GaaW XVII Das verlorene Kind

Januar 30, 2020

Das verlorene Kind

Geschichten aus aller Welt, Teil XVII

Es war ein schöner, doch kalter Herbsttag, als der kleine Pagallimmi beim Heimkehren feststellen musste, dass seine Eltern verschwunden waren. Zunächst war er bloß erschrocken, als sie nicht wie immer im Wohnzimmer auf ihn warteten. Kurz darauf versuchte er sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass er vielleicht das falsche Haus betreten hätte. – Sie wohnten erst wenige Wochen hier und da alle Häuser dieser Straße gleich aussahen, hatte er sich anfangs oft verlaufen. – Doch das musste längst hinter ihm liegen. Deshalb verfiel er schließlich in Panik, als ein Blick von Außen auf ihr Haus seine Überlegungen bestätigte und er sich wahrhaftig Daheim befand – doch nicht so seine Eltern.

Wo waren sie hin? Hatten sie ihn tatsächlich allein gelassen? Wer würde auf ihn aufpassen, wer ihn versorgen? Sie kannten doch noch niemanden hier in der Stadt; niemanden, den er fragen, niemanden, zu dem er gehen könnte. Und als sich seine anfängliche Panik legte und er jeden Winkel im Haus abgesucht hatte, ließ er sich auf ein Sofa im Wohnzimmer nieder. Ganz sicher waren sie nur kurz weg, etwas besorgen, würden bald wiederkommen. Und doch: Noch nie hatten sie ihn so allein gelassen. Seine Angst wich aber bald der Erschöpfung, welche diese Aufregung ihm verursacht hatte, und langsam schlief er ein. Bald kommen sie zurück, waren seine letzten Gedanken, bevor er sich in seinem Traumland einfand. Er bemerkte nicht mehr, wie sich die Haustür langsam schloss.

Als er wieder erwachte, war es bereits Abend. Das Wohnzimmer lag im Zwielicht und er war immer noch allein. – Oder? – Hörte er da nicht aus der Küche Geräusche? – Freudig sprang er auf und rannte so schnell ihn seine Füße trugen, dass er fast stolperte. Als er sich endlich fragte, warum sie ihn nicht geweckt, nicht in seinem Schlummer jenseits der gewohnten Zeiten gestört hatten, erreichte er auch bereits die Küche. – Sie war dunkel, kalt und leer. Enttäuscht lehnte er sich in den Türrahmen. Waren sie für immer verschwunden, ihn loszuwerden? Fanden sie aus der Stadt nicht mehr ihren Weg zurück? Oder waren sie etwa verschleppt worden? Pagallimmi war kurz davor zu weinen. Seine Mutter verbat es ihm zwar immer, doch nun war sie nicht mehr da. – Und wer sollte ihm das Essen zubereiten? Hungrig tapste er in die Küche, sich etwas zusammenzustellen.

Nachdem er seinen kleinen Schmaus beendet hatte, dachte er wieder an seine Eltern und brach in Tränen aus. Doch da quietschte plötzlich etwas.- Das konnte nur die Eingangstür sein. – Vater hatte sie schon seit ihrem Einzug ölen wollen, doch vergaß es immer wieder. – Sie quietschte nun, also musste sie sich auch öffnen. Sie kommen! Schoss es durch das kleine Gehirn. Freudig sprang Pagallimmi auf und hastete zur Tür. – Und niemand war da. Aber das bemerkte er zunächst nur flüchtig, denn etwas anderes ließ ihn viel zu sehr staunen. – Wo war die Stadt hin?

Warum verschwanden zunächst seine Eltern, dann die ganze Stadt? Staunend sah er auf das, was sich ihm außerhalb des Hauses bot: Weite Felder lagen dort; Wiesen und Hügel – und in der Ferne erkannte er einen Bach an einem großen finstren Wald. Doch am seltsamsten war die Mittagssonne. War es nicht gerade noch ein dunkler Herbstabend gewesen? Und tatsächlich – ein Blick zurück ins Wohnzimmer offenbarte ihm dessen Düsternis. Vorsichtig – die Tür mit einem Auge immer halb beobachtend – ging er zu einem der Fenster im Wohnzimmer – sah hindurch und erblickte die Stadt, umrissen von der Abendröte. Ein Blick zur Tür: Das warme Licht des Frühlingstages strahlte bloß bis zur Schwelle, nicht ins Haus hinein.

Der kleine Pagallimmi, der schon immer eine Vorliebe für Märchen und Zauberei gehabt hatte, wähnte sich nun an seinem Glückstag. Hatte eine ihm unbekannte doch gütige Macht ihn aus seinem langweiligen Schulalltag enthoben und endlich in das Land seiner Träume gebracht, wie er es sich so oft gewünscht hatte? Er beschloss die Sache zu erkunden und verließ recht unvorsichtig das Haus. Kaum, dass er draußen war und die kalte Stube hinter sich gelassen hatte, da kitzelte ihn schon die warme Sonne. Ein Blick zurück zum Haus zeigte ihm statt diesem eine steile, schroffe Klippe, in der ziemlich unpassend eine Tür prangte. – Es war wahrhaftig Zauberei, dessen war er sich nun sicher. Fröhlich ob dieser Umstände erkundete er das Gebiet. Er fand Wiesen und Auen, glucksende Bäche und raschelnde Wälder. – Und er fand die Burg.

Die Burg befand sich auf einem schroffen Felsen am Rande des Waldes und sah für den kleinen Träumer wenig aufregend aus. Spannender war da schon die Schlacht, die sich an ihrem Fuß abspielte: Gestalten in Rüstungen, die sich bekämpften und aufeinander einschlugen, bis Knochen barsten und Blut vergossen wurde. Dies fand der Knabe dann aber weniger witzig. Ängstlich wich er zurück, während die Kämpfe drohten ihm näher zu kommen. Und als er schon befürchtete, dass sie auch ihn töten würden, kam eine Gestalt auf einem merkwürdig anmutenden Reittier auf ihn zu und rief ihm Worte zu, deren Sinn er nicht verstand. Da er sich nicht rührte, stieg die Gestalt ab. Er erkannte sie als Frau – was ihm nichts nützte, wusste er doch weiterhin nicht, was sie sprach. Das letzte Wort in ihren Sätzen klang für ihn wie ‚Tólome‘. Da kam jedoch bereits ein Krieger heimlich von hinten an. – Pagallimmi rief der Frau eine Warnung zu, was sie verstand und sich schnell wendete. Der Junge nutzte den Augenblick aber, um zu fliehen.

Nach einer heillosen Suche, bei der es Abend und er völlig verzweifelt wurde, fand er letztlich die Tür seines Hauses wieder. Immer noch sah es aus, als sei ihr Haus in den Fels geschlagen worden, doch Pagallimmi war bloß froh über die ihm bekannte Sicherheit. Drinnen angelangt schlug er hinter sich die Tür zu. – Wären seine Eltern wieder daheim gewesen, so wären sie nun angekommen ihn zu bestrafen. – Doch immer noch war das Haus leer – und finster. Durch die Fenster des Wohnzimmers sah er die nächtliche Stadt – verlassen und vergessen. Und er, den seit Stunden der Hunger plagte, sah in der Dunkelheit kaum noch etwas und fiel letztlich bloß erschöpft auf sein Bett. Wie kalt und bedrohlich das Haus doch erschien, seit er hier allein war.

Wie gewohnt erwachte er am nächsten Morgen. Noch immer zeigte sich keine Spur der Eltern. Während Pagallimmi sich sein Frühstück machte, überlegte er, ob ihm seine Lehrer in der Schule wohl helfen könnten. Eigentlich schrien die Umstände ja danach ausgenutzt zu werden; nach freien Tagen. Doch was sollte er machen, wenn seine Eltern niemals zu ihm zurückkehrten? So stand sein Entschluss fest. Nachdem sein Schmaus beendet war, packte er seine Sachen und begab sich auf den Weg zur Schule. – Er kam aber nur bis zur Haustür.

Wie bereits Tags zuvor erwartete ihn jenseits dieser Tür nicht das, was ihm die Fenster zeigten. Aber auch die schönen Wiesen und Auen waren verschwunden. – Pagallimmi erwarteten Stein, Staub und Sand, wohin er auch blickte. Vorsichtig verließ er die Tür und setzte einen Fuß vor die Schwelle – um schnell wieder zurückzugehen, als ihn unglaubliche Hitze und Trockenheit empfingen. Eine Wüste? – Die Wiesen waren ihm lieber gewesen. Verzweifelt und genervt zugleich kehrte er der Tür den Rücken zu. Im Haus war es doch wesentlich kühler. Und endlich vermeinte er auch einen Trick zu wissen, das Haus doch noch verlassen zu können: die Fenster!

Immer noch zeigten sie die Stadt, jetzt verschlafend aus dem Morgen erwachend. Langsam konnte er einzelne Gestalten ausmachen, die auf der anderen Seite des Glases durch die Straßen schlenderten. Dort wollte er auch hin! – Doch wie sehr er auch an den Fenstern rüttelte und zerrte, sie rührten sich einfach nicht. Er versuchte es an jedem Glas des Hauses, doch nirgends kam er weiter. Schließlich war er wieder im Wohnzimmer, schlug verzweifelt auf die Fenster ein, nutzte gar Spazierstöcke und was er noch so fand – die Fenster blieben heil, die Fußgänger auf der Straße beachteten, hörten ihn nicht. Und hinter der Haustür lauerte immer noch die kochende Wüste. Den Rest des Tages verbrachte er mit Weinen, Ablenkungen und weiteren Ausbruchsversuchen.

Als es jenseits der Fenster Abend wurde, zeigte ihm die Tür bereits finstere Nacht. Zeit für ihn, einen weiteren Schritt vor diese zu wagen – und ging sofort zurück ins Haus, seinen Mantel suchend. Trotzdem wagte er es, die eiskalte Wüstennacht zu erkunden. Weit ging es für ihn aber nicht, war das Land doch überall trostlos und öde wie vor seiner Haustür, die aus dem einzigen Felsen in weiter breiter Himmelssicht ragte. Er wollte gerade seinen Weg zurück ins Haus nehmen, da sah er etwas neues. Unweit von ihm ragte ein längliches, ledernes Etwas heraus, das wie eine schmale niedrige Mauer wirkte – die sich auf ihn zu bewegte. Zunächst ging er weiter und beobachtete nur – doch dann erhob sich etwas Spitzes aus dem Sand, gefolgt von viel mehr kleinen spitzen Stiften – ein Maul mit Zähnen verfolgte ihn. Sobald er das erkannte, rannte er. Auch das Wesen, zu dem dieses Maul gehörte eilte sich ihm zu folgen – und es war schneller. Pagallimmi meinte bereits den Atem der Bestie im Rücken zu spüren, als er endlich die Schwelle übersprang und die Tür hastig zuschlug. Nach dieser Schreckensbegegnung verbrachte er eine teils durchwachte Nacht unter zahlreichen Decken verkrochen, bevor er endlich einschlafen konnte.

Auch am nächsten Morgen war er weiter allein. Einerseits war er wenigstens nicht gefressen worden, andererseits waren seine Eltern weiterhin verschwunden. Und langsam wusste er nicht mehr, was er tun solle. Wenn die Haustür stets in ein falsches Land führte, so konnten seine Eltern auch gar nicht wiederkommen. Und im Haus ging ihm langsam die Nahrung aus. – Ganz zu schweigen davon, dass er sich schrecklich einsam und allein fühlte. Bald fing er aber an zu hoffen, dass an diesem Tage, wo er wieder die Bürger der Stadt durch die Fenster draußen in der Straße spazieren gehen sah, die Tür erneut in eine fremde Gegend führen würde. Wäre es eine, die seiner freundlich war, so würde er versuchen von dort nach Hause zurückzukehren – oder zumindest jemanden zu finden, der ihm helfen würde. Langsam verfluchte er sich auch dafür, vor der Frau am Schlachtfeld weggelaufen zu sein – auch wenn sie sich nicht verständigen konnten, so schien sie ihm doch zumindest wohlgesonnen gewesen zu sein – und das wäre immerhin ein Anfang gewesen. Während er sich fertig machte, fragte er sich, was ihn wohl diesmal da draußen jenseits seiner Wirklichkeit erwarten würde. Und dann war es soweit, dass er die Tür aufstieß um zu sehen – und nur Finsternis erblickte.

Vollkommene, undurchdringliche Finsternis lag dort außerhalb des Hauses. Das konnte keine Nacht sein, sagte ihm ein Teil seines Bewusstseins, denn sah man doch selbst in jeder Nacht noch etwas, zum Beispiel Sterne. Aber vielleicht war es ja eine Sonnenfinsternis oder etwas ähnliches? Er beschloss eine Weile abzuwarten – es könnte ja sein, dass dies doch nur eine seltsame Nacht war. Aber während die Zeit verstrich, änderte sich außerhalb des Türrahmens – nichts. Auch mehrmaliges Öffnen und Schließen der Tür vermochte ihm nichts neues zu zeigen. So wagte er letztlich, dort hinaus zu treten, um zu sehen, was ihn erwarten würde. Und dieses war – nichts.

Kaum dass er in der Finsternis war, konnte er nur noch diese erkennen. Es war ihm weder warm noch kalt, doch es gab kein Licht, keine Geräusche, keinen Geruch. Wagemutig ging er einige Schritte in die Schwärze hinein – und verlor sich sofort. Zurück blickend entdeckte er keine Spur der Tür – er war verloren im Nichts. Auch als er meinte, denselben Weg zurückzugehen, entdeckte er nichts. Die Verzweiflung, die sich seiner in den Tagen langsam bemächtigte, wuchs ins Unendliche. War er verdammt auf ewig im Nirgendwo zu verbleiben? Auch ein Blick an ihm herab offenbarte ihm den Schrecken, dass er sich nicht mehr erkannte. Waren seine Gliedmaßen überhaupt noch da? – Ein vorsichtiger Versuch des Zwickens meldete ihm keine Gefühle an sich. – Eine seltsame geistige Taubheit bemächtigte sich seiner – doch dann sah er das Licht in der Ferne – und hielt darauf zu.

Und in einer anderen Zeit war es ein gewöhnlicher Tag gewesen, da die Eltern des kleinen Pagallimmi ihn kurz daheim allein ließen, um einkaufen zu gehen. In dieser Zeit musste es geschehen sein, dass er unvorsichtig spielend die Treppe herabfiel. Seine Eltern entdeckten ihn genau an der Eingangstür liegend. Drei Tage sollten sie über ihn wachen, doch er – er erwachte niemals mehr.

ENDE

 

Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte entstand vor zwanzig Jahrzehnten hier in der Stadt. Es wird gemunkelt, dass sie auf einem wahren Fall beruht.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 21.06.3995


GaaW XI: Thanoris Hirs

Januar 29, 2020

Thanoris Hirs

Sterben für die Freiheit.

Geschichten aus aller Welt, Teil XI

Mein Name ist Thanori; ich hinterlasse euch diese Geschichte. Ich bin nun hier allein. Bin ich gescheitert? Ich weiß es nicht, denn ich sterbe in Freiheit. Erzählt dereinst von mir, von uns, soweit ihr dies finden werdet. Doch zunächst einmal – wer sind wir und wie kamen wir hierher, an diesen Ort, von dem doch nie jemand etwas gehört hat?

Mein Name ist Thanori. Geboren wurde ich in Djandir, was in diesen Landen unbekannt sein wird. Meine Familie bestand aus Unterhaltern, so war ich meine Kindheit über stets von einem Ort zum nächsten unterwegs, meist per Schiff. Als ich etwa vierzehn war, überfielen uns die Schwarzseepiraten. War ich zuvor noch unruhige lebendige Freiheit gewohnt, so sollte ich diese nun für viele Jahre nicht mehr kosten können. Ach süßer Duft der Freiheit, nichts ist kostbarer. Wie schwarz diese Jahre doch heute scheinen. Bald verkaufte man mich an einen reichen Herrn im Reich Iotor, der sich über eine neue Dienerin nur freuen konnte. Ich war ein Tier für ihn; wie erniedrigend dies doch war. Zwar behandelte er mich gut, doch letztlich stets nur wie eine Dienerin, eine Arbeiterin, einen Gegenstand. Viele Aufgaben hatte ich zu bewältigen, die ich sonst nie aus freien Stücken getan hätte.

Sein Anwesen lag an den nördlichen Klippen des Landes und wann immer ich hinaus in den Garten treten konnte, verfolgte mein Blick sehnsüchtig das Meer, roch meine Nase die lockende Freiheit. Dem Drang mich ihr hinzugeben konnte ich nie nachkommen. So fand ich mich letztlich gar in Versuchung, hinab in das Meer zu springen, meinen leblosen Körper wenigstens frei im Meer treiben zu lassen. Die Mauern des Anwesens aber verhinderten auch das.

Mein Körper befand sich also in Gefangenschaft für lange Jahre, doch mein Geist wanderte noch frei umher, besegelte die Meere und kehrte heim nach Djandir jenseits der Fluten und auch an alle anderen Orte dieser Küsten. Letztlich aber sollte es noch etwas Gutes haben, dass ich in diesen Haushalt gekommen war: Ich lernte Algros kennen. Er war lange nach mir angekommen, als Leibwächter des Mannes, der über unsere Leiber entschied. Er kam aus südlichen Ländern, die als wilder und natürlicher gelten, deren Bewohnern man Rohheit und Dummheit nachsagt. An Algros jedoch war nichts dumm oder roh, doch seine wahrhaft wilde Natürlichkeit war es, die mich Kind der Freiheit von Beginn an in ihren Bann zog. Da unser Herr oft unterwegs war, sah ich Algros jedoch nur selten. Diese Momente aber genügten, dass wir uns alsbald näher kamen und er die Nächte, die er nicht vor der Tür unseres Besitzers ausharren musste, stattdessen in mein Lager schlich. Beziehungen unter seinen Dienern, seinen Leibeigenen, seinem Besitz, sah unser Beherrscher nicht gerne. Kaum hatte er von uns erfahren, drohte er uns zu trennen. Zu diesem Zeitpunkt aber hatten wir bereits geplant unsere Leben zukünftig gemeinsam zu verbringen und das sicherlich nicht in solch einer Gefangenschaft. Wir wollten eine Flucht versuchen. Zwei der anderen Diener, die uns besonders nahe standen, namentlich der nur als solcher bekannte Koch sowie einer der Torwächter, Chamon, verpflichteten sich uns zu helfen und zu begleiten. Chamon wollte uns das Tor öffnen und Algros kannte einen der Stallburschen, der ihm Reittiere versprach. Einmal aus dem Anwesen entkommen, wollten wir über Land ein Stück weit entfliehen um dann in einer anderen Stadt auf irgendeinem Schiff anzuheuern und frei zu sein. Doch alles kam anders.

An dem Abend, den wir uns erkoren hatten als Beginn unserer Freiheit, war unser Besitzer natürlich anwesend. Neben Algros hatte er zu dieser Zeit keinen anderen Leibwächter, so dass diesem die Aufgabe zufiel seine Tür zu bewachen. Kaum war unser Meister entschlummert, da kam Algros zu uns anderen, die wir bereits im Stall warteten. Zusammen mit dem Stallburschen hatten wir bereits alles vorbereitet. Doch kaum hatte Algros den Stall betreten, da folgten ihm unser Käufer sowie die gewöhnlichen Wachen des Hofs. Der Stallbursche aber verschwand schnell hinter ihnen. Wir waren also verraten worden. Sie forderten uns auf uns zu ergeben, unseren Plan aufzugeben, und man hätte uns bloß an andere verkauft, so versprach uns der uns Knechtende. Wir aber waren schon zu weit gegangen um nun aufzugeben. Auf meinen Ruf hin eilten wir uns die Tiere zu besteigen und preschten sodenn mitten durch unsere Feinde hindurch. Einige konnten sich schnell genug aus dem Weg retten, über andere galoppierten wir dagegen hinweg ohne uns um ihr Schicksal zu kümmern. Zumindest das Außentor des Hofes fanden wir zum Glück noch geöffnet vor.

Erst nach einer Weile kam uns der Gedanke, was wir da eigentlich getan hatten. Nun waren wir armen Seelen Verbrecher, Vogelfreie, Flüchtlinge. Sobald man die Nachricht erst einmal verbreitet hätte, würde man Jagd auf uns machen. Algros und ich boten den anderen an, dass wir uns trennen könnten, um sie nicht weiter in unangenehme Umstände hineinzuziehen. Unser Ziel war die wilde treibende Freiheit, wir konnten ihnen unsere Absichten nicht aufdrängen. Doch sie lehnten ab, sprachen, dass sie keine Familien mehr hätten, keine Ziele, außer uns weiter zu folgen, denn wir seien ihre Freunde. Die Freiheit der Entscheidung ließ sie bei uns bleiben. Es war eine merkwürdige Stimmung an unserem ersten Abend in Freiheit, versteckt in einem Wäldchen, voller Furcht aber auch Gerührtheit. Wir waren nun eine Familie. Wie aber sollte es mit dieser Familie weitergehen? Wir schlugen uns durch die Wildnis, hatten kaum Vorräte mit uns genommen. Wir wollten ein Schiff, das war klar, doch woher sollten wir eines nehmen? Da man uns so schnell entdeckt hatte schied die nächste Stadt aus. Wir schlichen stattdessen weiter durch das Unterholz, durch Marsche, durch Dickichte, immer den Atem unserer Verfolger im Nacken spürend, ohne jedoch jemals Anzeichen einer Verfolgung zu entdecken. Wie sollte man da gleichzeitig nach Schiffen Ausschau halten? Und so kam es, dass wir Vier immer weiter vom Norden, meiner warmen Heimat, abkamen und es uns stattdessen gen Osten zog, die Küste entlang. Immer wieder ergänzten wir die kläglichen Vorräte unserer Taschen durch Beeren, Wurzeln und Sträucher, doch wirklich glücklich machte das keinen von uns. Gehöfte umgingen wir, trauten wir ihnen doch zu, uns nur als neue Diener einzufangen. Auch hatten Algros und ich keine ruhige Gelegenheit mehr gehabt allein zu sein, was uns sehr belastete. Doch bald sollte das vorbei sein.

Eines Tages plötzlich, kurz bevor sich unsere letzte Nahrung in Wohlgefallen aufgelöst hätte, entschied sich das Schicksal, uns die kürzlich gewonnene süße, doch stets gefährlich gewesene Freiheit auch wieder zu nehmen, wie um uns zu retten, als wären wir Kinder, dieser Macht nicht fähig. Mitten in der Nacht hatten uns Räuber überfallen und in ihr Lager verschleppt. Wie sich dort herausstellte waren es nicht bloß Räuber, sondern vielmehr Piraten. Ach welch Hohn das Schicksal uns doch da bereithielt! Erneut wurden wir Sklaven, wenngleich diesmal mit täglichem Blick auf das, wonach sich unsere Herzen sehnten: der Freiheit über dem Meer. Fast zwei Monde dauerte es, bis sich uns neue Möglichkeiten boten. Wir hatten allmählich das Vertrauen dieser rauen Gesellen gewonnen und galten ihnen beinahe als Gleiche. Ohne diese Voraussetzung hätten sie uns nicht mit an Bord ihrer Schiffe genommen, als die Armee des Landes ankam, ihr Lager niederzubrennen. Die Piraten mussten fliehen und uns nahmen sie gnädigerweise mit. Dies war unser Glück, wären wir doch sonst sicherlich getötet worden. Man segelte mit uns nach Osten, dann gen Süden, von dem es doch hieß, das dort Recht und Gesetz ihren Griff lockerer hielten als anderswo.

Diese Piraten verhielten sich besser als alle, die je meinten über meine Freiheit entscheiden zu können: Djandir, die Piraten und Händler der Schwarzsee sowie der Herr in Iotor. Sie hatten nichts dagegen, dass wir zusammenblieben, ließen uns die Freiheit unsere Gesellschaft zu wählen, sogar unsere Stimmen zu erheben. Sie verboten nicht, dass Algros und ich das Lager teilten und machten auch keine Anstalten, sich dort hineinzudrängen. Denn diese Leute waren nicht die herzlosen Schurken der Märchen. Viele Männer hatten ihre Frauen dabei, etliche gar ihre Kinder; und aus beiden Gruppen waren zahlreiche auch selbst tüchtige Seefahrer oder Krieger. Jeder achtete auf jeden, alle waren gleich, niemand herrschte über den anderen – lediglich alle zusammen als Ganzes herrschten über uns. Doch behandelte man uns anfangs eher wie Haustiere oder kleine Kinder, als könnten wir noch nicht für uns selber handeln, und nicht als Diener. Doch da man uns weiterhin frei sprechen ließ konnten wir zetern, uns beschweren, jammern, nörgeln, Wünsche äußern und gar betteln. Nach einer Weile schließlich schien man Vertrauen in uns gefasst zu haben. Immer häufiger sprachen sie mit uns wie mit vernunftbegabten Wesen, die wir ja auch waren. Endlich erkannte dies also jemand. Langsam wurden wir Teil des Ganzen. Immer häufiger hörten sie uns zu, fragten uns nach unserer Meinung. Bald waren wir keine Haustiere mehr sondern gehörten zu ihnen. Der Koch hatte schon längst eine passende Anstellung, Chamon war Ausguck geworden, Algros und ich gehörten natürlich zu den Kriegern und Seefahrern.

Schließlich war es soweit, dass wir den mittleren Süden erreichten, Gegenden, wo entfernte Verwandte der Iotorer noch lebten und Algros‘ Heimat nicht weit entfernt war. Die Piraten wollten sich dort ein neues Leben aufbauen, ihrer Art von Freiheit folgend, die sie für die einzig wahre hielten. Algros und ich aber hatten bereits wieder beschlossen diesen Reichen den Rücken zu kehren. Immer wieder hatten wir unterwegs von Händlern Gerüchte vernommen, dass es weit im Osten unbekannte, unentdeckte Länder geben sollte, in denen ihre Einwohner noch frei und ungezwungen durch Ebenen und Wälder zogen. Um diese Länder zu erreichen sollte man bloß den Inseln im tiefen Süden immer weiter gen Osten folgen. Keiner konnte uns Beweise liefern, dass es diese goldenen Länder der Freiheit wirklich gab, doch entbrannte in uns ein schmerzhaftes Feuer tiefster Sehnsucht. Wir mussten diese Länder finden oder bei dem Versuch sterben; kein anderer Sinn zeigte sich uns mehr. Dort hinzukommen bedurften wir eines Schiffes, und immer noch befanden wir uns auf solchen. Wir erzählten unsere Gedanken also den anderen und schneller als man es erwartet hätte, teilten genug Piraten unseren Traum, ein ganzes Schiff zu füllen. Schwer wurden die Verhandlungen mit den anderen, die nach einigen Monden dort im Süden für uns eine neue Familie und wir längst frei wurden. Doch letztlich kam die Gemeinschaft darin überein, uns alle, die wir es gemeinsam wollten, gehen zu lassen.

Wir ließen uns einen Mond zur Vorbereitung, in dem wir sowohl Schiff als auch uns auf das Unbekannte rüsteten. Es war ein großes Schiff, mit dem Koch unter Deck, Algros als Kapitän und mir am Steuer. Chamon jedoch hatte seine Liebe gefunden und wollte mit ihr zusammen zurückbleiben. Mag er glücklich geworden sein. Uns dagegen begleiteten genug Frauen und Männer, meist jüngeren Alters. Das Schiff wurde mit allem ausgestattet, was für solch eine Fahrt und Ankunft von Nutzen sein könnte, darunter auch Werkzeuge, Baustoffe und natürlich Vorräte. Schließlich verließen wir die gesetzlosen Landen, um der aufgehenden Sonne entgegen in die Freiheit zu segeln. Unser Kurs führte uns aber schnell nach Süden bis Salire und von dort aus weiter den Inseln folgend nach Osten. Als diese schließlich hinter uns zurückblieben, hatten wir nur noch die Sonne und die Sterne und weiten freien Himmel über uns. Glücklicher als zu dieser Zeit konnte ich wohl kaum jemals zuvor gewesen sein. Algros an meiner Seite, die Freiheit überall um uns herum; der Schrecken der Vergangenheit verschwand im Dunkel und ein Traumreich der Freiheit erwartete uns. Die Freude währte jedoch nicht allzu lange. Bald schien sich die Reise in eine Ewigkeit auszudehnen, ohne dass wir noch einmal Land zu sehen bekamen. Keine Insel entzückte mehr unser Herz und auch die Winde schienen zu erkalten. Wir mussten zu weit gen Süden gekommen sein. Zu allem Überfluss reichten unsere Vorräte nicht für die Ewigkeit, weshalb sich Unruhe an Bord breit machte; die Freiheit zur Rede wurde von allen immer wieder genutzt. Wir waren kurz vor dem Punkt, an dem eine Rückkehr nicht mehr möglich gewesen wär, so musste eine Lösung her. Und während wir tagtäglich die anderen beruhigten, fand sich diese auf einmal.

Irgendwann, nach einer unbekannten Reiselänge, entdeckten wir ein großes Festland im Norden und hielten sofort darauf zu. Die Winde hatten sich weiter abgekühlt gehabt, was uns schlussfolgern ließ, dass wir nun an der Südküste dieses noch unbekannten Landes der unbegrenzten Freiheiten sein mussten. Das Land, welches wir fanden, war aber rau und felsig; gar nicht wie die Ebenen und Wälder, von denen man uns erzählt und die wir erwartet hatten. Trotzdem legten wir an und beschlossen, es zu erkunden. Wir landeten in einer ruhigen Bucht, im Westen und auch Norden zeigte sich ein beeindruckendes Gebirge. Dagegen fanden wir aber kaum Bewuchs vor außer etwas Gestrüpp und auch nur wenige Tiere. Am Fuß dieser Berge, zwischen ihnen und der Bucht, errichteten wir schließlich unser Lager.

Einen Mond später waren wir bereits wieder in einer neuen misslichen Lage. In Gruppen waren wir ausgewandert, das Land zu erkunden, vor allem um vielleicht Anzeichen des goldenen Reiches zu erheischen, das uns versprochen ward und letztlich natürlich auch um Nahrung zu finden. In allen Punkten wurden wir kläglich enttäuscht. Nach Westen hin kamen wir nicht weit, da dort das Gebirge sich im Wege befand und es für uns zu beschwerlich gewesen wäre, doch erreichten einige von uns Höhen, von denen man einen besseren Ausblick auf das umgebende Land hatte. Sie erkannten gen West weiter das sich ausdehnende Meer; dies schien also kein Weg für uns zu sein. Sie mussten zurückkehren, als in den Höhen plötzlich ein Schneefall einsetzte. Nach Norden hin dagegen entdeckten wir, dass man über Land zwischen den Bergen und der Küste reisen konnte. Dorthin war es also, wohin wir letztlich flüchteten. Denn nicht nur in den Bergen begann der Schnee zu fallen, auch an der Bucht wurde es schnell immer kühler. Einigen von uns fiel endlich auf, dass wir bei unserer Reise ja immer weiter in den kalten Süden geraten waren, was auch bedeutete, weiter in Richtung der kalten Gebiete; dorthin, wo der Winter früher und strenger kam. Gleichzeitig bemerkten sie, dass wir unsere Reise damals im Sommer begannen und es langsam Herbst wurde. Man sollte sagen: Es wurde erst Herbst, doch trotzdem fiel schon der Schnee! Etwas, das ich in Djandir selbst im tiefsten Winter nicht und Algros aus seiner Heimat immerhin nur im Winter kannte, begann hier bereits zum Sommerende! Dies war nicht das Reich der goldenen Freiheit unserer Träume, es war das Reich der endgültig winterlichen Freiheit, des weißen Todes!

Wir beschlossen schnell, die Gegend zu verlassen um weiter gen Norden zu segeln. Kaum aber wollten wir das Schiff bemannen, da bemerkten wir das schwimmende Glas im Meer, welches Algros Eis nannte. Diese sogenannten Eisschollen umgaben unser Schiff bereits wie Quallen auf der Jagd, stets bereit zuzustechen und zerkratzen seine Hülle. Es zeigte sich bald, dass mit dem Schiff so kein Entkommen mehr möglich war, hätte dieses kalte Glas es doch erbarmungslos aufgeschlitzt und zermalmt. So blieb uns als letzte Wahl die Reise über Land gen Norden; der verzweifelten Hoffnung folgend, doch noch in wärmere Gefilde zu gelangen. Wir beraubten das Schiff seiner letzten Schätze und machten uns eilig auf den Weg. Unterwegs zeigten sich jedoch immer weitere Probleme für uns. Zunächst einmal war kaum jemand von uns Kälte gewohnt und unsere Kleidung hielt auch nur kühle Abende ab, doch dieser Wind fing an scharf wie eine Klinge zu werden. Zweitens konnten wir unsere bereits kläglichen Vorräte nur noch behelfsmäßig aufstocken: Unsere Verpflegung wurde sehr mager, auch wenn es zumindest an Wasser nicht im geringsten mangelte, fiel es doch in Form von Schnee bald auch am Fuße der Berge, in unsere Gesichter und Münder. Drittens aber wusste eigentlich niemand von uns wohin wir gingen oder gehen müssten und schnell machten sich Verzweiflung und Argwohn breit. Oft hieß es, dass Algros und ich Schuld seien, wenn alle dort in der kalten Einöde würden sterben müssen. Dies bereitete mir gleich zweifach Schmerzen, denn ich machte mir schon selber Vorwürfe und sah meine Familie in Gefahr. Schlimmer noch aber ist, dass diese Stimmen fast schon Recht behielten. Nur der wärmende Körper von Algros und seine beruhigenden Worte gaben mir Kraft.

Wir schienen eine Ewigkeit unterwegs zu sein, ohne dass sich die Lage je noch einmal besserte. Es wurde Tag für Tag kälter, immer wieder schneite es, das Meer an den Küsten schien hart wie Stein zu werden – und vor allem hatten wir immer weniger zu Essen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten aus ihrem Schlaf in der Kälte nicht mehr erwachten, sondern für immer in wärmenden Träumen verblieben. Ob sie nun erfroren oder verhungert waren, sollten wir nie erfahren, doch macht es auch keinen wirklichen Unterschied. Die Überlebenden eigneten sich die Kleidung der Toten an und doch blieb es auch darunter kalt. Nahrung fanden wir unter dem Schnee natürlich auch keine; nur selten hoppelte oder lief uns ein schneeweißes, fremdaussehendes Tier über den Weg. Dass sie aber nicht alle friedlich waren, bemerkten wir zu spät. Während unsere halberfrorenen Füße durch festgefrorenen Schnee stapften, konnten wir manchmal kaum etwas des Weges vor uns erkennen. Da wir aber unmöglich draußen schlafen konnten und wollten, suchten wir immer wieder die Nähe der Berge und zwischen ihren steinernen Zehen höhlenhafte Unterschlüpfe. Eines Abends, als draußen ein schneidiger Wind uns den harten Schnee entgegen peitschte, hofften wir besonders verzweifelt auf Unterkunft. Als wir endlich eine kleine Höhle ausmachen konnten, stürmten wir alle erleichtert dort hinein. Doch die ersten Ankömmlinge bemerkten das haarige Etwas, das sich in eine Ecke der Finsternis gedrängt hatte, viel zu spät. Bis wir anderen ihnen endlich zu Hilfe kommen konnten, hatte die Bestie bereits zwei von ihnen zerfleischt. So konnten wir nur noch ihre Überreste retten und das Monstrum töten. Dieses stellte sich als eine Art großen Bärs hinaus, so dachten wir jedenfalls zunächst. Doch welcher Bär hat schon echsenhafte Schuppen unter seinem weißen Pelz und ein Gesicht, das mehr aus Maul und Zähnen als sonst etwas zu bestehen schien? Kurzerhand nannten wir das Wesen Jafreš, also Echsenbär.

Der Unmut zwischen unseren Begleitern wich allmählich bloßer Verzweiflung, als seien auch ihre einst vor Schmerz lodernden Herzen langsam erfroren. Die meisten wollten nur noch heim, ans andere Ende der Welt, wo sie sicher seien und die Welt dort kannten. Andere befragten ihre Götter, womit sie diesen plötzlichen eisigen Tod verdient hätten. Auch ich wunderte mich sehr über das Wetter, das von bloßer Kühle in so wenigen Wochen zu solcher Eiseskälte hatte umschlagen können. Es schien mir manchmal fast, als wären wir hier in eine Falle gestolpert, doch tat ich das ab als dumme Gedanken, beeinflusst von dem Gejammer der Göttergläubigen. Wir waren einfach zu weit vom Kurs abgekommen und zu einem unglücklichen Zeitpunkt an das falsche Ufer getrieben worden. Gut eine weitere Woche konnten wir nach Norden wandern, ohne dass erneut jemand von uns starb oder sich das Wetter noch weiter verschlechterte. Mittlerweile jedoch war die gesamte Küste von Eis eingefasst, eine frostig tödliche Schönheit. Manchmal stellte ich mir vor, wie wohl nun unser Schiff aussehen würde. Einige Male hatten wir Flüsse zu überqueren, was wir aber oft nur bemerkten, wenn jemand zufällig auf das Eis unter dem Schnee stieß. Es war stets hart und stark und trug uns bis an die anderen Ufer, auch wenn Algros einige Male uns anwies vorsichtig zu sein, da solches Eis auch einbrechen könnte. An anderen Stellen fanden wir endlich kleine Wäldchen: Raue starke Bäume, welche die Witterungsbedingungen gut auszuhalten schienen in ihrem ewigen Schlaf. Unser Ziel aber blieb es, uns soweit nach Norden zu retten, dass es endlich warm werden würde, nötigenfalls auch ein anderes schützendes Plätzchen irgendwo zu finden.

Zunächst aber war für uns die ruhige Zeit vorbei. Die letzten Spuren des Duftes von Freiheit in der Luft wichen dem Gestank von warmen Blut in kaltem Schnee. Ich weiß nicht mehr, wann genau sie angriffen, doch war es furchtbar. Nachdem die Tage immer schneller immer kürzer geworden waren, wurde auch uns nur immer kälter. Gelähmt wie wir voran stapften, bemerkten wir erst zu spät das Unheil. Vielleicht ein halbes Dutzend von ihnen kam lautlos aus den Bergen an uns heran geschlichen. Und dann plötzlich stürmten sich diese Jafreš, wie wir sie nannten, erbarmungslos und unter furchtbarem Geheul auf uns. Einige aus unserer Familie versuchten sich nicht einmal zu wehren; Verzweiflung und Kälte hatten sie gelähmt. Andere ließen sich zwar nicht widerstandslos angreifen, doch wurden sie trotzdem gnadenlos niedergemacht. Auch den Koch, unseren alten Freund, sah ich dort sterben. Einige wenige um Algros und mich erkannten, dass das Heil bloß in der Flucht lag. Natürlich machten wir uns später Vorwürfe, unsere Familie derart im Stich gelassen zu haben, doch war uns allen klar, dass nichts anderes uns gerettet hätte. Nach einer heillosen, kopflosen Flucht fanden wir uns allesamt irgendwo in den Bergen wieder. Wir hätten kaum noch sagen können, wie wir dorthin gelangt waren. Unser Versteck war eine kleine Höhle, diesmal eindeutig frei von allen Jafreš. Niemand kam uns zu verfolgen; warum, vermochten wir jedoch nicht festzustellen. Wir überblickten das, was uns noch blieb, die kläglichen Reste. Etwa ein Dutzend verzweifelter Überlebender zählte unser kläglicher Haufen. Das einzig noch lebende Kind unserer Familie hatte sich in den Armen seiner Mutter verkrochen und beide beweinten den Verlust von Vater und Ehemann. Überhaupt war kaum jemand unter uns, der nicht weinte. Selbst mir war nur noch danach, mich bei Algros zu verkriechen und meinen Tränen ihren Fluss zu lassen, doch durfte ich das nicht zeigen. So versuchte ich stattdessen zusammen mit Algros und einer tapferen Frau die anderen zu beruhigen.

Erst nach schätzungsweise fast einer Stunde fiel einem Krieger auf, was allen anderen bisher entgangen war: in dieser Höhle war es wesentlich wärmer als in allen anderen, die wir bisher besucht hatten. Wir, die wir unsere tiefste Natur nicht verleugnen konnten, waren mehr misstrauisch denn froh über diesen unerwarteten Zustand. Warum war es dort wärmer und warum kamen die Jafreš oder andere Tiere nicht hierher? So ging unsere mögliche Freude unter in der tatsächlichen tiefen See des Misstrauens. Während Algros und ein anderer Krieger die Höhle durchsuchten, konnte nur das kleine Kind die neuen Umstände nutzen und schlief friedlich ein. Nach etwa einer weiteren halben Stunde hatten die beiden Männer einen warmen Luftzog ausgemacht, der aus dem hinteren Bereich der Höhle aus einem Durchgang kam, der sich bisher hinter Felsbrocken hatte versteckt halten können.Nun zeigte sich das zweite angeborene Laster unserer Seelen, als wir neugierig wie wir waren die Felsen beiseite räumten, um den Umständen auf den Grund zu gehen. Wir waren zu viert, die wir auf neugierig-misstrauische Kundschaft gingen: Algros, der Krieger, die tapfere Frau sowie ich. Ein dunkler Tunnel erwartete uns, dem wir mit erleuchteten Fackeln folgten. Er verlief in einigen Biegungen und führte uns vollends in die Irre. Durch die Fackeln bemerkten wir erst spät den Lichtschein, auf den wir zugingen. Als wir ihn endlich sahen, löschten wir diese schnell, wussten wir doch nicht welcher Art die Quelle des Lichtes war; vor allem aber, ob sie gut oder schlecht für uns war. Langsam und vorsichtig krochen wir vorwärts und kamen zu etwas, dass ich ebensowenig in meinem bisherigen Leben gesehen, doch von dem ich immerhin gehört hatte. Unser Tunnel öffnete sich hin auf eine Art Klippe, die eine riesige runde Höhle einmal umlief. In der Mitte befand sich ein gewaltiger Abgrund, dessen Boden gefüllt war mit flüssigem Feuer. Zur Decke hin bot sich zum Anblick ein Loch in ebendieser, welches uns den grauen Himmel offenbarte. Jeglicher Schnee, der dort hereingefallen kam, schmolz sogleich über der Hitze dieses Abgrundes. Es war ein Feuerberg! Nichts hätte uns zur Wärmung und Erhaltung unseres Lebens willkommener sein können als dieser riesige Ofen. Doch die Freude durfte nur kurz währen. Staunend wagten wir einige Schritte auf die Klippe hinaus und kamen dabei in Richtung des rechten Ausganges.

Neben unserem Eingang sahen wir noch zwei weitere Tunnel aus diesem Kessel herausführen. Und aus dem linkerhand preschten plötzlich ohne Vorwarnung einige heulend wütende Jafreš in unsere Richtung. Unser Entsetzen war groß, die Angst um unsere Leben noch viel größer. Blind vor Panik geworden rannte der Krieger nun zum rechten Ausgang, als auch aus unserem Eingang dieses Heulen ertönte, gemischt mit den Schreien der von uns Zurückgelassenen. Uns anderen blieb nur dem Krieger zu folgen, waren die Jafreš doch schon fast bei diesem Eingang. Wir jagten durch weitere Tunnel, verspürten das drohende Heulen hinter uns und endeten schließlich in einer Sackgasse. Schnell mussten wir umkehren, zurücklaufen, bis zu einer Abzweigung, bei der es noch einen weiteren Stollen gegeben hatte. Wir waren schon kurz davor, da glaubte ich die Schreckensschreie unserer restlichen Familie zu hören, wie sie nun von den Jafreš zerfleischt werden würde. Kaum waren wir genau vor dem rettenden Gang, da vernahmen wir erneut das Heulen der Bestien und sahen sie vor uns durch den Gang auf uns zu hetzen. Panisch rannten wir in den anderen; Algros voraus, ich folgend, danach der Krieger und die Frau als letztes. Sie schaffte es nicht schnell genug, ihr markerschütternder Schrei in unserem Rücken spornte uns an. Letztlich erreichten wir einen Ausgang, der wieder aus dem Berg hinaus an einen Hang führte. Algros und ich suchten sofort eine Möglichkeit zum Abstieg, doch der Krieger blieb zunächst verwirrt stehen und blickte sich um. Dies war sein Fehler, denn zwei Jafreš sprangen ihn an und rissen ihn in die Tiefe und den harten Tod. Da waren Algros und ich auch schon dabei, selber den Hang vorsichtiger hinabzuklettern. Von oben vernahmen wir noch das Heulen der anderen Jafreš, das nun Enttäuschung verkündete, als sie uns nicht folgen konnten.

Wochenlang marschierten Algros und ich nach all diesen Vorfällen alleine weiter, stets gen Norden, wie wir alle es vorgehabt hatten, durch Schnee, Eis und Dunkelheit. Nicht einmal sprachen wir über den Verlust und Schmerz, sprachen überhaupt nur noch wenig miteinander, solange es nicht um Nahrungs- oder Schutzsuche ging. War nun etwa auch unsere Liebe erfroren? Wir hatten, was wir wollten: wir beide allein in der freien Welt. Und doch war es nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. Mittlerweile wurde es immerhin nicht mehr weiter kühler und nach einer Weile kam es mir sogar so vor, als sei die Kälte ertragbar geworden. Meine Hoffnung wuchs, dass dies mit unserem Gang nach Norden zu tun hätte. Letztlich aber wurde sie mit einem Schlag zerstört. Irgendwann waren wir an einen Punkt gelangt, da schien die Küste nicht weiter gen Norden verlaufen zu wollen. Wir folgten ihr stattdessen nach Westen, doch nie bog sie wieder in Richtung der warmen Lande ab. Schließlich lautete unsere Entscheidung, die nahen Berge bis zu ihren Gipfeln zu besteigen, um einen besseren Ausblick auf das Land haben zu können. Da die Schneestürme auch seit einigen Wochen verschwunden waren, rechneten wir uns eine gute Möglichkeit dazu aus. Doch wie wurden wir enttäuscht; nie kamen wir dort zusammen an. In weiter luftiger Höhe, dessen Grenzenlosigkeit ich einst die geliebte Freiheit genannt hätte, die nun aber nur Sinnlosigkeit ausstrahlte, mussten wir immer wieder glitschige Felsen, Spalten und Abgründe überwinden. Bei einem von diesen war es, dass Algros seinen Halt verlor. Oh grausame Welt, wie schmerzhaft machtest du mir doch klar, dass ich ihn immer noch liebte! Nun aber war es vollends zu spät, ihm dies selber zu sagen. Alleine musste ich weiter, hätte ich mich doch aber am liebsten ebenso auf seine Reise begeben. So versperrten mir Tränen bei meinem letzten Aufstieg stärker die Sicht, als es der Schnee vermocht hätte, und selbst die Freiheit konnte mir keinen Lebenswillen mehr liefern. Es dürfte einem Wunder gleichen, dass ich heil oben ankam, waren meine Gedanken und Träume bei jedem Schritt, jedem Griff doch nur bei Algros, und wie wir uns diese Freiheit vorgestellt hatten. Aber was hätten uns die Träume noch genutzt; der mich erwartende Ausblick war schreckenserregend.

Oben auf einem Gipfel angelangt hatte ich eine Sicht, die man nur als wunderschön hätte beschreiben können, wäre man nicht wie ich in Trostlosigkeit versunken. Wohin mein Blick sich auch wendete, ob gen Nord, West oder Ost, bemerkte er nur Küsten, die zurück nach Süden führten, zurück in die erbarmungsloseste aller Kälten. Der furchtbare Gedanke, der sich mir nun aufdrängte, war: hatte es uns hier auf eine Insel verschlagen? War es also bedeutungslos gewesen, wohin man ginge, denn man würde immer wieder an die gleichen Orte kommen, stets nur im Kreise gehen? Waren wir tatsächlich in einem eisigen Grausen gefangen worden? All die Toten, all die Verzweiflung, all dies nur aus der Hoffnung auf eine Freiheit, die es nie geben konnte, nie geben würde – und alles umsonst? Hatten sie Recht behalten; war ich Schuld an all den Toden, da ich sie überredet hatte? Nie könnte ich das weinende Gesicht des kleinen Kindes vergessen, nie den Sturz meines geliebten Algros.

Es kommt mir vor, als hätte ich tagelang dort auf diesem Gipfel gehockt und nichts getan, nur gestarrt und mir Vorwürfe gemacht. Algros, die anderen – all diese Hoffnungen und Träume. Nun aber habe ich einen Entschluss gefasst. Mir blieben nur meine Kleidung, meine Gedanken sowie der Rucksack mit meiner Ausrüstung, darunter auch diese Blätter, welche ich nun so sinnlos bekritzel, denn nie wird jemand diese Worte finden; nie sollte jemand dies finden. Und doch werde ich sie hinterlassen, versteckt unter einem Steinhügel. Eigentlich weiß ich nicht, warum ich das tun will. Dafür weiß ich jedoch, was noch zu tun ist. Ich werde meine Ausrüstung hier zurücklassen und gehen. Damit wird mein Bericht nun enden. Ich habe nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt; ich habe der Welt selbst nichts mehr zu geben. Ich lebte für meine Freiheit, ich gab alles für meine Freiheit, ich bekam mehr Freiheit, als ich wollte – nun werde ich mich wahrhaftig der Freiheit übergeben, auf dass diese über mich entscheiden mag. Oh Algros, was haben wir falsch gemacht, das zu verdienen?

ENDE

 

Anmerkung des Herausgebers

Thanoris Hirs ist die größte bekannte Insel der bekannten Welt. Sie könnte auf ihrer Oberfläche so manches kleines Land fassen, würde sie nicht fast völlig aus Gestein und Eis bestehen und daher kaum bewohnbar sein. Erst vor etwa 500 Jahren gelangten Nirzen auf die Insel; das einzige Volk, welches Kälte mehr liebt als Wärme und deshalb auf ihrer Suche nach kühlen Gegenden zum Leben dorthin gelangte. Gut 100 Jahre später fand ein Trupp der Nirzen zufällig die Aufzeichnungen der Thanori, welche nicht in dem Stil geschrieben waren wie hier wiedergegeben. Dafür sorgte der tolumische Schriftsteller Qarchis, nach dessen Veröffentlichung Thanori in der tolumischen Religion entdeckt und zur Heiligen ernannt wurde. Da das Original heute verloren und um den Leser nicht zuviel zuzumuten, gaben wir hier seine Umschreibung, die erste dieser Art, an. Im Laufe der Jahrhunderte fanden sich noch zahlreiche Geschichten, in denen Thanori und Algros als Helden vorkamen. Nach letzterem ist übrigens das gewaltige Gebirge auf der Thanoris Hirs benannt.

Trotzdem gibt es noch einige Fragen, die diese Geschichte hinterlässt. Dass die Nirzen nie über Wesen berichteten, die denen der Erzählung Thanoris gleichen, mag nicht zu sehr wundern. Interessanter ist dafür schon, dass Thanori und ihre Getreuen es zu einer Zeit schafften, diese Insel zu erreichen, in der es noch keine wirklich hochseetauglichen Schiffe gab. Dass es ihnen mit diesem nicht gelang, aus dem Eis zu fliehen, leuchtet dafür schon eher ein. Merkwürdig ist aber, dass damals, als die Welt noch viel kälter gewesen sein musste, die Insel der Beschreibung kaum kälter klingt als das, was man auch heute dort findet. Wenn dies auf Qarchis Neudichtung beruht, muss man sich dennoch fragen, wie es ihnen damals gelang dort zu überleben. Es bleibt nur zu hoffen, dass noch einmal das Original sowie geschichtliche Quellen über Thanori und ihre Getreuen gefunden werden, um diesen Fall besser zu erforschen.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 08.05.3995


Der A’Lhumakrieg – Epilog

Juli 18, 2016

Die letzten Seiten fügte ich meinem Bericht hinzu, da der Galryrm Acles Tovan Mhoretoan mir kürzlich eine Abschrift zukommen ließ und ich dachte, seine Worte könnten den Krieg zwischen unseren Ländern am besten schildern. Es war ein blutiger und böser Krieg, doch Crear erzählte uns stets, es sei notwendig die gefährlichen Tarler aufzuhalten bevor sie zuerst zu uns kämen. Wir in der Burg in Lurut bekamen kaum etwas von den Grausamkeiten dieses Krieges mit, doch erlebten wir Crears seltsame Änderungen, nachdem er mitten zwischen den Feldzügen wieder heimgekehrt war.
Wir hatten Caeryss nicht überzeugen können mit heimzukommen; um ihrer Sicherheit fürchtend verließ sie bald das Land, doch ließ sie das Kind von Euliste, Crears Base, bei uns, als Emmistat versprach sich um es zu kümmern. Crear kehrte heim und fand dieses Kind bei seiner zukünftig angetrauten, die niemals schwanger gewesen war. Beunruhigenderweise schien er sich dessen nicht bewusst; er kannte das Kind sofort als sein eigenes und liebte es wie ein wahrer Vater. Doch seine Anfälle von Schmerzen und Wahnvorstellungen verstärkten sich in den folgenden Jahren bloß noch, bis wir alle fürchteten seine Nähe zu suchen.
Es war eine wahrhafte Erleichterung – so muss man leider sagen – als er an einem dieser Anfälle starb – wenngleich es Gerüchte gab. Das Volk, welches ihn nicht selber gekannt hatte und hasste, sprach von einem Mord und feierte einen unbekannten Helden. Nur wenige hatten ihn wirklich gekannt wie ich und mein Schmerz war groß ihn sterben zu sehen. Niemals hatte ich einen solchen Freund gekannt und sollte es auch niemals wieder tun. Viele nennen ihn wahnsinnig, wenige von den Göttern gesandt wie er es behauptet hatte, doch ich kannte den Kern hinter den vielschichtigen Schalen.
Sein Sohn, den er Orot Crear Elorm genannt hatte, sollte sein Nachfolger werden, doch war er viel zu jung um allein zu handeln. Teule tat vieles daran, die Herrschaft über ihn zu erringen, doch schien sie keinen schädlichen Einfluss zu hinterlassen und es war eine wahrhafte Erleichterung, als sie in hohem Alter sich befindend letztlich doch noch starb.
Heute ist Orot alleiniger König. Stets war er ein braver Junge gewesen, wenngleich auch in ihm die Anlagen seiner Familie zu lauern scheinen, doch kann dies erst die Zukunft sagen. Solange jedenfalls ich Tereanv von Lurut bin, werde ich ihm mit Rat und Tat beistehen. Auch Asmyllis, wenn sie einmal vor Ort ist, versucht guten Einfluss auszuüben, doch meist ist sie auf Reisen und letztlich vor allem in Cirmaen.
Wie man sieht verbesserten sich die Beziehungen zu Tarle letztlich doch noch etwas, wenn auch viel Misstrauen auf beiderlei Seite lauert. Unter Crear kam es noch zu vereinzelten Scharmützeln, seit Orots Herrschaft ist es ruhig an diesen Grenzen.

 


Das ganze Buch kaufen:

Als eBook bei Amazon

Als Taschenbuch bei Lulu


Der A’Lhumakrieg – XIII: Die letzten Regen

Juli 11, 2016

Es fanden große Jubelfeier in Cirmaen statt, als das feindliche Heer geschlagen und auch aus Narrkuva vertrieben worden war. Nachdem diesem abgegolten war, rief der Galryrm Mallan seine getreuesten Gefolgsleute sowie auch mich zu sich, um die nächsten Schritte besprechen zu können. Die Alumen schienen sich auf ihre Seite des Meeres zurückgezogen zu haben, doch hielten sie immer noch Kuthaern und Gulrunn. Zwar waren die Festen von Tarle stets einzelgängerisch gewesen, doch konnte man bisher noch nie zulassen, dass ein anderer Tarler einem feindlichen Ausländer allein gegenüberstand, weshalb sich zahlreiche Stimmen erhoben die eine Befreiung der anderen Festen forderte. Nach einigen lautstarken Gesprächen musste Mallan schließlich diesen Forderungen zustimmen.

Während in Narrkuva alles vorbereitet wurde und die Einheiten Cirmaens sich dort sammelten, erschienen eines Morgens plötzlich Schiffe, die sich schnell als die Hardens und Thalgrens herausstellten. Die anderen Festen hatten einige wenige verfügbare Einheiten abgestellt Cirmaen zu unterstützen, als sie von der Belagerung erfuhren. Sie kamen spät, doch waren wir trotzdem froh sie zu sehen, konnten sie uns doch bei der Befreiung Kuthaerns helfen. Armeen dieser drei Festen zusammen hatte man seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen, doch arbeiteten sie nun zusammen gegen einen gemeinsamen Feind.

Kuthaern war schwach besetzt zurückgelassen worden, hatte es doch auch kaum Zugang von Seiten der Alumen. Innerhalb von nur zwei Tagen hatten wir die Besatzer zum Aufgeben gezwungen, wenngleich sie noch nichts von der Niederlage ihrer Armee erfahren hatten und sich eigentlich in gut zu verteidigender Lage befanden. Von den Alumen aber hörten wir, dass sie froh waren dieses Land zu verlassen, da aus der Wüste und den nördlichen Felsentälern allerlei seltsame Lebewesen angekrochen kämen, gegen die sie sich verteidigen mussten. Maraine bestätigte mir, dass es Kuthaerns Aufgabe war, alles aus diesen Gegenden von einem Eindringen in die östlichen und südlichen Länder zu hindern. Auch mir schauderte es bei diesem Gedanken, doch waren die befreiten Kuthaerner sicher, dieser ihrer Aufgabe wieder nachgehen zu können.

So waren wir frei, dem armen Gulrunn zu helfen. Zurück in Narrkuva waren Nachrichten aus Harden und Thalgren eingetroffen, die uns nun auch in dieser Weise Glück bei unseren Unternehmungen wünschten und die weitere Benutzung ihrer Truppen gestattete, um Gulrunn zu befreien. Nichts hielt uns also auf, dieser letzten Aufgabe nachzugehen, außer – die Alumen. Der einzige Weg von Cirmaen nach Gulrunn führte entweder über gefährliche Pässe durch den Udarwald oder am Rande der Berge entlang ein kurzes Stück durch Aluma westlich an Daminro vorbei.

Wir entschieden uns trotz der Gefahr zusätzlicher Kämpfe für letztere Möglichkeit und schifften die Einheiten gen Osten, um dort an Alumas Küsten anzulegen. Hin und wieder dann stellte sich uns eine kleine Einheit Verteidiger in den Weg, doch ernsthaft kämpfen mochte niemand gegen unsere Übermacht. Daminro selbst vermieden wir so gut es ging, sahen es aber verteidigungsbereit in der Ferne liegen – und dann ging es in die Wälder, wo wir uns auf die Pfade und Straßen verlassen mussten, um uns nicht zu verirren.

Am zweiten Tag unserer Reise durch diesen Wald fiel uns plötzlich und überraschend etwas in den Rücken und Flanke, von dem wir erst später merkten, dass es teils Einheiten aus Daminro, größtenteils aber Holzfäller und Köhler aus den Wäldern waren. Verzweifelt fielen sie uns an, doch konnten sie letztlich niemals gegen uns siegen. Und so plötzlich sie gekommen, waren sie auch wieder verschwunden.

Am dritten Tage überschritten wir die unsichtbare Grenze von Gulrunn und am vierten erreichten wir dessen offenes Land. Nach weiteren Tagen Fußmarsch berichteten unsere Späher, dass wir bereits erwartet wurden: andere tarlische Armeen lagerten unweit westlich der Feste. Am nächsten Tag vermochten wir unseren Augen kaum zu trauen, als wir vor Gulrunn auf unzählige Krieger stießen, welche die Feste bereits belagerten. Aus Begghyrn und Badros waren sie gekommen uns beizustehen und die Alumen aus Gulrunn zu vertreiben.

War bereits die Vereinigung der Festen Cirmaen, Harden und Thalgren bei Kuthaern seit Jahrhunderten ohne Beispiel gewesen, so übertraf dies nun alles bisher dagewesene seit ungezählten Zeiten. Schon oft war Gulrunn in der Vergangenheit Ziel kriegerischer Streitigkeiten aus dem Norden gewesen; wir wollten dies endgültig beenden. Unsere Einheiten so lagern lassend, dass sie zusammen mit denen der anderen Festen einen Halbkreis um Gulrunn herum bildeten, traf Mallan sich mit den anderen Galryrms. Sie berieten sich den Rest des Tages und als er Abends zurückkehrte, hatte er einiges zu berichten.

Zunächst erzählte er von den Besatzern Gulrunns, die jetzt schon Wochen Zeit gehabt hatten, sich festzusetzen. Nach der Niederlage bei Cirmaen hatten sich offenbar die Reste der alumischen Armee dorthin zurückgezogen, um uns zu erwarten und ihre Stellung zu verfestigen. Gulrunn strotzte nun nur so vor alumischen Waffen, die alle auf uns vorbereitet waren. Wir würden ähnliche Belagerungs- und Kriegsmaschinen gegen den Gegner verwenden, wie es dieser vor Cirmaen getan hatte, um zu ihm vorzudringen, dabei in der Hoffnung bleibend, dass sie die Feste freiwillig freiwillig aufgeben würden. Tarler waren nicht bekannt für Grausamkeit und daran sollte sich nichts ändern.

Der Angriff fände bei Morgengrauen statt, also sollten wir alle gut schlafen. Ich würde erneut in Maraines Einheit verbleiben. Uns gehörte die Aufgabe in das Innere vorzudringen nachdem ein Tor offen oder Türme an den Mauern wären. Uns zur Hilfe standen Schützen, Ballisten, Türme, Rammen und sogar einige Tomaren. Nur Katapulte wollte man nicht verwenden, um Gulrunn nicht unnötig zu zerstören.

Statt sofort schlafen zu können sprach ich bei einem Abendessen noch mit Maraine über unsere Befürchtungen und Träume. Maraine, dessen Heimatdorf unweit von Gulrunn lag, hatte seine Verlobte dort in der Feste und damit genug Gründe sich zu sorgen, doch auch viele andere in unserem Lager besaßen Freunde und Verwandte in Gulrunn, die es zu schützen galt. Und alle sahen dem Morgen mit Ungewissheit entgegen. Nach langen Augenblicken tiefster Gedanken fiel ich mitten in der Nacht endlich in meinen Schlaf. Am nächsten Morgen weckten uns die Hörner; es blieb kaum Zeit zum ankleiden.

In den Morgenstunden machten sich die Armeen fünfer Festen auf eine sechste zu befreien. Zuvorderst kamen die Schilde, derweil ihnen Schützen Deckung gaben und die Tomarenreiter für Verwirrung unter den Verteidigern sorgten. Gleichzeitig wurden die Belagerungstürme voran geschoben, in welchen weitere Schützen sowie wir warteten, bis die Mauern erreicht wären. Die Verteidiger besaßen keine Möglichkeit unsere Türme zu zerstören und mussten so unser Nahen hoffnungslos mitansehen, derweil ihre Pfeile nutzlos im Holz der Türme steckenblieben.

Hatten wir endlich die Mauern erreicht, ließ man eine kleine Brücke herab, über die wir kriegsschreiend auf die Mauer strömten, derweil unsere Schützen diese Mauer bespickten. Die erste Reihe von Verteidigern war noch gut kampfeswillig, so dass uns nichts anderes übrigblieb. Seite an Seite mit Maraine focht ich einen Weg über die Mauer hinüber zur zweiten Mauer, nur um festzustellen, dass diese mit Gittern abgesichert war.

Während einige der unsren das Haupttor öffneten um die großen Rammen für das zweite Tor zu holen, suchten wir andere Wege hinüber in den nächsten Hof, doch fanden wir keinen. Die Rammen droschen auf das Tor ein, und die Edlen und Galryrms von Tarle selbst kamen in diesen ersten Hof, um durch das zerborstene Tor ihren Kriegern voran in den nächsten zu strömen und wir hintendrein.

Der nächste Hof aber erwies sich als Falle; es war ein langer schmaler Weg die dritte Mauer entlang. Von oben regnete es Pfeile und wir unten konnten kaum mehr tun als uns mit Schilden zu schützen. Auf ähnliche Weise ging es durch die nächsten Höfe, zwischen denen auch immer wieder Tore zu zerstören waren. Irgendwo hier muss es gewesen sein, dass ein Pfeil den Galryrm Mallan tödlich getroffen von seinem Pferd fallen ließ, doch die Krieger von Cirmaen wussten auch ohne ihren Anführer um ihre Sache weiterzustreiten.

Im fünften Hof fanden sich endlich wieder Wege die Mauer hinauf, von wo aus man endlich die ganze Eingangsburg von Gulrunn erreichte; bald war sie unser. Jetzt hätte es noch die Stadt sowie die zweite Burg gegeben, doch in ersterer hatten die Bürger sich bereits erhoben und zweitere ergab sich dann wie erhofft uns kampflos. Endlich also konnten wir die Befreiung Gulrunns feiern, doch mussten gleichzeitig über unsere Verluste trauern. Maraine dagegen fand seine Versprochene wohlerhalten und war den restlichen Tag nicht mehr aufzutreiben. Die überlebenden Galryrms, sofern anwesend, beschlossen die Alumen frei ziehen zu lassen, wenn sie dieses Land verlassen und nicht zurückkehren würden, wozu deren Anführer gerne zustimmten, schienen sie doch auch des Krieges ihres Königs überdrüssig.

Da der Galryrm von Gulrunn bereits bei der Eroberung durch die Alumen ums Leben gekommen war, hielt am nächsten Tag, mitten in den Aufräumarbeiten, das Volk bereits eine Wahl ab, den neuen Galryrm zu bestimmten. Die Truppen der anderen Festen aber zogen wieder heim, nicht ohne vorher noch auf die Unterstützungspakte und Freundschaft anzustoßen. Auch die Mannen von Cirmaen mussten jetzt heim, doch ward ihr Marsch ein Trauerzug.

Die Alumen hatten uns freie Pfade durch ihr Land zugesichert, und so wurde der tote Galryrm Mallan von dem Zug seiner Krieger begleitet durch Aluma über Narrkuva nach Cirmaen gebracht. Ab Narrkuva bewies ihm jeder Tarler, an dem wir vorbeikamen, die stille ehre und uns laute Siegesfeiern, doch war nicht allen von uns zum Feiern. Maraine tin Arath war jetzt Ranghöchster, weshalb er den Zug anführte, begleitet von anderen Edelmännern sowie mir. Er war es auch gewesen, der mich überhaupt dazu gebracht hatte mit zurück nach Cirmaen zu kommen, wo noch Überraschungen auf mich warten sollten. Dort gestaltete es sich zunächst kaum anders denn bisher, auch die Cirmaenen befeierten zugleich die Siege als auch ihren Verlust, war Mallan doch im Volk beliebt gewesen.

Am Tag nach unserer Rückkehr, nach einer langen Nacht voller Feste, wurde Mallan ebenso feierlich in den Grüften der Edelmänner Cirmaens, weit hinten im Tal, beigesetzt. Die Feste quoll über von Volk, als auch Bauern, Minenarbeiter und Förster aus dem Tal in den Ort kamen, der ihr aller Leben sicherte. Bei Einbruch der Dunkelheit führte ein feierlicher Zug von der Burg aus durch die Stadt, die Hinterburg sowie das Tal Mallan zu den Grüften hinauf; der Pfad gesäumt von unzähligen stillen Fackelträgern.

Einen weiteren Tag darauf fand die Wahl des neuen Galryrm statt. Der Gildenrat traf in seiner Burg zusammen, nachdem ihre Vertreter bereits am Vortag mögliche Anwerber vorgeschlagen hatten. Letztlich hatte auch das Volk noch eine Stimme; wer immer von genügend Einwohnern vorgeschlagen wurde, kam ebenso in die Auswahl des Gildenrates. Dessen Sprecher fragte von einem Balkon der Burg herab das Volk, wen sie vorschlagen würden, und zu meinem Erstaunen vernahm ich aus allen Ecken des Platzes laute Rufe:

Acles Tovan Mhoretoan!

Auch der Sprecher schien erstaunt und fragte das Volk:

Seid ihr sicher? Er ist ein Ausländer; kommt nicht aus Cirmaen, noch aus Tarle!

Doch das ertönende Ja nach seiner ersten Frage erstickte die weiteren Worte. So kam also auch ich mit in den Saal, wo der Rat sich über den nächsten Galryrm beriet, während ich überlegte, ob ich mich überhaupt niederlassen und das Reisen aufgeben wollte. Wir hörten jedes Wort des Rates während der Beratschlagung und überlegten schon selber, wer es werden mochte, doch Maraine war sicher, dass die Wahl auf mich fallen würde und schwor mir so oder so seine ewige Freundschaft und Ehrergiebigkeit.

Letztlich dann erhob sich der Sprecher wieder und stellte seine Frage, obwohl wir bereits alles wussten:

Acles Tovan Mhoretoan, ihr seid nicht aus Tarle, doch das Volk von Cirmaen und ganz Tarle liebt und vertraut euch. Viel habt ihr bereits für uns getan; nun fragen wir euch: Würdet ihr euer Leben den unsrigen verschreiben?

Ich hatte lange Zeit zum Überlegen gehabt und konnte schnell und überzeugt antworten.

Wenig später stellte der Rat dem Volk den neuen Galryrm von Cirmaen vor.

In den folgenden Jahren sah sich die Feste, abgesehen von einem kleinen Zwischenfall, einer Zeit des Friedens und der Ruhe ausgesetzt, was sie gut zu nutzen wusste. Von den Alumen hörten wir kaum noch etwas, bis ihr nächster König wieder um Handel mit uns bat. Der Krieg zwischen Tarle und Aluma, das sich später unter ihrem nächsten König A’Lhuma nannte, war vorbei und wir wollten alles daran setzen, dass nie wieder einer entstände.

Als wichtigsten Berater und rechte Hand erkor ich mir für diese Aufgabe meinen Freund Maraine tin Arath, der seitdem zusammen mit seiner Frau bei mir in der Burg von Cirmaen lebt.

Damit endet die Schilderung, wie ich meine Reisen aufgab und zum Galryrm erwählt wurde.

 


Das ganze Buch kaufen:

Als eBook bei Amazon

Als Taschenbuch bei Lulu


Der A’Lhumakrieg – XII: Blitz und Donner

Juli 4, 2016

Die Mauer von Cirmaen schützt Feste, Stadt und Burgen auf der nördlichen Seite vor allem, das von dort kam. Ihr einziges großes Tor führt auf die Brücke nach Narrkuva, und von dort kam die Armee von Aluma. Zuvorderst kamen auf der Brücke große Schilde, welche die Nachfolgenden schützen sollten. Hunderte von Kriegern warteten bereits in sicherer Reichweite darauf ihnen zu folgen.

Überraschend trafen Schiffe ein, von West und Ost, die auf ihren Decks weitere Kämpfer, vor allem aber Katapulte und gar Belagerungstürme trugen. Die Katapulte begannen bald auf die Türme der Mauern einzuschießen, wo die Ballisten und Schützen von Cirmaen ihr Bestes gaben, die Feinde durch Bolzen und Pfeile fern zu halten.

Und kaum dass die Schilde auf der Brücke dem Tor nahekamen sahen wir, was sie schützten: Riesige feste Rammböcke waren dort in ihren hölzernen Kästen mit Rädern, um auf das Tor niederzugehen, was auch dieses nicht für immer aushalten würde. Doch die Pfeile und Bolzen vermochten gegen diese Schilde und Dächer der Rammböcke nichts auszurichten und Katapulte gab es in Cirmaen nicht.

Während die Schiffe mit den Belagerungstürmen näher kamen und versuchten sich vor der Mauer in den Wellen zu halten, eilte ich mit einigen Kämpfern Maraines zurück in die Stadt um mit Reisigbündel gefüllte Eisenkörbe zu besorgen und sie an die Schützen zu verteilen, die nun in Brand gesetzte Stoffe an ihren Pfeilen in die Schiffe sowie auf die Böcke schießen konnten. Ein erster Erfolg wurde uns zuteil, als ein ganzes Schiff plötzlich in Flammen aufging. Leider jedoch trugen es die Wellen und die Strömung des aus den Bergen hinter uns kommenden Baches wieder aufs Meer hinaus, so dass ein neues seinen Platz einnehmen konnte.

Vom großen Westturm, der auf einer Felsspitze mitten ins Meer hinein ragt, konnte ich die ganzen Ausmaße des Feindes erkennen und es schien hoffnungslos. Rammen, Türme oder Katapulte – eins von diesem musste Cirmaen früher oder später in die Knie zwingen. Doch dann würde noch ganz Cirmaen bis zur letzten Maus kämpfen, bevor es daran dächte sich zu ergeben. So weit durfte es aber niemals kommen, weshalb ich beschloss etwas dagegen zu tun.

Der Udarwald hinter uns war bekannt für seine Tomaren und so fragte ich Maraine, ob auch Cirmaen über diese Tiere verfügen würde. Als er das bejahen konnte, ward ich sofort von Begeisterung gepackt.

Wo befinden sie sich, fragte ich ihn, und wieviele sind es?

Und er antwortete, genug um eine kleine Truppe auszuheben, doch haben wir kaum geübte Reiter für sie.

Ob genügend oder nicht, war damals nicht wichtig und so wies ich ihn, den mir Höhergestellten an, aus den Kämpfen alle Reiter zusammentrommeln zu lassen, derweil ich in der Bevölkerung nach denen suchen wollte, die wahrhaft bereit waren ihre Heimat zu verteidigen.

Volk von Cirmaen, rief ich ihnen zu, jetzt wird es sich zeigen, wer von euch wirklich seine Heimat schützen kann. Unsere größte Möglichkeit sind die Tomaren und wer diese zu reiten vermag und mir in den Kampf folgen will, möge sich nun melden!

Und tatsächlich hatten wir am Ende mehr Freiwillige als Reittiere, die in Höhlen am Hang des Tales lebten. Diesen Überschuss ließen wir die Plätze an der Mauer derer einnehmen, die mit uns gingen. Niemals könnte diese kleine Truppe von Tomarenreitern eine ganze Armee schlagen, da bewies es Maraine Recht haben zu können, doch würden wir die Möglichkeit erhalten, zumindest unheimlich Verwirrung zu stiften.

Zu mehreren Dutzend verließen wir die Höhle und alle folgten sie mir, wenngleich ich das Gefühl behielt der sich bloß am wackligsten halten zu Könnende zu sein. In einem großen Bogen flogen wir nach Westen, die Hänge hinauf und über die Mauer hinweg, hinter dem großen hervorragenden Westturm hervor. Die Überraschung gelang uns wahrhaft großartig; niemand hätte uns erwartet – und selbst einige der Schützen von Cirmaen blickten erstaunt.

Zwar vermag man von einem Tomaren aus nicht allzuviele kämpferische Kniffe anzuwenden, doch hatten einige von uns ihre Armbrüste oder Bögen dabei; wir anderen konnten zumindest uns im Sturzflug auf einzelne Gegner auf der Brücke oder den Schiffen stürzen und diese von ihrem Tun abhalten. Und damit wird auch das größte Ziel unserer wahnsinnigen Tat klar: Den Gegner verwirren und das Feuer von der Mauer ab und auf uns lenken, dass wiederum das Feuer der Mauerschützen sie vernichten konnte, bevor sie diese erreichten oder ihre Katapulte spannen könnten.

Uns allen war vorher mehrfach bewusst gemacht worden, dass die Wahrscheinlichkeit lebend heimzukehren mehr als schwindend gering war, solange wir nicht andauernd in Bewegung bleiben würden. Und so fiel einer der mir Folgsamen nach dem anderen: Mal verzettelte man sich in einem Kampf am Boden und wurde solange aufgehalten bis der tödliche Stoß oder Pfeil kam, mal war man schon in der Luft zu langsam und wurde abgeschossen, mal konnte man sich einfach nicht mehr im Sattel halten und fiel schreiend in die See. Auch mir sollte so ein Schicksal wohl nicht erspart bleiben.

Zunächst lief alles wunderbar: Als Ziel hatte ich mir die Waffenmeister an den Schiffskatapulten auserkoren und einen nach dem anderen zog mein Tier ins Wasser, nachdem wir uns auf ihn gestürzt hatten, bis viele Schiffe ohne Waffenmeister nutzlos im Wasser dümpelten. Doch plötzlich, hoch droben in der Luft, kreischte mein Tier auf dass es einem das Herz zerbrach, und mit einem Knacks fiel es mitten in der Luft leblos in sich zusammen.

Mit rasender Geschwindigkeit stürzten wir auf das Meer zu und eiligst befreite ich mich aus meinem Gürtel, dass ich nicht mit dem Tier auf den Meeresgrund gezogen werden möge. Bevor wir aufprallten, sprang ich so weit es ging von ihm fort und landete hart im Wasser. Als ich die Oberfläche wieder durchstieß und damit rang oben bleiben zu können, handelte ich mehr nach Gefühl denn nach Verstand. Vor mir sah ich in den rauschenden Wellen eines der Schiffe, dass ich so verzweifelt angegriffen hatte. Seile waren über Bord gefallen und hatten sich in der Reling verfangen, als würden sie nur auf mich warten. Ich beschloss ihre Hoffnung nicht zu zerstören und ergriff sie, um mich an Deck hieven zu können. Das Schwerste war damit geschafft.

Kaum war ich neu hinzugekommen zu dieser Deckgesellschaft, da wurde ich auch schon begrüßt. Diesen Mann ins Wasser zu stoßen war nicht schwer und ich bekam wieder eine Waffe. Danach aber war ich plötzlich allein. Scheinbar war ich nicht der einzige geladene Gast und so sah ich andere meiner Flieger, die sich hierher hatten retten können, um ihr Leben kämpfen. Mich vergaßen dabei aber dann plötzlich beide Seiten. Ich weiß nicht, wie es kam, doch sah ich mich auf einmal alleine dastehen. Das Schiff hatte bereits viele Krieger verloren und die verbliebenen beschäftigten sich mit den Angriffen der Flieger auf Deck und aus der Luft.

Mich abseits haltend gelang es mir unerkannt zum Bug vorzudringen, wo das Katapult des Schiffes befestigt war. Seine Waffenmeister waren bereits verschwunden, wohl von unseren Angriffen auf die eine oder andere Art ins Wasser gedrängt worden. Das erste Mal erblickte ich eines dieser Katapulte aus der Nähe und war beeindruckt. Etwas so großes auf ein Schiff zu bekommen musste schwer gewesen sein, da zollte ich den Alumen meine Achtung. Nun lag es aber verwaist und nutzlos dort, immer noch gespannt und auf die Mauer Cirmaens gerichtet.

Ich stand am Bug und erblickte, wie es um die Feste stand: Immer noch versuchten Schiffe mit Türmen die Feste zu erreichen, doch wurden stetig von Feuerpfeilen zurückgedrängt, derer die Verteidiger aber nicht unzählig besaßen und irgendwann deshalb aufgeben müssten. Unten am Tor hatten die Böcke dieses längst erreicht und rammten ihre Schädel gegen das Eisenholz in dem Versuch es zu knacken, was ebenso früher oder später gelingen musste. Die Pfeile von oben staken nutzlos aus ihren Dächern heraus und selbst Brandpfeile blieben nur stecken und brannten kurz, bis sie erloschen. So würden es die Verteidiger also niemals schaffen – und in diesem Augenblick kam eine Idee zu mir.

Das Katapult bot sich mir doch bereits gespannt, wartend auf seine Nutzung – warum also es warten lassen? Auf kreisförmigen Schienen befestigt konnte man es hin und her drehen, sich ein Ziel suchen. Schwer ließ es sich bewegen, doch war ich ja auch allein. Also warf ich mich so gut es ging gegen das Drehholz und schob das Katapult ein Stückchen zur Seite. Ich konnte nicht richtig einschätzen, worauf genau es nun deutete, aber gäbe es sicherlich genügend Angriffsflächen, und so löste ich einfach den Spannhebel und ließ seine Ladung fliegen.

Nicht gerade wenig staunend sah ich die Überreste der feindlichen Böcke auf der Brücke stehend, als mehrere große Steine auf sie niedergeprasselt waren. Auch die Schilde hatte es getroffen, doch sah ich von ihnen außer Kleinholz kaum noch etwas. Die restliche Bande stand nun schutzlos dem Feuer von der Mauer gegenüber und verlor daraufhin ihren Mut. Plötzlich und wie eine Meute Tiere wendeten sie und drängten zurück, dabei etliche der ihren von der Brücke schubsend.

Als ich das sah, wusste ich nicht ob Lachen oder Weinen angebracht war. Doch war es gut für die Feste, die von einem Druck erlöst sich den restlichen Schiffen zuwenden konnte. Nun stand aber auch ich auf einem solchen und meinte bald sich auf mich stürzende Krieger Alumas hören zu müssen, doch blieb alles still um mich herum, während weiter hinten auf Deck man immer noch kämpfte. Der naheste feindliche Krieger, der im Kampf mit einem abgestürzten Flieger sich befand, sah bald meine Klinge auf sich zukommen, die er nur einige Male vermeiden konnte. Zuletzt befand auch er sich im Wasser und ich war bereit mich dem nächsten zu stellen – doch was war das? – Wieder kam nicht einer auf mich zu.

Und erneut blieb ich ruhig und in Deckung, um auch keinen auf mich aufmerksam zu machen, als ich gen Hauptdeck schlich, wo sich die Brücke befand. Hier endlich fand ich Gegner, und deren gleich zwei, die auf mich eindrangen während ich die Treppe hinauf kam. Es ging hin und her, rauf und runter, dann flog der erste von ihnen neben mir ins Nass. Der Zweite rief mir Beleidigungen in seiner Sprache zu, spuckte und fluchte wie ein besessenes Weib, doch brachte dies ihm auch nicht mehr als sein Vorgänger. Endlich dann stand ich oben nah dem Steuerrad, welches der Steuermann gerade verließ, die Hände waffenlos erhoben.

Ich ergebe mich freiwillig! Rief er, doch plötzlich zuckte er herum und sprang mit großem Anlauf hinab ins Meer.

Mich über die seltsamen Alumen wundernd erlangte ich nun das Steuer für mich selbst und fühlte mich für einen kurzen Augenblick wie der König der Meere. Nie zuvor hatte ich ein Schiff steuern können und kannte mich deswegen auch kaum mit der Steuerung aus. Ich hätte gar nicht gewusst, was mit diesem Ungetüm anzufangen ist, hätte nicht eine plötzliche Bö die Segel erfasst und das Schiff vorangetrieben. Kurz vermochte ich mich noch zu wundern, warum das Schiff nicht einfach segellos ruhig vor Anker gelegen hatte, da war ich auch schon stark mit dem Ruder beschäftigt, um aus diesem Umstand noch etwas Nützliches hervorzubringen.

Voraus erblickte ich einen ganzen Haufen alumischer Turmschiffe, dich gedrängt vor der Mauer wartend, dass sich kaum eines bewegen konnte. Halb aus Willen, halb aus Unfähigkeit etwas anderes zu tun steuerte ich unser Schiff mitten dort hinein. Unter mir verharrten die Krieger langsam in ihren Kämpfen, blickten zunächst erstaunt, bevor das Unvermeidliche käme. Dieses stellte sich als großes Krachen und Rumpeln vor, als die Schiffe alle ineinander stießen, wenngleich auch Männer auf ihnen allen schrien und an Rudern ruckten.

Ich aber hatte ebenso nicht recht vor auf diesem treibenden Holz zu bleiben und tat es den anderen Kämpfern gleich, welche ich im Nass begrüßen durfte. Hinter uns aber fingen die Schiffe eines nach dem anderen Feuer, als die Brandpfeile niedergingen und sich keines mehr vor dem anderen retten konnte, selbst wenn es aus dem Zusammenstoß unbeschadet hervorgegangen war.

Nach einer Weile konnte ich mich endlich an den Hängen entlang zu einer Stelle treiben, von der ich das Meer verlassen und wieder Erde betreten konnte. Einige der unsrigen Krieger waren mir bereits zuvorgekommen. Die Tore der Feste hatten sich geöffnet um Kämpfer hinausströmen zu lassen, die nach Narrkuva zogen um die Alumen endgültig zu vertreiben.

Ich aber wurde von einigen Zurückbleibenden erkannt und feierlich in die Feste geleitet, da man bereits über meine – so oft unfreiwilligen – Heldentaten berichtet hatte. Während ich mich erholte und vom Galryrm höchstselbst belobigt wurde, focht Maraine tin Arath die letzten Kämpfe aus und kehrte nach wenigen Tagen aus einem befreiten Narrkuva zurück.

Doch damit hatte alles erst begonnen; es gab noch viel zu tun.


Das ganze Buch kaufen:

Als eBook bei Amazon

Als Taschenbuch bei Lulu


Der A’Lhumakrieg – XI: Wie sich das Gewitter staute.

Juni 27, 2016

Mein Name ist Acles Tovan Mhoretoan. Ich schreibe dies in einer Zeit der Ruhe, auf dass ich es später nicht vergessen mag. Ursprünglich kam ich aus dem fernen Zardarrin, doch zog es mich fort. Von meinen jungen Jahren gibt es genug Geschichten, lasst mich nun bloß von dem Krieg zwischen A’Lhuma und Tarle berichten.

Damals nannte ersteres sich Aluma und hieß zuvor Sacaluma, doch hatte gerade ein neuer Herrscher die Macht an sich gerissen, als ich aus dem Westen heimkehrte. Das dortige Volk des Echris Sirenn sowie die Tarler waren bereits meine ewigen Freunde geworden, da wollte ich erfahren, was in meiner Heimat geschehen war. Ich wusste also nicht, was mich erwarten würde, als ich die Lande des Echris Sirenn verließ. In Badros aber hörte ich bereits schlimme Nachrichten.

Die Alumen griffen Tarle an, verkündete man, und ich musste mich zunächst erkundigen, wer denn die Alumen seien. Nachdem dies geschehen war, erfuhr ich weitere Neuigkeiten, die man sich zu erzählen wusste: Das Wüstentor Kuthaern war erobert, Gulrunn und Narrkuva bedrängt. Kämen Begghyrn und Cirmaen – und anschließend Badros – als nächstes? So gut es ging versuchte auch ich das Volk zu beruhigen, denn noch nie war Tarle erobert worden, so uneins die Festen sich auch manchmal sein mochten. Viele glaubten mir, und so zog ich weiter.

An Gulrunn vorbeiziehend sah ich bereits die Fahnen der Alumen über den Zinnen gehisst und wusste hier nichts mehr tun zu können. Das Land um die Feste war verwüstet, Dörfer geplündert und verbrannt und zahlreiches Volk befand sich auf der Flucht. Die Feste selber schien aber größtenteils weiter bestehend. Als ich mir die Stadt ansah erkannte ich, dass ein Großteil der feindlichen Armee wieder abgezogen war – nach Norden, wie mir die Bürger verrieten.

Not und Elend sah ich in der Stadt und wusste, dass ich dem Volk von Tarle helfen musste. Einige kräftige Burschen waren der Stadt verblieben, die gegen die Besatzer kämpfen wollten. Einen von ihnen kannte ich noch von früher und mit seiner Hilfe überzeugte ich auch die anderen, dass es vorschnell wäre das Schwert zu erheben. Stattdessen sollten sie die anderen Festen um Hilfe bitten und in Kampfbereitschaft versetzen, derweil ich mich entschloss in die feindliche Armee einzudringen und ihre Pläne zu erfahren.

Nach Tagen der Verfolgung fand ich den Haufen endlich lagernd vor Badern – einer alumischen Stadt. Badern schien nicht zum ersten Mal in den letzten Monden eine Armee bei sich gesehen zu haben. Volk auf der Straße erzählte von den Ängsten, dass eines Tages diese oder andere Armeen vielleicht gegen ihre Stadt und Dörfer ziehen könnten. Andere sprachen von den Vorteilen, die diese fremden Krieger ihnen bringen würden, doch waren Leute jener Art in der Unterzahl.

Die Armee war mittelgroß; vermutlich waren die größeren Streitkräfte woanders. Sie hatten sich eine Zeltstadt erbaut, die Badern an Fläche gleich kam, und sie mit flachen Erdwällen und dort hineingerammte Pfähle gesichert. Wen sie wohl schreckliches erwarten konnten, den eine solche Verteidigung abschrecken müsse? Die Wachen am Eingang waren zumindest kaum – wachsam. Ein kleiner Strom von Volk ging ein und aus: Krieger, Händler und sogar Bauern. Die letzteren mochten Nahrung und Handelsgüter bringen.

Ich weiß nicht, für was sie mich hielten, doch musterten sie mich nur flüchtig, als ich selbstbewusst das Lager betrat. Vermutlich aber sah ich für sie aus wie viele der Krieger in diesem Lager, stellte die Armee sich doch als bunt zusammengewürfelter Söldnerhaufen heraus, der keine einheitlichen Farben, Ausrüstungen oder Wappen kannte.

Einen Tag und eine Nacht verbrachte ich bei diesem Haufen. Wild und planlos waren sie gepflanzt, diese Zelte und andere Lagerstätten. Mal tummelten sich mehrere, mal nur ein Krieger vor so einem Zelt als es dunkler wurde, um ein Süppchen zu kochen. Einem dieser ahnungslosen Gesellen verdanke ich viele Worte über das Ziel des Heeres sowie sein Zelt als Schlafplatz. Wie ich dies anstellte will ich nun schildern.

In einer dunklen Hintergasse fand ich diesen Krieger wie er über einer kleinen Feuerstelle umgeben von Stoffzelten hockte. Ihn grüßend setzte ich mich zu ihm und fragte ob ich auch etwas bekommen könnte. Mich misstrauisch beäugend willigte er schließlich ein. Wahrheitsgemäß erzählte ich im Lager neu zu sein und fragte nach Neuigkeiten. Es dauerte eine Weile das Eis zu brechen, doch nachdem er mir vertraute, wurde er zum wahren Wasserfall. Von Gulrunns Eroberung sprach er und wieviel es dort zu erbeuten gab.

Der Hauptmann hatte uns verboten zu plündern und zu vergewaltigen, sprach er, doch mal ehrlich; wer könnte da widerstehen? Ich hatte viel Spaß in einem der Häuser dort!

Und dann lachte er ein dreckiges Lachen, dass mir wahrhaftig schlecht werden ließ, doch musste ich gezwungenermaßen in sein Lachen einstimmen.

Es gab also viel zu holen, sagte ich, doch wann könnte ich auch etwas bekommen?

Da tat er geheimnisvoll, doch weihte mich ein, dass das nächste Ziel Cirmaen sein würde, und dass ich dort auf meine Kosten kommen würde. Ehrlich überrascht wunderte ich mich. Cirmaen galt doch als uneinnehmbar, doch der Mann versicherte mir, dass dort angelangt eine Geheimwaffe auf das Heer warten würde. Auf meine drängenden Fragen was dies sei wusste er nichts zu antworten, also bot er mir stattdessen etwas von seinem billigen Wein und wollte auf den Untergang Cirmaens und Reichtum für uns anstoßen. Da ward ich seiner überdrüssig, schlug ihn nieder, fesselte und knebelte und versteckte ihn so gut es ging, dass eine Weile lang ihn keiner finden könnte.

Immer noch wusste ich nicht genug und ging im Lager umher, auch anderen zu lauschen. Die Söldner sprachen über für mich belanglose Dinge wie ihren daheimgebliebenen Familien und Frauen sowie über für mich abstoßende Dinge wie ihre erfolgten Plünderungen, Vergewaltigungen und Tötungen Unschuldiger, dass ich sie am liebsten sofort erschlagen hätte. Doch zügelte ich mich und vernahm auch Nützliches.

Am brauchbarsten war es hierbei eine Gruppe von Hauptleuten aus dem Dunkel heraus zu belauschen, wie sie in einem großen Zelt Besprechung hielten. Am nächsten Morgen wollten sie die Truppen in Bewegung setzen, damit es sich in Daminro mit einem zweiten Heer, in dem auch ein hoher Adliger namens Somm Orichin wäre, vereinigen könnte. Dieses Heer schien der König selbst zu führen und sofort hätte ich meine Hände an ihn gelegt, hätte ich doch nur einen Pfad in sein schwer befestigtes Zelt gefunden. So blieb aber nur den Hauptleuten zu lauschen.

Ab Daminro sollte es weitergehen gen Nordwest zum Meer, wo sie aus einem kleinen Hafen hinaus nach Narrkuva fahren wollten. Narrkuva war schwer zu erreichen, doch leicht zu erobern, so dass sie von dort über die Brücke nach Cirmaen könnten. Derweil blieb in Gulrunn nur eine kleine Besatzung, die aber bald aus dem Osten verstärkt werden würde. So hoffte ich, dass die von mir entsandten Boten die anderen Festen schnell erreichten um Gulrunn zurückzuerobern, bevor diese Verstärkung käme und entschloss mich selber nach Cirmaen zu bringen um es zu warnen.

Da keiner der Hauptleute über eine Geheimwaffe sprach und es spät wurde, legte ich mich bald erschöpft im Zelt des niedergeschlagenen Söldners zur Ruhe. Nach wenigen Stunden Schlaf erwachte ich vor allen anderen, stahl mir von der umzäunten Weide ein Reittier und entschwand gen Narrkuva. Der Weg dorthin war einigermaßen schwierig. Da Krieg herrschte gab es verstärkte Zölle und Straßenwachen, denen ich bis Daminro jedes Mal gut ausweichen konnte. Dort erblickte ich die im Schatten des Waldes lagernde Armee bereits, zigmal größer als das Heer in Badern, doch hielt dafür nicht an.

Im Dorf Maen-am-Meer war es schwer eine Überfahrt nach Narrkuva zu bekommen. Zwar herrschte hier noch kein Krieg, doch niemand wollte es wagen. Allerdings fand ich einen Fischer, der aus dem Dorf fliehen und mir deshalb sein Boot für mein Tier bieten wollte. Zwar war ich kaum das Segeln gewöhnt, doch irgendwie schaffte ich es nach Narrkuva, das sich der Gefahr noch gar nicht recht bewusst zu sein schien.

Lange versuchte ich das Volk zu warnen, doch konnten sie nicht so recht daran glauben. Und selbst wenn sie es getan hätten – Narrkuvas Schutz war das Meer, keine Mauern oder Waffen. Wenn es jemand schaffte es zu erreichen, konnte es sich nur ergeben. Also verließ ich es, eilte die Brücke entlang nach Cirmaen. Diese Feste liegt im Tal der meernahen Berge, seinen einzigen Zugang riegelt eine gewaltige Mauer ab, geschützt von Türmen und dem Meer.

Im Torhaus auf der Brücke vor der Feste tat man wie gewöhnlich seinen Dienst. Zwar war die Feste durch Nachrichten aus Kuthaern verteidigungsbereit, doch erkannten die Wächter mich noch von früher und ließen mich ein. Innen erblickte ich das Volk der Stadt, das kaum Angst aufwies, vertraute es doch auf die Stärke seiner Feste und seinen Galryrm. Diesen Galryrm aber galt zu warnen, doch – wie? Ich kannte ihn nicht, noch die Wächter zu seiner Burg und Einlass für Fremde gab es nicht. Überlegend wanderte ich durch die Stadt, bis ich diesen würfelspielenden bärtigen Hauptmann erblickte.

Als er seinen Gegner besiegt hatte, bot ich an für diesen einzusteigen und stellte mich vor. Mich erkennend freute er sich über diese Herausforderung und nannte sich selber Maraine tin Arath. Das Spiel dauerte nicht lang, hatte ich doch schnell sein Vertrauen gewonnen und ihm von der marschierenden Armee erzählt. Zwar war auch er sicher, dass die Mauern diese abhalten würden, doch stimmte er mir zu, dass der Galryrm davon erfahren müsse. Mich zur Burg bringend befahl er uns Einlass zu geben und nach Rücksprache mit dem Galryrm ließen uns dessen Leibwächter hinein.

Mallan war bereits in Cirmaen geboren und nun seit zwanzig Jahren dessen gewählter Galryrm.

So, ihr seid also Acles Tovan Mhoretoan – Maraine erzählte mir von euch, sprach er, doch ich hörte noch nie zuvor von euch – und Fremden kann man in diesen Tagen nicht trauen.

So war es also – er vertraute mir nicht. Viel Überzeugungsarbeit auf mich zukommen sehend fing ich damit an. Ich fragte nach der Erlaubnis von meinen letzten Erlebnissen berichten zu dürfen und bekam sie. Von der Eroberung Gulrunns hatte er gehört, was für ihn zwar beunruhigend, doch noch nicht fürchterlich war. Von dem Heer in Badern hörte er mit Interesse und lachte gar darüber, dass ein ’so kleines Heer‘ ganz Gulrunn bezwungen hatte. Bei der Schilderung der Armee in Daminro wurde sein Blick aber nachdenklich und als ich erzählte, was mir der Söldner in Badern gesagt hatte, sprach er dazwischen.

Ich glaube noch immer nicht, dass ein König von Sacaluma – Aluma, berichtete ich ihn – so verrückt sein könnte uns hier in Cirmaen angreifen zu wollen, sprach er. Wir haben die dicksten und höchsten Mauern und fähigsten Krieger von ganz Tarle – und stärker als Tarle ist niemand. Trotzdem will ich eure Warnung zumindest überprüfen lassen, also seid mein Gast bis meine Boten aus Narrkuva zurück sind.

Damit entließ er uns und ich musste einige Tage untätig in Cirmaen verbringen, derweil die Feinde immer näher rückten. Wäre es nicht um das mir geliebte Volk von Tarle gegangen, ich mochte mich aus dem Streit herausgehalten haben. So aber stellte mich Maraine den anderen Hauptleuten sowie seinen eigenen Kriegern vor und von allen erhielt ich die Erlaubnis, sie auf einen Angriff vorzubereiten. Der Galryrm hörte zwar davon, doch ließ mich gewähren, da selbst bloße Übungen nie schaden könnten. Viele von ihnen lernte ich in diesen Tagen gut kennen und vor allem Maraine selbst mochte ich bald mein Vertrauen schenken.

Am vierten Tag dann war es soweit, dass die Boten aus Narrkuva zurückkamen. Erschöpft und zerritten sollen sie in der Burg angekommen sein, doch verkündeten sie schon unterwegs in der Stadt lauthals, dass Narrkuva erobert worden war. Zusammen mit Maraine eilte ich mich, zum Galryrm zu gelangen. Dieser sah gram- und sorgenvoll aus.

Acles Tovan Mhoretoan… -, ihr hattet Recht, sprach dieser langsam, der wahnsinnige König will uns angreifen. Narrkuva ist bereits sein und schon schiebt er Kriegsmaschinen über die Brücke. Ich gebe an all meine Hauptleute den Befehl, die Verteidigung vorzubereiten.

Da fragte ich ehrerbietig darum, bei dieser Aufgabe mithelfen zu dürfen.

Sucht euch einen meiner Hauptleute aus, sprach er, ihr könnte euch ihm anschließen.

Und so kam es, dass ich als rechte Hand des Hauptmannes Maraine tin Arath durch Burg, Stadt und Feste eilte, alle für die Verteidigung zusammenrufend. Zwei Tage sollten uns für die letzten Vorbereitungen bleiben, bevor der Feind angriff. Und selbst das Volk der Stadt kramte seine Waffen und Bögen heraus, um im letzten Falle ihre Stadt von den Dächern ihrer Häuser aus zu verteidigen. Doch soweit wollten wir es nicht kommen lassen.

Und dann kam der Tag des Angriffs.

 


Das ganze Buch kaufen:

Als eBook bei Amazon

Als Taschenbuch bei Lulu


Der A’Lhumakrieg – X: Eine Überraschung kommt selten allein.

Juni 20, 2016

Die Rückkehr von Asmyllis traf uns alle vollkommen überraschend – alle, bis auf Crear, der wohl von seinen Agenten schon unterrichtet worden war. Ihr Gespräch an diesem einen Abend schien Ewigkeiten zu dauern, so dass ich Somm Orichin die Empfehlung gab, die Festlichkeiten wieder aufleben zu lassen, bevor es zu größeren Tratschereien kommen konnte.

Trotzdem entstanden diese natürlich, wobei ich hauptsächlich über Caeryss und die Mägde mitbekam, was man sich so erzählte. Angeblich kam es hinter verschlossenen Türen zum Streit zwischen Tante und Neffe. Asmyllis soll ihm geradeheraus gesagt haben wie sehr er sich schämen müsse, das Andenken seines Vaters beschmutzt zu haben, indem er nach der Macht griff und dafür auch über Leichen ging. Auch solle ihr die Entwicklung in der Burg nicht gefallen – die Leute, mit denen Crear sich hier umgab – die Veränderungen, die er an der Ausstattung vorgenommen hatte. Fast alle Gerüchte gaben dieses Bild der Tante, die ihren Neffen niedermachte, ungeachtete der Tatsache seines Ranges. Wenige schienen zu glauben, dass nach den langen Jahren der Trennung diese Beiden auch froh sein könnten einander zu sehen.

Wie Crear wohl bei diesem Treffen handelte, darüber waren die Meinungen tiefer gespalten. Dienstmädchen behaupteten ihn im Raum brüllen zu hören, andere sprachen von Lachen. Viele meinten, er hätte Asmyllis auf ihre Rede hin gedroht einzusperren oder hängen zu lassen, einige glaubten an den freundlichen Jungen. Wie auch immer – Tatsache ist, wir werden wohl nie erfahren, was hinter der verschlossenen Tür geschah.

Keiner der beiden sprach später noch einmal darüber, selbst mit ihren engsten Vertrauten nicht – oder ich war kein Vertrauter Crears mehr. Jedoch verhielten sie sich zueinander recht gewöhnlich – nicht wie die große Tante zum kleinen Neffen, aber wie Verwandte. Unter Beobachtung anderer sprachen sie über keine großen Belange, doch behandelten sich mit einer gewissen Ehrfurcht.

Zu ihren anderen alten Freunden war Frau Asmyllis herzlich wie früher. Den ersten Tag verbrachte sie lange in einem Gespräch mit der alten Gouma, die sich wohl am meisten gefreut hatte sie wiederzusehen; auch die Mägde umschwirrten sie häufig. Ich sprach nur wenig mit ihr, hatte ich doch wie früher schon zuviel Furcht etwas falsches zu sagen. Den fremden Adligen begegnete sie teils unverhohlen mit Misstrauen; über die Söldner verlor sie kein Wort, widmete ihnen höchstens abfällige Blicke.

Bereits sehr bald reisten diese aber auch wieder ab – zusammen mit Crear. Sie fuhren über das Meer gen Westen um in den Steinhügeln am Rande der Wüste anzulegen und dort die Feste Kuthaern – Wüstentor – zu belagern. Diese lag abseits des restlichen Tarles und war sehr überrascht angegriffen zu werden, so dass sie niemals lange hätte widerstehen sollen. Trotzdem kam Crear mit einigen Einheiten nach wenigen Tagen Belagerung bereits zurück zu uns, weitere Pläne verfolgend.

In der Zeit seiner Abwesenheit war Frau Asmyllis ihrer Mutter Teule mehr als einmal aus dem weg gegangen; den endgültigen Zusammenstoß durfte ich miterleben, geschah er doch ausgerechnet vor meinem Schreibtisch. Ich war gerade mit Asmyllis im Gespräch, da kam Teule herein, wohl etwas von mir wollend.

„Ach, Tochter – du hier? – na dann hoffe ich mal nicht zu stören! -“

„Ja, ich auch hier – immerhin darf ich handeln wie ich will.“

Teule beachtete sie nicht sondern wandte sich an mich. „Wird es lange dauern? Ich muss mit euch sprechen.“

Asmyllis antwortete für mich. „Keine Sorge – ich wollte gerade los.“

„Wieder für Jahre im Nirgendwo verschwinden?“ Konnte es wirklich sein, dass Teule sich Sorgen gemacht hatte? Oder war sie bloß beleidigt, nicht bestimmen zu können was ihre Tochter tat?

„Keine Angst, so schnell wirst du mich diesmal nicht los – ich werde nicht noch einmal zulassen, dass Lurut derartiges angetan wird.“

Nun endlich schloss auch Teule die Tür hinter sich – noch mehr tratschende Dienstleute konnte ich zu der Zeit sicher nicht gebrauchen. Sie antwortete mit gefährlich freundlich wirkender Miene. „Wovon sprichst du, mein Kind?“

„Lurut war einst ein ruhiger Ort unter Gurass, der nichts weiter wollte als in einem ruhigen Reich leben. Doch wie hat dein Großneffe es nicht verändert! Gefährliche Leute gehen hier ein und aus, in der Stadt werden sogenannte Verräter gehängt, auf den Stadtmauern thronen Schädel erschlagener Gegner und ein Feldzug nach dem anderen soll seine Macht vergrößern! – und ich hörte, du warst ihm die wichtigste Ratgeberin!“

„Du musst dich irren, mein Kind – niemals habe ich ihm etwas Böses geraten – und die meiste Zeit beachtete er mich eh nicht.“

„Vielleicht hat er erkannt, dass du noch schlimmer bist als er!“

Darauf sagte Teule nichts, führte bloß ihren verletzten Ausdruck vor.

Asmyllis wollte aber wohl noch nicht gewonnen haben. „Sein Vater war der Einzige in dieser Familie, der nicht herrsch- und streitsüchtig ist. Mit ihm verschwanden alle Tugenden aus Lurut. – Ich bin von euch enttäuscht, euch allen – nicht nur von Crear und der Familie, vor allem aber auch von dir.“

Als ihre Mutter immer noch nichts sagte, drängte sie sich an dieser vorbei zum Ausgang und verschwand.

„Dieses Kind…“ Teule seufzte und wandte sich mir zu. „Ich muss mit euch über diese Magd sprechen – Caeryss.“

Verwundert horchte ich auf. „Was ist mit ihr?“

Als Crear wieder nach Lurut zurückkehrte erfuhr er zunächst, dass Louvis aus dem Kerker verschwunden war. Die Hauptverdächtige war ausgerechnet Caeryss, die seit diesem Vorfall ebenso vermisst wurde. Crear war nicht gerade guter Laune, als er von diesem Vorfall erfuhr.

„Errist! – bring mir diese Magd, und wenn du die ganze Stadt – nein, das ganze Land! – auf den Kopf stellen musst! Und vor allem aber finde Louvis – und lass ihn nicht noch einmal entkommen!“

Ich sah mich genötigt einzuschreiten. „Herr – Crear! – hör mich bitte an!“

Crear schien kurz vor einem seiner Anfälle zu stehen, doch gewährte er mir diesen Wunsch.

„Ich kenne Caeryss – fast besser als mich selbst – auch wenn sie vielleicht Mitleid mit Louvis hatte, niemals hätte sie dich so verraten!“

Mit einem Aufschrei schlug Crear mitten gegen einen Pfeiler, bevor er plötzlich ruhig wurde. „Und was schlägst du vor?“

„Behandle sie nicht schlecht – bitte! – frage sie, warum sie verschwunden ist – vielleicht nahm Louvis sie gefangen – lass sie sich zuerst erklären – lass mich mit ihr sprechen, sobald sie wieder hier ist!“

Und tatsächlich willigte Crear ein. „Gut – du wirst deinen Willen bekommen – der Freundschaft zuliebe.“

Caeryss wurde nicht rechtzeitig gefunden, um ein wahrhaft schreckliches Ereignis mitzuerleben. Crear traf bereits wieder Vorbereitungen die Stadt zu verlassen, diesmal um Tarle selbst im Süden des Reiches, von Daminro aus, anzugreifen. Somm Orichin war schon vor Wochen heimgekehrt dies vorzubereiten, derweil nun wohl die letzten Söldner bei uns eintrafen. In dieser kurzen Zeit musste ich gleichzeitig mich um Zimmerbelegungen, Essen und so weiter, als auch um die Suche nach Caeryss kümmern.

Zwangsweise vernachlässigte ich andere Freunde und Bekannte und bemerkte so nicht, wie es der alten Gouma immer schlechter ging. Das letzte Mal hatte ich sie einige Tage zuvor gesehen und gesprochen. Nun musste ich plötzlich an sie denken, während ich in der Küche an Caeryss‘ Statt die Mägde überwachte – und kurz darauf kam ein aufgeregter Diener hereingestürzt.

„Herr Eilzen! – kommt schnell zu Frau Gouma!“

Besorgt durch seinen Tonfall eilte ich mich so gut es ging, ihm zu folgen. Vor Goumas Kammer hatten sich bereits Schaulustige versammelt, derweil darinnen drei Kräuterfrauen neben ihrem Bett knieten.

„Verschwindet – an die Arbeit!“ Ich verscheuchte die Gaffenden und drängte mich in die Kammer, die Tür hinter mir schließend.

Klein und kraftlos lag dort Gouma in den Laken – wie auf die Welt gekommen, so sollte sie diese auch verlassen. Eine Frage bildend sah ich eine der Kräuterfrauen an, doch diese schüttelte den Kopf – und ich verstand.

„Lasst uns bitte allein.“

Meinen Wunsch folgend verließen die Frauen das Zimmer und ich blieb mit ihr allein. Ich weiß nicht, wie lange ich so blieb, wie lange ich dort ausharrte. Sie erwachte nicht mehr – zu merken, dass sie nicht mehr atmete, versetzte mir einen Stoß. Noch länger blieb ich dort, kniend und weinend, da klopfte es an der Tür.

Es war Asmyllis, die hiervon gehört hatte und gekommen war zu sehen, wie es uns ging. Als auch sie sah, dass Gouma uns verlassen hatte, kniete sie neben mir. Wir vermochten uns gegenseitig wieder Mut zu geben, dass es Gouma bei den Göttern gut gehen würde, und verließen bald die Kammer. Immer noch standen viele dort herum, nun sogar auch der Hofmeister Pyn, die bei unserem Anblick alle in unsere Trauer einzustimmen vermochten. Die halbe Burg wurde auf diese Weise gelähmt, als alle um ihre teuerste Freundin trauerten.

Als Crear dies endlich bemerkte, kam er zu uns herab gestiegen. „Was ist hier los? – Warum arbeitet ihr nicht?“

Schweigend deutete ich auf Goumas Tür.

Jemand anders sprach. „Unser aller Mutter Gouma ist von uns zu den Göttern gegangen.“

Kurz schlich sich ein unbekannter Ausdruck in Crears Züge, bevor sie hart wie Stein wurden. „Trotzdem muss es weitergehen. – Also – zurück an die Arbeit!“

Auch Errist, der mittlerweile stets an Crears Seite war, mischte sich nun ein. „Ihr habt euren Herrn gehört – los!“

Für das einfache Volk gab es keine Feiern; ihre Körper wurden auch nicht verbrannt. Crear hätte dafür sorgen können, dass Gouma trotzdem diese Ehren zuteil werden würden, doch er verlor kein Wort darüber. Darum stahlen sich einige von uns, darunter auch die Frau Asmyllis, mit Gouma unter uns aus der Burg hinab an den See. Zwar waren einige der Soldaten auf unserer Seite, doch hatte sicherlich jemand Crear davon unterrichtet, dass entgegen herrschenden Gesetzen in der Nacht eine Frau am See verbrannt worden war -. doch verlor er kein Wort darüber, ließ uns nicht verhaften.

Bis heute bin ich schwer enttäuscht, dass er selber nicht zu unserer Trauerfeier erschien und auch sonst kein Wort über dies Geschehen verlor. Doch konnte ich auch nichts daran ändern, jedes Wort über die Feier hätte uns bedroht und Crear war wahrhaftig schwer mit Vorbereitungen beladen. Allerdings gab es noch mehr, dass Crear von der Beschäftigung mit Gouma abhielt, und dies war die Herrin Emmistat. Nach ihrer Ankunft hatte ich ihr ein Gemach nah bei Crear geben sollen und dem gehorchend wies ich ihr das zwei Türen weiter links davon zu. Fortan sollte sie frei auf der Burg leben doch schien sich mehr gefangen zu fühlen: Kaum wagte sie sich vor die Tür und wenn immer eine Magd mit ihr herumgehen wollte, sah sie nie glücklich aus in ihrer Haut.

Erst Frau Asmyllis gelang es so recht, sie vor die Tür zu locken. Fortan war sie meist mit dieser zusammen im Garten zu sehen. Sprachen die beiden Frauen miteinander, sah Emmistat zuweilen tatsächlich glücklich aus; war Asmyllis dann gegangen und Crear schlich herbei ihren Platz einzunehmen, verschlossen sich ihre Züge und allen Anwerbungsversuchen Crears zum Trotz blieb sie abweisend. Einmal nur gelang es mir sie zu fragen, warum sie Crear nicht bei sich haben wollte.

„Mein Vater, meine Brüder, mein Verlobter – sie alle starben durch seine Hand und sein Wort. Er hätte die Macht gehabt sie leben zu lassen. Auch wenn ich meinen Verlobten nicht mochte und mich mit dem Bruder oft stritt, so liebte ich diesen und meinen Vater doch. Bis heute unternahm Crear nichts, aufgrund dessen ich ihm diese taten verzeihen könnte.“

Ich seufzte. „Also werdet ihr ihn niemals lieben oder als Ehegatten nehmen können.“

Da sah sie mich überrascht an. „Warum liegt es euch am Herzen, dass ich ihn liebe?“

Bis zu dem Augenblick hatte ich gar nicht gewusst, dass dem so war, weshalb ich auch überlegen musste. „Crear war nicht immer so. Er – ist mein Freund und war es schon immer; es gibt auch andere Seiten an ihm als die, die ihr nun kennenlerntet. Ja, auf eine gewisse Art – liebe ich ihn immer noch – wie einen Bruder.“

Ich weiß nicht ob ich Emmistat umstimmen konnte, doch schien sie Crear näherzulassen. Dass dies einem anderen Zwecke diente, erfuhr ich erst später.

Crear war gerade wenige Tage nach Süden aufgebrochen, um in Tarle die Feste Gulrunn zu erobern, da tauchte Caeryss wieder auf. Ein mir Vertrauter erstöberte sie in einem Dorf unfern Luruts. Ich brach sofort selber auf mit ihr zu sprechen, bevor etwas Schreckliches geschah. Frau Asmyllis bestand darauf mich zu begleiten, worin ich nichts schlimmes sah.

In dem Dorf angelangt trafen wir Caeryss vor einer Gaststätte. „Du erklärst uns lieber schnell, was dich zu deinem Verschwinden bewog. Alle denken du hättest Louvis befreit, und darauf steht der Tod.“

Caeryss beachtete das nicht. „Kommt schnell mit, Euliste hat gerade ihr Kind bekommen!“

„Euliste? – Aber -“ War sie nicht stets in der Burg gewesen? Und wann war sie schwanger geworden?

Wir folgten ihr und fanden Euliste dort im Kindbett – verstorben.

„Sie schaffte es leider nicht.“ Caeryss blickte trauernd.

Asmyllis aber ließ sich am Bett nieder und nahm eine Hand der Toten. „Oh Base, was ist nur mit euch geschehen?“

Ich war bloß erstaunt, Caeryss gar entsetzt. „Base? – Aber – das ist das Kind von König Crear!“

Und wie zur Antwort fing es an zu schreien.


Das ganze Buch kaufen:

Als eBook bei Amazon

Als Taschenbuch bei Lulu