Die Träumerin – Im Anderen Land

Juni 12, 2009

Etwas warmes weckte sie – etwas feuchtes. Verschlafen öffnete sie die Augen. Braune Knöpfe schwebten wie aufgegangene Sterne über ihr. Eine große Nase schnupperte, dann öffnete sich ein pelziges Maul. Plötzlich leckte ihr eine raue warme Zunge feucht über das Gesicht. Jetzt etwas wacher, schob sie den Bernhardiner ein Stück weit von sich, um seiner Zunge zu entkommen. Schwerfällig folgte er ihrem Wunsch, doch hechelte er freudig weiter. In schläfriger Verwirrung blickte sie sich um. Ringsherum sah sie grünbelaubte Bäume. Ihr Körper ruhte sanft auf dem Gras einer Lichtung, an moosbewachsene Felsen gelehnt. Die Sonne wärmte sie; Vöglein zwitscherten. Wo bin ich? Fragte sie sich in Gedanken. Als sofort eine Antwort ihren Geist erfüllte, blickte sie erschrocken den Bernhardiner an. Hatte er zu ihr gedacht? Nein – das konnte nicht sein. Und doch – kaum hatte sie dies wiederum gedacht, blickte der Hund sie starr an und ein Gefühl der Wärme durchströmte sie.
Dies war das Andere Land, das Land ihrer Träume – Träume? – und nicht ohne Grund war sie hier. Der Bernhardiner hatte einen Freund, einen großen Abenteurer – den Pudel. Dieser war seit einer Weile aber ausgezogen, neue Abenteuer zu suchen. Seinen Sohn ließ er für diese Zeit in der Obhut seines Freundes – des Bernhardiners. Nun war der Kleine aber wenigstens so heißblütig wie sein Vater und seinem Aufpasser eines Tages entschlüpft. Dabei dauerte es nicht lange, bis er sich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Dem Bernhardiner wurden diese Neuigkeiten zwar zugetragen, doch kein Bewohner des Anderen Landes könnte den Kleinen dort erreichen, wo er jetzt war. Dafür also hatte der Bernhardiner sie aus ihren Träumen in dieses Land beschworen. Sie, der alles wie die Wirklichkeit erschien, verlor sich in dem Gedanken, dass es nur ein Traum sei. Jetzt war es wesentlich leichter für sie nicht zu wissen, wie sie hergekommen war und gedanklich mit einem großen pelzigen Bernhardiner zu sprechen. Ihre nächsten Gedanken betrafen das ‚Was‘ und ‚Wie‘, doch der Hund gab ihr bloß zu denken, dass sie folgen und dann schon verstehen würde.
Es ging über Stock und Stein und tief in den Wald hinein. Staunend achtete sie mehr auf die Tiere des Waldes denn auf den Weg, welchen sie zurücklegten. Sie sah Schokohörnchen, welche von Baum zu Baum huschten und die überall wachsenden Schokoblumen sammelten; sie sah Gummischweinchen, die grunzend vergnügt gegeneinander stießen; sie sah Puddingfliegen, die bei jedem Flügelschlag einen Teil ihrer Selbst verloren. Und dann plötzlich stießen sie auf die Klippe. Erschrocken blickte sie in den tiefen Abgrund hinab zu einem orangefarbenen Strom, dessen Gift sie laut dem Bernhardiner sofort töten würde. Während ihr noch schwindlig war ob der Höhe vernahm sie die Gedanken, dass sie an der Klippe hinab klettern müsse zu einer Höhle, in welcher man den kleinen Pudel gefangen hielt. Er wies ihr noch den Weg zu einem Seil, das man ihr zur Hilfe bereits um einen Baum geknüpft hatte. Zeit für weitere Fragen oder Einwände blieb nicht – bevor sie sich versah war sie bereits am Klettern und der Bernhardiner verschwunden.
Mit großen Mühen erreichte sie schließlich endlich den Vorsprung, der aus der Klippe hinausragte. Sie kam nicht dazu groß über die gähnende Tiefe unter ihr ängstlich nachzudenken, sprang ihr doch sofort die Tür aus Nussbaumholz ins Auge. Kein Griff oder Knauf zierte ihre Oberfläche, doch waren dafür beide Flügel dieses seltsamenen kleinen Tors mit großen Schnitzereien von Kaninchen verziert. Verwundert und entzückt zugleich strich ihre Hand über die kunstvollen Umrisse der Tiere. Da öffnete sich plötzlich dieses Tor. Ein gähnend schwarzer Gang erwartete sie, der in die Tiefen der Erde führte. Da dieser Weg selbst für den Bernhardiner zu groß gewesen wäre, musste sie auf allen Vieren voran kriechen. Die Dunkelheit bedrückte sie, doch währte dies nicht lange, denn ohne Vorwarnung erleuchteten zahlreiche blaue Punkte den Gang, als hätten sich Glühwürmchen in den Wurzeln der Tunnelwände versteckt. Und endlich dann erreichte sie das Ende dieses Tunnels.
Es war ein Bau, in den sie da geraten war. Eine Art Höhle, etwa dreimal so groß wie sie selber kniend, von der zahlreiche Nebengänge abgingen. Wo sollte sie da bloß anfangen zu suchen? Verzweiflung machte sich breit, als sie ihren Kopf in jeden Tunnel steckte doch nie etwas sah. – Dann – ein Jaulen! Das Jaulen eines verängstigten Hundewelpen! Rasch schickte sie sich an in Richtung dieser Töne zu krabbeln. Das blaue Licht folgte ihr hierbei; als verkündete es den richtigen Pfad. Und letztlich fand sie ihn. Der kleine Pudel war dort unten alleine in der Dunkelheit, mit einem Geflecht aus Wurzeln an die Wand geleint. Herzerweichend jaulte er, verloren im Schattenreich, Doch kaum, da das blaue Licht auch ihn erreichte, hörte er auf und winselte nur noch, während er ihr Näherkommen ängstlich verfolgte. Hoffend, dass das Gespräch durch Gedanken auch bei ihm klappen würde versuchte sie ihn zu beruhigen. Als dies nichts brachte, streichelte sie ihn sanft und spürte seinen zitternden Körper. Dann machte sie sich schnell an seine Befreiung. Kaum war sie fertig, da kamen die Kaninchen.
Wild hoppelnd kamen sie heran, immer wieder kurz haltend um zu schnuppern oder an Wurzeln zu knabbern. Für die Träumerin sahen die Kaninchen gewöhnlich und harmlos aus, doch der Pudel zitterte, als fürchte er um sein Leben. Dies steckte auch sie an. Hastig krabbelte sie durch dunkle Gänge, den Kleinen mit einem Arme an sich drückend, während es hinter ihnen raschelte und kratzte, als ihnen die Kaninchen folgten. Fast war sie daran zu verzweifeln, als sich kein Weg an die Oberfläche zeigte, da bewegte sich plötzlich die Erde vor ihr und ein großer Maulwurf steckte seinen Kopf in den Gang. Seine Gedanken sprachen ihr Ruhe zu und baten sie ihm zu folgen. Während er vorankroch, war sie mit dem Kleinen im Arm dicht auf, weiter verfolgt von den Kaninchen, welche den Kleinen gefangen gehalten hatten. Nicht auf den Schmutz achtend kam ihr die Flucht wie eine Ewigkeit vor, doch schließlich erreichten sie die Oberfläche. Die Lichtung lag im frohen Sonnenschein und der Bernhardiner erwartete sie bereits. Die Flüchtigen retteten sich zu den Steinen, wo die Träumerin erwacht war. Aus der Ferne sahen sie dort wie die Kaninchen ihre Köpfe schnuppernd aus dem Loch steckten. Doch kaum schien die pralle Sonne auf ihre kleinen Häupter, da verkrochen sie sich auch erschrocken sofort wieder.
Nun endlich ließ sie den Kleinen los, der fröhlich kläffend zu seinem Oheim lief, welcher wiederum ihr überschwänglich dankte und sie zur Wiedersehensfeier des alten Pudel einlud. Gerade wollte sie zusagen, da stolperte sie und fiel hin. Ihr wurde schwarz vor Augen…
Lautes Klappern und Schaben weckte sie. Verwirrt sah sie auf und erblickte im Dunkel ihres Zimmers ihre Kaninchen am Fuße des Bettes, wie sie an ihrem kleinen Stoffhund nagten. Schnell sprang sie auf und nahm ihn ihnen weg.
„Was habt ihr denn nun wieder angestellt?“ fragte sie und streichelte den kleinen Hund, der ihr zuzulächeln schien.

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Der Bauer und der Zauberer

Juni 6, 2009

I.
Hoch im Norden, auf der anderen Seite des weiten blauen Meeres, liegt die Stadt Dumbaß. Diese ist die Hauptstadt eines zwar nur kleinen, doch dafür umso reicheren Landes gleichen Namens. Die Herren von Dumbaß sind seit langem bekannt für ihre seltsamen Verhaltensweisen, Einfälle und Späße. Ihre Gesetze, Bauten und Unternehmungen können die Einwohner des Landes kaum noch überraschen; für Ausländer dagegen muten sie teils umso sonderbarer an. Vor etwa einhundert Jahren nun hatte ein Herrscher sich einen neuen Palast erbauen lassen. Dieser Palast liegt am Rande der Stadt; seine Ausmaße sind gewaltig. Im Gegensatz zu den Palästen anderer Städte oder Reiche bietet dieser seinen Bewohnern auch einen unmittelbaren Zugang zum Land. Von der Mitte des höchsten Stockwerks des Gebäudes aus kommt man dorthin: über zahlreiche große Treppen mit breiten Stufen, die auch Reittieren genug Platz bieten, gelangt man zunächst sowohl immer tiefer in den Palast als auch zu dessen Rande hin. Nach zahlreichen hunderten schön geschmückten Stufen erreicht man dann die Außenwelt. Eine gewaltige Öffnung begrüßt den Reisenden, den Blick auf den Himmel offenbarend. Natürlich wäre dies eine zu große Einladung für Angreifer und Diebe, weshalb ein großes Tor den Eingang verschließt. Vor allem aber erheischt man nach diesem Tor einen Blick auf einen mit Bäumen und Blumen umgrenzten Weg, der sich um und über Hügel immer weiter gen Osten schlängelt. Auf dem Großteil seiner Länge ist diese Mischung aus Park und Straße ummauert. Die Mauern flankieren es für eine mehrstündige Reisezeit gen Osten, damit nicht Pack und Gesindel ständig an das Tor klopfen können. Zu Beginn sind diese Mauern zahlreiche gestapelte Männer hoch, doch stetig werden sie niedriger, bis sie schließlich ganz zu Ende sind. Zu diesem Zeitpunkt jedoch ist man auch schon auf dem offenen Land und fern von Stadt und Palast. Das Betreten und Bereisen des Weges ist übrigens niemandem verboten, doch die wenigsten wählen diese lange Strecke, wollen sie den Herrscher besuchen; die meisten nutzen lieber das Haupttor des Palastes, welches über einen Innenhof zum Thronsaal führt. Es entstanden jedoch andere Zwecke für die Straße: Kinder nutzen sie für Mutproben, Liebende schlendern an den Parkanlagen vorbei und zweimal im Jahr werden Rennen auf dem Weg abgehalten. Einmal jedoch, da wollte der Zauberer Gasstes diesen Weg für seine Zwecke schändlich missbrauchen.

II.
Östlich der Stadt Dumbaß, fern dessen herrschaftlichen Weges, lebte der Bauer Mazti. Dieser besaß nur einen kleinen Hof mit zwei Hühnern, einer Ziege sowie drei kleinen Feldern. Man könnte also feststellen: er war arm. Und doch – auf seinem Grundstück, so hatte man Gasstes erzählt, befand sich eine für dessen Zwecke dienliche Erzader, weshalb er es besitzen wollte. Gasstes kam aus dem Osten und Mazti hatte nie zuvor von ihm gehört, wenngleich er in seiner Heimat als schlimmer Hochstapler galt, der sich als Zauberer ausgab um Leute mit weniger Verstand ausnehmen zu können. Sein Ziel diesmal war also Mazti. An einem schönen sonnigen Tag erreichte Gasstes den Hof; Mazti molk gerade seine Ziege vor seinem Haus. Gasstes begrüßte ihn und stellte sich artig vor: Gasstes, der Zauberer – d e r Gasstes – als wäre er weltberühmt. Mazti – der einfältige, gutgläubige Bauer – zeigte sich davon äußerst beeindruckt, zumal Gasstes ihm zur Unterstreichung seiner Worte Kunststücke aus seinem Hut vorführte, doch wunderte sich immerhin auch, was ein solcher Mann nun ausgerechnet bei ihm suchte. Gasstes beschloss, nicht weiter drumherum zu reden und offenbarte Mazit: Er würde ihm seinen Hof abkaufen wollen und bot ihm dafür eine gewaltige – traumhafte – Summe, sollte er einwilligen. Doch Mazti musste ablehnen, hing er doch mehr an seinem Leben auf dem Hof denn am schnöden Gelde – und was sollte e r sich denn schon kaufen? Da kam Gasstes die Idee, es mit einer anderen List zu versuchen. Er sah, dass Mazti nur das Leben als Bauer und alles Dazugehörige interessierte, doch dass der Ertrag seiner Felder mehr als kärglich schien. In seinen Taschen fand er einige Samen einer Blume, die von seinem letzten Mahl übriggeblieben waren. Diese versuchte er dem armen Mazti als Zaubersamen zu erklären – Samen mehrerer Gemüsearten, die in jedem Boden gedeihen würden. An dem staunenden Blick seines Gegenübers sah er seinen Sieg nahen. Doch sogleich erläuterte der Bauer, dass er seinen Hof auch dafür nicht verkaufen würde – ohne dabei zu bemerken, dass sie ihm ohne Hof sowieso nichts brächten. Aber Gasstes erwiderte schnell: das wollte er auch gar nicht. Vielmehr sei es sein Anliegen, einem dermaßen harten Geschäftspartner – und weil er von Natur aus ein Spieler sei – die Gelegenheit zu geben, diese Samen im Wettstreit zu gewinnen. Dazu müsse er nur in einem Rennen gegen ihn gewinnen – einem Rennen vom beginn des ummauerten Weges bis hin zum Palast. Da Mazti ihn zweifelnd ansah ergänzte er noch, er würde ihm dabei eine Stunde Vorsprung gewähren. – Gegen einen Zauberer könnte er doch nie gewinnen, sprach da Mazti. – Dass er nicht durch Zauberei betrügen könne, würden Zuschauer überwachen, versprach Gasstes. Nachdem sie sich dann noch ein wenig besprachen, verabschiedeten sie sich – Mazti hatte eingewilligt. Eine Woche später würden sie sich an der Mauer treffen; bis dahin wollten sie es allen verkünden, um möglichst viele Zuschauer zu haben. Doch natürlich hatte Gasstes trotzdem vor zu betrügen.

III.
Eine Woche später trafen sich die beiden Wettstreitenden am Ende des ummauerten Weges. Mazti hatte sich herausgeputzt – Gasstes war ein Geck wie immer. Beide hatten zahlreich Volk aus aus Nord und Süd sowie der Stadt heraufbeschworen, die sich an diesem Tage nun an der gesamten Länge des Weges sammelten, um zu gaffen. Viele lachten Gasstes aus, als sie hörten, er würde dem Bauer Vorsprung gewähren; viel mehr noch hatten sie Mitleid mit Mazti, denn dieser hatte nun seinen Hof als Einsatz in seiner Gutgläubigkeit gesetzt und sie trauten Gasstes mehr den Betrug durch Zauberei denn Ehrlichkeit zu. Und selbst das Herrscherpaar hatte von dem Wettstreit gehört und kam auf einen Balkon des Palastes hinaus, wo sie verkündeten, den Zauberer hinrichten zu lassen, sollte er dennoch betrügen. Zunächst aber geschah alles wie abgesprochen. Der Zauberer gewährte dem Bauern den versprochenen Vorsprung. Während Mazti vorwärts preschte, setzte sich Gasstes für eine Stunde reglos auf ein Ende der Mauer, beobachtet von Dutzenden von Zuschauern, die auf jeden Trick gefasst waren. – Doch nichts geschah. Eine Stunde lang verharrte Gasstes ruhig wie ein Bildnis. Bald fragte man sich, ob er sich nicht tatsächlich gegen eines eingetauscht hätte, doch viele sahen ihn atmen. Sodann ging ein Raunen durch die Menge und alle fragten sich, was dieser Zauberer nun vorhatte. Aus der Richtung zum Palast hin kamen immer wieder Meldungen, dass Mazti gut vorankam: Er rannte, als ginge es um sein Leben. Doch allmählich schienen ihn die Kräfte zu verlassen: Er wurde immer langsamer. Dies hörte auch Gasstes und ein zufriedener Ausdruck schlich sich in sein Gesicht.
Nachdem die Stunde dann abgelaufen war, musste ihm niemand die Zeit ansagen; ganz von alleine fing er an zu laufen und fiel sofort in einen ruhigen Trab. Die Menge blickte ihm staunend hinterher und nach und nach setzten auch sie sich in Bewegung; ihm zu folgen oder heim zu gehen. Gut vier Stunden dauerte es, da kam vor Gasstes der sich langsam vorkämpfende Mazti in Sicht. Seine Kleidung war durchgeschwitzt, sein Lauf schleppend und lahm, der Atem weithin hörbar keuchend. Wenig später dann überholte der Zauberer den Bauern und winkte ihm sogar noch fröhlich zu, was dieser aber kaum bemerkte; sein Blick war verschleiert von Schweiß. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis Gasstes den Palast vor Mazti erreichte und sich feiern ließ – oder besser gesagt: sich feiern lassen wollte, für seinen rechtmäßigen doch listigen Sieg. Denn aufgestachelt von einzelnen, buhte ihn bald die ganze Masse aus, hatte er doch den armen Bauern dank dessen Dummheit hereingelegt. Als dieser schließlich fast angekrochen kam und sich erschöpft in den Staub warf, verlangte Gasstes sogleich dessen Hof von ihm. Doch Mazti konnte nicht antworten; er war bewusstlos. Gasstes kramte stattdessen in seinen Taschen nach dem Schlüssel zum Hof – da unterbrach die Trompete eines herrschaftlichen Dieners das Getöse und brachte jedes Raunen zum Schweigen.
Was folgte, sei kurz erzählt: Das Herrscherpaar hatte zu dieser Zeit gerade Besuch aus dem Osten. Zusammen genossen sie das Schauspiel unterhalb des Palastes, doch kaum da Gasstes ihn erreicht hatte, sprang der Besuch aufgeregt von seinem Stuhle auf. Eilig erklärte er dem Herrscherpaar, dass er das Gesicht dieses Mannes bereits von Steckbriefen aus seiner Heimat kannte. Gasstes der Zauberer wurde daraufhin eilig von den Wachen des Palastes verhaftet, abgeführt und in den Kerker gesperrt, damit er den Besuch begleitend in dessen Heimat zu seiner Hinrichtung gebracht werden könne. Auf diese Art schaffte der Bauer Mazti es, seinen Hof behalten zu können – er hatte mehr Glück als Verstand besessen. Bis zu seinem Lebensende konnte er seine öden Felder bestellen. Gasstes jedoch wurde ohne Gewinn in den Osten überführt – doch verschwand unterwegs plötzlich; nur seine leeren Bein- und Handschellen blieben von ihm. In keinem der beiden Länder sollte man je wieder von ihm hören. Nun war man allerdings doch noch davon überzeugt, dass Gasstes ein wahrer Zauberer gewesen sei.

ENDE


Anmerkung des Herausgebers

Diese Geschichte aus dem hohen Norden ist ein dort allseits beliebtes Märchen, wie es davon viele gibt. In anderen Ausführungen der Geschichte gewinnt Gasstes zum Beispiel durch einen Zwillingsbruder und raubt indessen Maztis Hof aus, in anderen wird er doch noch hingerichtet. Oft werden die Figuren auch gänzlich anders benannt. Doch Dumbaß und diese Straße gibt es wirklich.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 03.06.3995


Die Wandlung

April 30, 2009

Eines Tages nahm sie mich bei der Hand und führte mich hinaus zum Wald. Immer weiter mit sich fortzerrend, brachte sie mich bald an den kleinen See in seiner Mitte.

„Was wollen wir hier eigentlich?“ fragte ich sie.

Ungeduldig werdend blickte ich zurück zum Dorf, zurück nach Eskoych und sah dort meinen Vater vor mir, wie er auf mich wartete und enttäuscht sein würde.

„Ich will dir etwas zeigen!“ sagte sie in einem nachdrücklichen Tonfall und zog mich weiter. „Es ist nicht mehr weit“, versuchte sie mich zu beruhigen.

Bald kamen wir zu der alten verfallenen Ruine des Hauses, das dort auf einem hohen schroffen Felsen den See überragte; wie die ausgeweidete Leiche eines gestrandeten Meeresungeheuers da stand, ihre düsteren, verbrannten Balken in den Himmel streckend.

„Du willst dort doch wohl nicht hinauf?“ entfuhr es mir, als böse Vorahnungen mich durchzuckten.

Auch ich kannte schließlich die Geschichten, auch ich hatte von alten Flüchen, bösen Geistern und grässlichen Monstren gehört. Was wäre nun, wenn diese Geschichten wahr sein sollten?

„Seit wann bist du denn so ängstlich?“ versuchte sie mich zu necken und zum Vorwärtsgehen zu bewegen.

„Du weißt genau, dass es verboten ist das Haus zu betreten!“ entgegnete ich ungehalten, mehr Angst verspürend als ich mir jemals eingestanden hätte.

„Ich weiß“, antwortete sie in einem beruhigenden Tonfall, „doch dort will ich auch gar nicht hin. Ich möchte dir etwas zeigen. Es ist dort hinten.“

Mit dem Arm deutete sie nun in die Richtung, wo der Felsen zum See hin abfiel. Ich konnte außer dem Schatten der Bäume kaum etwas erkennen, doch bildete ich mir ein, kleine graue Gestalten über den Felsen huschen zu sehen. Schließlich musste ich ihr zwangsweise folgen, da sie bereits voraus geeilt war, während ich noch mit meinen Ängsten rang. Sie stand am Felsen und als ich bei ihr ankam, sah ich, was sie wohl gemeint hatte: Eine dunkle Höhlenöffnung offenbarte sich meinem Blick, ihren Schlund aufreißend wie ein hungriges Monster.

„Los, komm schon!“ sprach sie aufgeregt und schnell atmend; schnell war sie verschwunden.

Ihr heller Ruf nach mir ertönte bald aus der Dunkelheit, lockte mich, forderte mich. So begann ich den Abstieg. Die Höhle stellte sich in Wahrheit als Gang heraus, der vermutlich tief unter den See führte. Beklemmung stieg in mir auf, als ich mich im Halbdunkel langsam vorwärts tastete. Gänsehaut befiel mich, als ich meinen Weg hinab unter die schweren Wasser suchte. Angst packte mich im Genick, als selbst das Tageslicht der Außenwelt verschwand und mir keinen Weg mehr zeigte.

„Wo bist du?“ rief ich verzweifelt, doch außer meinem hohlen Echo antwortete mir niemand.

Unwillig ging ich weiter. Unter meinen suchenden Fingern spürte ich rauen Felsen, Erde und hie und da auch Spinnweben. Einmal strich ich über etwas Glitschiges, das sich schnell von mir fortbewegte. Abscheu stieg in mir auf. Was, wenn dies bereits Teil des Fluchs war, der über dem Haus lag, und ich nun verdammt wäre für ewig in dieser klammen Finsternis vorwärts zu waten? Panik erfüllte alle Winkel meines Körpers.

„Madhou!“ rief ich verzweifelt.

Dann plötzlich wurde es heller. Ich erkannte, dass ein Feuer entfacht worden war; wohl in einem Raum am Ende des Ganges. Und wieder hörte ich sie auch nach mir rufen. Ich fand sie in einer größeren Höhle. Sie war gerade damit beschäftigt, eine zweite Fackel zu entzünden und sie in eine Wandhalterung gegenüber der ersten zu stecken. Nur schwach erleuchteten diese Feuer den Raum. Dieser war nicht natürlichen Ursprungs, er musste aus dem Fels gehauen worden sein. Seine Form glich einer flachen Scheibe: die Decke niedrig, der Durchmesser weit. Von der Mitte der Decke hing eine Felssäule, die sich zum Boden hinab verjüngte, doch bereits kurz vor der Oberfläche eines runden Steintisches aufhörte. Sowohl auf diesem, als auch auf dem Boden der Höhle fand sich ein seltsames Spiralen-Muster. Es begann unter meinen Füßen und endete in der Mitte der Tischoberfläche, wo sich eine Vertiefung befand. Dies alles, Raum und Tisch, musste aus einem einzigen Stück gemeißelt worden sein.

„Wo sind wir hier?“ waren meine ersten erstaunten Worte.

„Unter dem See!“ antwortete sie, und die Freude in ihrer Stimme stand im Gegensatz zu meinem Schaudern.

Madhou war gerade mit ihrem Tun fertig geworden und wandte sich nun diesem steinernen Tisch zu, da fiel mir etwas ein.

„Mach das bloß nie wieder!“ entfuhr es mir, mehr ängstlich denn wütend.

„Was denn?“ fragte sie unschuldig.

„Mich in dieser fürchterlichen Dunkelheit allein zu lassen!“

Ihr Lächeln kann ich bis heute nicht deuten, doch fühlte ich mich schon damals nicht wohl dabei.

„Stell dich nicht so an“, raunte sie leise, kniete sich dabei neben dem Tisch nieder und ließ ihre Finger über seine Kanten gleiten.

Jetzt erst bemerkte ich die Figuren, die man einmal rings um den Rand der Steintafel eingemeißelt hatte. Sie zeigten unheimliche Gestalten und Begebenheiten, furchteinflößende Ungeheuer, die sich kein vernünftiger Geist hätte ausmalen können, und Menschen, die vor ihnen knieten, in Anbetung, Opferung und Tod. Wieder schauderte es mir, während die kalte Höhle begann, Verderben und Verdammung auszustrahlen.

„Ich will hier weg“, sprach ich und bemerkte das Zittern in meiner Stimme.

„Du bleibst hier!“ antwortete sie hart, während sie ihr Gesicht endgültig dem Tisch zuwandte. „Ich entdeckte diese Höhle vor wenigen Wochen und ich möchte sie mir dir teilen. Komm her zu mir und genieße sie zusammen mit mir.“

Langsam erhob sie sich bei dieser Ansprache und strich nun mit der Hand über die Oberfläche des Steines, fuhr mit den Fingern hinab zu der Vertiefung in der Platte. Dann schrie sie überrascht auf. Ich sah einzelne Blutstropfen von ihrem Finger fallen; sie musste sich geschnitten haben. Ein merkwürdiges Gefühl des Unheils durchzuckte mich.

„Es reicht; ich gehe. Ich werde dich im Dorf erwarten“, sprach ich und musste die Laute förmlich aus mir herauspressen.

Ich wollte nur noch weg von diesem Ort. Ohne auf Madhou oder eine Antwort von ihr zu warten, drehte ich mich um. Wieder musste ich durch diesen schrecklichen Tunnel, der trotz der Fackeln aus der Höhle nur teilweise erleuchtet werden konnte. Diesmal jedoch war ich schneller, denn ich fühlte mich verfolgt, wagte es aber nicht, mich umzudrehen. Wie ein Messer bohrte der Eindruck der Verfolgung sich in meinen Rücken, bis ich den Schmerz tatsächlich deutlich spüren konnte. Hastig eilte ich voran, stolperte immer wieder, musste die letzten Schritte sogar kriechend zurücklegen, während Käfer und Spinnen über meine Hände huschten. Schmutzig und keuchend erreichte ich endlich wieder Tageslicht. Erschrocken drehte ich mich dort um, doch konnte ich in der Finsternis nichts erkennen; nichts hatte mich verfolgt. Nicht einmal den Schein von Madhous Fackeln sah ich noch. Kurz fragte ich mich, ob ich nicht auf sie warten sollte, doch sie schien mir nicht zu folgen. Dann überlegte ich, dass ich sie dort herausholen müsste, vor allem beschützen, was dort an Schrecklichem auf sie lauern könnte, doch meine Angst besiegte mich; ich konnte es nicht. Bald kehrte ich dem Wald den Rücken und ging zurück nach Eskoych. Es erwarteten mich zahlreiche Fragen und besorgte Blicke.

Madhou kam nicht mehr heim. Ich machte mir schreckliche Vorwürfe deswegen: Ich hätte bei ihr bleiben sollen, hätte sie zurückholen sollen. Doch etwas in mir sagte mir, dass auch ich dann niemals mehr zurückgekommen wäre. Zu diesen Tagen begann der Wald seine Wandlung. Immer waren die Damodh-Hügel und mit ihnen Eskoych, ihre Wiesen und der Wald die schönste Gegend der mir bekannten Welt gewesen. Nun aber wirkte der Wald anders; das bemerkte nicht nur ich. Jeder, ob Einheimischer oder nicht, sah den Wandel. Grün tragende Bäume wurden braun und verloren ihre Blätter, Tiere verließen und mieden den Wald und Förster weigerten sich bald, ihn zu betreten.

Doch immer noch wurde Madhou in seinem Inneren vermutet und schließlich entschied man sich, den Wald nach ihr abzusuchen. Dutzende von Freiwilligen fanden sich, trotz der unheimlichen Wandlung des Waldes. Ich muss gestehen, vielleicht zu meiner Schande, dass ich nicht an der Suche teilnahm. Man mag mir jegliche Feigheit dieser Welt vorwerfen, doch rückblickend betrachtet konnte man nur froh sein, nicht gegangen zu sein. Das, was ich von der Suche hörte, sollte mir genug Schrecken sein.

Wenige Tage nach Madhous Verschwinden, noch zu den Anfängen der Wandlung, machten sie sich auf den Weg. Mein Vater war auch dabei. Es war gerade Mittag, da erreichten sie den See. Sie fanden den Felsen mit dem Haus vor, wie ich ihn beschrieben hatte, doch vermochten sie keine Tunnel zu entdecken, die unter den See geführt hätten. Nur eine kleine Höhle in dem Felsen war vorhanden. Dort war es auch, dass sie die Kette fanden, die Madhou von ihrer Mutter bekommen hatte und auf die sie so schrecklich stolz war. Dies war den Männern Grund genug, die Suche noch nicht zu beenden, denn vermutlich war sie noch in diesem Wald. Bis zum Sonnenuntergang durchsuchten sie den ganzen bedrohlichen Forst. Alles dort soll verändert gewesen sein; nicht nur der Wald hatte sich gewandelt. Über dem einst klaren und stillen See hing den ganzen Tag eine dichte, niedrige Nebeldecke und hin und wieder stiegen Blasen an die Oberfläche, die zerplatzten und deren ausströmende Gase den Männern schlecht werden ließ. Tiere erblickten sie nicht eines, doch fand die Gruppe vereinzelte Knochen, die stets fein säuberlich abgenagt schienen. Hinter jedem Busch fanden die Männer tödliche Gruben, giftige Pilze oder dornenbewehrte Sträucher. Der einst so friedliche, einst so schöne Wald schien sich in einzige Todesfalle verwandelt zu haben; in einen Ort des Bösen – Nein, in das Böse selbst. Denn schließlich kam der Abend und mit ihm der Tod.

Die Gruppe wollte die Suche letztlich doch aufgeben und nach Eskoych zurückkehren, da es immer später wurde. Doch tatsächlich wurde es nur für sie zu spät. Lediglich zwei der Männer verließen den Wald lebend, doch ihre Geschichten wirkten viel zu abenteuerlich, als dass sie jemand geglaubt hätte, auch wenn sie übereinstimmten. Beide starben kurz nach ihrer Verhörung; seitdem wagt sich niemand mehr in den Wald. Ich war bei dieser Anhörung zugegen, hoffte ich doch etwas über meinen Vater und Madhou zu erfahren. Nun wache ich manchmal nachts schweißgebadet auf und wage nicht mehr, wieder einzuschlafen.

Die Männer berichteten von einem lebendigen, doch dunklen Wald; von Ranken, die nach ihnen griffen und sie in die Gruben und Sträucher zerrten; von Bäumen, die sich einzelne Männer einverleibten als seien sie Wasser; von Nebel, der sie alle zu ersticken drohte; von Büschen, denen Beine wuchsen auf welchen sie die Suchenden verfolgten; und von dem Haus, das in lodernden Flammen stand und doch zusammen mit diesem Feuer ein Ganzes zu bilden schien. Und am schrecklichsten von allem war die Erzählung, dass Madhou gesehen wurde oder etwas, das noch entfernt an sie erinnerte, doch mittlerweile mehr Teil des Waldes zu sein schien und über das Leiden der Sterbenden lachte.

Dutzende starben in dieser Nacht, an dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Dies alles war Grund genug für mich, Eskoych zu verlassen und in die Stadt, nach Barhsrom zu gehen. Ich schwor mir, nie wieder zurückzukehren in diesen verwandelten Wald, doch immer höre ich Madhou mich in meinen Träumen rufen. Meine schöne Madhou erscheint mir wie früher in ihnen. Ich hatte einen Einfall, wie ich diese Verwandlung umkehren kann, wie ich wieder meine Madhou von damals zurückbekomme.

Wünscht mir Glück und Erfolg.

ENDE


Kommentar des Herausgebers

Eskoych ist ein kleines Dorf nördlich von Barhsrom in Dhranor. Früher war es bekannt für seine lieblichen Auen. Heutzutage erzählt man sich Geschichten über den sogenannten Mordwald bei Eskoych, wo vor gut zweihundert Jahren zahlreiche Männer den Tod fanden. Der Mordwald wird selbst von der Armee gemieden. Niemand betritt ihn freiwillig; nur Wahnsinnige gehen hinein, doch kehren nie zurück.

Diese Geschichte ist das letzte, was man von einem jungen Mann aus Barhsrom fand. Nie wieder hörte man von ihm oder Madhou.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 16.03.3995


Das geheimnisvolle Verschwinden des Herrn Ghambaris

April 3, 2009

Vor etwa vier Wochen verschwand Herr Ghambaris, welcher stets bekannt war als ein Mann unglaublichen Wissens und großer Befähigung. Wenn es um Pflanzen ging, so war er die beste Anlaufstelle um Bekanntes und Unbekanntes über sie zu hören. Jeder Mann auf der Straße ist sich nun aber einig, dass seine Versuche mit den Pflanzen ihn in etwas Schlimmes hineingerissen hätten. Die wenigen, die ihn wirklich kannten, wissen aber, dass er stets oberste Vorsicht hatte walten lassen. Ich war sein Freund, doch hatte zugleich die Untersuchungen sein Verschwinden betreffend zu leiten. Seitdem weiß ich, dass entweder beide Lager im Recht waren oder mein Freund letztlich den Verstand verloren hatte. Darüber mag ich jedoch nicht urteilen. Ich kann die Beweise, die sich mir boten nicht annehmen, sondern nur hoffen, dass sie seiner Einbildung entsprangen. Hiermit nun möchte ich sie entscheiden lassen, indem ich die wichtigsten Abschnitte seines Tagebuchs veröffentliche, welches ich in einem geheimen Versteck fand.

Das Tagebuch des Herrn Ghambaris

4. 4.: Der Blumenhändler vom Marktplatz, bei welchem ich stets meine Versuchspflanzen beziehe – ein Freund der Schlange Pitra, aber trotzdem ein fähiger Mann – erzählte mir heute, er habe auf einer Hochebene in den nahen Bergen eine besonders schöne Pflanze entdeckt, konnte sie jedoch aufgrund ihrer Dornen nicht allein von dort entfernen. Ich bedankte mich bei ihm für diese Nachricht und entschloss mich, der Sache nachzugehen. Ihm versprach ich eine Belohnung, sollte er dort wirklich auf etwas gestoßen sein. Leider hatte er sonst nichts im Angebot, das mich begeistern konnte, dabei brauche ich endlich neues. Die Versuche, die Blütezeit der Hasenblumen zu verlängern, war aber trotzdem bisher ein voller Erfolg. Ich verbrachte den Rest des Tages mit ihnen.

5. 4.: Matiff kam heute zu mir. Pitra habe ihm gekündigt, sprach er und fragte im Atemzug, ob ich ihn nicht anstellen könnte. Er kam mir aber wirklich wie gerufen. Schon seit gestern überlege ich, mit wem ich den Aufstieg in die Berge angehen könne. Ich war schon kurz davor mir einen beliebigen Kerl aus einer Kneipe anzuheuern, doch wer weiß, ob ich da lebend aus den Bergen zurückgekehrt wäre. Matiff dagegen kenne ich immerhin schon gut ein Jahr; seit der Zeit, da er in Pitras Laden anfing zu arbeiten. Sie wird mich zwar umbringen wollen, sollte sie erfahren, dass er nun bei mir ist, doch wen kümmert das. Mit Pitra habe ich schon lange eine Rechnung offen, dies ist nun eine gute Gelegenheit zur Rache. Matiff habe ich sofort zugesagt und auch eingeweiht. Morgen gehen wir zusammen los um die benötigte Ausrüstung zu besorgen. Ich hoffe gleich am Tag danach abreisen zu können.

10. 4.: Bisher verlief alles wie nach Plan. Ach, von wegen, nicht nur wie, es verlief tatsächlich nach Plan. Wir haben uns alles besorgt, was wir für zwei Wochen Reise in den Bergen brauchen. In ein oder zwei Tagen schon dürften wir die beschriebene Hochebene erreichen. Mit uns nahmen wir einen ortskundigen Führer und ein Lastgespann, denn die Pflanze sollte bei Menschengröße anders schwer in die Stadt zu bekommen sein. Ich vermisse zwar meine kleinen Lieblinge, doch Ende nächster Woche sollte ich wieder bei ihnen sein. Die Haushälterin wird sich in der Zeit sicherlich gut um sie kümmern. Ach, die Berge hier sind wahrhaft schön. Oft erreichen wir Stellen, an denen wir bis in die Stadt zurücksehen können. Über uns scheint die Sonne, unter uns schlängelt sich der Fluss dahin. Und überall diese Blumen! Ich muss mich immer wieder zusammenreißen, nicht ständig stehenzubleiben um sie zu bewundern. Die Blumen dieser Berge haben eine wilde Schönheit, doch eines Tages werde ich die dichten Wälder des Nordens besuchen um wahrhaft seltene Blüten zu finden.

12. 4.: Wir haben es schon fast geschafft! Die Hochebene ist erreicht. Nur fünf Tage haben wir benötigt. Heute morgen kamen wir hier an, nach endlos scheinenden Wegen die Hänge hinauf. Dafür wurden wir auch mehr als belohnt: Die Ebene ist gut mehrere Wegstunden breit im Durchmesser, eine große Wiese mit Hügeln und Quellbächen, der Traum meiner Träume. Allüberall um uns herum nur Blumen in allen denkbaren Farben, sonst jedoch nichts: Grasfelder besprenkelt mit farbigen Schönheiten. Doch wir waren für die Größte aller Schönheiten gekommen, und am späten Nachmittag war es, da erspähten wir sie, wie sie sich in einer Ecke dieses Gartens versteckte. Ihr Körper scheint nicht auffällig ungewöhnlich zu sein: raue knorrige Ranken, mit zahlreichen kleinen spitzen Dornen bedeckt. Doch oh, all ihre Köpfe, all ihre Augen! Sie steht wunderbar in der Blüte; ihre Kelche sind groß, ihre Blätter vielfarbig, ihre Blüten verströmen den erquicklichsten Duft. Ich werde sie Gunaila nennen, nach meiner verstorbenen Frau. Nur eines an ihr wundert mich, auf das mich Matiff aufmerksam machen musste: Ihre Ranken bilden in wundersamer Weise die Form eine Menschen nach. Morgen früh werden wir versuchen behutsam ihre Wurzeln auszugraben, sie auf den Wagen zu laden und in die Stadt zu bringen. Ich muss sie schleunigst gründlich untersuchen.

20. 4.: Endlich sind wir wieder zurück in meiner Werkstatt. Oh, wie ich meine Lieblinge vermisst habe! Besonders um die Hasenblumen hatte ich mir Sorgen gemacht. Doch offensichtlich ohne Grund, denn es war sich gut um sie gekümmert worden. Und meine neue Schönheit hat die Fahrt gut überstanden. Jetzt erst, hier in meiner Werkstatt, werde ich sie gut behandeln, umsorgen und untersuchen können. Ach, ich freue mich darauf! Matiff allein half mir, sie hereinzubringen. Niemand anders darf sie sehen oder berühren, denn sie ist mein. Matiff wird weiter für mich arbeiten, auch wenn ich nicht so recht weiß, was mit ihm anzustellen ist. Vorerst kann er Botengänge übernehmen und sollte er sich als tauglich herausstellen, darf er vielleicht irgendwann auch hier drinnen helfen. Doch nun zu meinem süßen Schatz. Ich eile, ich komme!

24. 4.: Ich habe meinen Liebling, meine Gunaila, lange und gründlich untersucht. Sie gleicht keiner Pflanze, die ich je gesehen oder von der ich je gelesen hätte. Doch wie denn auch, ist sie nicht schöner als alle anderen zusammen und deshalb die schnöde Welt ihr nicht wert? Oh, ich könnte sie umarmen, sie liebkosen. Matiff sagt, sie versprühe einen starken Duft der willenlos mache, doch kann dies nicht sein. Warum ist er so eifersüchtig? Allein ihre Schönheit ist es, die mich bezaubert. Mir muss es unbedingt gelingen herauszufinden, was Gunaila ist, woher sie kommt und wie ich sie vervielfältigen kann – und sie aus der Reichweite dieses neidischen Narrs halten.

26. 4.: Oh ich Tor! Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und habe Gunaila heute umarmt. Meine schöne zarte Gunaila, ich wollte dich bloß küssen. Leider hatte ich deine Dornen vergessen. Die Einstiche an meinen Händen und Armen schmerzen, teilweise jucken sie. Das Schreiben fällt manchmal schwer. Ach, hätte ich es doch bloß nicht getan. Welch Schmerz die Liebe doch bringen kann. Glücklicherweise war Matiff im Haus und kümmerte sich im Nebenraum um die Hasenblumen, die von einer seltsamen Krankheit befallen zu sein scheinen. Schließlich durfte er sich auch um meine Wunden kümmern.

27. 4.: Pitra war heute da. Kann sie mich denn nicht endlich in Ruhe lassen? Was will sie nur stets von mir? Meine Pflanzen? Meine Ideen stehlen? Vermutlich ist sie neidisch, da ich Erfolg habe, wo sie stets versagte, und weil ich diese kostbaren Schönheiten nicht nur einfach wie sie es tut verkaufe. Sie sagte, sie wollte sich erkundigen ob ich neue Blumen für sie zum Verkauf hätte und wunderte sich über meine Verbände. Ich habe sie nicht in meine Werkstatt gelassen oder ihre Fragen beantwortet. Niemals wird sie dort hineinkommen, oh nein. Doch dann sah sie Matiff. Ich hätte erwartet, dass sie sauer ist, dass sie sich beschweren würde. Aber alles, was von ihr kam, war ein höhnisches Lachen begleitet von einem „Alter Narr!“. Ich muss mich doch sehr über sie wundern. Als sie ging sagte sie mir noch: „Du bist verloren!“. Eine Drohung?

1. 5.: Ach, meine Arme jucken immer mehr. Heute entfernte ich trotz heftigem Widerspruchs von Matiff meine Verbände. Ich war sehr erschrocken bei dem Anblick, der sich mir bot. Was ist es, das mich da gepackt hat? Warum haben sich die Wunden schon geschlossen, dort wo neue Haut sein müsste, erkenne ich nur knorriges Geflecht? Vermutlich sehe ich nicht mehr recht, habe zuviel Zeit damit verbracht meine Gunaila zu betrachten. Es scheint ihr nicht gut zu gehen, von Tag zu Tag wird sie schwächer. Ihre Blüten haben sich geschlossen, ihre Borke verliert ihren Glanz. Ich weiß nicht, was ich tun soll, sie spricht auf keines der üblichen Mittel an. Ich will sie nicht verlieren.

3. 5.: Ich mache mir immer mehr Sorgen, sowohl um mich als auch um Gunaila. Meine Begeisterung für sie scheint mit dem Nachlassen ihrer Schönheit abzuflauen. Immerhin etwas Gutes, denn so klärt sich mein Blick wieder. Doch nein, so einfach wie dies klingt ist es nicht. Ich sehe langsam klarer; sie muss irgendwie Macht über mich gehabt haben. Vermutlich hatte Matiff Recht gehabt, vermutlich hat sie mich wirklich in ihren Bann gezogen und ich bemerkte dies nicht einmal. Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich befürchte, ich bekomme meine gerechte Strafe dafür bereits, ich sehe schwarz für meine Zukunft. Das Geflecht an meinen Armen hat sich ausgebreitet; langsam erinnert es mich an die Borke von Gunaila, die nun so verkümmert aussieht. Mein Ziel, sie zu retten, ist nun vergessen, zunächst sollte ich mich retten. Es muss doch einen Grund für all dies geben.

5. 5.: Es scheint wirklich hoffnungslos, mir will einfach kein Weg einfallen. Ich arbeite die ganze Zeit, schlafe nur noch, sobald mich die Erschöpfung niederzieht. Was mag es nur sein, was könnte mir helfen? Oh, lasst mich doch bloß einen bösen Traum haben. Doch in den Träumen meines Traumes werde ich noch schlimmer verfolgt. Warum erscheinen mir immer wieder endlose Wasser in düsteren Höhlen, überseht von tausenden verwelkten Blütenblättern? Ach, es ist so grausam. Gunaila scheint jegliches Leben zu verlassen, doch was kümmert mich dies jetzt noch? Gestern musste ich Matiff wegschicken, da ich es nicht mehr verbergen kann. Irgendwann müsste er das Geflecht sehen, welches nun schon meine Arme, meinen Oberkörper und Teile des Gesichts bedeckt. Vielleicht sollte ich mich an Pitra wenden. Wobei – könnte es sein, dass es nicht Gunaila war, dass Pitra mir dies angetan hat? Hat sie Matiff geschickt gehabt, mir ein Gift einzuflösen? Oder sollte Matiff mich zu Gunaila führen, welche sich meiner bemächtigen sollte, damit Pitra allein den Blumenhandel der Stadt beherrsche? Ich habe das Gefühl, mein Verstand verlässt mich. Ich stelle schon wilde Anschuldigungen in den Raum, ohne jeglichen Beweise. Doch erlöst mich dies trotzdem nicht. Nein, ich will nicht wie Gunaila werden!

6. 5.: Ich kann kaum noch klar denken. Die Träume von Wasser werden stärker, nun beschienen von der Sonne. Was bedeuten sie? Die Verwandlung scheint voranzugehen. Das Geflecht hat sich verhärtet und ist mittlerweile überall. Schrecklicher jedoch sind die Dornen, die an einigen Stellen zu wachsen begannen. Sie zerrissen mir teilweise die Kleidung. Immer wieder streiche ich über sie oder berühre mit meinen Händen mein Gesicht ohne an die Dornen gedacht zu haben. Das Schreiben fällt schwer, ich kann die Feder kaum mehr halten. Sollte es mir nicht gelingen, bald eine Lösung zu finden, bin ich verloren. Pitra kam heute zur Werkstatt, doch habe ich nicht geöffnet. Kam sie, das Gelingen ihres Planes zu überprüfen? Ich bin mir sicher, sie steckt mit diesem Blumenhändler vom Marktplatz unter einer Decke. Oh grausame Welt! Hätte ich Gunaila doch niemals gefunden! Ihr Schicksal scheint besser als das meine, sie ist bereits völlig eingetrocknet. Wer sie wohl früher war? Ich muss etwas unternehmen, nie wieder darf jemand eine solche Pflanze finden!

10. 5.: Alles ist vergebens. Kann kaum schreiben. Gliedmaßen versteiften sich. Hab die Überreste von Gunaila verbrannt. Keine Hoffnung mehr. Werd auch mich verbrennen. Bleiben wäre gefährlich. Niemand darf angesteckt werden. Niemand.

An dieser Stelle bricht das Tagebuch des Herrn Ghambaris ab. Ich fand es nahe des Verbrennungsofens, versteckt hinter halbverbrannten Zweigen. Daneben, gefährlich nahe am Ofen, stand eine wunderbare Pflanze, geformt wie ein Mensch. Ich ließ sie zu mir bringen, um sie zu bewachen. Solch eine edle Pflanze darf nicht in gewöhnliche Hände geraten.

Ich vernahm auch Pitra und Matiff, die erzählten, seltsame Änderungen den Geist des Ghambaris betreffend bemerkt zu haben. Die letzten Einträge in seinem Tagebuch wirken auch tatsächlich einfach nur wirr. Niemand wird sie glauben; auch ich glaube sie nicht. Pitra und Matiff sind ehrbare Bürger unserer Stadt und so eine schöne Pflanze, wie ich sie im Hause des Ghambaris fand, kann nicht dermaßen gefährlich sein. Trotzdem überlasse ich ihnen nun die Entscheidung, denn der Fall Ghambaris ist abgeschlossen; er wurde für tot erklärt. Und ich werde nun zurückgehen zu dieser wunderschönen Pflanze, sie bewundern und zeichnen, um sie mit allen teilen zu können.

ENDE

Kommentar des Herausgebers

Dieser Bericht erschien vor etwa vierhundert Jahren in einer Zeitschrift in Patol, der Hauptstadt von Tandereis. Der Autor nannte sich einen Wachmann aus einer Kleinstadt nah der Sonnenzinnen. Warum der Bericht aber nicht den Tatsachen entsprechen kann, lässt sich leicht erschließen: Es scheint nie eine derartige Kleinstadt gegeben zu haben; jedenfalls findet sich keine Spur davon, auch wenn es Gerüchte gibt, dass es einst nah der Berge eine gab, die für ihre Blumen bekannt war.

Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun

Raygadun, Aleca, 16.03.3995


Geschichten aus Lurruken, Teil VII: Der Abschluss

März 16, 2009

Mitternacht ward es und ich drückte mich an eine Hauswand. So gut es ging versuchte ich mit der Dunkelheit eins zu werden. Ich hielt mich lautlos und ruhig, derweil ein betrunkener alter Mann an mir vorbei torkelte, der dabei noch teilweise einen kurzen Flug aufs Gesicht wagte, sich aber wieder aufrichten konnte und schließlich das düstere Gemäuer passierte, welches ich mir zum Ziele auserkoren hatte.

Bald darauf huschten zwei weitere Gestalten die Straße hinab, gekleidet in dunkle Mäntel, welche aber die hervorstechenden blitzenden Klingen nicht verbergen konnten. Sie folgten dem armen Betrunkenen. Dieser verließ gerade den Lichtkegel einer alten Feuerstelle am Wegesrand. Die Räuber, Attentäter oder was auch immer, umgingen dieses Licht. In Windeseile waren sie bei ihrer Beute und gingen ihrer Arbeit nach. Natürlich achtete ich darauf nicht selber auch noch entdeckt und gemeuchelt zu werden, während die beiden Mörder ihr Opfer kunstvoll verschwinden ließen.

Ich erschauerte – es war doch recht kühl – und überquerte dann so schnell ich nur konnte ohne aufzufallen die Straße zu ‚meinem‘ Haus hinüber. Wie überall hier in der Straße lag ein recht großes Gebiet zwischen diesem und dem nächsten Gebäude, geteilt durch einen Zaun, welcher auch die Massen der Straße fernhalten sollte, die auch gern ein ebensolches besitzen würden – Gebäude oder Gebiet. Ich ging die hohen Stäbe des Zauns entlang bis zur großen Eingangstür.

Dort zuckte ich zusammen, als ich hinter mir plötzlich eine schreiende Frauenstimme vernahm. Die dazugehörige Frau lief vor ungefähr einem Dutzend Männer davon und floh Richtung Innenstadt. Es war wahrlich keine gute Gegend für Nachtspaziergänge rechtschaffender Leut. Und das, obwohl es einst das neue Reichenviertel war, wie man noch an den protzigen Gebäuden erkennen konnte. Immerhin konnte ich mich glücklich schätzen bewaffnet hier aufgetaucht zu sein, wenn es auch nur eine Taschenarmbrust war, die mich hier begleitete. Besser doch als gar nichts, oder? Ich fasste sie mit der Linken und hielt kurz Ausschau in der Nacht. Natürlich entdeckte ich nichts, welcher gute Dieb ließ sich auch schon so einfach blicken? Dann wandte ich mich wieder dem Haus zu und suchte nach einem Weg, möglichst einfach hinein zu gelangen. Der Zaun, welcher den Garten umgab, war wohl um einiges zu hoch um ihn hinauf klettern zu können. Die Tür vor mir sah recht stabil aus, ließ sich jedoch vielleicht öffnen. Ansonsten war die Mauer des Hauses zu glatt zum erklimmen und das nächste Fenster um einiges zu hoch um es zu erreichen.

Ich untersuchte erstmal den Eingang etwas genauer und drückte versuchsweise die Türklinge hinunter – manchmal war der einfachste Weg doch tatsächlich der richtige. Doch ich wurde leider nicht überrascht. Also zückte ich mein kürzlich erworbenes – und nicht etwas geklautes, nein, niemals – Einbrecherwerkzeug und machte mich an meine zutiefst anständige und ehrliche Arbeit. Einige Zeit später – ich hatte leider noch nicht soviel Übung mit diesen Gerätschaften – war ich endlich im Inneren des Hauses und sah mich dort um. Hier drinnen war es fast genauso düster wie draußen vor dem Haus: dunkle Wände, Böden und Decke und alles eingerichtet von einem scheinbaren Liebhaber der Tätigkeit des Folterns, so schien mir zumindest, denn überall standen furchtbar unbequem aussehende Möbelstücke, von denen ich jedoch im Dunkeln kaum etwas erkannte. Mehrere Türen führten aus diesem Eingangszimmer hinaus, ebenso eine Treppe ein Stockwerk höher.

mehr…


Auf der Flucht

Februar 19, 2009

Sie waren da. Laute Schläge hämmerten gegen die Tür. Von draußen drangen Stimmen zu ihm durch. Ittus vernahm Rufe wie „Da drinnen ist er!“, „Er hat die Tür verschlossen!“ und „Tötet ihn!“. Entsetzt richtete er sich auf. Schnell ergriff er seine Tasche und hängte sie sich um. Gleichzeitig erhob er sich hastig vom Bett. Sein Herz raste vor Angst. Kaum war er fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Übereilt stieß er das billige Bett um und schob es vor die Tür. Ansonsten gab es in dieser kleinen Absteige keine weiteren Möbel und Waffen besaß er nicht. Auf der anderen Seite der Zimmertür sah dies anders aus: Eine erste Axt krachte gegen die Tür.
Ittus hatte keine andere Wahl. Die einzige Fluchtmöglichkeit stellte das Fenster dar. Die Angst drohte ihn zu lähmen. Seine Sicht verschwamm, seine Hände zitterten, sein Körper stand kurz vor der Ohnmacht. Er versuchte sich zusammenzureißen. Nur halb bewusst griff er sich den dreibeinigen Schemel neben dem Fenster, stieß dabei die Waschschüssel herab und warf ihn durch die Scheibe. Glas klirrte. Zu spät fiel seinem nun fast tierischen Verstand ein, dass er das Fenster auch hätte öffnen können. Damit hielt er sich nun aber auch nicht mehr auf. Ein Blick durch die Öffnung offenbarte ihm, dass er sich noch immer im zweiten Stockwerk befand. Gegenüber ragte die Abfallrampe einer Metzgerei aus der Wand des Nachbarhauses. Sein Glück sollte es sein, in diesem Moment nicht mehr überlegen zu können. Denn gerade als er durch die Fensteröffnung kroch, krachte es mehrmals laut hinter ihm. Während Ittus hinüber zur Rampe sprang und schmerzhaft aufkam, wurden die Eindringlinge in seinem Zimmer von den Trümmern der Tür und dem Bett aufgehalten. Als der Rutsch die Rampe herab endlich von Abfällen gebremst und aufgefangen wurde, strömten sie oben in das Zimmer.
Ächzend richtete Ittus sich auf. Arme und Beine schmerzten nun fürchterlich, zerschnitten von Scherben, geprellt von der Landung, abgeschürft von dem Rutsch. Doch dafür blieb keine Zeit, humpelnd machte er sich von dannen, die Gasse entlang, über einen Hinterhof, eine weitere Gasse hindurch und immer so fort, bis ihn seine Füße nicht mehr weiter trugen und er meinte, endlich weit genug entfernt zu sein. Erst dann ließ er sich versteckt zwischen Kisten hinter einem Lagerhaus nieder. Mittlerweile war die Angst abgeklungen, sein Blut raste nicht mehr. Vielmehr verlangte sein ganzer Körper nur noch nach Ruhe. Doch diese konnte er sich vorerst nicht gönnen. Während er sich die Schnitte und Abschürfungen besah, verscheuchte er die Ratten um sich herum und dachte nach. Bald schon kam er zu dem Schluss, dass nur Munish ihm nun noch helfen könnte.
Es machte keinen Sinn, hier weiter zu warten. Jede verstrichene Stunde ließ den Morgen näherkommen. Nun, in der Nacht, wäre es einfacher für ihn. Vorsichtig richtete er sich wieder auf und stützte sich an der Wand ab, als ihm plötzlich schwindlig wurde. Nachdem dies nachgelassen hatte, stolperte er bis zu dem Durchgang zu seinem Versteck, den einige Kisten formten. Vorsichtig sah er um die Ecke herum auf den weiten Hof hinter dem Lagerhaus, auf welchem Kistenstapel einen Irrgarten formten. Immer noch war hier niemand zu sehen. Hoffentlich hatten sie seine Spur verloren. Doch erhellte auch kein Licht den Platz, schien kein Mond am Himmel. Und langsam kroch Nebel durch die Gassen der Stadt. Er musste sich hier irgendwo im Hafen befinden. Das gab ihm zumindest einen Anhaltspunkt, wo er nun hingehen müsse.
So gut es aufgrund der Schmerzen ging, schlich Ittus zum Ausgang dieses Lagerplatzes, der nun düster und Nebel verhangen wie ein Totenreich da lag.  Eine morsche alte Tür in einem losen Bretterzaun war das Tor aus diesem Reich seiner kurzweiligen Sicherheit hinaus in den Hafen. Doch schon richteten sich ihm Unheil verheißend die Nackenhaare auf. Hastig blickte er sich um, doch war nichts zu sehen. Er rüttelte an der Tür, wollte diesen Platz so schnell wie nur möglich verlassen. Hinter sich etwas krachen hörend verfiel er in Panik. Ruckhaft öffnete sich ihm schließlich die Tür. Schnell eilte er hindurch, ohne Vorsicht schloss er sie hinter sich. Die Schmerzen für einen Moment vergessend floh er in die Nacht. In seinem Rücken vermeinte er noch kurz Kinderlachen zu hören.
Dann war er in einem anderen Teil des Hafenviertels. Hier und da erleuchtete eine Laterne die breiteren Wege, doch blieb er in der Dunkelheit. Einsame Wanderer sah er auf der Hauptstraße, viele das Vergnügen suchend. Der Sinn für Freude, für die Fleischeslust, selbst für Gesellschaft war Ittus nun aber vergangen. Einmal vermeinte er eine Gruppe Gestalten, mit Äxten und Fackeln versehen, die Straße entlang polternd und Spaziergänger nach ihm ausfragend zu sehen. Der Nebel spielte ihm hier jedoch einen Streich; es war nur eine Bande Trinker dort. Ittus ging weiter und endlich kam er an das gesuchte Haus. Von hinten, aus dem Hof heraus näherte er sich ihm. Nicht eines der Fenster dort droben fand er erleuchtet. Umso besser für ihn. Das Fenster von Munishs Laden ging in diesen Hinterhof. Es war unverschlossen. Behutsam schob Ittus es auf und kriechend wie ein Wurm quälte er sich ob der Schmerzen dort hinein. Drinnen verblieb er eine Weile keuchend am Boden. Ob er dies alles überhaupt überstehen würde?
„Munish – Munish! Wach auf! Jetzt wach auf!“ sprach Ittus immer wieder, immer drängender und rüttelte dabei am Bett des Gesuchten.
„Was? – Wer?“ kam es von diesem, bevor sich sein Geist aus dem Traumreich löste, ab da aber war er schnell wach und griff nach dem Dolch an seinem Bette.
„Munish! Ich bin es! Ittus! Du musst mir helfen!“ drängte jener weiter.
Nur langsam erkannte Munish so recht, wer da eigentlich vor ihm stand. Und trotz der seltsamen Umstände, trotz der plötzlichen Störung war er schon einiges von Ittus gewöhnt. Nach einer Weile fand er sich selber wieder, wie er aufstand und, weiterhin nur mit einem Nachthemd bekleidet, mit Ittus hinunter in den Laden ging. Im Geschäftsraum entzündeten sie nur eine Kerze, nach Ittus‘ Bitte, nicht zu sehr aufzufallen, und setzten sich an den Tisch.
„Ittus, was willst du eigentlich hier?“ fragte Munish argwöhnisch und immer noch verschlafen.
„Du musst mir helfen! Du musst mich retten! Sie sind hinter mir her!“ entfuhr es Ittus, der sich in den Tisch verkrallt hatte und immer wieder zum Straßenfenster sah, ob nicht jemand käme.
„Langsam – du brichst hier einfach mitten in der Nacht ein und verlangst irgendwelche Sachen von mir. Ich muss gar nichts. Jetzt sag mir erstmal, worum es geht. Ich hatte mich so über Schlaf gefreut. Der Tag war so anstrengend gewesen. Also, wer sind sie? Und warum retten?“ sprach Munish, zwischendurch immer wieder gähnend.
„Ich weiß nicht wer sie sind. – Vielleicht geprellte Kundschaft. Oder die, denen ich meine Besuche abstattete. Du weißt schon. Ist doch egal. Was tut das zur Sache? Ich war draußen im Gasthaus, wo ich mich morgen mit einem Kunden treffen wollte, hatte mir ein Zimmer gemietet, war schon fast eingeschlafen, da hörte ich sie. Sie berieten sich, sie wollten mich töten. Doch ich war schneller! Ich konnte entkommen! Nun bin ich hier – du musst mich verstecken!“ erzählte Ittus, mal drängend, mal flehend, doch stets mit Angst.
„Weißt du… – ich habe gehört, was du dir diesmal geleistet hast. Ich weiß, warum du dich an niemanden sonst wenden kannst. Diesmal bist du etwas zu weit gegangen. Doch ich werde dir helfen. Unserer – Freundschaft – wegen. Aber das wird teuer für dich“, sprach Munish, der wusste, dass Ittus keine andere Wahl hatte.
Ittus dachte kaum darüber nach. Er besaß nicht viel. Doch verriet er Munish sein Versteck, was diesem genug wert war. So wurden sie sich einig. Anschließend überzeugte Munish den verängstigten Ittus, der nun jedem Retter vertraut hätte, dass eine sofortige Flucht nicht möglich war. Doch gäbe es jemanden, der Ittus unerkannt aus der Stadt bringen könnte. Nun sollte er sich erst einmal erholen; bis zur nächsten Nacht müssten sie noch warten. Hierauf entbrannte dann doch noch ein erneutes Gespräch, denn Ittus wollte so schnell wie möglich die Stadt verlassen. Schon glaubte er, Schläge an der Haustür zu hören, doch Munish beruhigte ihn: Er würde ihn im Keller verstecken, wo keiner ihn finden könnte und früher wäre eine Abreise wirklich nicht möglich. Zögernd willigte Ittus ein, vertraute er doch auf Munish.
Und dieser tat wie geheißen. Ittus hörte noch, wie sich die Falltür zum Keller über ihm schloss und das Kratzen und Schleifen von etwas Schwerem, das Munish darauf schob um den Eingang zu blockieren und zu verstecken, dann war er in völliger Finsternis allein. Nicht einmal ein Licht hatte Munish ihm mitgegeben. Es dauerte eine Weile, bis Ittus sich dort zurechtgefunden hatte. Der Boden war bloßer Lehm. Wasser troff von der Decke und verwandelte ihn in Schlamm. Einmal hörte Ittus eine Ratte quietschen. Kein Fenster bot Licht, doch er ertastete etwas, das sich wie ein Stoffhaufen anfühlte; Hort der Ruhe und Gemütlichkeit. Erschöpft fiel er drauf. Er bemerkte die Wanzen nicht, denn schnell war er eingeschlafen.
Ein Hämmern weckte ihn. Ein Hämmern, das nur von schlagenden Äxten stammen konnte. Gleichzeitig vernahm er Rufe, böse Rufe nach seinem Leben. Sie waren da, sie hatten ihn gefunden, sie brachen durch die Falltür. Entsetzt kroch er durch die schlammige Dunkelheit, doch gab es kein Entkommen. Er versteckte sich in der tiefsten Ecke dieser feuchten Dreckhöhle und erwartete voll tiefer Angst sein Ende. Und dann waren sie über ihm. Braune, gesichtslose Schlammwesen. Sie leuchteten schwach, Knochen steckten in ihrem schlammigen Körper, hier und da ragte ein Ast heraus. Sie ließen ihre Äxte auf ihn niederfahren. Nass vor Schweiß und Deckenwasser erwachte er. Schnell erkannte er das Verschwinden dieser Nachtmahre des Traumes. Er war immer noch im Keller und allein. Wie spät es wohl war? Wann käme Munish wohl endlich? Seine Wunden schmerzten. Nun juckten sie auch noch.
Vielleicht nur wenige Augenblicke, vielleicht auch erst Stunden später vernahm er endlich, wie die Falltür von ihrer Last befreit und geöffnet wurde. Tageslicht fiel in den Keller. Es war nicht Nacht? Und wer kam da? Das war nicht Munish! Entsetzt erkannte Ittus zwei Wachmänner. Er leistete keinen Widerstand. Es gab keine Fluchtmöglichkeit mehr. Sie schleppten ihn hoch in den Laden. Männer und Frauen standen da, Wut und Hass verzerrten ihre Gesichter zu hässlichen Fratzen.
„Da! Da ist er! Tötet ihn“, schrie eine Frau und viele Stimmen fielen ein, „bringt ihn um! Wie er auch meine Kinder getötet hat!“
Doch Ittus warf nur einen flehenden Blick hinüber zu Munish, der Abseits stand. Dieser schüttelte den Kopf.
„Diesmal bist du zu weit gegangen, kleiner Dieb. Du wirst nie wieder jemanden überfallen. Dafür wirst du hängen!“ sprach einer der Wachmänner und wandte sich dann an Munish: „Gut gemacht. Wir werden es diesmal vergessen, dass du seine Waren gekauft hast.“
Und ohne einen weiteren Blick für Ittus zu haben verließ Munish den Raum, während der Mörder von den Wachmännern vor der Rache seiner Opfer geschützt werden musste.

ENDE

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Kommentar

Diese Geschichte erzählt das Schicksal des Diebes und Mörders Ittus, der vor ungefähr hundert Jahren in Doliras tätig gewesen sein soll. Diese Gestalt wurde in mehreren Erzählungen dargestellt, von der diese nur eine ist.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 15.02.3995


Der Preis der Freiheit

Februar 9, 2009

Anmerkungen zur Aussprache:

Mandraz – Man-dras
Majezir – Ma-ʒä-sir
Deljezir – Del-ʒä-sir
Delnadraz – Del-na-dras
Delenti – De-len-ti
Caduim – Ka-dwiim

I
Blutrot versank die Sonne hinter den fernen Bergen. Rot vom Blut der Erschlagenen färbte sich die Küste des schäumenden Meeres. Mandraz beobachtete das Schauspiel aus der Ferne. Mit seinen engsten Vertrauen stand er auf einer Anhöhe in sicherer Entfernung. Niemand von ihnen wagte ein Wort zu sagen. Sie alle wussten, was auf dem Spiel stand. Nicht nur ihr eigenes Leben, auch das ihrer Angehörigen könnte von dieser Schlacht abhängen. Dort unten kämpfte jedoch keiner ihrer Leute. Doch würde dieser Stamm von der Küste nicht den Sieg davon tragen, so würden auch sie niemals frei sein. Hier in Delent kämpfte jeder gegen jeden und vor allem jeder gegen den verhassten Adel. Niemand wusste, was nach dem Sieg kommen würde, doch sie alle wollten die Freiheit. Freiheit und Macht. Seit vielen Jahren tobte der Krieg nun schon in Delent. Mandraz und seine Vertrauten träumten schon ebenso lange davon, ihren Kindern eine freie Welt zu zeigen.
Mandraz blickte zurück in Richtung der untergehenden Sonne. Sein Dorf lag dort im Schatten der schroffen Berge und wartete auf ihn. Er würde alles tun, um die Seinen zu beschützen. Als seine Begleiter unruhig wurden, sah er wieder zum Kampf. Dieser hatte sich nun entschieden; Tote lagen an der Küste, wie gefallenes Heu nach der Ernte. Sieger durchschritten ihre Reihen wie Raben auf der Suche nach Beute. Flüchtlinge wurden gejagt und niedergemacht, überlebende Verletzte wurden ertränkt. Und dann sah Mandraz, wer da gesiegt hatte. Und sie alle zusammen verfielen in einen Freudentaumel.

II
Endlich waren sie in den Schutz des Tales gelangt. Als ihr Gastgeber hieß es sie mit offenen Armen willkommen. Eines nach dem Anderen wurden die Wagengespanne von den Ochsen vorwärts gezogen in die wartende Sicherheit. Hier würde man sie nicht mehr so leicht entdecken können. Caduim blieb zurück und wartete, bis der letzte Wagen außer Sicht von Delenti war, bevor er einen abschließenden Blick zurück warf. In der weiten Ferne war Delenti nur noch an der schwarzen Rauchsäule zu erkennen, die von den lodernden Ruinen aufstieg. Es war früher Morgen eines schönen Frühjahrstages und das Jahr war 650.
Ein Krieger erschien am Eingang des Tales, sah Caduim, hielt auf ihn zu und begrüßte ihn.
„Halte dich nicht damit auf! Sprich, was gibt es zu berichten?“ fragte dieser ihn.
Der Krieger sah ihn düster an. Sein Wams war zerschlissen, seine Rüstung starrend vor Dreck und Blut, er selber nicht minder besudelt.
„Nichts Gutes, so fürchte ich“, hob er an, „zumindest nicht von dort hinten. Wir haben sie aufgehalten. Aber außer mir scheint es kaum jemand geschafft zu haben. Wenn noch jemand lebt und uns treu ist, wird er uns in Deljezir erwarten.“
Cadium blickte ihn traurig an. Seine Heimat war zerstört, die meisten seiner Leute und Freunde nun tot und der Rest auf der Flucht.
„Und du bist sicher, dass niemand unsere Flucht bemerkt hat?“
„Sehr sicher. Wir haben ihnen eine schöne Jagd mit abschließender Schlacht geboten.“
„Dann komm. Lass uns zu den Wagen aufschließen. Es ist eine weite Reise bis Deljezir und wir dürfen nicht trödeln.“
Es war noch nicht lange Frühjahr geworden. Die Lehmwege waren feucht und die Erde hatte sich in Schlamm verwandelt, der habgierig nach den Rädern ihrer Wagen griff. Immer wieder mussten sie Halt machen, immer wieder einen der fünf Dutzend Karren aus dem Dreck ziehen. Alle packten dabei an – die Krieger, die Adligen, die Handwerker, die Frauen, selbst die Kinder. Trotzdem kamen sie nur schleichend voran. Caduim und die Anderen berittenen Krieger erkundeten die Gegend vor, neben und hinter der Kolonne. Dies verhinderte aber nicht, dass sie am dritten Tage ihrer Reise angegriffen wurden. Es war Nacht. Kinder und Frauen schliefen auf den Wagen, die Männer unter ihnen. Zwei Wagen gingen in dem wilden Angriff verloren, doch konnten Caduim und die Anderen Schlimmeres verhindern. Im Dämmerlicht des jungen kühlen Frühjahrsmorgens erkannte man, dass die Angreifer nur Räuber gewesen waren. Die Kolonne musste sich eilen, sollte sie nichts Ärgerem begegnen. Manchmal ritt Caduim an den Reihen der Flüchtlingen vorbei. Dann sah er erschöpfte, leidende und doch hoffende Gesichter. Sie alle vertrauten auf den König und seine Männer. Und diese Hoffnung sollte nicht unvergolten bleiben.
Am nächsten Tag kreuzten sie einen Fluss, den die Schneeschmelze des Frühjahrs in einen reißenden kleinen Strom verwandelt hatte. Dies stellte sie vor ein schwerwiegendes Problem. Caduim wusste, was dieser Fluss verhieß: Das rettende Land des Königs an seinem anderen Ufer. Doch konnten die Wagen seine nun rauschenden Wogen nicht gefahrlos durchqueren. Caduim gab Befehl, Holz des umgebenden düsteren Waldes für Flöße zu fällen, da griff man sie erneut an. Aus dem Schutz der alten Bäume kamen sie brüllend wie die Fluten eines Bergstromes über sie her. Kinder schrien auf und wurden von ihren Müttern unter die Wagen gezerrt, wo sie sich in den Schlamm kauerten. Die Männer griffen nach allem, was man als Waffe nutzen konnte. Diese Angreifer aber waren keine Räuber und Caduims Männer wären ihnen unterlegen gewesen. Doch wie durch ein Wunder trafen zu dieser Zeit am anderen Ufer die Krieger des Königs ein. Pfeile stürzten wie Ungeziefer über die Feinde, die nun eiligst die Flucht ergriffen, ihr Leben zu retten. Jetzt war eine Überquerung des Flusses kein Problem mehr, denn die Männer hatten Flöße bereit. Auf wackligem, glitschigen Untergrund schafften es alle Wagen unbeschadet ans andere Ufer.
„Ihr habt uns gerettet!“ sprach Caduim froh zum Anführer der Krieger und als er diesen an seinem großen schwarzen Bart erkannte, umarmte er glücklich seinen Bruder.
Am Abend erreichten sie Deljezir. Die Stadt war die letzte Verbliebene, die dem König noch die Treue hielt, nun, da Delenti zerstört war. Ganz Deljezir brummte und pochte als ein Lebewesen, überquellend mit Flüchtlingen aus allen Himmelsrichtungen. Für die einfachen Menschen war hier das Ziel ihrer Reise. Caduim, seine Männer und die Adligen jedoch hatten noch eine Tagesreise vor sich.
„Seit einem Jahr erst ist die Burg Majezir vollendet“, wurde Caduim Abends in einer Schenke Deljezirs von seinem Bruder aufgeklärt, „draußen im Moor. Jede Armee aus dem Norden, die nach Deljezir will, müsste an ihr vorbei. Dort sind der König und die verbliebenen Adligen und Krieger. Sie erwarten euch bereits.“
Und so kamen sie am nächsten Tag zur Burg Majezir, der letzten Verteidigerin des Königreiches, Herrin ihrer aller Freiheit und Leben. Trutzig erbaut inmitten des bedrohlichen Moores war sie auf allen Seiten von Seen umgeben. Nur über knarrende Zugbrücken konnte man sie erreichen. Die einzige sichere Furt durch den Fluß lag in Sichtweite von Majezir. Wer immer nach Deljezir gelangen wollte, musste an der Burg vorbei. Wer immer an den König gelangen wollte, musste in die Burg hinein. Beides versuchten Frühjahr und Sommer hindurch immer wieder feindliche Armeen. Eine nach der Anderen verzweifelte an der unerreichbaren Burg. Niemandem gelang es, zu Deljezir oder dem König vorzudringen. Derweil eilten sich dessen Boten, die Hoffnung des Reiches, nach Verbündeten zu suchen, die Aufständischen des Nordens zu besiegen.
„Herr“, wurde Caduim eines Morgens von einem kleinen Knaben angesprochen, „was ist Frieden?“
„Wieso stellst du diese seltsame Frage?“ entgegnete Caduim verwundert.
„Meine Eltern sprechen immer davon, dass sie sich Frieden wünschen“, sprach der Knabe in kindlicher Scheuheit und Caduim beugte sich zu ihm herunter.
„Weißt du, sobald wir gesiegt haben oder die Aufständischen ihren Fehler bemerken, ab da wird es Frieden für uns geben und niemand muss mehr kämpfen.“
„Keine Kämpfe?“ sprach da der Knabe ungläubig.
Der Junge glaubte ihm nicht, lachte kurz sein kindliches Lachen und verschwand dann im Burghof, wo er mit anderen Kindern spielte. Caduim sah ihnen eine Weile traurig zu.

III
Sie hielten sich im Dickicht unweit des Flusses versteckt. Gefrorene Blätter krachten unter ihren Füßen. Ihr Atem kam in Rauchwolken. Mandraz stapfte durch den Schnee zurück zu den anderen Stammesführern. Sie alle waren hier gleich, trotzend jeglicher früherher Meinungsverschiedenheiten, und zitterten in der Kälte. Selbst die vielen Schichten Kleidung, Rüstung und Felle auf ihnen konnte die unnatürliche Strenge des Windes nicht beschwichtigen. Endlich hatte man sich geeint, endlich zog man zusammen gegen den Feind. Mandraz dachte daran, wie seine Familie Daheim in ihrer zugigen Hütte hausen musste, die schon etliche Male in diesen Kriegen zerstört worden war. Nun sollte sich dies ändern, bald könnte man sich Steinhäuser leisten wie der König. Das ganze Jahr über war man vergeblich immer und immer wieder gegen Majezir angebrandet, doch nie kam man auch nur über die Seen. Alle, die andere Wegen zu gehen versuchten, fanden ihr Schicksal auf dem Grund des Moores. Jetzt aber war dieses Schicksal auf ihrer Seite. Was zuvor noch ein unüberwindbares matschiges Hindernis gewesen war, bot sich nun als glitschig vereistes Feld an.
Es wurde Mitternacht und der weiße Mond beschien die weite weiße Winterlandschaft. Mandraz und die anderen gaben Zeichen und die Meute machte sich auf den Weg. Sie stürmten die Seen, umzingelten die Burg. Haken unter den Schuhen gaben ihnen Halt, andere rutschten einfach vorwärts. Etliche fielen im Pfeilhagel, doch konnte man ihre vordringenden Leitern nicht aufhalten. Wie Raubtiere erklommen sie mit ihnen die Mauern und strömten in die Burg hinein. Ein Krieger mit großem schwarzen Bart wollte Mandraz aufhalten, doch dieser hielt sich kaum auf, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Vor niemandem machten die Angreifer Halt. Krieger, Diener, Adlige, Männer, Frauen und Kinder – sie machten keinen Unterschied, alle waren sie Teil des verhassten Königreiches, alle dienten sie dem König. Alle mussten sie sterben, sollte es jemals enden. Der König selber wurde von Mandraz gestellt, wie er gerade fliehen wollte. Und als kein Feind mehr in den Mauern von Majezir lebte, stimmten die Angreifer ihr Siegesgeheul an. Endlich hatten sie ihre Freiheit errungen, endlich hatten auch ihre Kinder eine Zukunft.
Doch dies war noch nicht das Ende der Geschichte. Nicht alle Adligen waren in Majezir gewesen. Einige hatten sich schon früher verkrochen, andere waren zufällig zur Zeit der Schlacht außer Haus. Wenige Jahre lang sollte man sie noch in ganz Delent wie  Vogelfreien jagen und niedermachen. Einer der Überlebenden der Nacht des Überfalles war ein Mann namens Caduim. Ihm war es zu verdanken, dass letztlich Frieden herrschen sollte, die Adligen neben dem freien Volk leben durften. Doch bis dahin war viel zu tun.
Auf den kältesten Winter in der Erinnerung der Leute dieser Gegend folgte das mildeste Frühjahr. Die Burg Majezir wurde von der Natur erobert und für immer von ihr einbehalten. Das Frühjahr sah alles neu im Lande Delent.

ENDE

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Kommentar

Delent war einst eines der großen alten Juepenreiche. Mächtig war es und die Legenden erzählten von Wundern. Doch der Aufstieg Iotors im Norden traf es hart. Fast der gesamte Norden wurde erobert. Während es dem Osten gelang, sich bald wieder von Iotor freizukämpfen und als das Reich Sagaja noch für Jahrtausende bestand, verfiel der Süden immer mehr. Es gab einen Aufstand nach dem Anderen, das Land wurde zum düsteren Schreckensreich. Gut 50 Jahre sollten die Kriege in Delent gedauert haben und am Ende stand das Königshaus vor dem Nichts. Die Flucht zur Burg Majezir verlängerte ihr Leben nur um ein Jahr. Nie wieder sollte Delent mächtig werden. Der Preis der Freiheit war für das Volk von Delent ihr Niedergang.
Die Geschichte selber stammt aus der Feder eines unbekannten Schriftstellers und gibt die tatsächlichen Geschehnisse wieder, natürlich um einiges ausgeschmückt.

Tonn Onasi, Jagâharis von Raygadun
Raygadun, Aleca, 22.01.3995