Falerte, Teil 77: Hinweise des Herausgebers.

Oktober 17, 2014

Hinweise des Herausgebers.

N

ach diesem letzten Brief begann Falerte Khantoë seinen wirklichen Kampf gegen die Hochfesten, den seine Begleiter nun versuchen weiterzuführen. Viele Länder sind erobert, viele Krieger sind gefallen. Wir hörten von der Zerstörung von Lergis und wie die Hochfesten Ijenreich, Dalchon und Werzan in die Heimländer einfielen. Stets kämpften eroberte Völker für sie, weshalb viele von Khantoës Beschreibungen anderer Wesen und Opferungen noch nicht bestätigt werden konnten. Wir in Rardisonán und Omérian sind noch nicht bedroht, doch hört man auch schon von Kämpfen und Nardújarnán und dem Osten. Wie es um Pervon der die nördlichen Länder bestellt ist, vermag niemand zu sagen.

Khantoë gab sein Leben im Kampf, die unseren zu erhalten. Glaubte ihm anfangs niemand, so glauben nun alle und wir versuchen zu retten, was zu retten ist. Couccinne Carizzo half bei der Zusammenstellung dieses Bandes und ergänzte, wo Khantoës Erinnerung nicht richtig zu sein schien. Lasst uns hoffen, dass dieses eilig zusammengestellte Werk nicht unser letztes verbleibt. Lasst uns hoffen, dass zumindest die Legenden stimmen und Tól und Omé wiederkehren werden, um uns vor dem Ende zu bewahren.

 

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 09.10.3999

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Falerte, Teil 76: Letzter Brief des Falerte Khantoë

Oktober 15, 2014

Epilog

LXXV: Letzter Brief des Falerte Khantoë

 

09. 05. 3998, Solutetor.

Couccinne, lieber Freund, wie geht es dir?

Seit meinem letzten Brief sind gut zwei Jahre vergangen, seit deinem letzten über eines. Hast du neues herausgefunden? Ich weiß, deine Arbeit hält dich sehr beansprucht, doch bin ich dir auch unendlich dankbar für deine Hilfe. Du warst immer der einzige, der mir glaubte und mich nie im Stich ließ. Und nun lass mich dir von meinen letzten Erkenntnissen berichten, und du wirst sehen, dass dein Glaube an mich nie umsonst gewesen ist.

Während meiner ersten Wanderschaft damals habe ich stets Ausschau gehalten und mich umgehört nach etwas, das mir sagen würde, ich wäre in Nardújarnán doch nicht verrückt gewesen. Nur eines ist mir untergekommen, dass mir zu dem Zeitpunkt aber noch unbedeutend erschien, jetzt aber Sinn ergibt. Es hat mit Ijenreich zu tun, doch dazu komme ich noch. In Ciprylla dagegen war die Welt für mich tot, alle Erinnerungen vergessen und nur noch das Leben zählte. Wäre nicht das ewige Gefühl gewesen, dass mehr sein muss, ich wäre nie wieder auf Wanderschaft gegangen, sondern würde auf immer im Reichtum schwelgen und könnte dir nie berichten.

An viele Orte trieb es mich, doch ausschlaggebend für mein restliches Leben sollte ausgerechnet Taevolon sein, das du vielleicht auch unter anderen Namen kennst. Dort lebt der Kalte König, Herr von Akalt, und wacht über seine Untertanen. Damals war und derzeit ist es Tecÿnoal Krautfaust, ein Bär von einem Mann, doch auch weise und gütig. Ich hatte nur vorgehabt für einige Tage in dem Ort zu bleiben, um dann in den Wald und die Schmelzöfen vorzustoßen, doch Krautfaust schien von mir gehört zu haben und rief mich an seinen Hof.

In der Nacht zuvor war es aber, da hatte ich einen schrecklichen Alptraum. Meine Unterkunft hatte ich in einem Gasthaus am Rande der Stadt bezogen. Es war bereits dunkel und ich wollte nur noch schlafen, da klopfte es an der Tür zu meinem Zimmer. Es beunruhigte mich sofort, erwartete ich doch niemanden. Während ich fragte, wer da sei, erhob ich mich gleichzeitig und griff nach meinem Schwert, das neben meinem Bett lag. Mir antwortete niemand, doch klopfte es erneut, weshalb ich, nun für den Notfall kampfbereit, den Besuch zu mir hereinrief.

Schnell sollte ich mir wünschen, es nicht getan zu haben. Knarrend öffnete sich die Tür langsam und sofort lag der Geruch von Hasenblumen in der Luft, die bei euch, doch nicht in Akalt wachsen. Der Flur des Gasthauses war seltsam pechschwarz und aus ihr heraus sowie in mein Zimmer hinein trat eines der Wesen aus Nardújarnán, ein Fahach. Es war unbekleidet und sofort erkannte ich dieses an seiner Narbe quer über der Brust sowie dem seltsamen Bart, der seinem Gesicht entwuchs, doch nicht zu diesem sonst haarlosem Wesen zu passen schien.

Ich fragte ihn, was er begehrte; eine Antwort folgte nicht. Mein Herz raste, war ich doch seit Monden, seit Jahren von ihm verschont worden. Er aber blieb nur in dem Raum stehen, während sich die Tür ohne Hilfe leise hinter ihm schloss. Der Geruch wandelte sich schlagartig um in den verbrannter Asche, als er die Arme weit ausladend hob. Feuer floss von seiner Stirn über Schultern zu den Händen sowie ebenfalls hinunter zu den Füßen. Unsere Umgebung wandelte sich gleichfalls. Wo eben noch das Bett zwischen uns stand, erhob sich plötzlich die ausladende Kette der Schmelzöfen, der Berge, die ich von Karten kannte. Wir schienen über dieser Erscheinung zu schweben. Ein blauschwarzgeschuppter Finger, der in eine gebogene Kralle auslief, deutete auf einen der größten Feuerberge. Ich wusste auf einmal, dass ich dorthin gehen sollte. Dann war alles vorbei, verschwunden, und ich erwachte erst wieder morgens in meinem Bett, ausgezogen und bewaffnet.

Später an diesem Tag sollte ich bei dem Kalten König vorsprechen. Er empfing mich herzlich und freundschaftlich in einem kleinen Nebenzimmer, wo ich ihm von meinen Reisen erzählen sollte. Wir tranken und freundeten uns schnell an, kann man einen solchen Mann doch auch nur lieben. Er wiederum erzählte mir von seinem Land, dessen Geschichte sowie seiner eigenen Vergangenheit. Damit schlug das Gespräch dann plötzlich um, und der König sprach von erschreckenden Dingen. Couccinne, mein Freund, alles was ich je erfuhr ist für ihn auch Wahrheit! Tatsächlich ist die Welt bedroht und die Gefahr geht von diesen Feuern aus, die wir sahen. Krautfaust erzählte mir, wie er und einige seiner Freunde diese Dinge, diese Wesen und ihre Verbündeten seit langer Zeit beobachten und versuchen würden, die Welt auf ihre Bedrohung vorzubereiten! Ganz ist ihm jedoch das alles noch nicht klar, vieles noch ungeklärt. Wer sind sie genau, woher kommen sie und warum wollen sie die Welt erobern? Krautfaust erzählte mir bloß von seiner Vermutung, dass Tól und Omé etwas damit zu tun hätten. Zumindest scheint klar, dass sich die Welt in den nächsten Jahren großen Bedrohungen ausgesetzt sehen wird, die wir versuchen müssen zu verhindern.

Auch ich berichtete ihm von unseren Erlebnissen, die ihm ein wenig neuen Aufschluss, doch auch Rätsel gaben. So konnte er mit meinen Erscheinungen nur wenig anfangen, ein Puidor war ihm unbekannt, auch ihre Art der Opferungen. Letztlich kannte er auch die Fahach oder Ašckhir nicht, doch schien ihn das zu beunruhigen. Genau genommen waren es sogar meine alten Erscheinungen und Erzählungen, die ihn dazu bewogen mich zu rufen und einzuweihen. Der Kalte König überzeugte mich, meine Reise in die Schmelzöfen aufzugeben und stattdessen zu einem seiner Freunde zu reisen, dem Anführer des sogenannten Netzwerkes, welcher damals in Ruken lebte. Einige Wochen verbrachte ich mit diesem Mann, Temperian Braulkir, der mir mehr erzählte. Vielleicht bist du ja unterrichtet, dass das Reich Ijen, wie oben schon erwähnt, in den letzten Jahren etliche kleine Länder  um sich herum unterwarf, so auch Ruken. Braulkir zeigte mir, dass Ijenreich auch ein Teil des Bösen sei. Ich erkannte diesen Namen nun auch endlich aus meinem alten Wachtraum, den ich in Abajez hatte und erzählte ihm davon, nannte ihm auch die anderen dort erwähnten Namen. Auch er konnte mir nicht sagen, weshalb geschieht was geschieht und was meine Erscheinungen zu sagen haben, kannte auch nur Hinweise, die auf Tól und Omé deuten, noch überliefert von Tamirús, dem letzten Herrscher von Lurruken. Diese alten Hinweise ließen mich schaudern, kann ich mir die gewaltige Zeitspanne doch kaum ausmalen, in der die Menschheit nun schon aus dem Dunkel bedroht sein muss.

Als wir beide nicht mehr weiter wussten, kam eine Botschaft aus Solutetor, einer Burg in Aleca, welche die Festung Dalchon stets für Braulkir im Auge behielt. Da Dalchon sich anfing zu rühren, reiste ich sofort nach Solutetor ab und hier bin ich nun. Erst die Gespräche mit dem Herrn der Burg gaben mir die Erinnerung zurück, dass dein Orden, deine Arbeit sich stets am meisten mit Omé befassten. Ich sende dir hiermit ausführlichere Berichte über alles, was wir wissen, die dich aufklären sollen, und bitte dich, uns deine eigenen Erkenntnisse mitzuteilen. Ich weiß, dass dich ebenso die Geschehnisse in Nardújarnán, Ašckhir und Ladóra nie zur Ruhe kommen ließen. Erzähle dem Herrn von Solutetor alles, was du weißt, er wird es weiterleiten an die anderen. Ich kann hier nicht mehr bleiben.

Gestern kam eine seltsame kleine Reisegruppe hier an und mich befiel die starke Vermutung, dass sie uns weiterhelfen könnten. Vor allem diese Elinna Sternstrahl scheint weiteres über die Schmelzöfen zu wissen. Heute Abend findet ein Essen statt, bei dem ich sie weiter ausfragen werde. Gleichzeitig sandten uns Kundschafter die Botschaft, dass Dalchon sich Richtung Teûnbund aufmache. Ich sehe schwarze Zeiten auf uns zukommen, mein Freund. Bald brechen wir auf, um nach Dalchon zu reisen. Wünsche mir und allen freien Lebewesen mit mir Glück!

Leider muss ich nun Schluss machen, die Pflicht ruft.

Dein Freund Falerte.

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Falerte, Teil 75: Brief an die Schwester

Oktober 15, 2014

LXXIV: Brief an die Schwester

 

03. 03. 3990, Ciprylla.

Geliebte Schwester,

Wieviele Jahre ist es nun wohl her, seitdem ich dir das letzte Mal schrieb? Ich hoffe sehr, du hasst mich für mein Schweigen nicht, doch gab es gute Gründe. Lies dir durch, was ich zu sagen habe und ich will dir über die letzten Jahre berichten. Viele Dinge habe ich gesehen und noch viel mehr getan; immer auf der Jagd nach dem Glück und einer Antwort, welches mein Sinn im Leben ist. Anfangs ging ich zu Couccinne und war eine Zeitlang mit in dessen Orden. Während es ihm aber zu gefallen schien, verspürte ich nur den Drang nach mehr, hatte den Gedanken, dass etwas fehlt. Ich sprach oft mit ihm darüber, da es ihm einst wie mir dort gegangen war, doch meinte er nun sein Glück an diesem Ort gefunden zu haben. Es fiel mir schwer, doch musste ich ihn verlassen, etwas zog mich hinfort.

Ich brauchte Zeit für mich allein, fern der alten Bekannten, fern von Vorwürfen unserer Mutter, deshalb schrieb ich dir eine Weile auch nicht mehr. Später kamen meine Briefe ungeöffnet zurück und ich dachte, du seist sauer auf mich, doch lag es nur an eurem Umzug, wie ich jetzt endlich erfuhr. Damals aber war ich enttäuscht und teils verzweifelt, bist du mir doch stets eines der wichtigsten Wesen der Welt gewesen. Aus den verschiedenen Enttäuschungen und der Unruhe heraus entschloss ich mich, auf Wanderschaft zu gehen, die Welt zu sehen. Vor allem aber versuchte ich Miruil zu finden.

Auf meinem Weg vernahm ich die unterschiedlichsten Gerüchte über ihn. In Tarle sagten sie, er hätte eine Prinzessin geheiratet und wäre König geworden, doch das gehörte in die Welt der Märchen. Andere Leute erzählten mir in Dhranor, er wäre bei der Suche nach Schätzen ums Leben gekommen, doch fand ich dafür nie einen Beweis. Letztlich hörte ich in Aleca, er sei nach Ciprylla gegangen, der großen Stadt der Abenteurer. Und da war ich dann, so nah an meinem Beginn und doch so weit gereist. Fast fühlte ich mich wie in Rardisonan, als ich das erste Mal alleine in einer fremden Stadt war. Ich wusste nicht wohin und auch nicht, was ich tun könne. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich dann Miruil fand.

Vielleicht hätte es mir lieber nie gelingen sollen, vielleicht hätte ich lieber auf ewig von der Vergangenheit träumen sollen. Miruil hatte sich sehr verändert und mir gefiel dies nicht. Ich werde dich nicht mit allen Einzelheiten langweilen, doch es war schwer für mich. Miruil erkannte mich zwar, zeigte aber keine Freude mich zu sehen. Die Verwandlung, die er in Nardújarnán begonnen hatte, schien nun abgeschlossen. Er war Spieler bei den Spielen von Ciprylla und nichts anderes war ihm mehr wichtig, es ging nur noch um Ruhm, den Jubel der Massen und den Reichtum. Bei fast allen wichtigen Spielen der Stadt war er stets der Gewinner, das hatte ihn größenwahnsinnig werden lassen.

Es war im Streit, da forderte ich ihn heraus beim Großen Spiel gegen mich anzutreten. Du weißt, bei diesem wird entschieden, wer Fürst der Stadt werden soll und es war das einzige Spiel, an dem Miruil noch nicht teilgenommen hatte. Ich kitzelte seine Angst, verhöhnte ihn, und bald standen wir vor dem Eingang zu den Höhlen des Großen Spiels, zusammen mit einem Dutzend anderer. Wir alle waren da Feinde, denn nur einer soll es lebend bis zum Ende schaffen. Es war grauenvoll. Zwar ließ mich der Nervenkitzel lebendig fühlen, doch es war schrecklich den Tod von Miruil fordern zu müssen. Die letzte Höhle wäre auch sein Ende gewesen, hätten wir uns nicht endlich wieder zusammengerissen und gemeinsam das Spiel besiegt.

So etwas war nicht oft in der Geschichte der Stadt vorgekomm und eigentlich auch verboten, doch hatte man letztlich keine Wahl, als die Zuschauer uns beiden zujubelten, als ich erklärte, dass Miruil gewonnen hätte. So wurde Miruil Enfásiz Fürst von Ciprylla. Und ich? Ich wurde zu dem, was Miruil gewesen ist. Jetzt jubeln sie mir bei den Spielen zu und die Angebote werden immer ungeheuerlicher, mit denen man mich zu kaufen versucht.

Doch ich will das alles nicht. Es behagt mir nicht, Liebling der Stadt zu sein, nur weil ich ihre dämlichen Spiele spiele, gewinne und für ihre Unterhaltung zuständig bin. Miruil habe ich kaum noch je gesehen und man muss wohl sagen, unsere Freundschaft ist gestorben. Auch von Couccinne habe ich kaum noch etwas gehört, auch wenn wir manchmal Briefe tauschen. Mittlerweile scheint er Hohepriester des Ordens zu sein, eine Rolle, in der ich ihn mir kaum vorstellen kann.

Jedenfalls habe ich erneut beschlossen, fortzugehen. Ich werde ziellos in der Welt herumwandern, mich treiben lassen und sehen, was das Schicksal für mich geplant hält. Vielleicht schreibe ich wieder Tagebücher, die ich dir zusenden werde. Auf jeden Fall aber schicke ich euch den Großteil meines Vermögens mit, ihr dürftet dafür bessere Verwendung finden. Wünscht mir Glück.

Ich liebe dich,

Falerte

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Falerte, Teil 74: Brief an die Schwester

Oktober 13, 2014

LXXIII: Brief an die Schwester

 

07. 01. 3981, Touron.

Geliebte Schwester,

mir scheint, ich schreibe nur noch Abschiedsbriefe. Ja, wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, werde ich euch und Touron bereits verlassen haben. Gräme dich nicht. Es ist nicht deine Schuld, dass Mutter so engstirnig ist, doch halte ich es einfach nicht mehr aus. Ich selber mache mir schon genug Vorwürfe, Vater nicht vor seinem Tod noch einmal gesehen zu haben und einst so bitterbös von ihm gegangen zu sein. Mutter schafft es daher jedes Mal erneut, den Dolch nur noch tiefer in die Wunde zu rammen.

Nardújarnán brachte mir kein Glück, die Heimat scheint es auch nicht zu tun. Zuerst sah ich Ccillia in Halkus – ja, richtig, ich sah sie, doch sie mich nicht und ich rannte fort, da sie nicht allein war. Es tut mir Leid, dir nichts davon erzählt zu haben; ich konnte es einfach nicht, Mutter ließ mir nicht die Kraft. Dann wurde unser Schiff zerstört und wir mussten mondelang für die Piraten arbeiten. Kann man sich Schlimmeres vorstellen einen Menschen zu brechen als die giftige Luft in den Tiefen der Inseln? Garekh konnte uns freikaufen – ja, freikaufen, doch das erfuhr ich erst spät – doch kamen wir zu spät um Vater zu sehen, aber das weißt du.

Schließlich versuchte ich mich zu euch zu retten, an den einzigen Ort, wo ich mir Liebe und Erholung erhoffte. Unsere Mutter aber vermochte jegliche Hoffnung darauf zu ersticken. Warum versteht sie nicht, dass es mich genauso schmerzt wie sie? Warum kann sie nicht einsehen, dass ich all meine Taten bereue? Ich bin ihr Sohn und doch behandelt sie mich bloß wie ein Monster. Ich will dies alles nicht!

Solange ich dich nicht wiederhatte, waren Miruil und Couccinne meine einzigen Stützen. Nun da sie gegangen sind, fühle ich mich hilflos. Natürlich bist da du, doch du kannst und darfst mir nicht gegen unsere Mutter helfen und ihr widersprechen. Glaube mir, wenn ich sage, dass ich dich und deine Familie liebe, doch ich kann nicht bleiben. Glaube mir auch, dass ich selbst Mutter liebe, wenngleich sie dies auch nicht zu sehen vermag.

Ich bin froh Nardújarnán verlassen und all diese Schrecken, all meine Erscheinungen hinter mir gelassen zu haben. Dies möchte ich mir von unserer Mutter nicht zerstören lassen, also gehe ich. Wohin ich geh? Ich weiß es nicht. Ich würde den anderen folgen, doch wohin gingen sie denn? Miruil wollte Abenteuer suchen, davon aber habe ich genug. Couccinne kehrte zu seinem alten Orden zurück, um nachdenken und Ruhe finden zu können. Es klingt für mich, als sollte ich das auch tun. Ruhe und Frieden sind alles, was ich derzeit will. Wenn ich mehr über mich und meinen Sinn herausgefunden habe, melde ich mich bei dir.

Sorge dich nicht,

dein Falerte.

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Falerte, Teil 73: Brief an Garekh

Oktober 12, 2014

LXXII: Brief an Garekh

 

24. 12. 3980, Ayumäeh.

Lieber Freund,

Dank sei dir für deine großzügige Gastfreundschaft, die du uns hast zuteil werden lassen. Leider werden wir nun nicht mehr bei dir bleiben können, deshalb dieser Brief, ein Abschiedsbrief. Danke für den Trost und die Ablenkung der letzten Tage. Es war ein schrecklicher Alptraum, heimzukommen nur um zu merken, dass es zu spät und der Vater bereits tot und Asche ist, verstreut in der weiten See. Wärest nicht du mit deiner Familie gewesen, ich hätte wohl nicht gewusst, was zu tun und wohin.

Nach all dem, was mir in Nardújarnán widerfahren war, freute ich mich nur noch darauf, endlich mal meinen Vater wiederzusehen zur Versöhnung und Aussprache – und dann das. Ich habe es dir nicht gesagt, doch sein Tod geht mir wesentlich näher als je gedacht. Einst hätte ich seinen Tod tatsächlich gewünscht, nun wünsche ich mir sein Leben. Ich wäre sogar bereit gewesen, mich hier in Ayumäeh niederzulassen und im Geschäft zu helfen, doch ist selbst dies nicht mehr möglich. Ich hatte niemals geahnt, dass er so hoch verschuldet war. Die Zeit, die ich jetzt in der Stadt war, verbrachte ich damit mir anzusehen, was die neuen Besitzer aus Laden und Haus gemacht haben. Es ist eine Schande, sage ich dir! Was eine ganze Familie in langen Jahrzehnten erbaut hat, zerstören diese Emporkömmlinge in so wenigen Tagen. Wenn du wieder einmal in die Stadt einkehrst, sieh es dir an!

Es tut mir Leid, dass ich nicht bleibe, dir selber mehr davon zu erzählen. Meine Worte werden sowieso nichts ändern. Schon vor meiner Rückkehr hatte ich beschlossen, schnell meine Schwester zu besuchen, und dem werde ich nun nachkommen. Du hast meine Freunde Miruil und Couccinne ja kennengelernt; sie begleiten mich. Du wirst dir also sicher sein können, dass es mir gut gehen wird. Seit meiner damaligen Abreise aus Ayumäeh sind nur Unglücke geschehen und ich weiß nicht mehr, wo mein Platz im Leben überhaupt ist. Die Antworten erhoffe ich mir in Touron zu finden. Sei mir nicht böse, weil ich dein Angebot für dich zu arbeiten ausschlagen musste; du weißt, ich hätte niemals anders gehandelt, auch will ich diese Piraten niemals wiedersehen, sonst werde ich alles daran setzten sie leiden zu lassen. Sei froh mein Freund, dass du eine derart wunderbare Familie hast. Ich werde euch sicherlich noch einmal besuchen kommen. Das neue Jahr aber werde ich in Touron erwarten. Ich weiß, die Fahrt im Winter ist gefährlich, doch wird es bald schon Frühling.

Ich wünsche dir das Beste; wir sehen uns wieder.

 

Dein Freund Falerte.

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Falerte, Teil 72: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

Oktober 10, 2014

LXXI: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

17. 12. 3980, Irgendwo.

Eine Ewigkeit scheint vergangen, doch endlich gab man dich mir zurück. Fast vier Monde, so sagte man mir, waren es gewesen, es fühlte sich aber unendlich länger an. Warum nur gelingt es mir nie, endlich einmal dem Unglück fernzubleiben? Warum bin ich immer genau dort, wo sich jegliches Unheil staut? Wird sich nie für mich ein Hort des Glücks, ein ruhiger Ort ergeben? Vielleicht möchte ich doch einfach nur leben und nicht wie ein Spielball hin und her geworfen werden.

Ach du mein Kleines, lass mich dir klagen um die Zeit verstreichen zu lassen. Seit dem Tag, da ich Ccillia in Halkus sah, schien alles verflucht. Kurz nach unserer Fahrt durch den Sund entstand ein schrecklicher Sturm. Nie sah ich solch schwarze Wolken, solch mächtige Blitze. Amerto befahl uns unter Deck zu bleiben, da wir niemals von Nutzen hätten sein können. In unseren kleinen Kabinen hörten wir die Schreie, das Bersten von Holz, das Rauschen des aufgeregten Meeres sowie das Grollen und Wüten des Sturmes, und überall lag der Geruch von Regen und Blitzen in der Luft. Morgens schien alles vorbei, das Meer ruhig und unschuldig, das Schiff aber bloß ein treibendes Grab.

Es schien keine Hoffnung zu geben je lebend Land zu erreichen, da tauchte auf einmal ein Schiff auf. Die Segel waren schwarz wie der Tod, die Fahnen wiesen gekreuzte Säbel auf. Von allen möglichen tödlichen  Gefahren des Meeres waren wir ausgerechnet in die Hände der Schwarzseepiraten gefallen. Wir waren hilflos, kaum noch einer der Seemänner arbeitsbereit und wir fünf Krieger keine Gegner für fünfzig feindliche Seeräuber. Während wir uns ergaben, gefesselt und auf ihr Schiff gebracht wurden, plünderten sie die Sturmwind, die von ihrem Namensgeber verwüstet worden war. Amerto weigerte sich jedoch aufzugeben, wütete und kämpfte, und musste so mit seinem Schiff in die Tiefen der See entschwinden. Ein passender Tod für einen Seewächter.

Wir anderen dagegen, nur etwa zwanzig Mann, denn die schwerer Verwundeten waren auch getötet worden, fuhren in eine ungewisse Zukunft. Dich mein süßes Buch nahmen sie mir damals, ebenso unser Geld und unsere andere Habe, einiges davon habe ich nun immerhin wieder. Ich kannte die Inseln und Stützpunkte der Piraten nur aus Erzählungen, obwohl ihre Inseln so greifbar nahe an den ramitischen liegen, doch sollte ich sie kennenlernen. Bis heute weiß ich nicht, zu welcher Insel genau man uns brachte und werde es wohl auch nie erfahren. Die Reise dauerte aber mehrere Tage, also könnte es jede gewesen sein, jedoch keine der kleinsten. Die gesamte Fahrt über sperrte man uns in ein dunkles Loch voller Ratten und gab uns nur schleimigen Brei zu essen und abgestandenes Wasser zu trinken. Auf ewig werde ich die Piraten dafür hassen. Ich erfuhr, wie unangenehm Mitgefangene unter solchen Umständen sein können und sah die Abgründe menschlichen Seins. Als man uns endlich von Bord holte, zählten wir nur noch siebzehn.

Die Augen schmerzten uns nach der langen Dunkelheit und viele konnten schon kaum mehr richtig gehen. Das Schiff hatte an einem kleinen Hafen angelegt, einem größeren Lager. Wie wir später erfuhren, bringen sie dort die meisten der Gefangenen unter, die zur Minenarbeit eingeteilt werden. Wir sahen aber kaum etwas von diesem heruntergekommen Loch von Posten, sondern wurden schnell in ein neues Gefängnis gesperrt. Im Untergrund sollten wir nun für die Piraten bis an unser Lebensende Erz abbauen. Für einige kam dieses Ende sehr schnell. Ich weiß selber nicht, wie ich es solange aushielt.

Die Piraten haben auf den Inseln schon fast so etwas wie ein kleines Reich und nisten dort seit Jahrhunderten. Der Posten, in dem wir uns befanden, war nur einer von vielen. Mit Minenarbeit hatten wir aber noch eines der härtesten Lose gezogen. Stundenlang mussten wir jeden Tag im Matsch herumkriechen um das Erz abzubauen, welches die Piraten nutzen, ihr kleines Reich mit Waffen auszustatten oder mit dem sie mit anderen Ländern über Schmuggler wie Garekh handeln und was Menschen wie mein Vater dann verkaufen. Garekh, mein Freund! Hätte ich ihn nur erreichen können, den Freund eines Freundes des großen Piraten Schwarzkralle hätte man sicherlich sofort freigelassen. So stießen meine Worte aber nur auf taube Ohren. Aus den Gesprächen der Wachen erfuhr ich auch, dass die Piraten der Schwarzsee sich seit Monden mit denen aus Icran, aus der Stadt Nocstce, bekämpften und der Handel derzeit lahmgelegt war.

Für Monde war ich also getrennt von den anderen unten in der stickigen eklen Dunkelheit, während oben langsam der Winter hereinbrach. Lange sollte es dauern, bis einer der Piraten endlich einmal meine Sachen durchstöberte und dort die Briefe von Garekh fand. Glücklicherweise war es zugleich ein Mann, der sofort eine Gewinn- und Aufstiegsmöglichkeit für sich roch, wenn er Schwarzkralle von mir berichten würde. Letztlich war dieser es selbst, der mich da rausholte und sich überschwänglich entschuldigte. Es wäre mir ein Vergnügen gewesen, ihn sofort umzubringen, so weit hatten die Minen mich gebracht, doch forderte ich nur die Freiheit für mich und meine Freunde, meine Sachen sowie eine Möglichkeit heimkehren zu können. Diese Möglichkeit bot sich beträchtlich schnell in überraschender Form, denn Garekh hatte die verminderte Schifffahrt des Winters genutzt um zu Schwarzkralle zu fahren. Die Freude sich wiederzusehen war groß, tief aber das Bedauern aufgrund allem, was geschehen war.

Endlich sind wir auf dem Weg nach Ayumäeh, die Grausamkeit der Piraten liegt hinter uns, doch nagt an mir das Gefühl, zu spät zu kommen. Denn bei seiner Abfahrt vor Wochen hatte Garekh meinen Vater an dessen Todesbett besucht. All das Unglück nimmt also nur weiter seinen Lauf; eilt mir voran und ich kann nie gewinnen.

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Falerte, Teil 71: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

Oktober 8, 2014

LXX: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

 

14. 08. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Gestern durchfuhren wir den Sund von Omér. Wieder einmal  ohne Probleme, doch dann! Verflucht seien alle Winde dieser Welt! Wohin mögen sie uns wohl jetzt treiben?

Gestern Abend gerieten wir in einen Sturm und selten habe ich so einen grausamen erlebt. Wir kämpften die ganze Nacht hindurch mit Segeln und Ruder um unser Leben und verloren doch. Zwanzig meiner Männer sind tot – über Bord gegangen, auf Deck gestürzt oder von Tauen erwürgt. Viele andere haben sich Gliedmaßen gebrochen oder anderes getan. Verdammt seist du Himmel! Nun verhöhnst du uns mit deinem schrecklich dürren Sonnenschein!

Die Segel sind allesamt zerfetzt, ein Mast gebrochen und das Ruder macht, was es will. Hilflos treiben wir hier über das Meer. An sich ist dies noch nicht so schlimm, wird uns die Strömung schon irgendwann an ein Ufer treiben. Doch welches wird es sein? Kaum ein Land ist gut zu sprechen auf Toljiken. Von allen Möglichkeiten scheint Ramit das kleinste Übel zu sein. Zwar könnten die falschen Ramiten uns finden, die sich über ein verwundetes toljikisches Schiff bloß freuen würden um es mitsamt Mannschaft verschwinden zu lassen, auf dass es nie wiederkehre, doch immerhin haben wir einen echten Ramiten an Bord; allein das muss doch etwas wert sein. Sollten wir dagegen an eine der Küsten gespült werden, wo angeblich Menschenfresser hausen, so wären wir endgültig verloren.

Der Ausguck ruft! Ein Schiff!

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