“

Ich werde mich darum kümmern“, entgegnete sie erschöpft.

Ja ja!“ entfuhr es E. nur, eh er wütend davon stapfte.

Kurz ließ sie sich in ihrem Zimmer auf ihr Bett fallen, froh allein zu sein. Nun freute sie sich lediglich noch auf B.

Vielleicht eine Stunde später traf dieser denn auch ein.

Warte in meinem Zimmer, ich bin gleich zurück“, begrüßte sie ihn nur kurz, da ihr der Müll wieder eingefallen war.

Später hielten sie andere Leute und Dinge auf und als sie nach wiederum vielleicht einer weiteren Stunde endlich Zeit für B. hatte, sah dieser sie bei ihrem Eintreten nur böse an.

Hast du etwa wirklich Zeit?“ fragte er lauernd.

Ja, ich habe soviel zu tun…“, entgegnete sie kleinlaut.

So ist es doch immer mit dir!“

Nun war ihre Geduld zu Ende. Genervt drehte sie sich von ihm weg, zog sich an und verließ das Gebäude.

Zwei Bier später ließ sie sich in derselben Kneipe wie Stunden zuvor ein weiteres für den Weg geben und begab sich in den Park. Auf einer Bank sitzend beobachtete sie den Himmel und die Natur, während sie ihr Bier trank. Doch irgendwann war auch dieses leer und sie ließ die Gedanken schweifen, döste bald ein wenig.

II

Schlafmütze! Immer nur schlafen, nie etwas tun! Nun wach schon auf!“

Aufgeschreckt von diesen verärgerten Worten sah sie sich um, wer da gesprochen hatte, doch sah sie nur ein kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen vor sich am Rande des Weges hocken. Hatte dies sie angemeckert? Nein, konnte nicht sein.

Faulpelz!“ sprach da das Tier und sah sie mit Verachtung in dem kleinen Gesicht finster an.

Was?“ entgegnete sie, vollkommen verwirrt.

Taugenichts!“ fuhr das Tier sie ein letztes Mal an, drehte sich um und huschte davon.

Das konnte doch nicht sein.

Warte!“ rief sie, rappelte sich auf und folgte dem Eichhörnchen, nur leicht schwankend.

Doch erneut verschwand es in dem Loch im Gebüsch. Aber diesmal folgte sie ihm. Sie musste sich bücken und auf Händen und Knien rutschen und kriechen, doch schließlich hatte sie es geschafft, sie war hindurch gelangt. Und sie befand sich auf der anderen Seite.

Es war dunkel und sie musste sich voran tasten. Ihre Hände fühlten etwas weiches. Federn? Es war ihr, als würde sie sich durch lange Federn tasten, die locker irgendwo weit über herunterhingen.

Unvermutet drang ein Licht vor ihr durch die Dunkelheit, umrahmt von diesen federartigen Gebilden. Bald war es hell genug um zu erkennen, dass sie immer noch nicht erkannte, von wo diese herabhingen, auch blendete sie nun das Licht. Doch sie ging darauf zu und schließlich trat sie hinaus ins Freie und sah erst gar nichts, vollkommen geblendet.

Was sie dann sah, verwirrte sie.

Vor ihr lag eine weite Wiese, doch keine gewöhnliche. Weich und nachgiebig lag sie unter ihren Füßen, als sie darüber voranschritt. Bunt bewachsen mit seltsamen Pflanzen und vielen nichtpflanzlichen Dingen war sie, darunter kleinen Würfelchen und vielen anderem. Vorsichtig fasste sie einen davon an. Er war weich und nachgiebig wie Gummi. Dann erst fielen ihr die vielen anderen, teilweise auch tierähnlichen Gummistücke auf. Es gab Frösche, Schnecken, Echsen und kleine Bären.

Von letzteren packte sie einen, nahm ihn hoch und öffnete den Mund, um ihn zu essen.

Hilfe!“ schrie es da plötzlich und biss ihr zahnlos in den Finger.

Mehr aus Schreck denn aus Schmerz ließ sie es fallen, und zurückfedernd fiel es zu Boden.

Wag das ja nicht noch einmal!“ zeterte das kleine Wesen zu ihr hoch und machte sich, sie kraftvoll verfluchend, davon.

Tut mir leid…“, murmelte sie verwirrt, derweil sich alles um sie herum in Bewegung setzte.

Die Schnecken krochen davon, Echsen huschten davon, Frösche hüpften davon. Verwundert sah sie dem Treiben zu, als ihr etwas an den Fuß tippte. Sie sah herab und erkannte eins der Bärchen, etwas größer als die anderen. Es wies sie an, es hochzuheben und so tat sie.

Du bist nicht von hier, oder?“ fragte es sie und sie musste mit dem Kopf schütteln.

Wo bin ich hier?“ fragte sie es.

Na in unserem Land! Und du hättest gerade fast einen der unsrigen gegessen!“

Das tut mir leid… doch wer seid ihr?“

Wir sind natürlich die Bewohner dieses unseren Landes!“

Sie sah ein, dass sie so nicht weiterkommen würde.

Ich bin einem Eichhörnchen gefolgt. Hast du es gesehen?“

Natürlich! Es ist da lang gelaufen!“ sprach das Bärchen und deutete irgendwohin.

Kannst du mir einen Weg zeigen?“ fragte sie hoffnungsvoll.

Sicherlich! Geh mal dorthin!“ sprach es und zeigte woanders hin.

Wie angewiesen ging sie in die besagte Richtung.

Lebt hier eigentlich alles? Darf ich denn nichts anfassen?“ fragte sie, als sie Hunger verspürte und alles leckere vor ihr davon huschte.

Doch! Ich zeig es dir gleich – Siehst du? Dort ist der Fluss!“

Tatsächlich näherten sie sich nun einer Art Fluss. Er war nicht sehr breit, doch sonderbar gelblich.

Folge dem Gelben Fluss bis zu seinem Ziel!“ wies das Bärchen sie an.

Ich danke dir“, sprach sie.

Und nun lass mich herab“, wies es sie an und man tat wie geheißen.

Das Bärchen stapfte zu einem Haufen der seltsamen Würfel, umrahmt von ebenso seltsamen Blumen.

Wenn du Hunger und Durst verspürst, esse dies und trinke aus dem Fluss“, sprach es und verschwand nun endgültig im Getümmel der bunten Gummiwiese.

Als das Bärchen entschwunden war, probierte sie von den Würfeln. Sie waren klebrig und süß, doch gefielen sie ihr. Daraufhin trank sie von dem Fluss und es war Bier.

Nach einer Weile machte sie sich wieder auf den Weg.

Sie folgte stets dem Flusslauf, der sich in leichten Bögen durch die Wiese schlängelte. Bald wich der federnde, bunte Gummiboden einer dunklen, harten Ebene. Statt Gummipflanzen fand sie hier zwar von der Gestalt her gewöhnlich aussehende Pflanzen und sogar vereinzelte Bäume vor, doch waren sie genauso dunkelbraun wie der Boden, nur manchmal aufgehellt von weißen Blüten und Tupfern.

Neugierig fasste sie das Blatt eines Baumes an. Es war hart und kam ihr bekannt vor. Sie brach das Blatt ab und probierte davon ein Stück. Es war Schokolade. Sie nahm sich eine Handvoll der Blätter mit, doch da sonst nichts weiter in dieser Ebene vorhanden war, sich nichts und niemand bewegte, setzte sie ihren Weg bald fort.

Nach einer Weile tauchte vor ihr ein Wald auf. Er sah völlig gewöhnlich aus, bis auf den geringen Umstand, dass er gänzlich in Lila und seltener auch in Schwarz gehalten war. Teilweise hingen erneut die federartigen Pflanzen von den Bäumen, mit denen sie bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, sämtlich in verschiedenen Arten von Lila, doch meist heller als die, welche sie bei ihrer Ankunft gesehen hatte.

Er verströmte eine warme, beruhigende Aura, so betrat sie ihn zuversichtlich. Es gab keine Wege, also folgte sie weiter dem Flusslauf und trank dann und wann einmal einen Schluck von diesem.

Irgendwann begegnete sie der Ratte.

Guten Tag meine Kleine, was führt dich hierher?“

Kleine? Waren Ratten nicht immer kleiner gewesen als sie? Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Hände anders aussahen. Verwundert betrachtete sie sie. Verändert wirkten sie, doch konnte sie nicht genau bestimmen, warum. Und warum wirkten die Bäume so groß?

Kinder wie du sollten hier nicht alleine sein. Wo gehst du hin? Lass mich dich begleiten!“ bot ihr die Ratte nett an.

Doch sie achtete nicht auf die Ratte. Sie musste die Wahrheit über sich selbst herausfinden. Wo konnte sie sich hier selbst betrachten und erklären? Ihr fiel der Fluss ein. Ihr Spiegelbild war verschwommen und undeutlich. Geistesabwesend spielte sie mit ihren Zöpfen. Waren die schon immer da gewesen? – Natürlich.

Hast du vielleicht etwas zu essen bei dir? Ich verhungere“, sprach die Ratte bittend.

Nachdenklich knabberte sie an einem der Schokoladenblätter und achtete nicht auf die Ratte. In der Ferne sah sie Schmetterlinge zum Tanz aufwarten. Begeistert sprang sie auf und lief ihnen nach, jedes Mal freudig lachend, wenn sie ihren Fängen entfleuchten und erneute Kreise in der Luft zu drehen wagten.

Warte, ich komme mit!“ rief ihr die Ratte hinterher und eilte sich.

Stolpernd kam sie auf die Beine und rannte dem Mädchen nach, doch verfing sie sich alsbald im Gestrüpp und stolperte, nun nicht mehr freikommend.

Warte! Bitte hilf mir hier raus! Ich werde sterben!“ quiekte die Ratte vor Angst, doch hörte sie bereits niemand mehr.

Die Schmetterlinge leiteten das Mädchen tiefer in den Wald, fern des Flusses, eh sie unerwartet verschwanden und das Mädchen nun allein im Dunkel zurückließen. Verloren stand sie da und sah sich nach allen Seiten um, doch war sie gänzlich allein.

Hallo?“ rief sie ins Dunkel und fürchtete sich.

Und nichts geschah.

Sie fühlte sich allein und verlassen. Sich auf den Boden setzend, fing sie lautstark an zu weinen.

Warum weinst du denn?“ fragte eine sanfte, tiefe Stimme bald.

Überrascht hörte sie auf zu weinen und sah auf. Da stand vor ihr ein großer Hund und blickte sie sanft an.

Wer bist du?“ fragte sie ängstlich.

Ich bin der Bernhardiner. Und du?“ sprach der Hund und lächelte sie freundlich an.

Doch sie musste den Kopf schütteln.

Ich weiß es nicht mehr – ich dachte, ich wüsste es“, sprach sie und Tränen rollten ihr über die Wange.

Weine nicht – ich weiß, wer dir da helfen kann!“ sprach der Bernhardiner.

Sicher?“ fragte sie, nun ein wenig hoffnungsvoller.

Steig auf meinen Rücken, ich bringe dich zu ihnen!“ lächelte der Hund.

Sie fasste Vertrauen, strich über den Hunderücken, spürte das weiche Fell und zog sich hoch. Auf seinem Rücken ruckte sie kurz hin und her, bis sie fest und sicher saß.

Halte dich fest!“ sprach der Hund.

Sie krallte sich in seine Nackenhaare.

Und los!“ rief er und sprintete davon.

Schnell rannte er durch den Wald, sprang über Steine, Büsche, Bäche und Wurzeln. Selten einmal sahen sie einen anderen Bewohner des Waldes, doch bald kamen sie an ihrem Ziel an.

Wir sind da“, sprach er.

Sie standen vor einem großen, verzierten Tor. Es war aus dunklem Holz und umstellt von zahlreichen Bäumen, die den Blick darauf verbargen, was hinter dem Tor liegen mochte. Auf ihm selber zeigten sich Bilder der Landschaften, die sie auf ihrem Weg durchquert hatte und Wesen, die sie gesehen hatte, doch auch noch zahlreiche andere, die ihr bisher unbekannt waren.

Der Bernhardiner kniete sich nieder, damit sie leichter absteigen konnte.

Hier muss ich dich nun verlassen. Ich wünsche dir auf deinem Weg noch viel Glück“, sprach er. Und machte sich ohne ein weiteres Wort wieder davon.

Sie sah ihm kurz nach. Als er im Dunkel in der Ferne verschwunden war, drehte sie sich um und sah sich erneut das Tor an. Sie erkannte das Bärchen und den Bernhardiner in den Verzierungen, doch nirgends einen Knauf, ein Schlüsselloch oder einen Klopfer. – Nichts, um das Tor zu öffnen. Sie schickte sich an, mit der Faust anzuklopfen, da öffnete sich das Tor plötzlich wie von alleine.

Eine gähnende, endlose, schwarze Dunkelheit erwartete sie.

Hallo?“ rief sie hinein, doch niemand antwortete.

Während sie noch überlegte, ob sie nun eintreten solle, huschte ein kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen an ihr vorbei und verschwand im Dunkel hinter dem Tor.

Kenn ich dich nicht?“ murmelte sie verwirrt.

Warte!“ rief sie und eilte dem Tier hinterher.

Konnte sie sich anfangs noch im Dämmerlicht, dass von draußen durch das Tor hereindrang, den Gang entlang bewegen, so ging das nicht mehr, nachdem sich das Tor plötzlich geschlossen hatte. Doch der Gang leuchtete wie von selbst, glühte in einem schimmernden, grünlichem Licht. Die Wände schienen mit leuchtendem Moos bewachsen zu sein. In der Ferne vor sich sah sie das kleine Tier davonhuschen und ohne einen Blick zurück zu werfen, eilte sie ihm nach.

Der Gang knickte recht bald rechtwinklig ab nach Rechts, bald nach Links, so dann wieder Rechts und immer so fort und oftmals spaltete er sich auch in zwei oder drei weitere Gänge auf, doch ließ sie sich nicht beirren und folgte stets weiterhin dem kleinen Tier.

Endlich erreichten sie ein weiteres Tor. Das Eichhörnchen huschte durch ein kleines Loch neben dem Tor, zu eng für das Mädchen.

Doch dieses Tor hatte einen Knauf, ein Schlüsselloch sowie einen Klopfer. Letzteren benutzte sie, um brav anzuklopfen.

Wenn du meinst es tun zu müssen, trete ruhig ein“, ertönte eine Stimme von der anderen Seite des Tors.

Vorsichtig drehte sie am Knauf und zog am Tor. Leicht schwang es auf. Sie betrat einen runden Raum, der bis auf ein paar große Kissen am Boden vollkommen leer zu sein schien. Ein weiteres Tor befand sich auf der anderen Seite des Raumes.

Behutsam schloss sie das Tor hinter sich wieder.

Wenn du erschöpft bist, setze dich doch“, sprach es in ihrem Rücken.

Erschrocken drehte sie sich wieder dem Raum zu, wo nun auf den Kissen ein älterer Mann saß. Ein kurzer weißer Vollbart zierte sein Gesicht, seine weißen Haare waren kurz und er war in weite, weiße Gewänder gekleidet. Er lächelte freundlich und deutete auf die Kissen vor sich.

Sie setzte sich ihm gegenüber.

Wer sind sie?“ fragte sie.

Was glaubst du, wer ich bin?“

Sie kommen mir bekannt vor…“, murmelte sie.

Dann werde ich das wohl auch sein. Woher kennst du mich denn?“

Ich…ich weiß es nicht. Ich glaube, ich wusste es einmal.“

Was führt dich zu mir?“

Sie deutete auf die Löcher neben beiden Türen.

Das kleine Tier – Ich bin ihm hierher gefolgt.“

Das Eichhörnchen? Warum bist du ihm denn gefolgt?“

Ein Gefühl…ich musste es tun…“

Woher kommst du?“

Ich weiß es nicht mehr“, sprach sie und blickte traurig drein.

Weißt du denn, wer du bist?“

Nein, aber ich sollte es wohl.“

Warum siehst du aus wie ein kleines Mädchen?“

Ja bin ich denn keins?“ entgegnete sie und runzelte verwirrt die Stirn.

Du bist, was du glaubst zu sein. Warst du schon immer ein Kind?“

Ich glaube schon…“

Ich glaube das nicht. Ich glaube, du fliehst nur vor etwas, vor dir. Gefällt es dir hier?“

Schon, aber… Ich will zurück…“

Zurück wohin?“

Ich weiß es nicht mehr“, sprach sie verzweifelt.

Warum bist du geflohen?“

Eine schwache Erinnerung kam in ihr auf.

Ich wollte allein sein…es ist alles zuviel. Ich bin müde.“

Was ist zuviel?“

Mein Leben…all die Aufgaben…all die Menschen, die etwas wollen…“

Und da fliehst du lieber?“

Hier habe ich keine Aufgaben…“

Was ist mit den Menschen, die dich lieben? Sie werden sich sorgen. Warum sprichst du nicht mit ihnen, ob sie dir helfen?“

Ich möchte machen, was ich will…“

Und sie würden das nicht verstehen? Dir nicht helfen?“

Vielleicht…“

Was stört dich?“

Es ist zuviel, zu anstrengend…“

Lohnt es sich nicht? Einfacher wirst du es nicht bekommen. Warum arbeitest du nicht mit dem, das du hast?“

Ich weiß es nicht…“

Vielleicht weißt du es doch. Gehe durch das Tor hinter mir“, sprach er und deutete auf ebendieses.

Und sie tat wie ihr geheißen.

Der nächste Raum hatte dieselbe Form wie der andere, doch war dieser hier reicher ausgestattet. Anstelle von Kissen gab es Liegen und einen Tisch, bedeckt mit Geschirr und Nahrung. Ein Kamin spendete Wärme. Pflanzen und Blumen bedeckten die Wände. Ein älterer Mann lag auf einer der Liegen, sein langes Haar und sein dichter krauser Vollbart bereits grau, gekleidet in ein graues Gewand. Er lächelte sie an und deute auf die Liege sich gegenüber.

Setz dich doch“, sprach er.

Und so tat sie.

Nimm dir etwas zu essen. Fühlst du dich wohl?“

Sie nahm ein paar Trauben, doch schüttelte sie den Kopf.

Was macht dir zu leiden?“

Mein Leben…“, seufzte sie.

Macht es dir keine Freude?“

Nun, manchmal. Nicht immer. Es sollte einfacher sein.“

Und manchmal sollte man unangenehme Dinge erdulden, um am Ende mehr Freude daran zu haben. Nimm doch ein paar Trauben“, sprach er und deutete auf diese, doch sie schüttelte den Kopf.

Nein danke. – Und es gibt zu viele unangenehme Dinge.“

Mach dir darüber doch nicht so viele Gedanken. Genieße die guten Dinge. Vergesse die schlechten. Denk immer an die Guten und schütze sie, freue dich an ihnen.“

Ich bin mir aber nicht sicher.“

Zweifle doch nicht soviel! Vertrau auf deine Freunde und die Menschen, die dich lieben. Verschließe dich ihnen nicht, sondern spreche mit ihnen, hab Vertrauen.“

Ich frage mich immer, ob es anders nicht besser wäre, einfacher, schöner.“

Sehn dich nicht nach anderem! Ist es ähnlich wie das, was du hast, dann ist es nutzlos. Denn einst hast du dich auch nach dem gesehnt was du nun bereits hast. Ehre es also entsprechend! Und vergesse nicht das, was du liebst, sonst wirst du es verlieren. Kümmere dich um sie, dann bringen sie dir mehr Freude.“

Das versuche ich ja…“

Versuche es nicht nur, tu es. Erfreu dich eines schönen Lebens, doch schade nicht anderen. Ziel deines Lebens ist die Freude. Doch gib dich nicht Gelüsten hin. Hab Freude am Frieden und deinen Freunden. Leb dein Leben, habe Spaß, und denke nicht so viel an den morgigen Tag.“

Nachdenklich nickte sie.

Und nun flieh nicht mehr. Gehe heim zu deinen Lieben. Erinnere dich wieder an dich selbst. Und an sie. Gehe zu ihnen.“

Plötzlich bemerkte sie das kleine Eichhörnchen, welches neben dem Ausgang des Raumes hockte. Überrascht stand sie auf.

Folge ihm!“ sprach der Mann.

Das Tor aus dem Raum öffnete sich und das Tier verschwand hindurch. Sie folgte ihm durch einen langen, dunklen Gang. Irgendwann war das Eichhörnchen ohne Vorwarnung verschwunden. Verwirrt stapfte sie weiter den Gang entlang.

Wach auf“, klang plötzlich eine Stimme dumpf aus dem Dunkel.

Was? Wer da?“ fragte sie und sah sich um, doch sah nur Schwärze.

Wach auf!“ erklang es erneut, lauter.

Zeig dich!“ rief sie und ging sich umsehend weiter.

Unvermittelt tauchte ein Lichtschein vor ihr auf. Sie hielt darauf zu.

Wach auf!“ ertönte es ein drittes Mal.

Sie meinte, das Eichhörnchen vor sich im Licht zu erkennen und folgte ihm, tauchte ein in das blendende Licht.

III

Jetzt wach schon auf!“

Sie öffnete die Augen und sah das Gesicht von B. vor sich.

Was? Wo bin ich?“ murmelte sie verschlafen.

Wir sind im Park“, antwortete er.

Langsam erkannte auch sie diesen Umstand. Sie lag an einen Baum gelehnt, nah eines dichten Gebüschs, durch das kein Mensch jemals würde kommen können.

Ich habe dich hier gefunden. Ich habe mir Sorgen gemacht“, ergänzte er und strich ihr über die Stirn.

Du sollst dich nicht so um mich sorgen“, sprach sie und stand auf, doch schwankte und musste von ihm gestützt werden.

Würde ich es nicht machen, wärst du mir egal“, erwiderte er.

Sie wollte etwas antworten, doch erinnerte sie sich an die alten Männer und was sie ihr gesagt hatten. So lächelte sie nur und umarmte ihn.

Lass uns zurückgehen“, sprach er und sie nickte.

Bald waren sie wieder daheim, wo E. sie erwartete.

Na endlich bist du wieder da, wir warten doch schon alle“, sprach er und verschwand in einem anderen Raum.

Komm mit“, ergänzte B. und nahm sie mit in diesen Raum, wo ihre Freunde sie erwarteten und bereits feierten.

Später war sie mit B. kurz allein.

Es tut mir leid, wie ich war“, sprach sie.

Er nahm sie in den Arm.

Ich weiß, wie du bist. Und ich bin immer für dich da. Wenn du Zeit für dich brauchst, bekommst du sie, und tue nie etwas, das du nicht willst.“

Danke“, sprach sie nur.

Du bist eines der wichtigsten Dinge auf dieser Welt für mich. Ich möchte nur, dass du glücklich wirst. Ich liebe dich.“

ENDE

Darsteller

Sie – Die Flüchtige

B. – Der Freund

E. – Der Mitbewohner

Der Lehrende – Ein Beliebiger

Mitlernende – Beliebige

Das Eichhörnchen – Es selbst

Das kleine Bärchen und das große Bärchen – In Rot und Grün

Die Einwohner des Gummilandes – Von sämtlichen Herstellern

Die Ratte – aussuchbar

Der Bernhardiner – Nun ratet doch mal

Der weise weiße alte Mann – S.

Der weise graue alte Mann – E.


Geschichten aus Lurruken, Teil IX: Die Entführung

Oktober 1, 2008

I

Keuchend vor Anstrengung stürzte sie durch das Unterholz. Äste, an denen sie hängen blieb, zerrissen ihr das Kleid und ritzten ihr die Haut auf. Aber sie bemerkte keinerlei Schmerz. Gehetzt übersprang sie einen Bach und verlor dabei das Schwert. Blutbefleckt und rostig wie es war, fiel es in den Bach.

Dort!“ hörte sie die raue Stimme Rîmirns.

Erschrocken blickte sie zurück. Tatsächlich waren die Drei nicht fern.

Bleib stehen!“ rief Scôval ihr nach.

Schnappt sie euch!“ befahl dagegen der Mahaccar.

Keine Zeit das Schwert zu holen. Doch das kam ihr sowieso nicht in den Sinn. Schnell drehte sie sich um und rannte, immer weiter, über Stock und Stein, durch Büsche und über Abgründe, nicht mehr zurückblickend, nur noch voraus. Doch bald schon konnte sie nicht mehr und rutschte an einer Grube aus. Sie stürzte schwer, ihr Kopf schlug auf einen Stein. Blut lief ihr in die Augen, bevor es schwarz wurde.

~

Wir müssen sie finden“, sprach der Mahaccar, „sucht dort!“

Aber sie hatten die Spur verloren. Er musste es sich eingestehen. Deshalb war er auch nicht überrascht, als Scôval und Rîmirn achselzuckend und kopfschüttelnd zurück kamen.

Nichts – Sie ist weg“, berichtete Scôval.

Verdammt!“ entfuhr es dem Mahaccar – und als er sich beruhigt hatte: „Gehen wir zurück.“

Wartet, da – in der Grube – was ist das?“ machte Rîmirn sie auf etwas aufmerksam.

~

Erst als es dunkel wurde, wachte sie auf. Neblig war es, doch sie hörte den nahen gurgelnden Bach. Nach dem sie sicher war, dass die Drei verschwunden waren, lehnte sie sich erschöpft zurück. – Doch nein, nicht ausruhen. Die lange nächste Zeit schonte sie sich nicht, schlief auch nicht, ging immer vorwärts, Tag um Tag; soweit weg wie nur möglich und zurück Richtung Daheim.

Am Morgen des zweiten Tages erreichte sie die Ausläufer des Moores. Diesen folgend, kam sie bald in die Nähe von Scittz. Erst hier fand sie die Straße nach Hause. Es würde nur noch wenige Stunden dauern, dann sollte sie endlich wieder Zuhause sein. Ob man sie so aber erkennen würde? Ihr Kleid war zerrissen, ihre Haare zerzaust und zudem war sie verschmutzt wie noch nie. Halb verrückt vor Angst und Erschöpfung schleppte sie sich den Weg entlang.

Die Sonne stand tief und rot, die Schatten wurden lang – doch endlich, endlich war sie da! Niemand von denen, die ihr begegneten, schenkten ihr auch nur die geringste Beachtung, doch sie konnte es ihnen auch nicht verdenken. Sie musste aussehen wie eine Landstreicherin. Bald schon bog sie auf eine Straße, die aus dem Dorf wieder herausführte und gerade als Dunkel wurde, hatte sie es geschafft. Daheim. In Sicherheit!

II

Ich möchte noch etwas!“ verlangte Dittoril habgierig.

Tut mir Leid; es ist nichts mehr da“, sprach Attahir.

Geh spielen!“ sprach da Hoccamar und Dittoril folgte dem Befehl.

Sei nicht so hart, er ist doch nur ein Kind“, rügte Attahir da.

Ich weiß, aber wir können ihn nicht alles durchgehen lassen“, sprach Hoccamar, doch grinste.

Ach, ich liebe dich“, sprachen sie fast gleichzeitig und lachten.

Draußen wurde es gerade Dunkel.

~

Dittoril lief lachend durch das Unterholz und stöberte Schmetterlinge und Vögel auf, derweil Attahir tiefer im Wald nach Pilzen und Beeren suchte. Es war ein friedlicher Tag und die Sonne schien.

Doch plötzlich tat sich der Boden auf. Mit einem überraschten Aufschrei erwartete Attahir einem schwarzes Loch der Bewusstlosigkeit einen Besuch ab.

~

Los, wach auf!“ sprach jemand und die Worte knallten förmlich.

Mühsam den Schleier der Ohnmacht von sich schiebend wurde bald klar, dass ein Mann Attahir ins Gesicht geschlagen hatte.Ein abstoßendes zahnloses Gesicht grinste.

Willkommen zurück“, sprach der kleine hässliche Mann mit den verfilzten Haaren.

Scôval, geh zur Seite!“ forderte da eine weitere Stimme und die magere Gestalt gehorchte, weiterhin grinsend.

Dem Blick freigegeben war nun ein Mann in den mittleren Jahren, die verfilzten schwarzen Haare schulterlang, das Gesicht unrasiert. Gelassen lehnte er an einem Baum. Man hätte sein Äußeres ansprechend finden können, wäre er nicht zerlumpt wie ein Bettler gewesen. Nun kam er näher.

Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“ fragte er spöttisch.

Attahir versuchte zu antworten, doch ein Knebel verhinderte diesen Versuch.

Wir können dich doch hier nicht alles zusammenschreien lassen“, sprach er und unerwartet traf eine Ohrfeige Attahirs Gesicht. Kurz darauf ergänzte er, nun herablassend und abschätzend schauend: „Du brauchst nicht zu antworten – jedenfalls… – du kommst mit uns.“

Attahir versuchte sich zu bewegen, doch Fesseln verhinderten dies.

Rîmirn, schneide unseren Gast von diesem Baum, dass wir los können. Ich möchte Borhatt ungern warten lassen“, sprach der Mann herrisch und ungeduldig.

Hinter Attahir raschelte es, dann folgte ein kurzes Hackgeräusch und die Fesseln fielen. – Aber nicht alle, die Hände waren weiterhin verbunden.

Vorwärts!“ bellte eine raue Stimme von hinten, gefolgt von einem spitzen Pieksen in den Rücken.

Den Anweisungen lieber folgend, stolperte Attahir voran.

Borhatt wird erfreut sein“, sprach der herrische Mann nach einem abschätzenden Blick Attahir gegenüber.

Unterwegs wurde klar, was eigentlich offensichtlich war: der Mann hörte sich zu gerne selber sprechen. Aber dafür kamen Attahir andere Gedanken. Was wohl mit Dittoril geschehen war? Hoffentlich ging es ihm gut und er war zurück zu Hoccamar gelaufen. Vielleicht suchten sie ja auch schon nach Attahir.

Da sind wir“, störte der Mann diese Gedankengänge.

Es war ein kleines Lager, ohne Feuer, nur mit etwas gelagertem Gepäck – und einer jungen Frau, die geknebelt an einen Baum gefesselt war. Es wurde sich aber nicht aufgehalten, auch folgten keine Begrüßungen. Die Männer befreiten die Frau von der Umarmung des Baumes, schnappten sich ihre Sachen und setzten ihren Weg fort, immer die versinkende Sonne im Rücken habend; ihre Gefangenen trieben sie vor sich her und hielten später noch zwei Stunden auf den weißen Mond zu. Sie hatten es scheinbar eilig, doch kamen sie nur langsam voran. Dafür bekamen die Gefangenen so manche Schelte. Erst gegen Mitternacht machten sie Halt. Die drei Männer schliefen am Boden, immer noch ohne Feuer, ihre Gefangenen fesselten sie an zwei Bäume. Erst am Tag darauf durften diese ihren natürlichen Verpflichtungen nachgehen. Morgens befreite man sie nacheinander und ließ sie in den Büschen verschwinden. – Doch stets hielt ein verbliebenes Seil sie von der endgültigen Flucht ab.

Wer bist du?“ fragte Attahir die Frau mit gedrückter Stimme, als sie kurz Ruhe hatten, derweil die Männer beschäftigt waren, „Mein Name ist ist Attahir.“

Die Frau hatte sichtlich Angst zu antworten. Ihre Augen waren weit geöffnet und zuckten ständig unruhig zu ihren Entführern, als erwartete sie jederzeit Strafe für ihr Flüstern.

Lattir – Lattir Lôrvattz“, presste sie schließlich zwischen den Zähnen hervor, „aus Gêmitzter.“

Trotz ihrer Lage musste Attahir lächeln. – Möglicherweise war es dies, was Lattir nun beruhigte.

Gêmitzter – das liegt nicht weit weg von meinem Dorf – ich komme aus Dôrhattz.“

Ruhe dort hinten!“ kam ihnen jedoch nun Scôval verärgert dazwischen, als man ihr Tuscheln bemerkte, und warf einen kleinen Stein, einem Kiesel gleich, zwischen sie.

Lattir zuckte erschrocken zusammen und zitterte nur noch.

Hab keine Angst, ich lass mir etwas einfallen!“ sprach Attahir noch schnell und flüsternd, bevor dies zu strafen Rîmirn sich erhob und ihnen beide ins Gesicht schlug.

Ihr habt still zu sein – kein Gerede!“ herrschte er sie noch an.

Trotzdem bekamen beide später noch zu Essen. Als die Reise weiterging, zerrten Scôval und Rîmirn sie an Seilen hinter sich her, im Morast und Laub des Waldes oft stolpernd. Das Unterholz war weiter dicht und sollte es noch lange bleiben, bis sie das unbewaldete Cerhlicg-Tal erreichen würden. Denn dorthin waren sie unterwegs, das konnte Attahir an ihrer Bewegungsrichtung erkennen.

Wohin bringt ihr uns?“ war daher die Frage, welche Attahir sich später am Tage zu fragen getraute.

Scôval ruckte zur Strafe stark am Seil, doch sein Anführer ließ sich zu ihnen zurückfallen und ging halb neben Attahir daher.

Das geht dich zwar wirklich nichts an, doch ihr werdet es ja eh sehen“, sprach er herablassend, „wir bringen euch zu Borhatt, unserem Herrn.“

Das war Attahir aber auch schon klar. Doch weiter? Von Borhatt redete man sogar in Dôrhattz. Er sei ein Raubritter, so sprach man, der in den Bergen östlich des Cehrlicg-Tales lebte und von dort seine Raubzüge durchführte.

Aber warum wir? Demirus ist weit von Borhatt entfernt!“

Ah, aber hübsche Diener sind immer gefragt“, sprach der Mann mit einem bösen Unterton in der Stimme, und Scôval lachte dreckig, „und es ist unklug, diese in der Nähe unserer Burg zu suchen, denn Dracgmoyrch ist nicht weit und die Wächter der Stadt vermeiden wir lieber.“

Das war auch Attahir in der Lage nachzuvollziehen. Doch offenbarte sich damit auch eine Möglichkeit, wenn denn Dracgmoyrch nicht fern war. Aber nun kamen auch wieder Gedanken an Dôrhattz auf. Die Hoffnung, dass es Dittoril und Hoccamar gut gehen würde, schimmerte als leuchtender Schein in Richtung der untergehenden Sonne. Doch fehlten sie auch. Würden sie Drei noch einmal vereint sein?

Attahirs Gedanken wurden erneut gestört, als wenige Schritte weiter Lattir über die knorrige alte Wurzel eines beeindruckenden Baumes stolperte und fiel. Rîmirn bemerkte dies, als das Seil in seiner Hand sich straff spannte und er mit einem Ruck anhalten musste. Die Augen angestrengt verengend blickte er zurück.

Steh auf. Geh weiter!“ rief er ihr zu.

Doch Lattir saß nun am Boden, die Hände und den Rock verdreckt. Bei seinen Worten brach sie in Tränen aus. Attahir wollte zu ihr eilen, sie in den Arm nehmen, trösten – doch Scôvals Seil verhinderte dies. Auch Rîmirn ruckte nun stark an seinem Seilende, so dass es sich um Lattirs Hals noch weiter zuzog. Würgend ergriff diese das Tau, es um ihren Hals lockern wollend, doch bewirkte sie damit nichts weiter, als dass Rîmirn noch stärker zog. Attahir wehrte sich gegen Scôval, um an Lattir zu kommen.

Hört auf mit dem Unsinn, wir brauchen sie noch!“ kam der Anführer der Männer ihnen hier dazwischen, sichtlich erbost.

Ohne Verzögerung gehorchte Rîmirn, und Scôval ließ Attahir soviel Seil wie nötig war, um an Lattir heran zu kommen.

Sehr wohl, Mahaccar“, hörte Attahir Rîmirn sagen und legte einen tröstenden Arm um Lattir, die nun schmutzig und verheult war und nach Waldboden roch.

Sie kamen an diesem Tag nicht mehr weit. Es dauerte lange, Lattir zu beruhigen und bald war es zu dunkel, weshalb der Mahaccar, als was er bezeichnet wurden war, das nächste Lager anordnete. Die Nachtvögel sangen, wilde Tiere mieden das Feuer, der weiße Mond stand hoch und der Wald duftete größtenteils nach Kräutern – doch Attahir konnte dies sicherlich nicht genießen. Aus Strafe für ihr Verhalten hatte man Lattir nun stärker gefesselt und auch geknebelt, solange sie nicht gerade Nahrung zu sich nahm. Attahir blieb nichts weiter, als zu schweigen, da sonst die gleiche Strafe drohte.

Nach einer für Attahir erst sorgenvoll durchwachten und erst spät durch Erschöpfung auch schlafend erlebten Nacht, wurden die Gefangenen des Morgens unsanft mit Fußtritten geweckt.

Macht euch fertig – wir wollen in einer Stunde los“, sprach Scôval mit seiner rauen Stimme.

Den beiden blieb also kaum Zeit, sich fertig zu machen. Der Mahaccar erklärte ihnen aber immerhin, dass sie es eilig hätten zu Borhatt zu kommen; erklärte es ihnen so, als seien sie mittlerweile seine liebsten Haustiere. Attahir hielt es schon jetzt nicht mehr aus. Der Drang zu Dittoril und Hoccamar zurückzukehren, ließ nicht nach, wurde sogar stärker. Ob sie sich Sorgen machten? Hoffentlich nicht. Irgendwie musste eine Flucht gelingen. Doch wie dies anstellen? Rîmirn und Scôval hatten sie beide fest am Seil und bei einem Fluchtversuch würde man sie beide erwürgen oder gar mit den Schwertern erschlagen. Es schien aussichtslos. Ein Wunder musste wohl geschehen.

Doch es kam kein Wunder. Diesen Tag nicht, auch nicht am nächsten. Aber da geschah etwas anderes. Gegen Mittag mussten sie einen kleinen Bach überqueren. Sie befanden sich mitten im dichtesten Wald. Attahir wusste nicht, wo genau, denn dies war viel zu weit von Dôrhattz entfernt im Niemandsland, auch noch fern vom Cerhlicg-Tal. Der Bach war zwar schmal, doch tief und schnell genug eine Gefahr darzustellen. Die Männer schienen diese Stelle aber zu kennen, denn ein Baumstamm ermöglichte die Überquerung. Der Mahaccar ging denn auch ohne zu zögern voraus. Langsam und vorsichtig, doch kaum wartend. Erst am anderen Ufer hielt er an. Rîmirn folgte als nächster, Lattir sollte warten, bis er drüben war.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den nächsten auf dem glitschigen, alten Baumstamm. Für Gleichgewicht brauchte er nicht zu sorgen, hielt er sich doch mit dem Seil an Lattirs Hals in der Geraden. Doch gefiel dieser das natürlich gar nicht. Rîmirn war auf der Hälfte der Strecke angelangt, da zog sie heftig am Seil. Sofort verlor er das Gleichgewicht. Den Halt auf dem rutschigen Stamm verlierend, fiel er langsam nach hinten. Mit den Armen rudernd und mit einem überraschten Aufschrei, stürzte er. Das Wasser platschte. Ein dumpfer Laut verkündete, dass Rîmirn gelandet war. Lattirs Seil baumelte nun nutzlos herab.

Für einen Moment waren alle zu überrascht um zu handeln. Scôval war der erste, der etwas tat. Sein Seil fallen lassend, griff er an seine Seite und zog sein Schwert. Das war sein Fehler. Denn Lattir, immer noch ihren Gefühlen folgend, rannte auf ihn zu. Und bevor er sich versah, schubste sie ihn den Abhang hinunter, dem rauschenden Griff des Wassers entgegen: Ein Tritt zwischen die Beine zerstörte die Abwehr, ein zweiter in den Rücken ließ ihn stürzen. Der Mahaccar sah dem allen nur fassungslos zu. Auch Lattir schien bald nicht zu wissen, was weiter zu tun sei.

Komm, lauf!“ rief Attahir ihr zu und schnappte sich Scôvals fallen gelassenes Schwert.

Doch Lattir war wie gelähmt. Erst als Attahir sie am Arm packte und Richtung Wald zurück zog, kam langsam wieder Leben in sie.

Ohne zu Denken rannten sie fort. Ohne Plan liefen sie gen West. Ohne sich umzusehen stolperten sie über Steine, sprangen über Äste und kämpften sich durch das Unterholz. Ihre Seile trugen sie bei sich, um nicht darüber zu stolpern. Allerdings waren sie schwer und unhandlich und so verlor Lattir ihres bald. Es verhakte sich zwischen Baumwurzeln. Sie bemerkte es aber nicht und lief weiter; so geschah, was geschehen musste: Mit einem Ruck wurde sie von den Füßen gerissen und landete unsanft auf dem feuchten Boden. Würgend rang sie mir dem Seil. Attahir handelte schnell und nutzte Scôvals Schwert, sie zu befreien, tat dasselbe bei sich selber. Doch bis es soweit war, hörte man bereits die nahenden Stimmen der drei Männer.

So bringt das nichts“, stellte Attahir fest, „lass und getrennt vorgehen! Hier, versteck dich dort hinten in den Büschen; ich lenke sie ab. Besuche mich in Dôrhattz, wenn wir dies hinter uns haben!“

Attahir schickte Lattir in erwähnte Büsche, nahm das Schwert und wartete noch kurz an den Wurzeln. Kaum, dass die Männer kurz außerhalb der Sichtweite waren, sollten sie laut krachende Äste hören und an einem Baum die Seile ihrer Gefangenen sowie deutliche, nach Westen führende Spüren finden. Schnell folgten sie diesen. Die Verfolgungsjagd dauerte noch Ewigkeiten. Abends hatten sie wieder kurz Sicht auf Attahir, doch verloren sie diese auch bald wieder. Bei Sonnenuntergang hörten jegliche Spuren auf. Nichts war mehr zu finden von ihren Gefangenen.

III

Endlich daheim! Endlich zurück bei ihrem geliebten Mann. Sie hoffte, Zuhause wäre alles in Ordnung. Überschwänglich froh näherte sie sich ihrem Haus. Es sah aus wie immer, nichts hatte sich geändert. Die Lichter waren entzündet, da es langsam Dunkel wurde. Im Haus brannte ein Feuer.

Sie fand ihn im Garten vor, über den Holzstapel gebeugt. Auch er hatte sich nicht geändert. Wie froh und überglücklich sie doch war, ihn endlich wieder zu sehen! Aufgeregt und überhastete stürzte sie los, so sehr hatte sie ihn vermisst. Ihm würde es sicher genauso gehen; schreckliche Sorgen muss er sich um sie gemacht haben.

Aber warum beachtete er sie nicht? Hatte er sie nicht gehört? Warum erhob er sich nicht, als er ihre Schritte vernehmen musste? Doch nichts konnte ihre Freude in diesem ihrem Moment aufhalten. Sie stürzte sich förmlich auf ihn, ihn zu begrüßen; warf sich an seine Brust, als er langsam aufstand.

Doch sie lief ins Leere. Ohne sie zu beachten, ging er an ihr vorbei, um die Ecke des Hauses, ins Innere hinein. Sie blieb bloß verwundert zurück. Seinen Namen versuchte sie zu rufen. Da merkte sie, dass sie nicht mehr sprechen konnte. So sehr sie es auch versuchte, kein Wort kam über ihre Lippen, kein Laut aus ihrem Mund. Was geschah hier? Ihre Freude schlug in Furcht um. Einem Gedanken folgend bückte sie sich, einen Stein aufzuheben. Doch ihre Finger glitten durch ihn hindurch, wie in einem Traum. Träumte sie?

Ihr blieb keine Zeit nachzudenken, was geschehen sein mochte, hörte sie dich nun einige Männerstimmen von vor ihrem Haus herüberklingen. Sie folgte ihnen zu ihrem Ursprung, doch versteckte sie sich hinter einer Hausecke, um lediglich hervor zu gucken.

Scôval, lass ihn los!“ hörte sie eine Stimme sagen, „Wir sollen ihm doch nur eine Botschaft bringen.“

So beobachtete sie, wie Scôval ihren Mann los ließ und selbst zur Seite trat.

Der größere Mann mit den Narben im Gesicht und den ergrauten Haaren sprach sogleich weiter: „Wenn ihr sie liebend wiedersehen wollt, dann sammelt lieber schnell all eure Schätze zusammen und folgt uns.“

Und zum Beweis seiner Worte warf er eine Kette zu Boden. Ihre Kette, wie sie erkannte.

Ihr Ungeheuer!“ entfuhr es ihrem Mann und sie zuckte schmerzlich zusammen, als ihn Scôvals Schwert mit der flachen Seite am Rücken traf und er auf die Knie sinken musste.

Los jetzt!“ fuhr er ihn an.

Mehr gab es nicht zu bereden. Bald hatten sie sämtliche Wertsachen aus dem Haus zusammengesucht. Sie versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen, doch gingen sie einfach durch die hindurch. Schließlich folgte ihr Mann den beiden gen Ost in den Wald. Immer wieder sprach sie auf ihn ein, doch entstanden keine Geräusche und musste sie hilflos folgen.

Zum ersten Mal nun fiel er auf, dass sich die Umgebung irgendwann im grauen Nebel verlor. Doch dieser Schleier kam nie näher, blieb immer auf Abstand, als umlauerte er sie. Keiner der Männer ließ sich davon etwas anmerken, auch sprachen sie kein Wort. Mit jedem Schritt fiel ihr das Gehen schwerer, auch wenn sie nicht au Äste, Steine, Stämme und Unebenheiten achten musste; eine seltsame Schwere und Müdigkeit bemächtigte sich ihrer, ihre Furche wich der Erschöpfung. Aber sie durfte sich jetzt nicht ausruhen.

Endlich kamen die Männer an, wo immer sie ankommen wollten. Wo es genau war, verlor sich nun im Nebel. Am Rande ihrer Erkenntnis nahm sie einen alten Baum wahr, an den eine Gestalt gelehnt war. Es war ein Mann und um den Baumstamm neben ihn war ein Seil gebunden.

Mahaccar, hier ist ihr Ehemann!“ sprach der Grauhaarige und stellte sich neben den angesprochenen.

Ah!“ machte dieser, „gut gemacht, Rîmirn.“ Und dann zu ihrem Mann: „Ich werde es kurz machen: gebt uns euer Geld und wir geben euch eure Frau.“

Hier, nehmt, doch lasst sie frei!“ sagte ihr Mann unter Tränen und warf dem Mahaccar sein Gepäck vor die Füße, dass sie wieder Kraft gewann.

Genug zumindest, um zu verfolgen, was nun geschah, denn eingreifen konnte sie trotz aller Verzweiflung nicht. Rîmirn nahm das Geworfene auf und verstaute es in einem Sack. Scôval blieb neben ihm. Der Mahaccar zog sein Schwert, holte aus und hackte einmal auf das Seil neben ihm ein. Ein Frauenkörper stürzte aus dem Baum herab.

Da hast du deine Frau!“ lachte Scôval dreckig.

Nein!“ rief ihr Geliebter, stürzte auf die Knie und versank bald in Verzweiflung.

Komm hierher!“ hörte sie dagegen eine schwache Stimme rufen, wie aus weiter Ferne, doch schien es keiner der Männer zu bemerken.

Auch sie achtete kaum darauf. Wer lag da? Unwohlsein und Mitleid drangen durch ihre Teilnahmslosigkeit. Sie ging näher und kniete sich neben ihn. Das Gesicht der Frau – es kam ihn bekannt vor.

Los, lass ihn nicht weiter trauern, damit wir endlich gehen können“, sprach der Mahaccar zu Scôval.

Dieser zögerte nicht, sondern stieß dem Trauernden sein Schwert in den Rücken. Qualvoll und langsam starb er, doch sie konnte ihm nicht helfen; alles um sie herum wurde schwarz.

Epilog

Attahir, komm zu mir“, lockte eine Frauenstimme.

Als Attahir sich umdrehte, stand dort in der Ferne Lattir, unter einem moosbewachsenen alten Baum. Attahir machte sich den Weg den grünen Hügel hinauf. Es erschien leicht wie nie zuvor.

Lattir, es geht dir gut!“ freute sich Attahir, als sie sich gegenüberstanden.

Wie man es nimmt“, lächelte die Frau, „doch ich bin nicht hier. Du findest mich in Borhatt. – Du hast noch eine Aufgabe!“

Was?“ entfuhr es Attahir, doch da verschwand der Boden und machte völliger Schwärze Platz.

~

Attahir, wo sind wir?“ fragte Hoccamar.

Ich weiß es nicht“, kam die Antwort. – Und dann: „Ich dachte, du seist tot.“

Das dachte ich von dir auch“, antwortete Hoccamar.

Und sie sahen sich an und berührten sich – und fielen sich in die Arme.

Aber wir haben eine Aufgabe“, sprach Attahir nach scheinbaren Stunden des frohen Wiedersehens.

Hand in Hand gingen sie auf die düstere Burg in den Berg vor ihnen zu. Niemand hielt sie auf und niemand sah oder überlebte sie.

ENDE

~

Kommentar

Lattir Lôrvattz aus Gêmitzter ist bekannt als Ziehmutter des Dittoril Occorscil aus Dôrhattz, des Mannes, der aus Demirus, dem Teil von Lurruken, bei dessen Untergang ein eigenständiges Land machte und als erster Scatte in die Geschichte einging. Seine Eltern verlor er früh. Nicht allein wegen Lôrvattz entstand die gerade vorgetragene Mär, bestand sie doch Zeit ihres Lebens darauf, in ihrer Zelle in Borhatts Burg damals die Geister ihrer ehemaligen Mitgefangenen beobachtet zu haben, wie sie allein alle Räuber in der Burg töteten und die anderen Gefangenen befreiten.

Tatsache ist jedenfalls, dass Occorscils Eltern zu dieser Zeit unweit ihres Hauses gefunden wurden; ebenso wie das Reich von Lûch Monate später, als es endlich aus Dracgmoyrch seinen Angriff auf Borhatt wagte, nur eine leerstehende Burg vorfand.

Heutzutage ist die Burg Heimat des bekannten Künstlers Cannslach, welcher hier, wie er es nennt, der Natur ihre wildeste Seite aus unmittelbarer Nähe erleben will. Geistern aber ist er nie begegnet, so berichtet er.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 11.08.3994