Geschichten auf Lurruken, Teil V: Flucht nach Maggir

Andre Schuchardt

präsentiert

Flucht nach Maggir

Geschichten aus Lurruken, Teil VI

V.0.3.150608

© 2008 Andre Schuchardt

kaltric@gmx.net

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Prolog

Mein Name? Aber was tut der zur Sache? – Doch seid euch gewahr, dass ihr hier das Vergnügen mit Laudar Rennois aus dem Dorfe Nouán nah des Amantkammes habt. Und ich… – ja, ich diente den Söhnen und Töchtern Tóls und Omés bereits so lange ich vernünftig zu denken vermag – zumindest ehedem tat ich dies, doch nun kann ich es nicht mehr. Jedenfalls erinnere ich mich noch gut an unsere Kriegerin Míjousa und natürlich auch an unsere liebe Herrin und Retterin Umean. Am besten jedoch erinnere ich mich – und dies ganz und völlig zu meinem allergrößten Leidwesen! – an den Sohn Niráce Jardgeault, den letzten der Herrscher Líans. Auch wenn ich diese Erinnerungen schon oft und lange versucht habe zu verdrängen und zu vergessen, bisher war es mir nicht vergönnt. Zu meinem tiefsten Bedauern gelang es mir noch nicht – denn in diesem meinem hohen Alter habe ich noch immer so ein entsetzlich gutes Gedächtnis wie in meiner frühesten Jugend – ein gar grausamer Fluch, so will es mir nun erscheinen – und deshalb – ja, deshalb breche ich hiermit schließlich mein mir selber gegebenes Gelöbnis des ewigen Stillschweigens, entsinne mich noch einmal tief gehend all dieser schrecklichen Geschehnisse und schildere es euch, da ihr ja der Warnung nicht hörig wart, auf dass ihr es an die Öffentlichkeit bringt und ich endlich meine Ruhe und meinen inneren Frieden finde, und es allen noch folgenden Söhnen und Töchtern Tóls und Omés eine Lehre und auch Warnung sein möge!

Lasst mich mit dem Abend des 22. Tages des Jahres 2977 beginnen, einem wunderschönen Tóltag des jungen Frühlings, an welchem Niráce aber den Grundstein zu seinem späteren Fehler und Verderben legen sollte, der unser aller Untergang hätte bedeuten können. Damals, als ich noch einfacher Kammerdiener am Hofe Líans war. Doch bekam ich alles interessante des Palastlebens stets von irgendwo her immer noch als einer der ersten mit. Die Ereignisse des besagten Abends nun zum Beispiel, trug mir später das aufgeregte Geplapper der stets neugierigen Dienstmädchen zu hören, deren Aussagen geordnet mich nun zu den folgenden Schlüssen führen. In dieser stürmischen Nacht nach dem schönen Tag nun also, beschloss der Sohn mit seinen engsten Vertrauten, Beratern und Kriegsführern die Rückeroberung des Hafens Begót, dessen Verlust er doch schuldig war; welches er doch Jahre zuvor aufgrund seiner stümperhaften Herrschaft verloren hatte – oder besser gesagt, aufgrund seines Fehlens an Herrschaft und seiner ständigen Suche nach irgendwelchen dunklen Gestalten, die ihm angeblich irgendwo auflauern und umbringen mochten und anderem, das alles zu sehen nur er in Stande war – ach, dieser arme Wahnsinnige! Um Begót nun wieder, wie er es nannte, unter die Ordnung und das Recht von Lían zu bringen und es zu befrieden, wollte er ausziehen.

I

Aber dies alles nun mehr am Rande, geschah doch alles letztlich im Palaste selber. An diesem Abend also nun, so hatte ich später vernommen, saß der Sohn Niráce Jardgeault mit seinen engsten Vertrauten in seiner kleinen Arbeitskammer unweit seiner eigenen Gemächer, in welchem er meinte die anderen – die ja nur er sehen in der Lage war – aussperren zu können. Mit ihm waren unter anderem wie immer unsere liebe und tüchtige Umean, die Herren Rouq und Aurís und andere, weniger wichtige. Der Beginn dieser Unterhaltung scheint weniger wichtig und ich möchte dies euch nun ersparen. Und selbst wenn ihr den Tätigkeiten eines Herrschers interessiert gegenüber stehen solltet, so wäre Niráce sicher das falscheste Beispiel, das man sich nun aussuchen könnte. Spannender jedenfalls wurde es erst später.

Gaunie, eines der Dienstmädchen vom Hofe, war gerade mit Wein eingetroffen. Niráce hatte sie seit ihrem Eintreten beobachtet, so dachte sie, doch galt sein Blick wohl eher etwas anderem. Plötzlich nämlich sprang er auf und deutete aufgeregt auf Gaunie und die Tür hinter ihr. Und immer und immer wieder schrie er nur noch wie der Wahnsinnige, der er doch war.

Nein! Sie hat sie hereingelassen! Sie arbeitet mit ihnen zusammen! Sie wollen mich töten! So seht ihr denn nicht!“ rief er.

Und so ging es weiter, eine ganze Weile, derweil Umean und die anderen ihn beruhigen wollten, doch nicht konnten, bis er schließlich irgendwann endlich zusammenbrach und noch vor sich hin stammelnd in der Ecke saß. Gaunie wurde an dieser Stelle von Umean fort geschickt, sie selbst brachte Niráce noch in seine Gemächer. Doch damit sollte alles erst beginnen.

Am nächsten Morgen saßen Umean und Niráce gemeinsam zum Frühstück. Zwar hielt sich Gaunie von diesem fern, doch erfuhr sie von einer anderen Magd, was bei diesem Essen besprochen wurde, und über Gaunie erfuhr schließlich ich es. Und zwar erzählte Niráce von den Geschehnissen der Nacht zuvor. Anfangs taten wir es alle ja noch als Traum ab, doch heutzutage… – kann ich mir diesem Glauben nach dem letzten Abend noch so sicher sein?

Niráce erwachte mitten in der Nacht aufgrund eines Geräusches. Nervös und alles mögliche vermutend, so wie man ihn kennt, blickte er sich aufgeregt in seinem Gemach um und suchte nach Eindringlingen und Mörder, doch war alles dunkel. Niráce griff nach dem Dolch unter seinem Kissen und machte sich für alles mögliche und vieles unmögliche bereit. Plötzlich schimmerte Licht unter der Tür von seinem Wohn- zu seinem Schlafgemach hervor. Hastig zog er den Dolch aus seiner Scheide und umklammerte ihn mit zittrigem Griff. Nebel wabberte dünn in sein Gemach. Ein Kratzen ertönte an der Tür, schwach doch stetig. Der Griff der Tür ruckte leicht, dann vollständig herab. Knarrend öffnete sich die Tür und schwang schließlich ganz auf. Das Licht, welches er gesehen hatte, war erloschen. Nichts konnte Niráce im anderen Zimmer erkennen. – Doch, eine dunkle Gestalt stand im Türrahmen.

Wer seid ihr?“ verlangte Niráce mit ängstlich zitternder Stimme zu wissen.

Doch man antwortete ihm nicht. Schweigend trat die Gestalt ins Zimmer ein, schien mehr zu schweben denn zu gehen. Niráce erhob seinen Dolch und richtete ihn auf die Gestalt.

Wachen!“ kreischte Niráce mit sich überschlagener Stimme.

Die Gestalt erhob wie zum Einwand seine Hand.

Schweig! Niemand hört euch hier!“ sprach die Stimme und Niráce tat wie geheißen.

Gleichzeitig entfachten sich die Kerzen im Raum wie von allein. Und endlich erkannte Niráce etwas von der Gestalt vor sich. In eine schwere schwarze Kutte gehüllt starrte ihn das Gesicht eines älteren Mannes herrisch an. Irgendwie kam er ihm bekannt vor. Doch warum wirkte das Gesicht so – tot?

Wer seid ihr? Was wollt ihr? Kommt ihr mich…“ fing Niráce stolpernd an, doch wieder erhob der Mann nur seine Hand.

Schweigt still. – Niráce Jardgeault, ihr kennt mich! Seht in euch hinein. Miloux Laqualle nannte man mich einst. Erkennt ihr mich denn nicht?“ sprach die düstere, hallende Stimme.

Und wahrhaftig, Niráce erinnerte sich an alte Gemälde im Palast. Es kam hin: Gesichtszüge, Bart, Haare – Das musste wahrhaftig Miloux Laqualle sein.

Zur Erklärung für euch, der ihr ja nicht von hier und deshalb vielleicht nicht mit der Geschichte unseres Landes vertraut seit, sollte ich hier vielleicht einwenden, wer genau Miloux Laqualle war: Nach dem Verschwinden von Tól und Omé herrschten ihre weiblichen Nachfahren aufgrund des Verrates von Raí bis zu einem Zwischenfall mit den Seeräubern. Genau die, an die später Niráce Begót wieder verlor. Jedenfalls wurde Laqualle der erste Sohn des Landes und führte einen lebenslangen Krieg gegen die Seeräuber und hielt so überhaupt erst Tólome zusammen.

Laqualle?“ kam es ungläubig aus Niráce‘ Mund.

Genau der und niemand weniger“, bestätigte dieser.

Aber ihr seid tot!“

Und schon wieder habt ihr Recht“, sprach Laqualle mit aller Gelassenheit des Todes.

Ihr dürftet nicht hier sein!“ erwiderte Niráce und drückte sich voller Entsetzen an das Kopfende seines Bettes.

Niráce Jardgeault, ihr habt hier nichts zu entscheiden. Ihr seid unfähig und dürftet eigentlich überhaupt nicht an der Macht in diesem Land sein. Im Namen von Tól und Omé sind wir gekommen, euch zu strafen!“

Und anklagend zeigte er mit seinem Finger auf den verängstigten Niráce.

Aber warum! Ich erobere Begót zurück!“

Doch in dem Moment leuchtete es wieder im Nebenraum. Geblendet hob Niráce eine Hand vor sein Gesicht. Zwar erlosch das Licht schnell wieder, doch erkannte er erst, was denn geschehen war, als eine zweite Gestalt neben Miloux Laqualle erschienen war.

Niráce Jardgeault. – Wisst ihr auch, wer ich bin?“ fragte der Neuankömmling.

Auch dieser Mann war schwarz gekuttet, auch hier blickte ihn ein altes und herrisches Gesicht fast angewidert an. Diesmal ging Niráce von selber die Reihe seiner Vorgänger

durch und blieb gedanklich bei einem davon hängen.

Mágin Journas!“ hauchte Niráce, vor Angst wie vor Ehrfurcht, vor Grauen innerlich schon selber wie tot.

Mágin Journas, der große Journas, einer der wichtigsten Begründer unseres Reiches! 500 Jahre vor Niráce machte er dasselbe, wie wenige Jahrhunderte vor ihm sein Vorgänger Miloux Laqualle, nämlich die Bekämpfung der Seeräuber und Erweiterung des Reiches. Und nun waren diese beiden Kämpfer des Reiches wieder auferstanden und gekommen ihn zu… – ja, was wollten sie eigentlich bei Niráce?

Niráce Jardgeault. Ihr seid unfähig und des Herrschertitels nicht würdig! Wir sind gekommen euch mit uns zu nehmen!“ erklärte Journas mit ferner unwirklicher Stimme.

Aber das dürft ihr nicht!“ schrie Niráce panisch.

Wir dürfen und wir müssen es! Im Namen von Tól und Omé!“ sprachen beide fast wie aus einem Munde und kamen langsam und drohend auf ihn zu.

Nein!“ gellte da Niráce und hob abwehrend die Hände.

Und in diesem Augenblick leuchtete neben an zum dritten Male ein Licht.

Hört auf!“ ertönte eine weibliche, doch starke und betonte Stimme hinter den beiden.

Als diese sich mit gefühlslosen Minen umdrehten um zu sehen, wer da sprach, konnte auch Niráce mehr erkennen: Eine weiß gewandete Gestalt stand da, eine Frau in ihren besten Jahren, schön und doch stark, mit langem weißem Haar, erleuchtet von einem leichten Schimmern.

Er hat es verdient!“ sprach Laqualle zu der Frau.

Halte uns nicht auf, Malaines!“ ergänzte Journas.

Malaines die Friedliche, Verteidigerin des Reiches und Förderin des Friedens, hob beide Hände auf Kopfhöhe und trat langsam auf die beiden zu.

Die Macht und der Hass haben euch verdorben. Diesem Mann wird sein gerechtes Schicksal ereilen, doch nicht aus euren Händen!“

Und damit bewegten sich ihre Hände auf die beiden zu, als wolle sie ihnen die Handflächen auf die Stirne legen. Doch tatsächlich schienen sich die beiden langsam aufzulösen, bevor ihre Hände sie hätten berühren können. Mit schmerzerfüllten Gesichtern lösten sich die beiden vor den Augen von Niráce langsam auf. Als sie verschwunden waren, sah Malaines kurz Niráce an.

Begegne deinem Schicksal. Es wird in wenigen Nächten schon zu dir kommen. Doch begegne ihm alleine. Dies war deine Warnung“, sprach sie und war auch verschwunden.

Niráce saß immer noch wie eingefroren aufrecht im Bett. Dann plötzlich schlief er ein.

Tags darauf musste er geweckt werden. – Dies sollte meine undankbare Aufgabe sein. Ich betrat sein Zimmer, ihn fest und ruhig schlafend vorfindend, ging an seinem Bett vorbei und öffnete die Vorhänge, um Licht ins Zimmer zu lassen.

Herr, steht auf, es ist so ein schöner Tag!“ begrüßte ich ihn damals noch frohen Mutes – ach, ich Unwissender.

Niráce wachte nur langsam auf und blickte mich verwirrt an. Doch schnell schlich sich in seinen Blick der tiefste Schrecken. Im Nachthemd aufspringend, wild gestikulierend, schrie er mich bald an.

Sie wollen mich töten!“ begann er und damit auch seine grausige, vollkommen abgehackt vorgetragene Geschichte, die ich erst nach seinem Gespräch mit Umean wirklich verstehen sollte.

Später bot sich mir ein Bild des Schreckens, doch wurde auch immer klarer, dass sein Verstand gelitten hatte. Ich kam nicht einmal mehr zu Wort ihn zu unterbrechen, vermochte ihn nur noch zweifelnd anzusehen.

Herr, ihr habt schlecht geträumt“, wagte ich die Wahrheit fest zu stellen, sobald er geendet hatte.

Raus!“ schrie er da und verwies mich des Raumes.

Ich hatte Angst. Sowohl sein grausiger blick als auch der Ton sagten mir, dass ich schnellstens gehen sollte, wäre mir mein Leben lieb. Und das tat ich dann, so schnell ich nur vermochte. Verwirrt und zutiefst verängstigt ging ich meinen normalen Geschäften alsbald wieder nach. Später hörte ich nun also von Umean und Gaunie und dem üblichen Klatsch im Palast den Rest der Geschichte. Den ganzen Tag über war Niráce zu kaum etwas zu gebrauchen, Umean musste bereits einen Großteil seiner Aufgaben übernehmen. Erst später am Tag war er dazu zu bewegen, seine Gemächer zu verlassen. Die Herren Rouq und Aurís begleiteten ihn eine Weile, immer auf ihn einredend, dass er nur schlecht geträumt hätte und niemand ihm irgend etwas antun wolle. Irgendwann schickte er sie einfach nur gereizt weg und ließ sich fortan von Umean begleiten. Abgesehen davon, dass Niráce immer wieder von Laqualle und Journas sprach, bis Umean ihn irgendwann überreden konnte, dass es besser sei zu schweigen, geschah an diesem Tag sonst nichts weiter.

Auch die folgende Nacht blieb ruhig und ebenso der Tag darauf und die Nacht danach. Am folgenden Tag sollten alle es bereits wieder fast vergessen haben. Selbst Niráce verhielt sich fast normal und nahm wieder an den Plänen teil, Begót zurück zu erobern. Auch mit mir sprach er wieder normal und als sei nichts geschehen. An diesem Tag begleitete ich ihn abends zu seinen Gemächern. Vor seiner Tür blieb ich stehen.

Herr, ich wünsche euch eine geruhsame Nacht“, sprach ich und verabschiedete mich.

Doch Niráce betrat seine Gemächer, taumelte zu seinem Bett und ließ sich fallen. Eine seltsame Schwere hatte sich seiner bemächtigt. Fast augenblicklich und gänzlich bekleidet schließ er ein.

Niráce Jardgeault, erhebt euch!“ weckte ihn später in der Nacht eine grausig blubbernde Stimme, als gurgele sie seinen Namen.

Und Niráce öffnete die Augen und sah in die eines Mannes, bartlos und in seinen besten Jahren. Schreiend vor Grauen sprang er auf, als ihm gewahr wurde, dass diese Augen zu einem Kopf gehörten, doch der Kopf ohne Körper war. Der Kopf lag auf seinem Bett, Blut sickerte noch aus dem Halsstumpf auf seine Laken, ebenso kam das blubbernde Geräusch von dem Blut, welches aus dem Munde troff, sobald er ihn öffnete um zu sprechen. Und das tat er auch.

Niráce. Seht mich an! Wisst ihr, wer ich bin?“ blubberte der Kopf.

Niráce war bleich und panisch vor Schreck, doch beruhigten ihn die Worte auch auf eine seltsame Art und es gelang ihm, zitternd zu antworten.

Seid ihr… – General Mérchanis?“ fragte er starr.

Der blutige Schädel grinste ihn vergilbt an.

Ja, genau der bin ich. Und wisst ihr auch, warum man mir dies angetan hat?“ blubberte der Kopf.

Ihr ward hauptverantwortlich für den ersten Bürgerkrieg!“ Ihr wolltet den Thron an euch reißen! Ihr habt erhalten, was ihr verdient!“ schafftees Niráce trotz seiner Angst Verachtung in seine Stimme zu legen.

Nein! – Ich wollte den Thron verteidigen! – Vor all diesen falschen Söhnen und Töchtern! – Doch wisst ihr auch, warum ich hier bin?“ blubberte der Kopf.

Niráce schüttelte nur den Kopf.

Er hat kläglich versagt! – Und so leider auch ich“, sprach da eine düstere Stimme bedauernd.

Niráce blickte erschrocken nach links, wo er neben dem Bett eine Gestalt ausmachte. Ein großer Mann, aschgrau gewandet, das Gesicht fürchterlich wie von Flammen entstellt.

Wer seit ihr?“ fragte Niráce, nun auch voll von Ekel ob dieses Anblickes, nur noch flüchten wollend.

Baránoux nannte man mich einst. Ich nutzte die Gelegenheit, als dieser rückgratlose Schuft hier den Krieg anzettelte, um meine Heimat gegen die Banditen zu verteidigen – und auch um selber Macht zu erlangen. Doch es sollte nicht sein“, sprach er mit einer knisternden Stimme wie ein Lagerfeuer und trat näher ans Bett, nahm den Kopf und hob ihn hoch, drückte ihn an sich während Blut auf den Boden tropfte.

Was wollt ihr von mir? Ich habe euch nichts getan!“ sprach Niráce mit aufgeregter Stimme, erhob sich und trat bis zur Wand zurück, doch der Mann mit dem tropfenden Kopf folgte ihm.

Wir haben versagt bei dem was wir taten und so tatest auch du. – Nun ist es Zeit für dich, uns zu begleiten. Für das Versagen ist in dieser Welt kein Platz. – Du gehörst zu uns!“ sprachen die beiden wie aus einem Munde und kamen auf ihn zu.

Nein!“ schrie da Niráce und hob abwehrend die Hände.

Doch da trat wie aus dem Nichts eine ältere, große und kräftige Frau dazwischen.

Ich strafte euch beide doch schon einmal, und so werde ich auch heute! Ihr habt hier nichts verloren“, sprach sie.

Und Baránoux wich vor ihr zurück wie vor dem Feuer.

Jáneur – dieser Mann gehört zu uns! Wir werden ihn uns holen, und auch du wirst das nicht verhindern können“, blubberte da der Kopf von General Mérchanis.

Wir kommen wieder!“ sprach auch Baránoux.

Und damit verschwanden sie.

Jáneur, die Anführerin der Geschwister, Siegerin des ersten Bürgerkrieges, Bewahrerin des Reiches und Rächerin ihres ermordeten Vorgängers Sináque – sah Niráce nur enttäuscht an und sagte nichts. Dieser hatte das Gefühl, dass ihr Blick bis in das Innere seines Seins schaute und schauderte mehr als die Tage zuvor. Er fühlte sich schuldig. Bewusstlos fiel er um.

So sollte ich ihn dann auch am nächsten Morgen finden: auf dem Boden unfern seines Bettes liegend, dieses noch völlig unberührt und sauber, er völlig bekleidet. Vorsichtig weckte ich ihn.

Herr – was ist passiert? Geht es euch gut?“ fragte ich besorgt.

Langsam wachte er auf. Und wie schon drei Tage zuvor wich sein verschlafener Blick sofort dem Schrecken. Erregt sprang er auf, mich kaum beachtend, und eilte hinüber zum Bett. Dort wurde er noch aufgebrachter, als er nicht fand was er suchte, denn das Bett war unberührt und jungfräulich rein. Er drehte sich im Kreis und suchte den Raum ab – ach, dieser arme kranke Mann!

Herr, was sucht ihr?“ fragte ich, leichte Furcht aufgrund seines ungewöhnlichen Verhaltens verspürend.

Sie waren hier!“ rief er nur, „sie waren hier, doch wo – wo sind sie jetzt?“

Verzweifelt deutete er auf sein Bett.

Es war voller Blut! Voller Blut!“ rief er verzerrt.

Ich konnte ihn nur noch bedauernd ansehen.

Herr, ihr scheint wieder schlecht geträumt zu haben“, sprach ich.

Da wandte er seinen Blick mir zu. Wilder Wahn leuchtete aus seinen Augen.

Tiefste Angst schlich sich in mein Herz – habt ihr so etwas schon eimal erlebt? – es ist nicht beschreibbar! Ich versuche es deshalb erst gar nicht.

Nein! Nein! NEIN! Es ist geschehen! Sie waren hier!“ schrie er mich an.

Ich hole Umean!“ sprach ich da und machte mich so schnell ich nur konnte aus dem Raum – draußen rannte ich dann.

Nach diesem Vorfall ging ich Niráce möglichst aus dem Weg. Er war es also nicht, der mir seine Sicht der Geschichte schilderte. Auch Umean wollte mir dieses Mal nichts erzählen, schien sie doch selber wie erstarrt. Ich erfuhr alles erst Tage später, nach all diesen Ereignissen. Doch da sollte es mich kaum noch beeindrucken. Niráce hatte mir Angst gemacht, wie nie jemand zuvor, und es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Sein Wahn steigerte sich in den nächsten Tagen nur noch mehr.

Diesen gesamten Tag aber kam er nicht mehr aus seinen Gemächern. Umean musste bei ihm bleiben und ihn überzeugen, dass alles nur ein Traum und völlig in Ordnung sei – es schien eine schwere Aufgabe. Doch tatsächlich zeigte er sich später nochmal kurz außerhalb seiner Räume.

Am nächsten Tag war er mit dem Herrn Aurís und anderen im Palast eigenen Park spielen. Als Aurís ihn versehentlich mit dem Ball am Kopf traf, rastete Niráce völlig aus. Kreischend bis schreiend beschuldigte er Aurís, ihn umbringen zu wollen. Irgendwann nahm er seinen Stab und ging damit auf Aurís los, schlug auf ihn ein, als wolle er ihn umbringen. Dieser konnte sich gerade noch wehren, bis die anderen Mitspieler dazwischen gingen. Blutend verließ Aurís das Spielfeld. Er war nie wieder in der Nähe von Niráce anzutreffen und verließ drei Tage später völlig den Hof.

Die restliche Zeit bis zum neunten Tag nach der ersten Nacht blieb alles ruhig. Niráce entsandte erste Truppen gen Ahém, von wo aus sie per Schiff weiter nach Sadun sollten, um dann gegen Begót vorzugehen. Einige der Herren und Damen waren nach wie vor gegen kriegerische Handlungen, doch Niráce ließ sich nicht dazwischen reden. Immer wieder sprach er nur davon, er würde nicht versagen und niemanden enttäuschen, sprach von Miloux Laqualle und Mágin Journas, von General Mérchanis und dem Herrn Baránoux, von Malaines und Jáneur. Kaum jemand verstand, was er damit meinte, doch viele befiel eine dunkle Vorahnung und so einige der etwas feinfühligeren beschlich bereits die Angst vor dem kommenden.

An diesem Abend übertrieb es Niráce sehr mit dem Wein. Bald belästigte er die Dienstmädchen, um sie kurz darauf wieder zu verdächtigen ihm etwas antun zu wollen. Schnell war er an dem Punkt, an dem er wirklichen jeden beschuldigte, wankte, lallte und Leute mit Weinkelchen beschmiss. Die Herren Rouq und Fonouille packten ihn auf Umeans Anweisung und sperrten ihn mit Hilfe zweier Wächter in seine eigenen Gemächer. Man hörte ihn drinnen noch eine Weile toben und randalieren, bevor es endlich ruhiger wurde und man annahm, er wäre eingeschlafen. Doch später sollte er anderes erzählen.

Nach dem er seine Gemächer betreten hatte, wurde er sofort angesprochen.

Niráce, ich habe euch erwartet“, sprach eine ruhige Männerstimme aus dem dunklen Schlafgemach.

Wer ist da?“ rief Niráce in die dunkelheit.

Und ein Mann trat vor, bis an den Rand des Vorgemachs.

Ich glaube, ihr solltet mich kennen“, sagte das junge, gefasste Gesicht, hinter dessen Augen trotzdem eine abgrundtiefe Bosheit funkelte.

Ihr seid Sámeidan, der Sohn von Jáneur“, sprach Niráce, kaum noch überrascht hier einen seit 300 Jahren Toten vor sich zu sehen, und dank des vielen Weines auch weniger schreckhaft.

Ja, das stimmt. Der bin ich“, bestätigte der junge Mann, der einst sein eigenes Land mit Terror und Krieg überzogen hatte, bloß um sich an Silûne zu rächen.

Seid ihr auch gekommen, mich zu holen – so wie die anderen?“ wagte Niráce zu fragen.

Nun. – Ich bin hier, euch meine Bewunderung auszusprechen. Ihr habt unserem Geschlecht wahrhaftig alle Ehre gemacht. Wir werden froh sein, euch bei uns willkommen zu heißen“, sprach Sámeidan.

Ich werde niemals mit euch gehen!“ sprach Niráce, auf eine sonderbare Art jetzt Mut findend.

Als hättet ihr da eine Wahl!“ kicherte eine wilde Frauenstimme vergnügt und Niráce wurde zu Boden gerissen.

Auf ihm saß eine Frau, deren vom Wahn verzerrte Züge kaum noch erkennen ließen, wie sie einst wohl ausgesehen hatte. Sie kicherte wie wild und hielt ihn mit unmenschlicher Kraft am Boden.

Kennt ihr auch schon meine Tocher?“ fragte Sámeidan mit einem bösen Unterton in der Stimme.

Sie ist mein ganzer Stolz“, fuhr er ohne zu warten fort, „sie hat mich bei allem noch weit übertroffen. Ihr beide wisst wirklich, wie ihr mit eurem Volk umzugehen habt. Du wirst bei uns gut aufgehoben sein, mein lieber Niráce.“

Nein, ihr Wahnsinnigen lasst die Finger von ihm!“ mischte sich eine weitere Frauenstimme ein.

Fort mit euch Gestalten des Bösen!“ sprach sie und verstummt und verschwunden waren Sámeidan und seine wahnsinnige Tochter Amoujain.

Zurück blieb nur jemand, den Niráce doch noch von früher kannte.

Steh auf“, sprach Míjousa milde.

Niráce tat wie ihm geheißen. Er war sprachlos. Das letzte Mal hatte er Míjousa auf ihrem Sterbebett gesehen, wenige Tage, bevor er ihre Nachfolge antreten sollte.

Seit dem Tag, an dem ich dich bei mir am Hofe aufgenommen hatte“, fuhr sie fort, „wusste ich, dass es eines Tages soweit kommen musste.“

Míjousa, du bist tot…“, sprach Niráce erstaunt und langsam.

Ja, das stimmt wohl. Und du bist es auch bald, wenn du nicht aufpasst. Die Geschehnisse der letzten Nächte waren nur die Vorboten. Es könnte noch schlimmeres kommen. Wir werden versuchen, sie aufzuhalten, doch letztlich werden sie wieder kommen. Lían ist nicht mehr sicher für dich, zu viele böse Mächte sie Sámeidan und Amoujain gibt es hier. Verlasse den Palast und die Stadt und rette dich!“ sprach sie mit allem Nachdruck den sie aufbieten konnte.

Aber wo soll ich hin…?“ fragte Niráce noch, doch Míjousa war bereits fort.

Verlasse Lían!“ hörte er nur noch aus der Ferne.

Nach dem ich ja nun nicht mehr bereit war, Niráce morgens zu wecken, übernahm Sarroux diese Aufgabe, einer der hart gesottenen Wächter des Palastes. Sarroux erzählte mir später getreu, was er vorgefunden hatte. Er musste nicht weit gehen, kauerter Niráce doch direkt neben der Eingangstür zu seinen Gemächern. Er hatte nicht fliehen können, da die Tür ja versperrt gewesen war. Sarroux musste ihn auch nicht wecken, da er die ganze Nacht wohl nicht geschlafen hatte. Niráce schien nur die ganze Zeit dort gehockt zu haben, seine Fingernägel abkauend und sonst nur vor sich hin zitternd, in Richtung seines Schlafgemachs starrend.

Herr?“ machte Sarroux langsam auf sich aufmerksam.

Langsam drehte Niráce ihm den Blick zu. Seine Augen waren verheult, Tränen liefen ihm noch über die Wangen.

Wir müssen von hier fliehen!“ sprach er, Schrecken und Verzweiflung aus seiner Stimme triefen lassend, dass es Sarroux das Mark gefror.

weiter? kontaktiert mich.

Diese und weitere Geschichten auch auf:

www.keinVerlag.de/kaltric.kv

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