Gefahr der Zukunft: das moderne Vergessen von Osten.

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1. Einleitung

Manfred Osten (*1938) versuchte 2004 in seinem Essay ‚Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur‘ eine Geschichte der Moderne aufzuzeigen, in der Vergessen im Zuge des Fortschritts Standard ist und Gedächtnis und Erinnerung – vergessen werden. Da sein Essay nicht immer die wesentlichen Punkte klar werden lässt, soll dies in diesem Artikel in kurzer Form geschehen. Ziel ist es, die Gedankenführung Ostens aufzuzeigen und was vermittelt werden soll. Im Zuge dessen werden die einzelnen Kapitel kurz zusammengefasst und wo nötig erläutert, Kritik erfolgt vorerst nur in den Fußnoten. Basis ist das genannte Essay, erschienen 2004 im Insel Verlag Frankfurt a.M./Leipzig.

2. Einleitung zum Buch und zum Vorwort. 1

Osten ordnete die Kapitel seines Essays chronologisch. Wie er selber zugibt, war er was das Vergessen betrifft vor allem stark von Harald Weinrich (Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens) beeinflusst. Er will nicht wiederholen, was dieser schon sagte, doch kreuzen sich ihre Gebiete anfangs. Osten will dort fortsetzen, wo Weinrich aufhörte: in der Moderne und was die Zukunft bringen könnte. Die ersten Kapitel des Essays sind dabei verschiedenen Zeitepochen bzw. Persönlichkeiten zugeordnet: Napoléon und die Französische Revolution, Goethe, Nietzsche, Freud und die NS-Zeit. Der Rest befasst sich mit Gegenwart und Zukunftsausblick. In seinem Vorwort bietet Osten einen Überblick über den Inhalt des folgenden Essays, ohne dies jedoch direkt herauszustellen. Alles was hier also nur kurz angesprochen wird, erlebt noch eine genauere Behandlung.

Er spricht davon, dass die Historie des geraubten Gedächtnisses alt ist und schon als Schilderung der Lotophagen bei Homer bestand, welche er mit der modernen Amüsier- und Drogenkultur vergleicht. War Lethe einst noch ein Strom des Vergessens, so wird er heute ein Meer, so Osten. Er sieht die drohende „Zerstörung der anamnetischen Kultur zugunsten einer hypertrophen Zukunfts-Idolatrie“2. Doch eine Kultur des Erinnerns (anamnetische Kultur) sei wichtige Bedingung zur Identitätsfindung. Dies ist sein zentraler Punkt, warum er überhaupt warnt. Denn Fortschritt bedeutet Investition in Neues und Auslöschung des Alten.

Sein Essay soll sich wie erwähnt mit der Moderne befassen, denn seit der Zeit Napoléons gäbe es eine Art Vergangenheitshass. Goethe sprach noch davon, als einer der wenigen, dass man die großen Zusammenhänge sehen müsste, die Geschichte kennen, aus ihr schlussfolgern, um zu erkennen, um Zukunft zu haben – jeder der dies nicht tut, lebe nur von Tag zu Tag. Doch die Vergangenheit wird heutzutage (im 21. Jh.) vergessen, selbst die Erziehungssysteme sind nur noch auf die Zukunft hin orientiert. Eine neue Entwicklung in diesem Zusammenhang sind moderne Speichersysteme. Doch gespeichert bedeute für ihn vergessen, denn die Technik entwickle sich zu schnell, Systeme würden rasend veralten und halten schon rein physisch nicht lange.

Wir Menschen verlassen uns aber immer mehr auf Gedächtnishilfen, trauen unserem eigenen Gedächtnis nicht mehr, was auch dazu führt, dass es weniger effizient wird. Die Neurobiologie versucht Gedächtnisverstärker zu erfinden, denn die Menschheit wird immer älter und gedächtnisschwächer. Die Moderne würde in diesem Zusammenhang ihr Alter zu vergessen versuchen, indem es wie Peter Pan nur noch spielt. Doch wer sein Gedächtnis als schlecht erwartet, bekommt es auch so.

3. Vergangenheitshass und Stolz bei Napoleon, Goethe und Nietzsche3

Goethe erkannte anhand der Französischen Revolution, dass, wenn man sich nur mit etwas Altem befasst und das Neue ignoriert, dieses irgendwann hervorbricht. Die französische Revolution wollte so denn mit dem alten System brechen, es vergessen lassen, die Erinnerung daran auslöschen. Dazu erfand es eine neue Religion, einen neuen Kalender und vieles mehr. Doch lange hielt es immerhin nicht an.

Im zweiten Teil seines Faust nimmt Goethe diese Thematik wieder auf und zeigt an Faust und Mephisto, was der Vergangenheitshass bringt. Goethe sah sich selber übrigens auch nur als Sammelsurium von Eindrücken und Erkenntnissen an und meinte, sobald man die Antike vergisst, wäre die Barbarei wieder da. Im Faust passiert aber genau dies, genau wie in der französischen Revolution: die Antike wird liquidiert. Er zeigte Bücherverbrennungen als eine gewaltsame Auslöschung auf und bezeichnete bereits Berlin als Quelle zukünftiger Kriege, wie es nach ihm übrigens auch Nietzsche erkannte. Weiterhin benannte er das ‚Veloziferische‘. Dies ist ein Wortspiel aus velocitas ‚Beschleunigung‘ und Luzifer ‚der Lichtbringer, der Teufel‘. Das Veloziferische ist also das ‚teuflisch erleuchtend Beschleunigte‘, der Fortschrittswahn. Die Menschheit lebt zu schnell, zu hektisch, zu ungeduldig, zu zukunftsorientiert, so dass ständig etwas Neues angefangen aber nie etwas reif wird.

Mephisto stellt hierbei bereits einen Vorausblick auf die moderne Informations- und Mediengesellschaft dar, indem er die Abläufe beschleunigt, Faust mit Ereignissen und Eindrücken überschüttet, ohne dass dieser je ruhen und erkennen kann.

Letztlich erwähnt Osten noch, dass die Deutschen nach dem 2. Weltkrieg die Zeit vor diesem plötzlich verdrängten und damit ihre eigene Identität vergaßen. Dies ist auch der Übergang zu Nietzsche, der nach Goethe lebte und bereits sah, dass die Deutschen nach einer Zeit der Bildung plötzlich zum Nationalismus und zur Kriegstreiberei übergingen. Sie wurden zu gedächtnislosen Barbaren, zu immerfort Tätigen, zu Ruhelosen. Sie lebten zu schnell und erfassten nie alles völlig, nichts mehr richtig. Statt Bildung kam der Nationalismus, doch stolzer Sieg würde einst zur Niederlage führen. Dieses begleitete ein Verdrängungsprozess, bei dem der Stolz dem Gedächtnis diktiere, an was es sich zu erinnern habe. Ähnliches würden später dann auch die Nazis machen.

4. Verdrängung und Gedächtnisauslöschung: Freud, Nazis und das kulturelle Gedächtnis4

Die Nazis wollten das Gedächtnis auslöschen, um den Menschen zu formen. Und schon Thomas Mann vermutete, dass Hitler eigentlich nur gegen Wien zog, um dort gegen Freud vorgehen zu können, denn dieser besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis und war der Entlarver der Neurose.5 Die Nazis ließen mit ihrer Bücherverbrennung die alte Tradition der damnatio memoriae wieder aufleben. Doch Freud war der Ansicht, das Vergessenes niemals ganz in Vergessenheit gerät, sondern latent unbewusst erhalten bleibt. Weinrich meinte, mit Freud hätte das Vergessen seine Unschuld verloren und müsse sich nun rechtfertigen. Dass Freud Verdrängungen auf Unlustmotive zurückführte, ist für Osten für dieses Kapitel wichtig. Denn welche Unlustmotive mögen wohl bei Vergangenheitshass vorliegen?

Weiterhin wichtig für Osten ist die Frage, ob ein verordnetes Erinnern zu den Fehlleistungen des modernen gesellschaftlichen Erinnerns führt. Könnte es daran liegen, dass die Erinnerung an gewisse Vorkommnisse globalisiert wird, um es bewältigen zu können, dass die Erinnerung somit zu Pflicht wird und aus dieser Pflicht sich Unlustmotive entwickeln? Doch entsteht damit nicht eine neue damnatio memoriae, indem jeder das verdrängt, an dass er sich erinnern soll? Hier bringt Osten auch wieder seine Kritik an digitalen System an, denn modern wird Erinnerung auf den PC verlagert, die Person selber vergisst es dann, da es für sie nur Ballast ist: sie muss sich schon an zuviel anderes erinnern.

5. Die Naturwissenschaften als Gedächtniszerstörer.6

Ab dieser Stelle zitiert Osten nun immer wieder einzelne Autoren, teilweise über längere Abschnitte, die wohl seine Meinung anzeigen sollen.

Bodo Strauß sprach davon, dass eine Rückbesinnung aufgegeben werden würde und dass Erinnerungsräume zerstört werden durch Bebauung. So schwinden die Erinnerungen, die mit diesen Plätzen verbunden sind. Die Naturwissenschaft ignoriert die Geschichte, denn sie ist auf die Zukunft ausgerichtet: die Evolution muss sich hier stetig aktualisieren. Der Mensch würde hierbei irgendwann in dieser heutigen Form aussterben und durch etwas Neues ersetzt werden.

G. Steiner erklärte, dass die Naturwissenschaft fortschrittsorientiert sei und deshalb das überholte kulturelle Gedächtnis ablegen würde. Die Geisteswissenschaften würden so schwinden, da auch ihr Gebiet verschwindet. Auch macht sich der dem Menschen notwendige Reflex des selektiven Vergessens bei einem Überangebot von Informationen immer mehr bemerkbar. Weinrich nannte dies vernunftgesteuerte Informationsabwehr und den Oblivionismus der Wissenschaft. Auch stellte er Vergessensregeln der Wissenschaft auf, nämlich vergess: 1. was nicht englisch geschrieben, 2. was nicht in einer Zeitschrift, 3. einer anerkannten Zeitschrift und 4. innerhalb der letzten 5 Jahren publiziert wurde. Die Geisteswissenschaften aber brauchen ein längeres Gedächtnis.

Frühwald zeigte auf, wie der Irakkrieg eine komplette Geschichte auslöschte, indem Museen und Archive im Irak zerstört wurden. Das kulturelle Bewusstsein würde damit zerstört werden. Die UNESCO immerhin versucht gewisse Einzelexemplare des Weltkulturerbes zu bewahren. Lévi-Strauss wies darauf hin, dass man im Moment niemals alles erkennen kann sondern oft erst im Rückblick und Alexander von Humboldt begegnete Eingeborenen Südamerikas, die keine Zeit kannten, die nicht von den so genannten Dämonen der Europäer geplagt waren.7

Die Naturwissenschaft würde die Natur entzaubern, so Osten.

Laut Weinrich sei etwas wie Moral nur möglich, wenn man ein Gedächtnis hat. Doch nun entscheidet die Naturwissenschaft über Moral: denn was ein natürlicher Trieb ist, kann nichts schlechtes und der Moral unterworfen sein. So würde die Naturwissenschaft auch langsam die Position der Religion einnehmen.

Hannah Arendt sprach davon, dass die Zukunft unbekannt und damit der Sinn des Lebens nicht mehr erkennbar sei. Wer dennoch immer noch erinnert in dieser modernen Gesellschaft, entwickelt Angst, da dieses Gedächtnis keine Grundlage mehr bilden kann: Angst vor der Zukunft.

Als nächstes geht Osten auf einen weiteren Aspekt der modernen Naturwissenschaften ein: Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes (die Menschenwürde) erfahre eine Uminterpretation. Die Wissenschaft forscht an Klonen, Genetik etc. Die Neurobiologie stellte fest, dass der Mensch determiniert ist, wie schon Freud es behauptete, und dass das Gefühl von Freiheit nur ein Konstrukt sozialer Konventionen sei. Deshalb sei auch ein neuer Gesellschaftsvertrag nötig, der gedächtnisneutral ist und die Erinnerungen an den Körper eliminiert.

Marquard zeigte auf, dass für die Fortschrittswelt die Vergangenheit grundsätzlich primitiv ist, wandte aber auch ein, dass gleichzeitig Museen entstanden, statt alten privaten Sammlungen nun öffentliche, welche das Alte aufheben, das, was andere weggeworfen hatten, als eine Art Altersheim für Artefakte. Karl-Heinz Bohrer erwähnte in diesem Zusammenhang, dass moderne Dokumentationen, Geschichtsbelletristik und ähnliches eine Art Erinnerung als Zerstreuung anbieten; Erinnerung wird zum Konsum. W. Hagen nannte dies eine Gegenwartsvergessenheit.

6. Moderne Techniken lassen vergessen.8

Nun befinden wir uns Bereich der Technik. W. Hagen erwähnte, dass Medien ständige Erneuerung brauchen und nie etwas permanent speichern sollten oder wollten. Das gilt für die abstrakten Medien wie Zeitungen und Fernsehen aber auch für konkrete Medien wie Datenträger. Auch Papier ist nicht für die Ewigkeit. Fangen wir aber von vorne an.

Weinreich erzählte, wie Freud einmal eine neue Erfindung fand, die er Wunderblock nannte. Man kann bei Medien verschiedene Haltbarkeitsstufen unterscheiden. Tinte auf Papier ist relativ (für Menschensinne) lange haltbar, Kreide auf einer Tafel nur sehr kurzfristig. Dieser sogenannte Wunderblock nun war jederzeit wieder löschbar und damit kurzfristig, doch sieht man auf ewig noch Spuren des Geschriebenen auf seiner Folie. Ähnlich ist es auch bei modernen Datenträgern.

Im Allgemeinen sind diese aber eher kurzfristig. Das Langzeitgedächtnis ganzer Kulturen soll auf diesem Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden. Osten stellt hier die Frage, wer hierbei entscheiden würde, was dafür wichtig genug ist. Und während die UNESO zwar sogenannte Weltkulturerbstücke sammelt, lässt es z.B. einfache Geschichten und Lieder, also ethnologische Dinge, völlig abseits.

Hans Magnus Enzensberger zeigte auf, wie wenig haltbar die neuen Medien seien: nicht nur aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften, sondern vor allem auch wegen des hohen Innovationsgrades, das alte Geräte und Medien bereits nach wenigen Jahren obsolet und somit nicht mehr lesbar werden lässt. Er unterscheidet die Gesprächsgruppen die menschliche Zukunft betreffend in zwei Gruppen:

  • die Evangelisten sind für den Fortschritt, träumen von Cyborgs, elektronischer Demokratie und einem Hierarchieabbau und seien gedächtnislos,

  • die Apokalyptiker verkünden dagegen allerlei Schrecken der Zukunft und sind für eine Erinnerung.

Enzensberger relativiert letztere aber, indem er sagt, dass Menschen sehr wohl realistisch seien und sich nicht in der Virtualität verlieren könnten, wie so viele befürchten.

Allerdings berichten die Apokalyptiker von anderen Fällen, die ernster sind: Nun also zu den neuen Medien. Bücher halten schon mal 150 Jahre selbst bei Gebrauch, bei guter Pflege auch viel länger. Disketten dagegen sind nach 10 Jahren kaputt. CDs sollen angeblich 100 Jahre halten, doch wer kann das schon bisher überprüfen?9 Nebenbei kommen CDs ja auch bereits wieder leicht aus der Mode. Vor allem wechseln die Geräte ständig, viele moderne können alte Standards nicht mehr lesen. Man kann zwar das Alte auf das Neue kopieren, doch: beim Kopieren entstehen Fehler, es dauert je nach Datenmenge lange und kann teuer werden.

So berichtet Peter Cornwell, wie die BBC schon einen guten Teil des Filmmaterials von Beginn des Filmzeitalters verloren hat. Sie versuchen es zwar zu kopieren, doch das dauert insgesamt 10 Jahre – und nach diesen 10 Jahren kann man bereits wieder von vorne anfangen. Weiterhin nahmen sie z.B. 1986 eine elektronische Neuauflage des Domesday-Books auf Laserdisk vor, dessen Original von 1086 noch erhalten ist. Die Laserdisks dagegen waren fast 20 Jahre später nicht nur fast kaputt, sondern vor allem gab es auch keine Abspielgeräte mehr.

Eine Vision der Evangelisten stellt das SAN da, das Storage Area Network, ein internationales Netzwerk von Servern, auf denen von sämtlichen Daten Kopien im ganzen Netz verbreitet werden, für den Fall, dass eine Einheit ausfällt oder erneuert werden muss. Nur ist dies natürlich teuer und vor allem müssen dazu alle Geräte die selben Standards haben um sich zu verstehen. Osten nennt dies Projekt das digitale Babel und kritisiert, dass digitale Technik zum Kommunizieren und nicht zum Memorieren gedacht ist.

Letztlich führt Osten noch Kritik von T. Hettche an, welcher feststellte, wie sich die Welt ändere: statt Erinnerung zähle die Statistik, statt Rezensionen gäbe es nun Bestsellerlisten usw. Weiterhin sagte er, was im Netz gespeichert sei, sei verloren. Denn: gespeichert, das heißt vergessen, wie oben schon gezeigt. (An das Gespeicherte muss man sich nicht mehr erinnern.)

7. Die Technik im Menschen10

Goethe erkannte, dass Lethe auch gut sein könne, um Leiden zu vergessen, um den Mensch zu entlasten. Ähnlich sehen es andere Menschen heutzutage. Wieder andere forschen, um das Gedächtnis zu verbessern. Ein paar der Ergebnisse und Möglichkeiten stellt Osten hier vor.

Die Neurobiologie wird das Gedächtnis als erstes verstehen können. Schon heute weiß sie, dass die Hirnrinde Eindrücke aufnimmt, an den Hippocampus weiterreicht, dieser sie verarbeitet und filtert und zur Speicherung zurück sendet. Sie fand auch heraus, dass Freud Recht hatte, als er sagte, dass vieles unbewusst abläuft, aber widerlegte ihn insofern, als das Jugendeindrücke wohl nicht gespeichert werden könnten und würden.

Freuds Verdrängen ist ein selektives Vergessen, bei dem der Hippocampus gedämpft wird. Ein einziges Molekül ist dafür verantwortlich, ob etwas aus dem Kurzzeitgedächtnis langfristig gespeichert wird. Dieses Molekül stellt eine Hilfe bei der Abwehr überflüssiger Informationen dar, bei einer künstlichen Blockierung solle man alles erinnern können. So sucht man die Pille für das Gedächtnis, nicht zuletzt, da der Mensch ab 25 unter Gedächtnisschwund leidet, ab 55 das Gehirn schrumpft und mit 70 60% der Menschen Erinnerungsprobleme haben.

Um gut erinnern zu können, kann man aber auch natürliche Techniken anwenden, welche die Natur auch dafür vorgesehen hat und welche man auf der Welt bewusst oder unbewusst seit Jahrtausenden anwendet. Neben komplexer Mnemotechnik sind dies auch bereits einfache Dinge. Positive Emotionen bei der Aufnahme von Eindrücken lassen diese in den Hippocampus zur Speicherung wandern, negative schicken sie an den Mandelkern. Dieser speichert sie auch, doch lernt man dort automatische Handlungen die beim Überleben helfen sollen: Nervosität, Adrenalinausstoß, Flucht, Angst – sehr schlecht für jede Prüfungssituation. Weiterhin hilft der Schlaf, Erinnerungen zu ordnen und zu speichern und nicht umsonst sagte schon Pythagoras seinen Schülern, sie sollen morgens nachdem Aufwachen noch einmal den vorherigen Tag rekapitulieren.

Der Amerikaner Kass dagegen fordert den memory enhancer, denn die Menschheit wird älter und bekommt Gedächtnisprobleme. Erinnern dagegen forme das Individuum und sei notwendig. So sprach er sich für eine Erinnungspflicht aus, selbst dann, wenn man etwas Schreckliches vergessen will.11

W. Singer zeigte auf, dass Erinnerungen im Gehirn gebündelt und assoziativ vorliegen. Die Sinne wählen aus den Eindrücken aus, was sie durchlassen, wir nehmen also eigentlich nur Ausschnitte wahr. Bei Lücken ‚erfinden‘ wir unterbewusst das Fehlende und ersetzen es. Bei einer Motivfrage denken wir uns eines aus, selbst wenn wir nicht wissen, warum wir etwas taten und nehmen sogar nur das wahr, was wir auch erwarten zu sehen. Der menschliche Speicher ist begrenzt, weshalb wir uns gar nicht alles erinnern können. Die Mnemotechnik speichert nicht umsonst Orte, das Erinnern ist kreativ. Bei jedem Neuerinnern und erzählen erfinden wir Dinge hinzu und überschreiben so teilweise die alten Erinnerungen. Das ökonomische Prinzip lässt Überflüssiges weg und Inhalte vermischen sich.

Osten schließt sein Essay mit der Bemerkung, dass Herkunft Erinnerung braucht und man zum Erinnern langsamer leben muss.

Letztlich scheint er also ein Apokalyptiker zu sein, der vor der Zukunft warnt und zurück auf natürliche Vorgänge und Zwecke kommen will.

8. Literatur

Osten, Manfred: Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur. Frankfurt a.M./Leipzig: Insel Verlag 2004.

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Fußnoten:

1Vgl. Osten, Manfred: Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur. Frankfurt a.M./Leipzig: Insel Verlag 2004. S. 7ff.

2Ebd., S. 9f.

3Vgl. Ebd., S. 17ff.

4Vgl. Ebd., S. 39ff.

5Obwohl Freuds Bücher auch verbrannt wurden, blieb er in Wien, arrangierte sich anfangs mit den Nazis und konnte nur noch im letzten Augenblick fliehen. Doch lange lebte er dann auch nicht mehr, bis er sich das Leben nahm.

6Vgl. Ebd., S. 45ff.

7Ist dieser Punkt nicht eher eine Evidenz dafür, dass man auch ohne Zeit und Gedächtnis leben kann? Osten wies auf diesen Punkt hin, da sie nicht der Zukunft nachhasten würden, doch haben sie doch ebenso wenig eine Vergangenheit und sind das beste Beispiel für jemanden, der ‚von Tag zu Tag‘ lebt.

8Vgl. Ebd., S. 72ff.

9Die CD kam 1982 raus und damit leicht älter als der Autor dieses Artikels; sobald dieser die 100 Jahre erreicht hat und die damals erste CD von ABBA dann noch funktioniert, wird er die Wahrheit wissen.

10Vgl. Ebd., S. 92ff.

11Absolutes Erinnern könnte ein Mensch wohl niemals lange verkraften.

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