Der unerwartete Fund

Dezember 8, 2008

Tambaheim war einst eine Stadt Lurrukens. Fern an dessen östlichen Ende am Meer gelegen galt sie als die südlichste und eigenartigste ihrer Städte, der Natur und ihrem Glauben noch sehr nah. Als Grenzstadt fern des Herzens des Reiches war sie ein ruhiger Ort, von dem man außer seltsamen Naturgeschichten nur wenig hörte. Doch dann kam das Jahr 2000. Überall strömte das Meer ins Landesinnere; zahlreiche Landstriche und Orte verschwanden in den Fluten. So auch Tambaheim und mit der Stadt all seine Bewohner.
Über tausend Jahre später segelte ein Handelsschiff genau an der Stelle vorbei, wo sich Tambaheim nun tief unter den Fluten befand. Das Schiff kam aus Silour in Silûne und wollte heim nach Piran in Dhranor. Als es Abend wurde, bekamen viele der Seemänner frei aufgrund des guten Wetters und weil man gute Geschäfte gemacht hatte. Letzteres beschloss man ebenso zu feiern und verteilte reichlich Wein und Schnaps. Der Jüngste an diesem beteiligte, ein Schiffsjunge, ertrug leider nur zu wenig davon und eilte bald zur Reling, seinen Mageninhalt entleerend. Sobald er fertig war, hörte er etwas.
Er blickte in die See herab doch sah dort nichts. Es hörte sich an wie lebendige Rufe.
Er blickte sich auf Deck um, doch sah er wieder nichts. Es klang wie verzweifeltes Rufen.
Er blickte an der Bordwand entlang, da sah er es: ein Seemuff hatte sich in den lose herabhängenden Tauen verfangen und quiekte nun herzerweichend um Hilfe.
Der Junge zögerte nicht lange, eilte in die Kombüse, ein Messer zu holen und schließlich wieder zurück an die Reling. Vorsichtig zerschnitt er die Taue und holte das arme Tier an Bord. In dem Moment riss das letzte Tau, welches nun als einziges das Beiboot gehalten hatte, welches polternd ins Wasser krachte.
„Wirf mich auch hinein!“ glaubte der Junge zu hören.
Verwundert blickte er den Seemuff an, der merklich mit der Luft rang. Der Junge besann sich, dass dieses Tier Wasser bräuchte und warf es schnell doch gleichsam so vorsichtig es ging zurück in die Fluten. Dort tauchte es noch einmal kurz auf und sah ihn an.
„Du hast mich gerettet, dafür wirst du belohnt!“ sprach der Seemuff zu dem Jungen und verwandelte sich in einen Menschen.
„Was hast du getan!“ riss ihn die Stimme des Maats aus seinen Gedanken. „Lasst das andere Boot herab!“ befahl er und wandte sich drohend an den Jungen, „dich betrafe ich später!“
Die Männer die noch nüchtern genug waren versuchten das herabgestürzte Boot zu retten und bemerkten dabei erst den menschlichen Körper.  Sie versuchten ihn aus dem Wasser zu holen und sahen, dass sie viele Jahre zu spät kamen. Die Leiche war mit einem Tau an etwas unter Wasser befestigt, weshalb sie nicht davon getrieben wurde. Als man diesem nachging, fand man eine Kiste auf einer der Häuserruinen Tambaheims und darinnen viel Gold. Der Junge wurde nicht bestraft sondern für sein Missgeschick belohnt. Doch alle wunderten sich, warum die Ruinen viel zu nahe an der Wasseroberfläche lagen. Dies wurde noch zu vielen Erzählungen in Piran.

ENDE

Kommentar

Diese Geschichte ist nicht ganz so alt, doch alt genug, dass sich ihr Ursprung verloren hat. In Dhranor und Silûne erzählt man sie sich aber gerne in den Hafentavernen und eine zeitlang gab es fieberhafte Versuche, die Ruinen Tambaheims zu finden, doch niemanden sollte dies noch einmal gelingen.

Solero y Cyprilla, Toljidarin
Karison, Ojútolnán, 03.09.3994


Der geheimnisvolle Dieb

November 29, 2008

Einst  begab es sich, dass in den Salzlanden noch viele Menschen lebten. Die grünen Hügel und flussdurchzogenen Auen waren sogar eine der wichtigsten Ländereien des Reiches von Lurruken. An dem Fluss, welchen man Joral oder Cormoda nennt, lebte nah eines kleinen Dorfes ein älteres Ehepaar. Die Ernten waren dieses Jahr schlecht und sie mussten versuchen sich durch Jagd und Fischfang zu ernähren.
„Verdammt! Es beißt einfach nichts an!“ sagte der Mann bei seiner Heimkehr.
„Gräme dich nicht. Wir haben doch noch Vorräte“, beruhigte ihn seine Frau.
„Aber die gehen auch schon zur Neige!“ meinte er und setzte sich in seinen Stuhl, die Schultern hängen lassend.
Und tatsächlich – am nächsten Morgen fehlte etwas.
„Wo sind unsere Sachen hin?“ fragte er seine Frau.
„Ich weiß es nicht – gestern war doch noch mehr da! Joralratten vielleicht?“ vermutete sie entsetzt.
„Ich werde hier lieber Fallen aufstellen“, grummelte er und machte sich an die Arbeit.
Der Rest des Tages verlief für ihn ohne Glück. Abends kehrte er mit leeren Händen heim.
„Wieder nichts?“ fragte seine Frau traurig.
„Wieder nichts. Ich hoffe, die Fallen erfüllen ihren Zweck, sonst haben wir bald gar nichts mehr“, stellte er fest.
Er schaute nochmal nach den Fallen, bevor sie schlafen gingen. Tags darauf waren sie unberührt – doch es fehlte wieder etwas.
„Das ist schrecklich!“ stellte seine Frau fest.
„Heute Nacht werde ich selber Wache halten!“ beschloss er.
Der Tag wurde für ihn kaum besser als die vergangenen.
„Ich werde hier ausharren bis ich den Dieb erwische!“ sprach er des Abends und setzte sich vor die Vorratskammer.
In der Nacht wachte er von einem Geräusch auf. Etwas huschte vor ihm weg. Doch er griff rechtzeitig danach und zerrte es hoch. Es war ein kleines Männchen!
„Wer bist du und warum stiehlst du unsere Vorräte? Wir werden wegen dir noch verhungern!“
„Tu mir nichts!“ quiekte das Männchen in seinem kleinen Anzug und wedelte mit den kleinen Händchen, „ich verspreche dir, das Gestohlene zu ersetzen und tausendfach für Vergeltung zu sorgen, wenn du mir nur nichts tust!“
Trotz seines Grolls willigte der Mann ein, nicht zuletzt dank Zureden seiner Frau, die durch den Krach ebenso erwacht war. Der Mann ließ das Männchen laufen, doch wachte die Nacht über weiter, auf dass er nicht betrogen würde. Am folgenden Morgen wachte er erneut aus seinem Schlummer auf und da lag tatsächlich Ersatz für das Verschwundene vor der Haustür.
Das Männchen hielt auch im folgenden noch Wort und das Ehepaar musste nie wieder arbeiten noch Hunger leiden.

ENDE

Kommentar

Eine klassische Mär aus Lurruken, lange erzählt im Volk und hielt sich dort in dieser oder anderen Formen bis heute noch in Städten wie Ruken und Saldan. Eine wahre Begebenheit sollte nicht angenommen werden.

Solero y Cyprilla, Toljidarin
Karison, Ojútolnán, 28.08.3994


Das Geheimnis der Wälder

November 20, 2008

I

Einst, als die Länder noch voller Bäume waren und die Menschen junge Eindringlinge in diese Reiche der Ruhe, da lebten in diesen Wäldern noch andere Geschöpfe, verborgen vor den Augen der Menschen.

Hast du das gehört?“ fragte Mannich seinen Begleiter.

Sansinn blickte sich verwirrt um.

Nein. Was meinst du?“

Da hinten ist etwas!“

Und in dem Moment sahen sie es beide. Ein schwacher Lichtschein leuchtete durch die Bäume.

Mannich, was ist das?“ flüsterte Sansinn ängstlich.

Ich weiß es doch auch nicht! Lass uns nachsehen!“

Vorsichtig ging Mannich voran, während Sansinn ihm langsam folgte. Sie gaben sich alle Mühe ruhig zu sein und gelangten bald an den Rand einer Lichtung. Dort sahen sie Wundersames: Wesen, die an Menschen erinnerten, doch nicht so aussahen. Fröhlich und kindlich leicht tanzten gut zwei Dutzend von ihnen unbekleidet um ein Feuer. Geschlechtliche Formen hatten sie nicht. Ein unwirkliches grünes Licht ging von einem jeden von ihnen aus, das sogar den grellen Feuerschein überdeckte. Der Anblick ließ eine einlullende Schwere auf die beiden Männer sinken. Ebenso steckte die Fröhlichkeit der Wesen an und ließ alle Bedenken und Vorsicht vergessen.

Mannich, nein!“ sprach Sansinn leise doch drängend, aber schon war es zu spät.

Mannich trat auf die Gestalten zu. Diese unterbrachen ihr geschäftiges Tun und sahen ihn an.

Kommt zu uns“, raunten sie wie aus einem einzigen unweltlichen Munde und hoben die Arme, die Neuankömmlinge zu empfangen.

II

Wir müssen Mannich und Sansinn finden“, sprach der Anführer der Gruppe.

Ich werde sie büßen lassen für das, was sie meiner Frau angetan haben!“ entfuhr es einem seiner Männer.

Beherrsch dich! Nicht nur dir raubten sie etwas!“

Herr! Seht dort!“ rief der vorausgeeilte Späher.

Der Trupp näherte sich einer Lichtung. Auf ihr fanden sie nur noch Glut und Überreste. Als sie sahen, was von Mannich und Sansinn übrig geblieben war, mussten sich drei der Männer übergeben.

Das müssen die Waldbewohner gewesen sein!“ sprach einer.

Dann danken wir ihnen, dass sie uns unsere Aufgabe abgenommen haben“, erwiderte ihr Anführer grimmig.

III

Dieser und viele ähnliche Vorfälle führten einst dazu, dass die Wälder lange als Böse gemieden und später gerodet und abgeholzt wurden.

ENDE

Kommentar

Dieses Märchen erzählt man sich heutzutage vor allem in Akalt, es stammt jedoch aus der Umgebung der Schmelzöfen. Es ist nicht mehr wirklich feststellbar, wieviel Wahrheit darinnen steckt. Die Erzählung erinnert aber an Gerüchte über Stirmen, die hiermit vielleicht verbunden sind.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 19.08.3994


Geschichten aus Lurruken, Teil IX: Die Entführung

Oktober 1, 2008

I

Keuchend vor Anstrengung stürzte sie durch das Unterholz. Äste, an denen sie hängen blieb, zerrissen ihr das Kleid und ritzten ihr die Haut auf. Aber sie bemerkte keinerlei Schmerz. Gehetzt übersprang sie einen Bach und verlor dabei das Schwert. Blutbefleckt und rostig wie es war, fiel es in den Bach.

Dort!“ hörte sie die raue Stimme Rîmirns.

Erschrocken blickte sie zurück. Tatsächlich waren die Drei nicht fern.

Bleib stehen!“ rief Scôval ihr nach.

Schnappt sie euch!“ befahl dagegen der Mahaccar.

Keine Zeit das Schwert zu holen. Doch das kam ihr sowieso nicht in den Sinn. Schnell drehte sie sich um und rannte, immer weiter, über Stock und Stein, durch Büsche und über Abgründe, nicht mehr zurückblickend, nur noch voraus. Doch bald schon konnte sie nicht mehr und rutschte an einer Grube aus. Sie stürzte schwer, ihr Kopf schlug auf einen Stein. Blut lief ihr in die Augen, bevor es schwarz wurde.

~

Wir müssen sie finden“, sprach der Mahaccar, „sucht dort!“

Aber sie hatten die Spur verloren. Er musste es sich eingestehen. Deshalb war er auch nicht überrascht, als Scôval und Rîmirn achselzuckend und kopfschüttelnd zurück kamen.

Nichts – Sie ist weg“, berichtete Scôval.

Verdammt!“ entfuhr es dem Mahaccar – und als er sich beruhigt hatte: „Gehen wir zurück.“

Wartet, da – in der Grube – was ist das?“ machte Rîmirn sie auf etwas aufmerksam.

~

Erst als es dunkel wurde, wachte sie auf. Neblig war es, doch sie hörte den nahen gurgelnden Bach. Nach dem sie sicher war, dass die Drei verschwunden waren, lehnte sie sich erschöpft zurück. – Doch nein, nicht ausruhen. Die lange nächste Zeit schonte sie sich nicht, schlief auch nicht, ging immer vorwärts, Tag um Tag; soweit weg wie nur möglich und zurück Richtung Daheim.

Am Morgen des zweiten Tages erreichte sie die Ausläufer des Moores. Diesen folgend, kam sie bald in die Nähe von Scittz. Erst hier fand sie die Straße nach Hause. Es würde nur noch wenige Stunden dauern, dann sollte sie endlich wieder Zuhause sein. Ob man sie so aber erkennen würde? Ihr Kleid war zerrissen, ihre Haare zerzaust und zudem war sie verschmutzt wie noch nie. Halb verrückt vor Angst und Erschöpfung schleppte sie sich den Weg entlang.

Die Sonne stand tief und rot, die Schatten wurden lang – doch endlich, endlich war sie da! Niemand von denen, die ihr begegneten, schenkten ihr auch nur die geringste Beachtung, doch sie konnte es ihnen auch nicht verdenken. Sie musste aussehen wie eine Landstreicherin. Bald schon bog sie auf eine Straße, die aus dem Dorf wieder herausführte und gerade als Dunkel wurde, hatte sie es geschafft. Daheim. In Sicherheit!

II

Ich möchte noch etwas!“ verlangte Dittoril habgierig.

Tut mir Leid; es ist nichts mehr da“, sprach Attahir.

Geh spielen!“ sprach da Hoccamar und Dittoril folgte dem Befehl.

Sei nicht so hart, er ist doch nur ein Kind“, rügte Attahir da.

Ich weiß, aber wir können ihn nicht alles durchgehen lassen“, sprach Hoccamar, doch grinste.

Ach, ich liebe dich“, sprachen sie fast gleichzeitig und lachten.

Draußen wurde es gerade Dunkel.

~

Dittoril lief lachend durch das Unterholz und stöberte Schmetterlinge und Vögel auf, derweil Attahir tiefer im Wald nach Pilzen und Beeren suchte. Es war ein friedlicher Tag und die Sonne schien.

Doch plötzlich tat sich der Boden auf. Mit einem überraschten Aufschrei erwartete Attahir einem schwarzes Loch der Bewusstlosigkeit einen Besuch ab.

~

Los, wach auf!“ sprach jemand und die Worte knallten förmlich.

Mühsam den Schleier der Ohnmacht von sich schiebend wurde bald klar, dass ein Mann Attahir ins Gesicht geschlagen hatte.Ein abstoßendes zahnloses Gesicht grinste.

Willkommen zurück“, sprach der kleine hässliche Mann mit den verfilzten Haaren.

Scôval, geh zur Seite!“ forderte da eine weitere Stimme und die magere Gestalt gehorchte, weiterhin grinsend.

Dem Blick freigegeben war nun ein Mann in den mittleren Jahren, die verfilzten schwarzen Haare schulterlang, das Gesicht unrasiert. Gelassen lehnte er an einem Baum. Man hätte sein Äußeres ansprechend finden können, wäre er nicht zerlumpt wie ein Bettler gewesen. Nun kam er näher.

Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“ fragte er spöttisch.

Attahir versuchte zu antworten, doch ein Knebel verhinderte diesen Versuch.

Wir können dich doch hier nicht alles zusammenschreien lassen“, sprach er und unerwartet traf eine Ohrfeige Attahirs Gesicht. Kurz darauf ergänzte er, nun herablassend und abschätzend schauend: „Du brauchst nicht zu antworten – jedenfalls… – du kommst mit uns.“

Attahir versuchte sich zu bewegen, doch Fesseln verhinderten dies.

Rîmirn, schneide unseren Gast von diesem Baum, dass wir los können. Ich möchte Borhatt ungern warten lassen“, sprach der Mann herrisch und ungeduldig.

Hinter Attahir raschelte es, dann folgte ein kurzes Hackgeräusch und die Fesseln fielen. – Aber nicht alle, die Hände waren weiterhin verbunden.

Vorwärts!“ bellte eine raue Stimme von hinten, gefolgt von einem spitzen Pieksen in den Rücken.

Den Anweisungen lieber folgend, stolperte Attahir voran.

Borhatt wird erfreut sein“, sprach der herrische Mann nach einem abschätzenden Blick Attahir gegenüber.

Unterwegs wurde klar, was eigentlich offensichtlich war: der Mann hörte sich zu gerne selber sprechen. Aber dafür kamen Attahir andere Gedanken. Was wohl mit Dittoril geschehen war? Hoffentlich ging es ihm gut und er war zurück zu Hoccamar gelaufen. Vielleicht suchten sie ja auch schon nach Attahir.

Da sind wir“, störte der Mann diese Gedankengänge.

Es war ein kleines Lager, ohne Feuer, nur mit etwas gelagertem Gepäck – und einer jungen Frau, die geknebelt an einen Baum gefesselt war. Es wurde sich aber nicht aufgehalten, auch folgten keine Begrüßungen. Die Männer befreiten die Frau von der Umarmung des Baumes, schnappten sich ihre Sachen und setzten ihren Weg fort, immer die versinkende Sonne im Rücken habend; ihre Gefangenen trieben sie vor sich her und hielten später noch zwei Stunden auf den weißen Mond zu. Sie hatten es scheinbar eilig, doch kamen sie nur langsam voran. Dafür bekamen die Gefangenen so manche Schelte. Erst gegen Mitternacht machten sie Halt. Die drei Männer schliefen am Boden, immer noch ohne Feuer, ihre Gefangenen fesselten sie an zwei Bäume. Erst am Tag darauf durften diese ihren natürlichen Verpflichtungen nachgehen. Morgens befreite man sie nacheinander und ließ sie in den Büschen verschwinden. – Doch stets hielt ein verbliebenes Seil sie von der endgültigen Flucht ab.

Wer bist du?“ fragte Attahir die Frau mit gedrückter Stimme, als sie kurz Ruhe hatten, derweil die Männer beschäftigt waren, „Mein Name ist ist Attahir.“

Die Frau hatte sichtlich Angst zu antworten. Ihre Augen waren weit geöffnet und zuckten ständig unruhig zu ihren Entführern, als erwartete sie jederzeit Strafe für ihr Flüstern.

Lattir – Lattir Lôrvattz“, presste sie schließlich zwischen den Zähnen hervor, „aus Gêmitzter.“

Trotz ihrer Lage musste Attahir lächeln. – Möglicherweise war es dies, was Lattir nun beruhigte.

Gêmitzter – das liegt nicht weit weg von meinem Dorf – ich komme aus Dôrhattz.“

Ruhe dort hinten!“ kam ihnen jedoch nun Scôval verärgert dazwischen, als man ihr Tuscheln bemerkte, und warf einen kleinen Stein, einem Kiesel gleich, zwischen sie.

Lattir zuckte erschrocken zusammen und zitterte nur noch.

Hab keine Angst, ich lass mir etwas einfallen!“ sprach Attahir noch schnell und flüsternd, bevor dies zu strafen Rîmirn sich erhob und ihnen beide ins Gesicht schlug.

Ihr habt still zu sein – kein Gerede!“ herrschte er sie noch an.

Trotzdem bekamen beide später noch zu Essen. Als die Reise weiterging, zerrten Scôval und Rîmirn sie an Seilen hinter sich her, im Morast und Laub des Waldes oft stolpernd. Das Unterholz war weiter dicht und sollte es noch lange bleiben, bis sie das unbewaldete Cerhlicg-Tal erreichen würden. Denn dorthin waren sie unterwegs, das konnte Attahir an ihrer Bewegungsrichtung erkennen.

Wohin bringt ihr uns?“ war daher die Frage, welche Attahir sich später am Tage zu fragen getraute.

Scôval ruckte zur Strafe stark am Seil, doch sein Anführer ließ sich zu ihnen zurückfallen und ging halb neben Attahir daher.

Das geht dich zwar wirklich nichts an, doch ihr werdet es ja eh sehen“, sprach er herablassend, „wir bringen euch zu Borhatt, unserem Herrn.“

Das war Attahir aber auch schon klar. Doch weiter? Von Borhatt redete man sogar in Dôrhattz. Er sei ein Raubritter, so sprach man, der in den Bergen östlich des Cehrlicg-Tales lebte und von dort seine Raubzüge durchführte.

Aber warum wir? Demirus ist weit von Borhatt entfernt!“

Ah, aber hübsche Diener sind immer gefragt“, sprach der Mann mit einem bösen Unterton in der Stimme, und Scôval lachte dreckig, „und es ist unklug, diese in der Nähe unserer Burg zu suchen, denn Dracgmoyrch ist nicht weit und die Wächter der Stadt vermeiden wir lieber.“

Das war auch Attahir in der Lage nachzuvollziehen. Doch offenbarte sich damit auch eine Möglichkeit, wenn denn Dracgmoyrch nicht fern war. Aber nun kamen auch wieder Gedanken an Dôrhattz auf. Die Hoffnung, dass es Dittoril und Hoccamar gut gehen würde, schimmerte als leuchtender Schein in Richtung der untergehenden Sonne. Doch fehlten sie auch. Würden sie Drei noch einmal vereint sein?

Attahirs Gedanken wurden erneut gestört, als wenige Schritte weiter Lattir über die knorrige alte Wurzel eines beeindruckenden Baumes stolperte und fiel. Rîmirn bemerkte dies, als das Seil in seiner Hand sich straff spannte und er mit einem Ruck anhalten musste. Die Augen angestrengt verengend blickte er zurück.

Steh auf. Geh weiter!“ rief er ihr zu.

Doch Lattir saß nun am Boden, die Hände und den Rock verdreckt. Bei seinen Worten brach sie in Tränen aus. Attahir wollte zu ihr eilen, sie in den Arm nehmen, trösten – doch Scôvals Seil verhinderte dies. Auch Rîmirn ruckte nun stark an seinem Seilende, so dass es sich um Lattirs Hals noch weiter zuzog. Würgend ergriff diese das Tau, es um ihren Hals lockern wollend, doch bewirkte sie damit nichts weiter, als dass Rîmirn noch stärker zog. Attahir wehrte sich gegen Scôval, um an Lattir zu kommen.

Hört auf mit dem Unsinn, wir brauchen sie noch!“ kam der Anführer der Männer ihnen hier dazwischen, sichtlich erbost.

Ohne Verzögerung gehorchte Rîmirn, und Scôval ließ Attahir soviel Seil wie nötig war, um an Lattir heran zu kommen.

Sehr wohl, Mahaccar“, hörte Attahir Rîmirn sagen und legte einen tröstenden Arm um Lattir, die nun schmutzig und verheult war und nach Waldboden roch.

Sie kamen an diesem Tag nicht mehr weit. Es dauerte lange, Lattir zu beruhigen und bald war es zu dunkel, weshalb der Mahaccar, als was er bezeichnet wurden war, das nächste Lager anordnete. Die Nachtvögel sangen, wilde Tiere mieden das Feuer, der weiße Mond stand hoch und der Wald duftete größtenteils nach Kräutern – doch Attahir konnte dies sicherlich nicht genießen. Aus Strafe für ihr Verhalten hatte man Lattir nun stärker gefesselt und auch geknebelt, solange sie nicht gerade Nahrung zu sich nahm. Attahir blieb nichts weiter, als zu schweigen, da sonst die gleiche Strafe drohte.

Nach einer für Attahir erst sorgenvoll durchwachten und erst spät durch Erschöpfung auch schlafend erlebten Nacht, wurden die Gefangenen des Morgens unsanft mit Fußtritten geweckt.

Macht euch fertig – wir wollen in einer Stunde los“, sprach Scôval mit seiner rauen Stimme.

Den beiden blieb also kaum Zeit, sich fertig zu machen. Der Mahaccar erklärte ihnen aber immerhin, dass sie es eilig hätten zu Borhatt zu kommen; erklärte es ihnen so, als seien sie mittlerweile seine liebsten Haustiere. Attahir hielt es schon jetzt nicht mehr aus. Der Drang zu Dittoril und Hoccamar zurückzukehren, ließ nicht nach, wurde sogar stärker. Ob sie sich Sorgen machten? Hoffentlich nicht. Irgendwie musste eine Flucht gelingen. Doch wie dies anstellen? Rîmirn und Scôval hatten sie beide fest am Seil und bei einem Fluchtversuch würde man sie beide erwürgen oder gar mit den Schwertern erschlagen. Es schien aussichtslos. Ein Wunder musste wohl geschehen.

Doch es kam kein Wunder. Diesen Tag nicht, auch nicht am nächsten. Aber da geschah etwas anderes. Gegen Mittag mussten sie einen kleinen Bach überqueren. Sie befanden sich mitten im dichtesten Wald. Attahir wusste nicht, wo genau, denn dies war viel zu weit von Dôrhattz entfernt im Niemandsland, auch noch fern vom Cerhlicg-Tal. Der Bach war zwar schmal, doch tief und schnell genug eine Gefahr darzustellen. Die Männer schienen diese Stelle aber zu kennen, denn ein Baumstamm ermöglichte die Überquerung. Der Mahaccar ging denn auch ohne zu zögern voraus. Langsam und vorsichtig, doch kaum wartend. Erst am anderen Ufer hielt er an. Rîmirn folgte als nächster, Lattir sollte warten, bis er drüben war.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den nächsten auf dem glitschigen, alten Baumstamm. Für Gleichgewicht brauchte er nicht zu sorgen, hielt er sich doch mit dem Seil an Lattirs Hals in der Geraden. Doch gefiel dieser das natürlich gar nicht. Rîmirn war auf der Hälfte der Strecke angelangt, da zog sie heftig am Seil. Sofort verlor er das Gleichgewicht. Den Halt auf dem rutschigen Stamm verlierend, fiel er langsam nach hinten. Mit den Armen rudernd und mit einem überraschten Aufschrei, stürzte er. Das Wasser platschte. Ein dumpfer Laut verkündete, dass Rîmirn gelandet war. Lattirs Seil baumelte nun nutzlos herab.

Für einen Moment waren alle zu überrascht um zu handeln. Scôval war der erste, der etwas tat. Sein Seil fallen lassend, griff er an seine Seite und zog sein Schwert. Das war sein Fehler. Denn Lattir, immer noch ihren Gefühlen folgend, rannte auf ihn zu. Und bevor er sich versah, schubste sie ihn den Abhang hinunter, dem rauschenden Griff des Wassers entgegen: Ein Tritt zwischen die Beine zerstörte die Abwehr, ein zweiter in den Rücken ließ ihn stürzen. Der Mahaccar sah dem allen nur fassungslos zu. Auch Lattir schien bald nicht zu wissen, was weiter zu tun sei.

Komm, lauf!“ rief Attahir ihr zu und schnappte sich Scôvals fallen gelassenes Schwert.

Doch Lattir war wie gelähmt. Erst als Attahir sie am Arm packte und Richtung Wald zurück zog, kam langsam wieder Leben in sie.

Ohne zu Denken rannten sie fort. Ohne Plan liefen sie gen West. Ohne sich umzusehen stolperten sie über Steine, sprangen über Äste und kämpften sich durch das Unterholz. Ihre Seile trugen sie bei sich, um nicht darüber zu stolpern. Allerdings waren sie schwer und unhandlich und so verlor Lattir ihres bald. Es verhakte sich zwischen Baumwurzeln. Sie bemerkte es aber nicht und lief weiter; so geschah, was geschehen musste: Mit einem Ruck wurde sie von den Füßen gerissen und landete unsanft auf dem feuchten Boden. Würgend rang sie mir dem Seil. Attahir handelte schnell und nutzte Scôvals Schwert, sie zu befreien, tat dasselbe bei sich selber. Doch bis es soweit war, hörte man bereits die nahenden Stimmen der drei Männer.

So bringt das nichts“, stellte Attahir fest, „lass und getrennt vorgehen! Hier, versteck dich dort hinten in den Büschen; ich lenke sie ab. Besuche mich in Dôrhattz, wenn wir dies hinter uns haben!“

Attahir schickte Lattir in erwähnte Büsche, nahm das Schwert und wartete noch kurz an den Wurzeln. Kaum, dass die Männer kurz außerhalb der Sichtweite waren, sollten sie laut krachende Äste hören und an einem Baum die Seile ihrer Gefangenen sowie deutliche, nach Westen führende Spüren finden. Schnell folgten sie diesen. Die Verfolgungsjagd dauerte noch Ewigkeiten. Abends hatten sie wieder kurz Sicht auf Attahir, doch verloren sie diese auch bald wieder. Bei Sonnenuntergang hörten jegliche Spuren auf. Nichts war mehr zu finden von ihren Gefangenen.

III

Endlich daheim! Endlich zurück bei ihrem geliebten Mann. Sie hoffte, Zuhause wäre alles in Ordnung. Überschwänglich froh näherte sie sich ihrem Haus. Es sah aus wie immer, nichts hatte sich geändert. Die Lichter waren entzündet, da es langsam Dunkel wurde. Im Haus brannte ein Feuer.

Sie fand ihn im Garten vor, über den Holzstapel gebeugt. Auch er hatte sich nicht geändert. Wie froh und überglücklich sie doch war, ihn endlich wieder zu sehen! Aufgeregt und überhastete stürzte sie los, so sehr hatte sie ihn vermisst. Ihm würde es sicher genauso gehen; schreckliche Sorgen muss er sich um sie gemacht haben.

Aber warum beachtete er sie nicht? Hatte er sie nicht gehört? Warum erhob er sich nicht, als er ihre Schritte vernehmen musste? Doch nichts konnte ihre Freude in diesem ihrem Moment aufhalten. Sie stürzte sich förmlich auf ihn, ihn zu begrüßen; warf sich an seine Brust, als er langsam aufstand.

Doch sie lief ins Leere. Ohne sie zu beachten, ging er an ihr vorbei, um die Ecke des Hauses, ins Innere hinein. Sie blieb bloß verwundert zurück. Seinen Namen versuchte sie zu rufen. Da merkte sie, dass sie nicht mehr sprechen konnte. So sehr sie es auch versuchte, kein Wort kam über ihre Lippen, kein Laut aus ihrem Mund. Was geschah hier? Ihre Freude schlug in Furcht um. Einem Gedanken folgend bückte sie sich, einen Stein aufzuheben. Doch ihre Finger glitten durch ihn hindurch, wie in einem Traum. Träumte sie?

Ihr blieb keine Zeit nachzudenken, was geschehen sein mochte, hörte sie dich nun einige Männerstimmen von vor ihrem Haus herüberklingen. Sie folgte ihnen zu ihrem Ursprung, doch versteckte sie sich hinter einer Hausecke, um lediglich hervor zu gucken.

Scôval, lass ihn los!“ hörte sie eine Stimme sagen, „Wir sollen ihm doch nur eine Botschaft bringen.“

So beobachtete sie, wie Scôval ihren Mann los ließ und selbst zur Seite trat.

Der größere Mann mit den Narben im Gesicht und den ergrauten Haaren sprach sogleich weiter: „Wenn ihr sie liebend wiedersehen wollt, dann sammelt lieber schnell all eure Schätze zusammen und folgt uns.“

Und zum Beweis seiner Worte warf er eine Kette zu Boden. Ihre Kette, wie sie erkannte.

Ihr Ungeheuer!“ entfuhr es ihrem Mann und sie zuckte schmerzlich zusammen, als ihn Scôvals Schwert mit der flachen Seite am Rücken traf und er auf die Knie sinken musste.

Los jetzt!“ fuhr er ihn an.

Mehr gab es nicht zu bereden. Bald hatten sie sämtliche Wertsachen aus dem Haus zusammengesucht. Sie versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen, doch gingen sie einfach durch die hindurch. Schließlich folgte ihr Mann den beiden gen Ost in den Wald. Immer wieder sprach sie auf ihn ein, doch entstanden keine Geräusche und musste sie hilflos folgen.

Zum ersten Mal nun fiel er auf, dass sich die Umgebung irgendwann im grauen Nebel verlor. Doch dieser Schleier kam nie näher, blieb immer auf Abstand, als umlauerte er sie. Keiner der Männer ließ sich davon etwas anmerken, auch sprachen sie kein Wort. Mit jedem Schritt fiel ihr das Gehen schwerer, auch wenn sie nicht au Äste, Steine, Stämme und Unebenheiten achten musste; eine seltsame Schwere und Müdigkeit bemächtigte sich ihrer, ihre Furche wich der Erschöpfung. Aber sie durfte sich jetzt nicht ausruhen.

Endlich kamen die Männer an, wo immer sie ankommen wollten. Wo es genau war, verlor sich nun im Nebel. Am Rande ihrer Erkenntnis nahm sie einen alten Baum wahr, an den eine Gestalt gelehnt war. Es war ein Mann und um den Baumstamm neben ihn war ein Seil gebunden.

Mahaccar, hier ist ihr Ehemann!“ sprach der Grauhaarige und stellte sich neben den angesprochenen.

Ah!“ machte dieser, „gut gemacht, Rîmirn.“ Und dann zu ihrem Mann: „Ich werde es kurz machen: gebt uns euer Geld und wir geben euch eure Frau.“

Hier, nehmt, doch lasst sie frei!“ sagte ihr Mann unter Tränen und warf dem Mahaccar sein Gepäck vor die Füße, dass sie wieder Kraft gewann.

Genug zumindest, um zu verfolgen, was nun geschah, denn eingreifen konnte sie trotz aller Verzweiflung nicht. Rîmirn nahm das Geworfene auf und verstaute es in einem Sack. Scôval blieb neben ihm. Der Mahaccar zog sein Schwert, holte aus und hackte einmal auf das Seil neben ihm ein. Ein Frauenkörper stürzte aus dem Baum herab.

Da hast du deine Frau!“ lachte Scôval dreckig.

Nein!“ rief ihr Geliebter, stürzte auf die Knie und versank bald in Verzweiflung.

Komm hierher!“ hörte sie dagegen eine schwache Stimme rufen, wie aus weiter Ferne, doch schien es keiner der Männer zu bemerken.

Auch sie achtete kaum darauf. Wer lag da? Unwohlsein und Mitleid drangen durch ihre Teilnahmslosigkeit. Sie ging näher und kniete sich neben ihn. Das Gesicht der Frau – es kam ihn bekannt vor.

Los, lass ihn nicht weiter trauern, damit wir endlich gehen können“, sprach der Mahaccar zu Scôval.

Dieser zögerte nicht, sondern stieß dem Trauernden sein Schwert in den Rücken. Qualvoll und langsam starb er, doch sie konnte ihm nicht helfen; alles um sie herum wurde schwarz.

Epilog

Attahir, komm zu mir“, lockte eine Frauenstimme.

Als Attahir sich umdrehte, stand dort in der Ferne Lattir, unter einem moosbewachsenen alten Baum. Attahir machte sich den Weg den grünen Hügel hinauf. Es erschien leicht wie nie zuvor.

Lattir, es geht dir gut!“ freute sich Attahir, als sie sich gegenüberstanden.

Wie man es nimmt“, lächelte die Frau, „doch ich bin nicht hier. Du findest mich in Borhatt. – Du hast noch eine Aufgabe!“

Was?“ entfuhr es Attahir, doch da verschwand der Boden und machte völliger Schwärze Platz.

~

Attahir, wo sind wir?“ fragte Hoccamar.

Ich weiß es nicht“, kam die Antwort. – Und dann: „Ich dachte, du seist tot.“

Das dachte ich von dir auch“, antwortete Hoccamar.

Und sie sahen sich an und berührten sich – und fielen sich in die Arme.

Aber wir haben eine Aufgabe“, sprach Attahir nach scheinbaren Stunden des frohen Wiedersehens.

Hand in Hand gingen sie auf die düstere Burg in den Berg vor ihnen zu. Niemand hielt sie auf und niemand sah oder überlebte sie.

ENDE

~

Kommentar

Lattir Lôrvattz aus Gêmitzter ist bekannt als Ziehmutter des Dittoril Occorscil aus Dôrhattz, des Mannes, der aus Demirus, dem Teil von Lurruken, bei dessen Untergang ein eigenständiges Land machte und als erster Scatte in die Geschichte einging. Seine Eltern verlor er früh. Nicht allein wegen Lôrvattz entstand die gerade vorgetragene Mär, bestand sie doch Zeit ihres Lebens darauf, in ihrer Zelle in Borhatts Burg damals die Geister ihrer ehemaligen Mitgefangenen beobachtet zu haben, wie sie allein alle Räuber in der Burg töteten und die anderen Gefangenen befreiten.

Tatsache ist jedenfalls, dass Occorscils Eltern zu dieser Zeit unweit ihres Hauses gefunden wurden; ebenso wie das Reich von Lûch Monate später, als es endlich aus Dracgmoyrch seinen Angriff auf Borhatt wagte, nur eine leerstehende Burg vorfand.

Heutzutage ist die Burg Heimat des bekannten Künstlers Cannslach, welcher hier, wie er es nennt, der Natur ihre wildeste Seite aus unmittelbarer Nähe erleben will. Geistern aber ist er nie begegnet, so berichtet er.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 11.08.3994


Geschichten aus Lurruken III: Am Cormoda

Juli 30, 2008

Es war einmal am Cormoda, auch Joral genannt von vielen Leut‘, da stand ein altes Weib auf der Straße nach Saldan. Sie war auf dem Weg dorthin um ihrer Kinder zu gedenken. Diese fielen bei dem Versuch von Luvaun, dem Vorrücken Lurrukens standzuhalten. Doch konnten sie nicht gewinnen und so errichtete Lurruken die Stadt Saldan als ewiges Zeugnis für die luvische Unterlegenheit. Das einst mächtige Luvaunische Reich begann damit seinen Niedergang, dem Vergessen geweiht.

Nun waren also der Frau ihre Kinder begraben am Soldatenhügel vor Saldan. So war sie gezwungen den Fluss, den Cormoda oder auch Joral, zu überqueren und daraufhin die Grenze zum andren Reich. Dies tat sie denn auch, sie durchquerte die Brückenfeste vom Cormoda und stand nun vor der Grenze, da ward sie aufgehalten von zwei garst’gen Gesellen. Der eine trug einen Ohrring und zwei gewaltige Messer, der andere einen großen Speer und war massig gebaut. Es waren Räuber, die sich im ungeschützten Grenzland rumtrieben, wohl auf der Flucht aus einem oder gar beiden Ländern.

Euer Geld, alte Vettel, her damit!“ forderte der mit dem Ohrring.

Euren Proviant wollen wir auch!“ verlangte der andere.

Aber wie soll ich dann weiterkommen? Ich muss nach Saldan, zu meinen Kindern!“

Daînn, sie will es nicht geben!“ erkannte der Große unschlüssig.

Joux, dann müssen wir es uns nehmen!“ erwiderte der Messerträger.

Und so schlugen sie die alte Frau nieder und nahmen ihr alles ab, nur ihre Kleidung ließ man ihr.

Und ihr Leben, denn sie erwachte in der Nacht. Es fing an zu regnen. So wurde sie völlig durchnässt, während sie sich weiter Richtung Süd, ihren Kindern entgegen, schleppte.

Am Morgen konnte sie ein kleines Dorf erkennen, dies war der Durchgang nach Lurruken. Man ließ sie aber nicht durch, ein Grenzposten hielt sie auf und verlangte Wegezoll. Aber sie hatte nichts mehr, er ließ sie nicht durch.

Da ließ sie sich nieder unter einem Baum, fürchtete ihre Kinder nie wieder zu sehen und erwartete den Tod, denn der Regen hatte sie erkranken lassen.

Aber der Wirt des örtlichen Gasthauses beobachtete alles, und er hatte Mitleid.

Ich helfe euch“, sprach er ihr zu, „wenn ihr auch mir helft! Bringt dies meinem Bruder, dem Schmied, in Saldan, und ich bringe euch an dem Posten vorbei!“ Und er gab ihr ein Dokument.

Glücklich, auch einmal etwas Gutes ihr widerfahren zu sehen, willigte die Alte ein. Und der Wirt hielt Wort: durch einen Tunnel brachte er sie über die Grenze.

Am nächsten Tag dann, sie war schon halbtot ob ihrer Krankheit, Alter und Erschöpfung, sah sie den ersten Turm von Saldan am Horizont auftauchen. Die Stadttore standen weit offen und nicht bewacht, ein weiteres Glück für die alte Frau, denn Zoll bezahlen konnte sie ja nicht. Sie verbrachte den Rest des Tages wandernd durch Saldan, kein Auge für die wohlgefälligen Gebäude und Parkanlagen der Garnisonsstadt, stattdessen den Schmied suchend. Erst spät in der Nacht fand sie ihn und gab ihm das Dokument, den Brief von seinem Bruder, dem Wirt.

Dank sei euch für die Überbringung des Briefes, ich lasse euch dafür heut hier nächtigen, gebe euch Nahrung und bringe euch morgen dann zum Hügel, dort sollt ihr denn eure Kinder wiedersehen!“ versprach der Schmied.

Und so konnte sich die Frau zum letzten Mal ausruhen und sich sättigen.

Tags darauf nun ging es los, sie brachen zum Soldatenhügel auf. Nicht nur lurrukische Helden wurden dort bestattet, nein, alle Gefallene des Krieges durften hier ihre letzte Ruhe finden, Freund und Feind, einfacher Soldat und Führer der Armee, im Tode waren sie alle gleich und vereint.

Ich muss zurück, mich kümmern um die Geschäfte, aber hole euch heut‘ Abend hier wieder ab, das verspreche ich!“ sagte da der Schmied dem alten Weib zum Abschied.

Hustend und sich leicht krümmend vor Schmerz, winkte sie ihm nach und suchte dann ihre Kinder, freudig, sie bald wiederzusehen.

Am Mittag, als die Sonne am höchsten stand, fand sie den steinernen Hügel, unter dem ihre beiden Söhne begraben waren, dies verriet ihr Gefühl, mehr nicht, denn Schilde oder Tafeln gab es dort nicht. Ihr wurde müde und so beschloss sie, dass nichts besser wär‘ als ein kleiner Schlaf zu Füßen ihrer geliebten Kinder.

Dort fand sie am Abend der Schmied, welcher sie abholen wollte, nun nicht mehr schlafend, sondern bereits bei ihren Söhnen, denn die Krankheit hatte das Ihrige getan. Er hoffte für sie, dass sie nun endlich die beiden auch gefunden hätte, und sorgte dafür, dass man sie im selben Hügel bestattete, auf das alle drei für immer vereint wären.

Saldan war nun immer schon ein Quell zahlreicher Geschichten, gilt die Stadt heutzutage doch als Mittelpunkt nicht nur des Kontinentes, sondern gar der ganzen Welt. Und immer noch kommen zahlreiche Pilger aus aller Welt hierher um den Mächten denen sie dienen oder anderem zu huldigen.

Über die Historie der Gründung jedoch ist eher wenig bekannt, andere Geschichten beschäftigen sich mit diesem Thema. Allerdings wohl war ist es, dass die Beziehungen zwischen Luvaun und Lurruken nie so gut waren und beide sich oft am Cormoda/Joral zankten.

Ob das in dieser Geschichte Geschilderte aber nun wahr ist, konnte noch nicht belegt werden.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 5.5.3994


Geschichten aus Lurruken 1: Der Macates

Juli 22, 2008

Zum Zeitvertreib ein kleines Märchen:

Der Macates
Geschichten aus Lurruken, Teil I

[Originaltitel: Suemendo y Lurruc, Tárja I: Hen Macáte]

Einst, als das gewaltige Reich von Lurruken noch existierte, vor über zweitausend Jahren, lebte in den Wäldern außerhalb der Stadt Geistig ein alter Bauer. Tezann hieß er und schon so lang wie er denken konnte, wohnte er hier an der Grenze zu Stirmen, den silbernen Bäumen. Täglich ging er seiner Arbeit nach und war eigentlich nahezu wunschlos glücklich. Nur nach einem dürstete ihm, er wollte wissen, was wirklich stimmte von den Legenden, die sich um Stirmen rankten. Doch traute er sich nie in den tiefen Wald, sagte man doch, dass jeder welcher den Forst betrat nie wiederkehrte. (Fragt sich nur, wollten oder konnten sie nicht mehr zurück?)
Kurz vor seinem Lebensende – das spürte er -, an einem Flimmertag, nahm Tezann all seinen Mut (sowie etwas Proviant und frische Unterkleidung) zusammen und machte sich auf den Weg.
Irgendwann tauchte ohne Vorwarnung vor ihm der dichte Wald auf, kein Übergang, plötzlich war er da, zuerst grasiges Hügelland, dann war da der Wald… Soweit war Tezann schon früher  gekommen, und doch imponierten ihm die riesigen Bäume immer wieder.
Gut drei Flüge tief war er schon in den Wald eingedrungen, ohne dass etwas passierte. Nach drei Flügen und einem Fuß jedoch bewegten sich die Blätter. Nach drei Flügen und zwei Schritten musste er stehen bleiben, drohte doch ein mächtiger Wind ihn zu Boden zu drücken. Vor ihm auf einer Lichtung senkte sich ein gewaltiger Körper zu Boden.
Ein Macates! Solch eine Bestie riss vor Jahren einst seine gesamte Dreuyenherde. Dementsprechend schwer traf ihn der Anblick.
Vor Schrecken starr stand er da.
„Fürchte dich nicht, Kreatur“, sprach da der Macates. Er sprach! Noch nie hatte Tezann von einem sprechenden Macates (dies war ein grüner, nebenbei, noch etwas Ungewöhnliches) gehört. Dies schockte ihn nur noch mehr.
„Dein Wunsch war es, einmal vor deinem Ende Stirmen zu sehen“, fuhr der Grüne fort, „komm her, dann bringe ich dich hin!“
Er winkte Tezann mit einer Klaue zu sich. Doch diesen packte die Angst und er rannte um sein vermeintlich in Gefahr schwebendes Leben. Irgendwann fiel er vor Erschöpfung um.
Als er aufwachte, sah er direkt in die blaue Pupille eines gewaltigen Auges. Der Macates!
„Hab keine Angst“, sprach dieser Tezann zu, packte ihn und hob ab. Tezann werte sich nicht mehr. Zusammen flogen sie dann über die silbernen Bäume.
Tezann sah Dinge die er sich nie zu träumen gewagt hätte. Sie flogen über die Wipfel und andere Dinge hinweg und landeten schließlich wieder, in der Mitte Stirmens, dort, wo der Geist später, viel später (genau genommen mehrere hundert bis tausend Jahre später) mal ins Meer münden sollte.
Und so sah Tezann des geheimnisvollen Waldes Herzen, die sagenumwobene Zitadelle Stirmens. Im Abendlicht bewunderte er sie, während der Macates wieder verschwand.
Dies sollte sein letzter Abend sein.
Tags darauf fand ein Förster Tezann in seinem Hause liegend, für immer schlafend und träumend.
– Ursprung unbekannt

Ob auch nur ein Teil dieser Geschichte Wahrheit ist, darf bezweifelt werden, wird sie doch schon seit Tausenden von Jahren erzählt und weitergesponnen. Dies ist die älteste bekannte Version. Weder in der Einwohnerliste von damals, lagernd in den Hallen der rukischen Wissenswahrer findet sich ein Eintrag über einen Bauer Tezann, noch wurden je sprechende (noch grüne) Macate gefangen, wären sie doch eine Bereicherung für den Tolji-Tiergarten in Toljúin.
Aber es ist auch wahr, dass über Stirmen nirgendwo Details bekannt sind.

Salero y Cyprilla, Toljidarin
Karison, Ojútolnan; 18.4.3994