GaAl03 Die Flüchtige: Im Anderen Land


I
„Aufwachen, du verschläfst sonst noch!“ drang eine Stimme an ihr Ohr.
Verschlafen blinzelnd öffnete sie die Augen und sah neben sich das Gesicht von B..
„Mmm“, brummte sie, etwas verärgert darüber, geweckt worden zu sein.
„Nun steh schon auf!“, sprach B. drängender.
Sie schloss erneut die Augen, um sich nur kurz zu sammeln, da biss B. sie sanft doch zu übermütig in die Seite. Plötzlich war sie mehr als wach.
„Au!“ rief sie und stieß ihn unsanft davon.
Schlecht gelaunt stieg sie neben ihn aus dem Bett und machte sich, B. zur Strafe nicht beachtend, fertig. Der Raum war eiskalt, da das Fenster von B. über Nacht offen gelassen wurde. Innerlich grummelte sie vor sich hin, während sie vor Kälte zitterte.
Im Hausflur begegnete sie E..
„Denkst du bitte an den Müll?“ warf er ihr zu, während er an ihr vorbei in sein Zimmer eilte.
„Mach du das doch!“ rief sie ihm nach, immer noch schlecht gelaunt.
„Ach und füttere die Ratten!“ ergänzte man aus E.s Zimmer.
Doch das hörte sie nicht mehr, da sie sich im Badezimmer fertig zu machen versuchte.
Später ging sie mit B. Richtung Hochschule.
„Es tut mir leid, das mit vorhin“, sprach B., als sie sich davor verabschiedeten.
„Ja, mir auch“, seufzte sie und umarmte ihn kurz.
Auf dem Weg durch den Innenhof huschte ein kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen schnell vor ihr über den Weg.
Die Veranstaltung langweilte sie, doch musste sie sie besuchen. Ja, sie musste sogar noch mehr, weshalb sie nach der Stunde sich vor in Richtung des Lehrenden drängte, um mit diesem sprechen zu können. Zahlreiche andere hatten denselben Plan, weshalb sie sich bald eingequetscht wie auf dem Marktplatz fühlte.
„Ich muss sie sprechen!“ rief sie, wie es etliche andere um sie herum zugleich auch taten.
Doch erst als letztes sollte sie an die Reihe kommen.
„Ah, sie“, sprach er und sah sie musternd an.
„Wegen der Arbeit…“, begann sie, doch unterbrach er sie.
„Sie sollten sie schon vor über zwei Wochen fertig haben!“ herrschte er sie böse an.
„Ja, aber…“
„Kein Aber. Ich gebe ihnen noch mal zwei Wochen. Wenn sie sie bis dahin immer noch nicht fertig haben, können sie sich von dieser Einrichtung endgültig verabschieden! Vergessen sie die großen Denker nicht!“
Geknickt und trotzdem sauer über dieses Verhalten, trottete sie davon.
Auf dem Heimweg durchquerte sie den Park. Ihre Gedanken kreisten um die Schwierigkeiten, die die Welt ihr bereitete und wie sie sie vielleicht bewältigen könnte. Am liebsten würde sie fliehen.
Plötzlich bemerkte sie das kleine, zierliche rotbraune Eichhörnchen auf dem Weg vor sich sitzen. Das Tier hatte eine Nuss zwischen den Pfoten und sah still zu ihr auf. Erstarrt stand sie da und schaute zurück zu dem Tier. Endlich bewegte es sich, vollkommen ruckartig und unerwartet, und sprintete, die Nuss nun im Mund tragend, zu einem Baum.
Sie sah ihm nach und verspürte das Verlangen, ihm zu folgen. Doch bald vergaß sie diesen Drang und sah gerade noch, wie das Tier durch das Loch eines Buschwerks nah des Baumes verschwand.
Verwundert grübelte sie über diese Begegnung nach, doch drängen sich alsbald wieder ihre vorherigen Gedanken in den Vordergrund. Sie ging weiter und mache nur unterwegs kurz Halt in einer Kneipe, um sich dort bei einem Glas Bier zu besinnen und über den bisherigen Tag nachzudenken.
„Da bist du ja endlich!“ fuhr E. sie an, als sie endlich wieder zur Tür ihrer Wohnung hereinkam.
Der Müll!, fuhr es ihr durch den Kopf, ich vergaß…
Doch darum ging es E. nicht einmal. Zumindest zunächst nicht.
„Du hast die Ratten nicht gefüttert! Nun ist eine gestorben!“ motzte er sie außer sich und wütend an.
„Oh…“, murmelte sie, „tut mir leid.“
Er warf verärgert die Hände gen Himmel.
„Immer tut es dir nur leid! Den Müll hast du auch noch nicht weggeschafft!“
„Ich werde mich darum kümmern“, entgegnete sie erschöpft.
„Ja ja!“ entfuhr es E. nur, eh er wütend davon stapfte.
Kurz ließ sie sich in ihrem Zimmer auf ihr Bett fallen, froh allein zu sein. Nun freute sie sich lediglich noch auf B.
Vielleicht eine Stunde später traf dieser denn auch ein.
„Warte in meinem Zimmer, ich bin gleich zurück“, begrüßte sie ihn nur kurz, da ihr der Müll wieder eingefallen war.
Später hielten sie andere Leute und Dinge auf und als sie nach wiederum vielleicht einer weiteren Stunde endlich Zeit für B. hatte, sah dieser sie bei ihrem Eintreten nur böse an.
„Hast du etwa wirklich Zeit?“ fragte er lauernd.
„Ja, ich habe soviel zu tun…“, entgegnete sie kleinlaut.
„So ist es doch immer mit dir!“
Nun war ihre Geduld zu Ende. Genervt drehte sie sich von ihm weg, zog sich an und verließ das Gebäude.
Zwei Bier später ließ sie sich in derselben Kneipe wie Stunden zuvor ein weiteres für den Weg geben und begab sich in den Park. Auf einer Bank sitzend beobachtete sie den Himmel und die Natur, während sie ihr Bier trank. Doch irgendwann war auch dieses leer und sie ließ die Gedanken schweifen, döste bald ein wenig.

II
„Schlafmütze! Immer nur schlafen, nie etwas tun! Nun wach schon auf!“
Aufgeschreckt von diesen verärgerten Worten sah sie sich um, wer da gesprochen hatte, doch sah sie nur ein kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen vor sich am Rande des Weges hocken. Hatte dies sie angemeckert? Nein, konnte nicht sein.
„Faulpelz!“ sprach da das Tier und sah sie mit Verachtung in dem kleinen Gesicht finster an.
„Was?“ entgegnete sie, vollkommen verwirrt.
„Taugenichts!“ fuhr das Tier sie ein letztes Mal an, drehte sich um und huschte davon.
Das konnte doch nicht sein.
„Warte!“ rief sie, rappelte sich auf und folgte dem Eichhörnchen, nur leicht schwankend.
Doch erneut verschwand es in dem Loch im Gebüsch. Aber diesmal folgte sie ihm. Sie musste sich bücken und auf Händen und Knien rutschen und kriechen, doch schließlich hatte sie es geschafft, sie war hindurch gelangt. Und sie befand sich auf der anderen Seite.
Es war dunkel und sie musste sich voran tasten. Ihre Hände fühlten etwas weiches. Federn? Es war ihr, als würde sie sich durch lange Federn tasten, die locker irgendwo weit über herunterhingen.
Unvermutet drang ein Licht vor ihr durch die Dunkelheit, umrahmt von diesen federartigen Gebilden. Bald war es hell genug um zu erkennen, dass sie immer noch nicht erkannte, von wo diese herabhingen, auch blendete sie nun das Licht. Doch sie ging darauf zu und schließlich trat sie hinaus ins Freie und sah erst gar nichts, vollkommen geblendet.
Was sie dann sah, verwirrte sie.
Vor ihr lag eine weite Wiese, doch keine gewöhnliche. Weich und nachgiebig lag sie unter ihren Füßen, als sie darüber voranschritt. Bunt bewachsen mit seltsamen Pflanzen und vielen nichtpflanzlichen Dingen war sie, darunter kleinen Würfelchen und vielen anderem. Vorsichtig fasste sie einen davon an. Er war weich und nachgiebig wie Gummi. Dann erst fielen ihr die vielen anderen, teilweise auch tierähnlichen Gummistücke auf. Es gab Frösche, Schnecken, Echsen und kleine Bären.
Von letzteren packte sie einen, nahm ihn hoch und öffnete den Mund, um ihn zu essen.
„Hilfe!“ schrie es da plötzlich und biss ihr zahnlos in den Finger.
Mehr aus Schreck denn aus Schmerz ließ sie es fallen, und zurückfedernd fiel es zu Boden.
„Wag das ja nicht noch einmal!“ zeterte das kleine Wesen zu ihr hoch und machte sich, sie kraftvoll verfluchend, davon.
„Tut mir leid…“, murmelte sie verwirrt, derweil sich alles um sie herum in Bewegung setzte.
Die Schnecken krochen davon, Echsen huschten davon, Frösche hüpften davon. Verwundert sah sie dem Treiben zu, als ihr etwas an den Fuß tippte. Sie sah herab und erkannte eins der Bärchen, etwas größer als die anderen. Es wies sie an, es hochzuheben und so tat sie.
„Du bist nicht von hier, oder?“ fragte es sie und sie musste mit dem Kopf schütteln.
„Wo bin ich hier?“ fragte sie es.
„Na in unserem Land! Und du hättest gerade fast einen der unsrigen gegessen!“
„Das tut mir leid… doch wer seid ihr?“
„Wir sind natürlich die Bewohner dieses unseren Landes!“
Sie sah ein, dass sie so nicht weiterkommen würde.
„Ich bin einem Eichhörnchen gefolgt. Hast du es gesehen?“
„Natürlich! Es ist da lang gelaufen!“ sprach das Bärchen und deutete irgendwohin.
„Kannst du mir einen Weg zeigen?“ fragte sie hoffnungsvoll.
„Sicherlich! Geh mal dorthin!“ sprach es und zeigte woanders hin.
Wie angewiesen ging sie in die besagte Richtung.
„Lebt hier eigentlich alles? Darf ich denn nichts anfassen?“ fragte sie, als sie Hunger verspürte und alles leckere vor ihr davon huschte.
„Doch! Ich zeig es dir gleich – Siehst du? Dort ist der Fluss!“
Tatsächlich näherten sie sich nun einer Art Fluss. Er war nicht sehr breit, doch sonderbar gelblich.
„Folge dem Gelben Fluss bis zu seinem Ziel!“ wies das Bärchen sie an.
„Ich danke dir“, sprach sie.
„Und nun lass mich herab“, wies es sie an und man tat wie geheißen.
Das Bärchen stapfte zu einem Haufen der seltsamen Würfel, umrahmt von ebenso seltsamen Blumen.
„Wenn du Hunger und Durst verspürst, esse dies und trinke aus dem Fluss“, sprach es und verschwand nun endgültig im Getümmel der bunten Gummiwiese.
Als das Bärchen entschwunden war, probierte sie von den Würfeln. Sie waren klebrig und süß, doch gefielen sie ihr. Daraufhin trank sie von dem Fluss und es war Bier.
Nach einer Weile machte sie sich wieder auf den Weg.
Sie folgte stets dem Flusslauf, der sich in leichten Bögen durch die Wiese schlängelte. Bald wich der federnde, bunte Gummiboden einer dunklen, harten Ebene. Statt Gummipflanzen fand sie hier zwar von der Gestalt her gewöhnlich aussehende Pflanzen und sogar vereinzelte Bäume vor, doch waren sie genauso dunkelbraun wie der Boden, nur manchmal aufgehellt von weißen Blüten und Tupfern.
Neugierig fasste sie das Blatt eines Baumes an. Es war hart und kam ihr bekannt vor. Sie brach das Blatt ab und probierte davon ein Stück. Es war Schokolade. Sie nahm sich eine Handvoll der Blätter mit, doch da sonst nichts weiter in dieser Ebene vorhanden war, sich nichts und niemand bewegte, setzte sie ihren Weg bald fort.
Nach einer Weile tauchte vor ihr ein Wald auf. Er sah völlig gewöhnlich aus, bis auf den geringen Umstand, dass er gänzlich in Lila und seltener auch in Schwarz gehalten war. Teilweise hingen erneut die federartigen Pflanzen von den Bäumen, mit denen sie bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, sämtlich in verschiedenen Arten von Lila, doch meist heller als die, welche sie bei ihrer Ankunft gesehen hatte.
Er verströmte eine warme, beruhigende Aura, so betrat sie ihn zuversichtlich. Es gab keine Wege, also folgte sie weiter dem Flusslauf und trank dann und wann einmal einen Schluck von diesem.
Irgendwann begegnete sie der Ratte.
„Guten Tag meine Kleine, was führt dich hierher?“
Kleine? Waren Ratten nicht immer kleiner gewesen als sie? Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Hände anders aussahen. Verwundert betrachtete sie sie. Verändert wirkten sie, doch konnte sie nicht genau bestimmen, warum. Und warum wirkten die Bäume so groß?
„Kinder wie du sollten hier nicht alleine sein. Wo gehst du hin? Lass mich dich begleiten!“ bot ihr die Ratte nett an.
Doch sie achtete nicht auf die Ratte. Sie musste die Wahrheit über sich selbst herausfinden. Wo konnte sie sich hier selbst betrachten und erklären? Ihr fiel der Fluss ein. Ihr Spiegelbild war verschwommen und undeutlich. Geistesabwesend spielte sie mit ihren Zöpfen. Waren die schon immer da gewesen? – Natürlich.
„Hast du vielleicht etwas zu essen bei dir? Ich verhungere“, sprach die Ratte bittend.
Nachdenklich knabberte sie an einem der Schokoladenblätter und achtete nicht auf die Ratte. In der Ferne sah sie Schmetterlinge zum Tanz aufwarten. Begeistert sprang sie auf und lief ihnen nach, jedes Mal freudig lachend, wenn sie ihren Fängen entfleuchten und erneute Kreise in der Luft zu drehen wagten.
„Warte, ich komme mit!“ rief ihr die Ratte hinterher und eilte sich.
Stolpernd kam sie auf die Beine und rannte dem Mädchen nach, doch verfing sie sich alsbald im Gestrüpp und stolperte, nun nicht mehr freikommend.
„Warte! Bitte hilf mir hier raus! Ich werde sterben!“ quiekte die Ratte vor Angst, doch hörte sie bereits niemand mehr.
Die Schmetterlinge leiteten das Mädchen tiefer in den Wald, fern des Flusses, eh sie unerwartet verschwanden und das Mädchen nun allein im Dunkel zurückließen. Verloren stand sie da und sah sich nach allen Seiten um, doch war sie gänzlich allein.
„Hallo?“ rief sie ins Dunkel und fürchtete sich.
Und nichts geschah.
Sie fühlte sich allein und verlassen. Sich auf den Boden setzend, fing sie lautstark an zu weinen.
„Warum weinst du denn?“ fragte eine sanfte, tiefe Stimme bald.
Überrascht hörte sie auf zu weinen und sah auf. Da stand vor ihr ein großer Hund und blickte sie sanft an.
„Wer bist du?“ fragte sie ängstlich.
„Ich bin der Bernhardiner. Und du?“ sprach der Hund und lächelte sie freundlich an.
Doch sie musste den Kopf schütteln.
„Ich weiß es nicht mehr – ich dachte, ich wüsste es“, sprach sie und Tränen rollten ihr über die Wange.
„Weine nicht – ich weiß, wer dir da helfen kann!“ sprach der Bernhardiner.
„Sicher?“ fragte sie, nun ein wenig hoffnungsvoller.
„Steig auf meinen Rücken, ich bringe dich zu ihnen!“ lächelte der Hund.
Sie fasste Vertrauen, strich über den Hunderücken, spürte das weiche Fell und zog sich hoch. Auf seinem Rücken ruckte sie kurz hin und her, bis sie fest und sicher saß.
„Halte dich fest!“ sprach der Hund.
Sie krallte sich in seine Nackenhaare.
„Und los!“ rief er und sprintete davon.
Schnell rannte er durch den Wald, sprang über Steine, Büsche, Bäche und Wurzeln. Selten einmal sahen sie einen anderen Bewohner des Waldes, doch bald kamen sie an ihrem Ziel an.
„Wir sind da“, sprach er.
Sie standen vor einem großen, verzierten Tor. Es war aus dunklem Holz und umstellt von zahlreichen Bäumen, die den Blick darauf verbargen, was hinter dem Tor liegen mochte. Auf ihm selber zeigten sich Bilder der Landschaften, die sie auf ihrem Weg durchquert hatte und Wesen, die sie gesehen hatte, doch auch noch zahlreiche andere, die ihr bisher unbekannt waren.
Der Bernhardiner kniete sich nieder, damit sie leichter absteigen konnte.
„Hier muss ich dich nun verlassen. Ich wünsche dir auf deinem Weg noch viel Glück“, sprach er. Und machte sich ohne ein weiteres Wort wieder davon.
Sie sah ihm kurz nach. Als er im Dunkel in der Ferne verschwunden war, drehte sie sich um und sah sich erneut das Tor an. Sie erkannte das Bärchen und den Bernhardiner in den Verzierungen, doch nirgends einen Knauf, ein Schlüsselloch oder einen Klopfer. – Nichts, um das Tor zu öffnen. Sie schickte sich an, mit der Faust anzuklopfen, da öffnete sich das Tor plötzlich wie von alleine.
Eine gähnende, endlose, schwarze Dunkelheit erwartete sie.
„Hallo?“ rief sie hinein, doch niemand antwortete.
Während sie noch überlegte, ob sie nun eintreten solle, huschte ein kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen an ihr vorbei und verschwand im Dunkel hinter dem Tor.
„Kenn ich dich nicht?“ murmelte sie verwirrt.
„Warte!“ rief sie und eilte dem Tier hinterher.
Konnte sie sich anfangs noch im Dämmerlicht, dass von draußen durch das Tor hereindrang, den Gang entlang bewegen, so ging das nicht mehr, nachdem sich das Tor plötzlich geschlossen hatte. Doch der Gang leuchtete wie von selbst, glühte in einem schimmernden, grünlichem Licht. Die Wände schienen mit leuchtendem Moos bewachsen zu sein. In der Ferne vor sich sah sie das kleine Tier davonhuschen und ohne einen Blick zurück zu werfen, eilte sie ihm nach.
Der Gang knickte recht bald rechtwinklig ab nach Rechts, bald nach Links, so dann wieder Rechts und immer so fort und oftmals spaltete er sich auch in zwei oder drei weitere Gänge auf, doch ließ sie sich nicht beirren und folgte stets weiterhin dem kleinen Tier.
Endlich erreichten sie ein weiteres Tor. Das Eichhörnchen huschte durch ein kleines Loch neben dem Tor, zu eng für das Mädchen.
Doch dieses Tor hatte einen Knauf, ein Schlüsselloch sowie einen Klopfer. Letzteren benutzte sie, um brav anzuklopfen.
„Wenn du meinst es tun zu müssen, trete ruhig ein“, ertönte eine Stimme von der anderen Seite des Tors.
Vorsichtig drehte sie am Knauf und zog am Tor. Leicht schwang es auf. Sie betrat einen runden Raum, der bis auf ein paar große Kissen am Boden vollkommen leer zu sein schien. Ein weiteres Tor befand sich auf der anderen Seite des Raumes.
Behutsam schloss sie das Tor hinter sich wieder.
„Wenn du erschöpft bist, setze dich doch“, sprach es in ihrem Rücken.
Erschrocken drehte sie sich wieder dem Raum zu, wo nun auf den Kissen ein älterer Mann saß. Ein kurzer weißer Vollbart zierte sein Gesicht, seine weißen Haare waren kurz und er war in weite, weiße Gewänder gekleidet. Er lächelte freundlich und deutete auf die Kissen vor sich.
Sie setzte sich ihm gegenüber.
„Wer sind sie?“ fragte sie.
„Was glaubst du, wer ich bin?“
„Sie kommen mir bekannt vor…“, murmelte sie.
„Dann werde ich das wohl auch sein. Woher kennst du mich denn?“
„Ich…ich weiß es nicht. Ich glaube, ich wusste es einmal.“
„Was führt dich zu mir?“
Sie deutete auf die Löcher neben beiden Türen.
„Das kleine Tier – Ich bin ihm hierher gefolgt.“
„Das Eichhörnchen? Warum bist du ihm denn gefolgt?“
„Ein Gefühl…ich musste es tun…“
„Woher kommst du?“
„Ich weiß es nicht mehr“, sprach sie und blickte traurig drein.
„Weißt du denn, wer du bist?“
„Nein, aber ich sollte es wohl.“
„Warum siehst du aus wie ein kleines Mädchen?“
„Ja bin ich denn keins?“ entgegnete sie und runzelte verwirrt die Stirn.
„Du bist, was du glaubst zu sein. Warst du schon immer ein Kind?“
„Ich glaube schon…“
„Ich glaube das nicht. Ich glaube, du fliehst nur vor etwas, vor dir. Gefällt es dir hier?“
„Schon, aber… Ich will zurück…“
„Zurück wohin?“
„Ich weiß es nicht mehr“, sprach sie verzweifelt.
„Warum bist du geflohen?“
Eine schwache Erinnerung kam in ihr auf.
„Ich wollte allein sein…es ist alles zuviel. Ich bin müde.“
„Was ist zuviel?“
„Mein Leben…all die Aufgaben…all die Menschen, die etwas wollen…“
„Und da fliehst du lieber?“
„Hier habe ich keine Aufgaben…“
„Was ist mit den Menschen, die dich lieben? Sie werden sich sorgen. Warum sprichst du nicht mit ihnen, ob sie dir helfen?“
„Ich möchte machen, was ich will…“
„Und sie würden das nicht verstehen? Dir nicht helfen?“
„Vielleicht…“
„Was stört dich?“
„Es ist zuviel, zu anstrengend…“
„Lohnt es sich nicht? Einfacher wirst du es nicht bekommen. Warum arbeitest du nicht mit dem, das du hast?“
„Ich weiß es nicht…“
„Vielleicht weißt du es doch. Gehe durch das Tor hinter mir“, sprach er und deutete auf ebendieses.
Und sie tat wie ihr geheißen.
Der nächste Raum hatte dieselbe Form wie der andere, doch war dieser hier reicher ausgestattet. Anstelle von Kissen gab es Liegen und einen Tisch, bedeckt mit Geschirr und Nahrung. Ein Kamin spendete Wärme. Pflanzen und Blumen bedeckten die Wände. Ein älterer Mann lag auf einer der Liegen, sein langes Haar und sein dichter krauser Vollbart bereits grau, gekleidet in ein graues Gewand. Er lächelte sie an und deute auf die Liege sich gegenüber.
„Setz dich doch“, sprach er.
Und so tat sie.
„Nimm dir etwas zu essen. Fühlst du dich wohl?“
Sie nahm ein paar Trauben, doch schüttelte sie den Kopf.
„Was macht dir zu leiden?“
„Mein Leben…“, seufzte sie.
„Macht es dir keine Freude?“
„Nun, manchmal. Nicht immer. Es sollte einfacher sein.“
„Und manchmal sollte man unangenehme Dinge erdulden, um am Ende mehr Freude daran zu haben. Nimm doch ein paar Trauben“, sprach er und deutete auf diese, doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein danke. – Und es gibt zu viele unangenehme Dinge.“
„Mach dir darüber doch nicht so viele Gedanken. Genieße die guten Dinge. Vergesse die schlechten. Denk immer an die Guten und schütze sie, freue dich an ihnen.“
„Ich bin mir aber nicht sicher.“
„Zweifle doch nicht soviel! Vertrau auf deine Freunde und die Menschen, die dich lieben. Verschließe dich ihnen nicht, sondern spreche mit ihnen, hab Vertrauen.“
„Ich frage mich immer, ob es anders nicht besser wäre, einfacher, schöner.“
„Sehn dich nicht nach anderem! Ist es ähnlich wie das, was du hast, dann ist es nutzlos. Denn einst hast du dich auch nach dem gesehnt was du nun bereits hast. Ehre es also entsprechend! Und vergesse nicht das, was du liebst, sonst wirst du es verlieren. Kümmere dich um sie, dann bringen sie dir mehr Freude.“
„Das versuche ich ja…“
„Versuche es nicht nur, tu es. Erfreu dich eines schönen Lebens, doch schade nicht anderen. Ziel deines Lebens ist die Freude. Doch gib dich nicht Gelüsten hin. Hab Freude am Frieden und deinen Freunden. Leb dein Leben, habe Spaß, und denke nicht so viel an den morgigen Tag.“
Nachdenklich nickte sie.
„Und nun flieh nicht mehr. Gehe heim zu deinen Lieben. Erinnere dich wieder an dich selbst. Und an sie. Gehe zu ihnen.“
Plötzlich bemerkte sie das kleine Eichhörnchen, welches neben dem Ausgang des Raumes hockte. Überrascht stand sie auf.
„Folge ihm!“ sprach der Mann.
Das Tor aus dem Raum öffnete sich und das Tier verschwand hindurch. Sie folgte ihm durch einen langen, dunklen Gang. Irgendwann war das Eichhörnchen ohne Vorwarnung verschwunden. Verwirrt stapfte sie weiter den Gang entlang.
„Wach auf“, klang plötzlich eine Stimme dumpf aus dem Dunkel.
„Was? Wer da?“ fragte sie und sah sich um, doch sah nur Schwärze.
„Wach auf!“ erklang es erneut, lauter.
„Zeig dich!“ rief sie und ging sich umsehend weiter.
Unvermittelt tauchte ein Lichtschein vor ihr auf. Sie hielt darauf zu.
„Wach auf!“ ertönte es ein drittes Mal.
Sie meinte, das Eichhörnchen vor sich im Licht zu erkennen und folgte ihm, tauchte ein in das blendende Licht.

III
„Jetzt wach schon auf!“
Sie öffnete die Augen und sah das Gesicht von B. vor sich.
„Was? Wo bin ich?“ murmelte sie verschlafen.
„Wir sind im Park“, antwortete er.
Langsam erkannte auch sie diesen Umstand. Sie lag an einen Baum gelehnt, nah eines dichten Gebüschs, durch das kein Mensch jemals würde kommen können.
„Ich habe dich hier gefunden. Ich habe mir Sorgen gemacht“, ergänzte er und strich ihr über die Stirn.
„Du sollst dich nicht so um mich sorgen“, sprach sie und stand auf, doch schwankte und musste von ihm gestützt werden.
„Würde ich es nicht machen, wärst du mir egal“, erwiderte er.
Sie wollte etwas antworten, doch erinnerte sie sich an die alten Männer und was sie ihr gesagt hatten. So lächelte sie nur und umarmte ihn.
„Lass uns zurückgehen“, sprach er und sie nickte.
Bald waren sie wieder daheim, wo E. sie erwartete.
„Na endlich bist du wieder da, wir warten doch schon alle“, sprach er und verschwand in einem anderen Raum.
„Komm mit“, ergänzte B. und nahm sie mit in diesen Raum, wo ihre Freunde sie erwarteten und bereits feierten.
Später war sie mit B. kurz allein.
„Es tut mir leid, wie ich war“, sprach sie.
Er nahm sie in den Arm.
„Ich weiß, wie du bist. Und ich bin immer für dich da. Wenn du Zeit für dich brauchst, bekommst du sie, und tue nie etwas, das du nicht willst.“
„Danke“, sprach sie nur.
„Du bist eines der wichtigsten Dinge auf dieser Welt für mich. Ich möchte nur, dass du glücklich wirst. Ich liebe dich.“

ENDE

Darsteller
Sie – Die Flüchtige
B. – Der Freund
E. – Der Mitbewohner
Der Lehrende – Ein Beliebiger
Mitlernende – Beliebige
Das Eichhörnchen – Es selbst
Das kleine Bärchen und das große Bärchen – In Rot und Grün
Die Einwohner des Gummilandes – Von sämtlichen Herstellern
Die Ratte – aussuchbar
Der Bernhardiner – Nun ratet doch mal
Der weise weiße alte Mann – S.
Der weise graue alte Mann – E.

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