Geht es uns wirklich immer besser?

Eine Antwort auf H. M. Enzensbergers Theorie der ständigen Verbesserung von 2001.

Ja, sicher, der Menschheit geht es wohl immer besser. Anästhesien, Selbstentfaltung, erhöhte Lebenserwartung, selbst bessere Bedingungen in Entwicklungsländern.

Schon und gut. Doch wird es ewig weitersteigen? Wie soviele Beispiele gezeigt haben, lässt es sich nicht ewig weiter steigern. Jedes große Imperium ist irgendwann zusammengebrochen um dann sein dunkles Zeitalter zu erleben. So war eins der Argumente von Enzensberger, dass unsere persönlichen Daten besser geschützt werden. Gerade das allein schlägt doch schon um ins Gegenteil: wir werden immer mehr überwacht und ausspioniert.

Immer wenn ein Höhepunkt erreicht wurde, konnte es nur noch abwärts gehen. Dies soll jetzt nicht so marxistisch klingen, wie es vielleicht anmutet. Vermutlich wird der Kapitalismus wirklich alles überleben. Doch muss die Zukunft deshalb für uns besser sein? In einem anderen Essay wies Enzensberger auf den neuen Luxus der freien Zeit hin und den Druck der Moderne, stets schnell und innovativ sein zu müssen. Genau das ist doch bereits keine Verbesserung mehr. Selbstverwirklichung mag da sein, doch bringt es auch Nachteile mit sich. Lasst es uns realistisch betrachten: es gibt und schlechtes. Und in einigen Bereichen war uns schon die Antike überlegen. Fortschritte bringen stets Pro und Contra mit sich.pressionen und Orientierungslosigkeit sind ein weiteres Zeichen der Zeit.

Nein, ich will nun keiner der von Enzensberger angegriffenen Pessimisten sein, doch auch kein strikter Optimist wie er. Lasst es uns realistisch betrachten: es gibt und schlechtes. Und in einigen Bereichen war uns schon die Antike überlegen. Fortschritte bringen stets Pro und Contra mit sich.

Referenzen:

Enzensberger, Hans Magnus: Über die unaufhaltsame Verbesserung der Welt. In: Nomaden im Regal. Frankfurt: Suhrkamp 2003, S. 154ff.

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5 Responses to Geht es uns wirklich immer besser?

  1. willyam sagt:

    Vielleicht ein Gegenzitat, um die Perspektive zu erweitern …

    „Es scheint festzustehen, daß wir uns in unserer heutigen Kultur nicht wohl fühlen, aber es ist sehr schwer, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob und inwieweit die Menschen früherer Zeiten sich glücklicher gefühlt haben und welchen Anteil ihre Kulturbedingungen daran hatten. Wir werden immer die Neigung haben, das Elend objektiv zu erfassen, d.h. uns mit unseren Ansprüchen und Empfänglichkeiten in jene Bedingungen zu versetzen, um dann zu prüfen, welche Anlässe zu Glücks- und Unglücksempfindungen wir in ihnen fänden. Diese Art der Betrachtung, die objektiv erscheint, weil sie von den Variationen der subjektiven Empfindlichkeiten absieht, ist natürlich die subjektivste, die möglich ist, indem sie an die Stelle aller anderen unbekannten seelischen Verfassungen die eigene einsetzt. Das Glück ist aber etwas durchaus Subjektives. Wir mögen noch so sehr vor gewissen Situationen zurückschrecken, der des antiken Galeerensklaven, des Bauern im 30jährigen Krieg, des Opfers der heiligen Inquisition, des Juden, der den Progrom erwartet, es ist uns jedoch unmöglich, uns in diese Personen einzufühlen, die Veränderungen zu erraten, die ursprüngliche Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung, Einstellung der Erwartungen, gröbere und feinere Weisen der Narkotisierung in der Empfänglichkeit für Lust- und Unlustempfindungen herbeigeführt haben. Im Falle äußerster Leidmöglichkeit werden auch bestimmte seelische Schutzvorrichtungen in Tätigkeit versetzt“ (S. Freud, „Das Unbehagen in der Kultur“, in: „Das Unbehagen in der Kultur“ und andere kulturtheoretische Schriften. Frankfurt (Main): Fischer, 10. Auflage 2007, S. 29-108, hier: S. 55).

  2. kaltric sagt:

    Inwiefern ist das ein Gegenzitat?

    Aber das alles subjektiv ist, damit stimm ich überein. Danke für den Hinweis auf Freud.

  3. willyam sagt:

    Du hast Recht: Als ‚Ergänzung‘ wäre es passender ausgewiesen. Ich mag den Abschnitt, weil er – ich weiß, dass das eklektisch ist – ‚postmodern‘, oder besser vielleicht: anti-teleologisch, ist; weil er historischem Wissen die Grenze zur Einbildung ausweist.

    Dass aber die daraus folgende Konsequenz ist, alles sei subjektiv, will ich doch stark anzweifeln.

  4. kaltric sagt:

    Ok, mm, besser ausdrücken..: für wen Ergänzung? Enzensberger oder mich?

    naja, die Welt ist schon subjektiv, oder? Wie kann man wirklich objektiv sein?

  5. willyam sagt:

    Als Ergänzung zur Vermittlung zwischen Deiner und Enzensbergers Position. Oder als radikale Ablehnung sowohl optimistischer als auch pessimistischer Einschätzungen historischer ‚Entwicklungen‘: Es gibt keinen Fortschritt. Zumindest nicht in dem umfassend-vereinfachenden Sinn, dass ‚wir im Westen‘ eine ‚Schwelle‘ überwunden haben, die uns ‚modern‘ macht, während andere noch im Wartezimmer der Geschichte darauf warten, von uns aufgerufen zu werden

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