GAAW01 Das letzte Spiel vom Ende der Welt

I

Hier stand Er nun also, das Feuer Seiner Fackel warf tanzende Schatten tief in den endlos erscheinenden Tunnel hinab, mehrere hundert Fuß tief unter der Stadt und immer noch mehrere Dutzend unterhalb des Meeresspiegels. Während Er bibbernd in der nassen Kälte dieses klammen, dunklen unterirdischen Ganges stand, dachte Er darüber nach, was Ihn eigentlich in diese Situation gebracht hatte.
Auf der Suche nach Ruhm und Reichtum war Er, wie so viele andere vor Ihm, in die weite Welt ausgezogen, immer auf Jagd nach neuen Abenteuern. Nun zog es Ihn bald auf jenen Weg, der Spaß und viel Lohn ohne größeren Aufwand versprach – so verschlug es Ihn nach Ciprylla.
Ciprylla, diese halbfreie größte Hafenstadt Rardisonáns war der wohl wichtigste Anlaufpunkt für Söldner, Abenteurer und Glücksritter der umliegenden Länder. Die Söldner kamen um lukrative Aufträge an Land zu ziehen, die meisten der Abenteurer und Glücksritter aber, um an dem Großen Spiel teilzunehmen. Wer das Spiel über durchhielt und sogar das Finale durchstand, konnte seit je her neuer Fürst der Stadt werden. Doch das interessierte Ihn nicht, Er wollte lediglich den Reichtum.
Und so suchte Er sich eines der kleineren, privaten Spiele abseits des öffentlichen Interesses.
Eines Abends fand Er sich in dem verrauchten Hinterzimmer einer heruntergekommenen Hafentaverne dabei wieder, wie Er grad Sein letztes Geld beim Wetten auf Gladiatorenkämpfe verlor. Ein illegales Geschäft, wie Er feststellen musste, als die ausnahmsweise mal tüchtigen Stadtwächter die Taverne stürmten, einem anonymen Hinweis folgend. Ein paar Besucher wehrten sich und wurden erschlagen, andere konnten fliehen.
Er selber aber fand sich in einer Zelle der Hafenwächter nah des Soráretors wieder, welches vor Jahrhunderten zum heute längst vernichteten Soráre führte. Zu seinem Glück fiel Sein Vergehen nicht schwer genug aus und man setzte Ihn rasch an die frische Luft. Aber wohin jetzt? Er war gekommen um reich zu werden und nun stand Er völlig mittellos da. Seine Waffen hatten Ihm die Wächter abgenommen und ohne diese hatte Er keine Chance, weder beim Großen Spiel noch bei den kleineren Veranstaltungen.
Genau zu diesem Zeitpunkt aber sprach Ihn eine merkwürdige Gestalt an, als Er sich gerade in irgendeiner Seitengasse zum Schlafen niederlegen wollte. Vollkommen in eine schwarze Robe gehüllt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, so dass Er ihr Nahen nicht bemerkte. Erst als sie direkt neben Ihm stand und das Wort ergriff, bemerkte Er sie.
„Es scheint mir, ihr müsst gar sehr vom Pech verfolgt sein, wenn ihr gezwungen seit ausgerechnet hier euer Lager aufzuschlagen.“
Mit einer umfassenden Armbewegung machte sie auf die schmutzige Gasse aufmerksam.
„Wenn ihr wollt könnte ich euch zu großen Reichtümern verhelfen. Ihr müsst dazu nur…, “ und die Stimme des Fremden wurde bedrohlicher, „ihr müsstet dazu nur an einem kleinen Spiel teilnehmen.“
Natürlich willigte Er ein – was hatte Er noch zu verlieren?
Der Fremde führte Ihn zu einem alten Lagerhaus an den Docks. Von Außen wie von innen war es vollkommen heruntergekommen. Im Innern aber drängten sich weitere Gestalten zusammen. Sie standen in einer perfekten Reihe einmal um die gesamte Länge der vier Wände des Gebäudes. Mehrere Dutzend schwarz verhüllter Gestalten, die Kapuzen ins Gesicht gezogen um ebenjenes zu verdecken. Still und starr standen sie da und beobachten Ihn, wie Er, seinem Begleiter folgend, zur Mitte der sonst freien Halle geführt wurde. Dort, an einer in den Boden eingelassen Falltür, blieb Sein Führer stehen und sprach wieder, mit einer Stimme wie aus dem Grab gekrochen.
„Dort hinunter müsst ihr steigen und unten eine komplette Nacht verbringen. Wenn wir euch morgen früh hier wieder abholen werdet ihr reicher sein als ihr es euch je hättet erträumen können!“
Und ein leises Raunen ging durch die versammelte Menge.
Langsam fragte Er sich, worauf Er sich hier eigentlich eingelassen hatte. Ein neuer Geheimkult? Oder bloß eine Versammlung gelangweilter junger Adligen, denen das Große Spiel zu langweilig geworden war und denen es nach neuem dürstete? Aber auch wenn es Ihm doch unheimlich vorkam – das versprochene Geld lockte viel zu sehr…
Also willigte Er erneut ein.
Sein Begleiter öffnete die Tür für Ihn. Eine Treppe offenbarte sich und Er begann den Abstieg. Auf der halben Strecke warf Er einen Blick zurück. Ihm fiel auf, dass sich noch keiner der Beobachter gerührt hatte… dann schloss sich plötzlich die Falltür über Ihm und Er stand im Dunkeln da. Tastend setze Er Seinen Weg hinab fort und stolperte am Fuß der Treppe über etwas. Seine suchenden Finger fanden eine Fackel, einen Wetzstein samt Stahl und Zunder. Mit dem Stein entfachte Er den Zunder und damit die Fackel.
Und so stand Er nun also da, das Feuer Seiner Fackel warf tanzende Schatten tief in einen endlos erscheinenden Tunnel hinab. Plötzlich, während Er sich noch wünschte mehr Kleidung zum Schutz gegen die nasse Kälte zu haben, wurde Er sich bewusst, dass Er eigentlich gar nicht wusste was Er hier zu erwarten hätte.
Für einen Augenblick kam in Ihm das ungute Gefühl einer draußen im Dunkel lauernden Bedrohung auf. Ihm war, als würde sich Ihm etwas nähern, etwas Unheilvolles. Furcht beschlich Ihn und ängstlich kroch Er rückwärts die Treppe wieder hinauf. Oben angekommen musste Er feststellen, dass man die Falltür verschlossen oder versperrt hatte. So entschied Er sich dafür, erst einmal auf der untersten Stufe der Treppe auszuharren um dort die Nacht totzuschlagen. Schneller als befürchtet jedoch kam das ungute Gefühl zurück. Er sprach sich Mut zu und sagte sich, die beste Möglichkeit es loszuwerden sei, sich Ihm zu stellen. Dazu gesellte sich eine leichte Neugier, wohin dieser Tunnel wohl führen möge. Als sei er bereits vor Äonen vom Meer ausgewaschen wurden, vermittelte der Tunnel ein Gefühl des Uralten. Er stand auf und schritt voran, die Dunkelheit mit Seiner Fackel zurücktreibend, nur damit sie sich dafür hinter Ihm wieder sammelte.

Vielleicht eine gute Stunde1 folgte Er dem endlosen Gang.
Irgendwas schien Ihn zu rufen. Er stoppte um kurz zu lauschen, doch Er hörte nichts
und ging weiter. Bald kam in Ihm das Gefühl des Gerufenwerdens erneut auf. Wieder
stoppte Er, wieder hörte Er nichts. Beim dritten Mal schließlich gab Er dem Drängen
nach und folgte dem Ruf.
Er folgte ihm, bis Er feststellte, dass der Boden unter Seinen Füßen lockerer wurde. Was zuvor blanker Fels war, wich nun einer staubigen Erdschicht.
Plötzlich erlosch die Fackel.
Wie erstarrt stand Er in der unerwarteten und absoluten Dunkelheit. Erneut stieg Furcht in Ihm auf. Etwas beobachte Ihn von Fern im Dunkel, etwas Bösartiges. Und es näherte sich Ihm. Es flüsterte und lockte Ihn, es kam und würde Ihn holen um Ihn in irgendwelche grausamen Abgründe hinab zu ziehen. Die Angst vor dem Dunkel wurde in Ihm übermächtig und drohte Ihn zu überwältigen.
Ein plötzlicher Lufthauch strich über Seine Wange und löste den Bann.
Von Panik erfüllt galt Sein einziger Gedanke jetzt der Flucht, egal wohin, egal wovor.
Blindlings rannte Er den in pechschwarze Nacht getauchten Gang entlang. Er fühlte, wie es Ihn verfolgte, Er konnte die Schritte hinter sich hören, Er vermeinte heißen geifernden Atem im Nacken zu spüren und Seine Nase nahm einen beißenden Gestank von Verwesung auf.
Dann spürte Er, wie der Boden unter Ihm nachgab und die Erde wegsackte. Er verlor das Gleichgewicht und rutschte auf einer Erdlawine einen abschüssigen Hang hinab. Er spürte noch, wie Er mit dem Kopf schmerzhaft gegen einen Stein stieß, eh Ihm schwarz vor Augen wurde.

II

Als Er wieder zu sich kam, schien Ihm die Sonne ins Gesicht.
Blinzelnd öffnete Er die Augen und fragte sich, was geschehen sei. Wo war Er? Er sah sich um und erkannte, dass Er sich im Freien befand, Er war weder in einem dunklen Gang noch in der Stadt. Er lag auf einer grünen Wiese, mit dem Rücken an einen Abhang gelehnt und über sich in diesem Abhang erkannte Er eine dunkle Öffnung.
Er überlegte kurz, ob Er wieder zu dem Gang hoch krabbeln solle, immerhin war der neue Tag angebrochen und die Belohnung für Sein Überstehen der Nacht lockte doch sehr. Dann aber meldete sich ebenso eindringlich wie plötzlich die Natur in Ihm und Er verschwand in einem kleinen Wäldchen, um ihr freien Lauf zu lassen.
Als Er den Hain wieder verließ, fiel Ihm etwas Sonderbares an dem Abhang auf, welcher Ihn förmlich ausgespuckt hatte. Dieser kam Ihm nämlich sehr bekannt vor. Endlich wagte Er einen Blick nach oben, die Flanke des Felsens hinauf. Und was sah Er?
Stadtmauern. Ciprylla!
Er war also am Osthang der Stadt hinausgekommen. Aber warum war niemanden dieser Tunnel, der ein Risiko sondergleichen darstellte, bekannt?
Etwas stimmte nicht an dem Bild der Stadt. Es wehten die falschen Banner auf den Türmen der Stadt. Wo waren die Flaggen von Ojútolnán, Rardisonán, Guihúda und Ciprylla? Die Wappen waren Ihm völlig fremd. Sollte die Stadt über Nacht gänzlich
überraschend von einer fremden Macht erobert worden sein? Aber das konnte nicht sein, niemand bezwang eine der wichtigsten Städte von Rardisonán.
Also beschloss Er den Tunnel zu nutzen, in die Stadt zurückzukehren und die Lage auszukundschaften. Wäre alles in Ordnung, würde Er Seine Belohnung erhalten – ansonsten könnte Er ebenso schnell wieder fliehen. Da Er die Fackel im Gang verloren hatte, beschloss Er, aus einem Ast eine neue zu basteln. Gerade als Er sich auf die Suche nach einem verwertbaren Stück zukünftiger Holzkohle machen wollte, beschlich Ihn ein ungutes Gefühl. Er blickte um sich und bemerkte einige dunkle Figuren durch den Wald huschen. Angsterstarrt blieb Er stehen.
Unvermittelt sprangen wild aussehende Gestalten aus dem Busch und fielen Ihn an. Erschrocken und reflexartig versuchte Er sich zu wehren, wurde aber schnell niedergeschlagen.

Bei Seinem nächsten Erwachen lag Er gefesselt mit dem Gesicht im Gras, umringt von Dutzenden schmutziger Stiefeln. Die Stiefel gaben aufgeregtes bis belustigtes Gemurmel in einer Ihm fremden und rauen Sprache von sich, welche Ihm nur entfernt bekannt vorkam. Schließlich befahl ihnen aber eine laute, feste Stimme Ruhe – oder besser gesagt, dass vermutete Er; auf jeden Fall aber verstummten die Stiefel augenblicklich. Er rollte sich, vor Schmerzen stöhnend, auf die Seite und versuchte einen Blick in die Richtung zu erhaschen, aus der die Stimme gekommen war.
Ihm wurde schnell bewusst, dass Er sich mitten in einem Heerlager befand. Er erblickte weite Reihen von Zelten und etliche Krieger aller Rassen in bunt zusammen gewürfelten Rüstungen – und schmutzigen Stiefeln. Offensichtlich eine Söldnerarmee. Vor dem größten Zelt machten grad zwei Paar besonders hässlicher Stiefel einem
dritten, nicht sonderlich auffälligen Paar Platz. Man sah aber sofort, dass die Gestalt,
welche in den Stiefeln steckte, eine wahre Führungspersönlichkeit war. Er war weder größer, noch muskulöser, noch schöner oder gar sauberer als der restliche Haufen. Aber diese Ausstrahlung… . Außerdem und vor allem aber trug er die mit Abstand kostbarste Rüstung mit den buntesten Verzierungen. Er selber hatte die dunkle Haut eines waschechten – und waschresistenten – Tolumi.
„Wer bist du? Kommst du aus der Stadt?“ fragte Ihn der Tolumi tatsächlich auf Juepisch, der älteren Form Seines Toljikisch.
Er wandte den Kopf zur Stadt, die westlich auf der Klippe lag, dann zurück zum Tolumi und nickte vorsichtig.
„Wer seid ihr?“ wagte Er zu fragen.
Der Tolumi lächelte selbstgefällig und antwortete: „Ich bin Khanon Mharale und werde diese Stadt erobern!“
„Khanon Mharale!“ keuchte der Gefesselte.
Das konnte unmöglich sein!
Mharale aber deutete Sein Entsetzen falsch und verbreiterte nur sein Lächeln.
„Ja, ich bin es. Und ich werde mir das Geld schon noch holen, welches mir der Sonnenkult schuldet!“
Mharale lebte vor Tausenden von Jahren, schoss es Ihm durch den Kopf. Das musste ein sehr schlechter Scherz sein! Ihm wurde schlecht und Er erbrach sich zu Füßen Mharales, so Seine Ehrerbietung zeigend. Dieser lachte laut auf und nahm es wohl als ebendieses.
„Jetzt verrat mir aber, woher du kommst. Dein Dialekt ist mir unbekannt“, fuhr Mharale fort.
Als der Angesprochene sich nur weiter am Boden krümmte und stöhnte, trat Ihm einer der Söldnerstiefel in den Magen und fauchte Ihn an: „Sprich!“
Da Er keine weiteren Schmerzen erleiden wollte, beugte Er sich: „Aus der Stadt! – Aber ihr seid bereits seit Jahrtausenden tot!“
In den Reihen der Söldner brachte dies neben großem Gemurmel auch Ausrufe wie „Irrer!“ und „Lügner!“ hervor, bis Mharale sie mit einem harschen „Ruhe!“ zu jener brachte.
Mharale beugte sich zu seinem Gefangenen runter und sah Ihn eindringlich an.
„Tot, sagst du? Nun! Wie du siehst lebe ich wohl noch“
Er zwackte sich zum Beweis selbst in den Arm.
„Wie kann das sein?“
Aber ohne auf eine Antwort zu warten fuhr er fort: „Sag mir, was hast du in der Stadt getan?“
Mharale erfuhr eine unter Schluchzen und Heulkrämpfen vorgetragene Geschichte, welche ihm die Ereignisse der letzten Tage schilderte, von der Ankunft in Ciprylla bis zu dem Erwachen vor des Söldnerführers Stiefeln. Vermutlich hielt dieser sie für die Visionen eines Trunkenboldes. Dagegen interessierte er sich aber sehr für den Tunnel.
„Du sagst also, es gibt einen geheimen Tunnel in die Stadt? Zeig ihn mir!“

Wenig später und teilweise unfreiwillig standen sie im Schutze des Wäldchens beim Tunnel, um von den nahen Stadtmauern nicht erblickt werden zu können, begleitet von zwei Söldnern.
„Wenn dieser Eingang wirklich in die Stadt führt, ist sie unser!“
Ein größenwahnsinniger Ausdruck trat in Mharales Augen. Er deutete nacheinander auf die zwei Söldner.
„Ihr zwei geht mit ihm da rein, …“
Dann schilderte er seinen Plan. Sollte der Tunnel tatsächlich in die Stadt führen, würden die drei dort bis zum Ende der Nacht warten um danach ins Haupttorgebäude einzudringen und das Tor zu öffnen. Durch ein Signal angelockt, würde Mharale daraufhin die Stadt stürmen. Andernfalls sollten die Söldner aus dem Tunnel rechtzeitig zurückkehren, dann allerdings ohne ihren Begleiter.
Um Sein Leben zu retten willigte der Tunnelreisende mal wieder ein.
Sie betraten sofort den Tunnel und machten sich auf den Weg, Fackeln hatten die Söldner dabei. Zunächst mussten sie einen kleinen Abhang hinaufklettern, den Er zuvor wohl runtergerutscht war. Die Söldner sprachen kein Wort und irgendwann kam Er sich vor, als würde Er allein den Tunnel entlang gehen, verfolgt von leuchtenden Irrlichtern – oder einem brennenden Ungetüm, das Ihn verschlingen wolle.
Plötzlich erlosch dann auch das Licht und Er verlor das Gefühl, die Söldner hinter sich zu haben. Ohne sich umzublicken ging Er weiter, gefasst auf alles Mögliche. Er spürte Blicke von bösen Augen, die Ihn durch die Finsternis hindurch beobachteten und schließlich einen eiskalten Hauch im Nacken. Er beschleunigte Seine Schritte und fing bald an zu laufen, als Er die markerschütternden Schreie der Söldner hinter sich hörte, begleitet von dem Klirren auf den Boden fallender Schwerter und dem Brechen von Rüstungen und Knochen. Er lief und lief, spürte Hände nach sich greifen. Es war das unfassbar uralte Böse, das Er hier schon einmal gespürt hatte. Die Hände hielten Ihn fest und zogen Ihn in die Dunkelheit, riefen Seinen Namen, holten sich Ihn zu sich.
Er riss sich los und rannte weiter…
…und lief genau gegen eine Wand.

„…glaube, er wacht auf, “ weckte Ihn eine Stimme – viel wirksamer waren aber die begleitenden Ohrfeigen.
„Was…, “ murmelte der Aufwachende.
„Du bist plötzlich ohnmächtig geworden!“ klärte Ihn eine Stimme auf.
„Wo…, “ fing Er an, da klärte sich Sein Blick endlich und Er erkannte einen der Söldner vor sich.
„Steh auf, du fauler Hund!“ sagte dieser, ruppig und gar nicht nett, und zog Ihn unsanft auf die Beine.
„Du musst uns zum Tor führen oder wir sind alle der Gnade Mharales ausgeliefert!“
Langsam fing Er an, Seine Umgebung wahrzunehmen und gewahrte, dass sie sich bereits in dem Lagerhaus befanden, in welchem alles angefangen hatte. Nur stand es nun nicht mehr leer, sondern war bis an die Decke mit Kisten voll gestopft. Auch waren keinerlei schwarz gehüllte Gestalten zu sehen. Ihm wurde bewusst, dass, sollte Er tatsächlich in der Vergangenheit sein, die Stadt völlig anders aussehen müsste. Würde Er überhaupt den Weg zum Tor finden?
„Ich muss mich draußen mal umsehen“, sagte Er mit einem bestimmten Tonfall und ging Richtung Hallentor.
Da versperrte Ihm eine Schwertklinge den Weg.
„Halt! Wo willst du hin? …willst du uns verraten?!“ zischte Ihn der kleinere und stämmigere der beiden Söldner an, während das Schwert des Größeren, eines Tolumi, auf Seine Brust deutete.
„Ich habe euch doch schon erklärt, dass ich nicht aus dieser Zeit stamme!“ erwiderte Er, Seine Worte mit den Händen unterstreichend. „Damals sah die Stadt noch anders aus, ich muss mich erst zurechtfinden!“
Wenn es ein Traum war, warum fühlte sich dann die Schwertklinge so spitz und kalt an, warum roch die Luft so… echt?
„Du tust gar nichts ohne uns!“ meinte der kleine Söldner. „Sobald es dunkel ist, suchen wir zusammen den Weg!“
So verbrachten sie dann den Rest des Abends mit Warten und misstrauischen Blicken.

Nach Einbruch der Dunkelheit betraten sie die Stadt. Immer noch herrschte reger Betrieb, doch nachdem die Söldner sich Mäntel übergeworfen hatten, fielen sie nicht großartig auf – Glücksritter und Söldner gab es auch zu dieser Zeit schon in der Stadt. Ihm fielen aber sofort die zahlreichen Unterschiede auf. Zuerst einmal – wo war der Hafen? Die Klippe von Ciprylla brach erst 2000, im Jahr des zweiten Feuers, auseinander, gut 1800 Jahre1 nach Mharales Lebzeiten. Zu dieser Zeit nun aber lag er wohl noch am Fuß der Klippe oder außerhalb der Stadt. Das Lagerhaus war somit irgendwo innerhalb der Stadt. Es war schon merkwürdig dass es damals tatsächlich schon stand. Denn überhaupt erkannte Er eigentlich so gut wie kein einziges Gebäude wieder, was in Anbetracht der langen Zeitspanne aber auch nicht wunderlich war. Der Architekturstil war anders, die Leute sahen anders aus, kleideten und verhielten sich völlig anders – ebenso wie sie noch eine primitivere Form Seiner Sprache nutzten. Die Straßen folgten anderen Verläufen – nur der Himmel und der Boden waren dieselben.

Langsam bewegten sie sich in die Richtung, in der das Tor liegen musste. Die beiden Söldner hielten sich etwas verdeckt hinter Ihm.
Als sie an einer Kneipe vorbeikamen, stürzte plötzlich eine Gruppe Feiernder heraus.
Die Söldner hielten rechtzeitig an, doch Er stieß mitten in und unhaltbar gegen die Betrunken.
„Was war das?!“ rief einer der Feiernden verdutzt, als er etwas gegen sich
stoßen spürte, aber niemanden ausmachen konnte.
„Tut mir leid“, murmelte der Unfallverursacher, doch niemand beachtete Ihn – und bald zog die Gruppe weiter, sich kurz wundernd und dann weiter trinkend.
Etwas später, kurz vorm Tor, zog etwas Seinen Blick auf sich. Aus diesem Grunde bemerkte Er nicht, wie ein Wächter direkt auf Ihn zu steuerte, derweil die Söldner sich wieder wortlos in einen Schatten zurückzogen. Erneut prallte jemand, diesmal der Wächter, gegen Ihn. Er setzte bereits zu einer Entschuldigung an, bis Ihm auffiel, dass der Wächter verärgert in die Gegend guckte und nach einem Grund für diesen Zwischenfall suchte. Als des Wächters Blick Ihn streifte, wurde Ihm klar: er sieht mich nicht!
Irgendwann zog der Wächter verärgert von dannen, sich nach Übeltätern umsehend und Verwünschungen murmelnd. Bald darauf erschienen die Söldner wieder neben Ihm.
Der kleine stieß Ihn an: „Warum hat er dich nicht gesehen?“
Er wandte Seinen Blick dem Kleinen zu, noch vollkommen verwirrt, und antwortete: „Ich weiß es nicht.“
„Egal wie du’s angestellt hast, das kann uns noch nutzen!“

Wie es denn nun den Söldnern nützen könne, sollte Er später erfahren, als sich die
Nacht dem Ende zuneigte. Seine Aufgabe sollte es nun sein, ins Torhaus vorzudringen – oder besser gesagt einfach rein zugehen – und die Tore zu öffnen. Damit Er nichts Dummes anstellen würde, schnappten die beiden Söldner sich eine junge Frau und
drohten damit sie umzubringen, sollte Er nicht Seine Aufgabe erledigen.
Trotzdem versuchte Er drinnen verzweifelt schlafende Wächter zu wecken, aber Er konnte die Geschichte nicht ändern. Zwar schaffte Er das mit dem Wecken noch recht problemlos, doch es nützte Ihm nichts, da sie Ihn nicht sahen, sondern sich nur verwundert oder verärgert umblickten und teilweise gegenseitig beschuldigten. Auch hatte Er nie schreiben gelernt und könnte sie somit doch nicht warnen. Weiterhin würden die Söldner sich auch so den Weg bahnen und zusätzlich die Frau umbringen, sollte Er das Tor jetzt nicht öffnen. Also fügte Er sich in Sein Schicksal und öffnete das Tor, während die Söldner Zeichen sendeten.
Von unten ertönte Geschrei, als man Seiner Tat gewahr wurde, und Personen stürmten in die Kammer, in welcher Er stand: die Söldner und die Wächter, welcher Er geweckt hatte.
Zuerst kamen die Söldner.
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1 [Anm. des Autoren: Ungefähr 1400 Jahre in unserer Zeitrechnung]
Sie stellten sich vor Ihn, zeigten mit ihren Waffen auf Ihn und der Kleine verkündete: „Gut gemacht! Jetzt brauchen wir dich aber nicht mehr, also stirb!“
In dem Moment, in dem sie sich auf Ihn stürzen wollten, kamen aber die Wächter in den Raum. Sie sahen nur die Söldner, die entsicherte Kurbel des Torseiles und kombinierten Eins und Eins zu… Drei, was Ihm in diesem Moment aber nur Recht sein konnte. Es entbrannte ein Kampf zwischen den Söldnern und den Wächtern – und es sah so aus, als würden die Söldner gewinnen.
Er aber wartete das Ergebnis des Kampfes gar nicht erst ab, sondern floh aus dem Gebäude, verfolgt vom dem klirrenden Geräusch der aufeinander prallenden Schwerter. Draußen hatte noch niemand das offene Tor bemerkt, doch Khanon Mharale rückte bereits mit seiner Armee an.
Die Sonne ging gerade auf und es versprach ein schöner, sonniger Tag zu werden. Vöglein zwitscherten, die Bäume grünten und trugen duftende Blüten und außerhalb der Stadt widmeten sich Kaninchen ihrem Lebensinhalt.
Derweil rannte Er durch die Straßen und schrie die wenigen, schon wachen Leute an, dass sie angegriffen würden, doch niemand schenkte Ihm Beachtung, niemand sah Ihn auch nur. Irgendwann brach Er in einer Häuserecke zusammen und begann zu weinen. Zumindest solange, bis Er endlich warnende Schreie der Stadtbevölkerung hörte. Er blickte auf und sah gerade Horden von Söldnern die Stadt erstürmen. Sie rannten Kriegsrufe brüllend durch die Straßen, schlugen flüchtenden Bürgern Äxte in den Rücken und schlachtete andere Passenten noch brutaler ab, bis sich ihnen irgendwann Soldaten in den Weg stellten.
Da begannen das Waffengeklirr und das Kampfgeschrei.
Die Soldaten der Stadt waren unterlegen; in der Unterzahl, seit Tagen belagert und durch diesen plötzlichen Einbruch völlig demoralisiert, führer- und strukturlos, gewannen die Söldner schnell die Oberhand über sie. Einige von diesen begannen bereits damit die Stadt zu plündern, Dinge in Brand zu setzen oder gleich völlig zu zerstören.
Entsetzt floh Er ins spätere Hafenviertel, hörte hinter sich den Kampfeslärm, Leute schreien und sterben und die besagten Dinge krachen. Am Lagerhaus angekommen sah Er in Richtung Tor Feuer auflodern. Mit Tränen der Selbstverachtung und Schuld in den Augen stürzte Er sich in den Tunnel, ohne Fackel, und suchte einen Weg aus der Stadt.
Schnell musste Er im Tunnel Seine Flucht verlangsamen, sah Er doch nicht einmal die Hand vor Augen, geschweige denn irgendetwas vom Wege. Langsamer werdend tastete Er sich voran, immer gewahr, dass plötzlich ein Abhang kommen würde. Die Felswand war rau und scharf und riss Ihm die Fingerkuppen blutig, doch das bemerkte Er gar nicht.
Als hinter Ihm Metall über Gestein schabte, blieb Er starr stehen. War Ihm jemand gefolgt? Er lauschte. Tatsächlich, Er hörte hinter sich Stiefel über den Kiesboden schlurfen. Vorsichtig nahm Er Seine Schritte wieder auf, ganz langsam, um sich nicht durch Geräusche zu verraten, dabei weitertastend. Angstschweiß stand Ihm auf der Stirn und alle Muskeln drohten aus Furcht zu erschlaffen, Sein Herz pochte laut. Zu laut. Würde es Ihn verraten? Er wusste genau was Ihn erwarten würde, sollte Ihn der Verfolger einholen, spürte bereits das rostige Schwert durch Sein Fleisch schneiden und Ihn töten.
Doch unvermittelt bemerkte Er, dass sich die Felswand verändert hatte. Nein, nicht nur diese, auch der Boden. Die Felswand fühlte sich… schuppig an, der Boden war weich, beweglich, glitschig und warm. Ein ebenso warmer Wind wehte durch den Tunnel und die Geräusche des Verfolgers verstummten. Doch halt! Plötzlich schrie ein Mann hinter Ihm, Angst- und Schmerzensschreie tönten durch den Tunnel. Er blieb stehen und blickte sich um – natürlich sah Er nichts. Langsam ging Er weiter, an der Wand entlang tastend, immer Seinen Tod erwartend. Als sich Ihm dann etwas Spitzes ins Bein bohrte, spürte Er den Schmerz zunächst gar nicht. Entsetzt griff Er sich an die betreffende Stelle und fühlte dort etwas längliches, schuppiges – einen echsenhaften Tierkopf. Panik erfasste Ihn. Er schlug auf den Kopf ein, um von ihm freizukommen. Tatsächlich ließ dieser bald ab – die ganze Zeit ohne auch nur einen Ton von sich zu geben – und Er sprang zurück. Schmerz schoss durch Sein Bein und Er brach zusammen, den finalen, tödlichen Angriff erwartend.
Als dieser nicht kam, raffte Er sich zitternd auf und kroch weiter, um aus diesem verfluchten Tunnel herauszukommen. Er spürte schon förmlich irgendwelche Ungeheuer an Seinen Füßen knabbern, doch ohne Vorwarnung und völlig überraschend erreichte Er den Abhang und war kurz darauf draußen, noch am Leben und hoffentlich in Sicherheit, alle Schmerzen in der Dunkelheit hinter sich lassend.
Als erstes in Seinem neu gewonnenen Leben legte Er sich flach auf den Rücken ins Gras und ließ sich von der Sonne wärmen. Als zweites erst begutachtete Er Sein Bein und fing augenblicklich an, Seine geistige Gesundheit in Frage zu stellen: Er hatte tatsächlich eine blutende Wund am Bein, doch die schien eher entstanden zu sein, als Er sich das Bein an einem Felsen aufgerissen hatte. Erschöpft ließ Er sich wieder ins Gras sinken – Er wollte nur noch schlafen. Dabei ließ Er den Blick über den Felsen um Ciprylla wandern und blieb schließlich an der Stadt selber haften. Die Stadt brannte.
Er sah Gestalten auf den Stadtmauern entlang laufen, sich bekämpfen und schließlich tot zusammen sinken. Einer stürzte gar von den Zinnen und krachte nicht weit von Ihm entfernt auf den Boden. Der Körper platzte auf und Blut verteilte sich im Gras. Wieder packte Ihn Entsetzen und Angst. Er sprang auf, die Schmerzen im Bein ignorierend, und entfernte sich langsam von der Stadt. Rückwärts gehend, da Er den Blick nicht von dem Geschehen lassen konnte.
Immer mehr Gebäude schienen Feuer zu fangen und gingen in Flammen auf, immer mehr Getroffene stürzten von den Mauern. Schließlich entdeckte Er es: Der Schrecken persönlich, eine gewaltige Bestie, wütete in der Stadt, hob mit seinen brutalen Klauen Häuser aus ihrem Fundament und ließ sie gegen andere krachen, während zu seinen Füßen die Söldner weiterhin alles zerstören, mordeten und vergewaltigten. Kurz darauf entdeckte Er das nächste – und noch eins. Und weitere. Womit hatte Mharale sich da eingelassen, was war das?
Irgendwann erreichte Er das Lager der Söldner, welches nun verlassen war und seiner heimkehrenden Sieger harrte. Er aber eilte weiter und stand bald am Meer. Was hatte Er getan? Er hatte Tausende dem Untergang geweiht. Auch wenn das eh das Schicksal der Geschichte war, der Grundstein zu Seinem Ciprylla gelegt würde – Er fühlte sich schuldig. Auch hatte nie jemand von solchen Monstren gehört.
Er besah sich die Stadt in der Ferne.
Und in dem Moment ging die Welt unter.

III

Der Qualm über der Stadt verdichtete sich zu einer schwarzen Wolke, die dämonisch über dem Geschehen hing. Feuer fiel in Form brennender Gesteinsbrocken vom Himmel und ergoss sich über die Stadt. Er sah, wie ein Turm von einem Feuerball getroffen wurde und explodierte. Steine schossen durch die Luft. Ein weiterer Turm wurde getroffen und stürzte den Felsen herab, den Tunnel in die Stadt vergrabend. Andere Feuerbälle trafen Häuser, das offene Land oder stürzten ins Meer. Immer mehr Feuer traf ebendieses, welches langsam anfing zu kochen. Er musste bald vom Wasser zurückweichen, um nicht von dem aufsteigenden, heißen Dampf verbrüht zu werden. Der Sandstrand zerschmolz um bald darauf zu Glas zu erstarren. Der Dampf bildete neue Wolken und regnete sein Wasser wieder herab.
Er entdeckte Fische, die tot und gekocht auf dem Wasser trieben. Er übergab sich, als der Gestank der toten Fische und anderer nun nicht mehr lebender Wesen überwältigend wurde und sich Seine Angst ins Unermessliche steigerte. Neben Ihm prallte ein Vogel auf den Boden, der im Flug gebraten wurden war. Immer mehr Vögel und Insekten stürzten verkohlt oder noch brennend vom Himmel. Er sank auf die Knie, das Schauspiel miterlebend, und verlor sämtliche Gefühle, ließ alle Gedanken und Hoffnungen fahren. Die Angst wich von Ihm, da Er sich Seines Schicksals bewusst war.
Mittlerweile waren die Wolken so dicht geworden, dass man vom Himmel nichts mehr erkennen konnte. Der Feuerregen fiel weiter und zog dunkle Wolkenfetzen hinter sich her, wann immer er diese durchstieß. Unerwartet wurde Er flach auf den Boden geworfen und küsste diesen unfreiwillig, als Ihn ein Windstoß erfasste. Er raffte sich wieder auf. Der Wind wurde unnatürlich schnell stärker, zerrte an Seiner Kleidung und peitschte Ihm das Haar ins Gesicht.
Draußen auf dem Meer stieg der Wind in Spiralen aufwärts und erfasste die Wolken. Langsam zerrte er sie runter, bis sich ein riesiges, dunkles, unförmiges Etwas über dem Meer gebildet hatte. Wo der Tornado auf jenes traf, verdrängte er das Wasser oder zog es hoch, um es wild herumzuwirbeln. Blitze zuckten vom Himmel und brachten das Wasser noch mehr zum Kochen. Vögel, die noch nicht geflohen oder vom Feuer getroffen wurden waren, sog der Tornado in sich um sie erst zu kochen und dann zu zerquetschen.
Immer mehr Blitze zuckten herab und dann endlich entluden sich die Wolken ihrer Last, taten es denen gleich, welche schon vorher auf die Idee gekommen waren. Als der Wind Ihm den Regen ins Gesicht klatschte, versuchte Er sich diesen aus dem Gesicht zu wischen. Verwundert blickte Er auf Seine Hand, bis es Ihm auffiel. Der Regen war rot.
Blut! Es regnete Blut und färbte schließlich das Meer blutrot. Der Wind trug Ihm den Gestank kochenden Blutes zu, doch Er konnte sich nicht mehr übergeben. Die Erde bebte unter Ihm, als ein Feuerball nicht weit entfernt einschlug, doch auch danach hielt das Beben weiter an.
Er rollte sich auf den Rücken und flehte letztlich doch noch zum Himmel, dass es aufhören möge. Er sah einen Baum über Sich durch die Luft wirbeln, von der Kraft des Windes entwurzelt, und krallte sich in den Boden, um nicht auch selber weggeweht zu werden, während in der Blutregen weiter benetzte. Da tat sich die Wolkendecke auf und ein heller Vollmond hing an einem nächtlichen Himmel.
Er wagte einen Blick zur Stadt rüber, gerade um zu sehen, wie das Beben sie erfasste und den Felsen spaltete. Wie ein brennendes Kartenhaus rutschte und stürzte die gesamte Stadt in das kochende Meer aus Blut, nur eine Felsenruine blieb stehen und erinnerte an sie. Hagel mischte sich in den Regen und schlug Ihm Wunden.
Er sah hoch zum Mond und rief Tól persönlich um Hilfe an. Da geschah etwas. Ein dunkler Schatten fiel auf den Mond und verdunkelte ihn langsam. Ihm grauste, als Er verstand was damit passierte: der gesamte weiße Mond, der Mía, färbte sich blutrot und hing wie sein Bruder, der eigentliche rote Mond, am Himmel. Neben Ihm tat sich die Erde als gewaltiger Spalt auf und Er musste immer mehr kämpfen, um nicht vom Wind wie ein Blatt weggeweht zu werden.
Und siehe! Das fürchterlichste, was Er je gesehen hatte und je sehen würde, wie ein gigantischer Bruder der Monstrositäten, welche in der Stadt gewütet hatten, zeigte sein Antlitz am Himmel, ja füllte ihn vollkommen aus. Nur der Mond hing wie ein Insekt vor seinem Gesicht, als er ausholte und nach der Welt griff um sie zu vernichten.
In dem Moment verlor Er Seinen Verstand, war zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig. Unter Ihm rumpelte es, ein Spalt tat sich in der Erde auf und Er fiel. Doch nicht lange, da der Tornado mittlerweile den Strand erreicht hatte und Ihn die Winde hochhoben, derweil Blitze in den Spalt hinab stießen und sich Seine Haare am Körper aufrichteten. Er konnte sich nicht wehren, weder hätte Er es geschafft, noch war Sein Verstand länger dazu in der Lage. Langsam und unerbärmlich wurde Er in den Sog gezogen.
Und gerade als die titanenhafte Dämonenhand die Welt erfasste und wie eine überreife Pflaume zerquetschte, wurde Er in den Tornado gezogen, umspült von kochendem Blut, welches Seine Haare versengte und auch Ihn langsam kochte. Doch das Schicksal war ein letztes Mal gnädig mit Ihm, denn ein brennender Felsen sollte Ihn treffen und von den Qualen Seines Lebens erlösen.

Epilog

Am Himmel schien die Sonne. Gárjuno stand mit Amíra vor der alten Lagerhalle im Hafen. Sie hatten die schwarzen Umhänge angelegt, die sie als Spielleiter identifizieren sollten, die Kapuzen aber noch nicht übergezogen.
„Meinst du, wir haben diesmal einen Gewinner?“ fragte Amíra.
„Den letzten hatten wir vor gut zwei Jahren, wie du weißt“, erinnerte sie Gárjuno.
„Du glaubst also nicht an seinen Erfolg, was?“ stellte Amíra fest.
Dann trat ein schelmisches Glitzern in ihre Augen.
„Wollen wir wetten?“
Gárjuno grinste zurück.
„Was schlägst du als Einsatz vor?“
„Der Sieger darf den nächsten Spieler aussuchen und einweihen!“ erwiderte Amíra gierig und ohne zu zögern. Die letzten paar Male hatte Gárjuno das gemacht, nun wollte sie auch mal.
Beide willigten in die Wettbedingungen ein. Dann sahen sie sich noch mal kurz um, ob sie auch wirklich unbeobachtete seien, bevor sie die Kapuzen überstülpten.
„Bereit?“ fragte Gárjuno.
„Bereit!“
Zusammen öffneten sie die Tore. Licht flutete in die Halle. Langsam traten sie in den Lichtkegel, damit jeder eventuelle Insasse der Halle zuerst geblendet worden sei und nun erst langsam etwas erkennen könne – alles möglichst theatralisch dargeboten.
Aber die Halle war leer.
Gárjuno und Amíra sahen sich viel sagend an.
„Ich glaube, ich habe gewonnen“, stellte Gárjuno nicht ohne Schadenfreude fest.
„Nicht so schnell mein Lieber, lass ihn uns suchen!“
Gárjuno nickte, sie mussten sicher sein. Also öffneten sie die Falltür und stiegen in den Tunnel hinab. Aus einem versteckten Fach unter der Treppe nahmen sie sich Fackeln und Zunder und entzündeten erstere. Der Tunnel führte ein paar hundert Fuß weit und endete in einer Sackgasse.
So dachten Gárjuno und Amíra zumindest und wunderten sich deshalb sehr, als sie an einer Grube zu stehen kamen.
„Die war gestern aber noch nicht da, oder?“ fragte Amíra ihren Begleiter etwas verunsichert.
Dieser schüttelte den Kopf. Doch dann fiel ihm etwas auf.
„Sieh mal!“ rief er und deutete auf den Boden der Grube.
Ein Abhang führte dort hinab, den er augenblicklich hinab rutschte, sich mit einer Hand abstützend und mit der anderen die Fackel hochhaltend.
Ein paar Augenblicke später hatten sie die Leiche des Spielers hinaufgeholt. Er musste sich den Kopf wohl an einem Stein aufgeschlagen haben, als dieser Teil des Tunnels plötzlich unter Ihm einstürzte – oder Er ihn schlicht entdeckte und hinabrutschte.
„Wir müssen ihn wegschaffen, sonst können wir das Spiel vergessen, weil wir niemanden mehr hier rein schicken können!“ stellte Gárjuno fest.

Der Abtransport des Toten aus der Stadt war schwierig, doch sie schafften es und schon am nächsten Abend konnte das nächste Spiel stattfinden.
Eines Tages fand ein Reisender Seine Leiche auf einer grünen Wiese außerhalb der Stadt und an den Felsen ebendieser gelehnt, unter einem schon seit Urzeiten verschütteten Höhleneingang. Man ließ den Fall schnell schließen und es konnte nie geklärt werden, wer Er war.

Ende

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