Der dunkle Stern

Januar 3, 2009

Ich träumte heut, dass unser Herz einem finstern Stern gleich wär. Doch dieser Stern nicht dann und wann doch stetig unser Handeln treibt. Er führt uns voran, er zieht uns herab, immer tiefer lässt er uns gehen. Schon lange wir nicht mehr sehen, wo wir hergekommen waren. Vor uns nur Schwärze, um sich greifend, alles fordernd – hinter und dasselbe. Und durchdringend erfüllt dieser Stern uns immer mehr, lässt uns zürnen, wird uns entzweien. Uns allen geht es so, man sieht es euch an. Werden wir den Tiefpunkt dieses Abstiegs erreichen, den Stern besiegend, oder wird er uns packen und alle vernichten?
Die Sterne der andren, sie greifen nach mir, sie packen mich – schon spüre ich ihre Auswirkungen. Muss ich fort von ihnen oder muss ich sie besiegen? Zweiundvierzig waren wir bei unsrem Aufbruch, dieser ist schon lange her, Dreiundzwang wir nun noch sind. Der Stern – das Verlangen – wie lang halten wir es noch aus? Je tiefer wir steigen, umso mächtiger die Dunkelheit wird. Ja Stern, ja – ich befreie dich. Ich befreie dich und deine Brüder; alle werde ich sie heraus schneiden. Wir sind nicht geschaffen für deine Welt, so bleib du hier, wir gehen wieder. Ja, mein Stern, ich nehme sie, ja, fest in meine Hand. Bald wird’s geschehen. Den Abgrund erreichen wir auch so. Ja, oh Stern, ich töte sie. Dann sind wir alle frei!

ENDE

Kommentar

Nach Fund und Überprüfung dieses Schriftstückes wurde von allen weiteren Erkundungen des Kraters Abstand genommen. Man glaubte nicht, dass dunkle Sterne von einem Besitzt ergreifen würden, doch sah man zumindest die Abgründe, denen man sich bei solch einer Reise zu stellen hat.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 03.01.3995


Nachts

Dezember 10, 2008

Die Axt wog schwer in seiner Hand. Sanft strich er ihr über den Kopf, wie über ein zartes Tier. Schwer lag sie in seinem Schoß; die Axt, sein einziger Freund. Die ewig Kühle, die Massive, die Reale.

All die Hirngespinste, all die Furcht, all die Trauer. Die Einsamkeit, die Zweifel, die Frage nach dem Sinn des Ganzen und nach Aussicht auf Erfolg. Eine Absage nach der anderen, nie ein gutes Wort. Wozu das Ganze eigentlich?

Doch die Axt, sein Freund, könnt all dies beenden. Hart und kalt spürte er ihre Schneide auf seinem Gesicht. Die Schläge prasselten hernieder, das Blut fing an zu spritzen, die Knochen barsten.

Er öffnete die Augen, legte die Axt beiseite und nahm sein Buch wieder auf. Der Zwang weiter zu schreiben herrschte seit Tagen, seit Wochen. Mit jeder verstrichenen Minute wurde es schwerer. Und sein Hirn blieb leer.

Die Hand wanderte erneut zur Axt. Wie ihre Schärfe doch alles würde beenden können. Wie würde sich das wohl anfühlen?

Er wusste nicht wie, doch es geschah etwas. Bevor er sich versah, hatte er wieder Stift und Buch in der Hand. Er las die bereits verfassten, nun wartenden Sätze. Wie würde es weitergehen? Und dann war es da. Die Wörter füllten die Zeilen, die Seiten.

Und alles wurde egal. Was auch immer jetzt geschehen würde, er war glücklich.


Der Ritter und das Monster

Oktober 10, 2008

Der Ritter, der stattliche, der brave, der kühne,
voller Tugend, Mut, Kraft und frei jeder Sühne,
sich stellt dem Monster, das bedroht die Stadt,
draußen am Berge, wo es seine dunkle Höhle hat.

Stundenlang er mit der Bestie kämpft und ringt,
doch letztlich es ihm einfach an die Kehle springt.
Die Kehle zerfetzt, blutend und entsetzt, er fällt
und das Monster über ihm triumphiert und bellt.

Es zerrt an ihm und beißt, trennt ab das Bein,
der Ritter noch lebt, leider, und groß ist seine Pein.
Auch der Arm ist bald ab, der Darm hängt heraus,
der Kopf wird abgebissen, mit dem Ritter war’s aus.

Das Biest verscharrt des Ritters nun nutzlose Beil
und verspeist die Reste des Recken, Teil um Teil:
Arm, Bein, Brust und Innereien, spielend mit der Hand
und fortan bald terrorisierend das ganze Land.


Geschichten aus Lurruken, Teil IX: Die Entführung

Oktober 1, 2008

I

Keuchend vor Anstrengung stürzte sie durch das Unterholz. Äste, an denen sie hängen blieb, zerrissen ihr das Kleid und ritzten ihr die Haut auf. Aber sie bemerkte keinerlei Schmerz. Gehetzt übersprang sie einen Bach und verlor dabei das Schwert. Blutbefleckt und rostig wie es war, fiel es in den Bach.

Dort!“ hörte sie die raue Stimme Rîmirns.

Erschrocken blickte sie zurück. Tatsächlich waren die Drei nicht fern.

Bleib stehen!“ rief Scôval ihr nach.

Schnappt sie euch!“ befahl dagegen der Mahaccar.

Keine Zeit das Schwert zu holen. Doch das kam ihr sowieso nicht in den Sinn. Schnell drehte sie sich um und rannte, immer weiter, über Stock und Stein, durch Büsche und über Abgründe, nicht mehr zurückblickend, nur noch voraus. Doch bald schon konnte sie nicht mehr und rutschte an einer Grube aus. Sie stürzte schwer, ihr Kopf schlug auf einen Stein. Blut lief ihr in die Augen, bevor es schwarz wurde.

~

Wir müssen sie finden“, sprach der Mahaccar, „sucht dort!“

Aber sie hatten die Spur verloren. Er musste es sich eingestehen. Deshalb war er auch nicht überrascht, als Scôval und Rîmirn achselzuckend und kopfschüttelnd zurück kamen.

Nichts – Sie ist weg“, berichtete Scôval.

Verdammt!“ entfuhr es dem Mahaccar – und als er sich beruhigt hatte: „Gehen wir zurück.“

Wartet, da – in der Grube – was ist das?“ machte Rîmirn sie auf etwas aufmerksam.

~

Erst als es dunkel wurde, wachte sie auf. Neblig war es, doch sie hörte den nahen gurgelnden Bach. Nach dem sie sicher war, dass die Drei verschwunden waren, lehnte sie sich erschöpft zurück. – Doch nein, nicht ausruhen. Die lange nächste Zeit schonte sie sich nicht, schlief auch nicht, ging immer vorwärts, Tag um Tag; soweit weg wie nur möglich und zurück Richtung Daheim.

Am Morgen des zweiten Tages erreichte sie die Ausläufer des Moores. Diesen folgend, kam sie bald in die Nähe von Scittz. Erst hier fand sie die Straße nach Hause. Es würde nur noch wenige Stunden dauern, dann sollte sie endlich wieder Zuhause sein. Ob man sie so aber erkennen würde? Ihr Kleid war zerrissen, ihre Haare zerzaust und zudem war sie verschmutzt wie noch nie. Halb verrückt vor Angst und Erschöpfung schleppte sie sich den Weg entlang.

Die Sonne stand tief und rot, die Schatten wurden lang – doch endlich, endlich war sie da! Niemand von denen, die ihr begegneten, schenkten ihr auch nur die geringste Beachtung, doch sie konnte es ihnen auch nicht verdenken. Sie musste aussehen wie eine Landstreicherin. Bald schon bog sie auf eine Straße, die aus dem Dorf wieder herausführte und gerade als Dunkel wurde, hatte sie es geschafft. Daheim. In Sicherheit!

II

Ich möchte noch etwas!“ verlangte Dittoril habgierig.

Tut mir Leid; es ist nichts mehr da“, sprach Attahir.

Geh spielen!“ sprach da Hoccamar und Dittoril folgte dem Befehl.

Sei nicht so hart, er ist doch nur ein Kind“, rügte Attahir da.

Ich weiß, aber wir können ihn nicht alles durchgehen lassen“, sprach Hoccamar, doch grinste.

Ach, ich liebe dich“, sprachen sie fast gleichzeitig und lachten.

Draußen wurde es gerade Dunkel.

~

Dittoril lief lachend durch das Unterholz und stöberte Schmetterlinge und Vögel auf, derweil Attahir tiefer im Wald nach Pilzen und Beeren suchte. Es war ein friedlicher Tag und die Sonne schien.

Doch plötzlich tat sich der Boden auf. Mit einem überraschten Aufschrei erwartete Attahir einem schwarzes Loch der Bewusstlosigkeit einen Besuch ab.

~

Los, wach auf!“ sprach jemand und die Worte knallten förmlich.

Mühsam den Schleier der Ohnmacht von sich schiebend wurde bald klar, dass ein Mann Attahir ins Gesicht geschlagen hatte.Ein abstoßendes zahnloses Gesicht grinste.

Willkommen zurück“, sprach der kleine hässliche Mann mit den verfilzten Haaren.

Scôval, geh zur Seite!“ forderte da eine weitere Stimme und die magere Gestalt gehorchte, weiterhin grinsend.

Dem Blick freigegeben war nun ein Mann in den mittleren Jahren, die verfilzten schwarzen Haare schulterlang, das Gesicht unrasiert. Gelassen lehnte er an einem Baum. Man hätte sein Äußeres ansprechend finden können, wäre er nicht zerlumpt wie ein Bettler gewesen. Nun kam er näher.

Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“ fragte er spöttisch.

Attahir versuchte zu antworten, doch ein Knebel verhinderte diesen Versuch.

Wir können dich doch hier nicht alles zusammenschreien lassen“, sprach er und unerwartet traf eine Ohrfeige Attahirs Gesicht. Kurz darauf ergänzte er, nun herablassend und abschätzend schauend: „Du brauchst nicht zu antworten – jedenfalls… – du kommst mit uns.“

Attahir versuchte sich zu bewegen, doch Fesseln verhinderten dies.

Rîmirn, schneide unseren Gast von diesem Baum, dass wir los können. Ich möchte Borhatt ungern warten lassen“, sprach der Mann herrisch und ungeduldig.

Hinter Attahir raschelte es, dann folgte ein kurzes Hackgeräusch und die Fesseln fielen. – Aber nicht alle, die Hände waren weiterhin verbunden.

Vorwärts!“ bellte eine raue Stimme von hinten, gefolgt von einem spitzen Pieksen in den Rücken.

Den Anweisungen lieber folgend, stolperte Attahir voran.

Borhatt wird erfreut sein“, sprach der herrische Mann nach einem abschätzenden Blick Attahir gegenüber.

Unterwegs wurde klar, was eigentlich offensichtlich war: der Mann hörte sich zu gerne selber sprechen. Aber dafür kamen Attahir andere Gedanken. Was wohl mit Dittoril geschehen war? Hoffentlich ging es ihm gut und er war zurück zu Hoccamar gelaufen. Vielleicht suchten sie ja auch schon nach Attahir.

Da sind wir“, störte der Mann diese Gedankengänge.

Es war ein kleines Lager, ohne Feuer, nur mit etwas gelagertem Gepäck – und einer jungen Frau, die geknebelt an einen Baum gefesselt war. Es wurde sich aber nicht aufgehalten, auch folgten keine Begrüßungen. Die Männer befreiten die Frau von der Umarmung des Baumes, schnappten sich ihre Sachen und setzten ihren Weg fort, immer die versinkende Sonne im Rücken habend; ihre Gefangenen trieben sie vor sich her und hielten später noch zwei Stunden auf den weißen Mond zu. Sie hatten es scheinbar eilig, doch kamen sie nur langsam voran. Dafür bekamen die Gefangenen so manche Schelte. Erst gegen Mitternacht machten sie Halt. Die drei Männer schliefen am Boden, immer noch ohne Feuer, ihre Gefangenen fesselten sie an zwei Bäume. Erst am Tag darauf durften diese ihren natürlichen Verpflichtungen nachgehen. Morgens befreite man sie nacheinander und ließ sie in den Büschen verschwinden. – Doch stets hielt ein verbliebenes Seil sie von der endgültigen Flucht ab.

Wer bist du?“ fragte Attahir die Frau mit gedrückter Stimme, als sie kurz Ruhe hatten, derweil die Männer beschäftigt waren, „Mein Name ist ist Attahir.“

Die Frau hatte sichtlich Angst zu antworten. Ihre Augen waren weit geöffnet und zuckten ständig unruhig zu ihren Entführern, als erwartete sie jederzeit Strafe für ihr Flüstern.

Lattir – Lattir Lôrvattz“, presste sie schließlich zwischen den Zähnen hervor, „aus Gêmitzter.“

Trotz ihrer Lage musste Attahir lächeln. – Möglicherweise war es dies, was Lattir nun beruhigte.

Gêmitzter – das liegt nicht weit weg von meinem Dorf – ich komme aus Dôrhattz.“

Ruhe dort hinten!“ kam ihnen jedoch nun Scôval verärgert dazwischen, als man ihr Tuscheln bemerkte, und warf einen kleinen Stein, einem Kiesel gleich, zwischen sie.

Lattir zuckte erschrocken zusammen und zitterte nur noch.

Hab keine Angst, ich lass mir etwas einfallen!“ sprach Attahir noch schnell und flüsternd, bevor dies zu strafen Rîmirn sich erhob und ihnen beide ins Gesicht schlug.

Ihr habt still zu sein – kein Gerede!“ herrschte er sie noch an.

Trotzdem bekamen beide später noch zu Essen. Als die Reise weiterging, zerrten Scôval und Rîmirn sie an Seilen hinter sich her, im Morast und Laub des Waldes oft stolpernd. Das Unterholz war weiter dicht und sollte es noch lange bleiben, bis sie das unbewaldete Cerhlicg-Tal erreichen würden. Denn dorthin waren sie unterwegs, das konnte Attahir an ihrer Bewegungsrichtung erkennen.

Wohin bringt ihr uns?“ war daher die Frage, welche Attahir sich später am Tage zu fragen getraute.

Scôval ruckte zur Strafe stark am Seil, doch sein Anführer ließ sich zu ihnen zurückfallen und ging halb neben Attahir daher.

Das geht dich zwar wirklich nichts an, doch ihr werdet es ja eh sehen“, sprach er herablassend, „wir bringen euch zu Borhatt, unserem Herrn.“

Das war Attahir aber auch schon klar. Doch weiter? Von Borhatt redete man sogar in Dôrhattz. Er sei ein Raubritter, so sprach man, der in den Bergen östlich des Cehrlicg-Tales lebte und von dort seine Raubzüge durchführte.

Aber warum wir? Demirus ist weit von Borhatt entfernt!“

Ah, aber hübsche Diener sind immer gefragt“, sprach der Mann mit einem bösen Unterton in der Stimme, und Scôval lachte dreckig, „und es ist unklug, diese in der Nähe unserer Burg zu suchen, denn Dracgmoyrch ist nicht weit und die Wächter der Stadt vermeiden wir lieber.“

Das war auch Attahir in der Lage nachzuvollziehen. Doch offenbarte sich damit auch eine Möglichkeit, wenn denn Dracgmoyrch nicht fern war. Aber nun kamen auch wieder Gedanken an Dôrhattz auf. Die Hoffnung, dass es Dittoril und Hoccamar gut gehen würde, schimmerte als leuchtender Schein in Richtung der untergehenden Sonne. Doch fehlten sie auch. Würden sie Drei noch einmal vereint sein?

Attahirs Gedanken wurden erneut gestört, als wenige Schritte weiter Lattir über die knorrige alte Wurzel eines beeindruckenden Baumes stolperte und fiel. Rîmirn bemerkte dies, als das Seil in seiner Hand sich straff spannte und er mit einem Ruck anhalten musste. Die Augen angestrengt verengend blickte er zurück.

Steh auf. Geh weiter!“ rief er ihr zu.

Doch Lattir saß nun am Boden, die Hände und den Rock verdreckt. Bei seinen Worten brach sie in Tränen aus. Attahir wollte zu ihr eilen, sie in den Arm nehmen, trösten – doch Scôvals Seil verhinderte dies. Auch Rîmirn ruckte nun stark an seinem Seilende, so dass es sich um Lattirs Hals noch weiter zuzog. Würgend ergriff diese das Tau, es um ihren Hals lockern wollend, doch bewirkte sie damit nichts weiter, als dass Rîmirn noch stärker zog. Attahir wehrte sich gegen Scôval, um an Lattir zu kommen.

Hört auf mit dem Unsinn, wir brauchen sie noch!“ kam der Anführer der Männer ihnen hier dazwischen, sichtlich erbost.

Ohne Verzögerung gehorchte Rîmirn, und Scôval ließ Attahir soviel Seil wie nötig war, um an Lattir heran zu kommen.

Sehr wohl, Mahaccar“, hörte Attahir Rîmirn sagen und legte einen tröstenden Arm um Lattir, die nun schmutzig und verheult war und nach Waldboden roch.

Sie kamen an diesem Tag nicht mehr weit. Es dauerte lange, Lattir zu beruhigen und bald war es zu dunkel, weshalb der Mahaccar, als was er bezeichnet wurden war, das nächste Lager anordnete. Die Nachtvögel sangen, wilde Tiere mieden das Feuer, der weiße Mond stand hoch und der Wald duftete größtenteils nach Kräutern – doch Attahir konnte dies sicherlich nicht genießen. Aus Strafe für ihr Verhalten hatte man Lattir nun stärker gefesselt und auch geknebelt, solange sie nicht gerade Nahrung zu sich nahm. Attahir blieb nichts weiter, als zu schweigen, da sonst die gleiche Strafe drohte.

Nach einer für Attahir erst sorgenvoll durchwachten und erst spät durch Erschöpfung auch schlafend erlebten Nacht, wurden die Gefangenen des Morgens unsanft mit Fußtritten geweckt.

Macht euch fertig – wir wollen in einer Stunde los“, sprach Scôval mit seiner rauen Stimme.

Den beiden blieb also kaum Zeit, sich fertig zu machen. Der Mahaccar erklärte ihnen aber immerhin, dass sie es eilig hätten zu Borhatt zu kommen; erklärte es ihnen so, als seien sie mittlerweile seine liebsten Haustiere. Attahir hielt es schon jetzt nicht mehr aus. Der Drang zu Dittoril und Hoccamar zurückzukehren, ließ nicht nach, wurde sogar stärker. Ob sie sich Sorgen machten? Hoffentlich nicht. Irgendwie musste eine Flucht gelingen. Doch wie dies anstellen? Rîmirn und Scôval hatten sie beide fest am Seil und bei einem Fluchtversuch würde man sie beide erwürgen oder gar mit den Schwertern erschlagen. Es schien aussichtslos. Ein Wunder musste wohl geschehen.

Doch es kam kein Wunder. Diesen Tag nicht, auch nicht am nächsten. Aber da geschah etwas anderes. Gegen Mittag mussten sie einen kleinen Bach überqueren. Sie befanden sich mitten im dichtesten Wald. Attahir wusste nicht, wo genau, denn dies war viel zu weit von Dôrhattz entfernt im Niemandsland, auch noch fern vom Cerhlicg-Tal. Der Bach war zwar schmal, doch tief und schnell genug eine Gefahr darzustellen. Die Männer schienen diese Stelle aber zu kennen, denn ein Baumstamm ermöglichte die Überquerung. Der Mahaccar ging denn auch ohne zu zögern voraus. Langsam und vorsichtig, doch kaum wartend. Erst am anderen Ufer hielt er an. Rîmirn folgte als nächster, Lattir sollte warten, bis er drüben war.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den nächsten auf dem glitschigen, alten Baumstamm. Für Gleichgewicht brauchte er nicht zu sorgen, hielt er sich doch mit dem Seil an Lattirs Hals in der Geraden. Doch gefiel dieser das natürlich gar nicht. Rîmirn war auf der Hälfte der Strecke angelangt, da zog sie heftig am Seil. Sofort verlor er das Gleichgewicht. Den Halt auf dem rutschigen Stamm verlierend, fiel er langsam nach hinten. Mit den Armen rudernd und mit einem überraschten Aufschrei, stürzte er. Das Wasser platschte. Ein dumpfer Laut verkündete, dass Rîmirn gelandet war. Lattirs Seil baumelte nun nutzlos herab.

Für einen Moment waren alle zu überrascht um zu handeln. Scôval war der erste, der etwas tat. Sein Seil fallen lassend, griff er an seine Seite und zog sein Schwert. Das war sein Fehler. Denn Lattir, immer noch ihren Gefühlen folgend, rannte auf ihn zu. Und bevor er sich versah, schubste sie ihn den Abhang hinunter, dem rauschenden Griff des Wassers entgegen: Ein Tritt zwischen die Beine zerstörte die Abwehr, ein zweiter in den Rücken ließ ihn stürzen. Der Mahaccar sah dem allen nur fassungslos zu. Auch Lattir schien bald nicht zu wissen, was weiter zu tun sei.

Komm, lauf!“ rief Attahir ihr zu und schnappte sich Scôvals fallen gelassenes Schwert.

Doch Lattir war wie gelähmt. Erst als Attahir sie am Arm packte und Richtung Wald zurück zog, kam langsam wieder Leben in sie.

Ohne zu Denken rannten sie fort. Ohne Plan liefen sie gen West. Ohne sich umzusehen stolperten sie über Steine, sprangen über Äste und kämpften sich durch das Unterholz. Ihre Seile trugen sie bei sich, um nicht darüber zu stolpern. Allerdings waren sie schwer und unhandlich und so verlor Lattir ihres bald. Es verhakte sich zwischen Baumwurzeln. Sie bemerkte es aber nicht und lief weiter; so geschah, was geschehen musste: Mit einem Ruck wurde sie von den Füßen gerissen und landete unsanft auf dem feuchten Boden. Würgend rang sie mir dem Seil. Attahir handelte schnell und nutzte Scôvals Schwert, sie zu befreien, tat dasselbe bei sich selber. Doch bis es soweit war, hörte man bereits die nahenden Stimmen der drei Männer.

So bringt das nichts“, stellte Attahir fest, „lass und getrennt vorgehen! Hier, versteck dich dort hinten in den Büschen; ich lenke sie ab. Besuche mich in Dôrhattz, wenn wir dies hinter uns haben!“

Attahir schickte Lattir in erwähnte Büsche, nahm das Schwert und wartete noch kurz an den Wurzeln. Kaum, dass die Männer kurz außerhalb der Sichtweite waren, sollten sie laut krachende Äste hören und an einem Baum die Seile ihrer Gefangenen sowie deutliche, nach Westen führende Spüren finden. Schnell folgten sie diesen. Die Verfolgungsjagd dauerte noch Ewigkeiten. Abends hatten sie wieder kurz Sicht auf Attahir, doch verloren sie diese auch bald wieder. Bei Sonnenuntergang hörten jegliche Spuren auf. Nichts war mehr zu finden von ihren Gefangenen.

III

Endlich daheim! Endlich zurück bei ihrem geliebten Mann. Sie hoffte, Zuhause wäre alles in Ordnung. Überschwänglich froh näherte sie sich ihrem Haus. Es sah aus wie immer, nichts hatte sich geändert. Die Lichter waren entzündet, da es langsam Dunkel wurde. Im Haus brannte ein Feuer.

Sie fand ihn im Garten vor, über den Holzstapel gebeugt. Auch er hatte sich nicht geändert. Wie froh und überglücklich sie doch war, ihn endlich wieder zu sehen! Aufgeregt und überhastete stürzte sie los, so sehr hatte sie ihn vermisst. Ihm würde es sicher genauso gehen; schreckliche Sorgen muss er sich um sie gemacht haben.

Aber warum beachtete er sie nicht? Hatte er sie nicht gehört? Warum erhob er sich nicht, als er ihre Schritte vernehmen musste? Doch nichts konnte ihre Freude in diesem ihrem Moment aufhalten. Sie stürzte sich förmlich auf ihn, ihn zu begrüßen; warf sich an seine Brust, als er langsam aufstand.

Doch sie lief ins Leere. Ohne sie zu beachten, ging er an ihr vorbei, um die Ecke des Hauses, ins Innere hinein. Sie blieb bloß verwundert zurück. Seinen Namen versuchte sie zu rufen. Da merkte sie, dass sie nicht mehr sprechen konnte. So sehr sie es auch versuchte, kein Wort kam über ihre Lippen, kein Laut aus ihrem Mund. Was geschah hier? Ihre Freude schlug in Furcht um. Einem Gedanken folgend bückte sie sich, einen Stein aufzuheben. Doch ihre Finger glitten durch ihn hindurch, wie in einem Traum. Träumte sie?

Ihr blieb keine Zeit nachzudenken, was geschehen sein mochte, hörte sie dich nun einige Männerstimmen von vor ihrem Haus herüberklingen. Sie folgte ihnen zu ihrem Ursprung, doch versteckte sie sich hinter einer Hausecke, um lediglich hervor zu gucken.

Scôval, lass ihn los!“ hörte sie eine Stimme sagen, „Wir sollen ihm doch nur eine Botschaft bringen.“

So beobachtete sie, wie Scôval ihren Mann los ließ und selbst zur Seite trat.

Der größere Mann mit den Narben im Gesicht und den ergrauten Haaren sprach sogleich weiter: „Wenn ihr sie liebend wiedersehen wollt, dann sammelt lieber schnell all eure Schätze zusammen und folgt uns.“

Und zum Beweis seiner Worte warf er eine Kette zu Boden. Ihre Kette, wie sie erkannte.

Ihr Ungeheuer!“ entfuhr es ihrem Mann und sie zuckte schmerzlich zusammen, als ihn Scôvals Schwert mit der flachen Seite am Rücken traf und er auf die Knie sinken musste.

Los jetzt!“ fuhr er ihn an.

Mehr gab es nicht zu bereden. Bald hatten sie sämtliche Wertsachen aus dem Haus zusammengesucht. Sie versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen, doch gingen sie einfach durch die hindurch. Schließlich folgte ihr Mann den beiden gen Ost in den Wald. Immer wieder sprach sie auf ihn ein, doch entstanden keine Geräusche und musste sie hilflos folgen.

Zum ersten Mal nun fiel er auf, dass sich die Umgebung irgendwann im grauen Nebel verlor. Doch dieser Schleier kam nie näher, blieb immer auf Abstand, als umlauerte er sie. Keiner der Männer ließ sich davon etwas anmerken, auch sprachen sie kein Wort. Mit jedem Schritt fiel ihr das Gehen schwerer, auch wenn sie nicht au Äste, Steine, Stämme und Unebenheiten achten musste; eine seltsame Schwere und Müdigkeit bemächtigte sich ihrer, ihre Furche wich der Erschöpfung. Aber sie durfte sich jetzt nicht ausruhen.

Endlich kamen die Männer an, wo immer sie ankommen wollten. Wo es genau war, verlor sich nun im Nebel. Am Rande ihrer Erkenntnis nahm sie einen alten Baum wahr, an den eine Gestalt gelehnt war. Es war ein Mann und um den Baumstamm neben ihn war ein Seil gebunden.

Mahaccar, hier ist ihr Ehemann!“ sprach der Grauhaarige und stellte sich neben den angesprochenen.

Ah!“ machte dieser, „gut gemacht, Rîmirn.“ Und dann zu ihrem Mann: „Ich werde es kurz machen: gebt uns euer Geld und wir geben euch eure Frau.“

Hier, nehmt, doch lasst sie frei!“ sagte ihr Mann unter Tränen und warf dem Mahaccar sein Gepäck vor die Füße, dass sie wieder Kraft gewann.

Genug zumindest, um zu verfolgen, was nun geschah, denn eingreifen konnte sie trotz aller Verzweiflung nicht. Rîmirn nahm das Geworfene auf und verstaute es in einem Sack. Scôval blieb neben ihm. Der Mahaccar zog sein Schwert, holte aus und hackte einmal auf das Seil neben ihm ein. Ein Frauenkörper stürzte aus dem Baum herab.

Da hast du deine Frau!“ lachte Scôval dreckig.

Nein!“ rief ihr Geliebter, stürzte auf die Knie und versank bald in Verzweiflung.

Komm hierher!“ hörte sie dagegen eine schwache Stimme rufen, wie aus weiter Ferne, doch schien es keiner der Männer zu bemerken.

Auch sie achtete kaum darauf. Wer lag da? Unwohlsein und Mitleid drangen durch ihre Teilnahmslosigkeit. Sie ging näher und kniete sich neben ihn. Das Gesicht der Frau – es kam ihn bekannt vor.

Los, lass ihn nicht weiter trauern, damit wir endlich gehen können“, sprach der Mahaccar zu Scôval.

Dieser zögerte nicht, sondern stieß dem Trauernden sein Schwert in den Rücken. Qualvoll und langsam starb er, doch sie konnte ihm nicht helfen; alles um sie herum wurde schwarz.

Epilog

Attahir, komm zu mir“, lockte eine Frauenstimme.

Als Attahir sich umdrehte, stand dort in der Ferne Lattir, unter einem moosbewachsenen alten Baum. Attahir machte sich den Weg den grünen Hügel hinauf. Es erschien leicht wie nie zuvor.

Lattir, es geht dir gut!“ freute sich Attahir, als sie sich gegenüberstanden.

Wie man es nimmt“, lächelte die Frau, „doch ich bin nicht hier. Du findest mich in Borhatt. – Du hast noch eine Aufgabe!“

Was?“ entfuhr es Attahir, doch da verschwand der Boden und machte völliger Schwärze Platz.

~

Attahir, wo sind wir?“ fragte Hoccamar.

Ich weiß es nicht“, kam die Antwort. – Und dann: „Ich dachte, du seist tot.“

Das dachte ich von dir auch“, antwortete Hoccamar.

Und sie sahen sich an und berührten sich – und fielen sich in die Arme.

Aber wir haben eine Aufgabe“, sprach Attahir nach scheinbaren Stunden des frohen Wiedersehens.

Hand in Hand gingen sie auf die düstere Burg in den Berg vor ihnen zu. Niemand hielt sie auf und niemand sah oder überlebte sie.

ENDE

~

Kommentar

Lattir Lôrvattz aus Gêmitzter ist bekannt als Ziehmutter des Dittoril Occorscil aus Dôrhattz, des Mannes, der aus Demirus, dem Teil von Lurruken, bei dessen Untergang ein eigenständiges Land machte und als erster Scatte in die Geschichte einging. Seine Eltern verlor er früh. Nicht allein wegen Lôrvattz entstand die gerade vorgetragene Mär, bestand sie doch Zeit ihres Lebens darauf, in ihrer Zelle in Borhatts Burg damals die Geister ihrer ehemaligen Mitgefangenen beobachtet zu haben, wie sie allein alle Räuber in der Burg töteten und die anderen Gefangenen befreiten.

Tatsache ist jedenfalls, dass Occorscils Eltern zu dieser Zeit unweit ihres Hauses gefunden wurden; ebenso wie das Reich von Lûch Monate später, als es endlich aus Dracgmoyrch seinen Angriff auf Borhatt wagte, nur eine leerstehende Burg vorfand.

Heutzutage ist die Burg Heimat des bekannten Künstlers Cannslach, welcher hier, wie er es nennt, der Natur ihre wildeste Seite aus unmittelbarer Nähe erleben will. Geistern aber ist er nie begegnet, so berichtet er.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 11.08.3994


Gibt es einen Naturzustand?

August 31, 2008

Was würde wohl passieren, wenn man Hobbes kriegerischen, egoistischen, habgierigen und auf Selbstverteidigung ausgelegten Menschen des Naturzustandes auf Rousseaus „edlen Wilden“, den Gefühlen gehorchenden freien Menschen, der erst durch Kultur verdorben wird, trifft? Hat der gute gegen den bösen überhaupt eine Chance? Der „böse“ würde den guten sicher als Bedrohung sehen und versuchen sich zu „verteidigen“, mit allen Mitteln. Aber den „guten“ würde es ab dieser Stelle wohl gar nicht mehr geben, da er selbst laut Rousseau nur eine nie wahrhaft existente Idealform war, der wie gesagt durch die Kultur verdorben wurde. Und ein treffen auf den „bösen“ wäre doch bereits so eine Kontamination. Insofern könnte man wohl sagen, dass sich Rousseaus abstrakter Naturmensch nun in den konkreteren von Hobbes verwandeln würde. Denn dieser hatte nie bis zum absoluten Urzustand abstrahiert, sondern sich nur an realen Gegebenheiten orientiert, bei ihm namentlich die Beobachtung des Bürgerkrieges in England. Sind auf diese Art denn nun nicht beide Theorien vereinbar? Oder sollte man versuchen damit Hobbes zu widerlegen, da er nicht weit genug ging?

Doch die Frage ist auch, wie realistisch Rousseaus Auffassung ist. Denn so wahrhaft abstrahieren bis zum absoluten Ursprung kann man doch gar nicht. Wie denn auch? Man kann es niemals real beobachten (da selbst Naturvölker bereits in Gesellschaft leben) und wird auch durch Abstraktion niemals auf die richtige Lösung kommen. Denn selbst Descartes abstrahierte ja nicht weit genug, als er nur bis zum Ego zurück ging.

Insofern lautet meine Antwort in Übereinstimmung mit Rousseau, dass es sowieso niemals einen Naturzustand gab. Es ist lediglich eine mathematische und abstrakte Spielerei, die aber kaum weiter führt.


Geschichten aus Lurruken 2: Tamirús‘ Grab

August 26, 2008

Vor vielleicht hundert Jahren ereignete es sich, dass in Lergis sich ein kleines Grüppchen auf Abenteuerfahrt begab. Die Fünfe, angeführt von Caelin tin Doarm, einem ehemaligen Soldaten aus Kaltric, bewegten sich am ijischen Wall vorbei, immer gefaßt darauf Truppen aus Ijenreich zu begegnen, durchquerten die nebligen Sümpfe am Minîrnsee und bauten sich am Geist schließlich zwei Flöße. Mit diesen kamen sie schneller voran. Mehrere Flüge vor Tummuale, südlich des ijischen Limans, stiegen sie aus und ritten auf ihren Sacarlms – die armen Tiere mussten auf dem zweiten Floß die Fahrt über ausharren – Richtung Nordosten. Nach mehreren Tagen kamen sie an die alte Straße Liman – Tamilor und folgten ihr.

Verlief die bisherige Reise noch ohne Probleme, passierte außerhalb von Tamirús Grab etwas: Annin tin Udarnoch, welcher als Späher seinen Dienst tat und voraus geritten war, galoppierte so schnell ihn die dünnen Stelzen seines Sacarlms trugen – und das bedeutet ein gewaltiges Tempo! – heran, hinter einem Wald hervor.

Ijis! [So nannten die Tarler ihre Erzfeinde aus Ijen liebevoll] Hinter der nächsten Kurve!“ schrie er aufgeregt den anderen ins Gesicht.

Caelin neigte vorsichtig den Kopf zurück und beruhigte ihn: „Sachte Mann! Wie viele sind es? Und wohin bewegen sie sich?“

Annin, der, als ausgebildeter Späher, diese Worte bereits erahnte, sprudelte sofort los: „Zehn Soldaten begleiten eine ihrer Maschinen! Sie scheinen schwer bewaffnet zu sein und bewegen sich direkt auf uns zu!“

Dieser gewaltigen Gefahr beschlossen sie lieber aus dem Weg zu gehen. Sie spurteten auf die nächste Hügelkette zu. Nachteiligerweise war das Land hier aber recht flach, so mussten sie sich mit der Senke eines Flusses, des Millon, begnügen. Sie ritten die Sacarlms so tief es ging in den Fluss hinein, bis den Reitern das Wasser bis zu den Knien stand, duckten sich an die Hälse ihrer Reittiere und bewegten sich flussab.

Der Abenteurertrupp bemerkte irgendwann wie die Flussufer zunehmend undeutlicher zu erkennen waren. Dem Pflanzenbewuchs nach zu urteilen hatten sie das Moor erreicht. Sie verließen das Wasser und schlugen ein Lager auf, denn es war Abend. Die Nacht brach herein.

Als sie so dasaßen am Lagerfeuer, erstellt von Anais Norr, der einzigen Frau in der Truppe, dem Braten, gefangen von Annin und Gyre tin Cando, dem besten Bogenschützen den Caelin finden konnte, beim Brutzeln zusahen und den Geschichten des alten Gelehrten Torndo Padarll lauschten, wurde Caelin bewusst, was für eine nützliche Gruppe er doch im Sold stehen hatte, mit ihnen würde er den Schatz sicher heben können!

Des Nachts, als alles schlief, die Katzen in Maggir grau waren und Gyre an der Reihe war mit Wache halten, sah er plötzlich etwas draußen im Moor…

Am nächsten Morgen konnten seine Gefährten keine Spur mehr von ihm entdecken. Annin jedoch meldete eine sich von Nordwesten nähernde Herde Rezanni.

Beeilen wir uns lieber hier weg zu kommen„, meinte Anais mit überraschender Gelassenheit. Caelin nickte ihr zu und so machten sie sich wieder auf den Weg.

Sie folgten dem Millon weiter Richtung Osten und bogen nach Süden ab, als dieser in den Iol mündete. Die zweite Nacht in Tamirús Grab verbrachten sie in einem merkwürdigen Haus (dessen Zweck Caelis nicht so recht erfassen konnte) an der Mündung des Lurrukenkanals, diesmal ganz ohne Zwischenfall, aber auch ohne leckeren Braten…

Tags darauf gegen Abend, ging beinahe Annin verloren als er auf einer Erkundungstour im Moor steckenblieb. Zwar konnten sie ihn noch retten, sein Sacarlm aber ging auf Tauchstation. Da sie nicht mehr weiterkommen würden, rasteten sie an Ort und Stelle.

Eigentlich müssten wir bereits fast da sein„, meinte Caelin nach einem Blick auf seine Karte.

Die alten Geschichten erzählen, dass Tamilor fast gänzlich im Grab versunken ist„, klärte Torndo die anderen auf.

Nun denn, dann gehen wir morgen auf die Suche“, verkündete Caelis, „Annin! Du übernimmst die erste Wache, Anais die zweite, Torndo die dritte und ich die letzte.“

Annin nickte zufrieden, Torndo war die Einteilung egal, nur Anais warf Caelin einen giftigen Blick zu da er mal wieder eine der besten Schichten für sich beanspruchte.

Das ist doch mein Recht als Anführer„, dachte Caelin in sich hinein grinsend.

Caelin!“

Genau dieser vernahm des Nachts seinen Namen.

Wach auf! Du bist mit der Wache dran!“

Torndo?“ murmelte Caelin verschlafen.

Der alte Mann nickte und legte sich ohne ein weiteres Wort schlafen.

Caelis bewaffnete sich mit einem Speer und ging auf Patrouille um wach zu werden. Und das wurde er ziemlich schnell, als er über etwas stolperte und einen Abhang hinunter purzelte. Er landete zu Füßen…

Eine Tür?“ wunderte er sich.

Mit der Spitze des Speeres – er war in der Mitte zerbrochen – stemmte er sie auf und ging hinein.

Wo ist denn unser mächtiger Anführer hin? Er mag doch wohl nicht von den Moormonstern verschleppt worden sein?“ spottete Anais später ob Caelins unerwarteten Verschwindens.

Wir müssen ihn suchen gehen!“ mahnte der grüne (von der Kleidung her) Aninn und folgte so gleich seinem Vorschlag. Torndo seufzte einmal laut und trottete dann gemächlich hinterher. Anais, die sich für die neue Anführerin hielt, war nicht unbedingt erpicht darauf ihn wieder zu finden. Trotzdem war sie neugierig auf sein Schicksal.

Sie fanden die Tür und betraten die dahinterliegenden Katakomben.

Du gehst voran, Annin!“ Den Befehlston hatte Anais schon gut drauf.

Erst Stunden später entdeckten sie etwas, geleitet von Torndo und seinen Übersetzungen der Altluvaunischen Schrifttafeln. Sie waren scheinbar im alten Palast von Tamilor gelandet und was sie fanden, das war die Schatzkammer… und einen in der Ecke liegenden Caelin.

Er lebt noch…“, der Anblick von Caelins sich hebenden Brustkorbes schien Anais zu enttäuschen.

Was ist das da?“ Ein Fleckchen an der Wand weckte Torndos Interesse. Er berührte das dort hängende Gemälde vorsichtig mit der Hand. Ein Loch im Boden verschluckte ihn daraufhin.

Annin erstarrte, um sein Leben fürchtend.

Großartig! Einer weniger zum Teilen“, freute sich Anais.

Elende…!“ Aninn zückte sein Schwert und griff an. Gebremst wurde er durch den plötzlich in seinem Hals steckenden Dolch.

Hm…“, überlegte Anais, „dich beseitige ich lieber auch noch…“, zückte einen zweiten Dolch und schlich auf Caelin zu.

Doch dieser hatte sich nur schlafend gestellt, er wußte um die Fallen in diesem Raum und wollte genauso wenig teilen wie Anais, das war nie sein Ziel gewesen.

Die überraschte Diebin machte er mit seinem Speer bekannt. Danach schnappte er sich soviel Geld er tragen konnte und verließ die Katakomben.

Auf seinem Heimweg durchs Moor verschwand er, nie kam er irgendwo an…

– Nuosan Deleau, tolomischer Schriftsteller

Lían, Tolome; 22.9.3675

Diese Geschichte wurde nach den Fragmenten eines Reiseberichtes von einem gewissen Annir to Merah (vermutlich ein Teilnehmer der wirklichen, der Geschichte zugrunde liegenden, Abenteuerfahrt).

Um Tamirús Grab ranken sich etliche Legenden, dies war nur eines der bekanntesten.

Zumindest ein Teil Wahrheit darf ihr zugerechnet werden.

Salero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnan; 19.4.3994