GaAl09 Ulrichs Wünsche

Juli 28, 2013

Ulrich starrte in die Nacht. Hunderte glühender Augen starrten zurück. Seit fast einer Woche lagerten die Bauern bereits dort unten am Fuß des Hügels. Es schien, als wollten sie auf ewig verbleiben, wie die Ratten in den Straßen einer Stadt. Würzburg drüben am anderen Ufer gehörte bereits so gut wie ihnen, doch solange die Burg noch aushielt, gab es keinen Sieg für die Bauern. Ulrich hielt tapfer Nachtwache, während die Gedanken an eine Schlacht ihm Angst machten. Es war nicht lange her, dass er sein Dorf verlassen hatte um sich dem Markgrafen Friedrich anzuschließen, der nun diese Burg hielt. Kampf und Ruhm lockten Ulrich, doch jetzt schien es ihm, dass er gegen seine eigene Familie kämpfen müsste, und so ging es nicht wenigen auf der Burg. Ob dort unten, bei den Bauern, beim Schwarzen Haufen und dem Fränkischen Heer, wohl auch deren Anführer, Götz von Berlichingen sowie Florian Geyer, waren? – Gab es hier auf der Burg nicht auch einen Ritter der Familie Geyer? – Ging es diesem wohl ebenso wie Ulrich? Nachdenklich blickte dieser auf den Main herab. Eigentlich wollte er nur noch heim, eigentlich nur – für die Bauern kämpfen; ein Teil von ihm träumte gar zu fliehen und sich Thomas Müntzer anzuschließen. Aber er war, wo er war und der letzte Wagen zur Flucht war vor Tagen abgefahren – und lange könnten sie es dort nicht mehr aushalten.

Seine Gedanken stiegen auf – auf und davon.

Es war der Mai des Jahres 1525 und Ulrich wünschte sich an einen anderen Ort, in eine andere Zeit.

Beim Mittagessen am nächsten Tag hing Ulrich bloß düster seinen Träumen nach, während seine Kameraden überlegten, ob Bischof Konrad kommen und sie alle retten würde. Irgendwann jedoch fiel Ulrichs bedrückte Stimmung auf. Es war sein Freund Dietrich, der ihn darauf ansprach. Beide hatten gänzlich andere Ansichten über den Krieg. Um nicht in einen Streit zu verfallen, musste Ulrich seine wahren Gefühle verbergen. Er schob stattdessen alles auf den Druck der Belagerung. Sie wussten nicht, wie lange Nahrung und Wasser noch reichen würden, doch waren sie immerhin ziemlich sicher, dass die Bauern die Mauern nie erklimmen könnten, trotz jeglicher Gerüchte, dass Florian Geyer nach Rothenburg abgereist war um Kanonen zu besorgen.

Letztlich geriet Ulrich aber doch noch in Streit mit Dietrich, als sie auf den inneren Mauern waren. Es ging um den niedersten Grund, den es hätte geben können: Die Frage nach der nächsten Wachreihenfolge. Dietrich versuchte Ulrich zu überreden, dass dieser doch noch einmal für ihn die Wache übernehmen möge, saß Ulrich doch eh lieber allein grübelnd im Dunkeln, während Dietrich meinte wegen einer Erkältung ruhen zu müssen. Ulrich jedoch fühlte sich beleidigt und sah seinen Freund als schlimmsten Vortäuscher falscher Tatsachen, weshalb er verneinte. Es kam zum Gerangel, wie er unsinniger unter erwachsenen Männern nicht sein könnte; hoch oben auf der Mauer der Burg, ein tiefer Abgrund neben ihnen. Letztlich verlor Ulrich den Halt und fiel mit den Armen rudernd hinab in das Gras am Fuße der Mauer. Auch in seinem Geist tat sich ein Abgrund auf.

Als er erwachte, wusste er nicht, wo er sich befand – oder wer er war. Ersteres hätte er aber auch so nicht gewusst; alles sah so völlig unvertraut aus: Ein weiter dichter Wald erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen. Verwundert über den Schmerz in seinem Hinterkopf stand er vorsichtig auf. Zwar wusste er nicht, dass er an diesem Ort nicht sein sollte, doch beschlich ihn trotzdem ein Gefühl der Fremdartigkeit. Nachdem er festgestellt hatte, dass er stehen konnte – warum war da bloß dieses Gefühl eine Rüstung tragen zu müssen? – ging er langsam voran. Irgendwas musste er ja tun, und vielleicht fände sich eine Ansiedlung, in der man ihm helfen könnte zu sich zu finden.

Nach wenigen Schritten durch diesen unheimlichen Wald, in dem ihn hunderte Augen aus dem Dickicht zu beobachten schienen, kam er an einen Fluss. Breit und bedrohlich floss dieser mitten durch seinen Weg. Nirgends sah er auch nur die Spur einer Brücke, doch am anderen Ende erblickte er etwas, das eine Ansiedlung sein konnte. Während auf dem Fluss Enten angeschwommen kamen um ihn zu beobachten, suchte er das Ufer nach einer Möglichkeit der Überquerung ab.

Fahr doch einfach auf dem Blatt, kam es ihm da in den Sinn.

Blatt? Welches Blatt? Wie kam er denn auf diesen Gedanken? – Und da sah er es: Ein Blatt im Wasser, groß und kräftig genug ihn zu tragen, was er auch sogleich probierte. Tatsächlich. Und nun? Wie sollte er rudern? – Da löste sich das Blatt mit einem sanften Ruck vom Ufer und trieb hinaus auf den Fluss. Ulrich verspürte keine Angst, er wunderte sich bloß. Doch schon hatte er die Seltsamkeiten als nicht weiter ungewöhnlich angenommen, da trieb es ihn weiter auf das andere Ufer zu – und nicht wie vielleicht erwartet flussab. Auch die Enten gesellten sich zu ihm und begleiteten ihn wie eine Schar Ritter.

Als er so langsam weiter auf die Siedlung zukam, erkannte er mehr von ihr. Sie hatte keine Stadtmauern, sondern nur niedrige Hecken, obwohl sie groß wie eine Stadt war. In der Mitte entdeckte er ein hohes spitzes Gebäude, das eine Kirche sein musste; die anderen Häuser waren ein- bis zweistöckig. Sobald er noch näher war, erkannte er staunend, warum die Siedlung ihm so weiß vorkam: Sie war mit reinstem weißen Schnee bedeckt. Doch nur die Stadt war weiß; die Ufer hinter sowie vor Ulrich samt dem Land links und rechts der Siedlung waren frühlingsgrün. Mittlerweile war er noch näher gekommen, erkannte zahlreiche weiße Punkte auf dem Fluss vor der Siedlung und dass die Häuser allesamt bunt geschmückt waren, als gäbe es etwas großes zu feiern. Viele Menschen schlenderten durch den Ort und tummelten sich auf einem großen Platz, der vom Fluss bis zur Kirche reichte und auf welchem ein gewaltiger Tannenbaum stand, über und über festlichst geschmückt. Nur noch wenige Fuß vom Ufer entfernt erkannte er in den weißen Punkten auf dem Fluss Papierschiffchen, die so wie er ans Ufer getrieben wurden. Immer wenn eines von ihnen Land berührte, kam ein Bürger der Stadt, belud es mit Spielzeug, Geld oder Süßem und schickte es wieder auf die Reise.

Kurz vor Erreichen der Siedlung flogen die Enten plötzlich hoch – auf und davon.

Kaum hatte Ulrich schließlich selber Land erreicht, verließ er sein seltsames Gefährt und versuchte einen der Bürger zu fragen, wo er hier sei. Sie alle aber taten so, als verständen sie ihn nicht. Zwar begrüßten sie ihn freundlich, hängten ihm Blumen um, gaben ihm zu Essen und zu Trinken, doch sprachen sie kein Wort mit ihm. Etwas verzweifelt erkundete er auf eigene Faust den Ort und kam bald zu dem geschmückten Baum, an dessen Fuße Tauben eifrig nach Brotkrumen pickten. Als er sich fragte, was er nun tun sollte, durchzuckte ihn ein Gedanke.

Gehe in die Kirche!

Ja, warum war er nicht eher darauf gekommen? Dort würde man ihm helfen. Schnell trottete er in diese Richtung, während die Tauben ihm scheinbar neugierig wie graue Begleiter folgten. An den Toren des mächtigen und ebenso schön geschmücktem Gebäude angekommen, klopfte Ulrich brav. Lautlos öffneten sich ihm sofort die gewaltigen Torflügel. Etwas eingeschüchtert betrat er die Kirche und erschrak, als von allen Seiten Lieder ertönten. Sänger begrüßten ihn auf ihre Art. Und am Ende des Schiffes erkannte er eine Gestalt.

Draußen blieben die Tauben kurz stehen, um dann wegzufliegen – auf und davon.

Vorsichtig hielt Ulrich auf die Gestalt zu. Ein großer Mann mittleren Alters mit dünnem Schnurrbart im Bischofsmantel saß dort auf einem Stuhl vor dem Altar, als wäre es sein Schreibtisch. Brav stellte Ulrich sich vor und brachte sein Anliegen vor. Der Mann erklärte sich als der heilige Sankt Nikolaus; er hatte Ulrich bereits erwartet. Er klärte ihn über seine Vergangenheit auf und bot ihm feierlich an, entweder bei ihm im Weihnachtsland fern all des Elends bleiben zu dürfen – oder heimzukehren. Die Entscheidung fiel Ulrich nicht leicht, doch sein Ehrgefühl war zu groß – seine Familie könnte er nicht alleine lassen.

Kaum war seine Entscheidung getroffen, da wurde ihm schwarz vor Augen – doch ein Teil fühlte sich, als flöge er auf und davon.

 

Als Ulrich erwachte, lag er auf seinem Lager in der Burg. Dietrich hatte bei ihm gewacht und entschuldigte sich nun tausendfach bei ihm für sein Verhalten. Ulrich sprach ihm zu, dass alles nicht so schlimm sei. Er wusste nun, dass sie alle gerettet werden würden.

Es dauerte nicht mehr lange, dann wagten die Bauern einen Angriff. Doch zu dieser Zeit tauchte plötzlich ein anderes Heer auf, fiel ihnen in den Rücken und schlug sie vernichtend. Als der Anführer dieser Männer in die Burg einritt, erkannte Ulrich ihn sofort. Zwar stellte er sich als Bischof Konrad vor, doch für Ulrich blieb er auf ewig der Nikolaus.


GaAL08 Mauern und Murmeln

Juli 21, 2013

Traurig sah Johannes aus dem Fenster. Unten im Hof spielten die anderen Kinder – seine Freunde. Wie gerne wäre er nun dort hinuntergelaufen um mitzuspielen – doch er durfte nicht; sollte hier bleiben, während seine Familie alles plante, vorbereitete. Morgen ginge es in den Westen, so ihre ewigen Wiederholungen. Alles sprach nur noch von Wiedervereinigung und Mauerfall. Und er – was ging ihn das alles an? Er lebte hier in Treptow, solange sein kleines Gedächtnis sich erinnern konnte; er wollte überhaupt nicht irgendwo anders hin. Sein zartes Herz sehnte sich nach nichts weiterem. Aber die anderen, die ‚Großen‘, beachteten seine Wünsche nicht.

Im Türrahmen zur Küche stehend überlegte er zu fragen, ob er nicht doch hinuntergehen dürfe. Doch kaum, dass sie ihn bemerkte, unterbrach seine Mutter ihre packenden Fähigkeiten und sah ihn bloß verwirrt an. Schnell kam sie auf ihn zu, ihn mit den Armen verscheuchend, wie man Tiere fortjagen würde, und rief ihm eindringlich hinterher, er solle endlich sein Zimmer aufräumen. – Was brachte ein aufgeräumtes Zimmer, wenn sie morgen doch wegfahren wollten? Er versuchte es noch bei seinem Vater, der mit Freunden vor der flimmernden Kiste saß und heiß über das mit ihnen sprach, was der Bildschirm ihnen gerade zeigte: Eine Mauer, die abgetragen wurde. Als Johannes sich Gehör zu verschaffen suchte, winkte ihn der Vater bloß fort; sah ihn nicht einmal an.

Dem Jungen war offensichtlich, dass sie ihn nicht bräuchten. Doch wenn sie so beschäftigt waren, würden sie sein Verschwinden doch sicherlich auch nicht bemerken. Schnell schnappte er sich aus seinem Zimmer sein Lieblingsspielzeug für den Hof – seine Murmeln – und schlich in den Flur. Vorsichtig versuchte er außerhalb der Blickwinkel seiner Eltern zu bleiben, nahm sich Jacke samt Schuhe und verließ die Wohnung. Erst draußen im Hausflur zog er sich an.

Als er schließlich aber im Hof ankam, musste er feststellten, dass all seine Freunde plötzlich verschwunden waren. Verwundert machte er sich auf die Suche, doch fand sie nirgendwo. An keinem ihrer üblichen Treffpunkte oder Verstecke war auch nur eine Menschenseele. Wo waren sie wohl alle hin? Etwa schon nach hause? Das taten sie doch so früh an so schönen Tagen nie. Mussten sie etwa auch heim, da ihre Eltern mit ihnen in den Westen fahren wollten? Doch eine Möglichkeit gab es noch, wo er Freunde von sich anzutreffen vermutete: der Park.

Doch vorher suchte er noch kurz seinen Onkel auf. Dieser war der einzige Erwachsene, den er kannte, der sich stets den Launen der anderen entgegenstellte, seinen eigenen Weg ging, eher zu den Kindern hielt. Unten an der Tür des Hauses angelangt versuchte Johannes bereits von Außen zu sehen, ob jemand zu Hause sei, doch waren die Fenster wie immer von Gardinen verhangen – dies brachte ihm also keine Einsicht. Natürlich klingelte er schließlich und nutzte dabei das alte Klingelzeichen, welches sie beide vereinbart hatten. – Und es folgte keine Antwort. War er etwa auch verschwunden, wie all die anderen feiern? Aber das würde doch gar nicht zu ihm passen. Enttäuscht trottete Johannes wieder von dannen.

Während er seinen Weg zum Park suchte, sah er immer wieder Menschen in die Straßen kommen: feiernde Menschen und sich freuende Gesichter. Einmal waren sie sogar vor einem Teilstück der Mauer versammelt, als sei es ein Treffpunkt. Dort hinten, wo die Kinder so oft Verstecken gespielt hatten. Doch Johannes störten diese Behinderungen seines Weges jetzt nur; stets hatte er die Alten zu umgehen. Öfters versuchten sie ihn zwar mit in ihre Feiern zu verwickeln, doch immer verschwand er wieder, sobald es ging. Zumindest aber fragte ihn niemand, was er so alleine auf der Straße zu suchen hatte; das schien heute für alle nichts Ungewöhnliches.

Und dann erreichte er sein Ziel. Der Park lag friedlich am Fluss, wie eh und je – oder? – Nein. Mehr Menschen als sonst erblickten seine Augen dort in den Flussauen. Wie sollte er da denn seine Freunde finden? Wie sollten sie da denn auf der Wiese oder unten am Fluss spielen? Letzteres erübrigte sich aber, als er flussauf, flussab bloß Familien und Pärchen vorfand, teilweise feiernd, teilweise entspannend, doch keine Spur seiner Freunde, an keinem ihrer üblichen Orte. Da begegnete er dem Eichhörnchen. Drüben auf der Insel, unfern der Brücke, da sah er es. Schon immer hatte er diese Tiere gemocht und zunächst verwunderte ihn an diesem nur, dass es hier auf der Insel und nicht im eigentlichen Park war. Aber schon gingen seine kindlichen Triebe mit ihm durch und er versuchte es zu fangen. Einmal rund um einen Baum herum folgte er ihm und letztlich auch auf diesen hinauf, so weit es ihm möglich war, und schwebte dort gefährlich nah über dem Wasser. Schon vermeinte er seinen festen Griff zu verlieren – da hatte er keine Lust mehr.

Als er wieder herabkletterte, hatte sich etwas verändert. Er bemerkte es nicht sofort, doch – die Farben waren anders. Das Wasser schien ihm bräunlicher, die Pflanzen gelblicher zu sein. Und das war nicht alles. Das Gras auf dem er ging, bewegte sich weicher, die Blätter der Bäume raschelten sanfter. – Da fiel es ihm auf: Das Gras bestand aus Weingummi! – Und Blätter an den Bäumen im Spätherbst! Staunend beugte er sich nieder, um von dem Gras zu kosten – und es gefiel. Neugierig ging er auch zum Wasser und nahm sich eine Handvoll – Cola erwartete ihn. Irgendwie gefiel ihm dies, auch wenn es sonderbar war. – Sonderbar? Aber warum denn? Plötzlich war ihm entfallen, was er gerade tun wollte. Bevor er jedoch zuviel Zeit zum Wundern hatte, tauchte das Eichhörnchen wieder auf – oder ein Freund ebendieses.

Kühn und herausfordernd saß es da und blickte ihn stumm an. – Blickte schlauer als alle anderen Eichhörnchen, die Johannes je gesehen hatte. Zunächst verhielt es sich ruhig, ihn bloß beobachtend. Dann plötzlich ruckte es, ließ sich mit einem Mal auf alle Viere nieder – wendete – und lief davon, über die Brücke hin zum Festland. Nach kurzem Zögern folgte Johannes, dabei weiter die Umgebung bewundernd. Die Brücke war aus kunstvoll verziertem Lebkuchen, als wollte sie für ein Märchen posieren. Auf der anderen Seite angelangt kamen ihm Enten entgegen – und begrüßten ihn. Höflich grüßte er zurück, mittlerweile sich kaum noch wundernd. Mäuse aus Schokolade, Ameisen mit Zuckerguss und bunte Vögel – was auch immer dort in diesem Park kräuchte und fläuchte, hieß ihn fröhlich willkommen, um daraufhin seine Tätigkeit gleich wieder aufzunehmen. Jeder hier schien bloß das Leben zu genießen.

Auf der Festlandsseite war das Gras nicht Weingummi, sondern federweich und schmiegsam. Seufzend ließ er sich darauf nieder und sah zum Himmel hinauf. Auf einem freundlichen blauen See trieben dort weiße Schäfchen und eine gelbe Sonne lächelte ihm zu, versuchte ihn zu kitzeln. – Ach nein, das war der bauschige Schwanz des Eichhörnchens neben ihm. Was wollte es denn? Verschlafen doch glücklich lächelnd wandte Johannes ihm sein Gesicht zu. Da stand das kleine Wesen auf seinen Hinterbeinen und beobachtete ihn. Doch kaum, dass er ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte, deutete es schon auf eine Stelle weiter hinten auf der Wiese. Seinen Blick dorthin wendend bemerkte Johannes weitere Hörnchen, die fröhlich tollten und sich Nüsse wie Murmeln zurollten. Das heftige Deuten seines kleinen Besuchers konnte wohl nur heißen, dass er mitspielen solle.

Langsam erhob er sich also – dieses Bett würde er missen wie keines je zuvor – und trollte sich hinüber zu den Spielenden. Schnell war er in ihre Runde aufgenommen. Regeln zu erklären gab es kaum welche, schien es doch dasselbe Spiel zu sein, dass Johannes schon immer gespielt hatte. Doch als er dann die Murmeln aus seinem Beutel nahm, erwartete ihn tiefstes Erstaunen seitens seiner Mitspieler – solche Murmeln schienen sie noch nie gesehen zu haben. Sie betatschten und besahen sich die kleinen gläsernen Kugeln, als seien sie seltsame Schätze.

Als das Spiel dann startete, behandelten sie die Murmeln weiterhin mit großer Rücksichtsnahme und Vorsicht. Die Übervorsichtig führte dazu, dass ein besonders kleines und junges Eichhörnchen bei seinem Wurf gegen eine seiner eigenen Nüsse nicht nur daneben traf, sondern sogar eine von Johannes‘ Kugeln anstieß. Mit überraschender Geschwindigkeit rollte sie über die Wiese – und das Eichhörnchen rannte ihr hinterher. Die Murmel verließ bald das Grün, überquerte den Weg und drohte zum Fluss zu kommen. Eng hintendran war das kleine Hörnchen, schnappte immer wieder mit seinen Pfötchen, doch stets daneben – und dann waren sie beide zu nah ans Wasser gekommen. Im hohen Bogen flog die Murmel über den Kai ins Wasser. – Das Hörnchen versuchte sie noch zu packen, doch verlor dabei das Gleichgewicht und fiel. – Platsch!

Erschrocken sah Johannes zu. Die Eichhörnchen um ihm herum sprangen ängstlich auf und ab, doch keines konnte etwas tun – sie alle konnten nicht schwimmen. Und so war es an Johannes, während im Wasser das kleine Tier ums Überleben rang, mutig hinterherzueilen und in das klebrige Nass zu springen. Doch – er konnte ja selber nicht schwimmen! – Gemeinsam kämpften sie und mit knapper Not bekam bekam Johannes Kai und Tier zu fassen. Keuchend zog er sie beide an Land, rollte sich erschöpft auf den Rücken und schloss die Augen. Ihm wurde schwarz.

Als er seine Augen wieder öffnete, standen zahlreiche Menschen um ihn herum und gafften, als sei er etwas Besonders, während ein Mann in Weiß fragte, wie es ihm ging. – Ein Arzt? – Johannes wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht, nachdem er zuviel Wasser geschluckt hatte. Seine Eltern kamen ihn abholen, machten ihm Vorwürfe – doch letztlich siegte ihre Sorge. Die Fahrt in den Westen wurde erstmal verschoben und sie versprachen, sich mehr um ihn zu kümmern.

Johannes selbst aber war dies alles erst einmal egal. Während er mit seinen Eltern heimfuhr, blickte er aus dem Fenster und beobachtete die Eichhörnchen im Park, wie sie Murmeln spielten.

Diese Zeit der Wende – seine Zeit – würde er niemals vergessen.


GaAL07 Weihnachten im Anderen Land

Juli 14, 2013

Eine Tages watschelte die kleine Ente durch das Andere Land. Sie besuchte die fröhlichen Gummibärchen, die aufgedrehten Hörnchen, die schlaue Ratte, das Zauberschaf, den alten Bernhardiner, den kleinen Pudel, die Käferfamilie – ja sogar die Kaninchen – und viele andere, um mit allen jeweils kurz zu schnattern. Einige waren erfreut sie zu sehen, andere dagegen zeigten sich genervt – und selbst die, welche die Ente wirklich mochten, kamen schnell auf den wahren Grund ihres Besuchs. Die Ente kam nicht bloß ihretwegen, vielmehr versuchte sie etwas herauszufinden. Es war nicht mehr lange bis Weihnachten und im Anderen Land war es schon lange zum Brauch geworden, sich auch gegenseitig etwas zu schenken. Zwar kam zu jedem noch der Weihnachtsmann, doch wollten sie sich so ihre Zuneigung zeigen. Die Ente nun wollte erfahren, ob auch alle an sie dächten. Das Ergebnis aber war niederschmetternd für die Kleine: Wo immer sie auch klopfte und höflich quakte, stets sagte man ihr schnell, dass es dieses Jahr von ihnen keine Geschenke gäbe – und das, obwohl die Ente das Wort Weihnachten noch nicht einmal erwähnte.

Nachdem sie überall gewesen war, setzte sie sich traurig an ihren Teich. Mochte sie denn wirklich niemand? Während sie darüber nachgrübelte und sich ihre Tränen mit dem Wassers des Teichs vermischten, hörte sie plötzlich ein Miauen hinter sich. Der Kater! – den hatte sie ja ganz vergessen! Geschmeidig kam das schwarze Tier angeschlichen und setzte sich neben sie. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden, würde sie doch gar nicht gut aussehen. Die Ente erläuterte ihm daraufhin alles – dass sie befürchtete, niemand würde sie mögen, da niemand vorhatte ihr etwas zu schenken; wenngleich angeblich auch sich gegenseitig nicht. Da sprach der Kater, er hätte in letzter Zeit oft beobachten können, wie einige der anderen immer wieder zusammen in Tunneln nah der Höhlen der beiden Weisen verschwänden. Vielleicht würden sie dort etwas verstecken; vielleicht würde sich dort eine Antwort finden lassen auf die Fragen und Befürchtungen der Ente? Zwar hatte diese Bedenken, doch als der Kater bereits losging und ihr bloß zurief zu folgen, musste sie gehorchen.

Bevor sie sich versah, folgte sie dem Schwarzen bereits durch die Wiesen hinein in den Wald und immer weiter bis zu der schroffen Felsklippe, die in seiner Mitte in die Höhe ragt. Hier lebten die beiden Weisen in ihren Höhlen, doch zu denen wollten sie nicht. Trotzdem blieb die Ente kurz vor dem gewaltigen Tor stehen, das mit Geschehnissen aus dem Anderen Land versehen war. Nie hätte sie es gedacht, doch ein Bild zeigte den Weihnachtsmann, wie er die Bewohner des Anderen Landes, welche in einem Kreis versammelt waren, beschenkte. Und da – sah sie dort nicht sogar eine kleine Ente unter den Versammelten? Das Bild zog sie in seinen Bann. Beinahe schon konnte sie Laute der Versammlung um sich hören. Dort, am Rande – saß da nicht der Kater? – Der Kater! Erschrocken und in die Wirklichkeit zurückgerissen sah sich die Ente um, doch entdeckte nirgends den Kater. War er verschwunden? Hatte er sie allein gelassen? Schrecken überkam sie, wusste sie doch weder den Weg zu den Tunneln, noch den zurück zu ihrem Teich. Tränen stiegen ihr breits in die Augen, da hörte sie ein nahes Miauen. Es kam von der nächsten Biegung der Klippe. Schnell watschelte die Kleine in diese Richtung. Sie wollte bloß nicht alleine sein. Und tatsächlich – dort wartete der Kater und nur ein kleines Stück weiter sah sie auch bereits die Tunnel.

Während die Ente sich fragte, was dort wohl drin sein würde – ein gemeinsames Versteck für die Geschenke der anderen? – tauchten sie bereits tief in die Felsengänge ein. Schnell war es schwarz um sie und die Ente sah selbst ihren Schnabel nicht mehr. Wieder überkam sie Angst. War der Kater noch vor ihr? Ging es überhaupt noch geradeaus? Und was, wenn plötzlich ein tiefer Abgrund käme? Würde sie schnell genug hochfliegen können? – Wo war der Kater? Ängstlich entstieg ihr ein Quaken – und ein Miauen wies ihr den Weg. Schließlich erreichten sie auch eine Höhle. – Wenn dies ein Versteck war, dann war es ein gutes – so weit ab und düster. Doch wie sollte sie darin nun etwas sehen? – Der Kater kam ihr zur Hilfe, denn plötzlich leuchtete etwas. Was es war, konnte die Ente nicht feststellen – ihren Geist nahm die plötzliche völlige Leere einer riesigen Höhle ein. Keine Geschenke. Nichts. Nur feuchte Tropfsteine. Der Kater maunzte verwundert. Als er sah, dass die Ente bereits wieder traurig zurückwatschelte, folgte er ihr.

Auf dem Heimweg drehten sich ihre Gedanken immer wieder um die leere Höhle und die Befürchtung, dass niemand sie mögen würde. So bemerkte sie dann auch, als sie im Dunkeln heimkehrte, dass sich ihr Teich verändert hatte. Erst als sich auf einmal Lichter entflammten sah sie erstaunt auf. Alles war verziert und weihnachtlich geschmückt. Und dann kamen die anderen. All ihr Freunde waren da, mit ihr Weihnachten zu feiern. Die letzten Wochen hatten sie alles daran gesetzt sie in dem Glauben zu lassen, dass niemand Interesse an Weihnachten hätte und sie gleichzeitig das Datum vergessen zu lassen. Nun, an Weihnachten selber, hatte der Kater sie weggelockt, damit die anderen das Fest vorbereiten und sie überraschen konnten. Fröhlich feierten sie zusammen. Und zum Höhepunkt erschien sogar der Weihnachtsmann selbst.

Die Ente war wieder glücklich.


Neue Publikation: Anna Schulz in „Fernweh“

September 16, 2010

Die Geschichte Anna Schulz erschien nun in Band II der Bücher „Fernweh“ des Wendepunkt Verlages.

Hier kann man die Originalgeschichte lesen.

Hier kann man das Buch bestellen.


Neue Publikation: Die Flüchtige in XUN Taschenbuch 04

September 15, 2010

Die Geschichte „Die Flüchtige – im Anderen Land“ ist im XUN Taschenbuch Nummer 4 erschienen.

XUN – fantastische Geschichten: Taschenbuch der Fantastik Nr. 04


Jedes Lebewesen stirbt für sich allein

August 31, 2009

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Ein Abschied.

Jedes Lebewesen stirbt für sich allein.
Dies dachte er sich und legte sich hin. Vor nichts hatte er mehr Angst, als alleine zu sterben. Nur vielleicht noch, für immer allein zu sein. Überstürzt hatte er gehofft, dass dies nicht mehr so sein müsse. Doch nun war es zu spät.
Ob sie noch an ihn dachte? Und wenn ja, auf welche Weise? Verachtend? Hassend? Voller Verzweiflung? Voller Angst? Oder verdrängte sie alles?
Doch es sollte ihm bald egal sein. Er hatte sich diesen Ort nun zum sterben ausgesucht. Die Schmerzen des ständigen Wechsels zwischen Glück und Unglück waren zu viel für ihn. Er wusste, dass viele ihn dafür verachten würden, vielleicht sogar aus ihrer Angst heraus, ihn zu verlieren. Doch alleine würde er es nicht mehr schaffen. Und nun war sie auch nicht mehr da. Er hatte schreckliche Angst. Wovor mehr? Zu sterben? Alleine zu sein? Sie zu verlieren?
Sie wollte ihm zeigen, wie schön das Leben sein könne. Das hatte sie zwar geschafft, doch ohne sie reichte es nicht mehr.
Die Blätter der Bäume um ihn herum raschelten im Wind.
So gerne hätte er ihr geholfen, doch wie sollte er dies tun? Immer bei sich selber sein, sich selber genügen, so hatte man ihm gesagt. Doch das reichte ihm nicht. Er musste für jemand anderen da sein, um sich vollständig zu fühlen.
Langsam spürte er sein Leben entschwinden. In Gedanken war er nur bei ihr. Für immer nur bei ihr.


Der kleine blaue Fisch

August 15, 2009

Der kleine blaue Fisch – er sah so mächtig merkwürdig aus, dass ich ihn hier lieber nicht beschreib – schwamm fröhlich durch seinen Teich, mit seinen spitzen Zähnen noch kleinere Fische aufschreckend, und freute sich seines Lebens. Dann jedoch, eines Tages, verdüsterte sich die Wasseroberfläche über ihm. Sein wässriges Reich geriet plötzlich in Bewegung, durch etwas aufgewühlt. Es packte und zerrte ihn aus seiner Heimat. Er zappelte wild um sich, schaffte es jedoch nicht durch die feinen Maschen des Netzes zu schlüpfen. Um sein Leben fürchtend schrie er, seinen Mund wild bewegend, um Hilfe, doch niemand erhörte ihn. Durch das neue Element – die Luft – schwebend, ließ man ihn bald in die Tiefe fallen. Er spürte noch das Wasser und versuchte zu atmen, bevor die Welt dunkel wurd‘ um ihn.
Als er wieder aufwachte war dagegen alles weiß. Das Wasser in dem er sich befand, endete an einer Stelle auf einmal, dahinter sah er eine weiße weite Ebene durch die sich weiße große Gestalten bewegten.
Er blickte sich um und entdeckte in der Nähe drei weitere Fische – einen gelben, einen roten und einen grünen. Sie sahen ihm von der Form – wenn man das Form nennen darf – her ähnlich, doch konnte er sich mit ihnen nicht verständigen.
Die Weißen brachten etwas neben die unsichtbare Wassergrenze – soviel konnte er noch erkennen – und hoben dann einen Fisch nach dem anderen rücksichtslos aus dem Nass. Wieder packte ihn Panik, doch war der Flug diesmal kürzer. Er fühlte bald wieder die beruhigende Kühle des Wassers, wenn auch nicht dasselbe wie zuvor. Etwas entfernt schwammen die anderen Fische, dann kam plötzlich ein fünfter hinzu – ein gewaltiges Tier mit riesigem Rachen und tödlichen Zähnen. Die vier kleineren flohen durch ein nahes Labyrinth aus unsichtbaren Wänden. Wie durch ein Wunder schafften es alle vier in einen geschützten Bereich in den der große Räuber nicht passte. Sie wurden wieder zu dem Platz gebracht, an dem der kleine blaue Fisch aufgewacht war. Dort durften sie eine Weile ruhen und wurden gefüttert, bevor es zu einem weiteren grausamen Experiment kam. Danach hatten sie Ruhe für den Rest des Tages.
Am nächsten Morgen – der blaue Fisch glaubte zumindest das es Morgen war, denn die Sonne konnte er nicht sehen, es war einfach hell geworden mit dem Auftauchen der Weißen, ohne das er wusste, warum – war der grüne Fisch verschwunden. Er war tags davor der Langsamste und Schwächste gewesen, nun war er weg. Die Verbliebenen – Blau, Gelb und Rot – wurden zum dritten Mal umgesiedelt. Diesmal in einen noch wesentlich kleineren Teich. Dort, wo der Sand früher sein Revier abgegrenzt hätte, waren hier nur steile, glatte Klippen, unter ihm verengte sich der Tümpel – nein, die Pfütze – zu einem langen, dunklen Tunnel. Unten trieben grüne und rote Bällchen, der rote Fisch schwamm mutig und versuchsweise auf einen zu und verschluckte ihn. Er schmeckte scheinbar lecker und der Fisch hatte Hunger, also schnappte er sich noch mehr. Die anderen beiden machten es ihm nach, bis außerhalb des Tunnels irgendwann plötzlich ein lautes Geräusch ertönte. Die weißen Gestalten fischten den Roten heraus und ließen die anderen beiden im Tümpel, dann berührte eine der Gestalten etwas an dessen Rand. Der gelbe Fisch, welcher die wenigsten roten Bällchen vertilgt hatte, wurde sofort in die Tiefe gezogen. Der Blaue kämpfte dagegen um sein Leben.
Als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, stellten die weißen Lichtgestalten erstaunt fest, dass der kleine Fisch noch immer da und am Leben war. Also holten sie auch ihn raus und brachten Rot und Blau zurück in ihr Quartier. Plötzlich jedoch fing dort der Rote an heftig zu zappeln und zu schlucken. Die Weißen nahmen ihn und stocherten ihm mit einem Metalldingens im Maul herum. Zwar holten sie das Bällchen, an dem er sich verschluckt hatte heraus, doch starb er auch bei diesem Eingriff. So wurde der kleine blaue Fisch zum Sieger gekürt.

ENDE


Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit

Juli 28, 2009

„Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit“, sprach er.
Der Wasser des Flusses floss weiter, als hätte es ihn nicht gehört.
„Würden sie gerne wissen, wann sie zu sterben haben?“ fragte der Reporter.
95% antworteten mit Nein.
Warum nur wollten sie es nicht wissen, fragte er sich.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, sprach er zu sich selber in Gedanken und schmiss Steine in den Fluss.
Wäre das Leben nicht viel schöner, wenn man weiß, wann man zu sterben hat? Man müsste nicht mehr von einem Tag zum nächsten leben, immer darauf bedacht auf sich und seine Gesundheit zu achten. Man könne machen was man will, das Leben endlich genießen, denn man wusste ja, wann man zu gehen hat.
Sicher, spätestens in den letzten Tagen würde die Angst entstehen, Angst vor dem Ende, Angst vor dem, was noch kommen würde, Angst vor Schmerzen. Aber dazu gibt es doch Pillen, diese Angst zu nehmen.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit. Dann müsste ich nicht mehr hoffen, durch ein Unglück zu sterben, müsste nicht mehr auf das Ende warten, denn es würde bald kommen. Die Versuche sich selbst zu schaden, sich selbst das Leben zu nehmen wären endlich überflüssig. Man könnte leben und das Leben genießen, denn endlich hat man eine Zeitvorgabe.
Und ohne Zeitvorgabe, so wusste er, trieb er nur dahin und vollbrachte gar nichts.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit. Vielleicht sollte ich mir ein Gift zu führen? Vielleicht das Fleisch essen, das gestern als krankhaft bezeichnet wurde? Vielleicht einfach machen was ich will, ohne auf die Sauberkeit zu achten?
Er wollte endlich diese Zeitvorgabe. Endlich Gewissheit. Endlich die Angst vor dem Leben los werden.
„Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit“, sprach er, und ergriff die Hand des Mannes.
„Dann kommen sie mit, wir helfen ihnen!“ erwiderte dieser, und sie gingen in sein Büro.
Doch diese Art Wunsch wie er sie hatte, durften auch diese heir ihm nicht erfüllen. Diese Firma durfte ihm nur mitteilen, wie lange er noch auf natürliche Art zu leben hätte.
„42 Jahre! Sie sind kerngesund!“ war die erschreckende Auskunft.
Enttäuscht trottete er zurück zum Fluss.
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, doch wie komme ich daran?
Das nächste Neonschild lockte ihn von selber an. Eine andere Firma, eine andere Auskunft. Diese setzten so genannte Wahrsager ein, die in die Zukunft blickten. Nicht nur natürliche, auch unnatürliche Tode konnten sie so erblicken.
„Ihnen wird nie ein Unglück geschehen!“ erklärten sie ihm.
Was für ein Schwindel. Litt er denn nicht schon genug?
Ich hätte gerne eine tödliche Krankheit, aber das Schicksal meint es nicht gut mit mir.
So lange leben? Wozu?
Nun, vielleicht kann man doch etwas mit der Zeit anfangen. Ich könnte sofort beginnen.
Mit neuem Mut und neuen Ideen eilte er von dannen, wenigstens diese 42 Jahre könnte er ja nutzen.
Doch er sah das Auto nicht, dass dort die selbe Straße nutzte, welche er überqueren wollte.
Er hatte keine Familie, und keiner kannte ihn. So endete er im ewigen Trauma bei den Lebensforschern.
42 Jahre hatte er nun, im Halbleben nachzudenken.


Die Auswirkungen der Entartung

Juli 14, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Amís Cállate: A-miis Caal-la-tä
Gusta Marénis: Gus-ta Ma-ree-nis
Rées: Ree-äs
Fasia: Fa-zi-ja
Omijern: O-mi-dschärn

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„Sie haben den Palast gestürmt!“
Amís Cállate richtete sich von seiner Liege auf. Böse funkelte er den Boten an.
„Warum störst du uns? Und was erzählst du da für einen Unsinn? Wir sind hier doch im Palast und ich höre keine Kämpfe!“
Der Bote warf sich vor ihm auf die Knie, den Blick zum Boden.
„Herr, der Palast in Rées, eurer Hauptstadt!“
Doch weiter kam er nicht, denn wieder schnitt ihm Cállate das Wort ab.
„Das ist unmöglich! Wer sollte ihn schon stürmen?“ fragte er und sah sich in der Runde der hier im Garten des Palastes von Fasia versammelten Adligen um, die lachten und ihren Wein tranken.
„Außerdem ist doch euer Vetter Gusta Marénis dort und sorgt schon für Ruhe,“ ergänzte einer der Adligen.
„Aber Herr,“ wagte der Bote noch einmal das Wort zu ergreifen, „Marénis ist es doch, der die Macht dort an sich gerissen und sich zum Herrn von ganz Omijern ernannt hat!“
Da wurde Cállate bleich. Ein Verrat? Im mächtigen Omijern, seinem Reich?
Zwei Diener mussten ihn auffangen.

„Niemals werden wir euch gehorchen!“ sprach einer der Statthalter, die Gusta Marénis in Rées hatte zusammenkommen lassen.
„Seid ihr euch da sicher?“ fragte Marénis, der es sich auf dem Thron von Omijern gemütlich gemacht hatte.
Und die versammelten Statthalter nickten. Sie waren sich einig gewesen, dem Reich die Treue zu halten.
„Los, schlagt ihm den Kopf ab“, sprach Marénis wie beiläufig zu einem Hauptmann der Soldaten und den Statthalter überkam Angst.
„Was? Das könnt ihr nicht tun!“
Als die Soldaten ihn packten, sah er sich Hilfe suchend um, doch waren die anderen Statthalter vernünftiger als er.
„Lasst seinen Kopf als eine Warnung auf den Mauern aufspießen“, befahl Marénis.
Während die Soldaten den Anweisungen nachkamen, fragte er die Versammelten erneut: „Sind wir uns nun einig?“
Und die Männer nickten eifrig und riefen im Gleichklang: „Heil König Gusta!“

„Lachhaft. Damit will er uns angreifen? Er hat nur Fasia, doch ich den Rest von Omijern!“
Gusta Marénis stand mit seinen Generälen auf einer Anhöhe, von der man den Pass nach Fasia überblicken konnte.
„Herr, wir haben Nachricht, dass sich ihm Teile des Nordens angeschlossen haben. Teile des Ostens sind auf keiner unserer Seiten erschienen!“
Marénis fluchte ob dieser Nachricht.
„Aber das ändert gar nichts. In Fasia gibt es nur verweichlichte Adlige. Wir aber haben eine Armee hinter uns!“
In diesem Augenblick kam ein Bote den steilen Hang zu ihnen heraufgeeilt. Schwer atmend blieb er vor den Männern stehen, sank auf die Knie und beugte den Kopf.
„Was gibt es?“ verlangte Marénis zu erfahren.
Ohne seine Haltung zu ändern antwortete der Mann: „Herr, der Osten hat den Süden angegriffen! Der Süden hält zu euch, doch kann er hier nicht erscheinen.“
Und bevor Marénis antworten konnte, trafen unten im Pass die Armeen von Marénis und Calláte, von Rées und Fasia aufeinander.

„Siegen wir?“ fragte Amís Cállate unsicher seinen General.
Eine Leibwache von zwanzig Mann stand um sie herum auf diesem Hügel fern der Schlacht.
„Ich vermag es von hier aus nicht zu beurteilen“, sprach sein General, „doch wartet – dort kommt ein Bote! – Heda, Bote! Wie steht es?“
Der Bote hielt nicht an, sondern lief weiter, rannte an ihnen vorbei.
„Rettet euch! Wir sind verloren!“ rief er ihnen noch zu.
„Aber – was meint er damit?“ wandte sich Cállate unverständig an seinen General.
„Ich weiß es nicht…“
„Wir können doch nicht verlieren. Oder?“
Cállate war sich nicht sicher. Seit Jahrzehnten hatte Omijern keine Kriege mehr erlebt. Doch der General antwortete nicht, sein Blick ruhte starr auf dem fernen Pass.
„Jetzt sprecht schon, Mann! Ihr seid hier, mich zu beschützen!“ herrschte Cállate ihn an.
„Herr, vielleicht wäre es besser…“, begann der General, bevor ihn ein Pfeil in der Brust davon abhielt.
Und da stürmten auch schon die Söldnertruppen Marénis‘ heran. Cállates Leibwache war ihnen unterlegen.
„Nein, tötet mich nicht!“ jammerte Cállate, derweil er im Dreck kroch, seine Robe beschmutzend.
„Hallo Vetter, lange nicht gesehen“, begrüßte Marénis Cállate gehässig, nachdem die Söldner ihm diesen wie ein Vieh gebracht hatten.
„Gusta! Ich verlange eine Erklärung! Zieh deine Armee zurück, vielleicht begnadige ich dich dann!“ wagte Cállate zu sprechen.
„Tut mir leid, dieses Land gehört nun mir“, antwortete Marénis, während dem Wehrlosen sein Schwert in den Bauch drang.

Dies war das Ende von Omijern. Marénis gelang es nicht, Fasia zu erobern. Der junge Cállate, Sohn des Amís, konnte ihn mit Hilfe des Nordens abwehren. Nach und nach brachen die Statthalter Omijerns ihr an Marénis gegebenes Versprechen, doch nicht, um wieder zu der Entartung Fasias zurückzukehren. Marénis erlebte nur noch den Bürgerkrieg und Fasia Jahrzehnte später einen Wandel zum Besseren.

ENDE

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Kommentar des Herausgebers

Diese Geschichte stammt von einem unbekannten fasischen Schriftsteller des 32. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Fasia seine Unabhängigkeit fand, indem es als Teil von Rardisonán aufging.
Der Inhalt hat wahre Hintergründe, doch die genauen Wortlaute können nicht bestätigt werden. Auch mag niemand von uns zu urteilen, ob Marénis wahrhaft ein schlechter und Cállate wahrhaft ein verweichlichter Herrscher war, doch erzählt sich das Volk es zumindest so.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 14.01.3995


Willkommen Daheim!

Juli 4, 2009

Gegen Morgen kamen sie an ihrem neuen Haus an. – Ein ganzes Haus für sie allein! – ganz allein! – hier am Rande der Stadt. Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Ein so günstiges Haus in so einer schönen Lage, trotz der Verwilderung. Alle anderen, die dieses Angebot ausgeschlagen hatten, mussten Narren sein. Nun aber gehörte es ihnen und nie wieder würden sie es hergeben. Sie besaßen nicht viel – ein Karren reichte für das Gepäck – und sie hatten fast ihr gesamtes Geld für das Haus ausgegeben, doch es sollte sich lohnen – und sie wollten Gemüse im großen Garten anbauen, um es zu verkaufen. Zunächst aber kam der Einzug – glücklicherweise waren wenigstens Möbel bereits vorhanden. Kaum, dass sie alles hineingebracht und den Fahrer des Karrens verabschiedet hatten, zog Joam aus, sich das Anwesen noch einmal anzusehen, derweil Aci das Gleiche mit dem Haus tat.
Der Garten war alt und verwildert, doch groß genug, dass man sich verlaufen könnte. Hier wollten sie also etwas anbauen? Es würde sicher Ewigkeiten dauern, sich durch das Unkraut zu hacken. Manchmal fragte sich Joam, warum er sich von Aci hatte überreden lassen. Liebte er sie etwa doch noch so sehr? Oder waren es ihre weiblichen Überzeugungskräfte? – Und all diese Vögel und Echsen, die überall herumschwirrten – man müsste sie vertreiben, alles säubern. Nach einer Weile, die er den Garten erkundend verbrachte, geschah etwas – seltsames. Aus den Augenwinkeln heraus glaubte er eine Bewegung – ein Huschen zu sehen, zu spüren. Ein Vogel? – Nein, es wirkte zu groß. Ob es hier noch andere Tier gab? Größere, gefährlichere? Ihm schauderte bei dem Gedanken – stets hatte er eine tiefe Abneigung gegen große Tiere gehabt. Sie alle waren zu… gefährlich. – Da! – Wieder eine Bewegung, diesmal auf der anderen Seite. Was war das bloß? Angst und Neugier rangen in ihm. Als letztere die Oberhand gewann, wagte er sich tiefer in den Garten. Wie weit dieser wohl reichen würde? Doch stellte er dies schnell fest, als er an eine Mauer gelangte. Alles hier war so zugewuchert, dass man sie aus der Ferne nicht erkennen konnte – ebensowenig das Loch, in welches Joam plötzlich fiel. Nur noch kurz nahm er eine Bewegung im Garten wahr.
Drinnen erkundete Aci das Haus. Natürlich hatte man es ihnen bereits einmal gezeigt, so wusste sie wenigstens grob, wo was lag. Alles an diesem Haus zog sie in ihren Bann. Es war zwar für sie gesäubert worden, doch merkte man ihm weiter sein Alter an. Und Aci liebte das. Es war ihr Gefühl des Zuhauseseins gewesen, dass sie überzeugte dieses Haus zu wollen – auch wenn sie dazu erst Joam überreden musste. Doch jetzt waren sie da und würden es auch bleiben, da war sie sich sicher. Um sich noch einmal das Schlafzimmer anzusehen, folgte sie der Treppe in den ersten Stock. Oben wollte sie den Weg gen links gehen, doch – hatte sich da rechts nicht etwas bewegt? Sofort sah sie in diese Richtung, in der sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung gesehen zu haben glaubte – aber dort war nichts. Bloß der Gang und die Türen zu zwei Zimmern sowie dem Dachboden. Trotzdem kam es ihr verdächtig vor. Nacheinander ging sie zu beiden Zimmern, sich dabei unbewusst leise verhaltend. Der erste Raum war dunkel und leer. Auch der zweite, das Badezimmer, war schwarz – aber dort stand jemand! Erschrocken erstarrte Aci. Eine schwarze Gestalt – ein düsterer Schatten – bewegte sich über eine Anrichte und vollführte Bewegungen, als würde sie sich schminken. Gerade als Aci kam, hörte sie damit auf, drehte sich um und wanderte zu dem großen Wasserbecken. Als die Gestalt den Bereich des aus dem Flur einfallenden Lichtes durchschritt, erkannte Aci, dass es ein schwarzer wabbernder Nebel in Menschengestalt war – und dort im Wasserbecken sah sie noch eines, klein wie ein Kind. Endlich gewann die Angst gegenüber dem Schrecken. Panisch schloss Aci die Tür und eilte hinab in den Eingangsraum des Hauses. Wo war bloß ihr Mann?

Stöhnend richtete sich Joam auf. Wo befand er sich? Um sich herum sah er nur Unrat und Düsternis. Über sich erkannte er lockere Erde und Wurzeln – ein Loch, durch das kaum etwas von der schwachen Nachmittagssonne hereinschien. Das half ihm also auch nicht. Immerhin erkannte er, dass er auf einem Schutthaufen lag und nun voller Erde und Staub war. Wie herrlich für einen Einzug – er musste hier raus und ein Bad nehmen. Doch durch das Loch würde er nicht wieder kommen. Vorsichtig richtete er sich auf – und zuckte zusammen, als er den Schmerz in seinen Beinen spürte. Humpelnd gelangte er schließlich tiefer in den Raum, in dem er sich befand. Ein Kellergewölbe? Wie groß es wohl war – die Finsternis kam ihm unendlich vor. Verwundert bahnte er sich seinen Weg in die Richtung, in welcher er das Haus vermutete. Alles war pechschwarz – er erkannte kaum etwas. Das Wenige schien sich aber auch nicht zu lohnen. Nach einer Weile warf er einen Blick zurück um zu sehen, wie weit er gekommen war – und erblickte eine Gestalt an der Stelle stehend, an der er hinabgestürzt war. Schwarz wie es war erkannte er keine Züge, doch sie schien gerade auf ihn zuzukommen. Erschrocken wandte er sich wieder um – wer es auch war, begegnen wollte er niemandem. Panik kroch in seine Glieder und so schnell es ging humpelte er durch die Dunkelheit weiter. Dann und wann stolperte er über Geröll, hin und wieder drehte er sich um – die Gestalt folgte ihm. Er wollte nur noch raus aus diesem Gewölbe – doch gäbe es überhaupt einen Ausgang? Was, wenn dies seit Urzeiten verschüttete, unbekannte Gewölbe waren? Was würde geschehen, wenn er keinen Ausgang fände? – Und endlich, als er sich einem noch schwärzeren Bereich näherte, den er für eine Mauer hielt, sah er die Treppe, die hoch ins Haus führen musste, zurück in die Sicherheit – doch da hörte er schwere Fußtritte.
Bei ihrer Suche nach Joam geriet Aci bald in die Küche. Immer noch hauste der Schrecken in ihren Knochen und sie hatte die Befürchtung, dass ihr etwas folgen könnte. In die Küche geriet sie eher zufällig; andere Räume hatte sie schon abgesucht gehabt – doch stets nur, wenn die Tür bereits offen stand und sie hineinsehen konnte. Freiwillig rührte sie keine Tür mehr an, bevor nicht Joam da wäre. – Wo steckte der bloß? – Endlich kam ihr die Idee, sich einen Tee zur Beruhigung zu kochen. Mit diesem setzte sie sich an den kleinen Küchentisch – der große Tisch stand im Esszimmer am Kamin – und versuchte ruhiger zu werden; zu überlegen. Was sie da oben gesehen hatte – es musste Einbildung gewesen sein. Ja – Einbildung. Welch andere Erklärung gäbe es? Es konnte einfach nichts anderes sein. – Doch dann kam eine dieser schattenhaften Gestalten zu ihr in die Küche. Erneut erstarrte Aci. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. – Das Wesen beachtete sie nicht. Ruhig ging – schwebte? – es auf der anderen Seite des Raumes von der Eingangstür hinüber zur Kochstelle – und tat dort, als würde es kochen. – Oder kochte es womöglich wirklich? Vielleicht mussten auch diese Nebelwesen sich Nahrung zubereiten? – Ein Teil von Acis Bewusstsein wunderte sich, wie ein anderer Teil so ruhig solch abwegige Gedanken verfolgen konnte, während ihr Körper vor Angst wie gelähmt schien – und beschloss, dies zu ändern. Mit einem plötzlichen Ruck handelte das verborgene Tier in ihr… und sie rannte davon, hinaus in Richtung Eingang.

Kaum hatte er die Fußtritte vernommen, da warf sich Joam mit einem halben Sprung zwischen Treppe und einem Müllhaufen, wo er verborgen sein würde. Kaum war dies geschafft, da wagte er schon einen Blick hinaus – und sah Aci die Treppe herabkommen. Er wäre fast schon erleichtert aufgestanden, da bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Dies war nicht Aci – Aci war nicht durchsichtig. Doch wer – oder was – war es dann? Und was wollte es, was hatte es vor? Aus seinem Versteck heraus beobachtete er, dem Drang zu fliehen widerstehend. Die Aci-Gestalt blieb am Ende der Treppe stehen, ihr Gesicht – oh wie tot und ausdruckslos! – wandte sie dem Punkte zu, von dem Joam gekommen war. Von dort kam nun die andere Gestalt angeschlendert – angeschwebt? – die ihn verfolgt hatte. Bald geriet sie in den schwachen Schein, der die Treppe herab schien – und oh welch Schrecken! – die Gestalt trug seine Züge! Es konnte nicht sein – was ging hier vor? Erschrocken entfuhr ihm ein Laut der Angst – und die Wesen wandten sich ihm zu. In Furcht um sein Leben sprang er auf und lief davon, immer tiefer in die Dunkelheit hinein, seine Schmerzen nicht beachtend. Bald konnte er nicht mehr weiter – und fiel in tiefe – tiefe – Finsternis.
An der Haustür angelangt bemerkte Aci zu ihrer Verzweiflung, dass diese verschlossen war. So sehr sie auch rüttelte; die Tür rührte sich nicht. – Sie war eingesperrt. Kaum, dass dies in ihr Bewusstsein vordrang, da drehte sie sich auch schon um. Es gab noch eine Hintertür – doch die befand sich in der Küche, aus welcher jetzt das Wesen kam. Das Kerzenlicht des Raumes wurde durch die nebelhafte Form der Gestalt nur abgeschwächt. Aci schauderte es – und noch mehr, als sie sah, wie das Wesen eine Tasse vor sich hertrug. Nichts würde Aci noch in diesem Haus halten können – irgendeinen Weg hinaus musste es geben. Aber die Gestalt versperrte bereits den Weg zu den Räumen im Erdgeschoss – blieb nur noch die Treppe hoch in den ersten Stock. Obwohl der Schatten sich nur langsam und lautlos näherte, rannte sie überhastet die Treppe hoch, stolperte dabei und fiel sie mehrmals fast wieder herab. Oben angekommen wusste sie dann nicht, wohin. – Eines der Fenster nutzen um in den Garten zu springen? – Hinter sich sah sie den Schatten die Stufen hochschweben – und links kam ein zweiter aus der Richtung zum Schlafzimmer. Panisch wandte sie sich nach rechts, hin zum Badezimmer. Als sie dessen Tür öffnete, kam ihr ein weiterer Schatten entgegen. Erschrocken aufschreiend wich sie zurück. – Zum Dachboden? Das wäre eine Falle – doch was blieb? An der Tür zu diesem angekommen erwartete sie jedoch lediglich ein vierter Nebel. Unter Verzweiflung brach etwas in ihr zusammen. Weinend setzte sie sich an Ort und Stelle auf den Boden, lehnte sich an die Wand, alles erwartend. – Doch nach einer Weile fiel ihr auf, dass nichts weiter geschah. Die Gestalten waren allesamt an ihren Plätzen erstarrt. Eine stand links von ihr im Durchgang zum Dachboden, eine andere versperrte den Weg zur Treppe, eine weitere das Badezimmer. Doch keine bewegte sich. Und da sah Aci die offene Tür in das andere Zimmer auf diesem Flur. Vorsichtig erhob sie sich. Zu diesem Zimmer gehend beobachtete sie die Wesen, die sich weiterhin nicht rührten. War dies nun die wahre Falle? – Trotz ihrer Bedenken ging sie darauf ein – welch andere Wahl hatte sie schon?
Es erwartete sie ein dunkler Raum – dessen Kerzen sich bei ihrem Eintritt entfachten, was sie aber kaum noch überraschen konnte. Das Zimmer, welches sie sich scheinbar noch nie angesehen hatte, schien einst ein Kinderzimmer gewesen zu sein – selbst eine Krippe fand sich noch. Doch ihre Aufmerksamkeit erheischte die Tafel, die dort an eine Wand genagelt war: Eine frisch aussehende Schrift hatte jemand darauf geschrieben. Und während sie es las, wurde ihr vieles klar und an manches erinnerte sie sich wieder.
Nachdem Aci sie gelesen hatte, wandte sie sich um und dankte ihrer Familie, die sich jetzt um sie herum versammelt hatte, sowohl für die herzliche Begrüßung als auch für die Auffrischung ihrer Erinnerungen. Viele Jahre war es her, dass dies ihr Zimmer gewesen war, doch nun war sie wieder daheim. Weiterhin dankte sie für die Warnung, die ihre Eltern und Großeltern ihr gaben. Joam könnte ihr und ihrem ungeborenen Kind nicht mehr schaden; dafür hatten sie gesorgt. Aci war frei und wieder bei ihrer Familie – endlich war sie daheim.

ENDE

Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte wurde 3910 von dem zardischen Schriftsteller Zaroan Xasioarin für seinen Herren, den Andoan Orann Fenkayzar geschrieben. Fenkayzar war für seine Vorliebe für Grausamkeiten und Düsteres bekannt. Kurz nach seinem Gönner wurde später übrigens auch Xasioarin vom aufgebrachten Volk getötet.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 12.06.3995