Falerte, Teil 71: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

Oktober 8, 2014

LXX: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

 

14. 08. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Gestern durchfuhren wir den Sund von Omér. Wieder einmal  ohne Probleme, doch dann! Verflucht seien alle Winde dieser Welt! Wohin mögen sie uns wohl jetzt treiben?

Gestern Abend gerieten wir in einen Sturm und selten habe ich so einen grausamen erlebt. Wir kämpften die ganze Nacht hindurch mit Segeln und Ruder um unser Leben und verloren doch. Zwanzig meiner Männer sind tot – über Bord gegangen, auf Deck gestürzt oder von Tauen erwürgt. Viele andere haben sich Gliedmaßen gebrochen oder anderes getan. Verdammt seist du Himmel! Nun verhöhnst du uns mit deinem schrecklich dürren Sonnenschein!

Die Segel sind allesamt zerfetzt, ein Mast gebrochen und das Ruder macht, was es will. Hilflos treiben wir hier über das Meer. An sich ist dies noch nicht so schlimm, wird uns die Strömung schon irgendwann an ein Ufer treiben. Doch welches wird es sein? Kaum ein Land ist gut zu sprechen auf Toljiken. Von allen Möglichkeiten scheint Ramit das kleinste Übel zu sein. Zwar könnten die falschen Ramiten uns finden, die sich über ein verwundetes toljikisches Schiff bloß freuen würden um es mitsamt Mannschaft verschwinden zu lassen, auf dass es nie wiederkehre, doch immerhin haben wir einen echten Ramiten an Bord; allein das muss doch etwas wert sein. Sollten wir dagegen an eine der Küsten gespült werden, wo angeblich Menschenfresser hausen, so wären wir endgültig verloren.

Der Ausguck ruft! Ein Schiff!

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 70: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

Oktober 6, 2014

LXIX: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

12. 08. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Die Überfahrt verlief größtenteils ereignislos. Es war ein beunruhigendes Gefühl, die selbe Strecke wie vor über einem Jahr nun wieder zurückzufahren. Noch seltsamer war es aber, zum dritten Mal nach Abajez zu kommen. Die Stadt hatte sich in der kurzen Zeit verändert. Verschiedene Einheiten hatten Teile der Stadt abgesperrt und es gingen Gerüchte um, dass Geistwächter die Stadt durchstreiften und so mancher Bürger schon verschwunden sei. Andere hätten versucht zu fliehen und wurden dabei getötet. Immerhin war die Stadt selber aber noch ganz. Das konnte man von Elpenó nicht behaupten. Wir fuhren nur an ihr vorbei, doch schon aus der Ferne sah man die Feuer und wir mussten einen Bogen schlagen als klar wurde, dass sich Kriegsschiffe im Hafen bekämpften. Und die Tage, die wir damit verbrachten, an den Bergen von Galjúin vorbeizusegeln bildete ich mir mehr als einmal ein, in der Ferne Feuer gesehen zu haben, doch konnte dem nicht so sein. Wenigstens erschien mir nicht einmal mehr Puidor, seit wir Nardújarnán verlassen hatten, tat es schon seit Ladóra nicht mehr.

Auf der Fahrt von Abajez nach Halkus dann hatte ich mehr als genug Zeit mit Couccinne und Miruil zu verbringen. Damit uns nicht zu langweilig werde, fingen wir bald unsere in Nardújarnán gelernten Spiele wieder an, ebenso nahmen wir wieder unsere alten Übungen auf, denen wir solang nicht nachgegangen waren. Bald gesellten sich zwei unserer Mitreisenden zu uns, zunächst um nur zuzusehen, später um mitzumachen. Auch sie scheinen Krieger gewesen zu sein. Einer von ihnen brüstete sich sogar damit, Jinn gewesen zu sein, doch beeindruckt mich so etwas nicht.

Jetzt, da das alles hinter uns liegt, fühle ich mich gespalten. Ein Teil freut sich auf mein neues altes Leben, ein anderer Teil denkt reumütig an die alten Erinnerungen. Schlimmer sind die Träume, die mich immer noch manchmal überkommen und die von Feuer und Blut erzählen. In den Stunden meiner düsteren Gedanken kommt mir all das Unrecht in den Sinn und ich erinnere mich einmal mehr daran, die Familie des Caris Duimé besuchen zu müssen. Manchmal erscheint er selbst mir in meinen Träumen, mal gut, mal böse, seltener auch die anderen, an deren Seite wir fochten: Gammil, Scaric, Dosten und all die anderen.

Nach einer schier endlosen Reise erreichten wir Halkus. Wir hielten nicht lange genug, um großartige Ausflüge machen zu können, doch einen Tag mussten wir verbleiben um neue Ladung zu nehmen. Die Zeit nutzten wir, um die Stadt erneut zu besichtigen. Gleich im Hafen dann sollte mein Schreck groß sein. Starr stand ich da, im Schatten eines Torbogens und beobachtete, wie sie die Stände der Fischhändler entlang schlenderte: Ccillia, meine Ccillia! Ich hatte es nicht gewusst, woher denn auch, was trieb so ein edles Wesen nach Halkus? Schön wie eh und je, der leuchtende Stern meines Herzens. Dieses schlug schnell und drohte meiner Brust zu entfliehen bei ihrem liebreizenden Anblick, doch war es mir nicht vergönnt, ihre warme Haut an die meine zu nehmen.

Fast schon war ich auf dem Weg zu ihr, da kam ein Mann, legte seinen Arm um sie und – küsste sie. Und sie schien dies zu erfreuen. Wie zwei frisch Verliebte wanderten sie weiter über den Fischmarkt. Ich aber stand da, gram und gebeugt, des zerbrochenen Herzens Lebenssaft entrinnen sehend. Oh welch Gräuel, schlimmer als alle Schrecken von Nardújarnán! Das einzige Wesen, dem je mein Herz gehörte, im Arm eines anderen! Nie werde ich wieder glücklich sein, nie werde ich eine andere lieben können. Zum ersten Mal sollte ich mich an diesem Abend hemmungslos betrinken und wünschte nur noch meinen Tod herbei. Wären nicht Couccinne und Miruil mit an Bord, ich würde mir den Untergang des Schiffes wünschen, auf dass mein Schmerz ertrinken würde. So aber sitze ich hier, habe die anderen ausgeschlossen und fülle leere Seiten mit Tinte und Tränen.

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 69: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

Oktober 5, 2014

LXVIII: Logbuch des Obersten Seewächters Amerto an Bord der ‚Sturmwind‘

 

20. 07. 3980, An Bord der ‚Sturmwind‘.

Es gibt mir zu bedenken, wieder diese Unruhestifter an Bord zu haben, besonders, da Almez uns doch heikle Fracht mitgab, die in Abajez noch vergrößert werden soll. Ich weiß nicht, was in diesen Kisten ist, doch lässt es mich unruhig werden, sie an Bord zu haben, besonders zusammen mit diesen Nichtsnutzen. Ich habe gehört, sie schlugen ihre Beförderungen aus um einfach in die Heimat zurückzukehren. Man bedenke dies einmal, vor allem, da ich ihnen keine Taten zutraue, für die man sie belohnen müsste. Ich dagegen war in Rinuin in Gefechte gegen Remereggen verwickelt, doch bekam ich dafür eine Belohnung?

Das Wetter ist gut und die Sterne lassen auf eine schnelle und ruhige Reise hoffen. Wir werden Abajez und Halkus anlaufen, danach den Sund von Omér durchqueren und Rardisonan ansteuern. Ich frage mich in letzter Zeit immer wieder, warum die Werften neue Schiffe bauen. Ist ein Krieg gegen Aleca oder Omérian in Aussicht? Nachdem, was ich vor Remereggen und Habarien sah, kann ich aber nur sagen, dass dies keine gute Idee wäre.

Außer den Unruhestiftern und der Ladung für Rardisonan haben wir noch fünf weitere Reisende an Bord. Allesamt sogenannte freie Männer, die auf ihrer Reise in die Heimat sind. Nur einer von ihnen ist ein wirklicher Krieger, der nach Rardisonan soll. Warum soll ich hier eigentlich ‚Freie Männer‘ befördern? Für so etwas hätte ich ein Handelsschiff gekauft! Doch gut, es ist besser als drei Dutzend Raufbolde.

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 67: Brief an die Schwester

Oktober 1, 2014

LXVI: Brief an die Schwester

 

12. 07. 3980, Atáces

Geliebte Schwester,

endlich erhielt ich die Briefe von dir und Garekh, darf auch wieder frei Antworten schreiben, doch welch Unglück ist doch bei euch alles geschehen! Zunächst aber sei euch mein Dank versichert für all eure Bemühungen, Puidor zu finden. Ihr habt nichts über ihn herausgefunden und mittlerweile wundert mich das kaum. Immer wahrscheinlicher will mir scheinen, dass er nur eine Erscheinung von mir war, die mir seit Ladóra nicht mehr unterkam. Wollen wir hoffen, dass es dabei auch bleibt.

Ich bin froh zu hören, dass es Mutter und dir samt deiner Familie gut geht. Ich freue mich darauf, meine Nichte einmal kennenzulernen. Natürlich brach es mir aber fast das Herz, dass Ccillia einem Mann versprochen ist. Deine Worte spendeten mir ein wenig Trost, den Rest steuerte Couccinne bei. Trotzdem hoffe ich für sie, dass er sie glücklich macht und vielleicht wage ich es eines Tages dann auch, sie zu besuchen. Sie war die größte Liebe meines Leben. Weiterhin hat es mich bestürzt zu hören, dass Vater krank ist. Wenn es ihm tatsächlich so schlecht wie bei dir geschildert geht, werde ich alles daran setzen, bald heimkehren zu können. Habe Verständnis, dass ich aus diesem Grunde zuerst Ayumäeh ansteuern werde, danach komme ich aber zu euch.

Um diesen Brief nicht unnötig lang werden zu lassen mache ich erneut das, was sich schon einst bewährte und sende dir mein Tagebuch zu, dass dir alles Vorgefallene schildern wird. Ich weiß um deine Ängste die du hattest, als du von meinen Erlebnissen und Befürchtungen lasest, doch lass dir versichert sein, dass einiges oft in Hast oder den ersten Eindrücken eines Momentes niedergeschrieben wurde. Vielleicht stellt es sich später nach einigem Nachdenken als weniger schlimm heraus, und allgemein geht es mir eigentlich gut, doch neigt man dazu eher von schlechten Dingen zu berichten.

Vorgestern hatten wir eine Anhörung vor der Obrigkeit der Armee von Atáces, welche auch die Armee von Nardújarnán und damit einer der Stützpfeiler des Reiches von Ojútolnán ist. Ich mache es kurz: Sie zeigten sich äußerst zufrieden mit unseren Leistungen in Galjúin und Ladóra. Jedem von uns wurde endlich sein Lohn ausgehändigt, zusammen mit einer ergänzenden Belohnung. Wir alle bekamen seltsame Verdienstorden, die für mich aber schlicht Tand zu sein scheinen, selbst die zugehörigen Dolche sind nur bessere Brieföffner. Weiterhin boten sie jedem Beförderungen an. Stell dir vor, mich wollten sie zum Jinn machen!

Doch ich lehnte ab, wäre damit auch ein ruhiger und gutbezahlter Posten in einer Guigans verbunden gewesen, die ich mir hätte aussuchen können. Ich habe von all dem Kriegsspielen aber genug, ich möchte nur noch heim und deine Nachrichten verstärken diesen Wunsch nur. Also sagte ich ihnen, dass ich gehen und meinen Tošaren Castillia mitnehmen würde. Sie boten mir im Gegenzug an, ersteres zu genehmigen, würde ich auf zweiteres verzichten, zumal auf Beförderungsschiffen keine Tiere erlaubt seien. Schweren Herzens überzeugte der Hinweis mich, wenngleich ich mich auch erstens darüber wunder, wie leicht das doch ging und zweitens mir die Bemerkung auf der Zunge lag, dass es doch auch Ratten und Wanzen an Bord aller Schiffe gab.

Meine geliebte Schwester, endlich komme ich heim! Ich werde Vater besuchen und danach auch euch. Es überraschte mich, doch Couccinne und Miruil lehnten ihre Beförderungen ebenso ab und werden mit mir kommen, was mich sehr freut. Jimmo dagegen bleibt hier und wird die Ausbildung junger Kämpfer übernehmen. Er sagt, er sähe kein anderes Ziel mehr in seinem Leben. Irgendwie werde ich ihn vermissen. Ihn und Castillia, um die er sich kümmern wird, doch sonst kaum etwas in diesem Land.

In zwei Tagen reisen wir ab nach Almez. Nach Plan müsste ich in fünf bis sechs Wochen in Ayumäeh sein. Wie sehr ich es doch vermisse!

 

Dein Falerte.

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 66: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

September 29, 2014

LXV: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

07. 07. 3980, Atáces

Ich muss nach Hause, dringend! Wie schaffe ich es nur? Mir muss etwas einfallen!

Es ist schon über einen Mondlauf her, dass diese schrecklichen Dinge geschahen. Dass ich Oljó tötete sowie diese schrecklichen Kammern! Wie oft träume ich von ihnen, oh diese Qual! Bis heute wissen die anderen nicht, dass ich Oljó umbrachte, dass ich diese eklen Eier in einer der Kammern fand und zerschmetterte unter dem Geröll der Decke. Und Mosíz tut weiter so, als gäbe es nichts Böses auf der Welt, als wäre alles nun bestens! Oh dieser verblendete arme Mann. Es quält mich, stillhalten zu müssen, denn sie würden mich doch nur wegsperren. Wie traurig. Doch vielleicht wird sie ihr gerechtes Schicksal ereilen.

Wir sind zurück in Atáces. Jimmo tut mir Leid, scheint er doch sehr zu leiden, doch kann ich nichts tun. Auch mir ging Dostens Tod nahe, doch Jimmo ist seit Wochen kaum ansprechbar. Castaris dagegen war für uns nur ein gewöhnliches Opfer, das gebracht werden musste, nichts besonderes. Couccinne scheint mir als einziger zu glauben, doch weiß ich nicht, ob das gut für ihn ist. Ich bin es, der weiß was diese Wesen, diese Banditen, diese Eingeborenen wahrhaftig planen. Es scheint aber, als könnte ich das niemandem hier verraten. Die meisten würden mir nicht glauben und die, die es täten, wären dann genauso arm dran wie ich. Doch wie soll ich dieses Geheimnis mit mir herumtragen können? Wird es mich nicht wahrhaftig wahnsinnig machen, nie die sichere Wahrheit zu wissen?

Zunächst stehen aber andere Dinge an; Dinge, die mich vielleicht gut ablenken werden von all diesem Unheil. Jedenfalls hoffe ich das. In drei Tagen sollen wir vor die Obrigkeit treten. Das ist zwar kein Gericht und keine Verhandlung, doch trotzdem will man uns anhören. Selbst wenn es nur etwas mit den von Mosíz geforderten Beförderungen zu tun hat, verspricht es für mich keine freudige Veranstaltung zu werden. Ich habe Angst, etwas falsches zu sagen, sowohl, dass ich etwas verraten könnte, als auch, dass sie mich für verrückt halten – oder es nie erfahren und deshalb in ihr Unglück rennen.

Ah, ich bekam gerade Post. Briefe von Garekh und meiner Schwester… !

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 65: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces

September 28, 2014

LXIV: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces

 

18. 06. 3980, Ladóra.

Einige Wochen sind seit dem Überfall auf das Haus der Bergbanditen in Ladóra vergangen. Nun ist es Zeit, einen vorläufigen Bericht für euch zu verfassen über das, was Stand der Kenntnis ist, auch wenn der Fall noch nicht ganz abgeschlossen ist. Zunächst werde ich euch die Geschehnisse der 28. Nacht des 5. Mondlaufes schildern, begleitet und gefolgt von unseren dort gewonnen Erkenntnissen, weiteren Absichten und abschließen mit dem, was noch zu geschehen hat. Der Krieger Falerte Khantoë hilft mir beim Verfassen des Berichtes, da ich aufgrund meiner Handverletzung immer noch nicht ganz in der Lage bin, selber zu schreiben.

Etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit machten Geistwächter Castaris und ich sowie unsere Begleittruppe sich auf den Weg. Der Krieger Oljó y Becal war spurlos verschwunden und wir hatten keine Zeit ihn zu suchen, doch darauf komme ich noch zurück. Die Obrigkeit von Ladóra war dank unserer Befugnisse so freundlich, uns acht weitere Krieger an die Seite zu stellen, somit zählten wir also 15. Unseren Männern wurde zuvor von Castaris erzählt, sie sollten dabei aufgrund  ihrer Unerfahrenheit zurückbleiben, doch tatsächlich sollten sie vorausgehen. Das erfuhren sie aber erst vor Ort. Wir trafen auf die zusätzlichen Krieger in der Guigans und gingen mit ihnen zu dem Anwesen, wo die Banditen untergekommen waren. Weitere Einheiten umstellten es großräumig, um niemanden entkommen zu lassen und uns in der Not beistehen zu können. Wie sich herausstellte, war das aber nicht notwendig.

Das Anwesen ist ein mittelgroßes Gelände. Es besteht aus zwei größeren Häusern sowie Stallungen und einem Lagerhaus. Die Nordseite liegt am See, die ganze Anlage im Osten der Stadt, unweit des Parks. Das Lagerhaus steht am See und besitzt einen Pier zum Anlegen kleiner Frachtflussschiffe. Im Süden besitzt das Anwesen einen kleinen Hof, die ganze Anlage ist von einer Mauer umschlossen. In den letzten Tagen hatten wir das Anwesen gut beobachtet, uns das Verhalten der Wachen eingeprägt sowie versucht über das Innere der Gebäude herauszufinden, was möglich war; jedoch gelang letzteres nicht. Nur ein Mann, der keiner von unseren Banditen war, bewachte jeden Abend bis in die Nacht den Hof und wurde dann abgelöst.

Als wir unfern des Hofes waren, gaben Castaris und ich den anderen unseren Plan preis. Es entstand erwartungsgemäß Unruhe, doch konnten wir diese eindämmen, da sie nun auch keine andere Wahl mehr hatten. Der Plan sah vor, dass Castaris und ich als erstes reinschlichen, um den Wächter auszuschalten und zu sehen, ob die Luft rein sei. Dann würden wir das Außentor den anderen öffnen, damit sie nachfolgen könnten. Daraufhin wollten wir herausfinden, wo die Banditen sich genau aufhielten und sie im Schlaf oder beim Feiern überraschen.

Natürlich lief es nicht nach Plan. Es klappte noch gut, den Wächter niederzuschlagen und zu fesseln, ab da geriet aber alles durcheinander. Weder hatte der Wächter wie in den Nächten zuvor einen Schlüssel bei sich, noch ließ sich das Tor anders öffnen. Wir entschieden uns, einen Schlüssel zu suchen, denn die Kämpfer auch einsteigen zu lassen wäre möglich gewesen, doch wären wir dann von der Verstärkung draußen abgeschnitten gewesen. Wir fanden den Schlüssel schließlich in einer kleinen Hütte nah des Stalles, die wohl für die Nachtwache zum Ausruhen gebaut worden war.

Nachdem wir endlich die anderen einlassen konnten, schlichen wir nacheinander in die Häuser, um festzustellen, wo sich die Banditen sowie andere Anwohner gerade aufhielten. Wir hofften, sie würden gerade alle schlafen, dann hätten wir sie leicht überraschen können, doch dem war so nicht. Wir vermuteten, sie würden gerade feiern und sich betrinken, doch schließlich mussten wir feststellen, dass sich in beiden Häusern niemand aufhielt. Das verwirrte uns, hatten wir doch das Anwesen ständig beobachten lassen und niemand hatte es betreten oder verlassen. Nun blieb die Möglichkeit eines geheimen Versteckes. Während wir dies suchten, fanden wir genug schriftliche Unterlagen, die die Schuldigkeit der Beteiligten genügend beweisen und ihre Pläne aufdecken.  Sie wurden euch bereits zur Untersuchung überstellt. Offenbar planten die Banditen, ihre räuberische Herrschaft auszubauen, indem sie in Galjúin einen richtigen Stützpunkt errichten wollten, unterstützt von einigen verfaulten Obrigkeiten und Dörfern, vor allem aber Elpenó, Abajez, Bacáta und Pórga. Ich hoffe, ihr habt mittlerweile dorthin bereits Einheiten entsandt.

Schließlich gelang es dem Krieger Couccinne Carizzo, einen geheimen Gang zu finden, der von den Kellern unter dem Anwesen hindurch Richtung Stadt, genaugenommen zum Park, führte. Mittlerweile wurde er verschüttet, damit man ihn nicht noch einmal für derart unheilige Mittel nutzen kann. Vorsichtig machten wir uns in dieser Nacht auf den Weg diesen Gang entlang. Er war breit genug für drei Männer nebeneinander und hin und wieder von Fackeln erleuchtet. Dies ermöglichte uns den Blick auf sonderbare Zeichnungen und Schriften an den Wänden, die aussahen wie mit Blut geschrieben. Auch lagen in diesem ganzen Gang, der manchmal Biegungen machte, seltsame Gerüche nach Erde und etwas Süßlichem.

Der Gang endete letztlich an einer Kammer, die nun auch verschüttet wurde, mitsamt den anderen Räumen. Diese Kammer zunächst war klein und schmucklos und öffnete sich in einen größeren Raum, die Öffnung nur durch Vorhänge verhangen. Castaris und ich warfen einen Blick hindurch um wahrhaft Ekliges zu sehen. Der Raum war halb so groß wie das ganze Anwesen und von weiteren Fackeln an den Wänden erleuchtet. Seine Form war die eines Achtecks, von jeder Seite ging eine weitere Kammer ab. Wie wir später herausfanden, hatte nur eine davon einen weiteren Ausgang zur Oberfläche, in den Park. Der Raum war ein Trichter; der Boden fiel zur Mitte hin langsam ab, dort war eine Vertiefung, breit genug für zwei Menschen. Auch die Wände dieses Raumes waren mit Zeichen beschmiert.

Um die Vertiefung herum standen fünf eiserne Stangen in einem Halbkreis, auf jede hatte man einen menschlichen Schädel gesteckt; sie stellten sich als die Opfer des ‚Schlächter von Ladóra‘ heraus. Jedoch gab es um die Wände herum 16 weitere, größere Spieße, dort hatte man die Vermissten aufgespießt. Diese Banditen steckten also hinter den Verbrechen in Ladóra. Männer und Frauen, darunter auch unsere Verfolgten, standen auf einer Seite des Raumes, dort, wohin sich die Öffnung des ekligen Halbkreises neigte. Sie schienen in Gebete vertieft; ein Mann stand dabei wir ein Hohepriester vor der Masse, welche etwa vierzig zählte. Zwei bewaffnete Männer zerrten aus der anderen Kammer gerade eine Frau.

Castaris und ich hatten genug gesehen, wir gaben Zeichen, diese stinkende Eitergrube zu stürmen. Die meisten Anwesenden waren unbewaffnet, es gab nur etwa acht Wachen. Bei unserem Anblick versuchten die meisten zu fliehen, der Priester schleuderte uns Flüche entgegen und die Wachen griffen an. Castaris gab Befehl den anderen Ausgang zu verstellen, damit niemand flüchten könnte. Sobald dies geschehen war, sprangen viele Anwesende in die Vertiefung, spießten sich selber auf den Pfählen auf oder suchten andere Mittel, sich das Leben zu nehmen. Wir konnten kaum etwas davon verhindern, so dass wir letztlich nur wenige von ihnen gefangen nehmen konnten.

Obwohl es nur acht Wächter gewesen waren, hatten wir fünf Tote zu beklagen, darunter Castaris sowie den Jungen Dosten Aschengrau. Im Gegenzug konnten wir nur vier Gefangene machen. Alle redeten sie später irr, drei von ihnen konnten sich das Leben nehmen. Immer wieder erwähnten sie die Begriffe Šamrek und Fahach, doch können wir damit nichts anfangen. Der letzte überlebende Gefangene ist überhaupt nicht vernünftig ansprechbar. Immerhin aber haben wir alle nötigen Beweise und Hinweise. Es ist genau verzeichnet, wo sich das Hauptlager befindet, nämlich in den Bergen bei Pórga. Weiterhin verzeichnet sind die in die Sache verwickelten Mitglieder der Obrigkeiten und anderer Teile des Landes sowie einige Dörfer der Eingeborenen, die mit ihnen gemeinsame Sache zu machen scheinen. Die Armee darf nun wohl einige Zeit lang Verräter niederschlagen.

In den Tagen nach dem Überfall sichteten wir die Beweise und ließen diesen unheiligen Ort in Ladóra verschütten. Dabei bemerkten wir, dass der andere Ausgang in den Park führte, wo nah dessen Austiegs versteckt die Leiche des Kämpfers Oljó y Becal lag. Wir können nur vermuten, warum er dort lag, doch hoffen wir den Grund darin suchen zu können, dass er alleine vorgehen wollte. Auf jeden Fall hat er seine Schuldigkeit getan.

Auch muss ich noch die anderen beteiligten überlebenden Krieger belobigen, als da wären: Miruil Enfásiz y Calerto, Jimmo, Couccinne Carizzo sowie Falerte Khantoë. Ich überlasse euch die Entscheidung, was nun mit ihnen zu tun ist, doch empfehle ich eine Beförderung. In etwa einem Mondlauf werden wir fertig sein, dann kehren wir zu euch zurück und werden noch einmal vorsprechen.

 

Ich habe den Krieger Khantoë nun fortgeschickt. Entschuldigt die Schrift, ich muss jetzt allein mit Links schreiben, doch muss ich euch noch etwas zu den Kriegern ergänzen, dass diese nicht erfahren dürfen: Keiner außer Enfásiz scheint mir noch für den Kriegsdienst geeignet, entlasst sie lieber. Jimmo ist kaum ansprechbar, seitdem Aschengrau tot ist, den er als Sohn ansah. Khantoë fing wieder von seinen alten Geschichten über Monster in den Bergen an. Ich glaube, er übertreibt die Tatsachen etwas. Diese Banditen waren eine große Bedrohung, sind nun aber Geschichte. Leider scheint ihm Carizzo auch noch zu glauben. Es wäre möglich, dass sie bewusstseinsverändernde Pflanzen nehmen oder man sie ihnen unbemerkt beigemengt hat. Das würde ihr Verhalten zumindest erklären. Auf jeden Fall sollte man sie unter Verschluss halten oder entlassen.

 

Hochachtungsvoll,

Geistwächter Mosíz.

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 64: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

September 26, 2014

LXIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

19. 05. 3980, Irgendwo vor Ladóra.

Wir müssen kurz vor Ladóra sein. Es gab keine aufregenden Vorfälle seitens der Banditen mehr, doch Oljó verhält sich weiter seltsam. Einmal verlangte er von uns, dass wir umkehren müssten, doch konnte keine gute Begründung liefern, warum wir das hätten tun sollen. Dazu befragt wirkte er verwirrt, als sei ihm nicht bewusst gewesen, dies gesagt zu haben. Wir ließen ihn bald in Ruhe, er uns dafür immerhin ebenso. Das sehe ich schonmal als Verbesserung.

Dosten, der bessere Augen als wir hat, meinte im Osten Feuerschein und Rauch zu sehen. Im Osten sind aber nur in der Ferne die Berge zwischen den Ebenen von Ladóra und dem Flussland des Tajazi bei Cabó Canguina. Laut Mosíz ist diese Gegend nicht bewohnt, jedenfalls nicht von Toljiken. Wir versuchten das also nicht weiter zu beachten, was nicht ganz so schwer war, da wir anderen dort sowieso kaum etwas erkennen konnten. Manchmal beneide ich Dosten um seine Augen.

Gestern kamen wir an dem zweitgrößten der zahlreichen kleinen Seen des Canlar vorbei. Das bedeutet, dass der größte See und damit Ladóra in greifbarer Nähe liegen müssen. Westlich des Canlar sehen wir ausgedehnte trockene Ebenen, die bis zum Ladú Rachín gehen sollen, östlich liegen die fruchtbaren Ebenen durch die wir reiten, die sich bis hin zu den Bergen erstrecken. Nördlich von Ladóra, so erzählte Mosíz, würde dagegen der Wald dichter werden und schließlich in den großen Wald übergehen, der einst zu meinem Schrecken wurde.

Castaris habe ich in den letzten Wochen nur noch hassen gelernt. Er treibt uns an wie Tiere und sein einziges Ziel scheint es zu sein, endlich diesen Fall zu lösen. Mosíz dagegen ist eher der freundliche Vater, der mit uns spricht und Castaris öfter beschwichtigen muss. Ich werde aber weiter das seltsame Gefühl nicht los, dass die beiden mit uns bloß ein Spiel treiben. Immerhin müssen Geistwächter in viele Rollen schlüpfen können. Wielange mag es also noch dauern, bis sie uns ihr wahres Gesicht zeigen?

Um auch noch über etwas gutes berichten zu können: Mein Hintern hat sich allmählich an das Reiten gewöhnen können. Endlich keine Schmerzen mehr! Auch habe ich mich stark genug an mein Tošaren gewöhnt, dass ich überlege, es vielleicht zu behalten. Es sollte doch sicherlich irgendwie möglich sein, Castaris zu überzeugen, es mir zu überlassen. Er wird es einfach tun müssen. Sicherlich fällt mir etwas ein, sobald wir soweit sind. Ich wollte es Ccillia nennen, doch wäre das seltsam, sollte ich beide Ccillias je zusammen sehen. Stattdessen nannte ich es schließlich Castillia, auch, um Castaris zu ärgern, doch schien dieser das nicht zu bemerken.

 

26. 05. 3980, Ladóra.

Es scheint fast vorbei zu sein. Castaris und Mosíz meinen, dass es hier in Ladóra genug Beweise geben wird, die Banditen der Obrigkeit zu überführen. Morgen Abend soll das Haus, welches sie am Stadtrand bewohnen, gestürmt werden. Heute sprach Castaris mit der Obrigkeit hier, welche einwilligte. Zuvor gingen wir natürlich sicher, dass sie nicht auch darin verwickelt ist. Die beiden scheinen jedenfalls sicher genug, dass dem nicht so ist. Nun haben diese beiden also Unterstützung von der Obrigkeit. Ich weiß nicht, was die Geistwächter getan haben, doch man willigte ihnen bereits ganze Truppenteile zu, um morgen das Anwesen am Stadtrand zu durchsuchen. Wird es dann endlich zuende sein? Und was wird man herausfinden? Ich bin mehr als gespannt. Glücklicherweise werden wir uns dabei im Hintergrund halten können.

Ladóra ist eine kleine Stadt, gelegen hier in Fuiran, ähnlich wie Cabó Canguina und Aiduido Elazar ein Tor in den Borden. Ladóra liegt am Südende eines größeren Sees, der Teil des Flusses Canlar ist. Da der Fluss bis hierher und noch weiter gut befahrbar ist, mauserte sich Ladóra schnell zur Handelsstadt. Von den letzten Außenposten im Norden kommt vor allem Holz, das in den Süden gebracht wird. Derzeit liegt aber eine seltsame Stimmung über der Stadt, da in den letzten Mondläufen zunächst viele Menschen von einem Mann namens ‚Schlächter von Ladóra‘ geköpft worden waren und später andere verschwanden. Also wohl doch keine so behagliche ruhige Grenzstadt. Eigentlich scheint Ladóra auch eher Abenteurerstadt zu sein, ist dies doch die letzte Stadt vor der weiten Wildnis.

Die Obrigkeit gab uns Unterkunft in der örtlichen Guigans, welche im Osten der Stadt am See liegt. Kaum hatten wir sie betreten, da blieb kurz mein Herz stehen und mir wurde heißkalt trotz der Sommerhitze, derweil die Welt um mich schummrig wurde. Couccinne musste mich stützten. Als er nach dem Grund fragte, schob ich es auf die Hitze. Der wahre Grund ist aber, dass unser Zimmer im ersten Stock liegt, über eine Treppe erreichbar ist und nach unten hinausgehend man sogleich neben den Stallungen steht. Wie ich bald herausfand, hat die Stadt auch einen kleinen Park, gelegen auf einer kleinen, von Kanälen gebildeten Insel. Ich wagte es aber nicht mich zu erkundigen, ob man dort je des Nachts seltsame Vorgänge beobachtet hat. Lieber legte ich mich einmal selbst auf die Lauer und entdeckte zu meinem Glück nichts.

Trotzdem beunruhigt es mich sehr, ein Zufall kann das nicht sein. Ich war noch nie zuvor in Ladóra gewesen, also wie kann das sein? Hatte ich vielleicht einmal unterwegs aufgeschnappt, wie jemand von Ladóra sprach und dies beschrieb? Ich weiß es nicht, doch scheint es mir die einzige Möglichkeit. Immerhin weiß ich, dass ich in diesem Zimmer kaum ruhig schlafen kann. Ich hoffe sehr, wir sind bald fertig in Ladóra, denn trotz des schönen Sees kann ich es so nicht aushalten.

Auch in den anderen scheint die Rückkehr in den Norden verschiedenes ausgelöst zu haben. Couccinne meint düstere Strömungen in der Luft zu spüren, Jimmo scheint die Nähe des Waldes nicht zu behagen. Miruil ist wohl der einzige von uns, der mit allem recht zufrieden ist; dies scheint seine Gelüste nach Abenteuern bereits genug zu befriedigen. Oljó ist es aber, der sich wahrlich am ungewöhnlichsten verhält. Immer noch ist er verdächtig ruhig und zurückhaltend. Oft verschwindet er Abends, um erst spät in der Nacht wiederzukommen. Ich vermute, dass er in alte Gewohnheiten verfallen ist. Allerdings ist es wahrhaft nicht die richtige Zeit, um Häuser zu plündern oder zum Glücksspiel zu gehen. Ich verzichte aber darauf, es Castaris oder Mosíz zu melden.

Eigentlich sollten wir nun schlafen um für Morgen ausgeruht zu sein, doch gerade bemerkte ich, dass Oljó fehlt. Ich werde ihm nachgehen.

 

27. 05. 3980, Ladóra.

Oljó y Becal ist tot und ich habe ihn umgebracht! Sollten die Geistwächter dies je erfahren, so werde ich auch tot sein! Wie sollte ich ihnen das schon erklären? Und doch – ich handelte rechtmäßig, er hat sein Schicksal verdient. Ob auch die anderen mir dies glauben würden? Mich quält mein Gewissen, obwohl es so hatte kommen müssen. Das erste Mal musste ich einen Menschen töten – selbst auf dem Tajazi sah ich mich nicht dazu gezwungen. Jetzt kannte ich mein Opfer zu allem Überfluss auch noch, hatte viele Monde mit ihm verbracht. So sehr ich ihn auch hasste, er war doch ein Mensch – und nun nicht mehr. Hätte man ihn vielleicht von seiner Verblendung abbringen, ihn auf den rechten Pfad zurückführen können? Ich weiß es nicht, es ist auch zu spät. Ah, ich verliere noch den Verstand! Ich muss es niederschreiben, wenn auch nur um mir zu beweisen, dass es so sein musste.

Noch weiß keiner der anderen davon, seine Leiche – mir schaudert es bei diesem Gedanken – liegt noch immer dort, wo es geschah. Sicherlich würde man die Richtigkeit meines Handelns einsehen, doch habe ich nichts, dies zu beweisen. Werde ich ihn vermissen? Nein. Zweifel ich an der Notwendigkeit? Nein. Und doch wäre es mir lieber gewesen, hätte es ein anderer getan. Sicherlich wird man ihn bald vermissen. Immerhin ist bald der Überfall auf das Anwesen. – Was nun, was tun? Ich sollte zu Couccinne gehen, er wird mir glauben und helfen. Vielleicht auch Miruil, vielleicht auch Jimmo? Sie werden mir glauben!

Ach, hätte er sich doch bloß nie auf diesen unheiligen Bund eingelassen, so wäre ich auch nicht zu meiner Tat gezwungen gewesen. Doch er erzählte es mir, er gab es mir gegenüber selbst zu. Es ist bedenkenswert, zu welchen Schandtaten manche doch bereit sind, selbst ihre eigenen Rasse, ihr eigenes Volk verraten sie und opfern es ihrer Verblendung. Ich werde hier festhalten, was er tat, um mich immer daran erinnern zu können, solchen Verlockungen zu widerstehen.

Es war zu Beginn der Nacht da ich merkte, dass Oljó nicht in seinem Bett war. Da ich selber noch angezogen und nun neugierig war, machte ich mich auf die Suche nach ihm. Ich ging hinab in den Hof, wo ich bemerkte, dass die Türen zu den Ställen offen waren. Drinnen war es dunkel. Ich sah vorsichtig hinein, bemerkte nichts und ging hinein. Die Tiere waren ruhig und ich machte mich bereits wieder auf den Weg hinaus, da sah ich draußen im schwachen Schein der Fackeln im Hofe eine Bewegung. Schnell huschte ich zum Tor um zu sehen, was das war: Oljó ging gerade aus unserem Bereich zu einem der Seitentore. Ich hatte ihn! Nun galt es noch zu folgen. Doch was war das? Als er an einer Wandfackel vorbeikam, beschien das Feuer sein Gesicht. Nie hatte ich dieses so ausdruckslos erlebt, als würde er schlafwandeln. Etwas aber leuchtete kurz in seinen Augen, dass mir Schauer verursachte.

Oljó war in voller Tracht, ein Schwert hing an seiner Hüfte. Ruhigen Schrittes ging er vorwärts, öffnete die Seitentür und verließ die Guigans. Ich folgte ihm, nachdem ich mich kurz versichert hatte, dass die Nachtwache uns keine Aufmerksamkeit schenkte. Oljó bewegte sich ohne Sorge durch die Straßen, blickte sich nicht um, bemerkte mich nicht. Trotzdem eilte ich von Schatten zu Schatten, um sicherzugehen. Bald kam er zu dem Park. Er wurde bereits erwartet. Zwei Gestalten, dunkel verhüllt, begrüßten ihn schweigend und deuteten ihm zu folgen. Sie durchquerten zusammen den Park und waren dann auf einmal verschwunden.

Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was geschehen war. Was mich auf die richtige Spur brachte waren die Geräusche, die ich aus einem der Büsche kommen hörte. Offenbar gab es dort einen Zugang zu etwas Unterirdischem. Ich war in Versuchung, dort hinabzusteigen, doch die Lautstärke der Geräusche hielt mich ab. Man hörte es von oben kaum, trotzdem wäre ich wohl sofort in eine Gesellschaft geraten. Stattdessen entschloss ich mich zu warten, bis Oljó wiederkäme, und solang den Park zu genießen.

Es sollte gut ein bis zwei Stunden dauern, bevor sich in dem Gebüsch etwas tat und Oljó allein herausgekrochen kam. Er sah unverändert aus, doch ein Strahlen lag in seinem Gesicht. Ohne zu warten machte er Anstalten, zur Guigans zurückzukehren. Ich folgte ihm nur ein paar Schritte, da sprach ich in gewöhnlicher Tonlage seinen Namen; er hörte mich sofort. Ich wollte ihn zur Rede stellen, doch er kam nur lächelnd auf mich zu und begrüßte mich; das war ich nicht von ihm gewohnt. Ich fragte gerade heraus, was er getan hätte, und er gab mir die erschreckende Antwort.

Er begrüßte mich als Kind des Puidor, wobei er meinte, dass dies nicht dessen wahrer Name sei, und nannte mich einen Bruder. Recht frei erzählte er mir von seinem Treffen dort unten, mit den Häuptern der Banditen sowie Gesandten aus Ašckhir. Mir schauderte bei diesen Erzählungen, doch für ihn schien alles normal zu sein, als sei ich einer der ihren. Es war offensichtlich, dass Oljó für diese Bestien arbeitete. Er hatte uns also verraten – und nicht nur uns, die gesamte Menschheit. Als führten wir nur einen Plausch über das Wetter, so erzählte er mir, wie gut die Planungen vorankämen und dass wir über die Welt herrschen würden, hätten wir sie erst einmal zerstört. In mir wuchs der Wunsch zu fliehen, zu schreien, doch ich unterdrückte es, um mehr von ihm zu erfahren. Ich fragte ihn, was genau er gemacht hätte und er antwortete, dass er nur zur Besprechung gegangen sei und sich gewundert hatte, warum ich nicht auch gekommen war, doch könnte ich immer noch gehen; Puidor würde mich erwarten.

Während ich begann zu zweifeln, ob er überhaupt noch Verstand besäße, fing auch er an sich zu wundern. Er meinte, es sei doch offensichtlich gewesen, dass ich auch Teil des Ganzen sei, doch verstanden hätte er dies das erste Mal in Ašckhir, als er sich dort der Versammlung hingab statt von ihr vernichtet zu werden. Ob ich mich nicht auch auf die nächste Vereinigung, auf den Zeitpunkt der Toröffnungen aller Festen der Welt freuen würd? Langsam überkam mich nur noch Ekel. Was hatte man ihm nur versprechen können, dass er solche Dinge tat? Endlich schien er meinen Blick richtig zu deuten und zog langsam sein Schwert, während er fragte, warum ich mich nicht freuen würde. Ich antwortete ihm frei heraus, wie wahnsinnig er und die anderen doch seien, dass man sie aufhalten müsse. Oljó sagte noch etwas seltsames, dass mein Anhänger Schuld sei, dass ich nun sterben müsse wie Duimé, der auch zuviel gewusst hätte. Seinem Angriff konnte ich aber ausweichen, entgegnen und nun ist er tot.

Ich weiß nicht, was mit seinem Körper geschah, denn ich floh nach meinem ersten Schlag hierher. Jetzt da ich mich beruhigt habe, werde ich zu Couccinne gehen, würden alle anderen mich doch für verrückt erklären, es fiel mir selber schon beim Schreiben ein. Kann ich mir auch sicher sein, ihn getötet zu haben? War das nicht vielleicht wieder nur eine Erscheinung? All die Dinge, die mir keiner glaubt, kamen darin vor. Puidor war stets mein eigener Alptraum gewesen, wie könnte er ihn gesehen haben? Und doch, er könnte von meinen Erzählungen gehört haben und meinte, mich quälen zu können. Wie kann ich sicher sein? Was ist Schein, was ist Wahrheit? Couccinne…!

In ein paar Stunden beginnt der Überfall.

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 63: Notizen des Geistwächters Castaris

September 24, 2014

LXII: Notizen des Geistwächters Castaris

 

18. 05. 3980

Langsam frage ich mich, ob die Banditen nicht nur mit uns spielen. Vielleicht hatten sie uns schon längst bemerkt und führen uns nun auf eine falsche Fährte, während sich die Wahrheiten woanders verbergen. Mosíz ist nicht meiner Ansicht, er meint, er hätte dies in seiner Gefangenschaft sonst bereits erfahren. Doch wie kann er da sicher sein, schließlich erfuhren wir auch erst in Abajez, dass sie ein anderes Hauptlager haben. Ich hoffe, dass, sollten wir versagen, die anderen Geistwächter, vor allem in Cabó Canguina, mehr Erfolg haben. Die Banditen müssen aber hauptsächlich in Galjúin und Fuiran tätig sein; sollten sie noch weiter im Osten sein, dürfte Nardújarnán vor einem wirklich großen Problem stehen. Doch bis zu meiner Abreise konnte ich mich auf Atáces verlassen, da bin ich mir sicher.

Den Männern, die sie mir mitgaben, merkt man immer häufiger an, dass sie bloße Schwertfänger sind. Jeder von ihnen hat zuviele Nachteile um ein wahrer Kämpfer sein zu können, weshalb sie für die eigentliche Armee untauglich waren. Hätte Duimé nicht kurz vor einer Verhandlung aufgrund seiner aufbrausenden Haltung gegenüber Vorgesetzten gestanden, er hätte wohl niemals so einen Auftrag angenommen. Wenigstens zwei der Männer, mit denen ich reise, müssen wahnsinnig sein. Dieser Oljó, der mir anfangs nur hinterhältig und gewalttätig erschien, scheint Wahnvorstellungen zu haben. Hoffentlich macht ihn das nicht völlig untauglich, sonst muss ich ihn nach Atáces zurückschicken oder ihm einen Unfall bereiten. Weiterhin stimmt etwas mit diesem Khantoë nicht, der zwar nicht mehr auf die seltsamen Geschichten besteht, die er während seiner Behandlung erfand, doch auch er wirkt oft, als hätte er Geister gesehen. Ich stehe kurz davor ihm sein Buch wegzunehmen, damit er das Grübeln lässt, doch könnte dies seine Nützlichkeit einschränken.

Mosíz dagegen scheint sie zu mögen, doch Mosíz war schon immer selber seltsam.

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 62: Bericht des Außenposten Médyhúda an Atáces

September 22, 2014

LXI: Bericht des Außenposten Médyhúda an Atáces

 

17. 05. 3980

Die Angriffe der Eingeborenen auf uns lassen langsam nach. Nur dank der steten Verstärkungen und des Schutzes der Wasserwege zwischen Médyhúda und Húalis durch Kriegsschiffe konnte das Fortbestehen dieses Außenpostens gewährt werden. In all der Zeit haben die Angreifer ihre Vorgehensweise nicht geändert. Immer wieder haben sie uns belagert, ihre Speere geworfen, Feuer entzündet außerhalb des Lagers – und immer wieder sind sie schließlich abgezogen ohne etwas erreicht zu haben. Einige wenige Male versuchten wir Ausfälle, sie zu vertreiben. Nur unter Verlusten konnten wir sie zurückdrängen, doch jedes Mal erschienen bald neue feindliche Einheiten. Zuletzt haben wir eine Weile lang versucht, ihre Belagerung nicht zu beachten, nur für die Sicherheit der Versorgungsschiffe zu sorgen. Erst als erneut eine Armee von euch eintraf, konnten wir sie endgültig vernichten.

Seit einem Mondlauf haben wir nichts mehr von ihnen gesehen. Unsere fähigsten Späher durchsuchen den Wald nach Spuren, um vielleicht auch ihre Heimatdörfer zu finden, damit wir sie zerstören können, doch berichten sie nur immer wieder, nichts gefunden zu haben. Es ist fast, als hätte es hier in diesem Waldabschnitt niemals Eingeborene gegeben. Manch ein Kämpfer munkelt etwas von Geistern, doch erlauben wir solche Gerüchte nicht. Unheimlich ist aber tatsächlich, dass wir manchmal nachts draußen im Wald Trommeln hören können. Schicken wir dann einen Späher los, findet er nie etwas, egal ob tagsüber oder gleich in der Nacht.

Unabhängig von diesen Begebenheiten meinen wir jedoch hiermit berichten zu können, dass Médyhúda endgültig zurückerobert und befriedet ist. Wir erwarten eure Entscheidung, ob nun alle zusätzlichen Einheiten sofort abziehen sollen oder ob sie hier noch verbleiben. Wir sehen aber keinen Grund anzunehmen, dass diese Dörfer noch zu finden sind, weshalb wir die Truppen nicht mehr benötigen sollten.

 

(Siegel des Außenpostens Médyhúda)

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.


Falerte, Teil 61: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

September 21, 2014

LX: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

05. 05. 3980, Abajez.

Um Mitternacht krähte ein Hahn. Langsam erhob ich mich von dem Bett, welches ich mir mit Miruil und Couccinne teilte. Rasch zog ich mich an, um danach die Stufen hinabzugehen. Im Hof angelangt nahm ich mir ein Schwert aus dem Stall. Auf meinem Weg durch die Stadt hinüber zu dem kleinen Park kam ich an dem Hahn vorbei, bei dem ich mich mit dem Schwert bedankte. Seine blutigen Überreste nahm ich mit.

Schließlich erreichte ich den Park, an dessen Pforten mich bereits zwei der Fahach erwarteten. Ihre schuppigen, dunkelblauen Gesichter grinsten mich an, sofern sie dies überhaupt können. Dann drehten sie sich um und gingen in den Park, ich folgte ihnen. Wir erreichten bald den Platz, an dem das Opfer wartete. Fünf Spieße bildeten einen Halbkreis, auf die fünf Köpfe gesteckt waren. Zwei erkannte ich als die von Castaris und Mosíz, ein weiterer schien Duimé zu sein, die anderen mir unbekannte Frauen. Drei dunkelhäutige Eingeborene eines mir nicht geläufigen Stammes warteten bereits, die Oberkörper entblößt, kniend hinter den Spießen. Die Fahach stellten sich zwischen sie, wie es verlangt war.

Innerhalb des Halbkreises lag das Opfer, eine junge Frau, entkleidet wie es sich gehört. Ich nahm meine Stellung an der offenen Seite des Halbkreises ein. Nachdem ich sie mit dem Blut des Hahns geweiht hatte, begannen wir zu singen. Wir lobten die Fahach, priesen Ašckhir und beschworen das Glück für Šamrek sowie den anderen Festen: für Ijenreich, für Dalchon, für Werzan und all den anderen. Wir endeten damit, die Zerstörung von Nardújarnán und der Welt freudig zu erwarten.

Dann wollte ich die Opferung durchführen, doch plötzlich begann der Anhänger, den ich um den Hals trug, glühend heiß zu brennen. Ich wollte ihn von mir reißen, doch die Berührung ließ mich ohnmächtig werden. Als ich wieder erwacht war, störten Stadtwächter unser Beisammensein und ich musste fliehen. Doch die Brut wird weiter stärker.

 

06. 05. 3980, Abajez.

Immer wieder, wenn ich den gestrigen Eintrag lese, packt mich das Entsetzen und ich möchte nur noch schreien. Was war da geschehen? Warum erinnere ich mich nicht, jemals diesen Eintrag verfasst zu haben? Und doch – es ist meine Schrift, wenngleich viel ruhiger und sauberer als sonst. Was sind das für Namen, was wird dort beschrieben? Sind diese Fahach womöglich diese seltsamen echsenhaften Wesen, die ich in Ašckhir und meinen Erscheinungen sah? Es muss wohl so sein. Doch wer oder was ist Šamrek? Diesen Namen habe ich auch damals auf der Sturmwind gehört, die folgenden Namen dagegen nicht.

Es ist schreckenerregend. Ich bin noch nie geschlafwandelt und mir war auch nicht bekannt, dass man im Schlaf schreiben kann, doch so muss es gewesen sein. Um sicherzugehen erbat ich mir von Mosíz die Erlaubnis, in den Park zu gehen. Er willigte ein, sind wir hier doch so gut wie nutzlos, bis Castaris wiederkommt, doch sah mich seltsam an. Warum, das erkannte ich schnell, denn scheinbar gibt es hier überhaupt keinen Park. Erst da fiel mir auf, dass es neben unserer Unterkunft auch keinen Stall gibt. Das beruhigte mich immerhin, denn so war sichergestellt, dass ich wirklich im Schlaf Unsinn geschrieben haben muss. Nun erkenne ich auch, dass Hähne nicht nur Mitternacht krähen sollten. Und doch – etwas stimmt an der ganzen Sache nicht.

Gegen Mittag kam dann Castaris zurück. Heute Nacht war er heimlich in das Haus eingestiegen, in welchem die Gesandten der Banditen untergebracht waren, hier am Marktplatz der Stadt. Wir konnten ihm dabei nicht helfen, wäre das doch zu auffällig gewesen. Castaris brachte uns Notizen, die er eilig verfasst hatte, und las uns aus ihnen vor. Kurz nach seinem Einbruch in das Gebäude hatte er eine Tür erreicht, hinter der er Stimmen hörte. Er konnte sich gerade noch in einem Abstellschrank verstecken, da kamen die Banditen in das Zimmer. Sie begannen dort zu trinken und bald laut zu grölen und zu feiern, als sie betrunken wurden. Wichtiger ist aber, dass sie Teile ihrer Pläne besprachen. Etwas, dass mir an der Schilderung Schauer verursacht ist und war, dass die Bezeichnungen Šamrek und Fahach auch fielen. Ich blieb jedoch still und hörte Castaris weiter zu, es gab noch Interessantes zu hören.

Die Banditen scheinen in Galjúin einen Stützpunkt aufzubauen, doch ihre Heimat ist scheinbar woanders zu suchen. Castaris fand es sonderbar, dass die Männer anfingen sich darüber zu beraten, wo in den Bergen von Galjúin möglichst warme Höhlen zu finden seien, mir ließ dies aber meine Nackenhaare aufstellen. Sie sprachen an keiner Stelle aus, wo genau ihr Hauptlager sei, doch müsse dies wohl irgendwo in Fuiran sein. Zumindest sprachen sie davon, in drei Tagen in diese Richtung abzureisen. Möglich wäre aber auch, so Mosíz, dass sie dort ihre restlichen Einheiten treffen wollen, die ja zu einem Überfall aufgebrochen waren. Letztlich freuten sich die Hauptleute noch darüber, dass ihr Treffen mit der Obrigkeit von Atáces so gut verlaufen war. Abajez ist also auch Teil der Verschwörung! Doch Handgreifliches erwähnten die Trinkenden nicht und Castaris musste stundenlang in seinem Verschlag hocken, bis sie endlich mit dem Zechen fertig waren. Danach sah er sich noch weiter um, während sie ihren Rausch ausschliefen, doch fand er nichts Schriftliches oder anderes, das ein guter Beweis sei. Vermutlich aber können diese Männer auch gar nicht schreiben, auch bei uns können ja neben den Geistwächtern dies nur Couccinne und ich.

Mosíz und Castaris kamen schnell darin überein, dass wir den Männern in besagtes Hauptlager folgen müssten oder zumindest solange, bis wir wüssten wo es sich befindet und wir es selber besuchen gehen können, wollten wir erfolgreich sein. Ich höre meine Füße jetzt schon um Gnade flehen. Wir haben noch drei Tage hier, in denen wir versuchen sollten, vielleicht doch noch bessere Hinweise zu finden, danach würden wir ihnen einfach nach Fuiran folgen. Auch wenn das vermutlich nicht so einfach werden würde, denn über Wochen jemanden unauffällig zu verfolgen stelle ich mir schwer vor. Doch die Geistwächter dürften sich da besser auskennen.

Mein Wissen um diese Wesen und Festen verschweige ich weiterhin. Ein paar Mal hatte ich vorsichtig versucht sie nach ihnen bekannten ungewöhnlichen Vorkommnissen zu befragen, doch Castaris sah mich bei der Erwähnung von echsenhaften Wesen zweifelnd an, Mosíz fast schon bedauernd. Sie würden mich letztlich wohl für verrückt erklären, spräche ich es laut aus. Ich habe doch genausowenig Beweise wie sie, und würde mir auch nicht glauben.

Auf meine Frage, warum sie nicht einfach Atáces Bescheid geben könnten, hatten sie zwei Antworten: Erstens kann Atáces sich nicht einfach in die Belange der anderen Obrigkeiten einmischen, ohne etwas in der Hand zu haben und zweitens würde Abajez Botschaften von Leuten unseres Aussehens an die Obrigkeit von Atáces sicherlich überprüfen, was leicht unser Tod sein könnte. Nein, es gilt Beweise und das Hauptlager zu finden, um dann die Armee von Atáces holen zu können. Mir erscheint die Welt schrecklich verworren und umständlich. Vielleicht wären wir ja besser dran, gäbe es dieses riesige und innen faulende Reich doch nicht.

Oh, ich bin so müde, doch habe ich Angst zu schlafen, weshalb ich sinnlos vor mich hinschreibe. Manchmal habe ich Angst davor einzuschlafen, denn manchmal ist es, als würde ich dabei sterben. Und manchmal habe ich Angst, dass andere sterben, sollte mein Schlaf kommen. Wie singen es die Kinder hier doch?

1 – Der Tod kommt auf leisen Sohlen

2 – Bald schon kommt er dich zu holen

3 – Er findet dich im Traume dann

4 – Rette dich vor dem Braunen Mann!

Oh wie passend es doch ist: Der braune Mann, der Eingeborene, zusammen mit seinem schwarzblauen Freund. Als würden es die Kinder erahnen.

 

13. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Es regnet nun schon seit Tagen. Langsam halte ich es nicht mehr aus. Es ist, als wollte uns der Himmel ertränken. Verübeln könnte ich ihm diese Tat kaum, wäre ich doch der Erste, der sich freuen würde. Wobei – gut, einige wenige wären zu erretten, so Ccillia und meine Schwester. Um andere wäre es nicht einmal ansatzweise schade, so Oljó oder auch Castaris. Letzterer meint uns immer härter durch den strömenden Regen treiben zu müssen, ersterer lässt mich einfach nur wütend werden, packt er doch immer wieder seine gehässigen Bemerkungen aus. Aber ein Gutes hat der Regen, die Hitze ist wesentlich besser zu ertragen.

Die Banditen nahmen sich Tošaren um schneller voranzukommen, was uns dazu zwang, ebenfalls welche zu nehmen um ihnen folgen zu können. Außer den Geistwächtern ist aber kaum jemand von uns das Reiten gewöhnt, weshalb wir anderen ständig über blaue Flecken und Schmerzen klagen dürfen. Oljó scheint das lustig zu finden, ist er doch derjenige, der reiten kann. Aber wie auch immer, so schlimm ist es eigentlich nicht. Die Tiere riechen nach Freiheit, die Luft über ihrem Rücken ist im Ritt stets kühlend. Doch jetzt im Regen riechen sie mehr nach nassen Felldecken und sie zu lenken wird schwerer. Die Tiere scheinen südlichere, kühlere Steppen zu bevorzugen, doch halten sie es mit ihrem dünnen Fell hier im Norden immerhin noch aus. Ich weiß nicht, woher die Tošaren ursprünglich stammen, habe mich nie damit befasst, doch scheinen sie die hauptsächlich verwendeten Reittiere in diesen Landen zu sein. Auf ihre Art sind es durchaus hübsche Tiere. Die langen kräftigen Beine sind gut für schnelle Reisen geeignet, ihre Hufen geben ihnen auf vielen Böden Halt. Der Körper ist kräftig genug uns zu tragen. Sie scheinen hauptsächlich über den langen Hals zu schwitzen. Der kleine rundliche Kopf kann bei manchen Tieren fast niedliche Züge tragen, die kleinen dreieckigen Ohren zucken stets hin und her, als lauschten sie im Regen. Nur der kurze Schwanz ist mit längeren Haaren bedeckt.

Unsere Verfolgten schlugen schon kurz nach Abajez seltsame Zickzackkurse ein, um immer wieder die Hauptstraße von Abajez gen Sódos jós Fuiran und damit die dortigen Posten der Landwächter umgehen zu können. Das macht es für uns zwar schwerer, ihnen gut folgen zu können, doch dafür entgehen auch wir den Landwächtern. Keiner von uns besitzt gültige Pässe für Fuiran, eine grobe Schlamperei der Geistwächter, wie ich sagen muss. Ansonsten wäre es für uns ein Leichtes gewesen, einfach abzukürzen indem wir gleich nach Sódos reisen würden – doch gut, wer kann schon sagen, ob sie überhaupt dorthin wollen.

Wir lagern gerade am Ladú Fuiran, dem größten See innerhalb von Nardújarnáns Grenzen. Unsere Opfer sind nah genug, dass wir ihr Feuer sehen können und deshalb kein eigenes entzünden, und das schon seit Tagen. Jeder von uns ist ebenso lange schon bis auf die Knochen durchnässt, doch noch geht uns dank der anhalten Wärme gut. Trotz des Zickzackkurses sind die Banditen unvorsichtig, sehen wir doch ihr Feuer und es muss ein Wunder sein, dass sie damit keine Landwächter angezogen haben. Sollten sie ihren Kurs nicht drastisch ändern, werden wir wohl bald Sódos erreichen.

Es macht mir Angst, dass meine Träume selbst im Regen immer stärker zu werden scheinen, je weiter wir gen Norden kommen. Woran mag es liegen? An der beginnenden Nähe zu Ašckhir, das trotzdem noch Wochen entfernt ist, oder etwas anderem? Doch wenigstens verfolgt mich derzeit Puidor nicht mehr. Dafür erblicke ich in meinen Träumen jedoch öfter diese Fahach; auch andere Wesen erscheinen mir. Und immer wieder kommen Berge, Höhlen, Feuer, Festungsanlagen, marschierende Armeen, Opferungen, Schlachten und vieles mehr vor. Es ist fürchterlich, wie erschreckend Träume sein können.

Dafür erfuhr ich endlich, warum Dosten der Armee beigetreten war. Irgendwie war mir noch nie in den Sinn gekommen, ihn danach zu fragen. Allerdings rede ich ja auch nie wirklich mit ihm. Es ist offensichtlich, dass der blonde Junge aus Akalt stammt, doch wie gerät ein solcher in die Armee von Ojútolnán? Die Antwort ergab sich, als eines Abends Mosíz dreist genug war, danach zu fragen, während wir beim Essen saßen. Scheinbar waren des Jungen Eltern Händler gewesen, die einst mit ihm nach Rardisonán kamen, doch dort bei einem Überfall getötet wurden. Der Junge stand allein da, wusste nicht wohin und ging so als einzige Möglichkeit, eine Mahlzeit zu bekommen, in die Guigans von Rardisonan. Also hat er ein ähnliches Schicksal wie ich erlebt, ohne dass mir das bewusst gewesen ist. Ihm scheint kein guter Stern gegeben zu sein, wenn er nach diesem ursprünglichen Unglück gleich in weitere mit uns geraten sollte. Immerhin gut für ihn, dass Jimmo stets auf ihn aufpasst. Das wird er hier auch immer nötig haben.

 

17. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Sódos jós Fuiran scheint kein Freund der Banditen zu sein. Sie hielten sich nur kurz dort am Stadtrand bei einem Bauerngehöft auf. Das aber merkten wir uns, denn dieses Gehöft muss sehr wohl dazu gehören. Die ganzen Vorfälle bestärken mich nur noch darin, dieses Land verlassen zu wollen. Seltsame Wesen und feindliche Eingeborene, die das Land verwüsten wollen, gepaart mit Banditen, die es innerlich zersetzen indem sie mit Obrigkeiten zusammenarbeiten, die kaum besser sind als sie. Je mehr ich darüber nachdenke, desto schlechter wird mir. Ich will endlich raus aus diesem Land; an jeder Ecke scheint der Tod zu lauern. Wenigstens regnet es nicht mehr.

Einen Tag nach Sódos dann, die Männer verfolgen immer noch ihren Ausweichkurs, diesmal aber gern Nord, gen Ladóra, grob dem Verlauf des Flusses Canlar folgend, schienen sie auf mehr Freunde zu stoßen. Seit Sódos hatten sie einen Wagen mit seltsamen Kisten dabei, den sie nun ablieferten. Es war das erste Mal, dass mir auffiel, dass wir bisher alle Dörfer von Eingeborenen großzügig umgangen hatten, denn diesmal näherten sie sich einem. Wir wissen nicht alles, was dort vorging, wir sahen nur wenig. So zum Beispiel im Halbkreis aufgestellte Fackeln, wie sie in meinen Erscheinungen vorkamen, sowie neue Kisten, deren Inhalt wir nicht kennen, die auch nicht nach der Hand von Eingeborenen aussehen.

Wir beobachteten das Ganze eine Weile aus großer Entfernung, ohne viel zu erfahren. Die Männer schienen Handel zu treiben. Sie gingen in Häuser, besahen sich Waren auf dem kleinen Marktplatz des Dorfes und blickten auch immer wieder in eben diese Kisten. Sie kauften oder verkauften jedoch nichts, jedenfalls nicht offensichtlich, sie ließen bei ihrer Abreise nur die Kisten dort zurück. Es bleibt noch die Möglichkeit, dass sie Unterhaltungen führten, doch werden wir dies wohl nie erfahren.

Nach wenigen Stunden machten sie sich wieder auf den Weg, wir ihnen hinterher. Die Straße von Sódos nach Bacáta, auf der der Überfall stattfinden sollte oder noch soll, liegt längst hinter uns. Ihr Ziel wird also wohl nicht die Heimkehr oder Vereinigung mit der Gruppe sein. Die Richtung in die sie sich bewegen deutet weiter auf Ladóra oder irgendwas in der Nähe hin. Der Canlar dürfte bald das erste Mal in unsere Sicht kommen. Ansonsten ist dies ein weites offenes Hügelland mit wenigen Wäldchen, ähnlich wie der gröbste Rest von Nardújarnán.

Mehrmals wären wir aber fast entdeckt worden und jedes Mal war es Oljós Schuld. Das erste Mal hatten sich einige von uns im Schutze eines Haines näher an das Nachtlager der Männer geschlichen, ob man etwas von ihren Gesprächen verstehen könnte. Oljó war dabei aber gestolpert, hatte sich verletzt und unterdrückt aufgeschrien. Castaris konnte es glücklicherweise noch durch vorgetäuschte Tierlaute überdecken, trotzdem mussten wir uns zurückziehen. Das zweite Mal entfachte Oljó ein Feuer, obwohl der Rauch in Sicht der Banditen gelegen hätte. Wir konnten gerade noch Schlimmeres verhindern.

Ich frage mich, was mit ihm los ist. In den letzten Tagen verhält er sich immer sonderbarer. Er, der früher stets dumme Sprüche und ähnlichen Unsinn auf Lager hatte, ist nun fast völlig verstummt. Seltsam oft sieht er nach Süden oder Norden. Glaubt er, dass wir verfolgt werden?

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.