Die beiden Schwestern

Januar 22, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Ælsaine: Äl-zäin
Einsæla: Äin-sä-la
Tarle: Tar-lä
Galryrm: Gäl-rirm
Kaltric: Käl-trwik

kaltric


Einst gab es in Tarle zwei Schwestern, die hießen Ælsaine und Einsæla. Letztere hatte bereits vor vielen Jahren das Haus der Eltern verlassen, lange vor dem Tod des Vaters. Niemand kümmerte sich um ihr Verbleiben, niemand hörte je etwas von ihrem Schicksal. Als dann jedoch der Vater letztlich verstarb, konnte die Mutter sich und Ælsaine nicht mehr ernähren. Da ihr diese stets ein Dorn im Auge gewesen war, setzte sie Ælsaine ohne ein weiteres Wort vor die Tür, mitten im Winter.
Ælsaine wusste nicht, was sie nun mit ihrem Leben anstellen könne. Sie wollte sich schon voll Verzweiflung den nächsten Abhang herabstürzen, da fiel ihr ihre Schwester ein. Doch wo könnte sie diese finden? Niemand hatte je wieder etwas von ihr gehört. Aber Ælsaine wusste, dass ihre Schwester immer im Nachbardorf Freunde gehabt hatte. Dort würde sie es zunächst versuchen. Gegen Nachmittag kam sie dort an. Am Dorfrand begegnete ihr ein Bauernjunge.
„Heda, Junge!“ rief sie ihm zu, und als dieser auch hielt: „Ich suche meine Schwester Einsæla, kennst du sie?“
Doch selbst nach einer genauen Beschreibung vermochte der Knabe ihr nicht weiterzuhelfen. Verzweifelt suchte sie das ganze Dorf ab und traf auf dem Dorfplatz einen alten Mann.
„Heda, alter Mann! Ich suche meine Schwester Einsæla, kennt ihr sie?“
Aber alle Versuche, diesen alten Mann zu befragen, sollten fruchtlos bleiben, denn scheinbar war er völlig taub.
Verzweifelt machte Ælsaine sich auf in das örtliche Gasthaus. Weinend brach sie dort an einem Tisch zusammen. Die Wirtin eilte sogleich zu ihr und Ælsaine klagte ihr ihr Leid.
„Ich kenne da einen Mann, der könnte dir weiterhelfen“, sprach die freundliche Wirtin ihr zu, „gehe am besten sofort zu ihr. Danach komme wieder. Du kannst heut Nacht gerne hier bleiben.“
Und Ælsaine tat, wie ihr geheißen. Der besagte Mann war Sohn des örtlichen Müllers und damit sein Lehrling.
„Heda, Müller! Ich suche meine Schwester Einsæla, kennst du sie?“
Natürlich kannte er sie, waren sie doch seit Jugendtagen Freunde gewesen. Freudig begrüßte er ihre Schwester, hörte von dieser deren Leid und erklärte ihr so denn, dass er lange nichts von Einsæla gehört hätte.
„Jedoch sprach sie stets davon, einst nach Kaltric gehen zu wollen. Sucht dort am besten nach ihr.“
Überschwänglich bedankte Ælsaine sich bei ihm. Sie unterhielten sich noch eine Weile über ihre gemeinsame Bekannte, dann kehrte Ælsaine zurück in das Gasthaus.
Früh am nächsten Morgen besorgte die Wirtin ihr einen Platz auf dem Wagen eines Händlers, der hier ebenso genächtigt hatte. Sonst hätte Ælsaine auch wesentlich länger für den Weg gen Kaltric durch den Schnee gebraucht, doch so kam sie bereits am Nachmittag dort an. Sie dankte ihrem Fahrer und machte sich sofort auf die Suche. Ebenso oft jedoch blieb sie stehen, um die ihr fremde und beeindruckende Festung. Sie wusste nicht recht, wo sie da anfangen solle zu suchen. Doch in dem Moment kreuzte ein Hund ihren Weg, so dass sie über das arme Tier stolperte und hinfiel.
„Oh! Habt ihr euch etwas getan?“ fragte ein Mann, der ihr sofort zu Hilfe eilte.
Ælsaine verneinte. Doch der Mann bemerkte sofort, wie schlecht es ihr ging und lud sie zum Essen ein. Dort erzählte sie ihm ihre Geschichte und klagte ihm ihr Leid, doch er kannte keine Einsæla. Allerdings hatte er eine andere Idee. Zusammen suchten sie nach dem Essen einen Freund des Mannes auf. Dieser war Stadtschreier, kannte viele Leute und könnte ihr sicherlich sagen, ob ihre Schwester hier in Kaltric wohne. Aber auch er wusste darauf keine Antwort. Nun waren sie jedoch schon zu Dritt und der Stadtschreier wusste jemand anderen, der ihnen helfen könnte. Die kleine Gruppe machte sich auf zu einem Küchendiener der Burg, einem Freund des Stadtschreiers, der gerade auf dem Markt seine täglichen Einkäufe machte. Dieser war berüchtigt für seine regen Besuche der Taverne und behauptete, jede Frau der Festung zu kennen. Doch auch er konnte Ælsaine nicht helfen.
Mittlerweile war es später Nachmittag geworden und Ælsaine klagte über ihren Hunger. Seit dem Mittag hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Zudem fragte sie sich, wo sie hier wohl die Nacht verbringen könne. Sofort bot der Mann vom Mittag an, ihr Unterkunft zu gewähren, doch der Küchendiener hatte eine bessere Idee: In der Burg würde man noch eine Magd gebrauchen können.
Und so wurde Ælsaine noch an diesem Tag dem Kammerherrn vorstellig, bekam eine Anstellung als Magd und einen Schlafplatz im Gesindehaus.
Am nächsten Morgen schon beschloss man, dass Ælsaine Aufgaben der Gattin des Galryrm, des Festungsherrn, zu erledigen hätte. Zunächst sollte sie ihr das Frühstück auf ihr Zimmer bringen. Oben klopfte Ælsaine höflich an, wurde hereingebeten und suchte die Herrin. Doch diese war gerade zum Baden entschwunden und Ælsaine stellte ihr das Mahl auf den Tisch.
Mittags sollte Ælsaine ihr das Kleid für den Abend bringen, welches noch in der Waschküche gehangen hatte. Auch diesmal jedoch war die Herrin gerade nicht abkömmlich und Ælsaine legte ihr das Kleid über einen Stuhl.
Am späten Nachmittag schließlich sollte Ælsaine ihr beim Ankleiden behilflich sein. Diesmal war die Herrin auch anwesend. Geduckten Blickes begab sich Ælsaine in ihr Gemach. Die Herrin sprach sie sogleich an.
„Dich kenne ich doch! – Oh, Ælsaine!“
So hatte sich die Gattin des Galryrm zu Kaltric als Ælsaines verlorene Schwester Einsæla herausgestellt. Ælsaine klagte ihrer Schwester all ihr Leid und bekam jede Menge Zuspruch. Am Abend stellte Einsæla sie der Burggemeinschaft vor und verkündete, sie hier aufnehmen zu wollen. Ihr Gatte war damit äußerst einverstanden. So wurde Ælsaine zur zweiten Herrin von Kaltric und wieder glücklich, doch die Mutter hingegen verstarb schon im nächsten Jahr.

ENDE

Kommentar

Dieses Märchen ist eines von vielen, die man sich in Tarle erzählt. Tatsächlich gab es auch einmal eine Ælsaine in der Geschichte von Kaltric, doch ist von einer Schwester Einsæla nichts bekannt. Man vermag also nicht zu sagen, wieviel Wahrheit hier zu finden ist, und wieviel davon das Volk von Tarle selbst erfunden hat.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun

Raygadun, Aleca, 22.01.3995


Momente einer Taverne

September 10, 2008

Der große Krieger hatte kurzes braunes Haar, leichten Bartwuchs und einen sonst recht muskulösen Körperbau, welcher sich in einer leicht schmutzigen, schwarzgrauen Mischung aus Plattenpanzer und Kettenrüstung versteckte. Über dem Rücken geschnallt war eine Lederscheide, in der ein Schwert steckte, sicher um einiges länger als Ezanaks Bein. Er saß auf einem Hocker an der Theke und hielt sie scharf im Auge. Schon fast die gesamte Zeit über, seit sie in dieser Taverne namens ‚Zum Macaten‘ waren.

Er hatte seinen Blick auf sie gehaftet, als sie rein kamen und Brinroc lauthals etwas zu trinken verlangte, und sich seitdem kaum etwas anderem gewidmet, höchstens noch manchmal dem Weinbecher in seiner Hand.

Ezanak versuchte ihn zu ignorieren und die anderen beiden schienen eh nur auf ihre Getränke acht zu geben. Und natürlich auf das Essen, von welchem besonders Rodym reichlich geordert hatte. Nun, nach Vollendung des Mahles, widmeten sie sich intensiv einem Misch aus Karten- und Würfelspiel, bei welchem Ezanak nur lustlos zusah und vor sich hin grübelte.

Er warf einen kurzen Seitenblick auf den Raum beobachtenden Krieger und war schon drauf und dran aufzustehen und ihn zu fragen ob er vielleicht ein Problem hätte, da tauchte aus einem Hinterzimmer der Taverne plötzlich eine Frau auf, bei deren Anblick Ezanak fast vergaß weiterzuatmen.

Er sah sie gebannt an, wie sie Richtung Tresen ging, und musterte sie genau. Mittelgroß, mit schulterlangem braunen Haar und einem Gesicht bei dem Ezanak fast zerfloss. Sie trug etwas, das man wohl gleichsam auf einem Ball als auch mitten in einem Schlachtfeld hätte tragen können; er ward sich nicht schlüssig, ob er es Wohlstandskleidung oder eine Lederrüstung nennen sollte, achtete aber dann lieber auf anderes.

Sie ging direkt an dem Krieger vorbei, warf ihm keinen einzigen Blick zu und deutete ihm nur per Wink, ihr zu folgen, was er auch tat.

Dieser Glückspilz, dachte Ezanak neidisch, doch dann trafen sich die Blicke von ihm und dem Krieger und es lief ihm kalt den Rücken runter. Da wusste er, dass dieser Mann wohl nicht der Liebhaber sondern vielmehr der Leibwächter der Schönheit war und ihn wohl als Bedrohung für seiner Herrin Wohlergehen sah. Als sie beide durch die Tür verschwanden, dachte er über dieses Ereignis nach, und es fiel ihm irgendwas Vertrautes an ihr auf, wusste jedoch nicht was.

„Ez, geht’s dir nich‘ gut?“, fragte Rodym fürsorglich als er Ezanaks gläsernen Blick wahrnahm.

Dieser wandte sich ihm, wie aus einem Traum aufwachend, zu.
„Bitte?“

„Hier, nimm ’nen Schluck!“ Rodym schob ihm einen Becher lecischen Weines herüber und Ezanak nahm eine Mundvoll.

„Danke …“

„Also warten wir jetzt bis morgen?“ erkundigte sich auch Brinroc.

„Also erwarten wir den morgigen Tag.“ Ezanak nickte.

„Un‘ dann geht’s weiter?“ wollte Rodym wissen.

„Das wird sich zeigen, ich kann es noch nicht sagen.“

„Dann lasst uns das gute Zeug hier mal vernichten!“ stimmte Brinroc an und hob seinen Krug, denn ein einfacher Becher wäre ihm zu klein gewesen.

„Jap!“ erwiderte Rodym.

Da lief plötzlich über den Tisch eine kleine dunkle und scheinbar suizidale Spinne.

„Verdammtes Ungeziefer!“ mit diesen Worten ließ Brinroc seinen Krug wieder herabsausen und direkt auf das arme Tier, dass Krug und Spinne beide ihr Ende fanden und eine klebrige Symbiose eingingen.

„Haste halt davon!“ kicherte Rodym und Brinroc brüllte lauthals, man solle ihm einen neuen Krug bringen. Oder zumindest so ähnlich drückte er sich aus, nur nicht ganz so höflich und mit mehr Schimpfwörtern sowie einer kurzen Tirade über die Haltbarkeit und Nützlichkeit der Tonkrüge in diesem nicht so wunderschönen Etablissement gespickt.

Dann frönte er wieder einer anderen Leidenschaft von ihm: mit Hilfe des Karten-/Würfelspiels Rodym das nicht vorhande Geld aus der leeren Tasche zu ziehen und ihm stattdessen einen Schuldschein nach dem anderen abzuluchsen.

Die Betten später wären ihm sicher auch nicht recht gewesen, denn in ihren Zimmern erspähte man tatsächlich weiteres solches Ungeziefer, doch konnte er zum Glück eines der Schankmädchen dazu überreden, dass sie ihn bei sich schlafen ließ. So führte Ezanak denn einen Krieg gegen die Insektenplage, während Brinroc einen der etwas anderen Art genoss.

Am nächsten Morgen wachte Ezanak mit den Ergebnissen der verlorenen Schlacht auf, mehrere schlimme Wanzenbisse, Rodym schien dagegen unberührt geblieben zu sein und Brinroc trug größere Bissspuren, wie Ezanak erstaunt wahrnahm.

„Mit einem Rezanni gekämpft?“ erkundigte er sich.

„Nein, mit ‚was wilderem“, antwortete Brinroc mit einem breiten Grinsen.

„Noch gefährlicher?“ Rodym schien tatsächlich darüber nachzusinnen.

Doch Ezanak verdrehte nur die Augen und deutete seinen Kumpanen, ihm zu folgen.

„Lasst uns gehen.“

Und sie machten sich auf den Weg.