Der A’Lhumakrieg – IV: Härte, wenn Härte notwendig ist.

Mai 9, 2016

Wieder einmal hatte ich alle Hände voll zu tun, die Ernennungsfeierlichkeiten für einen neuen Tereanv vorzubereiten, der diesmal ausgerechnet unser junger Crear Ataurass sein sollte. Dies als erstes zu vollführen stellte zum Glück kein Problem mit der Sitte dar, war Louvis doch noch nicht mit seinen Untersuchungen fertig geworden. Rechtzeitig zu Beginn der Veranstaltung erschienen Crear und Louvis im Thronsaal; ersterer um auf dem Thron Platz zu nehmen, zweiterer um beizuwohnen. Wie immer waren nur einige Adlige und Diener anwesend und seiner Aufgabe als Hofmeister folgend überreichte der alte Pyn dem jungen Crear den Familienstab, was ihn zum Tereanv von Lurut machte.

Danach hielt Crear seine erste Ansprache. „Wie ihr wisst, bekam ich dieses Amt nur durch unglückliche Umstände. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht noch einmal geschehen kann; die Familie Elorm soll gestärkt und nicht geschwächt werden. Also, Louvis – lasst hören, was ihr zu berichten habt.“

Dieser verharrte an seiner Stelle in der kleinen Menge, doch schienen alle einen Schritt von ihm fortzugehen, als die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wurde. „Danke – ja, ich habe Maereth gründlich untersucht und es steht ohne Zweifel fest, dass er – vergiftet wurde.“

Ein entsetztes Raunen ging durch die Versammelten. – Nun tut doch nicht so unschuldig unwissend! Wollte ich ihnen zurufen, doch hielt ich an mich.

Teule fand als erste wieder Worte – kaum überraschend. „Das ist – das ist – empörend! Wie kann es jemand wagen, einen Angehörigen der Familie Elorm – den Tereanv! – zu vergiften? – Wer war es?“

„Nun – das weiß ich nicht – viele könnten es sein – jeder, der einen Groll gegen ihn hegte oder davon einen Vorteil hätte.“ Ob ich der einzige war, der seinen Blick zu Crear verdächtig – verdächtigend – fand?

Crear zumindest schien nicht darauf einzugehen; machte sich bereit seine ersten Befehle zu geben. „Das bedeutet also, wir müssen die Burg durchsuchen. Möglicherweise ist der Mörder einer von uns. – Errist!“

Der Anführer der Burgtruppen trat vor. „Ja, Herr?“

„Durchsuche jedes Gemach – wenn dich jemand hindern will, lasse ihn verhaften.“ Laute Widersprüche gingen durch den Saal. „Ruhe! – Nun bin ich euer Tereanv – lasst uns wieder ein sicheres Leben herstellen!“

Doch Louvis sprach noch einmal. „Wir sollten noch etwas bedenken – wenn Maereth vergiftet wurde, könnte es bei Shaen auch so gewesen sein – aber wer hätte einen Nutzen davon?“

Crear blieb trotz dieser versteckten Anschuldigung erstaunlich ruhig. „Mir fallen da viele ein; schon allein die halbe Familie. Denkt darüber nach – aber nun geht. – Ihr alle! Die Versammlung ist hiermit aufgelöst. In zwei Stunden wird Maereth auf den Hügeln verbrannt. Bezeugt ihm eure Ehre!“

Damit wurden wir also aufgefordert zu gehen und uns bereit zu machen. Die Ehrbekundigungen für den Verstorbenen waren wie üblich ebenfalls kurz und auf das Nötigste beschränkt, doch kam auch Volk aus der Stadt hinzu. Die ganze Zeit über ging es mir aber nicht aus dem Sinn, wie hart und geübt Crear an all dies herangehen konnte. Und die kommende Zeit ließ ihn nur noch schlimmer werden.

Eines Abends rief er mich in seine Gemächer, da wir uns aufgrund seiner neuen Verantwortungen nur noch schlecht bei mir treffen konnten. Sein Gesicht zeigte mir wie immer alles, was er tagsüber unterdrücken musste; nun mehr denn je zuvor. Ich sah den üblichen Zorn, die Unruhe, diesmal aber auch – Schmerz.

„Crear – geht es dir nicht gut?“

Dieser verzog kurz das Gesicht. „Ach! – Es ist soviel – und soviel Unsinn! – Wusstest du, dass ich immer Kopfschmerzen bekomme, wenn jemand wie Louvis oder Teule auf mich einspricht? Und seit kurzem werden sie immer schlimmer – soviele, die auf mich einsprechen, die etwas wollen – manchmal wünschte ich, sie alle loszuwerden.“

Besorgt sah ich zu, wie sich Erschöpfung in seine Züge schlich und er sich auf ein Sofa setzen musste. „Vielleicht tust du zuviel – vielleicht solltest du dir einige Aufgaben abnehmen lassen.“

Sein Ausdruck wurde spöttisch. „Von dir zum Beispiel?“ Mein Blick dagegen musste nun Schreck verraten haben. „Ach, verzeih mir.“ Und damit wechselte er plötzlich die Gesprächsrichtung. „Weißt du, was man von mir in der Stadt erzählt?“

„Ja, ich habe einiges gehört – im Grunde genommen dasselbe, was man sich über Maereth erzählte, als Shaen starb.“

„Das ist richtig – aber scheinbar ist es schlimmer. Errist sagte mir, man munkelt, ich hätte beide ermordet. Was sagst du dazu?“

„Hmm.. – es ist nicht gut, wenn ein Volk so etwas von seinem Herrscher denkt – du solltest etwas deswegen unternehmen.“

„Ah, seit wann kennst du dich mit den Pflichten eines Herrschers aus? – Etwa ein Buch gelesen? – Aber natürlich hast du Recht, ich muss und werde etwas unternehmen. – Wenn mich doch nur nicht immer diese Kopfschmerzen vom Denken abhalten würden…“

„Soll ich dir die Kräuterfrauen schicken?“

Crear zögerte. „Besser nicht – erst, wenn wir den oder die Verantwortlichen gefunden haben – wer weiß, vielleicht würden die Frauen mich ja vergiften wollen?“

„Gibt es sonst etwas, das ich für dich tun kann?“

„Ja – halte mir Teule und Louvis vom Hals – die beiden brüten etwas aus – ich kann es spüren.“

„Das wird schwer – aber ich seh‘, was ich tun kann.“

Am nächsten Tag erblickte ich Teule mit Crear zusammen im Hofgarten. Ich konnte nicht umhin, sie aus dem Schatten des Bogenganges heraus neugierig zu belauschen. Leider verstand ich nicht alles, was sie besprachen, doch schien Crear ihrer Gegenwart nun gar nicht mehr so überdrüssig zu sein wie noch zuvor. Die Brocken ihres Gespräches, die auch ich verstand, verwirrten mich, ergaben sie für sich allein doch keinen Sinn, aber mehrmals hörte ich die Namen Louvis, Maereth und Baggris. Ich hielt meinen Posten noch für eine Weile – doch ohne Erfolg, dann verabschiedeten sie sich – wie Großmutter und Enkel; nicht wie Feinde.

Am nächsten Morgen ließ Crear eine Handvoll Burgvolk, darunter auch mich, zu sich in den Thronsaal rufen. Herrschaftsvoll zu sitzen verstand er bereits gut, doch Louvis ließ sich immer noch nicht von ihm beeindrucken.

„Warum ruft ihr uns bereits so früh zu euch? Besitzt ihr nicht den Anstand, wenigstens bis nach der Morgenreinigung zu warten?“

„Seid still, Louvis; euer Gastgeber hat wichtiges zu verkünden.“ Errist zur rechten der Thronstufen sowie die üblichen Wachen am Saaleingang waren als einzige bewaffnet.

„Danke, Errist – also Louvis, eure Neugierde soll befriedigt werden. Wie ihr alle wisst, wurde die Burg nach Giften und einem Mörder des Maereth abgesucht – und heute Nacht fand sich ersteres und damit dann auch zweiteres.“

Unter den wenigen Anwesenden entstand Gemurmel.

Wieder einmal hielt Teule es nicht aus. „Nun sag schon – wer war es?“

Crear sah sie an als wollte er noch etwas anderes erwidern, doch wandte er sich schließlich an Errist. „Lass ihn hereinbringen.“

Begleitet von dem leichten Raunen der Zuschauer begab sich Errist zu einer Seitentür des Saales, öffnete diese und gab seine Befehle. Kurz darauf nahm das Raunen einen anderen Ton an, als zwei Wächter von Errist einen weiteren Mann hereinführten, der nicht bedroht wurde oder in Ketten lag, doch sichtlich große Angst hatte – Baggris, der Diener des Maereth, wurde beschuldigt, seinen eigenen Herrn ermordet zu haben. Als er mit seinen Begleitern in der Mitte des Saales stand, zwischen den Zeugen und Crear, erhob dieser seine Stimme.

„Du bist Baggris und warst lange Jahre Diener meines Onkels Maereth – stimmt das?“

Als der Angesprochene antwortete, zitterte seine Stimme. „Ja – Herr.“

„Du warst also über Jahre hinweg der Vertraute meines Onkels…“ Baggris nickte. „…sag mir, warum dann hast du ihn ermordet?“

Die Versammelten blickten teils ungläubig, teils verachtend; Baggris dagegen wie ein in die Enge gedrängtes Tier. „Das habe ich nicht!“

„Und wie kommt es dann, dass du in deinem Zimmer einen Wirkstoff – ein tödliches Gift – das selbe Gift, mit dem Maereth ermordet wurde – lagerst?“

Baggris sah sich erfolglos hilfesuchend um. „Er gab es mir ein paar Wochen vor seinem Tod – ich wusste nicht, was es war – ich schwöre es!“

„Warum sollte dir mein Onkel ein Gift geben – Warum sollte er so dumm gewesen sein, dir in die Hände zu spielen? – Ich frage dich ein letztes Mal: Warum hast du ihn ermordet?“

„Das habe ich nicht!“ Baggris schien verzweifelt.

Crear wurde immer härter, dass mir schauderte. „Nun gut, dann sage ich dir, warum du es getan hast: Vor einem Jahr begegnete Maereth einer Schwester von dir. – Sie gefiel ihm; er ihr jedoch nicht. – Er missachtete alle guten Sitten und nahm sie mit Gewalt, dass sie dabei starb. – So etwas haben auch schon andere Tereanv vor ihm getan. – Du aber schworst Rache an Maereth. – Stimmt das so?“

„Ja, er hat sie getötet! – Doch ich würde niemals…!“

„Ich habe genug Zeugen, die gesehen haben, wie sehr deine Liebe zu meinem Onkel in Hass umschwang. Leider war er nie schlau genug gewesen, dich zu entlassen; wollte dich mit seiner Anwesenheit quälen.“

Im Saal gab es zustimmendes, überraschtes und entsetztes Gemurmel.

Da sprach Louvis. „Jetzt hört endlich auf mit diesem Possenspiel und werft ihn in den Kerker!“

Zwei oder drei Stimmen gaben ihr Einverständnis.

Doch Crear war anderer Meinung. „Nein, es sollen alle sehen, dass man einen Tereanv nicht so behandeln kann – heute Mittag gleich wird er in der Stadt gehängt werden.“

Baggris brach sogleich zusammen. Einige Anwesende waren bestürzt, andere stimmten zu. Ich aber wunderte mich, zu was Crear fähig war.

Nachdem Baggris wieder weggebracht und die Versammlung aufgelöst wurde, sah ich Teule zu Crear gehen. „Ich bin überrascht Enkel – du machst dich.“

Crear sah ihr nicht hinterher, als sie ging – doch Louvis folgte ihr sogleich. Ich überlegte kurz das Wort an Crear zu richten, nach einem Blick auf Errist ließ ich es jedoch sein. Stattdessen nahm ich mir den Nachmittag frei um runter in die Stadt zu gehen, wo sich am Markt dann eine kleine Menge eingefunden hatte, der Hinrichtung des Baggris zuzusehen. Niemand der Anwesenden schien ihn zu kennen; sie alle waren bloß glücklich, ihren Hass auf jemanden lenken zu können, denn obwohl Maereth und Shaen kaum Zeit zum Wirken gehabt hatten, waren die Bürger zumindest bis Gurass der Familie Elorm ergeben gewesen, die der Stadt seit Jahrzehnten steigenden Wohlstand brachte – und nun achteten sie auch Crear, wo doch alle Verdächtigungen ihm gegenüber ihren Grund verloren hatten. Niemand sprach für Baggris; niemand nahm Anteil an seinem Schicksal. Als er auf die Erhöhung gebracht und vorgestellt wurde, entschied ich mich dazu wieder zu gehen, wollte ich doch nicht noch mehr sehen.

Die Gerüchte und Gespräche über Crear ließen aber nicht völlig nach. Nachdem das Volk nun zwar einigermaßen beruhigt worden war, begann der Adel immer mehr zu vermuten, Geschichten zu spinnen. Neu war eigentlich keine davon, doch die Kreise in denen sie umgingen umso einflussreicher. Bald ging dies so weit, dass Crear handeln musste und einen der lautesten Schwätzer zu sich in den Thronsaal rief.

„Werter Paush – leider wurdet ihr uns die letzten Tage vor allem aus euren Reden über uns bekannt – leider deshalb, weil diese Reden nicht angenehm waren.“

„Aber – Herr! – nie hätte ich etwas Schlechtes über euch gesagt!“

„Ah – ein Lügner auch noch? – Aber gut – Paush: Eure Familie ist schon lange an diesem Hof – und hat meinen Vorgängern wohl gute Dienste geleistet… – Wisst ihr, die Dinge, die ihr über uns sagtet, sind natürlich nicht wahr – euch wird nichts geschehen. Im Gegenteil – ich plane, euch für eure langen Dienste gut zu entlohnen.“ Während Paush ihn überrascht und irgendwie auch geschmeichelt ansah, fuhr Crear fort. „Wie ihr sicher wisst, gehören zu unseren Ländereien auch viele der Grenzmarken. Nördlich von Lurut, tief im Branntwald, liegt Chaensist. In den letzten Jahren kamen oft Banditen aus Panmein dorthin. Ich ließ euch bereits als neuen Verwalter eintragen – man erwartet eure Ankunft bis zum Ende der nächsten Woche.“

Paush verließ den Saal hochrot und schien kurz vor dem Bersten zu sein. Seine Abreise erfolgte sehr schnell.

In den folgenden Wochen wurde Crear immer sicherer in dem, was er tat. Zunächst setzte er die Herrschaft über Lurut fort wie gewohnt, doch brachte er nach einer Weile die Pläne des Shaen zur Stärkung Luruts wieder hervor. Paush galt hierbei als erster Wegstein zum Ziel, die Grenze zu sichern. Nach und nach kamen auch vermehrt Gesandte aus anderen Regionen des Landes, allen voran die Nachbarn Luruts, die durch die Stärkung der Grenzen aufgeschreckt worden waren. Im Gegensatz zu Shaen sprach Crear aber nicht offen darüber, die anderen anzugreifen, obwohl alle diese Entscheidung für früher oder später erwarteten – hoffnungsvoll oder ängstlich. Für uns in der Dienerschaft ging das Leben in Lurut aber weiter wie gewohnt, sieht man einmal davon ab, dass der Winter sich näherte.

„Was glaubst du – wird die Herrin Asmyllis je wiederkommen?“ Caeryss hörte in ihrer Tätigkeit Teig zu kneten auf und sah mich an, dass auch ich aufhören musste die Vorratslisten durchzugehen.

„Das weiß niemand – aber wie kommst du da jetzt drauf?“ Eigentlich hatte ich Asmyllis schon fast vergessen; wie eine alte Liebe.

„Vielleicht könnte sie hier wieder Ordnung schaffen – den Herrn Crear wieder zur Vernunft bringen – und wieder mehr von der Familie in die Burg schaffen; nun, da auch Gasmys und seine Söhne weg sind.“

Mit einem Mal hatte sie meine Aufmerksamkeit. „Wie meinst du das – weg?“

Sie sah mich überrascht an. „Sie wurden von Crear an die südliche Grenze gesandt – nach Narattet, soweit ich weiß – müsstest du als Kämmerer das nicht wissen?“

„Ja, das müsste ich wohl.“ Mit gemischten Gefühlen stand ich auf. „Ich werde mit Crear sprechen müssen.“ Eilig verließ ich die Küche, einen seltsamen Zorn verspürend; doch war gleichzeitig erleichtert: Nur weggeschickt, nichts schlimmeres. – Ich fand Crear bei Euliste.


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Zitat des Tages – Krieg und Geld

Juli 23, 2012

„Wenn man die Großkopfigen reden hört, führens Krieg nur aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön ist. Aber wenn man genauer hinsieht, sinds nicht so blöd, sondern führn die Krieg für Gewinn. Und anders würden die kleinen Leut wie ich auch nicht mitmachen.“

– B. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder (1939)


Zitat des Tages

Januar 7, 2011

„Ich denke sie ist eine Jungfrau

– oder wenigstens war sie mal eine.“

– Nummer 5 lebt.


Sozialistische Theorien und Utopien im Vergleich.

Oktober 14, 2010

Diese Arbeit soll eine Betrachtung einiger sozialistischer Theorien sein. Mit Sozialismus ist hierbei der individualistische Sozialismus gemeint, den einige oft als Anarchismus bezeichnen. In diese Reihe gehören die hier vorgestellten Theorien von Pierre-Joseph Proudhon, Petr Kropotkin und Gustav Landauer. Letzterer hatte Erstere als Vorbild, bildete aus ihrem Besten seine Essenz, weshalb man ihn letztlich als Zusammenfassung und Kulminierung dieser Arbeit sowie als Höhepunkt des Standes der sozialistischen Theorie bis zu diesem Zeitpunkt (1919) ansehen kann. Trotzdem sollen hier noch zwei weitere Autoren Platz finden, die eher in die Tradition von Marx und Engels gehören: Thomas Morus als Startpunkt der sozialistischen Theorie und Paul LaFargue aufgrund einiger wichtiger Erkenntnisse seinerseits, welche die späteren Autoren gut ergänzt. Auch weißt LaFargue durchaus einige individualistische Züge auf, derweil Morus allerdings völlig auf eine staatliche Regierung setzte.

Ziele dieser Arbeit seien nun also: Vorstellung der sozialistischen Ideen von Morus bis Landauer. Als Schwerpunkt werden hierbei die wichtigen ökonomischen sowie sozialen Seiten gesetzt. Weiterhin sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Autoren aufgezeigt werden. Dies geschieht teils bei der Betrachtung der Autoren, vor allem aber in der Zusammenfassung. Eine Frage, die vielleicht beantwortet werden kann ist auch, inwiefern diese Theorien Utopien sind oder ob man sie verwirklichen könnte.

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Eine kurze Geschichte der Sumerer (und Akkader)

September 22, 2010

Diese Arbeit soll einen kurzen Überblick über die Geschichte der Sumerer (und damit zwangsweise verbunden auch der Akkader) geben.

Die Sumerer lebten um ca. 4000 v. Chr. bereits in Mesopotamien, dem heutigen Iraq und dort vor allem an den beiden großen Flüssen Euphrat und Tigris in Meeresnähe. Die Sumerer gelten als Ursprung der menschlichen Zivilisation vor allem deshalb, weil sie als erstes Volk eine Schrift hatten – zumindest eine, von der wir wissen. Gegen 2000 v. Chr. aber ging ihre Sprache langsam unter, da ihr Volk sich mit den semitischen Akkadern vermischte, welche danach die dominierende Ethnie bis zu den Eroberungen von Persern und Griechen bildeten.

Die Arbeit wird die Geschichte zwischen 5000 und etwa 2000 v. Chr. erzählen, soweit sie bekannt ist. Das größte Problem hierbei sind die meist nicht genau festlegbaren Daten, zu denen ein Ereignis stattgefunden hat. Es gibt unterschiedliche Systeme die Zeit dieser Geschichte einzuteilen, von Versuchen zu genauen Jahren über etwas weniger genaue Angaben hin zu besonders groben; absolut (z.B. anhand von gemeldeten Sonnenfinsternissen) bis relativ (in Schätzungen von z.B. Generationen von einem Punkt an zurückgehend). Aufgrund der Quellen dieser Arbeit (vor allem Edzard und Selz) orientieren sich zeitliche Angaben an diesen, also der mittleren Variante. Hin und wieder kann sich aber auch eine kurze, also „genaue“ Angabe einschleichen. Allgemein sei gewarnt, dass solche Zeitangaben lieber mit Vorsicht zu genießen sind.

Die Arbeit wird sich vor allem auf politische Geschichte konzentrieren, nur wenig von Archäologie, Literatur, Wirtschaft und Sozialsystem erwähnen.

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Hier gibt es den Text als Buch.


Zitat des Tages

September 18, 2010

„Versuchen sie doch mal einen Sinn in die Sache zu bringen, warum eine Frau in mittleren Jahren im Morgenrock in einen Canyon fährt und eine militärische Baustelle in die Luft jagt.“

„Ihre Frage beweißt, dass sie von Frauen im mittleren Alter nichts wissen.“

– Telefon.


Zitat des Tages

November 8, 2009
„Küsse, Bisse,
Das reimt sich, und wer recht von Herzen  liebt,
Kann schon das eine für  das andre greifen.“

spricht Penthesilea, nachdem sie  erfährt, wie sie im Zorneswahn ihren  geliebten Achill zerfleischte.

Kleist: Penthesilea (1808)

Die Auswirkungen der Entartung

Juli 14, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Amís Cállate: A-miis Caal-la-tä
Gusta Marénis: Gus-ta Ma-ree-nis
Rées: Ree-äs
Fasia: Fa-zi-ja
Omijern: O-mi-dschärn

————————

„Sie haben den Palast gestürmt!“
Amís Cállate richtete sich von seiner Liege auf. Böse funkelte er den Boten an.
„Warum störst du uns? Und was erzählst du da für einen Unsinn? Wir sind hier doch im Palast und ich höre keine Kämpfe!“
Der Bote warf sich vor ihm auf die Knie, den Blick zum Boden.
„Herr, der Palast in Rées, eurer Hauptstadt!“
Doch weiter kam er nicht, denn wieder schnitt ihm Cállate das Wort ab.
„Das ist unmöglich! Wer sollte ihn schon stürmen?“ fragte er und sah sich in der Runde der hier im Garten des Palastes von Fasia versammelten Adligen um, die lachten und ihren Wein tranken.
„Außerdem ist doch euer Vetter Gusta Marénis dort und sorgt schon für Ruhe,“ ergänzte einer der Adligen.
„Aber Herr,“ wagte der Bote noch einmal das Wort zu ergreifen, „Marénis ist es doch, der die Macht dort an sich gerissen und sich zum Herrn von ganz Omijern ernannt hat!“
Da wurde Cállate bleich. Ein Verrat? Im mächtigen Omijern, seinem Reich?
Zwei Diener mussten ihn auffangen.

„Niemals werden wir euch gehorchen!“ sprach einer der Statthalter, die Gusta Marénis in Rées hatte zusammenkommen lassen.
„Seid ihr euch da sicher?“ fragte Marénis, der es sich auf dem Thron von Omijern gemütlich gemacht hatte.
Und die versammelten Statthalter nickten. Sie waren sich einig gewesen, dem Reich die Treue zu halten.
„Los, schlagt ihm den Kopf ab“, sprach Marénis wie beiläufig zu einem Hauptmann der Soldaten und den Statthalter überkam Angst.
„Was? Das könnt ihr nicht tun!“
Als die Soldaten ihn packten, sah er sich Hilfe suchend um, doch waren die anderen Statthalter vernünftiger als er.
„Lasst seinen Kopf als eine Warnung auf den Mauern aufspießen“, befahl Marénis.
Während die Soldaten den Anweisungen nachkamen, fragte er die Versammelten erneut: „Sind wir uns nun einig?“
Und die Männer nickten eifrig und riefen im Gleichklang: „Heil König Gusta!“

„Lachhaft. Damit will er uns angreifen? Er hat nur Fasia, doch ich den Rest von Omijern!“
Gusta Marénis stand mit seinen Generälen auf einer Anhöhe, von der man den Pass nach Fasia überblicken konnte.
„Herr, wir haben Nachricht, dass sich ihm Teile des Nordens angeschlossen haben. Teile des Ostens sind auf keiner unserer Seiten erschienen!“
Marénis fluchte ob dieser Nachricht.
„Aber das ändert gar nichts. In Fasia gibt es nur verweichlichte Adlige. Wir aber haben eine Armee hinter uns!“
In diesem Augenblick kam ein Bote den steilen Hang zu ihnen heraufgeeilt. Schwer atmend blieb er vor den Männern stehen, sank auf die Knie und beugte den Kopf.
„Was gibt es?“ verlangte Marénis zu erfahren.
Ohne seine Haltung zu ändern antwortete der Mann: „Herr, der Osten hat den Süden angegriffen! Der Süden hält zu euch, doch kann er hier nicht erscheinen.“
Und bevor Marénis antworten konnte, trafen unten im Pass die Armeen von Marénis und Calláte, von Rées und Fasia aufeinander.

„Siegen wir?“ fragte Amís Cállate unsicher seinen General.
Eine Leibwache von zwanzig Mann stand um sie herum auf diesem Hügel fern der Schlacht.
„Ich vermag es von hier aus nicht zu beurteilen“, sprach sein General, „doch wartet – dort kommt ein Bote! – Heda, Bote! Wie steht es?“
Der Bote hielt nicht an, sondern lief weiter, rannte an ihnen vorbei.
„Rettet euch! Wir sind verloren!“ rief er ihnen noch zu.
„Aber – was meint er damit?“ wandte sich Cállate unverständig an seinen General.
„Ich weiß es nicht…“
„Wir können doch nicht verlieren. Oder?“
Cállate war sich nicht sicher. Seit Jahrzehnten hatte Omijern keine Kriege mehr erlebt. Doch der General antwortete nicht, sein Blick ruhte starr auf dem fernen Pass.
„Jetzt sprecht schon, Mann! Ihr seid hier, mich zu beschützen!“ herrschte Cállate ihn an.
„Herr, vielleicht wäre es besser…“, begann der General, bevor ihn ein Pfeil in der Brust davon abhielt.
Und da stürmten auch schon die Söldnertruppen Marénis‘ heran. Cállates Leibwache war ihnen unterlegen.
„Nein, tötet mich nicht!“ jammerte Cállate, derweil er im Dreck kroch, seine Robe beschmutzend.
„Hallo Vetter, lange nicht gesehen“, begrüßte Marénis Cállate gehässig, nachdem die Söldner ihm diesen wie ein Vieh gebracht hatten.
„Gusta! Ich verlange eine Erklärung! Zieh deine Armee zurück, vielleicht begnadige ich dich dann!“ wagte Cállate zu sprechen.
„Tut mir leid, dieses Land gehört nun mir“, antwortete Marénis, während dem Wehrlosen sein Schwert in den Bauch drang.

Dies war das Ende von Omijern. Marénis gelang es nicht, Fasia zu erobern. Der junge Cállate, Sohn des Amís, konnte ihn mit Hilfe des Nordens abwehren. Nach und nach brachen die Statthalter Omijerns ihr an Marénis gegebenes Versprechen, doch nicht, um wieder zu der Entartung Fasias zurückzukehren. Marénis erlebte nur noch den Bürgerkrieg und Fasia Jahrzehnte später einen Wandel zum Besseren.

ENDE

———————–
Kommentar des Herausgebers

Diese Geschichte stammt von einem unbekannten fasischen Schriftsteller des 32. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Fasia seine Unabhängigkeit fand, indem es als Teil von Rardisonán aufging.
Der Inhalt hat wahre Hintergründe, doch die genauen Wortlaute können nicht bestätigt werden. Auch mag niemand von uns zu urteilen, ob Marénis wahrhaft ein schlechter und Cállate wahrhaft ein verweichlichter Herrscher war, doch erzählt sich das Volk es zumindest so.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 14.01.3995


Zitat des Tages

Februar 9, 2009

„Wozu  haben alle sonstigen Kulturerrungenschaften geführt? Die furchtbare Antwort liegt vor unseren Augen: Man ist von keiner Angst erlöst, ein finsterer Alpdruck liegt auf der Welt. Die Vernunft hat bis jetzt kläglich versagt, und gerade das, was alle vermeiden wollen, geschieht in schauerlicher Progression. Gewaltiges an Nützlichem hat sich der Mensch errungen, dafür aber hat er auch den Abgrund der Welt aufgerissen, und wo wird er, wo kann er noch Halt machen? Man hat nach dem letzten Weltkrieg auf die Vernunft gehofft; man hofft jetzt wieder. Aber schon ist man von den Möglichkeiten der Uranspaltung fasziniert und verspricht sich ein Goldenes Zeitalter – beste Gewähr dafür, daß der Greuel der Verwüstung ins Unermessliche wächst. Und wer ist es, der all dies zustandebringt? Es ist der sogenannte harmlose, begabte, erfinderische und vernünftige menschliche Geist, der nur leider seiner ihm anhaftenden Dämonie unbewußt ist. Ja, dieser Geist tut alles, um sein eigenes Gesicht nicht sehen zu müssen, und jeder hilft ihm dabei nach Kräften. Nur ja keine Psychologie, denn diese Ausschweifung könnte zur Selbsterkenntnis führen! Dann schon lieber Kriege, an denen jeweils der andere schuld ist, und keiner sieht, daß alle Welt besessen ist, das zu tun, was man flieht und fürchtet.
Mir scheint – offen gestanden – als ob die vergangenen Zeiten nicht übertrieben, der Geist seine Dämonie nicht abgestreift, und die Menschen vermöge ihrer wissenschaftlichen und technischen Entwicklung sich der Gefahr der Besessenheit in zunehmenden Maße ausgeliefert hätten. Wohl ist der Archetypus des Geistes als böser sowohl wie guter Wirkung fähig charakterisiert, aber es hängt an der freien, d.h. bewußten Entscheidung des Menschen, ob nicht auch das Gute sich noch ins Satanische verkehren soll. […] Kann man nicht endlich begreifen, daß alle äußeren Änderungen und Verbesserungen die innere Natur des Menschen nicht berühren[..]?“

– C. G. Jung: Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen (1945 / 1953)


Der Preis der Freiheit

Februar 9, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Mandraz – Man-dras
Majezir – Ma-ʒä-sir
Deljezir – Del-ʒä-sir
Delnadraz – Del-na-dras
Delenti – De-len-ti
Caduim – Ka-dwiim

I
Blutrot versank die Sonne hinter den fernen Bergen. Rot vom Blut der Erschlagenen färbte sich die Küste des schäumenden Meeres. Mandraz beobachtete das Schauspiel aus der Ferne. Mit seinen engsten Vertrauen stand er auf einer Anhöhe in sicherer Entfernung. Niemand von ihnen wagte ein Wort zu sagen. Sie alle wussten, was auf dem Spiel stand. Nicht nur ihr eigenes Leben, auch das ihrer Angehörigen könnte von dieser Schlacht abhängen. Dort unten kämpfte jedoch keiner ihrer Leute. Doch würde dieser Stamm von der Küste nicht den Sieg davon tragen, so würden auch sie niemals frei sein. Hier in Delent kämpfte jeder gegen jeden und vor allem jeder gegen den verhassten Adel. Niemand wusste, was nach dem Sieg kommen würde, doch sie alle wollten die Freiheit. Freiheit und Macht. Seit vielen Jahren tobte der Krieg nun schon in Delent. Mandraz und seine Vertrauten träumten schon ebenso lange davon, ihren Kindern eine freie Welt zu zeigen.
Mandraz blickte zurück in Richtung der untergehenden Sonne. Sein Dorf lag dort im Schatten der schroffen Berge und wartete auf ihn. Er würde alles tun, um die Seinen zu beschützen. Als seine Begleiter unruhig wurden, sah er wieder zum Kampf. Dieser hatte sich nun entschieden; Tote lagen an der Küste, wie gefallenes Heu nach der Ernte. Sieger durchschritten ihre Reihen wie Raben auf der Suche nach Beute. Flüchtlinge wurden gejagt und niedergemacht, überlebende Verletzte wurden ertränkt. Und dann sah Mandraz, wer da gesiegt hatte. Und sie alle zusammen verfielen in einen Freudentaumel.

II
Endlich waren sie in den Schutz des Tales gelangt. Als ihr Gastgeber hieß es sie mit offenen Armen willkommen. Eines nach dem Anderen wurden die Wagengespanne von den Ochsen vorwärts gezogen in die wartende Sicherheit. Hier würde man sie nicht mehr so leicht entdecken können. Caduim blieb zurück und wartete, bis der letzte Wagen außer Sicht von Delenti war, bevor er einen abschließenden Blick zurück warf. In der weiten Ferne war Delenti nur noch an der schwarzen Rauchsäule zu erkennen, die von den lodernden Ruinen aufstieg. Es war früher Morgen eines schönen Frühjahrstages und das Jahr war 650.
Ein Krieger erschien am Eingang des Tales, sah Caduim, hielt auf ihn zu und begrüßte ihn.
„Halte dich nicht damit auf! Sprich, was gibt es zu berichten?“ fragte dieser ihn.
Der Krieger sah ihn düster an. Sein Wams war zerschlissen, seine Rüstung starrend vor Dreck und Blut, er selber nicht minder besudelt.
„Nichts Gutes, so fürchte ich“, hob er an, „zumindest nicht von dort hinten. Wir haben sie aufgehalten. Aber außer mir scheint es kaum jemand geschafft zu haben. Wenn noch jemand lebt und uns treu ist, wird er uns in Deljezir erwarten.“
Cadium blickte ihn traurig an. Seine Heimat war zerstört, die meisten seiner Leute und Freunde nun tot und der Rest auf der Flucht.
„Und du bist sicher, dass niemand unsere Flucht bemerkt hat?“
„Sehr sicher. Wir haben ihnen eine schöne Jagd mit abschließender Schlacht geboten.“
„Dann komm. Lass uns zu den Wagen aufschließen. Es ist eine weite Reise bis Deljezir und wir dürfen nicht trödeln.“
Es war noch nicht lange Frühjahr geworden. Die Lehmwege waren feucht und die Erde hatte sich in Schlamm verwandelt, der habgierig nach den Rädern ihrer Wagen griff. Immer wieder mussten sie Halt machen, immer wieder einen der fünf Dutzend Karren aus dem Dreck ziehen. Alle packten dabei an – die Krieger, die Adligen, die Handwerker, die Frauen, selbst die Kinder. Trotzdem kamen sie nur schleichend voran. Caduim und die Anderen berittenen Krieger erkundeten die Gegend vor, neben und hinter der Kolonne. Dies verhinderte aber nicht, dass sie am dritten Tage ihrer Reise angegriffen wurden. Es war Nacht. Kinder und Frauen schliefen auf den Wagen, die Männer unter ihnen. Zwei Wagen gingen in dem wilden Angriff verloren, doch konnten Caduim und die Anderen Schlimmeres verhindern. Im Dämmerlicht des jungen kühlen Frühjahrsmorgens erkannte man, dass die Angreifer nur Räuber gewesen waren. Die Kolonne musste sich eilen, sollte sie nichts Ärgerem begegnen. Manchmal ritt Caduim an den Reihen der Flüchtlingen vorbei. Dann sah er erschöpfte, leidende und doch hoffende Gesichter. Sie alle vertrauten auf den König und seine Männer. Und diese Hoffnung sollte nicht unvergolten bleiben.
Am nächsten Tag kreuzten sie einen Fluss, den die Schneeschmelze des Frühjahrs in einen reißenden kleinen Strom verwandelt hatte. Dies stellte sie vor ein schwerwiegendes Problem. Caduim wusste, was dieser Fluss verhieß: Das rettende Land des Königs an seinem anderen Ufer. Doch konnten die Wagen seine nun rauschenden Wogen nicht gefahrlos durchqueren. Caduim gab Befehl, Holz des umgebenden düsteren Waldes für Flöße zu fällen, da griff man sie erneut an. Aus dem Schutz der alten Bäume kamen sie brüllend wie die Fluten eines Bergstromes über sie her. Kinder schrien auf und wurden von ihren Müttern unter die Wagen gezerrt, wo sie sich in den Schlamm kauerten. Die Männer griffen nach allem, was man als Waffe nutzen konnte. Diese Angreifer aber waren keine Räuber und Caduims Männer wären ihnen unterlegen gewesen. Doch wie durch ein Wunder trafen zu dieser Zeit am anderen Ufer die Krieger des Königs ein. Pfeile stürzten wie Ungeziefer über die Feinde, die nun eiligst die Flucht ergriffen, ihr Leben zu retten. Jetzt war eine Überquerung des Flusses kein Problem mehr, denn die Männer hatten Flöße bereit. Auf wackligem, glitschigen Untergrund schafften es alle Wagen unbeschadet ans andere Ufer.
„Ihr habt uns gerettet!“ sprach Caduim froh zum Anführer der Krieger und als er diesen an seinem großen schwarzen Bart erkannte, umarmte er glücklich seinen Bruder.
Am Abend erreichten sie Deljezir. Die Stadt war die letzte Verbliebene, die dem König noch die Treue hielt, nun, da Delenti zerstört war. Ganz Deljezir brummte und pochte als ein Lebewesen, überquellend mit Flüchtlingen aus allen Himmelsrichtungen. Für die einfachen Menschen war hier das Ziel ihrer Reise. Caduim, seine Männer und die Adligen jedoch hatten noch eine Tagesreise vor sich.
„Seit einem Jahr erst ist die Burg Majezir vollendet“, wurde Caduim Abends in einer Schenke Deljezirs von seinem Bruder aufgeklärt, „draußen im Moor. Jede Armee aus dem Norden, die nach Deljezir will, müsste an ihr vorbei. Dort sind der König und die verbliebenen Adligen und Krieger. Sie erwarten euch bereits.“
Und so kamen sie am nächsten Tag zur Burg Majezir, der letzten Verteidigerin des Königreiches, Herrin ihrer aller Freiheit und Leben. Trutzig erbaut inmitten des bedrohlichen Moores war sie auf allen Seiten von Seen umgeben. Nur über knarrende Zugbrücken konnte man sie erreichen. Die einzige sichere Furt durch den Fluß lag in Sichtweite von Majezir. Wer immer nach Deljezir gelangen wollte, musste an der Burg vorbei. Wer immer an den König gelangen wollte, musste in die Burg hinein. Beides versuchten Frühjahr und Sommer hindurch immer wieder feindliche Armeen. Eine nach der Anderen verzweifelte an der unerreichbaren Burg. Niemandem gelang es, zu Deljezir oder dem König vorzudringen. Derweil eilten sich dessen Boten, die Hoffnung des Reiches, nach Verbündeten zu suchen, die Aufständischen des Nordens zu besiegen.
„Herr“, wurde Caduim eines Morgens von einem kleinen Knaben angesprochen, „was ist Frieden?“
„Wieso stellst du diese seltsame Frage?“ entgegnete Caduim verwundert.
„Meine Eltern sprechen immer davon, dass sie sich Frieden wünschen“, sprach der Knabe in kindlicher Scheuheit und Caduim beugte sich zu ihm herunter.
„Weißt du, sobald wir gesiegt haben oder die Aufständischen ihren Fehler bemerken, ab da wird es Frieden für uns geben und niemand muss mehr kämpfen.“
„Keine Kämpfe?“ sprach da der Knabe ungläubig.
Der Junge glaubte ihm nicht, lachte kurz sein kindliches Lachen und verschwand dann im Burghof, wo er mit anderen Kindern spielte. Caduim sah ihnen eine Weile traurig zu.

III
Sie hielten sich im Dickicht unweit des Flusses versteckt. Gefrorene Blätter krachten unter ihren Füßen. Ihr Atem kam in Rauchwolken. Mandraz stapfte durch den Schnee zurück zu den anderen Stammesführern. Sie alle waren hier gleich, trotzend jeglicher früherher Meinungsverschiedenheiten, und zitterten in der Kälte. Selbst die vielen Schichten Kleidung, Rüstung und Felle auf ihnen konnte die unnatürliche Strenge des Windes nicht beschwichtigen. Endlich hatte man sich geeint, endlich zog man zusammen gegen den Feind. Mandraz dachte daran, wie seine Familie Daheim in ihrer zugigen Hütte hausen musste, die schon etliche Male in diesen Kriegen zerstört worden war. Nun sollte sich dies ändern, bald könnte man sich Steinhäuser leisten wie der König. Das ganze Jahr über war man vergeblich immer und immer wieder gegen Majezir angebrandet, doch nie kam man auch nur über die Seen. Alle, die andere Wegen zu gehen versuchten, fanden ihr Schicksal auf dem Grund des Moores. Jetzt aber war dieses Schicksal auf ihrer Seite. Was zuvor noch ein unüberwindbares matschiges Hindernis gewesen war, bot sich nun als glitschig vereistes Feld an.
Es wurde Mitternacht und der weiße Mond beschien die weite weiße Winterlandschaft. Mandraz und die anderen gaben Zeichen und die Meute machte sich auf den Weg. Sie stürmten die Seen, umzingelten die Burg. Haken unter den Schuhen gaben ihnen Halt, andere rutschten einfach vorwärts. Etliche fielen im Pfeilhagel, doch konnte man ihre vordringenden Leitern nicht aufhalten. Wie Raubtiere erklommen sie mit ihnen die Mauern und strömten in die Burg hinein. Ein Krieger mit großem schwarzen Bart wollte Mandraz aufhalten, doch dieser hielt sich kaum auf, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Vor niemandem machten die Angreifer Halt. Krieger, Diener, Adlige, Männer, Frauen und Kinder – sie machten keinen Unterschied, alle waren sie Teil des verhassten Königreiches, alle dienten sie dem König. Alle mussten sie sterben, sollte es jemals enden. Der König selber wurde von Mandraz gestellt, wie er gerade fliehen wollte. Und als kein Feind mehr in den Mauern von Majezir lebte, stimmten die Angreifer ihr Siegesgeheul an. Endlich hatten sie ihre Freiheit errungen, endlich hatten auch ihre Kinder eine Zukunft.
Doch dies war noch nicht das Ende der Geschichte. Nicht alle Adligen waren in Majezir gewesen. Einige hatten sich schon früher verkrochen, andere waren zufällig zur Zeit der Schlacht außer Haus. Wenige Jahre lang sollte man sie noch in ganz Delent wie  Vogelfreien jagen und niedermachen. Einer der Überlebenden der Nacht des Überfalles war ein Mann namens Caduim. Ihm war es zu verdanken, dass letztlich Frieden herrschen sollte, die Adligen neben dem freien Volk leben durften. Doch bis dahin war viel zu tun.
Auf den kältesten Winter in der Erinnerung der Leute dieser Gegend folgte das mildeste Frühjahr. Die Burg Majezir wurde von der Natur erobert und für immer von ihr einbehalten. Das Frühjahr sah alles neu im Lande Delent.

ENDE

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Kommentar

Delent war einst eines der großen alten Juepenreiche. Mächtig war es und die Legenden erzählten von Wundern. Doch der Aufstieg Iotors im Norden traf es hart. Fast der gesamte Norden wurde erobert. Während es dem Osten gelang, sich bald wieder von Iotor freizukämpfen und als das Reich Sagaja noch für Jahrtausende bestand, verfiel der Süden immer mehr. Es gab einen Aufstand nach dem Anderen, das Land wurde zum düsteren Schreckensreich. Gut 50 Jahre sollten die Kriege in Delent gedauert haben und am Ende stand das Königshaus vor dem Nichts. Die Flucht zur Burg Majezir verlängerte ihr Leben nur um ein Jahr. Nie wieder sollte Delent mächtig werden. Der Preis der Freiheit war für das Volk von Delent ihr Niedergang.
Die Geschichte selber stammt aus der Feder eines unbekannten Schriftstellers und gibt die tatsächlichen Geschehnisse wieder, natürlich um einiges ausgeschmückt.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 22.01.3995