Die Fehler des Sanherib

I.

Sanherib  war wütend – und trauernd. Sein Vater war tot und dieser Emporkömmling Marduk-apla-iddina machte ihm weiter einen Teil seines Reiches streitig. Seine Bindung zum Vater war nie sehr stark gewesen, in den letzten Jahren hatte er ihn nur selten im Winter gesehen, war mehr mit dem Nachrichtendienst sowie dem Bau der Burg des Vaters beschäftigt. Nun würde er ihn nie wiedersehen; nun war er tot, gefallen in den Bergen, sein Körper verschollen. Welch grausame Schande das für ihn war! Da sein Vater nie den Bräuchen nach bestattet werden könnte, würde sein Geist für immer in der Öde der Berge umhergehen und er – Sanherib – war nicht bloß vaterlos, vielmehr hatte er nie einen Vater gehabt, wie es die Überlieferungen verlangten. Dementsprechend müsse er handeln, seinen eigenen Gefühlen widerstrebend – denn trotz ihrer spärlichen Beziehungen ging es trotzdem um seinen Vater. Aber die Überlieferungen und Bräuche waren stärker. Nun hatte er nur noch dafür zu sorgen, dass seine eigenen Söhne stets einen Vater und ein Reich hätten. Dieses Reich aber war bedroht.

Bereits vor wenigen Jahren hatte der Chaldäer Marduk-apla-iddina sich aus den Sümpfen gewagt und es geschafft sich auf den Thron von Babylon zu setzen. Die hängenden Gärten, Kanäle, Abwässer und Felder der Stadt sowie des ganzen Landes Babylon folgten ihm und seinen Verbündeten und lehnten sich so gegen das mächtige Assyrien auf. Was seine Väter erobert hatten, befand sich nun außerhalb seiner Hand, folgte den Aufständischen. Dies zurückzuerobern war sein erstes Ziel. Sofort nach seiner Thronbesteigung hatte Sanherib seinen Vater verleugnen müssen und gab die sich im Bau befindliche neue Hauptstadt auf. In Ninive war es, wo sie sich versammelten um ihn zu verabschieden. Ninive, die alte Reichsstadt, war nun Reichshauptstadt. Dies war seine Zukunft – er war ihre Zukunft. Jetzt galt es zu streiten. Gegen Babylon zog er – Krieg war seine Berufung.

 

II.

Sanherib schrie vor Schmerz. Sein ältester Sohn war vor ihm gestorben und er hatte es nicht verhindern können. Eine neue Art von Schmach suchte ihn heim. Sollte sein Leben nur vom Tod seiner Liebsten geprägt sein? Oder war es eine Form von Gerechtigkeit, die ihm nun widerfuhr? Für all das Leid, welches er anderen Familien und Vätern brachte? Doch nein, das konnte nicht sein – er war der König von Assyrien, ein Diener Assurs und stets hatte er nur dessen Willen vollführt. Warum hatte Assur nicht den Tod seines Sohnes verhindert? Waren die Götter Babyloniens und Elams etwa stärker? – So, wie es auch sein bereits vergessener Vater gedacht hatte? – In seiner Wut und seinem Schmerz sah Sanherib nur noch einen Weg, das Problem Babylon endgültig zu beseitigen: Es zu zerstören.

Jahrzehntelang war Sanherib im Feld, selten nur Daheim gewesen. Sein erster Zug gegen Babylon war erfolgreich gewesen, doch es dauerte nicht lange, bis sein Statthalter sich gegen ihn auflehnte. Nachdem er diesen niedergeschlagen hatte, setzte er seinen ältesten Sohn, seinen Nachfolger, auf den Thron Babylons. Doch während er nun gegen den alten Feind Elam gegangen war, hatte dies in seinem Rücken Babylon angegriffen und seinen Sohn entführt. Heute kam die Nachricht dessen Todes. Sanherib hatte sich bei der Vorlesung gefasst gegeben, wie es die Bräuche verlangen. Doch kaum bot sich die Möglichkeit, zog er sich in seine Räume zurück und ließ Wut und Trauer freien Lauf. Drei Söhne hatte er nun noch, seine Regierung fortzusetzen, das Reich für Assur zu halten. Seinen ältesten aber, seinen am besten ausgebildeten, hatte man ihm genommen. Immer wieder hatten die Babylonier sowie der alte Feind Elam es gewagt, sich gegen Assur aufzulehnen, immer wieder hatte er ihre Armeen geschlagen. Babylon wollte er einst noch milde behandeln, waren es doch die Brüder Assurs. Nun aber waren sie zu weit gegangen. Es würde nicht mehr reichen, bloß einzelne Aufständische zu töten und ihre Leichen aufzuspießen; er musste das Problem ein für alle mal vernichten. In blinder Wut rief er seine Befehlshaber, seine Armeen zusammen. Das Ziel war Babylon und er würde diese alte Wiege der Menschheit zerstören, ausradieren, für immer unbewohnbar machen. Babylon betrachtete sich also als unabhängig? Es suhlte sich in seinem Reichtum, seiner jahrhundertealten Entartung. Sie hatten ihn lange genug geärgert.

Wenige Tage bevor Sanherib, immer wieder badend in seinem Zorn, auf seinen Vernichtungszug gehen wollte, kam sein jüngster Sohn Assarhaddon zu ihm. Dieser war stets ein kränklicher Schwächling gewesen, doch trotzdem war er sein Sohn und sein Liebling und als dieser einer der wenigen, der offen zu ihm sprechen durfte. Assarhaddon, sein auserwählter Nachfolger, der Schlaueste seiner Söhne, versuchte ihn zu überzeugen, sein Vorhaben aufzugeben; die Götter hätten es ihm verkündet. In Babylon lebten ihre Brüder; Assyrien und Babylon waren nahezu ein Volk. Würde er nun gehen sie zu vernichten, würde er seine eignen Brüder töten. Schlimmer aber: er würde die Götter beider Reiche erzürnen. Letztlich warnte er ihn weiter, dass er in Ninive nicht nur Freunde hätte. Bei einer Vernichtung Babylons würde sich zeigen, welche von beiden Gruppen mächtiger wäre. Doch Sanherib in seiner Wut war blind und hörte nicht auf die Warnungen seines Sohnes, wähnte ihn gar fast als Verräter, wagte dieser doch ihm zu widersprechen. Von seinem Plan ließ er nicht ab.

 

III.

Nach der Rückkehr Sanheribs gingen Unruhen durch den Palast von Ninive, der Stadt selber sowie durch das gesamte Land. Viele waren entsetzt, dass er es tatsächlich gewagt hatte. Babylon war zerstört und für immer unbewohnbar geworden; seine Götter und Einwohner waren nach Assyrien verschleppt worden. Fürsten waren zerstritten: die einen standen auf der Seite des Königs, die anderen verdammten seine Tat. Über dem Glanz von Ninive lag ein düsterer Schatten. Schnell geriet Sanherib nach seiner Rückkehr in Streit mit seinen Söhnen, doch entgingen ihm die wahren Vorgänge. Lediglich Assarhaddon hätte seinen Vater jetzt noch retten können, doch die Angst vor dem Zorn der Götter lähmte ihn. Seine Brüder aber wussten zu handeln. Auch sie gehörten zu denen, die diese Tat entsetzt hatte. Selbst sie griffen offen ihren Vater an und scholten ihn. Doch Sanherib, der kaum Genugtuung aus der Zerstörung hatte ziehen können, verzweifelte nun ob diesem Gefühls und war uneinsichtig für alle Vorgänge um ihm herum.

Eines regnerischen Abends dann geschah es. Assarhaddon war von seinem Vater in die Provinz geschickt worden und stellte kein Hindernis mehr dar. Eine kleine Gruppe von Entsetzten um die beiden Brüder wartete in den Gängen eines Tempels auf den König: Im Halbdunkel gerieten Sanherib und seine Söhne in Streit. Nachdem diese schließlich ihre Dolche zogen, wurde die Nacht blutig. – Als Assarhaddon dies vernahm, erstarrte er. Was hatten sie getan? Was hatten sie da verbrochen? Ihren Vater – seinen Vater – ermordet! Und dann? Was würden sie als nächstes tun? Was könnten sie als nächstes tun? Einen von beiden zum König krönen? Sich beide krönen? Und was würden sie mit ihm, Assarhaddon, anfangen? Er wäre auf ewig eine Gefahr für sie, die es zu beseitigen galt. Nein – nun hieß es schnell handeln.

In den folgenden Wochen gelang es Assarhaddon, genug Adel und Armee des Landes von sich zu überzeugen. Er war der neue König, den sein Vater im Sinn gehabt hatte. In einem kurzen Bürgerkrieg schlug er seine Brüder zurück. Es dauerte nicht lange, da hatte er die Übermacht. Doch seine Brüder bekam er nie zu fassen; sie flohen in die nördlichen Berge. Oft dachte er fortan über seinen Vater Sanherib nach. Er wusste, dass dieser seine Kinder geliebt hatte und wie sie ihm diese Liebe aufgrund seiner Verblendung vergolten. Es galt, nicht dieselben Fehler zu begehen. Sofort nach seiner Thronbesteigung ernannte er seinen jüngsten Sohn Assurbanipal zum zukünftigen Herrn von Assyrien, derweil dessen älterer Bruder über Babylon herrschen sollte. Dies würde der größte Fehler werden, doch das wusste er noch nicht. Babylon ließ er wieder erbauen um die Götter zu beschwichtigen, die nun auf ewig seinen Vater heimsuchen mochten. Trotz all dessen Fehler liebte er seinen Vater, wie dieser seine Söhne geliebt hatte. Hätten das seine Brüder doch bloß auch gewusst. Für Jahrhunderte erzählte später nur die Bibel, wie grausam Sanherib gewesen sei. Doch auch er war nur ein Mensch, in seine Rolle geboren und gepresst, Opfer seiner Umstände.

Aus dem Jenseits blickte er wohlwollend auf seine Söhne herab. Dies war es, was sein Leben lebenswert gemacht hatte.

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