Die Lehren des Epikur

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1. Einleitung

Epikur (ca. 341 – 271/270 v. Chr.) war griechischer Philosoph und Begründer einer eigenen philosophischen Strömung, sah sich jedoch ursprünglich vor allem dem Atomismus Demokrits verpflichtet. Seine Schule war ein Gegenstück zur Stoa und hielt sich bis etwa ins 3. Jahrhundert. Leider sind kaum Schriftstücke von ihm selber überliefert.1

Dieser Artikel möchte das, was bekannt ist, zusammenfassen auf eine hoffentlich verständliche Art. Seine Briefe an Herodotos, Pythokles und Menoikeus waren an diese gerichtete kurze Zusammenfassungen seiner Lehren, die er in Büchern niedergeschrieben hatte, welche heute aber als verloren gelten. Zusammen mit den Hauptlehrsätzen seiner Schule sowie Sprüchen, Fragmenten und Zitaten wurden sie vereint in einem kleinen Büchlein beim Insel Verlag veröffentlicht.

Vielleicht wäre diese Zusammenfassung sogar das, was Epikur selber gewollt hätte, schrieb er doch an Herodotos: „[W]ir bedürfen häufig mehr des Gesamtüberblicks als der Kenntnis der Einzelheiten.“2 Wir werden sehen, bei vielen seiner Erkenntnissen und Vermutungen war er seiner Zeit weit voraus.

2. Grundbegriffe.

Epikur versuchte alles auf einfache Grundbegriffe und Bezeichnungen zurückführen zu können. Bei jeder Bezeichnung müsse sich seine ursprüngliche Bedeutung ohne notwendige Erklärung erkennen lassen.3 Darum gehen wir nun kurz seine Begriffe durch und erklären sie: Atome, All, Körper, Bilder, Seele, Symptome, Welten und andere.

Grundlegend sind die Atome. Sie sind unbegrenzt vorhanden in unerfassbar vielen Variationen und diese jeweils in unendlicher Anzahl. Die Atome sind in ständiger Bewegung im leeren Raum, prallen aneinander und driften wieder auseinander. Sie sind unteilbar und ewig. 4 Ihre jeweilige Gestalt, Größe und ihr Gewicht bleiben stets unverändert, auch haben sie immer die selbe Geschwindigkeit. Lediglich wenn sich einer Körper ändert, ändern sich auch die Atome.5 Atome setzen sich also zusammen zu Körpern. Da die Atome unendlich sind, sind auch die Körper unendlich. Und damit diese Körper Platz haben, muss ebenso das All unendlich sein. Es hat keine Grenze und besteht aus sichtbaren Körpern sowie dem leeren Raum. Dieser muss existent sein, da sich die Körper ja sonst nirgends bewegen könnten. Es gab keinen Anfang, das All war immer so wie es ist und wird auch für immer so bleiben. Lediglich die Atome der Körper setzen sich zu neuen Körpern zusammen.6 Die größten dieser Körper sind die Welten, die natürlich auch unendlich vorhanden sein müssen.7 Sie können unterschiedlich geformt sein: kugelförmig, eiförmig oder unförmig. Außerdem ist es nicht beweisbar, dass es nur auf unserer die Bedingungen für Leben geben könne.8

Aus den Körpern strömen Bilder. Diese sind fein, schnell und durch nichts gehemmt. Sie sind Abdrücke des Originals und führen zu Sinneseindrücken. Auch der Hall, den man beim Hören aufnimmt, wird durch auswandernde Körperchen geformt.9 „Man darf also nicht glauben, die Luft selbst werde von dem ausgesandten Ton oder von Gleichartigem geformt“.10 Die Seele eines Körpers sitzt als festkörperlicher warmer Hauch im Leib. Nur sie kann Sinneseindrücke wahrnehmen. Hat ein Körper keine Seele mehr, kann er auch nichts mehr wahrnehmen.11

Der Mensch wurde durch die Dinge des Alls selber zum Lernen gezwungen, denn er verstand sie nicht, er musste erst versuchen sie zu begreifen. Begriffe, die es für diese verschiedenen Dinge in verschiedenen Sprachen verschiedene gibt, sind unterschiedliche Luftströmungen unterschiedlich veranlagter Völker, die später durch Konvention vereinfacht und vereinheitlicht wurden. Gott ist nicht Schöpfer der Planeten. Denn wer etwas schafft, etwas erschafft, der hat Angst und ist nicht glücklich, ihm fehlt etwas, ein Gott müsste aber glückselig sein. Allerdings muss die Naturwissenschaft allgemeine Erscheinungen erforschen, um auf diese Weise zur Glückseligkeit zu gelangen. Furcht entsteht durch den Glauben an einen glückseligen Gott, der handeln könnte. Wir müssen auf unsere Empfindungen und ihre Gründe achten, um sie beseitigen und glückselig werden zu können.12

3. Die Himmelserscheinungen.

Dem Pythokles erklärte Epikur, was die Himmelserscheinungen bedeuten. Hierzu führte er einleitend noch an, dass man empirisch forschen müsse um wahre Gründe zu finden.13 In seinen folgenden Ausführungen gab er teilweise aber mehrere Möglichkeiten, ich gebe hier größtenteils die Vermutung wieder, die sich als richtig herausgestellt hat, wenn denn so eine vorhanden ist.

Der Kosmos ist das Himmelsgewölbe mit seinen Gestirnen und dem Rest. Er ist unendlich. In ihm sind Welten, die entstehen, wenn ein Same von einer Welt abfällt, in die Ferne wandert und zusätzlich Wasser erhält, vermutlich um gedeihen zu können. Die Gestirne bildeten sich durch den Zustrom von Teilen bei ihren Umdrehungen. Unsere Sonne dürfte hierbei wesentlich größer sein, als wir sie sehen. Der Auf- und Untergang der Sonne entsteht durch ihre Erlöschung, eventuell aber auch durch Bewegung oder Verdeckung durch die Erde. Die Gestirne selber bewegen sich hierbei spiralförmig. Der Mond erfährt seine Ab- und Zunahme durch seine Drehung sowie durch Vorschiebung eines anderen Körpers. Sein Licht erhält er von der Sonne oder sich selber. Eine Finsternis entsteht durch Erlöschung oder indem sich etwas anderes vor das Gestirn schiebt. Gott ist dafür nicht verantwortlich. Tag und Nacht sind unterschiedlich lang, weil die Sonne unterschiedlich schnell ist. Witterung entsteht durch Veränderungen der Luft, Wolken durch Zusammenstoßen von Luft oder angestauter Feuchtigkeit, Donner durch den Wind, Blitze durch Wolkenreibung oder Winde, ein Wirbelwind durch den Wind, ein Erdbeben durch Einstürze oder Winde in der Erde. Hagel ist gefrorenes Wasser, das rund wird durch Abschmelzung. Schnee ist gefrorener Regen. Tau bildet sich aus der Luft oder an nassen Stellen, Reif ist erstarrter Tau. Eis entsteht, indem das Kugelförmige aus dem Wasser heraus- und das Spitze zusammengedrückt wird. Einen Regenbogen sieht man, wenn die Sonne gegen Wasser in der Luft scheint. Der Mondhof ist Luft um dem Mond, Kometen sind sich bewegende Sterne oder Feuer in der Luft. Sternschnuppen sind Feuer, welches aus den Wolken kommt. Letztlich sind Wettervorzeichen an Tieren nur Zufall.14

4. Gott, Tod und der Mensch.15

Nach Epikur solle ein jeder Philosophie betreiben um Glückseligkeit und ein von Schönheit erfülltes Leben zu erlangen. Hierzu müsse man aber ein paar Dinge erkennen. So sind Götter unvergängliche und selige Lebewesen, die keine Menschen sind. Der Tod ist ein Nichts, keine Empfindung, nichts Schreckliches. Wir müssen keine Angst vor dem Tod haben, denn solange wir Leben, gibt es ihn nicht, und wenn er da ist, haben wir keinen Grund mehr uns zu fürchten, denn dann sind wir nicht mehr. Man solle sein Leben, egal wie lang es ist, so angenehm wie möglich machen. Hierzu müsse man glücklich werden, Freuden erleben. Doch Freude, die Widerwärtigkeiten als Folge hätte, solle man meiden und sieht man große Freude als Ziel, könne man dafür auch Schmerzen ertragen. Man muss selbstgenügsam sein, mit wenig klar kommen. Eine einfache Lebensweise ohne das Streben nach Luxus bringt Gesundheit und mehr Freude an großen, außergewöhnlichen, höheren Dingen, sobald man diese erreicht. Epikur stellte auch eine Typologie der Begierden auf: Die ersten sind natürlich und entweder nur natürlich oder auch notwendig, und wenn sie dies sind, entweder notwendig zur Glückseligkeit oder zum Leben. Die zweiteren Begierden jedoch sind nichtig. All unser Tun soll darauf hinaus laufen, keine Schmerzen zu haben, keine Störungen der Seele zu verspüren, dann brauchen wir auch keine Freude mehr zu suchen. Und mit Freude meinte er vor allem nicht die Freude der Hedonisten, die Lüste des Genießens, sondern die Freude, keine Schmerzen sondern Seelenfrieden zu haben. Nüchternes Überlegen müsse das Verlangen bekämpfen. Die Vernunft ist wertvoller als selbst das Philosophieren, denn alle Tugend entspringt aus ihr. Man könne nicht freudvoll leben ohne vernünftig, anständig und gerecht zu sein. Der wahrhaft freudige Mensch wäre fromm zu Gott, hat keine Todesfurcht und weiß das Ziel der Natur. Kein Schmerz kann ewig dauern und es gibt kein Schicksal, sondern nur Zufälle.

5. Die Lehre des Epikur16

Nun noch eine Zusammenfassung seiner Lehrsätze. Ich gehe sie in ihrer Reihenfolge durch.

Gott kennt keine Schwierigkeiten und bereitet auch keine, denn das würden nur schwache Wesen tun. Der Tod ist ein Nichts, in dem man keine Empfindung mehr hat. Die Grenze der Freude liegt dort, wo kein Schmerz mehr ist.17 Kein Schmerz währt ewig. Freude ist Vernunft, Anstand und Gerechtigkeit. Das Königtum schafft Sicherheit unter den Menschen. Berühmtheit bringt noch keine Sicherheit. Nachteile können größer sein als die Freude, die sie bringen. Freude kann sich niemals auf einen Punkt konzentrieren, denn dann wären die einzelnen Freuden nicht mehr unterscheidbar. Wem das Prassen Freude und keine Schmerzen bereitet, für den ist dies gut. Naturerkenntnis nötigt solange Argwohn vor Natur und Tod bis man sie versteht und sie ist notwendig, um frei von Mythen zu werden. Argwohn vor dem Überirdischen stört aber die irdische Sicherheit. Echte Sicherheit bietet eher Stille und Zurückgezogenheit denn Masse. Echter Reichtum kommt von der Natur, ist begrenzt doch leicht beschaffbar. Den Weisen trifft kaum Zufall im Leben, denn er überlegt. Seelenfrieden hat nur der Gerechte, nicht der Ungerechte. Wer überlegt und seine Ängste beseitigt, erreicht den höchsten Gipfel der Freude. Wenn wir wissen, wieviel Zeit uns bleibt, können wir diese nutzen. Der denkende Mensch flieht die Freude nicht. Man muss um nichts kämpfen, denn was notwendig ist, ist leicht zu erreichen. Man muss sein Lebensziel fest im Blick haben. Seine Sinne darf man nicht verleugnen, denn worauf könne man sich sonst beziehen? Verlässt man sich nur auf sein Denken, wird man getäuscht.18 Man darf nicht gegen das Ziel der Natur handeln. Wenn eine Begierde keinen Schmerz verursacht, wenn man sie nicht befriedigt, dann ist sie nicht notwendig. Freunde sind den Menschen im Leben am wichtigsten. Freundschaft bietet Sicherheit. Begierden sind natürlich und notwendig, dann beseitigen sie Schmerzen, oder sie sind natürlich und nicht notwendig, dann erhöhen sie die Freude, oder sie sind nicht natürlich und auch nicht notwendig, dann sollte man nicht nach ihnen Streben. Aber auch die natürlichen und nicht notwendigen können zu letzterem werden. Gerechtigkeit ist eine Übereinkunft zum Nutzen, nicht zum Schaden. Wer keine Übereinkunft tätigen kann, hat keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit gibt es nicht von selbst aus. Ungerechtigkeit ist die Besorgnis, nicht der Gerechtigkeit entgehen zu können. Wer eine Abmachung verletzt darf nicht hoffen für immer damit durch zu kommen. Nicht alle Menschen sehen dasselbe als gerecht an. Was durch Bedürfnisse zum Gesetz wurde, ist gerecht, selbst wenn sich die Bedürfnisse später ändern. Wenn über Gesetze jedoch anders gedacht wird, sind sie überholt. Man muss sich mit seiner Umwelt vertraut machen, um sicher zu sein. Vertrauen in Nachbarn haben zu können ist Freude.

Zu diesen grundsätzlichen Lehren kann man noch einige Erkenntnisse aus überlieferten Zitaten hinzufügen:19 Nichts zwingt uns, unter Zwang zu leben. Ruhe führt zur Erschlaffung, Bewegung zur Raserei. Man darf nichts aufschieben, denn wir leben nur einmal. Greise muss man ehren. Wenn Liebende nicht miteinander umgehen, verlieren sie ihre Liebe. Der Natur muss man gehorchen, man darf sie nicht ausbeuten. Freundschaft entsteht aus Nutzen. Für Freundschaft muss man etwas wagen. Man soll lieber Weisheit verkünden, die keiner hören will, als der Masse nachplappern. Vor dem Tod kann es keine Sicherheit geben. Seinen Besitz soll man nicht entehren, indem man etwas anderes begehrt. Suizid ist nicht löblich. Ein Freund ist nicht, wer nur Hilfe nimmt. Geiz ist unschicklich. Geben ist besser denn nehmen. Naturwissenschaft macht stolz und selbstbewusst. Liebesgenuss bringt nie Nutzen und meist Schaden, z.B. an Gesetzen, Sitten, Gesundheit etc. Man darf niemandem etwas neiden. Freunde teilen mit einem den Schmerz. Man muss sich aus dem Alltags- und Staatsleben befreien. Bedürfnislosigkeit darf man nicht übertreiben. Anerkennung muss von selbst kommen. Man sollte nichts tun, dessen mögliche Aufdeckung einem Angst einflößt. Innerer Frieden ist Ruhe für alle. Die Jugend ist vor den Ungezügelten zu schützen. Der Mensch schafft sich seine Ängste selber.

6. Schluss

Dies war also die Betrachtung der Lehren des Epikur. Fassen wir dies noch einmal kurz zusammen. Seine Weltsicht war stark materialistisch, geprägt vom Atomismus. Alles besteht aus Atomen, selbst die Seele, die nur ein Motor ist, und verwandelt sich nach ihrer Auflösung wieder in etwas anderes. Damit ist der Tod für den Menschen auch endgültig, weshalb er ihn nicht fürchten solle, da es dort keine Schmerzen gäbe. Jedoch solle der Mensch sein Leben so angenehm und schön wie möglich gestalten. Dazu gehören aber auch der Verzicht auf nicht-natürliche Freuden und Begierden, die eigentlich mehr Unheil als Gutes mit sich bringen.

Zurückblickend bleibt ähnlich wie bei Pythagoras und seinen Anhängern die Frage, ob Epikurs Schule nicht vielleicht vielmehr eine Art von religiöser Gemeinschaft war, dann allerdings eher eine Form des materialistischen, ‚vernünftigen‘ Glaubens. Ihre Lehren beziehen jedenfalls mehr auf das Leben und darauf, dieses gut zu gestalten. Leider sind jedoch ja auch kaum welche von seinen naturwissenschaftlichen Betrachtungen erhalten. Es ist aber erstaunlich, wieviele richtige Beobachtungen und Vermutungen er anstellte, die im Mittelalter teils als ketzerisch gegolten hätten.

Eine Erkenntnis, die hier vermittelt werden sollte, ist aber die Widerlegung des alten Glaubens, dass die Lehren Epikurs und der Hedonismus gleich zu setzen seien. Dies ist hoffentlich gelungen. Epikur machte klar, dass bloße Auslebung aller Begierden und Lüste nicht das Ziel eines glücklichen Lebens sein können.

7. Literatur.

Epikur: Philosophie der Freude. Briefe. Hauptlehrsätze. Spruchsammlung. Fragmente. Frankfurt am Main / Leipzig: Insel Verlag 1988.

Seite „Epikur“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. Februar 2009, 23:46 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Epikur&oldid=56592307 (Abgerufen: 21. Februar 2009, 17:08 UTC)

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Fußnoten:

1Vgl. Seite „Epikur“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. Februar 2009, 23:46 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Epikur&oldid=56592307 (Abgerufen: 21. Februar 2009, 17:08 UTC)

2Epikur: Philosophie der Freude. Briefe. Hauptlehrsätze. Spruchsammlung. Fragmente. Frankfurt am Main / Leipzig: Insel Verlag 1988.

3Vgl. Ebd., S. 11.

4Vgl. Ebd., S. 14f.

5Vgl. Ebd., S. 23f.

6Vgl. Ebd., S. 12ff.

7Vgl. Ebd., S. 15.

8Vgl. Ebd., S. 29f.

9Vgl. Ebd., S. 16ff.

10Ebd., S. 19.

11Vgl. Ebd., S. 26f.

12Vgl. Ebd., S. 30ff.

13Vgl. Ebd., S. 36.

14Vgl. Ebd., S. 36ff.

15Vgl. Ebd., S. 53ff.

16Vgl. Ebd., S. 61ff.

17Also wohl im Tod.

18Auch wenn Descartes Jahrhunderte später genau dies versuchte.

19Vgl. Ebd., S. 75ff.

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