GaP IV Wo bin ich?

Februar 2, 2020

Wo bin ich?

Geschichten aus Pervon, Teil IV

Etwas schmerzte. Es dauerte nicht lang, bis er dies seinem Schädel zuordnen konnte. Träge betastete er ihn, doch konnte nichts Außergewöhnliches feststellen. Die Augen zu öffnen fiel ihm schwer; sie schienen verklebt. Auch die Glieder waren bleiern. Letztlich schaffte er es aber an die Decke zu starren; dort boten sich seinem Blick teils lose hängende, teils zernagte Holzbretter. Als sich seine Augen an die kaum vorhandene Helligkeit gewöhnt hatten, wandte er den Kopf, sich noch mehr anzusehen – und bereute es sogleich, als ein scharfer Stich durch seinen Schädel fuhr. Sobald er diesen überwunden hatte, konnte er das Zimmer in Gänze erkennen – oder was davon übrig war. Er erkannte ihn als alter hölzerner Verschlag, dessen Bretter sich stellenweise bereits lösten: Die Einrichtung war karg, die Belichtung spärlich. Ein einsames Fenster schien ungenau zugenagelt, doch ließ sich auch kein Sonnenschein dadurch erkennen. Als Einrichtung boten sich ihm bloß ein heruntergekommener Schrank am Fuße des Bettes sowie eine Waschschüssel daneben.

Er entschied, dass ein Liegen ihm nichts mehr bringen könnte – wo war er hier? – und versuchte aufzustehen. Kaum dass er sich hingesetzt hatte, bereute er diese Entscheidung aber auch schon wieder: Kurz verließen ihn sämtliche Kräfte, derweil sein Blick dunkel wurde. Als es nachgelassen hatte, saß er wacklig auf dem Rand des Bettes – und endlich fiel ihm auch auf, wie unbekleidet er doch war. Dies störte ihn dann schon, war doch auch der Raum sehr kühl; ein kaltes Lüftchen zog durch die Lücken des Bretterfensters. Dieser Luftsog hatte ihn bisher auch behindert den unangenehmen Geruch wahrzunehmen, der ihn an irgendetwas ihm nur schwach bewusstes erinnerte. Als sich dann aber unter der Decke, die dünn auf dem niedrigen Bett lag, etwas bewegte, schreckte er hoch. Er wollte gar nicht wissen, was dort drunter war, oder woher gar dieser Gestank kam.

Noch immer war ihm unbekannt wo er sich befand, doch ging er nun auf die alte Holztür zu, von welcher sich bereits jegliche Farbe löste – und hielt inne. Jemand hatte etwas mit Rot auf die Tür gemalt, genau in Sichthöhe: „Sieh in den Schrank.“

Verwirrt stand er vor der Nachricht – Von wem kam sie? Und was sagte dies über seine Anwesenheit in diesem Raum aus? Die Schrift erkannte er nicht, doch ließ sie ihn eine Weile ausharren, bis er endlich dem Drang nachgab, in den Schrank zu sehen. Es ekelte ihn, die Schranktür zu öffnen; ein unbestimmtes Gefühl versuchte ihm zu vermitteln, was grausiges in diesem großen Behälter lauern könnte, von dem womöglich der abstoßende Geruch des Raumes kommen mochte. Doch er überwand sich und fand – Kleidung. Bloße, nicht sonderlich ungewöhnliche Kleidung: Eine zwar alte doch noch brauchbare braune Stoffhose, ein farbloses, etwas verschmutztes Hemd, eine dünnes schwarzes Jäckchen, Wollsocken und gute eingelaufene Lederstiefel. Nur Unterwäsche musste er vermissen, doch konnte er notfalls auch darauf verzichten, galt ihm nun erstmal die lockende Wärme der Kleidung mehr. Eine kurze Untersuchung ergab keine versteckten Fallen oder Quellen eines verdächtigen Geruchs, so zog er sich eilends an und fühlte sich gleich ein wenig wohler.

Gerade wollte er erneut die Raumtür in Angriff nehmen, da griff er einer Gewohnheit folgend in die Hosentasche, ein Taschentuch suchend, und fand unerwarteterweise ein Stück Papier: „Sieh in die Jackentasche.“

Jemand schien ein Spiel mit ihm zu spielen. Plötzlich fühlte er sich beobachtet, vermochte aber niemanden zu sehen, wenngleich das Fenster genug Möglichkeiten geboten hätte. Misstrauisch ließ er den Zettel fallen und durchsuchte die Taschen. Die Innentasche barg ein gefaltetes Blatt, das er ihr entnahm und betrachtete: ein Brief. Angeschrieben wurde jemand namens Joaris.

„Ich vermisse und denke an dich. Ich freue mich darauf dich an unserem Platz wiederzusehen; unter dem alten Weidenbaum. In Liebe, deine Sasis.“

Sasis – an irgendetwas erinnerte ihn dieser Name. Gedankenverloren faltete er das Blatt wieder, da fiel etwas daraus, das er vorher nicht bemerkt hatte: Die Zeichnung einer Frau – einer schönen Frau – einer Frau, die er oft angesehen hatte: Die Zeichnung seiner Frau: Sasis! Mit einem Ruck lüftete sich ein Schleier in ihm und er verstand, was dieser Brief zu bedeuten hatte.

Es konnte nicht lange her sein, da hatte sie diesen Brief geschrieben. Schnell war er damals zum Treffpunkt geeilt – doch nun war er hier. Wo war hier, was war mittlerweile geschehen – wo war Sasis? Befand sie sich auch hier? War der Brief vielleicht eine Drohung von jemandem, der sie in seinen Klauen hielt? – Irgendeine Bedeutung musste die Anwesenheit des Briefes doch haben.

Da er zunächst aber nichts weiter in diesem Raum zu finden hoffte, entschloss er sich endlich, ihn zu verlassen. Knarrend schwang die Tür ohne Widerstand auf und ein Schwall kalter Luft kam ihm entgegen. Mit einem Mal war er bereits in der freien Natur; scheinbar hatte er sich in einer kleinen Hütte befunden. Es war dämmrig, und da im Zimmer zuvor noch hellere Strahlen durch die Fensterbretter gekommen waren, schloss er, dass dies die Abenddämmerung sein musste, auch wenn es sich erst später bestätigen konnte. Nach einem Schritt hinaus auf die feuchte Erde frierte ihm bereits; wärmen konnte ihn das bisschen Stoff am Körper nur unzureichend. Zitternd trat er jedoch weiter und blickte sich um.

Hinter ihm lag tatsächlich eine billig zusammengezimmerte Holzhütte, doch war diese nur Teil einer größeren Anlage. Voraus erblickte er einen niedrigen Zaun, zur Linken lag ein Gebäude mit großen Toren, wohl eine Scheune oder ein Stall, rechts davon stand ein weiteres Gebäude, das kaum besser gebaut war denn die Hütte, doch wesentlich größer und mehrstöckig. Es schien ihm der Hof eines Bauern oder Viehbesitzers zu sein und nun stand er auf dessen Hauptplatz, den ein kleiner Brunnen zierte. Die Gebäude waren allesamt ruhig und unbeleuchtet, wirkten nicht belebt. Um sich in dieser Welt zurechtzufinden sah er sich zunächst die Gegebenheiten an und fand alles verlassen und alt vor.

Der Brunnen war ausgetrocknet; Schlamm und Unrat versperrten seinen Grund, derweil bereits Moos auf seinen Rändern wuchs. Bei diesem alten verfaulendem Geruch konnte er nur schaudern. Als er auch Haupthaus sowie Stall in einem solchen Zustand vorfand, verzichtete er darauf, diese sich noch genauer anzusehen. Die Tür des Hauses jedenfalls war morsch und modrig und fiel ihm fast entgegen, kaum dass er sie zu öffnen versuchte, und der Geruch von Schimmel und die zahlreichen den Weg versperrenden Überreste ließen ihn von einem Eindringen Abstand halten. Im Stall war es sogar noch schlimmer; ein süßlicher Geruch drehte ihm den Magen um, so dass er diesem Tor schon gänzlich aus dem Weg ging.

Plötzlich aber knarrte etwas hinter ihm, als er sich wieder zurückgewandt hatte. Erschrocken drehte er sich sofort wieder, doch fand nichts – der Stall hatte sich nicht verändert. Er schob es auf seine Nerven, die wegen dieser sonderbaren Umstände und der kalten Einsamkeit angespannt sein mussten. Trotzdem beschloss er langsam rückwärts gehend, den Ort so schnell es möglich war zu verlassen. Es fröstelte ihn, doch bot der Hof nichts, und irgendwoe musste es noch anderes geben. So trat er über den Schlamm und durch die Pforte in die Außenwelt.

„Wann kommen sie denn?“

„Was sagst du?“ Joaris blickte verwirrt auf. Hatte sie mit ihm gesprochen?

„Wann sie kommen – hörst du mir überhaupt zu?“ Unerwartet setzte sie sich vor ihn – und lächelte. „Immer bist du mit deinen Gedanken soweit weg – wann kommst du mal wieder zu mir?“

Wehmütig ergriff er ihre Hände. „Oh – es tut mir leid – du weißt – du – die Arbeit -“

„Ja ja – aber nun mache einmal Pause und sei einfach nur mein Mann, ja?“

„Tut mir leid -“ Dann kam ihm ein Gedanke „- wann sie kommen? Ja – müssten sie nicht gleich da sein?“

„Das frage ich dich ja!“

„Oh!“

„Ach!“ Ihre Geduld schien nun zu Ende. Bevor sie etwas sagen konnte, klopfte es an der Tür. Ihr Gesicht zeigte Entsetzen. „Da sind sie! – Oh! – Und du bist immer noch nicht vorbereitet!“

Um ihren Zorn nicht auf sich zu lenken erhob er sich und eilte gen Schlafzimmer, ihr dabei noch etwas zurufend. „Sag ihnen, ich bin gleich fertig!“

Der Ausdruck ihrer Verärgerung schmerzte ihn.

Die Straße war noch immer schlammig, doch leichter Bodennebel um seine Füße hinderte ihn daran alles zu sehen. Es war ihm nicht bewusst, wie er hierher gekommen war. In einem Moment verließ er den alten leeren Bauernhof, im nächsten stand er mitten in einem Dorf und konnte nichts über den Weg dorthin sagen. Kein Eingangsschild begrüßte ihn – auch keine Einwohner. Der Weg sah aus wie jener vor dem Hof, also konnte er nicht allzu weit gereist sein – auch da es kaum dunkler geworden war – , doch sah er trotzdem hinter sich nur Dunkelheit zwischen kalten Bäumen – und dachte sich nichts dabei.

Es drängte ihn zu erfahren, wo er sich hier befand – und was mit Sasis geschehen war. Eilends folgte er dem Weg, einen möglichen Dorfplatz suchend, von dem er weiter ausgehen konnte. Rechts und links tauchten immer häufiger Häuser auf, die aber mehr der Hütte des Bauernhofes ähnelten denn Stadthäusern und in ungleichen Entfernungen zur Straße errichtet worden waren. Keines schien mehr als ein Stockwerk zu haben und nicht eines wies Anzeichen von Leben, lediglich Verfall auf. Wo also waren die Einwohner? War er hier in eine Geisterstadt, einen verlassenen Ort geraten? Wenn ja – wie und warum.

Die Fragen aber verblassten, als er das Gefühl bekam beobachtet zu werden. Schon auf dem Hof hatte er es gehabt – etwas flüsterte ihm zu, wie Augen aus der Dunkelheit seine Schritte beschatteten. Zunächst unauffällig, dann sichtbarer versuchte er seine Umgebung danach abzusuchen, doch gab es Tausende von Möglichkeiten für jemanden, sich hier zu verstecken. Hinter den Fenstern der Häuser, sofern nicht verhangen, starrte ihm Düsternis entgegen und im stärker werdenden Zwielicht hätte sich problemlos jeder zwischen Häusern, hinter Büschen und verlassenen Fahrzeugen, gar draußen in diesem unscharf erscheinendem Wald verbergen können.

Schaudernd ging er weiter – und erreichte eine Kreuzung, die mittig des Ortes zu liegen schien. Von ihm unbemerkt waren die Häuser enger an die Straße gerückt und hatten sich gen Himmel gereckt. Genau an der Kreuzung waren sie schon fast beeindruckend und eines davon lockte besonders. Die Schrift an der Vorderseite konnte er nicht entziffern; sie verschwamm vor seinen Augen, doch erkannte er hinter den Vorhängen des Erdgeschosses warmen Feuerschein und Essensgeruch wies ihm den Weg durch die Vordertür hinein.

„Ah, da bist du endlich – wie war es?“

Verwirrt sah er sie an. „Was?“

„Na sag schon, hast du es bekommen?“

Er blickte zunächst ihr freudig aufgeregtes Gesicht, dann seine leeren Hände an – und wagte nicht, ihr ein zweites Mal ins Gesicht zu sehen.

„Was? – Hast du? – He – warum gehst du?“ Sofort eilte sie ihm nach, ihre Stimme schärfer werden lassend. „Du hast es nicht bekommen, oder? Warum nicht? Es war doch so einfach! So einfach, was du tun solltest – und du hast es nicht geschafft! – Warum verlass ich mich überhaupt noch auf dich?“

Er wollte den Streit nicht, doch sie scheinbar – zornig wandte er sich um. „Wenn es so einfach ist, dann geh‘ doch selber!“

Kurz sah sie ihn sprachlos an, bis sie letztlich ihre Stimme wiederfand. „Das werde ich auch!“ Und mit einem Mal rauschte sie aus dem Zimmer, die Tür laut hinter sich zuschlagend.

Er aber wandte sich seinem Mahl zu.

Ein Geschmack von Verwesung kam ihm auf die Zunge und der Geruch von Schimmel und faulendem Holz stieg ihm in die Nase. Die Luft war feucht und modrig, der Boden bedeckt von Unrat, Moos und Schlamm. Dinge, die er nicht genau erkennen konnte – und wollte – hingen von der Decke und ganz allgemein war das Gebäude in keinem Zustand, den er für lebenswert halten würde. Immer wieder trat er auf weiche Gebilde, die unter seinen Schuhen leicht nachgaben und ihm dadurch Schauder über den Rücken jagten. Statt Essensgeruch erwartete ihn nun dieser faulende Gestank; statt wärmendem Feuerschein war da nur die beklemmende Feuchte.

Eigentlich wusste er nicht, wonach er hier suchte, doch hatte er das dringliche Gefühl, es tun zu müssen. Vorsichtig öffnete er die Tür, die von dem dem Gang in welchem er sich befand zu einem Raum führte, den er erkunden wollte – und hielt erschrocken an, als er am anderen Ende etwas rascheln hörte; wie Laub unter Schritten. Da jedoch nichts weiter geschah, wagte er sich hinein, über zerbrochene Möbel, vorbei an aufquellendem Holz und über unendliche Scharen von Ungeziefer hinweg. An der Stelle angekommen, wo es geraschelt hatte, sah er nichts Besonderes – doch, einen Haufen Zettel. Neugierig kniete er nieder. Anfassen wollte er sie sicherlich nicht, waren sie doch auf den ersten Blick sichtbar nicht mehr in dem Zustand wie einst. Scheinbar boten sich ihm dort alte Nachrichten.

„Seltsame Höhlen in den Bergwerken von Roggis gefunden.“

Roggis – ein Ortsname – wieder kam ihm etwas entfernt vertraut vor. Wo hatte er das schon mal gehört?

„Die Bergwerke von Roggis liefern kein Gold mehr.“

„Zahllose Siedler verlassen Roggis.“

„Das Land will Roggis keine Unterstützung gewähren.“

So und so ähnlich klangen viele der Überschriften, die er da las. Was auch immer dieses Roggis war, es schien ihm nicht gut zu gehen.

„Schlimmer Unfall in den Bergwerken von Roggis! Zahllose verschüttet.“

„Frau des Bürgermeisters von Roggis verschwunden. Vermutung, dass sie die Höhlen der Bergwerke erkundete.“

Soweit er es überblicken konnte, schienen alle Nachrichten von diesem Roggis zu handeln. Die Schlussfolgerung lag also nahe, dass er sich in dem Ort dieses Namens befinden musste – sofern nicht ein von einem anderen Dorf Hergezogener diese gesammelt hätte.

„Roggis wird keinen Schutz im Krieg bekommen.“

Damit endeten die neuesten Nachrichten, soweit er das feststellen konnte. Die Umgebung da draußen sah aber nicht gerade zerstört aus, nur verlassen und – tot.

Er wusste nicht, wieso, doch mit einem Mal vermochte er zu sagen, dass er beobachtet wurde. Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie draußen auf der Straße sich etwas bewegte – und dann war es ruhig. Sofort verließ er den Raum und folgte dem Flur; stürzte auf die Straße hinaus.

„Ist es hier nicht wunderschön?“

Verwirrt unterbrach er seine Frau und blickte auf. „Oh – äh – was?“

Sofort verdüsterte sich ihr Blick. „Du hast nicht wirklich deine Arbeit mit genommen, oder? – Wir wollten hier allein und in Ruhe sein!“

Als wollte er sie schützen, hielt er die Unterlagen vor sich.

„Das ist wichtig – für uns alle – wenn wir das nicht in den Griff bekommen – könnte es für alle zu spät sein.“

Plötzlich warf sie etwas nach ihm, dass sie vom Boden aufgehoben hatte. „Wenn du nicht bald etwas anderes in den Griff bekommst, wird es für uns auch zu spät sein!“

„Ach! – Jetzt spiel dich bitte nicht wieder so auf.“ Er sprach ruhig, doch gereizt. Momentan hatte er wirklich keine Lust auf sowas.

Sie aber wurde rot vor Wut. „Ich und mich aufspielen? Oh! Dir werde ich es zeigen!“

Sie konnte sich wirklich immer wieder so schrecklich aufregen, was auch ihn letztlich nicht mehr halten lassen konnte.

Noch aber versuchte er sich zusammenzureißen. „Beruhige dich! – Warum kannst du nie vernünftig mit mir reden; warum musst du immer gleich schreien?“

„Wer schreit denn hier!“ Ihre Stimme wurde schriller.

Nun hatte er keine Geduld mehr. Zitternd versuchte er sich noch zu beherrschen.

Sie bemerkte nichts; steigerte sich in ihre eigene Rage. „Ah!- Warum nur habe ich mich je darauf eingelassen? Du bist doch so ein Versager! Du hättest das nicht mitnehmen müssen, da du eh versagen wirst!“

Nun reichte es. Seine Hand unterstand nicht mehr seinem Willen. Plötzlich und ohne Vorwarnung schlug er sie. Erst als sie vor Schmerz zurückzuckte um sich dann zusammenzukrümmen und anfing zu weinen, bemerkte er seine Tat.

Sofort tat es ihm leid. „Das wollte ich nicht…“

Doch sie ließ sich nicht trösten. Und so wurde ihr Schmerz auch der seine.

Sich in einer dunklen Seitenstraße unter einem bewölkten Nachthimmel wiederfindend, fragte er sich kurz, wie er da hingekommen war. Er erinnerte sich noch, die Tür eines Hauses aufgerissen zu haben, dann – wurde es hell – und im nächsten Augenblick stand er hier. Er glaubte, dass dies schon mehrmals erlebt zu haben – warum? – da hörte er ein Quietschen am Ende der Gasse. Sofort lief er los in Richtung des Geräusches, dabei Müll und Schutt ausweichend, deren Gestank ihn sonst hätte ohnmächtig werden lassen, und fand eine schmale Hintertür in das Gebäude links von ihm führend.

Knarrend und quietschend schwang diese hin und her, bewegt von der durch die Gasse ziehenden Luft. Fast schon enttäuscht hielt er ein, hörte sein hämmerndes Herz und entspannte sich wieder. Welch eine schreckliche Nacht dies doch war – da fiel im Inneren des Hauses etwas lautscheppernd zu Boden. Sein Herz machte einen Sprung und so tat auch er. Sich kaum entscheiden könnend zwischen der Furcht, die dieser Ort ihm einjagte, einer Neugier mehr wissen zu wollen und dem Verlangen, ein Lebewesen an diesem Ort zu finden – gewannen die letzten beiden.

Vorsichtig öffnete er die Tür und ließ sie dabei vermutlich mehr quietschen, als wenn er sie aufgerissen hätte. Drinnen durchsuchte er jeden der Räume, die allesamt seit Jahren verrottend sich ihm darboten; ähnlich allem anderen, das er bisher gesehen hatte: Möbel und andere Einrichtung waren kaum noch erkennbar; entweder aus Gründen der Jahre oder weil irgendwer – oder irgendwas – sie einst zerstört haben muss. Doch dann entdeckte er die Treppe in den Keller, einen großen Raum, der aber beheizt und hellerleuchtet von einem Ofenfeuer war – und an jeder Wand hingen Zeichnungen und Briefe – allesamt von Sasis, wie er sofort erkannte.

Sasis! Wie hatte er sie seit dem Bauernhof vergessen können? Und wichtiger: Was sollte dieser Raum? Entsetzt sah er sich die Bilder an, wie sie Sasis in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen zeigten, sowie in allen Altern, vom Kind bis – zum Tod. Schrecklicherweise bot sich ihm dieses Bild als Abbild ihrer verunstalteten Leiche, die davon abgesehen aber noch aussah, wie er sie gekannt hatte. Wer wollte ihm so etwas antun, zu behaupten, sie sei derart abscheulich gestorben? Würde er diesen jemand finden, seine Gnade wäre nicht vorhanden. Weiterhin: Wer schon grundsätzlich wohl hatte Interesse, auch bloß seine Frau zu beobachten, wie er es hier getan haben muss? Oder waren alle Zeichnungen Fälschungen?

Die Briefe erkannte er als alte Zeugnisse vergangener Tage, an denen sie noch frisch verliebt sich gegenseitig geschrieben hatten. Einige, deren Absendezeiten jünger waren als die der anderen – aber was wusste er schon über das Jahr, wenn er nicht mal wusste wo er war? – zeigten ihm aber auch hier Böses. Der Ton der Briefe wurde teils zornig, als stammten sie aus einer Trennung, die sie aber nie gehabt hatten. Zunächst waren die Zeilen wütend, dann traurig und später wurden sie versöhnlich bis hin zu wieder liebend klagend. Die Schrift war die ihre; es konnte sie unmöglich jemand gefälscht haben – doch erinnerte er sich nicht an sie.

Grübelnd und nachsinnend ließ er vom Lesen und Betrachten ab um sich dem Fenster zur Straße hin zuzuwenden, damit die Dunkelheit der Pfade seinen Geist klären könnte bis er Platz für Neues hätte. Doch kaum dass er hinausblickte, sah er eine düstere Gestalt, die etwa von der Tür des Hauses in dem er sich befand die nächtlichen Straßen überschritt um zwischen anderen Häusern wieder zu verschwinden. Aufgeschreckt und angetrieben von einem rasenden Herz versuchte er dieser Gestalt zu folgen. Er rannte aus dem Zimmer, einen Flur voll Gesteins entlang und riss die Tür zur Straße auf.

„Warum rennst du so?“ Er war außer Atem, doch sie lief immer weiter über die Wiese.

„Jetzt komm doch!“ Bald hatte sie den Baum erreicht und wartete auf ihn alten Mann, der keuchend hinterherkam.

„Willst du mich etwa umbringen?“

„Na, ich glaube, da würde ich dann andere Wege wählen.“ Lachend setzte sie sich auf das Moos am Stamm.

„So? – Und welche wohl?“ Vorsichtig wählte er den Platz neben ihr.

„Als würde ich dir das verraten.“

Schweigend blickte sie dann den Hang hinab, von wo aus die Berge langsam begannen. „Wann wirst du endlich mit mir in die Berge reisen? – Sie sind so nah – und doch so fern.“

„Sie sind gefährlich – und wegen ihnen habe ich zuviel zu tun.“

Verärgert zog sie die Augenbrauen zusammen. „Fängst du schon wieder von deiner Arbeit an?“

Er war verletzt. „Warum – warum musst du meine Worte immer so verdrehen? Was bringt es dir?“

Sie schnappte sichtbar nach Luft. „Oh ja! Das würde dir ähnlich sehen: mich jetzt als Böse hinstellen.“

Sein Gesicht zeigte Verzweiflung. „Warum wirst du nur wieder so?“

Ohne ein weiteres Wort aber stand sie auf und ging in Richtung der Berge.

„Was tust du da?“

Doch sie antwortete nicht auf seine Rufe. Hastig erhob er sich und lief ihr nach, bis doch noch etwas von ihr kam.

„Lass mich in Ruhe!“

Und das tat er dann; beobachtete, wie sie weiter auf die Berge zuging.

Nach etwa einer Stunde verzweifelten Überlegens beschloss er, doch zu folgen. Er sollte sie in den alten, der Gefährlichkeit wegen stillgelegten Bergwerke finden.

Sie erwartete ihn bereits. „Eigentlich hatte ich es noch einmal mit dir versuchen wollen. Doch nun – kann ich es dir auch sagen: Ich halte es nicht mehr aus. Deine Arbeit war dir stets wichtiger als ich es bin. Andere Männer aber sehen mich noch und wissen wir man mit umzugehen hat – Ich verlasse dich.“

Er war nahezu sprachlos. „Wer…?“

„Ist das noch wichtig?“

„Sag!“

„Das ist also wirklich alles?“ Sie wirkte enttäuscht. „Du arbeitest seit Jahren mit ihm zusammen.“

„Was – ? Wie konntest du – ?“ Wut überlagerte den Schmerz.

„Ja – und er gibt mir mehr als du.“

„Du – !“ Zornentbrannt stürzte er sich auf sie; legte seine Hände um ihren Hals.

Nebel wallte um seine Füße, während er über den Acker schritt. Rechts und Links säumten Gräber seinen Weg, dass es ihn schauderte. Nichts hier an diesem Ort lebte und seine Toten wollte er nicht wandeln sehen. Voraus erkannte er bloß Dunkelheit und selbst über ihm war nur Schwärze. Unsicher stapfte er durch die Reihen der Erinnerungssteine. Einmal sah er sich um, doch erkannte nicht mehr als beim Blick voraus. Hin und wieder sah er aus den Augenwinkeln kleine Gebäude, wohl große Gräber, doch so oft er versuchte sich einem zu nähern, schien es ihm, als würden sie weiter verschwinden.

Sich fragend wo er hier war und wie er wieder wegkäme, sah er plötzlich eine dunkle Gestalt in der Ferne vor sich, die er glaubte schon einmal gesehen zu haben. Er rief sie an und bemerkte jetzt das erste Mal, keine Stimme zu haben. Er wedelte mit den Armen, doch die Gestalt schien ihn nicht zu bemerken. Er lief auf sie zu, doch so sehr er sich auch bemühte; er näherte sich ihr nicht, blieb immer an der gleichen Stelle. Und noch während er so verzweifelt und sinnlos dahin lief, hob die Gestalt ihre Haube an.

Verzweifelt sank er auf die Knie, während die Welt um ihn verschwand und nur Dunkelheit übrig ließ.

„Oh, es tut mir so leid! Schluchzend beugte er sich über Sasis, nahm sie in den Arm, strich ihr das Haar aus dem Gesicht. „Wie konnte es bloß jemals so weit kommen? Ich liebe dich doch viel zu sehr… – Wie könnte ich ohne dich leben?“

Er schwor sich, sie niemals zu vergessen. Doch unmöglich konnte er so wieder heim nach Roggis kehren; er kannte die Strafe. Dringend musste er sich etwas einfallen lassen; dann würde man ihn niemals wieder in Roggis erblicken.

Zeit seines Lebens erfuhr niemand die Wahrheit. Und er – er wurde glücklich ohne sie und ihre Launen.

Nachdem sie ihre Haube gelüftet hatte, sprach Sasis zu ihm. „Ja, du hast mich umgebracht und nun sind wir beide hier. Statt mich zu ehren oder dich zu entschuldigen, bist du damals feige geflüchtet. Du behauptetest immer mich zu lieben aber machtest mir das Leben zum Leid. Endlose Schrecken wünschte ich mir für dich. Im Leben konnte ich sie dir nicht bescheren für das, was du mir angetan hattest, doch nun, da du selber auch tot bist, darf ich dich endlich strafen. Lange habe ich gewartet; ewig wirst du nun leiden. Niemals wieder wirst du schöne Augenblicke kennen, dafür wird mein Hass sorgen. Sei gefangen hier in deinem Alptraum für den Rest deiner Ewigkeit!“

ENDE


GaP III Der Schatten des Gaervin

Januar 31, 2020

Der Schatten des Gaervin

Geschichten aus Pervon, Teil III

(nach Hans Christian Andersen)

I

Sein Schatten folgte ihm überall hin. Was er auch tat; sein Schatten ahmte ihn nach. Wenn er sich auf einen Stuhl an den Tisch setzte, tat sein Schatten es ihm gleich. Hob er seinen Kelch, so sah er es seinen Schatten auch tun. Ob dem schwarzen Gesell der Wein wohl auch ebenso munden würde wie ihm selber? Hatte der Wein überhaupt einen Schatten, den sein Schatten wiederum kosten könnte? Und vor allem beschäftigte ihn die Frage, wie es seinem Begleiter wohl gefiel, sein Schatten zu sein; ihm schon seit Jahren überall hin zu folgen.

„Habt ihr noch einen Wunsch, Herr?“ Der Wirt selbst war gekommen, sich nach seinem Wohl zu erkundigen.

Ach, wie freundlich das Volk doch in diesem nördlichen Lande Habarien war. „Nein danke – ihr beehrt mich.“

Das verleitete den Wirt dazu, sich nur noch tiefer zu verbeugen. „Aber Herr – den großen Gaervin hier zu haben beehrt mich und mein Haus wesentlich mehr. – Was immer euer Wunsch; ich werde ihn euch erfüllen.“

Doch Gaervin lächelte nur und schickte den Wirt fort. Dass sein Name bis hierher vorgedrungen war, erstaunte ihn immer wieder. Daheim in Progissi war er nur ein Gelehrter unter vielen, der von seinesgleichen kaum mehr Aufmerksamkeit bekam als eine Stubenfliege am Hofe der Göttlichkeit. Doch hier – war er etwas besonderes. Aber ach! lange könnte er nicht mehr hier verweilen; schon neigte sich die Förderung seiner Forschungen dem Ende: Für den Folgetag war seine Abreise vorgesehen. Jetzt aber genoss er seinen Platz in der Sonne, beobachtete das Volk bei seinem Treiben und warf dann und wann seinem Schatten einen Blick zu, ob er dies alles auch so genießen konnte.

Als es später wurde suchte er sein Zimmer im Gasthaus auf, doch nutzte er noch die letzten Sonnenstrahlen, um die Aussicht vom Balkon zu genießen. Und oh! da war er wieder; wie auch Gaervin saß auf seinem Balkon, so tat es auch sein Schatten auf dem des Nachbarzimmers. Erfreut ihn zu erblicken winkte Gaervin ihm zu und freundlich wie sein Schatten immer war, winkte dieser zurück. Es dauerte nicht lange, da verspürte Gaervin eine tiefe Müdigkeit und entschloss sich bald schlafen zu gehen, doch nicht ohne noch seinen Schatten zu verabschieden. Und auch dieser machte sich auf, hinein in das Nachbarzimmer. Als Gaervin später im Bett lag und langsam einschlief fragte er sich noch, ob nebenan sein Schatten nun auch so schlafen würde.

Am nächsten Morgen fiel ihm selber noch nichts auf, doch sollte er sich sehr wundern, als er das Haus verließ und zur bereitgestellten Kutsche gehen wollte. Ein Stallbursche, der gerade vorbeigeeilt kam, blieb überrascht bei seinem Anblick stehen, deutete auf ihn als sei er etwas besonderes und eilte dann davon, dabei in seiner Sprache etwas rufend das stark nach ‚Kein Schatten!‘ klang. Und tatsächlich – als Gaervin sich wandte nach seinem Schatten zu sehen, da fehlte etwas. Wo war er hin? Obwohl es ein heller sonniger Morgen war, warf Gaervin keinen Schatten.

Geistesgegenwärtig eilte er sich in die Kutsche zu steigen und diese abfahren zu lassen. Unterwegs hatte er noch genug Zeit sich zu wundern, doch konnte er gerade nichts mit verwirrtem Volk anfangen.

 

II

Daheim in Progissi angekommen sowie auch unterwegs schon suchte Gaervin fortan stets schnell seine Gemächer auf und versuchte dafür zu sorgen, dass niemand ihn zulange zu genau betrachten könnte. Teils erwies sich das als schwierig, da er vor allem an Gasthäusern auch mit den Betreibern sprechen musste. Doch irgendwie wuselte er sich immer durch.

„Herr, habt ihr noch Wünsche?“

Auf diese Frage hatte Gaervin schnell immer dieselbe Antwort zu geben. „Nein – ich wünsche nur schnell ein Zimmer zu bekommen; ich fühle mich nicht wohl.“

„Herr – soll ich euch einen Heiler rufen?“

„Nein – aber ihr ehrt mich mit eurer Umsicht.“

Daraufhin verbeugte sich der Wirt stets tiefer denn zuvor. „Herr – ihr beehrt uns.“

Das stimmte nicht immer, da Gaervin, je näher er seiner Heimat kam, immer unbekannter wurde und für die Wirte kaum noch eine Bereicherung war. Doch dieser wusste nicht davon, dankte seinen Gastgebern und hielt sie tatsächlich in Ehren.

Zurück in seiner Heimat bemerkte er zu seiner Erleichterung, dass langsam wieder ein Schatten zu sehen war. Noch war er nur klein und schwach, doch änderte sich das mit der Zeit und nach wenig mehr als zwei Monden schien alles wie beim Alten. Anfangs wunderte er sich sehr, was da mit ihm geschehen war, doch als die Dinge ihren gewohnten Gang nahmen, vergaß er die Angelegenheit bald wieder.

Nach zwei Jahren dann aber klopfte es plötzlich an seiner Tür. Sehr verwundert dachte er nach der Öffnung zunächst einen Spiegel vor sich zu haben, doch sprach dieses Spiegelbild mit ihm.

„Gaervin – Freund! – erkennst du mich nicht? Ich bin es! Dein alter Gefährte; dein treuester Schatten!“

Der Angesprochene wusste nicht, was er denken solle. Da stand doch tatsächlich ein wildfremder Mann vor ihm, der aber aussah wie er selber, und behauptete sein Schatten zu sein, der ihm vor Jahren einst verloren ging.

„Aber ich habe doch einen Schatten?“ Natürlich glaubte er dem Fremden nicht, doch wirkte dieser immerhin trotz seiner wilden Vorstellungen harmlos und ihn wenigstens anhören könnte er ja. Es war Abend und die Nacht näherte sich mit schnellen Schritten, so bat er den Mann hinein auf ein Glas Wein um sich mit ihm zu unterhalten.

Der Fremde war in der Welt weit herumgekommen und wusste allerlei Geschichten zu berichten von tollkühnen Taten, bösen Männern und schönen Frauen. Stets blieb er aber dabei der Schatten zu sein. Gaervin selbst dagegen war die letzten Jahre stets daheim geblieben, der Forschung dienend doch ohne große Anerkennung. Dies störte ihn kaum, war er doch froh bloß zu leben und mit dem stets gut gesinnten Volk zu sprechen. Aber trotz seines Wohlwollens fiel es ihm schwer die Geschichte des Mannes zu glauben. Zwar erinnerte er sich noch an den plötzlichen Verlust und die Genauigkeit der Beschreibung des betreffenden Abends aus dem Munde des Mannes schien ihm bemerkenswert, doch blieb er ungläubig.

„Aber wenn ich es dir sage! Ich war stets an deiner Seite; weiß deine dunklen Geheimnisse und die des Volkes.“

Und als der Mann so von Dingen sprach, die nur Gaervin wissen konnte, ließ dieser sich langsam überzeugen. Er bot dem Mann, seinem vermeintlichen Schatten, an zu bleiben, solange er wolle.

„Hab Dank – und wieder sind wir vereint.“

Der Fremde – der Schatten – bestand darauf, der Öffentlichkeit fern zu bleiben, um nicht zu großes Aufsehen zu erregen, da er selber sich äußerst schwach fühle und sich nach Jahren der Wanderschaft endlich einmal nach Ruhe sehnte. Sein Gastgeber willigte ein und während dieser, von seinem Besuch sonderlich gestärkt, wieder öfter Ausflüge hinaus in die Stadt unternahm, blieb der Schatten daheim und unternahm für ihn Arbeiten.

Nach einigen Wochen hatte Gaervin zu diesem Mann, der sich mittlerweile auf das Spiegelbild anspielend Nivreag nannte, bereits großes Vertrauen gefasst; unabhängig davon, ob seine Geschichte wahr sei oder nicht. Zwar verwunderten ihn manchmal die Ansichten Nivreags über die Tugenden des Volkes, die so völlig gegensätzlich zu den seinen waren, doch verstanden sie sich davon abgesehen einfach zu gut; hatten über zuviele gemeinsame Geschichten der Vergangenheit zu lachen. Als Gaervin dann einen neuen Forschungsauftrag im Süden, in der Stadt Serjen, erhielt, nahm er Nivreag dorthin mit.

 

III

Schon vor ihrer Abreise hatte sich Gaervin angefangen seltsam kraftlos zu fühlen, was auf ihrer Reise kaum noch besser wurde. Sein Begleiter dagegen schien immer weiter zu genesen. Bei ihrer Ankunft in Serjen fühlte der Forscher sich schließlich kaum noch in der Lage, Geschäften im Freien nachzukommen, sondern suchte seine Zeit hinter dem Schreibtisch zu verbringen. Mit Nivreag als seinem Doppelgänger hatte er aber eine Möglichkeit, trotzdem außerhalb seines Zimmers zu handeln, da niemand in dieser Stadt von ihrer seltsamen Ähnlichkeit wusste. Nivreag willigte gerne ein und tat anfangs in der Stadt für seinen Gönner, was dieser von ihm verlangte.

„Herr – habt ihr noch einen Wunsch?“

Nivreag wusste um die dunklen Seiten des Volkes und wie er diese für sich nutzen könnte, was ihm schnell viele Erfolge, Gaervins Bewunderung und den Hass der städtischen Forschungsgemeinde einbrachte.

„Ja, den habe ich – seht ihr diese Frau?“

Gaervin aber wusste von alldem nichts, er war bloß froh um die Erfolge seines Freundes, derweil die Stadt den Namen Gaervin bald mit List und Tücke verband. Doch ein Geschöpf gab es in dieser Stadt, das nur die besten Seiten des vermeintlichen Forschers kennenlernte.

„Herr – was immer ihr wünscht – ich stelle sie euch vor.“

„Ihr ehrt mich.“

„Nein Herr – ihr beehrt uns viel mehr.“ Sich tief verbeugend verschwand der Wirt.

Trotz all seines Hasses für das gemeine Volk lernte Nivreag eine Frau kennen, die er schonen und für sich haben wollte. Gemeinsam wollten sie fort. Doch das ging nicht, solange Nivreag nicht vollständig war.

Eines Abend erklärte er Gaervin, dass er einst nur zurückgekommen war, da er alleine nicht länger hätte leben können. Nun war er völlig abhängig von ihm, seinem Schöpfer, doch wollte er niemals wieder bloß der Schatten sein. Gaervin konnte ihm immer noch nicht ganz glauben, doch kannte sein Herz bereits die Wahrheit. Sein Schatten hatte ihn einst verlassen, die wahre Welt kennenzulernen und erkannte dabei die Natur der Völker besser als er selbst. Jetzt wollte er seinen eigenen Weg weitergehen, doch brauchte er dafür Gaervin immer noch.

Und als am nächsten Morgen der Mann, den man in Serjen als Gaervin kannte, zu seiner Geliebten ging um ihr zu erzählen, dass er bereit wäre für sie, da gab es den wahren Gaervin bereits nicht mehr. Doch dieser Mann, der dort die Stadt verließ, hatte endlich einen kräftigen und wirklich wirkenden Schatten für sich gefunden.

 

ENDE

 

 

Anmerkung des Herausgebers

Dies ist eine Geschichte aus dem Osten des Landes, die sich das dortige Volk bereits seit Jahrhunderten erzählt. Es ist unbekannt, worauf diese Geschichte zurückgeht, doch ist der Name Gaervin ein recht gewöhnlicher und häufiger in diesen Landen. Noch heute aber nutzt das Volk im Osten diese Geschichte um ihren Kindern zu zeigen, dass Licht auch Schatten erzeugt und dass Gut und Böse nie untrennbar sind.

Chaereil, Geschichtenerzähler am Hofe seiner Göttlichkeit.

Pervirton, Pervon ir’Lair, Pervon, 1. Tag des 8. Mondes des 20. Jahres der Herrschaft seiner Göttlichkeit.


GaP II Auf der Suche nach der eigenen Wahrheit

Januar 31, 2020

Auf der Suche nach der eigenen Wahrheit

Geschichten aus Pervon, Teil II

 

I

Die Tür schwang langsam hin und her, mit ihrem Quietschen das Fauchen des Windes untermalend. Gut unterhalten sah Sranis ihr dabei zu und lauschte den Geräuschen. Seine Beine schwangen im Takt der Tür hin und her, derweil er an einem hölzernen Etwas kaute. Er wusste nicht, wie lange seine Eltern bereits fort waren, doch störte es ihn auch kaum. Noch hatte er sich und das Holz als Beschäftigung, die Laute des Abends als Lied.

Plötzlich wurde die Tür unfreundlich aufgestoßen und knallte gegen die Wand. Zwei Gestalten kamen hereingestürmt. Der Mann schlug die Tür hinter sich zu und stemmte sich dagegen, derweil die Frau sich einen Stuhl schnappte und ihn zwischen Türgriff und Boden verkeilte. Kaum war dies geschehen, da klopften – nein, schlugen – Wesen von Außen gegen das Holz der Tür. Der Stuhl hielt diesem nicht stand, weshalb der Mann den kleinen Schrank vor die Tür schob. – Dies schien zu reichen.

Endlich erkannte Sranis die beiden, warf freudig die Arme hoch und kreischte fröhlich; endlich waren Mutter und Vater zurück. Doch diese beachteten ihn nicht, verbauten lieber die Fenster. Von draußen rüttelte und krachte es gegen diese sowie die Tür – aber die Maßnahmen hielten.

Endlich schien auch seine Mutter ihn zu bemerken. Besorgt dreinblickend kam sie zu ihm und sah ihn ernst an. „Mein Sohn – du wirst es nicht verstehen; dort draußen sind Banditen – sie wollen unser Leben. Nie haben wir ihnen etwas getan – hier draußen sind wir leichte Beute – “

Hastig warf sie einen Blick zu seinem Vater, als man Holz krachen hörte.

„Wir sind sicher – seine Göttlichkeit wird uns retten.“ Mit seltsam fester Ernsthaftigkeit war sein Vater in der Mitte des Raumes stehengeblieben.

Seine Mutter sah ihn kurz nachdenklich an, dann warf sie ihrem Sohn ein Lächeln zu. „Ja, er hat Recht – wir sind hier sicher, denn seine Göttlichkeit sandte uns hierher und wird uns hier nicht alleine lassen.“

Sranis aber quietschte nur vergnügt; ihm gefiel die plötzliche Aufmerksamkeit.

Acht Tage später hatten sie nichts mehr zu essen. Dass draußen weiter die Banditen lauerten, konnten sie leicht überprüfen; kaum jemand hätte mehr Krach gemacht. Nach einer Weile gefiel Sranis das Spiel aber immer weniger und als es kaum noch etwas für seine Zähne zu tun gab, beschwerte er sich auch immer öfter.

„Mizresch, was sollen wir tun? Es geht ihm nicht gut – “ Sein Vater hatte mit ihm in den letzten Tagen kaum gespielt, doch seine Mutter kümmerte sich dafür umso mehr um Sranis.

Nun sah der Mann sie bloß an, als hätte sie ihren Verstand verloren. „Zweifel nicht Frau!“

Tatsächlich waren sie wenige Stunden später gerettet.

Zum ersten Mal seit Tagen quiekte Sranis wieder vergnügt, als einige bewaffnete Männer in Rüstungen das Haus betraten – selbst er kannte schon die Farben. Auch erkannte er durch die Öffnung der Tür hindurch einen lustigen Anblick im Garten – wieviele Männer dort doch Verstecken spielten – ob er wohl auch mitmachen dürfe? – doch sich im Liegen verstecken war nicht gut.

„Endlich seit ihr da!“ Seine Mutter war mehr als erleichtert, die Krieger des Reiches im Hause zu haben.

„Wir haben euch erwartet!“ Sein Vater war sicher und fest – klang er nicht sogar ein wenig stolz?

„Iek!“ Sranis selbst quiekte nur. Keiner der ankommenden Männer schien ihn zu beachten,. Und dabei wollte er doch mit ihnen spielen. Immer wieder griff er nach einer Rüstung, einem Wappenrock, wenn einer der Männer vorbeiging. Bald hielt man ihn für so störend, dass man ihn auf den Boden setzte – der Fehler wurde ihnen aber schnell gewahr. Fröhlich krabbelte Sranis hierhin und dorthin, stets den fremden Kriegern nach.

Erst nach einigen Stunden waren sie wieder verschwunden; hatten die sogenannten Banditen mit sich genommen, sogar noch vieles des elterlichen Glitzerzeugs. Dass diese sich trotzdem freuten und dem Bildnis seiner Göttlichkeit ein Opfer darbrachten, sollte Sranis nie verstehen.

 

II

Und wieder hopste das Wesen davon. Seine verhältnismäßig langen Hinterbeine nutzend, brachte es eine kurze Entfernung zwischen sich und Sranis. Dieser folgte ihm langsam, es nicht zu erschrecken. Trotzdem sprang es, kurz bevor er es erreichen konnte, wieder auf und davon. Seit fast einer Stunde schon spielten sie dieses Spiel und keiner von beiden schien es je müde zu werden. Von mal zu mal aber sah Sranis zurück zur Hütte. Dann und wann erblickte er darinnen seine Eltern hin und her wuseln, zeitweilen auch aus dem Haus herauskommend die Wiese zum Schuppen kreuzen. Längst schon hatte er erkannt, dass sie Waffen, Rüstungsteile und andere Ausrüstung zusammensuchten. So recht verstehen wozu sie diese brauchen könnten, tat er jedoch nicht.

Später – sein Spiel war kaum vorangekommen – erschien ein anderer Mann vor dem Haus. Sranis erkannte seine Farben sofort, mochte aber nicht mit ihm sprechen – seltsame Gefühle hielten ihn davon ab. Seine Eltern aber empfingen den Mann freudig und unterwürfig, als sei er etwas besonderes. Sofort führten sie ihn in das Haus und kehrten erst eine Stunde später mit ihm wieder zurück. – So lange hatte Sranis dann aber doch nicht mehr spielen wollen.

Einen Tag später ließen seine Eltern auch ihn sein kärgliches Spielzeug samt Kleidung einpacken – heute ginge es in das Dorf, erzählten sie ihm. Er hatte keinen Grund ihnen das nicht zu glauben; freute sich gar auf diesen willkommenen Ausflug und fand sich später auch tatsächlich im Dorf wieder. Dass sie aber seine Tanten, beides alte Witwen, besuchen gehen würden, sagte man ihm nicht. Er hatte sie noch nie wirklich leiden können, da sie auch nur selten freundlich zu ihm waren. Kinder erschienen ihnen als großes Übel dieser Welt und der kleine, vom Leben noch begeisterte Sranis schien das Schlimmste zu sein. Natürlich sagten sie das nicht, doch spürte er es deutlich.

Bitter enttäuscht war er, als seine Eltern nicht mit ihm das Dorf erkundeten, sondern vielmehr bloß mit ihm zu seinen Tanten gingen. Schlimmer noch ward es, als sie nach gut einer Stunde auch wieder abzogen – und Sranis bei den alten Vetteln zurückließen. Hassten sie ihn denn so sehr, dass sie ihm dies antun mussten?

„Pass gut auf dich auf mein Kleiner – wir lieben dich!“ Seine Mutter gab ihm einen Abschiedskuss.

„Wir werden für seine Göttlichkeit in den Krieg ziehen – wenn wir zu dir zurückkommen sind wir Helden!“ Sein Vater verlangte von ihm stark und stolz zu sein.

„Mama! – Nein!“ Sranis wollte nicht von ihnen getrennt sein.

Aber es stellte sich alles als sinnlos heraus, niemand hörte auf ihn. Er war halt nur ein kleines Kind und besaß als solches keine Mitspracherechte – dies hatte er bereits vor einer langen Weile gelernt. Doch nun erwartete ihn ein schlimmes Leben – nie erlaubten es seine Tanten, dass er spielen ging; nie ließen sie ihn draußen in der Natur tollen, wie es seine Art war; nie schenkten sie ihm liebe Worte oder gar ein Lächeln. Stets hatte er im Haushalt zu helfen, musste putzen und kochen; stets gaben sie ihm selber Unterricht, ließen ihn rechnen und schreiben; stets musste er bei Sonnenuntergang ins Bett und bei Dämmerung wieder heraus.

Schnell lernte er das Leben bei den alten Vetteln zu hassen. Immer wieder spielte er mit dem Gedanken zu fliehen, wegzulaufen, heimzulaufen. Doch niemand wäre dort ihn zu erwarten: Seine Eltern waren in den Krieg gezogen; für einen Herrscher, der schon gefrühstückt, während in diesen Landen noch Nacht ist; der sich für seine zahllosen Untertanen nicht mehr interessierte als eine Kuh sich für die Fliegen.

Kaum dass Sranis dies gedacht hatte, fiel ihm auf, dass die Worte seiner Tanten dort sprachen, nicht seine eigenen Ideen. – Und wieder hasste er diese – und schämte sich in späteren Jahren schrecklich dafür.

 

III

Als sein Vater Mizresch allein aus dem Krieg heimkehrte, wusste Sranis zunächst nicht, was er fühlen sollte. Anfangs schien ihm alles nicht wirklich. Er war bisher noch nie mit dem Tod in Berührung gekommen, hatte nie jemanden verlieren müssen. Dann, als seine Mutter auch nach Tagen noch nicht wieder heimgekommen war, fing er an zu verstehen, zu vermissen, zu trauern.

„Sohn, sie ist gefallen, seine Göttlichkeit zu schützen.“ Glaubte sein Vater wirklich, dass diese schwachen Worte irgend etwas gut machen würden?

„Sei stolz Sohn, deine Mutter ist nun eine Heldin.“ Brachte dies sie zurück? Brachte dies ihm irgendeinen Trost?

„Ihr Tod war nicht vergeudet – sie starb für unser Land.“

Im Laufe der Jahre lernte Sranis nun auch noch seinen Vater zu hassen. In seinen Gedanken fing er an ihn nur noch Mizresch, nicht mehr Vater zu nennen. – Zusammen mit der Mutter war auch sein Vater für ihn in diesem Krieg, der nicht der ihre war, gefallen. Sranis lernte das Gefühl der Verzweiflung kennen, als er es daheim bei Mizresch immer weniger aushielt; nur noch flüchten wollte er wie damals bei den Tanten. Ebenso erkannte er, wieviel Wahrheit doch in den Worten und Lehren der Tanten gewesen war.

Eines Tages wagte er den Ausbruch und ging ins Dorf, die alten Frauen wiederzusehen; sich zu entschuldigen; ihnen zu danken. An ihrem Haus angelangt fand er dieses leer vor – was war geschehen? Einen Dörfler auftreibend erfuhr er, dass seine Tanten bereits vor Tagen gestorben und längst verbrannt worden seien. Sranis fühlte sich elend – im Verlauf weniger Jahre verlor er seine Mutter, um sie in seinen zwei Tanten ersetzt findend zu glauben, nur um diese nun gerade zur Entdeckung auch zu verlieren. Und am schlimmsten von allem – nie hätte sein Vater geplant ihn hierüber zu benachrichtigen.

Auf der Schwelle des Hauses seiner Tanten verweilend bemächtigten sich abwechselnd Trauer und Hass seiner. Es dauerte einige Stunden, bis er sich genug gefasst hatte, heimzugehen. Die Zeit dahin vertrieb er sich im Haus der Tanten sowie in dem Wald dahinter, den er nie hatte betreten dürfen. Nun entdeckte er seine Geheimnisse und Wunder, pflückte Beeren und trank aus einem Bergbach.

Daheim angekommen erwartete ihn ein Streit mit seinem Vater: Wo er gewesen sei, was er gemacht hätte, warum er so spät erst heimkehre. Sranis aber würdigte dem keine Antwort, ging geradewegs in sein Zimmer, das Mizresch ihm eigens gefertigt hatte. Natürlich zog dies noch Strafe nach sich; Essen bekam Sranis von Mizresch keines. Doch das war diesem egal; sobald sich die Gelegenheit bot ging er hinaus in den Wald und suchte sich selbst Nüsse und Beeren. Satt wurde er davon zwar nicht, doch hatte er so immerhin einen Sieg über Mizresch errungen, und das war nun am wichtigsten.

Nach seiner Rückkehr sprach dieser für den Rest des Tages kein Wort mehr mit ihm; leider jedoch einen Tag später schon.

„Mein Sohn – es wird Zeit für dich nach Sringwy zu gehen – deinen Dienst seiner Göttlichkeit anzubieten.“

Doch Sranis schenkte seinen Reden keine Beachtung.

„Sohn – ich habe alles für dich veranlasst – du kommst nach Sringwy wie ich damals!“

Sranis aber tat was immer er selbst tun wollte und für den Rest das Tages gab es wieder Ruhe.

„Sranis – heute ist der Tag, dass du nach Sringwy abreisen wirst!“ Stolz sah Mizresch ihn an – und Sranis glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können.

Sringwy? Heute? Was sollte das? – Nein, er würde niemals gehen!

„In einer Stunde wirst du abgeholt.“ Damit war das Gespräch für seinen Vater beendet.

Sranis hielt es nicht mehr aus. Er schrie seinem Vater endlich all seine unterdrückte Wut an den Kopf – über dessen blinden Eifer, seine Mutter, seine Tanten – und nun das. Nein, er wollte selbst entscheiden was er tun würde, und das war sicher nicht die Armee, nicht dieser Krieg.

Eine Stunde später kam ein Wagen, darauf ein einfacher Fuhrmann, der Sranis holen sollte. Niemand begleitete ihn auf dem Hinweg. – Zum Rückweg saß Sranis mit auf der Ladefläche.

 

IV

Der Unrat erwies sich als zäher denn gedacht. Viel Unsinn war darunter, doch sein Ziel war bald in greifbarer Nähe. – Sein Unwissen aber hatte ihm ein falsche Ziel vorgesetzt. All die Mühe erwies sich als umsonst – und dabei hatte er bereits seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Enttäuscht kehrte er der Straße den Rücken und strollte zurück zu seiner Kammer, die er sich über einem Schusterladen halten durfte. Vielleicht sollte er sich doch eine Arbeit suchen oder betteln gehen? – Aber nein. Was war bloß aus ihm geworden? Er hatte doch immer anderes tun wollen.

Seit etwa vier Monaten befand er sich nun hier. Man hatte ihn in eine Art Schule im Osten der Stadt gebracht. Nie hätte er sich diese vorstellen können, weder Schule noch Stadt. Letztere war groß und brummte, wenngleich er vernommen hatte, dass sie bloß ein Dorf sei im Vergleich zur Hauptstadt des Reiches; erstere – war groß und brummte. Letztere war voll Volk der umliegenden Länder, die zum Handeln gekommen waren; erstere – war voll Volk der umliegenden Länder, die nur teilweise freiwillig hier waren, um zu Kriegern ausgebildet zu werden. Er selber zählte zu denen, die nicht aus freien Stücken da waren, doch konnte er auch nicht einfach wieder gehen; dies war verboten. Anfangs bewachte man ihn in der Kriegerschule wie einen Gefangen, der jederzeit flüchten könnte. Einmal wollte er zusammen mit anderen Schülern – Gefangenen? – die Stadt besuchen, doch schon am Tor verbat man ihnen den Austritt.

Auch in der Lehre nahm man sie hart ran, als gälte es sie zu foltern. Man ließ ihnen nur wenig Pausen, wenig Erholung. Mehr als einer der Schüler brach anfangs unter der körperlichen Belastung zusammen – und einige kehrten nicht in ihre Reihen zurück. Auch geistig peinigte man sie, wo man nur konnte – wer nicht allgegenwärtig seine Verehrung für seine Göttlichkeit zur Schau trug, wurde nur kurz über die Gründe befragt und dann bestraft. Sranis hielt dies nicht allzulange aus.

Zusammen mit anderen überlegte, plante er, wie sie diesen Umständen entkommen könnten. Und eines Abends dann wagten sie den Ausbruch. Zu Fünft schlichen sie durch ein Hintertor heraus, derweil die Wache gerade abwesend war – doch schnell entdeckte man ihre Flucht. Nie hatte er geglaubt, dass dieses Land seinen eigenen Untertanen gegenüber so grausam sein könnte, doch letztlich war er der einzige, der entkommen konnte. Nach diesen Ereignissen wusste er nicht, wohin. Zurück in sein Dorf könnte er nicht gehen, dort würde erstens man nach ihm suchen und zweitens sein Vater ihn verprügeln oder gar verraten. – Nein, das konnte er nicht wagen. In andere Orte aber würde er es niemals unbeschadet schaffen, besaß er doch weder Geld noch Nahrung – und im Norden der Stadt gab es nur den endlosen See.

Also blieb nur Sringwy selbst übrig, wo er genau unter den Blicken seiner Peiniger leben sollte. Immer wenn er Krieger in den Straßen sah, musste er sich verstecken; immer wenn er Hunger hatte in den Abfällen suchen; immer wenn er müde wurde in den Gassen schlafen. Und damit war er nicht allein. Irgendwann aber erbarmte sich immerhin ein Schuster seiner und bot ihm Obdach, wenn er dafür im Haushalt helfe, doch Nahrung konnte auch dieser kaum bieten.

Während er auf dem Stroh seiner kleinen Kammer lag und versuchte Käfer zu verscheuchen überlegte er, was er wirklich hatte tun wollen: Frei leben, mit der Natur leben, einsam leben. Lange würde er es in Sringwy nicht mehr aushalten; würde sich nicht etwas ändern, müsste er von alleine gehen. Und Tags darauf geschah es dann bereits.

Bei seiner täglichen Nahrungssuche begegnete er in den Gassen einem Hund. Seltsam wild und struppig sah dieser aus, was Sranis sehr verwunderte, da er bisher in dieser Stadt nur gezähmte Hunde erblickt hatte; doch nichtsdestotrotz suchten sie beide zusammen in einem Haufen nach Essbarem. Als der Hund glücklos blieb, er selber jedoch nicht, bot Sranis diesem seinen Fund an. Da sprach plötzlich jemand hinter ihm.

„ Gib ihm nichts; er ist viel zu verfressen.“

Sich umdrehend sah Sranis eine seltsame Gestalt dort stehen: bärtig, langhaarig, ergraut und in Felle gekleidet.

„Du scheinst Tiere zu mögen . Warum hast du keins?“

Sranis starrte jedoch nur verblüfft, ohne zu antworten.

„Sohn – vielleicht solltest du mit mir kommen. – Ich bin Graridsvod.“

 

V

Das Tier mit den langen Hinterbeinen steckte seine Nase aus dem Busch – schnupperte – und hoppelte plötzlich schnell über die Lichtung, zur anderen Seite hin, wo an weiteren Büschen die Köder aufgestellt waren. Misstrauisch roch es an diesen – und begann zu fressen. Sranis, auf einem Baum versteckt, ließ das Seil los – der Käfig rauschte herab – das Wesen war gefangen. Schnell ließ er sich herab und eilte zur anderen Seite der Lichtung. Dort, zwischen den Wurzeln eines alten Baumes, war der Bau des Tieres. Seit Wochen hatte Sranis es beobachtet; gesehen, wie es Junge bekommen hatte, wie eines von ihnen erkrankt ist und drohte zu sterben. Nun endlich aber konnte er dem betreffenden Kleinen das Heilmittel aufstreichen, ohne dafür von der Mutter angegriffen zu werden. Kaum war dies geschafft, kehrte er zurück zu dem Seil, um die Mutter zu befreien. Nur kurz zögerte diese, um sogleich zurück zum Bau zu hoppeln. Sranis wusste, sie würde höchstwahrscheinlich das Nest wechseln, nun, da ein Fremder dagewesen war, doch schien dies ein lohnender Preis für die Gesundheit des Jungen zu sein.

Zufrieden mit sich selbst kehrte Sranis daraufhin zurück zu der Hütte, die er sich mit Graridsvod nun schon seit einigen Jahren teilte. Es waren schöne Jahre gewesen, soviel war sicher. Graridsvod hatte ihn damals aus dem Elend von Sringwy errettet und hierher gebracht, wo er sein Schüler wurde. Nichts hätte Sranis besser gefallen können. Endlich lebte er in und von der Natur, war niemandem mehr hörig. Die Hütte befand sich in den westlichen Bergen nah der Grenze und damit fast außerhalb der Greifweite seiner Göttlichkeit und des Reiches. Nie hatten sie einen Reisenden sich in diese Gegend verirren sehen; hier lebten sie allein. Selten ging einer von ihnen in ein Dorf oder die Stadt um Vorräte zu holen und ihre gefertigten Gegenstände zu verkaufen. Immer, wenn er das tat, hielt Sranis Ausschau nach anderen, die waren wie er und es wert, gerettet zu werden – doch nie fand er jemanden. So verblieb er einsam bei dem alten Graridsvod, einem großen Niurved und besten Lehrer, den Sranis je hätte finden können.

Einmal jedoch kehrte er noch heim, versteckte sich im Wald, und beobachtete aus den Büschen heraus den Ort seiner Geburt und Kindheit. Mizresch lebte noch dort, hatte einen Schrein auf der Wiese neben dem Haus erbaut und schien sein Leben fortzuführen. Sranis fand keine Anzeichen, dass er vermisst werden würde; kehrte so dem Platz bald seinem Rücken zu.

Wenige Wochen nach seiner Rückkehr in den Wald sollte Graridsvod ihn zu sich rufen. „Mein Sohn, ich habe dir alles gelehrt, das ich weiß. Du hast gelernt die Tiere zu verstehen, mit ihnen zu reden, sie zu heilen, wenn nötig auch von ihren Leiden zu erlösen. Du kennst die Pflanzen, Pfade, Verstecke und Geheimnisse dieser Berge und Wälder. Du verstehst dich auf Fallen stellen, Kochen, Bogen schießen, Spuren lesen, Wetter deuten, Körbe flechten, Säfte mosten, Musizieren, Singen und vieles mehr. Du kannst rennen, klettern, schwimmen und reiten. Und du kennst sogar die Geheimnisse unserer Zunft der Niurved und etliches anderes, dass ich dir nicht nennen muss.“ Stolz blickte er seinen Ziehsohn an und lächelte. „Mein Sohn, du bist mein Schüler, meine Gehilfe, mein Nachfolger, mein – Sohn. Und nun bist du auch ein Niurved. – Dies ist das Zeichen deines Ranges.“ Feierlich überreichte er ihm einen handgeschnitzten Knochendolch. „Doch wisse, mein Sohn, dass all dies nicht ohne Folgen bleibt. Nur ein einziger Niurved kann in diesen Wäldern leben – und ich spüre bereits mein Ende nahen. Auf dich aber wartet die letzte Prüfung – du musst dein Leben und alles hier verteidigen. Ich spüre sie bereits in weiter Ferne…“

Sranis wollte nur einen Teil der Rede des Graridsvod glauben, doch sollte dieser leider Recht behalten – und war zwei Wochen später für immer der Welt entschwunden.

 

VI

Schnell hastete er durch den Wald, sprang über Wurzeln, Büsche und Bäche, umging Felsbrocken und Klippen. Die Tiere waren bereits alle fort, hatten die Gefahr gewittert. Bald erklomm er die Klippen, griff nach Vorsprüngen, Überhängen und Ritzen um sich daran hochzuziehen. Die Vögel waren noch da, kreisten hoch oben in den Lüften, wurden seine Augen und Ohren. Als er auf dem Sims anlangt, kamen sie zu ihm, zu berichten. Die Fremden kamen aus dem Nordosten und hoch über ihnen kreisten die Vögel. Ein Dutzend Männer waren es, so sagten sie ihm, die hier in den Wald kämen, zu jagen. Noch nie war so etwas geschehen; nie hatte sich jemand in diese Wälder gewagt.

Nach seiner Rückkehr in das Grün wurde der Kampf jedoch nicht so schwer. Überall hatte Sranis Fallen ausgelegt, die zu umgehen die Tiere belehrt worden waren, in welche die Eindringlinge aber blind hineinstapften. Zunächst wussten sie nicht, was mit ihnen geschah, doch hatten sie schnell einen Verdacht. Fallgruben, Fußfesseln, Stolperfallen, Käfige, Dornen, Äste und Rutschen konnten ihnen nicht die Tiere in den Weg gelegt haben. Während sie sich durch das Unterholz kämpften, durch die Fallen immer weiter erschöpft wurden, fürchteten sie bald jede Ecke, dass dort eine Falle lauern könnte. Es dauerte nur einen Tag, da beschlossen sie bereits ihr Heil lieber woanders zu suchen. Sranis und dem Wald blieben für eine Weile wieder Ruhe und Frieden.

Wenige Wochen später bereits kamen aber die Siedler. Diese waren friedlicher denn die Jäger, doch Sranis wollte sie trotzdem nicht in seinem Wald haben. Aus Siedlern könnten Jäger werden, die dann wieder seinen Wald bedrohen würden. Außerdem erinnerte er sich noch zu sehr an das Dorf, an dessen Rande er aufgewachsen war. Zwar waren nicht alle Siedler schlecht und einige könnten gar zu Freunden werden, doch war die Gefahr für Wald und Tiere einfach zu groß.

So kam es, dass die Neuankömmlinge Bäume fällen wollten, doch von Vögeln abgehalten wurden, die ihre Därme über ihnen entleerten. Andere versuchten Getreide anzupflanzen, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass alle Körner aufgepickt oder weggebracht worden waren. Weitere wurden beim Wasserholen von eifrigen Tieren in Bäche und Teiche gestoßen, viele machten Bekanntschaft mit Dung vor ihren Zelteingängen und manche wurden gar von fleißigen Bienen in den Hintern gestochen. Und jede Nacht ertönten Gebell, Gekreische, Geheul und vielerlei Laute mehr von überall her und brachten noch jeden Siedler um den Schlaf. Bereits eine Woche nach ihrer Ankunft waren auch sie wieder verschwunden.

Die Jäger und Siedler schienen aber in ihrer Heimat berichtet zu haben. Eines Tages brachten die Tiere Kunde, dass eine Kampftruppe aus dem Osten nahen würde. Zwei Dutzend Männer und Frauen in Rüstungen und mit Waffen. – Kurz fragte Sranis sich, wieviele Kinder heute wohl ihre Eltern missen würden. Aber es blieb keine Zeit für mitleidende Gefühle; sein Wald war in Gefahr.

Der Kampf gegen die Krieger war härter als jeder andere bisher. Auf sämtliche Fallen schienen sie vorbereitet; auf Tiere schossen sie sogleich. Als sie dann auch noch Teile des Waldes in Brand setzten, wusste Sranis, dass er mit ihnen nicht milde verfahren durfte. Während er seine Fähigkeiten nutzte, die Brände so gut es ging einzudämmen, ließ er die meisten Tiere Schutz suchen, derweil die schnellsten und gerissensten unter ihnen zum Köder werden sollten. Stets vor den Kämpfern auftauchend und wieder verschwindend, lockten sie diese in ein Tal der nahen Berge. Von seiner Klipper hoch oben alles beobachtend sah Sranis zu, wie sich der schlimmste Sturm aller Zeiten dieser Gegend bildete. Derweil die Köder unauffällig wieder verschwanden, stürzten Bäume und versperrten den Kriegern den Rückweg. Hämmernder Regen löste Schlamm aus den Bergen und trug ihn hinab in das Tal, während Hagel die Gefangenen peinigte. Als alles vorbei war, kletterten zwei Dutzend schlammverkrustete Gestalten aus dem Tal, um sich nie wieder in dem Wald blicken zu lassen.

 

VI

Viele Jahre noch lebte Sranis in seinem Wald. Hin und wieder galt es Eindringlinge zu vertreiben, viel häufiger aber Streitigkeiten der Tiere zu schlichten und verletzten Wesen zu Hilfe zu kommen. Rückblickend erkannte er, wie seine Eltern für einen falschen Glauben, falsche Werte ein falsches Leben geführt hatten und in den Tod gingen, ihn versuchend mitzureißen. Doch er entkam dem bösen Einfluss, fand seine Freiheit, seinen Willen, seine eigene Wahrheit. Niemand würde mehr über ihn bestimmten, das schwor er sich. Für sein Leben, seine Werte, seine Freiheit war er bereit zu kämpfen. Niemand außer ihm könnte den Wald und die Tiere schützen, bis er einen Nachfolger gefunden hätte.

Doch zuvor kamen die Fremden – und mit ihnen ein letztes Abenteuer. Davon ein andern mal.

 

ENDE

 

 

Anmerkung des Herausgebers

Herr, dies war die Legende der westlichen Niurved, die noch heute unserem Reich ein Dorn in der Flanke sind. Diese Geschichte sollte euch zeigen, wie einige eurer Untertanen über euch denken, was ihr unterdrücken solltet. Besonders der Niurved Sranis soll immer noch dort leben; es wird geraten ihm das Handwerk zu legen.

Chaereil, Geschichtenerzähler am Hofe seiner Göttlichkeit.

Pervirton, Pervon ir’Lair, Pervon, 24. Tag des 7. Mondes des 20. Jahres der Herrschaft seiner Göttlichkeit.


GaP I Die Mordburg (Satenfels)

Januar 30, 2020

Die Mordburg

Geschichten aus Pervon, Teil I

„Teurer Freund,

wie sehr doch hoffe ich, dass dieser Brief dich noch rechtzeitig erreichen möge. Sobald du dies liest: Komme schnell! Seltsame Dinge geschehen in der Burg: Zwei Mägde sind verschwunden und gestern kam einer der Stallknechte zu mir, erzählend, er habe eine Höhle gefunden. Ich ließ die Büchermeister in unseren Hallen nach Hinweisen dies betreffend forschen, doch erscheint in keinem unserer Bücher ein Hinweis auf diese Höhle. Schlimmer noch: Heute morgen wurde dieser Stallknecht tot aufgefunden; dem Anschein nach Herzversagen, doch unter diesen Umständen und da er ein kräftiger junger Mann war, raunen sich die Bediensteten Gerüchte zu, ein Geist wäre aus der Höhle gekommen ihn zu morden. Ich hoffe du siehst, ich brauche deine Hilfe.

Komme schnell!“

Nachdenklich legte Dunnsez den Brief wieder beiseite, auf den Schreibtisch zurück. Er war nicht abergläubisch, doch stimmte ihn die Geschichte dieses Schriftstückes nachdenklich. Im Gegensatz zu dem Verfasser dieser Zeilen war er draußen auf dem Land gewesen, wo das Volk noch von verborgenen Schätzen vergraben unter der Burg erzählt. Bisher hatte er es als Märchen abgetan, doch jetzt wurde er neugierig. Vielleicht gab es in dieser Burg ja noch mehr zu holen als er bisher gehofft hatte. Ein paar Dinge bereiteten ihm jedoch Kopfzerbrechen; so zum Beispiel, warum dieser Brief nicht abgeschickt worden war. Es schien nicht möglich, dass dieser erst kürzlich verfasst wurde; das Datum wies auf ein dreitätiges Alter hin. Und doch lag er hier so offen herum; das ergab keinen Sinn, sollte man gar nicht vorgehabt haben ihn zu verschicken.

Verwundert trat er einen Schritt zurück – es gab noch viel zu tun – da fiel ihm die lockere Fackelhalterung an der Wand auf. Wenn man das nicht eine Gefahrenquelle nennen konnte – doch Halt!, in dieser Burg gab es Fackeln doch nur in den Gängen; die Räume besaßen Öfen und Kerzen – etwas stimmte nicht. Neugierig zog er an der Halterung – sie gab nach – und hinter ihm rumpelte es; schliff über den Boden. Erschrocken wirbelte er herum – und schauderte. Eins der Regale war zur Seite gerückt, einen Geheimraum offenbarend. Dieser war nicht groß und bereits all seiner möglichen Schätze beraubt – doch bereichert um den vermeintlichen Bewohner dieser Räume, den Gorygg dieser Burg. Dunnsez schauderte erneut – das würde erklären, warum er den Brief nicht abgeschickt hatte. Die Dinge wurden schlimmer: Jemand hatte ihn ermordet und hier versteckt; kaum die Tat eines Geistes. Auch wenn sie vereinbart hatten sich nicht zu treffen, da dies zu auffällig wäre – Dunnsez musste nun dringend Pribor finden und sich mit ihm beraten. Eine Planänderung war gefordert.

II.

Pribor konnte ihm kaum mehr erzählen, als in dem Brief gestanden hatte, und war zutiefst geschockt über den Verlust seines Gorygg. Immerhin aber konnte er Dunnsez mehr über die Märchen, welche man sich über die Burg erzählt, mitteilen. Scheinbar war sie einst Hort einer großen Banditenmeute gewesen. Eines Tages kam es aber zu Streitereien zwischen den Banditen und ihrem Anführer über angeblich nicht erfolgte Zahlungen, was mit seinem Tod endete. Nie aber fanden die anderen seine vermuteten Verstecke und dann waren sie alle plötzlich tot; ermordet.

Pribor schlug vor, sie müssten diese Verstecke suchen, genau genommen die gefundene Höhle aufsuchen. Er würde die Bücher durchgehen und für einen Fluchtweg sorgen, derweil Dunnsez sein aufspürerisches Talent nutzen sollte. Hätte dieser bereits zu Beginn des Auftrages von der kommenden Erweiterung gewusst, er hätte das Angebot ausgeschlagen. Nun aber war er auf Pribor angewiesen – und willigte mit ungutem Gefühl ein; Mörder oder Geist – jemand schien in dieser Burg gnadenloser vorzugehen um an Gold zu kommen denn er selber.

Die Höhle war für ihn überraschend leicht zu finden; sie breitete sich hinter den Ställen aus, wo sie wohl für Jahrhunderte unter Dung begraben gewesen war, bis ein Stallknecht sie fand – dem sie aber nichts Gutes brachte. Da Dunnsez sie unbewacht vorfand und mit seinem unauffälligen Schleichgang über den Hof auch niemanden alarmiert zu haben schien, betrat er sie vorsichtig. In einem düsteren Gang im Felsgestein der Berge sich wiederfindend sah er sich gezwungen, sich seiner Fackel zu bedienen. Ihn erwartete ein wahrer Irrgarten. Es dauerte eine Weile bis er sich eingestehen konnte, sich verirrt zu haben. Kein Zeichen bot sich ihm, weder für Voran noch Zurück. Schon längst wollte er mit dem Wissen um die Höhle bloß noch zurück zu Pribor gehen, doch fand er den Weg nicht. Verzweifelt eilte er hierhin, dorthin, und fürchtete jederzeit ein Erlöschen seiner Fackel. Als er dann jedoch um eine weitere unscheinbare Ecke ging, war er selbst es, der erlosch.

III.

Nur langsam kam er später wieder zu sich. Vielleicht war das aber auch gut so, sonst hätte ihn der Schreck umso mehr getroffen. Mit einem Mal sollte er wissen, wo sich die vermissten Mägde befanden, und mitten unter ihnen aufzuwachen war nicht angenehm. Ob man auch ihn für tot gehalten hatte? – Vor ihm befand sich eine Tür; sie war unverschlossen und Licht fiel durch einen Spalt in den Raum. Hindurchspähend erkannte er bloß einen leeren Kellerraum und betrat diesen leise. Doch kaum war er in dem neuen Raum um eine Ecke getreten, da kam eine Gestalt die Treppe zum Keller hinab – und er erkannte ihn: Pribor. War er es also gewesen; hatte er all diese Leute umgebracht und auch versucht – ihn umzubringen?

Erschrocken ob Erkenntnis und Annäherung wirbelte er herum und suchte sich ein Versteck; eine Fluchtmöglichkeit. Er fand beides in Form eines Lüftungsschachtes, der durch die Mauern der Burg hindurchführte. Nicht auf Pribors kommende Entdeckung wartend eilte Dunnsez hinab in die nächsten finstren Irrgänge. Kaum, dass er vor einer Entdeckung sicher war, wagte er einen Ausblick – Pribor steuerte geradewegs auf den Raum zu, aus dem Dunnsez gerade verschwunden war. Dieser verspürte langsam so etwas wie Angst. – Zeit, eine größere Entfernung zu Pribor einzulegen, bevor dieser sein Verschwinden bemerken würde.

So kroch er eine Weile durch diese engen dunklen Gänge, ständig in Staub und Schmutz fassend, den Schweiß auf seiner Stirn spürend und sich mehrmals den Kopf anstoßend. Wahllos nahm er mal diesen, mal jenen Abgang, sobald er einen ertastete. Als er endlich einen Ausgang fand, hielt er sogleich eilig darauf zu. Aus dem Loch spähend erkannte er einen Bereich, der zur Küche gehören musste – und dort an einem Wassertrog stand Pribor und sprach aufgeregt mit einer Frau, wohl die Köchin. Gehörten die beiden zusammen? War dies eine Verschwörung, deren Opfer er, Dunnsez, war? Oder fragte Pribor die Frau aus, ob sie den Flüchtigen gesehen hätte? Was es auch war, eiligst zog sich er sich wieder zurück in sein Versteck. Nein, hier konnte er eindeutig nicht aussteigen.

Zahlreiche Krabbelschritte weiter fand sich eine zweite Öffnung. Auch dort sah er sich zunächst vorsichtig um. Es schien der Latrinenbereich zu sein, den er da erreicht hatte. Zwar verlockte ihn der Geruch kaum, doch irgendwo müsse er ja einmal herauskommen – und gerade als er dies tun wollte, kam Pribor herein. Zum Glück sah er den Knieenden, der schnell wie ein Kaninchen wieder in seinem Bau verschwand, hierbei nicht. Auf seinem weiteren Weg überlegte dieser, dass er mittlerweile genug von diesen verwinkelten Gängen und Pribor hätte. Es müsste sich doch ein Ausstieg finden lassen, an dem sein ehemaliger Freund nicht warten würde. Und tatsächlich fand sich ein solcher bald.

Kaum, dass er die Finsternis verlassen hatte, wurde ihm klar wo er sich befand: mitten in Pribors Zimmer. Der Ausgang war unter einem Teppich versteckt gewesen, doch nach viel Rütteln kam er frei. Es erfreute Dunnsez nicht, in Pribors Zimmer zu stehen, doch wollte er zumindest den Augenblick nutzen, sich umzusehen. Vom letzten Mal sich noch an das Zimmer erinnernd fielen ihm nur zwei Bücher auf, die auf dem Schreibtisch lagen und vorher noch nicht dagewesen waren. Sie schnell durchblätternd bemerkte er nichts besonderes, doch ein beiseite gelegtes Blatt mit Bemerkungen war äußerst interessant. Darauf fand sich eine abgepauste Karte des Höhlen-Irrgartens, ergänzt um einige Beschriftungen zu einzelnen Räumen. Wie sich herausstellte, hatte Dunnsez scheinbar einige verborgene Schalter und Hebel übersehen und so den verborgenen Schatzraum nur immer wieder umkreist. Endlich wusste er also, wo er hinmüsste; endlich bot sich ihm ein reiches lohnendes Ziel. Nun gab es kein Halten mehr.

Flugs eilte er zu den Höhlen, dabei eine weitere Durchsuchung von Pribors Räumlichkeiten vergessend. In den Irrgarten kam er nur mit knapper Not unerkannt; in seiner Aufregung stieß er einmal fast mit einem Wächter zusammen. Doch letztlich sein Ziel erreichend rannte er durch die Gänge und folgte den Anweisungen des Blattes die Reihenfolge der zu betätigen Schalter betreffend. Nicht einmal kam ihm dabei die Möglichkeit einer Falle oder die Frage woher Pribor dies alles wusste in den Sinn. Und bald war es tatsächlich geschafft: Eine geheime Tür öffnete sich zu einem Raum in der Mitte des zuvor gelaufenen Kreises. Eifrig wollte er sie betreten, sah bereits in den halben Tagträumen Gold und Edelsteine glitzern – da spürte er etwas am Rücken.

Er tastete danach – fühlte Feuchtigkeit – tastete weiter – fühlte Metall – und fiel um. Über sich sah er siegreich den tot geglaubten Gorygg stehen; ihn angrinsend. Hätte Dunnsez nun nicht im Sterben gelegen, er hätte seinen Augen nicht getraut. Er bekam aber noch mit, wie er in die Mitte des vermeintlichen Schatzraumes gezogen und auf eine Art Altar gehievt wurde.

„Ich hatte zwar deinen Freund Pribor erhofft, aber du wirst es jetzt zur Not auch tun.“ Da wandte sich der Mann gen Decke. „Hier kommt dein letztes Opfer, oh Herr!“

Der Gorygg hob einen Dolch – doch plötzlich kam Pribor schreiend mit erhobenen Schwert in den Raum gelaufen. – Der Gorygg wandte sich um – doch da wurde Dunnsez das letzte Mal schwarz vor Augen.

ENDE

 

Anmerkung des Herausgebers

Herr, ich überreiche euch diese Geschichte, welche man sich in den nördlichen Ländern, in Eirlaron und Remereggen erzählt. Vor zweihundert Jahren, so berichtet man, gab es eine Burg, die einst Räubern gehörte. Ihr Gorygg war Anhänger des Verbotenen Kultes und verwandelte seine Burg in einen Schreckenshort. Erst die Armeen eurer göttlichen Vorfahren konnten ihm Einhalt gebieten.

Chaereil, Geschichtenerzähler am Hofe seiner Göttlichkeit.

Pervirton, Pervon ir’Lair, Pervon, 16. Tag des 7. Mondes des 20. Jahres der Herrschaft seiner Göttlichkeit.


GaaW XVII Das verlorene Kind

Januar 30, 2020

Das verlorene Kind

Geschichten aus aller Welt, Teil XVII

Es war ein schöner, doch kalter Herbsttag, als der kleine Pagallimmi beim Heimkehren feststellen musste, dass seine Eltern verschwunden waren. Zunächst war er bloß erschrocken, als sie nicht wie immer im Wohnzimmer auf ihn warteten. Kurz darauf versuchte er sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass er vielleicht das falsche Haus betreten hätte. – Sie wohnten erst wenige Wochen hier und da alle Häuser dieser Straße gleich aussahen, hatte er sich anfangs oft verlaufen. – Doch das musste längst hinter ihm liegen. Deshalb verfiel er schließlich in Panik, als ein Blick von Außen auf ihr Haus seine Überlegungen bestätigte und er sich wahrhaftig Daheim befand – doch nicht so seine Eltern.

Wo waren sie hin? Hatten sie ihn tatsächlich allein gelassen? Wer würde auf ihn aufpassen, wer ihn versorgen? Sie kannten doch noch niemanden hier in der Stadt; niemanden, den er fragen, niemanden, zu dem er gehen könnte. Und als sich seine anfängliche Panik legte und er jeden Winkel im Haus abgesucht hatte, ließ er sich auf ein Sofa im Wohnzimmer nieder. Ganz sicher waren sie nur kurz weg, etwas besorgen, würden bald wiederkommen. Und doch: Noch nie hatten sie ihn so allein gelassen. Seine Angst wich aber bald der Erschöpfung, welche diese Aufregung ihm verursacht hatte, und langsam schlief er ein. Bald kommen sie zurück, waren seine letzten Gedanken, bevor er sich in seinem Traumland einfand. Er bemerkte nicht mehr, wie sich die Haustür langsam schloss.

Als er wieder erwachte, war es bereits Abend. Das Wohnzimmer lag im Zwielicht und er war immer noch allein. – Oder? – Hörte er da nicht aus der Küche Geräusche? – Freudig sprang er auf und rannte so schnell ihn seine Füße trugen, dass er fast stolperte. Als er sich endlich fragte, warum sie ihn nicht geweckt, nicht in seinem Schlummer jenseits der gewohnten Zeiten gestört hatten, erreichte er auch bereits die Küche. – Sie war dunkel, kalt und leer. Enttäuscht lehnte er sich in den Türrahmen. Waren sie für immer verschwunden, ihn loszuwerden? Fanden sie aus der Stadt nicht mehr ihren Weg zurück? Oder waren sie etwa verschleppt worden? Pagallimmi war kurz davor zu weinen. Seine Mutter verbat es ihm zwar immer, doch nun war sie nicht mehr da. – Und wer sollte ihm das Essen zubereiten? Hungrig tapste er in die Küche, sich etwas zusammenzustellen.

Nachdem er seinen kleinen Schmaus beendet hatte, dachte er wieder an seine Eltern und brach in Tränen aus. Doch da quietschte plötzlich etwas.- Das konnte nur die Eingangstür sein. – Vater hatte sie schon seit ihrem Einzug ölen wollen, doch vergaß es immer wieder. – Sie quietschte nun, also musste sie sich auch öffnen. Sie kommen! Schoss es durch das kleine Gehirn. Freudig sprang Pagallimmi auf und hastete zur Tür. – Und niemand war da. Aber das bemerkte er zunächst nur flüchtig, denn etwas anderes ließ ihn viel zu sehr staunen. – Wo war die Stadt hin?

Warum verschwanden zunächst seine Eltern, dann die ganze Stadt? Staunend sah er auf das, was sich ihm außerhalb des Hauses bot: Weite Felder lagen dort; Wiesen und Hügel – und in der Ferne erkannte er einen Bach an einem großen finstren Wald. Doch am seltsamsten war die Mittagssonne. War es nicht gerade noch ein dunkler Herbstabend gewesen? Und tatsächlich – ein Blick zurück ins Wohnzimmer offenbarte ihm dessen Düsternis. Vorsichtig – die Tür mit einem Auge immer halb beobachtend – ging er zu einem der Fenster im Wohnzimmer – sah hindurch und erblickte die Stadt, umrissen von der Abendröte. Ein Blick zur Tür: Das warme Licht des Frühlingstages strahlte bloß bis zur Schwelle, nicht ins Haus hinein.

Der kleine Pagallimmi, der schon immer eine Vorliebe für Märchen und Zauberei gehabt hatte, wähnte sich nun an seinem Glückstag. Hatte eine ihm unbekannte doch gütige Macht ihn aus seinem langweiligen Schulalltag enthoben und endlich in das Land seiner Träume gebracht, wie er es sich so oft gewünscht hatte? Er beschloss die Sache zu erkunden und verließ recht unvorsichtig das Haus. Kaum, dass er draußen war und die kalte Stube hinter sich gelassen hatte, da kitzelte ihn schon die warme Sonne. Ein Blick zurück zum Haus zeigte ihm statt diesem eine steile, schroffe Klippe, in der ziemlich unpassend eine Tür prangte. – Es war wahrhaftig Zauberei, dessen war er sich nun sicher. Fröhlich ob dieser Umstände erkundete er das Gebiet. Er fand Wiesen und Auen, glucksende Bäche und raschelnde Wälder. – Und er fand die Burg.

Die Burg befand sich auf einem schroffen Felsen am Rande des Waldes und sah für den kleinen Träumer wenig aufregend aus. Spannender war da schon die Schlacht, die sich an ihrem Fuß abspielte: Gestalten in Rüstungen, die sich bekämpften und aufeinander einschlugen, bis Knochen barsten und Blut vergossen wurde. Dies fand der Knabe dann aber weniger witzig. Ängstlich wich er zurück, während die Kämpfe drohten ihm näher zu kommen. Und als er schon befürchtete, dass sie auch ihn töten würden, kam eine Gestalt auf einem merkwürdig anmutenden Reittier auf ihn zu und rief ihm Worte zu, deren Sinn er nicht verstand. Da er sich nicht rührte, stieg die Gestalt ab. Er erkannte sie als Frau – was ihm nichts nützte, wusste er doch weiterhin nicht, was sie sprach. Das letzte Wort in ihren Sätzen klang für ihn wie ‚Tólome‘. Da kam jedoch bereits ein Krieger heimlich von hinten an. – Pagallimmi rief der Frau eine Warnung zu, was sie verstand und sich schnell wendete. Der Junge nutzte den Augenblick aber, um zu fliehen.

Nach einer heillosen Suche, bei der es Abend und er völlig verzweifelt wurde, fand er letztlich die Tür seines Hauses wieder. Immer noch sah es aus, als sei ihr Haus in den Fels geschlagen worden, doch Pagallimmi war bloß froh über die ihm bekannte Sicherheit. Drinnen angelangt schlug er hinter sich die Tür zu. – Wären seine Eltern wieder daheim gewesen, so wären sie nun angekommen ihn zu bestrafen. – Doch immer noch war das Haus leer – und finster. Durch die Fenster des Wohnzimmers sah er die nächtliche Stadt – verlassen und vergessen. Und er, den seit Stunden der Hunger plagte, sah in der Dunkelheit kaum noch etwas und fiel letztlich bloß erschöpft auf sein Bett. Wie kalt und bedrohlich das Haus doch erschien, seit er hier allein war.

Wie gewohnt erwachte er am nächsten Morgen. Noch immer zeigte sich keine Spur der Eltern. Während Pagallimmi sich sein Frühstück machte, überlegte er, ob ihm seine Lehrer in der Schule wohl helfen könnten. Eigentlich schrien die Umstände ja danach ausgenutzt zu werden; nach freien Tagen. Doch was sollte er machen, wenn seine Eltern niemals zu ihm zurückkehrten? So stand sein Entschluss fest. Nachdem sein Schmaus beendet war, packte er seine Sachen und begab sich auf den Weg zur Schule. – Er kam aber nur bis zur Haustür.

Wie bereits Tags zuvor erwartete ihn jenseits dieser Tür nicht das, was ihm die Fenster zeigten. Aber auch die schönen Wiesen und Auen waren verschwunden. – Pagallimmi erwarteten Stein, Staub und Sand, wohin er auch blickte. Vorsichtig verließ er die Tür und setzte einen Fuß vor die Schwelle – um schnell wieder zurückzugehen, als ihn unglaubliche Hitze und Trockenheit empfingen. Eine Wüste? – Die Wiesen waren ihm lieber gewesen. Verzweifelt und genervt zugleich kehrte er der Tür den Rücken zu. Im Haus war es doch wesentlich kühler. Und endlich vermeinte er auch einen Trick zu wissen, das Haus doch noch verlassen zu können: die Fenster!

Immer noch zeigten sie die Stadt, jetzt verschlafend aus dem Morgen erwachend. Langsam konnte er einzelne Gestalten ausmachen, die auf der anderen Seite des Glases durch die Straßen schlenderten. Dort wollte er auch hin! – Doch wie sehr er auch an den Fenstern rüttelte und zerrte, sie rührten sich einfach nicht. Er versuchte es an jedem Glas des Hauses, doch nirgends kam er weiter. Schließlich war er wieder im Wohnzimmer, schlug verzweifelt auf die Fenster ein, nutzte gar Spazierstöcke und was er noch so fand – die Fenster blieben heil, die Fußgänger auf der Straße beachteten, hörten ihn nicht. Und hinter der Haustür lauerte immer noch die kochende Wüste. Den Rest des Tages verbrachte er mit Weinen, Ablenkungen und weiteren Ausbruchsversuchen.

Als es jenseits der Fenster Abend wurde, zeigte ihm die Tür bereits finstere Nacht. Zeit für ihn, einen weiteren Schritt vor diese zu wagen – und ging sofort zurück ins Haus, seinen Mantel suchend. Trotzdem wagte er es, die eiskalte Wüstennacht zu erkunden. Weit ging es für ihn aber nicht, war das Land doch überall trostlos und öde wie vor seiner Haustür, die aus dem einzigen Felsen in weiter breiter Himmelssicht ragte. Er wollte gerade seinen Weg zurück ins Haus nehmen, da sah er etwas neues. Unweit von ihm ragte ein längliches, ledernes Etwas heraus, das wie eine schmale niedrige Mauer wirkte – die sich auf ihn zu bewegte. Zunächst ging er weiter und beobachtete nur – doch dann erhob sich etwas Spitzes aus dem Sand, gefolgt von viel mehr kleinen spitzen Stiften – ein Maul mit Zähnen verfolgte ihn. Sobald er das erkannte, rannte er. Auch das Wesen, zu dem dieses Maul gehörte eilte sich ihm zu folgen – und es war schneller. Pagallimmi meinte bereits den Atem der Bestie im Rücken zu spüren, als er endlich die Schwelle übersprang und die Tür hastig zuschlug. Nach dieser Schreckensbegegnung verbrachte er eine teils durchwachte Nacht unter zahlreichen Decken verkrochen, bevor er endlich einschlafen konnte.

Auch am nächsten Morgen war er weiter allein. Einerseits war er wenigstens nicht gefressen worden, andererseits waren seine Eltern weiterhin verschwunden. Und langsam wusste er nicht mehr, was er tun solle. Wenn die Haustür stets in ein falsches Land führte, so konnten seine Eltern auch gar nicht wiederkommen. Und im Haus ging ihm langsam die Nahrung aus. – Ganz zu schweigen davon, dass er sich schrecklich einsam und allein fühlte. Bald fing er aber an zu hoffen, dass an diesem Tage, wo er wieder die Bürger der Stadt durch die Fenster draußen in der Straße spazieren gehen sah, die Tür erneut in eine fremde Gegend führen würde. Wäre es eine, die seiner freundlich war, so würde er versuchen von dort nach Hause zurückzukehren – oder zumindest jemanden zu finden, der ihm helfen würde. Langsam verfluchte er sich auch dafür, vor der Frau am Schlachtfeld weggelaufen zu sein – auch wenn sie sich nicht verständigen konnten, so schien sie ihm doch zumindest wohlgesonnen gewesen zu sein – und das wäre immerhin ein Anfang gewesen. Während er sich fertig machte, fragte er sich, was ihn wohl diesmal da draußen jenseits seiner Wirklichkeit erwarten würde. Und dann war es soweit, dass er die Tür aufstieß um zu sehen – und nur Finsternis erblickte.

Vollkommene, undurchdringliche Finsternis lag dort außerhalb des Hauses. Das konnte keine Nacht sein, sagte ihm ein Teil seines Bewusstseins, denn sah man doch selbst in jeder Nacht noch etwas, zum Beispiel Sterne. Aber vielleicht war es ja eine Sonnenfinsternis oder etwas ähnliches? Er beschloss eine Weile abzuwarten – es könnte ja sein, dass dies doch nur eine seltsame Nacht war. Aber während die Zeit verstrich, änderte sich außerhalb des Türrahmens – nichts. Auch mehrmaliges Öffnen und Schließen der Tür vermochte ihm nichts neues zu zeigen. So wagte er letztlich, dort hinaus zu treten, um zu sehen, was ihn erwarten würde. Und dieses war – nichts.

Kaum dass er in der Finsternis war, konnte er nur noch diese erkennen. Es war ihm weder warm noch kalt, doch es gab kein Licht, keine Geräusche, keinen Geruch. Wagemutig ging er einige Schritte in die Schwärze hinein – und verlor sich sofort. Zurück blickend entdeckte er keine Spur der Tür – er war verloren im Nichts. Auch als er meinte, denselben Weg zurückzugehen, entdeckte er nichts. Die Verzweiflung, die sich seiner in den Tagen langsam bemächtigte, wuchs ins Unendliche. War er verdammt auf ewig im Nirgendwo zu verbleiben? Auch ein Blick an ihm herab offenbarte ihm den Schrecken, dass er sich nicht mehr erkannte. Waren seine Gliedmaßen überhaupt noch da? – Ein vorsichtiger Versuch des Zwickens meldete ihm keine Gefühle an sich. – Eine seltsame geistige Taubheit bemächtigte sich seiner – doch dann sah er das Licht in der Ferne – und hielt darauf zu.

Und in einer anderen Zeit war es ein gewöhnlicher Tag gewesen, da die Eltern des kleinen Pagallimmi ihn kurz daheim allein ließen, um einkaufen zu gehen. In dieser Zeit musste es geschehen sein, dass er unvorsichtig spielend die Treppe herabfiel. Seine Eltern entdeckten ihn genau an der Eingangstür liegend. Drei Tage sollten sie über ihn wachen, doch er – er erwachte niemals mehr.

ENDE

 

Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte entstand vor zwanzig Jahrzehnten hier in der Stadt. Es wird gemunkelt, dass sie auf einem wahren Fall beruht.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 21.06.3995


GaaW XI: Thanoris Hirs

Januar 29, 2020

Thanoris Hirs

Sterben für die Freiheit.

Geschichten aus aller Welt, Teil XI

Mein Name ist Thanori; ich hinterlasse euch diese Geschichte. Ich bin nun hier allein. Bin ich gescheitert? Ich weiß es nicht, denn ich sterbe in Freiheit. Erzählt dereinst von mir, von uns, soweit ihr dies finden werdet. Doch zunächst einmal – wer sind wir und wie kamen wir hierher, an diesen Ort, von dem doch nie jemand etwas gehört hat?

Mein Name ist Thanori. Geboren wurde ich in Djandir, was in diesen Landen unbekannt sein wird. Meine Familie bestand aus Unterhaltern, so war ich meine Kindheit über stets von einem Ort zum nächsten unterwegs, meist per Schiff. Als ich etwa vierzehn war, überfielen uns die Schwarzseepiraten. War ich zuvor noch unruhige lebendige Freiheit gewohnt, so sollte ich diese nun für viele Jahre nicht mehr kosten können. Ach süßer Duft der Freiheit, nichts ist kostbarer. Wie schwarz diese Jahre doch heute scheinen. Bald verkaufte man mich an einen reichen Herrn im Reich Iotor, der sich über eine neue Dienerin nur freuen konnte. Ich war ein Tier für ihn; wie erniedrigend dies doch war. Zwar behandelte er mich gut, doch letztlich stets nur wie eine Dienerin, eine Arbeiterin, einen Gegenstand. Viele Aufgaben hatte ich zu bewältigen, die ich sonst nie aus freien Stücken getan hätte.

Sein Anwesen lag an den nördlichen Klippen des Landes und wann immer ich hinaus in den Garten treten konnte, verfolgte mein Blick sehnsüchtig das Meer, roch meine Nase die lockende Freiheit. Dem Drang mich ihr hinzugeben konnte ich nie nachkommen. So fand ich mich letztlich gar in Versuchung, hinab in das Meer zu springen, meinen leblosen Körper wenigstens frei im Meer treiben zu lassen. Die Mauern des Anwesens aber verhinderten auch das.

Mein Körper befand sich also in Gefangenschaft für lange Jahre, doch mein Geist wanderte noch frei umher, besegelte die Meere und kehrte heim nach Djandir jenseits der Fluten und auch an alle anderen Orte dieser Küsten. Letztlich aber sollte es noch etwas Gutes haben, dass ich in diesen Haushalt gekommen war: Ich lernte Algros kennen. Er war lange nach mir angekommen, als Leibwächter des Mannes, der über unsere Leiber entschied. Er kam aus südlichen Ländern, die als wilder und natürlicher gelten, deren Bewohnern man Rohheit und Dummheit nachsagt. An Algros jedoch war nichts dumm oder roh, doch seine wahrhaft wilde Natürlichkeit war es, die mich Kind der Freiheit von Beginn an in ihren Bann zog. Da unser Herr oft unterwegs war, sah ich Algros jedoch nur selten. Diese Momente aber genügten, dass wir uns alsbald näher kamen und er die Nächte, die er nicht vor der Tür unseres Besitzers ausharren musste, stattdessen in mein Lager schlich. Beziehungen unter seinen Dienern, seinen Leibeigenen, seinem Besitz, sah unser Beherrscher nicht gerne. Kaum hatte er von uns erfahren, drohte er uns zu trennen. Zu diesem Zeitpunkt aber hatten wir bereits geplant unsere Leben zukünftig gemeinsam zu verbringen und das sicherlich nicht in solch einer Gefangenschaft. Wir wollten eine Flucht versuchen. Zwei der anderen Diener, die uns besonders nahe standen, namentlich der nur als solcher bekannte Koch sowie einer der Torwächter, Chamon, verpflichteten sich uns zu helfen und zu begleiten. Chamon wollte uns das Tor öffnen und Algros kannte einen der Stallburschen, der ihm Reittiere versprach. Einmal aus dem Anwesen entkommen, wollten wir über Land ein Stück weit entfliehen um dann in einer anderen Stadt auf irgendeinem Schiff anzuheuern und frei zu sein. Doch alles kam anders.

An dem Abend, den wir uns erkoren hatten als Beginn unserer Freiheit, war unser Besitzer natürlich anwesend. Neben Algros hatte er zu dieser Zeit keinen anderen Leibwächter, so dass diesem die Aufgabe zufiel seine Tür zu bewachen. Kaum war unser Meister entschlummert, da kam Algros zu uns anderen, die wir bereits im Stall warteten. Zusammen mit dem Stallburschen hatten wir bereits alles vorbereitet. Doch kaum hatte Algros den Stall betreten, da folgten ihm unser Käufer sowie die gewöhnlichen Wachen des Hofs. Der Stallbursche aber verschwand schnell hinter ihnen. Wir waren also verraten worden. Sie forderten uns auf uns zu ergeben, unseren Plan aufzugeben, und man hätte uns bloß an andere verkauft, so versprach uns der uns Knechtende. Wir aber waren schon zu weit gegangen um nun aufzugeben. Auf meinen Ruf hin eilten wir uns die Tiere zu besteigen und preschten sodenn mitten durch unsere Feinde hindurch. Einige konnten sich schnell genug aus dem Weg retten, über andere galoppierten wir dagegen hinweg ohne uns um ihr Schicksal zu kümmern. Zumindest das Außentor des Hofes fanden wir zum Glück noch geöffnet vor.

Erst nach einer Weile kam uns der Gedanke, was wir da eigentlich getan hatten. Nun waren wir armen Seelen Verbrecher, Vogelfreie, Flüchtlinge. Sobald man die Nachricht erst einmal verbreitet hätte, würde man Jagd auf uns machen. Algros und ich boten den anderen an, dass wir uns trennen könnten, um sie nicht weiter in unangenehme Umstände hineinzuziehen. Unser Ziel war die wilde treibende Freiheit, wir konnten ihnen unsere Absichten nicht aufdrängen. Doch sie lehnten ab, sprachen, dass sie keine Familien mehr hätten, keine Ziele, außer uns weiter zu folgen, denn wir seien ihre Freunde. Die Freiheit der Entscheidung ließ sie bei uns bleiben. Es war eine merkwürdige Stimmung an unserem ersten Abend in Freiheit, versteckt in einem Wäldchen, voller Furcht aber auch Gerührtheit. Wir waren nun eine Familie. Wie aber sollte es mit dieser Familie weitergehen? Wir schlugen uns durch die Wildnis, hatten kaum Vorräte mit uns genommen. Wir wollten ein Schiff, das war klar, doch woher sollten wir eines nehmen? Da man uns so schnell entdeckt hatte schied die nächste Stadt aus. Wir schlichen stattdessen weiter durch das Unterholz, durch Marsche, durch Dickichte, immer den Atem unserer Verfolger im Nacken spürend, ohne jedoch jemals Anzeichen einer Verfolgung zu entdecken. Wie sollte man da gleichzeitig nach Schiffen Ausschau halten? Und so kam es, dass wir Vier immer weiter vom Norden, meiner warmen Heimat, abkamen und es uns stattdessen gen Osten zog, die Küste entlang. Immer wieder ergänzten wir die kläglichen Vorräte unserer Taschen durch Beeren, Wurzeln und Sträucher, doch wirklich glücklich machte das keinen von uns. Gehöfte umgingen wir, trauten wir ihnen doch zu, uns nur als neue Diener einzufangen. Auch hatten Algros und ich keine ruhige Gelegenheit mehr gehabt allein zu sein, was uns sehr belastete. Doch bald sollte das vorbei sein.

Eines Tages plötzlich, kurz bevor sich unsere letzte Nahrung in Wohlgefallen aufgelöst hätte, entschied sich das Schicksal, uns die kürzlich gewonnene süße, doch stets gefährlich gewesene Freiheit auch wieder zu nehmen, wie um uns zu retten, als wären wir Kinder, dieser Macht nicht fähig. Mitten in der Nacht hatten uns Räuber überfallen und in ihr Lager verschleppt. Wie sich dort herausstellte waren es nicht bloß Räuber, sondern vielmehr Piraten. Ach welch Hohn das Schicksal uns doch da bereithielt! Erneut wurden wir Sklaven, wenngleich diesmal mit täglichem Blick auf das, wonach sich unsere Herzen sehnten: der Freiheit über dem Meer. Fast zwei Monde dauerte es, bis sich uns neue Möglichkeiten boten. Wir hatten allmählich das Vertrauen dieser rauen Gesellen gewonnen und galten ihnen beinahe als Gleiche. Ohne diese Voraussetzung hätten sie uns nicht mit an Bord ihrer Schiffe genommen, als die Armee des Landes ankam, ihr Lager niederzubrennen. Die Piraten mussten fliehen und uns nahmen sie gnädigerweise mit. Dies war unser Glück, wären wir doch sonst sicherlich getötet worden. Man segelte mit uns nach Osten, dann gen Süden, von dem es doch hieß, das dort Recht und Gesetz ihren Griff lockerer hielten als anderswo.

Diese Piraten verhielten sich besser als alle, die je meinten über meine Freiheit entscheiden zu können: Djandir, die Piraten und Händler der Schwarzsee sowie der Herr in Iotor. Sie hatten nichts dagegen, dass wir zusammenblieben, ließen uns die Freiheit unsere Gesellschaft zu wählen, sogar unsere Stimmen zu erheben. Sie verboten nicht, dass Algros und ich das Lager teilten und machten auch keine Anstalten, sich dort hineinzudrängen. Denn diese Leute waren nicht die herzlosen Schurken der Märchen. Viele Männer hatten ihre Frauen dabei, etliche gar ihre Kinder; und aus beiden Gruppen waren zahlreiche auch selbst tüchtige Seefahrer oder Krieger. Jeder achtete auf jeden, alle waren gleich, niemand herrschte über den anderen – lediglich alle zusammen als Ganzes herrschten über uns. Doch behandelte man uns anfangs eher wie Haustiere oder kleine Kinder, als könnten wir noch nicht für uns selber handeln, und nicht als Diener. Doch da man uns weiterhin frei sprechen ließ konnten wir zetern, uns beschweren, jammern, nörgeln, Wünsche äußern und gar betteln. Nach einer Weile schließlich schien man Vertrauen in uns gefasst zu haben. Immer häufiger sprachen sie mit uns wie mit vernunftbegabten Wesen, die wir ja auch waren. Endlich erkannte dies also jemand. Langsam wurden wir Teil des Ganzen. Immer häufiger hörten sie uns zu, fragten uns nach unserer Meinung. Bald waren wir keine Haustiere mehr sondern gehörten zu ihnen. Der Koch hatte schon längst eine passende Anstellung, Chamon war Ausguck geworden, Algros und ich gehörten natürlich zu den Kriegern und Seefahrern.

Schließlich war es soweit, dass wir den mittleren Süden erreichten, Gegenden, wo entfernte Verwandte der Iotorer noch lebten und Algros‘ Heimat nicht weit entfernt war. Die Piraten wollten sich dort ein neues Leben aufbauen, ihrer Art von Freiheit folgend, die sie für die einzig wahre hielten. Algros und ich aber hatten bereits wieder beschlossen diesen Reichen den Rücken zu kehren. Immer wieder hatten wir unterwegs von Händlern Gerüchte vernommen, dass es weit im Osten unbekannte, unentdeckte Länder geben sollte, in denen ihre Einwohner noch frei und ungezwungen durch Ebenen und Wälder zogen. Um diese Länder zu erreichen sollte man bloß den Inseln im tiefen Süden immer weiter gen Osten folgen. Keiner konnte uns Beweise liefern, dass es diese goldenen Länder der Freiheit wirklich gab, doch entbrannte in uns ein schmerzhaftes Feuer tiefster Sehnsucht. Wir mussten diese Länder finden oder bei dem Versuch sterben; kein anderer Sinn zeigte sich uns mehr. Dort hinzukommen bedurften wir eines Schiffes, und immer noch befanden wir uns auf solchen. Wir erzählten unsere Gedanken also den anderen und schneller als man es erwartet hätte, teilten genug Piraten unseren Traum, ein ganzes Schiff zu füllen. Schwer wurden die Verhandlungen mit den anderen, die nach einigen Monden dort im Süden für uns eine neue Familie und wir längst frei wurden. Doch letztlich kam die Gemeinschaft darin überein, uns alle, die wir es gemeinsam wollten, gehen zu lassen.

Wir ließen uns einen Mond zur Vorbereitung, in dem wir sowohl Schiff als auch uns auf das Unbekannte rüsteten. Es war ein großes Schiff, mit dem Koch unter Deck, Algros als Kapitän und mir am Steuer. Chamon jedoch hatte seine Liebe gefunden und wollte mit ihr zusammen zurückbleiben. Mag er glücklich geworden sein. Uns dagegen begleiteten genug Frauen und Männer, meist jüngeren Alters. Das Schiff wurde mit allem ausgestattet, was für solch eine Fahrt und Ankunft von Nutzen sein könnte, darunter auch Werkzeuge, Baustoffe und natürlich Vorräte. Schließlich verließen wir die gesetzlosen Landen, um der aufgehenden Sonne entgegen in die Freiheit zu segeln. Unser Kurs führte uns aber schnell nach Süden bis Salire und von dort aus weiter den Inseln folgend nach Osten. Als diese schließlich hinter uns zurückblieben, hatten wir nur noch die Sonne und die Sterne und weiten freien Himmel über uns. Glücklicher als zu dieser Zeit konnte ich wohl kaum jemals zuvor gewesen sein. Algros an meiner Seite, die Freiheit überall um uns herum; der Schrecken der Vergangenheit verschwand im Dunkel und ein Traumreich der Freiheit erwartete uns. Die Freude währte jedoch nicht allzu lange. Bald schien sich die Reise in eine Ewigkeit auszudehnen, ohne dass wir noch einmal Land zu sehen bekamen. Keine Insel entzückte mehr unser Herz und auch die Winde schienen zu erkalten. Wir mussten zu weit gen Süden gekommen sein. Zu allem Überfluss reichten unsere Vorräte nicht für die Ewigkeit, weshalb sich Unruhe an Bord breit machte; die Freiheit zur Rede wurde von allen immer wieder genutzt. Wir waren kurz vor dem Punkt, an dem eine Rückkehr nicht mehr möglich gewesen wär, so musste eine Lösung her. Und während wir tagtäglich die anderen beruhigten, fand sich diese auf einmal.

Irgendwann, nach einer unbekannten Reiselänge, entdeckten wir ein großes Festland im Norden und hielten sofort darauf zu. Die Winde hatten sich weiter abgekühlt gehabt, was uns schlussfolgern ließ, dass wir nun an der Südküste dieses noch unbekannten Landes der unbegrenzten Freiheiten sein mussten. Das Land, welches wir fanden, war aber rau und felsig; gar nicht wie die Ebenen und Wälder, von denen man uns erzählt und die wir erwartet hatten. Trotzdem legten wir an und beschlossen, es zu erkunden. Wir landeten in einer ruhigen Bucht, im Westen und auch Norden zeigte sich ein beeindruckendes Gebirge. Dagegen fanden wir aber kaum Bewuchs vor außer etwas Gestrüpp und auch nur wenige Tiere. Am Fuß dieser Berge, zwischen ihnen und der Bucht, errichteten wir schließlich unser Lager.

Einen Mond später waren wir bereits wieder in einer neuen misslichen Lage. In Gruppen waren wir ausgewandert, das Land zu erkunden, vor allem um vielleicht Anzeichen des goldenen Reiches zu erheischen, das uns versprochen ward und letztlich natürlich auch um Nahrung zu finden. In allen Punkten wurden wir kläglich enttäuscht. Nach Westen hin kamen wir nicht weit, da dort das Gebirge sich im Wege befand und es für uns zu beschwerlich gewesen wäre, doch erreichten einige von uns Höhen, von denen man einen besseren Ausblick auf das umgebende Land hatte. Sie erkannten gen West weiter das sich ausdehnende Meer; dies schien also kein Weg für uns zu sein. Sie mussten zurückkehren, als in den Höhen plötzlich ein Schneefall einsetzte. Nach Norden hin dagegen entdeckten wir, dass man über Land zwischen den Bergen und der Küste reisen konnte. Dorthin war es also, wohin wir letztlich flüchteten. Denn nicht nur in den Bergen begann der Schnee zu fallen, auch an der Bucht wurde es schnell immer kühler. Einigen von uns fiel endlich auf, dass wir bei unserer Reise ja immer weiter in den kalten Süden geraten waren, was auch bedeutete, weiter in Richtung der kalten Gebiete; dorthin, wo der Winter früher und strenger kam. Gleichzeitig bemerkten sie, dass wir unsere Reise damals im Sommer begannen und es langsam Herbst wurde. Man sollte sagen: Es wurde erst Herbst, doch trotzdem fiel schon der Schnee! Etwas, das ich in Djandir selbst im tiefsten Winter nicht und Algros aus seiner Heimat immerhin nur im Winter kannte, begann hier bereits zum Sommerende! Dies war nicht das Reich der goldenen Freiheit unserer Träume, es war das Reich der endgültig winterlichen Freiheit, des weißen Todes!

Wir beschlossen schnell, die Gegend zu verlassen um weiter gen Norden zu segeln. Kaum aber wollten wir das Schiff bemannen, da bemerkten wir das schwimmende Glas im Meer, welches Algros Eis nannte. Diese sogenannten Eisschollen umgaben unser Schiff bereits wie Quallen auf der Jagd, stets bereit zuzustechen und zerkratzen seine Hülle. Es zeigte sich bald, dass mit dem Schiff so kein Entkommen mehr möglich war, hätte dieses kalte Glas es doch erbarmungslos aufgeschlitzt und zermalmt. So blieb uns als letzte Wahl die Reise über Land gen Norden; der verzweifelten Hoffnung folgend, doch noch in wärmere Gefilde zu gelangen. Wir beraubten das Schiff seiner letzten Schätze und machten uns eilig auf den Weg. Unterwegs zeigten sich jedoch immer weitere Probleme für uns. Zunächst einmal war kaum jemand von uns Kälte gewohnt und unsere Kleidung hielt auch nur kühle Abende ab, doch dieser Wind fing an scharf wie eine Klinge zu werden. Zweitens konnten wir unsere bereits kläglichen Vorräte nur noch behelfsmäßig aufstocken: Unsere Verpflegung wurde sehr mager, auch wenn es zumindest an Wasser nicht im geringsten mangelte, fiel es doch in Form von Schnee bald auch am Fuße der Berge, in unsere Gesichter und Münder. Drittens aber wusste eigentlich niemand von uns wohin wir gingen oder gehen müssten und schnell machten sich Verzweiflung und Argwohn breit. Oft hieß es, dass Algros und ich Schuld seien, wenn alle dort in der kalten Einöde würden sterben müssen. Dies bereitete mir gleich zweifach Schmerzen, denn ich machte mir schon selber Vorwürfe und sah meine Familie in Gefahr. Schlimmer noch aber ist, dass diese Stimmen fast schon Recht behielten. Nur der wärmende Körper von Algros und seine beruhigenden Worte gaben mir Kraft.

Wir schienen eine Ewigkeit unterwegs zu sein, ohne dass sich die Lage je noch einmal besserte. Es wurde Tag für Tag kälter, immer wieder schneite es, das Meer an den Küsten schien hart wie Stein zu werden – und vor allem hatten wir immer weniger zu Essen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten aus ihrem Schlaf in der Kälte nicht mehr erwachten, sondern für immer in wärmenden Träumen verblieben. Ob sie nun erfroren oder verhungert waren, sollten wir nie erfahren, doch macht es auch keinen wirklichen Unterschied. Die Überlebenden eigneten sich die Kleidung der Toten an und doch blieb es auch darunter kalt. Nahrung fanden wir unter dem Schnee natürlich auch keine; nur selten hoppelte oder lief uns ein schneeweißes, fremdaussehendes Tier über den Weg. Dass sie aber nicht alle friedlich waren, bemerkten wir zu spät. Während unsere halberfrorenen Füße durch festgefrorenen Schnee stapften, konnten wir manchmal kaum etwas des Weges vor uns erkennen. Da wir aber unmöglich draußen schlafen konnten und wollten, suchten wir immer wieder die Nähe der Berge und zwischen ihren steinernen Zehen höhlenhafte Unterschlüpfe. Eines Abends, als draußen ein schneidiger Wind uns den harten Schnee entgegen peitschte, hofften wir besonders verzweifelt auf Unterkunft. Als wir endlich eine kleine Höhle ausmachen konnten, stürmten wir alle erleichtert dort hinein. Doch die ersten Ankömmlinge bemerkten das haarige Etwas, das sich in eine Ecke der Finsternis gedrängt hatte, viel zu spät. Bis wir anderen ihnen endlich zu Hilfe kommen konnten, hatte die Bestie bereits zwei von ihnen zerfleischt. So konnten wir nur noch ihre Überreste retten und das Monstrum töten. Dieses stellte sich als eine Art großen Bärs hinaus, so dachten wir jedenfalls zunächst. Doch welcher Bär hat schon echsenhafte Schuppen unter seinem weißen Pelz und ein Gesicht, das mehr aus Maul und Zähnen als sonst etwas zu bestehen schien? Kurzerhand nannten wir das Wesen Jafreš, also Echsenbär.

Der Unmut zwischen unseren Begleitern wich allmählich bloßer Verzweiflung, als seien auch ihre einst vor Schmerz lodernden Herzen langsam erfroren. Die meisten wollten nur noch heim, ans andere Ende der Welt, wo sie sicher seien und die Welt dort kannten. Andere befragten ihre Götter, womit sie diesen plötzlichen eisigen Tod verdient hätten. Auch ich wunderte mich sehr über das Wetter, das von bloßer Kühle in so wenigen Wochen zu solcher Eiseskälte hatte umschlagen können. Es schien mir manchmal fast, als wären wir hier in eine Falle gestolpert, doch tat ich das ab als dumme Gedanken, beeinflusst von dem Gejammer der Göttergläubigen. Wir waren einfach zu weit vom Kurs abgekommen und zu einem unglücklichen Zeitpunkt an das falsche Ufer getrieben worden. Gut eine weitere Woche konnten wir nach Norden wandern, ohne dass erneut jemand von uns starb oder sich das Wetter noch weiter verschlechterte. Mittlerweile jedoch war die gesamte Küste von Eis eingefasst, eine frostig tödliche Schönheit. Manchmal stellte ich mir vor, wie wohl nun unser Schiff aussehen würde. Einige Male hatten wir Flüsse zu überqueren, was wir aber oft nur bemerkten, wenn jemand zufällig auf das Eis unter dem Schnee stieß. Es war stets hart und stark und trug uns bis an die anderen Ufer, auch wenn Algros einige Male uns anwies vorsichtig zu sein, da solches Eis auch einbrechen könnte. An anderen Stellen fanden wir endlich kleine Wäldchen: Raue starke Bäume, welche die Witterungsbedingungen gut auszuhalten schienen in ihrem ewigen Schlaf. Unser Ziel aber blieb es, uns soweit nach Norden zu retten, dass es endlich warm werden würde, nötigenfalls auch ein anderes schützendes Plätzchen irgendwo zu finden.

Zunächst aber war für uns die ruhige Zeit vorbei. Die letzten Spuren des Duftes von Freiheit in der Luft wichen dem Gestank von warmen Blut in kaltem Schnee. Ich weiß nicht mehr, wann genau sie angriffen, doch war es furchtbar. Nachdem die Tage immer schneller immer kürzer geworden waren, wurde auch uns nur immer kälter. Gelähmt wie wir voran stapften, bemerkten wir erst zu spät das Unheil. Vielleicht ein halbes Dutzend von ihnen kam lautlos aus den Bergen an uns heran geschlichen. Und dann plötzlich stürmten sich diese Jafreš, wie wir sie nannten, erbarmungslos und unter furchtbarem Geheul auf uns. Einige aus unserer Familie versuchten sich nicht einmal zu wehren; Verzweiflung und Kälte hatten sie gelähmt. Andere ließen sich zwar nicht widerstandslos angreifen, doch wurden sie trotzdem gnadenlos niedergemacht. Auch den Koch, unseren alten Freund, sah ich dort sterben. Einige wenige um Algros und mich erkannten, dass das Heil bloß in der Flucht lag. Natürlich machten wir uns später Vorwürfe, unsere Familie derart im Stich gelassen zu haben, doch war uns allen klar, dass nichts anderes uns gerettet hätte. Nach einer heillosen, kopflosen Flucht fanden wir uns allesamt irgendwo in den Bergen wieder. Wir hätten kaum noch sagen können, wie wir dorthin gelangt waren. Unser Versteck war eine kleine Höhle, diesmal eindeutig frei von allen Jafreš. Niemand kam uns zu verfolgen; warum, vermochten wir jedoch nicht festzustellen. Wir überblickten das, was uns noch blieb, die kläglichen Reste. Etwa ein Dutzend verzweifelter Überlebender zählte unser kläglicher Haufen. Das einzig noch lebende Kind unserer Familie hatte sich in den Armen seiner Mutter verkrochen und beide beweinten den Verlust von Vater und Ehemann. Überhaupt war kaum jemand unter uns, der nicht weinte. Selbst mir war nur noch danach, mich bei Algros zu verkriechen und meinen Tränen ihren Fluss zu lassen, doch durfte ich das nicht zeigen. So versuchte ich stattdessen zusammen mit Algros und einer tapferen Frau die anderen zu beruhigen.

Erst nach schätzungsweise fast einer Stunde fiel einem Krieger auf, was allen anderen bisher entgangen war: in dieser Höhle war es wesentlich wärmer als in allen anderen, die wir bisher besucht hatten. Wir, die wir unsere tiefste Natur nicht verleugnen konnten, waren mehr misstrauisch denn froh über diesen unerwarteten Zustand. Warum war es dort wärmer und warum kamen die Jafreš oder andere Tiere nicht hierher? So ging unsere mögliche Freude unter in der tatsächlichen tiefen See des Misstrauens. Während Algros und ein anderer Krieger die Höhle durchsuchten, konnte nur das kleine Kind die neuen Umstände nutzen und schlief friedlich ein. Nach etwa einer weiteren halben Stunde hatten die beiden Männer einen warmen Luftzog ausgemacht, der aus dem hinteren Bereich der Höhle aus einem Durchgang kam, der sich bisher hinter Felsbrocken hatte versteckt halten können.Nun zeigte sich das zweite angeborene Laster unserer Seelen, als wir neugierig wie wir waren die Felsen beiseite räumten, um den Umständen auf den Grund zu gehen. Wir waren zu viert, die wir auf neugierig-misstrauische Kundschaft gingen: Algros, der Krieger, die tapfere Frau sowie ich. Ein dunkler Tunnel erwartete uns, dem wir mit erleuchteten Fackeln folgten. Er verlief in einigen Biegungen und führte uns vollends in die Irre. Durch die Fackeln bemerkten wir erst spät den Lichtschein, auf den wir zugingen. Als wir ihn endlich sahen, löschten wir diese schnell, wussten wir doch nicht welcher Art die Quelle des Lichtes war; vor allem aber, ob sie gut oder schlecht für uns war. Langsam und vorsichtig krochen wir vorwärts und kamen zu etwas, dass ich ebensowenig in meinem bisherigen Leben gesehen, doch von dem ich immerhin gehört hatte. Unser Tunnel öffnete sich hin auf eine Art Klippe, die eine riesige runde Höhle einmal umlief. In der Mitte befand sich ein gewaltiger Abgrund, dessen Boden gefüllt war mit flüssigem Feuer. Zur Decke hin bot sich zum Anblick ein Loch in ebendieser, welches uns den grauen Himmel offenbarte. Jeglicher Schnee, der dort hereingefallen kam, schmolz sogleich über der Hitze dieses Abgrundes. Es war ein Feuerberg! Nichts hätte uns zur Wärmung und Erhaltung unseres Lebens willkommener sein können als dieser riesige Ofen. Doch die Freude durfte nur kurz währen. Staunend wagten wir einige Schritte auf die Klippe hinaus und kamen dabei in Richtung des rechten Ausganges.

Neben unserem Eingang sahen wir noch zwei weitere Tunnel aus diesem Kessel herausführen. Und aus dem linkerhand preschten plötzlich ohne Vorwarnung einige heulend wütende Jafreš in unsere Richtung. Unser Entsetzen war groß, die Angst um unsere Leben noch viel größer. Blind vor Panik geworden rannte der Krieger nun zum rechten Ausgang, als auch aus unserem Eingang dieses Heulen ertönte, gemischt mit den Schreien der von uns Zurückgelassenen. Uns anderen blieb nur dem Krieger zu folgen, waren die Jafreš doch schon fast bei diesem Eingang. Wir jagten durch weitere Tunnel, verspürten das drohende Heulen hinter uns und endeten schließlich in einer Sackgasse. Schnell mussten wir umkehren, zurücklaufen, bis zu einer Abzweigung, bei der es noch einen weiteren Stollen gegeben hatte. Wir waren schon kurz davor, da glaubte ich die Schreckensschreie unserer restlichen Familie zu hören, wie sie nun von den Jafreš zerfleischt werden würde. Kaum waren wir genau vor dem rettenden Gang, da vernahmen wir erneut das Heulen der Bestien und sahen sie vor uns durch den Gang auf uns zu hetzen. Panisch rannten wir in den anderen; Algros voraus, ich folgend, danach der Krieger und die Frau als letztes. Sie schaffte es nicht schnell genug, ihr markerschütternder Schrei in unserem Rücken spornte uns an. Letztlich erreichten wir einen Ausgang, der wieder aus dem Berg hinaus an einen Hang führte. Algros und ich suchten sofort eine Möglichkeit zum Abstieg, doch der Krieger blieb zunächst verwirrt stehen und blickte sich um. Dies war sein Fehler, denn zwei Jafreš sprangen ihn an und rissen ihn in die Tiefe und den harten Tod. Da waren Algros und ich auch schon dabei, selber den Hang vorsichtiger hinabzuklettern. Von oben vernahmen wir noch das Heulen der anderen Jafreš, das nun Enttäuschung verkündete, als sie uns nicht folgen konnten.

Wochenlang marschierten Algros und ich nach all diesen Vorfällen alleine weiter, stets gen Norden, wie wir alle es vorgehabt hatten, durch Schnee, Eis und Dunkelheit. Nicht einmal sprachen wir über den Verlust und Schmerz, sprachen überhaupt nur noch wenig miteinander, solange es nicht um Nahrungs- oder Schutzsuche ging. War nun etwa auch unsere Liebe erfroren? Wir hatten, was wir wollten: wir beide allein in der freien Welt. Und doch war es nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. Mittlerweile wurde es immerhin nicht mehr weiter kühler und nach einer Weile kam es mir sogar so vor, als sei die Kälte ertragbar geworden. Meine Hoffnung wuchs, dass dies mit unserem Gang nach Norden zu tun hätte. Letztlich aber wurde sie mit einem Schlag zerstört. Irgendwann waren wir an einen Punkt gelangt, da schien die Küste nicht weiter gen Norden verlaufen zu wollen. Wir folgten ihr stattdessen nach Westen, doch nie bog sie wieder in Richtung der warmen Lande ab. Schließlich lautete unsere Entscheidung, die nahen Berge bis zu ihren Gipfeln zu besteigen, um einen besseren Ausblick auf das Land haben zu können. Da die Schneestürme auch seit einigen Wochen verschwunden waren, rechneten wir uns eine gute Möglichkeit dazu aus. Doch wie wurden wir enttäuscht; nie kamen wir dort zusammen an. In weiter luftiger Höhe, dessen Grenzenlosigkeit ich einst die geliebte Freiheit genannt hätte, die nun aber nur Sinnlosigkeit ausstrahlte, mussten wir immer wieder glitschige Felsen, Spalten und Abgründe überwinden. Bei einem von diesen war es, dass Algros seinen Halt verlor. Oh grausame Welt, wie schmerzhaft machtest du mir doch klar, dass ich ihn immer noch liebte! Nun aber war es vollends zu spät, ihm dies selber zu sagen. Alleine musste ich weiter, hätte ich mich doch aber am liebsten ebenso auf seine Reise begeben. So versperrten mir Tränen bei meinem letzten Aufstieg stärker die Sicht, als es der Schnee vermocht hätte, und selbst die Freiheit konnte mir keinen Lebenswillen mehr liefern. Es dürfte einem Wunder gleichen, dass ich heil oben ankam, waren meine Gedanken und Träume bei jedem Schritt, jedem Griff doch nur bei Algros, und wie wir uns diese Freiheit vorgestellt hatten. Aber was hätten uns die Träume noch genutzt; der mich erwartende Ausblick war schreckenserregend.

Oben auf einem Gipfel angelangt hatte ich eine Sicht, die man nur als wunderschön hätte beschreiben können, wäre man nicht wie ich in Trostlosigkeit versunken. Wohin mein Blick sich auch wendete, ob gen Nord, West oder Ost, bemerkte er nur Küsten, die zurück nach Süden führten, zurück in die erbarmungsloseste aller Kälten. Der furchtbare Gedanke, der sich mir nun aufdrängte, war: hatte es uns hier auf eine Insel verschlagen? War es also bedeutungslos gewesen, wohin man ginge, denn man würde immer wieder an die gleichen Orte kommen, stets nur im Kreise gehen? Waren wir tatsächlich in einem eisigen Grausen gefangen worden? All die Toten, all die Verzweiflung, all dies nur aus der Hoffnung auf eine Freiheit, die es nie geben konnte, nie geben würde – und alles umsonst? Hatten sie Recht behalten; war ich Schuld an all den Toden, da ich sie überredet hatte? Nie könnte ich das weinende Gesicht des kleinen Kindes vergessen, nie den Sturz meines geliebten Algros.

Es kommt mir vor, als hätte ich tagelang dort auf diesem Gipfel gehockt und nichts getan, nur gestarrt und mir Vorwürfe gemacht. Algros, die anderen – all diese Hoffnungen und Träume. Nun aber habe ich einen Entschluss gefasst. Mir blieben nur meine Kleidung, meine Gedanken sowie der Rucksack mit meiner Ausrüstung, darunter auch diese Blätter, welche ich nun so sinnlos bekritzel, denn nie wird jemand diese Worte finden; nie sollte jemand dies finden. Und doch werde ich sie hinterlassen, versteckt unter einem Steinhügel. Eigentlich weiß ich nicht, warum ich das tun will. Dafür weiß ich jedoch, was noch zu tun ist. Ich werde meine Ausrüstung hier zurücklassen und gehen. Damit wird mein Bericht nun enden. Ich habe nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt; ich habe der Welt selbst nichts mehr zu geben. Ich lebte für meine Freiheit, ich gab alles für meine Freiheit, ich bekam mehr Freiheit, als ich wollte – nun werde ich mich wahrhaftig der Freiheit übergeben, auf dass diese über mich entscheiden mag. Oh Algros, was haben wir falsch gemacht, das zu verdienen?

ENDE

 

Anmerkung des Herausgebers

Thanoris Hirs ist die größte bekannte Insel der bekannten Welt. Sie könnte auf ihrer Oberfläche so manches kleines Land fassen, würde sie nicht fast völlig aus Gestein und Eis bestehen und daher kaum bewohnbar sein. Erst vor etwa 500 Jahren gelangten Nirzen auf die Insel; das einzige Volk, welches Kälte mehr liebt als Wärme und deshalb auf ihrer Suche nach kühlen Gegenden zum Leben dorthin gelangte. Gut 100 Jahre später fand ein Trupp der Nirzen zufällig die Aufzeichnungen der Thanori, welche nicht in dem Stil geschrieben waren wie hier wiedergegeben. Dafür sorgte der tolumische Schriftsteller Qarchis, nach dessen Veröffentlichung Thanori in der tolumischen Religion entdeckt und zur Heiligen ernannt wurde. Da das Original heute verloren und um den Leser nicht zuviel zuzumuten, gaben wir hier seine Umschreibung, die erste dieser Art, an. Im Laufe der Jahrhunderte fanden sich noch zahlreiche Geschichten, in denen Thanori und Algros als Helden vorkamen. Nach letzterem ist übrigens das gewaltige Gebirge auf der Thanoris Hirs benannt.

Trotzdem gibt es noch einige Fragen, die diese Geschichte hinterlässt. Dass die Nirzen nie über Wesen berichteten, die denen der Erzählung Thanoris gleichen, mag nicht zu sehr wundern. Interessanter ist dafür schon, dass Thanori und ihre Getreuen es zu einer Zeit schafften, diese Insel zu erreichen, in der es noch keine wirklich hochseetauglichen Schiffe gab. Dass es ihnen mit diesem nicht gelang, aus dem Eis zu fliehen, leuchtet dafür schon eher ein. Merkwürdig ist aber, dass damals, als die Welt noch viel kälter gewesen sein musste, die Insel der Beschreibung kaum kälter klingt als das, was man auch heute dort findet. Wenn dies auf Qarchis Neudichtung beruht, muss man sich dennoch fragen, wie es ihnen damals gelang dort zu überleben. Es bleibt nur zu hoffen, dass noch einmal das Original sowie geschichtliche Quellen über Thanori und ihre Getreuen gefunden werden, um diesen Fall besser zu erforschen.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 08.05.3995


Der A’Lhumakrieg – Epilog

Juli 18, 2016

Die letzten Seiten fügte ich meinem Bericht hinzu, da der Galryrm Acles Tovan Mhoretoan mir kürzlich eine Abschrift zukommen ließ und ich dachte, seine Worte könnten den Krieg zwischen unseren Ländern am besten schildern. Es war ein blutiger und böser Krieg, doch Crear erzählte uns stets, es sei notwendig die gefährlichen Tarler aufzuhalten bevor sie zuerst zu uns kämen. Wir in der Burg in Lurut bekamen kaum etwas von den Grausamkeiten dieses Krieges mit, doch erlebten wir Crears seltsame Änderungen, nachdem er mitten zwischen den Feldzügen wieder heimgekehrt war.
Wir hatten Caeryss nicht überzeugen können mit heimzukommen; um ihrer Sicherheit fürchtend verließ sie bald das Land, doch ließ sie das Kind von Euliste, Crears Base, bei uns, als Emmistat versprach sich um es zu kümmern. Crear kehrte heim und fand dieses Kind bei seiner zukünftig angetrauten, die niemals schwanger gewesen war. Beunruhigenderweise schien er sich dessen nicht bewusst; er kannte das Kind sofort als sein eigenes und liebte es wie ein wahrer Vater. Doch seine Anfälle von Schmerzen und Wahnvorstellungen verstärkten sich in den folgenden Jahren bloß noch, bis wir alle fürchteten seine Nähe zu suchen.
Es war eine wahrhafte Erleichterung – so muss man leider sagen – als er an einem dieser Anfälle starb – wenngleich es Gerüchte gab. Das Volk, welches ihn nicht selber gekannt hatte und hasste, sprach von einem Mord und feierte einen unbekannten Helden. Nur wenige hatten ihn wirklich gekannt wie ich und mein Schmerz war groß ihn sterben zu sehen. Niemals hatte ich einen solchen Freund gekannt und sollte es auch niemals wieder tun. Viele nennen ihn wahnsinnig, wenige von den Göttern gesandt wie er es behauptet hatte, doch ich kannte den Kern hinter den vielschichtigen Schalen.
Sein Sohn, den er Orot Crear Elorm genannt hatte, sollte sein Nachfolger werden, doch war er viel zu jung um allein zu handeln. Teule tat vieles daran, die Herrschaft über ihn zu erringen, doch schien sie keinen schädlichen Einfluss zu hinterlassen und es war eine wahrhafte Erleichterung, als sie in hohem Alter sich befindend letztlich doch noch starb.
Heute ist Orot alleiniger König. Stets war er ein braver Junge gewesen, wenngleich auch in ihm die Anlagen seiner Familie zu lauern scheinen, doch kann dies erst die Zukunft sagen. Solange jedenfalls ich Tereanv von Lurut bin, werde ich ihm mit Rat und Tat beistehen. Auch Asmyllis, wenn sie einmal vor Ort ist, versucht guten Einfluss auszuüben, doch meist ist sie auf Reisen und letztlich vor allem in Cirmaen.
Wie man sieht verbesserten sich die Beziehungen zu Tarle letztlich doch noch etwas, wenn auch viel Misstrauen auf beiderlei Seite lauert. Unter Crear kam es noch zu vereinzelten Scharmützeln, seit Orots Herrschaft ist es ruhig an diesen Grenzen.

 


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