Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik.

Andre Schuchardt

präsentiert

Wie man in jeder Diskussion Recht behält.

Schopenhauers Eristische Dialektik.

Inhalt:

Arthur Schopenhauer

Eristische Dialektik

Grundlegendes

Die Kunstgriffe

K1: Die Erweiterung und Verengung

K2: Die Homonymie: andere Wortbedeutungen nutzen.

K3: Relatives als absolut auffassen

K4: Argumente liefern lassen

K5: Sein Spiel spielen

K6: Beweiserschleichung (petitio principii)

K7: Fragen

K8: reizen

K9: verwirren

K10: fehl leiten (Ergänzung zu K7)

K11: Induktion

K12: Umschreiben: neutral, pejorativ

K13: Beeinflussung

K14: Unverschämt sein, einschüchtern.

K15: Unklarheit nutzen

K16: Widersprüche aufdecken

K17: Ambiguität aufdecken

K18: Ablenken, Thema wechseln (wenn man verliert)

K19: Verallgemeinern (Gegenstück zu K7, Ergänzung zu K1)

K20: Konklusion ziehen (und gewinnen).

K21: Sophismus mit Sophismus abwehren (Ergänzung zu K5).

K22: Beweiserschleichung vorwerfen (Gegenstück zu K6)

K23: Übertreiben (Ergänzung zu K8 und K1).

K24: Konsequenzmacherei: aus eigenen Behauptungen widerlegen

K25: Instanzen nutzen um Prämissen zu widerlegen (und davor verteidigen)

K26: retorsio argumenti (Des Gegners Argumente benutzen)

K27: In Wunde stochern

K28: Ungültigen Einwurf machen (Gegenstück zu K5)

K29: Diversion, Beleidigen (wenn man verliert, Ergänzung zu K18).

K30: argumentium ad verecundiem (Autorität für sich nutzen)

K31: Selbstironie (wenn man nichts zu sagen hat)

K32: Abneigungen ausnutzen

K33: Sophismus äußern (Gegenstück zu K5)

K34: wunden Punkt erkennen (Gegenstück zu K18, Ergänzung zu K27).

K35: argumentum ab utili (gegen den Willen, Ergänzung zu K13)

K36: Mit gelehrt klingenden Wortschwall überraschen (Ergänzung zu K9)

K37: ad hominem für ad rem ausgeben

K38: persönlich werden (als letztes Mittel)

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer wurde 1788 in Danzig geboren und starb 1860 im Alter von 72 Jahren in Frankfurt am Main. Schopenhauer war einer der Begründer des Irrationalismus, wonach die menschliche Vernunft niemals die Welt völlig begreifen kann. Bekannte andere Vertreter dieser Zunft waren Schelling, Kierkegaard und Nietzsche und in der Gegenwart Derrida und die Existenzialisten.

Schopenhauer bezeichnete die Welt das Jammertal, in welcher niemals etwas wirklich befriedigt wird und dass man lernen müsse, zu sterben, den Willen zum Leben aufzugeben, um ihm entfliehen zu können.

Vor allem aber war Schopenhauer auch bekannt für seine Polemiken und seine beißenden Kommentare. Viele Debatten mit Freunden und Fremden führte er auch persönlich und konnte sich so in den Künsten des richtigen Debattierens üben. Seine Erkenntnisse, wie man beim Disputieren nun so gut wie immer Recht behalten oder zumindest nie verlieren könne, fasste er zusammen und schrieb sie auf. Zwar wurde das Buch nie vollendet, noch erschien es je. Aber aus dem Nachlass und dem Fragment erarbeitete man 1864 eine Version, auf dem dieser Artikel basiert. Hier möchte ich nur in Kurzform das vortragen, was nach Schopenhauer reicht, um Recht zu behalten. Denn „der Mensch ist von Natur rechthaberisch“1 und „Denn es kommt ja nicht auf die Wahrheit, sondern den Sieg an.“2

Eristische Dialektik

Die Dialektik ist die Kunst der Unterredung. Kant bezeichnete sie als sophistische Disputierkunst. Nach Schopenhauer ist sie synonym zur Logik und folgt den selben Regeln. Logik ist ihm hierbei die Vernunft des Einzelnen, welcher mittels Analytik zur Wahrheit finden will, zur objektiven Wahrheit. Dialektik dagegen ist ein geistiger Kampf zwischen Zweien zur Findung der subjektiven Wahrheit. Zusammen mit der Eristik, der Lehre des Streitgesprächs, will sie die subjektive Wahrheit nicht nur finden, sondern vor allem beweisen. Hierbei ist unerheblich, ob die Prämissen wahr sind, nur die Konklusion muss richtig sein.3 Die Grenzen zur Sophistik, wo eigentlich alles falsch ist, die Konklusion aber wahr wirkt, sind fließend, besonders, da Schopenhauer auch manchmal zur Sophistik als letztem Mittel zurück greift.

Gehen wir nun zur „Lehre vom Verfahren der den Menschen natürlichen Rechthaberei.“4

Grundlegendes5

Ziel ist es, die These des Gegners zu widerlegen, die eigene dagegen zu beweisen. Hierzu gibt er zunächst grundlegende Mittel und Begriffe an, um danach in 38 so genannten Kunstgriffen zu zeigen, wie man sich behaupten kann.

1. Modi:

a) ad rem – widerspricht der objektiven Wahrheit, der grundsätzlichen Wahrheit der Natur.

b) ad homimen – widerspricht der relativen Wahrheit, der Wahrheit im Verhältnis zu anderen aufgestellten Behauptungen.

2. Wege:

I. direkt – geht gegen die Gründe: These ist nicht wahr.

a) nego majorem – geht gegen die Prämissen

b) nego quentian – geht gegen die Konklusion

II. indirekt – geht gegen die Folgen: These kann nicht wahr sein.

a) Apagoge – Prämisse 1 als wahr nehmen, die zweite Prämisse aber austauschen: die Konklusion wird falsch, weil ad rem oder ad hominem.

b) Instanz – These in andere Umgebung setzen, in der er falsch ist.

Die Kunstgriffe

K1: Die Erweiterung und Verengung6

Gegner: Thesen allgemein deuten, übertreiben – denn dies macht angreifbar.

Eigene: Thesen eng deuten.

K2: Die Homonymie: andere Wortbedeutungen nutzen.7

Ein homonymes Wort ist ein Wort, das für mindestens zwei Dinge steht.

Den verwendeten Begriff auf andere Bedeutungen ausdehnen.

K3: Relatives als absolut auffassen8

Eine geäußerte relative Behauptung als absolut auffassen.

K4: Argumente liefern lassen9

Sich, ohne dass der Gegner es merkt, heimlich und verstreut von ihm selber im Gespräch die Prämissen zukommen lassen.

K5: Sein Spiel spielen10

Macht er K4 nicht mit und liefert falsche Prämissen, halt diese nutzen.

K6: Beweiserschleichung (petitio principii)11

etwas postulieren: a) unter anderem Namen, b) was im Einzelnen streitig, im Allgemeinen aber gültig ist, c) wenn a mit b äquivalent ist, eins von beiden als erstes einführen und dann auf das zweite kommen, d) um das Allgemeine zu beweisen, erst das Einzelne zugeben lassen.

K7: Fragen12

sokratisch, viel und weitläufig den Gegner fragen, aber verbergen, worauf man hinaus will.

K8: reizen13

Wenn der Gegner zornig ist, wird er nachlässig.

K9: verwirren14

Versetzt und nicht in Reihenfolge fragen, das Ziel verdecken.

K10: fehl leiten (Ergänzung zu K7)15

wenn er absichtlich Fragen verneint, ihm eine falsche Frage, z.B. das Gegenteil, stellen – oder auch richtige und falsche Fragen zusammen.

K11: Induktion16

Eine Induktion machen. Gesteht der Gegner die einzelnen Fälle zu, einfach irgendwann später die gewünschte Konklusion einführen, als hätte er dazu bereits ja gesagt.

K12: Umschreiben: neutral, pejorativ17

neutrale Begriffe pejorativ verwenden etc. Z.B. statt „Geistlichkeit“ nun „Pfaffen“ und vice versa.

K13: Beeinflussung1819

Damit der Gegner einen Satz annimmt, ihm diesen zusammen mit einem krassen Gegenteil anbieten (Z.B.: Schwarz oder Weiß?). Er kann nur das richtige annehmen.

K14: Unverschämt sein, einschüchtern.20

Wenn der Gegner nicht die richtigen Prämissen annehmen will, einfach die Konklusion einführen, triumphieren und so tun, als wäre es jetzt richtig.

K15: Unklarheit nutzen21

Dem Gegner eine richtige, aber nicht ganz klar Prämisse bieten. Verwirft er sie, hat man gewonnen. Wenn nicht, bleibt nur noch K14.

K16: Widersprüche aufdecken22

Einen Widerspruch mit einer früheren Prämisse des Gegners suchen. (Z.B.: Er verteidigt Selbstmörder, sagen: „Ja, warum hängen sie sich dann nicht auf?!“)

K17: Ambiguität aufdecken23

Gegenbeweise durch deren doppelte Bedeutung abwehren.

K18: Ablenken, Thema wechseln (wenn man verliert)24

Nur anwenden, wenn er siegen würde.

K19: Verallgemeinern (Gegenstück zu K7, Ergänzung zu K1)25

Wenn man offen gefragt wird, gegen etwas zu sprechen.

K20: Konklusion ziehen (und gewinnen).26

Wenn man alle Prämissen hat.

K21: Sophismus mit Sophismus abwehren (Ergänzung zu K5).27

Statt die Unwahrheit zu beweisen. Ist einfacher.

K22: Beweiserschleichung vorwerfen (Gegenstück zu K6)28

Die Prämisse des Gegners, die zu seiner Konklusion führen würde, als petitio principii bezeichnen.

K23: Übertreiben (Ergänzung zu K8 und K1).29

Prämissen des Gegners übertreiben. Sind so besser widerlegbar. Außerdem reizt es ihn (K8). Vgl. K1.

Eigene Prämissen einschränken, wenn er dies versucht: „So viel habe ich gesagt und nicht mehr!“

K24: Konsequenzmacherei: aus eigenen Behauptungen widerlegen30

Aus Prämissen des Gegners durch falsche Folgerung und Begriffsverdrehung Prämissen ziehen, die gegen seine Aussagen sind.

K25: Instanzen nutzen um Prämissen zu widerlegen (und davor verteidigen)31

„alle Wiederkäuer sind gehörnt“ – „was ist mit Kamelen?“

Zur Verteidigung: 1. ist die Instanz überhaupt wahr? 2. gehört sie zum Begriff? 3. ist es überhaupt ein Widerspruch?

K26: retorsio argumenti (Des Gegners Argumente benutzen)32

„Es ist bloß ein Kind…“ – „Ja gerade deshalb…!“

K27: In Wunde stochern33

Hat man den wunden Punkt gefunden, dran bleiben.

K28: Ungültigen Einwurf machen (Gegenstück zu K5)34

Funktioniert nur vor ungelehrten Publikum, für das der Einwurf vernünftig klingt. Gegner müsste viel Zeit verwenden die Falschheit zu erklären.

K29: Diversion, Beleidigen (wenn man verliert, Ergänzung zu K18).35

Wenn man am verlieren ist, ablenken oder Thema wechseln (vgl. K18) oder persönlich werden.

Zur Verteidigung: abwehren, bloß nicht selber persönlich werden.

K30: argumentium ad verecundiem (Autorität für sich nutzen)36

Autorität des Gegners gegen ihn verwenden. Er glaubt dies lieber, als selber zu urteilen. V.a. aber auch ungelehrtes Publikum.

„Sie wissen nicht daß wer […] eine Sache lehrt, sie selten gründlich weiß, denn wer sie gründlich studirt, dem bleibt meistens keine Zeit zum lehren übrig.“37

Argumente verdrehen, Fremdausdrücke verwenden, bei denen er nachsehen müsste. Allgemeine Vorurteile als Autorität nutzen, denn allgemein angenommenes wird eher von jemanden akzeptiert ohne nach zu denken. Auch wenn dies eigentlich nicht wirklich ein Beweis ist.

„Sie sind Schaafe die dem Leithammel nachgehn, wohin er auch führt: es ist ihnen leichter zu sterben als zu denken.“38

„Was man so die allgemeine Meinung nennt, ist, beim Lichte betrachtet, die Meinung Zweier oder Dreier Personen“39.

„Kurzum Denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben“40.

K31: Selbstironie (wenn man nichts zu sagen hat)41

Sich selber Inkompetenz vorwerfen, wenn man dem Gegner nichts zu erwidern hat.

Für Zuhörer klingt es als würde man sagen, das Argument des Gegners sei Blödsinn. Fukntioniert nur, wenn man bei diesen ein höheres Ansehen hat.

Gegenschlag: „Glauben sie, bei ihrer großen Penetralia, muss es ihnen ein leichtes sein zu verstehen, meine schlechte Darstellung ist schuld.“

K32: Abneigungen ausnutzen42

Prämisse des Gegners einer anderen Kategorie zu ordnen, einer, die verpönt ist.

K33: Sophismus äußern (Gegenstück zu K5)43

Sagen, dass ein Argument in der Theorie korrekt ist, in der Praxis aber falsch. Damit gibt man die Prämisse zu, lehnt aber die Konklusion ab.

(aber: was in Praxis falsch ist, muss auch in der Theorie falsch sein, insofern ist die Theorie falsch und man widerlegt auch die Prämisse.)

K34: wunden Punkt erkennen (Gegenstück zu K18, Ergänzung zu K27).44

vgl. K27. Wenn er ausweicht, ablenkt oder Gegenfragen stellt, muss man einen wunden Punkt gefunden haben. Dran bleiben.

K35: argumentum ab utili (gegen den Willen, Ergänzung zu K13)45

Dem Gegner vermitteln, dass seine Ansicht aus irgendeinem Grund unvorteilhaft sei (wenn er z.B. etwas sagt, gegen das die Zuhörer sind. Oder wenn ein Pferdezüchter aufkommende Dampfmaschinen lobt, es dann bald aber auch keine Pferde mehr gibt.)

K36: Mit gelehrt klingenden Wortschwall überraschen (Ergänzung zu K9)46

Durch einen gelehrt klingenden Wortschwall den Gegner verwirren. Er wird versuchen es zu verstehen, kommt aber nicht hinterher.

K37: ad hominem für ad rem ausgeben47

Wenn dem anderen nicht das richtige einfällt.

K38: persönlich werden (als letztes Mittel)48

Gegner beleidigen, sobald er kurz vor dem Sieg ist. Das lenkt auch vom Thema ab.

Gegenmittel: nicht ruhig kontern, aber auch nicht selber persönlich werden, sondern:

a) kaltblütig antworten, „das gehört nicht zur Sache“, stattdessen das Unrecht im Hauptthema zeigen und gewinnen.

b) nur mit Leuten disputieren, die man kennt.

1Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten. 1985, Zürich. Haffmans Verlag. S. 89.

2ebd., S. 48

3vgl. ebd. S. 86ff.

4ebd., S. 89.

5vgl. ebd., S.21ff.

6vgl. ebd., S. 24ff.

7vgl. ebd., S. 28ff.

8vgl. ebd., S. 32ff.

9vgl. ebd., S. 34f.

10vgl. ebd., S. 35f.

11vgl. ebd., S. 36f.

12vgl. ebd., S. 37f.

13vgl. ebd., S. 38.

14vgl. ebd., S. 38f.

15vgl. ebd., S. 39.

16vgl. ebd., S. 39f.

17vgl. ebd., S. 40ff.

18vgl. ebd., S. 42f.

19Ergänzen könnte man hierzu noch Suggestivfragen und andere suggestive Beeinflussungen. – Anm. A.S.

20vgl. ebd., S. 43.

21vgl. ebd., S. 44.

22vgl. ebd., S. 44f.

23vgl. ebd., S. 45f.

24vgl. ebd., S. 46.

25vgl. ebd., S. 46f.

26vgl. ebd., S. 47.

27vgl. ebd., S. 47f.

28vgl. ebd., S. 48.

29vgl. ebd., S. 49.

30vgl. ebd., S. 50.

31vgl. ebd., S. 50f.

32vgl. ebd., S. 52.

33vgl. ebd., S. 52.

34vgl. ebd., S. 53f.

35vgl. ebd., S. 54ff.

36vgl. ebd., S. 57ff.

37ebd., S. 58.

38ebd., S. 59.

39ebd., S. 61.

40ebd., S. 63.

41vgl. ebd., S. 65f.

42vgl. ebd., S. 66f.

43vgl. ebd., S. 67f.

44vgl. ebd., S. 68f.

45vgl. ebd., S. 69ff.

46vgl. ebd., S. 71ff.

47vgl. ebd., S. 75f.

48vgl. ebd., S. 75ff.

Literatur:

Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten. 1985, Zürich. Haffmans Verlag. S. 89.

2 Responses to Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik.

  1. […] habe mir das Buch mal angeguckt und das zusammengefasst, was er dort an Techniken […]

  2. wortman sagt:

    überaus interessant, aber das muss ich mir noch einmal in ruhe durchlesen…

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