GaAl09 Ulrichs Wünsche

Juli 28, 2013

Ulrich starrte in die Nacht. Hunderte glühender Augen starrten zurück. Seit fast einer Woche lagerten die Bauern bereits dort unten am Fuß des Hügels. Es schien, als wollten sie auf ewig verbleiben, wie die Ratten in den Straßen einer Stadt. Würzburg drüben am anderen Ufer gehörte bereits so gut wie ihnen, doch solange die Burg noch aushielt, gab es keinen Sieg für die Bauern. Ulrich hielt tapfer Nachtwache, während die Gedanken an eine Schlacht ihm Angst machten. Es war nicht lange her, dass er sein Dorf verlassen hatte um sich dem Markgrafen Friedrich anzuschließen, der nun diese Burg hielt. Kampf und Ruhm lockten Ulrich, doch jetzt schien es ihm, dass er gegen seine eigene Familie kämpfen müsste, und so ging es nicht wenigen auf der Burg. Ob dort unten, bei den Bauern, beim Schwarzen Haufen und dem Fränkischen Heer, wohl auch deren Anführer, Götz von Berlichingen sowie Florian Geyer, waren? – Gab es hier auf der Burg nicht auch einen Ritter der Familie Geyer? – Ging es diesem wohl ebenso wie Ulrich? Nachdenklich blickte dieser auf den Main herab. Eigentlich wollte er nur noch heim, eigentlich nur – für die Bauern kämpfen; ein Teil von ihm träumte gar zu fliehen und sich Thomas Müntzer anzuschließen. Aber er war, wo er war und der letzte Wagen zur Flucht war vor Tagen abgefahren – und lange könnten sie es dort nicht mehr aushalten.

Seine Gedanken stiegen auf – auf und davon.

Es war der Mai des Jahres 1525 und Ulrich wünschte sich an einen anderen Ort, in eine andere Zeit.

Beim Mittagessen am nächsten Tag hing Ulrich bloß düster seinen Träumen nach, während seine Kameraden überlegten, ob Bischof Konrad kommen und sie alle retten würde. Irgendwann jedoch fiel Ulrichs bedrückte Stimmung auf. Es war sein Freund Dietrich, der ihn darauf ansprach. Beide hatten gänzlich andere Ansichten über den Krieg. Um nicht in einen Streit zu verfallen, musste Ulrich seine wahren Gefühle verbergen. Er schob stattdessen alles auf den Druck der Belagerung. Sie wussten nicht, wie lange Nahrung und Wasser noch reichen würden, doch waren sie immerhin ziemlich sicher, dass die Bauern die Mauern nie erklimmen könnten, trotz jeglicher Gerüchte, dass Florian Geyer nach Rothenburg abgereist war um Kanonen zu besorgen.

Letztlich geriet Ulrich aber doch noch in Streit mit Dietrich, als sie auf den inneren Mauern waren. Es ging um den niedersten Grund, den es hätte geben können: Die Frage nach der nächsten Wachreihenfolge. Dietrich versuchte Ulrich zu überreden, dass dieser doch noch einmal für ihn die Wache übernehmen möge, saß Ulrich doch eh lieber allein grübelnd im Dunkeln, während Dietrich meinte wegen einer Erkältung ruhen zu müssen. Ulrich jedoch fühlte sich beleidigt und sah seinen Freund als schlimmsten Vortäuscher falscher Tatsachen, weshalb er verneinte. Es kam zum Gerangel, wie er unsinniger unter erwachsenen Männern nicht sein könnte; hoch oben auf der Mauer der Burg, ein tiefer Abgrund neben ihnen. Letztlich verlor Ulrich den Halt und fiel mit den Armen rudernd hinab in das Gras am Fuße der Mauer. Auch in seinem Geist tat sich ein Abgrund auf.

Als er erwachte, wusste er nicht, wo er sich befand – oder wer er war. Ersteres hätte er aber auch so nicht gewusst; alles sah so völlig unvertraut aus: Ein weiter dichter Wald erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen. Verwundert über den Schmerz in seinem Hinterkopf stand er vorsichtig auf. Zwar wusste er nicht, dass er an diesem Ort nicht sein sollte, doch beschlich ihn trotzdem ein Gefühl der Fremdartigkeit. Nachdem er festgestellt hatte, dass er stehen konnte – warum war da bloß dieses Gefühl eine Rüstung tragen zu müssen? – ging er langsam voran. Irgendwas musste er ja tun, und vielleicht fände sich eine Ansiedlung, in der man ihm helfen könnte zu sich zu finden.

Nach wenigen Schritten durch diesen unheimlichen Wald, in dem ihn hunderte Augen aus dem Dickicht zu beobachten schienen, kam er an einen Fluss. Breit und bedrohlich floss dieser mitten durch seinen Weg. Nirgends sah er auch nur die Spur einer Brücke, doch am anderen Ende erblickte er etwas, das eine Ansiedlung sein konnte. Während auf dem Fluss Enten angeschwommen kamen um ihn zu beobachten, suchte er das Ufer nach einer Möglichkeit der Überquerung ab.

Fahr doch einfach auf dem Blatt, kam es ihm da in den Sinn.

Blatt? Welches Blatt? Wie kam er denn auf diesen Gedanken? – Und da sah er es: Ein Blatt im Wasser, groß und kräftig genug ihn zu tragen, was er auch sogleich probierte. Tatsächlich. Und nun? Wie sollte er rudern? – Da löste sich das Blatt mit einem sanften Ruck vom Ufer und trieb hinaus auf den Fluss. Ulrich verspürte keine Angst, er wunderte sich bloß. Doch schon hatte er die Seltsamkeiten als nicht weiter ungewöhnlich angenommen, da trieb es ihn weiter auf das andere Ufer zu – und nicht wie vielleicht erwartet flussab. Auch die Enten gesellten sich zu ihm und begleiteten ihn wie eine Schar Ritter.

Als er so langsam weiter auf die Siedlung zukam, erkannte er mehr von ihr. Sie hatte keine Stadtmauern, sondern nur niedrige Hecken, obwohl sie groß wie eine Stadt war. In der Mitte entdeckte er ein hohes spitzes Gebäude, das eine Kirche sein musste; die anderen Häuser waren ein- bis zweistöckig. Sobald er noch näher war, erkannte er staunend, warum die Siedlung ihm so weiß vorkam: Sie war mit reinstem weißen Schnee bedeckt. Doch nur die Stadt war weiß; die Ufer hinter sowie vor Ulrich samt dem Land links und rechts der Siedlung waren frühlingsgrün. Mittlerweile war er noch näher gekommen, erkannte zahlreiche weiße Punkte auf dem Fluss vor der Siedlung und dass die Häuser allesamt bunt geschmückt waren, als gäbe es etwas großes zu feiern. Viele Menschen schlenderten durch den Ort und tummelten sich auf einem großen Platz, der vom Fluss bis zur Kirche reichte und auf welchem ein gewaltiger Tannenbaum stand, über und über festlichst geschmückt. Nur noch wenige Fuß vom Ufer entfernt erkannte er in den weißen Punkten auf dem Fluss Papierschiffchen, die so wie er ans Ufer getrieben wurden. Immer wenn eines von ihnen Land berührte, kam ein Bürger der Stadt, belud es mit Spielzeug, Geld oder Süßem und schickte es wieder auf die Reise.

Kurz vor Erreichen der Siedlung flogen die Enten plötzlich hoch – auf und davon.

Kaum hatte Ulrich schließlich selber Land erreicht, verließ er sein seltsames Gefährt und versuchte einen der Bürger zu fragen, wo er hier sei. Sie alle aber taten so, als verständen sie ihn nicht. Zwar begrüßten sie ihn freundlich, hängten ihm Blumen um, gaben ihm zu Essen und zu Trinken, doch sprachen sie kein Wort mit ihm. Etwas verzweifelt erkundete er auf eigene Faust den Ort und kam bald zu dem geschmückten Baum, an dessen Fuße Tauben eifrig nach Brotkrumen pickten. Als er sich fragte, was er nun tun sollte, durchzuckte ihn ein Gedanke.

Gehe in die Kirche!

Ja, warum war er nicht eher darauf gekommen? Dort würde man ihm helfen. Schnell trottete er in diese Richtung, während die Tauben ihm scheinbar neugierig wie graue Begleiter folgten. An den Toren des mächtigen und ebenso schön geschmücktem Gebäude angekommen, klopfte Ulrich brav. Lautlos öffneten sich ihm sofort die gewaltigen Torflügel. Etwas eingeschüchtert betrat er die Kirche und erschrak, als von allen Seiten Lieder ertönten. Sänger begrüßten ihn auf ihre Art. Und am Ende des Schiffes erkannte er eine Gestalt.

Draußen blieben die Tauben kurz stehen, um dann wegzufliegen – auf und davon.

Vorsichtig hielt Ulrich auf die Gestalt zu. Ein großer Mann mittleren Alters mit dünnem Schnurrbart im Bischofsmantel saß dort auf einem Stuhl vor dem Altar, als wäre es sein Schreibtisch. Brav stellte Ulrich sich vor und brachte sein Anliegen vor. Der Mann erklärte sich als der heilige Sankt Nikolaus; er hatte Ulrich bereits erwartet. Er klärte ihn über seine Vergangenheit auf und bot ihm feierlich an, entweder bei ihm im Weihnachtsland fern all des Elends bleiben zu dürfen – oder heimzukehren. Die Entscheidung fiel Ulrich nicht leicht, doch sein Ehrgefühl war zu groß – seine Familie könnte er nicht alleine lassen.

Kaum war seine Entscheidung getroffen, da wurde ihm schwarz vor Augen – doch ein Teil fühlte sich, als flöge er auf und davon.

 

Als Ulrich erwachte, lag er auf seinem Lager in der Burg. Dietrich hatte bei ihm gewacht und entschuldigte sich nun tausendfach bei ihm für sein Verhalten. Ulrich sprach ihm zu, dass alles nicht so schlimm sei. Er wusste nun, dass sie alle gerettet werden würden.

Es dauerte nicht mehr lange, dann wagten die Bauern einen Angriff. Doch zu dieser Zeit tauchte plötzlich ein anderes Heer auf, fiel ihnen in den Rücken und schlug sie vernichtend. Als der Anführer dieser Männer in die Burg einritt, erkannte Ulrich ihn sofort. Zwar stellte er sich als Bischof Konrad vor, doch für Ulrich blieb er auf ewig der Nikolaus.


GaAL08 Mauern und Murmeln

Juli 21, 2013

Traurig sah Johannes aus dem Fenster. Unten im Hof spielten die anderen Kinder – seine Freunde. Wie gerne wäre er nun dort hinuntergelaufen um mitzuspielen – doch er durfte nicht; sollte hier bleiben, während seine Familie alles plante, vorbereitete. Morgen ginge es in den Westen, so ihre ewigen Wiederholungen. Alles sprach nur noch von Wiedervereinigung und Mauerfall. Und er – was ging ihn das alles an? Er lebte hier in Treptow, solange sein kleines Gedächtnis sich erinnern konnte; er wollte überhaupt nicht irgendwo anders hin. Sein zartes Herz sehnte sich nach nichts weiterem. Aber die anderen, die ‚Großen‘, beachteten seine Wünsche nicht.

Im Türrahmen zur Küche stehend überlegte er zu fragen, ob er nicht doch hinuntergehen dürfe. Doch kaum, dass sie ihn bemerkte, unterbrach seine Mutter ihre packenden Fähigkeiten und sah ihn bloß verwirrt an. Schnell kam sie auf ihn zu, ihn mit den Armen verscheuchend, wie man Tiere fortjagen würde, und rief ihm eindringlich hinterher, er solle endlich sein Zimmer aufräumen. – Was brachte ein aufgeräumtes Zimmer, wenn sie morgen doch wegfahren wollten? Er versuchte es noch bei seinem Vater, der mit Freunden vor der flimmernden Kiste saß und heiß über das mit ihnen sprach, was der Bildschirm ihnen gerade zeigte: Eine Mauer, die abgetragen wurde. Als Johannes sich Gehör zu verschaffen suchte, winkte ihn der Vater bloß fort; sah ihn nicht einmal an.

Dem Jungen war offensichtlich, dass sie ihn nicht bräuchten. Doch wenn sie so beschäftigt waren, würden sie sein Verschwinden doch sicherlich auch nicht bemerken. Schnell schnappte er sich aus seinem Zimmer sein Lieblingsspielzeug für den Hof – seine Murmeln – und schlich in den Flur. Vorsichtig versuchte er außerhalb der Blickwinkel seiner Eltern zu bleiben, nahm sich Jacke samt Schuhe und verließ die Wohnung. Erst draußen im Hausflur zog er sich an.

Als er schließlich aber im Hof ankam, musste er feststellten, dass all seine Freunde plötzlich verschwunden waren. Verwundert machte er sich auf die Suche, doch fand sie nirgendwo. An keinem ihrer üblichen Treffpunkte oder Verstecke war auch nur eine Menschenseele. Wo waren sie wohl alle hin? Etwa schon nach hause? Das taten sie doch so früh an so schönen Tagen nie. Mussten sie etwa auch heim, da ihre Eltern mit ihnen in den Westen fahren wollten? Doch eine Möglichkeit gab es noch, wo er Freunde von sich anzutreffen vermutete: der Park.

Doch vorher suchte er noch kurz seinen Onkel auf. Dieser war der einzige Erwachsene, den er kannte, der sich stets den Launen der anderen entgegenstellte, seinen eigenen Weg ging, eher zu den Kindern hielt. Unten an der Tür des Hauses angelangt versuchte Johannes bereits von Außen zu sehen, ob jemand zu Hause sei, doch waren die Fenster wie immer von Gardinen verhangen – dies brachte ihm also keine Einsicht. Natürlich klingelte er schließlich und nutzte dabei das alte Klingelzeichen, welches sie beide vereinbart hatten. – Und es folgte keine Antwort. War er etwa auch verschwunden, wie all die anderen feiern? Aber das würde doch gar nicht zu ihm passen. Enttäuscht trottete Johannes wieder von dannen.

Während er seinen Weg zum Park suchte, sah er immer wieder Menschen in die Straßen kommen: feiernde Menschen und sich freuende Gesichter. Einmal waren sie sogar vor einem Teilstück der Mauer versammelt, als sei es ein Treffpunkt. Dort hinten, wo die Kinder so oft Verstecken gespielt hatten. Doch Johannes störten diese Behinderungen seines Weges jetzt nur; stets hatte er die Alten zu umgehen. Öfters versuchten sie ihn zwar mit in ihre Feiern zu verwickeln, doch immer verschwand er wieder, sobald es ging. Zumindest aber fragte ihn niemand, was er so alleine auf der Straße zu suchen hatte; das schien heute für alle nichts Ungewöhnliches.

Und dann erreichte er sein Ziel. Der Park lag friedlich am Fluss, wie eh und je – oder? – Nein. Mehr Menschen als sonst erblickten seine Augen dort in den Flussauen. Wie sollte er da denn seine Freunde finden? Wie sollten sie da denn auf der Wiese oder unten am Fluss spielen? Letzteres erübrigte sich aber, als er flussauf, flussab bloß Familien und Pärchen vorfand, teilweise feiernd, teilweise entspannend, doch keine Spur seiner Freunde, an keinem ihrer üblichen Orte. Da begegnete er dem Eichhörnchen. Drüben auf der Insel, unfern der Brücke, da sah er es. Schon immer hatte er diese Tiere gemocht und zunächst verwunderte ihn an diesem nur, dass es hier auf der Insel und nicht im eigentlichen Park war. Aber schon gingen seine kindlichen Triebe mit ihm durch und er versuchte es zu fangen. Einmal rund um einen Baum herum folgte er ihm und letztlich auch auf diesen hinauf, so weit es ihm möglich war, und schwebte dort gefährlich nah über dem Wasser. Schon vermeinte er seinen festen Griff zu verlieren – da hatte er keine Lust mehr.

Als er wieder herabkletterte, hatte sich etwas verändert. Er bemerkte es nicht sofort, doch – die Farben waren anders. Das Wasser schien ihm bräunlicher, die Pflanzen gelblicher zu sein. Und das war nicht alles. Das Gras auf dem er ging, bewegte sich weicher, die Blätter der Bäume raschelten sanfter. – Da fiel es ihm auf: Das Gras bestand aus Weingummi! – Und Blätter an den Bäumen im Spätherbst! Staunend beugte er sich nieder, um von dem Gras zu kosten – und es gefiel. Neugierig ging er auch zum Wasser und nahm sich eine Handvoll – Cola erwartete ihn. Irgendwie gefiel ihm dies, auch wenn es sonderbar war. – Sonderbar? Aber warum denn? Plötzlich war ihm entfallen, was er gerade tun wollte. Bevor er jedoch zuviel Zeit zum Wundern hatte, tauchte das Eichhörnchen wieder auf – oder ein Freund ebendieses.

Kühn und herausfordernd saß es da und blickte ihn stumm an. – Blickte schlauer als alle anderen Eichhörnchen, die Johannes je gesehen hatte. Zunächst verhielt es sich ruhig, ihn bloß beobachtend. Dann plötzlich ruckte es, ließ sich mit einem Mal auf alle Viere nieder – wendete – und lief davon, über die Brücke hin zum Festland. Nach kurzem Zögern folgte Johannes, dabei weiter die Umgebung bewundernd. Die Brücke war aus kunstvoll verziertem Lebkuchen, als wollte sie für ein Märchen posieren. Auf der anderen Seite angelangt kamen ihm Enten entgegen – und begrüßten ihn. Höflich grüßte er zurück, mittlerweile sich kaum noch wundernd. Mäuse aus Schokolade, Ameisen mit Zuckerguss und bunte Vögel – was auch immer dort in diesem Park kräuchte und fläuchte, hieß ihn fröhlich willkommen, um daraufhin seine Tätigkeit gleich wieder aufzunehmen. Jeder hier schien bloß das Leben zu genießen.

Auf der Festlandsseite war das Gras nicht Weingummi, sondern federweich und schmiegsam. Seufzend ließ er sich darauf nieder und sah zum Himmel hinauf. Auf einem freundlichen blauen See trieben dort weiße Schäfchen und eine gelbe Sonne lächelte ihm zu, versuchte ihn zu kitzeln. – Ach nein, das war der bauschige Schwanz des Eichhörnchens neben ihm. Was wollte es denn? Verschlafen doch glücklich lächelnd wandte Johannes ihm sein Gesicht zu. Da stand das kleine Wesen auf seinen Hinterbeinen und beobachtete ihn. Doch kaum, dass er ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte, deutete es schon auf eine Stelle weiter hinten auf der Wiese. Seinen Blick dorthin wendend bemerkte Johannes weitere Hörnchen, die fröhlich tollten und sich Nüsse wie Murmeln zurollten. Das heftige Deuten seines kleinen Besuchers konnte wohl nur heißen, dass er mitspielen solle.

Langsam erhob er sich also – dieses Bett würde er missen wie keines je zuvor – und trollte sich hinüber zu den Spielenden. Schnell war er in ihre Runde aufgenommen. Regeln zu erklären gab es kaum welche, schien es doch dasselbe Spiel zu sein, dass Johannes schon immer gespielt hatte. Doch als er dann die Murmeln aus seinem Beutel nahm, erwartete ihn tiefstes Erstaunen seitens seiner Mitspieler – solche Murmeln schienen sie noch nie gesehen zu haben. Sie betatschten und besahen sich die kleinen gläsernen Kugeln, als seien sie seltsame Schätze.

Als das Spiel dann startete, behandelten sie die Murmeln weiterhin mit großer Rücksichtsnahme und Vorsicht. Die Übervorsichtig führte dazu, dass ein besonders kleines und junges Eichhörnchen bei seinem Wurf gegen eine seiner eigenen Nüsse nicht nur daneben traf, sondern sogar eine von Johannes‘ Kugeln anstieß. Mit überraschender Geschwindigkeit rollte sie über die Wiese – und das Eichhörnchen rannte ihr hinterher. Die Murmel verließ bald das Grün, überquerte den Weg und drohte zum Fluss zu kommen. Eng hintendran war das kleine Hörnchen, schnappte immer wieder mit seinen Pfötchen, doch stets daneben – und dann waren sie beide zu nah ans Wasser gekommen. Im hohen Bogen flog die Murmel über den Kai ins Wasser. – Das Hörnchen versuchte sie noch zu packen, doch verlor dabei das Gleichgewicht und fiel. – Platsch!

Erschrocken sah Johannes zu. Die Eichhörnchen um ihm herum sprangen ängstlich auf und ab, doch keines konnte etwas tun – sie alle konnten nicht schwimmen. Und so war es an Johannes, während im Wasser das kleine Tier ums Überleben rang, mutig hinterherzueilen und in das klebrige Nass zu springen. Doch – er konnte ja selber nicht schwimmen! – Gemeinsam kämpften sie und mit knapper Not bekam bekam Johannes Kai und Tier zu fassen. Keuchend zog er sie beide an Land, rollte sich erschöpft auf den Rücken und schloss die Augen. Ihm wurde schwarz.

Als er seine Augen wieder öffnete, standen zahlreiche Menschen um ihn herum und gafften, als sei er etwas Besonders, während ein Mann in Weiß fragte, wie es ihm ging. – Ein Arzt? – Johannes wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht, nachdem er zuviel Wasser geschluckt hatte. Seine Eltern kamen ihn abholen, machten ihm Vorwürfe – doch letztlich siegte ihre Sorge. Die Fahrt in den Westen wurde erstmal verschoben und sie versprachen, sich mehr um ihn zu kümmern.

Johannes selbst aber war dies alles erst einmal egal. Während er mit seinen Eltern heimfuhr, blickte er aus dem Fenster und beobachtete die Eichhörnchen im Park, wie sie Murmeln spielten.

Diese Zeit der Wende – seine Zeit – würde er niemals vergessen.


GaAL07 Weihnachten im Anderen Land

Juli 14, 2013

Eine Tages watschelte die kleine Ente durch das Andere Land. Sie besuchte die fröhlichen Gummibärchen, die aufgedrehten Hörnchen, die schlaue Ratte, das Zauberschaf, den alten Bernhardiner, den kleinen Pudel, die Käferfamilie – ja sogar die Kaninchen – und viele andere, um mit allen jeweils kurz zu schnattern. Einige waren erfreut sie zu sehen, andere dagegen zeigten sich genervt – und selbst die, welche die Ente wirklich mochten, kamen schnell auf den wahren Grund ihres Besuchs. Die Ente kam nicht bloß ihretwegen, vielmehr versuchte sie etwas herauszufinden. Es war nicht mehr lange bis Weihnachten und im Anderen Land war es schon lange zum Brauch geworden, sich auch gegenseitig etwas zu schenken. Zwar kam zu jedem noch der Weihnachtsmann, doch wollten sie sich so ihre Zuneigung zeigen. Die Ente nun wollte erfahren, ob auch alle an sie dächten. Das Ergebnis aber war niederschmetternd für die Kleine: Wo immer sie auch klopfte und höflich quakte, stets sagte man ihr schnell, dass es dieses Jahr von ihnen keine Geschenke gäbe – und das, obwohl die Ente das Wort Weihnachten noch nicht einmal erwähnte.

Nachdem sie überall gewesen war, setzte sie sich traurig an ihren Teich. Mochte sie denn wirklich niemand? Während sie darüber nachgrübelte und sich ihre Tränen mit dem Wassers des Teichs vermischten, hörte sie plötzlich ein Miauen hinter sich. Der Kater! – den hatte sie ja ganz vergessen! Geschmeidig kam das schwarze Tier angeschlichen und setzte sich neben sie. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden, würde sie doch gar nicht gut aussehen. Die Ente erläuterte ihm daraufhin alles – dass sie befürchtete, niemand würde sie mögen, da niemand vorhatte ihr etwas zu schenken; wenngleich angeblich auch sich gegenseitig nicht. Da sprach der Kater, er hätte in letzter Zeit oft beobachten können, wie einige der anderen immer wieder zusammen in Tunneln nah der Höhlen der beiden Weisen verschwänden. Vielleicht würden sie dort etwas verstecken; vielleicht würde sich dort eine Antwort finden lassen auf die Fragen und Befürchtungen der Ente? Zwar hatte diese Bedenken, doch als der Kater bereits losging und ihr bloß zurief zu folgen, musste sie gehorchen.

Bevor sie sich versah, folgte sie dem Schwarzen bereits durch die Wiesen hinein in den Wald und immer weiter bis zu der schroffen Felsklippe, die in seiner Mitte in die Höhe ragt. Hier lebten die beiden Weisen in ihren Höhlen, doch zu denen wollten sie nicht. Trotzdem blieb die Ente kurz vor dem gewaltigen Tor stehen, das mit Geschehnissen aus dem Anderen Land versehen war. Nie hätte sie es gedacht, doch ein Bild zeigte den Weihnachtsmann, wie er die Bewohner des Anderen Landes, welche in einem Kreis versammelt waren, beschenkte. Und da – sah sie dort nicht sogar eine kleine Ente unter den Versammelten? Das Bild zog sie in seinen Bann. Beinahe schon konnte sie Laute der Versammlung um sich hören. Dort, am Rande – saß da nicht der Kater? – Der Kater! Erschrocken und in die Wirklichkeit zurückgerissen sah sich die Ente um, doch entdeckte nirgends den Kater. War er verschwunden? Hatte er sie allein gelassen? Schrecken überkam sie, wusste sie doch weder den Weg zu den Tunneln, noch den zurück zu ihrem Teich. Tränen stiegen ihr breits in die Augen, da hörte sie ein nahes Miauen. Es kam von der nächsten Biegung der Klippe. Schnell watschelte die Kleine in diese Richtung. Sie wollte bloß nicht alleine sein. Und tatsächlich – dort wartete der Kater und nur ein kleines Stück weiter sah sie auch bereits die Tunnel.

Während die Ente sich fragte, was dort wohl drin sein würde – ein gemeinsames Versteck für die Geschenke der anderen? – tauchten sie bereits tief in die Felsengänge ein. Schnell war es schwarz um sie und die Ente sah selbst ihren Schnabel nicht mehr. Wieder überkam sie Angst. War der Kater noch vor ihr? Ging es überhaupt noch geradeaus? Und was, wenn plötzlich ein tiefer Abgrund käme? Würde sie schnell genug hochfliegen können? – Wo war der Kater? Ängstlich entstieg ihr ein Quaken – und ein Miauen wies ihr den Weg. Schließlich erreichten sie auch eine Höhle. – Wenn dies ein Versteck war, dann war es ein gutes – so weit ab und düster. Doch wie sollte sie darin nun etwas sehen? – Der Kater kam ihr zur Hilfe, denn plötzlich leuchtete etwas. Was es war, konnte die Ente nicht feststellen – ihren Geist nahm die plötzliche völlige Leere einer riesigen Höhle ein. Keine Geschenke. Nichts. Nur feuchte Tropfsteine. Der Kater maunzte verwundert. Als er sah, dass die Ente bereits wieder traurig zurückwatschelte, folgte er ihr.

Auf dem Heimweg drehten sich ihre Gedanken immer wieder um die leere Höhle und die Befürchtung, dass niemand sie mögen würde. So bemerkte sie dann auch, als sie im Dunkeln heimkehrte, dass sich ihr Teich verändert hatte. Erst als sich auf einmal Lichter entflammten sah sie erstaunt auf. Alles war verziert und weihnachtlich geschmückt. Und dann kamen die anderen. All ihr Freunde waren da, mit ihr Weihnachten zu feiern. Die letzten Wochen hatten sie alles daran gesetzt sie in dem Glauben zu lassen, dass niemand Interesse an Weihnachten hätte und sie gleichzeitig das Datum vergessen zu lassen. Nun, an Weihnachten selber, hatte der Kater sie weggelockt, damit die anderen das Fest vorbereiten und sie überraschen konnten. Fröhlich feierten sie zusammen. Und zum Höhepunkt erschien sogar der Weihnachtsmann selbst.

Die Ente war wieder glücklich.


Neues Buch

Juli 22, 2010

Der Herr Ghambaris hat bei einem Ausschreiben gewonnen und wird erscheinen in: „PENDULUS – und andere gruselige Geschichten“ mit nahmhaften Autoren wie C. Marzi.


Gesucht

Juli 5, 2009

Interessierte Mitwirkende für ein PulpMag.
(= (Kurz)Geschichten: Fantasy, Horror, Phantastik, Mystery.)

Per Lulu oder ähnlich kostenlosem OnDemand. Es sollten außer dem Kaufpreis keine Kosten für irgendwen entstehen.

Magazin wäre jederzeit löschbar=begrenzt herausgebbar=keine Probleme wenn man die Geschichte(n) nochmal woanders veröffentlichen will.

Gesucht: Mitschreibende, Mitlesende, Mitkorrigierende, Mitherausgebende, Mitwerbende, Mitschaffende.

mehr Infos: http://kaltric.twoday.net/stories/5822686/


Auf der Flucht

Februar 19, 2009

Sie waren da. Laute Schläge hämmerten gegen die Tür. Von draußen drangen Stimmen zu ihm durch. Ittus vernahm Rufe wie „Da drinnen ist er!“, „Er hat die Tür verschlossen!“ und „Tötet ihn!“. Entsetzt richtete er sich auf. Schnell ergriff er seine Tasche und hängte sie sich um. Gleichzeitig erhob er sich hastig vom Bett. Sein Herz raste vor Angst. Kaum war er fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Übereilt stieß er das billige Bett um und schob es vor die Tür. Ansonsten gab es in dieser kleinen Absteige keine weiteren Möbel und Waffen besaß er nicht. Auf der anderen Seite der Zimmertür sah dies anders aus: Eine erste Axt krachte gegen die Tür.
Ittus hatte keine andere Wahl. Die einzige Fluchtmöglichkeit stellte das Fenster dar. Die Angst drohte ihn zu lähmen. Seine Sicht verschwamm, seine Hände zitterten, sein Körper stand kurz vor der Ohnmacht. Er versuchte sich zusammenzureißen. Nur halb bewusst griff er sich den dreibeinigen Schemel neben dem Fenster, stieß dabei die Waschschüssel herab und warf ihn durch die Scheibe. Glas klirrte. Zu spät fiel seinem nun fast tierischen Verstand ein, dass er das Fenster auch hätte öffnen können. Damit hielt er sich nun aber auch nicht mehr auf. Ein Blick durch die Öffnung offenbarte ihm, dass er sich noch immer im zweiten Stockwerk befand. Gegenüber ragte die Abfallrampe einer Metzgerei aus der Wand des Nachbarhauses. Sein Glück sollte es sein, in diesem Moment nicht mehr überlegen zu können. Denn gerade als er durch die Fensteröffnung kroch, krachte es mehrmals laut hinter ihm. Während Ittus hinüber zur Rampe sprang und schmerzhaft aufkam, wurden die Eindringlinge in seinem Zimmer von den Trümmern der Tür und dem Bett aufgehalten. Als der Rutsch die Rampe herab endlich von Abfällen gebremst und aufgefangen wurde, strömten sie oben in das Zimmer.
Ächzend richtete Ittus sich auf. Arme und Beine schmerzten nun fürchterlich, zerschnitten von Scherben, geprellt von der Landung, abgeschürft von dem Rutsch. Doch dafür blieb keine Zeit, humpelnd machte er sich von dannen, die Gasse entlang, über einen Hinterhof, eine weitere Gasse hindurch und immer so fort, bis ihn seine Füße nicht mehr weiter trugen und er meinte, endlich weit genug entfernt zu sein. Erst dann ließ er sich versteckt zwischen Kisten hinter einem Lagerhaus nieder. Mittlerweile war die Angst abgeklungen, sein Blut raste nicht mehr. Vielmehr verlangte sein ganzer Körper nur noch nach Ruhe. Doch diese konnte er sich vorerst nicht gönnen. Während er sich die Schnitte und Abschürfungen besah, verscheuchte er die Ratten um sich herum und dachte nach. Bald schon kam er zu dem Schluss, dass nur Munish ihm nun noch helfen könnte.
Es machte keinen Sinn, hier weiter zu warten. Jede verstrichene Stunde ließ den Morgen näherkommen. Nun, in der Nacht, wäre es einfacher für ihn. Vorsichtig richtete er sich wieder auf und stützte sich an der Wand ab, als ihm plötzlich schwindlig wurde. Nachdem dies nachgelassen hatte, stolperte er bis zu dem Durchgang zu seinem Versteck, den einige Kisten formten. Vorsichtig sah er um die Ecke herum auf den weiten Hof hinter dem Lagerhaus, auf welchem Kistenstapel einen Irrgarten formten. Immer noch war hier niemand zu sehen. Hoffentlich hatten sie seine Spur verloren. Doch erhellte auch kein Licht den Platz, schien kein Mond am Himmel. Und langsam kroch Nebel durch die Gassen der Stadt. Er musste sich hier irgendwo im Hafen befinden. Das gab ihm zumindest einen Anhaltspunkt, wo er nun hingehen müsse.
So gut es aufgrund der Schmerzen ging, schlich Ittus zum Ausgang dieses Lagerplatzes, der nun düster und Nebel verhangen wie ein Totenreich da lag.  Eine morsche alte Tür in einem losen Bretterzaun war das Tor aus diesem Reich seiner kurzweiligen Sicherheit hinaus in den Hafen. Doch schon richteten sich ihm Unheil verheißend die Nackenhaare auf. Hastig blickte er sich um, doch war nichts zu sehen. Er rüttelte an der Tür, wollte diesen Platz so schnell wie nur möglich verlassen. Hinter sich etwas krachen hörend verfiel er in Panik. Ruckhaft öffnete sich ihm schließlich die Tür. Schnell eilte er hindurch, ohne Vorsicht schloss er sie hinter sich. Die Schmerzen für einen Moment vergessend floh er in die Nacht. In seinem Rücken vermeinte er noch kurz Kinderlachen zu hören.
Dann war er in einem anderen Teil des Hafenviertels. Hier und da erleuchtete eine Laterne die breiteren Wege, doch blieb er in der Dunkelheit. Einsame Wanderer sah er auf der Hauptstraße, viele das Vergnügen suchend. Der Sinn für Freude, für die Fleischeslust, selbst für Gesellschaft war Ittus nun aber vergangen. Einmal vermeinte er eine Gruppe Gestalten, mit Äxten und Fackeln versehen, die Straße entlang polternd und Spaziergänger nach ihm ausfragend zu sehen. Der Nebel spielte ihm hier jedoch einen Streich; es war nur eine Bande Trinker dort. Ittus ging weiter und endlich kam er an das gesuchte Haus. Von hinten, aus dem Hof heraus näherte er sich ihm. Nicht eines der Fenster dort droben fand er erleuchtet. Umso besser für ihn. Das Fenster von Munishs Laden ging in diesen Hinterhof. Es war unverschlossen. Behutsam schob Ittus es auf und kriechend wie ein Wurm quälte er sich ob der Schmerzen dort hinein. Drinnen verblieb er eine Weile keuchend am Boden. Ob er dies alles überhaupt überstehen würde?
„Munish – Munish! Wach auf! Jetzt wach auf!“ sprach Ittus immer wieder, immer drängender und rüttelte dabei am Bett des Gesuchten.
„Was? – Wer?“ kam es von diesem, bevor sich sein Geist aus dem Traumreich löste, ab da aber war er schnell wach und griff nach dem Dolch an seinem Bette.
„Munish! Ich bin es! Ittus! Du musst mir helfen!“ drängte jener weiter.
Nur langsam erkannte Munish so recht, wer da eigentlich vor ihm stand. Und trotz der seltsamen Umstände, trotz der plötzlichen Störung war er schon einiges von Ittus gewöhnt. Nach einer Weile fand er sich selber wieder, wie er aufstand und, weiterhin nur mit einem Nachthemd bekleidet, mit Ittus hinunter in den Laden ging. Im Geschäftsraum entzündeten sie nur eine Kerze, nach Ittus‘ Bitte, nicht zu sehr aufzufallen, und setzten sich an den Tisch.
„Ittus, was willst du eigentlich hier?“ fragte Munish argwöhnisch und immer noch verschlafen.
„Du musst mir helfen! Du musst mich retten! Sie sind hinter mir her!“ entfuhr es Ittus, der sich in den Tisch verkrallt hatte und immer wieder zum Straßenfenster sah, ob nicht jemand käme.
„Langsam – du brichst hier einfach mitten in der Nacht ein und verlangst irgendwelche Sachen von mir. Ich muss gar nichts. Jetzt sag mir erstmal, worum es geht. Ich hatte mich so über Schlaf gefreut. Der Tag war so anstrengend gewesen. Also, wer sind sie? Und warum retten?“ sprach Munish, zwischendurch immer wieder gähnend.
„Ich weiß nicht wer sie sind. – Vielleicht geprellte Kundschaft. Oder die, denen ich meine Besuche abstattete. Du weißt schon. Ist doch egal. Was tut das zur Sache? Ich war draußen im Gasthaus, wo ich mich morgen mit einem Kunden treffen wollte, hatte mir ein Zimmer gemietet, war schon fast eingeschlafen, da hörte ich sie. Sie berieten sich, sie wollten mich töten. Doch ich war schneller! Ich konnte entkommen! Nun bin ich hier – du musst mich verstecken!“ erzählte Ittus, mal drängend, mal flehend, doch stets mit Angst.
„Weißt du… – ich habe gehört, was du dir diesmal geleistet hast. Ich weiß, warum du dich an niemanden sonst wenden kannst. Diesmal bist du etwas zu weit gegangen. Doch ich werde dir helfen. Unserer – Freundschaft – wegen. Aber das wird teuer für dich“, sprach Munish, der wusste, dass Ittus keine andere Wahl hatte.
Ittus dachte kaum darüber nach. Er besaß nicht viel. Doch verriet er Munish sein Versteck, was diesem genug wert war. So wurden sie sich einig. Anschließend überzeugte Munish den verängstigten Ittus, der nun jedem Retter vertraut hätte, dass eine sofortige Flucht nicht möglich war. Doch gäbe es jemanden, der Ittus unerkannt aus der Stadt bringen könnte. Nun sollte er sich erst einmal erholen; bis zur nächsten Nacht müssten sie noch warten. Hierauf entbrannte dann doch noch ein erneutes Gespräch, denn Ittus wollte so schnell wie möglich die Stadt verlassen. Schon glaubte er, Schläge an der Haustür zu hören, doch Munish beruhigte ihn: Er würde ihn im Keller verstecken, wo keiner ihn finden könnte und früher wäre eine Abreise wirklich nicht möglich. Zögernd willigte Ittus ein, vertraute er doch auf Munish.
Und dieser tat wie geheißen. Ittus hörte noch, wie sich die Falltür zum Keller über ihm schloss und das Kratzen und Schleifen von etwas Schwerem, das Munish darauf schob um den Eingang zu blockieren und zu verstecken, dann war er in völliger Finsternis allein. Nicht einmal ein Licht hatte Munish ihm mitgegeben. Es dauerte eine Weile, bis Ittus sich dort zurechtgefunden hatte. Der Boden war bloßer Lehm. Wasser troff von der Decke und verwandelte ihn in Schlamm. Einmal hörte Ittus eine Ratte quietschen. Kein Fenster bot Licht, doch er ertastete etwas, das sich wie ein Stoffhaufen anfühlte; Hort der Ruhe und Gemütlichkeit. Erschöpft fiel er drauf. Er bemerkte die Wanzen nicht, denn schnell war er eingeschlafen.
Ein Hämmern weckte ihn. Ein Hämmern, das nur von schlagenden Äxten stammen konnte. Gleichzeitig vernahm er Rufe, böse Rufe nach seinem Leben. Sie waren da, sie hatten ihn gefunden, sie brachen durch die Falltür. Entsetzt kroch er durch die schlammige Dunkelheit, doch gab es kein Entkommen. Er versteckte sich in der tiefsten Ecke dieser feuchten Dreckhöhle und erwartete voll tiefer Angst sein Ende. Und dann waren sie über ihm. Braune, gesichtslose Schlammwesen. Sie leuchteten schwach, Knochen steckten in ihrem schlammigen Körper, hier und da ragte ein Ast heraus. Sie ließen ihre Äxte auf ihn niederfahren. Nass vor Schweiß und Deckenwasser erwachte er. Schnell erkannte er das Verschwinden dieser Nachtmahre des Traumes. Er war immer noch im Keller und allein. Wie spät es wohl war? Wann käme Munish wohl endlich? Seine Wunden schmerzten. Nun juckten sie auch noch.
Vielleicht nur wenige Augenblicke, vielleicht auch erst Stunden später vernahm er endlich, wie die Falltür von ihrer Last befreit und geöffnet wurde. Tageslicht fiel in den Keller. Es war nicht Nacht? Und wer kam da? Das war nicht Munish! Entsetzt erkannte Ittus zwei Wachmänner. Er leistete keinen Widerstand. Es gab keine Fluchtmöglichkeit mehr. Sie schleppten ihn hoch in den Laden. Männer und Frauen standen da, Wut und Hass verzerrten ihre Gesichter zu hässlichen Fratzen.
„Da! Da ist er! Tötet ihn“, schrie eine Frau und viele Stimmen fielen ein, „bringt ihn um! Wie er auch meine Kinder getötet hat!“
Doch Ittus warf nur einen flehenden Blick hinüber zu Munish, der Abseits stand. Dieser schüttelte den Kopf.
„Diesmal bist du zu weit gegangen, kleiner Dieb. Du wirst nie wieder jemanden überfallen. Dafür wirst du hängen!“ sprach einer der Wachmänner und wandte sich dann an Munish: „Gut gemacht. Wir werden es diesmal vergessen, dass du seine Waren gekauft hast.“
Und ohne einen weiteren Blick für Ittus zu haben verließ Munish den Raum, während der Mörder von den Wachmännern vor der Rache seiner Opfer geschützt werden musste.

ENDE

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Kommentar

Diese Geschichte erzählt das Schicksal des Diebes und Mörders Ittus, der vor ungefähr hundert Jahren in Doliras tätig gewesen sein soll. Diese Gestalt wurde in mehreren Erzählungen dargestellt, von der diese nur eine ist.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 15.02.3995


Der Fluch der Schreckensburg

Januar 5, 2009

Wir kamen von Westen. Abseits jeglicher bewohnter Gegenden wollten wir uns halten, um keinen Verdacht zu erregen, um niemanden uns folgen zu lassen, um niemanden dazu zu bringen, uns von unserem Vorhaben abhalten zu wollen. Dazu waren wir mit einem kleinen Boot östlich von Bétiganos gelandet. Die anderen hatten Bedenken, wegen der Satenechsen im Sumpf, doch waren wir uns einig: Nach Satenfels zu gelangen war unser Ziel; die Burg ihrer Schätze berauben. Jeder hätte versucht uns zurückzuhalten, hieß es doch, dass Satenfels verflucht sei, wie dieses ganze Land. Doch uns war bewusst: Dies sagte man sicherlich nur, um von den Schätzen abzulenken.
Vier Tage lang kämpften wir uns durch die verfluchten Sümpfe, da trat der Erste von uns in ein Sumpfloch. Dies war nicht wirklich das erste Mal, doch nun konnten wir ihn nicht befreien, nicht retten. Zwei Satenechsen stürzten sich auf ihn. Wir anderen flohen, so schnell wir nur konnten. Und wir besiegten den Sumpf; wir ließen ihn, seinen Gestank, die gefräßigen Echsen sowie die bissigen Fliegen zurück und betraten bald das Hinterland.
Immer hatten wir uns nah der Küste gehalten und langsam wich der Sumpf den steilen Zagurklippen. Da wir wussten, dass Satenfels inmitten dieser Klippen liegen musste, erklommen wir sie. Höher und höher ging es, steiler und steiler ward es. Über uns der dunkle drohende Himmel, links von uns das rauschende graue Meer, rechts von uns das Höhenland der auslaufenden Sümpfe. Einer verlor gleich bei den ersten Aufstiegen den Halt und stürzte schreiend in die Tiefen. Und dabei waren wir erst am Beginn. Wie wäre es wohl gewesen, wären wir von Osten gekommen, die ganzen Klippen zu durchqueren? Noch zu Viert bleibend kämpften wir uns weiter voran. Die Schätze lockten, wir alle konnten sie in unseren Träumen hören. Weit konnte es nicht mehr sein. Doch wir kletterten noch für Tage.
Am zehnten Tage unserer Reis verdüsterte sich der Himmel noch mehr. Schon die ganze Zeit über hatte es immer wieder geregnet, doch nun wurde daraus ein mächtiger Sturm. Das Meer peitschte links von uns an die Klippen, derweil wir uns durch Wind unr Regen, Sturm und Blitze voran arbeiteten. Von Böen gepackt fiel der Nächste in eine Spalte und brach sich die Beine; wir mussten ihn töten. Zum zwölften Tage hin ließ der Sturm zwar nach, doch wir bemerkten, dass uns nun die Nahrung fehle. Nach langem Streit entschieden wir, dass Einer sich opfern müsse.
Am dreizehnten Tage dann erblickten wir letzten Zwei endlich Satenfels. Wie stolz und furchteinflößend zugleich reckt sich dieser düstere uralte Schrecken doch über Klippen und Meer in den finstren Himmel! In einer Stunde machen wir uns auf, sie zu betreten. Wir werden sehen, was seit Jahrhunderten niemand sah, werden uns holen, wonach es allen giert und keiner sich wagte, es sich zu holen.

ENDE

Kommentar

Angeblich wurde dieser Brief von Landvermessern am Fuße der Zagurklippen gefunden. Von wann er stammt, ist nicht genau zu bestimmen. Wahrscheinlich ist, dass ein Betrüger ihn verfasste und selbst in Umlauf brachte. Es ist bekannt, dass immer wieder Abenteurer versuchen, Burg Satenfels zu erreichen, welche einst für ihre Schreckensherrschaft bekannt war und seit dem Blutbad von 2347 als verflucht gilt, doch halten die Landwächter jeden Reisenden eindringlich davon ab.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 07.01.3995


Antiliberale, elitäre, fremdenfeindliche, sozialdarwinistische, superioristische, autoritäre Gruppierungen

Juni 24, 2008

Dies ist eine Warnung. Eine Warnung vor den in der Überschrift angegebenen Methoden zahlreicher „anonymer“ elitärer Internetgruppen, in diesem Fall vor allem denen der Möchtegernautoren.

Szenario: Viele Leute schreiben, nur wenige tun es intensiv. Nun hat man schon zahlreiche Sachen geschrieben, möchte vielleicht mal Meinungen hören. Was tut man? Man sucht sich Internetforen zum Austausch und zur Veröffentlichung.

Doch was erwartet einem da?

Ein Haufen Sozialdarwinisten, die nach dem Motto ‚Nur der Starke überlebt‘ dort hinvegetieren. Offensichtlich sind in den meisten bereits alte, eingeschworene elitäre Grüppchen vorhanden, die jeden Neuling sofort niedermachen, denunzieren und teilweise kräftig und persönlich beleidigen – davon mal abgesehen, dass kaum jemand wirklich etwas liest, meist nur oberflächlich und sich an Kleinigkeiten sofort zur Beleidigung aufschwingt – und wenn an diesen Stellen Hinweise zum Text missachtet und offensichtliche Stilmittel als Fehler der gängigen Norm gegenüber betrachtet werden – da kann man sich nur noch wundern. Teilweise sind diese Foren auch so unübersichtlich, dass man eh nicht weiß was man machen ‚darf‘, hat man etwas ‚falsch‘ gemacht, treten die erwähnten faschistischen Methoden der Ausgrenzung, Beleidigung und teilweise gar Verfolgung in andere Themen in Kraft, ohne tatkräftige Hinweise oder gar Hilfe. Apropos tatkräftige Hinweise – wer sich von solchen Seiten KONSTRUKTIVE Kritik erwartet, ist dort eh falsch. Kritik schön und gut. Wird bloß beleidigt und nieder gemacht, ist sie nicht sehr konstruktiv. Auch lediglich Kommentare über Dinge, die man selber schon weiß und erwähnt hat, jedoch ohne Hilfestellung – sind ehrlich gesagt nutzlos.

Hiermit rufe ich zum Boykott Flamewar gegen solche Seiten auf, die hilflose Neulinge mit ihren faschistischen Methoden sofort niedermachen und wieder vertreiben oder vernichten. – Oder zum Aufbau einer neuen, toleranten Seite, die nicht gleich beleidigt. Denn scheinbar fühlen sich einige hinter ihrer angeblichen Internetanonymität zu sicher, um endlich das rauszulassen, was sie sich im Realen nicht trauen würden.

Betroffene Plattformen:

www.Kurzgeschichten.de

http://thunderbolt.de

(Nichts weiter als ein Ableger der KG.de mit denselben Ansichten)

www.dsfo.de

Bin über weitere Hinweise dankbar

Bsp:

(Golem, Magazin für Fantasy und SciFi)

„danke für die Einsendung.
Ich weiß allerdings nicht viel damit anzufangen, weil an der Mail
ziemlich viele Anhänge mit kryptischen Dateinamen klebten.
Welcher Text davon ist denn nun für den GOLEM gedacht? Oder ist das eine
mehrteilige Geschichte? Auf mich wirkt das ein bisschen wie eine in
Episoden oder Facetten beleuchtete Welt. Ich fürchte, das ist nicht die
richtige Dimension für den GOLEM. Außerdem sagt mir der Stil, der mich
an klassische Fantasy-Märchen erinnert, überhaupt nicht zu. Er atmet
muffige Vergangenheit. Der GOLEM hat sich aber auf neumodische Texte
spezialisiert.
Darf ich fragen, ob Du Dir mal eines der kostenlosen Exemplare des GOLEM
runtergeladen und angeschaut hast? Dann wäre Dir vermutlich aufgefallen,
dass Deine Texte in einem anderen Medium wahrscheinlich besser
aufgehoben sind.“

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Addendum:

Eine weitere Gruppe von Internetverbrechern sind die elitären diktatorischen Betreiber einiger gewissen Internetcommunities, hier vor allem das so genannte Schwarze Glück (SG).

Die Betreiber dieser Seite löschen sehr schnell und leicht jemanden. Natürlich ohne anzugeben, warum gelöscht wurde. Sei es nun ein fehlerhafter Eintrag im Profil, weil man nicht ‚gruftig‘ genug aussieht oder jemanden beleidigt hat.

In letzterem Fall – wozu bitte gibt es die Ignorierfunktion? Ich benutzt die auch gern… statt alle, die mich beleidigen gleich anzuprangern.

Bei ersterem – wie will man aus einem Fehler lernen, wenn man nicht darauf hingewiesen wird? So meldet man sich nur nochmal an. Und macht allen damit nur Arbeit.

Und zweiteres zählt zu dem elitären Denken, denn diese so genannte Szene ist groß und enthält nicht nur böse schwarz geschminkte, schwarz gekleidete und depressive Satanisten.

Oder?