Der Preis der Freiheit

Februar 9, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Mandraz – Man-dras
Majezir – Ma-ʒä-sir
Deljezir – Del-ʒä-sir
Delnadraz – Del-na-dras
Delenti – De-len-ti
Caduim – Ka-dwiim

I
Blutrot versank die Sonne hinter den fernen Bergen. Rot vom Blut der Erschlagenen färbte sich die Küste des schäumenden Meeres. Mandraz beobachtete das Schauspiel aus der Ferne. Mit seinen engsten Vertrauen stand er auf einer Anhöhe in sicherer Entfernung. Niemand von ihnen wagte ein Wort zu sagen. Sie alle wussten, was auf dem Spiel stand. Nicht nur ihr eigenes Leben, auch das ihrer Angehörigen könnte von dieser Schlacht abhängen. Dort unten kämpfte jedoch keiner ihrer Leute. Doch würde dieser Stamm von der Küste nicht den Sieg davon tragen, so würden auch sie niemals frei sein. Hier in Delent kämpfte jeder gegen jeden und vor allem jeder gegen den verhassten Adel. Niemand wusste, was nach dem Sieg kommen würde, doch sie alle wollten die Freiheit. Freiheit und Macht. Seit vielen Jahren tobte der Krieg nun schon in Delent. Mandraz und seine Vertrauten träumten schon ebenso lange davon, ihren Kindern eine freie Welt zu zeigen.
Mandraz blickte zurück in Richtung der untergehenden Sonne. Sein Dorf lag dort im Schatten der schroffen Berge und wartete auf ihn. Er würde alles tun, um die Seinen zu beschützen. Als seine Begleiter unruhig wurden, sah er wieder zum Kampf. Dieser hatte sich nun entschieden; Tote lagen an der Küste, wie gefallenes Heu nach der Ernte. Sieger durchschritten ihre Reihen wie Raben auf der Suche nach Beute. Flüchtlinge wurden gejagt und niedergemacht, überlebende Verletzte wurden ertränkt. Und dann sah Mandraz, wer da gesiegt hatte. Und sie alle zusammen verfielen in einen Freudentaumel.

II
Endlich waren sie in den Schutz des Tales gelangt. Als ihr Gastgeber hieß es sie mit offenen Armen willkommen. Eines nach dem Anderen wurden die Wagengespanne von den Ochsen vorwärts gezogen in die wartende Sicherheit. Hier würde man sie nicht mehr so leicht entdecken können. Caduim blieb zurück und wartete, bis der letzte Wagen außer Sicht von Delenti war, bevor er einen abschließenden Blick zurück warf. In der weiten Ferne war Delenti nur noch an der schwarzen Rauchsäule zu erkennen, die von den lodernden Ruinen aufstieg. Es war früher Morgen eines schönen Frühjahrstages und das Jahr war 650.
Ein Krieger erschien am Eingang des Tales, sah Caduim, hielt auf ihn zu und begrüßte ihn.
„Halte dich nicht damit auf! Sprich, was gibt es zu berichten?“ fragte dieser ihn.
Der Krieger sah ihn düster an. Sein Wams war zerschlissen, seine Rüstung starrend vor Dreck und Blut, er selber nicht minder besudelt.
„Nichts Gutes, so fürchte ich“, hob er an, „zumindest nicht von dort hinten. Wir haben sie aufgehalten. Aber außer mir scheint es kaum jemand geschafft zu haben. Wenn noch jemand lebt und uns treu ist, wird er uns in Deljezir erwarten.“
Cadium blickte ihn traurig an. Seine Heimat war zerstört, die meisten seiner Leute und Freunde nun tot und der Rest auf der Flucht.
„Und du bist sicher, dass niemand unsere Flucht bemerkt hat?“
„Sehr sicher. Wir haben ihnen eine schöne Jagd mit abschließender Schlacht geboten.“
„Dann komm. Lass uns zu den Wagen aufschließen. Es ist eine weite Reise bis Deljezir und wir dürfen nicht trödeln.“
Es war noch nicht lange Frühjahr geworden. Die Lehmwege waren feucht und die Erde hatte sich in Schlamm verwandelt, der habgierig nach den Rädern ihrer Wagen griff. Immer wieder mussten sie Halt machen, immer wieder einen der fünf Dutzend Karren aus dem Dreck ziehen. Alle packten dabei an – die Krieger, die Adligen, die Handwerker, die Frauen, selbst die Kinder. Trotzdem kamen sie nur schleichend voran. Caduim und die Anderen berittenen Krieger erkundeten die Gegend vor, neben und hinter der Kolonne. Dies verhinderte aber nicht, dass sie am dritten Tage ihrer Reise angegriffen wurden. Es war Nacht. Kinder und Frauen schliefen auf den Wagen, die Männer unter ihnen. Zwei Wagen gingen in dem wilden Angriff verloren, doch konnten Caduim und die Anderen Schlimmeres verhindern. Im Dämmerlicht des jungen kühlen Frühjahrsmorgens erkannte man, dass die Angreifer nur Räuber gewesen waren. Die Kolonne musste sich eilen, sollte sie nichts Ärgerem begegnen. Manchmal ritt Caduim an den Reihen der Flüchtlingen vorbei. Dann sah er erschöpfte, leidende und doch hoffende Gesichter. Sie alle vertrauten auf den König und seine Männer. Und diese Hoffnung sollte nicht unvergolten bleiben.
Am nächsten Tag kreuzten sie einen Fluss, den die Schneeschmelze des Frühjahrs in einen reißenden kleinen Strom verwandelt hatte. Dies stellte sie vor ein schwerwiegendes Problem. Caduim wusste, was dieser Fluss verhieß: Das rettende Land des Königs an seinem anderen Ufer. Doch konnten die Wagen seine nun rauschenden Wogen nicht gefahrlos durchqueren. Caduim gab Befehl, Holz des umgebenden düsteren Waldes für Flöße zu fällen, da griff man sie erneut an. Aus dem Schutz der alten Bäume kamen sie brüllend wie die Fluten eines Bergstromes über sie her. Kinder schrien auf und wurden von ihren Müttern unter die Wagen gezerrt, wo sie sich in den Schlamm kauerten. Die Männer griffen nach allem, was man als Waffe nutzen konnte. Diese Angreifer aber waren keine Räuber und Caduims Männer wären ihnen unterlegen gewesen. Doch wie durch ein Wunder trafen zu dieser Zeit am anderen Ufer die Krieger des Königs ein. Pfeile stürzten wie Ungeziefer über die Feinde, die nun eiligst die Flucht ergriffen, ihr Leben zu retten. Jetzt war eine Überquerung des Flusses kein Problem mehr, denn die Männer hatten Flöße bereit. Auf wackligem, glitschigen Untergrund schafften es alle Wagen unbeschadet ans andere Ufer.
„Ihr habt uns gerettet!“ sprach Caduim froh zum Anführer der Krieger und als er diesen an seinem großen schwarzen Bart erkannte, umarmte er glücklich seinen Bruder.
Am Abend erreichten sie Deljezir. Die Stadt war die letzte Verbliebene, die dem König noch die Treue hielt, nun, da Delenti zerstört war. Ganz Deljezir brummte und pochte als ein Lebewesen, überquellend mit Flüchtlingen aus allen Himmelsrichtungen. Für die einfachen Menschen war hier das Ziel ihrer Reise. Caduim, seine Männer und die Adligen jedoch hatten noch eine Tagesreise vor sich.
„Seit einem Jahr erst ist die Burg Majezir vollendet“, wurde Caduim Abends in einer Schenke Deljezirs von seinem Bruder aufgeklärt, „draußen im Moor. Jede Armee aus dem Norden, die nach Deljezir will, müsste an ihr vorbei. Dort sind der König und die verbliebenen Adligen und Krieger. Sie erwarten euch bereits.“
Und so kamen sie am nächsten Tag zur Burg Majezir, der letzten Verteidigerin des Königreiches, Herrin ihrer aller Freiheit und Leben. Trutzig erbaut inmitten des bedrohlichen Moores war sie auf allen Seiten von Seen umgeben. Nur über knarrende Zugbrücken konnte man sie erreichen. Die einzige sichere Furt durch den Fluß lag in Sichtweite von Majezir. Wer immer nach Deljezir gelangen wollte, musste an der Burg vorbei. Wer immer an den König gelangen wollte, musste in die Burg hinein. Beides versuchten Frühjahr und Sommer hindurch immer wieder feindliche Armeen. Eine nach der Anderen verzweifelte an der unerreichbaren Burg. Niemandem gelang es, zu Deljezir oder dem König vorzudringen. Derweil eilten sich dessen Boten, die Hoffnung des Reiches, nach Verbündeten zu suchen, die Aufständischen des Nordens zu besiegen.
„Herr“, wurde Caduim eines Morgens von einem kleinen Knaben angesprochen, „was ist Frieden?“
„Wieso stellst du diese seltsame Frage?“ entgegnete Caduim verwundert.
„Meine Eltern sprechen immer davon, dass sie sich Frieden wünschen“, sprach der Knabe in kindlicher Scheuheit und Caduim beugte sich zu ihm herunter.
„Weißt du, sobald wir gesiegt haben oder die Aufständischen ihren Fehler bemerken, ab da wird es Frieden für uns geben und niemand muss mehr kämpfen.“
„Keine Kämpfe?“ sprach da der Knabe ungläubig.
Der Junge glaubte ihm nicht, lachte kurz sein kindliches Lachen und verschwand dann im Burghof, wo er mit anderen Kindern spielte. Caduim sah ihnen eine Weile traurig zu.

III
Sie hielten sich im Dickicht unweit des Flusses versteckt. Gefrorene Blätter krachten unter ihren Füßen. Ihr Atem kam in Rauchwolken. Mandraz stapfte durch den Schnee zurück zu den anderen Stammesführern. Sie alle waren hier gleich, trotzend jeglicher früherher Meinungsverschiedenheiten, und zitterten in der Kälte. Selbst die vielen Schichten Kleidung, Rüstung und Felle auf ihnen konnte die unnatürliche Strenge des Windes nicht beschwichtigen. Endlich hatte man sich geeint, endlich zog man zusammen gegen den Feind. Mandraz dachte daran, wie seine Familie Daheim in ihrer zugigen Hütte hausen musste, die schon etliche Male in diesen Kriegen zerstört worden war. Nun sollte sich dies ändern, bald könnte man sich Steinhäuser leisten wie der König. Das ganze Jahr über war man vergeblich immer und immer wieder gegen Majezir angebrandet, doch nie kam man auch nur über die Seen. Alle, die andere Wegen zu gehen versuchten, fanden ihr Schicksal auf dem Grund des Moores. Jetzt aber war dieses Schicksal auf ihrer Seite. Was zuvor noch ein unüberwindbares matschiges Hindernis gewesen war, bot sich nun als glitschig vereistes Feld an.
Es wurde Mitternacht und der weiße Mond beschien die weite weiße Winterlandschaft. Mandraz und die anderen gaben Zeichen und die Meute machte sich auf den Weg. Sie stürmten die Seen, umzingelten die Burg. Haken unter den Schuhen gaben ihnen Halt, andere rutschten einfach vorwärts. Etliche fielen im Pfeilhagel, doch konnte man ihre vordringenden Leitern nicht aufhalten. Wie Raubtiere erklommen sie mit ihnen die Mauern und strömten in die Burg hinein. Ein Krieger mit großem schwarzen Bart wollte Mandraz aufhalten, doch dieser hielt sich kaum auf, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Vor niemandem machten die Angreifer Halt. Krieger, Diener, Adlige, Männer, Frauen und Kinder – sie machten keinen Unterschied, alle waren sie Teil des verhassten Königreiches, alle dienten sie dem König. Alle mussten sie sterben, sollte es jemals enden. Der König selber wurde von Mandraz gestellt, wie er gerade fliehen wollte. Und als kein Feind mehr in den Mauern von Majezir lebte, stimmten die Angreifer ihr Siegesgeheul an. Endlich hatten sie ihre Freiheit errungen, endlich hatten auch ihre Kinder eine Zukunft.
Doch dies war noch nicht das Ende der Geschichte. Nicht alle Adligen waren in Majezir gewesen. Einige hatten sich schon früher verkrochen, andere waren zufällig zur Zeit der Schlacht außer Haus. Wenige Jahre lang sollte man sie noch in ganz Delent wie  Vogelfreien jagen und niedermachen. Einer der Überlebenden der Nacht des Überfalles war ein Mann namens Caduim. Ihm war es zu verdanken, dass letztlich Frieden herrschen sollte, die Adligen neben dem freien Volk leben durften. Doch bis dahin war viel zu tun.
Auf den kältesten Winter in der Erinnerung der Leute dieser Gegend folgte das mildeste Frühjahr. Die Burg Majezir wurde von der Natur erobert und für immer von ihr einbehalten. Das Frühjahr sah alles neu im Lande Delent.

ENDE

——–
Kommentar

Delent war einst eines der großen alten Juepenreiche. Mächtig war es und die Legenden erzählten von Wundern. Doch der Aufstieg Iotors im Norden traf es hart. Fast der gesamte Norden wurde erobert. Während es dem Osten gelang, sich bald wieder von Iotor freizukämpfen und als das Reich Sagaja noch für Jahrtausende bestand, verfiel der Süden immer mehr. Es gab einen Aufstand nach dem Anderen, das Land wurde zum düsteren Schreckensreich. Gut 50 Jahre sollten die Kriege in Delent gedauert haben und am Ende stand das Königshaus vor dem Nichts. Die Flucht zur Burg Majezir verlängerte ihr Leben nur um ein Jahr. Nie wieder sollte Delent mächtig werden. Der Preis der Freiheit war für das Volk von Delent ihr Niedergang.
Die Geschichte selber stammt aus der Feder eines unbekannten Schriftstellers und gibt die tatsächlichen Geschehnisse wieder, natürlich um einiges ausgeschmückt.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 22.01.3995

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Die beiden Schwestern

Januar 22, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Ælsaine: Äl-zäin
Einsæla: Äin-sä-la
Tarle: Tar-lä
Galryrm: Gäl-rirm
Kaltric: Käl-trwik

kaltric


Einst gab es in Tarle zwei Schwestern, die hießen Ælsaine und Einsæla. Letztere hatte bereits vor vielen Jahren das Haus der Eltern verlassen, lange vor dem Tod des Vaters. Niemand kümmerte sich um ihr Verbleiben, niemand hörte je etwas von ihrem Schicksal. Als dann jedoch der Vater letztlich verstarb, konnte die Mutter sich und Ælsaine nicht mehr ernähren. Da ihr diese stets ein Dorn im Auge gewesen war, setzte sie Ælsaine ohne ein weiteres Wort vor die Tür, mitten im Winter.
Ælsaine wusste nicht, was sie nun mit ihrem Leben anstellen könne. Sie wollte sich schon voll Verzweiflung den nächsten Abhang herabstürzen, da fiel ihr ihre Schwester ein. Doch wo könnte sie diese finden? Niemand hatte je wieder etwas von ihr gehört. Aber Ælsaine wusste, dass ihre Schwester immer im Nachbardorf Freunde gehabt hatte. Dort würde sie es zunächst versuchen. Gegen Nachmittag kam sie dort an. Am Dorfrand begegnete ihr ein Bauernjunge.
„Heda, Junge!“ rief sie ihm zu, und als dieser auch hielt: „Ich suche meine Schwester Einsæla, kennst du sie?“
Doch selbst nach einer genauen Beschreibung vermochte der Knabe ihr nicht weiterzuhelfen. Verzweifelt suchte sie das ganze Dorf ab und traf auf dem Dorfplatz einen alten Mann.
„Heda, alter Mann! Ich suche meine Schwester Einsæla, kennt ihr sie?“
Aber alle Versuche, diesen alten Mann zu befragen, sollten fruchtlos bleiben, denn scheinbar war er völlig taub.
Verzweifelt machte Ælsaine sich auf in das örtliche Gasthaus. Weinend brach sie dort an einem Tisch zusammen. Die Wirtin eilte sogleich zu ihr und Ælsaine klagte ihr ihr Leid.
„Ich kenne da einen Mann, der könnte dir weiterhelfen“, sprach die freundliche Wirtin ihr zu, „gehe am besten sofort zu ihr. Danach komme wieder. Du kannst heut Nacht gerne hier bleiben.“
Und Ælsaine tat, wie ihr geheißen. Der besagte Mann war Sohn des örtlichen Müllers und damit sein Lehrling.
„Heda, Müller! Ich suche meine Schwester Einsæla, kennst du sie?“
Natürlich kannte er sie, waren sie doch seit Jugendtagen Freunde gewesen. Freudig begrüßte er ihre Schwester, hörte von dieser deren Leid und erklärte ihr so denn, dass er lange nichts von Einsæla gehört hätte.
„Jedoch sprach sie stets davon, einst nach Kaltric gehen zu wollen. Sucht dort am besten nach ihr.“
Überschwänglich bedankte Ælsaine sich bei ihm. Sie unterhielten sich noch eine Weile über ihre gemeinsame Bekannte, dann kehrte Ælsaine zurück in das Gasthaus.
Früh am nächsten Morgen besorgte die Wirtin ihr einen Platz auf dem Wagen eines Händlers, der hier ebenso genächtigt hatte. Sonst hätte Ælsaine auch wesentlich länger für den Weg gen Kaltric durch den Schnee gebraucht, doch so kam sie bereits am Nachmittag dort an. Sie dankte ihrem Fahrer und machte sich sofort auf die Suche. Ebenso oft jedoch blieb sie stehen, um die ihr fremde und beeindruckende Festung. Sie wusste nicht recht, wo sie da anfangen solle zu suchen. Doch in dem Moment kreuzte ein Hund ihren Weg, so dass sie über das arme Tier stolperte und hinfiel.
„Oh! Habt ihr euch etwas getan?“ fragte ein Mann, der ihr sofort zu Hilfe eilte.
Ælsaine verneinte. Doch der Mann bemerkte sofort, wie schlecht es ihr ging und lud sie zum Essen ein. Dort erzählte sie ihm ihre Geschichte und klagte ihm ihr Leid, doch er kannte keine Einsæla. Allerdings hatte er eine andere Idee. Zusammen suchten sie nach dem Essen einen Freund des Mannes auf. Dieser war Stadtschreier, kannte viele Leute und könnte ihr sicherlich sagen, ob ihre Schwester hier in Kaltric wohne. Aber auch er wusste darauf keine Antwort. Nun waren sie jedoch schon zu Dritt und der Stadtschreier wusste jemand anderen, der ihnen helfen könnte. Die kleine Gruppe machte sich auf zu einem Küchendiener der Burg, einem Freund des Stadtschreiers, der gerade auf dem Markt seine täglichen Einkäufe machte. Dieser war berüchtigt für seine regen Besuche der Taverne und behauptete, jede Frau der Festung zu kennen. Doch auch er konnte Ælsaine nicht helfen.
Mittlerweile war es später Nachmittag geworden und Ælsaine klagte über ihren Hunger. Seit dem Mittag hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Zudem fragte sie sich, wo sie hier wohl die Nacht verbringen könne. Sofort bot der Mann vom Mittag an, ihr Unterkunft zu gewähren, doch der Küchendiener hatte eine bessere Idee: In der Burg würde man noch eine Magd gebrauchen können.
Und so wurde Ælsaine noch an diesem Tag dem Kammerherrn vorstellig, bekam eine Anstellung als Magd und einen Schlafplatz im Gesindehaus.
Am nächsten Morgen schon beschloss man, dass Ælsaine Aufgaben der Gattin des Galryrm, des Festungsherrn, zu erledigen hätte. Zunächst sollte sie ihr das Frühstück auf ihr Zimmer bringen. Oben klopfte Ælsaine höflich an, wurde hereingebeten und suchte die Herrin. Doch diese war gerade zum Baden entschwunden und Ælsaine stellte ihr das Mahl auf den Tisch.
Mittags sollte Ælsaine ihr das Kleid für den Abend bringen, welches noch in der Waschküche gehangen hatte. Auch diesmal jedoch war die Herrin gerade nicht abkömmlich und Ælsaine legte ihr das Kleid über einen Stuhl.
Am späten Nachmittag schließlich sollte Ælsaine ihr beim Ankleiden behilflich sein. Diesmal war die Herrin auch anwesend. Geduckten Blickes begab sich Ælsaine in ihr Gemach. Die Herrin sprach sie sogleich an.
„Dich kenne ich doch! – Oh, Ælsaine!“
So hatte sich die Gattin des Galryrm zu Kaltric als Ælsaines verlorene Schwester Einsæla herausgestellt. Ælsaine klagte ihrer Schwester all ihr Leid und bekam jede Menge Zuspruch. Am Abend stellte Einsæla sie der Burggemeinschaft vor und verkündete, sie hier aufnehmen zu wollen. Ihr Gatte war damit äußerst einverstanden. So wurde Ælsaine zur zweiten Herrin von Kaltric und wieder glücklich, doch die Mutter hingegen verstarb schon im nächsten Jahr.

ENDE

Kommentar

Dieses Märchen ist eines von vielen, die man sich in Tarle erzählt. Tatsächlich gab es auch einmal eine Ælsaine in der Geschichte von Kaltric, doch ist von einer Schwester Einsæla nichts bekannt. Man vermag also nicht zu sagen, wieviel Wahrheit hier zu finden ist, und wieviel davon das Volk von Tarle selbst erfunden hat.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun

Raygadun, Aleca, 22.01.3995


Der Fluch der Schreckensburg

Januar 5, 2009

Wir kamen von Westen. Abseits jeglicher bewohnter Gegenden wollten wir uns halten, um keinen Verdacht zu erregen, um niemanden uns folgen zu lassen, um niemanden dazu zu bringen, uns von unserem Vorhaben abhalten zu wollen. Dazu waren wir mit einem kleinen Boot östlich von Bétiganos gelandet. Die anderen hatten Bedenken, wegen der Satenechsen im Sumpf, doch waren wir uns einig: Nach Satenfels zu gelangen war unser Ziel; die Burg ihrer Schätze berauben. Jeder hätte versucht uns zurückzuhalten, hieß es doch, dass Satenfels verflucht sei, wie dieses ganze Land. Doch uns war bewusst: Dies sagte man sicherlich nur, um von den Schätzen abzulenken.
Vier Tage lang kämpften wir uns durch die verfluchten Sümpfe, da trat der Erste von uns in ein Sumpfloch. Dies war nicht wirklich das erste Mal, doch nun konnten wir ihn nicht befreien, nicht retten. Zwei Satenechsen stürzten sich auf ihn. Wir anderen flohen, so schnell wir nur konnten. Und wir besiegten den Sumpf; wir ließen ihn, seinen Gestank, die gefräßigen Echsen sowie die bissigen Fliegen zurück und betraten bald das Hinterland.
Immer hatten wir uns nah der Küste gehalten und langsam wich der Sumpf den steilen Zagurklippen. Da wir wussten, dass Satenfels inmitten dieser Klippen liegen musste, erklommen wir sie. Höher und höher ging es, steiler und steiler ward es. Über uns der dunkle drohende Himmel, links von uns das rauschende graue Meer, rechts von uns das Höhenland der auslaufenden Sümpfe. Einer verlor gleich bei den ersten Aufstiegen den Halt und stürzte schreiend in die Tiefen. Und dabei waren wir erst am Beginn. Wie wäre es wohl gewesen, wären wir von Osten gekommen, die ganzen Klippen zu durchqueren? Noch zu Viert bleibend kämpften wir uns weiter voran. Die Schätze lockten, wir alle konnten sie in unseren Träumen hören. Weit konnte es nicht mehr sein. Doch wir kletterten noch für Tage.
Am zehnten Tage unserer Reis verdüsterte sich der Himmel noch mehr. Schon die ganze Zeit über hatte es immer wieder geregnet, doch nun wurde daraus ein mächtiger Sturm. Das Meer peitschte links von uns an die Klippen, derweil wir uns durch Wind unr Regen, Sturm und Blitze voran arbeiteten. Von Böen gepackt fiel der Nächste in eine Spalte und brach sich die Beine; wir mussten ihn töten. Zum zwölften Tage hin ließ der Sturm zwar nach, doch wir bemerkten, dass uns nun die Nahrung fehle. Nach langem Streit entschieden wir, dass Einer sich opfern müsse.
Am dreizehnten Tage dann erblickten wir letzten Zwei endlich Satenfels. Wie stolz und furchteinflößend zugleich reckt sich dieser düstere uralte Schrecken doch über Klippen und Meer in den finstren Himmel! In einer Stunde machen wir uns auf, sie zu betreten. Wir werden sehen, was seit Jahrhunderten niemand sah, werden uns holen, wonach es allen giert und keiner sich wagte, es sich zu holen.

ENDE

Kommentar

Angeblich wurde dieser Brief von Landvermessern am Fuße der Zagurklippen gefunden. Von wann er stammt, ist nicht genau zu bestimmen. Wahrscheinlich ist, dass ein Betrüger ihn verfasste und selbst in Umlauf brachte. Es ist bekannt, dass immer wieder Abenteurer versuchen, Burg Satenfels zu erreichen, welche einst für ihre Schreckensherrschaft bekannt war und seit dem Blutbad von 2347 als verflucht gilt, doch halten die Landwächter jeden Reisenden eindringlich davon ab.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 07.01.3995


Geschichten aus Lurruken, Teil IX: Die Entführung

Oktober 1, 2008

I

Keuchend vor Anstrengung stürzte sie durch das Unterholz. Äste, an denen sie hängen blieb, zerrissen ihr das Kleid und ritzten ihr die Haut auf. Aber sie bemerkte keinerlei Schmerz. Gehetzt übersprang sie einen Bach und verlor dabei das Schwert. Blutbefleckt und rostig wie es war, fiel es in den Bach.

Dort!“ hörte sie die raue Stimme Rîmirns.

Erschrocken blickte sie zurück. Tatsächlich waren die Drei nicht fern.

Bleib stehen!“ rief Scôval ihr nach.

Schnappt sie euch!“ befahl dagegen der Mahaccar.

Keine Zeit das Schwert zu holen. Doch das kam ihr sowieso nicht in den Sinn. Schnell drehte sie sich um und rannte, immer weiter, über Stock und Stein, durch Büsche und über Abgründe, nicht mehr zurückblickend, nur noch voraus. Doch bald schon konnte sie nicht mehr und rutschte an einer Grube aus. Sie stürzte schwer, ihr Kopf schlug auf einen Stein. Blut lief ihr in die Augen, bevor es schwarz wurde.

~

Wir müssen sie finden“, sprach der Mahaccar, „sucht dort!“

Aber sie hatten die Spur verloren. Er musste es sich eingestehen. Deshalb war er auch nicht überrascht, als Scôval und Rîmirn achselzuckend und kopfschüttelnd zurück kamen.

Nichts – Sie ist weg“, berichtete Scôval.

Verdammt!“ entfuhr es dem Mahaccar – und als er sich beruhigt hatte: „Gehen wir zurück.“

Wartet, da – in der Grube – was ist das?“ machte Rîmirn sie auf etwas aufmerksam.

~

Erst als es dunkel wurde, wachte sie auf. Neblig war es, doch sie hörte den nahen gurgelnden Bach. Nach dem sie sicher war, dass die Drei verschwunden waren, lehnte sie sich erschöpft zurück. – Doch nein, nicht ausruhen. Die lange nächste Zeit schonte sie sich nicht, schlief auch nicht, ging immer vorwärts, Tag um Tag; soweit weg wie nur möglich und zurück Richtung Daheim.

Am Morgen des zweiten Tages erreichte sie die Ausläufer des Moores. Diesen folgend, kam sie bald in die Nähe von Scittz. Erst hier fand sie die Straße nach Hause. Es würde nur noch wenige Stunden dauern, dann sollte sie endlich wieder Zuhause sein. Ob man sie so aber erkennen würde? Ihr Kleid war zerrissen, ihre Haare zerzaust und zudem war sie verschmutzt wie noch nie. Halb verrückt vor Angst und Erschöpfung schleppte sie sich den Weg entlang.

Die Sonne stand tief und rot, die Schatten wurden lang – doch endlich, endlich war sie da! Niemand von denen, die ihr begegneten, schenkten ihr auch nur die geringste Beachtung, doch sie konnte es ihnen auch nicht verdenken. Sie musste aussehen wie eine Landstreicherin. Bald schon bog sie auf eine Straße, die aus dem Dorf wieder herausführte und gerade als Dunkel wurde, hatte sie es geschafft. Daheim. In Sicherheit!

II

Ich möchte noch etwas!“ verlangte Dittoril habgierig.

Tut mir Leid; es ist nichts mehr da“, sprach Attahir.

Geh spielen!“ sprach da Hoccamar und Dittoril folgte dem Befehl.

Sei nicht so hart, er ist doch nur ein Kind“, rügte Attahir da.

Ich weiß, aber wir können ihn nicht alles durchgehen lassen“, sprach Hoccamar, doch grinste.

Ach, ich liebe dich“, sprachen sie fast gleichzeitig und lachten.

Draußen wurde es gerade Dunkel.

~

Dittoril lief lachend durch das Unterholz und stöberte Schmetterlinge und Vögel auf, derweil Attahir tiefer im Wald nach Pilzen und Beeren suchte. Es war ein friedlicher Tag und die Sonne schien.

Doch plötzlich tat sich der Boden auf. Mit einem überraschten Aufschrei erwartete Attahir einem schwarzes Loch der Bewusstlosigkeit einen Besuch ab.

~

Los, wach auf!“ sprach jemand und die Worte knallten förmlich.

Mühsam den Schleier der Ohnmacht von sich schiebend wurde bald klar, dass ein Mann Attahir ins Gesicht geschlagen hatte.Ein abstoßendes zahnloses Gesicht grinste.

Willkommen zurück“, sprach der kleine hässliche Mann mit den verfilzten Haaren.

Scôval, geh zur Seite!“ forderte da eine weitere Stimme und die magere Gestalt gehorchte, weiterhin grinsend.

Dem Blick freigegeben war nun ein Mann in den mittleren Jahren, die verfilzten schwarzen Haare schulterlang, das Gesicht unrasiert. Gelassen lehnte er an einem Baum. Man hätte sein Äußeres ansprechend finden können, wäre er nicht zerlumpt wie ein Bettler gewesen. Nun kam er näher.

Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“ fragte er spöttisch.

Attahir versuchte zu antworten, doch ein Knebel verhinderte diesen Versuch.

Wir können dich doch hier nicht alles zusammenschreien lassen“, sprach er und unerwartet traf eine Ohrfeige Attahirs Gesicht. Kurz darauf ergänzte er, nun herablassend und abschätzend schauend: „Du brauchst nicht zu antworten – jedenfalls… – du kommst mit uns.“

Attahir versuchte sich zu bewegen, doch Fesseln verhinderten dies.

Rîmirn, schneide unseren Gast von diesem Baum, dass wir los können. Ich möchte Borhatt ungern warten lassen“, sprach der Mann herrisch und ungeduldig.

Hinter Attahir raschelte es, dann folgte ein kurzes Hackgeräusch und die Fesseln fielen. – Aber nicht alle, die Hände waren weiterhin verbunden.

Vorwärts!“ bellte eine raue Stimme von hinten, gefolgt von einem spitzen Pieksen in den Rücken.

Den Anweisungen lieber folgend, stolperte Attahir voran.

Borhatt wird erfreut sein“, sprach der herrische Mann nach einem abschätzenden Blick Attahir gegenüber.

Unterwegs wurde klar, was eigentlich offensichtlich war: der Mann hörte sich zu gerne selber sprechen. Aber dafür kamen Attahir andere Gedanken. Was wohl mit Dittoril geschehen war? Hoffentlich ging es ihm gut und er war zurück zu Hoccamar gelaufen. Vielleicht suchten sie ja auch schon nach Attahir.

Da sind wir“, störte der Mann diese Gedankengänge.

Es war ein kleines Lager, ohne Feuer, nur mit etwas gelagertem Gepäck – und einer jungen Frau, die geknebelt an einen Baum gefesselt war. Es wurde sich aber nicht aufgehalten, auch folgten keine Begrüßungen. Die Männer befreiten die Frau von der Umarmung des Baumes, schnappten sich ihre Sachen und setzten ihren Weg fort, immer die versinkende Sonne im Rücken habend; ihre Gefangenen trieben sie vor sich her und hielten später noch zwei Stunden auf den weißen Mond zu. Sie hatten es scheinbar eilig, doch kamen sie nur langsam voran. Dafür bekamen die Gefangenen so manche Schelte. Erst gegen Mitternacht machten sie Halt. Die drei Männer schliefen am Boden, immer noch ohne Feuer, ihre Gefangenen fesselten sie an zwei Bäume. Erst am Tag darauf durften diese ihren natürlichen Verpflichtungen nachgehen. Morgens befreite man sie nacheinander und ließ sie in den Büschen verschwinden. – Doch stets hielt ein verbliebenes Seil sie von der endgültigen Flucht ab.

Wer bist du?“ fragte Attahir die Frau mit gedrückter Stimme, als sie kurz Ruhe hatten, derweil die Männer beschäftigt waren, „Mein Name ist ist Attahir.“

Die Frau hatte sichtlich Angst zu antworten. Ihre Augen waren weit geöffnet und zuckten ständig unruhig zu ihren Entführern, als erwartete sie jederzeit Strafe für ihr Flüstern.

Lattir – Lattir Lôrvattz“, presste sie schließlich zwischen den Zähnen hervor, „aus Gêmitzter.“

Trotz ihrer Lage musste Attahir lächeln. – Möglicherweise war es dies, was Lattir nun beruhigte.

Gêmitzter – das liegt nicht weit weg von meinem Dorf – ich komme aus Dôrhattz.“

Ruhe dort hinten!“ kam ihnen jedoch nun Scôval verärgert dazwischen, als man ihr Tuscheln bemerkte, und warf einen kleinen Stein, einem Kiesel gleich, zwischen sie.

Lattir zuckte erschrocken zusammen und zitterte nur noch.

Hab keine Angst, ich lass mir etwas einfallen!“ sprach Attahir noch schnell und flüsternd, bevor dies zu strafen Rîmirn sich erhob und ihnen beide ins Gesicht schlug.

Ihr habt still zu sein – kein Gerede!“ herrschte er sie noch an.

Trotzdem bekamen beide später noch zu Essen. Als die Reise weiterging, zerrten Scôval und Rîmirn sie an Seilen hinter sich her, im Morast und Laub des Waldes oft stolpernd. Das Unterholz war weiter dicht und sollte es noch lange bleiben, bis sie das unbewaldete Cerhlicg-Tal erreichen würden. Denn dorthin waren sie unterwegs, das konnte Attahir an ihrer Bewegungsrichtung erkennen.

Wohin bringt ihr uns?“ war daher die Frage, welche Attahir sich später am Tage zu fragen getraute.

Scôval ruckte zur Strafe stark am Seil, doch sein Anführer ließ sich zu ihnen zurückfallen und ging halb neben Attahir daher.

Das geht dich zwar wirklich nichts an, doch ihr werdet es ja eh sehen“, sprach er herablassend, „wir bringen euch zu Borhatt, unserem Herrn.“

Das war Attahir aber auch schon klar. Doch weiter? Von Borhatt redete man sogar in Dôrhattz. Er sei ein Raubritter, so sprach man, der in den Bergen östlich des Cehrlicg-Tales lebte und von dort seine Raubzüge durchführte.

Aber warum wir? Demirus ist weit von Borhatt entfernt!“

Ah, aber hübsche Diener sind immer gefragt“, sprach der Mann mit einem bösen Unterton in der Stimme, und Scôval lachte dreckig, „und es ist unklug, diese in der Nähe unserer Burg zu suchen, denn Dracgmoyrch ist nicht weit und die Wächter der Stadt vermeiden wir lieber.“

Das war auch Attahir in der Lage nachzuvollziehen. Doch offenbarte sich damit auch eine Möglichkeit, wenn denn Dracgmoyrch nicht fern war. Aber nun kamen auch wieder Gedanken an Dôrhattz auf. Die Hoffnung, dass es Dittoril und Hoccamar gut gehen würde, schimmerte als leuchtender Schein in Richtung der untergehenden Sonne. Doch fehlten sie auch. Würden sie Drei noch einmal vereint sein?

Attahirs Gedanken wurden erneut gestört, als wenige Schritte weiter Lattir über die knorrige alte Wurzel eines beeindruckenden Baumes stolperte und fiel. Rîmirn bemerkte dies, als das Seil in seiner Hand sich straff spannte und er mit einem Ruck anhalten musste. Die Augen angestrengt verengend blickte er zurück.

Steh auf. Geh weiter!“ rief er ihr zu.

Doch Lattir saß nun am Boden, die Hände und den Rock verdreckt. Bei seinen Worten brach sie in Tränen aus. Attahir wollte zu ihr eilen, sie in den Arm nehmen, trösten – doch Scôvals Seil verhinderte dies. Auch Rîmirn ruckte nun stark an seinem Seilende, so dass es sich um Lattirs Hals noch weiter zuzog. Würgend ergriff diese das Tau, es um ihren Hals lockern wollend, doch bewirkte sie damit nichts weiter, als dass Rîmirn noch stärker zog. Attahir wehrte sich gegen Scôval, um an Lattir zu kommen.

Hört auf mit dem Unsinn, wir brauchen sie noch!“ kam der Anführer der Männer ihnen hier dazwischen, sichtlich erbost.

Ohne Verzögerung gehorchte Rîmirn, und Scôval ließ Attahir soviel Seil wie nötig war, um an Lattir heran zu kommen.

Sehr wohl, Mahaccar“, hörte Attahir Rîmirn sagen und legte einen tröstenden Arm um Lattir, die nun schmutzig und verheult war und nach Waldboden roch.

Sie kamen an diesem Tag nicht mehr weit. Es dauerte lange, Lattir zu beruhigen und bald war es zu dunkel, weshalb der Mahaccar, als was er bezeichnet wurden war, das nächste Lager anordnete. Die Nachtvögel sangen, wilde Tiere mieden das Feuer, der weiße Mond stand hoch und der Wald duftete größtenteils nach Kräutern – doch Attahir konnte dies sicherlich nicht genießen. Aus Strafe für ihr Verhalten hatte man Lattir nun stärker gefesselt und auch geknebelt, solange sie nicht gerade Nahrung zu sich nahm. Attahir blieb nichts weiter, als zu schweigen, da sonst die gleiche Strafe drohte.

Nach einer für Attahir erst sorgenvoll durchwachten und erst spät durch Erschöpfung auch schlafend erlebten Nacht, wurden die Gefangenen des Morgens unsanft mit Fußtritten geweckt.

Macht euch fertig – wir wollen in einer Stunde los“, sprach Scôval mit seiner rauen Stimme.

Den beiden blieb also kaum Zeit, sich fertig zu machen. Der Mahaccar erklärte ihnen aber immerhin, dass sie es eilig hätten zu Borhatt zu kommen; erklärte es ihnen so, als seien sie mittlerweile seine liebsten Haustiere. Attahir hielt es schon jetzt nicht mehr aus. Der Drang zu Dittoril und Hoccamar zurückzukehren, ließ nicht nach, wurde sogar stärker. Ob sie sich Sorgen machten? Hoffentlich nicht. Irgendwie musste eine Flucht gelingen. Doch wie dies anstellen? Rîmirn und Scôval hatten sie beide fest am Seil und bei einem Fluchtversuch würde man sie beide erwürgen oder gar mit den Schwertern erschlagen. Es schien aussichtslos. Ein Wunder musste wohl geschehen.

Doch es kam kein Wunder. Diesen Tag nicht, auch nicht am nächsten. Aber da geschah etwas anderes. Gegen Mittag mussten sie einen kleinen Bach überqueren. Sie befanden sich mitten im dichtesten Wald. Attahir wusste nicht, wo genau, denn dies war viel zu weit von Dôrhattz entfernt im Niemandsland, auch noch fern vom Cerhlicg-Tal. Der Bach war zwar schmal, doch tief und schnell genug eine Gefahr darzustellen. Die Männer schienen diese Stelle aber zu kennen, denn ein Baumstamm ermöglichte die Überquerung. Der Mahaccar ging denn auch ohne zu zögern voraus. Langsam und vorsichtig, doch kaum wartend. Erst am anderen Ufer hielt er an. Rîmirn folgte als nächster, Lattir sollte warten, bis er drüben war.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den nächsten auf dem glitschigen, alten Baumstamm. Für Gleichgewicht brauchte er nicht zu sorgen, hielt er sich doch mit dem Seil an Lattirs Hals in der Geraden. Doch gefiel dieser das natürlich gar nicht. Rîmirn war auf der Hälfte der Strecke angelangt, da zog sie heftig am Seil. Sofort verlor er das Gleichgewicht. Den Halt auf dem rutschigen Stamm verlierend, fiel er langsam nach hinten. Mit den Armen rudernd und mit einem überraschten Aufschrei, stürzte er. Das Wasser platschte. Ein dumpfer Laut verkündete, dass Rîmirn gelandet war. Lattirs Seil baumelte nun nutzlos herab.

Für einen Moment waren alle zu überrascht um zu handeln. Scôval war der erste, der etwas tat. Sein Seil fallen lassend, griff er an seine Seite und zog sein Schwert. Das war sein Fehler. Denn Lattir, immer noch ihren Gefühlen folgend, rannte auf ihn zu. Und bevor er sich versah, schubste sie ihn den Abhang hinunter, dem rauschenden Griff des Wassers entgegen: Ein Tritt zwischen die Beine zerstörte die Abwehr, ein zweiter in den Rücken ließ ihn stürzen. Der Mahaccar sah dem allen nur fassungslos zu. Auch Lattir schien bald nicht zu wissen, was weiter zu tun sei.

Komm, lauf!“ rief Attahir ihr zu und schnappte sich Scôvals fallen gelassenes Schwert.

Doch Lattir war wie gelähmt. Erst als Attahir sie am Arm packte und Richtung Wald zurück zog, kam langsam wieder Leben in sie.

Ohne zu Denken rannten sie fort. Ohne Plan liefen sie gen West. Ohne sich umzusehen stolperten sie über Steine, sprangen über Äste und kämpften sich durch das Unterholz. Ihre Seile trugen sie bei sich, um nicht darüber zu stolpern. Allerdings waren sie schwer und unhandlich und so verlor Lattir ihres bald. Es verhakte sich zwischen Baumwurzeln. Sie bemerkte es aber nicht und lief weiter; so geschah, was geschehen musste: Mit einem Ruck wurde sie von den Füßen gerissen und landete unsanft auf dem feuchten Boden. Würgend rang sie mir dem Seil. Attahir handelte schnell und nutzte Scôvals Schwert, sie zu befreien, tat dasselbe bei sich selber. Doch bis es soweit war, hörte man bereits die nahenden Stimmen der drei Männer.

So bringt das nichts“, stellte Attahir fest, „lass und getrennt vorgehen! Hier, versteck dich dort hinten in den Büschen; ich lenke sie ab. Besuche mich in Dôrhattz, wenn wir dies hinter uns haben!“

Attahir schickte Lattir in erwähnte Büsche, nahm das Schwert und wartete noch kurz an den Wurzeln. Kaum, dass die Männer kurz außerhalb der Sichtweite waren, sollten sie laut krachende Äste hören und an einem Baum die Seile ihrer Gefangenen sowie deutliche, nach Westen führende Spüren finden. Schnell folgten sie diesen. Die Verfolgungsjagd dauerte noch Ewigkeiten. Abends hatten sie wieder kurz Sicht auf Attahir, doch verloren sie diese auch bald wieder. Bei Sonnenuntergang hörten jegliche Spuren auf. Nichts war mehr zu finden von ihren Gefangenen.

III

Endlich daheim! Endlich zurück bei ihrem geliebten Mann. Sie hoffte, Zuhause wäre alles in Ordnung. Überschwänglich froh näherte sie sich ihrem Haus. Es sah aus wie immer, nichts hatte sich geändert. Die Lichter waren entzündet, da es langsam Dunkel wurde. Im Haus brannte ein Feuer.

Sie fand ihn im Garten vor, über den Holzstapel gebeugt. Auch er hatte sich nicht geändert. Wie froh und überglücklich sie doch war, ihn endlich wieder zu sehen! Aufgeregt und überhastete stürzte sie los, so sehr hatte sie ihn vermisst. Ihm würde es sicher genauso gehen; schreckliche Sorgen muss er sich um sie gemacht haben.

Aber warum beachtete er sie nicht? Hatte er sie nicht gehört? Warum erhob er sich nicht, als er ihre Schritte vernehmen musste? Doch nichts konnte ihre Freude in diesem ihrem Moment aufhalten. Sie stürzte sich förmlich auf ihn, ihn zu begrüßen; warf sich an seine Brust, als er langsam aufstand.

Doch sie lief ins Leere. Ohne sie zu beachten, ging er an ihr vorbei, um die Ecke des Hauses, ins Innere hinein. Sie blieb bloß verwundert zurück. Seinen Namen versuchte sie zu rufen. Da merkte sie, dass sie nicht mehr sprechen konnte. So sehr sie es auch versuchte, kein Wort kam über ihre Lippen, kein Laut aus ihrem Mund. Was geschah hier? Ihre Freude schlug in Furcht um. Einem Gedanken folgend bückte sie sich, einen Stein aufzuheben. Doch ihre Finger glitten durch ihn hindurch, wie in einem Traum. Träumte sie?

Ihr blieb keine Zeit nachzudenken, was geschehen sein mochte, hörte sie dich nun einige Männerstimmen von vor ihrem Haus herüberklingen. Sie folgte ihnen zu ihrem Ursprung, doch versteckte sie sich hinter einer Hausecke, um lediglich hervor zu gucken.

Scôval, lass ihn los!“ hörte sie eine Stimme sagen, „Wir sollen ihm doch nur eine Botschaft bringen.“

So beobachtete sie, wie Scôval ihren Mann los ließ und selbst zur Seite trat.

Der größere Mann mit den Narben im Gesicht und den ergrauten Haaren sprach sogleich weiter: „Wenn ihr sie liebend wiedersehen wollt, dann sammelt lieber schnell all eure Schätze zusammen und folgt uns.“

Und zum Beweis seiner Worte warf er eine Kette zu Boden. Ihre Kette, wie sie erkannte.

Ihr Ungeheuer!“ entfuhr es ihrem Mann und sie zuckte schmerzlich zusammen, als ihn Scôvals Schwert mit der flachen Seite am Rücken traf und er auf die Knie sinken musste.

Los jetzt!“ fuhr er ihn an.

Mehr gab es nicht zu bereden. Bald hatten sie sämtliche Wertsachen aus dem Haus zusammengesucht. Sie versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen, doch gingen sie einfach durch die hindurch. Schließlich folgte ihr Mann den beiden gen Ost in den Wald. Immer wieder sprach sie auf ihn ein, doch entstanden keine Geräusche und musste sie hilflos folgen.

Zum ersten Mal nun fiel er auf, dass sich die Umgebung irgendwann im grauen Nebel verlor. Doch dieser Schleier kam nie näher, blieb immer auf Abstand, als umlauerte er sie. Keiner der Männer ließ sich davon etwas anmerken, auch sprachen sie kein Wort. Mit jedem Schritt fiel ihr das Gehen schwerer, auch wenn sie nicht au Äste, Steine, Stämme und Unebenheiten achten musste; eine seltsame Schwere und Müdigkeit bemächtigte sich ihrer, ihre Furche wich der Erschöpfung. Aber sie durfte sich jetzt nicht ausruhen.

Endlich kamen die Männer an, wo immer sie ankommen wollten. Wo es genau war, verlor sich nun im Nebel. Am Rande ihrer Erkenntnis nahm sie einen alten Baum wahr, an den eine Gestalt gelehnt war. Es war ein Mann und um den Baumstamm neben ihn war ein Seil gebunden.

Mahaccar, hier ist ihr Ehemann!“ sprach der Grauhaarige und stellte sich neben den angesprochenen.

Ah!“ machte dieser, „gut gemacht, Rîmirn.“ Und dann zu ihrem Mann: „Ich werde es kurz machen: gebt uns euer Geld und wir geben euch eure Frau.“

Hier, nehmt, doch lasst sie frei!“ sagte ihr Mann unter Tränen und warf dem Mahaccar sein Gepäck vor die Füße, dass sie wieder Kraft gewann.

Genug zumindest, um zu verfolgen, was nun geschah, denn eingreifen konnte sie trotz aller Verzweiflung nicht. Rîmirn nahm das Geworfene auf und verstaute es in einem Sack. Scôval blieb neben ihm. Der Mahaccar zog sein Schwert, holte aus und hackte einmal auf das Seil neben ihm ein. Ein Frauenkörper stürzte aus dem Baum herab.

Da hast du deine Frau!“ lachte Scôval dreckig.

Nein!“ rief ihr Geliebter, stürzte auf die Knie und versank bald in Verzweiflung.

Komm hierher!“ hörte sie dagegen eine schwache Stimme rufen, wie aus weiter Ferne, doch schien es keiner der Männer zu bemerken.

Auch sie achtete kaum darauf. Wer lag da? Unwohlsein und Mitleid drangen durch ihre Teilnahmslosigkeit. Sie ging näher und kniete sich neben ihn. Das Gesicht der Frau – es kam ihn bekannt vor.

Los, lass ihn nicht weiter trauern, damit wir endlich gehen können“, sprach der Mahaccar zu Scôval.

Dieser zögerte nicht, sondern stieß dem Trauernden sein Schwert in den Rücken. Qualvoll und langsam starb er, doch sie konnte ihm nicht helfen; alles um sie herum wurde schwarz.

Epilog

Attahir, komm zu mir“, lockte eine Frauenstimme.

Als Attahir sich umdrehte, stand dort in der Ferne Lattir, unter einem moosbewachsenen alten Baum. Attahir machte sich den Weg den grünen Hügel hinauf. Es erschien leicht wie nie zuvor.

Lattir, es geht dir gut!“ freute sich Attahir, als sie sich gegenüberstanden.

Wie man es nimmt“, lächelte die Frau, „doch ich bin nicht hier. Du findest mich in Borhatt. – Du hast noch eine Aufgabe!“

Was?“ entfuhr es Attahir, doch da verschwand der Boden und machte völliger Schwärze Platz.

~

Attahir, wo sind wir?“ fragte Hoccamar.

Ich weiß es nicht“, kam die Antwort. – Und dann: „Ich dachte, du seist tot.“

Das dachte ich von dir auch“, antwortete Hoccamar.

Und sie sahen sich an und berührten sich – und fielen sich in die Arme.

Aber wir haben eine Aufgabe“, sprach Attahir nach scheinbaren Stunden des frohen Wiedersehens.

Hand in Hand gingen sie auf die düstere Burg in den Berg vor ihnen zu. Niemand hielt sie auf und niemand sah oder überlebte sie.

ENDE

~

Kommentar

Lattir Lôrvattz aus Gêmitzter ist bekannt als Ziehmutter des Dittoril Occorscil aus Dôrhattz, des Mannes, der aus Demirus, dem Teil von Lurruken, bei dessen Untergang ein eigenständiges Land machte und als erster Scatte in die Geschichte einging. Seine Eltern verlor er früh. Nicht allein wegen Lôrvattz entstand die gerade vorgetragene Mär, bestand sie doch Zeit ihres Lebens darauf, in ihrer Zelle in Borhatts Burg damals die Geister ihrer ehemaligen Mitgefangenen beobachtet zu haben, wie sie allein alle Räuber in der Burg töteten und die anderen Gefangenen befreiten.

Tatsache ist jedenfalls, dass Occorscils Eltern zu dieser Zeit unweit ihres Hauses gefunden wurden; ebenso wie das Reich von Lûch Monate später, als es endlich aus Dracgmoyrch seinen Angriff auf Borhatt wagte, nur eine leerstehende Burg vorfand.

Heutzutage ist die Burg Heimat des bekannten Künstlers Cannslach, welcher hier, wie er es nennt, der Natur ihre wildeste Seite aus unmittelbarer Nähe erleben will. Geistern aber ist er nie begegnet, so berichtet er.

Solero y Cyprilla, Toljidarin

Karison, Ojútolnán, 11.08.3994