Das Wunder von Saldān

Dezember 6, 2008

Saldān ist eine uralte Stadt. Nicht nur deshalb gilt sie als heilige Stadt; vor allem wegen ihrer Lage in der Mitte aller Länder und zahlreicher sonderbarer Geschehnisse, die sich hier zutrugen. Und von einer dieser Geschehnisse handelt diese Geschichte.

Vor vielen Jahren tobte ein Krieg zwischen Lurruken und Luvaun. Zu dieser Zeit lag Saldān auf dem Gebiet von Lurruken. Luvaun dagegen war das Land, welches seinen Nachbarn angriff. Saldān befand sich mitten dazwischen und wurde bald belagert. Die Kämpfe dauerten Wochen, die Belagerung war hart, die Vorräte gingen zu Neige, die Stimmung unter den Bewohnern der Stadt war gedrückt bis verzweifelt – da geschah das Wunder.

Während die Luvaunen an die Mauern stürmten, litten die Bürger an Hunger. Ihre Klagen erhoben sich gegen die Luvaunen, welche sie angriffen, gegen die Armee ihres Landes, welches sie nicht beschützen konnte und gegen ihren Kaiser, der für Frieden sorgen sollte. Eine große Menge Volk versammelte sich vor den Toren der Stadtspeicher, mit knurrenden Mägen, während draußen die Krieger starben.

Gebt uns Essen! Die Stadt ist verloren!“ riefen die Bürger.

Vorräte gibt es täglich gegen Vorratsscheine, das wisst ihr!“ rief der Befehlshaber der Wache ihnen zurück.

Wir wollen Essen!“ rief da eine Frau voll Verzweiflung.

Nach und nach stimmten andere Bürger in diese Klage mit ein. Bald erhob sich die allgemeine Verzweiflung zu Wut und Gewalt. Irgendjemand zückte ein Messer und erstach einen Wächter. Die restlichen drangen daraufhin auf ihn ein. Weitere Bürger gingen dazwischen und bevor man sich versah, gab es weitere Tote. Nachdem die Wächter niedergemacht worden waren, stürmte die nun völlig rasende Menge die Lager – und fand sie leer vor. Die Ereignisse überschlugen sich immer weiter und bald raste der zornige Mob gegen das Anwesen der Stadtverwaltung, derweil außerhalb der Stadtmauern weiter die Schwerter der Armeen klirrten.

Die Beamten der Stadt erblickten ihr drohendes Ende gleich zweifach aus den Fenstern ihres Gebäudes. Einige fingen an zu Amulos zu beten, zu flehen. Andere suchten Auswege zu fliehen oder Waffen, sich zu verteidigen. Doch einer erblickte etwas ganz anderes: wie ein Mann sich vor die Menge stellte und ihr etwas zurief.

Leute! Die Lager! Sie sind wieder gefüllt!“

Und tatsächlich: die zuvor leeren Lager waren plötzlich wieder randvoll mit Vorräten. Gleichzeitig zogen sich außerhalb der Stadt die Luvaunen zurück, als eine Einheit Lurrukens ihnen in den Rücken gefallen war und ihre Anführer getötet hatte.

So wurde die Stadt Saldān gleich zweifach gerettet und alle beteten in vollem Glauben ihren Kaiser für dieses Wunder an.

ENDE

Kommentar

Es gab viele Kriege zwischen Luvaun und Lurruken und es lässt sich nicht mehr feststellen, auf welchen diese Geschichte zurückgeht. Auch gibt es viele Geschichten dieser Art, bei denen der Gottkaiser von Lurruken seinem Volk in irgendeiner Weise ein Wunder zufügte. Man könnte sagen, diese Geschichten taten dem Glauben im Volke an ihn nur gut.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 21.08.3994


Geschichten aus Lurruken III: Am Cormoda

Juli 30, 2008

Es war einmal am Cormoda, auch Joral genannt von vielen Leut‘, da stand ein altes Weib auf der Straße nach Saldan. Sie war auf dem Weg dorthin um ihrer Kinder zu gedenken. Diese fielen bei dem Versuch von Luvaun, dem Vorrücken Lurrukens standzuhalten. Doch konnten sie nicht gewinnen und so errichtete Lurruken die Stadt Saldan als ewiges Zeugnis für die luvische Unterlegenheit. Das einst mächtige Luvaunische Reich begann damit seinen Niedergang, dem Vergessen geweiht.

Nun waren also der Frau ihre Kinder begraben am Soldatenhügel vor Saldan. So war sie gezwungen den Fluss, den Cormoda oder auch Joral, zu überqueren und daraufhin die Grenze zum andren Reich. Dies tat sie denn auch, sie durchquerte die Brückenfeste vom Cormoda und stand nun vor der Grenze, da ward sie aufgehalten von zwei garst’gen Gesellen. Der eine trug einen Ohrring und zwei gewaltige Messer, der andere einen großen Speer und war massig gebaut. Es waren Räuber, die sich im ungeschützten Grenzland rumtrieben, wohl auf der Flucht aus einem oder gar beiden Ländern.

Euer Geld, alte Vettel, her damit!“ forderte der mit dem Ohrring.

Euren Proviant wollen wir auch!“ verlangte der andere.

Aber wie soll ich dann weiterkommen? Ich muss nach Saldan, zu meinen Kindern!“

Daînn, sie will es nicht geben!“ erkannte der Große unschlüssig.

Joux, dann müssen wir es uns nehmen!“ erwiderte der Messerträger.

Und so schlugen sie die alte Frau nieder und nahmen ihr alles ab, nur ihre Kleidung ließ man ihr.

Und ihr Leben, denn sie erwachte in der Nacht. Es fing an zu regnen. So wurde sie völlig durchnässt, während sie sich weiter Richtung Süd, ihren Kindern entgegen, schleppte.

Am Morgen konnte sie ein kleines Dorf erkennen, dies war der Durchgang nach Lurruken. Man ließ sie aber nicht durch, ein Grenzposten hielt sie auf und verlangte Wegezoll. Aber sie hatte nichts mehr, er ließ sie nicht durch.

Da ließ sie sich nieder unter einem Baum, fürchtete ihre Kinder nie wieder zu sehen und erwartete den Tod, denn der Regen hatte sie erkranken lassen.

Aber der Wirt des örtlichen Gasthauses beobachtete alles, und er hatte Mitleid.

Ich helfe euch“, sprach er ihr zu, „wenn ihr auch mir helft! Bringt dies meinem Bruder, dem Schmied, in Saldan, und ich bringe euch an dem Posten vorbei!“ Und er gab ihr ein Dokument.

Glücklich, auch einmal etwas Gutes ihr widerfahren zu sehen, willigte die Alte ein. Und der Wirt hielt Wort: durch einen Tunnel brachte er sie über die Grenze.

Am nächsten Tag dann, sie war schon halbtot ob ihrer Krankheit, Alter und Erschöpfung, sah sie den ersten Turm von Saldan am Horizont auftauchen. Die Stadttore standen weit offen und nicht bewacht, ein weiteres Glück für die alte Frau, denn Zoll bezahlen konnte sie ja nicht. Sie verbrachte den Rest des Tages wandernd durch Saldan, kein Auge für die wohlgefälligen Gebäude und Parkanlagen der Garnisonsstadt, stattdessen den Schmied suchend. Erst spät in der Nacht fand sie ihn und gab ihm das Dokument, den Brief von seinem Bruder, dem Wirt.

Dank sei euch für die Überbringung des Briefes, ich lasse euch dafür heut hier nächtigen, gebe euch Nahrung und bringe euch morgen dann zum Hügel, dort sollt ihr denn eure Kinder wiedersehen!“ versprach der Schmied.

Und so konnte sich die Frau zum letzten Mal ausruhen und sich sättigen.

Tags darauf nun ging es los, sie brachen zum Soldatenhügel auf. Nicht nur lurrukische Helden wurden dort bestattet, nein, alle Gefallene des Krieges durften hier ihre letzte Ruhe finden, Freund und Feind, einfacher Soldat und Führer der Armee, im Tode waren sie alle gleich und vereint.

Ich muss zurück, mich kümmern um die Geschäfte, aber hole euch heut‘ Abend hier wieder ab, das verspreche ich!“ sagte da der Schmied dem alten Weib zum Abschied.

Hustend und sich leicht krümmend vor Schmerz, winkte sie ihm nach und suchte dann ihre Kinder, freudig, sie bald wiederzusehen.

Am Mittag, als die Sonne am höchsten stand, fand sie den steinernen Hügel, unter dem ihre beiden Söhne begraben waren, dies verriet ihr Gefühl, mehr nicht, denn Schilde oder Tafeln gab es dort nicht. Ihr wurde müde und so beschloss sie, dass nichts besser wär‘ als ein kleiner Schlaf zu Füßen ihrer geliebten Kinder.

Dort fand sie am Abend der Schmied, welcher sie abholen wollte, nun nicht mehr schlafend, sondern bereits bei ihren Söhnen, denn die Krankheit hatte das Ihrige getan. Er hoffte für sie, dass sie nun endlich die beiden auch gefunden hätte, und sorgte dafür, dass man sie im selben Hügel bestattete, auf das alle drei für immer vereint wären.

Saldan war nun immer schon ein Quell zahlreicher Geschichten, gilt die Stadt heutzutage doch als Mittelpunkt nicht nur des Kontinentes, sondern gar der ganzen Welt. Und immer noch kommen zahlreiche Pilger aus aller Welt hierher um den Mächten denen sie dienen oder anderem zu huldigen.

Über die Historie der Gründung jedoch ist eher wenig bekannt, andere Geschichten beschäftigen sich mit diesem Thema. Allerdings wohl war ist es, dass die Beziehungen zwischen Luvaun und Lurruken nie so gut waren und beide sich oft am Cormoda/Joral zankten.

Ob das in dieser Geschichte Geschilderte aber nun wahr ist, konnte noch nicht belegt werden.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 5.5.3994