Pidgins und Kreole – Vergleich und Bezug zum Zweitspracherwerb.

Pidgins und Kreole – Vergleich und Bezug zum Zweitspracherwerb.

Andre Schuchardt

Abstract

Im Bereich des Zweitspracherwerbs (SLA) gibt es viele Unterformen, deren zweier Pidgins und Kreole sind. Diese wiederum erlebten in ihrer Geschichte zahllose Definitionen. In dieser Arbeit sehen wir aber, dass SLA, Pidgins und Kreole alle nur Teil ein und desselben Prozesses sind, des Kommunikationsversuches im Kontakt und seiner Folgen.

Abstract 1

1. Einleitung 2

2. Sprachkontakt: Grundbegriffe und SLA. 2

3. Pidgins: Simplifizierte Kontaktsprachen. 5

4. Kreole: Sprachen der Sklaven europäischer Kolonien. 11

5. Fazit und Vergleich. 19

6. Referenzen 22

1. Einleitung

In der Welt finden sich zahlreiche Sprachen, die Sprechern bestimmter Sprachen als bekannt, aber fremd oder sogar „falsch“ erscheinen. Solche Sprachen sind entweder Nur-fast-erfolgreicher Spracherwerb, Simplifizierte Sprachen, Einheimische Dialekte, Kreole oder Pidgins. Einige dieser Begriffe sind schon lange in Gebrauch, einige wurden erst spät von der Linguistik als Begriffe aufgegriffen, andere sind umgangssprachlich gar nicht bekannt. Vor allem bei Pidgins und Kreolen herrschte schon immer viele Widersprüche in den Definitionen, die teils kaum richtig auf die Sprachen anzuwenden waren, oder bei denen eine Sprache mal zu beiden Oberbegriffen passen kann.

Diese Arbeit soll vor allem die Begriffe Pidgins und Kreol erklären sowie verdeutlichen. Dazu müssen wir aber vor allem auch den Zweitspracherwerb erklären, denn beide Begriffe sind nur Unterformen ebendieses. Pidgins wurden oft vereinfacht als reduzierte Kontaktsprache definiert, Kreole dagegen als Ausarbeitungen dieser Pidgins, die als Muttersprachen dienen. Wie wir sehen werden, ist dies nicht so einfach.

2. Sprachkontakt: Grundbegriffe und SLA.

Sprachkontakt ist ein weites Feld, doch wirklich wirklich für das Verständnis dieser Untersuchung sind uns nur einige wenige Begriffe sowie ein kurzer Überblick über den Spracherwerb.

Zunächst einmal zu den Begriffen. Im Bereich des Sprachkontaktes kennt man grob gesagt drei Arten von Sprachtypen. Die Muttersprache, die ein Mensch spricht und für gewöhnlich bei der Geburt erwirbt, wird Erstsprache (kurz L1) genannt. Ein anderer Begriff, den wir hier oft benutzen werden, ist Substrat. Es ist das unterliegende Grundwissen, das jeder Mensch hat. Auf dem Weg eine andere Sprache zu lernen, bildet sich der Mensch zunächst eine vereinfachte, simplifizierte Version der Sprache, die er versucht zu lernen (der TL = target language), und die er teilweise durch Substratwissen anreichert, weil er es nicht anders weiß. Diese Zwischensprache wird IL (intermediate language, interlanguage) genannt. Wie wir sehen werden, haben Pidgins viele Ähnlichkeiten mit ILs. Letztlich gibt es noch die zweite Sprache, die der Mensch versucht zu erwerben, die L2. Wie gesehen, wird sie, solang sie erworben wird, auch TL genannt. Letztlich werden sie auch Superstrat genannt, also der externe Einfluss.

Spracherwerb wird generell abgekürzt, entweder als L2A (L2 acquisition) oder wie hier als SLA (second language acquisition). SLA ist kein simpler Prozess, sondern lässt sich in verschiedene Stufen auflösen, die Winford (2005: 264ff) beschreibt. SLA besteht aus individueller und Gruppen-SLA, die verschiedene Strategien einsetzt, um eine TL zu erwerben. Diese Strategien beinhalten das Beharren auf L1-Wissen, Simplifizierung und Vermeidung von schwierigen TL-Strukturen. Weiterhin werden erworbene TL-Elemente kreativ in die IL integriert.

L1-Einfluss kann sich in allen Ebenen der individuellen IL manifestieren, vor allem in früher SLA. Zu der Zeit werden auch am stärksten Prozesse der Simplifikation eingesetzt, um die für den Lerner schwierig erscheinende Sprache zu vereinfachen: Gebundene Morphologie und komplexe Syntax werden reduziert, Regeln generalisiert, Wörter innovativ verbunden – alles, um die IL zu erweitern. Universale kognitive Prozesse führen den Lerner hierbei, um L2-Input zu regularisieren: z.B. werden Inhaltswörter als erstes gelernt, ebenso wie hervorstechende Eigenschaften am ehesten. Deshalb sind frühe IL stets hoch-reduziert und quasi eine Art Basis-Varietät der TL, welche von den Lernern ausgebaut werden kann – aber viele kommen nicht so weit.

Wird die IL doch ausgebaut, bedeutet dies, dass komplexere Morphologie und Syntax gelernt werden muss. Die Aneignungen folgen weiterhin universalen Regeln, die Reihenfolge der Aneignungen ist meist: NEG, Frageformationen, Relativisationen usw. Je simpler, desto schneller wird es gelernt. Beschränkungen der Aneignung scheinen auf Markiertheit zu basieren. Markierte TL-Strukturen werden leichter gelernt, wenn sie Ähnlichkeit mit solchen in der L1 haben.

Auch wenn ganze Gruppen der SLA untergehen, z.B. weil sie eine neue Herrschaftssprache im Lande lernen, greifen dieselben Prinzipien und Beschränkungen, sowohl L1-Einfluss, als auch Simplifikation und interne Innovation; anfangs nähert es sich also nur der TL an. Und sofern die neue Sprache nicht im Kontext anderer Sprecher, die sie schon als L1 hatten, ebenfalls als L1 (also von Kindern) erworben wird, wird die Varietät nie wie die TL werden. Der Grund sind „Transfer zu etwas“ und „Transfer zu nirgends“. Bei ersterem ersetzen Lerner mit Eigenschaften ihrer L1-Elemente solche in Formen der TL, wenn sie ihnen ähnlich erscheinen, was vor allem auf Laute zutrifft, weshalb es zu Akzenten kommt. Bei zweiterem nutzen sie L1-Strukturen, wenn sie mit welchen der TL nicht zurecht kommen. Dies trifft auf individuelle und Gruppen-SLA zu. Gruppen-SLA jedoch nutzt Einebnung, um widerstreitende Lösungen in den individuellen ILs zu eliminieren. Soziale Faktoren (Demographie, Interaktionsmuster, Bilingualismus) beeinflussen diese Einebnung.

Kurz gesagt: Ziel der Menschen ist (in natürlicher Umgebung) Kommunikation, nicht der Erwerb perfekter Kenntnisse der TL, wofür sie verschiedene „Trial-and-Error“-Strategien einsetzen.

Betrachten wir noch einmal kurz die angesprochenen universalen Prinzipien und Beschränkungen, da sie weiterhin wichtig werden bleiben. Winford (2005: 225ff) beschreibt sie. Bei früher SLA versucht der Lerner aus dem TL-Input Sinn zu machen. Universale kognitive Prinzipien führen ihn dabei. Maximen, die zur Anwendung kommen, sind z.B.: Auf das Wortende achten, Hervorstechende Teile der Sprache merken, auf die Wortreihenfolge achten und Ausnahmen vermeiden. Weiterhin gibt es Prinzipien, die dafür sorgen, dass bestimmter Input vor anderem gelernt wird, z.B.: Bedeutung vor Form, zuerst Inhaltswörter, lexikalische Einheiten vor grammatischen. Weiter gibt es Lernprinzipien, welche helfen, die Grammatik aufzubauen. Lerner erwarten (unbewusst), dass eine Form auch nur eine Bedeutung ausdrückt, dass Konstituenten, die zusammengehören, auch zusammenstehen und dass es eine bestimmte Wortreihenfolge gibt. Wenn eins der Prinzipien nicht richtig zutreffen kann, tendieren Lerner dazu, das zu wählen, was ihrer L1 entspricht. Ist z.B. eine Sprache mit variabler Wortreihenfolge ausgestattet, so wählen Lerner die ihrer L1. Beschränkungen wiederum entstehen aus Markiertheit und dem schlichten Können der Lerner, die oft auf ihre L1 zurückgreifen. Einige wichtige Markiertheits-Beschränkungen: Komplexe Konsonsantenkodas sind markiert, Vokalkodas sind unmarkiert, polysynthetische Morphologie ist markierter als agglutinative, Wortumstellungen in Fragesätzen sind je nach Komplexität unterschiedlich markiert. Weiterhin ist markierter, was sich stärker von der L1 unterscheidet, außer, es ist universal recht unmarkiert.

Schon bei der SLA stellen sich Winford (2005: 255) ein paar Fragen. Der Grad des Wandels in einigen SLA führte dazu, dass sie oft als nah zu Kreolen behandelt wurden, da diese einen ähnlichen Prozess der grammatikalischen Restrukturierung haben. Ein Beispiel wäre Singapur English, dass viele Eigenschaften mit Kreolen teilt, z.B. serielle Verbkonstruktionen, variable Vergangenheit, variable Artikel. Dabei muss man aber beachten, dass dies kein wirklich einzigartiges Kriterium für Kreole ist, die eigentlich überhaupt keine strukturellen Charakteristika haben – und serielle Verbkonstruktionen sind in der Region der Erde eher über Sprachfamilien hinaus typisch. Viel wichtiger scheint der soziale Kontext zu sein, um Natur und Ausweitung eines Wandels zu erfassen, weshalb auch eine Skala sinnvoller wäre, um zu klassifizieren, reichend von erfolgreicher SLA über mittlere bis hin zu radikalen Kreolen. Ein Hauptkriterium sollte hierbei immer der Grad des L1-Einflusses sein, vielleicht auch der Grad der Simplifikation.

Ein weiteres Kontinuum ist laut Winford (2005: 264) der zwischen Sprachzerfall und Pidginisierung, weshalb Versuche sie zu vergleichen auf ähnliche Punkte in diesem Kontinuum fokussieren müssen.

Laut Winford (2005: 266) wirft Gruppen-SLA Fragen auf für die Klassifikation von Kontaktsprachen, denn alle haben etwas gemein mit Pidgins und Kreolen. Auf einem Kontinuum kann man die Annäherung an eine TL links, radikale Kreole rechts einordnen. Eingeborenen-Varietäten und mittlere Kreolen wären hierbei in der Mitte.

3. Pidgins: Simplifizierte Kontaktsprachen.

Der Begriff Pidgin ist laut Winford (2005: 268f) noch jung, Kontaktsprachen gibt es aber schon lange. Solche Sprachen entstanden, um die Kommunikation zwischen Gruppen mit verschiedenem linguistischen Hintergrund in einem restriktiven Kontext (wie Handel oder Sklavenarbeit) zu ermöglichen. Sie sind typischerweise hoch reduziert und simplifiziert, Erwachsenenkreationen1 und involvieren Prozesse des Lernens und selektiver Adaption linguistischer Ressourcen, die ähnlich sind wie bei der SLA. Der Begriff Pidgin selber wird etwa seit dem Chinese Pidgin English (CPE, etwa seit den 1630ern) genutzt, früher (und noch eine zeitlang gleichzeitig) sprach man von Jargons oder Lingua Franca. All diese Termine stammen aber nicht von Linguisten sondern von normalen Menschen, weshalb sie auch sehr undefiniert genutzt wurden, v.a. für Sprache, die in den Ohren der Hörer defektiv klingt. Für Linguisten sind aber auch Pidgins richtige Sprachen, übernahmen die Termini aber, weshalb es zu vielerlei Unbestimmtheit und Konfusion kam. Es gibt im Groben vier Begriffe, die man voneinander unterscheiden sollte: Pidgin, Jargon, unvollständige SLA und Fremdensprache („foreigner speech“). Alle scheinen ähnlichen Prozessen zu unterliegen. Jargon wird als Begriff etwa seit der europäischen Kolonisation für SL-Varietäten genutzt, mit denen Einheimische mit ihnen kommunizieren wollten. Man sollte sie aber eher unkonventielle bzw. idiosynkratische Formen von Interimssprache („interlanguage“, IL) bezeichnen, also einer Zwischenstufe beim Spracherwerb. Jargon ist wie schon gesagt eher ein anderer Begriff für Pidgin. Unvollständige SLA sind konventionalisierte Systeme der Kommunikation, die später selber Ziel des Lernens werden. Zu ihnen werden wir bei den Kreolen noch einmal kommen. Fremdensprache (FS) letztlich ist dadurch gekennzeichnet, dass sie keinerlei Substrateinfluss hat; Einheimische versuchen mit dieser simplifizierten Version ihrer Sprache mit Fremden zu sprechen. FS und andere idiosynkratische Formen sind aber das Material, aus dem später Pidgins werden (können).

Die Reichweite des Begriffes Pidgin muss nach Winford (2005: 269f) weiter realistisch limitiert werden, da es einfach zuviele unterschiedliche Sprachen mit unterschiedlich komplexer Struktur gibt; eine einfache Definition kann da nicht viel bringen. Unter den Begriff fallen sowohl rudimentäre Sprachen wie Russenorsk, als auch „vollständige“ Sprachen wie Hiri Motu. Es muss immer um die Kriterien gehen, die man ansetzt. Rein strukturell ergäbe sich ein weites Kontinuum ohne klare Grenzen. Als erste Möglichkeit kann man daher einen Prototypen definieren, und wie andere Formen davon abweichen. Der Prototyp wäre sehr nah an dem, was man klassisch ein Pidgin nennt: Ein Konzept, das auf strukturellen und soziokulturellen Kriterien basiert. Oder um es mit Hymes (1971: 84) z usagen: „Pidginization is that complex process of sociolinguistic change comprising reduction in inner form, with convergence, in the context of restriction in use. A pidgin is the result of such a process that has achieved autonomy as a norm.“ Eine Kombination dieser Eigenschaften wäre die beste Charakterisierung für Pidgins.

Winford (2005: 270) fasst in seinem Fazit zur Definition von Pidgins zusammen, dass der Begriff ein klassifikatorisches Label ist, welches auf (Kontakt-)Sprachen verweist, welche hoch reduzierte Vokabular und Struktur haben, die einigen Menschen nativ sind, Lingua Franca dagegen für andere restriktive kommunikative Funktionen. Erweiterte Pidgins sind hierbei ähnlich wie Kreole und vereinfachte Sprachen und damit ähnlich zu Gruppen-SLA.

Der soziale Kontext der Pidgin-Bildung ist laut Winford (2005: 270ff) sehr weit gefächert. Mal ist er domestisch (Beziehung zwischen Herr und Sklaven), mal gibt es instabile Pidgins für Touristen (Fremdensprache). Die wesentlichen Haupttypen finden sich aber alle entweder im Kontext von Massenarbeit von Migranten oder Handel. Arbeitspidgins müssen dabei nicht immer den Kriterien von Prototyp-Pidgins entsprechen. Sie tendieren vielmehr dazu, besser ausgearbeitet zu sein, weil in solchen Arbeitssituationen der Kontakt länger war. Pidgins aus Plantagen-Umgebungen machen dabei mehr Probleme im Sinne des Grades, in dem sie von den Prototypen abweichen und wie sie die Grenzen ziehen zwischen Ebenen der Entwicklung und Ausweitung. Handelspidgins wie Chinook finden sich in vielen Gebieten und haben typischerweise nicht lange Bestand. Sie haben aber typische Umstände, in denen sie entstehen und daher alle gemeinsame soziolinguistische Charakteristiken. Diese Pidgins wurden in einer Menge verschiedener kommunikativer Funktionen genutzt. Die Kontexte sind Handel, Jagd und ähnliches sowie politische Vereinigungen wie beim Chinook. Ihre Sprecher sind meist bi- oder sogar multilingual, ihre Pidgins werden oft als Lingua Franca genutzt und typisch ist auch die Benutzung vieler Gesten und der Körpersprache. Beispiele sind Russenorsk, CPE und Eskimo Pidgin. Sie entstanden alle in Kontakt zwischen einheimischen und fremden Gruppen und waren restringiert auf Handelsaktivitäten.

Als Beispiel erläutert Winford (2005: 273ff) die Sprache Russenorsk (RN). Sie entstand im Kontakt zwischen russischen (Russkij) Fischern und norwegischen (Norsk) Händlern. Der Kontakt war um 1900 herum für etwa 30 Jahre auf je ein paar Monate im Jahr beschränkt. Das Vokabular bestand etwa gleich aus Begriffen beider Sprachen, da beide Gruppen gleichberechtigt waren, aber hatte nur etwa 150 bis 200 Wörter, wovon wiederum etwa 10% aus anderen Sprachen stammte. Neue Wörter konnte die Sprache durch Komposition kreieren. Das Lexikon bestand v.a. aus Substantiven, Verben, Adjektiven und wenig Adverbien. Die Phonologie war, wie es typisch für Pidgins und SLA ist, ein Kompromiss aus beiden Muttersprachen: Laute, die beide teilten, wurden behalten, andere fielen meist weg. Die Morphologie war auch recht typisch für Pidgins, kannte sie doch kaum Flektion und kaum komplexe Derivation, hatte somit auch keine Kategorien wie TAM. Zeitreferenz wurde durch Adverbien ausgedrückt. Modelverben konnten Futur ausdrücken. Funktionale Kategorien waren sehr selten, es gab keine Kopula und nur eine einzige Präposition sowie eine subordinierende Konjunktion. Die Syntax war sehr simpel, es gab keine Einbettung und nur die eine Subordination. Parataktische Verbindungen schließlich wurden Juxtaposition oder der Konjunktion erreicht. Damit lässt sich sagen, dass Russenorsk dem Prototyp eines Pidgins sehr gut entspricht – und trotzdem weigerten sich viele Linguisten, sie als Pidgin anzusehen, was auf unterschiedlicher Basis von Kriterien beruht.

Wichtig sind natürlich auch strukturelle Charakteristika, die Winford (2005: 275ff) erläutert. Am besten sollte man aber anerkennen, dass Pidgins auf viele Arten ihre Quellen unterschiedlich integrieren, weshalb man keine einfache Definition erstellen kann. Trotzdem teilen sie einige strukturelle und nicht-strukturelle Charakteristika. In Morphologie und Syntax sind Pidgins gekennzeichnet durch die Abwesenheit eines morphologischen Apparats (Flektion, TAM) und anderer funktionaler Kategorien, einem minimalen Inventat von Funktionsmorphemen, einer beschränkten Anzahl von Fragewörtern und Pronomen sowie nur einer Negation. Die Syntax ist meist analytisch, die Wortreihenfolge drückt grammatische Funktionen aus, die Anzahl von Satzmustern ist reduziert und es herrscht wenig derivationale Tiefe. Auch das Lexikon ist sehr beschränkt (z.B. 200 Wörter Russenorsk, 500 Chinook), die Einträge sind eher generell, semantisch und grammatisch ambig und polysem, können durch Komposition, Metaphorik und Lehnwörter erweitert werden. Als Quelle für das Lexikon zieht der Pidgin meist nur aus einer Sprache, seltener auch aus anderen beteiligten. Weiter findet man auch in die Phonologie ein reduziertes Inventar von Phonemen sowie phonologischen Kontrasten und Prozessen, v.a., da weggelassen wird, was sich nicht in beiden Sprachen findet. Selten hat ein Pidgin aber Variation in der Phonologie dank der L1. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Variation in Lexikon und Phonologie unterschiedlich ist, aber alle Pidgins reduzierte Morphologie und Syntax haben.

Wichtig ist nochmal festzustellen, ob sich die Pidginbildung von früher SLA unterscheidet. Winford (2005: 278ff) erklärt, dass Pidgins Lernervarianten der TL sind, z.B. wie im Delaware Pidgin, während es andere nicht sind, wie z.B. das Ndjuka-Trio Pidgin. Es wäre also vereinfacht zu sagen, dass Pidgins immer vergleichbar wären mit einer frühen Annäherung an die TL, sprich einer frühen SLA. Auch ist die Intention gar keine SLA gewesen; Sprecher wollten einfach nur miteinander kommunizieren und nicht die andere Sprache lernen. Später wurden dann die Pidgins oft selber TL. Pidgins basieren oft auf Fremdensprache, was auch ein Input für frühe SLA sein kann; dies haben sie also gemein. Pidginisierung involviert letztlich Konventionalisierung eines Sets distinktiver Normen, welche die Gruppen im Kontakt teilen. Damit ist Pidginisierung Objekt von sozialen Kräften, welche zu Einebnung und Kompromiss der individuellen Grammatiken im Kontakt führen, was der Gruppen-SLA und der Sprachverschiebung gemein ist, aber nicht der indivuellen SLA. Letztlich haben Pidginisierung und früher IL Ähnlichkeit. Ähnlich wie die einfache L2-Varietät werden Pidgins „geboren“ aufgrund kommunikativer Strategien im Kontext limitierten Zugriffs, die massive Reduktion und Simplifikation involvieren. Pidginisierung unterliegt also ähnlichen Prinzipien und Beschränkungen, wie die frühe SLA.

Winford (2005: 280ff) beschreibt weiter die Prozesse und Beschränkungen bei der Pidginisierung. Zunächst einmal ist der Begriff nichts einfaches, sondern ein komplexer Prozess mit Teilprozessen: Simplifikation, Reduktion der „inneren Form“ und Beimischung von Neuem. Reduktion involviert Verarmung (in Lexikon, Morphologie usw.), Simplifikation involviert Redularisierung (von Unregelmäßigkeiten usw.) und Beimischung steuert dem Pidgin etwas aus den Quellen bei. Weitere intern motivierte Prozesse der Restrukturierung führen zu anderen Innovationen, die nicht aus den Quellsprachen stammen. Reduktion und Simplifikation gehören zu den wichtigsten kommunikativen Strategien. Es handelt sich hierbei um ein reduziertes Vokabular, dem Fehlen gebundener Morphologie, eine limitierte Reichweite syntaktischer Strukturen – alles ähnlich dem frühen SLA. Ähnliche strukturelle Charakteristika kann man auch bei Immigranten in Europa beobachten, die versuchen die TL zu lernen: Ein hoch reduziertes Vokabular (hauptsächlich Inhaltswörter, wenig Funktionswörter), keine Fkletionsmorphologie, grammatische Kategorien oder syntaktische Phänomene. Lerner benutzen die Strategien der Vermeidung und kompensatorische Strategien der Kommunikation. Um z.B. mit Eskimos reden zu können, reduzierten die Europäer das Eskimo. L1-Einfluss gehört zu den wichtigsten kompensatorischen Strategien. Eine mögliche Auswirkung des Einflusses ist die Phonologie: Im Eskimo Pidgin wurde die Phonologie reduziert, weil nicht beide Sprachen über alles verfügten, während im Chinook selbst komplizierte Laute behalten wurden, da beide Sprachen diese schon hatten. Die Syntax stammt nur selten aus der L1; viele Pidgins haben überhaupt keinen L1-Einfluss dort. Wenn, dann betrifft sie meist die Wortreihenfolge. Die Grammatik des Pidgins ist meist sehr unterschiedlich zu denen der Quellsprachen, hauptsächlich aufgrund angewendeter Kompensationsprozesse und vieler anderer Faktoren. Interne Innovationen wiederum sind etwas, das alle Pidgins haben: Sprecher nutzen kreativ ihre limitierten Ressourcen, um die kommunikativen Zwecke zu erfüllen. Das Lexikon wird durch Polysemie, Komposition und Paraphrasen erweitert, alte Morpheme bekommen neue Funktionen, es entstehen neue syntaktische Regeln. Am häufigsten werden Komposita genutzt, z.B. im Russenorsk. Innovationen reflektieren oft (beginnende) Grammatikalisierungsmuster, die in Sprachwandel und SLA üblich sind. Weiterhin wird oft, ähnlich wie in früher SLA, eine Präposition in vielen Funktionen genutzt. Überhaupt ähneln Pidgins ja frühen IL, auch da sie wie diese eine Varietät der natürlichen Sprache ohne der charakteristischen Merkmale ist. Deshalb können auch ähnliche Prinzipien die Entstehung beider Erklären. Ähnliche Operationen und Verarbeitungsstrategien regulieren die Art, wie Materialien aus dem Input selegiert werden als Teil der simplifizierten Varietät. Die Prinzipien sind universal, aber Pidgins wählen unterschiedliche daraus aus, weshalb man kein Set als Definition erstellen kann. Das Faktorisierungsprinzip z.B. sagt, dass jede unterschiedliche Bedeutung auch durch unterschiedliche Laute wiedergegeben werden soll. Ein weiteres Prinzip ist der Versuch, Perzeption und Produktion maximal zu vereinfachen durch isomorphe Form und grammatische Funktion, Elimination von Opakheit und Redundanz sowie Regularisierung der Strukturen.

Laut Winford (2005: 288ff) sind die wichtigsten grammatischen Regeln von Pidgins maximal generell und unmarkiert. Eine Erweiterung des Pidgins erfordert also den Bau peripherer Regeln und Strukturen, die markiert sind. Wenn ein Pidgin nicht sofort wieder verschwindet, sondern erweitert wird, kann man von einem ausgearbeiteten oder erweiterten Pidgin sprechen, wie z.B. bei Chinook, Pacific Pidgin English und Melanesian Pidgin. Es gibt nur eine dünne Grenze zwischen erweiterten Pidgins und Kreolen. Auch simplifizierte Sprachen werden Pidgin genannt, sind aber besser ausgearbeitet. Da man meist zuwenig historische Belege hat, hilft nur noch linguistisch Evidenz, dass es tatsächlich simplifizierte Versionen von Vollsprachen gibt, z.B. dass Hiri Motu ein simplifiziertes Motu ist. Erweitere Pidings und Simplifika bereiten Probleme bei der Klassifikation von Kontaktsprachen, genauso wie für den Unterschied Pidginisierung und Kreolisierung sowie ihrer Relation zu kontakt-induziertem Wandel im Generellen. Die Unterschiede sind gar nicht so stark, wie man vermuten könnte. Ein Beispiel für erweiterte Pidgins ist das Melanesische Pidgin (MP), das vom Pacific Pidgin English (PPE), einer Handelssprache, stammt und moderne Nachfahren wie Tok Pisin, eine der Amtssprachen von Papua Neuguinea, hat. Die Geschichte der Sprachen ist kompliziert: South Pacific Pidgin (SPP) basierte auf Fremdensprache, welche wiederum grammatische und lexikalische Eigenschaften aus anderen Pidgins hatte. SPP wurde bald Lingua Franca. Der Handel der Gegend erforderte Gründung von Siedlungen, womit häufiger Kontakt zu Einheimischen entstand. In Australien entstand New South Wales Pidgin (NSWP), welches einen Einfluss auf das frühe MP hatte und durch Matrosen verändert und verbreitet wurde. So begründete das NSWP auch da Queensland Pidgin English (QPE). Viele Eigenschaften des frühen MP kamen dann aus dem Australian Pidgin English (APE), welches Eigenschaften der Aboriginies hatte und Einfluss aus dem Bereich der als Arbeitskräfte eingesetzten Sklaven bekam. So wurde MP weiter ausgearbeitet als Sprache zwischen verschiedenen Gruppen in Plantagen. Wer von dort dann heimkehrte, nahm es mit – und bald entstand auch Tok Pisin. Daheim holte sich das MP weitere Ressourcen aus einheimischen Sprachen und machte interne Veränderungen und innovative Erweiterungen durch Substrateinflüsse durch. Aus limitierten Ressourcen und ihrer L1-Kenntnis holten die Sprecher viele Elemente beim Aufbau der MP-Grammatik. Einheimische Sprachen waren ihr bereits typologisch ähnlich, v.a. Syntax und Pronomen. Diese wurden auch weiter durch Komposita erweitert. An neuen Syntax-Strategien finden sich Einbettung, Grammatikalisierung von TAM und ähnliches. Winford (2005: 296f) zieht aus diesem Beispiel folgendes Fazit: Die Ursprünge und Entwicklung der Grammatik eines Pidgins involvieren dieselben grundlegenden Prozesse von Simplifikation, L1-Beibehaltung und interner Innovation wie in der IL-Entwicklung in SLA. Der Unterschied aber ist die Rolle und der Beitrag dieser Prozesse. Bei SLA werden sie schwächer, sobald der Lerne mehr von der TL versteht, in Pidgins aber sind die TL-Ressourcen gar nicht erst erhältlich, weshalb L1 und kreative Innovationen wichtig sind.

Simplifizierte Sprachen unterscheiden sich laut Winford (2005: 297ff) von prototypischen Pidgins. Sie haben einen stärker ausgebauten lexikalen und grammatischen Apparat und mehr Ressourcen aus der TL. Meist dienen sie als Lingua Franca zwischen zwei oder mehr Gruppen und sind strukturell einfacher als die Quellsprache. So ist Hiri Motu die Handelssprache zur Sprache Motu. Später wurde sie sogar eine der offiziellen Sprachen in Papua Neuguinea. Sie wurde in ihrer Geschichte in vielen Funktionen benutzt und hat eine reichere und komplexere Struktur als prototypische Pidgins, ist aber immer noch simpler als Motu. Sie hat kaum Flektion und Derivation und weniger Unterschiede in der Phonologie. Simplifika sind schwer zu kategorieren wegen struktureller Charakteristika, Geschichte und Benutzung, die sich mit anderen Typen überlappen. Wir wissen einfach zu wenig über ihre Entwicklung. Sie haben weniger Substrat-Einfluss in der Grammatik als erweiterte Pidgins, weil die TL vermutlich weiterhin gelernt wurde und damit weniger L1 benötigt war, weshalb Simplifika dem Gruppen-SLA ähnlicher sind. Aber wie gesagt gibt es keine klaren Grenzen: Simplifika sind irgendwo zwischen mittleren Kreolen und SLA-Varietäten, die näher an der TL sind.

Das Fazit lautet laut Winford (2005: 301ff), dass Pidgins konservativ mit Prototypen beschrieben werden, welche sie von anderen Kontaktsprachen durch definierte Sets struktureller und soziolinguistischer Attribute unterscheidet. Hierzu zählen v.a. ehoch reduziertes Vokabular und Grammatik und Restriktionen in Funktion und Nutzung als marginale SL zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Hintergründen. Diese Charakteristika erlauben aber noch viel Diversität, z.B. den Grad des Inputs betreffend: Einige Pidgins ziehen alles aus einer primären Quellsprache, andere Lexikon aus der primären und Grammatik aus einer anderen. Viele Prototypen kommen in multilingualen Kontexten vor, die alle Einfluss tragen. Letztlich gibt es aber keine fixe Formel für die Bildung und Struktur von Pidgins. Wichtig sei es zu erklären, welche spezielle Konfiguration von sozialen und linguistischen Faktoren was für Differenzen in lexikalischen und grammatischen Input bringen und zu was für einen Output führen. Pidginisierung wiederum ist eine komplexe Kombination verschiedener Prozesse des Wandels, inklusive Reduktion, Simplifikation von Input, interner Innovationen, Regularisierung der Struktur und manchmalL1-Einfluss. Es finden sich strukturelle und entwicklugnstechnische Gemeinsamkeiten von Prototypen und früher IL. Wir unterscheiden Prototypen, erweiterte Pidgins und simplifizierte Sprachen. Erweiterte beginnen als Prototypen und werden in Lexikon und Grammatik erweitert, wobei sie näher am Substrat sind. Simplifizierte Sprachen unterliegen schwächer den Prozessen der Pidginisierung und sind näher an der TL. In frühen Stadien können beide Versionen aber nur schwer unterschieden werden. Letztlich braucht man immer eine detaillierte Betrachtung des soziohistorischen Kontext und früherer Stadien der Entwicklung.

4. Kreole: Sprachen der Sklaven europäischer Kolonien.

Ähnlich wie Pidgins werden Kreole heiß debattiert. Winford (2005: 304f) zufolge entstanden sie in der europäischen Kolonisation des 15. bis 19. Jahrhunderts durch Sklaven und andere unterdrückte Gruppen, welche Material aus ihren Mutter- sowie den Kolonialsprachen nahmen und zu etwas Neuem formten. Daraus wurden dann Gemeinschaftssprachen, Kinder lernten sie als Muttersprache und die neue Sprache war da. Ebenso wie Pidgins erscheinen sie für gewöhnliche Leute oft als „vulgär“ und Korruption normaler Sprache, doch für Linguisten sind es einfach nur Neuschöpfungen.

Eine Definition von Kreolen ist ähnlich schwer wie für Pidgins (Winford 2005: 305ff). Viele Kreole haben eigene Namen und werden als eigenständige Sprachen behandelt. Wieder ähnlich wie bei Pidgins gab es den Begriff Kreol lange bevor er zum Fachbegriff wurde. Zuerst wurde er nur für die Menschen verwendet, die in den Kolonien geboren waren und ist das erste Mal belegt als „Criollo“ um 1590. Später wurde der Begriff erweitert auf die Sprachen der Menschen – und damit ein einheitlicher Begriff für teils sehr unterschiedliche Sprachen. Die Begriffe Kreol und Pidgin sind keine Klassifikationen, die auf Verwandtschaft, Region oder Typologie beruhen, sondern auf teils widerstreitenden Kriterien, wie vermeintliche Herkunft, kommunikative Funktionen und strukturelle Charakteristika. Traditionell werden Kreole definiert als Pidgins, die als Muttersprache übernommen, in Lexikon und Grammatik aber ausgebauter und damit komplexer als Pidgins sind. Wie es dazu kommt, darüber herrscht Uneinigkeit. Natürlich gibt es ein paar Probleme bei der Definition, da es auch unterschiedliche Kreole und Probleme gibt. Erstens gibt es Pidgins, die nativisiert wurden, ohne dass es zu großen strukturellen Änderungen kam (wie im Sango und Tok Pisin). Die Grammatik der Kreol entstand hier wohl über Dekaden und Erwachsene und Kinder spielten eine Rolle. Hier gibt es also wenig Unterschied zwischen Kreol und erweitertem Pidgin im Sinne der Natur und Geschwindigkeit der Entwicklung. Beide involvieren ähnliche Prozesse der Restrukturisierung und haben keine strukturellen Kriterien, die das eine vom anderen unterscheiden kann. Zweitens könnte man Kreole und Pidgins nur aufgrund funktionaler Gründe unterscheiden. Kreole werden hier als Referenz für eine ethnische Gruppe gesehen. Dies würde ihnen aber einen anderen Status zuordnen, als Varietäten, die strukturell und entwicklungstechnisch sehr ähnlich sind. Drittens ist schon allein die unklare Definition des Pidgins ein Problem, aus dem Kreole entstanden sein sollen. Manche sagen, Kreole seien Ausarbeitungen von Prototypen, die nativisiert wurden, was aber nur zu radikalen Kreolen passt. Kreole sind aber völlig bunt gemischt mit unterschiedlicher Geschichte und Entwicklung. Viel gibt es weiter viel Diversität in Ursprung und Evolution der Kreole, weshalb sie typologisch nicht ordbar sind, da es keine strukturellen Charakteristika gibt, die alle teilen. Jedoch gibt es auch Gemeinsamkeiten. Sie sind alle erklärbar als Resultat ähnlicher Arten von Superstrat- und/oder Substrateinfluss und ähnlicher Prozesse von Simplifikation und Grammatikalisation. Andere Kreole wiederum sind das Resultat von Diffusion. Letztlich gibt es aber Berechtigung, Kreole als eigene Klasse von Sprachen zu behandeln, v.a. aus soziohistorischen Gründen. Kreole sind Kontaktsprachen, die primär auf Plantagen in europäischen Kolonien entstanden, ähnliche soziopolitische und demographische Charakteristika haben und v.a. durch verschleppte Sklaven entwickelt wurden. Koloniale Dialekte europäischer Sprachen dagegen kann man nur dann als Kreol ansehen, wenn die Soziohistorik passt.

Nun ist also der soziohistorische Hintergrund wichtig für die Kreolbildung nach Winford (2005: 309ff). Betrachten wir es also kurz historisch. Die Kolonisierung begann mit den Portugiesen etwa ab 1470. Bald darauf entstanden die ersten Pidgins mit portugiesischem Lexikon. Dies diente vielleicht als partielles Modell für Pidgins anderer europäischer Sprachen. Der soziale Kontext war stets recht restriktiv. Plantagen basierten auf Zwangsarbeit vieler Sklaven. Dort kamen die Europäer und (meist) Afrikaner zusammen in ein soziales, kulturelles und linguistisches Vakuum, in die jede Gruppe etwas einbrachte. Generell lassen sich drei soziale Konditionen feststellen, die das Entstehen und den Charakter von Kreolen beeinflussen: Demographie (Gruppeneinteilung und Anzahl), Codes sozialer Interaktion (Natur des Austausches) sowie die Art des Aufbaus der Gemeinschaft. Für die Demographie wichtig Populationsratios, europäische Diener, die mit den Sklaven arbeiteten sowie der Grad der natürlichen Vergrößerung bzw. Mortalität (neue Kinder oder neue Sklaven? – je früher Kinder geboren wurden, desto näher ging der Kreol Richtung TL). Die Art des Gemeinschaftsaufbaus veränderten sich im Laufe der Zeit häufig sogar in derselben Kolonie. Die Art der ökonomischen Aktivität brachte Unterschiede in Mustern des Kontakts. Gab es z.B. zu Beginn der Kolonie eher kleine Farmen, so gab es mehr Kontakt. Gab es mindestens genauso viele Europäer wie Sklaven, so gab es mehr Interaktion. Je länger dies beibehalten wurde, desto mehr näherte man sich der TL an. Gab es dagegen früh Großplantagen, so wurden die Kreole radikaler. Wenn immer neue Sklaven benötigt wurden, war die Chance geringer, sich der TL anzunähern. Herrschte linguistische Heterogenität der zahlenmäßig überlegenen Sklaven, so gab es weniger Kontakt zum Superstrat. Codes sozialer Interaktion letztlich waren vor allem davon abhängig, welcher Staat Herr der Kolonie war. Gab es Unterschiede im Sklavencode oder hatten die Skalven sogar Freiheiten? Wichtig ist natürlich auch der Verhältnis der in der Kolonie herrschenden Klasse zum Mutterland und wie sehr man sich mit ihm identifizierte. Schließlich kann es noch Unterschiede in Privilegien und Status verschiedener Kategorien von Skalven geben. Dies alles führte zu einem linguistischen Kontinuum von SL-Varietäten des Superstrats, aber auch zwischen Kreolen selber, von radikal (wie Surinam) bis mittel (wie Bajan).

Als Beispiel für eine mittlere Kreol schildert Winford (2005: 314ff) die Geschichte des Bajan. Der soziale Kontext war ungleich den radikalen. Bajan ist Resultat einer besonderen Mischung von sozialen Faktoren und linguistischem Input, welcher die Entstehung einer Kontaktvarietät förderte, die näher an der TL ist. 1627 wurde Barbados von den Engländern besiedelt und hatte bis ca. 1652 kleine Farmen mit einer Überzahl von englischen und irischen Siedlern und deren Diener, von denen vor allem letztere noch engen Kontakt zu den Sklaven hatten. Um 1650 gab es wohl bereits Sklaven, die SL-Varietäten der Siedler sprachen. Danach wurde auf Großplantagen umgestellt, doch die Diener hielten weiter Kontakt zu den Sklaven, welche sich auf natürliche Weise vermehrten. Es kam sogar zu gemischten Geburten, die keine Sklaven waren. An Input hatte das Bajan viel Einfluss aus englischen Dialekten. Diese wurden aber den üblichen Prozessen von Simplifikation (in Morphologie und Morphosyntax) unterzogen. Weiter hat das Bajan Substrateinfluss aus Westafrikanischen Sprachen. Die Kombination von Simplifikation und Substrateinfluss macht das Besondere aus. Die Kreol hat keine serielle Verbkonstruktionen wie die radikalen Kreolen. Einiges der Syntax stammt aus dem Englischen. Man könnte sagen, dass Bajan das Resultat einer recht erfolgreichen Verschiebung Richtung leicht zugangbarer TL ist.

Radikale Kreole erläutert Winford (2005: 316f) am Beispiel des Sranan-Tongo. Dieses ist heute Erstsprache und Lingua Franca an der Küste Surinams, während der Rest vor allem Niederländisch spricht. Das Lexikon soll größtenteils aus dem Englischen stammen, gemischt mit einigen afrikanischen Wörtern. Der Ursprung liegt in frühen Plantagen. Kolonisiert wurde Surinam 1651 durch die Engländer mit englischen Siedlern und deren Sklaven aus Barbados. 30 Jahre lang gab es kleine Farmen mit etwas gleich vielen Sklaven und Siedlern mit viel Interaktion. Die meisten Sklaven hatten SL-Varietäten der TL. 1667 ging die Kolonie an die Niederländer und wurde radikal verändert. Sie errichteten Plantagen und importierten Sklaven aus anderen Gebieten. Letztlich waren es viel mehr Sklaven als Aufseher. Die ursprünglichen Varietäten wurden nun ide Hauptquelle für TL-Input, während Sranan sich entwickelte und radikal wurde. Neu ankommende Sklaven lernten die Kreol dann als TL.

Kommen wir nun zu einigen Aspekten der Kreol-Grammatik, die Winford (2005: 319ff) beschreibt.

In der Phonologie finden sich verschieden Grade der Reinterpretation der Superstrat-Phonologie in Begriffen der Substrat Kategorien und phonologischen Regeln. Behalten wird v.a. die lautliche Gestalt aus dem Input. Hier greift auch der übliche SLA-Prozess, dass im Superstrat vorhandene, die nicht im Substrat sind, durch ähnliche Laute des Substrat ersetzt werden.Kreole ziehen aber auch einige Aspekte aus dem Superstrat, v.a. Vokale tendieren dazu, die Originalen zu sein. In der Phonotaktik dagegen gibt es Substrat-Einfluss, v.a. Simplifikation der Konsonantencluster, die aber seltsamerweise in französischen Kreolen behalten werden. Auch typisch für Kreole ist die Paragoge, das heißt Addition eines Vokals ans Wortende. Letztlich stammen wohl noch einige suprasegmentale Eigenschaften aus dem Substrat.

Das Lexikon kennt ganz drei Hauptquellen: Das meiste stammt aus dem Superstrat, weniger aus dem Substrat und einiges aus internen Innovationen. Aus dem Superstrat werden Begriffe oft mit phonologischer Gestalt und Bedeutung aus regionalen Dialekten der Siedlersprache übernommen und unterläuft oft noch semantischen und kategorischen Änderungen, manchmal aufgrund Substrateinflusses. Wörter aus dem Substrat tendieren dazu, vergessen zu werden. Innovationen stammen v.a. aus Komposita, gebildet sowohl nach Mustern der Superstrat als auch des Substrats und oft nach direktem Muster der Heimatsprachen. Zwar haben Kreole für gewöhnlich keine Flektions-Morphologie, aber sehr wohl viel Derivation.

Wie gesagt haben Kreole in Morphologie und Morphosyntax keine Flektion aufgrund von Simplifikationsprozessen, welche sie mit Pidgins und (früher) SLA teilt. Es fehlen also Kategorien, Kasus und Genus sind reduziert in Pronomen – Numerus bleibt aber erhalten. Ein paar Kreole sind aufgrund Substrateinflusses komplexer. Kopulas bleiben, werden aber anders genutzt als in der TL; meist nur mit prädikativen Nominalen und als Lokativ. TAM wird meist durch prä<verbale Marker ausgedrückt. Egal welches die TL war, dies ist bei allen Kreolen ähnlich – aber nicht identisch.

Die Syntax ist im Gegensatz zu Prototyp-Pidgins wesentlich ausgebauter, inklusive Bewegungsregeln, Relativisierungsstrategien, verschiedener Typen von Komplementen und Subordinativen. Sie unterscheiden sich aber darin, wie sich die syntaktischen Ressourcen von der TL unterscheiden. Radikale Kreole haben dies meist wegen Substrateinfluss und teils interner Innovation. Typisch ist der Kontrastfokus durch Voranstellung des Fokussiertem nach Beispiel der Substrate und die serielle Verbkonstruktion, welche Funktionen der Kategorien Präposition und Komplement ausdrückt (Direktional, Dativ, Vergleich, Instrumental, …). Dies müssen aber trotzdem nicht alle haben.

Nun kommen wir zu der Frage, wie Kreole überhaupt entstehen. Winford (2005: 329f) diskutiert hierfür einige Theorien der Kreolbildung. Umstritten ist die Rolle von Substrat und Superstrat sowie die von universalen Prozessen und Beschränkungen. Es gäbe aber einen Trend Richtung Kompromiss: Die Kreolbildung involviert unterschiedliche Grade des Inputs aus beiden Quellen und ist ähnlich gradueller Prozesse des Gruppen-SLA. Die Frage ist aber, welche Unterschiede in sozialem Kontext und linguistischen Input die Kreolbildung von der Verschiebung unterscheidet. Auch gibt es Probleme bei der Rekonstruktion der Bildung einzelner Kreole, z.B. das Fehlen von geschichtlichen Daten.

Radikale Kreolbildung beschreibt Winford (2005: 331ff) als Form des SLA. Beide haben als frühe Stadien Grammatiken, die ein einfache bzw. Pidgin-Variante der L2 sind mit reduziertem Lexikon und grammatischem Apparat und haben Prozesse der Ausarbeitung, in welche drei Hauptquellen von Input involviert sind. Sie haben also Parallelen, sind aber nicht identisch. Es ist auch fragwürdig, ob radikale Kreole wie Sranan Instanzen des gezielten SLA im üblichen Sinne sind. Das würde nämlich sonst implizieren, dass die Sprecher des Kreol die TL anvisiert hätten und adäquaten Zugriff darauf hatten. Es scheint aber eher so, dass neue Sklaven versucht hätten, die schon vorhandene Kontaktvarietät zu lernen, was sich schon vom Superstrat unterschied. Hawai Creole English (HCE) involvierte den Ausbau eines frühen Englisch-Pidgin, das dann Ziel neuer Einwanderer wurde. Es gibt hier sogar Evidenz, dass HCE das Resultat einer Drei-Generationen-Sprachverschieben ist. Es wurde dann als L1 erworben, nachdem die Grammatik rekonstruiert wurde durch frühere Generationen. Später erwarben Kinder es als L1 und halfen weiter bei der Regularisierung und brachten eigene Innovationen ein. Vor allem aber war HCE das Produkt von solchen Menschen, die schon eine L1 hatten und erinnert an erweiterte Pidgins. Die erste Stufe radikaler Kreole dürfte ähnliche Prozesse haben, in der die Grammatik eines Pidgin oder eines Simplifika erweitert wird von Lernern, angelehnt an die L1 und geformt nach universalen Prinzipien des SLA. Wegen dem Fehlen eines vollen Superstratzuganges kann man annehmen, dass neue Zugänge mit einer Basis-Varietät des Superstrats begannen und wegen Fehlen eines ständigen Inputs aus dem Superstrat diese Lerne die Basis-Varietät erweiterten durch Rückzug auf ihr L1-Wissen und kompensatorische Strategien. Die Kreolbildung ist demnach ein Prozess der SLA mit hoch-restriktivem TL-Input unter ungewöhnlichen sozialen Umständen.

Der Ausbau eines Kreols wird traditionellerweise als Kreolisation bzw. Kreolgenese bezeichnet. Winford (2005: 333ff) würde es lieber als Restrukturierung wie beim Erwerb von L1 und L2 bezeichnen: Alte Grammatiken werden für neue entfernt und die gegenwärtige restrukturiert um sie dem neuen Input anzupassen. Dies unterscheidet sich aber sehr von dem, wie Kreolisten den Begriff meist benutzen. Eine Frage ist auch, wie der Prozess überhaupt vonstatten geht und inwieweit Universalien ihren Beitrag liefern. Weiterhin ist Kreolbildung sowohl individuell als auch ein Gruppenphänomen: Individuen wollen ihre IL erweitern und bringen ihre Innovationen in die Gruppe ein. Bei der Kreolbildung finden durchaus einige Aspekte der Superstrat-Grammatik und lexikalische Eigenschaften ihren Weg in die Kreol, werden dabei aber meist verändert. Radikale Kreole dagegen holen mehr Substrateinfluss, weil der Zugang zur TL limitiert ist. Kreolbildung beharrt länger als SLA auf L1-basierten Strategien, während Kreole eher aus den Ressourcen des Substrats ziehen. Auf diese Art involviert Kreolbildung z.B. teilweise die Beibehaltung abstrakter syntaktischer Muster des Substrats, in welche lexikalische Formen des Superstrats inkorporiert werden. Auch interne Innovationen sind bei der Kreolbildung wichtig. Eigenschaften wie eine SVO-Reihenfolge scheinen z.B. daher zu stammen. Sprecher nutzen ihre Möglichkeiten aus L1 und L2 aus, um eine maximale und simple Grammatik zu schaffen, wodurch es zu Innovationen kommen kann. Sie scheinen also aus der Restrukturierung von Superstrat- und Substrat-Input zu stammen, reguliert von universalen Prinzipien der Aneignung (wie Ökonomie und Simplifikation). Kurz kann man sagen, dass der Prozess der Kreolbildung komplex ist und viele linguistische Inputs und Strategien der Restrukturierung involviert. Theorien der Kreolbildung fokussieren aber meist zu stark auf einen der Inputs.

Prozesse, durch welche Inputs in die neue Grammatik integriert werden, bleiben laut Winford (2005: 341) umstritten, ebenso wie es umstritten ist, wieviel Lexikon und Grammatik des Superstrat zur Kreolbildung beitragen. Deshalb wär es wichtig herauszufinden, welche Beschränkungen von Superstrat und Substrat es gibt, welche Prinzipien die Selektion spezifischer Elemente der Inputs regulieren, welche Mechanismen und Beschränkungen involviert sind in der Interaktion zwischen Superstrat- und Substratinput und welche Rolle schließlich Universalien spielen.

Beschränkungen des linguistischen Inputs finden sich in Form von externen und internen Faktoren, so Winford (2005: 341). Es ist die Frage, ob Lerner vollen oder nur simplifizierten Zugang zur L2 haben, da demographische und soziale Kontexte dies beeinflussen. Interne Faktoren dagegen sind das schlichte Können des Lerners, was zu Reduktionen und Simplifikationen führen kann.

Der Substrateinfluss auf die Kreolbildung kann laut Winford (2005: 341ff) zwei Formen annehmen: Abstrakte Nutzung von Substrat-Mustern, nach denen phonetischen Formen des Superstrats inkooperiert werden sowie die Reinterpretation der Superstrat-Formen in Begriffen von Substrat-Morphosyntax und lexikosemantischen Kategorien. Genau wie bei erweiterten Pidgins gibt es auch zwei Arten, dies zu erklären: Relexifikation oder Transfer. Ersteres ist ein mentaler Prozess, der dem Lerner erlaubt ein neues Vokabular von lexikalischen Kategorien zu kreieren durch die Verbindung neuer phonologischer Formen mit syntaktischen und semantischen Informationen, die bereits im Lexikon der nativen Sprache etabliert sind. Beim Transfer werden Eigenschaften der L1 auf derivierte Formen der L2 übertragen, was eine Art von Substratverstärkung ist, durch die Beibehaltung reanalysierter L2-Formen. Wie schon einmal gesehen, reflektiert die Kreolsyntax das Gemeinsame dort, wo es Kongruenz gibt zwischen den Strukturen von L1 und L2, was man als „Transfer nach Nirgends“ bezeichnen kann. Letztlich aber referieren beide Begriffe, Relexifikation und Transfer, auf denselben objektiven psycholinguistischen Prozess der Restrukturierung: Transfer sieht die Effekte des L1-Einflusses aus der Perspektive ebendieser; Relexifikation dagegen fokussiert darauf, wie die Teile der L2 eingebaut werden. Die letztliche Reanalyse ist aber dieselbe und kann unter dem Konzept der Markiertheit subsummiert werden.

Weiterhin muss laut Winford (2005: 345f) die Theorie noch den Effekt der Einebnung („leveling“) erklären. Dieser Prozess involviert die Reduktion oder Zerreibung von Varianten in der Bildung von widerstreitenden Gemeinssprachen. Ein Schlüsselprinzip hierbei scheint zu sein, dass Eigenschaften, die über individuelle ILs vorhanden sind, auch beibehalten werden – ähnlich, wie es bei der Pidginbildung aus zwei verschiedenen Sprachen oder bei der SLA geschieht. Sind zwei Eigenschaften im Widerstreit, wird die am wenigesten markierte (im Sinne von Ähnlichkeit, Frequenz und Transparenz) behalten. Schließlich bringen auch Kinder noch Innovationen in die Sprache ein, denn wenn sie eine etablierte Kreol als L1 erwerben, würden sie versuchen sie zu systematisieren und zu erweitern.

Schließlich bleibt noch die Frage, wie universale Prinzipien bei der Kreolbildung mitmachen (Winford 2005: 347ff). Es soll ein breiter Konsens herrschen, dass es die Rolle der Universalgrammtik ist, die Prozesse der Restrukturierung des Superstrat- und Substratinputs in die Kreolgrammatik zu kontrollieren. Sie spielt in allen Phasen der Bildung eine Rolle und bietet dieselben Prozesse und Lernprinzipien wie bei früher SLA. Kognitive Beschränkungen basierend auf Bearbeitungsprinzipien zusammen mit strukturellen Beschränkungen basierend auf typologischer Distanz regulieren die Restrukturierung der IL-Bildung. Je mehr Sprecher die L1 simplifizieren, desto mehr konvergieren Sprachen betreffend minimal markierten und maximal naturellen Mustern. Die Kreolgrammatik kann angesehen werden als Repräsentation des unmarkierten Kerns der Sprache, die sich unterscheidet von einer Peripherie markierter Segmente und Konstruktionen. Innovationen entstehen aufgrund von Kreativität im Prozess der Bildung selber oder folgendem intern motiviertem Wandel. Letztlich gibt es den Prozess der Grammatikalisierung, welcher ein Überbegriff für sprachinterne Prozesse ist, bei denen grammatische Morpheme aus lexikalen entwickelt werden. Der Wandel ist graduell und intern, involviert aber eine Reanalyse, die nicht graduell, sondern plötzlich ist und aus externer, meist Substratquelle stammt. Manches grammatische Element scheint auch von grammatischen Morphemen des Superstrat zu stammen, die reanalysiert und simplifiziert wurden. Ähnlicher Wandel findet in allen Kreolen statt und führt manchmal zu drastischen Differenzen zwischen frühen und späten Stadien der Sprachen.

Spätere Stadien der Kreole entwickeln sich auch extern motiviert weiter, so Winford (2005: 352ff). Im Sranan sind sich sogar viele Sprecher dessen bewusst, da Varietäten des Sranan, die von Sprechern des niederländischen gesprochen werden, lange diesem Einfluss ausgesetzt waren.

Winford (2005: 355ff) gibt auch noch einmal eine Zusammenfassung der Beschreibung von Kreolen und Kreolbildung. Der Begriff Kreol beinhaltet ein diverses Set von Kontaktsprachen, die in europäischen Kolonien entstanden. Es gibt weder absolute, noch soziolinguistische oder strukturelle Kriterien, sie zu klassifizieren. Wir können sie aber unterscheiden in Begriffen des Grads der Divergenz zum Superstrat, von dem sie das meiste (der phonologischen Form) ihrer lexikalischen und grammtischen Einheiten haben. Kreole sind ein Kontinuum von L2-Varietäten, das von solchen dem Superstrat ähnlichen bis zu absolut radikalen reichen. Mittlere Kreole wie das Bajan sind näher am Superstrat und so genannte basilektale, wie Guyanesisch und Jamaican, sind näher an den Radikalen. Der Unterschied liegt vor allem im Grad des Substrateinflusses der L1 und interner Entwicklungen, während der Unterschied unter den Kreolen selber vor allem in sozialen Kontexten (Demographie, Gesellschaftsart, soziale Codes) begründet ist. Mittlere Kreole wie Bajan und Reuionnaisisch enstanden in kleinen Farmen, wo mehr oder gleichviele Europäer wie Sklaven waren. Dies erlaubte nähere Interaktion, welche die Entstehung von SL-Varietäten erlaubte. Sie haben Charakteristika des Substrats wegen einfluss und Simplifikation, aber mehr vom Superstrat und Ähnlichkeit zu normalen Kolonialdialekten. Radikale Kreole stammen aus frühen Plantagen, in denen es weniger Kontakt gab, der nicht intensiv genug war. Sie wurden umso radikaler, je größer die Sklaven in der Mehrheit waren. Sie haben viel Einfluss aus dem Substrat und internen Innovationen, vor allem in Aspekten der Phonologie, des Lexikon, der Morphosyntax. Es gibt auch Einflüsse des Superstrats, jedoch durchläuft der Input Prozesse der Simplifikation und Reanalyse, welche eine Varietät von komplexen verbundenen Prozessen involviert, durch die Lerner den Input in die neue Grammatik strukturieren. Verschiedene Theorien über diesen Prozess fokussieren jeweils auf den einen oder anderen Aspekt: Superstrat, Substrat oder Universalien. Am wenigsten Konsens gibt es über die Natur des Substrateinflusses, vor allem ob es ein Pidgin oder eine frühe IL war. Kreolbildungen sind letztlich SLA in seltsamen Umständen, bei denen Kinder eine Rolle gespielt haben könnten. Die Prozesse der Restrukturierung sind dieselben wie bei der SLA und im Spracherwerb. Wie SLA involviert die Kreolbildung die selektive Adaption von Superstrat- und Substrat-Input und wird von universalen Prinzipien des Spracherwerbs geführt. Radikale Kreole resultieren aus der fortgehenden Neuerlernung von vorher erworbenen Kontaktvarietäten durch Wellen neu ankommender Sklaven. Die Restrukturierung vorhanden Materials involviert Prozesse wie im SLA: Simplifikation und Prozesse der Erweiterung. L1-Einfluss (Relexifikation/Transfer) führen zu Reanalyse eines Superstrat-derivierten Lexikon. Faktoren wie Kongruenz und Markiertheit determinieren, welche Formen genau gewählt werden und welche Eigenschaften des Inputs erhalten bleiben. Prozesse intern geführter Erweiterung resultieren in Innovationen, welche für Kreole einzigartig sind. Eine Kompetition zwischen Eigenschaften und Innovationen in individuellen IL resultieren in Prozessen der Einebnung, die intern oder extern motiviert sein können. Prozesse der Grammatikalisierung führen zu ersterem, Koexistenz mit der offiziellen Sprache zu Kontakt-induziertem Wandel.

5. Fazit und Vergleich.

Beim (natürlichen) Spracherwerb (SLA) versucht ein Mensch kommunikative Ziele zu erreichen, nicht ein optimales Wissen der TL sich anzueignen. Hierbei bildet er sich zunächst eine Zwischenstufe (IL), bevor er zur wahren TL fortschreiten kann. In der IL bezieht er sich noch stark auf seine Erstsprache (L1), da er die TL noch nicht komplett beherrscht. Universale Prinzipien und Beschränkungen regulieren die Prozesse in diesem Stadium. Da er die TL noch nicht beherrscht, nutzt er Kompensationsstrategien, um trotzdem kommunizieren zu können. Dazu gehört z.B. die Nutzung von Strukturen aus seiner L1. Anfangs lernt er zunächst vor allem Inhaltswörter, da Semantik leichter zu verstehen ist als Morphologie und Syntax. Aus diesem Grund werden auch die genannten Bereiche teils stark reduziert. Andere Kategorien der L2 werden reinterpriert, v.a. wenn sie Ähnlichkeiten mit denen der L1 haben. Haben sie aber sehr viel Ähnlichkeit, so werden sie schneller angeeignet. Ein weiteres Phänomen, das man sogar beim Erstspracherwerb beobachten kann, ist die Übergeneralisierung, bei der z.B. Regeln regulärer Verben bei allen angewandt werden, auch bei irregulären. Es lässt sich sogar einer Hierarchie erstellen, der Reihenfolge, in der der Lerner neue Kategorien erwirbt. Eine immer wieder wichtige Variabel ist auch die Markiertheit, also wie „normal“ eine Kategorie oder Form ist.

(Prototypische) Pigins sind Kontaktsprachen mit stark reduziertem Vokabular, die (prototypisch) keine Muttersprachler haben, die Kreation Erwachsener sind, zwischen verschiedenen Sprachgruppen entstehen und als Lingua Franca dienen. Sie unterscheiden sich von anderen Kontaktvarietäten (IL, erweiterte Pidgins und Kreole) und sind konventionalisierte Systeme. Es gibt aber Definitionsprobleme, da der Begriff für viele Sprachen steht, die sich teils unterscheiden. Sie entstehen in sozialen Kontexten zwischen mindestens zwei Gruppen, die Kontakt in einem beschränkten Kontext haben (meist Handel oder Massenarbeit, seltener Domestik oder unter Besatzern, als Fremdensprache zwischen Einheimischen und Touristen) und nicht der Notwendigkeit unterliegen, die Sprache der jeweils anderen Gruppe zu lernen.

Pidgins haben viele strukturelle Eigenschaften, die aber nicht auf alle gleichermaßen zutreffen. Hierzu zählen das Fehlen von Flektionsmorphologie, syntaktischer Kategorien, funktionaler Kategorien, Funktionsmorphemen, eine analytische Syntax, wenige Satzmuster, ein beschränktes Lexikon mit semantisch und grammatisch ambigen Einheiten, die hauptsächlich aus einer Sprache stammen und ein reduziertes Phoneminventar (gemeinsame Laute der Sprachen behalten, schwierige werden durch einfache ersetzt).

Pidgins haben Ähnlichkeit mit der IL von SLA, aber auch Unterschiede. Hier werden die Pidgins selber gelernt, während im SLA eine TL gelernt wird, der Input ist unterschiedlich (bei Pidgins meist aus der Fremdensprache) und Reduktion und Simplifizierung gehen in Pidgins von der L1 aus. SLA hat komplexeren TL-Input und Pidgins letztlich eine von der Ursprungssprache unterschiedliche Grammatik. Beide haben aber ähnliche Strategien und Prozesse: Simplifikation, Reduktion, Transfer von Merkmalen der L1 und Bildung von Innovationen. Dies sind bei Pidgins und SLA Vermeidungs- und Kompensationsstrategien.

Erweiterungen der Pidgins stammen aus L1-Einfluss, wie Phonologie (Regeln), weniger in Syntax. Andere kommen aus Innovationen, z.B. Komposita, alte Morpheme mit neuer Bedeutung, Präpositionen mit mehreren Bedeutungen. Diese Prozesse unterliegen universellen kognitiven Prozessen (wie wenig Aufwand, Regularisierung, Einebnung, Isomorphismus) und Beschränkungen (wie Unmarkiertheit). Erweiterte Pidgins sind oft Grundlage für Kreole.

Weiterhin gibt es simplifizierte Sprachen, die komplexer als Pidgins sind, sich mehr auf eine L1 berufen, stetetigen Zugang zur TL haben und Gruppen-SLA ähneln.

Kreol ist der Name für die Varietäten von Sprachen, die in europäischen Kolonien entstanden. Sie sind L1 der Gruppe, Referenzsprachen ethnischer Gruppen, weit ausgebaut, haben eine spezifische Entstehungsgeschichte aber wenig strukturelle Gemeinsamkeiten. Soziale Kriterien sind Demographie, Art des Kontaktes, Interaktions-Codes und Art der Gemeinschaft. Zu letzteren beiden gehören die Fragen, ob es kleine Farmen oder große Plantagen waren, mehr Europäer oder mehr Sklaven, wie die Kolonie kontrolliert wurde, welchen Status die Sklaven hatten, ob es Kontakt zwischen Siedlern und Sklaven gab usw. Mittlere Kreole sind näher an der TL, während radikale konsequent anders sind.

Auch Kreole kennen einige strukturellen Eigenschaften, die aber nicht alle gleichermaßen haben müssen. Phonologie repräsentiert wie bei Pidgins den gemeinsamen Nenner, Konsonantencluster werden reduziert, TAM wird durch präverbale Marker ausgedrückt, Lexikon hat drei Quellen (Substrat, Superstrat, Innovationen – wobei Superstrat aber semantische Änderungen nach Substratvorbild durchläuft), Morphologie hat wenig Flektion, ist unter Substrateinfluss aber sehr wohl komplex; ebenso die Syntax (z.B. Serielle Verbkonstruktionen). Es stellt sich aber immer die Frage, wie Groß der Einfluss der Quellen ist.

Auch radikale Kreole haben Ähnlichkeit mit SLA. Beide haben reduzierte Anfangsstadien und Ausbauprozesse. Während aber bei SLA die TL gelernt wird, ist es bei Kreolen die Kreol selber. Neuankömmlinge bzw. Neugeburten erweitern dann wie bei Pidgins die Grammatik der Kreol und bringen Innovationen ein. Superstrat-Einflüsse werden hierbei meist angepasst.

Superstrat-Elemente werden umstrukturiert, lexikale Merkmale angepasst. Das Substrat bringt sich ein durch L1-Strategien und indem es die grundlegende Syntax liefert.

An Prinzipien gibt es Beschränkungen des Inputs durch externe (Demographie etc.) und interne (Fähigkeit) Faktoren. Relexifizierung/Transfer von Substratelementen, Einebnung und Universalien (Markiertheit, Transparenz etc.).

Alle drei Formen, SLA, Pidgins und Kreole, haben viel gemeinsam, lassen sich aber auch differenzieren. V.a. in frühen Phasen scheinen alle ähnlichen Prozessen unterworfen. In endgültiger Form dagegen lassen sich alle als Kontinuum darstellen, v.a. anhand dem Kriterium, wie nah sie an der TL sind.

TL <————– ————–> L1

SLA Simplif. einheimische mittlere radikale erw. Pidgins

Varietäten Kreole Kreole Pidgins

6. Referenzen

  • Hymes, Dell (1971): Pidginization and Creolization of Languages, Cambridge: Cambridge University Press.

  • Winford, Donald (2005): Introduction to Contact Linguistics. Blackwell.

1 Kinder sind also nicht an dem Prozess beteiliigt.

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