Ricœurs Definitionen des Vergessens.

Dezember 2, 2008

Paul Ricœur (1913 – 2005) war ein französischer Philosoph, der, entgegen den üblichen Vorurteilen gegenüber modernen französischen Philosophen, kein Existenzialist war, sondern vielmehr Phänomenologe mit Einflüssen der Psychoanalyse und Neurokognitionswissenschaften. Seine Einflüsse waren so vor allem Husserl, Freud aber auch Heidegger. Mit diesem Hintergrund lässt sich sein Hang zu expliziten Definitionen aber auch philosophischem Ausufern erklären.

Dieser Artikel möchte nun seine Definitionen und Theorie des Vergessens vorstellen, die er vor allem im Zusammenhang mit dem Vergeben und Verzeihen entwickelte. Grundlage ist das Buch ‚Das Rätsel der Vergangenheit‘ aus dem Wallstein-Verlag.

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Die Erinnerung lässt sich ändern.

November 23, 2008

Die Erinnerung lässt sich ändern.

Erinnerung ist änderbar.
Die persönliche täuscht sich schon von Natur aus leicht, ergänzt oder verändert aus subjektiven Vorlieben heraus. Da wird aus einem Gespräch eine Beleidigung weil die selektive Erinnerung nur die provokante Bemerkung zu beginn hervorhebt. Ältere Erinnerungen werden vielleicht gar völlig fiktiv da einzelne Stellen vergessen, andere geändert und weitere hinzu gesponnen wurden.
Nun lässt sich diese subjektive Erinnerung aber natürlich nur durch den eigenen Willen, selektivem Vergessen oder gewaltsamen Eingriff in die Psyche durch eine andere Person ändern.
Erinnerung, für die es keine lebende Person mehr gibt, die sich aktiv daran erinnern kann oder bei der passive Erinnerungen ausgelöst werden könnten – das sind die Erinnerungen, die man ändern kann. Sie sind nur über ein Medium weitererinnerbar, und dieses Medium ist die Schwachstelle.
Jedes Medium, dass der Mensch bisher verwendete, war manipulierbar. Erzählungen, Gesänge, Geschriebene Wörter, sogar Fotos und Filme lassen sich ändern.
Epikur schrieb ganze Bände – alles was noch daran erinnert sind 3 Briefe und wenige Fragmente. Wer sagt uns, dass das wirklich er war?
Wer sagt uns, dass es die Zeit überhaupt wirklich gab?
Es lässt sich erschließen aus der Vermengung zahlreicher Einzelerinnerungen. Doch je später man geht, desto unzuverlässiger und bruchstückhafter werden diese.
Irgendwann ist jede Erinnerung vorbei, irgendwann ist jeder vergessen oder sein ideales Abbild, sein Idol, zu einer Legende und damit etwas anderem geworden. Letzteres ist wiederum ein Punkt für die veränderte Erinnerung.
Man kann sich jede Erinnerung schaffen, wenn man es will. Nur ist ist heute für den Einzelnen schwieriger als früher. Kollektive und Regierungen haben die Macht.


Zitate des Tages

November 11, 2008

„Er stellte sich die Menschen so vor, wie sie tatsächlich sind, nämlich als Würmchen, die sich auf einem winzigen Häufchen Schmutz gegenseitig verschlingen. Diese lebendige Vorstellung ließ ihn sein Mißgeschick vergessen, weil sie ihn die Nichtigkeit der eigenen Existenz [..] erkennen ließ.“

„zwei Unglückliche [..] sind wie zwei schwache Stämmchen, die sich gegenseitig stützen, um dem Sturm standhalten zu können.“

– Voltaire: Zadig oder Das Schicksal (1748)


Trauer: Ursache und Effekte

November 4, 2008

Was ist es, das eine kleine harmlose Enttäuschung gleich zu großer Trauer, zu Traurigkeit werden lässt? Ist es

a) etwas unterbewusst vorhandenes, das will, dass man anders handelt, dass man den Willen zur Überwindung des Selbst hat, das nun dafür straft, dass man anders handelte,

b) das entstandene schlechte Gewissen, wofür diese Reaktion aber zu extrem ist, das darum unbewusst weitere Assoziationen, vielleicht an frühere Enttäuschungen aufwirft,

c) unterdrückte Ängste, die sich nun Bahn brechen oder

d) der Verlust, weil man die Enttäuschung doch nicht verursachen wollte?

Der Grund wird durch die Analyse leider nicht entdeckt. Doch der Akt der Analyse bringt Energie. Energie die beim Nachdenken genutzt wird. Energie, die sich gut anfühlt.

Die Traurigkeit, die Trauer, bringt Ernst, bringt das Nachdenken. Trauer als eine Art Reinigung der Seele, wie die Tränen den Körper reinigen. Der Schmerz wird fortgespült, er macht Platz für Neues. Neue Gedanken, neue Erinnerungen strömen herein. Auch neue Ängst, Existenzängste. Angst, die Furcht vor Bedrohungen der eigenen Existenz, die zu neuer Trauer führt. Trauer um das Verlorene, vor allem aber Trauer um das Nicht-Erreichte.

Trauer ist Ruhe.