Platon über die Liebe

Diesen Artikel gibt es auch download- und druckbar.

—————-

1. Einleitung

Platon (428/427 – 348/347) ist als Philosoph wohl jedem bekannt. Die in seinen Werken behandelten Themen waren weitreichend. Das Thema Liebe war zentral in seinen Dialogen Lysis und dem Symposium sowie einer von zwei Gegenständen des Phaidros. In diesem Artikel sollen die zentralen Punkte der drei Dialoge zum Thema Liebe herausgearbeitet und, sofern möglich, daraus eine sie vereinende Theorie gebildet werden, was aber nicht ganz so einfach ist, da Platon in seinen Dialogen stets mehrere Personen sprechen lässt und einzig Sokrates als Indikator dafür gelten mag, welche Position Platon selbst nun einnimmt.

Grundlage war die von Rowohlt 2006 gedruckte alte Übersetzung von Schleiermacher. Angegeben werden Seitenzahlen dieser Ausgabe sowie entsprechende Seitenzahlen der Stephanus-Paganierung. Erstere werden als ‚S.‘ abgekürzt angegeben, letztere als ‚Nr.‘, der einfacheren Lesbarkeit halber.

2. Lysis. Oder: Über Freundschaft und Liebe.1

Der Dialog ist aufgeteilt in Einleitung, Vorbereitendes Gespräch, Zwischenstück, Hauptgespräch und Schluss.

Ort der Einleitung ist der Platz vor der neuen Palaistra, wo Sokrates auf Hippothales, Ktesippos und deren Freunde trifft. Ktesippos ist genervt von Hippothales, da dieser sich in den Knaben Lysis verliebt hätte und seitdem diesem nur noch Loblieder dichten würde. Er wirft ihm vor, dass er nur das bereits Bekannte lobt und an nichts Neues in dem Knaben denken kann. Sokrates meint hierzu, dass, sollte Hippothales den Lysis für sich gewinnen können, so hätte er ihn dann nur als Zierde und würde selbst erhoben werden, dass er also nur für sich selber dichtet und ihn gar nicht liebt, sondern nur deshalb haben will. Gewinnt er ihn dagegen nicht, würde er umso mehr verlieren, denn man würde seiner spotten. Sokrates kommt zu dem Schluss, dass man den Geliebten nicht loben sollte, solange man ihn noch nicht hat, da er sonst hochmütig und schwerer zu bekommen wird.

Nachdem Sokrates sich von Hippothales überreden lässt, mit Lysis zu sprechen um herauszubekommen was dieser fühle, gehen sie in die Palaistra. Sokrates setzt sich mit Ktesippos, während die anderen um sie herum bleiben und Hippothales sich dort versteckt. Menexenos, Freund von Lysis und Cousin des Ktesippos, kommt zu diesem, Lysis folgt ihm. Sokrates spricht davon, dass man sich erzählt, Freunde würden alles teilen. Danach wechselt er das Thema. Er stellt fest, dass nicht das Alter zählen würde sondern die Erfahrung. Worüber man Einsicht hat, darüber hat man Freiheit, dann ist man nützlich und damit liebbar. Und um an seinen letzten Punkt des Gespräches mit Hippothales wieder anzuknüpfen sagt er noch, dass man den Geliebten demütigen und zur Ordnung bringen müsse, nicht aufblähen und verwöhnen.

Das folgende Hauptgespräch begeht Sokrates nur mit Menexenos und Lysis allein in seiner typischen Manier, rhetorische Fragen zu stellen, so zu Schlüssen zu kommen, diese wieder in Frage zu stellen und immer so fort.

Sokrates beginnt mit der Frage, wer wem ein Freund ist. Der Liebende oder der Geliebte? Der Liebende wohl nicht, denn der Geliebte kann ihn genausogut auch hassen und damit nicht lieben.

Doch müssen sich überhaupt beide lieben? Nein, denn man kann auch seinen Feind lieben.

Und was liebt sich dann? Ist das Ähnliche dem Ähnlichen Freund? Das kann nicht sein, denn Schlechtes kann dem Schlechten nicht Freund sein, eher schon das Gute dem Guten.

Aber was kann sich gegenseitig das Ähnliche schon leisten? Sie sind zu ‚ähnlich‘, um sich nützlich zu sein. Und wenn das Gute selbstgenügsam ist, braucht es auch niemanden sonst, erhält von niemandem einen Nutzen. Also ist sich Ähnliches meist eher Feind, weil sie Konkurrenten sind. Dagegen braucht das Unähnliche sich.

Ziehen sich denn Gegensätze an? Nein, das kann auch nicht sein, denn das Gute und das Schlechte können nicht miteinander. Ebenso ja auch nicht Gut & Gut sowie Schlecht & Schlecht. Was dann? Etwas drittes, nämlich das, das sowohl Gut als auch Schlecht ist – oder auch nichts von beidem wirklich, das Neutrale. Das Neutrale ist Gutes mit etwas Schlechtem daran. Es braucht das Gute, um das Schlechte loszuwerden. So suchen die Philosophen die Wahrheit und Weisheit, weil sie ihnen bisher fehlt. Das Gute dagegen hat es nicht nötig und das Schlechte will es gar nicht.

Doch dann wirft Sokrates alles über Bord und fragt sich, ob all diese Überlegungen nicht falsch seien. Denn wenn jemand jemandem wegen etwas Freund ist (das Neutrale dem Gutem wegen dem Schlechtem, also sozusagen sich zwei zusammentun wegen einem gemeinsamen Feind), ist es nicht wirklich dieser Sache Freund, sondern bedarf ihr nur. Es ergibt sich im Leben so eine lange Kette von Freundschaften, obwohl man nur ein einziges bestimmtes fernes Ziel erreichen will. So ist nicht das Gold wichtig, sondern das, was man dafür kaufen kann. Und warum will man es kaufen? – Sobald der Zweck des ersten Gliedes der Kette verbraucht ist, verschwindet der Zweck und damit die Freundschaft.

Nun fragt sich Sokrates, ob Begehren Ursache der Freundschaft ist. Der Begehrende begehrt das Fehlende. Und warum? Weil es zu ihm gehört, weil es ihn vervollständigen kann.

Wo „einer den anderen begehrt und liebt, er würde ihn weder begehren noch lieben noch ihm Freund sein, wenn ihm nicht der Geliebte angehörig wäre überhaupt der Seele nach oder wegen irgendeiner Gesinnung, Art und Eigenschaft.“2

So kommen wir nun zum Schluss, bei dem Sokrates alles bisher betrachtete noch einmal betrachtet und feststellt, dass nichts davon Gegenstand der Freundschaft ist und er auch nicht weiß, welches es nun ist. Menexenos, Lysis und er würden zwar denken Freunde zu sein, dabei wissen sie überhaupt nicht, was das heißt.

Und auch wenn hier Sokrates als scheinbar ratlos zurückgelassen wird, so bleibt der Punkt, dass Liebe ein Begehren nach etwas ist, dass einen vervollständig, bei Platon erhalten, wie sich in den nächsten Dialogen zeigt.

3. Symposium. Oder: Über Eros und den Trieb zur Unsterblichkeit.3

Der Rahmen dieses Dialoges ist die Geschichte, die Apollodoros seinen Freunden erzählt, von dem ihm Glaukon erzählte, wie sie ihm Aristodemos erzählte.

Aristodemos traf eines Abends den Sokrates, wie er auf dem Weg zum Gastmahl (Symposium) bei Agathon war, anlässlich dessen Gewinns eines Preises für seine Tragödien. Aristodemos trifft zunächst allein bei Agathon ein, denn Sokrates verschwand und blieb eine Weile erstmal im Garten des Nachbarn stehen, bevor er endlich nachkommt und sich zu Agathon legt. An dieser Stelle schlägt Pausanias vor, dass sie nicht ganz soviel trinken, da er noch einen Kater hätte und lieber einfach nur zum Vergnügen denn des Rausches wegen trinken mag. Eryximachos schlägt vor, dass sie alle der Reihe nach Lobreden über den Eros halten, über den er vor einer Weile mit Phaidros sprach. Von diesen Lobreden erzählt nun Aristodemos, erinnert sich aber nur einiger wenigen davon.

a) Phaidros: Phaidros vertritt die traditionelle Ansicht. Laut Hesiod gab es einst Chaos und Eros, der alle anderen Götter zeugte. Für Eros sind der Liebhaber mit seinem Liebling ein großes Gut. Liebe leitet die Rechtschaffenen, denn sie bringt einem Scham bei einer schlechten Tat ein. Eine Armee aus Liebhabern wäre anzustreben, denn diese würden sich stets beistehen und nie etwas schlechtes tun. Das Liebende sogar füreinander sterben würden, wäre das höchste Opfer, das man den Göttern bringen kann. Und natürlich steht der Liebende höher als der Geliebte, denn er ist der aktive Part.

b) Pausanias: Er unterteilt den Eros in Gut und Schlecht. Der gute Eros sei der ältere. Er stammt vom Mann, ist himmlisch und schön, er liebt Knaben bei denen die Vernunft sich bereits zeigt, seine Liebe ist fürs Leben. Der Schlechte stammt von Mann und Frau, ist jünger und gemein, liebt Mann und Frau, aber nur den Körper und die reine Befriedigung. Man müsse seine Liebhaber gut prüfen um einst den richtigen zu finden und um selber am Beispiel des anderen besser zu werden sich dem anderen zu ergeben ist dann auch in Ordnung, solange beide etwas davon haben. Besonders gut ist hierbei, wenn man sich aus Tugend hingibt, denn es nötigt den Liebenden, auf seine eigene Tugend zu achten.

c) Eryximachos: Dieser wiederum sagt, dass Eros nicht nur in der Seele ist, sondern in allen Dingen der Natur. Die Liebesregungen der Seele vergleicht er mit denen des Leibes: es füllt an und es leert aus. Eros vergleicht er mit der Heilkunst, die Feindseliges im Körper befreunden soll; die Gegensätze sich lieben lässt.4 Dieses ist dann ein Ganzes aus zwei Teilen, doch eine Harmonie ist in zwei Teilen nicht möglich, weshalb die beiden Eros die beiden Teile verbinden.

d) Aristophanes: Er kritisiert sowohl Pausanias als auch Eryximachos. Eros ist nicht in den Menschen, aber immerhin der menschenFreundlichste Gott. Danach hält er eine lange Erklärung über die ursprüngliche Natur der Menschen. Einst sollte es drei Geschlechte gegeben haben. Das dritte war das Mannweib, das Es. Es hatte einen runden Körper, zwei Köpfe, vier Arme, vier Beine, zwei Geschlechtsteile, war kräftig und intelligent und konnte sich rollend fortbewegen. Er ergänzt diese Annahme damit, dass der Mann für die Sonne stehe, die Frau für die Erde und das Mannweib für das Dritte dazwischen, den Mond. Alle diese drei seien auch rund. Die Mannweiber beherrschten die Erde, doch dann wurden sie hochmütig und wollten die Götter stürzen. Zur Strafe teilte Zeus sie. Seitdem sehnen sich die Hälften nacheinander. In der geschlechtlichen Liebe finden sie Vereinigung, Fortpflanzung und Befriedigung. Die, welche von denn Mannweibern abstammen, sind heterosexuelle Männer und Frauen und Ehebrecher. Die von den Frauen abstammen sind homosexuelle Frauen. Letztlich sind die, die von den Männern abstammen die homosexuellen Männer, die einzig wirklich männlich sind und das ihnen Ähnliche lieben. Das Verlangen nach Verschmelzung der beiden Teile nennt man Liebe.5

e) Agathon: Er bezeichnet den Eros als den glückseligsten, und im Gegensatz zu Pausanias als den jüngsten Gott, der ewig jung ist. Seine Begründung, warum er nur der Jüngste sein kann, ist, dass sich sonst die Götter nie anfangs bekriegt hätten, er könnte also nicht der älteste Gott sein. Eros ist nur in weichen Seelen, nur an blumigen Orten und ist anschmiegsam. Auch kann keine Lust größer sein als die Liebe. Die am stärksten von Eros Beeinflussten werden Dichter.

f) Sokrates: Nach seinen Vorrednern weiß er nichts mehr zu ergänzen, so sagt er. Auch meint er, gedacht zu haben, dass es beim Loben um die Wahrheit ginge und nicht bloß darum, den Gelobten gut dastehen zu lassen. Letztlich greift er seine alte These aus dem Lysis wieder auf, dass das Begehrende das begehrt, dessen es bedarf und gleichzeitig auch begehrt es zukünftig zu behalten. Liebe ist also die Liebe zu etwas, zu dem ein Bedürfnis besteht.

Um dennoch etwas Neues beizusteuern erzählt er der Runde noch, was ihm einst die Fremde Diotima erzählte.

g) Diotima: Eros ist etwas Neutrales zwischen Gut und Schlecht. Er ist kein Gott, sondern ein Dämon, eine Art Bote. Er wurde bei Aphrodites Geburt empfangen und ist arm, hässlich, rau, doch tapfer, frech und ein Philosoph, da ihm noch die Weisheit fehlt. Er will Gutes, weil man dadurch erst glückselig wird und weil es ihm noch fehlt. Auch gäbe es viel mehr Arten von Liebe, als was wir annehmen. So ist Liebe das Begehren nach dem Guten und damit der Glückseligkeit, doch findet man sie auch in seinem Gewerbe, Leibesübungen oder Erkenntnis und vielen anderen Dingen. Eine andere ‚Hälfte‘ sucht man nur, wenn diese Gut ist.

Zweck der Liebe ist das Zeugen. Ebenso wie in der Natur ist es eine ständige Erneuerung. Man will Schönes erzeugen und damit unsterblich werden. Sie nennt es den Trieb zur Unsterblichkeit. Jeder hat ihn. Man will seinen Namen unsterblich machen. Auf körperliche Weise geht dies durch Zeugung von Kindern, auf seelische Weise durch Dichtungen, Gesetze und was noch mit Geist zu tun hat.

Um zu finden, was man sucht, muss man aber vieles testen und dabei eine Art Leiter emporsteigen. Angefangen bei den Gestalten, geht man über die Sitten zur Kenntnis, bis man das Eine Ziel erreicht.

So ist Eros ist der Helfer der menschlichen Natur, indem er diese sich zur Unsterblichkeit fortpflanzen lässt.

An dieser Stelle unterbricht Alkibiades das Symposium. Er war ein Liebling des Sokrates und liebt diesen noch immer. Er ist eifersüchtig, dass dieser bei Agathon liegt, will mittrinken und bei Sokrates liegen. Dann soll er aber auch Eros loben, will aber nur den Sokrates loben. Und so schließt sich noch eine Rede über Sokrates an, dass dieser dem Satyr Marsyas ähneln würde, durch seine Worte verzückt, unwiderstehlich ist und die Schönen liebt und für sich haben will. Dass er Alkibiades selbst im Bett abweisend war bis dieser glaubte, etwas in ihm finden zu können, dass ihn selber besser machen würde. Er beschreibt Sokrates als jemanden, der so tut als wäre er ein Liebhaber, aber zum Liebling wird.

Als danach alle betrunken einschlafen, geht das Symposium zuende.

4. Phaidros. Oder: Über Nachteile und Nutzen der Liebe sowie die Beschaffenheit der Seele.6

Im Dialog Phaidros geht es um die Liebe, die Seele sowie die Rhetorik. Letztere wird hier beiseite gelassen, zweitere nur verkürzt behandelt.

Die Geschichte beginnt, als Sokrates und Phaidros sich eines Tages auf der Straße begegnen und reden. Phaidros hatte gerade eine Rede des Lysias gehört und dessen Schriftrolle dabei. Nun will auch Sokrates den Inhalt wissen und sie setzen sich an einen Bach.

a) Lysias: Lysias‘ Rede handelt davon, dass man Nichtverliebten günstiger sein sollte denn Verliebten. Denn Liebende würden dereinst bereuen, was sie Gutes getan, wenn ihre Begierde schwindet. Sie achten neue Lieben mehr als die alten. Im Verliebtsein ist ihr Blick getrübt gegenüber dem Objekt ihrer Liebe. Der Liebhaber lobt alles an seinem Geliebten und wenn sie jemanden gewonnen haben, geben sie damit an.7 Bei Verliebten scheint es, als drehe sich alles nur um Sex, ebenso geht es ihnen mehr um den Körper. Sie sind oft misstrauisch und eifersüchtig.8 Sobald die Liebe verschwunden ist, scheinen Freundschaften unmöglich. Auch eifern die Verliebten sich nur solange um dich, bis sie dich haben, derweil die Nichtverliebten ehrlicher sind und länger bleiben.

Nach Lektüre dieses Schreibens lässt sich Sokrates von Phaidros dazu drängen, auch etwas dazu zu sagen. Mal wieder gibt er an, selbst nichts zu wissen, doch erzählen zu können, was andere meinten.

b) Sokrates zum Ersten: Liebe ist eine Begierde. Diese unterteilt sich in zwei Triebe, die Begierde zu befriedigen. Der erste ist das Streben nach Gutem, die Besonnenheit, entstanden durch Vernunft. Meist stärker jedoch ist der zweite, die Begierde nach dem Angenehmen, ein Frevel, entstanden durch Lust. Im Gegensatz zu Lysias sagt Sokrates, dass der Liebhaber den Liebling oft unwissend bleiben lässt, damit dieser bei ihm bleibt und die Wahrheit nicht erkennt. Und so wie der Geist vernachlässigt wird, muss auch der Körper verweichlicht sein, muss also zart und weich sein, nicht männlich. Der Liebhaber will den Liebling am liebsten ohne Freunde und Familie sehen, um ihn für sich allein zu haben. Ein gleiches Alter scheint in der Liebe zur Entfaltung notwendig zu sein. Hat der Liebhaber aber dereinst keine Liebe mehr, wird er treulos, wird ein anderer und flieht. Erst dann erkennt der Liebling die wahre Natur seines Liebhabers.

Hier lenkt Sokrates aber ein. Denn wenn die Liebe doch göttlich ist (Eros), so kann sie ja nicht schlecht sein.9 Deshalb will er sogleich einen Widerruf bringen, auf dass ihm nichts Schlechtes passieren möge. Vielleicht hatten Lysias und er ja bisher nur nie anständige Liebe gesehen?

c) Sokrates zum Zweiten: Er fängt damit an, den Liebhaber im Wahnsinn zu sehen, den Nichtverliebten dagegen nicht im Wahnsinn. Doch es gibt auch guten Wahnsinn. Er führt drei Arten auf. Sehr seltsam leitet er die Wahrsagekunst durch Lautverschiebung von der Wahnsagekunst her und das Weissagen vom Wißsagen. Als Drittes führt er den Wahnsinn durch Musen auf, der die Dichter befällt.

Als nächstes muss er auf die Natur der Seele eingehen, um weiter erklären zu können. Die Seele ist unsterblich, da in steter Bewegung. Seele plus Leib ergeben ein Tier. Ein Körper, der sich von Innen bewegen kann, ist beseelt. Einst war die Seele gefiedert und bei den Göttern, doch kam dann runter in den Leib. Sobald sie etwas Schönes erblickt, wird sie wieder befiedert und steigt wieder in himmlische Sphären auf, sie wird ‚wahnsinnig‘. Der Liebhaber betet deshalb den Liebling an, weil er ‚erkennt‘. Dessen Reize sind Ausströmungen seines Körpers, den anderen zu locken.10 Jede Seele sucht die Schönheit und vergisst alles andere. Denn die Schönheit heilt den Schmerz des Fehlens des Göttlichen. Die Seele besteht aus drei Teilen: das erste Ross ist vernünftig, das zweite Ross wird vorwärts getrieben und der Führer der beiden muss sie zügeln. Letztlich verliebt sich übrigens auch der Liebling in den Liebhaber, da auch von diesem Reize ausströmen.

An dieser Stelle gehen Sokrates und Phaidros dann über zur Rhetorik, die uns hier nicht weiter interessiert.

5. Zusammenfassung

Nun, was scheint Platon beziehungsweise sein Sokrates alles über die Liebe anzunehmen?

Im Lysis kam er zu dem Schluss, dass Liebe ein Begehren nach dem Fehlenden ist, das uns vervollständigen mag.

Im Symposium kam auf, dass die Liebe das höchste Glück ist, nach dem alle streben. Denn sie vereint uns mit unseren fehlenden Hälften, sie begehrt das ihr Fehlende, sie bedarf dem, das sie noch nicht hat. Liebe ist das Begehren des Guten um glückselig zu werden, doch kann man sie auch abseits von Menschen finden. Auch kommt hier der Trieb zur Unsterblichkeit auf. Die Liebe also als Trick der Natur?

Im Phaidros werden zahlreiche mögliche Nachteile der Liebe geschildert, die nicht nur für Gutes sorgen kann, wenn sie zu klammernd wird. Liebe ist die Suche der Seele nach Schönheit, um den Schmerz des Fehlens des Göttlichen zu heilen.

Kurz gesagt unterstrich Platon mit seinen Ansichten scheinbar gut seinen Ruf des künstlerischen Geistes.

Zumindest im Phaidros kritisiert er die Liebe immerhin auch und im Symposium relativiert er sie, dass sie nicht auf Personen fixiert sein muss. So bewies er schon eine große Flexibilität seiner Ansichten.

6. Literatur.

Platon: Sämtliche Werke, Band 2. Hamburg: Rowohlt 200631

——————-

Fußnoten:

1Vgl. Platon: Lysis. In: Platon: Sämtliche Werke, Band 2. Hamburg: Rowohlt 200631, S. 13ff. / Nr. 203ff.

2Ebd., S. 35 / Nr. 222.

3Vgl. Platon: Symposium. In: Platon: Sämtliche Werke, Band 2. Hamburg: Rowohlt 200631, S. 41ff / Nr. 172ff.

4Hier greift er also wieder eine der ersteren Überlegungen des Sokrates aus dem Lysis auf.

5Auch hier findet man also Anleihen aus dem im Lysis gesagten.

6Vgl. Platon: Phaidros. In: Platon: Sämtliche Werke, Band 2. Hamburg: Rowohlt 200631, S. 543ff / Nr. 226ff.

7Vgl. hierzu, was Sokrates im Lysis sagte.

8Da war Alkibiades im Symposium ja das beste Beispiel.

9Da Liebe ja wohl eindeutig eher ein Zweck der Natur ist, wie es Platon auch selber so schön im Symposium sagte, ist der Einwand hier hinfällig.

10Wohl Pheromone?

2 Responses to Platon über die Liebe

  1. […] zentral in seinen Dialogen Lysis und dem Symposium sowie einer von zwei Gegenständen des Phaidros. In diesem Artikel sollen die zentralen Punkte der drei Dialoge zum Thema Liebe herausgearbeitet und, sofern möglich, […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: