Geschichten aus Lurruken, Teil VII: Der Abschluss

März 16, 2009

Mitternacht ward es und ich drückte mich an eine Hauswand. So gut es ging versuchte ich mit der Dunkelheit eins zu werden. Ich hielt mich lautlos und ruhig, derweil ein betrunkener alter Mann an mir vorbei torkelte, der dabei noch teilweise einen kurzen Flug aufs Gesicht wagte, sich aber wieder aufrichten konnte und schließlich das düstere Gemäuer passierte, welches ich mir zum Ziele auserkoren hatte.

Bald darauf huschten zwei weitere Gestalten die Straße hinab, gekleidet in dunkle Mäntel, welche aber die hervorstechenden blitzenden Klingen nicht verbergen konnten. Sie folgten dem armen Betrunkenen. Dieser verließ gerade den Lichtkegel einer alten Feuerstelle am Wegesrand. Die Räuber, Attentäter oder was auch immer, umgingen dieses Licht. In Windeseile waren sie bei ihrer Beute und gingen ihrer Arbeit nach. Natürlich achtete ich darauf nicht selber auch noch entdeckt und gemeuchelt zu werden, während die beiden Mörder ihr Opfer kunstvoll verschwinden ließen.

Ich erschauerte – es war doch recht kühl – und überquerte dann so schnell ich nur konnte ohne aufzufallen die Straße zu ‚meinem‘ Haus hinüber. Wie überall hier in der Straße lag ein recht großes Gebiet zwischen diesem und dem nächsten Gebäude, geteilt durch einen Zaun, welcher auch die Massen der Straße fernhalten sollte, die auch gern ein ebensolches besitzen würden – Gebäude oder Gebiet. Ich ging die hohen Stäbe des Zauns entlang bis zur großen Eingangstür.

Dort zuckte ich zusammen, als ich hinter mir plötzlich eine schreiende Frauenstimme vernahm. Die dazugehörige Frau lief vor ungefähr einem Dutzend Männer davon und floh Richtung Innenstadt. Es war wahrlich keine gute Gegend für Nachtspaziergänge rechtschaffender Leut. Und das, obwohl es einst das neue Reichenviertel war, wie man noch an den protzigen Gebäuden erkennen konnte. Immerhin konnte ich mich glücklich schätzen bewaffnet hier aufgetaucht zu sein, wenn es auch nur eine Taschenarmbrust war, die mich hier begleitete. Besser doch als gar nichts, oder? Ich fasste sie mit der Linken und hielt kurz Ausschau in der Nacht. Natürlich entdeckte ich nichts, welcher gute Dieb ließ sich auch schon so einfach blicken? Dann wandte ich mich wieder dem Haus zu und suchte nach einem Weg, möglichst einfach hinein zu gelangen. Der Zaun, welcher den Garten umgab, war wohl um einiges zu hoch um ihn hinauf klettern zu können. Die Tür vor mir sah recht stabil aus, ließ sich jedoch vielleicht öffnen. Ansonsten war die Mauer des Hauses zu glatt zum erklimmen und das nächste Fenster um einiges zu hoch um es zu erreichen.

Ich untersuchte erstmal den Eingang etwas genauer und drückte versuchsweise die Türklinge hinunter – manchmal war der einfachste Weg doch tatsächlich der richtige. Doch ich wurde leider nicht überrascht. Also zückte ich mein kürzlich erworbenes – und nicht etwas geklautes, nein, niemals – Einbrecherwerkzeug und machte mich an meine zutiefst anständige und ehrliche Arbeit. Einige Zeit später – ich hatte leider noch nicht soviel Übung mit diesen Gerätschaften – war ich endlich im Inneren des Hauses und sah mich dort um. Hier drinnen war es fast genauso düster wie draußen vor dem Haus: dunkle Wände, Böden und Decke und alles eingerichtet von einem scheinbaren Liebhaber der Tätigkeit des Folterns, so schien mir zumindest, denn überall standen furchtbar unbequem aussehende Möbelstücke, von denen ich jedoch im Dunkeln kaum etwas erkannte. Mehrere Türen führten aus diesem Eingangszimmer hinaus, ebenso eine Treppe ein Stockwerk höher.

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Geschichten aus Lurruken 2: Tamirús‘ Grab

August 26, 2008

Vor vielleicht hundert Jahren ereignete es sich, dass in Lergis sich ein kleines Grüppchen auf Abenteuerfahrt begab. Die Fünfe, angeführt von Caelin tin Doarm, einem ehemaligen Soldaten aus Kaltric, bewegten sich am ijischen Wall vorbei, immer gefaßt darauf Truppen aus Ijenreich zu begegnen, durchquerten die nebligen Sümpfe am Minîrnsee und bauten sich am Geist schließlich zwei Flöße. Mit diesen kamen sie schneller voran. Mehrere Flüge vor Tummuale, südlich des ijischen Limans, stiegen sie aus und ritten auf ihren Sacarlms – die armen Tiere mussten auf dem zweiten Floß die Fahrt über ausharren – Richtung Nordosten. Nach mehreren Tagen kamen sie an die alte Straße Liman – Tamilor und folgten ihr.

Verlief die bisherige Reise noch ohne Probleme, passierte außerhalb von Tamirús Grab etwas: Annin tin Udarnoch, welcher als Späher seinen Dienst tat und voraus geritten war, galoppierte so schnell ihn die dünnen Stelzen seines Sacarlms trugen – und das bedeutet ein gewaltiges Tempo! – heran, hinter einem Wald hervor.

Ijis! [So nannten die Tarler ihre Erzfeinde aus Ijen liebevoll] Hinter der nächsten Kurve!“ schrie er aufgeregt den anderen ins Gesicht.

Caelin neigte vorsichtig den Kopf zurück und beruhigte ihn: „Sachte Mann! Wie viele sind es? Und wohin bewegen sie sich?“

Annin, der, als ausgebildeter Späher, diese Worte bereits erahnte, sprudelte sofort los: „Zehn Soldaten begleiten eine ihrer Maschinen! Sie scheinen schwer bewaffnet zu sein und bewegen sich direkt auf uns zu!“

Dieser gewaltigen Gefahr beschlossen sie lieber aus dem Weg zu gehen. Sie spurteten auf die nächste Hügelkette zu. Nachteiligerweise war das Land hier aber recht flach, so mussten sie sich mit der Senke eines Flusses, des Millon, begnügen. Sie ritten die Sacarlms so tief es ging in den Fluss hinein, bis den Reitern das Wasser bis zu den Knien stand, duckten sich an die Hälse ihrer Reittiere und bewegten sich flussab.

Der Abenteurertrupp bemerkte irgendwann wie die Flussufer zunehmend undeutlicher zu erkennen waren. Dem Pflanzenbewuchs nach zu urteilen hatten sie das Moor erreicht. Sie verließen das Wasser und schlugen ein Lager auf, denn es war Abend. Die Nacht brach herein.

Als sie so dasaßen am Lagerfeuer, erstellt von Anais Norr, der einzigen Frau in der Truppe, dem Braten, gefangen von Annin und Gyre tin Cando, dem besten Bogenschützen den Caelin finden konnte, beim Brutzeln zusahen und den Geschichten des alten Gelehrten Torndo Padarll lauschten, wurde Caelin bewusst, was für eine nützliche Gruppe er doch im Sold stehen hatte, mit ihnen würde er den Schatz sicher heben können!

Des Nachts, als alles schlief, die Katzen in Maggir grau waren und Gyre an der Reihe war mit Wache halten, sah er plötzlich etwas draußen im Moor…

Am nächsten Morgen konnten seine Gefährten keine Spur mehr von ihm entdecken. Annin jedoch meldete eine sich von Nordwesten nähernde Herde Rezanni.

Beeilen wir uns lieber hier weg zu kommen„, meinte Anais mit überraschender Gelassenheit. Caelin nickte ihr zu und so machten sie sich wieder auf den Weg.

Sie folgten dem Millon weiter Richtung Osten und bogen nach Süden ab, als dieser in den Iol mündete. Die zweite Nacht in Tamirús Grab verbrachten sie in einem merkwürdigen Haus (dessen Zweck Caelis nicht so recht erfassen konnte) an der Mündung des Lurrukenkanals, diesmal ganz ohne Zwischenfall, aber auch ohne leckeren Braten…

Tags darauf gegen Abend, ging beinahe Annin verloren als er auf einer Erkundungstour im Moor steckenblieb. Zwar konnten sie ihn noch retten, sein Sacarlm aber ging auf Tauchstation. Da sie nicht mehr weiterkommen würden, rasteten sie an Ort und Stelle.

Eigentlich müssten wir bereits fast da sein„, meinte Caelin nach einem Blick auf seine Karte.

Die alten Geschichten erzählen, dass Tamilor fast gänzlich im Grab versunken ist„, klärte Torndo die anderen auf.

Nun denn, dann gehen wir morgen auf die Suche“, verkündete Caelis, „Annin! Du übernimmst die erste Wache, Anais die zweite, Torndo die dritte und ich die letzte.“

Annin nickte zufrieden, Torndo war die Einteilung egal, nur Anais warf Caelin einen giftigen Blick zu da er mal wieder eine der besten Schichten für sich beanspruchte.

Das ist doch mein Recht als Anführer„, dachte Caelin in sich hinein grinsend.

Caelin!“

Genau dieser vernahm des Nachts seinen Namen.

Wach auf! Du bist mit der Wache dran!“

Torndo?“ murmelte Caelin verschlafen.

Der alte Mann nickte und legte sich ohne ein weiteres Wort schlafen.

Caelis bewaffnete sich mit einem Speer und ging auf Patrouille um wach zu werden. Und das wurde er ziemlich schnell, als er über etwas stolperte und einen Abhang hinunter purzelte. Er landete zu Füßen…

Eine Tür?“ wunderte er sich.

Mit der Spitze des Speeres – er war in der Mitte zerbrochen – stemmte er sie auf und ging hinein.

Wo ist denn unser mächtiger Anführer hin? Er mag doch wohl nicht von den Moormonstern verschleppt worden sein?“ spottete Anais später ob Caelins unerwarteten Verschwindens.

Wir müssen ihn suchen gehen!“ mahnte der grüne (von der Kleidung her) Aninn und folgte so gleich seinem Vorschlag. Torndo seufzte einmal laut und trottete dann gemächlich hinterher. Anais, die sich für die neue Anführerin hielt, war nicht unbedingt erpicht darauf ihn wieder zu finden. Trotzdem war sie neugierig auf sein Schicksal.

Sie fanden die Tür und betraten die dahinterliegenden Katakomben.

Du gehst voran, Annin!“ Den Befehlston hatte Anais schon gut drauf.

Erst Stunden später entdeckten sie etwas, geleitet von Torndo und seinen Übersetzungen der Altluvaunischen Schrifttafeln. Sie waren scheinbar im alten Palast von Tamilor gelandet und was sie fanden, das war die Schatzkammer… und einen in der Ecke liegenden Caelin.

Er lebt noch…“, der Anblick von Caelins sich hebenden Brustkorbes schien Anais zu enttäuschen.

Was ist das da?“ Ein Fleckchen an der Wand weckte Torndos Interesse. Er berührte das dort hängende Gemälde vorsichtig mit der Hand. Ein Loch im Boden verschluckte ihn daraufhin.

Annin erstarrte, um sein Leben fürchtend.

Großartig! Einer weniger zum Teilen“, freute sich Anais.

Elende…!“ Aninn zückte sein Schwert und griff an. Gebremst wurde er durch den plötzlich in seinem Hals steckenden Dolch.

Hm…“, überlegte Anais, „dich beseitige ich lieber auch noch…“, zückte einen zweiten Dolch und schlich auf Caelin zu.

Doch dieser hatte sich nur schlafend gestellt, er wußte um die Fallen in diesem Raum und wollte genauso wenig teilen wie Anais, das war nie sein Ziel gewesen.

Die überraschte Diebin machte er mit seinem Speer bekannt. Danach schnappte er sich soviel Geld er tragen konnte und verließ die Katakomben.

Auf seinem Heimweg durchs Moor verschwand er, nie kam er irgendwo an…

– Nuosan Deleau, tolomischer Schriftsteller

Lían, Tolome; 22.9.3675

Diese Geschichte wurde nach den Fragmenten eines Reiseberichtes von einem gewissen Annir to Merah (vermutlich ein Teilnehmer der wirklichen, der Geschichte zugrunde liegenden, Abenteuerfahrt).

Um Tamirús Grab ranken sich etliche Legenden, dies war nur eines der bekanntesten.

Zumindest ein Teil Wahrheit darf ihr zugerechnet werden.

Salero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnan; 19.4.3994