Zitat des Tages

November 8, 2009
„Küsse, Bisse,
Das reimt sich, und wer recht von Herzen  liebt,
Kann schon das eine für  das andre greifen.“

spricht Penthesilea, nachdem sie  erfährt, wie sie im Zorneswahn ihren  geliebten Achill zerfleischte.

Kleist: Penthesilea (1808)

Als dem Kind kalt war

März 23, 2009

Ein Kindlein mal im Kalten stand,
ganz unschuldig, rein, brav – und doch so kalt,
sich zu wärmen keinen Ort fand,
sollte drum nun finden sein Leben den Halt?

Es suchte ein Zimmer, ganz warm,
ging durch die Stadt, drohend düster sie war.
Diese kleine Maus, doch so arm,
fand ihr Loch, stets offen, hinter ’ner Bar.

Doch dem Kindlein kaum weniger kalt,
das Ende kam, in schlechter Beleuchtung.
Ein Mann sah’s, er dazwischen prallt,
und oh! gibt den Türen ihre Dichtung.


Das Schlaflied

Januar 14, 2009

Viele werden wohl den einen oder anderen Tag in ihrem Leben als einen Tag bezeichnen, an dem sie lieber keinen Fuß vor die Haustüre hätten setzen, geschweige denn überhaupt ihr sich nach ihnen verzehrendes, lockendes und wärmendes Bett hätten verlassen sollen. In den meisten Ländern und Berufen kostete einen bereits ein einziger verpasster Arbeitstag jedoch schnell das notwendige Geld, sich das Mittagessen noch leisten zu können. Auch wenn Aleca nun zwar in solchen Fragen des Lebensunterhaltes als eher gut entwickeltes Land galt, sollte man es wohl trotzdem lieber nicht darauf anlegen.

Caefe Vongoron kam es so vor, als hätte die gesamte letzte Woche für ihn nur aus Tagen der Art des Bloß-nicht-aufstehen-wollens bestanden. Anders als für die meisten Leute jedoch bestand für ihn immerhin aber die Möglichkeit, tatsächlich so lange er wollte im Bett zu bleiben. Denn Caefe Vongoron wurde nicht für unmittelbar sichtbare Arbeit bezahlt, auch wenn niemand etwas dagegen hatte, wenn er welche ausübte, noch für eine bestimmte Zeitspanne, in der etwas erledigt sein musste. Man entlohnte ihn schlicht für die Ergebnisse, die er lieferte und die konnten gut – dies lies sein Ansehen bei seinen Vorgesetzten steigen – oder schlecht sein. In diesem Fall übrigens würde sein Ansehen entweder gleich bleiben oder entsprechend zur Schwere fallen.

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Der geheimnisvolle Dieb

November 29, 2008

Einst  begab es sich, dass in den Salzlanden noch viele Menschen lebten. Die grünen Hügel und flussdurchzogenen Auen waren sogar eine der wichtigsten Ländereien des Reiches von Lurruken. An dem Fluss, welchen man Joral oder Cormoda nennt, lebte nah eines kleinen Dorfes ein älteres Ehepaar. Die Ernten waren dieses Jahr schlecht und sie mussten versuchen sich durch Jagd und Fischfang zu ernähren.
„Verdammt! Es beißt einfach nichts an!“ sagte der Mann bei seiner Heimkehr.
„Gräme dich nicht. Wir haben doch noch Vorräte“, beruhigte ihn seine Frau.
„Aber die gehen auch schon zur Neige!“ meinte er und setzte sich in seinen Stuhl, die Schultern hängen lassend.
Und tatsächlich – am nächsten Morgen fehlte etwas.
„Wo sind unsere Sachen hin?“ fragte er seine Frau.
„Ich weiß es nicht – gestern war doch noch mehr da! Joralratten vielleicht?“ vermutete sie entsetzt.
„Ich werde hier lieber Fallen aufstellen“, grummelte er und machte sich an die Arbeit.
Der Rest des Tages verlief für ihn ohne Glück. Abends kehrte er mit leeren Händen heim.
„Wieder nichts?“ fragte seine Frau traurig.
„Wieder nichts. Ich hoffe, die Fallen erfüllen ihren Zweck, sonst haben wir bald gar nichts mehr“, stellte er fest.
Er schaute nochmal nach den Fallen, bevor sie schlafen gingen. Tags darauf waren sie unberührt – doch es fehlte wieder etwas.
„Das ist schrecklich!“ stellte seine Frau fest.
„Heute Nacht werde ich selber Wache halten!“ beschloss er.
Der Tag wurde für ihn kaum besser als die vergangenen.
„Ich werde hier ausharren bis ich den Dieb erwische!“ sprach er des Abends und setzte sich vor die Vorratskammer.
In der Nacht wachte er von einem Geräusch auf. Etwas huschte vor ihm weg. Doch er griff rechtzeitig danach und zerrte es hoch. Es war ein kleines Männchen!
„Wer bist du und warum stiehlst du unsere Vorräte? Wir werden wegen dir noch verhungern!“
„Tu mir nichts!“ quiekte das Männchen in seinem kleinen Anzug und wedelte mit den kleinen Händchen, „ich verspreche dir, das Gestohlene zu ersetzen und tausendfach für Vergeltung zu sorgen, wenn du mir nur nichts tust!“
Trotz seines Grolls willigte der Mann ein, nicht zuletzt dank Zureden seiner Frau, die durch den Krach ebenso erwacht war. Der Mann ließ das Männchen laufen, doch wachte die Nacht über weiter, auf dass er nicht betrogen würde. Am folgenden Morgen wachte er erneut aus seinem Schlummer auf und da lag tatsächlich Ersatz für das Verschwundene vor der Haustür.
Das Männchen hielt auch im folgenden noch Wort und das Ehepaar musste nie wieder arbeiten noch Hunger leiden.

ENDE

Kommentar

Eine klassische Mär aus Lurruken, lange erzählt im Volk und hielt sich dort in dieser oder anderen Formen bis heute noch in Städten wie Ruken und Saldan. Eine wahre Begebenheit sollte nicht angenommen werden.

Solero y Cyprilla, Toljidarin
Karison, Ojútolnán, 28.08.3994


Das Geheimnis der Wälder

November 20, 2008

I

Einst, als die Länder noch voller Bäume waren und die Menschen junge Eindringlinge in diese Reiche der Ruhe, da lebten in diesen Wäldern noch andere Geschöpfe, verborgen vor den Augen der Menschen.

Hast du das gehört?“ fragte Mannich seinen Begleiter.

Sansinn blickte sich verwirrt um.

Nein. Was meinst du?“

Da hinten ist etwas!“

Und in dem Moment sahen sie es beide. Ein schwacher Lichtschein leuchtete durch die Bäume.

Mannich, was ist das?“ flüsterte Sansinn ängstlich.

Ich weiß es doch auch nicht! Lass uns nachsehen!“

Vorsichtig ging Mannich voran, während Sansinn ihm langsam folgte. Sie gaben sich alle Mühe ruhig zu sein und gelangten bald an den Rand einer Lichtung. Dort sahen sie Wundersames: Wesen, die an Menschen erinnerten, doch nicht so aussahen. Fröhlich und kindlich leicht tanzten gut zwei Dutzend von ihnen unbekleidet um ein Feuer. Geschlechtliche Formen hatten sie nicht. Ein unwirkliches grünes Licht ging von einem jeden von ihnen aus, das sogar den grellen Feuerschein überdeckte. Der Anblick ließ eine einlullende Schwere auf die beiden Männer sinken. Ebenso steckte die Fröhlichkeit der Wesen an und ließ alle Bedenken und Vorsicht vergessen.

Mannich, nein!“ sprach Sansinn leise doch drängend, aber schon war es zu spät.

Mannich trat auf die Gestalten zu. Diese unterbrachen ihr geschäftiges Tun und sahen ihn an.

Kommt zu uns“, raunten sie wie aus einem einzigen unweltlichen Munde und hoben die Arme, die Neuankömmlinge zu empfangen.

II

Wir müssen Mannich und Sansinn finden“, sprach der Anführer der Gruppe.

Ich werde sie büßen lassen für das, was sie meiner Frau angetan haben!“ entfuhr es einem seiner Männer.

Beherrsch dich! Nicht nur dir raubten sie etwas!“

Herr! Seht dort!“ rief der vorausgeeilte Späher.

Der Trupp näherte sich einer Lichtung. Auf ihr fanden sie nur noch Glut und Überreste. Als sie sahen, was von Mannich und Sansinn übrig geblieben war, mussten sich drei der Männer übergeben.

Das müssen die Waldbewohner gewesen sein!“ sprach einer.

Dann danken wir ihnen, dass sie uns unsere Aufgabe abgenommen haben“, erwiderte ihr Anführer grimmig.

III

Dieser und viele ähnliche Vorfälle führten einst dazu, dass die Wälder lange als Böse gemieden und später gerodet und abgeholzt wurden.

ENDE

Kommentar

Dieses Märchen erzählt man sich heutzutage vor allem in Akalt, es stammt jedoch aus der Umgebung der Schmelzöfen. Es ist nicht mehr wirklich feststellbar, wieviel Wahrheit darinnen steckt. Die Erzählung erinnert aber an Gerüchte über Stirmen, die hiermit vielleicht verbunden sind.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 19.08.3994


Gibt es einen Naturzustand?

August 31, 2008

Was würde wohl passieren, wenn man Hobbes kriegerischen, egoistischen, habgierigen und auf Selbstverteidigung ausgelegten Menschen des Naturzustandes auf Rousseaus „edlen Wilden“, den Gefühlen gehorchenden freien Menschen, der erst durch Kultur verdorben wird, trifft? Hat der gute gegen den bösen überhaupt eine Chance? Der „böse“ würde den guten sicher als Bedrohung sehen und versuchen sich zu „verteidigen“, mit allen Mitteln. Aber den „guten“ würde es ab dieser Stelle wohl gar nicht mehr geben, da er selbst laut Rousseau nur eine nie wahrhaft existente Idealform war, der wie gesagt durch die Kultur verdorben wurde. Und ein treffen auf den „bösen“ wäre doch bereits so eine Kontamination. Insofern könnte man wohl sagen, dass sich Rousseaus abstrakter Naturmensch nun in den konkreteren von Hobbes verwandeln würde. Denn dieser hatte nie bis zum absoluten Urzustand abstrahiert, sondern sich nur an realen Gegebenheiten orientiert, bei ihm namentlich die Beobachtung des Bürgerkrieges in England. Sind auf diese Art denn nun nicht beide Theorien vereinbar? Oder sollte man versuchen damit Hobbes zu widerlegen, da er nicht weit genug ging?

Doch die Frage ist auch, wie realistisch Rousseaus Auffassung ist. Denn so wahrhaft abstrahieren bis zum absoluten Ursprung kann man doch gar nicht. Wie denn auch? Man kann es niemals real beobachten (da selbst Naturvölker bereits in Gesellschaft leben) und wird auch durch Abstraktion niemals auf die richtige Lösung kommen. Denn selbst Descartes abstrahierte ja nicht weit genug, als er nur bis zum Ego zurück ging.

Insofern lautet meine Antwort in Übereinstimmung mit Rousseau, dass es sowieso niemals einen Naturzustand gab. Es ist lediglich eine mathematische und abstrakte Spielerei, die aber kaum weiter führt.