Die Kröte

Dezember 24, 2008

Wieder sah ihn sie so komisch an. Was wollte sie nur? Er hatte ihr nichts getan.
Er tat so, als würde er sie nicht sehen und verschwand vorsichtig in seinem Haus. Sie blieb drüben im Garten seines Nachbarn stehen und beobachtete die sich schließende Tür.
Drinnen setzte er sich in seinen Sessel bei den Regalen. Vor etwa zwei Wochen war sie bei seinem Nachbarn aufgetaucht. Zuvor hatten sie sich noch gut verstanden und viel miteinander gemacht. – Sie verstanden sich auch jetzt noch, doch ging er den Beiden lieber aus dem Weg. Sie war ihm unheimlich. Ihre Art war nicht die seine und sie hatte die Angewohnheit, dass zu tun woran er zuvor gedacht hatte. Tag um Tag fühlte er sich mehr unwohl, solange ihre Gegenwart anhielt. Er wusste nicht, wie er mit ihr verfahren sollte.
Des Abends hatte er sich einen alten Freund eingeladen. Von diesem war bekannt, dass er sich mit seltsamen Dingen beschäftige und so fragte er diesen um Rat. Der Freund hörte ihm geduldig zu und nickte dann und wann. Doch wollte er sich mit seiner Beurteilung zunächst zurückhalten. Nach einigem Wein und viel Zusprechen seines Gastgebers aber war er bereit, diesem zumindest ein wenig Hilfe zu geben. Diese Hilfe erschien für den Gastgeber zunächst sehr ungewöhnlich: Sein Gast klebte ihm eine Spiegelscherbe an die Eingangstür.
Als der Gast sich verabschiedet hatte, warf er gut eine Stunde später einen beunruhigten Blick aus dem Seitenfenster: Sie stand dort und beobachtete sein Haus, in einer Hand hielt sie einen Korb – Schnell schloss er die Fensterläden und ging woanders hin.
Nachdem er des Morgens aufgestanden war und sich bereits auf dem geistigen Weg gen Arbeit befand, bemerkte er, wie auf den Weg vor seinem Haus seltsame Zeichen geschrieben standen. Verwirrt setzte er seinen Weg fort und kam am Haus seines Nachbarn vorbei. Dort erblickte er im Eingang hockend eine kleine hässliche Kröte neben einem Weidenkorb. Eine Kröte, zu dieser Jahreszeit? Doch dachte er nicht weiter.
Zwei Tage später hatte er erneut den Selben wie zuvor zum Gast. Er erzählte ihm alles und ebenso, dass die Frau verschwunden war. Dieser beglückwünschte ihn so denn geschwind zu seinem Glück und erklärte auf verwirrte Fragen hin: Die Frau hätte versucht ihn zu verzaubern, doch sei ihr Zauber an dem Spiegelstück abgeprallt und auf sie zurück gefallen. Als Kröte müsse er nie wieder vor ihr Angst haben.

Tags darauf fragte der Briefträger den Nachbarn des Mannes, wo denn seine entzückende Frau hin sei. Dieser entgegnete ihm, sie hätte wieder abreisen müssen, so wie es geplant war.
Doch wenigstens verabschieden hätte sie sich können.

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Die Illusion der Liebe

November 1, 2008

Was ist Liebe? das fragte sie sich oft
Werd ich lieben?
Ich liebe dich, sagte sie ihm.
Ja, sie liebte ihn. Er gab ihr Sicherheit, Geborgenheit, Nähe und die schönsten Gefühle beim Sex. Und ging seine eigenen Wege, wenn sie es brauchte.
Ich liebe dich, sagte auch er.
Und ab da war alles anders.
Warum nur ist er so klammernd? Warum will er dauernd bei mir sein?
Ich habe Angst vor seiner Nähe.
Da ist ein anderer. Bei ihm bekomme ich Sicherheit, Geborgenheit, Nähe und das Gefühl geliebt zu werden – beim Sex.
Er liebt mich nicht – doch ich ihn.
Soll ich es ihm sagen?
Ja, ich sage es ihm.
Ich liebe dich auch, sagte er ihr.
Das ist schön.
Aber ich brauche meine Freiheit, ich will nicht andauernd bei dir sein.
Er kommt immer näher.
Ich verstehe das nicht. Ich liebe ihn doch nicht.
Und er war weg.
Es kam ein Neuer. Er wohnte weit weg.
Solang er da war bekam sie Sicherheit, Geborgenheit, Nähe und Liebe und Sex.
Doch lange blieb er fern, da sie weit auseinander wohnten.
Sie vermisste ihn. Ich liebe dich, sagte sie.
Ich liebe dich auch, so sagte er.
Und es war schön.
Doch sie vermisste ihn immer häufiger.
Schließlich ertrug sie es nicht mehr, alleine zu sein.
Sie lernte noch jemanden kennen.
Er benutzte sie.
Wo bleibt der Mensch für mein Leben? fragte sie sich.
Immer wieder dachte sie, jemanden zu lieben. Doch es entpuppte sich als Enttäuschung.
Ich liebe dich, denn du gibst mir Geborgenheit.
Ich liebe dich nicht, ich wusste nicht, dass du ständig Nähe brauchst.
Lass mich doch weglaufen, so lösen sich Probleme auch.

Ich liebe dich, sagte er.
Doch er liebte sie nicht. Er liebte die Nähe, die Geborgenheit, den Sex.
Mein kleines Spielzeug.
Was, du hast auch Gefühle?
Das wusste ich nicht.
Du bist gar nicht so schlecht, wie ich dachte.
Geh nicht, ich liebe dich!

Verschwinde, sprach sie.
Nie hat mich jemand geliebt.
Alle finden mich hässlich, meiden mich wegen meines Äußeren.
Doch dabei kann ich für dich Sorgen, für den Rest deines Lebens.
Verschwinde, du machst dich doch auch nur lustig.

Ich liebe dich, sprach er.
Und schon hatte er sie im Bett.
Sehnte nicht auch sie sich nicht nur nach Liebe?
Doch er gab sie ihr nicht. Schnell war er weg.

Es geht nur um Sex, sagte er ihr.
Aber ich liebe dich doch!
Wir sind nur Freunde, bitte.
Würde sie diese Idee doch aufgeben, wir könnten wirklich Freunde sein.

Ich liebe dich, sagte auch er.
Ich liebe dich, denn du bist ein guter Mensch.
Würde die Welt untergehen, mit dir wäre das Ende erträglich.
Ich liebe auch andere, genau so wie dich.
Doch würdest du ja sagen, ich bliebe bei dir.

Er liebt mich, sagte sie sich.
Ich hab ihn lieb, doch das wird zuviel.
Bitte, melde dich nicht! Lass mich heute mal in Ruhe!
Er hat sich schon eine Woche nicht mehr gemeldet. Ich mache mir Sorgen.
Wie geht es dir?
Oh, es ist schön mit ihm.
Vielleicht liebe ich ihn doch?
Oder ihn?
Sie alle bieten mir dasselbe.
Doch wer würde daran arbeiten?
Ach nein, nicht so schwer. Wer ist schon von sich aus perfekt? Den nehme ich.
Allein blieb sie für immer. Nicht am Körper, doch in der Seele.

Ich will niemanden mehr. Ich warte auf die, die es mit mir aushält.
Du bist nicht perfekt, du hast deine Probleme, doch du arbeitest dran.
Arbeit ist schwer, doch ich helfe dir.
Lass uns das Leben teilen.
Und wenn jemand von uns alleine sein muss, ist das in Ordnung.
Und sie wurden glücklich – mit Problemen und sehnsüchten zwar, doch sagten sie es sich und arbeiteten zusammen daran, dass sie glücklich waren.

Liebe benötigt, dass man sich selber liebt.
Ich liebe mich, und das was ich mache.
Ich liebe es alleine zu sein, und einfach zu arbeiten.
Ich liebe es, die Natur zu beobachten.
Ich liebe es, mit Freunden unterwegs zu sein.
Du, wer bist du denn?
Du gefällst mir.
Du gefällst dir auch?
Lass uns doch ein Stück Weg gemeinsam gehen.
Und gucken, wohin es uns treibt.
Und wenn wir nicht mehr wollen, gehen wir nach Hause.
Denn wir lieben auch uns alleine und sehen uns dann morgen wieder.

Liebe deine Vorstellungen, Illusionen, wünsch – und du bleibst im Geiste und Herzen allein.
Liebe die Menschen wie sie sind, und du liebst viele.
Sei offen für die Wünsche und Probleme der anderen, und ihr werdet für einander leben.
Lauf weg vor Problemen und verschließe dein Herz – und nie wird jemand anders darinnen wohnen.

Oder gibt es die Liebe überhaupt nicht?


Aphorismen 36 und 37: Sympathie und das Sich-Kennen

Oktober 6, 2008

Es ist leichter, die Arbeit von Personen zu bewundern, die man nicht persönlich kennt, deren Schwächen und Abscheulichkeiten man nie kennengelernt hat.

Man kann nicht immer die Arbeit derer schätzen, die man als Person sehr mag.


Geschichten aus Lurruken, Teil IX: Die Entführung

Oktober 1, 2008

I

Keuchend vor Anstrengung stürzte sie durch das Unterholz. Äste, an denen sie hängen blieb, zerrissen ihr das Kleid und ritzten ihr die Haut auf. Aber sie bemerkte keinerlei Schmerz. Gehetzt übersprang sie einen Bach und verlor dabei das Schwert. Blutbefleckt und rostig wie es war, fiel es in den Bach.

Dort!“ hörte sie die raue Stimme Rîmirns.

Erschrocken blickte sie zurück. Tatsächlich waren die Drei nicht fern.

Bleib stehen!“ rief Scôval ihr nach.

Schnappt sie euch!“ befahl dagegen der Mahaccar.

Keine Zeit das Schwert zu holen. Doch das kam ihr sowieso nicht in den Sinn. Schnell drehte sie sich um und rannte, immer weiter, über Stock und Stein, durch Büsche und über Abgründe, nicht mehr zurückblickend, nur noch voraus. Doch bald schon konnte sie nicht mehr und rutschte an einer Grube aus. Sie stürzte schwer, ihr Kopf schlug auf einen Stein. Blut lief ihr in die Augen, bevor es schwarz wurde.

~

Wir müssen sie finden“, sprach der Mahaccar, „sucht dort!“

Aber sie hatten die Spur verloren. Er musste es sich eingestehen. Deshalb war er auch nicht überrascht, als Scôval und Rîmirn achselzuckend und kopfschüttelnd zurück kamen.

Nichts – Sie ist weg“, berichtete Scôval.

Verdammt!“ entfuhr es dem Mahaccar – und als er sich beruhigt hatte: „Gehen wir zurück.“

Wartet, da – in der Grube – was ist das?“ machte Rîmirn sie auf etwas aufmerksam.

~

Erst als es dunkel wurde, wachte sie auf. Neblig war es, doch sie hörte den nahen gurgelnden Bach. Nach dem sie sicher war, dass die Drei verschwunden waren, lehnte sie sich erschöpft zurück. – Doch nein, nicht ausruhen. Die lange nächste Zeit schonte sie sich nicht, schlief auch nicht, ging immer vorwärts, Tag um Tag; soweit weg wie nur möglich und zurück Richtung Daheim.

Am Morgen des zweiten Tages erreichte sie die Ausläufer des Moores. Diesen folgend, kam sie bald in die Nähe von Scittz. Erst hier fand sie die Straße nach Hause. Es würde nur noch wenige Stunden dauern, dann sollte sie endlich wieder Zuhause sein. Ob man sie so aber erkennen würde? Ihr Kleid war zerrissen, ihre Haare zerzaust und zudem war sie verschmutzt wie noch nie. Halb verrückt vor Angst und Erschöpfung schleppte sie sich den Weg entlang.

Die Sonne stand tief und rot, die Schatten wurden lang – doch endlich, endlich war sie da! Niemand von denen, die ihr begegneten, schenkten ihr auch nur die geringste Beachtung, doch sie konnte es ihnen auch nicht verdenken. Sie musste aussehen wie eine Landstreicherin. Bald schon bog sie auf eine Straße, die aus dem Dorf wieder herausführte und gerade als Dunkel wurde, hatte sie es geschafft. Daheim. In Sicherheit!

II

Ich möchte noch etwas!“ verlangte Dittoril habgierig.

Tut mir Leid; es ist nichts mehr da“, sprach Attahir.

Geh spielen!“ sprach da Hoccamar und Dittoril folgte dem Befehl.

Sei nicht so hart, er ist doch nur ein Kind“, rügte Attahir da.

Ich weiß, aber wir können ihn nicht alles durchgehen lassen“, sprach Hoccamar, doch grinste.

Ach, ich liebe dich“, sprachen sie fast gleichzeitig und lachten.

Draußen wurde es gerade Dunkel.

~

Dittoril lief lachend durch das Unterholz und stöberte Schmetterlinge und Vögel auf, derweil Attahir tiefer im Wald nach Pilzen und Beeren suchte. Es war ein friedlicher Tag und die Sonne schien.

Doch plötzlich tat sich der Boden auf. Mit einem überraschten Aufschrei erwartete Attahir einem schwarzes Loch der Bewusstlosigkeit einen Besuch ab.

~

Los, wach auf!“ sprach jemand und die Worte knallten förmlich.

Mühsam den Schleier der Ohnmacht von sich schiebend wurde bald klar, dass ein Mann Attahir ins Gesicht geschlagen hatte.Ein abstoßendes zahnloses Gesicht grinste.

Willkommen zurück“, sprach der kleine hässliche Mann mit den verfilzten Haaren.

Scôval, geh zur Seite!“ forderte da eine weitere Stimme und die magere Gestalt gehorchte, weiterhin grinsend.

Dem Blick freigegeben war nun ein Mann in den mittleren Jahren, die verfilzten schwarzen Haare schulterlang, das Gesicht unrasiert. Gelassen lehnte er an einem Baum. Man hätte sein Äußeres ansprechend finden können, wäre er nicht zerlumpt wie ein Bettler gewesen. Nun kam er näher.

Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“ fragte er spöttisch.

Attahir versuchte zu antworten, doch ein Knebel verhinderte diesen Versuch.

Wir können dich doch hier nicht alles zusammenschreien lassen“, sprach er und unerwartet traf eine Ohrfeige Attahirs Gesicht. Kurz darauf ergänzte er, nun herablassend und abschätzend schauend: „Du brauchst nicht zu antworten – jedenfalls… – du kommst mit uns.“

Attahir versuchte sich zu bewegen, doch Fesseln verhinderten dies.

Rîmirn, schneide unseren Gast von diesem Baum, dass wir los können. Ich möchte Borhatt ungern warten lassen“, sprach der Mann herrisch und ungeduldig.

Hinter Attahir raschelte es, dann folgte ein kurzes Hackgeräusch und die Fesseln fielen. – Aber nicht alle, die Hände waren weiterhin verbunden.

Vorwärts!“ bellte eine raue Stimme von hinten, gefolgt von einem spitzen Pieksen in den Rücken.

Den Anweisungen lieber folgend, stolperte Attahir voran.

Borhatt wird erfreut sein“, sprach der herrische Mann nach einem abschätzenden Blick Attahir gegenüber.

Unterwegs wurde klar, was eigentlich offensichtlich war: der Mann hörte sich zu gerne selber sprechen. Aber dafür kamen Attahir andere Gedanken. Was wohl mit Dittoril geschehen war? Hoffentlich ging es ihm gut und er war zurück zu Hoccamar gelaufen. Vielleicht suchten sie ja auch schon nach Attahir.

Da sind wir“, störte der Mann diese Gedankengänge.

Es war ein kleines Lager, ohne Feuer, nur mit etwas gelagertem Gepäck – und einer jungen Frau, die geknebelt an einen Baum gefesselt war. Es wurde sich aber nicht aufgehalten, auch folgten keine Begrüßungen. Die Männer befreiten die Frau von der Umarmung des Baumes, schnappten sich ihre Sachen und setzten ihren Weg fort, immer die versinkende Sonne im Rücken habend; ihre Gefangenen trieben sie vor sich her und hielten später noch zwei Stunden auf den weißen Mond zu. Sie hatten es scheinbar eilig, doch kamen sie nur langsam voran. Dafür bekamen die Gefangenen so manche Schelte. Erst gegen Mitternacht machten sie Halt. Die drei Männer schliefen am Boden, immer noch ohne Feuer, ihre Gefangenen fesselten sie an zwei Bäume. Erst am Tag darauf durften diese ihren natürlichen Verpflichtungen nachgehen. Morgens befreite man sie nacheinander und ließ sie in den Büschen verschwinden. – Doch stets hielt ein verbliebenes Seil sie von der endgültigen Flucht ab.

Wer bist du?“ fragte Attahir die Frau mit gedrückter Stimme, als sie kurz Ruhe hatten, derweil die Männer beschäftigt waren, „Mein Name ist ist Attahir.“

Die Frau hatte sichtlich Angst zu antworten. Ihre Augen waren weit geöffnet und zuckten ständig unruhig zu ihren Entführern, als erwartete sie jederzeit Strafe für ihr Flüstern.

Lattir – Lattir Lôrvattz“, presste sie schließlich zwischen den Zähnen hervor, „aus Gêmitzter.“

Trotz ihrer Lage musste Attahir lächeln. – Möglicherweise war es dies, was Lattir nun beruhigte.

Gêmitzter – das liegt nicht weit weg von meinem Dorf – ich komme aus Dôrhattz.“

Ruhe dort hinten!“ kam ihnen jedoch nun Scôval verärgert dazwischen, als man ihr Tuscheln bemerkte, und warf einen kleinen Stein, einem Kiesel gleich, zwischen sie.

Lattir zuckte erschrocken zusammen und zitterte nur noch.

Hab keine Angst, ich lass mir etwas einfallen!“ sprach Attahir noch schnell und flüsternd, bevor dies zu strafen Rîmirn sich erhob und ihnen beide ins Gesicht schlug.

Ihr habt still zu sein – kein Gerede!“ herrschte er sie noch an.

Trotzdem bekamen beide später noch zu Essen. Als die Reise weiterging, zerrten Scôval und Rîmirn sie an Seilen hinter sich her, im Morast und Laub des Waldes oft stolpernd. Das Unterholz war weiter dicht und sollte es noch lange bleiben, bis sie das unbewaldete Cerhlicg-Tal erreichen würden. Denn dorthin waren sie unterwegs, das konnte Attahir an ihrer Bewegungsrichtung erkennen.

Wohin bringt ihr uns?“ war daher die Frage, welche Attahir sich später am Tage zu fragen getraute.

Scôval ruckte zur Strafe stark am Seil, doch sein Anführer ließ sich zu ihnen zurückfallen und ging halb neben Attahir daher.

Das geht dich zwar wirklich nichts an, doch ihr werdet es ja eh sehen“, sprach er herablassend, „wir bringen euch zu Borhatt, unserem Herrn.“

Das war Attahir aber auch schon klar. Doch weiter? Von Borhatt redete man sogar in Dôrhattz. Er sei ein Raubritter, so sprach man, der in den Bergen östlich des Cehrlicg-Tales lebte und von dort seine Raubzüge durchführte.

Aber warum wir? Demirus ist weit von Borhatt entfernt!“

Ah, aber hübsche Diener sind immer gefragt“, sprach der Mann mit einem bösen Unterton in der Stimme, und Scôval lachte dreckig, „und es ist unklug, diese in der Nähe unserer Burg zu suchen, denn Dracgmoyrch ist nicht weit und die Wächter der Stadt vermeiden wir lieber.“

Das war auch Attahir in der Lage nachzuvollziehen. Doch offenbarte sich damit auch eine Möglichkeit, wenn denn Dracgmoyrch nicht fern war. Aber nun kamen auch wieder Gedanken an Dôrhattz auf. Die Hoffnung, dass es Dittoril und Hoccamar gut gehen würde, schimmerte als leuchtender Schein in Richtung der untergehenden Sonne. Doch fehlten sie auch. Würden sie Drei noch einmal vereint sein?

Attahirs Gedanken wurden erneut gestört, als wenige Schritte weiter Lattir über die knorrige alte Wurzel eines beeindruckenden Baumes stolperte und fiel. Rîmirn bemerkte dies, als das Seil in seiner Hand sich straff spannte und er mit einem Ruck anhalten musste. Die Augen angestrengt verengend blickte er zurück.

Steh auf. Geh weiter!“ rief er ihr zu.

Doch Lattir saß nun am Boden, die Hände und den Rock verdreckt. Bei seinen Worten brach sie in Tränen aus. Attahir wollte zu ihr eilen, sie in den Arm nehmen, trösten – doch Scôvals Seil verhinderte dies. Auch Rîmirn ruckte nun stark an seinem Seilende, so dass es sich um Lattirs Hals noch weiter zuzog. Würgend ergriff diese das Tau, es um ihren Hals lockern wollend, doch bewirkte sie damit nichts weiter, als dass Rîmirn noch stärker zog. Attahir wehrte sich gegen Scôval, um an Lattir zu kommen.

Hört auf mit dem Unsinn, wir brauchen sie noch!“ kam der Anführer der Männer ihnen hier dazwischen, sichtlich erbost.

Ohne Verzögerung gehorchte Rîmirn, und Scôval ließ Attahir soviel Seil wie nötig war, um an Lattir heran zu kommen.

Sehr wohl, Mahaccar“, hörte Attahir Rîmirn sagen und legte einen tröstenden Arm um Lattir, die nun schmutzig und verheult war und nach Waldboden roch.

Sie kamen an diesem Tag nicht mehr weit. Es dauerte lange, Lattir zu beruhigen und bald war es zu dunkel, weshalb der Mahaccar, als was er bezeichnet wurden war, das nächste Lager anordnete. Die Nachtvögel sangen, wilde Tiere mieden das Feuer, der weiße Mond stand hoch und der Wald duftete größtenteils nach Kräutern – doch Attahir konnte dies sicherlich nicht genießen. Aus Strafe für ihr Verhalten hatte man Lattir nun stärker gefesselt und auch geknebelt, solange sie nicht gerade Nahrung zu sich nahm. Attahir blieb nichts weiter, als zu schweigen, da sonst die gleiche Strafe drohte.

Nach einer für Attahir erst sorgenvoll durchwachten und erst spät durch Erschöpfung auch schlafend erlebten Nacht, wurden die Gefangenen des Morgens unsanft mit Fußtritten geweckt.

Macht euch fertig – wir wollen in einer Stunde los“, sprach Scôval mit seiner rauen Stimme.

Den beiden blieb also kaum Zeit, sich fertig zu machen. Der Mahaccar erklärte ihnen aber immerhin, dass sie es eilig hätten zu Borhatt zu kommen; erklärte es ihnen so, als seien sie mittlerweile seine liebsten Haustiere. Attahir hielt es schon jetzt nicht mehr aus. Der Drang zu Dittoril und Hoccamar zurückzukehren, ließ nicht nach, wurde sogar stärker. Ob sie sich Sorgen machten? Hoffentlich nicht. Irgendwie musste eine Flucht gelingen. Doch wie dies anstellen? Rîmirn und Scôval hatten sie beide fest am Seil und bei einem Fluchtversuch würde man sie beide erwürgen oder gar mit den Schwertern erschlagen. Es schien aussichtslos. Ein Wunder musste wohl geschehen.

Doch es kam kein Wunder. Diesen Tag nicht, auch nicht am nächsten. Aber da geschah etwas anderes. Gegen Mittag mussten sie einen kleinen Bach überqueren. Sie befanden sich mitten im dichtesten Wald. Attahir wusste nicht, wo genau, denn dies war viel zu weit von Dôrhattz entfernt im Niemandsland, auch noch fern vom Cerhlicg-Tal. Der Bach war zwar schmal, doch tief und schnell genug eine Gefahr darzustellen. Die Männer schienen diese Stelle aber zu kennen, denn ein Baumstamm ermöglichte die Überquerung. Der Mahaccar ging denn auch ohne zu zögern voraus. Langsam und vorsichtig, doch kaum wartend. Erst am anderen Ufer hielt er an. Rîmirn folgte als nächster, Lattir sollte warten, bis er drüben war.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den nächsten auf dem glitschigen, alten Baumstamm. Für Gleichgewicht brauchte er nicht zu sorgen, hielt er sich doch mit dem Seil an Lattirs Hals in der Geraden. Doch gefiel dieser das natürlich gar nicht. Rîmirn war auf der Hälfte der Strecke angelangt, da zog sie heftig am Seil. Sofort verlor er das Gleichgewicht. Den Halt auf dem rutschigen Stamm verlierend, fiel er langsam nach hinten. Mit den Armen rudernd und mit einem überraschten Aufschrei, stürzte er. Das Wasser platschte. Ein dumpfer Laut verkündete, dass Rîmirn gelandet war. Lattirs Seil baumelte nun nutzlos herab.

Für einen Moment waren alle zu überrascht um zu handeln. Scôval war der erste, der etwas tat. Sein Seil fallen lassend, griff er an seine Seite und zog sein Schwert. Das war sein Fehler. Denn Lattir, immer noch ihren Gefühlen folgend, rannte auf ihn zu. Und bevor er sich versah, schubste sie ihn den Abhang hinunter, dem rauschenden Griff des Wassers entgegen: Ein Tritt zwischen die Beine zerstörte die Abwehr, ein zweiter in den Rücken ließ ihn stürzen. Der Mahaccar sah dem allen nur fassungslos zu. Auch Lattir schien bald nicht zu wissen, was weiter zu tun sei.

Komm, lauf!“ rief Attahir ihr zu und schnappte sich Scôvals fallen gelassenes Schwert.

Doch Lattir war wie gelähmt. Erst als Attahir sie am Arm packte und Richtung Wald zurück zog, kam langsam wieder Leben in sie.

Ohne zu Denken rannten sie fort. Ohne Plan liefen sie gen West. Ohne sich umzusehen stolperten sie über Steine, sprangen über Äste und kämpften sich durch das Unterholz. Ihre Seile trugen sie bei sich, um nicht darüber zu stolpern. Allerdings waren sie schwer und unhandlich und so verlor Lattir ihres bald. Es verhakte sich zwischen Baumwurzeln. Sie bemerkte es aber nicht und lief weiter; so geschah, was geschehen musste: Mit einem Ruck wurde sie von den Füßen gerissen und landete unsanft auf dem feuchten Boden. Würgend rang sie mir dem Seil. Attahir handelte schnell und nutzte Scôvals Schwert, sie zu befreien, tat dasselbe bei sich selber. Doch bis es soweit war, hörte man bereits die nahenden Stimmen der drei Männer.

So bringt das nichts“, stellte Attahir fest, „lass und getrennt vorgehen! Hier, versteck dich dort hinten in den Büschen; ich lenke sie ab. Besuche mich in Dôrhattz, wenn wir dies hinter uns haben!“

Attahir schickte Lattir in erwähnte Büsche, nahm das Schwert und wartete noch kurz an den Wurzeln. Kaum, dass die Männer kurz außerhalb der Sichtweite waren, sollten sie laut krachende Äste hören und an einem Baum die Seile ihrer Gefangenen sowie deutliche, nach Westen führende Spüren finden. Schnell folgten sie diesen. Die Verfolgungsjagd dauerte noch Ewigkeiten. Abends hatten sie wieder kurz Sicht auf Attahir, doch verloren sie diese auch bald wieder. Bei Sonnenuntergang hörten jegliche Spuren auf. Nichts war mehr zu finden von ihren Gefangenen.

III

Endlich daheim! Endlich zurück bei ihrem geliebten Mann. Sie hoffte, Zuhause wäre alles in Ordnung. Überschwänglich froh näherte sie sich ihrem Haus. Es sah aus wie immer, nichts hatte sich geändert. Die Lichter waren entzündet, da es langsam Dunkel wurde. Im Haus brannte ein Feuer.

Sie fand ihn im Garten vor, über den Holzstapel gebeugt. Auch er hatte sich nicht geändert. Wie froh und überglücklich sie doch war, ihn endlich wieder zu sehen! Aufgeregt und überhastete stürzte sie los, so sehr hatte sie ihn vermisst. Ihm würde es sicher genauso gehen; schreckliche Sorgen muss er sich um sie gemacht haben.

Aber warum beachtete er sie nicht? Hatte er sie nicht gehört? Warum erhob er sich nicht, als er ihre Schritte vernehmen musste? Doch nichts konnte ihre Freude in diesem ihrem Moment aufhalten. Sie stürzte sich förmlich auf ihn, ihn zu begrüßen; warf sich an seine Brust, als er langsam aufstand.

Doch sie lief ins Leere. Ohne sie zu beachten, ging er an ihr vorbei, um die Ecke des Hauses, ins Innere hinein. Sie blieb bloß verwundert zurück. Seinen Namen versuchte sie zu rufen. Da merkte sie, dass sie nicht mehr sprechen konnte. So sehr sie es auch versuchte, kein Wort kam über ihre Lippen, kein Laut aus ihrem Mund. Was geschah hier? Ihre Freude schlug in Furcht um. Einem Gedanken folgend bückte sie sich, einen Stein aufzuheben. Doch ihre Finger glitten durch ihn hindurch, wie in einem Traum. Träumte sie?

Ihr blieb keine Zeit nachzudenken, was geschehen sein mochte, hörte sie dich nun einige Männerstimmen von vor ihrem Haus herüberklingen. Sie folgte ihnen zu ihrem Ursprung, doch versteckte sie sich hinter einer Hausecke, um lediglich hervor zu gucken.

Scôval, lass ihn los!“ hörte sie eine Stimme sagen, „Wir sollen ihm doch nur eine Botschaft bringen.“

So beobachtete sie, wie Scôval ihren Mann los ließ und selbst zur Seite trat.

Der größere Mann mit den Narben im Gesicht und den ergrauten Haaren sprach sogleich weiter: „Wenn ihr sie liebend wiedersehen wollt, dann sammelt lieber schnell all eure Schätze zusammen und folgt uns.“

Und zum Beweis seiner Worte warf er eine Kette zu Boden. Ihre Kette, wie sie erkannte.

Ihr Ungeheuer!“ entfuhr es ihrem Mann und sie zuckte schmerzlich zusammen, als ihn Scôvals Schwert mit der flachen Seite am Rücken traf und er auf die Knie sinken musste.

Los jetzt!“ fuhr er ihn an.

Mehr gab es nicht zu bereden. Bald hatten sie sämtliche Wertsachen aus dem Haus zusammengesucht. Sie versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen, doch gingen sie einfach durch die hindurch. Schließlich folgte ihr Mann den beiden gen Ost in den Wald. Immer wieder sprach sie auf ihn ein, doch entstanden keine Geräusche und musste sie hilflos folgen.

Zum ersten Mal nun fiel er auf, dass sich die Umgebung irgendwann im grauen Nebel verlor. Doch dieser Schleier kam nie näher, blieb immer auf Abstand, als umlauerte er sie. Keiner der Männer ließ sich davon etwas anmerken, auch sprachen sie kein Wort. Mit jedem Schritt fiel ihr das Gehen schwerer, auch wenn sie nicht au Äste, Steine, Stämme und Unebenheiten achten musste; eine seltsame Schwere und Müdigkeit bemächtigte sich ihrer, ihre Furche wich der Erschöpfung. Aber sie durfte sich jetzt nicht ausruhen.

Endlich kamen die Männer an, wo immer sie ankommen wollten. Wo es genau war, verlor sich nun im Nebel. Am Rande ihrer Erkenntnis nahm sie einen alten Baum wahr, an den eine Gestalt gelehnt war. Es war ein Mann und um den Baumstamm neben ihn war ein Seil gebunden.

Mahaccar, hier ist ihr Ehemann!“ sprach der Grauhaarige und stellte sich neben den angesprochenen.

Ah!“ machte dieser, „gut gemacht, Rîmirn.“ Und dann zu ihrem Mann: „Ich werde es kurz machen: gebt uns euer Geld und wir geben euch eure Frau.“

Hier, nehmt, doch lasst sie frei!“ sagte ihr Mann unter Tränen und warf dem Mahaccar sein Gepäck vor die Füße, dass sie wieder Kraft gewann.

Genug zumindest, um zu verfolgen, was nun geschah, denn eingreifen konnte sie trotz aller Verzweiflung nicht. Rîmirn nahm das Geworfene auf und verstaute es in einem Sack. Scôval blieb neben ihm. Der Mahaccar zog sein Schwert, holte aus und hackte einmal auf das Seil neben ihm ein. Ein Frauenkörper stürzte aus dem Baum herab.

Da hast du deine Frau!“ lachte Scôval dreckig.

Nein!“ rief ihr Geliebter, stürzte auf die Knie und versank bald in Verzweiflung.

Komm hierher!“ hörte sie dagegen eine schwache Stimme rufen, wie aus weiter Ferne, doch schien es keiner der Männer zu bemerken.

Auch sie achtete kaum darauf. Wer lag da? Unwohlsein und Mitleid drangen durch ihre Teilnahmslosigkeit. Sie ging näher und kniete sich neben ihn. Das Gesicht der Frau – es kam ihn bekannt vor.

Los, lass ihn nicht weiter trauern, damit wir endlich gehen können“, sprach der Mahaccar zu Scôval.

Dieser zögerte nicht, sondern stieß dem Trauernden sein Schwert in den Rücken. Qualvoll und langsam starb er, doch sie konnte ihm nicht helfen; alles um sie herum wurde schwarz.

Epilog

Attahir, komm zu mir“, lockte eine Frauenstimme.

Als Attahir sich umdrehte, stand dort in der Ferne Lattir, unter einem moosbewachsenen alten Baum. Attahir machte sich den Weg den grünen Hügel hinauf. Es erschien leicht wie nie zuvor.

Lattir, es geht dir gut!“ freute sich Attahir, als sie sich gegenüberstanden.

Wie man es nimmt“, lächelte die Frau, „doch ich bin nicht hier. Du findest mich in Borhatt. – Du hast noch eine Aufgabe!“

Was?“ entfuhr es Attahir, doch da verschwand der Boden und machte völliger Schwärze Platz.

~

Attahir, wo sind wir?“ fragte Hoccamar.

Ich weiß es nicht“, kam die Antwort. – Und dann: „Ich dachte, du seist tot.“

Das dachte ich von dir auch“, antwortete Hoccamar.

Und sie sahen sich an und berührten sich – und fielen sich in die Arme.

Aber wir haben eine Aufgabe“, sprach Attahir nach scheinbaren Stunden des frohen Wiedersehens.

Hand in Hand gingen sie auf die düstere Burg in den Berg vor ihnen zu. Niemand hielt sie auf und niemand sah oder überlebte sie.

ENDE

~

Kommentar

Lattir Lôrvattz aus Gêmitzter ist bekannt als Ziehmutter des Dittoril Occorscil aus Dôrhattz, des Mannes, der aus Demirus, dem Teil von Lurruken, bei dessen Untergang ein eigenständiges Land machte und als erster Scatte in die Geschichte einging. Seine Eltern verlor er früh. Nicht allein wegen Lôrvattz entstand die gerade vorgetragene Mär, bestand sie doch Zeit ihres Lebens darauf, in ihrer Zelle in Borhatts Burg damals die Geister ihrer ehemaligen Mitgefangenen beobachtet zu haben, wie sie allein alle Räuber in der Burg töteten und die anderen Gefangenen befreiten.

Tatsache ist jedenfalls, dass Occorscils Eltern zu dieser Zeit unweit ihres Hauses gefunden wurden; ebenso wie das Reich von Lûch Monate später, als es endlich aus Dracgmoyrch seinen Angriff auf Borhatt wagte, nur eine leerstehende Burg vorfand.

Heutzutage ist die Burg Heimat des bekannten Künstlers Cannslach, welcher hier, wie er es nennt, der Natur ihre wildeste Seite aus unmittelbarer Nähe erleben will. Geistern aber ist er nie begegnet, so berichtet er.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 11.08.3994


Rousseaus Contrat social in Kurzform

September 9, 2008

Nach Hobbes Leviathan von 1651 hier nun auch Rousseaus Contrat social (Gesellschaftsvertrag) von 1762 in Kurzform. Erneut 12 Seiten statt im Original 100, wollen diese Seiten die Quintessenz des Buches einfangen und für alle verständlich erklären.

Buch 1: Kritik, Naturzustand, Gesellschaftsvertrag, Gesellschaftszustand, Souverän

Buch 2: Die Legislative, die Souveränität. Der Allgemeinwille, Recht, Gesetz, Gesetzgeber, Volk

Buch 3: Die Exekutive, die Regierung. Regierungsformen (Monarchie, Aristokratie, Demokratie), Missbrauch, Staatentod, Abgeordnete, Mittel gegen Usurpation

Buch 4: Abstimmungen, Wahlen, Diktatoren, Zensur, Religion


Hobbes‘ Leviathan in Kurzform

September 8, 2008

Hier ein neuer Artikel. Er fasst die ersten beiden Bücher von Thomas Hobbes‘ Leviathan (1651) über Mensch und Staat zusammen. 12 Seiten statt 300 mit dem Anspruch, alles (wichtige) zu erklären, ohne dabei zu Schwafeln, wie Hobbes es manchmal tat.

Mensch: Sinne, Vorstellungskraft, Gedanken, Rede, Vernunft, Leidenschaften, Verstand, Wissenschaft, Macht, Würde, Sitten, Religion, Naturzustand, Naturrecht, Naturgesetze und Personen.

Staat: Gründung, Gesellschaftsvertrag, Staatsarten, Regierungsarten, Bürgerpflichten, bürgerliche Freiheit, Vereinigungen, öffentliche Diener, Fruchtbarkeit, Ratgeber, bürgerliche Gesetze, Verbrechen, Strafen, das Ende des Staates, Aufgaben des Souveräns und Gott.


Wehret euch den gesellschaftlichen Zwängen!

September 5, 2008

Einst sprach Hobbes davon, dass die Menschen im sogenannten Naturzustand stets danach bestrebt sind, sich eine Macht nach der anderen zu verschaffen. Und warum tun sie dies? Weil sie Angst haben, ihre vorhandene Macht zu verlieren. Macht sah er hierbei als alles an, was einem einen Vorteil verschafft, und kann dem entsprechend weit ausgelegt werden. Hobbes selber führte vor allem den Wunsch nach Reichtum, Ehre, Herrschaft und anderer Macht an, welcher die Menschen in einen Krieg aller gegen alle stürzt.
Doch eines fehlt hierbei: nicht im Naturzustand ist dies so, sondern vor allem in der menschlichen Gesellschaft. Insofern kann man eher Rousseau die Ehre der richtigen Erkenntnis zusprechen, auch wenn dieser ebenfalls einen Naturzustand annahm, den es aber nie gegeben hat, denn der Mensch ist von Natur aus ein Herdentier. Auch sah er jegliche menschliche Gesellschaft als grundsätzlich den Menschen verderbend an, was widerum etwas zu weit geht.
Nun stimmen aber gewisse Grundaussagen, wenn man von den Details mal absieht. Nicht alle, doch die meisten Menschen, werden durch die Gesellschaft gewissermaßen verdorben. Vieles am Menschen ist Erziehung und so wird er zwangsweise von seiner Gesellschaft geprägt. Und diese vermittelt ihm derzeit oft fragwürdige Werte und zweifelhafte Ansichten. Ansichten wie falsche und heuchlerische Moralvorstellungen und Werte wie das streben nach – und Hobbes hatte das immerhin erkannt – Reichtum, Macht, Ansehen, Ruhm, Besitz, vor allem Besitz an Menschen. – Dies sind die Werte des Kapitalismus und wie die Geschichte zeigt leider auch Werte der Natur des Menschen.
In der Gesellschaft sieht man sich häufig den Zwang ausgesetzt, eine Karriere zu vollenden, reich zu werden, „etwas zu erreichen“. Und mit christlicher Hinzuspielung auch dem Streben nach Glück, Familie, usw. Doch ist dies überhaupt ertrebenswert? Macht es den Menschen glücklich, das zu vollbringen, was andere von ihm wollen? Einigen scheint es so zu gehen. Die meisten aber werden depressiv oder verzweifeln, da sie nicht das erreichen können, was man von ihnen erwartet. Andere wiederum erkennen erst spät im Leben, was sie eigentlich vom Leben erwarten und kosten dies in einer „Midlife-Crisis“ aus, diesem von der Moderne so schön gekünstelten Wort.
Der wahre Sinn und das Glück des Lebens sollte darin liegen, zu erkennen, was man selber will – nicht, was andere wollen. Wenn dies das Schwimmen im Strom beinhaltet, dann soll es so sein. Doch dies scheint mir eher die Hoffnung, den Strom überwältigen und leiten zu können. Dies sind die nach Macht strebenden.
Wie viele von uns kennen doch die Worte „Und was willst du damit später machen?“ bzw. „Und was willst du damit werden?“ Doch ist dies wichtig? Man ist, was man ist und man macht, was man machen will. Mehr ist nicht wichtig. Und wenn man nicht das machen will, was die Gesellschaft von einem erwartet, ist dies gut. Natürlich muss man dann die Konsequenzen tragen, aber das ist ein anderes Thema. Grundsätzlich sollte man erst einmal selber erkennen, was man will.
Und dazu gehört auch die Moral, denn Moral ist nur eine gesellschaftlich oder religiös gebildete Pflicht. Eine Vorschrift, basierend auf dem, was einige meinem vorschreiben zu müssen. Doch msus man dies? Verbote und Pflichten reizen zur Verletzung. Und wenn sie komplett dem eigenen Wesen entgegenlaufen, fordern sie erneut Zwänge und Unwohlsein des Individuums, was bis zum äußersten gehen kann: Selbstgeißelung, Selbsthass, Selbstmord. Und ist dies nicht zu verhindern?
Wer frei sein will, sollte sich zuerst von der herrschenden Moral befreien, trotzend jeglicher Konsequenz.