GaAL11 Die Hexe und die Katzen

August 11, 2013

„Keine Sorge, wir bekommen dich wieder hin!“

Immer wieder sprach sie beruhigend auf das kleine Bündel in ihren Armen ein. Dieses schien nur bedingt auf sie zu achten; zappelte und strampelte lieber. Dann und wann ließ sie ihre Hand durch das Bündel gleiten, berührte den kleinen seidenen Kopf um zunächst zu erschrecken, dann ihn zu streicheln. All ihre Bemühungen schienen aber ohne Erfolg, ohne freudige Annahme. Und als sie die Gasse verließ, wollte sie nur noch verzweifeln.

Warum hatte ihr niemand erzählt, dass ausgerechnet heute, an diesem so schon schrecklichen Tag, auch noch ein Weihnachtsmarkt sei? Jetzt blieb ihr aber keine andere Wahl; der einzige Weg führte über diesen Platz, der von Baum, Menschen und Verkaufshütten verstopft war. Immer wieder anstoßend, immer wieder ausweichend, immer wieder fluchend kämpfte sie sich durch die Massen, erfuhr mehr Nähe als ihr lieb war und musste stets um den Halt ihres Bündels kämpfen, das nicht verloren gehen durfte; dafür liebte sie es zu sehr. Die Menschen aber, die hier immer wieder ihren Weg versperrten liebte sie nicht und mehr als einmal war sie kurz davor sie alle zu verfluchen, zu verwünschen, zu – verhexen. Doch würde sie sich nun zeigen, wäre alles verloren, alles umsonst gewesen. Und so wie es aussah, waren die meisten auch bereits verhext; gingen im Einkaufsdurcheinander des Marktes unter.

Es dauerte eine ganze Weile, sich dort hindurchzudrängen. Einmal stieß sie gegen einen verkleideten Weihnachtsmann, der ihr ein „Ho! Ho!“ hinterherschickte, ein andern Mal gegen einen Stand und warf dabei fast bemalte Glaskugeln herab. Mitten auf dem Platz aber, genau unter dem Baum, rempelte sie jemand so stark an, dass sie ihr Bündel fallen ließ. Die darin eingewickelte schwarze Katze fiel jedoch sanft und wartete bis sie wieder eingesammelt worden war; ängstlich miauend ob der drohenden Massen.

„Ach mein Liebling, sobald wir dich zurückverwandelt haben, kehren wir zurück in das Andere Land und diesen unruhigen Gesellen den Rücken!“

Ein zustimmendes Miauen antwortete ihr. Die Katze wieder einpackend, setzte sie ihren Weg fort.

Dabei bemerkte sie nicht, wie ihr in einigem Abstand eine zweite Katze folgte, die genauso aussah wie die in ihren Armen. Doch auch wenn sie bemerkt worden wäre, hätte diese sich nicht mit ihr verständigen, hätte ihr nicht von dem Irrtum erzählen können, der sie die falsche Katze mitnehmen ließ. Und während so die kleine Hexe – seine kleine Hexe – durch die Dunkelheit eilte und die fremde Katze streichelte, schlich sich ein Schmerz in sein Herz, den er nicht zu vertreiben vermochte.

„Gleich sind wir da; der Doktor wird dir sicher helfen können!“

Das Bündel in ihren Armen schien sie nicht zu verstehen.

Doch tatsächlich waren sie sogleich da, nur noch über den Platz, an Weihnachtssängern vorbei, die Treppen ins Haus hinein und an seiner Tür geklopft. – Doch oh weh, was war das?

‚Über die Feiertage geschlossen.‘

Verzweifelt hämmerte sie an die Tür; irgendjemand musste doch da sein. Doch niemand öffnete. Gut fünf Minuten fuhr sie heftig mit ihrer Tat fort, da schwang eine Tür ein Stockwerk höher auf und ein älterer Mann kam halb die Treppe herab.

„Es ist geschlossen – sehen sie das nicht?“

„Ich muss dringend den Doktor sehen – es ist ein Notfall – ein Zauberspruch wirkte verkehrt!“

Wenig später saßen sie zu Dritt in einer Kammer, die Teil einer größeren Wohnung war: Der Doktor, die kleine Hexe sowie die falsche Katze. Letztere versagte ihnen die Genugtuung ruhig sitzen zu bleiben, strollte lieber hierhin und dorthin, drauf und drüber.

Und von draußen, durch das Fenster, beobachtete die richtige Katze die versammelte Gesellschaft.

Die Kammer war spärlich eingerichtet; außer Tisch und Stühlen noch ein kleiner Ofen; doch selbst dieser Raum barg am Fenster etwas Weihnachtsschmuck. Der Doktor hielt sich jedoch nicht mit Weihnachtsansprachen auf, sondern kam schnell erneut zu der Frage, warum die anderen gekommen waren. Und nun musste die Hexe alles offenbaren. Tatsächlich ließ der Doktor sich davon überzeugen und erkannte den Ernst der Lage. Seine beiden Besucher in sein geheimes Labor führend erklärte er ihnen, was nun zu tun sei. An sich müsste sie ja bloß den Spruch, den sie verwendet hatte, umgekehrt erneut aufsagen, doch reichte das noch nicht völlig – zusätzlich müsste die Katze einen Mistelzweig verspeisen und der Doktor eine seltsame Maschine anwenden, deren Gebrauch er aber nicht genau erklärte. Rein zufällig – denn was zu besitzen wäre zu Weihnachten schon abwegiger? – hatte er sogar einen Zweig auf Vorrat – der Versuch konnte also sogleich starten.

Die Katze zum Fressen zu bringen erwies sich aber als äußerst schwierig. Sie versuchten es mit Vernunft, doch die Katze schien nicht zu verstehen – schon immer war er ein Sturkopf gewesen, so die Hexe –; sie versuchten es mit Gewalt, doch die Katze wehrte sich mit aller Kraft und Krallen; und sie versuchten es mit List. Und endlich, eingewickelt in ein Stück Fleisch, war das Tier bereit den Köder zu schlucken. Ohne zu zögern sperrte der Doktor es sogleich in den Käfig seiner Maschine und warf diese an, derweil die Hexe begann den Spruch rückwärts aufzusagen. – Nichts geschah. Die Katze zeterte und fauchte, da seltsame Funken über ihr Fell glitten, doch blieb sie ganz die Alte.

Und draußen beobachtete die zweite Katze alles durchs Fenster. Nun endlich schien die Zeit gekommen sich zu offenbaren und diesen Thronräuber zu verjagen. Eilig sprang er von seinem Posten, verscheuchte die Gedanken wie die kleine Hexe – seine kleine Hexe – dieses fremde Wesen streichelte, erkletterte eilig die Treppen und kratzte Einlass fordernd an der Tür des Doktors. Als dieser endlich kam zu sehen wer da war, doch verwundert in seiner Augenhöhe niemanden bemerkte, schritt die Katze mit stolzgeschwellter Brust an ihm vorbei und hinein in das Labor. Dort erwartete ihn eine verwirrt dreinblickende Hexe, die ihn zu seinem Ärger immer noch nicht erkannte. Doch immerhin hatte sie bereits den Hochstapler aus seinem Käfig entlassen – hielt ihn streichelnd im Arm! – und ihm damit den Weg geebnet.

Schnell schluckte er ein Stück widerlicher Mistel hinunter und sprang selber in den Käfig, sich dort wie eine Maus fühlend. Als einziger schien immerhin der Doktor, welcher nun ins Zimmer getraten kam, die Lage zu verstehen. Eiligst schloss er das Gerät, warf es an und befahl der Hexe ihren Spruch zu sagen. Kaum hatte sie dies getan, wurde der Katze im Inneren der Maschine plötzlich sehr beengt zumute, denn endlich war sie wieder ein Mann. Als der Doktor ihn herausließ, fiel der erschrockenen Hexe die falsche Katze herab. Schnell wandelte sich Überraschung in Freude.

„Liebster! – endlich bist du wieder du selbst! – verzeih – ich werde nie wieder unbekannte Sprüche versuchen!“

Ihr Mann war ihr darüber aber kaum böse, immerhin zeigte sie doch Reue und er hatte etwas neues erleben können, doch ließ er sie schwören, nie wieder einen fremden Kater zu berühren; auch wenn die Hexe nicht ganz verstand, warum. Der Doktor schien glücklich damit, endlich wieder seine Ruhe bekommen zu können; forderte nur später ein kleines Geschenk aus dem Anderen Land, mit dem er schon immer gute Geschäfte gemacht hatte. Dorthin denn entschwanden die Hexe und ihr geliebter Mann auch bald, wollten sie doch endlich wieder heim – denn sie waren zum Weihnachtsessen geladen.

 

 


GaAL10 Der eifersüchtige Willy

August 4, 2013

„Da meine Süße, dein Essen!“ Er stellte den Teller vor der kleinen buntgefleckten Katze ab. Die gesamte Zeit, während diese nun fraß, saß er daneben und streichelte das kleine Geschöpf. Auf dem Teller befanden sich handgeschnittene Fleischbrocken und andere Leckereien.

Willy knurrte der Magen, als er dies beobachtete. Wie lange war es her, dass er das letzte Mal so etwas bekommen hatte; so verwöhnt worden war? Starke Eifersucht kroch in seinen Magen und verursachte ihm Bauchschmerzen – oder war es der Hunger? Vor vier Tagen hatte Herr Veronika dieses Kätzchen gefunden und behandelte es seitdem wie ein zerbrechliches Püppchen. Und was war mit Willy? Nur weil er kein süßes kleines Kind mehr war, wurde er ins Abseits geschoben? Einst hatte Herr Veronika geschworen sich um ihn zu kümmern, ihm wie ein Vater zu sein. Jetzt schien das alles vergessen. Wie gern würde er sich über die Behandlung beschweren – doch er konnte ja nicht sprechen.

Als Herr Veronika endlich auch einmal zu ihm kam und ihm ohne ein Wort einen Teller Püree vorsetzte, verging ihm der Appetit. War dies nicht deutlich genug um zu sehen, wie wenig er ihm bedeutete? Enttäuscht schlich er sich aus der Küche; aus dem Haus. Er suchte seine Lieblingsstelle im Garten auf und legte sich dort unter den alten Baum. Sich sonnend grübelte er über Herrn Veronika und das Kätzchen nach und fand sich kurz davor trotz seines Ärgers einzuschlafen.

Da fiel ihm etwas auf die Nase und hielt ihn davon ab: eine schwarze Feder. Verwundert blickte Willy auf – und sah eine dicke fette Krähe davonflattern. Angewidert schüttelte er sich – Krähen konnte er nicht ausstehen – um dann zu sehen, wie zwei Gänse über den Rasen des Gartens angewatschelt kamen. – Gänse? Seit wann gab es hier denn Gänse? Überrascht beobachtete er die beiden, doch sie schienen sich nicht verirrt zu haben; hielten vielmehr genau auf ihn zu.

Wenige Fuß von ihm entfernt hielten sie und streckten die Hälse hierhin und dorthin, als würden sie ihn mustern. Wer seid ihr denn? wollte Willy fragen, doch konnte er ja nicht. Umso erstaunter war er, als sich eine Antwort in seinen Geist schlich. Es musste von den Gänsen kommen, soviel war sicher. Sie nannten ihm ihre Namen – Gänselieschen und Schnatterinchen – und fragten freundlich nach seinem. Willy war eine Weile zu verblüfft um zu antworten, da sah er die Gänse sich bereits beraten, ob er überhaupt denken könne – was er auch tat. Erfreut doch noch eine Antwort zu bekommen beschnatterten die Gänse ihn kurz aufgeregt und forderten ihn sodenn auf, ihnen zu folgen. Willy versuchte noch zu fragen warum und wohin, doch antworteten sie nicht mehr. Zwar hatte er Gänsen noch nie getraut, doch wusste er nichts anderes zu tun denn zu folgen – und obendrein war er sehr neugierig.

Also erhob er sich und stapfte den watschelnden Vögeln hinterher – und sollte noch viel staunen. Zunächst fiel ihm auf, dass er nicht bemerkt hatte, wie das Haus verschwunden war. Nun erschien es ihm aber doch merkwürdig. Das Grundstück lag auf einem Hügel am Rande des Dorfes, dessen Spitze der Baum krönte, unter welchem Willy gelegen hatte. Da er sich auf der dem Haus abgewandten Seite befunden hatte, war ihm das Verschwinden nicht weiter aufgefallen. Als sie sich jetzt den Hügel hinab begaben, wirkte dieser aber seltsam leer. Wo waren die Zäune, Blumen, Wege? Da wunderte es ihn kaum, am Fuß des Hügels auch keine Straße anzutreffen. All die Autos, die täglich lärmend das Haus passierten – sie würde er nicht missen; etwas gutes hatte die Sache also schonmal.

Dann kamen sie auf die Wiesen und noch immer gab es keine Anzeichen von Menschen. Was war geschehen? – und – Wohin gingen sie? Mehrmals versuchte Willy die Gänse zu befragen, doch antworteten sie nie. Es schien aber, als führten sie ihn ins Dorf – wenngleich er sich nicht sonderlich überrascht zeigte, dieses nicht vorzufinden. Doch immer noch waren dort der Fluss und dessen Insel. Offenbar ging es darauf zu. Sie war hoch mit Gräsern bewachsen, weshalb Willy nichts auf ihr erkennen konnte. Überhaupt war das ganze Land wesentlich stärker bewachsen als sonst; es wirkte so – natürlich. Es war schwer für ihn sich zu entscheiden, ob er dies begrüßte, denn gäbe es keine Menschen mehr – wie sollte er dann an Unterkunft und Nahrung kommen? Er war noch nie ohne Fürsorge gewesen.

Und dann kam das Wasser. Natürlich war die Brücke verschwunden, doch müssten sie wirklich durch den Fluss waten? Willy, der nicht schwimmen konnte, war Wasser noch nie geheuer gewesen. Da die Gänse aber weder mit sich reden ließen noch ihn überhaupt beachteten, musste er wohl oder übel auch hinein. Wie feucht und kalt es doch war! Aber zumindest ertrank er nicht wie befürchtet, reichte das Wasser doch selbst den Gänsen nur bis an den Bürzel. Auf der Insel angelangt durchtraten sie die Reihen von Schilfrohr und Gräsern – an deren Rande Willy erstaunt stehenblieb.

Die Gänse watschelten gemütlich weiter als gäbe es nichts besonderes und schlossen sich dem bereits wartenden Kreis der Tiere an, die nun wiederum alle Willy anstarrten. Alles mögliche war dort in einem Kreis auf der Insel versammelt: Hunde, Katzen, Gänse, Enten, Kühe, Mäuse, Schafe, Schweine, Pferde und zahlreiche andere Tiere von Hof und Land. Willy fühlte sich unter ihren Blicken plötzlich sehr klein.

Und dann fingen auch noch die Gänse an zu schnattern. Sie stellten Willy vor und erklärten, er würde in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollen – wollte er das? – Ja, das wollte er, sprachen die Gänse. Da antwortete eine große Kuh, er müsse zunächst beweisen der Gemeinschaft wertvoll sein zu können. – Aber er wollte doch gar nicht… – Willy kam nicht zu Wort. Einige der Tiere plapperten ob dieser überraschenden Umstände wild durcheinander. So kam es, dass niemand die Annäherung der dicken fetten Krähe bemerkte. Unerwartet schoss sie aus dem Nichts und stürzte sich zielgerichtet auf etwas im Kreis der Tiere. Als diese sie endlich bemerkten, war sie auch schon wieder auf dem Rückflug – und hielt etwas in den Krallen.

Es ertönte Gekreische, Gebell, Geblöke und vieles anderes zwischen den Versammelten, als ihnen gewahr wurde, dass ihr jüngstes Mitglied, ein kleines Kätzchen, entführt worden war. Es dauerte noch eine Weile, bis ein großer Hund mit Hilfe einiger anderer die Aufregung mindern konnte. Willy erfuhr schnell, dass bekannt war, wo diese Krähe leben würde und dass einer der ihren dem Kätzchen zu Hilfe kommen müsste. Die Wahl fiel hierbei schnell auf Willy, stand doch noch seine Probe aus. Nun also wäre seine Gelegenheit gekommen, sich der Gemeinschaft als würdig zu beweisen. – Aber – Doch wieder konnte Willy keinen Widerspruch einlegen; schon war er zusammen mit einem Eichhörnchen auf dem Weg.

Warum ihn gerade ein Eichhörnchen begleiten sollte, vermochte er nicht zu verstehen. Das Tier konnte kaum eine Sekunde stillhalten und flutete Willys Gedanken mit ununterbrochenem Geplapper. Bald wusste dieser mehr über Bausuche, Futterplanung und Gefahren für Eichhörnchen als ihm lieb war. Doch dann und wann ließ das Wesen auch nützliche Bemerkungen fallen. So war das Kätzchen ein Sohn des großen Katers, dessen Stimme im Rat der Tiere so wichtig war. Dieser Rat kümmerte sich gemeinsam um diese Region des Anderen Landes, in dem Willy sich nun befand. Scheinbar gab es viele solcher Regionen und nicht alle waren wie diese, doch alle waren frei von Menschen, sofern diese sich nicht in den Welten verirrt hatten. Willy kam das alles sonderlich verwirrend vor und gerne hätte er nicht zugehört, hätten die Gedanken nicht seine eigenen durchdrungen. So bemerkte er nicht, dass sie bereits ihr Ziel erreicht hatten, während er noch versuchte seine Eindrücke zu ordnen.

Auf einem hohen, dicht bewachsenen Baum sollte das Nest der Krähe liegen. Nun zeigte sich auch der Grund zur Wahl eines Eichhörnchens als Wegbegleiter – gewandt und unerkannt huschte das kleine Tiere den Baum hinauf die Lage zu erkunden – die Krähe war fort, doch das Kätzchen saß ängstlich in deren Nest – und das Eichhörnchen war nicht stark genug es herunterzubringen. Willys Aufgabe war also klar: Er sollte in den Baum klettern um das Kleine zu retten. – Willy hasste Klettern wirklich sehr. Doch mittlerweile schien es ihn keine andere Möglichkeit mehr zu geben als mitzuspielen – nirgends gab es mehr Menschen, also wer außer den Tieren sollte ihm nun noch helfen können? Wagemutig erklettert er die große Pflanze. Nachdem ihm einige Male schwindlig geworden war, schaffte er es letztlich, sich das miauende Etwas zu schnappen und sogar wieder heil hinab auf den Erdbogen zu gelangen. Und da begannen die Probleme.

Kaum, dass sie sich auf den Heimweg machten, erschien ein schwarzes Ding am Himmel: die Krähe. Schnell hatte sie die Lage erkannt und stürzte such auf die Flüchtenden, immer wieder nach Willy pickend. Da sprang plötzlich das Eichhörnchen die Krähe an, biss und rupfte ihr Federn aus.Krächzend verschwand das Biest daraufhin.

Zurück bei den Tieren wurde Willy – aber auch das Eichhörnchen – wie ein Held gefeiert. Seiner Aufnahme in ihren Kreis stand damit nichts mehr im Weg. Doch als Willy nun endlich frei sprechen durfte, wünschte er nur den Heimweg zu erfahren; Herr Veronika würde ihn sicherlich bereits brauchen. Die Tiere waren enttäuscht, aber willigten schließlich ein. Da kam das gerettete Kätzchen auf ihn zu…

…und stupste ihn an. Verschlafen öffnete er die Augen. Was war geschehen? Freudig erkannte er, dass er wieder daheim war und konnte nicht einmal dem Kleinen vor sich mehr böse sein. Kurz darauf kam auch Herr Veronika an.

„Ach, Willy, da bist du ja! Böser Kater – ich hab‘ mir schon Sorgen gemacht! – Es ist doch Kuschelzeit für mich und meine Lieblingsschmusekatze!“

Willy miaute zur Antwort nur erleichtert und fing an zu schnurren. Vielleicht war alles doch nicht so schlimm…


GaAl09 Ulrichs Wünsche

Juli 28, 2013

Ulrich starrte in die Nacht. Hunderte glühender Augen starrten zurück. Seit fast einer Woche lagerten die Bauern bereits dort unten am Fuß des Hügels. Es schien, als wollten sie auf ewig verbleiben, wie die Ratten in den Straßen einer Stadt. Würzburg drüben am anderen Ufer gehörte bereits so gut wie ihnen, doch solange die Burg noch aushielt, gab es keinen Sieg für die Bauern. Ulrich hielt tapfer Nachtwache, während die Gedanken an eine Schlacht ihm Angst machten. Es war nicht lange her, dass er sein Dorf verlassen hatte um sich dem Markgrafen Friedrich anzuschließen, der nun diese Burg hielt. Kampf und Ruhm lockten Ulrich, doch jetzt schien es ihm, dass er gegen seine eigene Familie kämpfen müsste, und so ging es nicht wenigen auf der Burg. Ob dort unten, bei den Bauern, beim Schwarzen Haufen und dem Fränkischen Heer, wohl auch deren Anführer, Götz von Berlichingen sowie Florian Geyer, waren? – Gab es hier auf der Burg nicht auch einen Ritter der Familie Geyer? – Ging es diesem wohl ebenso wie Ulrich? Nachdenklich blickte dieser auf den Main herab. Eigentlich wollte er nur noch heim, eigentlich nur – für die Bauern kämpfen; ein Teil von ihm träumte gar zu fliehen und sich Thomas Müntzer anzuschließen. Aber er war, wo er war und der letzte Wagen zur Flucht war vor Tagen abgefahren – und lange könnten sie es dort nicht mehr aushalten.

Seine Gedanken stiegen auf – auf und davon.

Es war der Mai des Jahres 1525 und Ulrich wünschte sich an einen anderen Ort, in eine andere Zeit.

Beim Mittagessen am nächsten Tag hing Ulrich bloß düster seinen Träumen nach, während seine Kameraden überlegten, ob Bischof Konrad kommen und sie alle retten würde. Irgendwann jedoch fiel Ulrichs bedrückte Stimmung auf. Es war sein Freund Dietrich, der ihn darauf ansprach. Beide hatten gänzlich andere Ansichten über den Krieg. Um nicht in einen Streit zu verfallen, musste Ulrich seine wahren Gefühle verbergen. Er schob stattdessen alles auf den Druck der Belagerung. Sie wussten nicht, wie lange Nahrung und Wasser noch reichen würden, doch waren sie immerhin ziemlich sicher, dass die Bauern die Mauern nie erklimmen könnten, trotz jeglicher Gerüchte, dass Florian Geyer nach Rothenburg abgereist war um Kanonen zu besorgen.

Letztlich geriet Ulrich aber doch noch in Streit mit Dietrich, als sie auf den inneren Mauern waren. Es ging um den niedersten Grund, den es hätte geben können: Die Frage nach der nächsten Wachreihenfolge. Dietrich versuchte Ulrich zu überreden, dass dieser doch noch einmal für ihn die Wache übernehmen möge, saß Ulrich doch eh lieber allein grübelnd im Dunkeln, während Dietrich meinte wegen einer Erkältung ruhen zu müssen. Ulrich jedoch fühlte sich beleidigt und sah seinen Freund als schlimmsten Vortäuscher falscher Tatsachen, weshalb er verneinte. Es kam zum Gerangel, wie er unsinniger unter erwachsenen Männern nicht sein könnte; hoch oben auf der Mauer der Burg, ein tiefer Abgrund neben ihnen. Letztlich verlor Ulrich den Halt und fiel mit den Armen rudernd hinab in das Gras am Fuße der Mauer. Auch in seinem Geist tat sich ein Abgrund auf.

Als er erwachte, wusste er nicht, wo er sich befand – oder wer er war. Ersteres hätte er aber auch so nicht gewusst; alles sah so völlig unvertraut aus: Ein weiter dichter Wald erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen. Verwundert über den Schmerz in seinem Hinterkopf stand er vorsichtig auf. Zwar wusste er nicht, dass er an diesem Ort nicht sein sollte, doch beschlich ihn trotzdem ein Gefühl der Fremdartigkeit. Nachdem er festgestellt hatte, dass er stehen konnte – warum war da bloß dieses Gefühl eine Rüstung tragen zu müssen? – ging er langsam voran. Irgendwas musste er ja tun, und vielleicht fände sich eine Ansiedlung, in der man ihm helfen könnte zu sich zu finden.

Nach wenigen Schritten durch diesen unheimlichen Wald, in dem ihn hunderte Augen aus dem Dickicht zu beobachten schienen, kam er an einen Fluss. Breit und bedrohlich floss dieser mitten durch seinen Weg. Nirgends sah er auch nur die Spur einer Brücke, doch am anderen Ende erblickte er etwas, das eine Ansiedlung sein konnte. Während auf dem Fluss Enten angeschwommen kamen um ihn zu beobachten, suchte er das Ufer nach einer Möglichkeit der Überquerung ab.

Fahr doch einfach auf dem Blatt, kam es ihm da in den Sinn.

Blatt? Welches Blatt? Wie kam er denn auf diesen Gedanken? – Und da sah er es: Ein Blatt im Wasser, groß und kräftig genug ihn zu tragen, was er auch sogleich probierte. Tatsächlich. Und nun? Wie sollte er rudern? – Da löste sich das Blatt mit einem sanften Ruck vom Ufer und trieb hinaus auf den Fluss. Ulrich verspürte keine Angst, er wunderte sich bloß. Doch schon hatte er die Seltsamkeiten als nicht weiter ungewöhnlich angenommen, da trieb es ihn weiter auf das andere Ufer zu – und nicht wie vielleicht erwartet flussab. Auch die Enten gesellten sich zu ihm und begleiteten ihn wie eine Schar Ritter.

Als er so langsam weiter auf die Siedlung zukam, erkannte er mehr von ihr. Sie hatte keine Stadtmauern, sondern nur niedrige Hecken, obwohl sie groß wie eine Stadt war. In der Mitte entdeckte er ein hohes spitzes Gebäude, das eine Kirche sein musste; die anderen Häuser waren ein- bis zweistöckig. Sobald er noch näher war, erkannte er staunend, warum die Siedlung ihm so weiß vorkam: Sie war mit reinstem weißen Schnee bedeckt. Doch nur die Stadt war weiß; die Ufer hinter sowie vor Ulrich samt dem Land links und rechts der Siedlung waren frühlingsgrün. Mittlerweile war er noch näher gekommen, erkannte zahlreiche weiße Punkte auf dem Fluss vor der Siedlung und dass die Häuser allesamt bunt geschmückt waren, als gäbe es etwas großes zu feiern. Viele Menschen schlenderten durch den Ort und tummelten sich auf einem großen Platz, der vom Fluss bis zur Kirche reichte und auf welchem ein gewaltiger Tannenbaum stand, über und über festlichst geschmückt. Nur noch wenige Fuß vom Ufer entfernt erkannte er in den weißen Punkten auf dem Fluss Papierschiffchen, die so wie er ans Ufer getrieben wurden. Immer wenn eines von ihnen Land berührte, kam ein Bürger der Stadt, belud es mit Spielzeug, Geld oder Süßem und schickte es wieder auf die Reise.

Kurz vor Erreichen der Siedlung flogen die Enten plötzlich hoch – auf und davon.

Kaum hatte Ulrich schließlich selber Land erreicht, verließ er sein seltsames Gefährt und versuchte einen der Bürger zu fragen, wo er hier sei. Sie alle aber taten so, als verständen sie ihn nicht. Zwar begrüßten sie ihn freundlich, hängten ihm Blumen um, gaben ihm zu Essen und zu Trinken, doch sprachen sie kein Wort mit ihm. Etwas verzweifelt erkundete er auf eigene Faust den Ort und kam bald zu dem geschmückten Baum, an dessen Fuße Tauben eifrig nach Brotkrumen pickten. Als er sich fragte, was er nun tun sollte, durchzuckte ihn ein Gedanke.

Gehe in die Kirche!

Ja, warum war er nicht eher darauf gekommen? Dort würde man ihm helfen. Schnell trottete er in diese Richtung, während die Tauben ihm scheinbar neugierig wie graue Begleiter folgten. An den Toren des mächtigen und ebenso schön geschmücktem Gebäude angekommen, klopfte Ulrich brav. Lautlos öffneten sich ihm sofort die gewaltigen Torflügel. Etwas eingeschüchtert betrat er die Kirche und erschrak, als von allen Seiten Lieder ertönten. Sänger begrüßten ihn auf ihre Art. Und am Ende des Schiffes erkannte er eine Gestalt.

Draußen blieben die Tauben kurz stehen, um dann wegzufliegen – auf und davon.

Vorsichtig hielt Ulrich auf die Gestalt zu. Ein großer Mann mittleren Alters mit dünnem Schnurrbart im Bischofsmantel saß dort auf einem Stuhl vor dem Altar, als wäre es sein Schreibtisch. Brav stellte Ulrich sich vor und brachte sein Anliegen vor. Der Mann erklärte sich als der heilige Sankt Nikolaus; er hatte Ulrich bereits erwartet. Er klärte ihn über seine Vergangenheit auf und bot ihm feierlich an, entweder bei ihm im Weihnachtsland fern all des Elends bleiben zu dürfen – oder heimzukehren. Die Entscheidung fiel Ulrich nicht leicht, doch sein Ehrgefühl war zu groß – seine Familie könnte er nicht alleine lassen.

Kaum war seine Entscheidung getroffen, da wurde ihm schwarz vor Augen – doch ein Teil fühlte sich, als flöge er auf und davon.

 

Als Ulrich erwachte, lag er auf seinem Lager in der Burg. Dietrich hatte bei ihm gewacht und entschuldigte sich nun tausendfach bei ihm für sein Verhalten. Ulrich sprach ihm zu, dass alles nicht so schlimm sei. Er wusste nun, dass sie alle gerettet werden würden.

Es dauerte nicht mehr lange, dann wagten die Bauern einen Angriff. Doch zu dieser Zeit tauchte plötzlich ein anderes Heer auf, fiel ihnen in den Rücken und schlug sie vernichtend. Als der Anführer dieser Männer in die Burg einritt, erkannte Ulrich ihn sofort. Zwar stellte er sich als Bischof Konrad vor, doch für Ulrich blieb er auf ewig der Nikolaus.


GaAL08 Mauern und Murmeln

Juli 21, 2013

Traurig sah Johannes aus dem Fenster. Unten im Hof spielten die anderen Kinder – seine Freunde. Wie gerne wäre er nun dort hinuntergelaufen um mitzuspielen – doch er durfte nicht; sollte hier bleiben, während seine Familie alles plante, vorbereitete. Morgen ginge es in den Westen, so ihre ewigen Wiederholungen. Alles sprach nur noch von Wiedervereinigung und Mauerfall. Und er – was ging ihn das alles an? Er lebte hier in Treptow, solange sein kleines Gedächtnis sich erinnern konnte; er wollte überhaupt nicht irgendwo anders hin. Sein zartes Herz sehnte sich nach nichts weiterem. Aber die anderen, die ‚Großen‘, beachteten seine Wünsche nicht.

Im Türrahmen zur Küche stehend überlegte er zu fragen, ob er nicht doch hinuntergehen dürfe. Doch kaum, dass sie ihn bemerkte, unterbrach seine Mutter ihre packenden Fähigkeiten und sah ihn bloß verwirrt an. Schnell kam sie auf ihn zu, ihn mit den Armen verscheuchend, wie man Tiere fortjagen würde, und rief ihm eindringlich hinterher, er solle endlich sein Zimmer aufräumen. – Was brachte ein aufgeräumtes Zimmer, wenn sie morgen doch wegfahren wollten? Er versuchte es noch bei seinem Vater, der mit Freunden vor der flimmernden Kiste saß und heiß über das mit ihnen sprach, was der Bildschirm ihnen gerade zeigte: Eine Mauer, die abgetragen wurde. Als Johannes sich Gehör zu verschaffen suchte, winkte ihn der Vater bloß fort; sah ihn nicht einmal an.

Dem Jungen war offensichtlich, dass sie ihn nicht bräuchten. Doch wenn sie so beschäftigt waren, würden sie sein Verschwinden doch sicherlich auch nicht bemerken. Schnell schnappte er sich aus seinem Zimmer sein Lieblingsspielzeug für den Hof – seine Murmeln – und schlich in den Flur. Vorsichtig versuchte er außerhalb der Blickwinkel seiner Eltern zu bleiben, nahm sich Jacke samt Schuhe und verließ die Wohnung. Erst draußen im Hausflur zog er sich an.

Als er schließlich aber im Hof ankam, musste er feststellten, dass all seine Freunde plötzlich verschwunden waren. Verwundert machte er sich auf die Suche, doch fand sie nirgendwo. An keinem ihrer üblichen Treffpunkte oder Verstecke war auch nur eine Menschenseele. Wo waren sie wohl alle hin? Etwa schon nach hause? Das taten sie doch so früh an so schönen Tagen nie. Mussten sie etwa auch heim, da ihre Eltern mit ihnen in den Westen fahren wollten? Doch eine Möglichkeit gab es noch, wo er Freunde von sich anzutreffen vermutete: der Park.

Doch vorher suchte er noch kurz seinen Onkel auf. Dieser war der einzige Erwachsene, den er kannte, der sich stets den Launen der anderen entgegenstellte, seinen eigenen Weg ging, eher zu den Kindern hielt. Unten an der Tür des Hauses angelangt versuchte Johannes bereits von Außen zu sehen, ob jemand zu Hause sei, doch waren die Fenster wie immer von Gardinen verhangen – dies brachte ihm also keine Einsicht. Natürlich klingelte er schließlich und nutzte dabei das alte Klingelzeichen, welches sie beide vereinbart hatten. – Und es folgte keine Antwort. War er etwa auch verschwunden, wie all die anderen feiern? Aber das würde doch gar nicht zu ihm passen. Enttäuscht trottete Johannes wieder von dannen.

Während er seinen Weg zum Park suchte, sah er immer wieder Menschen in die Straßen kommen: feiernde Menschen und sich freuende Gesichter. Einmal waren sie sogar vor einem Teilstück der Mauer versammelt, als sei es ein Treffpunkt. Dort hinten, wo die Kinder so oft Verstecken gespielt hatten. Doch Johannes störten diese Behinderungen seines Weges jetzt nur; stets hatte er die Alten zu umgehen. Öfters versuchten sie ihn zwar mit in ihre Feiern zu verwickeln, doch immer verschwand er wieder, sobald es ging. Zumindest aber fragte ihn niemand, was er so alleine auf der Straße zu suchen hatte; das schien heute für alle nichts Ungewöhnliches.

Und dann erreichte er sein Ziel. Der Park lag friedlich am Fluss, wie eh und je – oder? – Nein. Mehr Menschen als sonst erblickten seine Augen dort in den Flussauen. Wie sollte er da denn seine Freunde finden? Wie sollten sie da denn auf der Wiese oder unten am Fluss spielen? Letzteres erübrigte sich aber, als er flussauf, flussab bloß Familien und Pärchen vorfand, teilweise feiernd, teilweise entspannend, doch keine Spur seiner Freunde, an keinem ihrer üblichen Orte. Da begegnete er dem Eichhörnchen. Drüben auf der Insel, unfern der Brücke, da sah er es. Schon immer hatte er diese Tiere gemocht und zunächst verwunderte ihn an diesem nur, dass es hier auf der Insel und nicht im eigentlichen Park war. Aber schon gingen seine kindlichen Triebe mit ihm durch und er versuchte es zu fangen. Einmal rund um einen Baum herum folgte er ihm und letztlich auch auf diesen hinauf, so weit es ihm möglich war, und schwebte dort gefährlich nah über dem Wasser. Schon vermeinte er seinen festen Griff zu verlieren – da hatte er keine Lust mehr.

Als er wieder herabkletterte, hatte sich etwas verändert. Er bemerkte es nicht sofort, doch – die Farben waren anders. Das Wasser schien ihm bräunlicher, die Pflanzen gelblicher zu sein. Und das war nicht alles. Das Gras auf dem er ging, bewegte sich weicher, die Blätter der Bäume raschelten sanfter. – Da fiel es ihm auf: Das Gras bestand aus Weingummi! – Und Blätter an den Bäumen im Spätherbst! Staunend beugte er sich nieder, um von dem Gras zu kosten – und es gefiel. Neugierig ging er auch zum Wasser und nahm sich eine Handvoll – Cola erwartete ihn. Irgendwie gefiel ihm dies, auch wenn es sonderbar war. – Sonderbar? Aber warum denn? Plötzlich war ihm entfallen, was er gerade tun wollte. Bevor er jedoch zuviel Zeit zum Wundern hatte, tauchte das Eichhörnchen wieder auf – oder ein Freund ebendieses.

Kühn und herausfordernd saß es da und blickte ihn stumm an. – Blickte schlauer als alle anderen Eichhörnchen, die Johannes je gesehen hatte. Zunächst verhielt es sich ruhig, ihn bloß beobachtend. Dann plötzlich ruckte es, ließ sich mit einem Mal auf alle Viere nieder – wendete – und lief davon, über die Brücke hin zum Festland. Nach kurzem Zögern folgte Johannes, dabei weiter die Umgebung bewundernd. Die Brücke war aus kunstvoll verziertem Lebkuchen, als wollte sie für ein Märchen posieren. Auf der anderen Seite angelangt kamen ihm Enten entgegen – und begrüßten ihn. Höflich grüßte er zurück, mittlerweile sich kaum noch wundernd. Mäuse aus Schokolade, Ameisen mit Zuckerguss und bunte Vögel – was auch immer dort in diesem Park kräuchte und fläuchte, hieß ihn fröhlich willkommen, um daraufhin seine Tätigkeit gleich wieder aufzunehmen. Jeder hier schien bloß das Leben zu genießen.

Auf der Festlandsseite war das Gras nicht Weingummi, sondern federweich und schmiegsam. Seufzend ließ er sich darauf nieder und sah zum Himmel hinauf. Auf einem freundlichen blauen See trieben dort weiße Schäfchen und eine gelbe Sonne lächelte ihm zu, versuchte ihn zu kitzeln. – Ach nein, das war der bauschige Schwanz des Eichhörnchens neben ihm. Was wollte es denn? Verschlafen doch glücklich lächelnd wandte Johannes ihm sein Gesicht zu. Da stand das kleine Wesen auf seinen Hinterbeinen und beobachtete ihn. Doch kaum, dass er ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte, deutete es schon auf eine Stelle weiter hinten auf der Wiese. Seinen Blick dorthin wendend bemerkte Johannes weitere Hörnchen, die fröhlich tollten und sich Nüsse wie Murmeln zurollten. Das heftige Deuten seines kleinen Besuchers konnte wohl nur heißen, dass er mitspielen solle.

Langsam erhob er sich also – dieses Bett würde er missen wie keines je zuvor – und trollte sich hinüber zu den Spielenden. Schnell war er in ihre Runde aufgenommen. Regeln zu erklären gab es kaum welche, schien es doch dasselbe Spiel zu sein, dass Johannes schon immer gespielt hatte. Doch als er dann die Murmeln aus seinem Beutel nahm, erwartete ihn tiefstes Erstaunen seitens seiner Mitspieler – solche Murmeln schienen sie noch nie gesehen zu haben. Sie betatschten und besahen sich die kleinen gläsernen Kugeln, als seien sie seltsame Schätze.

Als das Spiel dann startete, behandelten sie die Murmeln weiterhin mit großer Rücksichtsnahme und Vorsicht. Die Übervorsichtig führte dazu, dass ein besonders kleines und junges Eichhörnchen bei seinem Wurf gegen eine seiner eigenen Nüsse nicht nur daneben traf, sondern sogar eine von Johannes‘ Kugeln anstieß. Mit überraschender Geschwindigkeit rollte sie über die Wiese – und das Eichhörnchen rannte ihr hinterher. Die Murmel verließ bald das Grün, überquerte den Weg und drohte zum Fluss zu kommen. Eng hintendran war das kleine Hörnchen, schnappte immer wieder mit seinen Pfötchen, doch stets daneben – und dann waren sie beide zu nah ans Wasser gekommen. Im hohen Bogen flog die Murmel über den Kai ins Wasser. – Das Hörnchen versuchte sie noch zu packen, doch verlor dabei das Gleichgewicht und fiel. – Platsch!

Erschrocken sah Johannes zu. Die Eichhörnchen um ihm herum sprangen ängstlich auf und ab, doch keines konnte etwas tun – sie alle konnten nicht schwimmen. Und so war es an Johannes, während im Wasser das kleine Tier ums Überleben rang, mutig hinterherzueilen und in das klebrige Nass zu springen. Doch – er konnte ja selber nicht schwimmen! – Gemeinsam kämpften sie und mit knapper Not bekam bekam Johannes Kai und Tier zu fassen. Keuchend zog er sie beide an Land, rollte sich erschöpft auf den Rücken und schloss die Augen. Ihm wurde schwarz.

Als er seine Augen wieder öffnete, standen zahlreiche Menschen um ihn herum und gafften, als sei er etwas Besonders, während ein Mann in Weiß fragte, wie es ihm ging. – Ein Arzt? – Johannes wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht, nachdem er zuviel Wasser geschluckt hatte. Seine Eltern kamen ihn abholen, machten ihm Vorwürfe – doch letztlich siegte ihre Sorge. Die Fahrt in den Westen wurde erstmal verschoben und sie versprachen, sich mehr um ihn zu kümmern.

Johannes selbst aber war dies alles erst einmal egal. Während er mit seinen Eltern heimfuhr, blickte er aus dem Fenster und beobachtete die Eichhörnchen im Park, wie sie Murmeln spielten.

Diese Zeit der Wende – seine Zeit – würde er niemals vergessen.


GaAL07 Weihnachten im Anderen Land

Juli 14, 2013

Eine Tages watschelte die kleine Ente durch das Andere Land. Sie besuchte die fröhlichen Gummibärchen, die aufgedrehten Hörnchen, die schlaue Ratte, das Zauberschaf, den alten Bernhardiner, den kleinen Pudel, die Käferfamilie – ja sogar die Kaninchen – und viele andere, um mit allen jeweils kurz zu schnattern. Einige waren erfreut sie zu sehen, andere dagegen zeigten sich genervt – und selbst die, welche die Ente wirklich mochten, kamen schnell auf den wahren Grund ihres Besuchs. Die Ente kam nicht bloß ihretwegen, vielmehr versuchte sie etwas herauszufinden. Es war nicht mehr lange bis Weihnachten und im Anderen Land war es schon lange zum Brauch geworden, sich auch gegenseitig etwas zu schenken. Zwar kam zu jedem noch der Weihnachtsmann, doch wollten sie sich so ihre Zuneigung zeigen. Die Ente nun wollte erfahren, ob auch alle an sie dächten. Das Ergebnis aber war niederschmetternd für die Kleine: Wo immer sie auch klopfte und höflich quakte, stets sagte man ihr schnell, dass es dieses Jahr von ihnen keine Geschenke gäbe – und das, obwohl die Ente das Wort Weihnachten noch nicht einmal erwähnte.

Nachdem sie überall gewesen war, setzte sie sich traurig an ihren Teich. Mochte sie denn wirklich niemand? Während sie darüber nachgrübelte und sich ihre Tränen mit dem Wassers des Teichs vermischten, hörte sie plötzlich ein Miauen hinter sich. Der Kater! – den hatte sie ja ganz vergessen! Geschmeidig kam das schwarze Tier angeschlichen und setzte sich neben sie. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden, würde sie doch gar nicht gut aussehen. Die Ente erläuterte ihm daraufhin alles – dass sie befürchtete, niemand würde sie mögen, da niemand vorhatte ihr etwas zu schenken; wenngleich angeblich auch sich gegenseitig nicht. Da sprach der Kater, er hätte in letzter Zeit oft beobachten können, wie einige der anderen immer wieder zusammen in Tunneln nah der Höhlen der beiden Weisen verschwänden. Vielleicht würden sie dort etwas verstecken; vielleicht würde sich dort eine Antwort finden lassen auf die Fragen und Befürchtungen der Ente? Zwar hatte diese Bedenken, doch als der Kater bereits losging und ihr bloß zurief zu folgen, musste sie gehorchen.

Bevor sie sich versah, folgte sie dem Schwarzen bereits durch die Wiesen hinein in den Wald und immer weiter bis zu der schroffen Felsklippe, die in seiner Mitte in die Höhe ragt. Hier lebten die beiden Weisen in ihren Höhlen, doch zu denen wollten sie nicht. Trotzdem blieb die Ente kurz vor dem gewaltigen Tor stehen, das mit Geschehnissen aus dem Anderen Land versehen war. Nie hätte sie es gedacht, doch ein Bild zeigte den Weihnachtsmann, wie er die Bewohner des Anderen Landes, welche in einem Kreis versammelt waren, beschenkte. Und da – sah sie dort nicht sogar eine kleine Ente unter den Versammelten? Das Bild zog sie in seinen Bann. Beinahe schon konnte sie Laute der Versammlung um sich hören. Dort, am Rande – saß da nicht der Kater? – Der Kater! Erschrocken und in die Wirklichkeit zurückgerissen sah sich die Ente um, doch entdeckte nirgends den Kater. War er verschwunden? Hatte er sie allein gelassen? Schrecken überkam sie, wusste sie doch weder den Weg zu den Tunneln, noch den zurück zu ihrem Teich. Tränen stiegen ihr breits in die Augen, da hörte sie ein nahes Miauen. Es kam von der nächsten Biegung der Klippe. Schnell watschelte die Kleine in diese Richtung. Sie wollte bloß nicht alleine sein. Und tatsächlich – dort wartete der Kater und nur ein kleines Stück weiter sah sie auch bereits die Tunnel.

Während die Ente sich fragte, was dort wohl drin sein würde – ein gemeinsames Versteck für die Geschenke der anderen? – tauchten sie bereits tief in die Felsengänge ein. Schnell war es schwarz um sie und die Ente sah selbst ihren Schnabel nicht mehr. Wieder überkam sie Angst. War der Kater noch vor ihr? Ging es überhaupt noch geradeaus? Und was, wenn plötzlich ein tiefer Abgrund käme? Würde sie schnell genug hochfliegen können? – Wo war der Kater? Ängstlich entstieg ihr ein Quaken – und ein Miauen wies ihr den Weg. Schließlich erreichten sie auch eine Höhle. – Wenn dies ein Versteck war, dann war es ein gutes – so weit ab und düster. Doch wie sollte sie darin nun etwas sehen? – Der Kater kam ihr zur Hilfe, denn plötzlich leuchtete etwas. Was es war, konnte die Ente nicht feststellen – ihren Geist nahm die plötzliche völlige Leere einer riesigen Höhle ein. Keine Geschenke. Nichts. Nur feuchte Tropfsteine. Der Kater maunzte verwundert. Als er sah, dass die Ente bereits wieder traurig zurückwatschelte, folgte er ihr.

Auf dem Heimweg drehten sich ihre Gedanken immer wieder um die leere Höhle und die Befürchtung, dass niemand sie mögen würde. So bemerkte sie dann auch, als sie im Dunkeln heimkehrte, dass sich ihr Teich verändert hatte. Erst als sich auf einmal Lichter entflammten sah sie erstaunt auf. Alles war verziert und weihnachtlich geschmückt. Und dann kamen die anderen. All ihr Freunde waren da, mit ihr Weihnachten zu feiern. Die letzten Wochen hatten sie alles daran gesetzt sie in dem Glauben zu lassen, dass niemand Interesse an Weihnachten hätte und sie gleichzeitig das Datum vergessen zu lassen. Nun, an Weihnachten selber, hatte der Kater sie weggelockt, damit die anderen das Fest vorbereiten und sie überraschen konnten. Fröhlich feierten sie zusammen. Und zum Höhepunkt erschien sogar der Weihnachtsmann selbst.

Die Ente war wieder glücklich.


GaAL06 Das Schaf und die Milchmäuse

Juli 14, 2013

Vorlesung – so kurz nach den Feiertagen? Gelegen in einem Zeitraum, den Hans bereits als frei angesehen hatte? Das konnten sie doch nicht machen! – Das ließ er auch nicht mit sich machen. An diesem Abend sollte eine der größten Feiern des Semesters stattfinden und er hatte sie seit Wochen in seinem Leben eingeplant; dorthin wollte er gehen. – Nichts und Niemand würde ihn davon abhalten. Und selbst wenn er dann morgen noch angeheitert zur Vorlesung müsste – wäre das so schlimm? – Ach, warum sollte es! Seine Entscheidung stand fest.

Als er am nächsten Morgen in seinem Bett aufwachte, erinnerte er sich kaum an den gestrigen Abend. Was war geschehen? Sein Kopf fragte sich nach den Ereignissen, doch entdeckte nur Nebel. Auf diese Art nicht weit kommend, wollte er zumindest aufstehen – vor allem um zu sehen, warum sich sein Kopf so seltsam anfühlte. Langsam sich aus dem Bett quälend, bemerkte er bereits, warum es ihm so schlecht ging: Er hatte einen Kater. Doch auf das, was ihn im Badespiegel erwartete, war er trotzdem nicht vorbereitet.

Der Kater, der es sich auf seinem Kopf gemütlich gemacht hatte – ein schwarzes Prachtstück von einem Tier – war allmählich von dem Geschaukel unter ihm wach geworden. Nun sprang er genervt davon und auf den Boden herab, um im Schlafzimmer zu verschwinden. Verwirrt sah Hans sein müdes Spiegelbild an. Als endlich das Geschehen in sein Hirn vordrang, eilte er erschrocken dem Kater hinterher. Wo kam der her? Und – wo war er hin? Er suchte das ganze Zimmer ab, doch fand nichts – doch! Eine kleine Katzenklappe – in der Wand unter seinem Bett. War die schon immer da gewesen? Er erinnerte sich nicht. Neugierig versuchte er sie zu öffnen und hindurchzusehen, doch gelang es ihm nicht. Erst musste er das Bett zur Seite schieben. Nachdem dies gelungen war, ließ er sich auf alle Viere nieder und hob vorsichtig die Klappe. Ein helles Licht blendete ihn.

Verwirrt blinzelte er, als das Licht nachließ und stattdessen seine Schläfrigkeit zurückkehrte. Noch immer kniete er, doch nun vor einem Baumstamm – Baumstamm? Was war geschehen? Und wo befand er sich? Als er sich umblickte, sah er überall nur Bäume. – Ein Wald. Doch wie war er dorthin gekommen? Immer noch benebelt richtete er sich langsam auf, spähte in alle Richtungen, doch sah – nichts. Er wollte schon verzweifelt blind durch die Gegend stapfen, da vernahm er ein fernes Miauen. Der Kater! – sein Kater. Auf das Geräusch zusteuernd geriet er immer tiefer in den Wald. Immer wenn er kurz davor war einfach aufzugeben und sich hinzusetzen, hörte er wieder das lockende Miauen. Und schließlich kam er auf ein offenes Feld hinaus. Es begrüßten ihn grüne Weiden, ein kleiner umzäunter Bereich, daneben eine große Scheune und – ein Hundehaus. Aus dem Augenwinkel meinte er zu sehen, wie der Kater in der Scheune verschwand. Sofort folgte er ihm. Doch etwas versperrte ihm den Weg.

Ein kleiner, struppiger und brauner Hund stellte sich zwischen ihn und die Scheune. – Er gab keinen Laut von sich. In einem Verniedlichungsanfall kniete Hans nieder und fragte diesen ’süßen Hund‘ nach seinem Namen. Als sich in seinem Hirn sogleich eine Antwort fand, musste er ein erneutes Mal erstaunt aufblicken. Dies war das Andere Land und der kleine Hund der Torwächter zur Welt der Menschen? – Eines war sicher, Hans hatte mehr als nur einen Kater. Wenn es hier aber wieder heim ging, so dachte er bei sich, bräuchte er bloß dieses Tor zu durchschreiten. – Und wieder formten sich Gedanken ohne sein willentliches Zutun. – Ja, er könnte hindurchtreten – hätten die diebischen, düsteren Milchmäuse nicht den Schlüssel gestohlen. Nun aber waren sie damit verschwunden und nur einer könnte den Schlüssel wiederbringen – das Zauberschaf. Doch dieses lebte auf der anderen Seite des Bierflusses und niemand traute sich, dort hindurchzuschwimmen, da er für Bewohner des Anderen Landes tödlich war. – Kein Problem, dachte Hans bei sich und machte sich auf den Weg.

Kaum dass er unterwegs war, bemerkte er endlich, wie seltsam dies alles doch war – oder war es das nicht? Er konnte sich einfach nicht entscheiden. Die Blumen, die ihm nachsahen und -pfiffen, die kleinen vergnügt im Gras tollenden Gummibärchen sowie die überall um ihn herum flatternden Schokolinge – irgend etwas war nicht ganz richtig. Und sollte er nicht woanders sein? Doch letztlich vergaß er diese Überlegungen wieder, als er endlich an den Bierfluss kam. Groß und Gelb sprudelte er dahin und davon, während saure Fische in ihm herumschwammen. Hans hatte keine andere Wahl als hineinzuwaten; der Fluss schien überall gleich tief und breit zu sein und Zeit eine Brücke zu suchen hatte er nicht – wobei: gäbe es eine Brücke, wären doch schon andere zum Schaf gegangen, oder? Vorsichtig durchquerte er also den Fluss, doch musste dabei ein Stück weit schwimmen und schluckte dabei viel Bier. Am anderen Ende angekommen war er nass und roch nach dem Getränk – doch war fröhlich. Nun galt es das Schaf zu finden.

Nicht weit vom Fluss entfernt begann das Käseland, wo alles aus Käse war: Boden, Hügel, Bäume, Sträucher – selbst die Bäche waren flüssiger Käse. Vorsichtig stapfte er über den harten Käseboden durch das weiche Käsegras. Plötzlich dann kam er ins Reich der Milchmäuse: Ein riesiges Schloss aus weißer und schwarzer Schokolade war inmitten des Käselandes erbaut worden. Staunend durchschritt er das große offene Tor ohne zu wissen wo er da hin ging – und wurde sofort von den Mäusen angegriffen. Mit Händen und Füßen versuchte er sich zu wehren, doch ihre Macht war größer. Schließlich landete er im kühlen Verlies der Anlage.

Verzweifelt ließ er sich auf dem Boden nieder – dies war nicht sein Tag. Während er noch überlegte, was er tun solle, hörte er von der Nachbarzelle her ein Blöken – Mäh! – War es? – Konnte es sein? Eilig lief er zur Tür seiner Zelle, blickte durch die Gitterstäbe und rief nach dem Schaf. Ein weiteres Blöken antwortete ihm – und er verstand. Schnell stellte er sich und seine Aufgabe vor – doch das Schaf wusste bereits alles; nicht umsonst war es Zauberschaf genannt. Es erklärte ihm, was zu tun sei: Alles im Schloss war aus Schokolade – ein gar tödlicher Stoff für das Schaf –, die aber auch zu hart für Menschenzähne wäre. Das Schaf aber würde ihm ein Gebiss herbeizaubern, das kräftig genug sei. Dann könnte Hans sie beide befreien – und danach würde das Schaf ihn zum Schlüssel führen. Die Milchmäuse hatten es nur fangen können, da sie es im Schlaf vorgefunden hatten – nochmal würde das nicht geschehen.

Froh jemanden zu haben, der ihm Anweisungen gab, tat Hans alles was das Schaf verlangte. Es zauberte ihm mit einem Mäh-Zauber stärkere Zähne herbei, mit welchen Hans sich durch die Tür beider Zellen fressen konnte. Zusammen mit dem Schaf – das auf zwei Beinen ging – eilte er tiefer in die Verliese des Schlosses. Immer wieder stellten sich ihnen Milchmäuse entgegen, immer wieder besiegten sie diese Ungeheuer: oft mit magischem Feuer, das sie schmolz; selten mit dem neuen Gebiss von Hans; manchmal indem das Schaf sie einfror; hin und wieder mal traten sie auch einfach nur auf die Biester. Letztlich erreichten sie das Innere des Schlosses: Eine riesige unterirdische Kammer, in der eine gewaltige Maschine immer wieder neue Milchmäuse ausspuckte. Und endlich sahen diese beiden Helden auch, wofür die dunklen Mäuse den Torschlüssel benötigten: Nicht nur, dass sie den Menschen den Zugang in das Andere Land versperren und sich selbst in das Menschenland bringen konnten – vor allem aber diente er als Ersatz für einen abgebrochenen Hebel, der die Maschine ein- und ausschalten konnte. Das Schaf drängte Hans, sich den Schlüssel zu greifen – doch da kamen bereits Hunderte von kleinen Milchmäusen auf sie zu. Und während das Schaf all seine Zaubertricks ausspuckte, von flüssigem Feuer bis hin zu Schwärmen von Ameisen, rannte Hans zu der Maschine, schaltete sie aus und zog denn Schlüssel: Sie waren siegreich; es kamen keine neuen Milchmäuse mehr und die verbliebenen zogen sich zurück.

Wieder an der Oberfläche konnte das Schaf nicht aufhören ihn immer wieder zu loben und ihm zu danken. Eine große Bedrohung war dem Anderen Land erspart geblieben, die alles hätte überfluten könnten. Hans aber war glücklich genug allein mit dem Schlüssel. Endlich konnte er wieder heim – Heim? Was war das gleich? – Als sie den Bierfluss erreichten, nahm er zwar noch einmal einen großen Schluck, doch baden musste er nicht mehr: Das Schaf zauberte ihnen beiden eine Brücke über diesen gefährlichen Strom herbei. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis sie zurück bei der Scheune und dem kleinen goldbraunen Hund waren. Dieser kam fröhlich kläffend angerannt und umsprang sie mehrmals zur Begrüßung. Doch Hans, dem der Gedanke kam, er sei zu spät zu etwas, konnte nicht mehr verweilen. Nach einer kurzen Verabschiedung ging er mit dem Schlüssel in die Scheune und steckte ihn in ein Schlüsselloch am hinteren Ende – und drehte ihn um. Aus dem Augenwinkel erhaschte er plötzlich einen Blick auf den Kater.

Nach seinem Erwachen tat ihm alles weh; daran änderte selbst das weiche Bett nichts. Schlimmer noch – ein Blick auf die Uhr verriet ihm: Die Vorlesung hatte er längst verschlafen. So beschloss er sich noch einmal umzudrehen und weiterzuschlafen, bis der Kater weg wär.


Neue Publikation: Die Flüchtige in XUN Taschenbuch 04

September 15, 2010

Die Geschichte „Die Flüchtige – im Anderen Land“ ist im XUN Taschenbuch Nummer 4 erschienen.

XUN – fantastische Geschichten: Taschenbuch der Fantastik Nr. 04


Der kleine blaue Fisch

August 15, 2009

Der kleine blaue Fisch – er sah so mächtig merkwürdig aus, dass ich ihn hier lieber nicht beschreib – schwamm fröhlich durch seinen Teich, mit seinen spitzen Zähnen noch kleinere Fische aufschreckend, und freute sich seines Lebens. Dann jedoch, eines Tages, verdüsterte sich die Wasseroberfläche über ihm. Sein wässriges Reich geriet plötzlich in Bewegung, durch etwas aufgewühlt. Es packte und zerrte ihn aus seiner Heimat. Er zappelte wild um sich, schaffte es jedoch nicht durch die feinen Maschen des Netzes zu schlüpfen. Um sein Leben fürchtend schrie er, seinen Mund wild bewegend, um Hilfe, doch niemand erhörte ihn. Durch das neue Element – die Luft – schwebend, ließ man ihn bald in die Tiefe fallen. Er spürte noch das Wasser und versuchte zu atmen, bevor die Welt dunkel wurd‘ um ihn.
Als er wieder aufwachte war dagegen alles weiß. Das Wasser in dem er sich befand, endete an einer Stelle auf einmal, dahinter sah er eine weiße weite Ebene durch die sich weiße große Gestalten bewegten.
Er blickte sich um und entdeckte in der Nähe drei weitere Fische – einen gelben, einen roten und einen grünen. Sie sahen ihm von der Form – wenn man das Form nennen darf – her ähnlich, doch konnte er sich mit ihnen nicht verständigen.
Die Weißen brachten etwas neben die unsichtbare Wassergrenze – soviel konnte er noch erkennen – und hoben dann einen Fisch nach dem anderen rücksichtslos aus dem Nass. Wieder packte ihn Panik, doch war der Flug diesmal kürzer. Er fühlte bald wieder die beruhigende Kühle des Wassers, wenn auch nicht dasselbe wie zuvor. Etwas entfernt schwammen die anderen Fische, dann kam plötzlich ein fünfter hinzu – ein gewaltiges Tier mit riesigem Rachen und tödlichen Zähnen. Die vier kleineren flohen durch ein nahes Labyrinth aus unsichtbaren Wänden. Wie durch ein Wunder schafften es alle vier in einen geschützten Bereich in den der große Räuber nicht passte. Sie wurden wieder zu dem Platz gebracht, an dem der kleine blaue Fisch aufgewacht war. Dort durften sie eine Weile ruhen und wurden gefüttert, bevor es zu einem weiteren grausamen Experiment kam. Danach hatten sie Ruhe für den Rest des Tages.
Am nächsten Morgen – der blaue Fisch glaubte zumindest das es Morgen war, denn die Sonne konnte er nicht sehen, es war einfach hell geworden mit dem Auftauchen der Weißen, ohne das er wusste, warum – war der grüne Fisch verschwunden. Er war tags davor der Langsamste und Schwächste gewesen, nun war er weg. Die Verbliebenen – Blau, Gelb und Rot – wurden zum dritten Mal umgesiedelt. Diesmal in einen noch wesentlich kleineren Teich. Dort, wo der Sand früher sein Revier abgegrenzt hätte, waren hier nur steile, glatte Klippen, unter ihm verengte sich der Tümpel – nein, die Pfütze – zu einem langen, dunklen Tunnel. Unten trieben grüne und rote Bällchen, der rote Fisch schwamm mutig und versuchsweise auf einen zu und verschluckte ihn. Er schmeckte scheinbar lecker und der Fisch hatte Hunger, also schnappte er sich noch mehr. Die anderen beiden machten es ihm nach, bis außerhalb des Tunnels irgendwann plötzlich ein lautes Geräusch ertönte. Die weißen Gestalten fischten den Roten heraus und ließen die anderen beiden im Tümpel, dann berührte eine der Gestalten etwas an dessen Rand. Der gelbe Fisch, welcher die wenigsten roten Bällchen vertilgt hatte, wurde sofort in die Tiefe gezogen. Der Blaue kämpfte dagegen um sein Leben.
Als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, stellten die weißen Lichtgestalten erstaunt fest, dass der kleine Fisch noch immer da und am Leben war. Also holten sie auch ihn raus und brachten Rot und Blau zurück in ihr Quartier. Plötzlich jedoch fing dort der Rote an heftig zu zappeln und zu schlucken. Die Weißen nahmen ihn und stocherten ihm mit einem Metalldingens im Maul herum. Zwar holten sie das Bällchen, an dem er sich verschluckt hatte heraus, doch starb er auch bei diesem Eingriff. So wurde der kleine blaue Fisch zum Sieger gekürt.

ENDE


Die Träumerin – Im Anderen Land

Juni 12, 2009

Etwas warmes weckte sie – etwas feuchtes. Verschlafen öffnete sie die Augen. Braune Knöpfe schwebten wie aufgegangene Sterne über ihr. Eine große Nase schnupperte, dann öffnete sich ein pelziges Maul. Plötzlich leckte ihr eine raue warme Zunge feucht über das Gesicht. Jetzt etwas wacher, schob sie den Bernhardiner ein Stück weit von sich, um seiner Zunge zu entkommen. Schwerfällig folgte er ihrem Wunsch, doch hechelte er freudig weiter. In schläfriger Verwirrung blickte sie sich um. Ringsherum sah sie grünbelaubte Bäume. Ihr Körper ruhte sanft auf dem Gras einer Lichtung, an moosbewachsene Felsen gelehnt. Die Sonne wärmte sie; Vöglein zwitscherten. Wo bin ich? Fragte sie sich in Gedanken. Als sofort eine Antwort ihren Geist erfüllte, blickte sie erschrocken den Bernhardiner an. Hatte er zu ihr gedacht? Nein – das konnte nicht sein. Und doch – kaum hatte sie dies wiederum gedacht, blickte der Hund sie starr an und ein Gefühl der Wärme durchströmte sie.
Dies war das Andere Land, das Land ihrer Träume – Träume? – und nicht ohne Grund war sie hier. Der Bernhardiner hatte einen Freund, einen großen Abenteurer – den Pudel. Dieser war seit einer Weile aber ausgezogen, neue Abenteuer zu suchen. Seinen Sohn ließ er für diese Zeit in der Obhut seines Freundes – des Bernhardiners. Nun war der Kleine aber wenigstens so heißblütig wie sein Vater und seinem Aufpasser eines Tages entschlüpft. Dabei dauerte es nicht lange, bis er sich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Dem Bernhardiner wurden diese Neuigkeiten zwar zugetragen, doch kein Bewohner des Anderen Landes könnte den Kleinen dort erreichen, wo er jetzt war. Dafür also hatte der Bernhardiner sie aus ihren Träumen in dieses Land beschworen. Sie, der alles wie die Wirklichkeit erschien, verlor sich in dem Gedanken, dass es nur ein Traum sei. Jetzt war es wesentlich leichter für sie nicht zu wissen, wie sie hergekommen war und gedanklich mit einem großen pelzigen Bernhardiner zu sprechen. Ihre nächsten Gedanken betrafen das ‚Was‘ und ‚Wie‘, doch der Hund gab ihr bloß zu denken, dass sie folgen und dann schon verstehen würde.
Es ging über Stock und Stein und tief in den Wald hinein. Staunend achtete sie mehr auf die Tiere des Waldes denn auf den Weg, welchen sie zurücklegten. Sie sah Schokohörnchen, welche von Baum zu Baum huschten und die überall wachsenden Schokoblumen sammelten; sie sah Gummischweinchen, die grunzend vergnügt gegeneinander stießen; sie sah Puddingfliegen, die bei jedem Flügelschlag einen Teil ihrer Selbst verloren. Und dann plötzlich stießen sie auf die Klippe. Erschrocken blickte sie in den tiefen Abgrund hinab zu einem orangefarbenen Strom, dessen Gift sie laut dem Bernhardiner sofort töten würde. Während ihr noch schwindlig war ob der Höhe vernahm sie die Gedanken, dass sie an der Klippe hinab klettern müsse zu einer Höhle, in welcher man den kleinen Pudel gefangen hielt. Er wies ihr noch den Weg zu einem Seil, das man ihr zur Hilfe bereits um einen Baum geknüpft hatte. Zeit für weitere Fragen oder Einwände blieb nicht – bevor sie sich versah war sie bereits am Klettern und der Bernhardiner verschwunden.
Mit großen Mühen erreichte sie schließlich endlich den Vorsprung, der aus der Klippe hinausragte. Sie kam nicht dazu groß über die gähnende Tiefe unter ihr ängstlich nachzudenken, sprang ihr doch sofort die Tür aus Nussbaumholz ins Auge. Kein Griff oder Knauf zierte ihre Oberfläche, doch waren dafür beide Flügel dieses seltsamenen kleinen Tors mit großen Schnitzereien von Kaninchen verziert. Verwundert und entzückt zugleich strich ihre Hand über die kunstvollen Umrisse der Tiere. Da öffnete sich plötzlich dieses Tor. Ein gähnend schwarzer Gang erwartete sie, der in die Tiefen der Erde führte. Da dieser Weg selbst für den Bernhardiner zu groß gewesen wäre, musste sie auf allen Vieren voran kriechen. Die Dunkelheit bedrückte sie, doch währte dies nicht lange, denn ohne Vorwarnung erleuchteten zahlreiche blaue Punkte den Gang, als hätten sich Glühwürmchen in den Wurzeln der Tunnelwände versteckt. Und endlich dann erreichte sie das Ende dieses Tunnels.
Es war ein Bau, in den sie da geraten war. Eine Art Höhle, etwa dreimal so groß wie sie selber kniend, von der zahlreiche Nebengänge abgingen. Wo sollte sie da bloß anfangen zu suchen? Verzweiflung machte sich breit, als sie ihren Kopf in jeden Tunnel steckte doch nie etwas sah. – Dann – ein Jaulen! Das Jaulen eines verängstigten Hundewelpen! Rasch schickte sie sich an in Richtung dieser Töne zu krabbeln. Das blaue Licht folgte ihr hierbei; als verkündete es den richtigen Pfad. Und letztlich fand sie ihn. Der kleine Pudel war dort unten alleine in der Dunkelheit, mit einem Geflecht aus Wurzeln an die Wand geleint. Herzerweichend jaulte er, verloren im Schattenreich, Doch kaum, da das blaue Licht auch ihn erreichte, hörte er auf und winselte nur noch, während er ihr Näherkommen ängstlich verfolgte. Hoffend, dass das Gespräch durch Gedanken auch bei ihm klappen würde versuchte sie ihn zu beruhigen. Als dies nichts brachte, streichelte sie ihn sanft und spürte seinen zitternden Körper. Dann machte sie sich schnell an seine Befreiung. Kaum war sie fertig, da kamen die Kaninchen.
Wild hoppelnd kamen sie heran, immer wieder kurz haltend um zu schnuppern oder an Wurzeln zu knabbern. Für die Träumerin sahen die Kaninchen gewöhnlich und harmlos aus, doch der Pudel zitterte, als fürchte er um sein Leben. Dies steckte auch sie an. Hastig krabbelte sie durch dunkle Gänge, den Kleinen mit einem Arme an sich drückend, während es hinter ihnen raschelte und kratzte, als ihnen die Kaninchen folgten. Fast war sie daran zu verzweifeln, als sich kein Weg an die Oberfläche zeigte, da bewegte sich plötzlich die Erde vor ihr und ein großer Maulwurf steckte seinen Kopf in den Gang. Seine Gedanken sprachen ihr Ruhe zu und baten sie ihm zu folgen. Während er vorankroch, war sie mit dem Kleinen im Arm dicht auf, weiter verfolgt von den Kaninchen, welche den Kleinen gefangen gehalten hatten. Nicht auf den Schmutz achtend kam ihr die Flucht wie eine Ewigkeit vor, doch schließlich erreichten sie die Oberfläche. Die Lichtung lag im frohen Sonnenschein und der Bernhardiner erwartete sie bereits. Die Flüchtigen retteten sich zu den Steinen, wo die Träumerin erwacht war. Aus der Ferne sahen sie dort wie die Kaninchen ihre Köpfe schnuppernd aus dem Loch steckten. Doch kaum schien die pralle Sonne auf ihre kleinen Häupter, da verkrochen sie sich auch erschrocken sofort wieder.
Nun endlich ließ sie den Kleinen los, der fröhlich kläffend zu seinem Oheim lief, welcher wiederum ihr überschwänglich dankte und sie zur Wiedersehensfeier des alten Pudel einlud. Gerade wollte sie zusagen, da stolperte sie und fiel hin. Ihr wurde schwarz vor Augen…
Lautes Klappern und Schaben weckte sie. Verwirrt sah sie auf und erblickte im Dunkel ihres Zimmers ihre Kaninchen am Fuße des Bettes, wie sie an ihrem kleinen Stoffhund nagten. Schnell sprang sie auf und nahm ihn ihnen weg.
„Was habt ihr denn nun wieder angestellt?“ fragte sie und streichelte den kleinen Hund, der ihr zuzulächeln schien.